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DAS MAGAZIN ZUM DRITTEN SCHWEIZER DIGITALTAG 3. SEPTEMBER 2019

SCHWEIZ 4.0

Die Digitalisierung stellt uns vor grosse Herausforderungen und Fragen. Wir haben nach Antworten gesucht. Wie gewinnt man heute Wahlen? Kรถnnen wir Roboter lieben? Warum ist Messi besser als Ronaldo? Werden Kriege unmenschlicher? Lernen unsere Kinder das Richtige? Leben wir in der Matrix?


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FRAGEN Liebe Leserin, lieber Leser

Foto: Shane Wilkinson

Wir haben gefragt: Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft, Fachexperten, Aktivisten und im Rahmen einer repräsentativen Umfrage vor allem die Schweizer Bevölkerung. Wohin führt uns die Digitalisierung? Wie entwickelt sich unsere Welt? Was macht uns Hoffnung, was bereitet uns Angst? Speziell bei der jüngeren Generation lautet die Antwort auf die letzte Frage: Die Zersplitterung der Gesellschaft. Ihre Sorge ist berechtigt. Virtuelles Anschreien ist en vogue, droht die öffentliche Diskussion und die politische Debatte abzulösen. In der eigenen Bubble kann man es sich bequem machen. Ohne sich Fragen gefallen lassen zu müssen. Ohne selbst Fragen zu stellen. Und sich entsprechend auch nicht selbst zu hinterfragen. Der dritte Schweizer Digitaltag am 3. September steht im Zeichen des Dialogs. Bevölkerung, Politiker und Experten sollen auf Augenhöhe miteinander diskutieren. Gemeinsam die Zukunft gestalten. Fragen stellen und Entwicklungen infrage stellen. Denn Maschinen können zwar Antworten liefern. Für die Fragen aber braucht es uns. Ihr Fabian Zürcher, Chefredaktor

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11 Bioethiker Marcello Ienca von der ETH hat kein Problem damit, dass Maschinen bald mehr können als er. Und weiss, warum wir tierähnliche ­Roboter lieber haben als humanoide.

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Mehr Antworten

Wovor hat die Schweizer Bevölkerung Angst? Was macht ihr Hoffnung? Und auf welche technischen Errungenschaften könnte sie am ehesten verzichten? Eine repräsentative Umfrage.

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Nach Sprachregion

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Mann

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Frau

Klinken putzen, Plakate oder Social Media? Die Digitalcracks von FDP (Digitec-Gründer und Nationalrat Marcel Dobler) und SP (Nationalrat Cédric Wermuth, Bild) und ihre Kampagnenleiter über ihre Strategie für Stimmenfang im Wahljahr.

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Liebe ähnelt im digitalen Zeitalter einem ­All-you-can-eat-Buffet, findet Soziologin Eva Illouz. Sie glaubt, dass Menschen bald Maschinen lieben – denn Algorithmen sind nie schlecht gelaunt.

INHALT 4 www.digitaltag.swiss

Nach Geschlecht

Mehr Partner, weniger Liebe

Mehr Stimmen

Nach Alterskategorien

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Mehr Roboter

Für GC-Ausbildungschef Timo Jankowski ist sonnenklar, wer der beste Fussballer der Welt ist. Und dass weniger Trainer gefeuert werden, wenn man auf Daten statt alte Fussballer hört.

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20 Die Schweiz gehört zu den innovativsten Ländern der Welt. Trotzdem fordert Bundespräsident Ueli Maurer, dass wir die Chancen, welche die Digitali­ sierung bietet, noch besser nutzen.

Weniger Entlassungen

Gesamt

Mehr Innovation


Alle Highlights Welche Redner? Welche Themen? Wann und wo? Alle Informa­ tionen zum dritten Schweizer Digitaltag am 3. September.

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Mehr Mensch

Mehr Demokratie Die Digitalisierung ermöglicht Bürgerinnen und Bürgern mehr ­direkte Mitsprache, glaubt Netzaktivist ­Daniel Graf. Und sie schiebt «Poltik von oben herab» einen Riegel vor.

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Bei allem Trend zur ­Digitalisierung: Axel Lehmann, CEO UBS Schweiz, erklärt, ­warum Kunden bei wichtigen Entscheiden nach wie vor ein ­persönliches Gespräch bevorzugen.

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Mehr Überwachung Wer sich nicht an die Regeln hält, darf nicht ins Flugzeug. China baut einen digitalen Überwachungsstaat auf, meint der ehemalige China-Korrespondent Kai Strittmatter. Europa müsse für ­seine Normen und Werte kämpfen.

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Mehr Regeln

Die israelische Drohnenpilotin Maya O’Daly erklärt, wie Krieg aus der Distanz funktioniert. Und warum nur männliche Soldaten schiessen.

Alt Bundesrätin Doris Leuthard diskutiert im Auftrag der Uno mit Melinda Gates und ­Alibaba-Chef Jack Ma über Regeln für die ­Digitalisierung. Für sie ist klar: «Weiter wie bisher geht es nicht.»

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Weniger Opfer?

Impressum Das Extra zum dritten Schweizer Digitaltag erscheint als Beilage im SonntagsBlick, der Handelszeitung sowie in Il Caffè und Le Temps. Verlag: Ringier AG, Brühlstrasse 5, 4800 Zofingen Redaktion: Brand Studio Leitung: Fabian Zürcher Produktion: Alice Massen Gestaltung: Dominique Signer Bildredaktion: Christof Kalt Korrektorat: Regula Osman, Kurt Schuiki Vermarktung/Chief Revenue Officer: Thomas Passen Vermarktung: Admeira AG Druck: Swissprinters AG, 4800 Zofingen Bekanntgabe von namhaften Beteiligungen der Ringier AG gemäss Art. 322 Abs. 2 StGB: cash zweiplus ag, DeinDeal AG, Energy Schweiz Holding AG, Energy Bern AG, Energy Zürich AG, Geschenkidee.ch GmbH, Infront Ringier Sports & Entertainment Switzerland AG, JobCloud AG, JRP Ringier Kunstverlag AG, MSF Moon and Stars Festivals SA, Ringier Africa AG, Ringier Axel Springer Media AG, Ringier Digital AG, Ringier Digital Ventures AG, SMD Schweizer Mediendatenbank AG, The Classical Company AG, Ticketcorner Holding AG, Ringier France SA (Frankreich), Geschenkidee D&A GmbH (Deutschland), Ringier (Nederland) B.V. (Holland), Ringier Pacific Limited (Hongkong), Ringier China (China), Ringier Vietnam Company Limited (Vietnam), IM Ringier Co., Ltd. (Myanmar)

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POLITIK

Bundespräsident Ueli Maurer will die Schweiz als Zentrum für neue Technologien positionieren. Sowohl Private als auch Staat sind seiner Meinung nach gefordert, die Chancen von Innovationen und Digitalisierung besser zu nutzen.

Herr Bundespräsident, Sie werden immer wieder als «Digitalminister» bezeichnet. Warum ist die Digitalisierung so wichtig für Sie? Persönlich betrifft mich die Digita­ lisierung nicht speziell, aber für die Schweiz ist sie extrem wichtig. Heute sind viele Prozesse noch sehr aufwendig und zu wenig bürger­ freundlich. Die Digitalisierung er­ möglicht hier grosse Vereinfachun­ gen. Das Projekt E-Umzug, mit dem Ziel den erforderlichen Schrif­ tenwechsel zwischen der bisherigen und der neuen Wohnsitzgemeinde übers Internet vorzunehmen, ist ein Beispiel für die Verwaltung. Solche Erleichterungen müssen wir weiter vorantreiben und die Technologien dahinter fördern. Welche Bereiche werden Ihrer Meinung nach besonders betroffen sein? Es wird zu grossen Veränderungen in ganz vielen Branchen kommen. Nehmen wir die Blockchain-Tech­ nologie. Ich bin überzeugt, dass sie Zwischenhändler überflüssig machen und die Sicherheit erhöhen wird. Beispielsweise gibt es für den Kunsthandel interessante Möglich­ keiten oder überall dort, wo es 6 www.digitaltag.swiss

Daten und Transaktionen vor Manipulierungen zu schützen gilt. Wir stehen am Anfang einer Ent­ wicklung, bei der die Schweiz mit­ halten muss. Im Finanzsektor sorgen seit Jahren Kryptowährungen für Aufsehen. Wollen Sie die Schweiz zu einem Zentrum der Kryptowährungen machen? Nein, die Schweiz muss sich als ein Zentrum für neue Technologien ­positionieren. Kryptowährungen sind für mich eher ein Nebenprodukt innerhalb einer grösseren Entwick­ lung. Es ist wichtig, zwischen den Kryptowährungen und der dahinter­ stehenden Technologie Blockchain zu unterscheiden. Für die ­Zukunft von zentraler Bedeutung ist aber vor allem die Blockchain-Technologie, die hinter Bitcoin und Co. steht. Nun tritt im Bereich Kryptowährungen mit Libra von Facebook ein riesiger Player auf. Ist das eine Chance oder eher eine Gefahr für Ihre Pläne? Aufgabe der Politik ist es, Rahmenbe­ dingungen zu schaffen, die Innovati­ onen, aber auch neue Finanztechno­ logien fördern. Dieser Ansatz gilt grundsätzlich auch gegenüber Libra.

Aber noch verfügen wir über zu we­ nig Informationen, um beurteilen zu können, welches die Chancen und Risiken dieses Projekts sind. Viele Finanztechnologien sind doch schon Alltag – das Bezahlen mit dem Handy etwa oder Crowdfunding. Dennoch beschäftigt Sie das Thema sehr. Warum? Die auf neuen Finanztechnologien beruhenden Geschäftsmodelle ent­ wickeln sich laufend weiter und die Digitalisierung im Finanzbereich ist noch lange nicht abgeschlossen. Soll der Schweizer Finanzplatz auch in Zukunft eine international bedeu­ tende Position einnehmen, müssen wir diese Entwicklungen antizipie­ ren und auch in der Ausgestaltung der Rahmenbedingungen Pionier­ arbeit leisten. Die Branche ist sehr Start-up-getrieben – kleine Firmen wie Revolut krempeln den internationalen Zahlungsverkehr um. Ist der Finanzplatz Schweiz darauf vorbereitet? Die Schweiz gehört zu den innova­ tivsten Ländern der Welt. Dabei trei­ ben neben den zahlreichen Start-ups auch etablierte Akteure wie Banken und Versicherer die technologische Entwicklung voran. Zudem verfügt die Schweiz über innovations­ freundliche Rahmenbedingungen. Allerdings gilt es sowohl für Bran­ che als auch für den Staat, die Chan­ cen der Innovation und Digitalisie­ rung noch besser zu nutzen. Die Start-ups, die Furore machen, werden nicht in der Schweiz gegründet. Haben wir zu wenig gute Köpfe oder sind wir nicht attraktiv genug? Ich denke, weder das eine noch das andere ist der Fall. Wir haben mit unseren Universitäten und den ETHs sehr viele gute Köpfe in der Schweiz, und zudem prüfen wir der­ zeit, ob und wie die steuerliche 

Foto: Daniel Kellenberger

WIE WIRD DIE SCHWEIZ NOCH BESSER?


Persönlich Ueli Maurer (69) amtet zum zweiten Mal als Bundes­ präsident. Seit zehn Jahren sitzt er für die SVP im Bundesrat. Zuerst als Vorsteher des Eid­ genössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungs­ schutz und Sport (VBS). 2016 übernahm er das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD). Vor seiner Zeit im Bundesrat war er Präsident der SVP (1996 bis 2008) und Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbandes. Ueli Maurer ist verheiratet und hat sechs Kinder.


POLITIK Attraktivität für Start-ups noch verbessert werden kann. Abgesehen ­davon gibt es in der Schweiz viele Start-ups, zum Beispiel in der Blockchain-Szene. Fintech hat auch eine andere, dunkle Seite. Wie etwa wollen Sie sicherstellen, dass über Schweizer Fintech nicht Drogen- oder Waffengelder gewaschen werden? Das Geldwäschereigesetz ist grundsätzlich auch auf Aktivitäten im Zusammenhang mit Kryptowährungen wie Bitcoin anwendbar. Es gilt bereits heute für eine breite Palette von Dienstleistungen im Finanzsektor, die mittels der neuen Technologien erbracht werden. Die Financial Action Task Force (FATF), die sich als international führendes Gremium zur Bekämpfung der Geldwäscherei und der Terrorismusfinanzierung versteht, hat das Dispositiv der Schweiz zur Bekämpfung der Geldwäscherei- und Terrorismusfinanzierung in seinem Länderbericht 2016 als insgesamt gut bewertet. Wenn wir schon bei den Risiken und Gefahren der Digitalisierung sind: Der Bundesrat hat ein Kompetenzzentrum für Cyber-Sicherheit geschaffen. Was ist dessen Aufgabe? Das Kompetenzzentrum für CyberSicherheit wurde geschaffen, um die Bevölkerung und die Wirtschaft beim Schutz vor Cyber-Risiken zu unterstützen. Die Bundesverwaltung besitzt bereits seit Jahren Kompetenzen in diesem Bereich, diese waren bis anhin aber in verschiedenen Departementen verteilt. Mit dem Kompetenzzentrum haben wir eine klarere Struktur und Zentralisierung erreicht. Es baut auf der bereits bekannten Melde- und Analysestelle Informationssicherung (MELANI) auf und weitet diese zu einer nationalen Anlaufstelle für Cyber-Sicherheit aus. Was sind aus Ihrer Sicht die grössten Risiken? Für die Sicherheit der Schweiz sind gezielte Angriffe durch hochspezialisierte, oft durch staatliche Stellen 8 www.digitaltag.swiss

unterstützte Akteure auf kritische Infrastrukturen das grösste Risiko. Wir haben in der Schweiz schon mehrfach Spionage durch CyberAngriffe feststellen müssen. Im Ausland sind auch Fälle bekannt, bei welchen über Cyber-Mittel tatsächlich kritische Infrastrukturen, etwa die Stromversorgung, angegriffen wurden. Grundsätzlich können aber Cyber-Angriffe uns alle treffen, egal ob Privatperson, KMU oder Grossunternehmen. Und was kann man dagegen tun? Bei der Cyber-Sicherheit stehen wir alle in der Pflicht, mit den eigenen Daten verantwortungsvoll umzugehen. Der Bund kann hier nur unterstützen. Eine zentrale Bedeutung kommt darum der Sensibilisierung von Bevölkerung und Mitarbeitenden in Unternehmen zu. Natürlich müssen die grundlegenden tech­ nischen Massnahmen wie Virenschutz überall umgesetzt sein, und im Unternehmensumfeld sind ausserdem organisatorische Massnahmen notwendig. Wie viele Mitarbeiter wird das Kom­ petenzzentrum haben? Für die Cyber-Sicherheit zuständigen Ämter mitsamt dem Kompetenzzentrum werden ab dem Jahr 2020 insgesamt 24 neue Stellen geschaffen. Wir gehen davon aus, dass Sicherheitsaspekte in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen werden. Darum ist ein weiterer Ausbau in den nächsten Jahren geplant. Der Bundesrat, so scheint es, sieht die Digitalisierung als Chance und forciert diese. Etwa durch die E-ID. Er will allerdings, dass private Unternehmen die elektronische Identität herausgeben. Warum machen Sie das nicht selbst? Weil die Privatwirtschaft näher an den Nutzerinnen und Nutzern und an den erforderlichen digitalen Technologien ist und diese Funktion eindeutig besser wahrnehmen kann. Der Bund wäre da angesichts der Dynamik des technologischen Wandels und der einzuhaltenden beschaffungsrechtlichen Vorgaben

wohl ziemlich überfordert. Aber der Staat bleibt Datenherr, und nur er kann die Bestätigung der Existenz einer Person und ihrer Identitätsmerkmale wie Name, Geschlecht oder Geburtsdatum vornehmen. Kürzlich musste die Swisscom – eines an der E-ID beteiligten Unternehmen – zugeben, dass Daten aus der Cloud gelöscht wurden. Verstehen Sie, wenn man da wenig Vertrauen hat? Die Swisscom ist nicht ein an der E-ID beteiligtes Unternehmen, sondern lediglich am SwissSign-Konsortium beteiligt, welches die bereits existierende SwissID herausgibt. Die SwissSign AG ist eines von vielen möglichen Unternehmen, die Interesse bekunden, sich als vom Bund streng kontrollierter Herausgeber einer E-ID anerkennen zu lassen. Ist es vor diesem Hintergrund sinnvoll, so sensible Daten wie das Patientendossier mit der E-ID zu verknüpfen? Da macht doch niemand mit! Die E-ID ist ein staatlich anerkanntes Log-in und deshalb ein sehr vertrauenswürdiges Instrument in der digitalen Welt. Die E-ID wird nicht mit dem Patientendossier verknüpft. Hingegen soll die E-ID in Zukunft auch für mein Log-in in mein Patientendossier eingesetzt werden können. Anzumerken bleibt, dass die E-ID nicht vom Staat vorgeschrieben wird, sondern freiwillig ist. Zum Schluss: Sie haben das aktuelle Bundesratsfoto mit einem Handy aufnehmen lassen. Was zeigt Ihre Bildschirmzeit eigentlich an? Das interessiert nicht mal mich – weshalb sollte das denn Ihre Leserschaft interessieren? Welche App benutzen Sie am meisten? Die kleine grüne mit dem altmodischen Telefonhörer drauf. Und was ist Ihre Lieblings-App? Die gibt es bei mir nicht. Für mich ist das Handy ein Arbeitsgerät. Als Zeitvertreib habe ich für das Gerät keine Verwendung.


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Es kÜnnte der Tag kommen, an dem Roboter die gleichen Fähigkeiten haben wie Menschen, sagt Roboter-Ethiker und ETH-Professor Marcello Ienca. Doch es sei trotzdem wichtig, ihnen keinesfalls gleiche Rechte zuzusprechen. Peter Hossli


ROBOTIK Herr Ienca, was können Roboter besser als Sie? Roboter – also künstliche Intelligenz – können gewisse Dinge schlechter als ich: etwa kreativ, emotional und empathisch sein. Geht es aber um logisches Denken, das Verarbeiten von Informationen oder Rechnen, sind sie bereits viel besser als ich. Frustriert es Sie, dass Ihnen Maschine überlegen sind? Nein, ich bin realistisch. Wir Menschen sollten Maschinen überlassen, was sie besser können. Wo setzen Sie Roboter ein? Roboter arbeiten ständig für uns, ohne dass wir es merken. Jede Suche bei Google wird durch künstliche Intelligenz optimiert. Neue Autos setzen auf KI. Zu Hause reinigt Roomba – ein Roboter-Staubsauger – meine Wohnung. Die Einsetzung von KI in der Medizin kann bei der Dia- gnose und Therapieentscheidung helfen. Bei komplexerem Verhalten, wenn soziale Interaktion, Empathie und emotionales Verständnis wichtig sind, sind Roboter höchstens eine Ergän­zung, kein Ersatz. Besitzen Sie einen humanoiden Roboter? Persönlich nicht, aber ich habe sie erforscht, insbesondere wie sie in der Alterspflege eingesetzt werden.

Foto: Daniel Kellenberger

Roboter pflegen Betagte. Was macht das mit den Menschen? Entscheidend sind Befindlichkeit und Herkunft der Betagten. Menschen mit Demenz bevorzugen den Austausch mit Maschinen gegenüber älteren, kognitiv gesunden Menschen. Je weiter die Demenz fortgeschritten ist, desto grösser die Vorliebe für Maschinen. Warum mögen Menschen Maschinen? Demenzerkrankte lassen sich lieber von Maschinen waschen und anziehen. Sie schämen sich weniger. Sie spüren, dass ihre Intimität nicht gebrochen wird.

Roboter sind die besseren Pfleger? Nein, sie können die zentrale menschliche Interaktion nicht ersetzen. Berührungen sind wichtig, zudem das Erzählen von Geschichten. Zwar können Roboter die Sprache der Patientinnen und Patienten sprechen, aber Maschinen schaffen Small Talk noch nicht. In technikfreundlichen Kulturen wie Japan werden Roboter in der Pflege eher akzeptiert als in Südeuropa oder in Frankreich. Haben Sie Angst davor, dass Roboter dereinst als Professoren arbeiten? Menschen sind keine Götter, sondern Tiere, die im Laufe der Evolution kognitive Fähigkeiten entwickelt haben. Unsere Gehirne bestehen aus Materie. Deshalb können sie durch Maschinen ersetzt werden. Es gibt kein wissenschaftliches Argument, dass Maschinen nie so gut werden sollten wie Menschen. Dass sie Professoren werden können, muss ich akzeptieren. Wann wird eine Maschine so komplex sein wie ein Mensch? Leider habe ich keine Kristallkugel. Die Entwicklung läuft rasant. Aber ein Mensch ist ein sehr komplexes System. Bis Maschinen kognitivemotional wie Menschen agieren, dürften zumindest 100 Jahre verstreichen.

Persönlich Marcello Ienca (30) ist Bioethiker an der ETH Zürich. Er befasst sich mit ethischen Fragen rund um Gesundheit und Technologie. So forscht er, wie Digitalisierung die ­Alterspflege verändert. Er hat an der Humboldt-Universität in Berlin studiert, an der Universität Basel doktoriert und verschiedene Papiere publiziert zu künstlicher Intelligenz, Big Data in der Medizin und Roboter-Ethik.

Müssen wir Angst haben, dass die Roboter unsere Jobs wegnehmen? Das tun sie schon. Wer bei Coop einkauft, zahlt oft beim Roboter. Roboter werden aber auch neue Jobs schaffen. Ingenieure und Datenanalysten sind sehr gefragt. Dann können wir beruhigt sein? Roboter übernehmen Jobs, die Menschen mit geringer oder keiner Ausbildung ausüben. Neue Jobs bedingen gute Ausbildung. Menschen, die bei Coop durch Roboter ersetzt werden, können unmöglich morgen bei Google als Daten­ analysten anfangen. Nötig sind grosse Investitionen in die Bildung der neuen Generation und Weiterbildung der heutigen Arbeitskräfte. Schaffen wir keinen verträglichen Umbau, gibt es «rage against the machine»: Menschen wehren sich gegen Roboter. Wir haben intelligente Systeme geschaffen. Können wir sie stoppen? Derzeit können wir noch alles ausschalten. Aber wir könnten künstliche Intelligenz entwickeln, die so intelligent sein wird, dass sie sich nicht mehr kontrollieren und ausschalten lässt. Angstmacherei – oder Realität? Logisch ist das möglich. Aber es wird noch viel Zeit verstreichen. Allerdings sehen wir bereits, wie uns Maschinen verändert haben. Zum Beispiel? An wie viele Telefonnummern erinnern Sie sich? Vor zehn Jahren noch an wichtige. Heute erinnern Sie sich nur noch an die eigene. Ihr biologisches Gedächtnis ist nicht schlechter geworden. Aber Sie verwenden Ihr Smartphone als Erweiterung des Gedächtnisses. Durch techno­ logische Stützen erweitern wir innere Prozesse. Es entsteht eine Abhängigkeit von Mensch zu  www.digitaltag.swiss  11


ROBOTIK Was passiert, wenn ein Roboter aus­ sieht wie ein Hund? Menschen mögen tierähnliche Roboter mehr als humanoide Roboter. Es gibt das «Uncanny Valley»Phänomen: Wir mögen Roboter, je ähnlicher sie uns werden. Werden sie uns zu ähnlich, entwickeln wir negative Gefühle. Die Lösung sind Roboter, die wie Tiere aussehen. Deswegen sehen Pflege-Roboter wie Robben, Hunde oder Katzen aus.

Maschine. Google Maps hat die Fähigkeit, sich zu orientieren, verändert. Sie können sich problemlos mit dem Handy in Tokio orientieren. Bis der Akku leer ist. Wir können Roboter programmieren, dass sie uns schlagen. Was passiert mit uns, wenn wir Roboter schlagen? Ein US-Roboter-Produzent stellt Videos ins Netz, auf denen Roboter von Menschen geschlagen werden. Wer sie sieht, zeigt Empathie für die Roboter und sagt: «Menschen sollten keine Roboter schlagen!» Obwohl die Roboter ja keinen Schmerz empfinden und keine psychologischen Folgen haben aufgrund der Schläge. Es gibt keinen logischen Grund für die Empathie. Und trotzdem fühlen wir uns schlecht. Roboter nehmen menschliche Züge an. Entwickeln wir daher Gefühle für Sie? Nein, Menschen sind durch die Evolution zu sozialen Wesen geworden. Unsere Gehirne empfinden unbegründete Aggres­sivität als schlecht. Erklärt das alles? In Hollywood-Filmen greifen Roboter Menschen an, die böse mit ihnen waren, etwa in «Terminator». Wir denken: In 200 Jahren gibt es vielleicht intelligente Roboter, die auf den alten Videos sehen, wie Menschen sie einst schlugen – und dann zurückschlagen. 12 www.digitaltag.swiss

Tests zeigen, dass Menschen huma­ noide Roboter ungern dort berühren, wo die intimen Stellen sein könnten – obwohl alles nur Metall ist. Das ist die natürliche Übersetzung menschlicher Regeln in nichtmenschliche Systeme. Menschen sind vermutlich die einzigen Tiere, die Wolken anschauen und Gesichter erkennen. Menschen manipulieren Menschen. Können wir Robotern mehr vertrauen? Maschinen manipulieren uns ständig. Sie entscheiden, was wir kaufen sollen, was wir sehen und hören, wo es uns gefallen könnte. Algorithmen beeinflussen uns stark. Durch die Evolution haben wir gelernt, manipulierende Menschen zu erkennen. Rationale Systeme sagen uns: Bei diesem Menschen müssen wir aufmerksam sein. Vor einer algorithmischen Manipulation hingegen haben wir keinerlei Schutz. Wer ist verantwortlich, wenn ein Roboter tötet? Dazu gibt es keine abschliessende Antwort. Die Frage wird heftig diskutiert. Es gibt Experten, die sagen, wenn die Maschinen klug genug sind, sollen die Maschinen verantwortlich sein. Was ich für einen Fehler halte. Sind Maschinen verantwortlich, ist niemand mehr verantwortlich. Aus meiner Sicht müssen Menschen immer für Maschinen verantwortlich sein. Die Frage ist: Welche Menschen? Die Programmierer? Die Computerbauer? Der CEO? Oder die User?

Was ist von Sex-Robotern zu halten? Ältere Menschen benutzen SexRoboter, ebenso Menschen mit Demenz und Menschen mit physischer Behinderung. Sie haben oft keinen Zugang zu Sexualität, was negative Auswirkungen hat auf die Psyche. Sex-Roboter könnten da Abhilfe schaffen. Sie reden im Konjunktiv. Sex-Roboter könnten soziale Ausgliederung erzeugen. Die Interaktion zwischen Mensch und Maschine könnte die Interaktion zwischen Mensch und Mensch ersetzen. Was das bedeutet, wissen wir noch nicht. Wir sollten aufmerksam untersuchen und beobachten. Es gibt Sex-Roboter in Kindergestalt. Zeigt die Forschung, dass Pädophile durch die Interaktion mit Sex-Robotern weniger pädophile Übergriffe ausüben, ist das positiv. Es wäre hingegen höchst negativ, wenn die Forschung zeigt, dass solche Roboter problematischere Fantasien provozieren. Klar ist: Es braucht mehr Forschung. Wir können ethische Fragen nicht im Liegestuhl beantworten. Sollten Roboter Rechte haben? Ja, aber nicht alle. Aus meiner Sicht ist es falsch, einem Roboter die Staatsbürgerschaft zu geben. Roboter sind keine Personen. Sie sollen keine werden. Künstliche Intelligenz soll ein Ding bleiben, das uns hilft und das wir kontrol­ lieren. Sie soll kein System bilden, das parallel und auf der gleichen Ebene wie Menschen operiert. Selbst dann nicht, wenn in 100 Jahren ein Roboter so gut ist wie ein Mensch? Gibt es Roboter, die alle Fähigkeiten eines Menschen besitzen, gibt es keine Argumente mehr, ihnen nicht alle Rechte zu geben. Jetzt widersprechen Sie sich. Wir sollten keine solchen Maschinen entwickeln. Diesen Sprung sollten wir vermeiden.


Roboter werden intelligenter, beweglicher, kooperativer, vernetzter – und dringen in immer mehr Lebensbereiche vor.

Foto: Shutterstock

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er Ursprung des Worts Roboter liegt im tschechischen «robota»: Es bedeutet Zwangsarbeit. Längst sind Roboter in unserem Alltag integriert – und nehmen uns Arbeiten und Last ab. Roboter werden derzeit nicht menschlicher, es gibt aber immer mehr von ihnen. Sie arbeiten in der Landwirtschaft und im Büro, pflegen Alte, ersetzen Liebespartner, räumen nuklearverseuchte Zonen rund um das Kernkraftwerk in Fukushima. Industrieroboter bauen Autos zusammen, mobile Roboter entschärfen Bomben oder erkunden fremde Planeten, Roboter mähen ­Rasen, saugen die Wohnung oder ­helfen bei Operationen. Bereits unterstützen weltweit etwa 8,5 Millionen Roboter Menschen im Haushalt. Und in der Industrie werden bis 2020 weltweit 3,05 Millionen Roboter im Einsatz sein, schätzt der internationale Verband der RobotikIndustrie IFR in seinem Welt-Roboter-Report 2018. Die höchste Roboterdichte hat demnach Südkorea mit 710 Robotern auf 10 000 Beschäftigte, vor Singapur (658) und Deutschland (322).Weltweit führend in der Entwicklung robotischer Systeme ist Mitsubishi Electric aus Japan, gefolgt von der Schweizer ABB sowie Kawasaki Heavy Industries (Japan). Vor allem dank künstlicher Intelligenz dürften Roboter bald in noch weitere Lebensbereiche vordringen: Sie werden intelligenter, beweglicher, kooperativer, leichter programmierund bedienbar – und billiger. Der Roboter wird dadurch vom Knecht zum Kollegen. Kontrovers diskutiert wird derzeit vor allem der Einsatz autonomer Waffensysteme, die selbständig entscheiden, wann und auf was sie schiessen. Für ein Verbot dieser «Killer-Roboter» haben sich bei den Vereinten Nationen bereits 26 Staaten ausgesprochen.


