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STADT BERN LOREM IPSUM

Ausgabe N° 11

HINTERGRUND

BERNPUNKT Magazin für Stadt und Region Bern

Wirtschaftsstandort Bern — wie weiter? Analysen. Ansichten. Ausblicke.

SEITEN 8 | 9 WIRTSCHAFTSSTANDORT BERN

Stärken und Schwächen unter der Lupe SEITE 14 | 15 DIE KREATIVWIRTSCHAFT

Kulturförderung als Motor für Wirtschaftswachstum SEITE 18 | 19 BERNPUNKT-GESPRÄCH

Rapper Luc Oggier von «Lo & Leduc» über Bern, Musik und Mani Matter


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© UBS 2016. Alle Rechte vorbehalten.

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EDITORIAL

Ein positives Fazit

Zwar prognostiziert die UBS im aktuellen kantonalen Wettbewerbsindikator dem Kanton Bern ein leicht unterdurchschnittliches Wachstum. Das mag auf den ersten Blick ernüchternd sein, dennoch ziehe ich ein positives Fazit aus der Studie. Nicht wenige Wissenschaftler prophezeien, die Digitalisierung werde massiv Arbeitsplätze vernichten. Was dagegen tun? Bildung ist ein probates Mittel. Vor allem Wissen und Fähigkeiten machen eine Wirtschaft widerstandsfähiger; gemäss der UBS -Studie verfügt der Kanton Bern gerade im Bereich Humankapital über sehr viel Potential, sprich die Bevölkerung ist äusserst gut ausgebildet. Mit dieser Voraussetzung ist Bern für die Zukunft gut aufgestellt. Nicht zuletzt ist Bildung auch ein Treiber des Wirtschaftswachstums. Eine gut ausgebildete Bevölkerung erbringt höhere Produktivitätsleistungen und die Verfügbarkeit von gut ausgebildeten Arbeitskräften erhöht auch die Attraktivität des Standortes Bern für Unternehmen. Nicht zuletzt ist die Lebensqualität in Bern überdurchschnittlich hoch — auch das ist ein Wirtschaftsfaktor. Besonders repräsentativ ist die erste Bevölkerungsbefragung der Stadt Bern, die im vergangenen Jahr durchgeführt wurde: 97 Prozent der Bernerinnen und Berner gaben an, dass sie gerne in der Stadt Bern leben. Genannte positive Aspekte sind: Die schöne Stadt mit überschaubarer Grösse, der öffentliche Verkehr und die Lebensqualität allgemein. Die Zufriedenheit der Menschen ist ein nicht zu vernachlässigender Faktor für einen prosperierenden Wirtschaftsstandort. Hans-Jürg Gerber, Geschäftsleiter Wirtschaftsraum Bern INHALT

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 IRTSCHAFTSSTANDORT BERN — W WIE WEITER Analysen, Ansichten und Anregungen für mehr Wirtschaftswachstum

06 — 07  I NTERVIEW

MIT DEM UBS-ÖKONOM ELIAS HAFNER Gefahren und Chancen für den Wirtschaftsstandort Bern

08 — 09  A NALYSE:

BERNS WIRTSCHAFTLICHE STÄRKEN UND SCHWÄCHEN KURZ ERKLÄRT

10 — 11

 ER HANDELS- UND INDUSTRIEVEREIN D Sein Rezept für mehr Wirtschaftswachstum

12 — 13  TAUGT

DAS BIP ALS INDIKATOR FÜR WOHLSTAND? Eine kritische Annäherung

14 — 15

DIE KREATIVWIRTSCHAFT Blick auf die Kulturlandschaft durch die wirtschaftliche Brille

16 — 17 18 — 19

K ULTUR UND DAS GUTE LEBEN Bern und seine Kulturstrategie

BERNPUNKT-GESPRÄCH  R apper Luc von «Lo &Leduc»: Meine Sicht auf Bern


TITELSTORY

Wirtschaftsstandort Bern — wie weiter?

Von Reto Liniger

Analysen, Ansichten und Ausblicke zur Frage: Wie kann der Kanton Bern seine Wirtschaftsleistung steigern?

Bern wird wohl auch künftig wirtschaftlich weniger schnell wachsen.

Eine «ausgewiesene Wachstumsschwäche» diagnostizierte der Wirtschaftsgeograph Paul Messerli vor gut drei Jahren dem Kanton Bern. An der Situation hat sich nicht viel verändert: Im Vergleich zu anderen Kantonen entwickelt sich der Kanton Bern weniger dynamisch. Und sein Bruttoinlandprodukt pro Kopf der Bevölkerung liegt unter dem Wert der Schweiz. Eine neue UBS -Studie zeigt nun: Der Kanton Bern wird wohl auch künftig wirtschaftlich weniger schnell wachsen als die Gesamtschweiz.

«Bern liegt im Mittelfeld. Zug und Zürich führen das Ranking an.» Gemäss dem Ende März erschienenen kantonalen Wettbewerbsindikator (KWI) der UBS sind Zug und Zürich die wettbewerbsfähigsten Kantone der Schweiz. Der Kanton Bern liegt im soliden Mittelfeld. Die UBS -Ökonomen vergleichen im Rahmen des KWI die kantonalen Volkswirtschaften und ermitteln ihr Potential zur Steigerung der Wirtschaftsleistung. Die Wettbewerbsfähigkeit eines Kantons wird anhand von zehn Kriterien beurteilt: unter anderem die Wirtschaftsstruktur, die Fähigkeit zur Innovation, das Kostenumfeld oder der Bildungsstand der Bevölkerung. Mithilfe des KWI lässt sich ein Wachstumsszenario für jeden Kanton modellieren. Nach Leseart der UBS -Studie haben also die Kantone Zug und Zürich die besten Karten in der Hand, ihr Bruttoinlandprodukt künftig zu steigern. Dem Kanton Bern wird hingegen von der UBS ein leicht unterdurchschnittliches Wachstum prognostiziert.

HINWEISE FÜR DIE WIRTSCHAFTSPOLITIK Natürlich sind solche kantonalen Vergleiche nur bedingt aussagekräftig, denn der Kanton Bern hat andere Voraussetzungen als Stadtkantone oder kleine Kantone. Doch die einzelnen Bewertungskriterien des Rankings zeigen trotzdem Handlungsfelder auf. So kann der KWI Entscheidungsträgern wichtige Hinweise für ihr wirtschaftspolitisches Handeln liefern: Gemäss dem KWI hat der Kanton Bern in den Bereichen Humankapital und Wirtschaftsstruktur überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Hingegen punkto Innovation, Arbeitskräftepotential und Kostenumfeld schneidet der Kanton unterdurchschnittlich schlecht ab. Wirtschaftsstandort Bern — wie weiter? Das aktuelle BERNpunkt fo-

kussiert auf den nächsten Seiten einige Stärken und Schwächen des Kantons. Und stellt die Frage: Was könnte der Kanton Bern tun, um wettbewerbsfähiger zu werden? Gemessen wird Wirtschaftswachstum mit dem Bruttoinlandprodukt (BIP). Gleichzeitig gilt das BIP als Indikator für Wohlstand: Wächst das BIP, geht es den Menschen besser. So die Annahme. Also werden weltweit alle Hebel in Gang gesetzt, um für Wirtschaftswachstum zu sorgen: tiefe Zinsen, Konjunkturprogramme und Schuldenberge. Die entscheidende Frage ist jedoch: Geht es den Menschen wirklich besser, wenn die Wirtschaft brummt? Macht uns mehr Geld glücklicher? Und gäbe es nicht geeignetere Kennzahlen als das BIP, um das Wohlergehen einer Gesellschaft zu vermessen? Die Antworten der ökonomischen Glücksforschung dazu finden Sie auf den Seiten 12 und 13 in diesem BERNpunkt. Wirtschaftswachstum und Kultur? Kultur schafft Lebensqualität und trägt zur Attraktivität einer Stadt bei; das ist die herkömmliche Sicht auf die Kultur. Seit gut zehn Jahren wird der kulturelle Sektor in der Schweiz jedoch auch nach wirtschaftlichen Kriterien vermessen. Die Studien der Zürcher Hochschule der Künste zeigen, dass die sogenannte Kultur- und Kreativwirtschaft sich zu einer beachtlichen Wirtschaftskraft entwickelt hat: Über 5 Prozent der Beschäftigten in rund 10 Prozent der Betriebe der Schweiz können der Kultur- und Kreativwirtschaft zugerechnet werden. Ihr Anteil am BIP liegt bei über 3 Prozent. Erstmals beziffert die Forschungsstelle CreativeEconomies der Zürcher Hochschule der Künste für das BERNpunkt den Anteil des Kantons Bern an der Schweizer Kultur- und Kreativwirtschaft: Der Kanton Bern steht «für mehr als 10 Prozent der Schweizer Kultur- und Kreativwirtschaft». Einzelne Branchen erreichten sogar einen Anteil von bis zu 15 Prozent. Kurz: Relativ gesehen ist das Potential der Kultur- und Kreativwirtschaft im Kanton Bern beachtlich. In der Förderung der Kulturproduktion in Bern liegt eindeutig Potential, um für zusätzliches Wirtschaftswachstum im Kanton zu sorgen. Vielleicht sogar so viel Potential, um die diagnostizierte Wachstumsschwäche im Kanton Bern etwas nach oben korrigieren zu können.

DER KANTONALE WETTBEWERBSINDIKATOR ONLINE

www.ubs.com/kantonalerwettbewerbsindikator-de www.ubs.com/kantonalerwettbewerbsindikator-fr


PUBLIREPORTAGE

Von Silvio Spichiger, Gebietsmanager Stadt Bern, Swisscom (Schweiz) AG

Unternehmen sind aus Wettbewerbsgründen gezwungen, flexibel und schnell auf Märkte und wechselnde Kundenanforderungen zu reagieren. Dabei kommt Informations- und Kommunikationslösungen (ICT) eine zentrale Bedeutung zu. Denn der richtige Einsatz von ICT verspricht nicht nur einfachere und flexiblere Prozesse, sondern ermöglicht auch die Gestaltung komplett neuer Geschäftsmodelle. Internationale Rankings bestätigen es jedes Jahr aufs Neue: Die Schweiz gehört zu den innovativsten und wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt. Damit es dabei bleibt, müssen Schweizer Unternehmen rasch auf neue Marktbedingungen reagieren können. Umso wichtiger ist es daher, mit der rasant voranschreitenden Digitalisierung Schritt zu halten. Unternehmen, denen dies gelingt, werden gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen schneller und vor allem besser meistern. Denn moderne Technologien eröffnen diesbezüglich ganz neue Möglichkeiten.

