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ISBN 978-3-033-02319-2

01/ 2010 ~ Zeitbuch für Gegenblicke

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Respektive

CHF 19.– EUR 13.–

Absenz.

Arbeit in Bild, Begriff und Kritik


EDITORIAL

Prometheus, der den Menschen den Blitz ausgeliefert, aber sie nicht gelehrt hatte, ihn gegen die Götter zu gebrauchen, weil er an den Mahlzeiten der Götter teilnahm, die mit den Menschen geteilt weniger reichlich ausgefallen wären, wurde wegen seiner Tat beziehungsweise wegen seiner Unterlassung im Auftrag der Götter von Hephaistos dem Schmied an den Kaukasus befestigt, wo ein hundsköpfiger Adler täglich von seiner immerwachsenden Leber ass. ›Die Befreiung des Prometheus‹ – Heiner Müller

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Es ist soweit. Respektive grüsst. Sie halten die erste Ausgabe in der Hand. Gern geleiten wir Sie durch jenes Wunderland, wo das Ereignis Theben trifft.

Gehen wir

Massstab denken lässt. Ob der starke Arm nun den Hammer führt oder das dünne Ärmchen in die Computertastatur greift, in ihrer ökonomischen Funktion und der Gemeinsamkeit ihrer grundlegenden Interessen bleiben Proletarier_innen eben Proletarier_innen und Ausbeutung eben Ausbeutung. Auch Hightech und Facebook ändern daran nichts. An der Idee des Kommunismus festzuhalten – wir wagen es – heisst, an der Möglichkeit, ja unbedingten Notwendigkeit einer Überwindung der kapitalistischen Weltordnung festzuhalten. An der Möglichkeit einer Welt also, in der nicht Egoismus und Profit herrschen und in der nicht die blinde »Notwendigkeit« der Ökonomie über das Leben bestimmt. In Respektive finden sich allerdings – weil, wir sind ja nicht so – nicht ausschliesslich Artikel mit explizit marxistischer Stossrichtung. Trotzdem verstehen wir uns als linkes Zeitbuch, in dem Antikommunismus nichts verloren hat, in keiner Ausprägung: weder bürgerlich-liberaler, »die Kommunist_innen wollen die Freiheit zerstören, die immer nur die des freien Marktes sein kann«, noch reaktionärer, »wir müssen unsere traditionellen Werte vor der roten Pest verteidigen«, oder sozialdemokratischer, »die Idee hat ja etwas Sympathisches, doch ist sie durch den Sozialstaat überflüssig geworden und die Geschichte hat gezeigt, dass ihre Verwirklichung nur zu Totalitarismen führen kann«. Davon wird hier nichts zu lesen sein. Dafür viel anderes. Weil das tut Not.

Mit der Welt, wie Sie wissen, steht es nicht zum Besten. Hinz und Kunz sind sich da einig. Und: Nicht erst seit seiner offenen Krise ist der globale Kapitalismus nur in den Augen der Wenigsten eine Organisationsform gesellschaftlicher Produktion, die in eine Zukunft führt, in der man leben will. Mit der Thematisierung von Missständen allein rennt man meist offene Türen ein. Auch die Ihres Nachbarn. Kaum jemand wird behaupten, dass der Kapitalismus das Glück aller befördert oder wenigstens in der Lage ist, die grundlegenden Bedürfnisse der gesamten Menschheit zu befriedigen. Trotzdem oder irritierenderweise scheint es kaum ein Bewusstsein für Alternativen zu geben. Demgegenüber ist in der Gegenwart viel von Notwendigkeiten zu hören, insbesondere der ökonomischen, der Sie und ich sich und wir alle zusammen unsere Bedürfnisse zu unterwerfen hätten. Wir wollen etwas anderes. In Respektive sprechen wir darum von Möglichkeiten: der Möglichkeit anderer Sichtweisen und Perspektiven, von Arten zu denken, zu produzieren, zu leben. Von der Möglichkeit einer anderen Welt, in der die Menschen über die Produktion entscheiden und nicht die Produktion über die Menschen bestimmt. Wir wollen den Blick für die Möglichkeiten gegen die Herrschaft des Faktischen Raum... wecken. Die Marx’sche Kritik der politischen Öko- Thematisch ist Respektive ein Zeitbuch, das an nomie erscheint uns dabei nach wie vor aktuell den Schnittstellen von Alltag, Kultur und Politik als Analyse der kapitalistischen Gesellschaft im operiert, Ereignisse, Werke, Menschen, Gedanken Horizont ihrer möglichen Aufhebung in eine vorstellt und kommentiert. Wir durchdringen menschliche Zukunft. Gegen mondänen Relati- diese Felder mit einem kritischen, perspektivischvismus und Partikularismus halten wir an einem parteiischen Denken und zeigen die gesellschaftKlassenstandpunkt fest, der sich nur in globalem liche Relevanz und Potentialität auch von nicht