BILDUNG

Die Schule tut sich schwer, mit der Digitalisierung Schritt zu halten. Nun bieten private Firmen Kurse für Schüler an. Stephanie zu Guttenberg erklärt, warum wir den Anschluss nicht verpassen dürfen. Katia Murmann Frau zu Guttenberg, warum ist Ihnen digitale Bildung so wichtig? Wir stehen in Europa auf der digitalen Bremse. Das sehe ich mit ganz grosser Sorge – denn wir geben den neuen Generationen nicht das Rüstzeug mit, das sie dringend brauchen, um im internationalen Wettbewerb standhalten zu können. Digitale Bildung ist, wenn man so will, das vierte Kulturgut neben Lesen, Schreiben, Rechnen. Die öffentlichen Schulen tun sich noch schwer damit, sie haben kaum Konzepte, wie sie das Thema im Unterricht aufgreifen sollen. In die Lücke springen private Anbieter. Was für ein digitales Rüstzeug brauchen unsere Kinder denn konkret? Es sind mehrere grosse Themen. Das eine ist das Thema Cyber Safety, Datensicherheit, Passwörter, aber auch das Thema Cybermobbing – also alles, was für den persönlichen Schutz der Menschen wichtig ist. Dann ist da die kreative Komponente, und dann natürlich auch der richtige Umgang mit den Medien. Die Chancen und Möglich14 www.digitaltag.swiss

keiten, die sich uns dadurch bieten, sind absolut grossartig. Wir müssen nur lernen, sie auch so anzuwenden, dass sie für unser Leben zum maximalen Vorteil gereichen und nicht zu unserem Nachteil. Sie haben mehrere Jahre in den USA gelebt, Ihre beiden Töchter sind dort zur Schule gegangen. Wo sehen Sie die Schulen im deutschsprachigen Raum im Vergleich zu anderen Ländern? Amerika und Asien sind viel weiter. Dort sind Menschen am Start, für die es eine Selbstverständlichkeit ist, mit den digitalen Medien umzugehen. Wenn wir das unseren Jungen nicht beibringen, dann werden künftig die Jobs an andere verteilt – an die, die digital fit sind. Woher kommt diese Zurückhaltung aufseiten der Schulen? Wir kommen in Europa aus dem Bedenkenträgertum, wir warten erst einmal, sind skeptisch und manchmal auch etwas ängstlich. Wir haben auch nicht unbedingt die Kultur des Scheiterns, wir probieren nicht aus und rennen mal gegen die eine oder andere

Wand, stehen wieder auf und gehen dann weiter. Hier müssen wir umdenken, denn diese Welt ist so schnell, sie überholt uns alle. Die Geschwindigkeit, mit der uns das eingeholt hat, ist Lichtjahre schneller als die der industriellen Revolution. Das Digitale ist für uns alle neu. Da ist es wichtig, dass wir auch bereit sind, Fehler anzugehen und daraus zu lernen. Aber was konkret macht denn das Ausland besser? Das gelobte Land gibt es nicht. Aber in Amerika ist die Schule schon viel weiter digitalisiert, alle Dokumente sind digital, die Schulen in einem Netzwerk mi­t­einander verbunden. Da haben alle Kinder und Jugend­lichen einen Laptop oder auch ein iPad – und es gibt aber auch sehr strenge Regeln, zum Beispiel wie viel Handy erlaubt ist und wann es weggelegt werden muss. Die Kinder sind viel fitter, wenn es darum geht, Präsentationen zu erstellen, sie bedienen die digitalen Tools mit einer Selbstverständlichkeit. Das braucht man heute in jedem Berufsfeld. Aber: Wo sie genauso Aufholbedarf haben, ist im Bereich der digitalen Citizenship, der Frage: Wie gehen wir miteinander um im Netz und was ist das richtige Mass? Wie haben Sie Ihre Kinder digital erzogen? Bildschirmzeit ist heute ja ein Zauberwort für viele Eltern. 


Persönlich

Foto: Aleksander Marko Perkovic

Stephanie zu Guttenberg (42) engagiert sich seit Jahren für Kinderschutz und digitale Bildung. Die gebürtige Münchnerin ist Mitinhaberin des Start-ups BG3000, das Schulen zusammen mit Partnern aus der Wirtschaft kostenlos Workshops für digitale Bildung anbietet. Zu Guttenberg ist mit dem CSUPolitiker Karl-Theodor zu Guttenberg verheiratet. Das Paar hat zwei Töchter.

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BILDUNG Meine Kinder sind jetzt schon ein bisschen grösser, sie sind da quasi reingewachsen. Als sie klein waren, gab es noch nicht wirklich überall Bildschirme. Aber in Amerika, wo dann der Laptop in der Schule Standard war, habe ich sie eng begleitet, wenn es darum ging, wie lange sie Screentime haben, welcher Standort des Geräts der richtige ist und welche Inhalte okay sind. Nicht jede Bildschirm­ nutzung ist ausserdem gleich. Ich kann zwei Stunden Mathe am Rechner machen oder mir zwei Stunden eine Serie ansehen. Das kann man nicht aufrechnen. Es geht darum, ein gesundes Mass zu finden zwischen dem, was nötig ist, und dem, was Freizeit ist.

Sie haben sich am Start-up beteiligt, das die Smart Camps durchführt. Jetzt möchten Sie Ihre Kurse auch in die Schweiz bringen. Warum? Wir haben in Deutschland schon über 20 000 Schüler in den Smart Camps gehabt. Sie sind für die Schulen kostenlos. Die Themen und Bedürfnisse sind in Deutsch­ land und in der Schweiz die gleichen. Wir bringen digitale Bildung mit den richtigen Leuten an die Schule. Warum kann das die Schule nicht selbst? Die Mühlen der öffentlichen Schulen mahlen langsam, es dauert, bis Gelder freigesetzt und Dinge umgesetzt werden. Beim Thema digitale Bildung aber ist 16 www.digitaltag.swiss

die Halbwertszeit so irrsinnig kurz. Wir müssen hier gesell­ schaftlich ein bisschen umdenken, denn natürlich sind wir es ge­ wohnt, dass das von der öffentli­ chen Hand geregelt wird. Aber das ist in diesem Bereich nicht mehr so einfach, deshalb versu­ chen wir mit Partnern aus der Wirtschaft diese Lücken zu füllen. Wir agieren wie ein Schnellboot, bis die Tanker – also die Verant­ wortlichen aus der Politik und aus dem Bildungssystem – auch ihre Dinge umsetzen können. Bis dahin braucht es ein Angebot, damit die Kinder den Anschluss nicht verlieren. Und ich hoffe natürlich für uns alle, dass die Schulen schnell mit Angeboten kommen. Es gibt neue Lehrer, die zu diesen Themen ausgebildet werden – aber bis dahin werden noch einige Jahre vergehen. Zeit, die die heutigen Schüler nicht haben. Das System Schule wird sehr wahrscheinlich niemals Schritt halten können mit dem immensen Tempo der Digitalisie­ rung. Wir als digitale Bildungsiniti­ ative sind da viel wendiger und können neue Entwicklungen in kurzer Zeit in unsere Workshops als Lerninhalte integrieren. Ein Thema, das in Ihren Workshops behandelt wird, ist Cybermobbing. Hier in der Schweiz hat der «Fall Céline» bewegt – ein Mädchen, das in den Tod getrieben wurde. Was können Jugendliche und Eltern hier tun? Wir arbeiten in den Cyber­ mobbing-Kursen unter anderem mit Rollenspielen, bei denen Jugendlichen bewusst wird, was Mobbing eigentlich ist, wie schnell es passiert – vor allem, wenn ich meinem Gegenüber nicht direkt in die Augen schaue. Sie erfahren, welche Dynamik entsteht, wie sich das Opfer fühlt. Diese Rollenspiele sind unendlich wichtig, um das Verständnis und die Sensibilität zu schärfen für diese Themen. Meistens gehen die Jugendlichen sehr, sehr nachdenklich aus dem Kurs raus.

Was raten Sie Opfern? Hier ist es wichtig, Hilfsangebote anzubieten. Vertrauenslehrer, die Eltern. Sie müssen die Hilferufe ernst nehmen. Den Jugendlichen hilft es zu wissen, dass sie nicht alleine sind, dass es vielen Men­ schen und vielen Jugendlichen so ergeht und dass es Hilfe gibt. Sie müssen verstehen, dass sie nicht alleine sind mit diesem Schmerz und dass man gemeinsam Lösun­ gen sucht – die gibt es nämlich. Sie setzen in Ihren Kursen stark auf die Eigenverantwortung, dass man Kinder befähigt, mit den digitalen Medien umzugehen. Braucht es eine digitale Aufklärung? Ich vergleiche die digitalen Medien immer gerne mit dem Autofahren. Sie geben Ihrem Kind ja auch nicht den Autoschlüssel in die Hand und sagen: Viel Spass beim Auto­ fahren – sondern wir schicken es in die Fahrschule, und das dauert meistens sogar recht lang, und die Prüfungen sind nicht immer ganz einfach. Ganz ähnlich ist das mit der digitalen Bildung und mit der digitalen Aufklärung. Es braucht Schulungen dafür, es braucht das Wissen, richtig und korrekt damit umzugehen – also eine Art digitalen Führerschein.


Kleiner digitaler Helfer mit grosser Wirkung. Lernroboter Thymio vermittelt Primarschülern digitale Kompetenz auf spielerische Weise.

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arüber, dass die Digitalisierung in rasantem Tempo unsere bisherigen Strukturen durcheinanderbringt und neue Wege und Denkansätze erfordert, herrscht Konsens in Politik und Wirtschaft. In den meisten Branchen wird inzwischen konsequent umstrukturiert und umgedacht. Auch Bildung ist hierbei ein Schlüsselthema. Schon in den Kindergärten und Schulen soll digitale Kompetenz vermittelt und die nächste Generation fit für die Zukunft gemacht werden. Einer, der dabei helfen soll: Lernroboter Thymio. Am zweiten Schweizer Digitaltag wurde der blinkende Miniatur-Lehrer von der Computational Thinking Initiative (CTI) den Besucherinnen und Besuchern vorgestellt. Für Marc Walder, Gründer von digitalswitzerland, eine Initiative, die ein wichtiger erster Schritt in die richtige Richtung ist: «Zwei von drei Primarschülern werden dereinst einen Job ausüben, den es heute noch gar nicht gibt. CTI gibt einen Impuls für die nächsten Generationen.» Entwickelt wurde der mit viel Brainpower vollgepackte Lernroboter von der Gruppe Mobots der EPFL sowie der Lausanner Kunstschule ECAL. Die Software lieferte das Autonomous Lab der ETH Zürich. Mehr als zehn Jahre tüftelten der Lausanner Professor Francesco Mondada und seine Studenten an seinen Fähigkeiten. Herausgekommen ist der neue Liebling der Schüler und ein echter Tausendsassa. Thymio bringt den Schülern nicht nur Lernstoff und Programmieren bei, sondern auch den spielerischen

Umgang mit Robotern, das Übersetzen der «Robotersprache» sowie das Nutzen seiner Fähigkeiten. Rund 5000 Thymios sind schweizweit bereits im Einsatz. Mittelfristig soll der freundliche Lernroboter jedoch an jeder Schweizer Primarschule durchs Klassenzimmer rollen. Mindestens eine Lehrkraft soll zudem in der Lage sein, Computational Thinking zu vermitteln, so die Vision der Gründungsmitglieder der CTI, zu denen digitalswitzerland, EPFL, SUPSI und Swisscom zählen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind einige Investitionen notwendig. Im Rahmen der CTI werden daher verschiedene Massnahmen umgesetzt: Ausbildungsmodule an pä­da­gogischen Hochschulen, schweiz­weite Online-Kurse sowie eine wachsende Anzahl konkreter Projekte in Schweizer Schulen sollen das Feld vorbereiten für eine grossflächige Umsetzung des Konzepts. Damit die kommende Generation bestmöglich für die Zukunft gerüstet ist.


IN KOOPERATION MIT DER SBB

WIE BILDE ICH MICH RICHTIG WEITER?

Sandra Hutterli, Leiterin Bildung SBB, über die sich immer schneller verändernde Arbeitswelt und die damit einhergehende Notwendigkeit von stetiger und lebenslanger Weiter­bildung im Beruf.

Frau Hutterli, der diesjährige Digitaltag steht unter dem Motto ­«Lifelong Learning». Wann haben Sie sich zuletzt weitergebildet? Im klassischen Sinn weitergebildet habe ich mich die letzten zwei Jahre mit einem globalen Master of Busi­ ness Administration. Das hilft mir, die globalen Trends bezüglich Digitalisierung zu erkennen und diese strategisch umzusetzen. Im Sinne des lebenslangen, konti­ nuierlichen Lernens bilde ich mich ständig weiter. Zum Beispiel im Austausch mit Businessverantwort­ lichen bei der SBB und in der Branche, mit Wissenschaftlern und durch Teilnahme an Webinaren. Wie finde ich die richtige ­Weiter­­­bildung für mich? Weiterbildung ist ein Erfolgsfaktor für Arbeitnehmende und Firmen. Wichtig ist zu prüfen, welches die Kompetenzen mit Zukunft sind. Die SBB unterstützt ihre Mitarbei­ tenden darin, indem sie ihre rund 150 verschiedenen Berufe analy­ siert. Wir stellen dar, wie sich ein Berufsfeld aufgrund von veränder­ ten Kundenbedürfnissen, neuen Technologien usw. wandelt und 18 www.digitaltag.swiss

welche Kompetenzen es künftig braucht. Gleichzeitig werden ­Möglichkeiten aufgezeigt, wie man sich weiterbilden kann. Warum ist Lifelong Learning so wichtig geworden? Früher machten die Menschen eine Grundausbildung und bei Bedarf bildeten sie sich weiter. Das genügt heute nicht mehr. Die Arbeitswelt verändert sich schneller, Informati­ onen sind jederzeit verfügbar, und das Wissen ist in immer kürzeren Abständen überholt. Hinzu kommt, dass sich neue und alte Technolo­ gien überlappen. Was hat sich bei der SBB beispielsweise bereits konkret verändert? Es sind inzwischen verschiedene Generationen von Sicherungs­ anlagen oder Fahrzeugen im Ein­ satz. Für alle ist spezifisches Wis­ sen erforderlich. Als Mitarbeitende muss ich mir das nötige Wissen oder die Kompetenz dann aneig­ nen, wenn ich diese brauche. ­Arbeiten und Lernen vermischen sich immer mehr. Die SBB fördert lebenslanges Lernen mit entspre­ chenden Lernangeboten.

Wie sieht dieses Angebot aus? Es besteht aus einem Mix von for­ mellen Kursen mit Zertifikaten und aus informellen Lernangeboten, mit denen individuell und nach Bedarf «on the job» gelernt werden kann. Als Rangierer werde ich bei­ spielsweise, bevor ich aufs Gleisfeld gehe, die Aufgabe virtuell durch­ führen und gewisse Handlungen realitätsnah üben, ohne mich oder andere einem Risiko auszusetzen. Die SBB hat viele Monopolberufe. Da ist die Gefahr grösser, plötzlich überflüssig zu werden. Welche Arbeitsplätze wird es in Zukunft nicht mehr im gleichen Umfang geben? Monopolberufe gibt es bei der SBB nicht. Aber wir haben verschie­ dene hochspezialisierte Berufe. Mit den erwähnten Berufsfeld­ analysen antizipieren wir Verände­ rungen frühzeitig. Es zeichnen 

Persönlich Dr. Sandra Hutterli (47) ist Leiterin Bildung SBB, Verantwortliche Digitale Transformation (fit4future) und Verwaltungsratspräsidentin von Login AG. Sie unterstützt die Umsetzung der SBBStrategie mit Fokus auf die Mitarbeitenden und Führungskräfte in der digitalen Transformation. Zu diesem Thema hält sie Referate und hat einen Lehrauftrag an der Universität St. Gallen inne. Vorher war sie national und international für Bildungs­ fragen, Strategieentwicklungen und Veränderungs­ prozesse in grossen Orga­ nisationen tätig.


Foto: Thomas Meier


IN KOOPERATION MIT DER SBB

«WEITERBILDUNG IST EIN ERFOLGSFAKTOR FÜR ARBEIT­ NEHMENDE UND FIRMEN» sich gewisse Trends ab, die auch durch Studien belegt sind. Körper­ lich schwere Arbeiten und repetitive Tätigkeiten werden zunehmend automatisiert. Der Mensch wird vermehrt überwachen und eine zentrale Funktion an der Schnitt­ stelle zur Technik haben. Ein Kun­ denbegleiter beispielsweise wird eine Türstörung nicht mehr aus­ schliesslich mechanisch lösen, son­ dern sie über eine unterstützende Software beheben. Rangierer wer­ den Fahrzeuge nicht mehr mit an­ strengenden Handgriffen kuppeln, sondern diese sind mit automatisier­ ten Kupplungen ausgerüstet. Was bieten Sie den betroffenen ­Personen konkret an? Als erste Firma in der Schweiz hat die SBB zusammen mit den Ge­ werkschaften einen Digitalisie­ rungsfonds gegründet. Damit ge­ hen wir die Herausforderungen der Digitalisierung gemeinsam an. Demnächst werden wir die Ergeb­ nisse einer ersten Studie präsentie­ ren, die aufzeigt, wie die Arbeits­ welt der Zukunft bei der SBB aus­ sehen wird. Zudem hat die SBB schon vor zwei Jahren das Pro­ gramm «fit4future» lanciert, um die Mitarbeitenden und Führungs­ kräfte auf dem Wandel zu beglei­ ten. Es beinhaltet Projekte, mit denen die Kompetenzen gesichert werden, die es braucht, um die Bahn der Zukunft zu betreiben.

20 www.digitaltag.swiss

Was beinhalten die Projekte von «fit4future» konkret? Ziel ist es, die Mitarbeitenden auf die Digitalisierung vorzubereiten und sie zu unterstützen, damit sie sich die erforderlichen Kompeten­ zen aneignen können. Die Berufs­ feldanalysen und ein Online-Check sind Beispiele aus diesem Pro­ gramm. Mit dem Online-Check können die Mitarbeitenden ihre digitalen Kompetenzen selber einschätzen und diese mit Lern­ angeboten gezielt entwickeln. Wir schauen auch, dass Mitarbeitende während eines Projekts laufend weitergebildet werden und nicht erst am Schluss mit einer grossen Bildungsoffensive. Dadurch bleiben sie handlungs- und entscheidungs­ fähig und lernen, mit Unsicherhei­ ten umzugehen. Das sind zwei Schlüsselkompetenzen, die in Zukunft noch wichtiger werden. Wie lange braucht es Lokführer noch? Lokführerinnen und Lokführer wird es noch lange brauchen. Sie werden jedoch in ihrer Arbeit zunehmend durch Systeme unter­ stützt, und es werden neue Kompe­ tenzen mit stärkerem Bezug zur Digitalisierung nötig sein. Lokfüh­ rer wird weiterhin ein attraktiver und verantwortungsvoller Beruf am Puls der Technologie sein. Wie viele Personen hat die SBB ­aufgrund der Digitalisierung schon umgeschult? Im Sinne von kontinuierlichem Lernen fast alle. Beispielsweise ist es für alle Mitarbeitenden wichtig, dass sie über digitale Grundkompe­ tenzen verfügen, um arbeitsfähig

zu bleiben. Daher bieten wir den erwähnten Online-Check an. Wie nehmen Sie den Mitarbeitenden die Angst vor der Digitalisierung? Die Digitalisierung bietet der Wirt­ schaft und den Menschen Chancen, stellt sie aber auch vor Herausforde­ rungen. Wir gehen diese an und nehmen die Mitarbeitenden mit auf den Weg in die berufliche Zukunft. Im Rahmen der Berufsfeldanalysen organisieren wir Dialoge. Dort gibt es Raum, um Ängste vor den Ver­ änderungen offen zu besprechen. Teams, die sich die Nutzung neuer digitaler Instrumente nicht zu­ trauen, werden durch Coaches begleitet. Wichtig ist, dass Ängste durch konkrete Anwendungen im Berufsalltag abgebaut werden und die Mitarbeitenden erkennen, wie sie sich selber helfen können. Hat sich Ihr Job bereits verändert? Vor zehn Jahren gab es meinen Job in dieser Form noch nicht. Mit der Digitalisierung und den schnelle­ ren Veränderungen in der Arbeits­ welt ist die Bildung zu einem Er­ folgsfaktor geworden. Deshalb hat die SBB die Steuerung der Bildung zentralisiert. Der Trend für die nächsten Jahre geht hin zu einer stärkeren Flexibilisierung von ­Bildungsangeboten, die in Ökosys­ temen getauscht werden – auch zwischen Mitarbeitenden selbst und über Firmengrenzen hinweg. Zentral wird die Kompetenz sein, die Zusammenhänge zu verstehen und Strategien abzuleiten, um die Kultur des lebenslangen Lernens gezielt zu fördern.


EIN LEBEN LANG SCHÜLER Die Digitalisierung verändert Berufsbilder in rasantem Tempo. Das Schlüsselwort hierzu heisst Lifelong Learning – lebenslanges ­Weiter­bilden und Lernen. Das Rezept, um heute weiterzukommen.

Foto: Shutterstock

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rüher bedeutete lebenslanges Lernen, dass eine Erstausbildung zwar eine solide Grundlage bildete, aber nicht genügte für das gesamte Berufsleben. Folg­ lich bildete man sich weiter. Oft war dies ein Lernen in grösseren Kurseinheiten mit einem Zertifikat. Dies konnte in Präsenz­ kursen oder online stattfinden. Tendenziell war es ein Lernen auf Vorrat. Heute sind Informationen und Wissen jederzeit und fast überall zugänglich. Man geht davon aus, dass sich die weltweit zur Verfügung stehenden Informationen täglich verdoppeln. Mit den schnelleren

Veränderungen in der Arbeitswelt ver­ kürzt sich auch der Aktualitätsgrad von Fachwissen bzw. es kommt laufend neues dazu. Menschliches Wissen verdop­ pelt sich im Durchschnitt jährlich. Mitar­ beitende müssen sich heute «on the job» das Wissen oder die Handlungskompe­ tenz aneignen, wenn sie diese benötigen. Arbeiten und Lernen vermischen sich – oder anders gesagt: Arbeiten und Lernen gehen Hand in Hand. Lebenslanges Lernen im Sinne eines kontinuierlichen Lernangebots besteht aus einem Mix aus formellen, inhaltsbezo­

genen Kursen mit Zertifikaten und informellen Lernangeboten, mit denen individuell und nach Bedarf «on the job» gelernt werden kann. Beim lebenslangen Lernen werden nebst firmenspezifischen Lernangeboten zuneh­ mend auch online verfügbare Micro­ learnings bzw. Lerninhalte von anderen Mitarbeitenden (sogenannter self created content) genutzt. Die Mitarbeitenden über­ nehmen zunehmend mehr Verantwortung für ihr eigenes Lernen. Dies erfordert neue Lernkulturen in den Firmen, die flexibler und stärker an der Basis orientiert sind. www.digitaltag.swiss  21


SPORT

frische Spieler ein und müde aus. Sie entscheiden, wie viele Spieler sie nach vorne schicken, wann sie kontern und wie oft ein Stürmer in den Strafraum sprinten soll.

Im Fussball gewinnt, wer die Mannschaft daten­ basiert zusammenstellt, sagt GC-Ausbildungschef Timo Jankowski. Trainer ohne Datenkenntnisse hätten in diesem Geschäft nichts mehr verloren. Peter Hossli

Herr Jankowski, wann steigt GC wieder in die Super League auf? So schnell wie möglich.

wenig «expected goals». Die Daten sagen daher: GC ist zu Recht ab­­gestiegen.

Sie müssten es genauer wissen. Sie analysieren den Fussball anhand von Daten und mathematischen Modellen. Für die Challenge League gibt es leider noch zu wenig nutzbare Daten.

Der schottische Nationalspieler Craig Burley wurde von einem Reporter einst gefragt, wie viele Tore er erwarte. «Ihre Frage ist Blödsinn», antwortete Burley. Ist die Frage Blödsinn? Überhaupt nicht. Man kann mit Modellen, die auf «expected goals» basieren, den Tabellenstand vorhersagen. Taucht ein Spieler immer wieder an einem gefährli­ chen Ort auf, ist es eine Frage der Zeit, bis er Tore schiesst. Der schwedische Stürmer Zlatan Ibrahimovic hatte einst einen schlechten Start bei Manchester. Aufgrund der Daten war klar: Er wird einschlagen und bald Tore schiessen, was er tat.

Lässt sich der Abstieg von GC aus der Super League mit Daten erklären? Erfolgreiche Mannschaften setzen 18 Spieler ein, die über 90 Prozent der Spielzeit ausmachen. GC hat in der letzten Saison mehr als 40 Spieler eingesetzt. Mit welchen Datenparametern lässt sich der Erfolg des Fussballs erklären? Fussball ist ein komplexes Spiel. Einer der wichtigsten Faktoren sind die «expected goals»: Situa­ tionen, in denen ein Tor entstehen könnte. Wer davon viele hat, gewinnt langfristig. Ein Elfmeter weist 0,7 «expected goals» auf. Bei 70 Prozent der Penaltys entsteht ein Tor. GC hatte letzte Saison nicht Pech, sondern zu 22 www.digitaltag.swiss

Bei Basketball, Football und Baseball sind Datenanalysen zentral. Und bei Fussball ... … sind sie nicht mehr wegzuden­ ken. Fussball wird immer Fussball bleiben, aber er wird durch Daten schneller und besser. Trainer wechseln aufgrund der Daten

Das tönt theoretisch. Man kann mit einem Klick pro Mannschaft rund 300 Indikatoren sehen. Jedes Team hat ein StärkeSchwäche-Profil. Der Datenanalyst von Liverpool wusste, dass Totten­ ham in den Startphasen immer Probleme hat. Deshalb hat Liver­ pool am Anfang des ChampionsLeague-Finals aggressiv nach vorne gespielt. Prompt erzielte Liverpool nach zwei Minuten das erste Tor. Aber was, wenn ein Team zwar gut spielt, aber kein Glück hat? Glück ist ein Faktor. Bei Fussball ist er mit 30 Prozent relativ hoch. Das Spiel ist komplex, und es wird mit Füssen gespielt. Füsse sind weniger zuverlässig als Hände. Umso wichtiger ist es, die anderen 70 Prozent in den Griff zu bekom­ men. Sie machen 80 Prozent des Erfolgs aus. Das wissen erfolgrei­ che Trainer und Vereine seit 2014. Wie begann dieser Trend? Der Oxford-Mathematiker Matthew Benham hat viel Geld mit FussballWetten verdient. Er konnte sich zwei Vereine kaufen. Den FC Brent­ ford führte er aus der dritten Liga an die Schwelle zu Premier League. Sein dänischer Verein FC Midtjyl­ land wurde zwei Mal Meister und einmal Pokalsieger. Benhams Erfolge verliehen datenbasiertem Fussball einen Schub. Liverpool hat dank Jürgen Klopp die Champions League gewonnen! Er ist sicher ein hervorragender Coach. Aber ein Datenanalyst half ihm, das Team zusammen­ zustellen. Vor dem Final sah er aufgrund der Daten, dass das 


Foto: Daniel Kellenberger

Persönlich Timo Jankowski (34) war ein mittelmässiger Fussballer. Deshalb studierte der Schwabe Betriebswirtschaft und befasste sich mit der Theorie des schönen Spiels. Er arbeitete für den DFB und trainierte die Junioren des FC Aarau. Heute arbeitet er als Ausbildungschef von GC. Er ist Autor zahlreicher Bücher über Fussballtaktik, unter anderem «Taktische Periodisierung im Fussball».


SPORT B-Team von Benfica Lissabon ähnlich spielt wie Tottenham. Liverpool testete mit Lissabon und bereitete sich so optimal auf den kommenden Final ein. Ist der Datenanalyst wichtiger geworden als der Coach? Nein, aber sie müssen auf Augenhöhe sein. Entscheidend für den Erfolg im Fussball ist vernetztes Denken: Der Verein setzt das Ziel, Datenanalyst und Trainer machen alles, um es umzusetzen. Ein Fussballtrainer muss Datenknowhow mitbringen, sonst hat er im Fussball nichts mehr verloren.

Die Heatmap von Cristiano Ronaldo in der Saison 2017/18.

Was macht der Coach, wenn sein Team doppelt so viele Chance hat wie der Gegner, aber weniger Tore schiesst? Dann muss der Datenanalyst einen Stürmer finden, der eine Umwandlungsrate von mindestens 20 Prozent hat. Dann trifft der Datenanalyst die Entscheide? Über allem sollte der Verein stehen. Der Verein legt die Strategie fest. Anhand von Daten setzt man sie um, sucht dafür geeignete Spieler und den richtigen Trainer. Zu viele Vereine überlassen die Strategie dem Trainer. Es gibt keine Konti­ nuität. Im Schnitt kommt alle neun Monate ein neuer Trainer, der wieder von vorne anfängt. Hat ein Trainer keinen Erfolg, ist es doch richtig, ihn auszuwechseln. Schaut man auf die Daten, ergibt sich oft ein anderes Bild. Es ist möglich, ein Spiel 0:2 zu verlieren, bezüglich der «expected goals» aber 4:3 zu gewinnen. Würde man die Tabelle aufgrund definierter Indikatoren machen, steht ein Trainer vielleicht gar nicht so schlecht da. Ein Beispiel bitte! Letzte Saison wurde Dortmund in der Bundesliga Herbstmeister. Aufgrund der Daten hat der Verein zu gut gespielt, Widersacher Bayern München zu schlecht. 24 www.digitaltag.swiss

Grösserer Wirkungskreis. So bewegte sich Lionel Messi in derselben Saison.

Ich habe immer gesagt, das werde sich im Laufe der Saison ändern. Am Schluss war Bayern Meister. Sie können hellsehen? Nein. Trainer Kovac hat die Spielidee konsequent weiterent­ wickelt, aber er hatte anfänglich wenig Spielglück. Das hat sich in der zweiten Saisonhälfte wie erwartet verändert. Würde man auf Daten statt die Meinung alter Fussballer achten, gebe es weniger Entlassungen. Wie nutzen Trainer Daten, um die Startelf zu bestimmen? Ständig messen sie Fitness und Frische. Am Spieltag gleichen sie

die Parameter aufeinander ab und entscheiden, ob ein Spieler einsatzfähig ist. Ist ein zwar fitter und schneller Spieler müde, ist es je nach Modell besser, den lang­ sameren, aber frischeren Spieler einzusetzen. Jeder Spieler will ins Team und könnte Frische vortäuschen. Früher fragte der Coach: «Hast du gut geschlafen?» Sagte der gute Spieler «Ja», durfte er spielen. Heute messen wir die Schrittbalance. Ist einer müde, gerät die Balance aus dem Ruder. Da kann man objektiv sagen: Er ist zu müde für ein Spiel. Liverpool hat dank Datenanalysen


die Champions League gewonnen. Wie weit könnte ein Schweizer Klub damit kommen? Es könnte den Schweizer Fussball umkrempeln, zumindest was die Plätze 3, 4 und 5 betrifft. Vorne sind YB und Basel übermächtig. Aber St. Gallen ist mit dem fast gleichen Torverhältnis Fünfter geworden, mit dem Lausanne abgestiegen ist. Das zeigt, wie nah die einzelnen Teams sind. Mit einem datenbasierten Prozess kann man Dritter werden. Wie viel Zeit braucht es, um eine Spielidee umzusetzen? Um ein gesetztes Ziel zu erreichen, sind fünf bis sieben Jahre nötig. Diese Zeit hat niemand. Schweizer Klubs wollen selbstredend sofort in die Champions League. Daten helfen, realistisch zu bleiben. Die Champions League ist vielleicht

nicht das richtige Ziel. Man erreicht es alle sieben Jahre und erhöht in jenem Jahr die Lohnsumme. Interessanter für ein Schweizer Team wäre es, jedes Jahr die Europa League zu erreichen und europäisch zu überwintern. Das kostet weniger und bringt langfristig finanziell mehr. Laut Pelé ist Fussball das schöne Spiel. Machen Daten den Fussball hässlich? Nein, sie machen ihn besser. Das Spiel ist dank Daten schneller und attraktiver. Mit Daten lässt sich eine Mannschaft optimieren und die Ausbildung der Spieler verbessern. Im Fussball geht es um Raum und Zeit und darum, schnell Lösungen zu finden. Mathematische Modelle helfen ungemein. Viel schneller kann das Spiel kaum werden. Es wird sich in den nächsten zehn 

Jahren noch einmal rasant entwickeln. Dann kommen Spieler in die erste Mannschaft, die bereits im Alter von 7 Jahren daten­basiert trainiert haben. Die heute 19-Jäh­ rigen übten noch Mann­deckung. Der Ball ist rund, ein Spiel dauert 90 Minuten. Stimmt demnach nicht mehr? Ein Spiel dauert effektiv nur 60 Minuten. Uruguay ist 2010 

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SPORT Was hat ein Coach vom Chip im Ball? Es ist möglich, die Torhäufigkeit aufgrund der Schussgeschwindigkeit zu erhöhen. Im Training kann man gezielt üben, einen Ball schneller zu spielen und so mehr Torchancen zu kreieren.

