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DAS MAGAZIN ZU DEN SCHWEIZER DIGITALTAGEN 1. BIS 3. NOVEMBER 2020

SCHWEIZ 4.0

WIR SIND DRIN.


ERST GRIPS, DANN GADGETS Liebe Leserin, lieber Leser

Foto: Shane Wilkinson

Plötzlich wurde uns klar: Digitalisierung bedeutet Gegenwart, nicht Zukunftsmusik. Digitalisierung bedeutet Logistik, Infrastruktur und vor allem Geisteshaltung, nicht Science-Fiction à la «Matrix». Wir haben im Corona-Jahr gemerkt, dass es auch bei der Digitalisierung auf die einfachen Dinge ankommt. Darauf, dass man als Unternehmen einen Webshop beziehungsweise Online-Lösungen braucht, um es den Kunden – und sich selbst – einfacher zu machen. Darauf, dass wir sogar während einer Pandemie arbeiten können. Einfach im Homeoffice. Wer darauf nicht vorbereitet war, musste dieses Jahr doppelt büssen. Aber die eigentliche Herausforderung kommt erst: wie gehen wir mit der neuen Situation um? Homeoffice wird bleiben. Und damit unsere Lebenswelten verändern. Wie organisieren wir uns also in Zukunft im Job, in der Familie, als Gesellschaft? Dafür braucht es natürlich technische Lösungen. Dafür braucht es aber vor allem Flexibilität. Wir müssen formen, steuern, ständig dazulernen. Und dafür braucht es in erster Linie Grips – und erst dann Gadgets. Ihr Fabian Zürcher, Redaktionsleiter

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Bundeskanzler Walter Thurnherr verantwortet das Kompetenzzent­ rum des Bundes für Fragen der Digitalisie­ rung. Der Schweiz attestiert er eine gute digitale Fitness, mahnt aber dazu, den nötigen Ausbau nicht zu ver­ schlafen.

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Die Stadt der Zukunft

Willkommen daheim

Sonderfall Schweiz Spinnfabriken, Eisen­ bahn, Radiosender – technischen Neuerun­ gen stand die Schweiz schon immer skeptisch gegenüber. Was das in puncto Digitalisierung heisst? Verweigert ­haben sich die Eidge­ nossen dem Fortschritt jedoch nie.

Eingezogen ist es über Nacht. Das Home­ office. Und mit ihm Vorgesetzte, Team und Kunden. Was die neue Situation mit uns macht, warum sie b­ leiben sollte und was es noch braucht.

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Fern vom Büro arbei­ ten ruft die digitale Leistungskontrolle auf den Plan. Doch was ist ethisch vertretbar? Wo liegen die Gren­ zen? Pro und Contra über ein Neuland mit Perspektive.

Gemäss Städteplanerin Fabienne Hoelzel hat die Pandemie positive Auswirkungen auf un­ sere Städte. Spannend bleibt abzuwarten, wie mit den neuen Anfor­ derungen umgegangen wird und was es mit dem Landlust-Hype auf sich hat.

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Allein zu Haus?

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INHALT 4 www.digitaltage.swiss

Rückschritt im Fortschritt? Der Lockdown hat sie wieder ans Tageslicht gebracht: die traditio­ nellen Rollenbilder. Was genau ist da pas­ siert? Flexibles Arbei­ ten, Digitalisierung – und trotzdem stellen wir uns Gleichstel­ lungsfragen.

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Fotos: Gerry Nitsch, Keystone/Christian Beutler, Getty Images, Shutterstock, Valeriano Di Domenico, Gian Marco Castelberg

Der oberste Digitalisierer


So liefs 2020 in der Schule Jasmin Widmer und ihr Partner Thomas unterrichten beide an Primarschulen. Im Gespräch erläutert das Lehrerpaar seine Erfahrungen aus dem Homeschooling und erklärt, inwiefern ­digitales Lernen Sinn macht.

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Wo steht die Schweiz? Alle Highlights Zuhören, mitreden, lernen, erleben und anfassen – das alles gibts während der Digitaltage vom 1. bis 3. November. Physisch und online. An 23 Standorten in der Schweiz.

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Als digitalswitzerlandGründer lobt RingierCEO Marc Walder die Weltklasse-Stellung der Schweiz in digitaler Bildung und Forschung. Kritik übt er indes an den Schulen im Lockdown.

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Hot oder Schrott? Auch Tech-Experten setzen ab und zu aufs falsche Pferd. Wir entlarven die ­ Über- und Tiefflieger.

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Die Vereinigten Daten von Amerika Clinton glaubte ans Kabel-TV, Bush ans Internet. Obama setzte auf Twitter und Trump auf Facebook. Biden nimmts digital mit der Ruhe. Doch die Vergangenheit zeigt: ­Technologie ist ein ­erfolgversprechender Wahlkampfbegleiter.

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Anfassen verboten! Mundschutz, Abstand, Panik vor Keimen. Der konstante Krisenmodus treibt uns in die virtuelle Realität. Gleichzeitig steigt das Verlangen nach «Dräck».

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Impressum

Das Extra zu den Schweizer Digitaltagen 2020 erscheint als Beilage im SonntagsBlick, der Handelszeitung sowie in il caffè und Le Temps. Herausgeber: Ringier AG, Brühlstrasse 5, 4800 Zofingen Verlag: Ringier AG, Dufourstrasse 23, 8008 Zürich Tel.: 044 259 62 62 Fax: 044 259 66 65 E-Mail: brandstudio@ringier.ch Herstellung: Ringier Brand Studio (Leitung Fabian Zürcher) Produktion: Bettina Bono, Alice Massen, Marcel Zulauf Gestaltung: Dominique Signer Bildredaktion: Tobias Gysi, Christof Kalt Director Brand Sales: Thomas Passen Vermarktung: Admeira AG, Zürich Sales Services: Tel.: 058 909 99 62 E-Mail: salesservices@admeira.ch Anzeigenpreise und AGB: www.admeira.ch Druck: Swissprinters Zofingen Bekanntgabe von namhaften Beteiligungen der Ringier AG gemäss Art. 322 Abs. 2 StGB: Admeira AG, Bärtschi Media AG, DeinDeal AG, Energy Broadcast AG, Energy Schweiz Holding AG, Energy Bern AG, Energy Zürich AG, Geschenkidee.ch GmbH, JobCloud AG, MSF Moon and Stars Festivals SA, Ringier Africa AG, Ringier Axel Springer Media AG, Ringier Axel Springer Schweiz AG, Ringier Digital Ventures AG, Ringier Print Holding AG, Ringier Sports AG, Scout24 Schweiz AG, SMD Schweizer Mediendatenbank AG, Ticketcorner Holding AG, Ringier France SA (Frankreich), S.C. Ringier Romania S.R.L. (Rumänien), EJOBS GROUP S.R.L. (Rumänien), REALMEDIA NETWORK SA (Rumänien), Ringier Sportal S.R.L. (Rumänien), Ringier Pacific Limited (Hongkong), Ringier Vietnam Company Limited (Vietnam), Ringier Vietnam Classifieds Company Limited (Vietnam), IM Ringier Co., Ltd. (Myanmar), Pyramid Solutions Company Limited (Myanmar), Ringier South Africa (Pty) Ltd (Südafrika)

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Bundeskanzler Walter Thurnherr ist verantwortlich für die Strategie «Digitale Schweiz». Wie sieht diese aus? Wo hat die Schweiz Nachholbedarf? Und was hat das mit Gott, dem Schneider und einer Hose zu tun? Fabian Zürcher Was ging Ihnen als oberstem Digitalisierer des Landes durch den Kopf, als Sie hörten, dass beim BAG Faxe auf die Waage gelegt werden, um die Covid-19-Fallzahlen zu bestimmen? Gemäss meinen Informationen wurden die positiven Fallzahlen im BAG – im Gegensatz zur Viel­zahl an negativen Befunden – stets gezählt und nicht gewogen. Die Erkenntnis, wonach im Gesundheitsbereich ein «digitaler Nachholbedarf» besteht, ist jedoch deutlich älter als die Covid-Krise. Spätes­tens seit der Diskussion um das elek­ tronische Patientendossier weiss man, wie viele Player in dieser Branche noch mit dem Faxgerät kommunizieren. Und was, als das Parlament auf dem Höhepunkt der Corona-Krise die Frühlings-Session abbrach? Unter­ nehmen und Hochschulen etwa organisierten sich virtuell. Gut, das Streaming einer Vorlesung ist schon noch etwas anderes als die Organisation einer digitalen Session 6 www.digitaltage.swiss

von Nationalrat und Ständerat, mit Differenzberei­nigung, ständig wechselnden Fahnen, Kommis­ sionssitzungen, geheimen Abstimmungen und Einigungs­kon­ferenzen. Aber es sind in der Zwischenzeit mehrere parlamen­ tarische Initiativen eingereicht worden. Parlament und Parlamentsdienste werden sich mit virtuellen Sitzungen auseinandersetzen. Arbeiteten Sie selbst im Homeoffice? Gibt es zu diesem Thema beim Bund eine Regelung? Ja, aber nur am Wochenende. Im Frühling haben wir grosse Teile der Verwaltung von zu Hause aus arbeiten lassen können. Das hat sehr geholfen. Und nein, es gibt zum Glück keine scharfe bundesweite Regelung. Hier sollten vor allem der gesunde Menschen­ verstand und die spezifische Arbeits­ situation den Ausschlag geben. Corona war verantwortlich für einen veritablen Digitalisierungsschub.

Wo ist noch am meisten zu tun? Rechtlich ist die Bundesverwaltung im Wesentlichen organisiert wie noch vor hundert Jahren. Faktisch haben sich jedoch die Anforder­ ungen und damit die Formen der Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung gewaltig verändert. Die wichtigsten Themen, Probleme und Prozesse – Sicherheit, Umwelt, Europapolitik, überhaupt Aussen­ politik, Finanzpolitik etc. – sind heute departementsübergreifend und können nicht mehr ausschliesslich in einem der sieben Silos bearbeitet werden. Die Digitalisierung bietet insbesondere die Möglichkeit, die departementsübergreifenden Prozesse zu gestalten und effizient zu bearbeiten, das Wissen bundesweit besser zu teilen, Fachanwendungen zu vernetzen und die Endkunden, die Bürgerinnen und Bürger, die Unternehmen usw., schneller und umfassender zu bedienen. Da haben wir noch viel Arbeit vor uns. Kurzfristig müssen wir die Entscheidungswege in der Verwaltung verkürzen, damit wir die Vielzahl an Fragen und Problemen der Digitalisierung so rasch und kompetent wie möglich klären können. Von wem lernen Sie? Es gibt an unseren Universitäten, in der Wirtschaft und in Verwaltungen anderer Länder hervorragende Köpfe. Wir pflegen viele Kontakte und ver­suchen zu lernen, wo wir können. Wie beurteilen Sie die digitale Fitness des Landes? Eigentlich gar nicht so schlecht.

Foto: Gerry Nitsch

«WEIL MAN MUSSTE, KONNTE MAN PLÖTZLICH»

Wo hat die Verwaltung die grössten Fortschritte gemacht? Der Digitalisierungsschub hat in erster Linie in den Köpfen stattgefunden. Weil man musste, konnte man plötzlich. Und ab und zu ging es sogar besser als vorher. Technisch wurden in kürzester Zeit die Kapazitäten für den Zugriff auf die Systeme vervielfacht. Zudem wurden neue Internet-Anwendungen zur Verfügung gestellt, deren Einführung sonst Monate gedauert hätte.


Zur Person Als Bundeskanzler ist Walter Thurnherr (56) verantwortlich für das Kompetenzzentrum des Bundes für Fragen der Digitalisierung. Thurnherr wuchs in Wohlen AG auf und studierte theoretische Physik an der ETH Zürich. Vor seiner Wahl zum Bundeskanzler im Dezember 2015 war der CVP-Mann zuerst Diplomat (unter anderem in Moskau) sowie in drei verschiedenen Departementen Generalsekretär: im Aussendepartement (EDA), im Volkswirtschafts­ departement und im Departement Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek). Er lebt zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Sigriswil BE am Thunersee.


Das Kompetenzzentrum des Bundes für Digitalisierung ist ab 1. Januar 2021 bei der Bundeskanzlei angesie­ delt. Was ist Ihre Vision der digitalen Schweiz? Die Digitalisierung ist die Folge einer technologischen Entwicklung, die weltweit stattfindet. Und die Schweiz wird sich entscheiden müssen, wie sie diese Entwicklung nutzen will. Sie wird das auf die ihr eigene Art ausjassen, und das ist auch gut so. Meine persön­liche Vision betrifft eher diesen Prozess als den Endzustand. Denn für meinen Geschmack könnten die dafür notwendigen Debatten etwas nüchterner ausgetragen werden. In den letzten zwei, drei Jahren haben sie zuweilen Züge eines gereizten Glaubensstreits angenommen. Überzeugungen sind schon gut, aber man sollte sie dann auch gut begründen können. Schliesslich gilt auch hier: «The holier the cause, the more devilish the end.» Was sind die grössten Herausfor­ derungen bei der digitalen Trans­ formation? Die Herausforderung besteht darin, die Entscheidungen früh genug zu fällen. Bei vielen Dingen der Digitalisierung kann und soll man sich Zeit nehmen. Bei der Cyber8 www.digitaltage.swiss

Gut vernetzt: Bundeskanzler Walter Thurnherr in seinem Büro im Bundeshaus.

Sicherheit, aber auch bei gewissen Innovationen oder bei der Schaffung von Rahmenbedingungen, die Innovationen zulassen, kann man aber auch zu spät sein, und man bezahlt einen hohen Preis. Hier eine Priorisierung vorzunehmen, die man später nicht bereut, ist eine schwierige Angelegenheit. Hand aufs Herz: Geht Ihnen das alles nicht viel zu langsam? Ja und nein. Natürlich wünsche ich mir da und dort eine schnellere Gangart. Auf der anderen Seite: Sie kennen vielleicht die Geschichte von jenem Schneider, der einen Kunden wochenlang auf die bestellte Hose warten lässt. Der erzürnte Herr weist deshalb den Schneider bibelkundig darauf hin, dass Gott nur sieben Tage zur Erschaffung der ganzen Welt brauchte. Darauf antwortete der Schneider: «Aber, mein Herr, sehen Sie sich doch die Welt an, und sehen Sie da Ihre Hose!» In der Schweiz geht zwar vieles etwas langsamer, aber am Schluss kommt es oft gar nicht so schlecht heraus. Mehr als jeder zweite Einwohner will die Swiss-Covid-App aus Daten­ schutzgründen nicht installieren. Verständlich?

Skurril wird es zumindest dann, wenn sich dieselben Personen auf Plattformen bewegen, von denen man weiss, dass sie alle möglichen Daten absaugen. Nach meiner Einschätzung ist gerade der Datenschutz auf der Swiss-CovidApp sehr gut umgesetzt. Sie betreiben einen erfrischend nerdigen Twitter-Account. Wie kamen Sie dazu? Auf meinem Twitter-Account verbreite ich fast nur Links und Hinweise zu mathematischen oder physikalischen Fragen. Oft finde ich das witziger oder unterhaltsamer als Politik. Und Letztere ist oft schwieriger zu verstehen. Überwiegen bei Social Media die positiven oder die negativen Seiten? Trotz allem die positiven Seiten. Zweifellos: Soziale Medien polari­ sieren die Gesellschaft. Und sie machen abhängig. Auf den Platt­ formen regieren die Launen statt die Überlegungen. Soziale Medien nutzen mit komplexesten Algorithmen unsere Schwächen aus, um unsere Aufmerksamkeit zu behalten, damit ihre Werbeeinnahmen weiter steigen. Und das alles sieht man auch in der Schweiz: Die Zahl jener Nutzer, die mit dem

Foto: Gerry Nitsch

Bei der digitalen Infrastruktur sind wir gut aufgestellt. Wir müssen nur aufpassen, dass wir angesichts des schnellen Wachstums an Daten und Ansprüchen an die Datenübermittlung den notwendigen Ausbau nicht verschlafen. Im Bereich E-Government könnte es natürlich besser sein, aber wir haben dank eines föderalen, bürgernahen analogen Systems auch weniger Handlungsdruck. Prioritär ist derzeit bestimmt die Einführung der E-ID. Im Bereich der Cyber­ security müssen wir aufholen, wie andere Länder auch. Aber alles in allem nutzen sehr viele Schweizerinnen und Schweizer die Möglichkeiten der Digitalisierung. Und die Corona-Krise hat gezeigt, dass dies entscheidend sein kann.


Angriff ausgesetzt – wie kann sich die kleine Schweiz im Cyberspace in Zukunft behaupten? Schweizerische Unternehmen werden täglich und von allen Seiten angegriffen. Sich hier zu behaup­ ten, wird eine permanente Aufgabe bleiben. Ein einfaches Rezept gibt es nicht. Aber die Zusammen­ arbeit mit der Forschung und anderen Staaten dürfte dabei entscheidend sein.

Selbst­bewusstsein des Stubenho­ ckers zweimal täglich die Welt, die Nation und die virtuelle Nachbar­ schaft aburteilen, hat bei uns deutlich zugenommen. Aber soziale Plattformen vermitteln auch viele neue Einsichten. Sie vernetzen Personen, die sich sonst kaum kennenlernen würden. Sie werden erfolgreich zur Kommunikation wichtiger Anliegen und Entwicklun­ gen eingesetzt, und sie sind für viele Menschen – denken Sie an die dritte Welt – ein unerhörter Fortschritt und ein Tor zu Wissen und Weiterbildung. Sollten Facebook und Co. Ihrer Meinung nach zerschlagen werden? Die Dominanz globaler, digitaler Plattformen gibt einem natürlich zu denken. Aufgrund der Netzwerk­ effekte ist es für neue Herausforde­ rer sehr schwierig, gegen die bestehenden Player anzutreten. Eine Regulierung dürfte oder müsste jedoch international erfolgen. Allenfalls wird es auch technische Entwicklungen geben, die die Vormachtstellung der Grossen auf einen Schlag ins Wanken bringt. Trump hat sich beim chinesischen TikTok radikal eingemischt, die Ruag sah sich einem russischen Hacker-

Sind die politischen Prozesse in der Schweiz stabil genug, um gezielter Desinformation aus dem Ausland zu widerstehen – oder sind wir für fremde Mächte einfach nicht interessant genug? Unser politisches System hat den Vorteil, dass es sehr föderal organi­ siert ist. Nationalratswahlen zu beeinflussen, dürfte schwierig sein. Hingegen würde ich es nicht ausschliessen, dass auch hierzu­ lande der Versuch gemacht wird, im Vorfeld einer Abstimmung das Umfeld mit falschen Meldungen zu vergiften. Bekanntlich sind die gefährlichsten Lügen die leicht verzerrten Wahrheiten. Und solcherlei kann man auch in der Schweiz gut in Umlauf bringen. Warum kommt die Schweiz beim Thema E-Voting gefühlt nicht vorwärts? Beim E-Voting muss eine sorgfältige Abwägung stattfinden. Sicherheit ist wichtiger als Tempo. Zurzeit sind wir daran, den Versuchsbetrieb neu zu gestalten. Der Bund setzt bewusst hohe Anforderungen. Bis jetzt fehlt ein System, das diesen Anforderungen genügt. Spaltet oder eint die Digitalisierung die Gesellschaft? Sowohl als auch. Die einen entzweit es, die anderen bringt es zusam­ men. Das ist an sich noch nicht schlimm. Ein Problem entsteht erst dann, wenn Einzelne glauben, sie müssen sich deswegen die Köpfe einschlagen. Das hat aber mehr mit den Werten zu tun, die man ­mitbekommt oder eben nicht.

Georg Lichtenberg sagte einmal: «Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinschaut, so kann kein Apostel herausgucken.» Dasselbe gilt auch für das Internet. Was ist Ihre grösste Hoffnung bezüglich Digitalisierung? Dass man die Chancen nutzt. Dass man nicht nur zuschaut, sondern auch gestaltet. Die Schweiz kann sich in dieser Beziehung meines Erachtens auch internatio­ nal glaubwürdig einbringen. Was Ihre grösste Angst? Es ist schon etwas bedenklich, dass viele – nicht nur junge – Leute sich zurzeit keinen grösseren Schock des Ausgeschlossenseins vorstellen können als den Verlust des eigenen Handys. Was vor ein paar Hundert Jahren die Exkommunikation war, ist heute der versperrte Zugang zum Internet. Da könnte sich der eine oder die andere wieder etwas mehr an den fassbaren Realitäten des Lebens orientieren, ohne dass dabei ein grösserer Schaden entstünde. Was machen Sie nach wie vor lieber analog? Bücher lesen, Freunde sprechen und Cremeschnitten essen. Ihre Lieblings-App? «VoteInfo» – die App der Bundes­ kanzlei mit Informationen zu den Abstimmungen. Und «Swisstopo» vom Bundesamt für Landestopo­ grafie – «MeteoSchweiz» brauche ich auch sehr oft. Reden Sie mit Siri, Alexa oder Google? Nein, das kommt nicht gut. Apple oder Android? Zurzeit Apple. Haben Sie Ueli Maurer beim Installieren der Swiss-Covid-App geholfen? Sie haben BR Maurer nicht durch­ schaut. Er ist ein Fuchs und wusste, wie man die Bekanntheit der Swiss-Covid-App am besten steigern kann. (lacht) www.digitaltage.swiss  9


SPANNUNGSFELD SCHWEIZ Die Schweiz hat neue Technik immer schon gleichzeitig beklagt und begrüsst. Das sollte man in aktuellen Diskussionen nicht vergessen. Thomas Ley

Erster Antennen-Streit: «Arena»-Moderator Patrick Rohr 1999.

