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Geschichte pr채gt Gegenwart 02 | 2011

Die Bundeswehr

~ Entwicklung | Wehrpflicht | Grundausbildung | Kommentar


Geschichte prägt Gegenwart 02 | 2011

Vorwort Liebe Leserinnen und Leser, in der heutigen Ausgabe von Geschichte prägt Gegenwart beschäftigen wir uns mit dem Thema Bundeswehr. Die Armee ruft aufgrund der deutschen Vergangenheit zwiespältige Gefühle hervor. Nach Kriegsende war allgemeiner Tenor, dass nie wieder ein deutscher Soldat im Kriegseinsatz sterben sollte. Entsprechend gab es große Diskussionen und Proteste als sich Deutschland erstmals am Einsatz in Jugoslawien beteiligte. Doch die damals gefällte Entscheidung war richtig – Deutschland wurde seiner Verantwortung in der heutigen Welt gerecht. Diese Ausgabe beleuchtet stichpunktartig den Aufbau der Bundeswehr und geht in einem Kommentar und persönlichen Bericht auf die Wehrpflicht in Deutschland ein. Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre. Ihr Ralph O. Feile Herausgeber ~

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Schwerpunkt Bundeswehr Wehrpflicht ausgesetzt – wie geht’s weiter? Afghanistan Verteidigungspolitik Die Bundeswehr auf Geschichte-Wissen ~


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Die Geschichte der Bundeswehr in Kürze Nach der bedingungslosen Kapitulation des 3. Reiches wurde Deutschland komplett entmilitarisiert. Die Wehrmacht wurde im August 1946 offiziell aufgelöst •

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August 1950: Planung einer europäischen Armee mit deutschen Einheiten. Ähnlich auch der PlevenPlan, auf dem der Vertrag zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft fußt. Oktober 1950: Die Dienststelle Blank nimmt ihre Arbeit auf. Sie plant die Verteidigung der Bundesrepublik mit alliierten und deutschen Truppen. August 1954: Der EVG-Vertrag wird von der französischen Nationalversammlung abgelehnt. September 1954: Auf der Londoner Neunmächtekonferenz wird der Beitritt der Bundesrepublik zur NATO beschlossen. Oktober 1954: Die Pariser Verträge regeln die Errichtung der Westeuropäischen Union (WEU) und den Beitritt der Bundesrepublik zur NATO. Mai 1955: Die Pariser Verträge treten in Kraft. Deutschland wird in die Nato aufgenommen. Juni 1955: Das Amt Blank wird zum Bundesministerium für Verteidigung. Juli 1955: Erste Wehrgesetze treten in Kraft. April 1956: Soldatengesetz – die Armee erhält die Bezeichnung Bundeswehr. Große Teile des Bundesgrenzschutzes werden in die Bundeswehr übernommen. Juli 1956: Erlass der Wehrpflichtgesetzes. Februar 1960: Erster Auslandseinsatz in Form humanitärer Hilfe in Marokko. Februar 1962: 40.000 Soldaten retten das Leben von über 1100 Menschen nach einer Sturmflut in Hamburg. Januar 1965: Erster großer Hilfseinsatz in Algerien. Juli 1965: Traditionserlass. 1970: Anstoß umfangreicher Reformen durch die sozialliberale Koalition. August 1976: Katastrophenhilfe in Friaul (Norditalien) Oktober 1973: Aufnahme Lehrtätigkeit an den neu gegründeten Bundeswehrhochschulen. Dezember 1979: NATO-Doppelbeschluss. September 1982: Zweiter Truppenerlass - Distanzierung der Bundeswehr von der Wehrmacht. 1990: Wiedervereinigung August 1990: Das Führungskommando Ost führt die Auflösung der NVA durch. Oktober 1990: Der Verteidigungsminister übernimmt die Befehlsgewalt über die gesamtdeutschen Truppen. Juli 1994: Entscheidung des BVerfG: Uneingeschränkte Teilnahme der deutschen


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Truppen an internationalen Friedensmissionen. März 1999: Beginn von NATO-Luftangriffen auf Jugoslawien. Juni 1996: KFOR-Einheiten sichern das Kosovo und den Großraum Prizren. 2001: Alle Laufbahnen innerhalb der Bundeswehr sind für Frauen geöffnet. November 2001: Beteiligung an der Operation Enduring Freedom.