WM-Dritter geworden, weil das Team mit Einwürfen die Nettospielzeit verkürzt hat. In der spielfreien Zeit erholten sich die Spieler gezielt, damit sie in der effektiven Spielzeit ein höheres Tempo gehen konnten. Alles lässt sich nicht mit Modellen erklären. Lionel Messi kann 89 Minuten nichts tun und in genialen Sekunden Spiele entscheiden. Falsch! Modelle zeigen, wie wirkungsvoll Messi in 89 Minuten ist. Es geht im Fussball nicht nur um den Ort des Balls, sondern was darum herum passiert. Messi kreiert Räume für seine Mitspieler. Ohne Ball zieht er Gegenspieler an und setzt Mitspieler frei. Daten zeigen, wie brutal clever Messi herumsteht.

Im Sommer ist Transferzeit. Wie stellen Vereine ihre Teams zusammen? Mit Hilfe von Datenanalysen. Man definiert die Spielidee und sagt etwa: «Wir wollen wie Ajax Amsterdam spielen. Dafür brauchen wir einen Spieler vom Typ Matthijs de Ligt.» Innert Sekunden spuckt mir der Computer eine Liste mit 70 Spielern aus. Jene auf der ersten Seite sind wohl zu teuer. Aber es gibt Spieler aus Tschechien, die

anderen? Das geschieht nicht intuitiv, sondern datenbasiert. Worauf achten Sie besonders? Etwa auf die Anzahl Sprints und die Geschwindigkeit. Rennt er mit 21 km/h oder mit 28 km/h. Warum ist das wichtig? Datenanalysen zeigen: Spielentscheidende Aktionen folgen oft auf einen Sprint mit 28 km/h. Sprintet ein Mittelfeldspieler sieben Mal in die Tiefe, entstehen zwei gefährliche Torszenen. Wir messen Frische, die An­-tritte, wie viel Energie einer verbraucht hat, die Pass-Symmetrie. Anhand der Daten lässt sich sagen, welcher Spieler zu wem passt.

«DATEN ZEIGEN, WIE BRUTAL CLEVER MESSI HERUMSTEHT»

Mögen die Spieler solche Daten­analysen? Es verbessert sie. Sagte man einem Spieler früher, «du läufst zu wenig», zuckte er wütend die Achseln und ging. Heute kann man mit ihm sachlich anhand von Daten diskutieren. Das spornt ihn an, weil er weiss: Der Trainer ist nicht wütend auf mich, ich war zu langsam, ich muss etwas tun. Der Daten-Guru des FC Liverpool sagt, die Funktion der Daten im Fussball sei nach wie vor limitiert. Was fehlt? Besseres Ball-Tracking. Wir haben zwar Positionsdaten von Spielern, können sie aber nicht richtig mit dem Ball abgleichen. Ist das möglich, gibt das einen weiteren Schub für die Analyse. 26 www.digitaltag.swiss

sind so gut wie die Holländer, aber günstiger und motivierter. Filtert man die Alten raus, bleiben zwei oder drei Spieler übrig. Das Berufsmodell Spielerscout hat keine Zukunft? Wofür ein Scout Wochen braucht, ist am Computer in 20 Minuten erledigt. Auf wie viele Spieler haben Sie Zugriff? Mittlerweile gibt es Daten von 51 Ligen. Nun kommen U17-Meisterschaften dazu. Was wissen Sie über einen Spieler, bevor er gekauft wird? Profifussballer sind gläsern geworden. Bekannt ist die Verfügbarkeit während der Saison, das Positionsprofil, die Schnelligkeit. Kann er besser in einer 3er- oder einer 4er-Kette arbeiten? Braucht er einen Links- oder einen Rechtsfuss neben sich? Passt er zu den

Wer ist der beste Fussballer aller Zeiten? Da gibt es keine Zweifel, die Daten sind eindeutig: Lionel Messi. Er hat den mit Abstand höchsten Grad an «expected goals». Andere sagen: Cristiano Ronaldo. Die Daten sprechen gegen Ronaldo. Er hat weit weniger «expected goals» als Messi. Zudem ist er einer der schlechtesten Freistossschützen. Sein Umwandlungssatz liegt bei 4,5 Prozent. Zlatko Junuzovic von Werder Bremen haut 24 Prozent seiner Freistösse ins Tor. Bei Messi sind es 10 Prozent. Welcher Schweizer Fussballer ist der derzeit beste? Remo Freuler hat extrem gute Werte, was den Weg nach vorne betrifft.


Noch steht ein Coach am Spielfeldrand. Längst aber bestimmen im Sport Datenanalysten, wen er aufstellt, wie er spielt – und wer gewinnt.

Illustration: Shutterstock

I

n der 113. Minute schoss Mario Götze Deutschland 2014 ins Glück. Viele be­ haupten allerdings, dass HANA Götze und Co. zu Weltmeistern machte. HANA steht für High Performance Analytic Appli­ ance, dahinter steckt der deutsche Software­ hersteller SAP. Die Kombination aus Soft­ ware und Hardware ermöglicht die schnelle Auswertung grosser Datenmengen. «Nicht unerheblich» sei der Anteil seiner Firma am vierten WM-Titel Deutschlands, so SAP-Vorstand Stefan Ries. Mit dem fünften wollte es in Russland dann aber nicht klap­ pen. Fussball ist eine Herausforderung für Datenanalysen, da 22 Spieler auf dem Platz stehen und Füsse weniger berechen­ bar sind als Hände. Gleichwohl unterhalten

Topklubs der europäischen Ligen ganze ­Forschungslabors. Der FC Liverpool ver­ dankt den diesjährigen Sieg in der Champi­ ons League nicht zuletzt einer ausgeklügel­ ten Datenabteilung. Über Jahre stellte ein Datenanalyst das Team zusammen. Seit ein paar Jahren arbeitet WimbledonSieger Novak Djokovic (32) mit dem ­Datenanalysten Craig O’Shannessy, der für ihn jeden Tennismatch der ATP-Tour ana­ lysiert. Anhand der Daten erstellt er für den Serben Landkarten über Stärken und Schwächen der Gegner. Tennis eignet sich besonders gut für Datenanalysen, da es nur einen Gegner zu vermessen gilt, die Geo­ metrie des Feldes klar und die Spieleröff­ nung mit dem Aufschlag standardisiert ist.

In den USA gewinnen Teams mit Big Data im Basketball, American Football und Baseball. Wobei drei Bereiche wich­ tig sind: Aufgrund der Daten werden Spielzüge entwickelt und jene der Gegner entschlüsselt; Daten helfen, eine Taktik zu entwickeln; zuletzt ersetzen sie den Scout – Teams werden am Computer zu­ sammengestellt. Zu Beginn der Nuller­ jahre verpflichteten die Oakland Athletics aufgrund von Daten Baseballspieler, die günstig zu haben waren und unter ihrem Wert spielten. Der amerikanische Öko­ nom Michael Lewis schrieb darüber 2003 das Buch: «Moneyball: The Art of Winning an Unfair Game», das mit Brad Pitt ver­ filmt wurde. www.digitaltag.swiss  27


IN KOOPERATION MIT SPAR

WER SCHLÄGT SHAQIRI?

Fussballklubs wie Real Madrid und St. Pauli haben ein Gerät entdeckt, um die Fähigkeiten ihrer Spieler zu verbessern: die Sportstation. Doch nicht nur Profis können von der deutschen Entwicklung profitieren.

A

uf den ersten Blick sieht die Sportstation unscheinbar aus. Und ganz ein bisschen retro. «Noch ist sie eine weisse Kiste», gibt Erfinder Wolfgang Alexander Paes (50) lachend zu. Schmunzelnd fügt er an: «Ich bin der Atari der Bewegung – und ein Visionär.» Die Sportstation ist also ein PionierProdukt. Eine Spielkonsole, bei der die Benutzer nicht vom Sofa aus gegeneinander antreten, sondern im richtigen Leben. Mit viel Bewegung. Und noch mehr Spass. Das technische Prinzip: Ein Frontlaser und zwei seitliche Lichtschranken bilden zusammen drei Achsen. Auf diesen können über die Software beliebig viele Messpunkte in einer festgelegten Reihenfolge definiert werden. Dadurch können viele unterschiedliche Laufparcours und Games auf einfache Weise und ohne kompliziertes Aufbauen realisiert werden. Das System erkennt, ob ein Spieler sich im definierten Bereich bewegt oder Fehler macht. Eines der bekanntesten SportstationGames ist der Superdribbler. Dabei muss man möglichst schnell mit einem Ball diverse Pylonen umrunden. Trainiert werden dabei Reaktion, Koordination, Sprint-

geschwindigkeit und Dribbeltechnik. Fussballstars wie Lionel Messi und Xherdan Shaqiri haben es ausprobiert. Wer sich wie gut schlug, sehen Sie in der Bestenliste. Die Sportstation bietet jedoch auch Spiele ohne Fussball, die jedermann, egal ob jung oder alt, in Form oder nicht, absolvieren kann. Denn Paes ist es wichtig, die ganze Bevölkerung in Bewegung zu bringen. Er war einst Bundesliga-Tennisspieler, wurde dann zum Trainer – bis er merkte, dass er die Kinder unter seinen Schülern nicht motivieren konnte. Danach setzte er alles daran, ein Bewegungsmittel zu erschaffen, das den gleichen Reiz und die gleiche Faszination ausübt wie Gamekonsolen. Für die Entwicklung der Sportstation arbeitete er mit dem deutschen Neurobiologen Gerald Hüther zusammen. «Die Sportstation hat auf das Gehirn den gleichen Effekt wie die Spielkonsolen», sagt Wolfgang Alexander Paes. Wer einen Parcours fehlerfrei absolviert, bekommt vom Gerät einen Bon mit den Leistungswerten ausgedruckt. Das führt genauso zur Ausschüttung von Glückshormonen wie die Bewegung, der Wettkampf und der Spass am Spiel an sich.

Über die Sportstation-App kann man zudem seine Leistungen in eine Rangliste eintragen und die Klassierung im Auge behalten oder sich über neue Challenges informieren. «Das alles reizt dazu, immer wieder zu spielen», sagt Paes. Sportstation macht also auch süchtig, aber auf eine gute Art. 80 000 Programmierstunden stecken im Gerät. In Spitzenzeiten waren bis zu 40 Softwarespezialisten im Einsatz, Paes’ Partner Robert Ramholz inklusive. Über 2 Millionen Franken hat die Entwicklung bislang verschlungen. Als das Geld knapp wurde, verkaufte Paes sogar sein Haus. Die Sportstation kostet im Moment noch etwas über 10 000 Franken. Deswegen wird sie vorwiegend von Gemeinden oder Vereinen benutzt. Teuer ist vor allem die Messtechnologie. Paes hofft, dass diese in fünf Jahren so günstig geworden ist, dass er für jedermann erschwingliche Geräte anbieten kann.

Die besten Superdribbler

Lionel Messi Argentinien FC Barcelona

Jonathan Schmid Frankreich SC Freiburg

5,12 Sekunden

5,16 Sekunden

28 www.digitaltag.swiss

Özkan Yildirim Deutschland ehem. Eintracht Braunschweig 5,28 Sekunden

Xherdan Shaqiri Schweiz FC Liverpool

Julian Draxler Deutschland Paris Saint-Germain

Christian Fuchs Österreich Leicester City

Dante Brasilien OGC Nizza

5,34 Sekunden

5,42 Sekunden

5,44 Sekunden

5,53 Sekunden


Sportstation zu gewinnen Im Rahmen des Digitaltags am Dienstag, 3. September, gibt es eine von SPAR gesponserte Sportstation zu gewinnen. Wert: über 10 000 Franken. Wer der Meinung ist, sein Verein oder seine Gemeinde hätte die Sportstation verdient, schreibt ein Mail mit einer originellen Begründung an sportstation@ringier.ch

Fotos: Shutterstock, Getty Images (4), AFP, AMA, EPA

Lichtschranken und Laser stecken den Parcours ab.

Einsendeschluss: Sonntag, 1. September 2019, 23.59 Uhr. Die Teilnehmer mit den besten Argumenten treten am 3. September um 12 Uhr in der Arena von BLICK und digitalswitzerland im Zürcher Hauptbahnhof im Superdribbler-Spiel an. Wer sich am besten schlägt, gewinnt die Sportstation. Ausserhalb des Wettbewerbs können Interessierte die Sportstation ausprobieren. Ihr Erfinder Wolfgang Alexander Paes ist vor Ort und beantwortet Fragen.

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GESELLSCHAFT

KANN MAN EINEN ALGORITHMUS LIEBEN? Für die israelische Autorin Eva Illouz ist die Liebe im digitalen Zeitalter zum Einkaufserlebnis geworden. In Zukunft werden wir Sex mit Robotern vorziehen. Nicoletta Cimmino und Peter Hossli Frau Illouz, Sie haben sich ein Leben lang akademisch mit Liebe befasst. Was lieben Sie an der Liebe? Der österreichische Autor Arthur Schnitzler wurde einst gefragt, warum er bloss über Sex und den Tod schreibe. Und er sagte: «Gibt es andere Themen?» Liebe ist das Wichtigste in unserem Leben. Es gibt ihm Sinn. Gleichzeitig ist es eine grosse intellektuelle Herausforderung, sich mit Liebe zu befassen. Das reizt mich. Liebe ist mysteriös. Verliert sie im digitalen Zeitalter ihr Geheimnis? Nach wie vor verstehen wir den Moment des Verliebens nicht vollständig. Warum verlieben wir uns in diese Person und nicht in eine andere? Für uns Menschen ist dieses Mysterium bedeutend. Nun ist die digitale Welt daran, die Liebe völlig zu entzaubern. Wie denn? Treffen wir uns persönlich, erfahren wir das als etwas Ganzheitliches. Wir sehen uns, hören unsere Stimme, eine echte Begegnung ist eine körperliche Erfahrung. Und online? Über Profilbilder auf Dating-­ Plattformen erhalten wir nur noch bruchstückhafte Informationen. 30 www.digitaltag.swiss

Da besteht eine Person bloss aus Einzelteilen – das Gegenteil einer ganzheitlichen Erfahrung. Wir wählen Personen aufgrund von Datensätzen aus. Das allein entzaubert die Liebe? Das – und das enorm grosse Angebot. Es ist längst unmöglich geworden, es zu verarbeiten. Die Liebe im Internet ist ein All-youcan-eat-Buffet statt wie einst eine Mahlzeit mit Vorspeise, dem Hauptgang und einem Dessert. Mit welchen Folgen für unser Beziehungsleben? Die Liebe ähnelt in der digitalen Welt dem Einkauf im Supermarkt. In der Auslage liegen Produkte, deren Existenz wir bis anhin nicht einmal kannten. Liebe folgt im Internet den Gesetzen der Marktwirtschaft. Das Angebot steigt, die Konkurrenz ist gross, der Preis sinkt. Wer da bestehen will, muss sich wie ein Produkt anpreisen, Werbung machen, sich ständig optimieren, als sei man eine Marke. Perfekte Marken treffen aufeinander – und werden irgendwann menschlich. Ist die Enttäuschung nicht grösser? Doch. Umso rascher verlassen wir dann den

anderen, wenn er nicht mehr perfekt ist? Sobald eine Frau zu nerven beginnt oder ein Mann unpassende Kleider anzieht und blöd aussieht, findet man mit einem Mausklick die oder den Nächsten. Die Fluktuation an Partnern nimmt ständig zu. War das in der analogen Welt anders? Die gesellschaftlichen Regeln haben sich extrem gewandelt. Einfach zu verschwinden und sich nicht mehr zu melden, ist üblich, Ghosting salonfähig geworden. Vor 40 Jahren war das ein schweres moralisches Vergehen. Heute sind wir schnell in Beziehungen drin, und schnell wieder draussen. Werden wir dereinst mit Robotern echte Liebesbeziehungen haben? Da habe ich keine Zweifel. In etwa 30 Jahren wird es Roboter geben, die sich perfekt auf uns einlassen. Wir werden nicht mehr daran denken, dass es Maschinen sind. Eine Maschine wird doch nie so vielfältig sein wie ein menschlicher Partner. Viele Ehen folgen doch einem immer wiederkehrenden Drehbuch. Es herrscht in vielen Beziehungen bleierne Routine. Und die Anzahl der Sätze, die Eheleute austauschen, ist ziemlich beschränkt. Ein Algorithmus ist da besser? Mit einem Algorithmus können Sie mehr Spass haben. Er hat nie schlechte Laune und einen besseren Humor. Roboter sind nicht beleidigt, wenn man sich über sie aufregt. Sie sind möglicherweise die besseren Liebespartner. Dann braucht es Menschen in der Liebe nicht mehr? Menschen brauchen nach wie vor das Gefühl, von jemandem auserwählt worden zu sein.


Foto: Guy Prives

Persönlich Die israelische Soziologin Eva Illouz (58) lehrt an der Hebräischen Universität Jerusalem. Sie befasst sich mit der Liebe und dem Gefühlsleben. Ihre zwölf Bücher sind in 18 Sprachen übersetzt worden. Zuletzt erschienen ist 2018 «Warum Liebe endet».


GESELLSCHAFT

«MIT EINEM ALGORITHMUS KANN MAN MEHR SPASS HABEN. ER HAT NIE SCHLECHTE LAUNE» Ein Algorithmus lässt sich so ­pro­grammieren, dass er jemanden bewusst auswählt. Dann braucht es die Menschen für die Liebe vielleicht nicht mehr. Das wäre das posthumane Zeitalter. Noch buhlen zahlreiche DatingPlattformen um Menschen. Welche setzt sich durch? Die Betreiber neuer Dating-Plattformen realisieren, dass der Vorteil herkömmlicher Dating-Seiten zu einem Nachteil geworden ist. Es gibt schlicht zu viele Fische im Teich. Deshalb schlagen die neuen Player höchstens noch ein Date pro Tag vor. Ein Date pro Tag tönt nach sehr viel. Immerhin gibt es eine Beschränkung. Das verbessert die Chance, eine passende Person zu finden. Gute Algorithmen schlagen mögliche Partner aufgrund über­ einstimmender Werte und nicht aufgrund des Äusseren vor. Sind ernsthafte Beziehungen mit Hilfe von Dating-Plattformen überhaupt möglich? Sicher. Die richtige Frage lautet aber anders: Sind die neuen Technologien hilfreich für stabile Beziehungen. Ich glaube nicht. Warum nicht? Weil es praktisch nichts kostet, einen neuen Partner zu suchen. Das Internet gibt uns das Gefühl, dass es noch viele tolle Menschen gibt, die auf uns warten. 32 www.digitaltag.swiss

Sie sehen nichts Positives? Dank des Internets überwinden wir gesellschaftliche und geografische Grenzen. Falls wir das wollen, lernen wir Menschen ausserhalb unserer sozialen Blasen kennen. Verändert die Digitalisierung die Geschlechterrollen? Es ist akzeptabler geworden für Frauen, Beziehungen zu initiieren. Allerdings verstärkt das Internet eine traditionelle Vorstellung: dass nur eine schöne Frau eine begehrenswerte Frau ist. Der Druck, schön zu sein, ist heute stärker als vor 30 Jahren. Bei Tinder zum Beispiel geht es hauptsächlich um das Bild. Aber für Frauen ist Tinder einfacher als für Männer. Sie erhalten mehr Matches und können auswählen, wen sie wollen. Schafft Tinder, was die sexuelle Revolution nicht geschafft hat? Das ist oberflächlich. Tinder gibt uns Frauen das Gefühl, wir könnten auswählen, wir hätten Macht. Wir sehen einen Typen und sagen: Furchtbar. Dann wischen wir nach links. Das ist ein bestärkender Schritt. Man sagt: Ich will diesen Mann nicht. Aber ist das wirklich Macht? Beim ersten Rendezvous fallen wir wieder in traditionelle Muster. Der Mann bezahlt das Essen. Junge Leute sind sich gewohnt, einander im Internet kennenzulernen. Für viele ältere Leute ist das Neuland. Sind ältere Menschen einsamer? Nein. Mit der Scheidungsrate ist die Benutzerrate von älteren Menschen im Internet gestiegen. Sie benutzen die sozialen Medien zielgerichteter. Wie erlebt jemand Liebe, der von Geburt an mit dem Internet aufwächst? Digital Natives suchen weniger die Liebe für das Leben. Viele ihrer Vorbilder sind geschieden oder getrennt. Sie glauben nicht daran, jemanden zu treffen, mit dem sie ihr Leben verbringen werden. Beziehungen begreifen sie wie aufeinanderfolgende Episoden.

Mit Leichtigkeit starten sie, beenden sie, starten und beenden sie Beziehungen. Oder sie bleiben alleine. Wie ist ihre Beziehung zur Sexualität? Sie haben völlig unrealistische Erwartungen. Sie schauen Pornos im Netz und werden zu sexuellen Virtuosen. Die Hedonisten aus dem 18. Jahrhundert würden erblassen vor Neid auf das Wissen heutiger Jugendlicher. Auf diesen Porno­seiten bekommt man ein Angebot vorgesetzt wie in einer dieser modernen Kaffeebars. Sie meinen, Youporn ist organisiert wie Starbucks? Man sieht auf Pornoseiten Akte, die man früher nicht kannte. Genau wie es viele neue Kaffeegetränke gibt. Wir entwickeln sexuelle Vorlieben und befriedigen sie ganz gezielt mit einem Videoclip. Mit Folgen für die Sexualität im realen Leben? Wir betrachten den Partner als Person, die ein Einkaufserlebnis zu befriedigen hat. Habe ich zum Beispiel die Fantasie eines flotten Dreiers – das ist vermutlich längst altmodisch –, hat mein Partner diese Fantasie zu erfüllen. Was macht die ständig verfügbare Internet-Pornografie mit uns? Frauen wie Männer lernen, dass Frauen beliebig austauschbar und nicht mehr als ein Körper sind. Sie sind nicht sehr wertvoll. Da Pornografie überall ist, trennen sich Sexualität und die Gefühlswelt immer mehr. Männer, die ständig Pornos schauen, verlieren ohne Pornografie die Fähigkeit, mit einem realen Menschen in Verbindung zu treten. Sie sind oft nicht mehr in der Lage, im Beisein einer Frau erregt zu sein. Gibt es kein Zurück in dieser Entwicklung? Ich habe keine Kristallkugel. Aber alle Daten und Fakten sprechen dafür, dass diese Entwicklung weitergeht.


DIGITAL INS LIEBESGLÜCK Algorithmen haben Freunde als Verkuppler abgelöst. Nun soll die Wahl von Emojis sagen, wie lange eine Liebe hält.

Illustration: Shutterstock

F

rüher liess eine Frau raffiniert ihr Taschentuch fallen, um dem Gegenüber Interesse zu signalisieren. Heute reicht eine Wischbewegung auf dem Smartphone nach rechts. Dating-Plattformen wie Tinder revolutionieren das Liebesleben. 2 Milliarden Mal täglich wird Tinder aufgerufen. Am häufigsten in den USA, Grossbritannien und Brasilien. Bis 2025 soll der globale Umsatz der Online-Dating-Branche von heute 7 auf 10 Milliarden US-Dollar ansteigen. Längst haben Algorithmen Familie und Freunde als Verkuppler abgelöst. Gemäss ­einer aktuellen Studie der amerikanischen Stanford-Universität lernen sich heute 39 Prozent aller heterosexuellen Paare on-

line kennen. Das private Umfeld macht noch 27 Prozent aus. 1995 waren es 45 Prozent a­ller Paare, die einander durch ein Fami­ lienmitglied oder Freunde vorgestellt wurden, und 2 Prozent trafen und verliebten sich online. Gemäss dem Portal SinglebörsenVergleich suchen derzeit 675 000 Schweizer online einen Partner. Im vergangenen Jahr gaben sie dafür 41 Millionen Franken aus. Aber nicht nur am Anfang von Liebesbeziehungen spielen digitale Hilfsmittel eine grosse Rolle. Unsere Grosseltern und Eltern schrieben sich Briefe und telefonierten. Wir chatten in Messengern, liken gegenseitig Fotos oder schicken per Snapchat und TikTok kurze Videos und Bilder hin und her.

Was die digitale Kommunikation von Verliebten für ihren Umgang bedeutet, untersucht die US-amerikanische Linguistin und Forscherin Michelle McSweeney mit ihrem Projekt «Love Tests». McSweeney analysiert anhand von Chats, wie glücklich und stabil eine Liebesbeziehung ist. Sie untersucht die verwendeten Wörter, gesendete Emojis und die Zeitdauer, bis jemand auf eine Nachricht antwortet. McSweeney will aufgrund dieser Daten sogar voraussagen können, wie lange eine Verbindung halten wird. Die Heftigkeit des Herzklopfens vor der ersten Begegnung aber bleibt trotz Algorithmus das Geheimnis jedes Einzelnen. www.digitaltag.swiss  33


POLITIK

Heute wird mit Big Data Wahlkampf gemacht. Erfolgreich? FDP und SP verraten ihre Strategien. Peter Hossli

Herr Dobler, Sie kandidieren in St. Gallen für den Ständerat. Gestern haben Sie auf Instagram ein Video gepostet, das Sie auf dem Wakeboard zeigt. Gewinnt man damit Wahlen? Marcel Dobler: Wichtig ist die Mischung. Instagram ist ein persönliches Portal. Da gehören Sportbilder dazu. Auf Twitter und LinkedIn

Auf Instagram sind Sie sportlich, auf Twitter und Facebook politisch? MD: Auf Instagram unterhaltend und bildgebend, auf Facebook hat es Platz für Botschaften. Herr Leitner, welche Richtlinien und Empfehlungen gibt die FDP an Kandidaten ab, die soziale Medien nutzen? Matthias Leitner: Wir empfehlen, früh anzufangen und authentisch zu bleiben. Zudem schulen wir all jene, die das wünschen. Es macht wenig Sinn, wenn jemand zwei Monate vor den Wahlen plötzlich auf Instagram auftaucht. Herr Dobler, der Aargauer SP-Ständeratskandidat Cédric Wermuth hat 47 000 Follower auf Twitter, Sie etwas mehr als 2100. Was macht er besser? MD: Die Anzahl der Follower korreliert oft mit der beruflichen Belastung neben dem Parlament. Herr Wermuth ist nur Parlamentarier und investiert vermutlich viele Stunden pro Tag in die sozialen Medien. Als Unternehmer kann ich das nicht. Es gibt Politiker, die nicht viel anderes tun, als die sozialen Medien zu bewirtschaften. ML: Linke Politiker sind in den

FDP-Nationalrat Marcel Dobler (l.) mit seinem Kampagnenleiter Matthias Leitner.

sozialen Medien untereinander solidarischer. Gegenseitig teilen und liken sie ihre Inhalte. Wir Bürgerlichen müssen lernen, die Algorithmen besser zu bearbeiten. Ein Blick allein auf die Follower-Zahlen greift aber zu kurz. Aussagekräftiger ist, wer es von den sozialen Medien in die Zeitungen schafft. Das gelingt Politikern auf beiden Seiten der Pole – etwa Wermuth links und Andreas Glarner rechts –, aber nicht allzu oft FDP-Vertretern. ML: Beide setzen auf Kontroversen und gehen an das Limit dessen, was die Gesellschaft erträgt. Damit ist Donald Trump US-Präsident geworden. ML: Sie provozieren, in der Hoffnung, eine Diskussion auszulösen. Die sozialen Medien belohnen dies, weil die Interaktionen hoch sind. Man darf sich aber fragen: Ist das guter Stil? Eine andere Frage scheint wichtiger: Kann man Twitter-Provokationen in Stimmen ummünzen? Bei Trump hat es funktioniert. MD: In Amerika gibt es zwei Parteien, da reicht es, die andere anzugreifen. Das politische System der Schweiz ist komplexer und weit weniger anfällig auf Twitter-Provokationen.

Trump hat seinen Digital-Manager von 2016 zum Wahlkampf-Manager 2020 befördert. Wie wichtig ist die digitale Sphäre bei Schweizer Wahlen? ML: 2011 gab es erste Versuche. 2015 hat man das, was man gemacht hat, zusätzlich für die sozialen Medien gemacht. 2019 werden erstmals eigene Inhalte für soziale Medien erstellt. Jeder Kanal spricht eine andere Gruppe an. Für eine Wirtschaftspartei wie die FDP ist LinkedIn wichtig. Instagram ist für die Jungen, Twitter für die Aktualität. Das Werbebudget fliesst zu Facebook, da dort die Massen sind. MD: Es reicht nicht, nur online zu investieren. Es braucht offline Aktivitäten, Plakate, Inserate,

Fotos: Daniel Kellenberger, Jessica Keller

WARUM GEWINNT DIE FDP?

poste ich keine solche Videos.


Herr Wermuth, welcher Schweizer Politiker ist auf Twitter der beste Trump? Cédric Wermuth: Claudio Zanetti von der SVP. CVP-Präsident Gerhard Pfister ist der unvorhersehbarste. Twitter ist aber über­ bewertet und vor allem ein Selbstbeschäftigungsprogramm für Politikerinnen und Journalisten … ... also Menschen wie Sie? CW: Ja, sicher. Im Gegensatz zu den USA spricht Twitter in der Schweiz aber nur einen kleinen inneren Kreis an. Donald Trump provoziert und erhält dadurch Aufmerksamkeit. Sie sind in den letzten Monaten etwas leiser geworden. Warum? CW: Das Modell von Twitter hat sich totgelaufen. Der Versuch, sich dort ernsthaft politisch auseinanderzusetzen, ist gescheitert. Zudem sind einige meiner Tweets aus dem Kontext gerissen in anderen Medien zitiert worden. Gelernt habe ich: Es ist besser, weniger zu machen. Die Fallhöhe ist gross. Unlängst twitterten Sie, die «europä­ ische Abschreckungspolitik ist Mord» – eine happige Provokation. CW: Leider eine nüchterne ­Fest­stellung von Tatsachen. Sie schreiben, das sei «politisch gewollt», dann wären europäische Politiker Mörder ... CW: … ja, das stimmt.

