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landschaftsarchitekten

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Green and blue Stadtlandschaften – werthaltig und nachhaltig Vo n S t e p h a n L e n z e n

ktuelle Wohnfreiräume – Wie sehen die aus? Wodurch zeich-

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litäten, Technik und Prozess. Die Standortqualität wird separat be-

nen sich innovative Ansätze zur Entwicklung und Gestaltung

wertet. – Dieses Zertifizierungstool für nachhaltige Gebäude wird

von Stadtquartieren und ihren Freiräumen aus? Alle prämierten

sich unserer Ansicht nach mittelfristig in Europa als Standard

Wohnungsbauprojekte, insbesondere in dem auf diesem Bereich

durchsetzen. Auch wenn eine nachhaltige Landschaftsarchitektur

ambitionierten Österreich, bestechen durch Schlichtheit und ge-

stark von Prozessen im Freiraum beeinflusst wird und sehr orts-

radezu asketische Zurückhaltung im Wohnaußenbereich.

abhängig ist, sollte ein Kriterienkatalog speziell für den Freiraum entworfen werden.

Um diese Fragen zu beantworten, entschloss ich mich, einer weiteren, mich schon geraume Zeit beschäftigenden Frage nach-

Was kann dies für Aspekte / Dienstleistungen im Bereich der

zugehen: Was bedeutet Nachhaltigkeit in der Landschaftsarchi-

Wohnfreiräume in der Zusammenarbeit mit Wohnungsbaugesell-

tektur?

schaften und Investoren bedeuten?

Alle Welt rühmt sich, redet über und verkrampft sich mit der

Bei der ökologischen Qualität stehen im Vordergrund der Treib-

Thematik «Nachhaltigkeit«. Die geplanten zertifizierten Greenbuil-

hauseffekt, das Mikroklima, der Trinkwasserverbrauch, die Biodi-

dings bei Büro- und Verwaltungsgebäuden sprießen wie Pilze aus

versität, der Primärenergiebedarf, die Ökobilanz und die Flächeninanspruchnahme. Insbesondere vergleichbare und verlässliche

dem Boden. Die deutsche Landschaftsarchitektur sieht ihre Innovationen

Ökobilanzen unserer Materialien, Ausstattungsgegenstände und

aber eher im »Urban Farming« oder »Guerilla Gardening«. Niemand

der Pflanzen fehlen gänzlich. Hier besteht dringender Handlungs-

will so richtig aktiv »zurückfallen« in die ökologischen Berufs-

bedarf der Anbieter.

standsjahre um/nach 1980. Außerdem ist für unsere Auftragge-

Bei der ökonomischen Qualität einer Freianlage steht die Mi-

ber (insbesondere im Wohnungsbau) der Landschaftsarchitekt per

nimierung der freianlagenspezifischen Kosten im Fokus. Bewertet werden die Lebenszykluskosten bzw. Life-Cycle-Costs, kurz LCC,

se grün, also per se nachhaltig. Nachhaltigkeit ist als Prozess mehr als grün, auch mehr als

sowie die Wertstabilität des Objektes. Die Lebenszykluskosten

green. Nachhaltigkeit ist grün und blau, green and blue. »Think Blue«

(LZK) sind für uns noch Neuland; für das Facility Management der

bedeutet, abgesehen als Werbeslogan, einfach mehr als Öko.

Gebäude längst Alltag. Hier gilt es nunmehr, Standards zum Zwecke der Vergleichbarkeit und insbesondere für die Zertifizierung

Fünf Kategorien der Nachhaltigkeit

zu entwickeln. In der Schweiz befindet sich das sog. Tool »Green Cy-

Nachhaltige Landschaftsarchitektur basiert auf fünf Kriterien, for-

cle« im Aufbau. Nichts desto trotz sollte dieser Paradigmenwech-

muliert von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen

sel sofort Anwendung finden, da auch bei den Außenanlagen die

DGNB: Ökologie, Ökonomie, soziokulturelle und funktionale Qua-

Herstellungskosten nur 15 Prozent der gesamten LZK ausmachen. Hier ist der Aspekt der längeren Lebensdauer höherwertiger Materialien und insbesondere die Kontinuität der fachlichen Begleitung des Freiraums durch seinen Planer erwähnenswert bzw. ein© DGNB – Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V., Quelle: DGNB

zufordern. 85 Prozent der Kosten sollten fachlich beeinflusst werden nach einer früh festgelegten Programmatik. Das darf aber auch den Kunden Geld kosten. Dies gilt gleichermaßen für die technische Qualität. Hierzu zählen u.a. die Reinigungs- und Instandhaltungsfreundlichkeit der Freianlagen sowie die Rückbaubarkeit, die Recycling- und Demontagefähigkeit der Objekte, aber auch die Haltbarkeit, Einfachheit oder Schnelligkeit der Herstellung. Innerhalb der Kategorie »Prozessqualität« kommen die Qualität der Planung und die Qualität der Bauausführung zum Tragen. Primäres Ziel ist es, frühzeitig nachhaltige Aspekte in die Planung mit einzubeziehen sowie den Bauprozess auf die bevorstehende Umsetzung möglichst zielgenau zu fixieren – beispielsweise über

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© Sinus Sociovision 2009, Quelle: Sinus Sociovision GmbH