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unmittelbar politischen Sphären auf. Politik und Kunst, Theorie und Ästhetik etwa, sind also in Respektive nicht getrennte Bereiche, stehen auch in keiner Hierarchie zueinander. Dem entspricht auch die Gestaltung und das Erscheinungsbild von Respektive. Ebenso wenig machen wir eine Trennung zwischen elitärer und populärer, zwischen ›ernster‹ und ›Unterhaltungs‹-Kultur. Interessant ist Kunst und Kultur immer da, wo sie Reibungsflächen aufweist, herausfordernd, verstörend, besonders subtil oder besonders ›extrem‹ ist. Das kann im Punkkonzert wie in der Tonhalle, im Gemälde wie im Alltag, auf einer Demo wie zwischen den Seiten eines Buches auszumachen sein. Respektive will hervorstechen mit der Verbindung von philosophischem Denken und ästhetischem Blick unter der Klammer einer kritischen Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart und stellt durch die dezidiert politische Perspektivierung verschiedene Bereiche der Kultur in dialogischen Austausch. Das wirkt sich aus auf den Aufbau der Zeitschrift, die nicht durch Ressorts, sondern entlang von Leitfragen thematisch organisiert ist und Begegnungen mit Stoff, Zeit und Zündung anvisiert. In Respektive finden sich – wie Sie bereits zu recht vermuten – verschiedene Formen der Auseinandersetzung mit einem Thema: wissenschaftliche Texte, Literarisches, Fotografien, Essays etc. Es ist unsere Überzeugung – auch die meine –, dass alles Wissen nur in einer Praxis und einem Denken aktuell und relevant werden kann, die sich aus einer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Prozessen und Äusserungsformen entwickeln und in diese wiederum intervenieren. Jedenfalls wird Wissen in Respektive nicht doziert, sondern es werden Begegnungen mit historischen und aktuellen Gedanken, Ereignissen, Werken etc, in denen deren Aktualität als Reibung mit der Gegenwart spürbar wird, ermöglicht. Im Umkreisen von Themen und Problemen

sollen weniger fertige Antworten gefunden werden, denn ein ständiges produktives Verunsichern im Selbstverständnis des Bestehenden statthaben, in dem Möglichkeiten aufgehen, Positionen sich bilden und Perspektiven sich öffnen. Alles klar? Respektive bietet Raum für die Arbeit des Gedankens, für theoretische, ästhetische, argumentative Experimente in der Perspektive einer Überwindung des Bestehenden, d.h. der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft in Zeiten, in denen die Praxis zu einer solchen Überwindung fehlt und nur antizipiert werden kann.

... Schaffen In der gegenwärtigen globalen Wirtschaftskrise ist viel von fallenden und wieder steigenden Aktienkursen, von Finanzspekulationen und Bruttosozialprodukten die Rede. Dass es nun – wenn auch langsam – wieder aufwärts gehen soll, dass die Talsohle durchschritten sei, kann man den Statistiken in den Wirtschaftsteilen der bürgerlichen Zeitungen entnehmen. Nur fast beiläufig noch findet Erwähnung, dass die Arbeitslosenzahlen weiter steigen werden. Für Angestellte und Arbeiter_innen ist die Krise keineswegs ausgestanden, in ihren Auswirkungen nicht vollends absehbar. Zumal sie, und du und wir, in den Statistiken, die die Krise definieren, keine Rolle spielen. Nur als Konsument_innen, die Waren kaufen, um so den Kapitalfluss in Gang zu halten, sind sie dort präsent. Dass es ihre Arbeit ist, die überhaupt erst reale Werte schafft, geht im gesellschaftlichen Schein des ›arbeitenden Geldes‹ unter. Ahoi. Nach wie vor ist Arbeit aber die Grundlage unserer Existenz. Wir leben in gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen Lohnarbeit die herrschende Form von Arbeit ist. Gerade die Auswirkungen der Krise auf die Lohnarbeiter_innen müssten also von allgemeinem Interesse sein. Möchte man meinen. Wie die Arbeiter_innen so ist