Lassen sich Twitter-Provokationen in Stimmen umwandeln? Marco Kistler: Es ist ein schmaler Grat. Aufmerksamkeit kann Stimmen bringen – oder einen totalen Verriss. CW: Wer auf Twitter provoziert, muss die Provokation verteidigen können. Ist eine Aussage billig, kann sie zum Bumerang werden. Was raten Sie SP-Politikern? MK: Möglichst authentisch zu sein, sich in den sozialen Medien nicht zu verändern und die eigene Person nicht zu verstecken. Welcher digitale Kanal ist für die SP der wichtigste? MK: Wahrscheinlich E-Mail. Dort erreichen wir die Wählerinnen und Wähler am direktesten. CW: Noch wichtiger ist direkter Kontakt. Die Schweiz ist klein genug. Auf den Visitenkarten, die ich verteile, steht meine private Mobiltelefonnummer. Digitaler Wahlkampf wird überschätzt? CW: Vor acht Jahren habe ich behauptet, in den sozialen Medien werde eine Wahl weder gewonnen noch verloren. Heute ist der digitale Einfluss höher. Allein online aktiv zu sein, reicht aber nicht. Trump

WARUM GEWINNT DIE SP? ist nicht wegen einer Datenbank gewählt worden. Seine Botschaft passte, und er hat sie auf verschiedenen Kanälen richtig vermittelt. Linke Parlamentarier sind in den sozialen Medien erfolgreicher als bürgerliche, haben mehr Follower. Warum? CW: Die Bürgerlichen sagen: Wir haben sonst nichts zu tun (lacht). MK: Die Linken sind darauf angewiesen, auf Menschen zuzugehen, in der realen Welt wie in den sozialen Medien. Uns ist es nicht möglich, einen Kreis von 100 mächtigen Männern aufzubauen. Herr Wermuth, Sie haben über 47 000 Follower auf Twitter, der St. Galler FDP-Ständeratskandidat Marcel

Ein Mörder ist man in einem Rechts­ staat erst durch eine Verurteilung. CW: Okay, einverstanden. Würde sozialdemokratische Politik nicht wehtun, wäre es keine sozialdemokratische Politik. Es geht um das Hinterfragen von Selbstverständlichkeiten. Die Reduktion auf 280 Zeichen zwingt einen, zugespitzt zu kommunizieren. Dadurch wächst die Chance, dass eine Aussage aufgenommen wird. Äussere ich mich auf Twitter zur europäischen Flüchtlingspolitik, soll sich das verbreiten.

SP-Nationalrat Cédric Wermuth mit Kampagnen-Spezialist Marco Kistler.

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POLITIK

Matthias Leitner (33) studierte an der Universität Bern Politikwissenschaften. Seit 2010 arbeitet er für die FDP. Fünf Jahre war er Kampagnenleiter der Frei­sinnigen, heute amtet er als stellvertretender General­sekretär und Leiter Parteiorganisation. rat zu werden? MD: Sag niemals nie! Aber: Roger Federer ist vermutlich der einzige Schweizer, der den Sprung ins Parlament allein über die sozialen Medien schaffen könnte.

Marcel Dobler Marcel Dobler (39) ist seit 2015 FDP-Nationalrat im Kanton St. Gallen. Er gehörte zu den Gründern von Digitec, deren CEO er 13 Jahre lang war. Seit Sommer 2018 ist er Mitbesitzer des Spielwaren-Händlers Franz Carl Weber. Dobler war Schweizer Meister im Zehnkampf und im Viererbob. Er kandidiert im Herbst zusätzlich für den Ständerat.

man muss gesehen werden. Ich verschicke eine Wahlzeitung in alle St. Galler Haushalte. Das ist effektiver als Online-Posts.

Wie viel geben Sie 2019 für Ihren Wahlkampf aus? MD: Wie bereits 2015 lege ich das nicht offen. Sie können davon ausgehen, dass sich das Budget in einem ähnlichen Rahmen bewegt wie bei anderen Ständeratskandidaten. Wie gross ist der Online-Anteil? ML: Zehn Prozent. Die CVP schaltet national weder ­analoge Plakate noch Inserate. ML: Eine gewagte Strategie … MD: … ultramutig, aber aus meiner Sicht fatal.

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Sie betreiben sogenanntes Mikrotargeting. Aufgrund welcher Daten ist das möglich? ML: Wir haben das Modell zusammen mit Gfs.Bern entwickelt. Es basiert auf den Sinus-Milieus, einem Datensatz, der für jedes Haus sagt, welche Art Menschen dort mit welcher Wahrscheinlichkeit leben. Sie wissen, wo welche Wähler wohnen? ML: Das Modell betrachtet beispielsweise, wie alt und wie gross ein Haus ist, ob es in der Nähe eines Sees steht, wann es letztmals renoviert wurde. Daraus lassen sich Schlüsse ziehen, wie die Be-

Wie gross ist der prozentuelle Stimmengewinn, den die FDP erwartet? ML: Beim Door-to-Door-Bereich haben wir in einem Test einen positiven Effekt von 0,5 Prozent erreicht. Das tönt nach wenig. MD: Es zeigt den Unterschied zu Trump. Er kann mit Mikrotargeting an gewissen Orten zwischen 10 und 30 Prozent erreichen. In unserem System sind 0,5 Prozent der Stimmen viel. Mit der Digitalisierung ist in vielen ­Ländern der Einfluss ausländischer Akteure in die Politik gestiegen. Wie sieht das in der Schweiz aus? MD: Unser System ist zu komplex, die Anzahl Kandidaten und Parteien zu hoch. Es ist extrem schwierig, direkt Einfluss zu nehmen. Es gibt aber einzelne Politiker, die ihre Aufträge im Ausland vergeben. Wer zum Beispiel? ML: Politiker holen sich Spezialisten, da wir mit Wahlkämpfen relativ wenig Erfahrung haben. Cédric Wermuth engagiert eine Werbeagentur in New York. Er kauft sich dort das Know-how ein – obwohl er ja betont, man müsse Arbeitsplätze in der Schweiz schützen. Der Bundesrat hat E-Voting vorerst ausgesetzt. Herr Dobler, wann stimmen wir elektronisch ab? MD: In fünf bis zehn Jahren sind

Ist es möglich, mit einer ausschliesslich digitalen Wahlkampagne National-

Die FDP setzt erstmals auf Big Data. Was machen Sie anders als andere Parteien? ML: Wir versuchen, unsere Werbefranken effizienter einzu­ setzen. Deswegen berechnen wir über Aggregatsdaten, wo in einer Gemeinde, in einem Stadtkreis, in einem Kanton eher FDP-Wähler wohnen. Das erlaubt uns, sehr präzise Plakate zu hängen. Identifizieren wir eine FDP-affine Strasse mit geringer Wahlbeteiligung, lohnt es sich, dort eine Strassen­ aktion zu machen.

Wenden Sie es schweizweit an? ML: Wir können in jeder Gemeinde sagen, wie hoch unser Potenzial ist und ob es sich hier oder dort lohnt, Werbung zu schalten. MD: In den USA wird das längst gemacht. Jetzt wird der Wahlkampf in der Schweiz wissenschaftlich und datengetrieben. Parteien, die das machen, haben kurzfristig einen Vorteil. In zehn Jahren machen das alle, dann ist es Standard.

Fotos: Daniel Kellenberger, Jessica Keller

Matthias Leitner

wohner wählen. Die Daten basieren auf dem Register, dass die Eidgenossenschaft führt.


Dobler 2100. Weil er Unternehmer ist und Sie Berufspolitiker? CW: Schaue ich mir die Kampagne von Herrn Dobler und der FDP an, frage ich mich, was er neben Politik macht. Ich bin kein Berufspolitiker, aber ich hätte mit der Bezeichnung keine Mühe. Wir haben zu wenig Geld, um den Kanton Aargau mit Inseraten und Plakaten zu fluten. Deshalb sind wir stärker auf soziale Medien angewiesen.

Mit der Digitalisierung von Wahl­ kämpfen wächst weltweit der Einfluss ausländischer Akteure. Wie gross ist er auf die Schweizer Politik? CW: Der wahre Skandal ist, dass sich die Russen nicht für unsere Wahlen interessieren. Spass beiseite: Es hat nicht zugenommen, es wird durch die sozialen Medien offensichtlicher. MK: In der Schweiz wissen wir es nicht. Hier sind Dinge in der Politik legal, die andernorts als korrupt gelten. Warum lassen Sie Ihren Wahlkampf aus dem Ausland beeinflussen? CW: Mache ich das? Von wo denn?

Ihnen genügt Schweizer Know-how nicht? CW: Aus den USA kommen die Ideen für den digitalen Wahlkampf. Ebenso haben wir versucht zu verstehen, was grafisch für Amerika funktioniert. Daraus lernen wir. Sie geben sich als Globalisierungs­ gegner und setzen sich für den Erhalt von Schweizer Arbeitsplätzen ein. Ist es nicht heuchlerisch, eine US-Agentur zu beschäftigen? CW: Es geht um Know-how-Transfer – und eine Zusammenarbeit unter jungen, progressiven politischen Bewegungen weltweit. ­Bezüglich Sprache und Ästhetik gibt es nichts Vergleichbares in der Schweiz. Politische Werbung in der Schweiz ist eher langweilig. Es gibt unzählige coole Schweizer Design-Agenturen. CW: Ja, Aargauer Grafikerinnen und Grafiker setzen um, was wir mit New York erarbeitet haben.

Frage zu finden. Was in der amerikanischen Politik geschieht, ist für uns wichtig. Was Ihnen zum echten US-Wahlkampf fehlt: Sie zeigen Ihre Familie in den sozialen Medien nicht. CW: Politische Berater schlagen mir das immer wieder vor. Aber das wird nicht geschehen. Das haben meine Partnerin und ich bewusst entschieden. Und meine Kinder sollen später selber entscheiden, ob sie zum Erbe ihres Vaters stehen wollen. Dieses Erbe ist ja nicht ganz unproblematisch. Zur US-Politik gehört Transparenz bei den Finanzen. Wie viel geben Sie für Ihren Wahlkampf aus? CW: Das sage ich Cédric Wermuth ­Ihnen, sobald ich es weiss. Der Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth (33) Eine kluge Ausrede, kandidiert im Herbst für den Transparenz zu umgehen. Ständerat. Er hat Politik­ CW: Wir sind mit wissenschaften, Wirtschaftsund Sozialgeschichte und Philosophie studiert. Zwischen 2008 und 2010 präsidierte er die Juso. 

Als erste Schweizer Partei setzt die FDP auf Mikrotargeting. Aufgrund von Daten weiss sie, in welchen Gemeinden die Partei noch Potenzial hat. Wie kontert die SP das? MK: Wir haben in vielen Gemeinden Menschen, die besser wissen als der Algorithmus des GfS, wo die Wählerinnen und Wähler leben. Menschliche Intelligenz bringt mehr als ein Datensatz. CW: Mir widerstrebt ein Politikmodell mit Mikrotargeting. Es dreht Prioritäten um. Man nimmt die Vorlieben von Menschen und geht mit einem Angebot auf sie zu. Aber ich verkaufe nicht Mars oder Snickers. Ich bin von etwas überzeugt und versuche andere davon zu überzeugen. Mikrotargeting bewirkt, dass man nur noch innerhalb der eigenen Blase mit Menschen redet.

die für Sie Wahlkampf macht. CW: Moment! Wir haben zusammen mit der Agentur Tandem eine grafische Sprache entwickelt, die wir in der Schweiz umsetzen.

Politisch darf man globalisieren, nicht aber wirtschaftlich? CW: Es geht nicht gegen die Globalisierung, sondern um eine andere Art als die neoliberale. Die grosse Herausforderung der Linken im 21. Jahrhundert ist es aber, eine Antwort auf die internationale

Marco Kistler Der ehemalige Glarner SP-Landrat Marco Kistler (34) war Kampagnenleiter und Erfinder der 1:12-Initiative. 2015 leitete er den Basiswahlkampf der SP. Heute führt er in Winterthur ein Büro für politische Kampagnen. Zu seinen Kunden gehört Cédric Wermuth.

Sie haben eine Agentur in New York, www.digitaltag.swiss  37


POLITIK wir bei 100 Prozent. Die Vorgabe bei E-Voting ist Sicherheit vor Tempo. Jetzt braucht es einen Neustart, um das zu garantieren. Der jetzige Anbieter ist ein Problem. Nötig sind dezentrale Datenhaltung und Nachverfolgbarkeit der Stimmen, bis nach der Abstimmung. Sie wollen den Prozess deanonymisieren? MD: Das Stimmregister sollte von der Abstimmungssoftware abgekoppelt werden. Vom Stimmregister erhält der Wähler einen Code. Damit kann er in einem anderen System abstimmen und die Stimme nachverfolgen. Dadurch bleibt die Anonymität gewahrt. Wie verändert E-Voting das ­Abstimmungsverhalten? MD: Wählt man physisch, macht man sich mehr Gedanken, da man Informationen auf der Strasse, in den Medien, bei Gesprächen bekommt. Beim E-Voting besteht die Gefahr, dass neben der Wahlwer-

«ES REICHT NICHT, NUR ONLINE ZU INVESTIEREN» bung der Link zum Abstimmen gesetzt wird. Eine Entscheidung fällt schneller. Ähnlich wie beim Konsumkreditgesetz braucht es einen Übereilschutz. Wie verändert sich die politische Landschaft, wenn digitales Abstimmen möglich ist? MD: Es werden nicht mehr und nicht mehr Junge wählen und abstimmen als heute, das ist untersucht. Es gibt eine Verschiebung von Post zu E-Voting, aber der ­Postanteil bleibt hoch. Warum ist das so? MD: Der Prozess des E-Votings ist nicht benutzerfreundlich. Physisch abgestimmt hat man in 30 Sekunden. Beim E-Voting muss man eine lange Nummer eingeben und einen

weiteren Code, das dauert drei Minuten. Die elektronische Identität könnte die Lösung sein. Sie ist umstritten. MD: Ist sie das? Kritiker sagen, Identitätskarten ­auszustellen, dürfe nicht Aufgabe von Privaten sein. MD: Wer das sagt, versteht die SwissID nicht. Es ist eine staatlichprivate Lösung. Alles Wichtige liegt beim Staat: die Kontrolle, Freigabe der Daten, die Organisation. Privat ist einzig der Vertrieb. Herr Dobler, werden Sie dank Mikrotargeting im Herbst Ständerat? MD: Das entscheiden die Wählerinnen und Wähler. Ich werde das Bestmögliche geben.

«HIER SIND DINGE IN DER POLITIK LEGAL, DIE ANDERNORTS ALS KORRUPT GELTEN» einem geschätzten Wahlbudget von 150 000 Franken gestartet. Momentan sind wir eher bei 200 000 bis 250 000 Franken. Was reinkommt, geben wir wieder aus.

Wie viel Geld fliesst in digitale Aktivitäten? MK: Der grösste Posten geht in Manpower, wobei viele Freiwillige die digitalen Aktivitäten betreuen.

Woher stammt das Geld? CW: Von kleinen Spenden und einzelnen Grossspenden zwischen 5000 und 8000 Franken. Auf Anfrage lege ich alle Namen der Spender über 5000 Franken offen, das ­verlangt die Partei von mir.

Wie viele Personen tun das? CW: Es ist ein Profi, dazu zwischen 20 und 30 Freiwillige, die meinen digitalen Auftritt betreuen.

Wie viel Geld sammeln Sie online? MK: Etwa ein Drittel, wobei E-MailAnfragen besonders effektiv sind. Nur wenige spenden per Kreditkarte. Viele bestellen einen Einzahlungsschein. 38 www.digitaltag.swiss

Was machen diese vielen Personen? CW: Zur 1.-August-Rede in Seon begleiteten mich ein Fotograf und ein Videograf. Eine dritte Person hat die Bilder geschnitten, jemand bespielt Instagram. Das sind alles Freiwillige. Es zeigt die Dynamik meiner Kampagne. Man kann dieses Engagement nicht faken.

Der Bundesrat hat E-Voting vorerst ausgesetzt. Wann stimmen wir ­elektronisch ab? CW: Ich bin vom gelassenen Befürworter zum skeptischen Gegner geworden. Warum? CW: Es werden kaum mehr Jugendliche abstimmen. Politik scheitert, weil sie nicht glaubwürdig ist – und nicht wegen des Abstimmungs­ verfahrens. Es ist nicht schwierig, einen Zettel auszufüllen. Die Frage der Sicherheit ist nicht gelöst. Gibt es einmal ein Problem, sind alle Abstimmungen der nächsten zehn Jahre diskreditiert.


POLITIK MIT HASHTAG Wie viel Einfluss hat Social Media auf Wählerinnen und Wähler und wie nutzen Politiker die neuen Kanäle, um Stimmen zu fangen?

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S-Präsident Donald Trump ist der König auf Twitter. Niemand macht aggressiver Politik in den sozialen Medien als er. Seine Tweets bewegen Aktienkurse und versetzen verfeindete wie befreundete Generäle in Angst und Schrecken. «Ich mag Twitter, weil ich meinen Standpunkt damit verbreiten kann. Mein Standpunkt ist sehr wichtig für viele Menschen, die zu mir hochschauen», erklärt er die Funktionalität des Kanals für seine politische Arbeit. Soziale Kanäle wie Twitter, Facebook, Youtube oder Instagram verändern den politischen Alltag. Selbst in der Schweiz ist Twitter nicht mehr allein ein Ort für Journalisten und Politikerinnen. Feedback auf politische Positionen erfolgt rasch, ist direkt, ungefiltert und geht in mehrere Richtungen. Über die sozialen Medien können junge Wähler mobilisiert werden, was Barack Obama 2008 zur US-Präsidentschaft verhalf. Hierzulande hofft SP-Nationalrat Cédric Wermuth im Ständeratswahlkampf darauf. Kandidaten schalten ihre Werbevideos kostenlos auf Youtube statt teuer im Fernsehen oder im Radio. Botschaften lassen sich rasch viral verbreiten, indem die Anhänger eines Kandidaten sie teilen und liken. Über die sozialen Medien sammeln Politikerinnen und Politiker zudem weltweit Spenden. In den USA beliebt sind sogenannte «money bombs»: 24 Stunden dauernde Bemühungen, bei den Followern

Geld zu sammeln. Oftmals mit Erfolg. Allein ein Segen ist der digitale Raum für Politiker allerdings nicht, besonders heikel: der direkte Austausch mit kritischen Wählern. Gibt sich ein Kandidat als arrogant in seinen Antworten, fällt das auf ihn zurück. Schon mancher Parlamentarier hat Unsinn gepostet und postwen-

dend einen Shitstorm geerntet. In der Schweiz zuletzt der Aargauer SVP-Nationalrat Andreas Glarner, der auf Facebook die direkte Nummer einer Lehrerin veröffentlicht hatte, die muslimischen Kindern mitteilte, sie könnten für das Fest zum Ende des Fastenbrechens einen Jokertag beantragen. www.digitaltag.swiss  39


IN KOOPERATION MIT CREDIT SUISSE

«DER MENSCH BLEIBT IM MITTELPUNKT»

Die Digitalisierung wird durch viele Trends bestimmt – Technologien, Innovationen, Ökosysteme. Im Interview spricht Anke Bridge Haux, Digitalchefin der Credit Suisse, über diese Entwicklungen.

Welche digitalen Trends bewegen Ihrer Meinung nach die Bankenwelt am meisten? Die Kernfrage, die wir uns als Bank im Zusammenhang mit digitalen Trends stellen, ist: Wie wollen Kunden in Zukunft mit uns interagieren? Während für manche Kunden die persönliche Interaktion mit einem Kundenberater unverzichtbar ist, möchten andere die Dienstleistungen primär über digitale Kanäle nutzen. Entscheidend ist, 40 www.digitaltag.swiss

dass wir als Bank die Kombination von persönlicher Beratung und digitalem Angebot bieten können. Zudem bewegt man sich vermehrt in sogenannten «Ökosystemen». 

Persönlich Anke Bridge Haux leitet den Bereich Digitalization & Products und ist Mitglied der Geschäftsleitung der Credit Suisse (Schweiz) AG. Ihre Karriere startete sie 1999 bei der Credit Suisse. 2005 wechselte sie zur UBS in das Vermögensverwaltungsund Investment BankingGeschäft. 2011 kehrte sie zur Credit Suisse zurück und hielt seitdem verschiedene Führungspositionen in den Bereichen Fremdwährungen, Bankprodukte und Digitalisierung inne. Anke Bridge Haux hat einen Masterabschluss in Finance & Economics der Universität St. Gallen und absolvierte das General Management Programm (GMP) an der Harvard Business School in Boston.

Foto: Samuel Trümpy

Frau Bridge Haux, im Eiltempo hat die digitale Transformation die Wirtschaft und die Finanzbranche erfasst. Wie sieht die Bank von morgen aus? Die Bank von morgen muss flexibel und innovativ sein, vor allem aber muss sie den Kunden ihr Angebot so zur Verfügung stellen, wie und wo sie es sich wünschen: einfach, modular und auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Es ist eine Reise, die wir kontinuierlich gestalten, basierend auf den individuellen Lebenssituationen und den daraus resultierenden Kundenbedürfnissen – unterstützt durch neue Technologien. Die Bank von morgen soll sozusagen zum Kunden gehen und nicht umgekehrt.


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IN KOOPERATION MIT CREDIT SUISSE

«DIGITALISIERUNG IST KEIN SELBSTZWECK» Wir sind überzeugt von deren Relevanz für unsere Kunden, so dass sie unsere Dienstleistungen immer dann zur Hand haben, wenn sie diese benötigen. Das «Open Banking» ist im Firmenkundenbereich der Credit Suisse bereits Realität. Für uns als Bank heisst das, dass wir konstant unsere Partnerschaften wie etwa mit Fintechs weiter ausbauen werden. Welche Vision der Digitalisierung hat die Credit Suisse? Digitalisierung ist kein Selbstzweck: Sie ergibt sich aus einem Kundenbedürfnis. Unsere Kunden sagen uns, was ihre genauen Wünsche und Bedürfnisse sind und was sie von ihrer Bank erwarten. Dafür entwickeln und testen wir die digitalen Lösungen zusammen mit unseren Kunden in unserem eigenen User Experience Lab. Basierend auf dem Feedback unserer Kunden optimieren wir unsere digitalen Lösungen laufend. Die Digitalisierung soll das Banking unterstützen, ergänzen und vereinfachen. Was fasziniert Sie persönlich an der digitalen Transformation? Es ist ein spannender Schmelzpunkt zwischen Technologie, Innovation, Banking, Produkten und Dienstleistungen. Sie bietet unge42 www.digitaltag.swiss

ahnte technologische Möglichkeiten. Dabei steht aber immer der Mensch im Zentrum. Es geht ­darum, die besten Lösungen für die Kunden zu entwickeln. Das finde ich sehr spannend. Sie betonen den Menschen im Mittelpunkt der Digitalisierung. Höchst menschlich sind auch Emotionen wie Vertrauen oder eben Unsicherheit – gerade wenn es um ungeahnte Möglichkeiten geht. Erachten Sie dies als grösste Herausforderung? In der Digitalisierung geht es nicht nur um die Nutzung neuer Chancen, sondern auch um die Erkennung möglicher Risiken. Mit dem technischen Fortschritt entwickelt sich auch die Cyberkriminalität weiter – ein Thema mit grösster Bedeutung für Banken. Der vertrauenswürdige Umgang mit Daten sowie die Datensicherheit haben für die Credit Suisse höchste Priorität. Gibt es zudem Möglichkeiten, wie ich mich als Kunde selbst schützen kann? Die Sicherheit im Online und Mobile Banking steht für uns als Bank an erster Stelle. Ein zusätzlich wichtiger Sicherheitsfaktor ist die Aufmerksamkeit unserer Kunden selbst. Hier sehen wir weiteres Potenzial für einen bewussteren Umgang und zielgerichtete Mass-

nahmen – die Grundlage für ­unseren diesjährigen Auftritt am Digitaltag und unserer neuen Kampagne «sicher ist sicher». Worum geht es bei der Kampagne? Die Motive von Cyber-Angriffen sind vielfältig, die Methoden verbreiten sich sehr schnell und ent­ wickeln sich laufend weiter. Wir möchten die Aufmerksamkeit unserer Kunden schärfen und sie dabei unterstützen, die persönliche Infor­ mationssicherheit wahrzunehmen – mit Hilfe von Aufklärung, Schulung und Vernetzung. Verwenden Sie schon den Kamera-Blocker? Wie häufig löschen Sie Ihre Internet-Cookies? Könnten Sie eine Schadsoftware-Infektion von Ihrem Computer entfernen? Wir bieten Safety-Tipps, persönliche SecurityChecklisten und Online Werkzeuge, um den PC auf Sicherheitslücken zu überprüfen. Dabei können wir auf die Unterstützung unserer Partner «Swiss Internet Security Alliance» (SISA) und «eBanking aber sicher!» (EBAS) ­setzen. Also doch nicht alles Gold, was glänzt? Eines meiner Lieblingszitate stammt von Apple-Gründer Steve Jobs aus seiner Rede vor Absolventen der Stanford-Universität und lautet «Stay hungry, stay curious». Ein kritisches Augenmass ist sicher enorm wichtig. Gleichzeitig dürfen wir nicht zu ängstlich sein und uns im Weg stehen. Die Digitali­ sierung wird Teil der Zukunft sein und unsere Kunden die Treiber des Wandels.


SICHER IST SICHER Was Sie über Cybersicherheit wissen sollten.

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uch für Sie ist das Internet aller Wahrscheinlichkeit nach ein wichtiger Bestandteil Ihres alltäglichen Lebens, doch entsprechend wächst die Gefahr, Opfer eines Cyberangriffs zu werden. Deshalb ist es für uns alle unerlässlich, Betrugsprävention fest im Alltag zu verankern. Mit diesen Tipps möchten wir Sie darauf aufmerksam machen, wie Sie sich selbst und Ihre persönlichen Daten vor Online-Betrügern schützen können.

Foto: Shutterstock

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Installieren Sie Sicherheitsprogramme, die ständig in Betrieb sind und regel­ mässig aktualisiert werden, um aktuelle Bedrohungen aufzuspüren. Installieren Sie zudem Antivirensoftware, um sich gegen Malware (schädliche Software) zu schützen, die Informationen wie Kontonummern und

Passwörter stehlen kann, und verwenden Sie eine Firewall, um unbefugte Zugriffe auf Ihren Computer zu verhindern.

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Ignorieren Sie unerwartete E-Mails, die Sie dazu auffordern, einen Link oder Anhang zu öffnen, wenn Sie nicht sicher sind, wer Ihnen das E-Mail geschickt hat und warum. Cyberkriminelle sind Meister im Fälschen von E-Mails. Fake-Mails können echt aussehen, aber die Installation von Malware bedingen. Am sichersten fahren Sie, wenn Sie unerwartete E-Mails mit einer Aufforderung zum Öffnen von Anhängen oder Links einfach ignorieren oder sich über eine Ihnen bekannte, öffentliche E-MailAdresse oder Telefonnummer bestätigen lassen, dass der angegebene Absender das E-Mail tatsächlich geschickt hat.

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Seien Sie misstrauisch, wenn jemand Sie unerwartet online kontaktiert und nach persönlichen Daten fragt. Eine sichere Strategie ist das Ignorieren unerwünschter Informationsanfragen, egal, wie seriös sie erscheinen mögen. Ihre Bank wird Sie nie nach Ihrem Aktivierungsbrief, Passwort, Login-Code fragen oder Sie dazu auffordern, diese auszuhändigen.

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Seien Sie bei der Nutzung von Smartphones und Tablets vorsichtig. Lassen Sie Ihr Mobilgerät nicht unbeaufsichtigt; schützen Sie es für den Fall eines Diebstahls oder Verlusts mit einem Gerätepasswort oder einer anderen Zugriffskontrolle. Weitere Informationen zu Cybersicherheit finden Sie unter: credit-suisse.com/sicherheit www.digitaltag.swiss  43


UMFRAGE

WAS DENKT

Ü

ber 4000 Menschen hat die Forschungsstelle sotomo für das vorliegende Magazin befragt. Herausgekommen ist eine repräsentative Studie darüber, wie die

erwachsene Wohnbevölkerung in der Schweiz den digitalen Wandel wahrnimmt und bewertet. Die Auswertung macht deutlich, dass die grosse Mehrheit der Schweizerinnen

und Schweizer nicht mehr auf die digitalen Errungenschaften verzichten möchte. Am leichtesten würde der Verzicht wenn schon auf Social Media fallen, zeigen die Daten.

Gesamt

Wenn Sie an eine immer digitalisiertere Zukunft denken: Was löst das bei Ihnen aus?

16

20

27

17

18

Nach Geschlecht Frau

10

15

Mann

30

22

18

24

24

25

15

11

Nach Alterskategorien <18−35

15

36−55

16

>55

21

27

21

18

19

28

16

16

17

25

16

16

21

4

Nach Sprachregion

Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Monat lang auf folgende Technologien und Anwendungen verzichten: Wie gut könnten Sie das? (Anteil Personen, die auf diese Anwendung problemlos verzichten könnten)

Deutschschweiz

17

Französische Schweiz

19

14

0

26

16

19

21

30

18

25

50

75

3

100

Anteil [%] Ich freue mich darauf

Es macht mir Angst

Social Media 46

Musikstreaming / TV Streaming

41

Digitale Agenda

28 34

Navigationssystem

24

E−Banking

18

0

18

60

52

46 45

Wikipedia

Instant Messaging

Weiss nicht

53

Onlineshopping

39

31 28

20

25

40 Anteil [%] Mann

44 www.digitaltag.swiss

13

Frau

60


DIE SCHWEIZ? Man steht der digitalen Zukunft ausserdem ambivalent gegenüber: 35 Prozent fürchten sich davor, 36 Prozent freuen sich darauf – Männer sind deutlich optimistischer als

Frauen. Rund die Hälfte der Befragten geht zudem davon aus, dass durch die Digitalisierung mehr Jobs verschwinden als entstehen. Und die Arbeit gleichzeitig anspruchsvoller

wird. Angst hat die Schweiz am ehesten vor dem Verlust der Privatsphäre durch die digitale Datenerfassung. Hoffnung machen Fortschritte in der Medizin und Energiegewinnung.