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geladenen Stimmung zu tun. «Immer mehr Patienten klagen über gesundheitliche Probleme», empörte sich die Grünen-Nationalrätin und Ärztin Ruth Gonseth. «Die Leute können nicht mehr schlafen, haben Kopfweh und Ohrensausen.» Alles wegen dieser Antennen. Oder war es doch nur Einbildung? Der Neurologie-Professor Heinz Gregor Wieser antwortete ihr philo­ sophisch: «Das Handy ist Infor­ ma­ tionsträger der Informations­ gesellschaft, und Angst bekommen wir, weil wir diese unwahrschein­ lichen Informationen, die auf uns zukommen, verarbeiten müssen.» Er meinte damit: Ihr habt halt Schiss vor der Zukunft – und es machte die Antennen-Skeptiker wütend. «Sie nehmen unsere Seite schlicht nicht ernst!», schimpfte Heini Glauser

Schienenboom: Gotthardbau 1872 bis 1880.

von der Schweizerischen Energie­ stiftung. Womöglich hatte Glauser recht. Das Lächeln der Provider- und Forschungs-Vertreter vis-à-vis lag irgendwo zwischen Arroganz und überspielter Verzweiflung. Womöglich dachten sie alle etwas, das Simonetta Sommaruga, damals noch oberste Konsumentenschützerin, in der Sendung dann so beschrieb: ­«Einen gewissen Widerspruch kann man nicht wegräumen. Viele Leute wollen die Handys – und ebenso viele Leute wollen keine Antennen.» 5G und das neue Kopfweh Heute ist Sommaruga Bundesrätin und Kommunikationsministerin und hat mit einer Bewegung zu tun, die jener von 1999 recht ähnlich ist. Wir sind vier Mobilfunk-Generationen weiter. 5G heisst der neue Standard – und «5G!» wird zum Kampfruf der Technologie-Skeptiker. Ihre Argumente sind dieselben wie damals: Strahlen, Kopfweh, Albträume. Vielen ist der Furor ein Rätsel. Rolf Vogt, Professor für Elektrotechnik und Informationstechnologie an der Berner Fachhochschule, erinnert sich: «Vor etwa zwei Jahren fragte eine Journalistin, ob ich Widerstand gegen 5G erwarte, und ich sagte, dass ich mir das kaum vorstellen könne. So kann man sich täuschen.» Denn der technologisch viel grössere Schritt von

Fotos: AP Photo/Frank Augstein, Keystone/Walter Bieri, Keystone/The Granger Collection

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s war die Zeit von iMac und Plüsch-Furby, von Nokia 3210 und Playstation. Es war die Geburtsstunde des Management by Blackberry, als man noch mit Yahoo googelte, als die Dotcom-Blase noch prall und verheissungsvoll war. Und es war die Zeit der Kopfschmerzen. 1999 wurden Schwindel am Tag und Schlafstörungen in der Nacht zur angeblichen Volkskrankheit. Und obwohl – oder gerade weil – bereits zwei von fünf Schweizern ein Handy in der Tasche hatten, machte man die Handymasten dafür verantwortlich. Oder wie man damals noch sagte: die Natel-Antenne. «Antennen-Streit» lautete das Thema der ersten «Arena»-Sendung von Patrick Rohr. Der zurückhaltende Nachfolger von Zampano Filippo Leutenegger hatte es gleich mit einer


3G auf 4G, so erinnert sich Vogt, habe ein eher kleines Echo hervorgerufen. Von 4G auf 5G werde sich dagegen der Typ der ausgesendeten Signale und auch die Stärke kaum ändern. Und jetzt wird gestritten? Plötzlich ist es der Branche unheimlich. Was, wenn sie das Ganze an die plebiszitäre Wand fährt? Es wäre denkbar. Zwar sei bei uns der Widerstand kaum grösser als in anderen Ländern, stellt der Zürcher GLP-Nationalrat Jörg Mäder fest: «In Grossbri­ tannien wurden immerhin 5G-Masten abgefackelt. Das scheint mir doch auch eine heftige Opposition zu sein.» Aber in der Schweiz könne man nun einmal sofort eine Abstimmungsvorlage lancieren. «Das ist ein grosser ­Unterschied.» Und das hat potenziell drastische Folgen. Avenir Suisse skizzierte diesen Frühling eine Parallelwelt-Schweiz, in der 2002 die Einführung von 3G ver­ boten worden war. Die Folge wäre ein Land gewesen, in dem man in den Zehner­jahren noch Karten ausdruckt, statt Google Maps zu gebrauchen. Ein Land fast ohne Apps, in dem die Menschen noch mit CDGeräten spazieren gehen. In dem die Zeitungsverlage noch mit Papier ihr Geld machen und in dem man noch heute 20 Rappen pro SMS zahlt. Die Schweiz ein «dunkler Fleck im digitalen Europa» würde die Zeitschrift «Economist» in diesem Parallel-Universum schreiben. Ein Land «unter einer schützenden Käse­glocke, an der so manche technologische Neuerung abprallt», warnt Avenir Suisse. Eisenbahn und Spinnereien Die Angst, abgehängt zu werden, war immer schon Trieb­feder des Fortschritts in der Schweiz. 1852, im Jahr der Verabschiedung des ersten Eisenbahngesetzes, waren

wir tatsächlich ein blinder Fleck auf der rasant wachsenden europäischen Bahnkarte. Das Alpenland drohte im Westen über die französische MontCenis-Bahn und im Osten über die österreichische Brennerlinie schlicht umfahren zu werden. Derweil dis­ kutierten die Schweizer darüber, ob das Bahn­fahren für Passagiere zu ­ungesund und für Restaurants und Fuhrhalter der wirtschaftliche Untergang sei. Doch am Ende überzeugte Bundesstaat-Pionier Alfred Escher seine Bundeshaus-Kollegen, die «europäische Einsiedelei» zu vermeiden und den Schienenboom in Fahrt zu bringen. Der Rest ist Eisenbahngeschichte. Und das war nicht einmal der grösste Technologie-Schock der Schweizer Geschichte, wie der Zürcher Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann schreibt. Der habe gut hundert Jahre davor stattgefunden und die Deutschschweiz «regelrecht durchgeschüttelt». Straumann meint die Etablierung der Baumwollspinnfabriken, das Ende der bäuerlichen Webstühle: «Man schätzt, dass ungefähr 100 000 Spinnerinnen und Spinner in den 1790er-Jahren die Arbeit verloren – bei ­einer Gesamtbevölkerung der damaligen Eidgenossenschaft von rund 1,6 Millionen Personen», so Straumann. Spinnmaschinen, die auf einen Schlag 30 Weber ersetzten – so ein Bruch sei heute kaum mehr vorstellbar. In Grossbritannien fand er etwa zur selben Zeit statt. Die «Spinning Jenny», die erste dampf­ betriebene Spinnmaschine, ersetzte 200 Handwerker. Eine unglaubliche Veränderung. Die Folge war letztlich ein nie gekannter Wirtschaftsboom  www.digitaltage.swiss  11


Neo-Ludditen und Corona-Skeptiker Sind die Zeiten brachialer Gewalt gegen Technik wirklich vorbei? Der «Guardian» fragte vor zwei Jahren, ob jetzt die Zeit der Neo-Ludditen gekommen sei. Denn noch bevor man in Grossbritannien 5G-Masten sprengte, zündeten sie in Indien, Kroatien, Ungarn, Polen, Kolumbien, sogar in Frankreich Uber-Taxis an. 2017 wurde auf «La Casemate» in Grenoble, eigentlich nichts weiter als ein Showroom für moderne Arbeitswelten, ein Brandanschlag verübt. Diese «für ihre schädliche Verbreitung digitaler Kultur berüch­ tigte Institution» habe das schon lange verdient gehabt, schrieben die Attentäter und kündigten dra­ matisch an: «Heute brannten wir ‹La Casemate› nieder, morgen wird es etwas anderes sein. Alles, was wir hassen, soll brennen.» Derart gewalttätig zeigt sich die Wut in der Schweiz nicht. Immerhin wurde im Juni 2019 im waadtländi­ schen Denens eine Handy-Antenne abgebrannt, ziemlich sicher durch einen Anschlag. Wer weiss, ob der Bündner Marco Camenisch, der in den 70ern Hochspannungsleitungen sprengte, bald Landsleute inspiriert. Denn was diesen Sommer ebenfalls in die Schweiz schwappte, war der neue Eintopf aus Corona-Skepsis, trumpistischen QAnon-Märchen und 12 www.digitaltage.swiss

Blühender Industrieort: In der Kammgarn-Spinnerei in Bürglen TG werden die Maschinen 1958 mit Händen und Knien bedient.

Fusstritt auf Herbeiwinken: Während eines Streiks in Barcelona lässt ein Taxifahrer seiner Aversion gegen Uber freien Lauf.

5G-Angst. Plötzlich standen sie in Z ­ ürich und plakatierten, dass Microsoftgründer und Software-­ ­ Milliardär Bill Gates mithilfe von 5G-Strahlen Covid über die Welt ­verteile – und ähnlich krude Be­ hauptungen. Interessant an der neuen DigitalPhobie ist, dass sie natürlich online stattfindet. Die britische «Hope Not Hate»-Kampagne führte diesen Früh­ ling eine Umfrage durch, wonach rund acht Prozent der Insulaner überzeugt sind, dass 5G das Corona­ virus verbreite, 19 Prozent halten das zumindest für möglich. 37 Prozent haben in den vier Wochen davor Artikel oder Videos gesehen, in de­ nen entsprechende Verschwörungs­ theorien diskutiert werden. Sie lasen diese in der Regel auf Facebook, in Gruppen mit Zehntausenden von

Followern. «Hope» fand dort Posts wie diesen: «5G ist unheimlicher als die Atombombe, denn es macht die Leute zu Zombies und Sklaven im Dienst der zionistischen Super­ reichen-Klasse.» Da ist dann alles drin. Man könnte es die AntennenAngst 4.0 nennen: in der linearen «Arena»-Welt geboren und ins nichtlineare Reich von Youtube und Face­ book hinübergewachsen, stets abruf­ bar auf dem Smartphone. Nicht in allen Ländern entwickelt sie dieselbe Kraft auf der Strasse. Wäh­ rend sich in Berlin Ende August je nach Schätzung bis zu 20 000 und in Zürich bis zu 2000 Corona-Bill-­Gates5G-Skeptiker versammelten, waren es in Wien oder London nur e­ inige Hundert. GLP-Nationalrat M ­ äder er­ staunt das nicht: «Man darf nie verges­ sen, dass der sogenannte ‹Long Tail›,

Fotos: AFP/Fabrice Coffrini/ Keystone/Photoprss-Archiv/Str/ Reuters/Albert Gea

und Arbeit für Millionen – aber in den ersten Jahrzehnten verelendeten auf einen Schlag ganze Landstriche. Kein Wunder standen die Menschen diesem Fortschritt mit Angst und Wut gegenüber. Die «Maschinen­ stürmer», inspiriert von Ned Ludd, ­einem Weber, der angeblich 1779 in seiner Wut zwei Spinnmaschinen zer­ trümmerte – den es aber in Wahrheit gar nie gab. Doch die ­ ­Ludd-Legende inspirierte die Luddi­ ten 1811 zu einem handgreif­lichen Kreuzzug gegen die Maschinen, den das britische Militär schliesslich mit Waffengewalt niederschlagen musste.


Politischer Catwalk: Auf dem Bundeshaus-Platz in Bern wird am 21. September 2019 gegen 5G-Technologie und deren Einsatz demonstriert.

der Rattenschwanz von kruden Internet-Informationen, ein viel grösseres Echo vorgaukelt, als in Tat und Wahrheit da ist. Verschwörungstheorien ­haben keine Mehrheit.» Bundesrat und Initiativen Das steht in der Schweiz allerdings noch nicht fest. Die Bewegung ist entschlossen, ihre Mehrheitsfähigkeit zu testen. Inzwischen sind gleich fünf Initiativen auf dem Weg, mit ähnlichen Namen und Anliegen. So will die «Initiative für einen gesundheitsverträglichen und stromsparenden Mobilfunk» die Grenzwerte von 1999 in der Verfassung festschreiben. Die «MobilfunkhaftungsIni­tiative» will Provider für Folgen von Strahlung schadenersatzpflichtig machen. Die «Gemeinde-Autonomie für Mobilfunkabdeckung» gibt Ge-

meinden für Antennenstandorte die Verantwortung. Die «FrequenciaInitiative für strahlungsarme Lebensräume» fordert antennenstrahlungslose Wohnungen – wer dort mobil telefoniert, soll Kabel oder WLAN benutzen. Und die «Initiative 5G» postuliert ein Fünf-Jahre-Moratorium für Millimeterwellen. Die Initiativen-Flut ist auch HansUlrich Jakob, einem Langzeit-Streiter gegen Mobilfunkstrahlung, unheimlich. Er kämpfte in den 80er-Jahren gegen den Berner Kurzwellensender Schwarzenburg, mit dem Schweizer Radio International verbreitet wurde. «Ich hätte mir gewünscht, man hätte sich auf eine Initiative einigen können, statt sich mit fünf zu ver­ zetteln», sagt er gegenüber SRF. Er habe versucht, die Kräfte zu bündeln, «aber da bin ich an die Falschen

­ eraten». Er beobachte eine gewisse g «Selbstherrlichkeit» bei den einzelnen Gruppen. Doch die Gegner müssen nicht nur auf ihre Initiativen vertrauen. Bereits vier Kantone – Neuenburg, Genf, Waadt und Jura – haben entweder eigene 5G-Moratorien beschlossen oder per Standesinitiative ein nationales Moratorium gefordert. Und der Bund ist zum Frust der Tele­kom-Branche derzeit eher entscheidungsscheu. Im April beschloss die Regierung, die Grenzwerte nicht zu lockern. Die Drohung der Provider, dass man 26 000 neue Sender aufstellen müsse, wenn man die gegebenen nicht leicht verstärken könne, stiess auf taube Ohren. Stattdessen baut man jetzt auf sogenannte adaptive Antennen, die Signale nicht einfach breit streuen,  www.digitaltage.swiss  13


5G kommt ihnen nicht in die Tüte: Nationale «Stop 5G»-Kundgebung am 10. Mai 2019 in Bern.

sondern gezielt Richtung aktuelle Nutzer fokussieren. Bundesrätin ­Simonetta Sommaruga, einst in den «Arena»-Reihen der HandymastSkeptikern, schwört auf die neue Technologie. Auch die Swisscom schwärmt von der «nachhaltigen ­Digitalisierung». Alle happy, also? Natürlich nicht. Die StrahlenGegner werfen ihr eine versteckte «massive» Grenzwerterhöhung vor. Man werde der Bundes­ rätin wohl einmal im Rahmen eines persönlichen Treffens Ausmass und Auswirkungen erklären müssen, schlagen sie per offenem Brief vor – «anhand von Grafiken und praktischen Beispielen». Eine industriehörige Bundesrätin, der es an Vorsicht mangelt? Kaum, würde der Bündner CVP-Nationalrat Martin Candinas da wohl sagen. Er sieht der Diskussion mit wachsender Unruhe zu. «Fast 90 Prozent aller Baugesuche für Sendemasten, sei es für 4G oder 5G, sind blockiert», stellt er fest, «und das macht mir grosse Sorgen.» Bedauerlich, dass Sommarugas UVEK derzeit wenig Inter-

esse zeige, den Prozess voranzutreiben «und die herrschende Bewilligungsblockade zu lösen». Das Thema ist der Politik in sehr kurzer Zeit entglitten, gibt er zu: «Die Sache hat ein Ausmass angenommen, das wir so früher nicht kannten. Ich erinnere mich noch an den Beschluss der Nationalratskommission für Fernmeldewesen und Verkehr von 2016, bei dem mit 23 zu 2 Stim-

mationstechnologe Rolf Vogt: «Wir sind doch ständig umgeben von elektromagnetischen Wellen. Alle unsere elektronischen Geräte geben sie ab, aber auch moderne Selbstverständlichkeiten wie WLAN.» Gemessen an der Strahlung eines heimischen WLAN-Geräts sei die zusätz­ liche Strahlung durch eine 5G-Antenne wie ein Glas Wasser in eine volle Badewanne. «Sitzen Sie, sagen wir mal, drei Meter von Ihrer WLAN-Quelle entfernt, dann ist das oft 10 000-mal stärker als die Strahlung einer 5G-Antenne von draussen.» Vogt verfolgt die Technik-Debatte schon eine Weile – und er kann sich ihre Wendungen nicht immer er­ klären. «Als das Natel-C-Netz installiert wurde, also 1G, gab es kaum ­Widerstand», erzählt er. «Das kam erst, als man auf 2G wechselte. Das sei gefährlich, hiess es, weil man von konstanten Wellen auf pulsierende wechsle.» Es behielten dann doch nicht alle Leute ihr nicht-pulsie­ rendes Natel-C, die das damals, Ende der 90er-Jahre, ankündigt hatten.

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men sogar eine Lockerung der Grenzwerte vorgeschlagen wurde.» Fast einstimmig – das könne man sich heute gar nicht mehr vorstellen, sagt er fast wehmütig. Was ist da passiert? War man politisch zu blauäugig? Oder eben doch auch wissenschaftlich zu optimistisch? Irrtümer und Strategien Bitte sachlich bleiben, mahnt Infor-

Foto: Keystone/Peter Klaunzer

«EIN WLAN-ROUTER IN DER NÄHE IST 10 000-MAL STÄRKER»


Beim Wechsel auf 3G habe es wieder Opposition gegeben, obwohl da die Sendeleistung des einzelnen Handys sank – nicht stieg. «Das geht ohnehin stets unter in der Diskussion: die ­Belastung durch das eigene Handy beim Telefonieren oder Surfen.» ­Dabei sei diese um den Faktor einer Million höher als durch jeden Mast. Dass sich falsche Vorstellungen und verzerrte Wahrnehmungen so hartnäckig halten, sei für ihn frustrierend, sagt der Wissenschaftler: «Die Provider fahren da aus meiner Sicht eine falsche Strategie, indem sie ständig betonen, sie nähmen die Ängste sehr ernst – und sie dadurch erhalten.» Das sieht Nationalrat Candinas ähnlich: «Möglich, dass man seitens der Provider die Debatte falsch anging», mutmasst er. «Man sprach schon Jahre im Voraus von 5G, wartete aber zu lange mit der Einführung. Bis es in der öffentlichen Diskussion als etwas ganz Schlimmes ANZEIGE

dargestellt wurde. Man verpasste zu informieren – plötzlich war das Thema eine Art Religionsfrage.» Eine ernüchternde Situation, also, ausgerechnet 2020. Wo ist der erwartete Digitalisierungsschub am Ende des Corona-Jahres? Die kurze Antwort ist: Er hat stattgefunden, aber weniger deutlich als erhofft. «Den Corona-Stresstest nur teilweise bestanden» ist das Fazit des Lausanner Management-Instituts IMD in dessen jährlicher Digitalisierungsstudie. Prompt muss die Schweiz im IMD-Ranking einen Platz abgeben und rutscht auf Rang 6. Das ist zwar bei 63 untersuchten Ländern immer noch weit vorn. Und in den Bereichen Wissen, internationale Erfahrung und Fachkraft steht die Schweiz auf dem Podium. Es ­hapert aber bei Gleichstellung, Forschung, Entwicklung und technologischer Innovation. Das IMD bemängelt insbesondere die geringe Zahl Firmengründungen und die tiefe

­ apitalisierung von IT-Firmen. Das K ärgert natürlich die Branche. Avenir Suisse verlangt, dass der Bund, lautstark unterstützt von Wissenschaft und Wirtschaft, jetzt Schluss machen müsse mit den regionalen 5G-Moratorien. «Es gilt der Bundesverfassung wieder Geltung zu verschaffen. Die Federführung bei der Mobilfunk­ infrastruktur liegt klar beim Bund.» Und falls tatsächlich eine der angekündigten Initiativen zustande kommen sollte, was ohnehin «Zukunftsmusik» sei, dann sei sie dem Volk rasch zu unterbreiten. Augen zu und durch, also. Eine riskante Strategie. Denn ein rasch eingeholtes Nein bleibt ein Nein. Mit den Schweizern kann man reden. Das zeigt der Blick in die Vergangenheit. Ob Spinnfabriken oder Eisenbahn, Radiosender oder NatelAntennen: Am Ende verwehren sie sich dem technischen Fortschritt nicht – wenn sie sich ernst genommen fühlen.


WWWER HATS ERFUNDEN? Pascals Vater: Niklaus Wirth prägt die Schweizer Informatik wie kein anderer. Er bringt die Maus in die Schweiz, baut die ersten PCs und wird mit der Programmiersprache Pascal weltberühmt.

Im Herzen ein Schweizer: Nachdem Konkurrent Apple ein eigenes Betriebssystem für seine Geräte auf den Markt gebracht hat, will Google nachziehen und nutzt dazu das Know-how der Winterthurer Noser Group. Nun steckt in jedem Android-Handy und -Tablet ein Stück Schweiz.

Dufours Erbe: Der General legt den Grundstein für die helvetische Kartentechnologie. Die Luzerner Firma Endoxon liefert über 170 Jahre später die Mapping-Technologie – für Google Maps.

Software-Pionier: Rund zehn Jahre vor Microsoft bringt Hannes Keller sein erstes Korrekturprogramm auf den Markt. Witchpen lief auf MS-DOS, und der damalige Computerhersteller Vobis rüstete drei Millionen PCs damit aus. Der Winterthurer gilt ausserdem als talentierter Konzertpianist.

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Ordnung im Chaos: Eigentlich will Tim Berners-Lee nur das vorherrschende Informationschaos aufräumen und schaltetet dazu vor über 30 Jahren die erste Website der Welt im Genfer Kern­ forschungszentrum Cern frei. Das World Wide Web – ein über das Internet abrufbares System von Hypertext-Dokumenten, sogenannten Webseiten – war geboren.

Der Pixel-Macher: Mit seinen Experimenten zu Flüssigkristallen legt Martin Schadt Anfang der 1970er-Jahre den Grundstein für die Produktion von dünnen Displays. Das Patent dazu meldet der F.-Hoffmann-La-Roche-Angestellte 1970 an.

Fotos: Keystone/Gaetan Bally, René Ruis, Martin Ruetschi; AP Photo/Patrick Sison, Daniel Kellenberger, ZVG

Kommerzielle Maus: Logitech am Genfersee erhält die Idee zum Maus-Bau von ­Informatiker Niklaus Wirth (Bild rechts). Die erste populäre Drei-Tasten-Kugelmaus trägt den Namen «LogiMouse C7».


S a m s u n g G a l a x y Z Fo l d 2 5G


Foto: Getty Images

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ARBEITEST DU NOCH ODER LEBST DU SCHON? Der Digital Workplace bleibt der Megatrend im CoronaDilemma. Dabei ist die Technologie dahinter die geringste Herausforderung. Arbeiten von zu Hause fordert Selbst­bestimmung, Flexibilität und neue Regeln. Homeoffice – Bestandesaufnahme und Ausblick.

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Oft hat das Homeoffice sich in den eigenen vier Wänden breiter gemacht, als uns lieb ist. Wieder vor die Tür setzen sollten wir es trotzdem nicht. Claudia Riedel

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Diese negativen Empfindungen sind zum Teil den besonderen Umständen geschuldet. Die CoronaPandemie liess uns keine Zeit, uns einzurichten. Viel eher war es eine Flucht nach Hause. Dort trafen wir auf zu kleine Bildschirme, zu laute Familienmitglieder, fehlende VPNVerbindungen und undefinierte Arbeitsabläufe. Zudem setzte uns die wirtschaftliche und gesellschaftliche Unsicherheit zu. Das zeigen auch die Studienergebnisse: Just in dem Moment, als das Bundesamt für Gesundheit die Lockerungen der Corona-Massnahmen bekannt gab, begannen die Leute trotz Homeoffice wieder besser zu schlafen. «Dieser Zusammenhang war sehr eindrücklich sichtbar», sagt Kleinmann. Und trotz aller Widrigkeiten konnten

die Befragten dem Arbeiten von zu Hause aus auch Positives abgewinnen. Das Familienleben sei durch die Arbeit weniger belastet gewesen. Der Zeitgewinn durch das Wegfallen des Arbeitswegs war für viele ein ­Segen. Ebenso dass Sitzungen kürzer ausfallen. Generell wurde die Entschleunigung geschätzt. Für Kleinmann ist deshalb klar: «Das Homeoffice hat viel mehr zu bieten, als wir jetzt erleben.» Wir müssen nur erst lernen, damit umzugehen. Doch wer regelmässig zu Hause arbeitet, muss entsprechend eingerichtet sein. Aus gesundheitlicher Sicht ist es wichtig, zwischen Arbeitsund Privatbereich zu unterscheiden. Eine räumliche Trennung erleichtert das Abschalten. «Übergänge zwischen Aktivität und Erholung sind

Foto: Shutterstock

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n der Videokonferenz schauen uns die Kollegen ins Wohnzimmer. Auch solche, die wir niemals freiwillig zu uns nach Hause eingeladen hätten. Am Telefon nehmen wir den Chef gar mit ins Schlafzimmer, weil das gerade der einzige Raum ohne Kindergeschrei ist. Im Lockdown haben sich die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem vermischt. Dabei ist die romantische Vorstellung vom Homeoffice verpufft. Statt länger zu schlafen und weniger zu arbeiten, haben wir länger ge­­ar­beitet und weniger geschlafen. Martin Kleinmann ist Professor für Arbeits- und Organisations­ psychologie an der Universität Zürich. Während zehn Wochen hat er im Lockdown mit seinem Team wöchentlich über 1000 Menschen zu ihrer Situation im Homeoffice befragt. Ergebnis: Die Leute gaben an, sie hätten während dieser Zeit mehr gearbeitet als sonst, seien dabei jedoch weniger produktiv gewesen. «Das ist natürlich sehr frustrierend», so Kleinmann. Auch gesundheitlich ging es den Befragten im Homeoffice schlechter. Sie fühlten sich antriebslos und klagten über «signifikant mehr» körperliche Beschwerden wie beispielsweise Rückenleiden. Zudem fühlten sie sich einsam, schliefen schlechter und gaben an, dass Konflikte zugenommen hätten.


zu erlauben», sagt ZHAW-Dozent Blum. «Jetzt gilt es auf beiden Seiten Bedürfnisse und Erwartungen offenzulegen.» Wann muss ich erreichbar sein? Wie oft muss ich mich bei Kunden oder dem Chef melden? Muss ich mich abmelden für einen Einkauf? Auf lange Frist kann Fernarbeit nur dann gut funktionieren, wenn die Voraussetzungen klar definiert sind. «Ansonsten habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich etwas Privates mache», ergänzt Kleinmann. «Das führt unweigerlich zu Stress und Unzufriedenheit.» Dass wir entwicklungsfähig sind, zeigt die Geschichte. Von der Agrargesellschaft wurden wir zur Industriegesellschaft und sind heute eine Dienstleistungsgesellschaft. Aus arbeitspsychologischer Sicht hat man immer gemeint, so wie es heute ist,

enorm wichtig», sagt Urs Blum, Co-Leiter des Zentrums für Human Resources, Development und Sportpsychologie und Dozent für Arbeitsund Organisationspsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). «Wer am Küchentisch arbeitet, sollte am Abend alles wegräumen, um sich so wieder einen Lebensbereich zu schaffen.» Im Idealfall sitzt man zu Hause an einem fix eingerichteten ergonomischen Arbeitsplatz. Die Infrastruktur in den Unternehmen wird sich mit Homeoffice zwangsläufig verändern. Büro­ strukturen wie Desksharing oder Nomadenbüros sind längst keine ­ ­Seltenheit mehr. Mit dem Home­ office werden Büroflächen auf Dauer weiter reduziert. Uni-Profes-

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sor Kleinmann: «Es ist illusorisch zu denken, man könne regelmässig daheim arbeiten und gleichzeitig seinen individuellen Büroplatz behalten.» Die Firmen würden nun überlegen müssen, was die neue Situation für ihre Liegenschaften bedeute. Damit unser Privatleben auch im Homeoffice stattfinden kann, müssen wir uns Gedanken über unsere Bedürfnisse machen. Technische Hilfsmittel können uns unterstützen, den Privatbereich abzuschirmen. Etwa Programme, die bei Videokonferenzen den Hintergrund verschwommen darstellen und so vor unliebsamen Blicken der Kollegen schützen. Noch wichtiger sind aber klare Rahmenbedingungen. «Es genügt eben nicht, das Homeoffice im Personalreglement einfach mal

bleibt es. «Anfangs Industrialisierung war es noch nicht vorstellbar, dass die Arbeiter mitbestimmen», sagt ZHAW-Dozent Blum. «Am Fliessband war es noch unerheblich, welcher Mensch da sitzt.» Dann hat sich das Arbeitnehmerbild verändert. Man hat angefangen, seine Mitar­ beiter miteinzubeziehen und ihr Arbeitsumfeld zu optimieren. Dabei hat man schnell gemerkt, wie wichtig diese Partizipation für den Erfolg ist. Blum: «Die Effekte sind eindeutig. Mehr Handlungsspielraum führt meist zu mehr Engagement.» Dass wir inzwischen in Richtung Selbstführung gehen, sei die logische Konsequenz. Dennoch gibt es Firmen, die ihre Mitarbeiter sogar im Homeoffice überwachen. Indem sie beispielsweise kontrollieren, wann 