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indes auch die Arbeit als Ausbeutungsverhältnis im gesellschaftlichen Schein verdrehte Verhältnis selbst weitgehend aus den heutigen Diskussionen von Börsenkursen und Arbeit vom Kopf auf die und sogar aus dem Bewusstsein verschwunden. Füsse. In einer Weiterentwicklung seines früheren In der Selbstwahrnehmung der Arbeiter_innen Werks »Der reale Schein und die Theorie des vielmehr, ist sie zum Beruf – seine Anforderungen Kapitals bei Karl Marx« liefert er darüber hinaus übergegangen in Fleisch und Blut – zur Identität die Koordinaten für ein grosses Desiderat: eine geworden. Die Bedeutung der Arbeit für die Iden- marxistische Kritik der aktuellen Erscheinungstitätsbildung indes meint keine reale Versöhnung formen des Kapitalismus. der Arbeitenden mit ihrer Tätigkeit, vielmehr Arbeit und der Stand des Bewusstseins über zeugt dies von zunehmendem Leistungsdruck, wo sie drückt sich auch in kulturellen Phänomenen Anforderungen der Arbeit auf alle Lebensbereiche und Kunstwerken aus. Im Film ist Arbeit während überzugreifen beginnen. Diese Verschärfung des der letzten Jahrzehnte – im Gegensatz zu den Drucks auf die Menschen kann umso ungehinder- klassenkämpferischen Filmen der ersten Hälfte ter sich vollziehen, je weniger es ein Bewusstsein des 20. Jahrhunderts – mehr oder weniger eine über Arbeit im Kapitalismus und der Arbeiter_in- Leerstelle geblieben, auch in seinen politischen nen von sich als Klasse gibt: Mit dem Verschwin- Werken. Trügt der Schein? Kann nicht gerade in den der Arbeit als Ausbeutungsverhältnis aus der der Absenz von konkreter Arbeit die Ohnmacht bewussten Wahrnehmung verschwindet das Be- und Bedürftigkeit des bewussten Verhältnisses wusstsein der herrschenden gesellschaftlichen zur Arbeit heute einen Ausdruck finden? Diese Ordnung als Klassenverhältnis. Fehlendes Be- Frage stellt sich Lukas Germann in einem Artikel wusstsein über sie vermag Ausbeutung selbst in- über Arbeitsbilder im Autorenfilm seit den 1960er des nicht mit zum Verschwinden zu bringen – Jahren. auch wenn manche Diskurstheoretiker_innen Leerstellen, etwas andere als die flimmernden das glauben machen möchten. allerdings, zeigt auch die Fotoserie »Spur der Unser Debüt geben wir daher und aus diesen Steine«. Die Hamburger Fotografin Antje Müller Gründen zum Thema Arbeit. Wir präsentieren im reist durch Landschaften der ehemaligen DDR vorliegenden Zeitbuch verschiedene und unter- und hält in ihren Bildserien die zerfallenden schiedliche Formen der Auseinandersetzung mit Gebäude ehemals staatseigener Betriebe fest. ihr. Sie alle verbindet indes die Perspektive mög- Mit der bundessdeutschen Übernahme der DDR licher Überwindung derjenigen Verhältnisse, und der Einführung der Marktwirtschaft wurden in denen die irrationale Logik des Kapitals über die rund 8000 Kombinate und so genannt ›Volksdie Menschen und ihre Arbeit bestimmt. eigenen Betriebe‹ privatisiert. Bei ihrer Auflösung gingen mehrere Millionen Arbeitsplätze verloren. Die Fotografien sprechen vom Scheitern des RealVorwärts sozialismus, aber auch von der zerstörerischen Den Auftakt macht der marxistische Philosoph Gewalt kapitalistischer Logik. Was ist der volksund Psychoanalytiker Anton Fischer. Er hat 2008 wirtschaftliche Sinn, bestehende Produktionseine kritische Biografie Martin Heideggers stätten zu zerstören und verfallen zu lassen? Das geschrieben und arbeitet momentan an einem fragen wir uns. Projekt zu einer neuen psychoanalytischen TheoIm Gespräch mit Nur Yesil, Besitzerin eines rie der Religion. Für Respektive entwickelt er den Quartierladens in Zürich, dreht sich vieles um Arbeitsbegriff bei Karl Marx und stellt dabei das Arbeit und nur wenig um persönliche Wünsche