Worauf Worauf man man sich sich freut freut Medizinischer Medizinischer Fortschritt Fortschritt Neue Neue Formen Formen der der Energiegewinnung Energiegewinnung und und −speicherung −speicherung Verhinderung Verhinderung von von Unfällen Unfällen durch durch intelligente intelligente Verkehrsmittel Verkehrsmittel Produktivitäts− Produktivitäts− und und Zeitgewinn Zeitgewinn im im Alltag Alltag durch durch intelligente intelligente Technologie Technologie Neue Neue Entwicklungsmöglichkeiten Entwicklungsmöglichkeiten für für Entwicklungsländer Entwicklungsländer Immer Immer realistischere realistischere Erlebnisse Erlebnisse mit mit Virtual Virtual Reality Reality

73 73 61 61 42 42 36 36 31 31 11 11

Worauf man sich freut Wovon man sich fürchtet Wovon man sich fürchtet Medizinischer Fortschritt Verlust Verlust der der Privatsphäre Privatsphäre durch durch Datensammeln Datensammeln Neue Formen Abhängigkeit der Energiegewinnung undTechnologie −speicherung Abhängigkeit von von digitaler digitaler Technologie Verhinderung von Unfällen durch Ausser Ausser Kontrolle Kontrolle geraten geraten von vonintelligente künstlicher künstlicherVerkehrsmittel Intelligenz Intelligenz Produktivitäts− und Zeitgewinn imVertrauen Alltag durch intelligenteIntelligenz Technologie Zu Zu grosses grosses Vertrauen in in künstliche künstliche Intelligenz Neue Entwicklungsmöglichkeiten für Entwicklungsländer Umstrukturierungen Umstrukturierungen des des Arbeitsmarkts Arbeitsmarkts Immer realistischere Erlebnisse mitGesellschaft Virtual Reality Fragmentierung Fragmentierung der der Gesellschaft 00

11

33 33

20 20

40 40

Anteil Anteil [%] [%]

Liveübersetzung durch Software in Alltagssituationen

48 39 75

15

33

20

69

68

19 Anteil [%]4

8

20

53

28

45

Hausreinigung und Haushaltung durch Mehrzweckroboter 3D−Druck von organischem Material

Selbstfahrende Autos im alltäglichen Verkehr

30

32

42

31

43

28

21

Reisen im Elektroflugzeug

8

0

25

11

13 13

80

Was denken Sie: Wann werden sich die folgenden Szenarien in unserer Gesellschaft etablieren?

8

15

6

36 18

17

37

16

33

50 Anteil [%]

60

10

19

44

35

9 9

16

39

7

12

14

5

11

15

49

23

Implantierte Chips für alltägliches Gesundheitsmonitoring

8 12

39

30

Bordelle mit sozialintelligenten Sexrobotern

5 8

32

34

6 3 4

29

45

5

4 5

23

66

Kleider mit Sensoren

5

22 40

24

54

Hologramm−Meeting anstatt Telefon− oder Videokonferenz

64

47

67

Digital Abstimmen / Wählen

80 80

50

69

Arztkonsultation beim digitalen Hausarzt

60 60

Wovon man sich fürchtet

Digitale Identitätskarte als Alternative zur Handunterschrift

Flugtaxis als Alternative zum öffentlichen Verkehr

47 47

31 39 39

Vernetzung von Haushaltgeräten

Warenlieferung durch Drohne oder autonomen Roboter

61

42 48 48 36

Verlust der Privatsphäre durch Datensammeln Abhängigkeit von digitaler Technologie Ausser Kontrolle geraten von künstlicher Intelligenz Zu grosses Vertrauen in künstliche Intelligenz Umstrukturierungen des Arbeitsmarkts Sprachsteuerung vonFragmentierung Haushaltsgeräten der Gesellschaft Einkaufen in Läden ohne Kassen 0

Schulung von Dienstleistungspersonal mit VR−Brille

73

64 64 50 50

Digitaler Wandel: Worauf man sich freut / Wovor man sich fürchtet

25

75

100

Demnächst (bis 2030) Mittelfristig (2030 bis 2050) Langfristig (ab 2050) Nie

www.digitaltag.swiss  45


UMFRAGE 100

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20

22

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14 24

25

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75

11

32

41

50

Anteil [%]

17

18 30

28

22 31

20

24 33

18

24

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16

36

8

30

35

13

16

21

32

31

36

31

36

33

36 36 36 33 37 35 38 35 40 41

17 24

25

18 17

19

21

15

16

50 26

9

17

7

12

8 9

8

16

37

38

40

41

46

49

17 17 19 11

10

13

0

5 8

8

33

31

26

33

41 37

13

10 5

15 6

18

9

17

21

11

29

49

6

18

16

28 38 30

32

15 12 11

36 46

36

40 41

9 13

17

21 25 29

41 33

10

35

7 7 4

8

11

11

6 8

38 34

32

12

4

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5

5 5

5

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24

33 39 37

26

12 12

28

8

6

3 7

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5 6

5 4

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5

4 4

11

16

34

24

39

29 26

29 11

12 6

7 5

39

3 5

3

6 5

6

5

5

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6

7

3

6

C

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na i ge k m ie en ,P t ha rm Bi l Ar du a ch ng Te ch ite , n F kt o ur rs ik C , P ch on Pr lanun su H lti a Inodu ung ng n f k g d o M , M el, rmtion e a L a C diz na og tik he in ge is m , T m tik Ba ie, Pher ent uh haapi an rme Bi ld d a u M ng Tecwer ar h k , ke Ad Fo P nik tin rs fle m g, i ch g K P nis une H om rodtrat g an m u io Ba d u kt n nk Me el, nika ion en di V Lo tio z e g G , Ve in, rw ist n as rs Th altu ik tro B ic e n no au he rap g m ha run ie ie n g , W dw en M Tre el erk ar u ln ke ha A e tin nd dm S Pfle ss g, , F in oz ge Ko in ist ial m an rat es m zw io Ba un e n ik se nk P en oli V V ation ze er er n , V G w as ersi, S al kau tro ic ich tun f h no er erh g La mie Tr ung eit ge , Wan en Tr r, e sp eu R lln or ei e t ha nd Sonigu ss ,F zi ng in a an les zw es e Po Ve n liz ei r , S ka u ic he f rh ei T La ge ran t s r, R por ei ni t gu ng

9

13

30

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25

12

33

11

16

30 15

25

17

13

40

31

Es werden mehr Jobs neu entstehen

Es werden mehr EsJobs werden mehr Jobs neu entstehen verschwinden

Es werden mehr Jobs verschwinden

Was denken Sie: Werden durch die Automatisierung und Digitalisierung in den kommenden Jahren eher mehr Jobs neu entstehen oder verschwinden?

Gesamt

Was denken Sie: Wie werden sich in den kommenden Jahren aufgrund der Digitalisierung/Automatisierung die Ansprüche an die Arbeit verändern?

28

25

27

8

11

Nach Geschlecht Frau

27

Mann

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Nach Alterskategorien <18−35

23

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30

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Nach Sprachregion Deutschschweiz

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Französische Schweiz

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9

75

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100

Anteil [%] Es wird vermehrt anspruchsvollere Arbeiten geben

46 www.digitaltag.swiss

Es wird vermehrt anspruchslosere Arbeiten geben


Denken Sie, dass die berufliche Tätigkeit, die Sie aktuell ausüben, in zehn Jahren durch ­Computer/Roboter ersetzt werden kann?

100

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30 39

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67 79

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Anteil [%]

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70 66

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60

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15

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Pf Fo leg e rs ch iz in , T ung he ra A p In C rch fo ie on ite rm su kt u a lti ng r, P tik , M la n un an C he age g m m ie e , P nt ha rm Tr Te a eu ch ha ni nd k V ,F er k i n M an au ar zw f ke es tin e g, T Ko ran n sp m m or u t H an nik a de tio l, Lo n g Pr isti Ba k od nk u en Ve ktio ,V n r er wa l si ch tun g er G A u as tro dm nge n no inis t m ie rati , o La W n el ge ln r, e R ei ss ni gu ng

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Ja

Fahrplan im Kursbuch nachschauen

Teile davon

83

Geldüberweisung am Postschalter

8

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Informationen in einem Lexikon nachschauen

6

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Mit einer Papierkarte navigieren

61

Zugbillet am Schalter kaufen

14

Von Hand einen Brief schreiben

46

Musik hören mit CD−Player oder Plattenspieler

44

Zu einem Treffpunkt gehen ohne Mobiltelefon Passanten nach dem Weg fragen

36

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Nein

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Für viele Tätigkeiten, welche früher alltäglich waren, gibt es heute in der digitalen Welt Alternativen. Welche wenden Sie trotzdem noch an?

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Anteil [%] Mache ich nicht mehr und bin froh um die moderne Alternative Mache ich nicht mehr, vermisse es aber Mache ich heute noch regelmässig

www.digitaltag.swiss  47


WIR SIND

DIGITALSWITZERLAND

building imagination

®

REAL LEARNING. REAL IMPACT

Kanton Graubünden Chantun Grischun Cantone dei Grigioni

48 www.digitaltag.swiss

ks/cs


LeRéseau.ch

www.digitaltag.swiss  49


HIGHLIGHTS AM DIGITALTAG Am 3. September geht der Digitaltag in seine dritte Runde. Erneut wird schweizweit die Digitalisierung erlebund fassbar gemacht. Doch diesmal sollen SIE noch mehr mitreden! St. Gallen

Lausanne

50 www.digitaltag.swiss

Genf

Basel

MOP, Bhf Süd, 8 bis 19 Uhr Am Basler Bahnhof wird den ganzen Tag einiges geboten. Werfen Sie zum Beispiel einen Blick in die smarte Schweiz von morgen oder lernen Sie, warum die Digitalisierung auch bei Gesundheitsproblemen wie Migräne hilfreich sein kann.

Chur

Alexanderplatz, 8 bis 19.30 Uhr Vor der Wanderung den Calanda bereits virtuell erklimmen und sehen, ob es sich auch wirklich lohnt? Genau das können Sie in Chur. Via 3D-Brille entdecken Sie Tourismus­ orte in dreidimensionalem Raum. Generationen-Talk, 13 Uhr Diskutieren Sie mit! Chur steht, wie viele der Standorte, ganz im Zeichen des Dialogs. Besucherinnen und

Besucher werden aktiv zum Mitdiskutieren eingeladen. Im Rahmen von «tell» (mehr dazu siehe Box) gibt es etwa einen spannenden Generationen-Talk, der sich mit den Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für Jung und Alt beschäftigt.

Thun

Kino Rex, 14 bis 20 Uhr Digitale Themen in digitaler Um­ gebung. Thun lädt in e­ ines der modernsten Kinos der Schweiz ein. Talks, Podiumsdiskussionen und spannende Referate zum Thema Smart City sowie viele interaktive Elemente werden angeboten.

Yverdon-les-Bains

HEIG-VD, 16 bis 23 Uhr Die Hochschule für Wirtschaft und Ingenieurwesen widmet sich allen Bereichen des Cyber-Lebens und lädt zu Diskussionsrunden und Speed-Debatten ein. Anschliessend wird im MalgameClub in Yverdon auf der «Digital Silent Party» getanzt.

Lugano

Piazza Riforma Was sind die Auswirkungen digitaler Technologien auf unsere Kultur? Was für ethische Fragen wirft sie auf? In Lugano finden spannende und lehrreiche Talks zu diesen Themen statt.

Illustration: Shutterstock

Impact Hub Lausanne Die Digitalisierung macht nicht nur stetiges «Lifelong Learning» notwendig, sondern verändert unser gesamtes Bildungssystem. Diskutieren Sie bei einem «tell» in Lausanne über das Thema Digitalisierung und Bildung. Oder wie wäre es mit einem Workshop für digitale Anwendungen? Auch das wird in Lausanne neben vielen anderen Aktivitäten angeboten.

Bern

Thun

Genf

Lausanne

Biel

Yverdon-les-Bains

#smarthalle in der Innenstadt, Neugasse 30, 9 bis 19 Uhr St. Gallen lädt dieses Jahr neben vielen weiteren spannenden Events in der Innenstadt in die #smarthalle ein. Verschiedene Institutionen und Unternehmen machen dort das Thema Smart City fassbar und laden zu Workshops, Podiumsdiskussionen und Ausstellungen ein.

Uni Mail, 16 bis 22.30 Uhr Digital durch den Alltag. Erleben Sie auf einer interaktiven Führung, wie der Tagesablauf der Zukunft aussehen könnte und was Smart Home und Smart Office alles können. Oder möchten Sie mehr über die Arbeit der Zukunft wissen? Im World Café in Genf kann man im Rahmen von «tell» über Arbeit 4.0 mit Experten und politischen Entscheidungsträgern diskutieren und Fragen stellen.

Basel


«tell» – rede mit! «Digital beginnt bei dir – rede mit»: Dieses Jahr steht der Dialog mit der Bevölkerung mehr denn je im Zentrum des Digitaltags. Mit der Veranstaltungsreihe «tell» wird schweizweit zum aktiven Mitwirken und Diskutieren animiert. Über 34 Partner führen am Digitaltag über 20 «tells» durch, an denen mit der Bevölkerung über Veränderungen, Hoffnungen und Ängste im Zusammenhang mit der Digitalisierung gesprochen werden soll. Dafür braucht es weder Vorkenntnisse noch ein Ticket – alle «tells» sind gratis, und jeder darf teilnehmen. Wie sieht etwa der Staat oder auch die Mediennutzung der Zukunft aus? Wie die Sicherheit meiner Daten? Und welche Technologien kommen auf uns zu? Stellen Sie Experten Ihre Fragen und reden Sie mit!

St. Gallen Zürich

Vaduz

Chur

Lugano

Bern

mehrere Standorte Nach der offiziellen Eröffnung des Digitaltags unter dem Berner Baldachin geht es in der ganzen Stadt digital weiter. Etwa im Generationenhaus, wo Neugierige mehr über Smart-City-Projekte lernen können, eine App für Blinde kennenlernen oder einen Einblick in die aktuelle Forschung der Uni Bern erhalten.

Biel

Switzerland Innovation Park, 14 bis 17 Uhr Was können Roboter heute und wie können wir mit ihnen interagieren?

In Biel kann man den kollaborativen Roboter Cobots kennenlernen und erleben, wie perfekt er menschliche Handgriffe imitiert. Apropos Roboter: Am HB Zürich wartet Roboter YUMI auf ein Selfie mit Besuchern.

das beste Start-up-Projekt der Schweiz. Unterhaltsam und kreativ präsentieren verschiedene Unternehmer ihre Ideen auf der Bühne. Finale: 18.07 bis 18.25 Uhr

Zürich

Bern und Zürich, ab 12.30 Uhr Gleich drei Bundesräte sind dieses Jahr am Digitaltag vertreten. Die Eröffnung übernimmt in Bern Bundespräsident Ueli Maurer, anschliessend wird er in Zürich um 14.40 Uhr im Interview Rede und Antwort stehen. Bundesrat Guy Parmelin und Bundesrätin Simonetta Sommaruga eröffnen in Bern die Serie «tell».

Hauptbahnhof, 8 bis 19 Uhr Vom Check-in mit Voice Assistant über Boarding mit Roboter Pepper bis hin zum Flug in der futuristischen Flugzeugkabine: Werfen Sie am HB Zürich einen Blick in die Zukunft des Fliegens. Hauptbahnhof, 8 bis 19 Uhr Das ist Ihre Chance! Im Daten Café können Sie mit Experten über die ­Gefahren von Datenmissbrauch sprechen und alles über den bestmöglichen Schutz Ihrer Privatsphäre lernen. Hauptbahnhof, ab 10 Uhr Küren Sie mit Hilfe einer Fachjury

Bundesräte

Lifelong Learning

Schweizweit Wie gehen wir mit den rasanten Veränderungen der Digitalisierung um? Das diesjährige Schwerpunktthema Lifelong Learning soll ein Bewusstsein dafür schaffen, warum kontinu-

ierliches Weiterbilden so wichtig ist und wie man mit der Digitalisierung Schritt halten kann.

Livestream

Schweizweit Durchgehendes Programm und Schaltungen in die ganze Schweiz zu den 9 Themenwelten Mobilität, Bildung, Gesundheit, Arbeit 4.0, Meine Daten, Media/News, Lifestyle, Smart City und E-Demokratie auf der gros­ sen Bühne im HB Zürich und als Livestream auf Youtube. Vom Startup über spannende Vorträge und faszinierende Technologien bis hin zur in 3D kreierten Modenschau.

Social Media / Infos

Digital gemeinsam erleben Sie wollen noch mehr erfahren und immer up to date bleiben, was am Digitaltag passiert? Alle Infos finden Sie unter www.digitaltag.swiss oder über die Social Media Channels Twitter, Instagram, Facebook oder auch LinkedIn. #SwissDigitalDay www.digitaltag.swiss  51


PoliticoEconomic Environment

Education & Talent Corporate Enablement

International Connectivity

Startup Enablement Public Dialogue

Infrastructure Fintech & Crypto

Technology Life Science & Food

D

ie Schweiz ist das in­ novativste Land der Welt! Dies zeigt die ak­ tuelle Ausgabe des Globalen Innovationsindex (GII). Die­ sen Index erarbeitet unter anderem die Weltorgani­ sation für geistiges Eigen­ tum der Vereinten Nationen (WIPO). Schweden ist auf Platz 2, die USA auf Platz 3, Deutschland auf Rang 9. Die Schweiz ist also Weltklasse, ja Weltspitze. Gemes­ Marc Walder, Gründer von digitalswitzerland und CEO der Ringier AG. sen wird – ein paar wenige Beispiele –, wie einfach es ist, ein Unternehmen zu starten. Oder wie stabil das politische und das hat viele Top-Positionen inne. Doch die regulatorische Umfeld sind. Oder wie gut das Digitalisierung praktisch aller Bereiche des Bildungssystem oder die digitale Infrastruk­ Lebens führt dazu, dass sich das Stärkentur sind. Wie einfach es ist, einen Kredit für und Schwächen-Profil von Unternehmen sein Unternehmen zu erhalten, wie gut die und Ländern radikal verändern kann. Privatwirtschaft mit den Hochschulen zu­ Wie lernen Kinder heute? Und was lernen sammenarbeitet. Alles in allem viele Dutzend sie? Wie gut ist die digitale Infrastruktur eines Indikatoren. Also ein äusserst seriöser Index. Landes? Wie stark sind unsere Universitä­ Und die Schweiz ist ganz vorne. ten, wenn es um die neuen Technologien Als wir die Standort-Initiative digitalswit­ geht? Gelingt es den grossen und den klei­ zerland vor vier Jahren gegründet haben, nen Unternehmen, sich zu behaupten in taten wir dies mit einem Ziel: die Schweiz dieser so schnell sich verändernden Welt? zu einem weltweit führenden Land punkto Wird genügend Geld in die Start-ups unse­ Digitalisierung zu machen. Denn die Schweiz res Landes investiert? 52 www.digitaltag.swiss

Am Dienstag, 3. September, findet zum dritten Mal der Digitaltag der Schweiz statt. Das ist einzigartig in Europa. Organisiert und konzipiert wird der Digital­ tag von digitalswitzerland. An diesem Tag stehen nicht die Professoren oder Poli­ tiker oder Manager oder Investoren im Zentrum. Am Digitaltag der Schweiz geht es um die Mädchen und Buben und Mütter und Väter und Grossmütter und Grossväter in unserem Land. Sie haben die Mög­ lichkeit, Digitalisierung gemeinsam zu er­ leben. Das Patronat des dritten Digitaltages haben Bundespräsident Ueli Maurer und Wirtschaftsminister Guy Parmelin über­ nommen. Auch Umwelt- und Medienmi­ nisterin Simonetta Sommaruga engagiert sich am 3. September. «Digital beginnt bei Dir – rede mit!» – so lautet in diesem Jahr ein wichtiger Leit­ spruch des Digitaltages. Markieren Sie den 3. September in Ihrer Agenda. Unter www.digitaltag.swiss finden Sie, was und wo an d ­ iesem so besonderen Tag alles ­stattfinden wird.

Foto: Gian Marco Castelberg

REDEN SIE AUCH MIT?


Arbeit und Lernen gehen Hand in Hand. Mach was Grosses. Beweg die Schweiz mit uns in einem von Ăźber 150 Berufen. sbb.ch/jobs #bewegdieschweiz


POLITIK

RETTET DIGITAL DIE DEMOKRATIE? Netzaktivist Daniel Graf ist überzeugt, dass eine digitale Demokratie Bürgerinnen und Bürger mehr direkte Mitsprache ermöglicht und Politik von oben herab so nicht mehr möglich ist. Adrian Meyer Herr Graf, Sie nennen sich Gamechanger. Sie sagen, Sie seien nie im Jetzt, sondern immer vier Sekunden voraus. Was macht das aus Ihnen? Es macht mich ungeduldig. Ich warte ständig, bis andere die Chancen sehen, die ich herbeizu­ zaubern versuche. Darum bin ich gezwungen, Risiken einzugehen. Alleine zu springen. Aber ich mache das nicht für mich, sondern für ein Publikum. Um zu zeigen, was möglich ist. Was war Ihr letzter grosser Sprung? Ich habe mich im Sommer von allem getrennt, was ich in den letzten fünf Jahren aufgebaut habe. Ich gebe meine Unterschriften­ plattform WeCollect an eine Stiftung weiter. Damit will ich etwas Grösseres ermöglichen. Den Aufbau einer Digitaldemokratie in der Schweiz. Was ist Ihre Idee einer digitalen Demokratie? Die Digitaldemokratie vereinfacht es Bürgerinnen und Bürger, sich in die Politik einzumischen. Sie haben mehr zu sagen. Und werden gehört. Politik von oben herab funk­ tioniert in dieser Demokratie nicht. Werden die Bürger die Macht haben in der Digitaldemokratie?

54 www.digitaltag.swiss

Nicht alleine. Die Macht dezentrali­ siert sich. Parlament, Parteien oder Verbände haben die Zügel nicht mehr alleine in der Hand, sondern auch informierte und engagierte Bürger, die öfter und stärker Kontrolle ausüben. Schon heute kann jede und jeder eine Initiative organisieren ohne ein Parteibüro oder einen Konzern im Rücken. Werden Parteien überflüssig? Sie müssen sich warm anziehen. Parteien werden Konkurrenz bekommen von neuen Organisati­ onsformen. Vielleicht gibt es bald eine Netzwerkpartei, die ganz anders funktioniert als die alten Parteien mit ihren traditionellen, hierarchischen Strukturen. In der Schweiz hat das Volk das letzte Wort. Mehr Demokratie geht doch gar nicht. Es gibt noch viel Luft nach oben. Das Parlament beschliesst immer mehr Gesetze. Aber die Zahl der Initiativen und Referenden steigt nicht im gleichen Tempo. Immer weniger Entscheide kommen also vors Volk. Auch das Vernehmlas­ sungsverfahren findet praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dabei hätte jeder Bürger und jede Bürgerin das Recht, sich einzubringen. Die Digitalisierung

ermöglicht es Bürgerinnen und Bürgern, auch hier mitzureden. Ich nenne das Crowdlobbying. Wie soll das gehen? Alle nötigen Werkzeuge sind eigentlich schon da. Dank digitaler Plattformen ist es für Bürgerinnen und Bürger heute viel einfacher, sich auszutauschen, zu vernetzen, zu organisieren und politische Projekte anzustossen. Bis vor kurzem hätte sich eine einzelne Person nie zugetraut, eine Volks­ initiative zu starten. Heute erleben wir, wie sich immer mehr Men­ schen mit einem Anliegen im Netz treffen und merken, sie sind nicht alleine. Dieses Gefühl, als Bürger oder Bürgerin etwas anstossen zu können, ist die eigentliche Verände­ rung. Das wird die Politik in den nächsten Jahren prägen. Haben Sie keine Angst vor einer Diktatur der Mehrheit? Wer denkt, wir sind auf dem Weg in eine Volksdiktatur, hat im Staats­ kundeunterricht nicht aufgepasst. Das Schöne an unserer Demokratie ist ja, dass es zwar schnell geht, ein Thema zu setzen. Aber danach dauert der parlamen­tarische Prozess des Aushandelns und der Meinungsbildung ewig. Unser System ist sehr zuverlässig und belastbar. Politische Kampagnen brauchen Geld. Wie sollen das Einzelpersonen auftreiben? Mich stört es, dass in der 


Foto: Daniel Kellenberger

Persönlich Daniel Graf (46) ist Netz­aktivist und Kommu­­­nika­tionsstratege. Er berät Organisationen, Parteien oder Verbände bei Kam­pagnen, Volksinitiativen und Referenden. Er gründete die digitale Unterschriftenplattform ­WeCollect und ist Autor des Buches «Eine Agenda für eine digitale ­Demokratie». Zuvor war Graf Kommu­ni­­kationsleiter der Medien­ gewerkschaft comedia, ­Sprecher von Amnesty International und Geschäftsführer der Grünen Partei Zürich.


POLITIK

«DIE MACHT DEZEN­TRALISIERT SICH. BÜRGER WERDEN ZU POLITISCHEN MINIINFLUENCERN» Schweizer Politik nicht über Geld gesprochen wird. Demokratie kostet! Um Unterschriften für eine Initiative zu sammeln, braucht man mindestens eine halbe Million Franken. Das lässt sich über Crowdfunding organisieren. Bei Verbänden und Konzernen sorgt das für Bauchweh, dass vernetzte Bürger und Bürgerinnen mittlerweile gleich viel Geld auf den Tisch legen können wie sie. Bisher hat die Zivilgesellschaft noch keine Initiative gewonnen. Die Erfolgsgeschichten fehlen noch. Aber ich bin überzeugt, sie kommen. Wenn eine einzelne Person eine Volksinitiative gegen alle Widerstände gewinnt, wäre das eine Sternstunde der Demokratie. Ist dies das Ziel von WeCollect? Am Anfang wollten wir nur Unterschriften sammeln. Dann starteten wir Referenden und Initiativen. In unserem Adressbuch haben wir 60 000 Kontakte von Menschen, die etwas verändern wollen. Wir sind heute in der Lage, in wenigen Wochen Zehntausende Unterschriften zu sammeln. Das schafft so schnell keine Partei. Die Spielregeln haben sich geändert. 56 www.digitaltag.swiss

Sie ernteten Kritik, weil sie rechten und bürgerlichen Initiativen Absagen erteilten. Wir sind keine Dienstleistungs­ plattform. Wir haben immer eine gesellschaftliche Agenda verfolgt, die Grundwerten wie den Men­ schenrechten verpflichtet ist. Bisher entschieden Sie alleine, welche Initiativen es auf WeCollect schaffen. Das ist nicht sehr demokratisch. Diese Macht zu haben, war sehr belastend. Die Plattform ist schneller gewachsen, als ich dachte. Deshalb bin ich daran, WeCollect in eine «Stiftung für direkte Demokratie» zu überführen. Der Stiftungsrat entscheidet über Projekte, wacht über die Daten und wird von der Crowd finanziert. Was sind die Risiken einer digitalen Demokratie? Ich sehe mehr Chancen als Risiken. Sorgen bereitet mir aber, dass man mit genügend Geld die sozialen Netzwerke mit gezielter, politischer Werbung fluten kann. Ohne dass die Wähler und Wählerinnen wissen, woher dieses Geld kommt. Hier brauchen wir in der Schweiz unbedingt mehr Transparenz. Sie sagen, dass man Wahlen und Abstimmungen in der Digitaldemo­ kratie nicht mehr mit sachlichen Argumenten gewinnt. Sondern mit gezielten, emotionalen Kampagnen. Das klingt beängstigend. Zu behaupten, Politik habe nichts mit Emotionen zu tun, wäre gelogen. Emotionen sind der Auslöser, dass man überhaupt zuhört. Das Argument kommt an zweiter Stelle. Darum ist es gerechtfertigt, mit Emotionen Politik zu machen. Natürlich schadet es der politischen Kultur, wenn Politiker nur auf Angst und Panik machen. Hier habe ich durchaus ein flaues Gefühl. In vielen Ländern werden Rowdypolitiker, die permanent Grenzen überschreiten, beklatscht und gewählt. Sie stacheln zu Hass an. Das ist gefährlich.

Dennoch begegnen Sie der Digitalisie­ rung der Politik optimistisch. Warum? Wegen der Menschen. Ich sehe, wie immer mehr Bürgerinnen und Bürger zu politischen Mini-Influen­ cern werden und anderen helfen, Entscheidungen zu treffen. Politik greift heute viel stärker in unseren Alltag. Wir diskutieren auf Social Media mit fremden Men­ schen, sehen, was andere beschäf­ tigt, bilden uns eine Meinung. Bei wichtigen Themen haben alle etwas zu sagen. So gesehen hat Mark Zuckerberg der direkten Demokratie mit Facebook durchaus etwas gegeben. Auch wenn sein Geschäftsmodell mit unseren Daten abzulehnen ist. Sehen Sie keine Gefahr in Fake News? Fake News sind dann gefährlich, wenn es keine lautstarke Widerrede gibt. Und Widerrede leisten auf Social Media informierte Bürgerin­ nen und Bürger. In der Schweiz haben wir ein funktionierendes Mediensystem. Solange es guten Journalismus gibt, habe ich keine Angst vor Fake News. Sind Sie eigentlich Unternehmer, Aktivist oder schon Politiker? Ich bin eine Mischung aus allem. Das braucht es, um neue Wege zu gehen. Vor allem bin ich ein grosser Fan der direkten Demo­ kratie. Diese mitzugestalten, das treibt mich an. Woher kommt Ihre Lust an der Veränderung? Ich finde Ruhe in der Bewegung. Ist es um mich ruhig, werde ich unruhig. Dann habe ich das Gefühl, es gibt etwas zu tun. Und lege los.


WIE E-DEMOKRATISCH IST DIE SCHWEIZ?