EINFACHERE PROZESSE Moderne Technologien können Prozesse vereinfachen und dadurch effizienter gestalten. Die IP -basierte Festnetztelefonie ist ein gutes Beispiel. Für einen neuen Standort oder Mitarbeitenden müssen dank IP keine neuen Telefonleitungen mehr gelegt werden. Manuelle Eingriffe oder Techniker sind kaum mehr nötig. Das vereinfacht auch den Umzug: Für die Inbetriebnahme des IP Festnetzanschlusses muss am neuen Standort lediglich der Router eingeschaltet werden. Das zeigt: Eine zukunftsorientierte Kommunikations- und IT-Infrastruktur lässt sich einfach den Bedürfnissen anpassen und wächst mit dem Unternehmen mit. Darüber hinaus bieten sie Potential für Kostenoptimierungen. Das liegt daran, dass immer mehr ICT-Anbieter Services virtuell zur Verfügung stellen. Office-Programme, Telefonanlagen und beispielsweise auch Server müssen nicht mehr gekauft und aufwendig betrieben sowie gewartet werden. Unternehmen beziehen die benötigten Leistungen, etwa Rechenpower und Speicherplatz, direkt aus der Cloud. Der Anbieter stellt die entsprechende Infrastruktur zur Verfügung und kümmert sich darum, dass die gewünschten Leistungen immer verfügbar sind. Swisscom beispielsweise betreibt dafür eigene Rechenzentren in der Schweiz, welche die höchsten Anforderungen an Sicherheit und Verfügbarkeit erfüllen.

FLEXIBLERE PROZESSE IP - und Cloud-Lösungen erlauben, jederzeit und unabhängig vom Aufenthaltsort auf geschäftliche Dokumente, Programme und Daten zuzugreifen — und das sowohl mit dem PC als auch dem Tablet oder dem Smartphone. Das bietet Raum für flexibles und effizientes Arbeiten. Beispielsweise können Mitarbeitende unabhängig von ihrem Standort auf dieselbe Präsentation in der Cloud zugreifen und diese gemeinsam bearbeiten; Mitarbeitende im Aussendienst haben stets die aktuellen Kundendaten zur Hand und können ihre Festnetznummer auch ausserhalb des Büros nutzen. Dafür stellt etwa Swisscom eine spezielle App zur Verfügung, dank welcher Anrufe mit der Festnetznummer auch vom

Zauberwort ICT — der Schlüssel zu mehr Wettbewerbsfähigkeit? Smartphone aus möglich sind. Studien haben bewiesen, dass mobil-flexibles Arbeiten die Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden steigert. Des Weiteren können moderne Arbeitsmodelle auch ein Instrument sein, um Mitarbeitende an das Unternehmen zu binden oder Neue für sich zu begeistern.

INNOVATIVE GESCHÄFTSMODELLE ICT-Lösungen helfen aber nicht nur, Unternehmensprozesse effizienter und flexibler zu gestalten — nein, viele innovative Geschäftsmodelle werden erst durch ICT möglich. Moderne Technologien erlauben, neue Ideen zu verwirklichen, Grenzen gibt es kaum noch. Folglich wirkt ICT als Motor für wirtschaftliche Neuerungen und revolutioniert ganze Branchen — das zeigen prominente Beispiele wie Airbnb und Uber. Unternehmen, die sich aktiv mit modernen Technologien auseinandersetzen, wird es deshalb nicht nur gelingen, sich Wettbewerbsvorteile zu sichern, sondern gar neue Geschäftsfelder zu erschliessen.

ALL IP VERÄNDERT DIE SCHWEIZ — SIND SIE BEREIT ?

Swisscom plant, bis Ende 2017 auf die IP -basierte Festnetztelefonie umzustellen. Denn IP bildet die Basis für eine moderne Infrastruktur und treibt die Digitalisierung der Arbeitsprozesse voran. Je früher Sie auf die IP -Technologie wechseln, desto eher profitieren Sie von den Vorteilen. Swisscom begleitet Sie auf dem Weg in die digitale Welt und zeigt Ihnen neue Möglichkeiten auf. Rufen Sie uns an unter 0800 055 055 oder vereinbaren Sie noch heute einen unverbindlichen Beratungstermin unter www.swisscom.ch/kmu-center. Weitere Informationen unter: www.swisscom.ch/ip 4|5


TITELSTORY

«Den Strukturwandel nicht verhindern»

Von Reto Liniger

Der aktuelle kantonale Wettbewerbsindikator der UBS prognostiziert dem Kanton Bern ein längerfristig unterdurchschnittliches Wachstumspotential. Der UBS-Ökonom Elias Hafner erklärt im Interview, wo er die Hauptprobleme Berns sieht und welche Entwicklung mit der Unternehmenssteuerreform III auf den Kanton Bern zukommt.

Ökonom Hafner: «Landregionen sind zwar auch gewachsen, aber deutlich unterdurchschnittlich.»

Herr Hafner, Sie haben in Ihrem Ende März erschienenen kantonalen Wettbewerbsindikator die Wettbewerbsfähigkeit der Kantone verglichen. Dabei vergleichen Sie den grossen Kanton Bern mit dem kleinen Kanton Zug. Vergleichen Sie da nicht Äpfel mit Birnen? Natürlich ist es grundsätzlich schwierig, alle lokalen Einzelheiten einzubeziehen. Dennoch gibt es eindeutige Indikatoren, die Wirtschaftswachstum begünstigen. Diese Indikatoren haben wir ermittelt und sie fliessen in unsere Studie ein und ergeben schlussendlich die Stärken-Schwächen-Analyse eines Kantons. Ziel des kantonalen Wettbewerbsindikators ist, der Politik die Stärken und Schwächen eines Kantons aufzuzeigen und damit nützliche Entscheidungsgrundlagen zu liefern, um die Wirtschaftsleistung des Kantons zu erhöhen.

«Das grösste Wachstums­ potential liegt zwischen Bern und Biel.» Im Gegensatz zum Kanton Zug weist Bern sehr unterschiedliche Regionen auf. Wo hat der Kanton Bern Wachstumspotential? Der Kanton hat starke Regionen. Das grösste Wachstumspotential liegt zwischen Bern und Biel: Dabei ist die Stadt Bern mit Abstand die wettbewerbsfähigste Region. In Bern haben beispielsweise wertschöpfungsintensive und zukunftsträchtige Branchen wie IT, Telekommunikation oder auch Versicherungen eine beachtliche Grösse. Die zweitstärkste Region im Kanton ist Biel mit ihrer Uhren-, Präzisions- und Medtech-Industrie.

Es gibt aber eindeutig schwächere Regionen im Kanton Bern. Ja, die Land- und Bergregionen sind zwar auch gewachsen, aber deutlich unterdurchschnittlich. Diese Regionen leiden typischerweise an der Deindustrialisierung sowie teilweise an einer Abwanderung und Überalterung der lokalen Bevölkerung. Zusätzlich stellt der starke Franken die hier übervertretene MEM -Industrie und Tourismusbranche vor grosse Herausforderungen.

Mit Blick auf diese unterschiedlichen Regionen. Es gilt: Wo Industrie vorhanden ist, wird weitere Industrie angezogen. Sollten strukturschwache Regionen deshalb gefördert werden? Grundsätzlich sollte man einen Strukturwandel nicht verhindern. An Wirtschaftszweigen festzuhalten, die längerfristig nicht selbständig überlebensfähig sind, ist aus ökonomischer Perspektive nicht sinnvoll. Es gilt also, dort zu investieren, wo das grösste Wachstumspotential vorhanden ist. Diese Strategie gilt es auch in den Bergregionen zu fahren: Auch hier gibt es Standorte mit mehr Potential. So sind Investitionen in Gebiete sinnvoll, die man intensiv touristisch nutzen kann. Investitionen in wirtschaftsschwache «Chrachen» sind ökonomisch jedoch wenig sinnvoll.

Ihre Argumentation ist stark Kosten-Nutzen orientiert. Soll also nicht mehr jedes Tälchen mit der vollen Infrastruktur ausgestattet werden? Natürlich muss man sich überlegen, ob sich eine geplante Strasse in ein entlegenes Tal lohnt oder nicht. Aus rein wirtschaftlicher Sicht braucht es zwingend eine Kosten-Nutzen-Analyse. In diese Analyse dürfen durchaus auch kulturelle und historische Faktoren hineinspielen. Doch muss man sich schon sehr gut überlegen, wo man seine deutlich beschränkten Ressourcen investiert.

Subventionen hemmen das Wachstum? Mit Subventionen wird oft ein natürlicher Wandel verhindert. Aus ökonomischer Perspektive sind Subventionen meist schädlich. Sie verzerren den Markt und schmälern das Wachstumspotential.

Gemäss dem kantonalen Wettbewerbsindikator hat der Kanton Bern ein relativ unattraktives Kostenumfeld. Wo sind die Hauptprobleme? Ins Kostenumfeld fliessen die Büroflächen, Energiepreise und die Steuern. Die Preise für die Büroflächen bewegen sich im Schweizer Durchschnitt. Im Bereich der Energiepreise ist Bern jedoch sehr teuer. Der Kanton Bern ist nach dem Kanton Basel-Stadt punkto Energiepreise der zweitteuerste Kanton in der Deutschschweiz. Das ist für einen Industriekanton natürlich Gift. Und dann sind da natürlich die hohen Steuern. Einerseits die hohen Steuern für die natürlichen Personen und andererseits gehört der Kanton Bern bei den Unternehmenssteuern zu den teuersten Kantonen; während andere Kantone wie Jura, Neuenburg oder Aargau reagiert haben, hat sich Bern punkto Besteuerung nicht gross bewegt.


Besteht Gefahr, dass in der nächsten Zeit viele Firmen den Kanton Bern verlassen werden? Die Gefahr ist nicht so riesig, weil in Bern nicht viele sehr mobile Unternehmen ansässig sind.

Bei der Unternehmenssteuerreform III stehen gerade die mobilen Unternehmen im Fokus, welche Entwicklung sehen Sie diesbezüglich auf den Kanton Bern zukommen? Generell kann man sagen, dass der Druck zur Steuersenkung in einem Kanton grösser ist, wenn er stark von Statusgesellschaften abhängig ist. So gesehen ist der unmittelbare Steuersenkungsdruck für den Kanton Bern nicht sehr hoch, weil in Bern unterdurchschnittlich wenige Statusgesellschaften ansässig sind. Nur rund sechs Prozent der Steuereinnahmen im Kanton Bern stammen von diesen Statusgesellschaften. Die Westschweizer Kantone Freiburg, Waadt und Genf haben bedeutend mehr Statusgesellschaften als der Kanton Bern. Im Kanton Freiburg stammen rund 20 Prozent der Steuereinnahmen von diesen Statusgesellschaften, in den Kantonen Waadt und Genf sind es rund 30 Prozent. Diese Kantone haben ein grosses Interesse, dass ihre Statusgesellschaften nicht abwandern; deshalb werden sie ihre Steuern senken. Ebenfalls spricht man in Solothurn davon, die Steuern zu senken. Passen nun alle Nachbarkantone ihre Steuern an, würde Bern vom Kostenumfeld her schon bald weit und breit der teuerste Kanton sein. Die im Rahmen der neuen Steuerstrategie vorgesehene Senkung der Unternehmenssteuern ist deshalb ein Schritt in die richtige Richtung.

Wo sehen Sie die Hauptgründe, warum der Kanton Freiburg über viel mehr Steuersubstrat von Status­ gesellschaften verfügt als der Kanton Bern? Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Mitunter ist dies aber durch eine deutlich aktivere Ansiedelungspolitik für internationale Unternehmen des Kantons Freiburg über die letzten Jahre zu begründen.

