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KnowHow 01.2013 19

ERIK PODZUWEIT Strukturierte Produkte Goldman Sachs International Frankfurt

LÄNDERPORTRAIT: FRANKREICH

Frankreich vor dem Neustart Aber: Reformen brauchen Zeit In unserer Länderserie geht es dieses Mal um Frankreich, Deutschlands engsten Verbündeten und wichtigsten Handelspartner. Die „Grande Nation“ zählt zu den größten Volkswirtschaften in Europa, ist ein G7-Staat und verbindet mit Deutschland eine intensive, wenn auch in der Vergangenheit zeitweise leidvolle Geschichte. Aktuell kommt Deutschlands westlicher Nachbar wirtschaftlich nicht so gut voran. Wie sieht die Lage tatsächlich aus, und welche Wege aus der Krise sind angedacht? Frankreich ist Deutschlands größter Partner in Europa. Die Regierungen in Paris und Berlin stimmen sich regelmäßig und auf allen Gebieten ab. Beispiele für die enge Zusammenarbeit nach dem Ende des zweiten Weltkriegs gibt es viele: der Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit vom 22. Januar 1963; der historische Händedruck von Staatspräsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl 1984 über den Gräbern von Verdun; oder, im Jahr 2004, die Teilnahme eines deutschen Bundeskanzlers an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie. Oder, 2009, die Einladung Angela Merkels zu der Gedenkfeier zum Ende des Ers-

ten Weltkriegs. Keine Überraschung, dass bei so vielen politischen Gesten die beiden Länder auch wirtschaftlich eng miteinander verflochten sind. Der wichtigste Handelspartner ist Deutschland, es folgen Italien, Belgien/Luxemburg, die Niederlande, Spanien, Großbritannien, die USA und China. Die Nummer 1 und die Nummer 2 in Europa betreiben also regen Handel. Doch in den vergangenen Monaten war die aktuelle französische Wirtschaftslage eher Anlass für besorgte Kommentare. AKTUELLE WIRTSCHAFTLICHE PROBLEMZONEN „Mon Dieu, wohin steuert die ,Grande Nation‘“, fragte die Bild-Zeitung Ende

Oktober und zitierte den Modeschöpfer Karl Lagerfeld, der französische Produkte für nicht wettbewerbsfähig hielt, mal abgesehen von Mode, Schmuck, Parfüm und Wein. Darüber wurde vielleicht noch geschmunzelt. Doch als wenige Tage später Finanzminister Wolfgang Schäuble vorschlug, dass der deutsche Sachverständigenrat Reformen für Frankreich entwickeln solle, war Schluss mit Schmunzeln. Schäubles Vorstoß ist ein ungewöhnliches Zeichen, denn der Rat kümmerte sich bisher ausschließlich um die Belange der Bundesrepublik. Das zeigt, wie abhängig die beiden Länder voneinander sind und wie genau deswegen deutsche Politiker die Wirtschaft des Nachbarlandes verfolgen.


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Länderportrait: Frankreich

KURZE ÜBERSICHT ÜBER BEVÖLKERUNG UND POLITIK

Parlament:

Zweikammerparlament, Nationalversammlung: 577 Abgeordnete (für 5 Jahre gewählt), zuletzt gewählt am 10./17.06.2012, nächste Wahlen im Juni 2017. Senat: 348 Senatoren (für 6 Jahre gewählt), alle 3 Jahre wird jeweils ein Drittel der Senatoren durch ein Wahlkollegium auf der Ebene der Départements gewählt, zuletzt am 25.09.2011. Die nächsten Wahlen zum Senat finden im September 2014 statt.

KURZE ÜBERSICHT ÜBER WIRTSCHAFT UND RESSOURCEN Währung:

Landesname: Einwohnerzahl:

Französische Republik (République Française) 65,63 Millionen (geschätzt, 2012)

Euro

BIP, offizielle Wechselkurse:

2.580,4 Mrd. US-Dollar (geschätzt, 2012)

BIP, nach Kaufkraft:

2.252,5 Mrd. US-Dollar (geschätzt, 2012)

BIP pro Kopf, offiz. Wechselkurse:

40.689,9 US-Dollar (geschätzt, 2012)

BIP pro Kopf, nach Kaufkraft:

35.519,6 US-Dollar (geschätzt, 2012)

BIP-Wachstum:

1,7% (2010), 1,69% (2011), 0,12% (geschätzt, 2012)