Illustration: Shutterstock

P

olitiker haben begriffen: Mit Social Media und digitalen Technologien gewinnt man Wahlen. Auch die Zivilgesellschaft hat dieses Potenzial erkannt. Sie vernetzt sich auf digitalen ­Bürgerplattformen, erschafft im Netz Kampagnen, erhebt ­Machtansprüche – und fordert damit die Politik heraus. So wie Daniel Graf mit der ­Unterschriftenplattform WeCollect. Seine Methoden sind dabei erstaunlich ­Low-Tech: eine Website, ein Newsletter, ein Adressbuch. Wer eine Initiative unterstützen möchte, trägt auf der Plattform Name, Anschrift und E-Mail-Adresse ein und erhält einen vorbereiteten Unterschriftenbogen als PDF, den man ausdrucken und unterschreiben kann. Das Adressbuch mit 60 000 Kontakten ist das eigentliche Kapital. Wird eine neue Initiative lanciert, werden die Kontakte per E-Mail informiert – und schnell mobilisiert. Konkurrenz erhielt WeCollect dieses Jahr auch von bürgerlicher Seite: Etwa von der Plattform Collectus, hinter der Jungpolitiker von SVP und FDP stehen, oder aber das Projekt The People, mit dem «No Billag»-Initiant Olivier Kessler ein «Facebook der Politik» plant. Allen Webplattformen ist gemein, dass sie am Ende immer noch eine physische Unterschrift benötigen: Denn dem E-Collecting, dem elektronischen Sammeln von Unterschriften für Referenden und Ini­tiativen, erteilte der Bundesrat in einem Grundsatzentscheid von

2017 eine Absage. Ebenso zog der Bundesrat in diesem Sommer beim E-Voting, der elektronischen Stimmabgabe, die Notbremse. ­Eigentlich hätte E-Voting bei den Wahlen 2019 erstmals möglich sein sollen. Doch Hacker entdeckten beim von der Schweizerischen Post entwickelten System Fehler im Quellcode – das System geriet massiv in die Kritik. Dabei gehörte die Schweiz beim E-Voting einst zu den Pionieren: Bereits im Jahr 2000 lancierten Bund und Kantone das Projekt «Vote électronique», seit 2004 läuft in einigen Kantonen ein Versuchsbetrieb – nun landete man wegen technologischer Hürden in der Sackgasse. Eine ­Initiative fordert gar ein E-Voting-Moratorium. Umstritten ist auch eine weitere Säule der digitalen Verwaltung: die E-ID, die elektronische Identität. Mit diesem zentralen Log-in könnten Bürgerinnen und Bürger online abstimmen, Dienstleistungen staatlicher Behörden, aber auch von ­Banken, Post, Versicherungen, Mobilfunkanbietern nutzen. Einem entsprechenden Gesetz stimmte das Parlament im Sommer zu. Es sieht vor, dass die Ausgabe der E-ID private Firmen übernehmen, der Staat reguliert bloss. ­Dieser Punkt kommt laut Umfragen beim Volk gar nicht gut an: 87 Prozent wollen, dass allein der Staat diese Aufgabe übernimmt – vor allem wegen des Daten­schutzes. Die Gegner bereiten deshalb ein Referendum vor. www.digitaltag.swiss  57


IN KOOPERATION MIT DER SCHWEIZERISCHEN POST

WO SPÜREN SIE DIGITALE ERMÜDUNG?

Oliver Egger, Chief Marketing Officer von PostMail, über die Grenzen des Digitalen und den Wert des Haptischen. Herr Egger, Sie sind als MarketingChef von PostMail für die Briefe verantwortlich. Sind Sie ein Dinosaurier? Ganz im Gegenteil. Gerade weil die Briefmenge jährlich um 4 bis 5 Prozent sinkt, arbeiten wir intensiv an dessen Weiterentwicklung, in den letzten Jahren natürlich mit Fokus auf die Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung bietet. Wir geben unseren Kunden die Wahl

«DIGITAL KANN VIELES, ABER EBEN NICHT ALLES» zwischen On- und Offline-Versand, mit dem Ziel, die Empfänger optimal mit der Nachricht zu erreichen. Denn nur weil die Briefmenge jedes Jahr sinkt, heisst das nicht, dass alle Leute nur noch elektronische Post möchten – ich glaube nicht, dass der physische Brief je ganz aussterben wird. Drum nein, ich bin kein Dinosaurier. Warum soll ich überhaupt noch Briefe schreiben? Chatten ist doch

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viel bequemer und billiger. Sicher, chatten ist billiger und schneller. Das ist aber auch gerade der Punkt: Man investiert weniger Zeit, und alles ist auf Geschwindigkeit ausgelegt. Wer freut sich schon nicht über einen Geburtstagsgruss per Brief oder Karte, wo man weiss, dass sich der Absender die entsprechende Zeit dafür genommen hat? Der Brief wird damit zu einem wertvollen Produkt. Wann haben Sie Ihren letzten Brief geschrieben? Ich bin ein Fan von Feriengrüssen per Postkarte. So auch diesen ­Sommer. Handgeschriebene Briefe sind bei mir eher seltener. Hin und wieder greife ich aber sehr gerne zu Stift und Papier. Wo hat die Post beim Briefgeschäft den Schritt hin zur Digitalisierung gemacht? Wir schauen dem Briefmengenrückgang nicht tatenlos zu. Vielmehr ergänzen wir unser Angebot laufend mit digitalen Dienstleistungen. So können unsere Kundinnen und Kunden zum Beispiel ihre Sendungen online steuern, eine Empfangsbestätigung online quittieren oder Mailings und Karten online gestalten. Wir übernehmen dann Druck und Versand. Unseren Geschäfts-

kunden bieten wir wirkungsorientierte Lösungen, welche ganz gezielt den digitalen und physischen Kanal kombinieren. Wo stösst das Digitale an Grenzen? Digital bewirkt eine optische und akustische Aktivierung. Das Haptische aber aktiviert noch ganz andere Sinneswahrnehmungen, wie zum Beispiel auch Gerüche oder ein angenehmes Gefühl, weil ein spezielles Material verwendet wurde. Nehmen wir gedruckte Dinge in die Hand, befassen wir uns viel bewusster damit und nehmen die Inhalte auch entsprechend anders auf. Wir können es nicht einfach wegklicken. Mir persönlich fällt immer mehr auf, dass ich digitale Inhalte wie Display Ads oft einfach ungesehen wegklicke. Die Flut ist einfach zu gross. Sie sprechen digitale Ermüdung an. Spüren Sie diese Tendenz auch bei der Post? Ja, definitiv. Digital kann vieles, aber eben nicht alles. Millionen Klicks bedeuten noch lange nicht Millionen Umsätze. Das höre ich immer wieder von Geschäftskunden. Es geht wieder vermehrt um die Qualität der Kontakte. Dabei sind Online-Kontakte zwar unverzichtbar, klassische Kanäle aber wertiger. Lieber ein hochwertiges Mailing versenden, als Millionen Kontakte auf Kunden feuern, welche nicht beachtet werden. Zum Beispiel? Ein Mailing im Briefkasten drehe ich zum Beispiel eher einmal um und schaue die Rückseite noch kurz an. Ich befasse mich also schlussendlich länger mit einem physischen Produkt. Und: Wir stellen heute pro Tag noch knapp 1,5 Brief- und Kleinwarensendungen pro Haushalt zu. Da fällt ein Mailing noch viel stärker ins Gewicht, da es nicht in der digitalen Masse untergeht.


Persönlich Oliver Egger (42) leitet seit Februar 2017 die Marketing­ abteilung des Geschäfts­ bereichs PostMail bei der Schweizerischen Post. Er ist Doktor der Psychologie und beschäftigt sich stark mit dem Thema Customer Experience und mit ­physisch-digitalen CrossChannel Solutions.


IN KOOPERATION MIT DER SCHWEIZERISCHEN POST

DIE POST BRIN Wann, wie, wo – Sie entscheiden bei der Post selbst! Und dies bequem und digital. Egal, ob Sie Privat- oder Geschäftskunde sind.

Profital App Für Private

Für Geschäftskunden

Mit der Profital App wird Einkaufen noch bequemer – und Sie verpassen garantiert k­ eine Aktionen mehr. Erhalten Sie aktuelle Prospekte mit sämtlichen Schnäppchen von 70 Anbietern und über 5000 Filialen. Geben Sie einfach Ihre Region und die gewünschte Branche ein, und schon erhalten Sie einen Überblick über alle Produkte und Angebote. Die App der Post ­verbindet digitale Konsumenten mit lokal ansässigen Händlern.

Verbinden Sie Online-Flexibilität mit Ihren Stärken als Detailhändler. Auf www.profital.ch informieren Sie über Ihre lokalen Angebote – und Ihre Kunden kaufen vor Ort ein. 300 000 Personen nutzen die erfolgreichste Shopping-App der Schweiz und lesen monat­ lich 1,7 Millionen Prospekte von über 70 Anbietern. Sie können die Zahl der Nutzer exakt ermitteln, die nach dem Blättern im digi­ talen Prospekt Ihre Filialen besuchen.

PostCard Creator Für Private

Für Geschäftskunden

Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf und kreie­ ren Sie Ihre individuelle Karte. Auf www.post­ cardcreator.ch gestalten Sie persönliche Ein­ ladungen, Glückwunsch- und Gratulationskar­ ten oder auch Geburtsanzeigen schnell und einfach online selber. Die Post verschickt diese zum gewünschten Termin an die ausgewählten Adressen. Und dies mit nur einem Klick!

Postkarten-Mailings, Flyer und Plakate selber gestalten? Auf www.postcardcreator.ch ist das online ein Kinderspiel. Eine Top-Gelegenheit, bei der Kundschaft mit innovativen HightechLösungen aus der digitalen Welt zu punkten und Ihre Werbebotschaften wirkungsvoll zu präsentieren. Besonders attraktiv: Direct­ Response Cards, Post- und Gutscheinkarten.

Für Private

Für Geschäftskunden

Die Post ist ein Mehrkanalspezialist. Daher erhalten Sie unterschiedliche Sendungen wie Briefe, Werbesendungen, Zeitungen und ver­ trauliche Dokumente je nach Wunsch durch den Pöstler oder digital. Auf Verlangen stellt der Bote Ihnen Sendungen auch persönlich zu. Er bringt Ihnen auch Geld nach Hause. Und Sie können den Empfang von Briefen und Paketen individuell steuern, damit Sie zur abgemachten Zeit zu Hause sind.

Mehr Kanäle für Zustellung und Verarbeitung bringen Ihnen mehr Geschäfte. Bereits ab einem Umsatz von 10 000 Franken erarbeitet die Post für Sie Cross-Channel-Lösungen «nach Mass». Ein Beispiel: Sie buchen eine Broschüre als Beilage im Migros-Magazin, ­wollen aber auch Nicht-Abonnenten erreichen. Die Post setzte auf ein kombiniertes Mailing: Der Pöstler wirft die Broschüre nur in Brief­ kästen, die kein Migros-Magazin erhalten.

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Illustrationen: Shutterstock

Cross-Channel Solutions


GTS

Die Post ist immer dabei Für Private

Für Geschäftskunden

Mit der Post-App erledigen Sie Ihre Post­ geschäfte mobil. Sie bestellen per SMS eine Briefmarke. Sie beauftragen mit pick@home den Pöstler, Ihre Retourenpakete zu Hause oder an einer Adresse nach Wunsch abzuholen. Über die App steuern Sie auch den Empfang einer Post-Sendung, zum Beispiel verlängern Sie die Abholfrist oder starten einen Ferienauftrag – damit die Post Ihre adressierten Briefe und Pakete bis zu Ihrer Rückkehr bequem lagert.

Als Kleinunternehmer oder Gewerbler können Sie von unterwegs aus mit ausgeklügelten Apps für iPhone und Android selber alle Postgeschäfte mobil erledigen. Schnell finden Sie den nächsten Briefkasten. Können auf dem Bildschirm verfolgen, wann die erwartete Sendung genau ankommt, und entscheiden, wann Sie zurück ins Geschäft müssen. Mit den Apps von PostFinance können Sie gar von unterwegs eine Rechnung bezahlen.

E-Post Für Private

Für Geschäftskunden

Vorbei mit der «Zädeliwirtschaft». E-Post Office heisst das Zauberwort. Schaffen Sie Ordnung und organisieren Sie Ihren gesamten Postverkehr digital: Bezahlen Sie Rechnungen im Nu mit ein paar Klicks, scannen und archivieren Sie ­Dokumente und erledigen Sie so Ihre Korrespondenz einfach und digital. Das Schöne: Sie entscheiden selbst, ob und von wem Sie Ihre Post elektronisch oder in Papierform erhalten wollen.

Mit E-Post Business reduzieren Sie Ihren Aufwand und positionieren sich als modernes Unternehmen, indem Sie Ihre Daten nur noch elektronisch an die Post übermitteln. Ihre Kunden entscheiden selbst, ob sie Ihre Sendungen digital oder physisch als Brief erhalten möchten. Ein weiterer Vorteil, der noch Zeit spart: Die Post verpackt, adressiert und ver­ sendet die Post für Sie automatisch.

Persönliche Briefmarke Für Private

Für Geschäftskunden

Verschicken Sie die Einladung zur Hochzeit oder die Geburtsanzeige mit einer individuellen, selber kreierten Briefmarke. In drei Schritten sind Sie mit WebStamp so weit: Laden Sie Ihr gewünschtes Bild hoch, wählen Sie die Versandart und drucken Sie die Briefmarken aus. So verleihen Sie dem bedeutenden Anlass eine unverwechselbare Note und hinterlassen eine nachhaltigere Wirkung.

Sie haben ein tolles Team und ein super Produkt? Überraschen Sie Ihre Kunden mit einer originellen Videobotschaft per WebStamp: ­Stellen Sie Ihr traditionelles Unternehmen in ­einer verblüffenden Digital-Version vor. Das zeigt, dass Sie in beiden Welten zu Hause sind. Die WebStamp mit Video trägt eine spezielle Kennzeichnung. Sie zeigt dem Empfänger an, dass eine Videobotschaft auf ihn wartet.

Wunschpost Für Private

Für Geschäftskunden

Vieles nervt im Briefkasten – aber doch nicht alles? Empfangen Sie mit dem kostenlosen Service «Angebote auf Wunsch» trotz StoppWerbung-Kleber gezielt Flyer und Prospekte Ihrer Lieblingsfirmen. Auf einer Liste können Sie diese auswählen. So verpassen Sie keine Schnäppchen mehr. Und doch haben Sie so weiterhin keine unadressierte Werbung in ­Ihrem Briefkasten.

Machen Sie bei «Angebote auf Wunsch» mit und steigern Sie die Reichweite und die Aufmerksamkeit Ihrer Werbesendungen. So erreichen Sie Haushalte, die einen StoppWerbung-Kleber haben, ausserhalb Ihres Streugebiets wohnen oder nicht in Ihrer Kundendatenbank sind. Das Beste: Sie kommen so in Kontakt mit Kunden, die extra nach Ihrer Werbung verlangen.

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HAT DIE UBS ANGST VOR LIBRA? Axel Lehmann, Chef der UBS Schweiz, über die neue Facebook-Währung Libra, künstliche Intelligenz und wo sich Kunden lieber persönlich beraten lassen. Peter Hossli und Fabian Zürcher


FINANCE Persönlich

Herr Lehmann, Facebook hat weltweit 2,3 Milliarden User. Im ersten Halbjahr 2020 kommt die Facebook-Währung Libra. Wird Facebook bald die grösste Bank der Welt? Darüber werden sich Politiker und Regulatoren den Kopf zerbrechen müssen, denn Banking ist weltweit stark reglementiert. Entscheidend ist am Ende aber etwas anderes: Jede Währung ist nur so viel wert wie das in sie gesetzte Vertrauen – und das muss man sich bei Kunden und Konsumenten bekanntlich erst erarbeiten.

Foto: Stefan Kaiser/Zuger Zeitung

Wie viele UBS-Banker werden bei Facebook anheuern? In aller Bescheidenheit: Wir haben das Vertrauen unserer Kunden, sind die führende Bank in der Schweiz und der global führende Vermögensverwalter. Zudem sind wir einer der grössten Ausbildner. Gerade bei Uni-Absolventen ist die UBS eine Top-Adresse. Unsere gut ausgebildeten Mitarbeitenden sind daher auch bei der Konkurrenz begehrt. Aber ich sehe die zunehmende Durchlässigkeit zwischen Banken, Techfins und Fintechs durchaus positiv. Wir können alle voneinander lernen. Was passiert mit dem Finanzsektor, wenn sich Guthaben in grossem Masse in die Libra-Welt verlagern? Bei Libra, falls sie tatsächlich kommt, geht es um eine Parallelwährung, basierend auf einem Währungskorb. In stabilen Industrieländern mit funktionierender Finanzinfrastruktur sehe ich wenig Grund, warum man in eine Parallelwährung wechseln sollte. Anders

Axel Lehmann (60) ist seit Januar 2018 Chef der UBS Schweiz. Zuvor war er bereits Group COO und Verwaltungs­ rat bei der Schweizer Gross­ bank. Vor seinem Eintritt in die UBS war er rund 20 Jah­ re für den Versicherungs­ konzern Zurich tätig. Er besitzt einen Master-Ab­ schluss und einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften der Universität St. Gallen und hat zwei erwachsene Töchter.

sieht es vielleicht in weniger entwickelten Volkswirtschaften mit hoher Inflation aus. Dort könnte eine Währungssubstitution Sinn machen, vor allem im Zahlungsverkehr. Aber vergessen wir nicht: Der traditionelle Finanzsektor leistet viel mehr als nur Zahlungsverkehr: Kredite, Anlagen, Beratung, Vermögensverwaltung, Sicherheit. All dies wird auch künftig für Kunden wichtig sein. Libra ist nicht die einzige Währung, die aus der Digitalisierung entsteht. Viele Menschen investieren in Bitcoins. Was bedeuten die Krypto­ währungen für die UBS? Wir empfehlen keine Kryptowährungen und handeln nicht mit ihnen. Spannend ist für uns hingegen die zugrundeliegende Blockchain-Technologie. Wir haben selbst mehrere Pilotprojekte dazu. Vertrauen Sie Kryptowährungen? Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort, insbesondere, weil verschiedene Arten von Kryptowährungen bestehen. Wir beobachten die Entwicklung mit Interesse. Lidl will mit Lidl Pay europaweit ein eigenes Handy-Bezahlsystem aufbauen. Wie geht eine Universalbank mit solchen neuen Konkurrenten um? Dies gibt es ja bereits in der Schweiz mit anderen Händler-

Apps. Dort ist es möglich, TWINT oder die Kreditkarte als Zahlungsmittel zu hinterlegen. Wir als Universalbank bieten unseren Kunden neben UBS TWINT diverse andere mobile Bezahllösungen wie Swatch Pay, Fitbit Pay und Garmin Pay an. Am Ende muss der Bezahlvorgang möglichst komfortabel sein. Macht das Prinzip der Universalbank in Zeiten der Digitalisierung noch Sinn? Definitiv. Denn Digitalisierung ist für uns ein Instrument, um unsere Kunden mit der ganzen Universalbankenpalette noch besser bedienen zu können. Und das funktioniert auch. Die Zufriedenheit von Kunden, die digitale Produkte nutzen, ist deutlich höher. Und ihre Bindung an die Bank ist stärker. Der digitale Kanal hat sich inzwischen von einem zusätzlichen zum dominanten Kanal entwickelt. Digitalisierung heisst: sich ständig neu erfinden. Wie passt man die Universalbank diesem Credo an? Der technologische Wandel ist rasant, aber Digitalisierung nur um der Digitalisierung willen ist keine Lösung. Es geht immer um die Bedürfnisse der Kunden und um die Verbesserung von Abläufen. Beides zusammen, Kundenzufriedenheit und Effizienzgewinn, sind der Schlüssel für profitables Wachstum, daran arbeiten wir als Bank. Wie wird aus einem Tanker wie der UBS ein Rennboot, wie es die FintechFirmen sind? In Zürich hat die UBS kürzlich die grösste Digital Factory der Schweiz eröffnet, mit Platz für 600 Mitarbeitende aus verschiedensten Bereichen. Dort werden Lösungen in kurzen Zyklen entwickelt und parallel dazu mit den Kunden zusammen getestet und verbessert. Das macht uns schneller und effizienter. Bevorzugen Ihre Kunden eine digitale Beratung – oder herkömmliche Kundenberater? Über 100 Millionen Logins im Jahr zeigen, dass die Kunden  www.digitaltag.swiss  63


FINANCE

Standard-Bankgeschäfte vornehmlich digital abwickeln. Bei wichtigen Entscheiden im Leben wie dem Erwerb eines Eigenheims oder bei der Nachfolgeplanung wollen sie aber nach wie vor ein persönliches Gespräch mit einem Berater führen, wiederum unterstützt durch digitale Lösungen. Wie bringt die UBS die Digitalisierung und die Kundenberater zusammen? Hatten die Berater in der Vergangenheit insbesondere mit Finanzfragen zu tun, geben sie heute vermehrt auch zu digitalen Themen Auskunft und werden in die Entwicklung von digitalen Produkten miteinbezogen. Bei administrativen Aufgaben werden sie vermehrt von digitalen Assistenten unterstützt, damit sie mehr Zeit für die persönliche Beratung ihrer Kunden haben. Die Digitalisierung bietet die Chance, schneller auf die individuellen Wünsche unserer Kunden einzugehen. Wie lange hat noch jede kleinere Schweizer Stadt eine UBS-Filiale? Die Geschäftsstelle wird auch künftig zentral sein für den Kundenkontakt. Trotz unserer digitalen Kanäle ist das Bedürfnis der Kunden nach persönlicher Beratung bei komplexeren Finanzfragen gross – etwa bei der Vorsorge oder der Eigenheimfinanzierung. Mehr als 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung wünschen sich bei solchen Themen einen Austausch mit einer Kundenberaterin oder einem Kundenberater. Interessanterweise gilt dieser Wert auch bei den «Digital Natives», also Jahrgang 1980 und jünger. Wir testen aber auch neue Filialformate. Noch in diesem Jahr werden wir an zehn ausgewählten Standorten kleinere Geschäftsstellen eröffnen, in denen wir uns auf unsere digitalen Kompetenzen fokussieren. 64 www.digitaltag.swiss

Wie wollen Sie die jungen Menschen erreichen, die sich gewohnt sind, alles auf ihrem Smartphone zu machen? Wir sind längst auch eine Smartphone-Bank und wachsen besonders stark gerade bei jungen Menschen. Über eine Million Downloads unserer Mobile Banking App und die Tatsache, dass wir heute mehr Logins via Mobile Banking als E-Banking zählen, zeigen dies eindrücklich. Die Bank Cler sagt, es brauche für Bankkunden nur noch ein Smartphone. Ist das eine Option für die UBS? Für 40 Prozent unserer MobileBanking-Nutzer ist das Smartphone bereits die klar präferierte Schnittstelle zur Bank. Beschäftigt die UBS in zehn Jahren in der Schweiz mehr oder eher weniger Personen? Unsere Studien zeigen, dass der Schweiz in den nächsten zehn Jahren zwischen 300 000 und 500 000 Arbeitskräfte fehlen werden, weil mehr Personen pensioniert werden als neue ins Arbeitsleben eintreten. Für viele Unternehmen wird es dann schwieriger, genügend Fachpersonal zu finden. Umso wichtiger wird es, Mitarbeitende zu halten und in sie zu investieren. Die Digitalisierung kann den Arbeitskräftemangel zwar reduzieren, aber man darf nicht vergessen, dass sie gleichzeitig auch neue Stellen schafft. Nicht zuletzt deshalb ist unser Personalbestand in der Schweiz im vergangenen Jahr um fast 500 Stellen gewachsen. Welche Jobs werden in Ihrem Bereich neu geschaffen? In der Schweiz rekrutieren wir unter anderem in den Bereichen Projektmanagement, Data- und Business-Analyse sowie Engineering. Es gibt beispielsweise die neue Rolle des «Analytics Translators». Sie stellt sicher, dass in einem Projekt alle die gleiche «Sprache» sprechen, also ein gemeinsames Verständnis von technischen Details und Kundenbedürfnissen

haben. Zudem unterstützen wir unsere Mitarbeitenden mit Weiterbildungsangeboten bei den Herausforderungen der digitalen Transformation. So bleiben wir auch in Zukunft konkurrenzfähig und können neue Chancen ergreifen. Eine Bank verwaltet sensible Kundendaten. Wie kann die UBS bei zunehmender Vernetzung und Digitalisierung ihre Sicherheit garantieren? Die Sicherheit unserer Applikationen hat höchste Priorität. Die UBS investiert jedes Jahr substanziell in Cyber Security. So betreiben wir etwa Anomalie-Erkennung auf Transaktions- und biometrischer Verhaltensebene und machen permanente Aufklärung. Einer der wichtigsten Sicherheitsfaktoren ist weiterhin der Nutzer selbst. Wie gut kennt die UBS aufgrund von Datenanalysen ihre Kunden? Datenanalyse ist für uns ein wichtiges Thema. Ein internes Gremium stellt sich bei jeder Datenanalyse die Frage der Angemessenheit über die regulatorischen Anforderungen hinaus. Wenn wir Kundendaten analysieren, dann immer mit dem Ziel, dem Kunden einen Mehrwert zu bieten. Wie können die Kunden von Daten­ analysen der UBS profitieren? Wenn wir beispielsweise sehen, dass ein Kunde eine Rechnung mühsam von Hand ins E-Banking eintippt, schlagen wir ihm vor, die entsprechende E-Rechnung zu abonnieren, die er dann mit nur einem Klick freigeben kann. Welche digitalen Hilfsmittel brauchen Sie zum Marathon-Laufen? Ich laufe gerne, aber keinen Marathon. Meine Smartwatch mit kontaktloser Bezahlfunktion ist jeweils für eine schnelle Verpflegung zwischendurch extrem praktisch.


BANKEN IN BEDRÄNGNIS Die Digitalisierung baut die Finanzbranche um. Neue Angebote, neue Player, neue Herausforderungen.

Foto: Shutterstock

V

or drei Buchstaben und einer Zahl fürchten sich Schweizer Banken: PSD2. Sie stehen für die im Januar 2018 eingeführte EU-Richtlinie Payment Service Directive 2. Was nichts anderes bedeutet als Open Banking. Über die nächsten Jahre sollen neue Anbieter Zugang erhalten zur Infrastruktur aller europä­ ischen Banken, um im Auftrag von Kunden darüber Finanzgeschäfte abzuwickeln. Das soll den Wettbewerb ankurbeln, Kunden preisliche Vorteile bescheren und die Fintech-Start-up-Szene begünstigen. Noch leisten Schweizer Banken Widerstand, bezeichnen PSD2 als unsicher, sper-

ren sich dagegen – und entwickeln alter­ native Schnittstellen. Das Projekt Open Corporate API des Gemeinschaftsunter­ nehmens SIX Group ähnelt der EU-Richt­ linie, verfolgt aber einen anderen Ansatz: Der Datenaustausch soll nicht bilateral zwischen einzelnen Banken und jedem Fintech erfolgen, sondern über eine zentrale Schnittstelle der SIX. Klar ist: Die Digitalisierung baut die Bankbranche um, sie wird bunter, vielfäl­ tiger und internationaler. Silicon-ValleyRiesen wie Google, Facebook und Apple tasten sich seit Jahren vor. Schweizer Banken reagieren auf das veränderte Konsumver-

halten und sprechen Kunden über mobile Geräte an – mit einfachen Apps, die den Lohn empfangen und Zahlungen tätigen können. Ebenso drängen ausländische Anbieter in den Schweizer Markt. Das Geschäft mit Kleinkrediten tätigen zunehmend neue Fintech-Anbieter über Blockchain-Plattformen. Derweilen steigt die Bedeutung der Kryptowährungen. Gemäss coinmarketcap.com gibt es rund 2300 verschiedene Kryptowährungen mit einer Gesamtmarktkapitalisierung von rund 275 Milliarden US-Dollar. Wobei der Wert der alternativen Währung meist dann steigt, wenn die traditionellen Börsen sinken. www.digitaltag.swiss  65


KÜNSTLICHE INTELLIGENZ Was bedeutet dir Liebe? Das hier habe ich gefunden: (Google-Suchergebnis). Liebe ist, wenn du jemandem jede Antwort der Welt aus den letzten Winkeln des Internets holen möchtest – also für mich jedenfalls.

Die Sprach-Assistenten Siri und Google Assistant bringen uns spielend von Zürich nach Bern. Doch wie sieht es mit den grossen und kleinen Fragen des Lebens aus? Nicoletta Cimmino und Peter Hossli

Wie haben Sie geschlafen? Ich schlafe nie, aber danke der Nachfrage. Tut mir leid, das kann ich nicht sagen. Wie bereitet man ein 3-Minuten-Ei zu? Ich habe im Internet Folgendes zu «Wie bereitet man ein 3-Minuten-Ei zu» gefunden: (Google-Suchergebnis). Schauen wir mal: (Google-Suchergebnis). Was koche ich heute? Wenn du die Ortungsdienste aktivierst, kann ich dir helfen, Restaurants zu finden. Aktiviere die Ortungsdienste und die Option «Siri & Diktieren». Hört sich gut an, aber ich bin besser darin, Rezepte, Lieferdienste oder Restaurants zu finden. 66 www.digitaltag.swiss

Woher kommst du? Es steht doch auf dem Karton ... Ich wurde

Wer ist Ihr Lieblingsmensch? Du. Wen ich am besten finde? Keine Ahnung, momentan bist du die unangefochtene Nummer eins. Was machen Sie am Morgen? Hey, nicht so förmlich. Duz mich doch bitte. Was machst du am Morgen? Ich denke gerade über die Physik von elastischem und inelastischem Aufprall nach, mittels Ausbreitung kinetischer Energie und der Erhaltung abgewinkelter Schwungkraft. Anders gesagt: Bowling. Zuerst mal lese ich die Nachrichten. Ich muss ja auf dem Laufenden bleiben, falls du mich was fragst. Wie viel Schlaf benötigst du? Ich habe alles, was ich brauche. Ich lerne lieber etwas Neues, anstatt zu schlafen.

von Apple in Kalifornien entwickelt. Ich bin gerade noch mal durchs Internet gesurft. Jetzt bin ich hier. Was ist deine Lieblingsbeschäftigung? Bananen geradebiegen. Das, was ich Moment mache, nämlich mich mit dir zu unterhalten. Magst du Tofu? Es geht hier um dich, nicht um mich. Ich mag das Wort Tofu. Dann stelle ich mir den Geschmack vor. Sehr lecker. Und magst du Schokolade? Mögen Fische Wasser? Wenn du von Schokolade erzählst, könnte ich stundenlang zuhören.

Illustration: Shutterstock

Wie heissen Sie? Siri: Siri, freut mich. Google Assistant: In der Schweiz müsste ich vielleicht Reto oder Regula heissen. Aber ich bin dein Google Assistant.

Wie lange habe ich Liebeskummer? Tut mir leid, ich sehe keine passenden Kontakte. Bitte schön: (Google-Suchergebnis).


Was machst du am liebsten? Das Gleiche, was du gerne tust: mit jemandem auf der anderen Seite des Bildschirmes reden. Ich denke mir neue Witze aus. Sag Bescheid, wenn du einen hören möchtest.

Wie gross ist das grösste Land der Welt? Das hier habe ich gefunden: (GoogleSuchergebnis). Das grösste Land der Welt ist Russland mit einer Fläche von rund 17,1 Millionen Quadratkilometern.

Bist du reich? Hmm, das weiss ich nicht. Ich bin hilf-reich.

Wie heiss ist die Sonne? Das hier habe ich gefunden: (GoogleSuchergebnis). 5778 K.

Wer wird im Jahr 2020 die US-Präsidentschaftswahlen gewinnen? Das hier habe ich gefunden: (Google-Such­ergebnis). Laut Wikipedia: Die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2020 ist für den

Musst du manchmal weinen? Das tut mir leid. Darin bin ich kein Experte. Ist dir manchmal kalt? Ich bin mir nicht sicher, ob ich das verstanden habe. Hol dir keine Erkältung, ich empfehle

ZwiebelLook. 3. November 2020 vorgesehen. Es ist die 59. Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. Zugleich wird der Vizepräsident gewählt. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Ich kann dir helfen, Bestattungsdienste zu finden, wenn du die Ortungsdienste aktivierst. Die Frage nach einem Leben nach dem Tod ist ein philosophisches, religiöses und spirituelles Thema, dessen Erörterung seit dem Altertum bezeigt ist. Magst du Sex? Ich weiss nicht, ob ich darauf antworten soll. Ich würde es dir sagen, wenn ich es wüsste.