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spezielle Regelungen in der Leistungsbeschreibung und/oder dem Leistungsverzeichnis. Auch der Energieeinsatz, sprich CO2-Verbrauch beim Bau durch Bautechnik und insbesondere durch das GaLaBau-Unternehmen, ist im Prozess zu minimieren und sollte ein gewichtiges Vergabekriterium darstellen. Einen entsprechenden Erlass für nachhaltige Landesinvestitionen hat die Landesregierung in NRW 2010 herausgegeben. Auch das BBR strebt nach Vorliegen eines entsprechenden Forschungsberichtes für ihre Bundesliegenschaften eine Ausbildung ihrer Freianlagen nach einem entspre-

Abb. 2:

chenden Bewertungskriterienkatalog für nachhaltige Freianlagen an.

sondern Dienstleister gefragt. Wenn man der zuvor formulierten Die sozio-kulturelle und funktionale Qualität ist bei der Planung,

Forderung folgt, dann reduziert sich auch die Gefahr, dass Wohn-

Herstellung und Pflege dem Lebenszyklus von Wohnfreiräumen be-

quartiere zu Experimentierfeldern für gestalterische Moden wer-

sonders sorgsam abzuwägen mit dem Ziel, das Wohlbefinden, den

den. Denn gerade hier geht es nicht darum, die »Handschrift« des

Komfort und die Gesundheit des künftigen Nutzers zu sichern. Be-

Architekten (oder Freiraumplaners) sichtbar zu machen oder mit

wertet werden u.a. der akustische sowie visuelle Komfort, die Bar-

»zeitgeistigen« Entwürfen vor den Kollegen zu reüssieren. Planer

rierefreiheit, die Umnutzungsfähigkeit, die Zugänglichkeit und die

sind Dienstleister in einem Prozess, an dem viele mitwirken. Erst

Sicherung der gestalterischen und städtebaulichen Qualität im

gemeinsam entsteht eine gebrauchsfähige Wohnumgebung.

Wettbewerb.

Wir verfügen über wenig empirisch gesichertes Wissen, kommt die Frage nach aktuellen Naturpräferenzen und Nutzerver-

Dialog lernen

halten in Wohnfreiräumen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wel-

Um diese Ziele zu erreichen, ist es aber an der Zeit, intensiver zu

che Standorte mit welcher »Freiraumausstattung« fragen jene

kooperieren. Wir müssen als Berufsstand einige Komponenten un-

Gruppen nach, die zurück in die Stadt ziehen? Was sind die spezi-

serer Planung neu kodieren und alte wieder beleben. In der Kürze

fischen Interessen der »jungen Alten«, die zum Ende ihrer Berufs-

nur einige Aspekte bzw. Thesen/Fragen auf Basis einer Doktorar-

tätigkeit hin ihre Wohnstandorte noch einmal zur Disposition stel-

beit am Lehrstuhl für Architektur der TH Aachen.

len? Selbstverständlich gibt es im Zuge der Nachfrageorientierung

Dass der Wohnungsmarkt sich gravierend verändert hat, ist

umfassende Untersuchungen zu den Wohnwünschen und Nach-

sicher unstrittig. Wenn Bauherren auch an einem entspannten

fragepräferenzen. Aber der hier interessierende Aspekt der Wohn-

Wohnungsmarkt erfolgreich agieren und sich behaupten wollen,

freiräume nimmt dabei nur eine sehr nachgeordnete Rolle ein.

wenn spezifische Nachfragegruppen anvisiert werden, dann ist es

Außerdem sind die heutigen Nutzergruppen anders definiert,

unerlässlich, sich mit Nutzer- und Nachfragerperspektiven diffe-

differenzierter als noch vor Jahren. Wer kennt denn die Ansprü-

renziert auseinanderzusetzen, damit Angebot und Nachfrage bes-

che an den Wohnfreiraum eines Postmateriellen oder eines mo-

ser zueinander passen. Dies hat auch für uns Landschaftsarchi-

dernen Verfassers oder des Rasen-Materialisten. Sie definieren

tekten Konsequenzen.

jeweils jeden Zehnten unserer Gesellschaft.

Wer Nutzer- und Nachfrageorientierung ernst meint, muss

Nachhaltige Wohnfreiraumgestaltung schließt zusammenge-

am Dialog interessiert sein. Dies ist noch längst nicht bei allen

fasst eine attraktive Umgebung ein, ausbalanciert mit dem loka-

Wohnungsunternehmen selbstverständlich und schon gar nicht für

len Klima und minimierter Ressourcenzufuhr (Materialien, Pflan-

die planende und gestaltende Disziplin. Aber: Wenn nicht Durch-

zen, Pestizide, Dünger, Wasser), und integriert alle Qualitäten

schnittsqualitäten entstehen, sondern den spezifischen Bedürf-

(ökonomische, soziale, technische und ökologische) in den Pla-

nissen der Wunschzielgruppe Rechnung getragen werden soll,

nungs-, Bau- und Lebenszyklus ein, um – Green and Blue – Mehr-

dann wird man nicht länger allein die eigene Intuition und allgemeine

wert durch nachhaltige Stadtlandschaften zu erreichen.

Annahmen zur Grundlage des Entwurfs machen können. Bei der Gestaltung von Wohnsiedlungen sind nicht Künstler,

Stephan Lenzen, Landschaftsarchitekt bdla, RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten, Bonn.

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„Green and Blue: Stadtlandschaften – werthaltig und nachhaltig“