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Damals, vor 56 Jahren

Der Beitrag der RhB zur ökologischen Energiegewinnung Eindrückliche Staudämme und Stauseen prägen das Landschaftsbild der Bündner Gebirgswelt. Der Kanton Graubünden gehört in der Schweiz zu den zentralen Energielieferanten aus Wasserkraft. Was wohl manche erstaunen mag: Auch die RhB hat massgeblich zu dieser Entwicklung beigetragen. von Franz Skvor, Pensionierter Chef ZfW

Die Wasserkraft hat in Graubünden als ökologischer Ener­ gieträger einen hohen Stellenwert. Rund ein Fünftel der schweizerischen Stromproduktion aus Wasserkraft stammt aus Graubünden, wofür zwölf Stauseen genutzt werden. Marmorera, Zervreila, Albigna, Valle di Lei, Sufers und St. Ma­ ria sind nur einige der Orte, wo aus Wasser Energie gewon­ nen wird. Die grossen Kraftwerke mit den imposanten Stau­ dämmen und Staumauern sind vorwiegend in den Jahren 1949 bis 1970 erstellt worden. Entstanden sind dabei Stau­ seen mit einem Wasser-Nutzvolumen von insgesamt 774 Mio m3 und einer Beton-Kubatur von 5,3 Mio m3. Für den Bau dieser imposanten Kraftwerksanlagen waren enorme Mengen an Material nötig. Zement, Zuschlagstoffe, Baumaschinen, Armierungseisen, Stahlkonstruktionen galt es zu den Bauplätzen zu bringen. Aber auch grosse Bauele­ mente wie Turbinen, Generatoren und Transformatoren von Einzelgewichten bis zu 100 Tonnen sowie das umfangreiche Material für die Hochspannungsleitungen mussten transpor­ tiert werden. Die RhB hatte an diesen «Kraftwerkbau-Transporten» mass­ geblichen Anteil. Und sie profitierte auch davon; der Ertrags­ anteil aus dem Güterverkehr stieg zeitweise gegen 50 Pro­ zent. Diese Transporte waren für die RhB aber eine gewaltige technische und logistische Herausforderung. Zugkräftige Triebfahrzeuge (Ge 6/6 II 701ff.) und spezielles Wagenmate­rial (z. B. 100 Zementtransportwagen, Plattform- und Schwer­­-

lastwagen) mussten beschafft werden, Brücken galt es auf ihre Stabilität zu prüfen und teilweise zu verstärken. Und al­ les immer unter Zeitdruck. Nach der Betriebsaufnahme der «Bündner Cementwerke Un­ tervaz» 1958 wurde die RhB-Station Untervaz wichtigster «Güterbahnhof» der RhB – an Spitzentagen gingen dort ge­ gen 500 Wagen ein und aus. Auch der Zement kam grössten­ teils von Untervaz, teilweise aber auch noch über die Umlad/ Silo-Anlage Landquart. Für den Transport des Zementes für die Staumauer Albig­ na waren die Transportwege ab Untervaz oder Landquart nach St. Moritz besonders lang. Man war deshalb daran in­ teressiert pro Zug möglichst viel Zement zu transportieren. Im Sommer 1958, nach Ablieferung der ersten Lokomoti­ ven Ge  6/6 II, versuchte man deshalb Zementzüge mit «Zwi­ schendienst» verkehren zu lassen – mit einer Lok Ge 4/4 I an der Spitze und einer neuen Lok Ge 6/6 II in der Mitte des Zu­ ges (entsprechend der zulässigen Zughakenlast). An die bei­ den Loks wurden insgesamt 16 Zweiachs-Zementwagen mit je 15 Tonnen Zement angehängt. Somit konnten insgesamt 240 Tonnen Zement pro Zug befördert werden. Leider musste das lukrative Konzept nach einiger Zeit wie­ der aufgegeben werden. Beim Einfüllen des Zementes im Werk oder Silo wurde immer etwas Zement verschüttet. Die­ ser «Flugzement» wurde vom Fahrwind nach hinten beför­ dert, wo ihn die Ventilationsanlage der Mittellok ansaugte. Von dort aus gelangte er zu den Triebmotoren und Appara­ ten, was verheerende Folgen hatte. Diese risikoreichen Ab­ lagerungen führten schlussendlich dazu, dass man von wei­ teren Transporten abliess.

InfoRetica Nr.3 / 2014 Info

links: Zementzug Untervaz – St. Moritz Sommer 1958. rechts: Spezial­ transport 1958.

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