Senkt Bern die Steuern nicht, wird der Kanton seine wenigen Statusgesellschaften noch verlieren? Von dem ist auszugehen. Vor allem wird es keine neuen Ansiedelungen mehr geben. Würde Bern zum teuersten Standort der Schweiz, erzeugt das sicher keine zusätzliche Dynamik.

Steuersenkungen sind nicht gratis. Ja. Das ist klar, Steuersenkungen kosten immer — zumindest in der kurzen Frist. Doch was für Steuersenkungen im Kanton Bern spricht, ist, dass sie weniger kosten als in anderen Kantonen. Im Kanton Bern stammen nur rund 10 Prozent der Fiskalerträge von juristischen Personen. Also fallen Senkungen der Unternehmenssteuern für den Kanton Bern weniger ins Gewicht. Beispielsweise im Kanton Solothurn macht der Anteil am Fiskalertrag von Statusgesellschaften 15  – 20 Prozent aus, im Kanton Zug sind es bis 30 Prozent.

werden im Kanton Zürich pro Kopf dreimal mehr Patente angemeldet als in Bern, in der Waadt viermal und im Kanton Basel-Stadt gar zehnmal mehr.

Wo sehen Sie die Gründe dafür? Forschungsintensive Branchen sind in Bern untervertreten. Andererseits verfügen die anderen zwei Grosskantone Zürich und Waadt über eine Eidgenössische Technische Hochschule, in deren Umfeld viel Innovation entsteht. An der Universität Bern haben hingegen Geisteswissenschaften nach wie vor ein relativ hohes Gewicht. Und Fächer wie Psychologie, Germanistik oder Ethnologie tragen nun mal weniger zur Innovationsstärke bei. Natürlich kann man nicht einfach eine ETH ansiedeln, aber man kann versuchen, das auszubilden, was die Berner Wirtschaft braucht. Und man sollte versuchen, mehr Studierende für die MINT-Fächer zu begeistern. Also: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Potential für Innovation schafft man im Kanton Bern eher in den technischen Disziplinen, dort sollte man einen Schwerpunkt setzen. Es muss nicht immer über die Universität, sondern kann auch über eine geeignete Berufsbildung gehen.

«Forschungsintensive Branchen sind in Bern untervertreten.» Mit dem Standort Biel ist der Kanton Bern nun Teil des neu geschaffenen Innovationsparks. Sehen Sie da Potential für den Kanton Bern? Die erfolgreiche Bewerbung als Netzwerkstandort zeigt schon mal, dass die Region Biel bzw. der Kanton Bern als Innovationsstandort wahrgenommen wird. Mit der Ausrichtung des Parks auf die High-Tech-Industrie wird aus unserer Sicht dort angesetzt, wo die regionale Wirtschaft ein hohes Potential zur Steigerung der Wertschöpfung besitzt. Positiv zu werten ist ebenfalls die starke Anwendungsorientierung und die hohe privatwirtschaftliche Trägerschaft des Projektes durch kleinere und grössere Unternehmen. Die öffentliche Hand sollte sich hingegen zunehmend zurückziehen und auf ihre Kernaufgaben in der Innovationspolitik fokussieren, wie die Bildungspolitik und die Bereitstellung von guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Denn schlussendlich kann Innovation nicht von oben angeordnet werden, sondern muss in den einzelnen Firmen geschaffen werden und marktfähig sein.

Bern ist als Arbeitsstandort mit der Verwaltung und den staatsnahen Betrieben sehr attraktiv. Viele Menschen, die in Bern arbeiten, leben jedoch im Kanton Freiburg oder Solothurn. Müsste es ein Ziel sein, diesen Menschen auch den Kanton Bern als Wohnort schmackhaft zu machen? Ja, natürlich wäre es super, wenn Bern die Steuereinnahmen der natürlichen Personen hätte, die in Bern arbeiten. Zwar gehören Freiburg und Solothurn nicht gerade zu den Tiefsteuerkantonen, aber die Abgaben für natürliche Personen sind dort deutlich tiefer als in Bern. Ob eine Steuersenkung für natürliche Personen sich aber für den Berner Fiskus auszahlen würde, ist zu bezweifeln, da dies mit sehr hohen Kosten verbunden ist. Positiv für Bern wäre es, wenn in diesen Kantonen die Pendlerabzüge deutlich reduziert würden.

Ihre neue Studie kommt zum Schluss, dass der Kanton Bern eine relative Innovationsschwäche hat. Wie kommen Sie zu diesem Ergebnis? Wir messen die Innovationsstärke anhand von verschiedenen Indikatoren wie beispielsweise Patentanmeldungen, Venture-Capital-Investitionen oder Neugründungen von Unternehmen. Der Kanton Bern schneidet im Vergleich mit den anderen Kantonen durchwegs unterdurchschnittlich ab. Beispielsweise

ZUR PERSON

Elias Hafner ist hauptverantwortlicher Ökonom der UBS für den KWI und generell für die Analyse der Schweizer Regionen verantwortlich, darunter auch deren Wirtschaft und Immobilienmarkt.

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TITELSTORY

Von Kaspar Meuli

Bern steht als Wirtschaftsstandort solide da, wie der neuste Kantonale Wettbewerbsindikator der UBS zeigt. In einigen der zehn untersuchten Bereiche schneidet der Kanton gar überdurchschnittlich ab — in anderen hingegen hat er klar Verbesserungspotential. BERNpunkt wollte von Experten wissen, wie sich diese besonderen Stärken und Schwächen erklären lassen. Einen Spitzenplatz belegt Bern im kantonalen Vergleich beim Ausbildungsstand seiner Bevölkerung. Unter dem Stichwort «Humankapital» vergleicht der Wettbewerbsindikator das Bildungsniveau. Dies anhand des Bevölkerungsanteils mit einem Hoch- oder Fachhochschulabschluss oder mit höherer Berufsbildung. Aussagekräftig für die Wettbewerbsfähigkeit eines Kantons ist dieser Indikator, da der gute Ausbildungsstand einen «bedeutenden Treiber des Wirtschaftswachstums» darstelle, so die Studie. Eine besser ausgebildete Bevölkerung erbringe in der Regel höhere Produktivitätsleistungen, und die lokale Verfügbarkeit von hochqualifizierten Arbeitskräften steigere die Attraktivität des Kantons für Unternehmen. Die gute Rangierung Berns beim Bildungsniveau deckt sich mit den Erfahrungen von Andri Rüesch, Leiter Next Generation bei der Swisscom. Er ist für die rund 850 jungen Leute zuständig, die im Telekomunternehmen eine Lehre absolvieren. «Im Vergleich zu anderen Standorten», sagt er, «ist es für uns in Bern relativ einfach, Lernende zu finden, die unseren hohen Ansprüchen genügen.» Die Swisscom suche Leute, die in der Lage seien, in der Lehre den Notenschnitt einer Fünf zu erreichen.

«In Bern ist es für uns relativ einfach, Lernende zu finden, die unseren hohen Ansprüchen genügen.» Andri Rüesch, Swisscom

Die Stärke des Bildungsstandorts Bern erklärt sich der Lehrlingsverantwortliche der Swisscom nicht zuletzt durch das breite Angebot: In allen Ballungsräumen gäbe es Gymnasien. Bern sei ein etablierter Universitätsstandort inklusive Universitätsspital und Pädagogischer Hochschule. Und auch die Fachhochschulen trügen zur Vielfalt an Ausbildungsmöglichkeiten bei. Zudem hält Andri Rüesch einen gesellschaftlichen Erklärungsansatz für das hohe Bildungsniveau bereit: «Bern zieht durch seine guten Arbeitsmöglichkeiten und die hohe Lebensqualität viele Menschen mit höherer Bildung an, denen es wichtig ist, dass auch ihre Kinder eine gute Ausbildung erhalten.» Attraktive Arbeitgeber seien neben Schweizer Traditionsunternehmen wie Swisscom, SBB und Post auch die öffentliche Verwaltung und das gut ausgebaute Gesundheitswesen.

KNACKPUNKT IST DIE STEUERBELASTUNG Deutlich weniger rosig sieht es für Bern gemäss Kantonalem Wettbewerbsindikator bei den ortsgebundenen Kosten für Firmen aus. Die Standortkosten, zu denen die Studie das Mietpreisniveau für Geschäftsflächen, die Energiepreise sowie die Höhe der Steuersätze für Firmen und deren hochqualifizierte Mitarbeiter zählt, seien sowohl für die Neuansiedlung wie für den Verbleib bestehender Unternehmen wichtig. Im Bereich «Kostenumfeld» belegt Bern im kantonalen Vergleich einen der hintersten Plätze. Dies sehr zum Verdruss von Hanspeter Gerber, dem Leiter der Geschäftsstelle Bern des Beratungsunternehmens PWC . Die hohen Berner Standortkosten, so seine Erfahrung, wirken sich tatsächlich negativ auf die Neuansiedlung von Firmen aus. Im Vordergrund stehe dabei die Steuerbelastung: «Der ausschlaggebende Faktor ist, dass immer natürliche Personen über die Ansied-

Zuverlässiger Spieler im Mittelfeld lung von juristischen Personen entscheiden. Dabei beziehen sie ihre persönliche Steuersituation stark mit ein.» Will heissen: Manager fällen Standortentscheide nicht zuletzt mit Blick aufs eigene Portemonnaie. Für den Berner PWC-Chef ist der Kantonale Wettbewerbsindikator nicht nur bei der Finanzsituation «sehr aussagekräftig». Obwohl sich über die Gewichtung der Faktoren oder zusätzliche Indikatoren bestimmt streiten lasse, gebe die Studie einen guten Überblick über die Stärken und Schwächen einer kantonalen Volkswirtschaft. Wo genau aber besteht in Bern bei den Standortkosten Handlungsbedarf? Hanspeter Gerber: «Der Kanton muss seine Strukturen unbedingt kostengünstiger organisieren oder zumindest konsequent Kosten eliminieren. Nur so erhält er den finanzpolitischen Spielraum, um über Steuersenkungen auch für natürliche Personen wieder attraktiv zu werden. Heute wird zu viel Energie darauf verwendet, die bestehende Kostenstruktur zu rechtfertigen, anstatt zum Beispiel aufzuzeigen, was mit zehn Prozent tieferen Ausgaben möglich wäre.»