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«DIE LEUTE HABEN MEHR GEARBEITET, WAREN ABER WENIGER PRODUKTIV» die Leute sich einloggen oder wie lange sie telefonieren. Für die Experten ist dies keine gute Lösung. ZHAW-Dozent Blum: «Wenn Arbeit auf Präsenz ausgelegt ist, dann gibt es immer Enttäuschungen.» Viel sinnvoller seien dagegen Zielvereinbarungen für eine gewisse Zeitspanne. Davon profitierten letztlich beide Seiten. Welche Wirkung das Homeoffice auf den Einzelnen hat, hängt allerdings von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Dabei gilt es zwei Typen zu unterscheiden: den Segmentierenden, der Beruf und Privates gerne trennt, und den Integrierenden, der kaum zwischen Arbeit und Privat­ leben unterscheidet. Integrierende Persönlichkeiten dürften kaum Probleme mit der neuen Arbeitssituation haben. Sie müssen lediglich ­darauf achten, dass sich der Job nicht 22 www.digitaltage.swiss

zu sehr ausdehnt. Stark segmentierende Leute dürften es dagegen schwieriger haben. Denn dieses Arbeitsmodell entspricht im ersten Moment so gar nicht ihren Bedürfnissen. Doch auch für sie kann es funktionieren. Dazu müssen sie Strategien entwickeln, wie sie auch zu Hause zwischen Privat- und Arbeitswelt trennen. Das können Rituale sein wie ein Kleiderwechsel, das Durchlüften der Wohnräume oder eine heisse Dusche. Solche Taktiken sind immer etwas sehr Persönliches. Jeder muss für sich selbst herausfinden, wie es am besten passt. Wirklich schwierig dürfte das Homeoffice aber für all jene werden, die an Prokrastination leiden – auch bekannt als «Aufschieberitis». Uni-Professor Kleinmann: «Diese Leute brauchen soziale Kontrolle und reagieren erst durch äussere Reize.» Also beispielsweise, wenn der Chef vorbeikommt. In der Selbstführung stossen sie schnell an ihre Grenzen. «Hier sind Konflikte vorprogrammiert.» Die grosse Herausforderung im Homeoffice wird die Beziehungspflege sein. Die morgendliche Begrüssung, der kurze Schwatz am Kaffeeautomaten oder der blöde Spruch im Vorbeigehen: All das fällt

weg. «Diese kurzen Interaktionen, die man im Alltag braucht, sind ­virtuell viel schwieriger», sagt Kleinmann. «Ich rufe nicht mal eben beim Kollegen an, um nachzufragen, wie sein Wochenende war.» Zudem sei man am Telefon viel gehemmter, über Privates zu sprechen. Blum ergänzt: «Man will ja auch die wertvolle Zeit der Kollegen nicht verschwenden.» Selbst wenn man sich bewusst Zeit für soziale Kontakte nehme, sei es nicht dasselbe. «Virtuelle Team­ kafis sind nett, kommen aber nicht an das persönliche Gespräch heran.» Auch Konflikte liessen sich viel besser im persönlich Gespräch lösen, so Kleinmann. «Weil man vor Ort alle Signale mitbekommt – auch die nonverbalen.» Der Arbeitspsychologe schlägt darum vor, dass man sich als Team auch weiterhin trifft – am besten mindestens wöchentlich. «Für die Arbeitswelt ist Corona ein riesiges Experiment», so Kleinmann. «Das hätten wir nicht frei­ willig gemacht.» Letztlich sei man aber überrascht gewesen, wie gut es funktioniert habe. Darum sind sich die Experten einig: Die Corona-Krise hat die Digitalisierung und damit das Modell Homeoffice weiter beschleunigt. Der Anfang ist gemacht.

Foto: Twitter

Oben Office, unten Home: US-Wissenschaftlerin Gretchen Goldman ver­öffentlichte diese Fotos von ihrem CNN-Interview auf Twitter.


BIG BROTHER ZU HAUSE? Bei der Fernüberwachung von Angestellten betreten wir Neuland. Unbestritten ist, dass die ­digitale Leistungskontrolle dabei zivile Freiheiten beschneidet. Sie bietet aber auch Perspektiven.

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er Appell der öffentlichen Schule in Washington D.C. erfolgt digital: Um Präsenz beim Online-Unterricht zu markieren, muss sich ein Sechstklässler einmal pro Tag in die Online-Lernplattform einloggen – Chaos im Kinderzimmer hin oder her. Tut er das nicht, gibts eine unentschuldigte Absenz – selbst in Covid-Zeiten, da die Schule in der US-Hauptstadt nach wie vor virtuell besucht wird. Immerhin, die Schüler des District of Columbia Public School System (DCPS) brauchen das nur einmal täglich zu tun. Rein theo­ retisch könnten sie sich am Morgen husch einloggen, um sich danach in einem Skate-Park auszutoben – diese sind nämlich wieder geöffnet. Auch an Schweizer Schulen wurde während der Zeit des Fernunterrichts die Präsenz der Schüler kontrolliert – aber nicht systematisch, wie Digitalexperte Philippe Wampfler im Elternmagazin «Fritz & Fränzi» betont. Datenschutz sei wichtig: «Digital kann ich alles kontrollieren, was die Schülerinnen und Schüler am Computer machen. Es muss Freiräume geben für die Jugendlichen. Die digitale Technologie als Kontrollinstrument zu nutzen, sehe ich als ein Risiko.»

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Für zu Hause tätige Erwachsene sieht weltweit w ­ eniger locker aus. Zwar setzen D ­ esignerkleider und -schuhe noch immer Staub an, während sich Shorts, Trainerhosen und Leggings weiterhin grosser Beliebtheit erfreuen. Auch andere Annehmlichkeiten wie der Wegfall des Arbeitswegs und übermässiger Körperhy­ giene zugunsten eines Snacks aus dem Kühlschrank oder eines Spaziergangs im Freien stehen noch immer all jenen offen, deren Organisationstalent sie Homeoffice, Haushalt und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen lässt. Doch die vermeintlich grosse Freiheit der Homeoffice-Angestellten täuscht: Die Anzeichen häufen sich, dass immer mehr Arbeitgeber und Unternehmen auf digitale Kontrollen der Heimarbeiter setzen. Denn gemäss einer Untersuchung des Ökonomen Nicholas Bloom der Stanford University leisteten diesen Sommer 42 Prozent der US-Angestellten Fernarbeit. Das wird sich auf absehbare Zeit nicht wesentlich ändern: Der GoogleMutterkonzern Alphabet etwa hat seinen 200 000 Angestellten Heimarbeit bis Juli 2021 verordnet. Facebook hat für die Hälfte seiner Beleg-

schaft Homeoffice fürs nächste Jahrzehnt angekündigt. Und der Marktforscher Gartner behauptet, 74 Prozent aller US-Unternehmen planen an einer hybriden Arbeitsplatzgestaltung – teils zu Hause, teils im Geschäft. Digitales Teleworking birgt erhebliches Sparpotenzial bei Büromiete und -infrastruktur, beschert Unternehmen aber auch das Risiko von Produktivitätsver­ lusten ihrer Angestellten im Home­ office. Die Konsequenz: Manager und Vorgesetzte fordern den digitalen Blick über die Schulter. Dieser erschöpft sich nicht nur in der Mitarbeiterkontrolle durch die zunehmende Einbindung in Online-Meetings via Zoom, Teams und andere Software. Quantität und Qualität der Arbeit werden zusehends auch durch den Einsatz von digitalen Spionage-Programmen überwacht. Hubstaff, InterGuard oder Time Doctor, um nur einige aus einer Liste von über 70 Produkten zu nennen, registrieren Tastatur-­Tipper, 

Foto: Shutterstock

Marc Neumann


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Google ist auch Inhaber der FitBitArmbändchen, die Bio- und Gesundheitsdaten sammeln. Das könnte einem Monopol von Google in Versicherungswesen und Werbung im Health-Sektor Vorschub leisten (die EU hat unlängst eine Untersuchung lanciert). Gerade im Gesundheitsbereich wird klar, dass sich technologische Entwicklung und Machbarkeit schneller entwickeln, als Regulierer und Gesetzgeber mithalten können.

Rechtlich haben Teleworker derzeit gegen die Überwachung ihrer Daten noch keinen Stich, zumindest in den USA. Heute hat der Arbeitgeber jederzeit das Recht, auf das unternehmenseigene Arbeitsgerät zuzugreifen. «Wenn Sie auf dem geschäftlichen Computer arbeiten, haben sie keinerlei Privatsphäre», kommentiert Lewis Maltby, Präsident des National Workrights Institute, auf dem kritischen Medium Alternet die Sache l­apidar. Sobald Unternehmen

DIE ARBEIT WIRD ZUSEHENDS MIT SOFTWARE ÜBERWACHT.

Foto: Shutterstock

Maus- oder Touchpad-Be­wegungen, machen periodische Screenshots, schiessen über die eingebaute Kamera Fotos von Remote-Workern oder erstellen ein Logbuch aller aufgerufenen Programme. Programme wie InterGuard klassifizieren die ­Aktivitätsdaten und erstellen automatisch einen Produktivitäts-Score von Angestellten, der von Vorgesetzten jederzeit eingesehen werden kann. Hersteller dieser Produkte nennen Prozessoptimierung, Produktivitätssteigerung oder Schutz und Sicherheit von Angestellten als Ziel und Zweck. Es braucht indes nicht allzu viel Fantasie, um nachzuvollziehen, dass sich viele Angestellte im Homeoffice von derlei Software überwacht und in ihrer Privatsphäre gestört fühlen. Den mahnenden Blick der Chefin in Richtung Cafeteria, das regelmässige PerformanceGespräch im Büro des Managers, das Führen von Task- und Projekt­ management-Logs im Unternehmen nimmt man hin. Aber wenn Big Brother im Homeoffice anklopft, ist das eine andere Sache – ganz zu schweigen von dem generell heiklen Thema der Sammlung persönlicher Daten. Hier ist die Problematik verwandt mit derjenigen von Covid-Apps: ­Irgendwo in der Grauzone zwischen anonymisiertem Contact Tracing und individualisierbarem Contact Tracking liegt eine noch zu definierende Grenze des Machbaren bei der Verwendung von Daten. Das zeigt etwa das Beispiel von Alphabets Eintritt ins Gesundheitswesen. So hat Verily, Alphabets Life-SciencesAbteilung, unlängst eine Versicherung namens Coefficient gestartet. Als grösster Sammler von Nutzer­ daten hat Google bereits potenziell enorme Einsicht in das gesundheitliche Verhalten von Versicherten.


Tschüss Privat­sphäre: Der digitale Blick ins Home­office nimmt zu.

den Schutz von physischem oder geistigem Firmeneigentum, die Optimierung von Geschäftsabläufen und -in­teressen oder die Gesundheit von Angestellten geltend machen, steigt auch die Legitimität dieser Eingriffe. Die ­digitalen Türen in die guten Stuben stehen damit in den USA offen. In der Schweiz sieht die Situation etwas anders aus. Im Artikel 26 der Verordnung zum Arbeitsgesetz steht, dass «Überwachungs- und Kontrollsysteme, die das Verhalten der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz überwachen», untersagt sind. Ausnahmen sind indes möglich – und in mancher Situation sinnvoll. Wer im Kühlraum einer Grossmetzgerei ohnmächtig wird, ist froh, ein digita-

les Überwachungssystem im Rücken zu haben. Und Investoren begrüssen IT-Sicherheitssysteme, wenn sie Dienstleistungen von FinTech-Unternehmen in Anspruch nehmen. Im Einsatz sind allerdings auch «Zeitmanagement»-Systeme, die im Homeoffice das Zeug zur Mitarbeiterüberwachung an der Grenze zur Verletzung der Privatsphäre haben. So setzt der Pharmamulti Novartis sogenannte «Arbeitsplatz-Ana­ lytics»-Software ein. «Damit können wir messen, ob Mitarbeiter telefonieren, E-Mails schreiben, in digitalen Meetings sind», sagt Novartis-Personalchef Steven Baert im Interview ­gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Es werde aber nicht die individuelle

Arbeitsleistung gemessen, zudem könnten die Angestellten die Datenerhebung auch ablehnen. Auch Programme wie Hubstaff werden in der Schweiz verkauft. Für 10 US-Dollar pro Monat pro Mitarbeiter sind bereits «unlimitierte ­Screen­shots», Tracking von Apps, URLs und Computerpräsenz zu haben. Deren klammheimliche und ­illegale Anwendung hinter dem Rücken ahnungsloser Homeoffice-Worker ist vermutlich weniger ein Problem. Oftmals fragt der Arbeitgeber vielmehr direkt um das Einverständnis, diese Programme zur Prozess­ optimierung, Effizienzsteigerung und zum schlankeren Projektmanagement einzusetzen. Und derweil niemand gezwungen werden darf, in die Überwachung der Privatsphäre einzuwilligen, gibt es doch Situationen, in denen das als Chance angesehen werden kann. Diesen Tenor stimmen Forscher von der Universität St. Gallen an. Datensammlung und Daten selbst sind schliesslich per se weder rein positiv noch negativ. Erst ihre Verwendung – oder Missbrauch – gibt den Ausschlag dafür, ob sie als Machenschaften von Big Brother oder als gemeinsames Projekt, Lernchance oder Hilfestellung wahrgenommen werden, wie Antoinette Weibel, Professorin für Personalmanagement und Leiterin einer Forschungsplattform, der «NZZ» zu Protokoll gab. Wenn Angestellte über die Art der erhobenen Daten sowie den Sinn und Zweck von Zeit- und Personalmanagementmassnahmen Bescheid wissen, können sie nicht nur einen digitalen Beitrag zu Produktivität und Effizienz leisten. Sie schöpfen auch die Währung von Vertrauen in Vorgesetzte und Unternehmen. Und kreieren damit anstatt Stress und Misstrauen Mehrwert – selbst aus dem Homeoffice. www.digitaltage.swiss  27


«DIE PANDEMIE VERÄNDERT STÄDTE POSITIV» Das Homeoffice macht unser Heim zur sicheren Zone und den Arbeitsweg überflüssig. Raumplanerin Fabienne Hoelzel über die Zukunft unserer Städte und die Bedeutung der Schutzmaske im urbanen Raum. Peter Hossli

Was macht einen Stadtmenschen aus? Er schätzt es, ständig mit Anderem und Neuem konfrontiert zu sein – um sich deshalb mit sich selber auseinandersetzen zu müssen. Sie mögen die Stadt, weil es dort zu Reibereien kommt? Reibung ja, aber fortwährender Konflikt wäre zu stressig. In der

Stadt begegnen wir immer wieder anderen Lebensentwürfen. Man sieht viel, hört viel, saugt auf, tauscht sich aus. Diese enorme Dichte macht die Stadt aus. Dichte gilt zurzeit als gefährlich. Begegnungen machen krank, können tödlich sein. Zerfällt die Stadt? Im Gegenteil. Wir haben die Chance, die Stadt zu stärken. Wir konnten während der Pandemie nicht reisen, kaum ins Büro, weder Kinos noch Konzerte besuchen. Stattdessen blieben wir zu Hause, vernetzten uns digital. Dadurch haben wir die eigenen Quartiere neu kennen und nutzen gelernt. Corona führt zu wohnlicheren Städten, weil wir merken, wie sehr wir auf die Stadt angewiesen sind. Was ist eine «wohnlichere» Stadt? Wenn man sich zu Hause wohlfühlt. Wenn man Räume hat, die man selber beleben kann – und wenn Freiräume entstehen.

Interview at Home: Fabienne Hoelzel empfängt Journalist Peter Hossli am Küchentisch. 28 www.digitaltage.swiss

Sie leben in Zürich und Stuttgart, wohnten und arbeiteten in Lagos in

Nigeria und São Paolo in Brasilien – in echten Grossstädten. Trauen Sie sich seit Ausbruch der Pandemie noch in solche Metropolen? Auf jeden Fall. Aber Reisebeschränkungen verhindern es. Lagos ist zu. Wenn ich kann, besuche ich grosse Städte. Unlängst war ich in München. Dort gilt neuerdings selbst im Freien die Maskenpflicht. Was ich begrüsse. Tragen wir Masken, sind Dichte und Begegnungen wieder möglich. Die Schutzmaske rettet die Stadt. Noch ist die Rettung nicht da. Städte sind besonders betroffen. New York beherbergt drei Prozent der US-Bevölkerung, verzeichnet aber 19 Prozent der amerikanischen Covid-19-Todesfälle. In Paris, London oder Mumbai sieht es ähnlich aus. Anfänglich dachte ich: Jetzt verliert die Grossstadt an Strahlkraft.

Fotos: Gerry Nitsch

Frau Hoelzel, wo sind Sie zu Hause? Eindeutig in der Stadt.


Zur Person

Es gab viele Ressentiments gegen die Stadt, das Urbane wurde zum Feindbild. Aber soziale Interaktion und der Austausch von Wissen jeglicher Art ist das, was uns Menschen letztlich ausmacht. Das geschieht im urbanen Raum. Die Stadt als Essenz der Gesellschaft. Zur Stadt gehören Gedränge, Lichter, Kinos, Restaurants, Läden. Während des Lockdowns ist fast alles ins Internet verschwunden. Letzten Endes spielt es keine Rolle, ob man in der Stadt oder auf dem Land online geht. Die Verschiebung ist nicht 100-prozentig. Prozesse überlagern sich. Und aus Überlagerungen entsteht etwas Spannendes. Auf einem Gebiet aber hat Covid einen bereits serbelnden Bereich weiter reduziert: Dem Detailhandel hat die Pandemie zugesetzt.

Fabienne Hoelzel (44) hat an der ETH Zürich sowie in New York Architektur studiert. Heute lehrt sie als Professorin für Entwerfen und Städtebau an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Die Aargauerin ist Gründerin und Direktorin des Designund Planungsbüros Fabulous Urban, das von Zürich aus städteplanerische Projekte in São Paulo (Brasilien) und Lagos (Nigeria) betreut.

Die Gewinner von Covid sind Onlinehändler, kleine Läden darben. Ist eine Stadt ohne Gewerbe noch eine Stadt? Ihre Frage ist schwarz und weiss. Selbst ohne Handel bleibt die Stadt ein produktiver Ort. Wenn alle zu Hause arbeiten, ist das produktiv. Schliessen Läden, eröffnen sich neue Chancen.

Schliessen Läden, veröden die Erdgeschosse! Nicht unbedingt. Verschwindet das Auto aus der Stadt, erhalten die Erdgeschosse eine ganz neue Bedeutung. Dann lässt sich dort wohnen und arbeiten. Das Ziel guter Stadtplanung ist die 15-Minuten-Stadt: In einer Viertelstunde muss man zu Fuss alles besorgen können. Wenn man alles online einkauft, ist das nicht mehr möglich. Ja, aber in anderen Bereichen haben wir die Distanzen stark reduziert. Wir gehen zu Fuss und mit dem Velo statt im Bus durch die Stadt, was die Quartiere belebt. Mit Zoom holen wir die Welt ins Wohnzimmer. Ohne zu fliegen, ohne Zeitverlust überwinden wir mit digitaler Kommunikation jede Distanz.  www.digitaltage.swiss  29


Onlineshopping benötigt mehr Lieferdienste, mehr Parkplätze, vielleicht einmal Drohnen. Wie soll die Stadt sich darauf einrichten? Das ist eine der Hauptfragen unserer Disziplin. Die Lösungen sind noch vage. Klar ist: Verpackungsmaterial sollte reduziert, Rücksendungen minimiert werden. Lieferumfänge können vielleicht abnehmen. Es braucht mehr Just-in-time-Lieferungen mit kleineren Gefährten. Ideal wären lokale Hubs, an denen es zu sozialen Interaktionen kommt. Es wird gar über unterirdische Warenlieferung nachgedacht ...

Sie sagen, Begegnungen würden eine Stadt ausmachen. Wir begegnen uns seit Jahren in Chats, nun neu über Zoom. Unterscheidet sich die reale noch von der digitalen Stadt? Das ist eine Altersfrage. Bei heute 15- oder 16-Jährigen sind diese Räume fliessend geworden. Sie unterscheiden nicht mehr zwischen digitalen und realen sozialen Begegnungen. Zur Stadt gehört auch der Flirt. Das Mobiltelefon hat ihn erledigt. Es ist nicht so einfach, wie Sie sich das machen. Man geht am Wochenende noch immer grillieren. Daraus entstehen InstagramStorys. Das Mobiltelefon zerstört nicht, es verlagert und überlappt Prozesse. Sie können Ihre Wohnung putzen und mit AirPods im Ohr gleichzeitig einer wichtigen Sitzung folgen. 30 www.digitaltage.swiss

Städteplanerin Fabienne Hoelzel: «Jetzt haben wir die Chance, die Stadt zu stärken.»

Covid hat einen digitalen Schub gebracht. Wir arbeiten mehr im Homeoffice, unsere Kinder haben Fernunterricht. Verändert das die Stadt für immer? Oft sind es strukturelle Ent­scheide, die eine Stadt verändern. Machen Sie morgen eine Strasse verkehrsfrei, nutzen die Menschen den neuen Raum relativ schnell ganz anders. Mit der Digitalisierung ist es gleich. Wir arbeiten daheim und stellen fest: Die bürgerlichen Wohnkonzepte funktionieren überhaupt nicht mehr. Damit meinen Sie: Hier essen, dort schlafen, drüben spielen? Exakt. Wir müssen Wohnungen bauen mit Räumen, die vielfältig nutzbar sind.

Mit aufklappbaren Betten, damit wir im gleichen Raum nachts schlafen und tagsüber arbeiten? Zum Beispiel. Wir führen dieses Interview an einem Tisch, an dem ich arbeite, esse, manchmal Freunde bewirte. Die Digitalisierung befeuert diese Entwicklung. Ein Laptop kann überall stehen, mit dem iPhone kann ich überall zoomen. Alles überlagert sich. Arbeitet, isst und spielt man hier, wird es nutzungsdichter. Während des Lockdowns sank die Zahl der Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr. Der ÖV ist eine tragende Säule der Städteentwicklung. Was, wenn das verschwindet? Anfänglich machte ich mir deswegen grosse Sorgen. Die Maske hat die Besorgnis entschärft.

Foto: Gerry Nitsch

... Löcher und Tunnel graben können Schweizer. Genau! Abwegig ist es nicht. Wir reissen Strassen auf, um Leitungen zu verlegen und zu reparieren. Es wäre also möglich, ein zusätz­ liches Verteilsystem in den Boden zu bauen. Ausserdem gehe ich davon aus, dass in absehbarer Zeit kleinere Gebrauchsgegenstände mittels 3D-Druck zu Hause produziert werden können.


Aber es stimmt: Man fährt mehr Velo und mehr Auto, was für die Stadt gut und schlecht ist. Müssen die Städte jetzt breitere Strassen und mehr Velowege bauen? Nein, denn das Auto wird aus den Innenstädten verschwinden. Was dann passiert – und es wird wahnsinnig viel sein –, ergibt sich von allein. Menschen beleben die Räume automatisch. In der Stadtplanung reichen oft wenige mutige Entscheide, und die Stadt verändert sich, sie wird besser. Das Auto rauszunehmen, wäre mutig, und es würde die Stadt mehr verändern als Covid oder Zoom.

Ja, aber mit einer ganz anderen Intensität. Arbeiten wir mehr zu Hause, sind weniger Büroflächen nötig. Was passiert mit den Bürogebäuden? Wir bauen sie zu Wohnhäusern und sonstigen kollektiven ­Nutz­ungen um. Das vermindert die Wohnungsnot in den Städten. Die Schweiz hat in den letzten 20 Jahren in urbanen Orten ein mediterranes Gefühl erhalten.

Könnte Covid das ändern? Es ist meine grosse Hoffnung, dass künftig mehr Freiheit möglich ist. Dadurch könnten neue Dinge entstehen. Wir steuern zu viel, statt dass wir loslassen. Freiraum motiviert Menschen, er macht sie kreativ. Aber können Schweizer mit Frei­ räumen umgehen? Seit es das Stadtrecht gibt, stützen wir uns auf Reglemente. Wenn es irgendwo Wasser gibt, etwa auf dem Sechse­ läuten-Platz in Zürich, kühlen sich die Men­ schen an heissen Tagen am Brunnen ab. Das tun wir, ohne dass es jemand gesagt hat. Die Krise hat uns innovativ gemacht. Wir stellen plötzlich einen Stuhl auf die Strasse und lesen dort ein Buch. Wir platzieren irgendwo den Laptop und arbeiten.