BIP nach Sektoren:

Landwirtschaft 1,8%, Industrie 18,7%, Dienstleistungen 79,5% (geschätzt, 2011)

Bevölkerungsentwicklung: 0,5% pro Jahr (geschätzt, 2012) Urbanisierungsgrad: 85% der Gesamtbevölkerung (2010), Urbanisierungsrate 1% pro Jahr (2010–2015, geschätzt)

Erwerbstätige nach Sektoren:

Fläche:

Landwirtschaftlich nutzbare Fläche: 35,5% inkl. Dauerkulturen, die Werte für die Überseegebiete weichen erheblich ab (2005)

Zum europäischen Kontinent gehörender Teil Frankreichs – 551.000 qkm, davon 1.530 qkm Wasserfläche. Die französischen Überseegebiete (Guadeloupe, Martinique, Mayotte, Réunion und Französisch-Guayana sowie weitere Inseln und Gebiete) umfassen 92.301 qkm, davon 1.844 qkm Wasserfläche.

Altersstruktur: 0–14 Jahre 18,1%, 15–64 Jahre 63,8%, 65 Jahre und älter 17,5%; Durchschnittsalter 40,4 Jahre (alle Zahlen geschätzt, 2012) Alphabetisierungsrate: Sprachen:

99%; Männer 99%, Frauen 99% (2003)

Landessprache und Amtssprache ist Französisch. Regionalsprachen und Dialekte, die in Frankreich gesprochen werden, sind u.a. Picardisch, Bretonisch, Okzitanisch, Katalanisch, Baskisch, Elsässisch, Flämisch und Korsisch (auf Korsika). In den Überseegebieten werden unterschiedliche Sprachen wie Kreolsprachen, polynesische Sprachen oder Kanak-Sprachen (in Neukaledonien) gesprochen. Die Einwanderer aus u.a. dem Maghreb und dem restlichen Afrika haben ihre Sprachen mitgebracht.

Religionen:

Römisch-katholisch 83 bis 88%, Protestantisch 2%, Jüdisch 1%, Moslems 5 bis 10%, konfessionslos 4%. In den Überseegebieten: Römisch-katholisch, Protestantisch, Hindus, Moslems, Buddhisten, animistische Glaubensrichtungen (Zensus 2001)

Staatsgründung:

Die Verfassung der Fünften Republik wurde per Referendum am 28.09.1958 beschlossen, wirksam am 04.10.1958; in den Folgejahren mehrfache Verfassungsänderungen. Weitere wichtige Geschichtsdaten: 14.07.1789 – Sturm auf die Bastille, Beginn der Französischen Revolution, 22.09.1792 – Gründung der Ersten Französischen Republik

Staatsform/Regierungsform:

Parlamentarische Präsidialdemokratie

Hauptstadt: Staatsoberhaupt: Amtszeit:

Paris Präsident der Republik François Hollande, Amtsantritt 15.05.2012

5 Jahre, eine Wiederwahl ist möglich. Der Präsident wird vom Volk direkt gewählt. Nächste Wahl des Präsidenten im Frühjahr 2017

Regierungschef:

Premierminister Jean-Marc Ayrault, seit 15.05.2012

Das Wirtschaftswachstum geht zurück, Unternehmen stehen unter Druck und die Arbeitslosigkeit steigt. Gerät die zweitgrößte Wirtschaftsnation der Eurozone ins Wanken? Auf den ersten Blick sieht die Lage nicht rosig aus: Die Autobauer Peugeot-Citroën und Renault haben Absatzprobleme, sodass die Konzerne Entlassungen angekündigt haben. Auch im Außenhandel bleiben

Landwirtschaft 3,8%, Industrie 24,3%, Dienstleistungen 71,8% (2005)

Arbeitslosenrate:

10,14% (geschätzt, 2012); Altersgruppe 15–24 Jahre: 22,6% (2009)

Bevölkerung unterhalb Armutsgrenze: Inflationsrate:

6,2% (geschätzt, 2004)

1,49% (2010), 2,14% (2011), 1,92% (geschätzt, 2012)

Bodenschätze und andere natürliche Ressourcen: Europäischer Teil Frankreichs – Steinkohle, Eisenerz, Bauxit, Zink, Uran, Antimon, Arsen, Feldspat, Flussspat (Fluor), Gips, Kalisalz, Holz, Fisch. Französisch-Guyana – Goldsedimente, Erdöl, Kaolin, Niob, Tantal, Ton Landwirtschaftliche Produkte: Industrie:

Weizen, Zuckerrüben, Kartoffeln, Weintrauben; Rindfleisch, Milchprodukte, Fisch

Automobil-, Fahrzeug- und Eisenbahnbau, Maschinenund Anlagenbau, Metallerzeugung, Schiffbau, Luftfahrtindustrie, Rüstungsindustrie, chemische und pharmazeutische Industrie, Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie

Exporte:

589,7 Mrd. US-Dollar (geschätzt, 2011)

Importe:

692 Mrd. US-Dollar (geschätzt, 2011)

Wichtige Exportländer:

Deutschland 16,7%, Italien 8,3%, Spanien 7,4%, Belgien 7,4%, Großbritannien 6,7%, USA 5%, 4,3% (2011) Quellen: CIA World Factbook, Stand: Okt. 2011; Auswärtiges Amt, März, Nov. u.Niederlande Dez. 2010 Wichtige Importländer: Deutschland 19,1%, Belgien 11,3%, Italien 7,7%, Niederlande 7,5%, Spanien 6,6%, Großbritannien 5,1%, China 4,8% (2011) Leistungsbilanz:

ausgedrückt in Prozent des BIP; –1,95% (2011), –1,7% (geschätzt, 2012)

Ausländische Direktinvestitionen: Der Bestand der ausländischen Direktinvestitionen in Frankreich beträgt 1.049 Mrd. US-Dollar, der Bestand der französischen Direktinvestitionen im Ausland beträgt 1.615 Mrd. US-Dollar (Stand: 31.12.2011). Der akkumulierte Bestand deutscher Direktinvestitionen in Frankreich betrug 44 Mrd. Euro (Stand: 31.12.2009). Quellen: CIA World Factbook, Stand: November 2012; International Monetary Fund, World Economic Outlook Update, Oktober 2012; Auswärtiges Amt, Mai 2012

die Franzosen hinter Deutschland zurück. Das Außenhandelsdefizit betrug laut Internationalem Währungsfonds (IWF) 2011 rund 70 Milliarden Euro, im Vorjahr waren es nur 51,5 Milliarden Euro. Hier macht sich vor allem der im Vergleich zu Deutschland relativ exportschwache Mittelstand bemerkbar. Exportgüter kommen in Frankreich vorwiegend aus der Luftund Raumfahrt, der Metall- und PharmaIndustrie. Auch Textilien, Accessoires,

Kosmetik und Agrarprodukte werden exportiert. Diese Nachrichten drücken auch auf die Stimmung im Land. Laut dem französischen Statistikamt INSEE sank der Geschäftsklimaindex der französischen Wirtschaft im Oktober 2012 mit 85 Punkten auf ein 3-Jahres-Tief. Das beunruhigt einige Experten, da der langfristige Durchschnitt von Januar 1977 bis Oktober 2012


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bei 100 Punkten lag. Sorgen bereitet zudem die steigende Arbeitslosigkeit. Mit knapp über 10 Prozent Arbeitslosenquote sind die Franzosen Spitzenreiter der G7Gruppe, noch vor Italien mit 9,5 Prozent und England mit 8,2 Prozent. Eine höhere Arbeitslosigkeit könnte mit steigenden Sozialausgaben und sinkenden Steuereinnahmen einhergehen. Das ist gerade in Zeiten großer Defizite und einer historisch hohen Verschuldung schlecht. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Im November stieg der Geschäftsklimaindex bereits wieder ein wenig bis auf 88 Punkte.

nur geringfügig verändert, von 2.562 Milliarden US-Dollar 2010 auf 2.580 Milliarden US-Dollar für 2012. Für 2013 erwartet der IWF einen leichten Rückgang auf 2.565 Milliarden US-Dollar. Die Wirtschaft Frankreichs wird von den Bereichen Dienstleistung/Tourismus, Luftfahrt, Automobil, Energie, Landwirtschaft, Ernährung, Luxusartikel, Pharma, Chemie und Elektronik bestimmt. Laut IWF kann die Regierung 2013 allerdings nur ein kleines Wachstum von 0,4 Prozent erzielen und muss auf eine deutlichere Steigerung für die Jahre 2014 bis 2017 hoffen.