DIVERSIFIKATION VERHINDERT KLUMPENRISIKO Besonders gut schneidet der Kanton hingegen mit Blick auf die Diversifikation seiner Wirtschaft ab. Hinter der Waadt belegt Bern in diesem Punkt des Ratings Rang Nummer zwei. Von Bedeutung sei die Wirtschaftsstruktur eines Kantons deshalb, so die Wettbewerbsstudie, da sie nicht nur die Wachstumsdynamik beeinflusse, sondern auch allfällige Risiken für die künftige wirtschaftliche Entwicklung. Sei das Wachstumspotential nur durch wenige Industriezweige getrieben, bestehe ein Klumpenrisiko. Breit abgestützte, diversifizierte kantonale Volkswirtschaften hingegen könnten den Rückgang in einer Branche oder auch eine Krise in einer Exportdestination besser auffangen. Tatsächlich verfügt im Kanton Bern jede Region über ihr eigenes wirtschaftliches Profil, das sich vom kantonalen Durchschnitt unterscheidet. Im Mittelland dominiert der Dienstleistungssektor mit der öffentlichen Verwaltung und dem Gesundheitswesen; im Oberland der Tourismus und die Landwirtschaft; im Emmental-Oberaargau sind es Landwirtschaft und Industrie — insbesondere der Maschinenbau —, und in den Regionen Seeland und Berner Jura hat die exportorientierte Metall-, Präzisions- und Uhrenindustrie eine starke Stel-


INNOVATIVE SCHWEIZ

Laut einer Mitteilung des Europäischen Patentamtes (EPA ) von anfangs März sind im vergangenen Jahr 7088 Patentanmeldungen aus der Schweiz eingegangen. Das sind 2 ,6 Prozent mehr als im Jahr 2014 und das entspricht 873 Patentanmeldungen pro Million Einwohner. Kein anderes Land hat mehr Patentanmeldungen pro Million Einwohner als die Schweiz: Mit grossem Abstand folgen die Niederlande (419), Schweden (392 ), Deutschland belegt den 6 . Rang (307 ). Der erste aussereuropäische Staat ist Japan (169). Die grössten Schweizer Patentanmelder waren: Roche, ABB , Nestlé, Novartis, die ETH in Zürich und Lausanne. (rli)

Bern ist ein etablierter Universitätsstandort inklusive Universitätsspital und Pädagogischer Hochschule.

lung. Die Region Bern-Mittelland ist mit 49 Prozent der Arbeitsplätze das eigentliche Wirtschaftszentrum des grossen und heterogenen Kantons. Einzig bei den Exporten liegt das Seeland vor dem Mittelland. Für den Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann von der Universität Zürich erklärt sich die stark diversifizierte Wirtschaft des Kantons vor allem durch seine Grösse. «Die Tatsache, dass Bern wirtschaftlich so breit aufgestellt ist», sagt er, «wirkt sich heute natürlich positiv aus.» Historisch gesehen jedoch sei der Kanton durch seine Grösse in der Entwicklung gebremst worden. Bern hatte mit diversen strukturellen und geographischen Hypotheken zu kämpfen. Die grossen, ertragreichen Höfe im Mittelland etwa verzögerten die industrielle Entwicklung, da der wirtschaftliche Druck hier viel kleiner war als in der Ostschweiz, wo die Bauern gezwungen waren, sich durch Heimarbeit ein Zubrot zu verdienen und schliesslich ganz zu Industriearbeitern wurden. Aber auch die geographische Lage an der Aare war für Bern ein Nachteil. Im Vergleich zu Städten wie Basel und Genf jedenfalls, die mit Rhein und Rhone als Transportwege über eine viel bessere Ausgangslage für die Entwicklung des Handels verfügten.

WEICHEN FÜR INNOVATIONSFÖRDERUNG RICHTIG GESTELLT Ebenfalls mit Grösse und geographischen Gegebenheiten hat womöglich das schlechte Abschneiden des Kantons beim Wettbewerbsindikator «Innovation» zu tun. Dies jedenfalls glaubt Marcel Aeschlimann, Geschäftsführer der Bieler Firma Creaholic und Verwaltungsrat des Innocampus Biel. «Dass Bern bei der Innovationsfähigkeit im Hintertreffen liegt, erklärt sich durch die Struktur des Kantons», sagt er. «In den stark industrialisierten Regionen wie am Jurasüdfuss ist die Innovationskraft durchaus gross.» In der durch Verwaltung, Bildung und Gesundheitswesen geprägten Stadt Bern hingegen würden eher wenige Patente angemeldet, weshalb der Kanton als Ganzes mit Blick auf die Innovationen unterdurchschnittlich abschneide. Tatsächlich stützt sich der Wettbewerbsindikator zur Berechnung der Innovationsstärke auf die Anzahl der Patentanmeldungen und die Höhe der getätigten Venture-Capital-Investitionen. Diese Faktoren zeigen laut der Untersuchung, ob Innovationen zu Wettbewerbsvorteilen würden. Die ebenfalls berück-

sichtigte Zahl der Unternehmensgründungen und die der neu geschaffenen Stellen gäben Aufschluss über die Fähigkeit einer kantonalen Volkswirtschaft, sich zu erneuern.

«Eine Ausgangslage, wie es sie in den vergangenen 100 Jahren nie gab.» Für eine weitere Stärkung der Innovationsfähigkeit sieht Marcel Aeschlimann den Kanton auf dem richtigen Weg. Dass Biel zu einem von lediglich fünf Standorten des im Januar 2016 eröffneten «Innovationsparks Schweiz» gewählt wurde, sei extrem wichtig und werde weit über die Region hinausstrahlen. «Wir haben mit dem Innovationspark eine Ausgangslage, wie es sie in den vergan­ genen 100  Jahren nie gab.» Zentral für den Erfolg des Projekts zur Innovationsförderung seien der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Fachhochschulen und Unternehmen, und dazu seien die Voraussetzungen in Biel optimal. In der Seelandmetropole ist einerseits die innovationsgetriebene Präzisions- und Uhrenindustrie stark verankert, und andererseits entsteht hier in den nächsten Jahren der neue Technik und Architektur Campus der Berner Fachhochschule.

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TITELSTORY

Bern: Ein Kanton mit Potential — aber … Von Dr. Adrian Haas, Direktor Handels- und Industrieverein

Der Kanton Bern ist eine Schweiz im Kleinen. Er hat Potential. Dennoch hinkt er den anderen Kantonen hinten nach. Ein Kulturwandel weg vom Obrigkeitsdenken hin zu mehr Unternehmergeist täte Not. Wachstum lässt sich eben nicht verordnen. Auch den grossen Befreiungsschlag gibt es nicht. Vielmehr müssen mit Beharrlichkeit und Priorität die Standortbedingungen verbessert werden. Ein Plädoyer des Handels- und Industrie­ vereins für Wachstum und Realitätssinn. Starke und schwache Regionen: Der Kanton Bern ist eine Schweiz im Kleinen.

Die Schweiz ist trotz einiger politischer Wirren in der jüngsten Vergangenheit nach wie vor ein Garant für soziale, politische und wirtschaftliche Stabilität. Unsere Hochschulen ziehen die besten Köpfe aus dem In- und Ausland an und das Berufsbildungssystem sorgt für Fachkräfte mit Wissen und Praxiserfahrung, welche ihr Know-how in die Unternehmen tragen und die Produktivität hochhalten. Die Unternehmen wiederum können durch die Personenfreizügigkeit (noch!) und den flexiblen Arbeitsmarkt schnell auf wirtschaftliche Entwicklungen reagieren. Die Infrastruktur in der Schweiz ist gut ausgebaut, das Stras­ sennetz und der öffentliche Verkehr sind flächendeckend (wenn auch in der letzten Zeit vielerorts überlastet). Diese positiven Rahmenbedingungen finden Unternehmen grundsätzlich auch im Kanton Bern als Teil des «Erfolgsmodells Schweiz». Der Kanton Bern ist eine Schweiz im Kleinen. Er weist wie die Schweiz innerhalb seiner Grenzen grosse regionale Unterschiede auf. Wirtschaftlich starke Regionen stehen strukturschwachen Gebieten gegenüber. Alles in allem müsste der Kanton also hinsichtlich seiner Kennzahlen ungefähr dem schweizerischen Durchschnitt entsprechen. Das ist jedoch nicht der Fall.

«Wachstum lässt sich nicht staatlich verordnen.» FEHLENDE DYNAMIK Im Vergleich zu anderen Kantonen entwickelt sich Bern leider weniger dynamisch. Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf der Bevölkerung wie auch pro Erwerbstätigem liegt unter dem Wert der Schweiz. Das Bevölkerungswachstum ist deutlich unterdurchschnittlich und die Zahl der Erwerbstätigen und der Arbeitsplätze nimmt weniger stark zu als in der Schweiz insgesamt. Der Kanton Bern erhält mittlerweile aufgrund seiner Ressourcenschwäche aus dem nationalen Finanzausgleich NFA rund 1 ,2 Milliarden Franken — so viel wie kein anderer Kanton.

Die Politik redet solche Fakten meist schön, indem sie zunächst entschuldigend auf die Lasten eines «Flächenkantons» hinweist, die Finanzausgleichsbeiträge auf den einzelnen Bürger herunterbricht oder kompensierend die hohe Lebensqualität in unserem Kanton betont (als wäre dies nicht ein gesamtschweizerisches Asset).

DENNOCH: ES GIBT PERLEN IN DER WIRTSCHAFT Die fehlende Dynamik unseres Kantons kann nicht den ansässigen Unternehmen angelastet werden. Landauf landab sind nämlich auch hier viele innovative Betriebe am Werk, die sogar international für Furore sorgen. Zu denken ist etwa an die zahlreichen Premium-Uhrenmanufakturen, an die CSL-Behring AG , an Lantal-Textiles, Glas Troesch, Haag-Streit Group, Emmi, Camille Bloch und viele mehr. Insgesamt ist die Wirtschaftskraft des Kantons Bern aber trotz zahlreichen «Perlen» und innovativen KMU eher tief. Aufgrund der Hauptstadtfunktion dominiert hier die öffentliche Verwaltung, welche im Vergleich mit der Privatwirtschaft wenig unter Wettbewerbs- und Anpassungsdruck steht, was mitunter einen Grund für die fehlende Dynamik darstellt. Überdies schärft die Profilierung als Politzentrum das Image eines trägen Verwaltungskantons, in welchem lieber Geld ausgegeben als erwirtschaftet wird. Eines ist klar: Wachstum lässt sich nicht staatlich verordnen. Staatswirtschaft und Staatseingriffe in die private Wirtschaft bringen keinen Erfolg. Vielmehr muss die Politik dafür sorgen, dass die Unternehmungen in unserem Kanton ein vorteilhaftes Umfeld antreffen, welches ihre Tätigkeit erleichtert. Wie eine Pflanze, so braucht auch eine Unternehmung fruchtbaren Boden. Wachsen muss sie selber.  

KULTURWANDEL NÖTIG

In Bern denkt man gerne in theoretischen Potentialen, Visionen, Konzepten oder Szenarien und verfasst akribisch Strategiepapiere. Politiker, Medien, Universitätsforen und Organisationen aller Art wälzen in technokratischer Manier hochtrabende Gedanken darüber, wie Bern wirtschaftlich genesen könnte. Dabei dominiert die Vorstellung, bestehende Probleme könnten mit einem gros­ sen Wurf von oben gelöst werden. Dies ist letztlich Ausdruck eines Obrigkeits-


denkens und einer Staatsgläubigkeit, wie sie leider für Bern typisch sind. Es fehlen der Unternehmergeist und die Erkenntnis, dass eine Verbesserung der Standortbedingungen nur mit einer Priorisierung der Anstrengungen unter Wachstumsoptik und mittels kleiner, aber sehr beharrlicher Schritten vorwärts erfolgen kann. Letzteres erscheint zunächst wenig spektakulär und niemand kann sich damit ein Denkmal setzen.

WO ANSETZEN?