Dezember 2001: Beteiligung an der UN-Friedensmission ISAF (Afghanistan). Anfang 2002: Überwachung eines Seegebiets am Horn von Afrika als Teil von Enduring Freedom. Dezember 2004: Hilfseinsatz im Indischen Ozean. Juni 2006: Sicherung der Wahlen in der DR Kongo. August 2010: Verteidigungsminister zu Guttenberg kündigt Aussetzung des


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Wehrdienstes an. ~

Wehrpflicht - Die Grundausbildung Im Folgenden ein Bericht von Jan Markus über seine Grundausbildung vom Juli 2010 an. Wir danken ihm an dieser Stelle herzlichst für seine Mühe.

Heute ist das Grundausbildungskompaniegebäude relativ leer, nur ein Teil der zur Verfügung stehenden Stuben ist besetzt. Denn seit diesem Jahr werden hier nur noch länger Dienende ausgebildet. Das war vor einem Jahr während meiner AGA (Allgemeine Grundausbildung) noch ganz anders! Ich war einer der letzten, die noch ihren Wehrpflicht abgeleistet haben. Nach dem Abi wollte ich erst einmal was komplett anderes machen, weshalb ich über den Einberufungsbescheid zum 1. Juli 2010 nicht wirklich traurig war. Bereits nach wenigen Minuten merkte ich allerdings, dass die Bundeswehr eine komplett andere Welt und auch ein Schock für einen sein kann! Nachdem ich die Wache passiert und endlich den Weg zu dem Gebäude gefunden hatte, in dem ich mich melden sollte, bekam ich einen kleinen Vorgeschmack auf mein "zukünftiges Leben"! Denn einige andere neue Rekruten und ich warteten mit den Händen in den Taschen, manche auch an die Wand gelehnt darauf, Informationen zu bekommen, als die erste Ermahnung kam: "Die Wand steht auch von alleine!" - ein Spruch den wir noch häufiger zu hören bekommen sollten! Als ich darauf mit "okay" antwortete gleich die nächste Ermahnung: "Bei der Bundeswehr heißt das Jawohl!" Nachdem dies auch klar war, begann ein scheinbar endloser Kampf mit Formularen, die alle von uns ausgefüllt werden mussten. Gleichzeitig bemerkte ich auch, das niemanden der eigene Name interessierte, sondern man überall nur noch nach der PK (Personenkennziffer) gefragt wurde! Toll dachte ich, nur noch eine Nummer unter vielen! Kurz nach dem Papierkrieg handelte ich mir gleich den nächsten Ärger ein, denn ich lief einem Stabsunteroffizier, der eine Gruppe von Soldaten hatte antreten lassen durch die Front! Somit bekam ich gleich die dritte Lektion in Sachen "Verhalten bei der Bundeswehr", denn so erklärte der Stuffz mir, müsse man entweder fragen, ob man durchtreten darf oder hinter ihm vorbeilaufen! Ich war zu diesem Zeitpunkt vielleicht gerade mal eine Stunde in der Kaserne, und wollte eigentlich nur wieder nach Hause! Doch es ging natürlich weiter und so empfingen wir noch Bettwäsche, einen Bundeswehrsportanzug und bekamen unsere Stuben gezeigt! Hier bekamen einige den nächsten Schock, denn die Stuben waren mit jeweils sechs Rekruten besetzt und die Einrichtung war wahrscheinlich älter als wir selbst! Die nächsten Tage lernten wir grundlegende Dinge wie das Antreten im Gang und liefen bereits in einer Art Uniform herum, denn jeder von uns hatte ja den gleichen blauen Sportanzug empfangen! Gleichzeitig gewöhnten wir uns langsam an den Befehlston der