«DAS AUTO WIRD AUS DEN INNENSTÄDTEN VERSCHWINDEN»

Sie haben in einem Essay geschrieben, wir könnten von Favelas lernen – vom verdichteten Wohnen und Leben. Die Prämisse von Corona ist Abstand. Ist verdichtetes Wohnen ab diesem Jahr vorbei? Die Frage ist, wie wir verdichtetes Wohnen gestalten. Habe ich einen guten Balkon, geht das. Ohne Balkon oder sonstige schnell erreichbare Freiräume ist es ­schwierig. Nehmen Sie asiatische Grossstädte, dort leben die Men­ schen seit langem verdichtet mit Pandemien. Deshalb tragen sie Masken. Die Maske dürfte in unseren Städten bleiben.

Es sei denn, wir leben vermehrt auf dem Land. Corona hat eine neue Landlust entfacht. Droht die Zersiedelung zuzunehmen? Unsere Gesetze lassen das nicht zu, ein echter Trend ist nicht absehbar. Menschen wollen nicht allein in ihren Häuschen leben. Das wäre der Tod der Gesellschaft. Wir wollen Kunsthäuser, Univer­ sitäten, Buchhandlungen und Bars. Das bietet die Stadt. Begegnungen sind über Zoom oder in der Dorfbeiz möglich.

Cafés, Shops, Fussgängerzonen. Verschwindet das, wenn wir über «Uber Eats» bestellen? Nein, denn das Bedürfnis nach sozialem Austausch und menschli­ cher Nähe ist enorm. Das hat man gesehen, als die Clubs wieder aufgingen. Sofort strömten die Menschen rein. Die Sehnsucht nach Begegnung war mit den Händen zu greifen. Covid hat gezeigt, dass Städte krisenfest sein müssen. Wie ist das möglich? Städte sind dann stark, wenn sie gut durchmischt sind. Je mono­ funktionaler eine Stadt ist, desto krisenanfälliger. Hat ein Quartier nur Bürogebäude, steht im Lockdown alles leer. Eine gute Stadt – und somit ein Stück weit eine krisensichere Stadt – ist eine durchmischte Stadt. Und wie lässt sich das erreichen? Mit Gesetzen, die eine viel flexib­ lere Nutzung zulassen würde. Die Stadtentwicklung ist momentan noch in einem zu engen Korsett.

Wird dieses Gespräch obsolet, sobald ein Impfstoff da ist – oder verändert sich die Stadt tatsächlich? Die Pandemie verändert die Städte für immer, und zwar positiv. Viele Menschen fingen an, Velo zu fahren. Wer einmal mit dem Rad durch die Stadt fuhr, gibt das nicht mehr auf. Und viele haben ge­ merkt: Zoom kann die Fliegerei ersetzen. Es wird nicht so extrem bleiben wie jetzt, aber es sind Wurzeln geschlagen worden. Die Corona-Krise ist ein Testlauf für ein besseres Stadtleben? Wir haben gemerkt, dass das Homeoffice Vorteile bringt, nicht jeden Tag, aber vielleicht zwei Tage die Woche. Plötzlich erleben wir unsere Wohnungen anders und haben Lust, etwas zu investieren. Dann sind Sie optimistisch? Zumindest ist der anfängliche Covid-bedingte Pessimismus verschwunden. www.digitaltage.swiss  31


ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT? Frau, Mann, Kinder – alle sind daheim. Zementiert flexibles Arbeiten traditionelle Rollenbilder oder ist es die ersehnte Chance? Digitalisierung als Katalysator familiärer Gleichstellungsfragen. Leoni Hof

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Schulschliessungen, in denen die Fremdbetreuung vollständig aus­fiel, waren es die Frauen, die zurückstel­ len mussten.» Genauer gesagt: Die Mütter hatten weniger Kapazitäten für ihren Job. Weil dem besserver­ dienenden Partner der karrierema­ chende Rücken freigehalten wurde, weil sie allein­erziehend sind oder­­ der Meinung, Kind und Haushalt besser unter einen Hut zu kriegen. Die Ergebnisse der Schweizer Erhebung stehen dabei mit inter­ nationalen Studien im Einklang. Nun übernahmen Frauen aber schon vor Corona einen Grossteil der un­ bezahlten Care-Arbeit – für Kinder, Verwandte, den erweiterten Freundes­ kreis. Der Lockdown verschärfte die Situation, zu diesem Schluss kommt die deutsche Hans-Böckler-Stiftung: Nur noch 62 Prozent der Paare, die zuvor die Sorge um Haushalt und Kind gerecht aufteilten, erhielten dies während des Lockdowns (und darüber hinaus?) aufrecht. Was das langfristig heisst, muss sich zeigen. Kurzfristige Effekte zeigen sich bereits in der Wissenschaft: Die Produktivität von Wissenschaftlerinnen sank eklatant – #coronapublicationgap.

An dieser Stelle sei die Frage erlaubt, ob denn die Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung vor dem Lockdown tatsächlich so deutlich waren. Der Gender-Pay-Gap ist so wenig überwunden wie die (rhetori­ sche) Frage, welcher Teil eines Eltern­ paares dafür prädestiniert ist, sich ums gemeinsame Kind zu kümmern: Gerade erst bekannte man sich in der Schweiz zum Vaterschaftsurlaub – als europäisches Schlusslicht. Inte­ ressant wäre zu erfahren, ob die zu­ letzt verbrachte Familienzeit Väter verstärkt zur Annahme der Volksab­

«DIE DIGITALISIERUNG IST DIE PERFEKTE KOMPLIZIN AUF DEM WEG ZUR GLEICHSTELLUNG»

Foto: Keystone

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eitdem weniger Flugzeuge auf­ steigen, lässt sich das Wetter nicht mehr so genau vorher­ sagen: Linienflugzeuge liefern der Weltorganisation für Meteorologie entsprechende Daten. Erhält diese weniger davon, ähnelt der Wetter­ bericht einem Ratespiel. Alles hängt mit allem zusammen. Die CoronaPandemie erinnert uns daran. Eine andere aktuell wirksame Ketten­reaktion ist die von Home­ office auf die Gleichstellung der Ge­ schlechter. Die Ansichten darüber sind so un­eindeutig wie die Gross­ wetterlage. Im Sommer ging ein Auf­ schrei durch die sozialen Netzwerke. Von einem Rückschritt in die Fünfzi­ ger war die Rede. Dabei ging es nicht um Nierentische und Käse-Igel, sondern um die Rolle der Frau. Es war die deutsche Soziologin Jutta Allmendinger, die sagte, dass Corona den erreichten Fortschritt in Sachen Gleichstellung um drei Jahrzehnte zurückgeworfen, die Frauen zurück an den Herd gezwungen habe. Und auch Kathrin Bertschy, hiesige CoPräsidentin bei Alliance F und Natio­ nalrätin der Grünliberalen, stimmte ein: «Die Corona-Krise hat gezeigt, dass die Schweiz in einer Ausnahme­ situation rasch in alte Rollenmuster zurückfällt.» Doch worum geht es konkret? In einer vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann in Auftrag gegebenen Studie wird festgehalten: «Zu Zeiten der


stimmung brachte. Spannend ist auch, wie sehr die Gespräche im Bekanntenkreis von dem abweichen, was Konsens in Sachen Home­office und Gleichberechtigung zu sein scheint: In vielen Fällen wurde die Kinderbetreuung geteilt und jeweils neu ausgehandelt, für wen der nächste Video-Call wichtiger ist. Viele der in diesem Land so gern Vollzeit arbeitenden Väter bemerkten, was es daheim alles zu tun gibt. Und dass man sich da vielleicht auch in Zukunft einbringen müsste. Viele verbrachten erstmals wirklich Zeit mit der Familie und möchten das nicht mehr missen. Weil ihnen bewusst wurde, was ihnen sonst entgeht. Und weil hoffentlich auch die Mütter merkten, dass das durchaus machbar ist und ihnen selbst mehr Luft verschafft. Für eigene Projekte oder auch nur, um mal durchzuatmen.

Wie langfristig und umfassend dieser Effekt jedoch ist, bleibt ab­ zuwarten. Und den Müttern ist zu raten: Bitte mehr Ansage ans Gegenüber statt Bananenbrot. Bilder vom selbst kreierten Backwerk fluteten in diesem Sommer die Timelines. Wie auf ein geheimes Kommando wurde gebacken, eingemacht und gewienert. Primär Frauen wurden plötzlich dort aktiv, wo die Vertreter traditioneller Rollenvor­stellungen sie gern sehen. Dabei könnte gerade das Homeoffice und die zunehmende Akzeptanz flexiblen Arbeitens eine Chance für sie sein. Arbeitsabläufe werden agiler, Hierarchien flacher und das Vernetzen, eine weibliche Kernkompetenz, einfacher und globaler. Ein einfaches Beispiel: Durchs Homeoffice entfallen Arbeitswege und Dienstreisen, was dem bis dato

weniger involvierten Partner gestattet, sich mehr bei der familiären Sorgearbeit einzubringen. (Dies nur am Rande: Die falsche Partnerwahl ist für die Gleichberechtigung sehr wahrscheinlich verheerender als jeder Lockdown.) Tatsächlich kann durch die Digi­ talisierung der Arbeit, durch deren Entwicklung hin zu fliessenderen Übergängen, die Welt eine gerechtere werden. Eine, in der sich Verein­ barkeit und Gleichstellung neu denken und umsetzen lässt. Dafür braucht es zwar mehr als nur die Möglichkeit, im Home­office zu arbeiten. Doch – und das wird etwa die deutsche Wirtschafts­ expertin Henrike von Platen nicht müde zu betonen: «Die Digitalisierung ist die perfekte Komplizin auf dem Weg zur Gleichstellung.» Wenn man sie sich zunutze macht. www.digitaltage.swiss  33


«HOMESCHOOLING WAR EIN WECKRUF» Ein Lehrerpaar mit Kleinkind im Lockdown samt Homeschooling. Das klingt intensiv! Jasmin: Wir leben in einer Dreizimmerwohnung, haben kein Büro und teilen uns einen Laptop – unser Homeoffice gestaltete sich anfangs eher anstrengend. Sie haben es geschafft. Wie? Jasmin: Glücklicherweise erhielt Thomas von der Schule doch noch einen Computer. Das Schlafzimmer wurde zum Büro. Und wir haben unsere Konferenzen mit den Schülern aufeinander abgestimmt, damit einer jeweils unsere Tochter betreuen konnte. Thomas: Wenn bei Jasmin eine Schülerin Fragen hatte, einer meiner Schüler Hilfe benötigte und gleichzeitig unsere Tochter weinte, empfand ich das als grossen Stress. Das Gefühl, ständig verfügbar sein zu müssen, machte sich breit. Welches war Ihr KlassenKommuni­kationstool? Jasmin: Am Freitag, als der Lockdown unvermeidlich war, bat uns die Schulleitung, den Schülern Microsoft Teams zu erklären. Ich habe das am Nachmittag gemacht. Üben konnten die Schüler nicht. 34 www.digitaltage.swiss

Denn nach Schulschluss war klar: Die Schulen bleiben zu. Doch die Kinder setzten es bestens um – einmal erklärt, funktionierte es bei den meisten super. Thomas: Auch wir arbeiteten mit Microsoft Teams. Jasmin: Unsere Schul­leitung war sehr gut organisiert – kurze und direkte Kommu­nikations­wege zwischen Eltern und Lehrern. Es standen eine schul­interne Corona-Hotline und Tutorials, die den Unterricht erleichterten, zur Verfügung. Sie erhielten direkten Einblick in den Familienalltag Ihrer Schüler. Womit wurden Sie dabei überrascht? Jasmin: Wir bekamen mit, welche Kinder eine klare Tages-Struktur haben. Konkret: Wo schaut jemand, dass das Kind aufsteht, frühstückt und «putzt und gsträhled» pünktlich vor dem Computer sitzt. Es kam durchaus vor, dass Schüler erst aufwachten, als wir anriefen oder noch im Pyjama vor dem Compi auftauchten. Positiv überraschte mich, dass der von der Schule vorgegebene Rhythmus von den Eltern geschätzt wurde. Auch das Learning im Umgang mit Computer scheint mir für Schüler und

Lehrpersonen äusserst wertvoll. Thomas: Mich überraschte, mit welcher Geschwindigkeit das System Homeschooling raufgefahren werden konnte. Es war ein gemeinsames Projekt, bei dem jeder Einzelne mithalf. Ausserdem war das Verständnis der Eltern gegenüber der Tatsache, dass es auch für uns Lehrpersonen eine neue Situation war, sehr gross. Klappt Unterrichten also genauso gut virtuell? Thomas: Ich dachte erst, es sei unproblematisch. Doch nicht alles eignet sich. Einen Elternabend via Zoom abzuhalten, kann ich nachträglich nicht empfehlen. Mir fehlten die persönlichen Rückmeldungen. Gewisse Dinge funktio­ nieren halt nur im persönlichen Kontakt. Jasmin: Die meisten Kinder freuten sich, wieder in die Schule kommen zu dürfen. Nicht unbedingt wegen des Unterrichts. Vielmehr wegen der sozialen Kontakte. Das ist eine der positiven Seiten des Lockdowns. Der wäre ja eigentlich der grösste Traum einiger Kinder: den ganzen Tag Netflix, Instagram und Tiktok gucken. Nachdem sie nun wochenlang nur mit ihren Geräten und all diesen Angeboten eingesperrt waren, merkten sie: Das allein macht ja gar nicht glücklich. Veränderte der Lockdown Ihre Art des Unterrichtens? Jasmin: Wir dachten erst, dass wir Arbeitsaufträge künftig auch online verteilen können – wenn ein Kind beispielsweise krank ist. Oder wir

Foto: Valeriano Di Domenico

Der Lockdown zwang unsere Schulen von heute auf morgen zum Fernunterricht. Mittendrin auch Jasmin und Thomas Widmer. Das Lehrerpaar über entzaubertes Internet und wie viel Sinn digitales Lernen macht. Aline Wüst


Gemeinsam durch den Schul-Lockdown: Jasmin (33) und Thomas Widmer (35) aus Biberstein AG unterrichten beide auf Stufe Primarschule im Kanton Aargau.

unterrichten die Kinder digital, sollte eine Lehrperson in Quarantäne müssen. Sieht die Realität anders aus? Jasmin: Ja, das tut sie. Es ist trotz allem schwierig. Zwar ist im Kopf während des Homeschoolings viel passiert, in Bezug auf die Umsetzung aber noch nicht. Eines steht sicherlich fest: Es war ein Weckruf an uns Lehrer. Wir können noch digitaler werden in der Schule. Was bedeutet Digitalisierung für Ihren Unterricht? Thomas: Ich bin diesbezüglich eher ein Vorreiter. Meine Drittklässler arbeiten bereits mit iPads. Viele Lehrer finden zwar, es sei wichtig, dass die Schüler lernen, ein Wörterbuch zu benutzen. Ich frage mich wozu? In Zukunft werden sie sich ohnehin alle Informationen via Computer beschaffen. Noch immer herrscht die romantische Vorstellung, dass heute weiterhin

alles so sein soll wie damals in der eigenen Schulzeit. Ich hoffe, dass sich gewisse Ansichten entstauben liessen. Finden sich Schüler heute nicht ohnehin besser in der digitalen Welt zurecht als wir Erwachsenen? Thomas: Oft bin ich überrascht, wie wenig Kinder über die digitale Welt wissen, obwohl sie damit aufwachsen. Meine Drittklässler wussten zu Beginn des Schuljahrs, wie sie auf Youtube gelangen, aber nicht wie eine Suchmaschine bedient wird. Während des Lockdowns fanden meine Viertklässler Gefallen am Chatten. Vor allem daran, Smileys herumzuschicken. Rasch begannen sie aber damit, sich untereinander zu ärgern und zu belästigen. Über längere Zeit wäre es womöglich zu Cybermobbing gekommen. Ich habe den Chat deshalb geschlossen. Die digitale Welt ist grenzenlos. Ist Ablenkung eine Gefahr im Unterricht? Jasmin: Es bedarf einer hohen

Kompetenz, wenn ein Kind dem Auftrag, hole einen Computer, öffne dieses Programm und arbeite damit für eine bestimmte Zeitdauer, folgen soll. Schliesslich bieten diese Geräte Kindern so viele verlockende Alternativen. Und sei es auch nur, etwas an den Einstellungen ändern. Und ehrlich gesagt, wenn 23 Kinder an Computern arbeiten, habe ich wenig Kontrolle darüber, was sie genau tun, wenn ich wegschaue. Thomas: Ich sehe das etwas anders. Halten meine Drittklässler zum ersten Mal ein iPad in den Händen, ist die Aufregung gross. Für sie sind es in erster Linie «Spassmittel». Sich auf den Auftrag zu konzentrieren, ist schwierig. Doch wir müssen den iPads und dem Internet den Zauber nehmen. Die Kinder sollen sie als Werkzeug verstehen. Nicht als Tool, um lustige Filmchen zu schauen. Die Viertklässler können das mittlerweile sehr gut. Jasmin: Es braucht halt einfach Zeit. Wenn ich meinen Fünftklässlern sage, wir arbeiten mit dem  www.digitaltage.swiss  35


Computer, werden sie wild. Weil sie es noch nicht gewohnt sind, damit zu lernen. Es bedarf dann einer sehr engmaschigen Führung. Was brauchen Kinder, um zu lernen? Jasmin: Wichtiger als ein virtuelles Klassenzimmer ist die Beziehung zur Lehrperson und eine gute Stimmung in der Klasse. Sie benötigen Sicherheit, um sich entfalten zu können. Im Silicon Valley schicken einige Eltern ihre Kinder an Schulen, an denen es keine Computer gibt. Sie halten ihren Nachwuchs bewusst davon fern, um Kreativität und Fantasie zu fördern. Eine gute Idee? Jasmin: Mir scheint es wichtig, Kinder in der Schule nicht von Computern fernzuhalten. Schliesslich sollen sie gesellschaftsfähig bleiben. Selbstverständlich sind Förderung von Kreativität und Fantasie ohne digitale Mittel wichtig. Ausserdem müssen sie lernen, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Was tue ich, wenn es mir nicht gut geht? Was macht mich glücklich? Wie nutze ich meine Freizeit? Was uns Menschen wirklich guttun, sind Dinge, die nichts mit dem Handy zu tun

«WIR MÜSSEN DIGITALER WERDEN, UM MITHALTEN ZU KÖNNEN» 36 www.digitaltage.swiss

haben. Davon bin ich überzeugt. Thomas: Medienkompetenz zu erlernen, erachte ich ebenfalls als wichtig. Schüler von mir kamen mit Bildern von Haifischen, die eine Sonnenbrille tragen, und fragten, ob es das tatsächlich gäbe. Es ist zentral, ihnen aufzuzeigen, dass im Internet ganz viel Mist zu finden ist. Die Kinder müssen lernen zu filtern. Kann alles digital gelernt werden? Thomas: Ich gehe mit den Kindern oft in den Wald. Dort will ich sie Dinge lehren, die das Internet nicht kann. Zum Beispiel ein Feuer zu machen. Bei einer Matheaufgabe gilt es zwar auch, eine Lösung zu finden – gelingt dies nicht, ist es nicht weiter schlimm. Wenn es im Winter hingegen kalt ist und wir kein Feuer hinkriegen, frieren wir. Kinder sollen beide Welten begreifen: die reale und die digitale. Sie davor zu bewahren, ist unmöglich. Auch als Nicht-Computerfreak fühle ich mich verpflichtet, ihnen das entsprechende für ihre Zukunft wichtige Wissen zu vermitteln. Was würden Sie an der Schule von heute ändern? Jasmin: Ich wünsche mir mehr

Haben Sie ein Beispiel dafür? Thomas: Mit einer zweiten Klasse programmierte ich ein Mathe-Game. Klingt komplex, war in Wirklichkeit aber simpel. Dazu sollte eine Figur um 360 Grad gedreht werden. Die Kinder waren zu klein, um zu verstehen, was Grad bedeutet. Ich winkte ab und meinte, sie müssten das noch nicht wissen. Sie schauten es danach selbständig im Internet nach – weil sie es wissen wollten. Das finde ich toll. So muss es sein. Was raten Sie Eltern bezüglich dem Umgang ihrer Kinder mit Handy und Co.? Jasmin: Sie sollen Bildschirmzeiten festlegen und sich dafür interessieren, wie ihre Kinder diese Zeit nutzen und sie dabei begleiten. Die Eltern müssen sich bewusst sein, wie gross diese virtuelle Welt ist, und ihre Kinder darin nicht allein lassen. Eltern sind Vorbilder. Deshalb gehören Handys nachts nicht ins Schlafzimmer und tagsüber nicht an den Esstisch.

Fotos: Valeriano Di Domenico

«WIR SOLLTEN INTERNET UND IPADS DEN ZAUBER NEHMEN»

Raum für Individualität. Alles ist glasklar vorgegeben. Man fokussiert auf ein paar wenige Fächer. Ein Kind, welches in diesen Fächern nicht brilliert, gilt es als schlechter Schüler. Weder bietet sich Raum zur Entfaltung für Kinder, die musisch sehr begabt sind, noch für laute, wilde Buben. Wäre der Rahmen nicht so starr, könnten Kinder selber entscheiden, was sie lernen wollen. Ausserdem werden alle nach denselben Massstäben und Kriterien beurteilt und benotet. Ich finde wichtig, dass diese Einstufungen auch persönliche Fortschritte miteinbeziehen. Thomas: Mir geht es wie Jasmin. Dass Kinder am Computer arbeiten, stört mich nicht. Hingegen, dass alle genau dasselbe machen müssen schon. Die Schule sollte mehr die Individualität und das Selbstbewusstsein der Kinder fördern. Sie müssen eigenständig lernen, und wir Lehrer müssen ihnen vertrauen, dass sie im Internet suchen, was sie brauchen, und nicht nur irgendeinen Blödsinn anschauen.


IN KOOPERATION MIT

«UNSERE KUNDEN SIND UNSER VORBILD FÜR DIGITAL BANKING» Anke Bridge Haux leitet den Bereich Digital Banking bei der Credit Suisse. Zusammen mit den Kunden werden neue Angebote entwickelt.

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Haben Sie auch Änderungen im Kundenverhalten beobachtet? Definitiv. Vor allem wie unsere Kunden mit uns interagieren wollen. Mit dem Ausbruch der Pandemie hat sich die Anzahl von virtuellen Kundenberatungsgesprächen verdoppelt. Die Digitalisierung hat definitiv eine neue Bedeutung bekommen. Insgesamt sehen wir einen starken Anstieg der Nutzung digitaler Kanäle durch unsere Kunden genauso wie einen Anstieg von kontakt­ losem Bezahlen. Sie haben im September ein neues digitales Angebot, CSX, angekündigt. Was hat es damit auf sich? Bietet die Credit Suisse den Digitalbanken damit nun die Stirn? Ja. Neobanken haben gezeigt, wie man Banklösungen einfach und intuitiv zum Kunden bringen kann und sich dabei auf Nischen fokussiert. Bisher konnten alle irgendwas, aber keiner alles – nämlich einfache digitale Bank­ lösungen in Kombination mit zuverlässiger, persönlicher Beratung. Mit CSX bringen wir nun das Beste aus zwei Welten in einer App zusammen – die Benutzer- 

Foto: Samuel Trümpy

Frau Bridge Haux, zwischen unserem letzten Interview und unserer heutigen Begegnung liegt genau ein Jahr – zwölf Monate, die vieles verändert haben. Wie haben Sie und Ihr Team diese anspruchsvolle Zeit erlebt? Unvergleichbar dynamisch und voller Veränderungen. Die CoronaPandemie hat nicht nur das gesellschaftliche und soziale Leben verändert, sondern hat auch einen starken Einfluss darauf, wie wir als Team zusammenarbeiten. Von einem Tag auf den anderen haben wir aus dem Homeoffice agiert und unsere Themen vorangetrieben – der Austausch untereinander fand vor allem virtuell statt. Dies hatte aber keinen Einfluss auf unsere Produktivität. Im Gegenteil: Es hat uns als Team noch stärker zusammengeschweisst. Beispielsweise konnten wir unseren Firmenkunden in enger Zusammenarbeit mit Bund und Nationalbank innerhalb weniger Tage die dringend benö­tigten Überbrückungskredite zur Verfügung stellen, und das komplett digital. Dieses Jahr wurden wir auf allen Ebenen vor eine der grössten Bewährungsproben gestellt – und als Team meistern wir diese sehr gut.


Anke Bridge Haux treibt mit ihrem Team das Digital Banking bei der Credit Suisse voran. Dabei stehen KundenbedĂźrfnisse immer im Vordergrund.