STANDORTQUALITÄTEN DER KANTONE IM VERGLEICH ZG 2.0 1.5 1.0 0.5

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Während etwa die Topographie oder die geographischen Distanzen zu anderen Standorten unveränderbar sind, kann die Politik einen Teil der Rahmenbedingungen für Unternehmen durchaus positiv beeinflussen. Sie kann die Ausbildung stärken, indem sie zum Beispiel die Forschung an den Hochschulen fördert, sie kann die Erschliessung mit dem öffentlichen und dem privaten Verkehr verbessern oder die Steuerbelastung für juristische Personen und für Kader erträglicher gestalten. Auch kann sie dafür sorgen, dass sich Unternehmen nicht im Dickicht von Vorschriften verirren. In fast allen genannten Bereichen besteht im Kanton Bern Nachholbedarf, vielleicht abgesehen vom Bildungsbereich, wo sich die Politik in den letzten Jahren sehr bemüht hat, die Akzente richtig zu setzen. Bedauerlich ist zudem, dass die Stadt Bern als grundsätzlich bester Wirtschaftsstandort ihr Potential zum Nachteil des gesamten Kantons zu wenig nutzt und mit oft kleinkarierter Politik im Verkehrsbereich und bei baulichen Vorgaben Betriebe und Investoren vergrault. Wenn das Herz (des Kantons) nicht genug pumpt, sind auch die weiteren Organe nicht ausreichend mit Blut versorgt. Selbstverständlich sind Investitionen in Bildung, Verkehrsinfrastrukturen und ins Steuerklima nicht gratis zu haben. Eine Priorisierung der Staatsausgaben und -aufgaben nach Wachstumsoptik tut not. Auf lange Sicht dürfte sich aber eine Verbesserung des Ressourcenpotentials volkswirtschaftlich auszahlen, selbst wenn ein Teil davon via Reduktion der nationalen Finanzausgleichsgelder wieder kompensiert wird. Der Kanton Bern ist zwar verhältnismässig gross und vielfältig, eben eine Schweiz im Kleinen, aber Hopfen und Malz sind deshalb nicht verloren. Schritt für Schritt in die richtige Richtung in beharrlicher Abfolge führen zum Ziel. Den grossen Befreiungsschlag gibt es nicht.

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An attraktiven Standorten investieren Firmen, schaffen Arbeitsplätze und Wohlstand — Zug und Zürich führen das Ranking an. Quelle: CS.

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TITELSTORY

Unser illusionärer Wohlstand

Von Reto Liniger

Das Bruttoinlandprodukt gilt verbreitet als Indikator für Wohlstand. So ist das BIP zum Kompass für die Wirtschaftspolitik geworden. Doch taugt das BIP dafür? Macht mehr Wirtschaftswachstum die Menschen wirklich zufriedener? Die Antworten der Glücksforschung.

Die Glücksforschung zeigt eindeutig: Arbeit macht glücklich.

Aus der Wirtschaft zieht eine Zahl alle Aufmerksamkeit auf sich: das Bruttoinlandprodukt (BIP). Das BIP steht für den Wert aller während eines Jahres im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen. Gleichzeitig gilt es verbreitet als Wohlfühlmesser der Gesellschaft. Die Annahme geht so: Wächst das BIP, nimmt der Wohlstand zu; da mehr Jobs geschaffen werden können und die Menschen mehr Geld in den Taschen haben. Sinkt es, droht hingegen Ungemach. Wohlstand ist gemäss dieser Leseart vor allem eines: materieller Reichtum. So wird heute über Washington bis Frankfurt und Tokio alles unternommen, um Wachstum zu schaffen. Der Weltwirtschaft wird massiv Doping verabreicht: Historisch tiefe Zinsen, riesige Schuldenberge und milliardenschwere Konjunkturprogramme sollen die Wirtschaftsleistung ankurbeln. Doch wie gut taugt das BIP als Indikator für Wohlstand? Die Zweifel an der Aussagekraft des BIP sind nicht neu. Bereits 1968 witzelte der ehemalige US Senator Robert Kennedy:«Das Bruttoinlandprodukt nimmt keine Kenntnis von unserem Mut, unserer Anständigkeit, unserer Intelligenz und Weisheit. Es misst alles ausser dem, was das Leben lebenswert macht.» Das BIP hatte auch nie den Anspruch, ein Wohlstandsindikator zu sein. Konzipiert wurde es in den 1930 er Jahren, um das Einkommen einer gesamten Volkswirtschaft zu messen. Bald erlebte diese Kennzahl eine ungemeine Anziehungskraft. Politik, Wirtschaft und Journalisten stürzten sich auf sie; und fortan ging es in den wirtschaftspolitischen Debatten fast nur noch um die Frage, wie sich das BIP steigern lässt. Denn besonders in den harten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Wirtschaftswachstum, und damit materieller Wohlstand, in Verbindung mit Glück gebracht. Das BIP wurde zur wichtigsten Kennzahl der Volkswirtschaft und diente fortan einer breiten Öffentlichkeit als Hinweis, ob es einem Land gut geht.

DER KAMPF UMS BIP ALS SELBSTZWECK? Ein entscheidender Aspekt ist vergessen gegangen: Das BIP ist nur eine Zahl, welche die Produktion von Gütern und Dienstleistungen misst. Eine eindeutige Verbindung zum Wohlergehen der Menschen gibt es nicht. Es kann dem Wohlergehen der Menschen sogar abträglich sein: So sorgen Verkehrsunfälle und Naturkatastrophen für ein wachsendes BIP, weil sie Kosten verursachen; ebenfalls Krankheiten durch Stress, denn sie sorgen für höheren Umsatz der Pharmaindustrie.

Aber fragen wir die ökonomische Glücksforschung: Sind die Menschen wirklich zufriedener, wenn das BIP steigt und sie mehr Geld in der Tasche haben? Die Ökonomie hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dieser Thematik befasst. Sorgfältige empirische Studien zeigen eindeutig: Menschen, die in reicheren Ländern wohnen, sind im Durchschnitt glücklicher als solche in armen Ländern. Ist allerdings ein mittleres Einkommen erreicht, erhöht zusätzliches Einkommen das Glück nicht mehr. Daniel Kahneman und Angus Deaton, beide Träger des Wirtschaftsnobelpreises, haben genau dazu 2010 an der Universität Princeton eine spannende Studie vorgelegt. Sie haben 45  0 00 Datensätze ausgewertet, die Informationen über Einkommen und Wohlbefinden von US -Amerikanern enthielten. Sie stellten fest, dass das Wohlbefinden tatsächlich mit dem Einkommen wachse, «aber nicht mehr jenseits eines Jahreseinkommens von ungefähr 75  0 00 Dollar.» Dem damaligen Wechselkurs zufolge entspricht dieser Betrag etwa 75  0 00 Schweizer Franken, was ein monatliches Bruttoeinkommen von ungefähr 5800 Franken ausmacht.

«Das BIP misst alles ausser dem, was das Leben lebenswert macht.» Zum selbigen Ergebnis kommt der renommierte Schweizer Glücksforscher und Ökonom Bruno S. Frey. In seinem Aufsatz Macht Geld allein glücklich? schreibt Frey: «Personen mit höherem Einkommen bewerten ihr subjektives Wohlbefinden eindeutig höher als ärmere Personen. Diese positive Korrelation zwischen Einkommen und Glück ist statistisch gut gesichert.» Doch auch Frey stellt fest, dass mehr Geld ab einer bestimmten Schwelle nicht glücklicher mache. Er spricht vom abnehmenden Grenznutzen und vergleicht Geld mit Pizza. Das erste Stück Pizza stiftet einen hohen Nutzen, das zweite Stück ist auch willkommen, macht aber schon weniger zufrieden. Beim fünften Stück ist der Hunger bereits gestillt — so verhält es sich auch mit dem Geld.


Mit Blick auf diese Ergebnisse drängt sich eine Frage auf: Ist es in der Schweiz noch sinnvoll, dem BIP solche Aufmerksamkeit zu schenken? Lassen wir die Frage unbeantwortet und wenden uns lieber der Frage zu: Welche Faktoren beeinflussen sonst die Zufriedenheit — oder anders ausgedrückt: den Wohlstand — eines Menschen? Entscheidend sei die Arbeit, schreibt Frey in seinem Aufsatz Wachstum, Wohlbefinden und Wirtschaftspolitik. «Wer arbeitslos ist, ist wesentlich unglücklicher als ein Beschäftigter.» Das Gefühl, nutzlos zu sein, macht unglücklich; also sind Arbeitsplätze enorm wichtig. Arbeit macht glücklich. In dieser Hinsicht hat der Wirtschaftsstandort Bern gute Karten in der Hand, die Arbeitslosenquote ist hier gering. Und die starke Diversifikation der Wirtschaftsstruktur macht den Wirtschaftsstandort Bern konjunkturresistent.

SOZIALE KONTAKTE MACHEN ZUFRIEDEN Ein weiterer entscheidender Faktor sei die Einkommensverteilung. Die Ergebnisse der Glücksforschung zeigten, «dass verstärkte Einkommensunterschiede die Lebenszufriedenheit der Bevölkerung in den meisten Ländern schmälern.» Also macht Ungleichheit die Menschen eher unzufrieden, während die Aussicht auf sozialen Aufstieg dem Glück förderlich ist. Eine gute Ausbildung mache die Menschen glücklich, so Frey. Je besser eine Person ausgebildet sei, desto eher kann sie ihr Potential verwirklichen. Nicht erstaunlich ist, dass soziale Kontakte die Menschen glücklich machen. «Je intensiver die sozialen Beziehungen eines Menschen sind, desto glücklicher ist er.» Die Förderung von Familie und Freunden muss folglich ein sozialpolitisches Ziel sein. Die Lebenszufriedenheit der Menschen kann aber auch gefördert werden, indem man Städte so konzipiert, dass sie enge Kontakte zwischen den Einwohnern fördern. In diese Richtung hat sich die Stadtplanung in den letzten Jahren entwickelt. Es gebe weniger Betonburgen und auch die Dominanz des Autoverkehrs sei in den letzten Jahren eingeschränkt worden, so Frey. Glück ist letztlich nicht nur ein Ziel, sondern auch eine wichtige Voraussetzung, um anderes zu erreichen. Der Einfluss des Glücks auf die Gesundheit ist immens: Wer glücklich ist, hat eindeutig eine längere Lebenserwartung. Glückliche Menschen leben rund 14  Prozent länger als solche, die sich als unglücklich bezeichnen — in der Schweiz seien dies rund 10 Jahre.