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Ausbilder! Da der 1. Juli auf einen Donnerstag fiel, durften wir Samstag wieder nach Hause, um sich dann Sonntag Abend beim UvD (Unteroffizier vom Dienst) zurückzumelden! Meine Motivation war Sonntag Nachmittag absolut im Keller, denn Bundeswehr hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. In den darauffolgenden Wochen folgte viel Unterricht über grundlegende Dinge der Bundeswehr. Beispielsweise wurden "Was ist ein Befehl?" und die Dienstgrade jeden Tag abgefragt. Dann fuhren wir nach Ulm in die Bekleidungskammer um gefühlte tausend Dinge, die zu unserer Ausrüstung gehörten, zu empfangen und den Wandel vom Zivilisten zum Soldaten perfekt zu machen! Nun da wir ja unsere Ausrüstung besaßen, zeigte man uns wie man seinen Spind einzurichten hat, was dann auch bei regelmäßigen Stuben- und Spindkontrollen überprüft wurde! Mittlerweile machte es mir nichts mehr aus bei der Bundeswehr zu sein, ich hatte mich eingelebt und eingewöhnt! Die Tage verliefen jetzt mehr oder weniger alle nach einem gleichen Muster: Wir standen zwischen halb und dreiviertel Fünf auf, wuschen und rasierten uns, traten um kurz nach Fünf im Gang an, wo dann eine Vollzähligkeitsprüfung gemacht wurde, der Anzug und die Rasur kontrolliert und zu guter Letzt Liegestützen und andere sportliche Übungen gemacht wurden! Danach ging es in die Truppenküche zum Verpflegen, hier mussten wir auch lernen, dass es mit Essen dann vorbei ist, wenn der Ausbilder fertig ist! Anschließend reinigten wir unsere Stuben und eingeteilten Reviere, bis dann meistens so kurz nach halb Sieben die Ausbildungen begannen! Wir bekamen eine Sanitätsausbildung, ABC-Ausbildung, man bildete uns an den verschiedenen Waffen aus, wir hatten Drillausbildungen und mehr oder weniger jede Woche marschierten wir entweder auf die Schießbahn oder zum Übungsplatz um dort die Geländeausbildungen zu bekommen! Abends gab es dann - wenn den Tag über alles gut lief - ab halb sechs Dienstunterbrechung und um 23:00 Uhr Zapfenstreich!

Ein Höhepunkt jeder Grundausbildung, so auch bei uns ist da mehrtägige Biwak im Wald. Hier konnten wir unser neu erworbenes Wissen über Tarnen und Täuschen, Aufbau der „Dackelgarage“ (Zweimannzelt) und dem Stellungsbau anwenden und bekamen weitere Dinge, die für das Leben im Felde wichtig sind, beigebracht! Auf der einen Seite machte es richtig Spaß, auf der anderen Seite setzte der wenige Schlaf uns extrem zu, was den Rückmarsch mit dem schweren Gepäck zur Hölle machte! In der Kaserne angekommen, wollte jeder eigentlich nur noch ins Bett, denn wir schliefen fast im Stehen ein, aber erst Abends nachdem die Waffen und die Ausrüstung gereinigt waren, konnten wir uns endlich nach 4 Tagen wieder duschen, uns die Tarnschminke abwaschen und schlafen gehen! Den Abschluss der Grundausbildung bildete die zweitägige Rekrutenbesichtigung, in der wir zeigen mussten, was wir alle gelernt hatten! Hier wurde noch einmal alles abverlangt - so wurden wir bereits um vier Uhr Nachts mit einer Fliegersirene geweckt, mussten unser Marschgepäck anlegen, die Gesichter mit Tarnschminke bemalen und zum Standortübungsplatz marschieren, wo ein Teil der Überprüfung stattfand! Nachdem


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wir am nächsten Tag völlig erschöpft vom langen Marsch ankamen, waren wir alle glücklich und stolz den größten Teil der AGA geschafft zu haben! Eine Woche später kamen wir dann zu unseren Stammeinheiten, in denen wir unserer restliche Dienstzeit verbringen sollten! Ich fühlte mich mittlerweile so wohl bei der Bundeswehr, dass ich beschloss noch freiwillig länger zu dienen! Den Schritt die Wehrpflicht abzuleisten und nicht zu verweigern habe ich außer in den ersten zwei Wochen nie bereut! ~

Kommentar zur Aussetzung der Wehrpflicht Im Folgenden ein Kommentar von Ralph Feile, dem Gründer von Geschichte-Wissen und Herausgeber von Geschichte prägt Gegenwart.