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IN KOOPERATION MIT

Persönlich

freundlichkeit und Funktionalität einer rein digitalen Bank mit der Expertise und dem umfassenden Leistungsangebot der Credit Suisse als etablierte, in der Schweiz verwurzelten Universalbank. Wer sind für die Credit Suisse Vorbilder für das Digital Banking von morgen? Unsere Kunden! Sie haben uns gezeigt, was ihre genauen Wünsche sind und was sie von ihrer Bank erwarten. Flexibilität, Einfachheit und Transparenz. Mit CSX bieten wir ihnen genau das: ein digitales Bankangebot, mit dem unsere Kunden ihre Bankgeschäfte einfach, schnell und bequem in einer App tätigen können – und das zu einem transparenten Preis, denn unsere Kunden bezahlen nur für das, was sie nutzen. Sie legen aber auch Wert auf professionelle, digitale Finanzberatung zu Themen wie Vorsorge, Anlegen und Finanzieren. Deshalb sind wir auch weiterhin persönlich für unsere Kunden da. Sie entscheiden selbst nach ihrem individuellen Bedürfnis wie sie mit uns interagieren möchten. Kundenbedürfnisse verändern sich. Wie halten Sie mit den sich stets ändernden Anforderungen Schritt? Wir stellen Fragen und hören gut zu. Was ist «flavour of the day», Hype oder Megatrend? Was 40 www.digitaltage.swiss

Unsicherheit oder Chancenreichtum? Und für mein Team und mich besonders relevant: Was davon ist ein echtes Kundenbedürfnis? Dabei entwickeln und testen wir unsere digitalen Lösungen zusammen mit unseren Kunden im eigenen User Experience Lab. Und was macht Ihr Team erfolgreich dabei? Die Anpassung unserer Arbeitsweise und der eigenen Einstellung ist wichtig. Ein sich dynamisch veränderndes Umfeld können und wollen wir nicht aufhalten. Unsere Reaktion darauf schon. Entscheidungsfindung und Ideengenerierung muss in alle Richtungen möglich sein: seitwärts, diagonal und insbesondere «bottom-up». Wir nennen es «CoCreation». Mit dem Einbezug von allen Mit­arbeitenden machen wir die kontinuierliche Weiterentwicklung unseres Angebots zur Aufgabe aller. Organisatorisch haben wir unser

Retailgeschäft für Privat- und Gewerbekunden mit der Digitalisierungs- und Produkteeinheit in einem Team zusammengeführt. Dies ist einzigartig im Schweizer Markt und bietet Opportunitäten. Wir sind so noch besser aufgestellt, um unser Angebot schnell und umsetzungsstark weiter auszubauen und neue Lösungen zu entwickeln, und dies gemeinsam mit unseren Kunden. Gutes Stichwort: Was wird 2021 bringen – was wird Sie im nächsten Jahr beschäftigen? Wir werden unser digitales Bankangebot laufend mit weiteren Dienstleistungen und neuen Funktiona­litäten ergänzen – unter anderem im Anlage-, Vorsorgeund Hypothekarbereich. Dazu gehört ein digitaler Finanzplaner, der unsere Kunden unterstützt, ein Gesamtbild über ihre finanzielle Situation zu erhalten, um dabei beispielsweise Vorsorge­ lücken zu identifizieren. Bereits ab November können sich unsere CSX-Kunden auf eine vollständig digitale Vermögensverwaltungs­ lösung freuen. Und im Bereich der Hypothekarfinanzierung werden, neben Abschluss einer Neufinanzierung, auch Funktionen wie die Verlängerung von bestehenden Hypothekartranchen direkt in unserer digitalen Lösung zur Verfügung gestellt. Wichtig dabei: Sicherheit steht für uns nach wie vor an erster Stelle. Einfach und intuitiv soll es sein, jedoch ohne Kompromisse bei unseren Sicherheitsansprüchen.

Foto: Credit Suisse

«MIT CSX BRINGEN WIR DAS BESTE AUS ZWEI WELTEN IN EINER APP ZUSAMMEN»

Anke Bridge Haux leitet den Bereich Digital Banking und ist Mitglied der Geschäftsleitung der Credit Suisse (Schweiz) AG. Ihre Karriere startete sie 1999 bei der Credit Suisse. 2005 wechselte sie zur UBS in das Vermögensverwaltungsund Investment-BankingGeschäft. 2011 kehrte sie zur Credit Suisse zurück und hielt seitdem verschiedene Führungspositionen in den Bereichen Fremdwährungen, Bankprodukte und Digitalisierung inne. Anke Bridge Haux hat einen Masterabschluss in Finance & Economics der Universität St. Gallen und absolvierte das General Management Program (GMP) an der Harvard Business School in Boston.


Mit der CSX App sind die täglichen Bankgeschäfte ganz einfach auf dem Handy zu erledigen – und bald ist auch an­ legen, vorsorgen oder eine Hypothek abschliessen möglich.

DAS BESTE AUS ZWEI WELTEN IN EINER APP

Die Credit Suisse kombiniert für die Bankgeschäfte ihrer Privatkunden die Einfachheit einer App mit der Zuverlässigkeit der persönlichen Beratung.

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er Scrollen und Swipen Kontostand checken, Rechnungen zahlen, Investitionen tätigen: Mit der Lancierung der App «CSX» beziehungsweise «CSX Young» bedient die Credit Suisse ein steigendes Bedürfnis von Kunden, die ihre Bankgeschäfte unkompliziert und schnell per Smartphone erledigen wollen. Das Angebot besteht aus einem CHF-Privatkonto, das direkt in der App eröffnet werden kann, verschiedenen Self-Service-Funktionen und einer onlinefähigen Debit Mastercard inklusive kostenloser Auslandtransaktionen.

Die Vorteile von CSX auf einen Blick:  Das Basis-Angebot für Kunden, die all ihre Bankgeschäfte online abwickeln, ist kostenlos.   Nutzer können das Angebot ­individuell auf ihre Bedürfnisse ­anpassen, mit einem transparenten, abgestuften Preismodell.  Wer regelmässig Bargeld am Bancomat beziehen möchte, kann für 3.95 Fr. pro Monat die Premium Black Debit Mastercard wählen.  Die Entwicklung der App ist noch nicht abgeschlossen: Angebote in den Bereichen Anlage, Vorsorge und Hypotheken werden folgen, dazu kommt ein digitaler Finanzplaner.

Trotz dieses Mobile-First-Ansatzes wird Beratung bei der Credit Suisse nach wie vor grossgeschrieben. Kunden können eine solche zum Beispiel digital, per Telefon oder persönlich in Anspruch nehmen. Ganz neu hat die Credit Suisse diesbezüglich ein zukunftsweisendes Konzept entwickelt: die «Digital Bar», die bereits in der neuen Filiale an der Zürcher Europaallee zum Einsatz kommt. Mitarbeitende führen die Kunden in die digitale Welt des Bankgeschäfts ein und ermöglichen ihnen so eine indivi­ duelle und interaktive Form der persönlichen Beratung.

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DIE WELT IST FLACH Gepriesen sei die Technik: Pfarrer Honegger Molina während einer Livestream-Messe in der Basílica de la Anunciación in Caracas, Venezuela.

Leinwandhelden als Publikum: Während der NBA-Finals 2020 zwischen dem späteren Sieger LA Lakers und den Miami Heat zierten zahlreiche Celebrities die Ränge in Orlando – virtuell selbstverständlich.

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Who’s who der WHO: Neun Video-Stills der Teilnehmer an der diesjährigen virtuellen Eröffnungs-World-HealthAssembly in Genf.

Fotos: AP Photo/Matias Delacroix, AFP World Health Organization, Getty Images/AFP, Keystone/Gian Ehrenzeller, AP/Sergio Cattaneo, AFP/Ricardo Oliveira

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Klassischer Heimsieg: Rad-Ass Stefan Küng gewinnt ein Rennen an der virtuellen Tour de Suisse – in seinem Velokeller in Frauenfeld TG. Hinter ihm ins Ziel kamen der Italiener Filippo Ganna und der Australier Michael Matthews.

Die Tablet-Therapie: Der italienische Arzt Matteo Filippini in Brescia verschrieb seinen Intensivpatienten Videokonferenzen mit ihren Liebsten.

Sprechstunde im Urwald: Die Ureinwohner der Sahu-Ape-Gemeinschaft erhalten per Smartphone medizinische Ferndiagnosen zu Covid-19.

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DIE HIGHLIGHTS DER DIGITALTAGE Aus eins mach drei! Im vierten Jahr wird aus dem Schweizer Digitaltag ein dreitägiges Happening. Dieses findet vom 1. bis 3. November digital wie auch physisch statt. Über 400 kostenlose Veranstaltungen, 23 Standorte und eine zentrale Frage: Welche Zukunft wollen wir? Online-Events auf digitaltage.swiss

Live-Events in der ganzen Schweiz

Eröffnung

1.11., 14.00 bis 14.45 Uhr Simonetta Sommaruga spricht zum Auftakt der Schweizer Digitaltage 2020. Zusammen mit der Bevölkerung, dem Berner Stadtpräsidenten Alec von Graffenried, den Stadtpräsidentinnen/-präsidenten der teilnehmenden Städte und Kantone, Zukunftsforscherin Karin Frick und Digitaltagchefin Diana Engetschwiler soll die Frage «Was wünschen wir uns von der digitalen Zukunft?» beantwortet werden.

Sankt Elektronika

St. Gallen, Innenstadt, täglich vom 29.10. bis 2.11. Digitale Spielwiese nennt sich das Herzstück des regional verankerten Festivals mit Inputs aus der ganzen Welt. Dabei präsentieren sich sechs digitale Installationen zum Anfassen, Riechen, Spüren und Erfahren. Weitere Highlights sind Kopfhörerkonzerte mit «Wassily» in der Schutzengel­ kapelle und Panels über künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen.

Pitching Battle

1.11., 16.00 bis 16.15 Uhr In Zusammenarbeit mit Innosuisse stellen über drei Tage 15 ausgewählte Schweizer Technologie-Start-ups ihre Ideen vor. Spielregeln: Alle haben 44 www.digitaltage.swiss

tungen des Labors macht SpacePharma den Besucher zum Forscher.

Rekord-Versuch

«tell» Hier ist Ihre Meinung gefragt! Den Startschuss bilden Experten mit Erläuterungen zu Themen wie FoodTech, Blockchain, «new working normal», digitaler Tourismus oder elektronische Patientenakte. Im Anschluss startet die Diskussionsrunde. Das Beste: «tell» geht um die Welt. Standpunkte von Boston, Brasilien, San Francisco, über Indien bis Seoul, Shanghai und Tokio werden erlebbar. «tell» ist kostenlos und findet über 35 Mal physisch wie digital statt. drei Minuten, um mit einer Präsen­ tation von maximal sieben Folien eine Experten-Jury zu überzeugen.

Pharma in Space

Allschwil, Gewerbestr. 24, 1. bis 3.11., 9.00 bis 18.00 Uhr Astronauten und Weltraum zum Greifen nah. Mittels Präsentation der Groundstation und der Testeinrich-

1.11., 15.45 bis 16.00 Uhr St. Moritz heisst die Formel-E der Lüfte willkommen. Das höchste je durchgeführten Drohnenrennen (bis zu 160 km/h) peilt einen Weltrekord an. Die Aufzeichnung des letzten Rennens der Drone-Racing-Serie 2020 der Suisse Drone League wird während den Digitaltagen mit Unterstützung von AWS ausgestrahlt.

Hopp E-Sport

Neuenburg, La Maladière, 1.11., 8.45 bis 21.00 Uhr Eine Premiere! Am in Zusammen­ arbeit mit dem VNV, ello und Xamax Esport entstandenen ello-Cup treffen die besten 32 Schweizer Videogamer im Hearthstone-Spiel aufeinander und kämpfen um den Sieg. Am Vorabend, dem 31.10., steigt übrigens in La Chaux-de-Fonds von 20 Uhr bis Mitternacht die Open Swiss Digital Days 2020 Silent Party – zur Feier der ersten DigitaltagTeilnahme des Kantons Neuenburg.

Hoher Besuch

3.11., 14.30 bis 14.45 Uhr Bundesrat Guy Parmelin schaut in einer 6. Klasse in Bern vorbei. Die

Schüler eines Stop-Motion Workshop beschäftigen sich mit Filmtechnik und digitalen Bildern.

Höchste Baustelle

Zermatt, Glacier Paradise, 3.11., 9.30 bis 12.00 Uhr Digitalisierung auf 3883 Meter ü. M.? Markus Hasler, CEO Zermatt Bergbahnen AG, erklärt wie's geht. Alles über die Hindernisse auf dieser Höhe, die Wichtigkeit, innovativ zu sein, und worauf es besonders achtzugeben gilt.

MetroSnap

1.11., 15.30 bis 15.45 Uhr So viel mehr als ein selbstfahrendes Auto. MetroSnap ist ein modulares Fahrzeugkonzept für den Transport von Menschen und Gütern. Eine Reportage über das Zusammen­ wirken von Mobilitätstechnologie, Cyber-Security und Datensicherheit. Denn der intensive Datenaustausch birgt diverse Cyber-Risiken.

Digital Profi sein

Lausanne, Rue de la Gare 10, 1.11., 10.00 bis 12.00 Uhr Programmieren mit Digital Kidz, ­FutureKids und Powercoder kennenlernen. Im offenen Raum des Coworking Solidaire Powerhouse wird man zum Crack. Anmeldung obligatorisch.


Seien Sie i! e online dab iss

Aarau

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#SwissDig

Zürich Winterthur

Basel St. Gallen

Solothurn Olten, Grenchen

Vaduz St. Moritz

Neuenburg, La Chaux-de-Fonds

Bern, Biel

Lausanne, Yverdon les Bains

Genf Lugano Sion, Sierre, Brig, Martigny, Zermatt

Magic Cube

1.11., 17.40 bis 18.00 Uhr In Zweierteams lösen Jugendliche Aufgaben, um den Magic Cube (ein gemeinsames Projekt von ABB, ETH und mint&pepper) wieder zum Leuchten zu bringen. Dieser soll mit seiner Energie die Welt Elektron retten. Gelingt diese Weltpremiere, hält er gar eine Überraschung bereit.

Mystery Bus

Bern, Bahnhofplatz, 1. bis 3.11. Siemens ermöglicht das erste schweizweite mobile TechnologieAdventure-Game. Das Spiel ist in einem Minivan untergebracht. Teams von bis zu vier Personen lösen knifflige Aufgaben, um die Welt im Jahr 2035 nach einem Sonnensturm vor einem absoluten Blackout zu bewahren. Mit Einfallsreichtum und Erfindergeist sollen Lösungen zur Wiederherstellung der Energie­ versorgung gesucht und die Gefahr für die Erde gebannt werden.

Sichere Stadt

3.11., 18.00 bis 18.15 Uhr Die Geschichte des Städtebaus ist auch die von Seuchen und dem Versuch, gesündere Lebensräume zu schaffen. Viren wie Covid-19 wirken der Verdichtung ungünstig entgegen. Dieses Videogame thematisiert Stadtraum und Ansteckungsgefahr.

Fiktiv Reisen

Zürich, Hauptbahnhof, 1.11., 11.00 bis 16.30 Uhr Hereinspaziert in die digitale Welt der SBB! Mitten im Hauptbahnhof tut sich den Besuchern eine Mini-Expo auf. Werden Sie zum Fahrplan-Profi und lernen Sie mit Sparbilletten das Portemonnaie zu schonen.

Digitale Zukunft

1.11., 18.15 bis 18.30 Uhr Pro Juventute verschafft der Schweizer Jugend Gehör. In Kurzfilmen halten Schülerinnen und Schüler ihre

Learning Lab Spezifische Skills in nur 45 Minuten! Mittels Online-Webinaren, Videos oder interaktiven Präsenzveranstaltungen wird kostenlos digitales Wissen vermittelt. In Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Verband für Weiterbildung (SVEB) ist ein breit gefächertes Angebot entstanden: Medienerziehung, Robotik-Workshops, Banking von morgen, energieeffizientes Autofahren und Ethical Hacking. Interessiert? Online registrieren und an über 100 Labs physisch wie digital teilnehmen.

Zukunftswünsche und Fantasien fest. Dieser Live-Stream gibt Einblick in die Gedanken und Vorstellungen der Heranwachsenden und fördert digital notwendige Kompetenzen.

Soziale Roboter

Solothurn, Landhausquai 4 3.11., 12.00 bis 13.00 Uhr Einsatz von Robotern in der Pflege. Ist das die Zukunft? Der Fachkräftemangel wird zunehmend dramatisch. Der Gedanke liegt nahe, Roboter beim Essenaustragen, Waschen und Gesprächeführen zum Einsatz kommen zu lassen. Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Oliver Bendel über Ethik, Sinn und Unsinn.

Bundesrat Cassis

3.11., 19.00 bis 19.15 Uhr Ignazio Cassis, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten, schliesst die Digitaltage und äussert sich in einem Gespräch zu Cybersicherheit und digitaler Gouvernanz.

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«DAS LETZTE MAL BAR BEZAHLT HABE ICH IM FEBRUAR» Sie haben digitalswitzerland vor fünf Jahren in Davos am WEF ­gegründet. Ist die Schweiz digital jetzt besser? Die Schweiz ist schon besser geworden ... ... das tönt nach einem Aber ... ... korrekt. Die Schweiz ist besser geworden. Aber andere Nationen sind noch schneller, konsequenter und fokussierter in der Art und Weise, wie sie sich digital weiter­ entwickeln. Wo steht die Schweiz 2020 im globalen Vergleich? Nehmen wir das «IMD World Digital Competitiveness Ranking» als Basis. Mit Sicherheit eine der weltweit wichtigsten Forschungs­ arbeiten diesbezüglich. Wir sind neu auf Rang 6. Hinter den USA, Singapur, Dänemark, Schweden und Hongkong. Zufrieden? Nein. Wir haben zuerst einmal einen Platz verloren. Anstatt einen 46 www.digitaltage.swiss

gewonnen. Deutlich wichtiger aber ist: Wo sind wir wirklich gut? Und wo ist die Schweiz weiterhin nicht stark, ja sogar schwach. Nennen Sie einige dieser ­Schlüsselkriterien. Stark sind wir, keine Überraschung, bei der Wissenschaft. Kriterien, die hier untersucht wurden, sind: Wie viel Geld gibt man in der Schweiz für Forschung aus? (Rang 3.) Wie ist die Qualität der Hochschulen? ETH und EPFL sind Weltklasse-Universitäten. Wie ist die Regulierung für Forschung? Hier stehen wir auf Rang 1. Wo ist die Schweiz sonst noch stark? Beim sogenannten Bereich «Talent». Zum Beispiel schneidet die Schweiz mit Rang 10 stark ab bei der Pisa-Studie in Mathematik. Oder wir haben in unserem Land äusserst viele hochqualifi­ zierte, internationale Arbeitskräfte – Rang 1. Zusammenfassend: Bildung und Forschung, hier sind wir – gerade auch bei digitalen

Themen – Weltklasse. Das ist fun­ damental wichtig, denn Bildung und Forschung sind quasi die Basis für die Fähigkeit, sich weiterzuent­ wickeln. Wo ist die Schweiz schwach? Eine Firma zu starten, ist weiterhin kompliziert in der Schweiz (Rang 37). Eine wieder zu schlies­ sen, wenn es nicht geklappt hat, im Übrigen auch. Ebenfalls schwach: die Marktkapitalisierung von IT-Unternehmen mit Sitz in der Schweiz (Rang 43). Oder damit zusammenhängend: Exporte im Hightech-Bereich (Rand 30). Zusammenfassend: In der Forschung und Bildung sind wir super. Beim effektiven BusinessMaking nicht. Die Standort-Initiative digitalswitzerland hat bald 200 Mitglieder. Alle grossen Unternehmen, die grossen Bildungsinstitutionen wie ETH, EPFL, Universitäten, sogar Kantone sind Mitglieder. Was haben diese Unternehmen und Institutionen eigentlich davon? Es gibt, stark zusammengefasst, wohl zwei Gründe, warum wir derart viele hochkarätige Mitglieder haben dürfen: einerseits die Solida­ rität. Also der Wille, gemeinsam den Standort Schweiz weiterzuent­ wickeln. Im Wissen, dass es wich­ tig ist für jeden Einzelnen, dass der Standort stark ist. Starke Standorte

Foto: Gian Marco Castelberg

digitalswitzerland-Gründer und Ringier-CEO Marc Walder über die digitalen Stärken und Schwächen der Schweiz, seine Enttäuschung über die Schulen im Lockdown und seine grösste digitale Panne. Fabian Zürcher


«WIR ALLE DÜRFEN STOLZ DARAUF SEIN, WAS WIR GEMEISTERT HABEN»

helfen jedem, der dort tätig ist. Andererseits wohl, weil alle Unternehmen und Institu­tionen für sich selbst etwas aus der Mitgliedschaft bei digitalswitzerland mitnehmen können. Das variiert. Bei der ­Swisscom ist dies etwas anderes als bei der ETH, Google, den SBB oder dem Kanton Wallis. Warum fusionieren Sie jetzt mit ICTswitzerland? Eine wichtige Frage – und eine einfache Antwort: Weil wir gemeinsam stärker sind. ICTswitzerland ist in den Bereichen Bildung, Cyber Security und politische Meinungsbildung enorm stark. Die ICTBranche hat eine Bruttowertschöpfung von weit über 30 Milliarden – und da ist nur der eigentliche ICT-Kern eingerechnet. Welchen Einfluss hat die Corona-­ Pandemie auf die Digitalisierung? Corona hat in acht Monaten das bewirkt, was sonst drei bis vier Jahre dauert. Wir alle, Bürgerinnen und Bürger, Schülerinnen und

Schüler, Konsumentinnen und Konsumenten, wir alle haben begonnen, Dinge digital zu tun, die wir vor Corona nicht oder nur ab und zu so getan haben. Einkaufen, bezahlen, informieren, unterhalten, Sitzungen machen – das waren riesige Schritte. Was hat Sie bezüglich Digitali­sierung in dieser Zeit am meisten beeindruckt? Ganz klar dieser eine Punkt: Die Unternehmen hatten während des Lockdowns von einem Tag auf den anderen den allergrössten Teil ihrer Mitarbeitenden zu Hause. Und was ist passiert? Es hat geklappt! Die Dienstleistungen der Unternehmen, gross oder klein, konnten aufrechterhalten werden. Von den Banken, von den Versicherungen, von den Medien, den Telekommunikationsunternehmen, dem Handel und, und, und. Das war eigentlich Wahnsinn. Hätte man uns dies vor zehn Monaten so gesagt, wir hätten es nie und nimmer für möglich gehalten …

Was hat Sie am meisten enttäuscht? Zuerst einmal dürfen wir alle stolz sein darauf, wie wir diese historisch schwierigen Monate gemeistert haben. Wir alle. Wir, die Bürgerinnen und Bürger. Es war für uns alle nicht leicht. Es war oft sogar superkompliziert, mühsam, durchaus auch mit Konflikten verbunden. Auf einmal alle daheim. Alle im Stress, alle unter Druck. Alle in einer vollends neuen Situation, die sie nie für möglich gehalten hätten. Sie weichen aus. Nun: Die Schulen haben keinen besonders guten Job gemacht, ehrlich gesagt. Oder ich muss es präziser und auch fairer sagen: Sie haben alles gegeben, im Sinne von: Sie haben improvisiert. Aber wirklich digital parat, wirklich digital aufgestellt, das waren nur wenige Schulen in der Schweiz, wenn wir ehrlich sind. Das war schon eine erschreckende Erkenntnis. Was meinen Sie mit digital parat? Ein ganz konkretes Beispiel:  www.digitaltage.swiss  47


«DIGITALISIERUNG IST EINE KONSTANTE LERNÜBUNG»

Was hätten sie denn sonst tun sollen? Schulunterricht geben! Richtigen digitalen Schulunterricht geben. Um 8.30 Uhr beginnt der Unterricht. Nicht physisch, nicht im Klassenzimmer. Aber via Bildschirm. Mit perfekt koordinierten Abläufen: Das Lehrmaterial wird digital zugestellt. Und digital wieder an die Schule zurückgespielt. Und der Unterricht findet statt. Ganz normal. Der Lehrer in der Mitte einer täglichen, gut strukturierten Videokonferenz. Ist nicht trivial, klar. Aber ehrlich gesagt: auch keine Hexerei. Wie dachten Sie, als Sie erfahren haben, dass das BAG die gefaxten Covid-Meldungen auf die Waage legen muss? Sagen wir es so: Die Verwaltung, oder Teile der Verwaltung, haben erfahren müssen, dass man grossen Nachholbedarf hat – und die ganze Schweiz hat zugeschaut. Das muss unangenehm sein … Was ist Ihr Rat hier? Digitalisierung kann man nur erlernen, indem man damit beginnt. Digitalisierung ist eine konstante 48 www.digitaltage.swiss

Welche digitalen Regeln gelten bei Ihnen zu Hause? iPhone und Computer weg beim Essen und wenn miteinander ­geredet und diskutiert wird. Lernübung. Sie hört nie auf. Sie ist auch nie perfekt. Sie kennt den Zustand des «Nun ist alles richtig» gar nicht. Sie ist immer nur ein momentaner Zustand. Digitalisierung ist stets die Momentaufnahme vor dem nächsten Fortschritt. Wie würden Sie Digitalisierung überhaupt erklären? Faktisch ist Digitalisierung die Umwandlung von analogen Vorgängen und Objekten in digitale Vorgänge und Objekte. Wer damit beginnt, hat gewonnen. Wer wartet, hat verloren. Ich möchte Ihnen noch einige persönliche Fragen stellen zur Digitalisierung. Gerne. Wie bezahlen Sie? Mit Apple Pay und Twint. Zuletzt Bargeld benutzt habe ich im Februar in den Skiferien am Kiosk im Engadin. Seither nie mehr. Wie informieren Sie sich? Ich lese viel, aber selektiv, auf Papier. BLICK, NZZ, die Sonntagszeitungen, Spiegel, Bilanz, Handelszeitung. Den Rest auf dem iPhone, hauptsächlich: New York Times, Economist, Business Insider, Industrie-Info-Dienste, viele Informationen gelangen via Twitter zu mir. Wie hören Sie Musik? Und welche? Energy Zürich und SRF4 News im Auto. Spotify beim Joggen. Ihr Lieblingsalbum?