PIONIERARBEIT IN BERN Ist das BIP also der richtige Kompass für die Wirtschaftspolitik? Ist es nicht zu eindimensional? Die momentanen Wohlstandsmasse seien für die neue Zeit nicht mehr so geeignet und bildeten nicht mehr richtig ab, was wirklich passiere, sagte nicht irgendein ewiger Nörgler, sondern die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde. Der Kanton Bern leistet mit seinem Wohlstandsindex schon mal Pionierarbeit. Bern ist der erste Kanton, der einen Index zum Wohlstand präsentiert, der über das BIP hinausgeht. Der Wohlstands­ index misst in vier Dimensionen unter anderem das frei verfügbare Einkommen der Menschen, die Erreichbarkeit der Zentren, die Abfallmenge pro Einwohner oder die Arbeitslosen- und Sozialhilfequote. Sprich: Wohlstand bedeutet für den Kanton Bern nicht nur materiellen Reichtum. Bereits 2009 legten die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen einen Alternativen Wohlfahrtsindikator vor. Einkommen und Konsum, Heimarbeit und ehrenamtliche Arbeit sollen einfliessen. Zum Wohlergehen jedes Einzelnen zählen die Ökonomen auch die Gesundheitsvorsorge, Freizeitmöglichkeiten, den Zugang zu Bildung und die Freiheit, sich politisch zu engagieren. Und Ende vergangenen Januar haben die Grünen in Deutschland einen Gegenentwurf zum herkömmlichen Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung vorgelegt. Sie fordern einen Wohlstandsbericht mit Indikatoren wie Umwelt, Einkommensverteilung, Lebenszufriedenheit oder Bildungsabschlüssen. «Bisher haben wir den Wohlstand in Deutschland gemessen wie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg», sagte ein Studienautor gegenüber dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Das BIP bilde viele Dimensionen des Wohlstandes nicht ab und gaukle daher einen «illusionären Wohlstand» vor.

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TITELSTORY

Creative Economies in Bern oder: globale Phänomene lokal diskutieren Von Christoph Weckerle, Direktor Departement Kulturanalysen und Vermittlung, Zürcher Hochschule der Künste

Die Wertschöpfung der Kultur- und Kreativwirtschaft ist eindrücklich. Weltweit steht dieser Branchenkomplex für knapp 30 Millionen Beschäftigte. Eine erstmalige grobe Erhebung zeigt: Im Kanton Bern weist die Kultur- und Kreativwirtschaft im schweizweiten Vergleich überzeugende Werte auf. Der Kanton Bern steht für mehr als 10 Prozent der Schweizer Kultur- und Kreativwirtschaft; einzelne Branchen erreichen gar einen Anteil von bis zu 15 Prozent.

Seit Beginn der 1990 er Jahre wird auf internationaler Ebene über die Creative Industries debattiert und die Diskussionen und Berichte zu diesem Branchenkomplex haben nach wie vor Konjunktur. Das Wissen über dessen Wirtschaftskraft sowie über die Implikationen für die Kultur und Gesellschaft ist in den letzten Jahren gewachsen und hat sich aus dem Feld der Wissenschaft vermehrt ins Feld der Politik verlagert, weil erkannt wurde, welch eindrückliche Wertschöpfung durch die Kultur- und Kreativwirtschaft erwirtschaftet wird. Dies belegt auch die jüngst veröffentlichte Studie der CISAC — The International Confederation of Societies of Authors and Composers — des weltweit bedeutendsten Dachverbands der Verwertungsgesellschaften mit rund 230 Mitgliederverbänden in 120 Ländern. CISAC vertritt rund vier Millionen Künstler weltweit in den Bereichen Musik, audiovisuelle Künste, Drama, Literatur und bildende Kunst. Die Botschaft aus der Studie «Cultural times. The first global map of cultural and creative industries» ist eindrücklich: Die Kultur- und Kreativwirtschaft generiert weltweit Einnahmen in der Höhe von US $ 2250 Milliarden und ist verantwortlich für 29,5 Millionen Arbeitsplätze; dies entspricht 1  % der weltweit aktiv beschäftigten Bevölkerung.

«Kultur hat grosses Potential, positiv auf die Innovationskraft zu wirken.» Die Studie, zu der auch die Generaldirektorin der UNESCO ein Geleitwort beigesteuert hat, weist nebst harten Zahlen und Fakten auch auf weiche Faktoren hin: Kreative Aktivitäten tragen substantiell zur Jugendbeschäftigung bei und berufliche Laufbahnen in der Kultur- und Kreativwirtschaft sind grundsätzlich offen für Personen unterschiedlichster Altersgruppen und sozialer Hintergründe. Auch wird bestätigt, dass der Frauenanteil höher ausfällt als in den traditionellen Industrien. Wichtig ist den Verfassern der Studie der Hinweis auf die kleinteiligen Strukturen der Kultur- und Kreativwirtschaft, welche innovative Geschäftsmodelle favorisieren und für einen hohen Anteil an Selbständigkeit stehen. Für die USA wird bspw. ein mehr als drei Mal so hoher Wert ausgewiesen wie für die gesamte Volkswirtschaft.

…  N ATIONAL ZUNEHMEND STRATEGISCH … Auch in der Schweiz hat sich die Diskussion zur Kultur- und Kreativwirtschaft intensiviert. Im Unterschied zu anderen Ländern wird die Debatte auf nationaler Ebene primär von Seiten der Kultur und weniger von Seiten der Wirtschaft geführt. So sind es in erster Linie das Bundesamt für Kultur und Pro Helvetia, die das Thema diskutieren. Beim Staatssekretariat für Wirtschaft, SECO, oder bei verwandten Dachverbänden figuriert das Thema kaum auf der Agenda. In der Botschaft zur Förderung der Kultur in den Jahren 2016  – 2020 (Kulturbotschaft), dem zentralen Strategiedokument der Schweiz für Kulturpolitik und Kulturförderung, gehört der Bereich zu einem dem vordringlichen Ziele: «Kultur hat ein grosses Potential, positiv auf die Kreativität und Innovationskraft eines Staates wie auch auf dessen Wahrnehmung im Ausland einzuwirken. So ist das Kunst- und Kulturschaffen ein wichtiges Experimentier- und Erprobungslabor für Fragen der Zukunft und kann Innovations- und Erneuerungsprozesse auslösen.» Für die Förderperiode 2016  – 2020 hat der Bund im Kulturbereich folgende Massnahmen definiert: «Vertiefung der erprobten Zusammenarbeit zwischen Kulturförderung, Industrie und Wirtschafts- sowie Innovationsförderung in den Sparten Design und interaktive digitale Medien; Einführung einer Standortförderung im Bereich der Filmherstellung». Abgesteckt wird hier ein Feld, das einerseits die Akteure — Künstler, Designerinnen, Filmer, … — bzw. deren Praxen und Prozesse ins Zentrum stellt, und welches andererseits gemeinsame Dimensionen von Kultur- und Wirtschaftsförderung genauer beleuchten will.

… U ND REGIONAL MIT ENTWICKLUNGSPOTENTIAL. Auf kantonaler und regionaler Ebene kann ein steigendes Interesse am Thema festgestellt werden. Lange waren einzig die Standort- bzw. Wirtschaftsförderungen von Stadt und Kanton Zürich mit dem Thema befasst und haben in Kooperation mit der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) seit 2005 Kreativwirtschaftsberichte erstellt. Die Stadt Zürich hat das Thema «Kultur- und Kreativstadt Zürich» zum Legislaturschwerpunkt für die Amtsperiode bis 2014 gesetzt. Die gesteigerte Anzahl von Anfragen einzelner Städte oder Kantone bei der Forschungsstelle für Creative Economies an der Zürcher Hochschule der Künste


Kultur- und Kreativwirtschaft: Weltweit Einnahmen von 2250 Millionen US-Dollar.

weist darauf hin, dass die Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft auch andernorts erkannt wird. Bei der Entwicklung lokaler Strategien für die Kultur- und Kreativwirtschaft ist auf zwei Aspekte zu achten: Einerseits gilt es auf spezifische Traditionen und Stärken abzustützen, andererseits sollte der Fokus nicht zu eng auf einzelne Branchen eingeengt sein, da bedeutende Wertschöpfungsmechanismen oft über die Kultur- und Kreativwirtschaft hinausgehen. Von Interesse sind kreative Kollokationen und Spillovers, also die Frage, ob es innerhalb der Kulturund Kreativwirtschaft Bereiche gibt, die sich in räumlichen Kontexten mit anderen Bereichen entwickeln und wo Effekte zu beobachten sind, in denen die Kultur- und Kreativwirtschaft auf andere Branchen wirkt. Für eine erste Annäherung an das Thema sind statistische Analysen aufschlussreich. Die zwischen der ZHdK und dem Statistischen Amt des Kantons Zürich errechneten Werte unten zeigen, dass aufgrund einer ersten, groben Auswertung der Kanton Bern für mehr als 10 % der Schweizer Kultur- und Kreativwirtschaft steht. Einzelne Branchen erreichen einen Anteil von bis zu 15 % und könnten Ansatzpunkt für die Entwicklung von Initiativen sein.

Musikwirtschaft Buchmarkt Kunstmarkt Filmwirtschaft Rundfunkmarkt Markt der Darstellenden Kunst Designwirtschaft Architekturmarkt Werbemarkt Software-/Games-Industrie Kunsthandwerk Pressemarkt Phonotechnischer Markt Total Kreativwirtschaft

BE 1350 530 750 260 20 400 980 1540 330 680 170 630 220 7850

Robust werden Überlegungen zur Kultur- und Kreativwirtschaft jedoch erst dann, wenn Makroanalysen mit Zugängen auf der Mikroebene hinterfragt werden. Wenn sich Künstlerinnen und Designer und Vertreter anderer Branchen zum Thema äussern und Projekte an den Schnittstellen entstehen. Für das Spannungsfeld zwischen Mikro- und Makro hat die Forschungsstelle für Creative Economies der ZHdK in den letzten Jahren Formate erprobt und etabliert. Für jede Region gilt es aber, einen eigenen, massgeschneiderten Zugang zu entwickeln, der die lokale Dimension und damit die regionale Ausprägung des globalen Phänomens Creative Economies berücksichtigt.

WEITERE INFOS

www.creativeeconomies.com

Arbeitsstätten Schweiz

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9460 4290 5910 2400 120 2890 8630 14890 3330 7020 1230 5290 1710 67170

14 12 13 11 17 14 11 10 10 10 14 12 13 12

BE 2110 1190 800 570 730 860 1710 4580 1540 4750 550 2130 1130 22660

Vollzeitäquivalente Schweiz 20710 7830 7220 7140 7200 9170 16420 41020 14410 34860 4500 19930 8650 199090

Quelle: BFS, STATENT 2011, eigene Berechnungen Zürcher Hochschule der Künste & Statistisches Amt Kanton Zürich, weitere Informationen www.creativeeconomies.com

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KULTURSTRATEGIE

«Kultur macht Gesellschaft toleranter»

Von Manuela Ryter

Kultur schafft Lebensqualität und trägt viel zum wirtschaftlichen Wachstum und zur Attraktivität einer Stadt bei. Mit der neuen Kulturstrategie will die Stadt Bern die gemeinschaftsbildende Wirkung der Kultur fördern. Doch was vermag Kultur in der heutigen Gesellschaft eigentlich zu leisten? Wir haben nachgefragt.