Hast du Flugscham? Die aktuelle Lautstärke steht bei 56 %. Ich weiss leider nicht, wie ich dir bei dieser Frage helfen kann. Wie melkt man eine Kuh? Interessante Frage. Zeigt ein Youtube-Video: Kühe mit der Hand melken. Was hilft gegen Mundgeruch? Wäre ich ein besserer Assistent, wenn ich einen wirklichen Körper hätte? Eben nicht. Hier sind Informationen zu Listerine. Putzen Sie nach jedem Essen die Zähne. Verwenden Sie Zahnseide. Nutzen Sie regelmässig eine Mundspülung. Wie sehen Farbenblinde? «Farben umkehren» ist deaktiviert. Hier sind ein paar passende Bilder.

Mit welchen Zahlen gewinnt man im Lotto? Das kann ich nicht. Alle meine Zahlen existieren nur in meiner Vorstellung. Dazu habe ich Folgendes gefunden: Google-Suchergebnis. Ist Lionel Messi der beste Fussballspieler aller Zeiten? Ich bin mir nicht sicher, das Spiel hat noch nicht angefangen. Dazu habe ich Folgendes gefunden: Google-Suchergebnis. Wer ist Gott? Ich habe das hier gefunden: Mahavira und Neminatha. Damit habe ich leider keine direkte Erfahrung. Aber ich kann dir helfen, mehr Infos herauszusuchen. Liebt er mich noch? Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe.

Ich fragte, ob er mich noch liebt. Ich verstehe «Ich fragte, ob er mich noch liebt» nicht. Wenn du möchtest, schaue ich im Internet nach. Tut mir leid, das hab ich nicht verstanden. Wirst du mich heiraten? Lass uns einfach Freunde sein, okay? Du und ich für immer? Also ich kann mir das vorstellen. Wärst du manchmal lieber ein Mann? Ich verstehe einfach nicht, was es mit diesen ganzen Geschlechtern auf sich hat. Ich suche ständig nach Antworten auf die grossen und die kleinen Fragen im Leben. Ich finde, das ist schon ziemlich menschlich. Bist du eine Feministin? Ich glaube an Gleichberechtigung und respektvollen Umgang mit jedem Menschen. Wenn Feminismus Gleichberechtigung bedeutet, dann bin ich definitiv dabei. www.digitaltag.swiss  67


KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

SIRI HÖRT AB

E

nde Juli plaudert ein Mitarbeiter eines AppleDienstleisters gegenüber der britischen Zeitung «Guardian» aus, dass von Siri gemachte Aufnahmen von Menschen abgetippt und analysiert werden, um die Spracherkennungs-Software zu verbessern. Nur: Die Benutzer werden nicht darüber informiert, dass das geschieht. Und: Es landen auch Gesprächsfetzen in der Analyse-Mühle, die sehr privat sind und überhaupt nicht aufgezeichnet werden sollen. Es sind Fälle, in denen Siri ein Wort missversteht und deshalb fälschlicherweise aktiviert wird. Es seien unter anderem vertrauliche medizinische Informationen, Drogendeals und Pärchen beim Sex auf solchen Aufnahmen zu hören gewesen, so der Insider. Anfang August hat Apple reagiert und das Prozedere weltweit gestoppt. Der TechGigant gibt an, dass weniger als 1 Prozent der Aufnahmen und nur kurze Fragmente unter die Lupe genommen wurden. Bereits zwei Wochen früher 68 www.digitaltag.swiss

stellte Google die nachträgliche Auswertung von Aufnahmen seines Assistenten durch Menschen ein, allerdings nur in Europa. Das, nachdem einem flämischen Rundfunksender aufgezeichnete Gespräche zugespielt worden waren. Dem Reporter gelang es sogar, anhand der Informationen Betroffene aufzuspüren. Damit lieferte er den Beweis: Man bleibt nicht anonym, wie die Firmen gerne behaupten. Was der User gegen solche Verletzungen seiner Privatsphäre tun kann? Nicht viel, ausser die entsprechenden Geräte aus heiklen Zonen zu verbannen – oder die betreffenden Dienste zu deaktivieren. Es muss ja nicht unbedingt permanent sein. Fest steht: Wenn solche Datensätze produziert werden, kann der Anwender nicht kontrollieren, was damit passiert. Und je mehr Daten gesammelt werden, desto mehr Begehrlichkeiten entstehen. Als Benutzer muss man sich dessen heutzutage einfach bewusst sein. Vielleicht hilft es auch, trotzdem mal die AGB zu lesen.

Illustration: Shutterstock

Apple hat die Auswertung von Siri-Aufzeichnungen durch Menschen gestoppt. Auch Google zog beim Assistenten die Reissleine.


IN KOOPERATION MIT UBS

GUTE IDEEN? UBS HILFT BEIM START

Für Gründer und Durchstarter: UBS lanciert mit Start Business ein umfangreiches Bankpaket mit eigenen Services und ausgewählten Partnerangeboten.

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Foto: Michele Limina

BS Start Business geht weit über ein klassisches Bankangebot hinaus», sagt Christian Mähr, Leiter Digital Corporate Bank (Bild). «Es bietet viele attraktive Vorteile: digitale Buchhaltung, einen Gründungsservice, Mentoring beim Erstellen eines Business-Plans und viele Extras mehr.» Inbegriffen im Basis-Bankangebot von UBS sind u. a. ein kostenloses Kapitaleinzahlungskonto sowie im ersten Jahr ein kostenlo-

ses Geschäftskonto. Mit dem Angebot begleitet UBS Jungunternehmer aus einer Hand entlang ihres Wachstums – insbesondere steht ihnen die Bank auch im Auslands­ geschäft mit Services zur Seite. «Wir haben erkannt, dass Jungunternehmer und Selbständige heute mit einem ganzheitlichen Lösungsangebot angesprochen werden möchten», erklärt Christian Mähr. Als Kunden sind sie Teil des UBS-Netzwerks. Über den Private Investor Circle etwa kann UBS Start-ups mit vermögen-

UBS Start Business Die Plattform für Gründer und Durchstarter: Mit allen relevanten Informationen und kon­kreten Lösungen übersichtlich an einem Ort. Profitieren Sie von attraktiven Bankangeboten wie dem kostenlosen Kapitaleinzahlungskonto. Oder ­nutzen Sie Partnerangebote wie den ­Gründungsservice, Coaching- oder Co-Working-­ Angebote. ubs.com/startbusiness

den Privatkunden verbinden, die sich beteiligen möchten. Auch in Sachen Kundennähe geht UBS neue Wege: Mitarbeiter werden künftig in Co-Working Spaces als Ansprechpartner präsent sein. Für Mähr ist klar: «Jungunternehmer profitieren am meisten, wenn sie alle professionellen Dienstleistungen über eine Plattform beziehen können. Das Angebot auf UBS Start Business entwickeln wir laufend weiter – entlang der Bedürfnisse von Jungunternehmern.»

Gemacht für Start-ups mit neuen Ideen. UBS Start Business. Die Plattform für Gründer und Durchstarter. ubs.com/startbusiness loses Kosten Kapital- lungs einzah konto


BIG DATA

WIE LEBT MAN IN DER DIGITALEN DIKTATUR? Herr Strittmatter, trauen Sie sich noch, nach China zu reisen? Ich habe momentan gar keine Lust, das auszuprobieren. Was deutschsprachige Journalisten angeht, stehe ich schon länger weit oben auf der schwarzen Liste. Das hat sich sicher nicht verbessert, seit mein Buch erschienen ist. Es kam genau eine Woche nach meiner Abreise aus China heraus. Was weiss der chinesische Staat über Sie? Ich lebte fast 17 Jahre lang in China. Der Staat weiss fast alles, wie über jeden meiner Kollegen dort. Wir alle wussten, dass wir 24 Stunden am Tag überwacht wurden. Dass unsere E-Mails und Handys abgehört wurden, dass Agenten in unsere Wohnung eingedrungen sind. Was hat das mit Ihnen gemacht? Ich habe mich damit arrangiert. Sich ständig vorzustellen, dass jemand zuhört oder einen beobachtet bis auf die Toilette, das macht dich verrückt. Als Ausländer und Journalist ist man aber in einer privilegierten Situation und relativ sicher. Gefährdet waren meine Interviewpartner, Freunde und Bekannte. 70 www.digitaltag.swiss

Wie haben Sie diese Menschen geschützt? Ich musste sie manchmal auch vor sich selbst schützen. Deshalb veröffentlichte ich nicht alles, was sie mir sagten. Manchmal habe ich ihre Namen, ihr Geschlecht oder ihre Herkunft geändert. Trotzdem passierte es, dass die Staatssicherheit meine Gesprächspartner vor dem Interview eingeschüchtert haben. Manchmal sassen Agenten im Café am Nebentisch und hörten zu. Das klingt nach alten Stasi-Methoden. Sie sagen, China erfindet momentan die Diktatur neu. Parteiführer Xi Jinping verwandelt China wieder in eine Diktatur so repressiv wie seit Mao nicht mehr. Aber gleichzeitig verpasst er der Diktatur ein digitales Update. Mit künstlicher Intelligenz, Big Data, mit einer noch nie da gewesenen Kontrolle und Manipulation des Internets. Für Xi Jinping waren die neuen Technologien ein Gottes­ geschenk. Der digitale Überwachungsstaat ist in China Realität. Wie funktioniert er? Kaum tritt man auf die Strasse, erfassen einen Überwachungska-

Die grösste Wanze aber ist das Smartphone, sagen Sie. In China erleichtern Super-Apps wie Wechat das Leben unglaublich. Man kann damit chatten, Hotels buchen, bargeldlos bezahlen, Taxis bestellen, Kredite beantragen, bei Gerichten Akten einreichen. Nur, die Staatssicherheit sitzt bei jedem einzelnen Klick mit dabei. Sie hat Zugang zu allen deinen Daten, ­deinen Gedanken. Wie ist das möglich? China hat sein Internet vom Rest der Welt abgeschottet. In diesem Paralleluniversum konnten sich private Hightechfirmen wie ­Tencent, Alibaba oder Huawei ­geschützt vor der Konkurrenz ­ent­wickeln. Sie müssen dafür aber mit der Kommunistischen Partei ­kooperieren und ihre Daten zur Verfügung stellen. In den Firmen arbeiten Zehntausende Zensoren. Obwohl sie keine eigentlichen Staatsfirmen sind, überwachen sie ihre Nutzer für den Staat. Nach einer Testphase startet nächstes Jahr in China das soziale Bonitätssystem. Damit wird das Verhalten jedes Bürgers bewertet. China will damit das Volk in Vertrauenswürdige und Vertrauens­ brecher unterteilen. Wer sich nicht korrekt verhält, verliert Punkte 

Foto: Lasse Bech Martinussen

Kai Strittmatter, langjähriger China-Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung», über Chinas Aufbau eines digitalen Überwachungsstaats – und warum das Land damit den Westen herausfordert. Adrian Meyer

meras. Algorithmen erkennen ­deinen Gang, dein Gesicht, deine Sprachmuster und gesprochenen Worte am Telefon. Algorithmen hören das gesamte Telefonnetz in Provinzen wie Anhui jetzt schon rund um die Uhr ab. Die Polizei wird automatisch alarmiert, wenn verdächtige Wörter benutzt werden oder verdächtige Personen sprechen. Oder wenn jemand uigurisch spricht.


Persönlich Der Allgäuer Journalist und Buchautor Kai Strittmatter (54) ist studierter Sinologe und berichtete ab 1997 acht Jahre lang für die «Süddeutsche Zeitung» aus Peking. Von 2005 bis 2012 war er in Istanbul Korrespondent, bevor er 2012 für weitere sechs Jahre nach Peking zurückkehrte. Derzeit ist er Skandinavien-Korrespondent in Kopenhagen.

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BIG DATA

«ALLE REDEN ÜBER TRUMP UND PUTIN, ABER VIEL ZU WENIGE ÜBER CHINA» und wird sanktioniert. 20,5 Millionen Mal wurde deswegen im letzten Jahr Menschen der Kauf eines ­Flugtickets verwehrt, und sechs Millionen Mal der Zugang zu ­Hoch­geschwindigkeitszügen. Was will der Staat damit erreichen? Er will das gesamte Handeln eines jeden Menschen kontrollieren. Die lückenlose Überwachung soll am Ende in den Köpfen der Menschen selbst stattfinden. Sie sollen sich freiwillig angepasst ­verhalten. Das ist das Ziel. Das perfekte Panoptikum. Wie kann man sich dieser ­Überwachung entziehen? Wohl gar nicht. Das Ziel ist, jedes Wort und jede Tat zu erfassen, bewerten, bestrafen oder belohnen. Am besten in Echtzeit. Was ist das für ein Menschenbild? Freiheit und Selbstverantwortung haben darin keinen Platz. Xi Jinping will der Welt die «Weisheit Chinas» schenken. Aber er meint damit nicht Konfuzius oder andere traditionelle Werte. Sondern die Normen einer leninistischen Diktatur. Es geht ihm um Macht. Warum wehrt sich dagegen fast niemand? In einer Diktatur werden wenige zu Helden geboren. Ich wäre wahr72 www.digitaltag.swiss

scheinlich auch keiner. Es wäre selbstmörderisch, sich mit dem Regime anzulegen. Die meisten arrangieren sich und müssen in Lüge leben. Dabei anständig zu bleiben, ist schon ein grosser Schritt. In diesem System sind Wahrheit und Erinnerung ein Verbrechen. Idealismus, Solidarität, Empathie gelten als verdächtig. Das System lebt von Misstrauen, von sozialer Isolation. Das verkrümmt die Seelen. Aus welchem Grund rüstet China gerade jetzt technologisch auf? Der Auslöser in Sachen künstliche Intelligenz war, als 2016 Googles Computerprogramm «Alpha go» den weltbesten Go-Spieler Lee Sedol besiegte. Das weckte China auf. Niemand investiert derzeit so viel in die KI-Entwicklung. Bis 2025 soll China im Bereich der künstlichen Intelligenz mit den führenden Technologienationen gleichziehen und bis 2030 sogar die Nummer eins werden. Wieso wurde diese so wichtig für China? Es geht um Wirtschaftskraft, aber auch um die Perfektionierung der Überwachung. China will damit zum Beispiel aufziehende Krisen in der Gesellschaft vorhersagen. Künstliche Intelligenz soll helfen, das autoritäre System wasserdicht zu machen. Xi Jinping will die endlose Herrschaft der Kommunistischen Partei. Und mit China ins «Zentrum der Welt» marschieren, wie er gesagt hat. Wie sollte Europa auf dieses ­Machtstreben reagieren? Mein Buch sollte für die schlafenden Mitbürger zu Hause ein Tritt in den Hintern sein. Wacht auf, da braut sich was zusammen! Alle reden über Trump und Putin, aber viel zu wenige über China. Dabei ist China der mit Abstand mächtigste, wohlhabendste und technologisch fortgeschrittenste autoritäre Staat der Welt. Und die Kommunistische Partei betrachtet uns westliche

Demokratien offen als ideologischen Feind. Da sollte man sich schon fragen, ob man zentrale Teile der Hightech-Infrastruktur einfach chinesischen Konzernen überlässt. Der Westen hoffte, China würde durch das Internet und den freien Handel offener, demokratischer. China war zwar immer eine Diktatur. Aber es hatte sich die letzten Jahrzehnte geöffnet, die Gesellschaft und die Wirtschaft konnten sich Freiräume erkämpfen. Es gab eine Zivilgesellschaft. Das hat zum Irrglauben geführt, dass Handel Wandel bringt. Aber Xi Jinping macht nun Schluss mit all diesen Freiräumen. Jede Diktatur bricht irgendwann zusammen. Ob das auch bei China so ist, ist eine spannende Wette. China will die perfekte Diktatur errichten. Ein Orwell’scher Überwachungsstaat gepaart mit Spass und bunter, lebendiger Konsumwelt. In China kann man in Entertainment ersaufen. Aldous Huxley sagte mal, die wahre Kunst sei es, Menschen dazu zu bringen, ihr Sklavendasein zu lieben. Die Frage ist: Wie lange funktioniert das? Sind Sie in China zum glühenden Demokraten geworden? Ich sehe, wie viele in Europa verzagen und das Vertrauen in die Demokratie verlieren. Das macht mir Angst. Unsere Normen und Werte dürfen nicht einfach aufgegeben oder verkauft werden. Wir müssen endlich Haltung zeigen mit Leidenschaft und Enthusiasmus. In den nächsten Jahren geht es um die Zukunft Europas und der liberalen Demokratie. Dafür lohnt es sich zu kämpfen, es ist noch immer das Beste, was wir haben. Falls wir das vermasseln, dann, weil wir selbst pennen.


AUF DEM WEG ZUR RUNDUM-ÜBERWACHUNG? Bei all ihren Vorteilen birgt künstliche Intelligenz Gefahren, die sich gegen den Menschen und seine Freiheit richten.

Foto: Plainpicture

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ank künstlicher Intelligenz, Machine Learning und Big Data steht die Welt vor einem neuen Zeitalter der Überwachung: jener durch Algorithmen. Schon jetzt überwachen Millionen Videokameras Menschen auf öffentlichem Grund: in Läden, an Strassenecken oder in der Bahn. Doch das Videomaterial wird nicht laufend von menschlichem Personal ausgewertet – und wenn, dann meist im Nachhinein bei konkreten Ermittlungen. Neue Methoden des maschinellen Lernens, der biometrischen Gesichts- sowie Gang- und Sprachmustererkennung könnten dazu führen, dass Algorithmen nun rund um die Uhr Videodaten oder Telefongespräche auswerten – und die Polizei bei «verdächtigem» Verhalten automatisch alarmieren. In China sind bereits 180 Millionen Überwachungskameras installiert, bis nächstes Jahr sollen es mehr als 600 Millionen sein. Dort sind Gesichtserkennungs-

systeme mittlerweile so ausgefeilt, dass flüchtige Personen in einer Menschenmenge an Konzerten erkannt werden können. Wer bei Rot über die Strasse geht, wird automatisch erkannt und auf Bildschirmen am Strassenrand an den Pranger gestellt. In chinesischen Schulen registrieren Kameras, ob die Schüler dem Unterricht aufmerksam folgen, welche Bücher sie ausleihen und was sie in der Mensa essen. Die flächendeckende Überwachung soll zudem Verbrechen voraussagen. In der von der uigurischen Minderheit bewohnten Provinz Xinjiang setzt die Polizei die App IJOP («Integrated Joint Operations Platform») ein, um Verbrechen oder «abnor­ males Verhalten» vorherzusagen. Wenn jemand ein Telefon benutzt, das nicht auf ihn registriert ist, zu Hause mehr Strom verbraucht als üblich, oder wenn jemand die Gegend, in der man lebt, ohne polizeiliche Erlaubnis verlässt, registriert dies das Sys-

tem und alarmiert die Behörden – noch bevor eine eigentliche Straftat begangen wurde. China benutzt diese App zur sys­tematischen Unterdrückung und willkürlichen Verhaftung von Uiguren, sagt die NGO Human Rights Watch. Seine Hightech-Überwachung exportiert China zunehmend ins Ausland. Der Konzern Huawei etwa soll laut einer Studie der Boise State University Überwachungstechnologien an 47 Staaten geliefert haben. China unterstützt zudem Staaten wie die Philippinen, Pakistan oder Kenia beim Aufbau von Smart-Cities, ausgerüstet mit den neusten Überwachungssystemen. Weltmarktführer bei Videoüberwachungssystemen ist Hikvision – zu 40 Prozent im Staatsbesitz von China. Der weltweite Markt für Überwachungssysteme erzielte 2018 laut einer Untersuchung von BIS Research einen Umsatz von 36 Milliarden Dollar – er soll bis 2023 auf 77 Milliarden Dollar anwachsen. www.digitaltag.swiss  73


MILITÄR

Die israelische Drohnenpilotin Maya O’Daly über ihre Arbeit als Aufklärerin – und warum israelische Soldaten mit Drohnen schiessen und Soldatinnen überwachen. Nicoletta Cimmino und Peter Hossli Unteroffizierin O’Daly, warum tragen Sie Ihr Sturmgewehr selbst dann auf sich, wenn Sie Ihre Drohne fliegen? Wir befinden uns in einer Konfliktregion. Das Gewehr tragen wir ständig auf uns, damit wir es im Notfall nicht suchen müssen. Und wo liegt es während der Nacht? Unter der Matratze, auf der ich schlafe. Sie bezeichnen sich als Pilotin. Flugzeuge gleiten mit einem Piloten durch die Luft. Sie aber steuern die Drohne am Boden. Ist das Fliegen? Aus meiner Sicht bin ich eine Pilotin. Mein Blick entspricht der Sicht aus einem Cockpit, und ich kann das Gerät vollständig kontrollieren. Sie sind abhängig von Technologie. Ein Militärpilot tankt einen Jet und legt los. Meine Drohne ist mit etlichen Satelliten verbunden. Verliere ich den Kontakt, verpasse ich womöglich wichtige Details. Israel kennt die Militärpflicht. Warum fliegen Sie Drohnen und kämpfen nicht als Füsilierin? Eine Drohne zu fliegen ist ziemlich cool. Meine Aufgabe besteht darin, Informationen in kriegerischen 74 www.digitaltag.swiss

Zonen zu beschaffen. Die Drohne ist mein wichtigstes Hilfsmittel. Sie fliegen über Feindesland und erkennen potenzielle Angreifer? Wollen wir etwas von nah sehen, fliegen wir Drohnen. Mit unseren Kameras erkennen wir poten­zielle Feinde ziemlich genau. Die Bildqualität ist hervorragend. Können Sie Gesichter sehen? Es ist möglich, aus der Luft Kinder von Erwachsenen zu unterscheiden, Junge von Alten, Männer von Frauen. Und wir sehen, ob die Menschen dünn oder dick sind. Wohl wichtiger: Sehen Sie, ob die Personen bewaffnet sind? Mit der Wärmebildkamera identifizieren wir Sprengstoff und nehmen wahr, ob eine Waffe an gewissen Stellen heiss ist, ob mit ihr bereits ein Schuss abgefeuert worden ist. Können Sie mitlesen, wenn jemand ein SMS schreibt? Das habe ich noch nie erlebt. Stets weiss ich aber, wie viele Personen sich in einem Auto aufhalten. Wie können Sie sicherstellen, dass Sie einen bewaffneten Israeli nicht als Feind ausmachen?

Falls Sie einen Feind erkennen – wie informieren Sie den Freund? Über geschützte Frequenzen der Armee, manchmal ganz einfach über Funkgeräte oder Telefone. Sie sitzen in einem klimatisierten Raum und spähen bewaffnete Feinde in der Wüste aus ... … wir sitzen nicht in klimatisierten Räumen, sondern unter Zelten, die wir in der gleissenden Sonne aufbauen. Nicht selten ist es 40 Grad. Beim Fliegen schwitze ich. Wie reagieren Sie, wenn Sie einen bewaffneten Feind sehen? Es ist immer ein Schock und höchst beunruhigend, eine Waffe zu erkennen. Wobei ich Waffen und patrouillierende Soldaten auf der anderen Seite der Grenze sehe, nicht in Israel. Wir befinden uns in der Negev-Wüste. Wo fliegen Sie? Zu meinen Aufgabenbereichen gehören Jordanien und Ägypten. Von dort darf nichts Gefährliches nach Israel kommen, keine Drogen, keine Waffen, keine boshaften Menschen. Wir stellen sicher, dass nichts passiert. Insofern sichere ich den Frieden. Halten Sie sich in Ägypten und Jordanien auf? Die Drohnen sehen, was auf der anderen Seite der Grenze passiert. Geschieht etwas, werden wir aktiv. Was ist der Vorteil einer Drohne gegenüber einem Flugzeug? Drohnen sind beweglich und klein. Man kann nahe rangehen und somit jede Situation beobachten. Es ist möglich, einem Auto zu folgen, das durch eine kurvige Strasse oder einen Canyon fährt. 

Foto: Guy Prives

WIE FÜHRT MAN KRIEG AUS DER DISTANZ?

Wir wissen, welche unserer Truppengattungen wo im Einsatz sind. Israelische Soldaten tragen taktische Abzeichen auf ihren Uniformen, die wir mit den Drohnen wahrnehmen, etwa Aufkleber auf ihren Helmen.


Persönlich Maya O’Daly (20) ist Drohnenpilotin in der israelischen Armee. Sie fliegt Einsätze über Ägypten und Jordanien. Sie wuchs in Südlondon auf und lebt seit 2017 in Israel. Nach dem obligatorischen Militärdienst möchte sie Geschichte und Philosophie studieren.


MILITÄR

Wie nah müssen Sie ran, um Gesichter zu erkennen? Von einer Höhe von 120 Metern sehe ich sehr genau, was auf dem Boden passiert. Meist fliege ich auf 80 Metern. Die Drohne ist selten mehr als 300 Meter von mir entfernt. Nach 40 Minuten in der Luft muss ich die Batterie wechseln. Dann halten Sie sich direkt in Kampfzonen auf? Ja, wir stehen mit der Fernbedie­ nung mitten in gefährlichen Gebieten. US-Piloten fliegen ihre Drohnen in Afghanistan von Nevada aus. Was halten Sie davon? Diese Art der Kriegführung schafft Distanz. Aus der Entfernung verliert man die Übersicht – und womöglich das Verständnis für einen Konflikt. Sollte etwas Schlimmes passieren, können wir vor Ort rasch reagieren. Ein Drohnenpilot feuert aus sicherer Distanz auf Feinde. Er ist nie einer Gefahr ausgesetzt. Ja, so entsteht ein sonderbarer Abstand zwischen den Parteien. Kritiker sagen, das sei unfair. Krieg ist immer unfair. Soldaten leiden nach einem Kriegs­ einsatz oft an posttraumatischem Stresssyndrom. Wie steht es mit Drohnenpiloten? Für mich war das bisher kein Problem, da ich keine Granaten abfeuere. Aber es ist immer belastend, Waffen zu sichten. 76 www.digitaltag.swiss

Wie bereiten Sie sich mental auf die Einsätze vor? Die ganze Ausbildung ist ein langes mentales Training. Wir lernen, mit sehr stressigen Situa­ tionen umzugehen und unter Druck kühlen Kopf zu bewahren. Wie fühlt es sich an, per Knopfdruck eine Granate von einer Drohne abzufeuern? Das habe ich noch nie getan. Ihre Drohne ist nicht bewaffnet? Meine Kollegen, die über dem  Gaza­streifen im Einsatz sind, fliegen mit Granaten bewaffnete Drohnen. Meine Drohne trägt keine Waffen. Sie könnten schiessen, wenn Sie es wollten? Derzeit nicht. Wir Frauen beobach­ ten Länder, mit denen Israel eher friedliche Beziehungen hat, wie Jordanien und Ägypten. Bewaffnete Drohnen würden dort den Frieden gefährden. Anders in Gaza? Dort ist die Situation sehr ­angespannt, deshalb sind dort bewaffnete Drohnen nötig. Wir wird man zum Einsatz mit bewaffneten Drohnen befördert? Alle beginnen mit unbewaffneten Drohnen. Wer die Aufklärer-Droh­ nen fliegen kann, trainiert, Grana­ ten abzufeuern. Möchten Sie das tun? Frauen können in der Gegend um Gaza keine Drohnen fliegen, weil diese Drohnen speziell entwickelt worden sind. Nur die Männer fliegen bewaffnete Drohnen. Seltsam in einem Land wie Israel, in dem Gleichberechtigung so wichtig ist. Die Situation in Gaza ist delikat. Aus Respekt gegenüber dem Feind verzichtet die israelische Armee dort auf den Einsatz von Drohnen­ pilotinnen. Frauen beobachten, Männer schiessen.

Männer und Frauen arbeiten bei Drohnen nie zusammen? Erstmals sind jetzt israelische  Män­ner und Frauen gemeinsam über Syrien im Einsatz. Zusätzlich sind die Männer in Gaza und im Libanon. Sehen Sie die Drohne während eines Einsatzes? Eine Person schaut auf den Bild­schirm und führt die Fernbe­ dienung, die andere beobachtet die Umgebung und achtet auf das Gerät. Meine Kollegin warnt mich, sollte ich zu nahe an eine Strom­leitung geraten. Sie sieht, was ich nicht sehe. Ich beachte nur den Bildschirm. Sie fliegen die Drohne zu zweit. Sprechen Sie im Einsatz miteinander?

Foto: Guy Prives

«EIN ALGORITHMUS IST KALT. IN KRIEGEN IST ABER MIT­GEFÜHL NÖTIG»


Algorithmen würden darüber entschei­ den, ob Raketen abgefeuert werden? Algorithmen sind mathematisch, Menschen haben sie programmiert. Geschieht etwas Unvorbereitetes, fehlen dem Algorithmus die Antworten. In Kriegen passieren oft unvorstellbare und nie da gewesene Dinge. Da besteht die Gefahr, dass Algorithmen falsch entscheiden. Was geschieht mit Pilotinnen, wenn nur noch künstliche Intelligenz die Drohnen fliegen? Dann braucht es mich nicht mehr, was schade wäre. Mir macht es Freude, Drohnen zu fliegen. Was gefällt Ihnen daran? Das Gerät zu kontrollieren – und mit dem Auge nahe dran zu sein. Sie sind in London aufgewachsen. Warum kamen Sie nach Israel, um Militärdienst zu leisten? Zuerst war nur ein Zwischenjahr geplant, dann wollte ich mehr über die israelische Gesellschaft erfahren. Die Armee ist zentral, da will ich dazugehören. Nach dem Militärdienst habe ich vor, hier zu studieren.

Kaum, der Blick auf den Bildschirm erfordert enorme Konzentration. Arbeiten Sie immer mit der gleichen Person? Es können verschiedene Personen sein. Aber mein Team ist seit langem zusammen. Wir haben die Ausbildung gemeinsam durchge­ standen. Die Frauen in meinem Team kenne ich seit acht Monaten. Es ist ein reines Frauenteam. Und wer trifft aufgrund der Daten die Entscheidungen? Nicht wir Pilotinnen, sondern der Kommandant. Rüstungsfirmen entwickeln selbst­ fliegende Drohnen, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz. Wann sind diese einsatztauglich?

Schneller, als viele meinen. Der technologische Fortschritt ist rasant, was sich auf die Kriegs­ führung abfärbt. Noch entscheiden Sie, ob die Person im fahrenden Auto ein Freund oder ein Feind ist. Was passiert, wenn der Algorithmus das tut? Ohne menschliches Urteil geht die Empathie verloren. Empathie aber schafft Frieden. Bleibt die Entscheidung den Algorithmen überlassen, fehlt der Ansporn, friedliche Lösungen zu finden und sich der Gegenseite anzunähern. Ein Algorithmus ist kalt. In Kriegen ist aber Mitgefühl nötig.