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oder Utopien: Alltag und Familienleben werden sichtbar, die so stark durch Arbeit geprägt sind, dass alle Ziele, Hoffnungen und Wünsche sich nur noch in diesem Gefüge äussern. Der Traum einer selbstbestimmten Arbeit wird erkauft durch die völlige Prekarisierung der eigenen Arbeitssituation. Kurz nach dem Besuch von Nicole Peter und Sibylle Trinczek bei der Familie ist auch ein NZZJournalist in Nurs Laden erschienen. In seinem Artikel betont er, wie ein Familienbetrieb gerade deswegen so nachhaltig sei, weil die Verantwortung gegenüber dem Betrieb immer auch die Verantwortung gegenüber der Familie bedeute (NZZ Folio 11/2009). Anhand der Begegnung mit dem gleichen Menschen, aber einer anderen politischen Perspektive, hat er eine ganz andere Wirklichkeit präsentiert als jene, die unsere Interviewerin und unsere Fotografin angetroffen haben. Um Prekarisierung geht es auch im Artikel von Caroline Kikisch über Arbeitsverhältnisse im Kreativbereich. Die Autorin hat die Einstellung von Werber_innen zu den Bedingungen, unter denen sie arbeiten, untersucht. Ein enormer Druck, der sich z.B. in immer längeren Arbeitstagen und interner Konkurrenz niederschlägt, geht einher mit der Internalisierung der Ideologie »kreativen, individuellen« Arbeitens. Widerstand ist schwierig, selbst dann, wenn die reale Ausbeutung unerträglich wird. Den Angestellten und Kleinstunternehmer_innen, die ständig kreativ sein müssen und dabei ihre Individualität hochhalten, erscheinen traditionelle Formen von (gewerkschaftlicher) Organisierung nicht möglich oder wünschenswert. Stattdessen werden freundschaftliche Bindungen zur Bedingung von Solidarität. Wohl daher schlägt die Autorin alternative Formen der Organisierung vor, die sich entlang von Freundschaftslinien entwickeln könnten. Als Besserwisser_innen, die wir sind, geben wir demgegenüber zu bedenken, dass es eher darum gehen müsste, Bedingungen zu formulieren, damit eine Gewerkschaft zur realen Vertretung

von Angestellten in diesen Arbeitssituationen überhaupt erst werden kann. Die Abwicklung der Unzufriedenheit mit der eigenen Arbeitssituation und von Widerständen dagegen auf der Ebene der Freundschaft ist Ausdruck von Ohnmacht, nicht von Macht. Die Arbeitssituationen und der Stand der Bewusstheit, der in ihnen befangenen Arbeitenden, die der Artikel beschreibt, drücken aber sehr wichtige Aspekte der heutigen Situation aus. Es ist dies Material, das in eine marxistische Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus eingehen müsste. »Warum läuft Herr R.«, eine literarische Auseinandersetzung mit der Situation am Arbeitsplatz und ebenfalls geprägt vom Gefühl der Vereinzelung, hält eine etwas andere Antwort bereit. Hier findet Ohnmacht und aufgestaute Wut einen radikalen Ausdruck. Eine Radikalität, die – verbal wenigstens – noch von anderer Seite auf die Strasse getragen wird: Mit ihren (Auf-)Forderungen wie »Smash Capitalism« und »Mach kaputt, was dich kaputt macht« hat die UNIA–Jugend Oberwallis unsere Neugier durchaus geweckt. Ein Grund, genauer nachzufragen, hat es uns anlässlich unseres Familienausfluges doch gefreut, von der Jugendorganisation der Gewerkschaft UNIA derart kämpferische Töne mit klar antikapitalistischer Stossrichtung zu hören. Die UNIA als branchenübergreifende schweizerische Arbeiter_innenOrganisation für die Bereiche Industrie, Gewerbe, Bau und dem privaten Dienstleistungsbereich und damit die grösste Gewerkschaft der Schweiz ist gerade mit ihren dezidiert klassenkämpferischen Genoss_innen nicht immer solidarisch umgegangen. In ihrer politischen Taktik scheinen Mobilisierungen eher Mittel zur Untermalung konkreter reformistischer Forderungen, denn Beitrag zur Stärkung einer kämpferischen Arbeiter_innenKlasse zu sein. Da stimmt die Jugend – wie eh – hoffnungsvoll. Zur Frage allerdings, wie der Weg hin zu einer Überwindung der kapitalistischen