Die Stadt Bern ohne Kinos, Theater, Museen, Konzerthäuser und die ganze freie Szene? Ohne Strassenfeste und Kunstfestivals? Ohne gehobene Klassikkonzerte in der Altstadt, urbane Hipsterkaffeekultur im Breitsch und Salsanächte in Bümpliz? Ohne gut erhaltene UNESCO -Altstadtarchitektur, Geschichtsbewusstsein, Kunsthandwerk — und ohne Bären? «Unvorstellbar», sagt Franziska Burkhardt, Projektleiterin der neuen «Gesamtstädtischen Kulturstrategie der Stadt Bern» und Leiterin des Zentrums für Kulturproduktion Progr. «Kultur ist lebensnotwendig — ohne sie wären wir nichts als Hamster im Rad.» Wie viel Kultur zur Lebensqualität eines urbanen Zentrums beiträgt, sei lange Zeit stark unterschätzt worden, sagt Burkhardt. Sie beschäftigt sich momentan intensiv mit den Fragen, was Kultur ausmacht und welche Rahmenbedingungen und Förderung Kultur braucht: Bis im Herbst erarbeitet Burkhardt für die Stadt Bern eine neue Kulturstrategie. Und mit ihr neue Visionen und Leitplanken für Berns Kulturförderungspolitik. Mit einem partizipativen Ansatz und dem breiten Kulturbegriff, der sich auf die gesamte Lebenswelt der Bevölkerung beziehen soll, verpflichtet sich die Kulturstrategie der «gemeinschaftsbildenden» Wirkung der Kultur. Die Stadt Bern will mit dem Papier den «gesellschaftlichen Mehrwert der Kultur» anerkennen. Doch was vermag Kultur — nebst der monetären Wertschöpfung — in der heutigen Gesellschaft eigentlich zu leisten?

ZWISCHEN SELBSTREFLEXION UND UNTERHALTUNG «Kultur hat die Fähigkeit, uns zu unterhalten und uns gleichzeitig einen Spiegel vorzuhalten», sagt Burkhardt. Diese Selbstreflexion sei nötig, damit sich eine Person oder eine Gesellschaft weiterentwickeln könne. Natürlich gelte dies nicht für jede Art von Kultur, sagt Burkhardt, doch das sei auch nicht nötig: «Man kann Kultur auch ausüben, nur weil sie Spass macht.» Etwa in einer Tanzgruppe mittanzen oder im Kino einen Blockbuster-Film ansehen. Burkhardt ist der Meinung, dass Konsum und Kulturindustrie wie die Nischenkultur Teile der Kultur seien: «Kultur darf auch mal nur unterhalten.» Kultur bewirke jedoch nicht nur, dass wir über uns selbst nachdächten, sondern auch über die anderen, sagt Burkhardt: «Sie zwingt uns, uns mit artfremden Themen abzugeben.» Sie ermögliche damit eine Kommunikation zwischen verschiedenen Kulturen. Wer beispielsweise im Schulunterricht gemeinsam singe, zeichne oder Theater spiele, könne Sprachbarrieren und kulturelle Hindernisse überwinden. Kultur fördere damit die Entwicklung der Kinder, die immer diverser werdende Gesellschaft — und nicht zuletzt die Demokratie. Denn wer sich selbst kulturell betätige, lerne auf ein Ziel hinzuarbeiten, zu argumentieren, sich aufeinander einzulassen und sich miteinander auseinanderzusetzen.


Hier setzt die Kulturstrategie an: Sie will ein Leitbild für eine Politik schaffen, die «über ihre eigentliche Kulturförderung hinausweisen soll», wie es in den Grundsätzen zur Strategie formuliert ist. Sie will also nicht nur Geld verteilen, sondern der Vielfalt der Kultur Beachtung schenken, indem sie gute Rahmenbedingungen für alle schafft, die sich kulturell betätigen wollen.

KULTUR VERPFLICHTET Laut Urs Rietmann, Leiter des Kindermuseums Creaviva im Zentrum Paul Klee, ist dies eine der grossen Chancen der neuen Berner Kulturstrategie: «Eine Strategie ist ein Anlass, um über die grossen Ideen zu diskutieren und über Werte und Normen von Kultur zu sprechen und nicht nur über Geld.» Das gebe der Stadt Weitblick, sagt er. Für Rietmann ist Kultur nicht das wichtigste Grundbedürfnis. Sobald Menschen ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen hätten, erhalte Kultur aber sofort enorme Bedeutung. Wo Menschen zusammenkämen, spielten Künstlerinnen und Künstler schnell eine geradezu existenzielle Rolle. Dies lasse sich auch in den aktuellen Flüchtlingslagern beobachten: «Geschichten, Lieder und Tänze stiften dort Selbstverständnis, Heimat und Trost.» Dieser Umstand zeige sehr deutlich, was Kultur in der Gesellschaft leisten könne, sagt Rietmann: «Kultur kittet Gemeinschaften und gibt den Menschen Halt, wenn sie mit Sorgfalt und Respekt Disziplinen ausüben können, die über den Kampf ums tägliche Brot hinausgehen.»

«Künstler spielt eine existenzielle Rolle.» Kultur verpflichte jedoch auch, sagt Rietmann — gerade weil sie einen Menschen dazu bringe, über die eigene Befindlichkeit hinaus nachzudenken: «Kulturschaffende können sich einem Thema wie der Flüchtlingsproblematik nicht entziehen», sagt er — auch wenn es schwierig sei, adäquat auf diese Situation zu reagieren. Auch für ein Kindermuseum stelle sich die Frage, ob und wie sich Ohnmacht überwinden lasse. Rietmann will mit dem Creaviva Wege suchen, um Flüchtlingen die Möglichkeit zu geben, sich im Kindermuseum zu engagieren. «Wer gebraucht wird, entwickelt Perspektiven.»

KULTUR VERBESSERT KLIMA IN GESELLSCHAFT

KULTUR ZWISCHEN ABGRENZUNG UND OFFENHEIT Auch im kleinen Raum wie Bern sei die geistige und emotionale Orientierung, die Kultur schaffe, von grosser Bedeutung, sagt Lukas Frey, Präsident des Vereins bee-flat, des Konzertveranstalters im Progr Bern. Das Stadttheater sei für das Publikum genauso identitätsstiftend wie die Reitschule oder subkulturelle Off-Space-Galerien, innovative Clubs oder die Knabenmusik. Kulturförderung müsse diesem Umstand Rechnung tragen: «Kultur hat in Bern West andere soziokulturelle Aspekte als in der Innenstadt.» Jeder solle seine gesellschaftliche Identität über die Kultur finden können, sagt Frey. Diese Möglichkeit zur Emanzipation von Eltern oder von anderen gesellschaftlichen Gruppen sei enorm wichtig. Denn Kultur verhalle trotz dieser Abgrenzung nicht ohne Echo — die Fragen der Kulturschaffenden und ihre neuen Entwürfe zu verkrusteten Werten in der Gesellschaft wirkten auf das Publikum. «Es geht nun darum, diese Ideen verbreiteten Kreisen zu vermitteln, nicht nur dem bereits bekehrten Publikum.» Das sei jedoch gar nicht so einfach — auch in den beeflat-Konzerten sitze meist das immergleiche Publikum. «Mit verschiedenen Gefässen, etwa den Familienkonzerten, versuchen wir den Zugang zu unserer Kultur zu öffnen — damit auch junge Menschen wieder wissen, was ein Live-Konzert ist.» Diese Öffnung sei wichtig, denn Kultur arbeite nicht nur fürs feste Publikum. Sondern für die gesamte Bevölkerung.

DIE BERNER KULTURSTRATEGIE

Die Berner Kulturstrategie Die «Gesamtstädtische Kulturstrategie der Stadt Bern 2019 » wird bis im Herbst im Auftrag des Gemeinderates der Stadt Bern erarbeitet. Die Stadt Bern bekannte sich in einem ersten Schritt zur Kulturhauptstadt, zur Vielfalt der kulturellen Akteure, zur Kultur als öffentliches Interesse sowie zu Partnerschaft und Dialog im Kulturbetrieb. Das neue Leitbild wird nun in einem mehrstufigen Prozess erarbeitet, bei dem auch Kulturschaffende und Interessierte im Rahmen von zwei Kulturforen mitwirken. Konkrete Massnahmen, die während dieser Mitwirkung herausgefiltert werden, sollen dafür sorgen, dass die Kulturstrategie nicht zum Schubladenhüter wird, sondern dass die darin formulierten Visionen schrittweise umgesetzt werden.

Kultur wirke zudem befreiend, wenn man sie aktiv ausübe, sagt Rietmann. «Man lernt neue Kompetenzen kennen und findet zu einem persönlichen Ausdruck. Das macht die Menschen zufriedener, toleranter und interessierter am Gegenüber.» Rietmann ist überzeugt, dass es diese Eigenschaften sind, die eine Gesellschaft verändern: «Selbstsichere und offene Menschen müssen keine Angst vor dem Fremden haben.» Aktiv ausgeübte Kultur fördere daher ein vertrauensvolles Miteinander und verbessere das Klima in der Gesellschaft, aber auch in Politik und Wirtschaft: «Kultur kommt dem Spirit in einem Unternehmen gleich. Sie hat daher Qualitäten, die viel entscheidender sind als die rein wirtschaftlichen.» Damit mehr Menschen Kultur nicht nur passiv erleben, sondern auch aktiv an ihr teilhaben können, braucht es einen breiten Zugang zur Kultur — dies war der Tenor am Berner Kulturforum. Auch in der neuen Kulturbotschaft des Bundes, die seit Anfang Jahr in Kraft ist, ist die «kulturelle Teilhabe» zentral: «Wer am kulturellen Leben teilnimmt, entwickelt eine eigene kulturelle Identität und trägt so zur kulturellen Vielfalt der Schweiz bei», heisst es dort. Kultur könne helfen, die Veränderungen unserer Zeit besser zu begreifen, sagt auch Kulturdirektorin Isabel Chassot: «Kultur schafft Werte, die unsere gesellschaftliche und individuelle Identität nähren. Durch Kultur können wir andere besser verstehen.» Dies sei in einem mehrsprachigen und föderalistischen Land besonders entscheidend.

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BERNPUNKT-GESPRÄCH

«Bern macht mich auf eine merkwürdige Art stolz, wie wenn Federer gewinnt»

Von Kaspar Meuli

Die Pop-Rapper Lo & Leduc sind der zurzeit erfolgreichste Musikexport Berns. Im Interview mit BERNpunkt spricht Leadsänger Luc Oggier über das Geschäftsmodell seiner Band, über Freiräume und Kleingeister und über Berns Rolle in der Schweiz.

Luc Oggier, bei aller Liebe zu Bern, nervt Sie etwas an Ihrer Stadt? Manchmal machen mich vereinzelte Altstadtbewohner wütend, die lebendige Initiativen aus sehr egoistischen Gründen zunichtemachen. Doch sonst stört mich nicht viel, ich bin mit meiner Stadt heute mehr im Frieden als auch schon.

Woran haben Sie sich denn früher gerieben? Ich habe mich schwer damit getan, dass Bern in vielen Bereichen doch sehr eng ist. Da gibt es so viele gute Feste, aber um Mitternacht ist Schluss. Man kennt viele Leute, was zwar schön ist, die Stadt aber auch klein macht. Man muss anerkennen, dass Bern halt ein grösseres Dorf ist — und es auch dafür schätzen. Die Altstadt ist ja wunderschön, aber weil es so schön und schützenswert ist, lässt sich hier auch nicht viel bewegen. Das Schöne muss bleiben, wie es ist. Ich glaube, die Gemäuer dieser Stadt und ihr Naturell prägen sich gegenseitig.

