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Interview | rhetorikforum.

Kreativität als Geschenk des Metaphysischen Ein philosophischer Streifzug mit Baldur Kirchner

Sophie Glaser

Sie sind wieder zurück in Tübingen, Ihrer Studienstadt. Was kommen da für Erinnerungen hoch, wenn Sie durch die Gassen ziehen? Besonders an den Sommer erinnere ich mich. An das Herumlungern in den Neckarauen, an das Stocherkahnrennen, an schöne Treffen, gemütliche Abende in den verschiedenen Kneipen. Ich glaube, es gab in meiner Zeit von 1963-68, 39 Kneipen in Tübingen. 36 davon habe ich kennengelernt. An das gemütliche Leben denke ich gerne. Es war eine schöne Zeit ...

Das Thema der Tagung „Kreativität“ stammt von Ihnen. Doch was ist Kreativität? Ich lehne mich bei Kreativität an das lateinische „creare“ an: schaffen, schöpfen und hervorbringen. Bei Kreativität komme ich assoziativ auf die drei Phänomene zu sprechen, welche die Kreativität fördern: Assoziation, Intuition und Improvisation. Diese drei wirken am kreativen Prozess mit — wobei ich Kreativität als ein Geschenk des Metaphysischen betrachte. Das meine ich so: Es ist alles schon einmal geschaffen worden. Wer aber was hervorbringt, das hängt von seiner persönlichen Beschaffenheit ab. Vielleicht hätte auch ein Anderer die Relativitätstheorie formuliert, die Einstein in diese Form gebracht hat. So dass ich sage, das Metaphysische ist kreativ. Das All hat alles geschaffen und wir, die wir in einer geistigen Verbindung zum All stehen, werden Medium für das, was das All sendet, und geben ihm Form und Inhalt.

Würden Sie von sich selbst behaupten, Sie seien kreativ? Sehr — aber nicht auf allen Gebieten. Was Sprache angeht, habe ich tausend Ideen, was ich bewegen könnte. Ich habe Gedichte, Hörspiele, Schauspiele geschrieben.

Versagensängste sind oft große Hemmnisse im kreativen Prozess. Haben Sie manchmal Angst zu versagen? Versagt habe ich in der Schule, relativ versagt, in den naturwissenschaftlichen Fächern: Mathematik, Physik, Chemie und Biologie. Es könnte sein, da Versagen auch immer etwas mit Erwartungen zu tun hat, dass ich manchmal, wenn ich Seminare halte, nicht so sehr den rationalen Erwartungen eines Unternehmens entsprechen könnte. Aber zu versagen, das ist nur ein oberflächlicher Eindruck. In Wirklichkeit habe ich nicht versagt, weil ich mir treu geblieben bin.

Den Zugang zur Kreativität kann man über Techniken finden. Den zu ihrer Schwester, der Spontaneität, auch?

fehlen, sich gut vorzubereiten, auch auf kritische Situationen. Es ist sinnvoll, zu sich selbst zu stehen und auch einmal geschwiegen zu haben — statt einstudiert, scheinbar spontan, brillant geantwortet zu haben. Die Authentizität ist da wichtiger.

ein Umwandler als ich das philosophisch-theologische Wissen in die Praxis für die Persönlichkeit des Einzelnen umwandle.

Die Praxis steht im Vordergrund. Was hat die Rhetorik für die Persönlichkeitsentwicklung, mit der Sie sich beschäftigen, für eine Bedeutung? Rhetorik ist prinzipiell Bestandteil der Persönlichkeit. Auch meiner Persönlichkeit. Ich sehe in der Rhetorik, für meine Arbeit ganz wichtig, vor allem die ethische Dimension. Da verbinde ich Rhetorik mit der Philosophie.

Was schätzen Sie an der Rhetorik am meisten? Ich schätze besonders, dass sie den Menschen auffordert, über das eigene Persönlichkeitsbild nachzudenken. Denn Sprache ist Ausdruck der Persönlichkeit. Und die Rhetorik gelingt umso besser, wenn jemand über sich selbst nachgedacht hat. Welchen Bezug habe ich zur Sprache? Welchen Bezug habe ich zu meinen eigenen Gefühlen und zu meinem eigenen sittlichen Bild? Das kann Rhetorik ausdrücken. Sie soll Persönlichkeit vermitteln, Sittlichkeit, menschliche Qualität und natürlich Überzeugungsqualität.

Genau, denn die Intellektualität formt einen Menschen letztlich nicht. Es sind die Gefühle. Wer einmal tiefer in die Seele eingetreten ist, der weiß um die Wirkung des Seelischen. Intellektuelles Wissen bewirkt noch keine Verhaltensänderung. Wie viele haben sich z.B. zum 1. Januar etwas vorgenommen und sind Ende März wieder im alten Trott gelandet. Weil dieses Vorhaben zwar rational geplant, aber nicht emotional gestützt wurde. Horst-Eberhard Richter sagte sinngemäß, Gefühle könne man nicht befehlen, sondern man müsse sie zulassen, sie müssten erlitten werden. Davor fliehen zwar die meisten Menschen, aber irgendwann ereilt sie die Krise.

Machen Krisen uns kreativ? Ja. Vor allem, wenn wir die Übersetzung von „krisis“ aus dem Altgriechischen bedenken, nach der dieser Begriff mit „Entscheidung“ übersetzt werden kann. Schon in dieser Wortbedeutung steckt die therapeutische Funktion einer Krise.

Mit Ihrem Studium, Theologie, Philosophie, Philologie haben Sie jetzt nur noch entfernt zu tun. Selbstverständlich lehne ich mich in den Seminarinhalten an Sokrates, Platon und Aristoteles an. Ebenso zitiere ich Augustinus. Insofern bin ich

Prof. Dr. Baldur Kirchner studierte Philosophie, Theologie, Klassische Philologie in Ost-Berlin und Tübingen. 1968 promovierte er zum Dr. phil. in Tübingen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Rhetorik, Dialektik, Ethik,

Prinzipiell nicht, weil Spontaneität ein Gefühlsakt ist, ein Gefühlsgeschehen. Man kann Gefühle nicht trainieren. Es steht niemand am Morgen auf und sagt: „Ab heute bin ich spontan.“ Das ist eine intellektuelle Steuerung. Aber ich kann jemandem emp-

Persönlichkeitsanalyse, psychoanalytische Weiterbildung in Zürich und Ulm. Seit 1972 ist er freier Dozent für Persönlichkeitsentwicklung, außerdem ist er seit 2011 Honorarprofessor für Unternehmensethik und Persönlichkeitsbildung in Neu-Ulm.

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[sa|tü|r] Finden - Erfinden - Kreativität  

Tagungszeitung zur Konferenz am 23. und 24. Mai 2014 in Tübingen

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