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Verhältnisse beschritten werden soll, hält sich die dieser Ausgabe von Respektive eine Rolle spielen: UNIA-Jugend Oberwallis bedeckt. Noch. Massenmobilisierung und Formen der OrganisieDie Widersprüche und immanent nicht lös- rung, der Ereignischarakter des Widerstands und baren Probleme des Kapitalismus sind ebenso die Probleme seiner Kontinuität etc. Nicht zuletzt offen sichtbar, wie ein Drängen, aus denselben zeigt sich anhand des Beispieles der Universihinauszukommen, auch wenn die Vorstellung täten auch, dass kollektive Kämpfe und Solidarität einer konkreten Praxis dazu noch fehlt. von Menschen möglich sind, die ausserhalb der Der französische Philosoph Alain Badiou ver- klassischen Arbeiter_innenbewegung stehen. sucht dazu einige Koordinaten zu formulieren, so So wie die menschliche Arbeit in der Ideologie zuletzt in seinem Buch »L’hypothèse communiste«, des Kapitalismus als Schöpferin von Wert unterin dem es ihm um die Rettung der Idee des Kom- gehen soll, zeigt sich in den Performances und munismus geht. Jene Fragen, die wir ihm nach der Experimenten mit dem eigenen Körper des ausLektüre seiner Werke haben zukommen lassen, tralischen Technokünstlers Stelarc das Vermochte er bedauerlicherweise nicht beantworten. schwinden des Menschen und seines Körpers in Sollte es infolge übermässiger Arbeit an Zeit ge- einer Maschinerie. In der Wirkung seiner oft mangelt haben, laden wir ihn herzlich ein, nachzu- extremen Performances tun sich aber auch tragen. Ein Zeitbuch ist unterwegs in seine Hallen. Widersprüche auf. Gerade in den Inszenierungen Die Antwort, so sie noch kommt, werden wir Ihnen seines Verschwindens wird der konkrete indivinicht vorenthalten. Look at www.respektive.org! duelle Körper wieder sichtbar, auf sich zurückgeZurück zur Arbeit. Auch Kunst und Musik worfen. In ihrer praktischen Durchexerzierung basieren auf solcher. Von der Arbeit des Künstlers zeigt technische Vernunft, wie Markus Brunner und dem Tauschwert des Scheins und wie der in seinem Beitrag aufzeigt, so ihre Kehrseite. Konzertraum uns die Widersprüchlichkeit von Unsere Tour durch Arbeit, Welt und Körper Produktionsverhältnissen, präformierten Ge- beschliesst die Schau auf jene grossangelegte wohnheiten und Medien der Selbsterkenntnis Ausstellung in Dresden mit dem sinnlichen Titel aufzeigt, darüber reflektieren Lina Brion und »Arbeit – Sinn und Sorge«, wo – wie zu Beginn – Kenneth Hujer in ihrem Artikel. das Verhältnis von Arbeit, Individuum und GesellArbeitskämpfe, die in der Musikbranche nicht schaft im Zentrum steht und Schein und Sein von statthaben, gab es in letzter Zeit im Bildungsbe- Arbeit im Kapitalismus thematisch wird. Der Sinn reich. Die seit 10 Jahren europaweit forcierten von Arbeit zwischen gesellschaftlicher WertUmbauten im Bildungsbereich, in denen es pri- schöpfung und Schaffung der Grundlagen für die mär um den Zugriff des Kapitals auf die Bildungs- Reproduktion der Menschen und die Sorgen, die landschaft geht, beeinträchtigen massgeblich die mit den Arbeitsbedingungen und dem drohenden dortigen Hand- und Kopfarbeiter_innen. Wider- Verlust von Arbeit in einer gesellschaftlichen Ordstand gegen Bologna-Reform und Derivate regt nung, in der die Verringerung der gesamtgesellsich zur zehnten Wiederkehr ihrer Einführung in schaftlichen notwendigen Arbeitszeit nicht zur ganz Europa: Protestwellen allenthalben. Noch Chance, sondern zum Problem wird, zu tun vor den Herbststürmen hob im Frühjahr 2009 lan- haben, werden hier nochmals in einem grösseren desweit an französischen Universitäten eine Zusammenhang deutlich. Es bleibt die letzte Streikbewegung an. In einem analysierenden Arbeit des Herakles. Rückblick wirft Alex Riva Fragen und Problemstellungen auf, die auch in anderen Beiträgen Das Respektive-Kollektiv