Und was macht Sie stolz auf Bern? Dass in Kellern und auf kleinen Bühnen kulturell immer wieder viel Neues entsteht. Und wenn ich Besuch aus dem Ausland habe, wie kürzlich aus Mexi­ ko, bin ich schlicht stolz darauf, wie schön Bern ist. Wenn man von der grossen Schanze die Berge sieht — eine Postkartenansicht. Und die Aare — einfach wunder­schön. Da habe ich zwar nichts dazu beigetragen, aber das macht einen auf eine merkwürdige Art stolz, wie wenn Federer gewinnt.

Wie erleben Sie Bern politisch, zum Beispiel die jahrzehntelange Kontroverse um die Reithalle? Es ist ein grosses politisches Verdienst, dass es die Reithalle immer noch gibt, obwohl weiter gegen sie geschossen wird. Ich hoffe einfach, dass auch weiterhin eine Mehrheit der Berner realisiert, welch unglaublichen Wert die Reithalle für diese Stadt hat.

Ist sie auch für Sie als Musiker ein wichtiger Ort? Ja, ich bin in den letzten Jahren viel dort aufgetreten. Doch fast noch wichtiger ist mir, dass es mit der Reithalle einen Ort gibt, wo man am Freitagabend manchmal 300 junge Leute draussen rumstehen sieht, die sich amüsieren, ganz ohne zu konsumieren. Es gibt Musik, und es wird getanzt. Es ist diese Art von Freiraum, die für mich zählt. Ein Ort, wo 18 -Jährige nicht bloss willkommen sind, wenn sie einen teuren Eintritt bezahlt haben und dann auch noch tüchtig konsumieren. Es muss alternative Lebens- und Genussformen geben, und dafür sollte die Stadt Raum zur Verfügung stellen.

Rapper Leduc: «Keine Grossstadt und keine wilden Drogenzeiten nötig.»

Bern gilt als gutes Pflaster für Rock- und Popmusik. Ist das bloss ein Cliché? Nein, ich denke, das stimmt. Sobald es mal ein paar erfolgreiche Bands gibt, kopiert man die auch — und versucht umgekehrt auch, sich von ihnen abzugrenzen. Wenn mal etwas da ist, orientiert man sich auch daran, das sind Kataly­ satoren. Wir verdanken den Altmeistern viel, müssen aber auch schauen, dass man uns nicht sofort dasselbe Etikett umhängt.

Sie haben mal gesagt, eine Berner Band müsse sich in diese Musiktradition einreihen... ...man wird automatisch eingereiht.

Wie würden Sie sich denn selbst positionieren: Stehen Lo & Leduc näher bei Mani Matter, Polo Hofer oder Kuno Lauener? Ich kann einfach sagen, wer mich am meisten inspiriert hat — alles an­ dere wäre eine totale Anmassung. Das war ganz sicher Mani Matter mit seinen sehr verdichteten Texten, die man auf mehreren Ebenen verstehen kann und die sowohl Kinder wie Erwachsene hören können. Mani prägt mich seit meiner Kindheit. Polo habe ich bloss im Musikunterricht in der Schule gekreuzt. Und Kuno fing ich zu meiner Schande erst spät zu schätzen an, als ich mir Gedanken über Liedstrukturen machte. Da finde ich ihn unheimlich gut.

Sie haben Ihre Band auch schon mit einem kleinen KMU verglichen. Fühlen Sie sich als Patron, als Arbeitgeber mit Verantwortung für seine Mitmusiker? Musiker sind sehr selbständig und spielen häufig in verschiedenen KMUs. Ein Gitarrist etwa kann in drei, vier verschiedenen Bands spielen, das unter­­­­­­scheidet ihn von einem Frontsänger. Würde ich hingegen mit einer anderen Band auftreten, wäre das fürs Publikum ziemlich verwirrend. Existentielle Verantwortung gegenüber den Mitmusikern fühle ich deshalb glücklicherweise nicht, was sich wohl auch katastrophal auf kreative Arbeiten auswirken würde. Aber es ist schon wahr: Als wir so schnell erfolgreich geworden sind, mussten wir unter Freunden plötzlich über Geld und Strukturen sprechen. Kompetenzfra-


noch ein Gradmesser für den Erfolg, obwohl die meisten Computer ja gar kein CD -Laufwerk mehr haben. Künftig wird es wohl noch viel stärker so sein, dass

man ausschliesslich mit Konzerten verdient. Es sei denn, man erwägt andere, weit profitablere Einnahmequellen, aber Konzerte geben — auch an stark kommerzialisierten Festivals — ist das, was wir als Band legitim finden.

Wie liesse sich denn mehr verdienen? Na ja, wir könnten mit unserem Namen für alles Mögliche werben.

Sie haben als Band eine klare Geschäftsstrategie verfolgt: Zuerst Musik gratis zum Download an­­­­b ieten, sich so einen Namen machen und dann eine CD herausbringen und Geld dafür verlangen. Unsere erste EP interessierte kaum jemanden, obwohl darauf Lieder sind, die wir heute noch spielen. Da haben wir gemerkt: Was wir brauchen, sind Konzerte, damit uns die Leute entdecken. Denn es gibt nichts Schöneres, als Musik in einem Keller selbst zu entdecken und nicht auf einer Grossleinwand vorgesetzt zu bekommen. So sind wir denn drei Jahre lang kreuz und quer durch die Schweiz getingelt und aufgetreten, wo es nur ging. Und wir haben drei Gratisalben aufs Internet gestellt. Aber so eine Strategie nützt sich natürlich auch ab. Heute ist es definitiv schon schwieriger, mit so einem Gratisrelease Leute zu erreichen.

Zurück zu Bern. Träumen Sie als Musiker nicht vom Leben in einer grossen, vibrierenden Stadt? Ich glaube, wenn man die Provinz als Provinz anerkennt, dann birgt sie sehr viel in sich, von dem man profitieren kann. Ich habe für mein künstlerisches Schaffen keine Grossstadt und wilden Drogenzeiten nötig. Ich kann alle meine Ideen hier pflücken und glaube nicht, dass mich Bern einschränkt. Bestimmt würden sich meine Lieder durch das Reisen oder eine andere Stadt verändern, aber ich tue mich etwas schwer mit der Vorstellung, flüchten zu müssen, um etwas entwickeln zu können.

Bern ist Ihnen also nie zu eng? gen und solche Sachen. Wer ist für was zuständig? Wir haben nicht geahnt, dass das so anstrengend ist, aber das Ganze hat Freundschaften auch vertieft. Auch wenn ich heute mehr Mails als Lieder schreibe ...

Gibt es bei Lo & Leduc denn keine Hierarchien? Sie und Ihr Mitrapper Lorenz Häberli sind doch klar die Leader. Ich bin sehr froh, dass wir über Jahre organisch gewachsen sind. Wir zwei sind nicht einfach die Chefs mit den Ideen, und die Musiker setzen das dann um. Bei uns gibt es ein unglaubliches Pingpongspiel zwischen vielen Menschen mit ganz unterschiedlichen Stärken. Wir sind neun Leute, zwischen denen es hin und her läuft — deshalb nehme ich mich auch überhaupt nicht als Patron wahr. Ich habe etwas Mühe mit diesem Begriff.

Wie kam es überhaupt zur Marke Lo & Leduc? Wir hatten zuerst einen Bandnamen, den niemand kannte: Pacomé. Das waren genau dieselben Leute wie heute, aber es hat nicht funktioniert. Da haben wir gemerkt, dass es Gesichter braucht, mit denen sich das Publikum identifizieren kann. Es bot sich an, dass Lo und ich uns mit unseren Namen für dieses Produkt hinstellen. Aber wir können das sehr gut relativieren — wir wissen genau, was wir ohne die übrigen Bandmitglieder wären.

Wie sieht es mit dem Geld aus: Verdienen alle in der Band gleich viel? Nein. Das hat zum Beispiel damit zu tun, dass ich jetzt hier sitze und ein Interview gebe. Doch die Unterschiede sind nicht so gross, mit der 1 :12 Initiative könnten wir bestens leben ...

Es sieht so aus, als folgten Lo & Leduc einem durchdachten Businessmodell: Mit einer CD bekannt werden und dann mit Auftritten an Festivals Geld verdienen. Stimmt, CDs werden heute häufig eingesetzt, um zu Auftrittsmöglichkeiten zu kommen. Deshalb ist man als Band auch nach wie vor darauf angewiesen, dass CDs gekauft werden. Merkwürdigerweise sind diese Verkäufe immer

Doch, doch, das Gefühl kenne ich. Aber im Moment kommt es mir nicht auf den Ort an. Du kannst dich überall beengt fühlen — auch wenn du in New York durch die Strassen läufst. Ich bin im Moment an Bern gebunden und versuche, das Potential dieser Stadt auszuschöpfen. Und es ist wirklich da.

Bern tut sich immer wieder etwas schwer mit seiner Rolle in der Schweiz und möchte gerne mehr Gewicht haben. Ich finde, dass man sich im Leben auf seine Stärken besinnen und nicht den anderen hinterherrennen sollte. Das gilt auch für Bern. Wir müssen nicht unbedingt auch noch Sporthauptstadt sein. Man könnte Bern auch als Quartier der Schweiz betrachten, in einer Stunde ist man ja in jeder andern Stadt. In einer Grossstadt bewegt man sich schliesslich auch zwischen Quartieren hin und her — da geht niemand davon aus, dass jedes Quartier dieselben Stärken hat.

Welches Quartier wäre Bern denn, wenn man sich die Schweiz als Stadt denkt? Hmmh, ich glaube, wir wären wohl die Altstadt ...

...mit ihrem Spagat zwischen Freilichtmuseum und Untergrund. Schön gesagt! BIOBOX

Luc Oggier (27 ) bildet mit seinem Partner Lorenz Häberli das Aus­­­­hängeschild der Band «Lo & Leduc». Er ist in der Länggasse auf­ gewachsen und lebt nach wie vor in Bern. Oggier studiert Geschichte und Germanistik und arbeitet als Musiklehrer. Bereits mit ihrem ersten Album «Zucker fürs Volk» stürmten «Lo & Leduc» die Hitpa­ rade, und im vergangenen Sommer trat die Band innerhalb von zwei Monaten an 16 Open-Airs auf. 18 | 19


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Herausgeber: Wirtschaftsraum Bern Redaktion: Wirtschaftsraum Bern, Reto Liniger AutorInnen: Manuela Ryter, Kaspar Meuli Gastautoren: Dr. Adrian Haas Christoph Weckerle Layout: Agentur 01 , Bern Bilder: www.danielleliniger.com unsplash.com Gurtenpark Bern Tourismus Druck: Stämpfli AG Auflage: 12  000 Exemplare (deutsch) Postadresse: Wirtschaftsraum Bern, Predigergasse 5 , 3011 Bern Telefon: + 41 (0)31 321 77 00 E-Mail: wirtschaftsraum@bern.ch Internet: wirtschaftsraum.bern.ch April 2016

BERNpunkt 1/2016  
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