Ihre meistbenutzten Apps? WhatsApp, Blick, SRF Meteo, Twint, NYT, Spotify, Twitter, Vivino, SwissCovid App. Wie viel Zeit verstreicht bei Ihnen am Morgen zwischen Aufwachen und Handychecken? 15 Sekunden. Was hätten Sie punkto Digitalisierung nicht von sich gedacht? Dass ich mit meinem Auto rede. Tu ich heute jeden Tag. Netflix oder lineares TV? Netflix. Aber nicht nur. Ich schätze SRF für Information und Sport. Und die neue Samstagabend-­ Sendung «Wer wohnt wo?». Siri oder Alexa? Siri. Warum sind Sie auf Social Media nicht aktiver? Ich konsumiere viel. Und sende immer weniger. Was war Ihre grösste Digital-Panne? Ich habe, tief in der Nacht, am Ende langer Verhandlungen, ein ganzes Vertragswerk einer grossen Transaktion an die falsche Person geschickt. Es war auch noch ein Konkurrent. Eine Katastrophe. Seither prüfe ich jede E-Mail-­ Adresse im Fenster oben dreimal … Wie hoch ist Ihre Screen Time? Habe grad auf meinem iPhone nachgeschaut: 4 Stunden und 39 Minuten. Der Durchschnitt der vergangenen sieben Tage.

Foto: Gian Marco Castelberg

Die Kinder haben vor sich her gelernt, so gut es ging. Alleine am Tisch. In ihrem Zimmer. In der Stube. In der Küche. Vor sich ausgedruckte Aufgabenseiten, die sie zugemailt erhalten haben. Diese Seiten haben sie dann abgearbeitet. Wochenlang. Alle paar Tage rief der Lehrer oder die Lehrerin dann an und hat sich erkundigt: Ist alles okay bei dir?

Robbie Williams. Live at Knebworth.


WIR SIND DIGITALSWITZERLAND

Digital

Kanton Graubünden Chantun Grischun Cantone dei Grigioni

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LeRéseau.ch

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Lugano Living Lab


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KRAKE & CO. Die Internet-Giganten Google, Amazon, Facebook, Apple (GAFA) binden uns und unsere Daten immer stärker an ihre Platt­formen. Besserer Service vs. private Freiheit? Marc Neumann

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ur Fliegen ist schöner», das geflügelte Wort einer OpelWerbung aus dem Jahr 1968, stimmt seit der Corona-Krise nicht mehr. Geschlossene Grenzen, Quarantäne und die Angst, dem neu­ artigen Coronavirus zu begegnen, haben Flugreisenden die Lust am Abheben gründlich verdorben – und den Fluggesellschaften das Geschäft. Womöglich brauchen sie das gar nicht mehr. Das legte unlängst ein Bericht in der «Financial Times» nahe. Danach liegt der eigentliche Wert der Airlines nicht mehr in ihren Flugzeugen und ihrem operativen Geschäft. Vielflieger- und Prämienprogramme schlagen mit einem Vielfachen davon zu Buche. So ist etwa das AAdvantage-Programm von American Airlines 26 Milliarden US-Dollar wert, die Fluglinie selbst derzeit noch deren sechs. Ähnlich sieht es bei anderen krisengeschüttelten Fluggesellschaften aus: Sie weisen ihre Loyalitätsprogramme als Deckungssicherheit für Kredite aus. Damit sind Fluglinien nicht mehr primär Transportdienstleister, sondern über Partnerschaften mit Kreditkartenfirmen und anderen Unternehmen zum Händler von Daten und Kundenprofilen mutiert. Wie

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so ziemlich jedes digitale Unternehmen sind Fluglinien Teil einer neuen Wirtschaft, in der die Konsumentendaten selbst zur Ware werden. Nach dem Vorbild von Technologiepionieren wie Google, Amazon, Facebook oder Microsoft suchen, sammeln und ernten sie auf Apps Daten, die Aufschluss über das Verhalten von Konsumenten geben. Das heisst aber auch: Der digitale Fussabdruck von Bürgern wird im Netz auf Schritt und Tritt verfolgt und

überwacht. Wird uns damit besser gedient, oder sind unsere Autonomie und Freiheit in Frage stellt? Dieser Überwachungskapitalismus, wie ihn Harvard-Professorin Shoshana Zuboff in ihrem viel be­ achteten Wälzer «The Age of Sur­ veillance Capitalism» nennt, entsteht zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Hatte die Suchmaschine Google ursprünglich den Zweck, ihren ­ ­Anwendern durch die Suchfunktion das ­Leben im Internet zu verein­


Fotos: Imago, Getty Images

Der Zorn der Omas: Vor dem Firmenhauptsitz von Facebook im kalifornischen Menlo Park rufen die «Raging Grannies» zu höherem Konsumentenschutz und mehr Online-Privatsphäre auf.

fachen, merkte der Tech-Gigant alsbald, dass die Suchläufe der Anwender selbst wertvolle Information zu Konsumverhalten und -vorlieben enthielten – eine marktforscherische Goldgrube. So konnte Google fortan seinen Anwendern Werbung gezielter ausspielen und Konsumenten intelligent in Richtung bestimmter Produkte steuern. Seither sucht Google nicht mehr nur für uns, ­sondern auch nach uns. Geschäfts­ modell Datenkrake.

Auch Facebook, Amazon und andere Internetunternehmen machten das Schürfen und Raffinieren des Rohstoffs Daten über User-Verhalten zum Kerngeschäft – um Werbern und Produkteanbietern quer über verschiedene Plattformen den bestmöglichen Zugang zum Idealkunden zu gewähren. Die Folge sind die unheimlichen Momente, wenn Suchbegriff oder Thema eines Facebook-Chats urplötzlich als OnlineWerbung oder Produktangebot auf

einer völlig anderen Webseite oder App auftaucht. Viele Menschen empfinden das als Eindringen in ihre ­Privatsphäre. Big Brother schaut zu. Möglich macht dies immer derselbe Kuhhandel. Er lässt sich schön am englischen Wort «free» fest­ machen. Es heisst bekanntlich frei, aber auch gratis. Anwendern wird eine Dienstleistung (Suchfunktionen, Apps, virtuelle Assistenten wie Alexa, Nutzung einer Plattform in sozialen Medien) kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug geben User mit der Unterzeichnung der ­allgemeinen Geschäftsbedingungen ihre persönlichen Daten frei. Das scheint oftmals ein guter Deal, verspricht er doch Bequem­ lichkeit, einfache Kommunikation mit anderen Menschen, Zugang zu Information oder die gesteigerte ­Effizienz von Dienstleistungen. Geben User Fluglinien etwa ihre bio­ metrischen Daten, vermindern sie die Wartezeit bei Check-in und Security, sparen Zeit und Nerven. Der Preis dafür scheint verschwindend klein, ist es aber keineswegs: Bio-, geo- und demografische Daten, Medienprä­ferenzen, Interaktionen und emo­ tionale Reaktionen wie Likes, GIFs, Emojis, selbst Kommentare und Interpunktion lassen sich in der digitalen Sphäre statistisch erfassen und in Form von Nutzerprofilen auswerten. Letztere wiederum lassen sich allen möglichen kommerziellen Zwecken, Zielen, Prognosen und entsprechenden Angeboten zuordnen. Sie sind die Grundlage des digitalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Das ist so lange von Vorteil, als diese Angebote so transparent und fair bleiben, dass User bei der Produktewahl Optionen haben. Nur ist das auf Plattformen von Amazon bis Google nicht immer gegeben. Konkurrenten werden geblockt, Angebote gegen Bezahlung bevorzugt platziert. Konsumenten-User erhalten eine kuratierte Liste zur Auswahl – oft ohne ihr Wissen. Das ist nicht nur eine mögliche Wettbewerbs-  www.digitaltage.swiss  53


verzerrung und Monopolisierung. Die Beschränkung der Freiheit von ahnungslosen Konsumenten ist ethisch fragwürdig. Wenn diese zudem auf spezifische digitale Dienstleistungen im Gesundheits- oder Versicherungssektor angewiesen sind, haben sie noch weniger Mittel, ihre privaten Daten zu schützen. Wie weit die Zweckentfremdung persönlicher Daten gehen kann, zeigt das viel zitierte Beispiel von Cambridge Analytica (CA). Die Meinungen ­ darüber, wie erfolgreich das ­Unternehmen mit seinem Micro-­ Targeting von Wählern bei der Beeinflussung der US-Präsidentschaftswahlen 2016 tatsächlich war, gehen auseinander. Bei der Einschätzung des Geschäftsmodells von CA herrscht dagegen Einigkeit. Wer von Facebook 87 Millionen von persönlichen Datensätzen abzieht und fein abgestimmte Psychogramme erstellt, um politische Zielgruppen gezielt

New Yorker gegen Amazon: Protestaktion gegen das Jeff-BezosImperium.

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No Entry: Demonstranten blockieren den Eingang eines Apple-Geschäfts in Hongkong.

­ ewerben zu können, macht unlaub tere Politpropaganda. Dementsprechend verstört reagierten Regulierer und Öffentlichkeit, als die Machenschaften von CA ans Licht kamen. Mittlerweile ist Schwung in die ­regulatorischen Bemühungen gekommen. In den USA müssen die CEOs von Facebook, Google, Apple und Amazon regelmässig zu Hearings von Kongressabgeordneten antraben, sogar eine Zerschlagung der InternetGiganten wird diskutiert. Schliesslich hätte es «solche Monopole zuletzt zur Zeit der Ölbarone gegeben». Auch die Section 230 des Communications Decency Act aus dem Jahr 1996, die es Online-Unternehmen ermöglicht, jenseits der Verpflichtungen von Verlagen und Medien zu operieren, wird in Frage gestellt. Das ist insofern von Bedeutung, als Section 230 weitgehend Freiheit bei der Schaltung von Inhalten lässt, welche sie überhaupt erst attraktiv macht. In der EU weht den GAFA-Unternehmen beim Datenschutz ein steifer Wind entgegen, aber nicht nur dort: Wettbewerbskommissarin Margrethe ­Vestager brummte Google drei Bussen in der Rekordhöhe von insgesamt 8,25 Milliarden Euro auf, weil das Unter­ nehmen seine marktbeherrschende Position ausnutzte. Im Vergleich kam Apple in Frankreich mit 1,1 Milliarden für wettbewerbsschädliches Verhalten glimpflich ­davon. Das Powerplay funktioniert aber auch umgekehrt: Auf die Weigerung, die Weitergabe der Nutzerdaten ­seiner 410 Millionen europäischen Anwender in die USA zu erlauben, reagierte Facebook unlängst mit der

Drohung, sein Geschäft aus Europa abzuziehen. Neben der Peitsche ­geben die GAFAs auch Zuckerbrot, etwa mit der Lancierung von Finanzierungsprogrammen für Medien und verwandte Technologieanbieter. Dementsprechend werden auch die User und Bürger hellhörig, wenn es um den Schutz ihrer Privatsphäre und Konsumentenfreiheit geht. Erstmals auf die klammheimlichen Datenstaubsauger sensibilisiert wurde die Öffentlichkeit durch die Enthüllung der Machenschaften der National Security Agency durch Edward Snowden im Jahr 2013. Der Whistleblower detaillierte mehrere digitale Spionage-Programme der US-Geheimdienste. Der Aufschrei war zu Recht gross, nicht zuletzt auch über Details einer Serverfarm in Salt Lake City, dem Utah Data Center, wo viele der Datensätze angeblich gelagert wurden. Gemäss Medienberichten bot das Datenzentrum Speicher- und Verarbeitungskapazitäten von fünf Zettabytes, in etwa der Menge der global produzierten ­Daten im Jahr 2013. Ein Zettabyte entspricht 1021 Bytes, also einer 10 mit 21 Nullen bzw. einer Billion Gigabytes. Mittlerweile schätzt die International Data Corporation die weltweite Datensphäre auf rund 50 Zettabytes. Bis 2025 soll sie auf 175 anwachsen. Das sind schwerlich ­ ­begreifbare Dimensionen und Indiz dafür, dass die Datensammlung auch in Zukunft steter Begleiter unseres digitalen Lebens bleibt. Genau wie die Frage, wie wir dies mit unserer persönlichen Freiheit unter einen Hut bringen.

Fotos: Getty Images

«KONSUMENTEN ERHALTEN EINE KURATIERTE LISTE VORGESETZT»


UNTERSCHÄTZT Ex-Microsoft-CEO Steve Ballmer gab 2007 dem Smartphone mit Touchscreen keine Chance. «Viel zu teuer!», war er überzeugt. Das zeigt: Auch Tech-Experten können irren. Welche Trends werden aktuell zu Unrecht gehypt, welche bekommen zu wenig Beachtung? Wir haben die wichtigsten herausgesucht. Lorenz Keller, Digitalredaktor daskannwas.ch

Streaming-Plattform Twitch

Live-Videos kombiniert mit Chats sind das Herzstück von Twitch. Damit macht die Streaming-Plattform inzwischen sogar Youtube Konkurrenz. Auch weil damit ein äusserst junges Zielpublikum abgeholt wird. Kaum jemand über dreissig tummelt sich auf Twitch. Inzwischen gibts im deutschsprachigen Raum bereits Profi-Streamer, die davon leben. Und ihre Live-Streams erreichen bereits Einschaltquoten von Fernsehsendungen. Längst werden auch nicht mehr nur Games gespielt. Es ist vielmehr ein Mix aus ­Reality-TV und Soap-Opera. Dazu ist jeder Streamer täglich über Stunden online. Die Nähe zu den Twitch-Grössen, die enge Bindung der Fans, die Rundum-Vermarktung – das alles bringt einen neuen Typ Star hervor, der glaubwürdig und nahbar ist. Und dabei noch total unterschätzt wird von Öffentlichkeit und Wirtschaft.

Superstar der Szene: Streamer und E-Sportler Ninja (29) verdiente 2018 10 Millionen US-Dollar via Twitch.

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Das Smartphone, das automatisch jene App vorschlägt, die man gerade braucht. Der virtuelle Kundenberater im Chat, der zuerst einfache Fragen beantwortet, bevor er zu einem Callcenter weiterleitet – das alles sind Beispiele für Assistenten mit künstlicher Intelligenz, die schon heute funktionieren. Ganz selbstverständlich nutzen wir sie, weil sie uns kaum auffallen. Schritt für Schritt wird in den nächsten Jahren die künstliche Intelligenz unser Leben erobern. Lichter, die automatisch ausgehen, wenn alle schlafen. Der Wecker, der seinen Alarm automatisch dem Verkehrsaufkommen anpasst. Nichts Spektakuläres, aber sehr viele kleine komfortable Verbesserungen.

Fotos: Getty Images, Shutterstock, ZVG

Intelligente Assistenten


Daten-Brille

Mit dem Scheitern von Google Glass haben viele Experten die digitale Brille schon abgeschrieben. Nur war der US-Konzern damit einfach mindestens ein Jahrzehnt zu früh. Den Handy-Display haben wir schon jetzt dauernd vor Augen. Eine Frage der Zeit also, bis er in ein paar Jahren in Brillen integriert wird. Die sind bequem zu tragen, und man gewöhnt sich schnell daran. Ausserdem ist es mit Augmented Reality möglich, alle notwendigen Infos direkt ins Gesichtsfeld einzublenden. Etwa Wegbeschreibungen, einen Videocall, die Abfahrtszeiten des Busses oder das Menü eines Restaurants. Bis dahin dauert es allerdings noch, denn die nötige Technik muss in ein herkömmliches Brillengestell passen.

Gesundheits-Tracking

Im deutschsprachigen Raum nutzt bereits über ein Drittel der Menschen einen Fitness-Tracker. Etwa gleich viele nutzen das Smartphone, um Schritte zu zählen und verbrannte Kalorien zu messen. Die problematische Seite dieser dauernden Überwachung der Gesundheitsdaten: Krankenkassen würden sie natürlich gerne zur Risikominimierung nutzen. Doch es gibt auch eine zukunftsweisende, noch völlig ­unterschätzte Vision: Werden wichtige Vitalwerte wie Puls oder Blutdruck laufend kontrolliert, können Menschen gewarnt werden, bevor es zu gesundheitlichen Problemen kommt. Ansatzweise macht das bereits die Apple Watch mit der Messung von Puls, EKG und neu auch Blutsauerstoff. www.digitaltage.swiss  57


ÜBERSCHÄTZT Virtuelle Konzerte

Eine Zeit lang galten sie als das nächste grosse Ding. Reale Erleb­nisse werden in die virtuelle Welt transferiert. Also etwa Konzerte im 360-Grad-Modus auf der Virtual-Reality-Brille erleben – oder zu Hause auf dem Sofa sitzend dem Orchestre National de Lyon lauschen (Bild). Das ist im ersten Moment eindrücklich, begeistert langfristig aber keineswegs. Die technischen Einschränkungen kann man lösen, nicht aber leugnen, dass eine Konzertbühne und LiveMusik in der Realität viel emotionaler und berührender sind als eine Illusion davon. Das Einzige, was in der Virtual-Reality-Welt funktioniert, ist das Eintauchen in künstliche Welten, etwa bei Games.

Vollautomatische Haushaltsroboter

Ein Knopfdruck, und schon werden Haus und Garten geputzt – von den Fensterscheiben bis hin zur verschneiten Einfahrt. Das dürfte noch eine ganze Weile ein Traum bleiben. Natürlich gibts schon heute digitale Helfer im Haushalt: Staubsauger-Roboter etwa oder vernetzte Waschmaschinen. Aber sie erledigen nur kleine Teilaufgaben. Und so wird es im digitalisierten Haushalt auch bleiben. Denn einen menschlichen Roboter à la Science-Fiction zu bauen, der einem alle Arbeiten abnimmt, das ist unglaublich komplex und total ineffizient.

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Fotos: Shutterstock, Imago

Personen-Drohnen Cybersex

Die Pornoindustrie mit all ihren ErotikAblegern gilt als Treiberin technologischer Revolutionen. Aktuell etwa bei Plattformen wie Onlyfans, wo man gegen Geld direkten Zugang zu den Stars erhält. Zuerst haben dies vor allem Pornostars genutzt, nun auch Sängerinnen oder Musiker, die gegen Bezahlung mehr oder weniger Privates von sich preisgeben. Sexuelle Handlungen übers Internet aber, also der Kerngedanke von Cybersex, führt weiterhin ein Nischendasein. Der Beweis: Bei aller Liebe zur Technik während des Corona-Lockdowns, sexuelle Stimulation mit Hilfe von Datenhelmen, VR-Brillen oder Datenhandschuhen hatte auch zu dieser Zeit keine Chance.

Sind Drohnen die Lösung für den Güter- und Personentransport? Millionenschwere Start-ups rund um die Welt sehen das so. Vor allem Drohnen als Flugtaxis in den Städten beflügeln die Fantasie. Noch sind aber viele rechtliche Fragen ungeklärt. Und auch ganz grundsätzlich stellen solche Drohnen keine Lösung für die Verkehrsprobleme der Städte dar. Vom total ineffizienten Ressourcenverbrauch von Fluggeräten jeder Art ganz zu schweigen. Darum wird es in den nächsten Jahren zwar garan­tiert Drohnenflüge über Städte geben, dies aber mehr als Touristenattraktion, wie heute Helikopter­flüge als Alternative zu öffentlichem Verkehr oder Elektromobilität.

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IN KOOPERATION MIT

UBS strebt mit der Einführung des digitalen Büros eine noch effizientere und effektivere Nutzung der Ressourcen an. Das kommt der Umwelt und den Mitarbeitenden zugute – aber in erster Linie den Kundinnen und Kunden. Der Digitalisierungsprozess bei UBS ist in vollem Gang: Das Ziel der grössten Universalbank der Schweiz ist die umfassende Etablierung des Digital Office, einer möglichst vollständig digitalen Umgebung für das Personal in der Schweiz. «Wir haben ein Programm ins Leben gerufen mit der Absicht, unsere Geschäftsprozesse ausgehend von der Kundenschnittstelle über die ganze Verarbeitungskette hinweg konsequent zu digitalisieren und ohne Medienbrüche abzubilden», ­erklärt Karin Oertli, COO von UBS Schweiz. Dies hat den Effekt, dass Kundenaufträge auf digitale Art und Weise effizient verarbeitet werden – nachhaltig und vollständig skalierbar. Zusätzliche Aufträge und grössere Volumina können ohne Zeit- und Qualitätsverlust bearbeitet werden. Die UBS-Kunden profitieren also von einem massiven Zeitgewinn – aber nicht nur: Sie können auch immer mehr Services online von zu Hause oder unterwegs per Smartphone nutzen. Weil Roboter vermehrt repetitive Tätigkeiten im Hintergrund übernehmen, können sich die Mit­arbeitenden fokussierter auf die wertschöpfenden ­Aufgaben, wie die Beratung und Unterstützung der Kunden konzentrieren. Der Service wird insgesamt 60 www.digitaltage.swiss

besser und schneller, was wiederum zu e­ iner Verbesserung der Kundenzufriedenheit beiträgt. Mittelfristig wird die Kundschaft in den Genuss von noch mehr Vorteilen kommen: UBS verfolgt unter dem Dachbegriff «Operational Excellence» einen effizienten und effektiven RessourcenEinsatz, um den Kunden über alle Kanäle hinweg ein nachhaltiges und konsistentes Erlebnis zu bieten. Dazu ge­hören konkrete Angebote wie etwa bei der Haus­finanzierung. Etabliert wurde in diesem Zusammenhang «key4 by UBS», das Nutzern ermöglicht, innert Minuten eine neue Hypothek zu beantragen respek­tive zu verlängern. Im Frühling 2020 eingeführt wurde zudem der Digital Mailroom, die Transformation des zuvor mehrheitlich papierbasierten Postsystems in eine komplett digitale Umgebung. Eine Herkulesaufgabe, denn aufgrund von Corona musste alles schnell gehen: Die noch bestehenden physischen Briefe, Formulare oder Verträge wurden per Scanning und optischer Zeichenerkennung auf Digital Mailroom migriert, damit die Mitarbeitenden von zu Hause aus – in einer gesicherten IT-Umgebung – auf die

Dokumente zugreifen und diese bearbeiten können. Dies hat gleichzeitig den Vorteil, dass Wartezeiten vermieden werden und die Umwelt geschont wird, da nun sämtliche externe Post digitalisiert ist. Seit Beginn dieses Jahres konnten 366 000 Briefe und somit 600 000 Dokumente im Digital Mailroom verarbeitet werden, das entspricht zwei Millionen Seiten oder umgerechnet zehn Tonnen Papier. Auch Roboter kommen bei UBS verstärkt zum Einsatz. Sechs dieser nützlichen Helfer wurden mit dem Beginn der Corona-Pandemie für das Bewältigen der grossen Menge an Anträgen für Überbrückungs­ kredite, welche die Bank im Rahmen des Covid-Kreditprogramms für KMU vergab, innert kürzester Zeit gebaut und zur Verfügung gestellt. Dadurch konnten Gesuche in weniger als einer halben Stunde bearbeitet werden, in den ersten 48 Stunden wurde die hohe Anzahl von über 12 000 Kreditanträgen abgewickelt – insgesamt wurden 24 000 Anträge durch UBS-Mitarbeitende, unterstützt von Bots, bearbeitet. «Wir wollen mit unseren Bestrebungen unsere Kunden unterstützen, die Interaktion mit ihnen erleichtern, und weiter an Schnelligkeit gewinnen. Im Fokus steht dabei auch das Kundenbedürfnis nach digitalen Dienstleistungen, dem wir auf innovative und agile Art begegnen möchten», präzisiert COO Karin Oertli die Robotics-Strategie. Das Fernziel von UBS: Dank der sinnhaften Unter­ stützung der Mitarbeitenden durch Roboter soll das Banking – zusammen mit sämtlichen digitalen Bestrebungen – noch kundenfreundlicher und schneller werden.

Foto: Getty Images

SO PROFITIEREN SCHWEIZER UBSKUNDEN VON DER DIGITALISIERUNG


SO REVOLUTIONIERT UBS DIE IMMOBILIENFINANZIERUNG Gegenwart und Zukunft sind auch in der Bankenwelt digital: Online-Plattformen setzen sich unter anderem bei der Finanzierung von Eigenheimen durch. Als «Game Changer» etabliert sich hier UBS, welche die Branche mit dem smarten Angebot «key4 by UBS» aufmischt.