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IMPRESSUM

Respektive

Zeitbuch für Gegenblicke

Herausgeberschaft

Medienverein Respektive

Zeitbuch 01~10

Absenz. Arbeit in Bild, Begriff und Kritik Titelbild: ›Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen‹ Foto: Sibylle Trinczek

Redaktionskollektiv

Lukas Germann, Nicole Peter, Herr R., Sibylle Trinczek

Korrektorat

Nicole Burgermeister, Nicole Faisst, Ursula Germann, Jörg Germann, Anja Suter

Gestaltung

Sibylle Trinczek

Anschrift

Medienverein Respektive, Postfach 2713, CH-8021 Zürich

E-mail

post@respektive.org

Web

www.respektive.org

Erscheinungsweise

fortlaufend

Druck

LASERLINE Druckzentrum Scheringstrasse 1, D-13355 Berlin

© 2010 Medienverein Respektive Zürich. Der Nachdruck unserer Artikel und Bilder – auch im Internet – ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Vereins gestattet. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeberschaft bzw. der Redaktion wieder. Für die Richtigkeit von Angaben, Daten, Behauptungen etc. in den Beiträgen können die Herausgeberschaft bzw. das Redaktionskollektiv keine Verantwortung übernehmen. Für unverlangt eingesandte Dossiers, Abbildungsmaterialien und Kataloge kann keine Haftung und keine Gewähr für Rücksendung übernommen werden. Bestellung möglich über den Buchhandel, per E-mail: bestellung@respektive.org oder per Post: Medienverein Respektive, Ressort Bestellung, Postfach 2713, CH-8021 Zürich; Preis: CHF 19.- / EUR 13.– zzgl. Porto; Bankverbindung: Postkonto 85-335636-4, IBAN: CH82 0900 0000 8533 5636 4, BIC: POFICHBEXXX Auslieferung für Buchhändler (Deutschland, Österreich, Schweiz): SOVA, Tel. +49 (0)69 410 211, Fax +49 (0)69 410 280 ISBN: 978-3-033-02319-2 / ISSN: 1663-8417

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Will man dem Wirtschaftsteil der Zeitungen glauben, findet der Wertschöpfungsprozess heutzutage an der Börse statt. Man lässt das Geld arbeiten. Arbeitsplätze zu schaffen erscheint als Akt der Wohltätigkeit und der Abbau von Arbeitsplätzen fördert den Profit. Im Widerspruch dazu arbeiten wir immer noch.

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Industrielandschaften und deren Einwirkungen auf ihr Umland. Die hier abgedruckte Fotostrecke entstand kürzlich in der Lausitz zwischen Forst und Cottbus in stillgelegten, ehemals volkseigenen Betrieben (VEB) der DDR. Spur der Steine ~ Antje Müller

Der Arbeitsbegriff bei Karl Marx. Eine kurze Zurückmeldung ~ Anton M. Fischer

Editorial

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Impressum

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Leerstelle. Arbeitsbilder im Film Lukas Germann

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Freundschaftswerbung.  Im Pitch um Anerkennung Caroline Kikisch / Sebastian B. Riepe

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Schiff unter. Rückblick auf die  Biennale di Venezia 09  Lukas Germann / Sibylle Trinczek

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Warum läuft Herr R...

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Wenn ihr von einer anderen  Gesellschaft träumt, wie sieht euer Weg dorthin aus? Respektive Kollektiv

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INHALT

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Nur Yesil. Zürich. Ladenbesitzerin. Entschlossen. 40 Jahre. Heimweh. Istanbul. Traum. Arbeit. Vier Kinder. Journalistin. Flucht. Der Traum einer selbst- bestimmten Arbeit wird erkauft durch die Pre- karisierung der eigenen Arbeitssituation.