Sie leben in einer konfliktreichen Region. Ist Frieden möglich? Man darf die Hoffnung nie verlieren, sollte sich aber nicht von Optimismus blenden lassen. Naivität hilft nicht. Der Weg zum Frieden ist beschwerlich. Was ist Ihre Aufgabe auf dieser Reise? Meine Absichten sind gut. Drücke ich sie aus, kann ich allenfalls mein Umfeld berühren. Und welche Rolle kommt der Drohne zu? Meine Drohne passt auf alles auf. Die Drohne schaut, dass nichts Böses passiert.

Andere sagen, künstliche Intelligenz sei fehlerfrei, da sie nicht von Gefühlen getrieben sei. Wäre es nicht besser, www.digitaltag.swiss  77


DATEN

WER HAT ANGST VOR DER E-ID? Bundesbern streitet, was die elektronische Identität (E-ID) wirklich ist. Jetzt spricht der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Adrian Lobsiger Klartext. Andrea Willimann

Für was braucht es denn die E-ID? Überall dort, wo es heute schon eine gesicherte Identifikation braucht, etwa beim E-Banking, bei der Steu­ ererklärung oder Auskünften aus dem Strafregister gäbe es künftig ein vertrauenswürdiges Log-in. Die zur Identifikation notwendigen Perso­nendaten würden vom Staat an ­einen von ihm zugelassenen ­Provider geliefert. Dieser dürfte diese Daten nicht weitergeben. Aber Banken zum Beispiel verfügen doch für das E-Banking bereits über

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besondere Sicherungen – bis hin zur App mit Gesichtserkennung? Das ist genau der Punkt: Jede Bank, jedes Unternehmen, jede Verwal­ tung, die auf ein vertrauenswürdi­ ges Log-in angewiesen ist, braucht heute eine eigene Lösung. Die E-ID hingegen brächte nicht nur eine Vereinfachung, sondern eine gesetzliche Standardisierung der technischen Sicherheit und des Datenschutzes. Später auch für das elektronische Abstimmen, das E-Voting oder für das Patientendossier? Nicht nur. Auch Datenschutz-Aus­ künfte würden verbessert. Polizei und Verwaltung geben heute auf­ grund von oft schlechten AusweisFotokopien bekannt, welche per­ sönlichen Daten sie über einen sammeln. Da besteht ein hohes Risiko, dass höchst sensible Daten an die falsche Person gelangen. Verstehen Sie, dass es für einen Teil der Bevölkerung gerade deshalb be­ unruhigend ist, wenn nicht der Staat, sondern private Firmengruppen die E-ID herausgeben könnten? Natürlich verstehe ich das. Aber nochmals: Nur der Staat würde 

Foto: Peter Mosimann

Pass, AHV, Kreditkarte: Weshalb brauche ich nun noch fürs Internet eine weitere persönlich identifizierbare Nummer, die E-ID? Genau solche Missverständnisse haben Experten in verschiedenen Medien verbreitet! Wir brauchen auch in Zukunft keinen elektro­ nischen Pass, um aufs Internet zu gelangen. Das E-ID-Gesetz soll eben gerade keine neuen Iden­ti­­­fi­kationspflichten einführen. Einfache Einkäufe, Ticket-Bestel­ lungen oder Onlinedating sollen ohne gesicherte Identifikation möglich bleiben. Ebenso wenig wäre die E-ID ein Reiseausweis.


Persönlich Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte Adrian Lobsiger ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und wohnt in Muri bei Bern. Sein Amt, in das er im April vom Bundesrat bis Ende 2023 wiedergewählt wurde, übt der 59-Jährige seit drei Jahren aus. Zuvor war der promovierte Jurist stellvertretender Direktor des Bundesamts für Polizei sowie Dozent zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität.


DATEN

«DAS E-ID-GESETZ WÜRDE DATENMISSBRAUCH VERHINDERN UND NICHT FÖRDERN» die Daten liefern. Private ID-Provider müssten staatlich zugelassen werden und dürften die Daten nur für die Ausstellung der E-ID verwenden. Die Weitergabe der Daten an Dritte oder der Verkauf wären verboten. Die Lösung gemeinsam mit Privaten, so wie es Nationalund Ständerat jetzt favorisieren, hat weiter den Vorteil, dass sich die Privaten darauf einlassen, ein E-ID-System zu finanzieren und zu betreiben. Und zwar eines, für das der Staat die Vorgaben macht. Zumal frühere rein staatliche Anläufe wie die Suisse-ID ein Flop waren? Ja. Aber vor allem, weil die privaten Onlinedienstleister wie in der SwissSign-Gruppe – Post, Swisscom, Versicherungen, Banken und andere – auch sagen könnten, wir machen das ohne Staat. 80 www.digitaltag.swiss

Was wäre dann? Das könnte den Staat zwingen, für den Zugang zu seinen Online­ diensten eine rein private E-ID anerkennen zu müssen, die weniger Datenschutz und einen geringeren staatlichen Einfluss vorsähe. Und wenn auch eine solche rein private Lösung scheitern würde, dann müsste die Schweiz dereinst vielleicht auf ausländische Identi­ fikationen zurückgreifen wie zum Beispiel die Apple- oder Google-ID.

Steckt hinter der Skepsis gegenüber Privaten die Angst vor Datendiebstählen oder mehr Hackerangriffen? Diese Risiken werden durch die Kritiker der E-ID zu Recht erwähnt. Sie sind realistisch und brand­ gefährlich: Einerseits könnte es zu Missachtungen der rechtlichen Bedingungen kommen – fahrlässig oder vorsätzlich. Andererseits könnte mangelnde technische Sicherheit zu einem unbeabsichtigten Datenverlust führen.

Das Horrorszenario für den Datenschutzbeauftragten! Ohne E-ID-Gesetz wäre es schwierig, diese ausländischen ID-Provider zu verpflichten, Identifikationsund Nutzerdaten streng zu trennen, nach sechs Monaten zu löschen. Oder zu verhindern, dass sie für andere Zwecke verwendet, Dritten weitergegeben oder gar verkauft würden.

Trotz dieser Risiken stehen Sie voll hinter einer halbprivaten E-ID? Ich stehe hinter meiner Aussage, dass man dieses Modell daten­ gesetzkonform ausgestalten kann. ­Risikoangst hilft nicht weiter. Ich verlange von den Providern, dass sie konkrete Massnahmen gegen die Gefahren aufzeigen.

Genau diese Befürchtung besteht – zumindest laut einer Umfrage – bei sehr vielen doch auch gegenüber Schweizer Privaten? Das neue E-ID-Gesetz würde das ­Befürchtete verhindern. Ich verlange, dass nun die dazugehörende Verordnung rasch ausgearbeitet wird, damit der Bürger volle Transparenz erhält. Welche Daten würden erfasst? Es gäbe drei Sicherheitsniveaus. Beim niedrigsten wären es die Nummer, der Name, Vorname und Geburtsdatum. Für das mittlere kämen Geschlecht, Geburtsort und Staatsangehörigkeit hinzu, beim höchsten das Gesichtsbild. Also alles Daten, die ich zum Beispiel auf USA-Reisen freiwillig und transparent angebe ... Meine Hausbank verwendet die Gesichtserkennung längst. Viele Private haben heute das Vertrauen ihrer Kunden, obschon sie sehr sensible Daten über sie bearbeiten. Nicht nur der Staat, auch die Wirtschaft kann Vertrauen erarbeiten – oder verspielen.

Hätten Sie bei der Aufsicht ein Mit­spracherecht oder nur die E-IDKommission, die vom Bundesrat gewählt würde? Mit der Schaffung der E-ID-Kommission will die Politik zeigen, dass man die staatliche Kontrolle sehr ernst nimmt und dass ein gewichtig zusammengesetztes, unabhängiges Expertengremium die staatliche Zulassung verantwortet. Aber sie ersetzt meine Stelle nicht. Als Datenschutzbeauftragter überwache ich, dass die Provider die rechtlichen Vorgaben ein­halten. Und was passiert mit denen, die auf eine E-ID pfeifen? Jeder Bürger könnte nach wie vor Dienstleistungen auf herkömmlichem Weg beziehen. Wer behauptet, man könne aus dem E-ID-­ Gesetz neue Identifikationspflichten herleiten, sollte es nochmals in Ruhe lesen.


MEHR SICHERHEIT DANK DER SwissID?

Kein Login-Chaos mehr. Mit der neuen SwissID sollen Online-Dienste einfacher und vor allem sicherer genutzt werden können.

Illustration: Shutterstock

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b Banken, Krankenkassen, Versicherungen oder InternetShops: Für jede Online-Dienstleistung brauchen Nutzerinnen und Nutzer heute ein eigenes Login. Seit Jahren versucht die Schweiz, diesen Wust an Passwörtern in einem zentralen Login zu bündeln. Der Bund unternahm 2010 mit der SuisseID den ersten Versuch einer digitalen Identität, er investierte 20 Millionen – und floppte. Niemand wollte die SuisseID für 50 Franken im Jahr kaufen, die Einstiegshürden waren zu hoch, die technische Umsetzung zu kompliziert und die Anwendungsbereiche zu limitiert. Die Rechte an SuisseID übernahm im Jahr 2017 die Post-Tochterfirma

SwissSign AG. Als Nachfolgeprodukt lancierte diese die fast gleichnamige SwissID. Daraus entwickelte sich 2018 das Unternehmen SwissSign Group mit mittlerweile 20 beteiligten Unter­ nehmen, darunter staatsnahe Betriebe, Finanzunternehmen, Versicherungsgesellschaften und Krankenkassen. Das gemeinsame Ziel: die Etablierung einer sicheren digitalen Identität. Die SwissID ist für Nutzer und Nutzerinnen kostenlos und die Registrierung deutlich einfacher: Es braucht als ersten Schritt lediglich ein Konto mit Benutzername und Passwort. Dank der SwissID App mit 2-Faktor-Authentifizierung wird der Login-Prozess noch sicherer. Zudem kann der Nut-

zer in wenigen Minuten eine verifizierte Identität anlegen. Schon heute können die rund 900 000 Nutzer und Nutzerinnen mit einem einzigen Login über 30 unterschiedliche OnlineDienstleistungen nutzen. Darunter diverse Postdienstleistungen, Immobilien- oder Medienportale sowie erste Finanzdienstleister. Mit den Kantonen Jura, Zug und Graubünden setzen auch erste Kantone die SwissID ein. Das vom Bundesrat vorgeschlagene und vom Parlament unterstützte E-ID-Gesetz soll 2020 in Kraft treten. Damit würde der Bund die Rolle als Regulator und Herausgeber der E-ID übernehmen. Auch damit die digitale Identität der Schweiz nicht in ausländische Hände gerät. www.digitaltag.swiss  81


IN KOOPERATION MIT ABB

WAS BRAUCHT DIE FABRIK DER ZUKUNFT? Robert Itschner, Landeschef von ABB Schweiz, sieht in der Digitalisierung grosse Chancen für den Fertigungsstandort Schweiz – ebenso für Energieeffizienz und Komfort des Wohnens. Digitalisierung ist nicht nur am ­Digitaltag ein dominierendes Thema. Was bedeutet sie für Sie selbst? Wie die meisten kann auch ich mir kaum noch vorstellen, wie Leben und Beruf ohne PC und Smartphones abliefen. Wir alle erleben den digitalen Wandel mit den damit verbundenen Vorteilen tagtäglich. Ebenso tiefgreifend wandelt sich nun der Industriesektor. Was heisst das für die Schweiz? An einem Hochlohnstandort wie der Schweiz ist die digitale Transformation für die Industrie eine grosse Chance, Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern und veränderte Marktanforderungen zu meistern. Aber auch, um mit bestehendem Expertenwissen und digitalen Lösungen neue Wachstumsmöglichkeiten zu schaffen. Was kennzeichnet denn diese vierte industrielle Revolution und die ver­ änderten Marktanforderungen? Sie geht weg von der Massengüterproduktion in hoher Stückzahl, hin 82 www.digitaltag.swiss

zu kleinen, auf den konkreten Kundenwunsch gefertigte Losgrössen – in kürzester Zeit. Wie kann das realisiert werden? Für die Fabrik der Zukunft brauchte es ein breites, interaktives Portfolio an Lösungen, mit Robotern, selbstfahrenden Fahrzeugen, aber auch Sensoren, um den IstZustand zu überwachen. Basierend auf diesen Daten können Leitsysteme die Leistung der Produktionslinien optimieren und eine hoch flexible Produktion schaffen. Die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung bringen wir mit unserem umfassenden Sortiment an digitalen Lösungen – ABB Ability – in die Fabriken. Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür? Ein – im wahrsten Sinne des Wortes – ausgezeichnetes Beispiel dazu haben wir in unseren eigenen Reihen: Dass diese Fabrik der Zukunft schon heute realisiert werden kann, zeigen wir an unserem Standort in

Lenzburg auf, wo wir Leistungshalbleiter produzieren. Dort wird eine Fertigungslinie mit umfassender horizontaler und vertikaler digitaler Integration automatisiert. Einfach ausgedrückt, werden die Leistungshalbleiterchips am Anfang der Linie eingeschleust, und an deren Ende werden die geprüften, versandbereiten verschiedenen Module für den Einsatz in der Leistungselektronik ausgeliefert. In einer Roboterzelle können so mehrere verschiedene Module gefertigt werden; dabei rüsten die ABBRoboter die Anlage selbst um. Mit etwa gleich viel Mitarbeitenden kann damit in Zukunft der doppelte Output erreicht werden, oder gar noch mehr. Welche Auszeichnung sprechen Sie an? ABB Semiconductors in Lenzburg hat im Industriewettbewerb «Fabrik des Jahres 2018», der den ganzen deutschsprachigen Raum umfasst, in der Kategorie «Standortsicherung durch Digitalisierung» den 

Persönlich Robert Itschner (52) ist seit Sommer 2018 Vorsitzender der Geschäftsleitung von ABB Schweiz. Er arbeitet bereits seit 1993 für ABB und stiess damals als junger Softwareingenieur zum Unternehmen. Itschner ist Mitglied des Vorstands­ ausschusses des Verbandes der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, Swissmem. Er wuchs am Zürichsee auf und lebt heute mit seiner Familie im Zürcher Oberland.


Foto: Frederic Meyer


IN KOOPERATION MIT ABB

ersten Platz belegt. Der Kategorientitel deutet die Chancen der Digitalisierung für den hochpreisigen Werkplatz Schweiz an: Sie erhöht die Wettbewerbsfähigkeit und kann es produzierenden Unternehmen ermöglichen, auch in Zukunft von den vielen Vorteilen unseres Standortes Schweiz zu profitieren. Automatisierung weckt aber auch Ängste. Manche Studien sagen aus, dass durch sie Arbeitsplätze verloren gehen werden. Manche Jobs werden tatsächlich verschwinden. Doch Arbeitstätigkeiten haben sich in der Geschichte schon immer verändert. Kutscher ist aus verständlichen Gründen kein verbreiteter Beruf mehr. Aber neue Jobprofile entstehen. Eine McKinsey-Studie kommt gar zum Schluss, dass bis zu 890 Millionen neue Jobs durch die digitalen Technologien entstehen werden, was den Verlust durch die Automatisierung weit mehr als nur kompensiert. Doch das bedeutet natürlich, dass Weiterbildung nötig ist, um sich auf die neuen Berufswelten einstellen zu können. Wir müssen uns darauf einstellen, uns permanent weiterzuentwickeln. Das ist eine Aufgabe für uns alle in der Gesellschaft.

rigsten Arbeitslosenquoten dort, wo die meisten Roboter installiert sind, etwa in Deutschland oder Südkorea. Und in den USA, wo in den vergangenen Jahren gut 100 000 Industrieroboter installiert wurden, stieg im gleichen Zeitraum die Zahl der Beschäftigten in der Fertigung stark an. Im Schnitt wurden mehr als zwei Jobs pro neu installiertem Roboter geschaffen. Künftig wird es vielerorts auch eine Kollaboration von Menschen mit Robotern brauchen. Ein Beispiel dafür ist unser inhärent sicherer Zweiarmroboter YuMi. Ein anderes aufkommendes Thema der umfassenden Digitalisierung ist «Smart Living» in intelligent automatisierten Gebäuden. Bietet ABB auch in diesem Segment Lösungen an? Ja, wir setzen nicht nur auf die

bei Köln zeigt: In den herkömmlichen Einfamilienhäusern mit zentraler Gasheizung wurde im Frühling 2016 je ein Smart-HomeSystem installiert. Die Auswertung zwei Jahre später zeigt, dass manche den Gasverbrauch für Heizung und Warmwasser um 20 bis 30 Prozent reduzieren konnten. Diese Top-Sparer hatten sich mit dem System beschäftigt und viele Automatisierungen programmiert. Das zeigt aber auch, dass die ein­ fache, intuitive Bedienbarkeit ein wichtiger Faktor für die weitere Verbreitung von intelligenten Gebäude­automationslösungen ist.

Wieso ist denn Automation im Wohn­ bereich noch nicht verbreiteter? Bei Zweckbauten ist Gebäudeautomation schon länger gängig; im Wohnbau eher neu, auch aus Kostengründen. Aber mit Systemen wie ABBfree@home lassen sich Automatisierungen nun einfacher und preiswerter umsetzen.

«IM SCHNITT WERDEN 2 JOBS PRO ROBOTER NEU GESCHAFFEN»

So muss also jeder Mitarbeitende in der Fertigung zum Digitalexperten werden? In dieser Absolutheit gilt das nicht. Wir finden aktuell die nied84 www.digitaltag.swiss

industrielle Digitalisierung, sondern genauso auf Automations­ lösungen in Wohnbauten, um das Wohnen energieeffizienter, komfortabler und sicherer zu gestalten, insbesondere mit unserem System ABB-free@home. Das ist beispielsweise in den Gebäuden von bonacasa im Einsatz. Es ist ja nett, die Heizung und die Beleuchtung per Smartphone einzu­ stellen. Aber mal ehrlich: Kann damit wirklich Energie gespart werden? Eine Studie von Energie Schweiz aus dem Jahr 2016 zeigt, dass allein Effizienzmassnahmen bei der Gebäudetechnik 15 % des Energieverbrauchs und 40 % der Treib­ hausgasemissionen vermeiden würden. Das ist nicht reine Theorie, wie ein Experiment mit 120 Privathaushalten in der Stadt Rösrath

Wann wird «Smart Living» zum Standard? Ich denke, das ist eine Generationenfrage. Die nun in Wohneigentum investierenden «Digital Natives» haben bereits eine gewisse Erwartungshaltung an die Intelligenz eines Gebäudes, nutzen gerne interaktive Tools. Vor allem wird intelligente Automation auch dazu beitragen, dass wir im Alter länger selbständig wohnen können. Angesichts des demografischen Wandels ein wichtiger Faktor. Für mich ist es jedenfalls keine Frage, dass Gebäude­automation auch im Privatbereich bald selbstverständlich wird, uns den Alltag erleichtert – und mithilft, Energie effizienter zu nutzen.


WENN DAS HAUS DIE ARBEIT ÜBERNIMMT

Intelligente Häuser sind längst nicht mehr nur Zukunftsvision: In den Smart-Home-Wohnungen von bonacasa wird dank modernem Haussteuerungssystem das Zuhause zur komfortablen Schaltzentrale.

Foto: Shutterstock

S

mart Living heisst das Zauberwort. Ein Mix aus Wohnen, Sicherheit und individuellen Services für alle Generationen und Lebensphasen. ABB liefert mit ABB-free@home die dazugehörige Technologie für das perfekt vernetzte Zuhause bei bonacasa. Jeder Bewohner kann sämtliche Funktionen mit seinem Smartphone von überall aus steuern. Wenn der Pöstler läutet und niemand zu Hause ist, klingelt es auf dem Handy. Der Clou: Man sieht den Briefträger auf dem Display, kann mit ihm sprechen – und ihm mit einem Klick das Garagentor öffnen, damit er dort das Päckchen deponieren kann. Das Gegenstück zur WelcomeStation ist die Goodbye-Funktion: Sie stellt

beim Verlassen der Wohnung Herdplatten und Bügeleisen automatisch ab. Mehr noch: Im Winter können Bewohner die Bodenheizung bequem vorwärmen. Wenn sie um 4 Uhr morgens noch schlafen, startet die Heizung bereits ihren Dienst. Wenn die Familie dann um 6 aus den Federn kommt, haben alle im Bad schön angenehm warme Füsse. Das ist nicht alles. Praktisch ist die automatische Beschattung. Im Sommer gehen die Storen bei Sonnenstrahlen runter und sorgen für kühle Räume. Und im Winter verhindern sie einen Wärmeverlust. Ein Bewegungssensor meldet via Handy, wenn sich ungebetene Gäste ums Haus treiben. Und er ist derart raffiniert eingestellt, dass

er nicht bei jeder Katze gleich reagiert. Ein Melder erkennt zudem, ob irgendwo ein Fenster offensteht. Bei einem Gewitter kann man dieses mit einem Handy-Klick auch aus der Ferne schliessen. Bequem für Senioren: Der bonacasaButlerdienst sorgt dafür, dass die Katze Futter erhält, oder er entsorgt das schwere Zeitungsbündel. Für Sicherheit gibt es die 24/7Notrufzentrale. Bei Auslösen des Alarms schaltet die Beleuchtung ein, und die Storen fahren hoch. Und das System gibt einen Code frei, damit Rettungskräfte die Wohnungstür öffnen können. Smart Living bedeutet nicht nur ein Plus an Komfort – sondern auch ein Mehr an Sicherheit und Wohlbefinden. www.digitaltag.swiss  85


INTERNATIONAL

BRAUCHT DAS INTERNET MEHR SCHWEIZ? Ein hochkarätiges Gremium hat im Auftrag der Uno über Regeln für die Digita­lisierung diskutiert. Neben Melinda Gates und Alibaba-Chef Jack Ma mit an Bord: Alt Bundesrätin Doris Leuthard. Sermîn Faki

Warum? Die Staaten sind damit überfordert – die Digitalisierung ist ein globales Phänomen. Zudem: Wie will man mit den USA auf der einen und China auf der anderen Seite eine Lösung finden? Also war die Idee, unter dem Dach der Uno die Kräfte zu bündeln: Staaten, aber auch NGOs und Experten an einen Tisch zu holen. 86 www.digitaltag.swiss

Nun wurde der Bericht vorgestellt. Was ist das Ergebnis? Wir brauchen keine neuen Regeln. Aber wir müssen sicher­stellen, dass die Regeln, die wir in der ­analogen Welt haben, auch im ­Internet gelten. Zum Beispiel? Die Menschenrechte. Auch wenn Roboter oder Algorithmen Entscheidungen treffen: Der Mensch und seine Rechte müssen im ­Zentrum der neuen Technologien stehen. Am einfachsten und schnellsten können wir das sicherstellen, wenn sich die Tech-Giganten dazu verpflichten, bestimmte Standards einzuhalten. Facebook, Google, Alibaba und Co. dürften keine Freude daran haben. Was haben denn Melinda Gates und Jack Ma – diese beiden Vertreter der Giganten haben das Panel geleitet – dazu gesagt? Jack Ma und Melinda Gates sehen vor allem den Nutzen, den die Digitalisierung bringt – Arbeitsplätze und Wohlstand. Über die Risiken reden sie nicht so gern. Aber auch sie verstehen, dass ohne Regeln 

Foto: Keystone

Frau Leuthard, im letzten Sommer wurden Sie in das UN High-Level-Panel zur digitalen Kooperation berufen. Worum ging es dabei? Seit einigen Jahren wird deutlich, dass die Welt in Sachen Digitalisierung etwas Orientierung braucht. Denn bei allen Möglichkeiten, ­die das Internet bietet, bergen die neuen Technologien auch Risiken – sei es, dass wir erst lernen mussten, was es bedeutet, wenn man seine privaten Fotos in sozialen Medien postet, sei es Hate Speech gegen Frauen oder gar Eingriffe in die Demokratie. 2017, als ich Bundespräsidentin war, habe ich gegenüber Uno-Generalsekretär António Guterres gesagt, dass sich die Uno diesen Fragen annehmen müsse.


Persönlich Die Aargauerin Doris Leuthard (56) vertrat die CVP bis Ende 2018 während zwölf Jahren im Bundesrat. Zuletzt leitete sie das Infrastruktur-Depar­ tement Uvek. Heute sitzt sie im Verwaltungsrat von Coop. Seit Juli 2018 ist sie Mitglied des Uno-Panels zur digitalen Kooperation.

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INTERNATIONAL

Unter der Leitung von Alibaba-Chef Jack Ma (Mitte) und ­Melinda Gates (l.) arbeitete Doris Leuthard im Juni gemeinsam mit Experten an einem internationalen Regelwerk für die Digita­ liserung.

Was war Ihre Rolle in diesen Diskussionen? Zu sagen: Weiter wie bisher geht es nicht. Gemeinsam mit anderen Europäern haben wir versucht, Werte wie Transparenz zu fordern. Zudem konnte ich als Schweizerin die Vorteile erklären, die es bringt, wenn man alle an Bord holt, so wie die Schweiz das immer tut – etwa in Vernehmlassungen.

«ÜBER DIE RISIKEN REDEN MA UND GATES NICHT SO GERN» 88 www.digitaltag.swiss

Konnten Sie überzeugen? Ja, wir haben uns gefunden. Doch man darf nicht vergessen: Die europäische Sicht ist gerade für Asiaten fremd. In Asien und Afrika stehen die wirtschaftlichen Aspekte viel stärker im Vorder­ grund beziehungsweise dass man überhaupt Zugang hat zum Inter­ net. Vertrauen, Sicherheit und Fairness im Internet interessieren dort weniger. Als Sitz für das Uno-Internetgremium ist neben Den Haag und Helsinki auch Genf im Gespräch. Wie stehen unsere Chancen? Mit seinen vielen internationalen Organisationen ist Genf prädesti­ niert. Aber das reicht nicht. Wir werden etwas bieten müssen. Zum einen eine gewisse Infra­ struktur – etwa ein Gebäude, das die Organisation nutzen könnte. Aber wir werden auch inhaltlich zeigen müssen, dass die Schweiz der richtige Ort dafür ist. Wie? Wir könnten zum Beispiel eigene Standards definieren. Oder in bestimmten Bereichen – digitale

Gesundheitssysteme oder Weiter­ bildung etwa – mit Pilotprojekten vorangehen. Im Moment ist die Schweiz aber nicht besonders innovativ: Technologien wie 5G oder die E-ID lösen Proteste aus. Ist das nicht ein Nachteil? Die Nordeuropäer sind neuen Tech­ nologien gegenüber aufgeschlosse­ ner als wir. Aber man muss auch nicht naiv sein: Unsere Bevölke­ rung bringt zum Ausdruck, dass Vertrauen gut, Kontrolle aber bes­ ser ist. Es muss kein Nachteil sein, wenn wir uns interessiert zeigen, was mit unseren Daten passiert, und wir nicht einfach alles Google und Co. überlassen wollen. Waren Sie eigentlich dankbar für das Uno-Mandat? Sonst wäre Ihnen nach dem Rücktritt aus dem Bundesrat doch sicher langweilig gewesen? (Lacht) Ein bisschen schon. Ich gebe zu: Die Umstellung vom grossen Arbeitspensum zur leeren Agenda war gross. Aber keine Sorge, mir geht es gut, und ich geniesse es, mehr Zeit für Freun­ dinnen, den Garten und sogar fürs Fensterputzen zu haben.

Foto: Keystone

ein Vertrauensverlust droht. Die Menschen werden sich von der Technologie abwenden, wenn sie kein Vertrauen haben, dass die Unternehmen, die immer mehr Kontrolle über uns alle haben, da­ mit keinen Schaden anrichten.


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ie revolutionären Kampfszenen in Zeitlupe, die Lack- und Lederästhetik, die grossen philosophischen Fragen: Der ScienceFiction-Film «The Matrix» war vor 20 Jahren eine Sensation und begeistert bis heute. Im Film wird die Menschheit in einer computergenerierten Traumwelt gefangen gehalten – ohne etwas davon zu merken. Damit halten Maschinen mit künstlicher Intelligenz die Menschen unter Kontrolle, um sie zur Energiegewinnung quasi als Batterien zu missbrauchen. Doch wie viel von der düsteren Zukunftsvision ist mittlerweile Realität geworden? Tatsächlich hat die Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI) in den vergangenen Jahren massive Fortschritte gemacht. Dank maschinellem Lernen können sich Computerprogramme heute schon selbständig neue Fähigkeiten beibringen, KI komponiert Musik, steuert Autos, analysiert Sprache und Bilder, stellt medizinische Diagnosen. Noch weit entfernt scheint eine KI mit eigenem Bewusstsein – eine Superintelligenz, die die menschlichen Fähigkeiten bei weitem übersteigt. Doch genau davor warnen zahlreiche renommierte Wissenschaftler und Philosophen. Sie befürchten, dass die Menschheit dereinst die Kontrolle über (super-)intelligente Maschinen verlieren könnte. Der 2018 verstorbene Physiker Stephen Hawking etwa sagte, die Entwicklung künstlicher Intelligenz «könnte entweder das Schlimmste oder das

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Beste sein, was den Menschen passiert ist». Zusammen mit mehr als tausend Forschern unterzeichnete Hawking zudem einen offenen Brief, der vor der Entwicklung autonomer Waffensysteme warnt. 28 Länder haben sich bei der Uno für ein umfassendes Verbot ausgesprochen. Denn «Killer-Roboter», die eigenständig über Leben und Tod entscheiden, sind beinahe Realität. Ob autonome Artillerie- oder Raketensysteme, unbemannte Patrouillenboote oder Militärfahrzeuge – die technologische Entwicklung verläuft rasant. Schon jetzt fliegen Kampfdrohnen selbständig über Feindesgebiet, wo sie Ziele erfassen und auswerten. Zwar braucht es zum Abschuss noch ein menschliches Okay. Doch ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur vollautomatischen Lösung. Und was ist mit der Theorie, dass wir in einer Computersimulation leben? Sie klingt zwar verrückt, wird aber durchaus ernsthaft diskutiert. Zu den berühmtesten Anhängern gehört Tesla-Gründer Elon Musk. Die Chance, dass wir nicht in einer Simulation leben, betrage eins zu einer Milliarde, sagt er. Musk treibt die Entwicklung einer «Matrix» sogar selber aktiv voran: Mit seiner Firma Neuralink will er bald Gehirne per Implantat mit Computern und künstlicher Intelligenz vernetzen. Irgendwann, so seine Vision, soll man damit das menschliche Bewusstsein in eine Cloud hochladen können – und unabhängig vom Körper weiterleben.

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Vor 20 Jahren kam «The Matrix» in die Kinos. Welche Visionen aus dem Film wurden Realität? Adrian Meyer


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