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ine Immobilie zu finanzieren, war bisher ein langwieriger Prozess: Haus­ käufer mussten sich erst in einem Dschungel der Angebote zurechtfinden, Zinssätze und Laufzeiten studieren, mit mehreren Anbietern sprechen, Dossiers einreichen und schliesslich Offerten ein­ holen und vergleichen. Zu mühsam und aufwendig in einer Zeit, in der alle immer vielbeschäftigter sind. Gefragt sind Lösungen, mit denen die meisten Angelegenheiten digital, einfach und sicher per Smartphone erledigt werden können. Digitale Plattformen und Markt­ plätze gelten deshalb für fast alle Branchen als Erfolgsmodell. Der Grund: Das Aufeinan­ dertreffen von mehreren Anbietern von gleichen oder sich ergänzenden Produkten und Dienstleistungen auf Plattformen schafft Transparenz für Kunden und bietet zudem einfache Lösungen zu einem Thema schnell und unkompliziert aus einer Hand. Genau hier setzt UBS mit ihrer neuen Im­ mobilienfinanzierungsplattform an. «key4» beschleunigt herkömmliche Abläufe massiv. Interessenten, die eine bestehende Hypothek verlängern oder eine neue abschliessen möchten, haben schon nach ein paar Klicks alles aufgegleist: Nach wenigen Angaben zum finanziellen Rahmen der Wunsch­ hypothek, zur Immobilie und zur eigenen finanziellen Situation sowie zu den persönli­ chen Präferenzen treffen die besten Ange­ bote von diversen Anbietern ein, transparent aufgeschlüsselt nach monatlichen Kosten. Ein cleverer Algorithmus machts möglich. Die Anbieter, das sind ausgewählte insti­ tutionelle Investoren aus der Schweiz, An­ lagestiftungen und Pensionskassen sowie UBS selbst. Eine wahre Innovation: Denn statt die Hypothek wie bisher üblich mit nur einem Kreditgeber abzuschliessen, können die key4-Kundinnen und -Kunden

ihre Hypothek in mehreren Tranchen zu den jeweils besten Bedingungen bei bis zu drei Investoren aufnehmen. Sie können zum Beispiel eine SARON Hypothek mit kurzer Vertragslaufzeit bei der Bank und/oder eine Festhypothek mit 1 bis 15 Jahren Laufzeit bei einer Pensionskasse kombinieren. Unterstützt werden die key4-Kunden beim Schnüren dieses individuellen Gesamt­ pakets von den kompetenten key4-Beratern, die kostenlos und flexibel, also auch nach Büroschluss und samstags, per Telefon oder Videocall zur Verfügung stehen. Und nach erfolgtem Abschluss können sich die Kunden ebenfalls auf einen einzigen Ansprechpart­ ner verlassen: UBS übernimmt Verwaltung, Betreuung und Bewirtschaftung der Hypo­ thek. Die Bank etabliert sich hier als veritab­ ler «Game Changer» in der Branche, indem sie eine Doppelrolle als Anbieterin und Ver­ mittlerin von Hypotheken und Tranchen von verschiedenen Kreditgebern einnimmt. Mit key4 hat UBS in Sachen Digitalisie­ rung der Hypothekarbranche vorgelegt, ist damit aber noch lange nicht am Ziel. Mittel­ fristig peilt die Bank ein offenes Ökosystem an, das dem Kunden von A bis Z alles auf

einen Blick zum Thema Eigenheim bietet. Konkret sind das nebst der Finanzierung auch Angebote zur Wohnungs- und Haussu­ che, zum Einrichten, zur Renovation, zur Bewirtschaftung, aber auch zu Versicherun­ gen und Säule 3a. Weitere Partnerschaften, die für den Aufbau dieses Systems unabdingbar sind, wurden deshalb bereits eingeleitet. Das Por­ tal «Houzy» etwa stellt Wohneigentümern Onlinetools und ein Netzwerk an Handwer­ kern zur Verfügung. Ergänzende Partner sollen in Kürze folgen. Parallel zum Aufbau dieses Dienstleistungskomplexes werden aber auch bereits bestehende Lösungen stetig verbessert – dies besonders anhand von User-Feedbacks. Überhaupt ist «User Centricity» ein wichtiges Stichwort für UBS: Bei der Entwicklung von key4 wurden mit Prototypen und rund 300 Nutzern Tests durchgeführt, um das Angebot gemeinsam mit den Kunden schrittweise zu optimieren – und mittels User Testing auch laufend auszubauen. Eine agile Arbeitsweise, mit der UBS noch flexibler auf die individuellen und sich wandelnden Lebensumstände der Kunden reagieren kann.

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Am Boden: Donald Trumps Wahlstratege Brad Parscale wird am 27. September verhaftet. Es bestand akute Suizidgefahr.

Mit dem Slogan «It’s the economy, stupid!» («Es ist die Wirtschaft, Dummkopf!») gewann Bill Clinton 1992 die Wahlen. Wirtschaft könnte man aber genauso gut mit Technologie ersetzen. Peter Hossli

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Fotos: AFP, Imago

IT’S THE TECHNOLOGY, STUPID!

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er die aktuelle Technologie beherrscht, wird Präsident. Darum war es ein Schock für Donald Trump, als Anfang Oktober sein wichtigster Wahlhelfer seine Ämter niederlegte. Tage zuvor war Brad Parscale ins Spital eingeliefert worden; er wollte sich das Leben nehmen. Bis dahin orchestrierte Parscale den datengetriebenen Wahlkampf des Präsidenten. Mittels Algorithmen und Mikro-Targeting versuchte er zu bestimmen, wo es am ehesten Sinn machte, Wahlwerbung zu schalten. Was dieses Jahr wichtiger denn je wurde. Wegen der Corona-Pandemie fand der Wahlkampf hauptsächlich digital statt. Und nachdem Trump positiv auf Covid-19 getestet wurde, verlagerte sich sein Wahlkampf kurzfristig gänzlich in den digitalen Raum. Denn die Geschichte zeigt eines deutlich: Nicht die Person mit dem besten Programm gewinnt an der Urne, sondern jene, die mit der aufstrebenden Medientechnologie


Trump von TikTok-Teenies getrollt: Das Ergebnis war ein halbleeres Stadion beim Wahlkampfauftritt des Präsidenten am 20. Juni in Tulsa, Oklahoma.

umzugehen weiss. Bis zu seinem Abgang war Parscale das digitale Genie in Trumps Team. Insbesondere wusste er, wo die Wählerinnen und Wähler sich informieren. So erkannte er 2016 Facebook als das wahlentscheidende Medium. Er sah auf der Plattform, welche Themen wirklich bewegten – und schärfte die Aussagen Trumps. Eine Investition in die Zukunft Der Präsident und sein langjähriger Stratege kennen sich seit 2010. Damals betrieb der über zwei Meter grosse Mann eine kleine digitale Agentur in San Antonio, Texas. Für 10 000 Dollar setzte er für Trump eine Webseite auf. Den tiefen Preis sah er als Investition in die Zukunft. Es folgten Aufträge von Gattin Melania Trump und Sohn Eric. Und schliesslich entwickelte Parscale die Webseite für Trumps Wahlkampf ­sowie eine digitale Strategie. «Will Trump der nächste Präsident werden, muss er sich Facebook zunutze

machen», soll er zu Trumps Schwiegersohn Jared Kushner gesagt haben. «Lasst mich machen, und ich werde ihm helfen zu siegen.» In einem Bürogebäude in San Antonio führte Parscale ein Team von 100 Personen, genannt «Project Alamo», das eine aggressive Werbekampagne auf Facebook führte. Er wusste: Fast drei Viertel der erwachsenen Amerikaner nutzen Facebook, besonders häufig ältere und konservative Menschen, die in ländlichen Gegenden leben – Personen, die der Republikaner Trump benötigte, um die demokratische Widersacherin Hillary Clinton zu schlagen. Dieses Jahr versuchte er das Prinzip zu wiederholen und zu inten­sivieren. Gezielt bediente er die «schweigende Mehrheit» Amerikas, die sich nach wie vor hauptsächlich auf Facebook informiert und austauscht. Er hatte damit Erfolg, wie der «New York Times»-Journalist Kevin Roose aufzeigt. Denn mehrheitlich prägen konservative Stimmen die

Debatten auf Facebook. Täglich wertet Roose auf Facebook geschaltete und kommentierte Links aus und publiziert auf dem Twitter-Konto @FacebooksTop10 eine Hitparade. Dort zeigt sich, konservative und Trump freundlich gesinnte Themen sind populärer als liberale. Trump gilt auf Facebook etwa als effektiver Bekämpfer der Covid-19-Krise, gleichzeitig sind die Sympathisanten von «Black Lives Matter» allesamt gewalttätige Plünderer. Der nette Joe Ganz anders Joe Biden, der sich wenig für den digitalen Wahlkampf interessiert. Als er sich im März 2020 die Kandidatur seiner Partei sicherte, arbeiteten nur 19 Personen in seinem Digital-Team. Mittlerweile sind es zwar 200, doch diese sammeln online vor allem Geld. Bidens Strategie ist das Gegenteil von Trump: nicht angriffig und laut, sondern versöhnend und nett. Biden glaubt, eine beruhigende  www.digitaltage.swiss  63


Schwitzend und grau: Richard Nixon verliert das erste TV-Duell der Geschichte und die Wahl an John F. Kennedy.

digitale Kampagne wirke in einer chaotischen Zeit. «Die Art und Weise, wie wir online Geld sammeln, spiegelt die Art und Weise wider, wie der ehemalige Vizepräsident Stimmen sammelt, das heisst indem er Dankbarkeit zeigt, Menschen miteinbezieht und ihnen das Gefühl gibt, Teil von etwas zu sein», sagte Rob Flaherty, der die digitale Strategie von Biden leitet. «Dadurch fühlen sich die Menschen verbunden mit der Kampagne und wollen mehr Geld geben.» Schlecht geschminkt zur TV-Debatte Die Geschichte spricht gegen einen solch defensiven Wahlkampf. Zumal es etliche Beispiele gibt, die zeigen, wie wichtig es ist, das angesagte Medium der Zeit zu beherrschen. Ein folgenschwerer Fehlgriff in den Kleiderschrank unterlief am 26.  September 1960 dem damaligen Vizepräsidenten Richard Nixon. Er wählte einen grauen Anzug und trug ihn im ersten live übertragenen Fernsehduell zweier Präsident­schafts kandidaten. Widersacher John F. Kennedy trug Dunkelblau. Er stach am schwarz-weissen Bildschirm hervor. Nixons Jackett und das Dekor im Studio hatten fast das gleiche Grau. Nixon versank im Bild. Nicht nur das. Nixon hatte sich geweigert, Schminke aufzutragen. Schweiss rann ihm übers Gesicht, er wirkte bleich, das Gesicht schien unrasiert. Kennedy liess sich pudern, sah jugendlich

Social-Media-Dekret: Donald Trump geht am 28. Mai gegen Twitter und Facebook vor, weil sie seine Tweets als Fake News labeln.

a­ ufgeräumt aus – vor 70 Millionen Zuschauern. Das entsprach zwei Dritteln aller Amerikaner, die Anfang November den Präsidenten wählen würden. Die Mehrheit befand, Kennedy hätte die Debatte für sich entschieden. Nicht etwa, weil er klügere Argumente führte. Wer das Duell am Radio verfolgte, erklärte mehrheitlich Nixon zum Sieger. Kennedy aber sah besser aus. Nixon unterlag Kennedy um 120 000 Stimmen. Wahlentscheidend sei die TV-Debatte gewesen, urteilen Historiker. Kennedy

bote. Insbesondere junge Wähler, hatte er realisiert, kommunizieren über Twitter. Obama verbreitete Nachrichten zusätzlich auf der Videoplattform Youtube, veröffentlichte auf Flickr persönliche Fotos, mobilisierte Fans mit Kurzbotschaften über Twitter. Auf Facebook hatte er fünfmal mehr Freunde als Gegner John McCain. Die Nonstop-News-Sender Jahrzehntelang schauten Amerikaner hauptsächlich über die Antenne verbreitetes Fernsehen. Nationale Sender wie ABC, CBS und NBC lieferten Serien, Sport und Nachrichten. Lange spielte das Kabelfernsehen nur eine Nebenrolle. Bis ein junger Gouverneur aus Arkansas das politische Parkett betrat. Statt kostspielige Werbung bei Sender­ ketten zu platzieren, schaltete Bill Clinton im Wahljahr 1992 Spots im Kabelfernsehen. Dort war es möglich, sie günstiger und geografisch gezielter auszustrahlen – bis zum gewünschten Wahlkreis. Clinton verminderte so den Streu­verlust der Werbegelder. Zeitgleich erkannten seine Berater den Multiplikator-Ef-

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hatte das Medium Fern­sehen begriffen, und Fernsehen war das Medium du jour. Neun von zehn Haushalten besassen einen Apparat. Der Twitter-Präsident Barack Obama trug den Übernamen «Twitter-Präsident». Meisterhaft nutzte der damalige US-Senator im Wahljahr 2008 die sich blitzartig verbreitenden Social-Media-Ange-

Fotos: AP, Imago, Twitter

WER DAS AKTUELLE MEDIUM BEHERRSCHT, WIRD PRÄSIDENT.


fekt des damals noch jungen NewsSenders CNN. Während seine Konkurrenten George Bush und Ross Perot über niedrige Einschaltquoten lästerten, trat Clinton oft bei Larry King auf. Was er dem legendären CNN-Talkmaster erzählte, sorgte andernorts für Schlagzeilen. Es war wiederum Clinton, der 1996, mitten im Wahljahr, eine erste Webseite für das Weisse Haus einrichtete. Gegner Bob Dole hatte nichts Dergleichen zu bieten. Clinton gelang die Wiederwahl. Die erste Internet-Wahl Wahlentscheidend war das Internet erstmals 2004. Die republikanischen Strategen um George W. Bush hatten Millionen investiert, um ausgeklügelte E-Mail-Adresskarteien aufzubauen. Gezielt versorgten sie Nichtwähler in vorwiegend demo­ kratischen Bezirken mit Botschaften über Präsident Bush. Besonders gut funktionierte das bei Schwarzen in Ohio, einem Bundesstaat, der wie so oft die Wahl entscheiden würde. Gaben schwarze Wähler landesweit nur zu acht Prozent Bush ihre Stimme, erhielt er in Ohio 16 Prozent afroamerikanische Stimmen. Genug, um John Kerry zu schlagen.

Dass derjenige Kandidat gewinnt, welcher das aufstrebende Medium beherrscht, reicht bis ins 19. Jahrhundert, zu den Anfängen der amerikanischen Demokratie zurück. Damals hoben die Präsidentschaftswahlen Cartoons in den Mainstream. Später waren es Flugblätter und Tageszeitungen. Fotos erschienen erstmals 1897 in US-Blättern und haben dort seither einen festen Platz. Eindrücklich vorgeführt hatte deren Wirkung ein Jahr zuvor der republikanische Präsidentschaftskandidat William McKinley. Er reiste durchs Land und liess sich bei jeder Gelegenheit fotografieren, mal allein, mal um­geben von Menschenmengen. Auf über 100 Millionen Flugblättern liess er Fotos drucken. Dafür gab McKinley sechs Millionen Dollar aus, zwanzigmal mehr als sein demokratischer Gegner. Die Flugblätter verteilten Wahlhelfer nicht überall. McKinleys poli­tischer Stratege Mark Hanna analysierte, in welchem Wahlkreis er am ehesten auf Stimmenfang gehen sollte. Begründet hatte er eine Technik, die andere Strategen während Jahrzehnten verfeinerten: gezieltes Bewerben von Wählern. Fernsehspots Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten US-Konzerne vermehrt auf Spots am Fernsehen, um ihre Produkte an­zupreisen. Doch erst die Präsidentschaftswahlen von 1952 verhalfen der Fernsehwerbung zum Durchbruch. General Dwight Eisenhower heuerte eine New Yorker Agentur an und liess Dutzende Spots drehen, keiner länger als 30 Sekunden. Sie füllten Werbepausen populärer Vor­ abend­serien. In ihrer Machart ähnelten sie Werbung für Waschmittel. Aus dem gestrengen Soldaten formten sie einen freundlichen und ­zugänglichen Politiker. Seinem Gegner war solche Werbung zu banal.Der blitzgescheite Adlai Stevenson verzichtete auf TV-Reklame – und verlor die Wahl. Lyndon B. Johnson hatte

Rekord: Barack Obamas Jubel über seine Wiederwahl 2012 wurde innerhalb von zehn Stunden 645 310 Mal retweetet.

das Präsidentenamt nach der Ermordung von Kennedy im November 1963 geerbt. Die Rückkehr ins Weisse Haus schaffte er mit einem neuen Kniff – negativer Werbung. Im mittlerweile legendären «Daisy Girl»Spot liess er den Republikaner Barry Gold­water als Haudegen zeichnen, der mitten im Kalten Krieg die heile Welt Amerikas gefährde und unter dem ein nuklearer Winter drohte. Wegweisend, dass Johnson den Spot ein einziges Mal schaltete. Das reichte, um einen nationalen Skandal auszulösen. Experten traten in Nachrichtensendungen auf, debattierten über den Spot, der nun öfters in den Nachrichtensendungen der TV-Sender zu sehen war. Zuletzt ­distanzierte sich Johnson von der ­Reklame mit dem Blumenmädchen, was die Debatte weiter anheizte. Eine Taktik, die US-Konzerne seither in der P ­ roduktwerbung sowie politische Kandidaten nachahmen. Bei den diesjährigen Wahlen schienen viele der althergebrachten Gesetze ausser Kraft geraten zu sein. Mit einem Präsidenten, der sich um sämtliche Gepflogenheiten nicht schert. Und einem Herausforderer, der nur etwas offerieren kann: Nicht Trump zu sein. www.digitaltage.swiss  65


KI-KUNST Zusammenspiel von Mensch und Maschine: Die amerikanisch-kanadische Künstlerin Sougwen Chung gilt als Pionierin in diesem Bereich. Sie zeigt in einer Performance, wie die Farbe von selbst trainierten KIs und aus eigener Hand auf die Leinwand kommt.

Der türkische Kreative Refik Anadol verwandelt die Kirche Sainte-Claire in Vevey VD mithilfe von Algorithmen in eine riesige audiovisuelle Installation. Die Besucherin wird Teil des Ganzen, da ihre Bewegungsmuster sowie Ton- und Bilderinnerungen digitalisiert und in den Algorithmus transformiert werden.

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Fotos: Obvious, PD, Picture Alliance/Photoshot, Keystone/Laurent Gillieron

Bei Mario Klingemanns «Memories of Passersby I» werden auf LCD-Monitoren Porträts von berühmten und von unbekannten Künstlern ständig überblendet, modifiziert, vermischt und so neu kreiert – per künstlichem neuronalem und lernfähigem Netzwerk.


Premiere beim Auktionshaus Christie’s: Das «Portrait of Edmond De Belamy» ging als erstes von einer KI erschaffenes Gemälde weg – für 432 500 US-Dollar.

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Kalter digitaler Krieg: Der Streit zwischen Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping trifft auch vermeintlich harmlose Dinge wie die Social-Media-Plattform TikTok.

Im Wirtschaftskrieg zwischen den USA und China gehts um weit mehr als eine Videoplattform: Er bremst den digitalen Fortschritt. Peter Hossli

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CYBERvor allem der seichten Unterhaltung dient? Nun, es ist komplex, und letztlich der grosse Konflikt unserer Zeit. Zwischen China und den USA tobt ein wüster Handelskrieg, der weit über TikTok hinausgeht. Er betrifft die gesamte westliche Welt und China, wobei sich derzeit

vor allem Amerika dem Reich der Mitte entgegenstellt. China hat sich ein grosses Ziel gesetzt. Bis 2049 will die Volksre­ publik zur weltweit grössten Wirtschaftsmacht aufsteigen, bis zum 100. Jahrestag der Gründung des modernen Landes. Jedes Mittel ist den

Foto: AFP

nter Teenagern brach weltweit Panik aus, als der amerikanischen Präsident Donald Trump am 13. September verkündete, er werde die App TikTok in den USA verbieten. Schon im November 2020 sei Schluss. Westlichen Ländern, die nicht nachziehen würden, drohte er Sanktionen an. Die Kurzvideoplattform gehöre dem chinesischen Konzern ByteDance und stelle ein Sicherheitsrisiko dar. ByteDance sauge grosse Mengen von amerikanischen Daten ab und leite sie an die Kommunisten in Peking weiter. Wenige Tage nur konnten Eltern hoffen, ihre Kindern würden vielleicht wieder einmal ein Buch zur Hand nehmen, anstatt nonstop ihre Zeit auf TikTok zu verbringen. Sieben Tage später kam die Kehrtwende: Die beiden amerikanischen Konzerne Oracle und Walmart gaben bekannt, sie würden den nicht chinesischen Teil von TikTok übernehmen, ihn unter dem Brand TikTok Global bündeln und über amerikanische Server laufen lassen. Präsident Trump liess sich als Vermittler feiern. «TikTok-Nutzer können aufatmen», titelte die «Neue Zürcher Zeitung». Gemeint waren vor allem Teenager, die wieder einen Sinn im Leben sahen. Anders die Chinesen. Sie fühlten sich gedemütigt. Der Verleger der regierungstreuen Zeitung «Global ­ Times» in Peking nannte den TikTokVerkauf einen «offenen Raubüberfall». Regelrechte Wild-West-Methoden würden in den USA wieder gelten. Was war geschehen? Warum mischt sich der US-Präsident mit ganzer Kraft in eine App ein, die


-KRIEG Chinesen recht, selbst unlautere Methoden. Sie betreiben Industriespionage, schotten Märkte ab, attackieren Konkurrenten mit Dumpingpreisen und subventionieren ihre Firmen mit Milliarden aus der Staatskasse. Ein Ende dieses Handelskriegs ist nicht absehbar. Ökonomen rechnen sogar

damit, dass dieser sich noch über Jahrzehnte hinziehen dürfte. Derweil ist Präsident Trump im Weissen Haus umgeben von Beratern, die China als grosse Bedrohung für Amerika sehen. Sie drängten ihn bereits beim Amtsantritt 2017 dazu, Peking die Stirn zu bieten. Was

dieser anfänglich vor allem rhetorisch tat. Seit zwei Jahren aber hat er drastische Einfuhrzölle erhoben und China zumindest einige Zugeständnisse abgerungen. Damit steht der Streit um TikTok stellvertretend für einen neuen Kalten Krieg. Die Schauplätze sind real wie digital. Es geht etwa um die über eine Million inhaftierten uigurischen Muslime in der chinesischen Region Xinjiang, die schwere Menschenrechtsverletzungen erdulden müssen. Um die schwindenden Freiheiten des einst demokratischen Hongkong, um Flotten im südchinesischen Meer – und um die Folgen  www.digitaltage.swiss  69


der Pandemie, die in China begann und die USA empfindlich trifft. Besonders umkämpft ist der digitale Raum. Amerikanische Apps wie Facebook, Twitter oder Instagram sind in China verboten. Greift Trump chinesische Apps wie WeChat oder die E-Commerce-Plattform PinDuoduo an, so ist das einerseits eine Gegenmassnahme. Aber längst nicht nur. Das Argument der nationalen Sicherheit sei «ziemlich schwach», wie der Cybersicherheits­ experte vom Council on Foreign Relations Adam Segal, sagt. «TikTok ist die erste ­Social-Media-Plattform aus China, die wirklich global geworden ist», so Segal zu «Time». Solche chinesischen Geschäftserfolge will Trump untergraben, damit er die heimische Industrie schützen kann. Zudem hat Trump eine Rechnung offen: Diesen Sommer kauften TikTok-Benutzer Tausende Tickets für

eine Wahlveranstaltung Trumps in Tulsa, Oklahoma. Sie gingen nicht hin. Der Präsident blamierte sich in einer fast leeren Arena (siehe S. 63). Noch bevor Trump den Kurzvideo­ dienst in die Knie zwang, hatte er das chinesische Technologieunternehmen Huawei ins Visier genommen.

chefin des Unternehmens, Meng Wanzhou. Der Vorwurf: Huawei habe die Sanktionen gegen den Iran umgangen. Gleichzeitig ordnete die ­US-Regierung an, es dürften keine Geräte von Huawei verwendet werden, um 5G-Netze über Amerika zu spannen. US-Diplomaten schmieden eine weltweite Allianz gegen Huawei. Sie drängten Verbündete – insbesondere Grossbritannien, Australien, Kanada, Japan, Neuseeland, Indien und Deutschland –, Huawei beim Aufbau ihrer nationalen 5G-Netze auszuschliessen. Es sei brand­ gefährlich, ein staatlich kontrolliertes chinesisches Unternehmen damit zu beauftragen, drahtlose Netze auf­ zubauen, die für die wirtschaftliche Zukunft entscheidend seien. Der deutschen Kanzlerin Angela Merkel drohte der US-Präsident sogar, er würde aus dem gemeinsamen Geheimdienstabkommen ausstei-

Bereits unter seinem Vorgänger, Präsident Barack Obama, galt der Konzern als Risiko für die amerikanische Sicherheit – und die Privatsphäre amerikanischer Bürger. Unter Trump spitzte sich der Kampf gegen Huawei weiter zu. Im Dezember 2018 verhafteten kanadische Polizisten auf amerikanisches Ersuchen hin die Finanz-

Auf Druck der USA verhaftet: Huawei-Managerin Meng Wanzhou auf dem Weg zur ersten Anhörung im Vancouver.