Stelarc, gefeiert als Ikone der ›posthumanistischen‹ Bewegung, zelebriert mit seinen Performances die Poten- tiale des technologischen Fortschritts und den Cyborg als neuen Menschen. Auf der andern Seite präsentiert er seinen Körper aber auch als einen unterworfenen. Evolutionäre Arbeitskraft. Zu den Cyborg-Inszenierungen des Technokünstlers Stelarc ~ Markus Brunner

Was brauchen Sie zum Leben? ~ Nicole Peter

Fragen an... Alain Badiou Respektive Kollektiv

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I shop the sheriff – Oder weshalb  man die Ware nicht gebrauchen kann Lina Brion / Kenneth Hujer

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Fast ein Streiksemester in Frankreich. Bericht und Analyse Alex Riva

Arbeit – Sinn und Sorge.  Eine Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden Trinczek

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Re:Loaded 010 Po Ehm

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Der Arbeitsbegriff bei Karl Marx. Eine kurze Zurückmeldung Text Anton M. Fischer, Zürich ~ Fotos Andrejs Pidjass, Riga

Will man dem Wirtschaftsteil der Zeitungen glauben, findet der Wertschöpfungsprozess heutzutage an der Börse statt. Man lässt das Geld arbeiten. Arbeitsplätze zu schaffen erscheint als Akt der Wohltätigkeit und der Abbau von Arbeitsplätzen fördert den Profit. Im Widerspruch dazu arbeiten wir immer noch.

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ARBEITSBEGRIFF

I

rgendwann, nach ihren vielen Glanztaten, wurde die Moderne es müde, modern zu sein. Man verkündete freudestrahlend das Ende der Grossen Erzählungen. Damit war eine ganz besonders gemeint: die grosse Erzählung des Karl Marx. Jetzt galt neu das postmoderne Wissen, wie es einer seiner Propagandisten 1979 nannte, Jean-François Lyotard, und man bildete sich etwas darauf ein, nur noch kleine theoretische Brötchen zu backen. Einen umfassenden Erklärungsanspruch zu stellen, das galt plötzlich als naiv und

dilettantisch. Häme wurde über diejenigen ausgegossen, die daran festhielten. Ein anderer ihrer Protagonisten, Gianni Vattimo meinte gar, wenn sich die grossen Entwürfe alle als hinfällig erwiesen hätten, dann könnte man zum Beispiel geradeso gut wieder katholisch werden – und er wurde es auch, wenn ich mich richtig erinnere. Feyerabends ›Anything goes‹ war eigentlich anarchistisch gemeint, in der postmodernen Gestalt wird es jedoch zur ungewollten Rechtfertigung der jeweils gerade herrschenden Verhältnisse.

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Ich halte dies für eine falsche Bescheidenheit, und einen unnötigen Defaitismus, die geradezu nach einer ideologiekritischen Analyse schreien. Ich verzichte darauf, an dieser Stelle das oder die erkenntnisleitenden Interessen dahinter genauer herauszuschälen. Nur soviel: Ignoranz, insbesondere die selbst verschuldete, hat noch immer den jeweiligen Herrschschaftsverhältnissen genützt. Das ruhmlose Ende des real existierenden Sozialismus benützten bürgerliche Theoretiker, um mit Marx endgültig abzurechnen. Ihnen galt dieser praktische Zusammenbruch sozusagen als Falsifizierung der Marxschen Theorie und ihr

Der angeblich längst zur sozialen Marktwirtschaft domestizierte Kapitalismus lief nach dem Tod seines Konkurrenten plötzlich ungehindert Amok. Urheber wurde endgültig für tot erklärt. Als ob seine Kritik der politischen Oekonomie, wie er sein Unterfangen selber nannte, haftbar gemacht werden könnte für ein sozialökonomisches Gebilde, das erst viele Jahrzehnte nach seinem Tod entstand und seinen Namen als Etikett benutzte. Dann geschah etwas Erstaunliches, oder für die verbliebenen Marxisten Nicht-so-Erstaunliches: Der angeblich längst zur sozialen Marktwirtschaft domestizierte Kapitalismus lief nach dem Tod seines Konkurrenten plötzlich ungehindert Amok. In seinen Stammländern nahm die Finanzspekulation ein nie gekanntes Ausmass an und beherrschte Wirtschaft und Staat. Die riesige Spekulationsblase ist inzwischen geplatzt und hat ganze Volkswirtschaften an den Rand des Abgrundes (und einige darüber hinaus) getrieben.