Nach der Gründung der Bundeswehr in der Bundesrepublik wurde 1956 die allgemeine Wehrpflicht für alle volljährigen deutschen Männer eingeführt. In der Hochphase des Kalten Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und dem Sowjetreich war dies ein notwendiger Schritt. Deutschland wäre Schauplatz eines Krieges gewesen – nicht umsonst gaben die USA das Versprechen Westdeutschland um jeden Preis zu verteidigen. Eingezogene junge Männer wuchsen im Wissen auf, dass ein Krieg jederzeit möglich ist und sie möglicherweise ihr Leben für die Verteidigung der Bundesrepublik lassen müssen. Nach der Wiedervereinigung war einer der größten Konflikte unserer Geschichte gelöst – doch an der Praxis der Wehrpflicht änderte sich wenig. Natürlich musste nicht Dienst an der Waffe geleistet werden – das Grundgesetz eröffnete einen Ersatzdienst. Auch die anfänglichen schwierigen Verweigerungsverfahren besserten sich. Dennoch wurden junge Männer, die gerade ihr Abitur abgelegt oder eine Ausbildung abgeschlossen hatten zu einem neunmonatigen Zwangsdienst herangezogen. Dass von Wehrgerechtigkeit keine Rede mehr sein konnte, zeigt eindrucksvoll die immer weiter ansteigende Zahl an Ausgemusterten. Zwar mag der Zivildienst für die Leistenden selber und für die Gesellschaft einen wichtigen und positiven Beitrag geleistet haben, doch zeigt die hohe Zahl an „FSJlern“ (Freiwilliges Soziales Jahr), dass ein Zwang nicht unbedingt erforderlich gewesen wäre. Anstatt einer Zwangsverpflichtung hätten mehr Perspektiven und Alternativen geboten werden müssen. Die Wehrpflicht in unserer heutigen Zeit war veraltet. Ein Krieg innerhalb der


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Europäischen Union scheint nahezu unmöglich. Vielmehr werden hoch spezialisierte und ausgebildete Einheiten für Friedensmissionen benötigt. Dass die Streitkräfte in Afghanistan über mangelnde Ausrüstung klagen, ist ein Unding. Das deutsche Militär in unserer heutigen globalisierten Welt muss hoch gerüstet, technisiert und spezialisiert sein um kommende Aufgaben bewältigen zu können. Dafür muss die Bundeswehr natürlich attraktiv für junge Männer werden. Dass dies keine leichte Aufgabe ist, zeigt sich derzeit. Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich dieser Aufgabe gestellt hat und innerparteilich viele Hürden nehmen musste, ist dieser große Verdienst zuzurechnen, auch wenn seine angestoßene Reform gewichtige Mängel vorweist. ~

Impressum | Bildnachweis Geschichte prägt Gegenwart erscheint quartalsweise und verbindet historische und politische Themen. Geschichte prägt Gegenwart ist Teil von Geschichte-Wissen. Abgedruckte Kommentare und Meinungen entsprechen nicht notwendig der Meinung der Redaktion. V.i.S.d.P. Ralph Oliver Feile Brahmsstraße 14 73479 Ellwangen-Röhlingen Deutschland E-Mail: geschichte.wissen@gmail.com Lizenzen der Bilder Titelbild: By http://en.wikipedia.org/wiki/User:Nick_Macdonald. [GFDL (www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons Bild 1 (Blank): Bundesarchiv, Bild 183-51766-0003 / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (www.creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons Bild 4 (Wehrdienstleistende): By Daniel Budde (Eigenes Werk) [GFDL (www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (www.creativecommons.org/licenses/bysa/3.0/) or CC-BY-SA-2.5-2.0-1.0 (www.creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons Bild 5 Guttenberg: Kai Mörk [CC-BY-3.0-de (www.creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons Die Inhalte dieser Ausgabe sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne ausdrückliche Genehmigung nicht weiter verwendet werden. ~


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