Page 10

„Verbotene Rhetorik“ Olaf Kramer — Universität Tübingen

„Zu Hülfe, zu Hülfe, sonst bin ich verloren“, Mozarts „Zauberflöte“ beginnt mit einem Hilferuf Taminos, der vor „der listigen Schlange“ flüchtet. Die Symbolik ist deutlich: Im Reich der Dunkelheit und des Bösen herrscht die List. Mozarts Kritik schlägt in die gleiche Kerbe wie Kant, der beinah zeitgleich Rhetorik mit List und Täuschung assoziiert, sie versuche, den Zuhörern „die Freiheit zu benehmen“. Wer die heutige rhetorische Ratgeberliteratur oder auch den Seminarkalender der FAZ oder des Manager Magazins anschaut, wird eine reiche Zahl von Kursen und Ratgebern finden, die sich manipulativen Techniken, Taktiken und Strategien annehmen. Die List scheint Konjunktur zu haben. Warum ist das so? Was ist davon rhetorisch zu halten? Haben die Kurse und Ratgeber zur „schwarzen“ oder „verbotenen“ Rhetorik überhaupt etwas mit Rhetorik zu tun? Arthur Schopenhauers „Eristik“ erklärt das Bedürfnis nach manipulativen Argumentationstechniken aus der „angeborenen Eitelkeit“ und „Unredlichkeit“ des Menschen. Wenn wir einmal eine bestimmte Position eingenommen haben, wollen wir Recht behalten, verteidigen uns wider besseren Wissens, so Schopenhauer. Seine 38 Kunstgriffe fallen in die drei Klassen der logischen, affektiven und linguistischen Operationen, indem sie beispielsweise sprachliche Ambiguitäten ausnutzen. Schopenhauers Kunstgriffe sind verbreitet, in jeder Besprechung wird man sie finden, freilich gar nicht immer aus böser Absicht, sondern weil wir uns mit unseren eigenen Einschätzungen identifizieren, diese verteidigen; weil unsere gedanklichen Operationen eben nicht im Stil von Syllogismen verlaufen, wir sprachlich immer der Ambiguität ausgesetzt sind, nicht immer in klaren Begriffen denken. Selbst die Emotionalisierungen sind nicht zwangsläufig zu verurteilen, weil uns Argumente affektiv betreffen, wir auf sie emotional reagieren. Gloria Becks „Verbotene Rhetorik“, einer der erfolgreichsten Rhetorik-Ratgeber der letzten Zeit, greift Erkenntnisse der

[10]

Sozial- und Persönlichkeitspsychologie und der Kognitionsforschung auf, sie befasst sich mit Impression Management, Kontrasttechnik und Reziprozität. Dass ein Redner, der um die Wahrnehmungsweise seiner Zuhörer weiß, aber grundsätzlich ethisch bedenklich handelt, ein „Ethikbarometer“ benötigt, wie sie das vorschlägt, lässt sich kaum nachvollziehen. Viele „Kniffe“ der verbotenen Rhetorik beruhen schlicht auf Prinzipien unserer Wahrnehmung und Kognition, um die ein Redner wissen sollte. Für Karsten Bredemeier, Autor eines anderen verbreiteten Ratgebers, ist „Schwarze Rhetorik“ „die manipulative Möglichkeit, […] nicht nur das Gespräch zu führen, sondern es zielorientiert in die gewünschten Bahnen zu lenken und gleichzeitig den Gesprächspartner oder das Publikum zu dem intendierten Ergebnis zu führen“. Wo liegt hier die Verwerflichkeit, darf man sich fragen, ein Redner, der strategisch vorgeht, die Wirkung seiner kommunikativen Züge kalkuliert, ist schließlich kaum zu verurteilen. Da scheint die durch von Senger popularisierte chinesische Strategielehre eine Stufe weiter, die begrifflich nicht zwischen Weisheit, Klugheit und Strategem trennt, für die das Chinesische ein einheitliches Schriftzeichen verwendet. Hier findet sich eine ganz andere Einordnung des Strategen, der eher als ein kompetenter, kluger Vertreter seiner Interessen wahrgenommen wird. Auch die fernöstlichen Strategeme lassen sich übrigens als rhetorische Prinzipien fassen, es geht hier um Simulation und Dissimulation oder schlicht um das Treffen des richtigen Moments. Allerdings kommen diese rhetorischen Techniken sprachlich fremdartig und daher faszinierend daher. Strategem Nr. 9 beschreibt das Warten auf den richtigen Moment, indem es rät, „unbeteiligt die Feuer-

brunst am gegenüberliegenden Ufer“ zu beobachten. Die chinesischen Strategeme führen die Debatte um verbotene Rhetorik auf eine neue Stufe, indem sie nicht Listigkeit an sich verurteilen. Es ist eben analytischer Scharfsinn nötig, Analysefähigkeit, Kreativität, um sein rhetorisches Ziel zu erreichen, das lehrte schließlich schon Quintilian den

Gerichtsredner, auch Odysseus, der Listenreiche, ist seit jeher Bezugsfigur der Rhetorik. Die Grenze zur verbotenen Rhetorik überschreitet aber, wer das Rationalitätsprinzip untergräbt, gegen grundlegende Anforderungen rationaler Verständigung verstößt, wie sie etwa die Griceschen Maximen definieren. Die Analysefähigkeit zu trainieren, die Fähigkeit strategisch zu denken und zu urteilen, sollte hingegen ein zentrales Ziel einer guten Rhetorikausbildung sein und führt viel weiter als die vermeintlichen Tipps und Tricks der „verbotenen Rhetorik“. _______________ Dr. Olaf Kramer – akademischer Rat am Seminar für Allgemeine Rhetorik. Studium der Rhetorik, Philosophie, Psychologie und dt. Literaturwissenschaft in Tübingen, Frankfurt am Main und Chapel Hill. Veranstaltung von Rhetorik-Weiterbildungen für Verbände und Unternehmen. Promotion 2008 mit einer Arbeit über Goethes Bedeutung in der Rhetorikgeschichte. Derzeit Arbeit an mehreren Rhetorik-Forschungsprojekten.

[sa|tü|r] Rhetorik und Wirtschaft  

Tagungszeitung zur Konferenz am 7. und 8. Mai 2010 in Tübingen

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you