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Fotos: Getty Images, Screenshot TikTok

DIESER STREIT KENNT AM ENDE NUR VERLIERER.


gen, falls Deutschland bei 5G auf ­Huawei setzt. China wiederum erhöhte den Druck auf Amerikas Verbündete. Wer Huawei verbiete, müsse mit Sanktionen aus Peking rechnen, dem werde der Zugang zur zweitgrössten Wirtschaft erschwert. Huawei unterbot die Preise von Nokia und Ericsson, womit die Chinesen lukrativer wurden als die nordischen Anbieter. Zudem verwenden etliche Länder, etwa Grossbritannien, in ihren 4G-Netzen chinesische Technologie. Würden sie bei 5G auf Huawei verzichten, müssten sie die bestehenden Netze kostspielig umbauen. Und der Einsatz von 5G würde sich um Jahre verzögern. Die Mitglieder der Europäischen Union sahen sich zwischen Hammer und Amboss. Zwischen USA und China. Noch im Frühling verzichtete die EU auf ein Verbot für Huawei, empfahl allerdings, den risikoreichen Anbieter zu beschränken. Grossbritannien folgte dem vagen Kompromiss der EU. China, so schien es, hatte im Technologiekrieg einen Vorsprung gegenüber den USA. Bis im Juli dieses Jahres, als der britische Premierminister Boris Johnson die transatlantische Freundschaft bekräftigte und chinesische Produkte für die britischen 5G-Netze verbot. Bis 2027 müssten zudem sämtliche Huawei-Geräte aus dem 4G-Netz verschwinden. Indien folgte auf Grossbritannien. Kurz darauf v­erbot Israel Huawei. Nicht nur bei den Netzwerken greift Trump den chinesischen Konzern an, er untersagt es US-Unternehmen seit Mai 2019, Huawei mit Chips und Software zu beliefern. Was Firmen wie Google, Micron Technology und Qualcomm beachtliche Umsatzeinbussen bescherte. Wobei das Verbot nicht nur amerikanische, sondern fast alle Chip-Hersteller ­ ­ausserhalb Chinas betrifft. Denn sie sind direkt abhängig von amerikanischer Technologie. Ohne ausländische Chips wiederum wird es für Huawei schwierig sein, die Basisstationen für 5G zu bauen. Chinesische Firmen benötigen US-Chips. Gleichzeitig sind sie die wichtigsten Kunden für amerika-

nische Technologiefirmen. Trump geht mittlerweile so weit, dass er ­Umsatzeinbussen für US-Firmen in Kauf nimmt, um Huawei und andere chinesische Firmen zu schädigen. Was macht China dagegen? Es kontert mit gigantischen staatlichen Hilfen – mit dem Ziel, eine eigene Halbleiterindustrie aufzubauen. So soll der Kommunikationsriese ZTE neben Mobiltelefonen künftig eigene Chips herstellen. Der Konzern, der in den USA der Industriespionage verdächtig wird, hat bisher zwar Beachtliches geleistet. Allerdings gehen Experten davon aus, dass es noch Jahre dauern dürfte, wenn nicht Jahrzehnte, bis China zu den USA aufschliessen kann. Doch China hat noch weitere Waffen im Arsenal. US-Firmen wie Apple, Intel oder Microsoft stellen ihre Produkte teilweise auf chinesischem Boden her. Sollte der Streit zwischen den beiden Ländern weiter eskalieren, so könnte China diese ­Fabriken schliessen – mit fatalen F­olgen für das Silicon Valley. Ob es so weit kommt, ist offen. Klar aber ist: Nach Jahrzehnten enger Kooperation entkoppeln sich die USA und China technologisch zunehmend. Das dürfte für beide Seiten sehr teuer werden, worunter schlussendlich die Konsumentinnen und Konsumenten leiden. Die Preise für digitale Geräte wie Dienstleistungen dürften steigen. Zudem könnte sich der Beginn der schnellen 5G-Netze weltweit verzögern. Nicht etwa esoterisch gesinnte 5GKritiker gefährden das superschnelle drahtlose Netz – sondern der chinesisch-amerikanische Handelskrieg. Die Entkoppelung geht weit über den digitalen Raum hinaus. 160 000 Personen beschäftigt der chinesische Mischkonzern Dalian Wanda Group. Ihm gehört der Sportvermarkter ­Infront, der etwa die Olympischen Spiele, die Fifa und die Uefa vermarktet. Die grösste US-Kinokette AMC Cinemas gehört zu Wanda, ebenso das Hollywoodstudio Legendary Entertainment. Nun fürchtet Wanda, «das nächste Huawei» zu werden – zur Firma, die von der US-Regierung erdrückt wird. Zumal die Beziehun-

Meistgeklicktes Video auf TikTok: Der amerikanische Influencer Michael Le erreichte mit seinem Tanzvideo auf der Rolltreppe 25,4 Millionen Likes.

gen überall frostig sind. Beide Länder haben Konsulate der anderen Seite geschlossen und Diplomaten sowie Journalistinnen des Landes verwiesen. Chinesen mit Bezug zur chinesischen Armee dürfen nicht mehr in den USA studieren. Und Donald Trump verfolgt sogar die Idee, allen Mitgliedern der kommunistischen Partei Chinas die Einreise in die USA zu verbieten. Das wären 92 Millionen Menschen – ihre Familien nicht eingerechnet. Das amerikanische Ziel ist klar: Sie wollen Zugang für ihre Firmen zum immer grösser werdenden ­chinesischen Markt. Doch solange ­Facebook, Twitter oder Google von China ausgeschlossen sind, dürfte die US-Regierung gegen chinesische Anbieter vorgehen. Egal, wer im Weissen Haus das Sagen hat. www.digitaltage.swiss  71


IM NETZ ... Wer seinen Job digital erledigen kann, ist auf der Insel der Glückseligen. Die anderen drohen in die Armut abzudriften. Es besteht Handlungsbedarf. Marc Neumann

der ankurbeln sollen. Die Liquidität, mit der Superreiche die Schwankungen der Aktienkurse ausspielten, leistete das Übrige. Schliesslich halten die reichsten 1 Prozent der US-Amerikaner beinahe 55 Prozent der an den Börsen gehandelten Wertschriften. Die wachsende sozioökonomische Ungleichheit spiegelt sich im Bild der K-förmigen Erholung von Wirtschaft

wissen. Neu ist die These nicht: Laut einer Studie des Enterprise Policy Institute haben CEOs in den USA ihr durchschnittliches Einkommen seit 1978 kontinuierlich und um rund 1000 Prozent gesteigert. Im Durchschnitt verdient ein Chef heute 320mal mehr als ein Angestellter. Mit Covid-19 hat sich das Phänomen womöglich weiter beschleunigt. Derweil in den USA 40 Millionen Menschen wegen der Pandemie arbeitslos wurden, verdienten Amerikas Milliardäre laut Medienberichten bis Anfang September gemeinsam weit über eine halbe Billion US-Dollar dazu. Einerseits waren technologische Dienstleistungen und Geschäftsmodelle während des Lockdowns heiss begehrt – Umsätze und Unternehmenswerte schnellten hoch. Andererseits geht ein Teil der 637 Milliarden US-Dollar auf Stimulus-Gelder zurück. Gelder, die die Wirtschaft wie-

und Arbeitsmarkt nach der Krise. Wie im Buchstaben weist das Wachstum eines Teils der Wirtschaft steil nach oben, während es für andere weiterhin bergab geht – die Einkommensschere geht weiter auf. Mitverantwortlich für diese Entwicklung ist der Aufstieg des Homeoffice. Denn nach dem Ausrufen von Lockdown und Schulschliessungen im Frühling trennen sich Gewinner und Verlierer nach dem Kriterium, wer seinen Job daheim erledigen kann und wer nicht. Knowledge Worker in technologie­ affinen, IT-lastigen und virtuellen Wirtschaftsfeldern erledigen ihre Jobs von nun an aus dem Heimbüro. Angestellte in Gastronomie, Landwirtschaft, Fischerei oder Industrie, die in der realen Welt malochen, verlieren ihre Arbeit. Jonathan Dingel und Brent Neiman, Professoren an der Booth School of Business der University of Chicago

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Weit weg von Corona – und allem anderen: Die Privatinsel Gladden Island vor Belize als Zufluchtsund Arbeitsort für Superreiche.

etwa schätzen für die USA, dass rund 97 Prozent von Rechtsdiensten und 88 Prozent der Jobs in Business-­ Administration und Finanzwesen aus dem Homeoffice erbracht werden können. Dem stehen gerade einmal 3 Prozent der beruflichen Tätigkeiten in Transportwesen, Landwirtschaft, Fischerei oder Waldwirtschaft gegenüber. 37 Prozent der Teleworkingfreundlichen Berufe waren überdies besser bezahlt und waren zumeist geografisch konzentriert in städtischen Gebieten. Wer aber nicht über das technische Rüstzeug fürs Heimbüro verfügt, gerät in Corona-Zeiten in einen Teufelskreis digitaler Unterentwicklung. In den USA sind gemäss einer Studie der Stanford University nur 65 Prozent der Haushalte mit Breitband-Internet ausgestattet, das stark genug für Video-Konferenzen ist. Ein Drittel der Erwerbstätigen guckt in Sachen Homeoffice in die

Foto: gladdenprivateisland.com

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pätestens seit Thomas Pikettys 2013 erschienenem Buch «Das Kapital im 21. Jahrhundert» wissen wir: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer, derweil der Mittelstand schrumpft. Die Ausführungen des französischen Ökonomen zur auseinanderklaffenden Einkommens- und Wohlstandsschere gehören quasi zum Allgemein-


Röhre. «Low skills, low wages»-Worker haben oft nicht den finanziellen Spielraum, um einfach auf Heim­ arbeit umzusatteln oder ihre IT-Infrastruktur aufzurüsten. Dagegen sind wirtschaftlich Schwächere und Minoritäten wie Latinos oder Afro-Amerikaner durch Covid-19 gleich dreifach geschlagen: Neben höheren Infektions- und Sterberaten aufgrund von Niedriglohn- und Hochrisikojobs weisen sie auch eine höhere Arbeitslosigkeit auf. Und so fehlt die digitale Möglichkeit, sich im Homeoffice am eigenen Schopf aus der Malaise zu ziehen. Der digitale Teufelskreis wirkt dabei auch langfristig: Durch Mangel an schnellem Internet und leistungsfähigen Rechnern werden berufliche Weiter- und die Schulbildung der nächsten Generation systematisch zurückgeworfen. So öffnet sich die Schere der sozioökonomischen Ungleichheit immer weiter.

Die Problematik ist nicht auf die USA beschränkt, sondern stellt sich auch im Rest der Welt. In Schweden und England beispielsweise konnten jeweils über 40 Prozent der Arbeitsplätze nach Hause verlagert werden. In Mexiko oder der Türkei dagegen funktionierte das in weniger als 25 Prozent der Jobs. Weltweit haben weniger als 50 Prozent der Weltbevölkerung einen Computer zu Hause und nur knapp 60 Prozent Zugriff aufs Internet. Das stellte Era DablaNorris, Ökonomin am Internationalen Währungsfonds (IMF) in einer OECD-Studie mit 35 Ländern fest: «Eine Buchhalterin in Amerika ist technologieaffin und hat kein Problem, einen Computer von zu Hause aus zu nutzen», so Dabla-Norris. «Ihr Pendant in einer indischen Kleinstadt benutzt vermutlich immer noch Papier und Bleistift und arbeitet mit Kontoblättern anstelle eines Computers.»

Selbst Europa bleibt von der sich öffnenden Ungleichheitsschere durch die neue, digitale Arbeitskultur nicht verschont. Wie Juan Palomino von der Universität in Oxford für 29 europäische Länder recherchierte, besteht auch hier die Korrelation zwischen Telearbeit und höheren Einkommen. Der Anstieg des Armuts­ indexes beträgt europaweit 4,9 bis 9,4 Prozentpunkte. Auf ärmere Bevölkerungsschichten schlage sich das in einer Einkommensverlustrate von bis zu 16,2 % nieder. Besonders besorgniserregend: Wenn der Trend zum Homeoffice anhält, öffnet sich auch die Schere digitaler und wirtschaftlicher Ungleichheit weiter. Und einiges spricht dafür, dass Heimarbeit zum festen Bestandteil wird. Eine Umfrage des Beratungsunternehmens KPMG unter 1300 CEOs weltweit ergab klare Mehrheiten (80 %) für digitale Expansionspläne während der  www.digitaltage.swiss  75


Pandemie. Parallel dazu planten über zwei Drittel der Führungskräfte die Reduktion von Büroflächen. Verschiedene multinationale Konzerne, darunter Fujitsu und Siemens, haben bereits die permanente des Stärkung des Teleworking angekündigt. Der SocialMedia-Riese Pinterest war bereit, 90 Millionen US-Dollar für die Kündigung eines Vertrags über beinahe 50 000 Quadratmeter Bürofläche auf den Tisch zu legen – mit Hinweis auf die Zukunft von Remotearbeit. In der Schweiz sind die Umwälzungen zwar spürbar, wenn auch weniger ausgeprägt als in anderen ­Gegenden der Welt. Die UBS etwa ­beschied der «Handelszeitung», dass ein Drittel ihrer Belegschaft Home­ office-fähig sei – und zwar bereits seit 2009, angesichts des damaligen Bedrohungsszenarios durch die Schweinegrippe! Seither hat die Musterschülerin Schweiz zumindest einen Teil

der Hausaufgaben gemacht. Dass die Schwelle ins Homeoffice für viele Unternehmen und Arbeitskräfte niedriger liegt als anderswo, federte die schwersten Einschläge der Pandemie im internationalen Vergleich ab. Nicht zuletzt deshalb zogen etwa Konjunkturanalysten der Credit Suisse im September eine durchwachsene Bilanz, wenn auch durchsetzt mit Lichtblicken. Arbeitslosenraten um 4 %, wie sie bis 2021 vorausgesagt werden, würden andere Länder mit Handkuss nehmen. Die Kurzarbeitsentschädigung limitierte den Einbruch der Haushaltseinkommen auf unter 5 %, die BIP-Prognose geht von einem ­Minus von 4 % für das Jahr 2020 ein. Gleichzeitig sparten Haushalte während des Lockdowns laut CS rund 8 Milliarden Franken ein, die nach ­einer Entspannung der Lage wieder in den Konsum flössen und die wirtschaftliche Erholung begünstigten.

Getrübte Idylle: Lebensmittel werden während der Corona-Krise in der Schweiz abgegeben.

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Foto: Keystone/Jean-Christophe Bott

... DURCH DIE MASCHEN

Doch auch in der Schweiz ringen wirtschaftlich schwächer gestellte ­Arbeitnehmende oder Menschen mit Migrationshintergrund um den Anschluss an die schöne neue Arbeitswelt im Homeoffice. Zudem gibt es Hinweise, dass Frauen Leidtragende der neuen Arbeitskultur sein könnten. Der Druck, Homeoffice plus unentschädigte Haushaltsarbeit, Kinderund Betagtenbetreuung unter einen Hut zu bringen, werde überdurchschnittlich auf die Schultern der Frauen abgewälzt. Die Konsequenz: Mehrheitlich sind es Frauen, die in der Pandemie bei Karriere und Beruf zurückstecken und den professionellen Anschluss zu verlieren drohen. Erste Studien etwa von McKinsey ­Global aus dem vergangenen Juli ­bestätigen diesen Befund. Die berufliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter hat in der Pandemie einen Rückschlag erlitten – nicht trotz der Verlagerung ins Homeoffice, sondern gerade darum! Auf die Unternehmensbilanz ­mögen sich gesunkene Ausgaben für Mieten und Infrastruktur, weniger Reisen und Pendeln, Wartungs- und Betriebsaufwand positiv auswirken. Auf die Umweltbilanz ebenfalls. Gut möglich, lassen sich ein Teil von Unternehmensprozessen und -abläufen schlanker und effizienter im digitalen Heimbüro erledigen. Die Konsequenzen auf wirtschaftlich bereits schwächer gestellte Bevölkerungsschichten indes scheinen ernst. Um zu verhindern, dass sie ins Prekariat abrutschen, sind Initiativen im Bereich ­digitaler Entwicklungshilfe gefragt. Sonst steigt das Risiko, dass die digitale Schere sich weiter öffnet – und mit ihr sozioökonomische Ungleichheit. In welchem Mass hier staatliche, nicht staatliche sowie Massnahmen der privaten Hand zur Förderung von Internet- und Homeoffice-Zugang ­gefordert sind, ist derzeit eine offene Frage. Sicher indes ist: Die Lösung für Probleme durch digitale Ungleichheit kann nur über mehr Digitalisierung erfolgen. Wenn möglich, bevor die Schere auseinanderbricht.


BITTE NICHT BERÜHREN! Totale Isolation, permanenter Krisenmodus, Panik vor Keimen. Die virtuelle Realität wird notgedrungen immer attraktiver. Die Sehnsucht nach Wildnis, Wald und Meer aber auch. Was nun?

D

ie Zukunft ist entweder ein verrusster Vorhof zur Hölle oder klinisch steril. Zumindest wenn man das Genre des Science-Fiction-Films betrachtet. In den ersten Corona-Wochen kam man sich selbst vor wie in einem: Wir erlebten den Run auf Desinfektionsmittel, die Panik vor Keimen. Wir lernten, wie man sich die Hände richtig zu waschen und Abstand zu halten habe. Im öffentlichen ­Verkehr versuchen wir bis heute möglichst wenig anzufassen, wir zahlen kontaktlos und drücken beim Betreten eines Restaurants auf den Desinfektionsspender, als wäre das schon immer so gewesen. Was von der Pandemie bleiben wird, ist die Einsicht über die Fragilität dessen, was man unter Normalität versteht. Bereits jetzt jubeln die New-Work-Optimisten, dass die Pandemie nun auch jene Unter­ ­ nehmen zu digitalen Innova­tionen zwinge, die sich bisher dagegen sträubten. Corona werde zum Beschleuniger der digitalen Trans­ formation – doch dafür braucht es mehr als nur zu wissen, wie man in der Onlinesitzung das Mikrofon 78 www.digitaltage.swiss

anstellt. Nach wie vor gibt es in ­Sachen technologischem Fortschritt Handlungsbedarf. In Branchen wie der Pharma­ industrie ist man im Bereich der virtuellen Realität (VR) einen Schritt voraus. Auch in Architekturbüros, der Autoindustrie und im Industriedesign findet sie immer mehr Anwendung. Die virtuellen Welten werden fortlaufend besser und erschwinglicher. Konzerne wir Pfizer, Mattel und Nestlé setzen auf VR für den intensiveren Austausch ihrer Mitarbeiter. Statt mit Zigi auf der Terrasse trifft man sich als Avatar. Was das Ganze persönlicher machen soll. Längst gibt es virtuelle Messen und Städtetrips, verkaufen Avatare Immobilien und trainieren Bewerber vor Einstellungstests. Vielleicht kann man bald den eigenen zum Vorstellungsgespräch schicken – ohne auf Geschlecht und Hautfarbe festgelegt zu sein. Eine Chance für gerechtere Einstellungsentscheidungen? Was den Siegeszug der virtuellen Welten angeht, sind die Meinungen jedoch geteilt. Zu bescheiden sind ihre Möglichkeiten, noch muss zu viel Aufwand betrieben werden, 

Fotos:Getty Foto: XXXXX Images

Leoni Hof


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um sie zu errichten. Im Mainstream angekommen sind sie nicht. Aber wenn nicht jetzt, wann dann? Schlussendlich wird die Nachfrage über diese Entwicklung entscheiden. Je besser das Benutzererlebnis, desto schneller wird sich die Technik durchsetzen. Was wohl sicher ist: Man wird in Zukunft stärker abwägen, welche Form der Zusammenkunft wirklich Sinn macht. Form follows function. Muss es das Meeting sein, zu dem man alle einfliegen lässt, oder reicht 80 www.digitaltage.swiss

ein E-Mail? Genügt der Videocall oder müssen wir zur S ­ itzung als Avatare in 3D zusammenkommen? Wie lässt sich auf Dis­ tanz eine Firmenkultur prägen? Wie mit den Mitteln des Digitalen die Kunden­ bindung pflegen? Denn nicht nur die Bürokomplexe sind v­erwaist. Statt im Quartierladen einzukaufen, bestellen wir nun online. Wir er­leben Lesungen, Konzerte und die abendliche Yogastunde vorm Bildschirm. Selbst einen Francis B ­ acon ver­ steigerte Sotheby’s keimfrei zum

Illustration: Shutterstock

SCHICKEN WIR BALD UNSEREN AVATAR INS VORSTELLUNGSGESPRÄCH?

Höchstpreis von 85 Millionen US-Dollar. Das alles funktioniert, auch wenn hier und da etwas zu fehlen scheint. Was ist Theater, wenn man in der ersten Reihe nicht fürchten muss, von der Spucke des Haupt­ darstellers getroffen zu werden? Was ein Konzert, das nicht zumindest ein wenig nach Bier und Schweiss riecht? Oder bei dem sich – je nach Musikgeschmack – das Schnarchen des Nebenmanns nicht ins zarte Pianissimo mischt? Der U ­ Samerikanische Kulturphilosoph Charles Eisenstein stellt in seinem Aufsatz «The Coronation» die Frage: «Wollen wir, dass jede Veranstaltung eine virtuelle Veranstaltung wird? Wollen wir uns, um das Risiko einer weiteren Pandemie zu senken, dafür entscheiden, für immer in einer Gesellschaft ohne Umarmung und Händeschütteln zu leben?» Die schöne neue Welt wird eine des Abwägens. Mit bewusst eingesetztem Körperkontakt. Und wahrscheinlich ohne Dreifach-Küsschen. Denn diese werden wohl auch nach dieser Pandemie keine Renaissance erleben. Aber mit Zukunftsprognosen ist das so eine Sache. Hat man keine Kristallkugel, gleichen sie einem ­Stochern im Nebel. Wagen wir trotzdem eine: Die Lust auf die physische Welt wird uns nicht so schnell ver­ gehen. Sie hält uns am Leben. Unsere Sehnsucht nach Wildnis, dem Wald, dem Meer wird grösser, je öfter wir digital unterwegs sind. Der Wert realer Begegnungen wird uns bewusst. Wir werden jedoch gewandter darin, uns vom Analogen ins ­Digitale zu bewegen. Und hier lassen sich Dinge erleben, die wir in der realen Welt nicht tun können oder dürfen. Unser Erfahrungsbereich wird sich ­vergrössern. Die schöne neue Welt wird eine «mixed reality» sein. Wir könnten sie als Chance begreifen.


4,14 Mrd Menschen werden bis ins Jahr 2021 das Internet nutzen.

neue Mitarbeiter musste Digitec-Galaxus 2020 einstellen, um den Ansturm auf ihre Dienstleistung bewältigen zu können. Vergleich: Amazon spricht von 100 000 zusätzlichen Mitarbeitern allein in den USA.

114 %

mehr Gaming-Monitore wurden im zweiten Quartal 2020 in Europa verkauft.

80 Mrd

US-Dollar beträgt der weltweite Umsatz mit Apps. Für das Jahr 2021 wird ein App-Umsatz in der Höhe von 139 Milliarden US-Dollar prognostiziert.

44 Mio

Downloads verzeichnet die App Among Us und belegt damit Platz 1 im weltweiten ­Beliebtheits-Ranking (September 2020).

114 Mio

US-Dollar setzt die Spiele-App Coin Master um und ist damit die umsatz­ stärkste App im September 2020. 82 www.digitaltage.swiss

87 %

der weiblichen Weltbevölkerung nutzt kein Internet, verglichen mit 42 % der männlichen Weltbevölkerung.

97 %

Marktanteil machen Google zur populärsten Suchmaschine der Welt (September 2020).

der Weltbevölkerung lebt in Reichweite eines Mobilfunksignals und 93 % in Reichweite eines 3G- (oder mehr) Netzwerks.

6,6 %

85 %

sind die Ausgaben der Schweizer für Telefon, Internet und Fernsehen im Frühjahr 2020 angestiegen.

der Schweizerinnen und Schweizer nutzen laut einer Umfrage von Moneyland.ch mindestens ein Streamingdienst-Angebot. Vor allem Netflix und Spotify legen rasant zu.

30 %

72 %

mehr Besucher verzeichnet Eat.ch auf seiner Webseite und App (März 2020). Zunahme betrugen die Drucker-Verkäufe in der Schweiz (Woche 14, 2020).

140000 Neukunden pro Monat verzeichnet Twint. Dies ist ein Wachstum von 60 % gegenüber dem Zeitraum vor dem Corona-Lockdown.

28 %

der Teilnehmenden einer Um­ frage von Global Drug Survey (GDS) gaben an, dass sie während der Corona-Krise früher am Tag mit dem Alkoholkonsum anfingen.

Quellen: Context, Statista, ITU data; Illustrationen: Shutterstock

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Das Magazin zu den Schweizer Digitaltagen / 1. bis 3. November 2020  

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