„AGENDA 2014“ – DAS REFORMPROGRAMM Auf den zweiten Blick sollten sich Investoren aber auch die Stärken der französischen Wirtschaft vor Augen führen: Frankreich ist die fünftgrößte Volkswirtschaft in der Welt und die Nummer zwei in Europa. Der Staat greift mit Wirtschafts- und Industriepolitik aktiv in die Geschehnisse ein, beispielsweise indem er Forschung und Entwicklung unterstützt und zukunftsorientierte Branchen fördert. Auch die Rahmenbedingungen für Investitionen sind traditionell gut. Frankreich verfügt über eine effiziente Infrastruktur und ist nicht zuletzt Europas beliebtester Kulturstandort. Was die Industrielandschaft angeht, so verfügt Frankreich über viele kleine Firmen, tonangebend sind aber die international operierenden Großunternehmen, die im Leitaktienindex CAC 40 vertreten sind. Mittelständische Unternehmen spielen dagegen, anders als in Deutschland, keine große Rolle.

Die Inflation liegt in Frankreich laut IWFSchätzung für 2012 mit 1,9 Prozent ähnlich niedrig wie in Deutschland und unterhalb der Rate von Ländern wie den USA, Italien, England und Kanada. Nur Japan liegt mit seiner Null-Inflation noch darunter. Auch bei der Staatsverschuldung von jetzt knapp 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (geschätzt vom IWF) schneidet Frankreich im Vergleich nicht so schlecht ab. Das Land steht jedenfalls besser da als Italien, Japan, England oder die USA. Präsident Hollande hat ein Programm zur Belebung der Wirtschaft ausgerufen: „Agenda 2014“. Sparen ist angesagt, wie bei den meisten Euroländern, und eine Steuererhöhung, die Zukunftsinvestitionen in Bildung und Forschung absichern soll.

Das Bruttoinlandsprodukt hat sich laut Internationalem Währungsfond (IWF) in Frankreich in den zurückliegenden Jahren

Interessantes Indiz für die Stärke der Franzosen und das Vertrauen der Anleger: Im Januar des Vorjahres (2012) wurde Frankreich von Standard & Poor’s abgewertet. Die Finanzierungskosten sind dennoch nicht gestiegen. Im laufenden Jahr (2013) will der Präsident die finanzpolitische

ABB. 1: CAC-40-INDEX in EUR 6.000 5.500 5.000 4.500 4.000 3.500 3.000 2.500 2.000 Dez 07

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Der französische CAC-40-Index hat in den vergangenen Monaten genau wie andere wichtige Aktienindizes deutlich zugelegt. Start: 12.12.2007; Stand: 12.12.2012; Quelle: Bloomberg

Obergrenze des EU-Stabilitätspaktes von 3 Prozent erreichen und vier Jahre später will er den Haushaltsausgleich erzielen. INVESTIEREN IN FRANKREICH Für Anleger, die sich für ein Investment in Frankreich interessieren, könnte vor allem der Leitindex CAC 40 mit den darin gelisteten Firmen internationaler Ausrichtung interessant sein. Der Index notierte Ende 2012 oberhalb von 3.600 Punkten und damit immerhin auf einem neuen Höchststand für das Jahr. Er enthält die 40 führenden französischen Aktiengesellschaften, die an der Pariser Börse gehandelt werden. Die Abkürzung CAC bedeutet Cotation Assistée en Continu (fortlaufende Notierung). Der Index startete am 31. Dezember 1987 mit 1.000,00 Punkten. Im Unterschied zum DAX®, der ein Performanceindex ist, handelt es sich beim CAC 40 um einen Kursindex, bei dem die Dividenden nicht berücksichtigt werden. Goldman Sachs bietet beispielsweise Optionsscheine auf das LuxusgüterUnternehmen LVMH an, mit denen Anleger gehebelt an der Kursentwicklung dieser wichtigen französischen Aktie partizipieren können. Weitere Details zur Funktionsweise sowie zu den Chancen und Risiken der Produkte entnehmen Anleger bitte dem Wertpapierprospekt, den Goldman Sachs auf seiner Website www.gs.de zur Verfügung stellt. Ferner tragen Anleger beim Kauf von Goldman Sachs Produkten das Emittentenrisiko von Goldman Sachs. Sollten die Emittentin der Produkte und die Garantin, The Goldman Sachs Group, Inc., insolvent werden, besteht die Gefahr des Totalverlusts.

FRANKREICH VOR DEM NEUSTART / GOLDMAN SACHS MAG  

KnowHow, das Goldman Sachs Magazin beschäftigt sich in seiner Länderserie diesmal mit Frankreich.

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