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Hingegen gab es eine kleine Gruppe von Profiteuren oder besser gesagt Kriegsgewinnlern, die sagenhaft reich wurden. In der Schweiz etwa blieb der Erzspekulant Christoph Blocher bei der kürzlichen Debatte um die obszönen Boni der Banker merkwürdig kleinlaut. In dem vom Kapitalismus zurück eroberten realsozialistischen Osten entwickelte sich in kürzester Zeit ein Raubritterkapitalismus übelster Sorte, der an die schlimmsten Zeiten unkontrollierter Ausbeutung erinnert, die Engels im 19. Jahrhundert für England, das Mutterland des Kapitalismus, beschrieben hat. Das frühere Volkseigentum wurde zu Schleuderpreisen verscherbelt, das ohnehin materiell nicht verwöhnte Volk verarmte noch ganz und in wenigen Jahren standen, wie von Zauberhand geschaffen, protzige Milliardäre da. Diesem Kasinokapitalismus ging völlig vergessen, dass der sogenannte Finanzsektor letztlich kein Eigenleben führen kann, weil er keine wirklichen Werte schafft, und deshalb als Zirkulationssphäre des Kapitals an die Produktion mehr oder weniger nützlicher Güter gebunden bleibt. Finanzprodukte sind keine Produkte, auch wenn sie sich etwa ›strukturierte Finanzprodukte‹ zu nennen belieben. Vielmehr handelt es sich um immer weniger durchschaubare und häufig so verschachtelte Eigentumstitel, dass am Ende nicht einmal mehr die Finanzanalytiker sie zu durchschauen vermögen: die Derivate der Derivate der Derivate. Die (Aktien-)Börse war ursprünglich ein Marktplatz für die zirkulierenden Kapitalien: Den Unternehmern diente sie als Instrument zur Beschaffung von Kapital, das sie anschliessend in Produktionsmittel umtauschten, den Geldbesitzern als Möglichkeit, an deren (tatsächlichen) Gewinnen in Form von Dividenden zu partizipieren. Heutzutage hingegen hat die Börse den Charakter eines gigantischen Wettbüros angenommen. Es werden Wetten abgeschlossen über Verlauf und Ausgang von geschäftlichen Transaktionen (Optionen), die irgendwann in der


Zukunft vielleicht stattfinden werden – oder auch nicht oder mit einem ganz anderen Resultat. Diese Lotterie bewirkt aber nur eine Umverteilung unter den Kapitalbesitzern selbst, die Allgemeinheit kommt nur dann zum Handkuss, wenn einzelne von ihnen so grosse Verluste erlitten haben, dass ihre Liquidation die ganze jeweilige Volkswirtschaft in den Untergang mitreissen würde (›too big to fail‹). Wie in der Geschichte des Kapitalismus üblich, wurden auch diesmal die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert. Voraussetzung für die Entwicklung einer solchen illusionären Phantomwirtschaft ist das, was Marx seinerzeit als Überakkumulation des Kapitals beschrieben hat: Es drängt sehr viel mehr Kapital auf den Finanzmarkt, als die Produktionssphäre benötigt und absorbieren kann. Die Akkumulation stösst allerdings auf Schranken, weil die Produkte am Ende auch Käufer finden müssen. Die Gier – dieser Begriff taucht in der empörten Kritik immer häufiger auf –, mit denen sich Anleger auf immer riskantere oder besser gesagt: illusionäre Gewinnversprechen stürzen, ist kein Charakterfehler, auch kein – oder nicht primär ein – moralisches Defizit individueller Kapitalbesitzer, sondern eine objektiv fassbare ökonomische Tendenz, deren bewusstlose Agenten diese sogenannt Gierigen sind. Dieselbe Tendenz lässt sich auch an der Wucht beobachten, mit welcher das anlagewütige Kapital in den öffentlichen Sektor drängt und Bahn, Post und sogar Gefängnisse privatisieren will. Von Arbeit sprach der Kasinokapitalismus bezeichnenderweise nie. Die Produktion, diese verdrängte Sparte der Wirtschaft, bekam denn auch den unfreiwillig verräterischen Namen ›Realwirtschaft‹. Im Gegensatz offenbar, muss man fast annehmen, zur Irrealwirtschaft. Nach dem bösen Erwachen aus den Tagträumen von der wunderbaren Geldvermehrung geschah etwas Unerwartetes: Der ›tote Hund‹ Marx wurde wieder ausgegraben und seine Kapitalismuskritik plötzlich

wieder aktuell – gerade auch bei bürgerlichen Oekonomen. Was lernen wir aus diesem konjunkturellen Auf-und-Ab der Theorien? Wer ohnehin nicht den Kapitalismus als das vermeintliche Ende der Geschichte à la Francis Fukuyama missverstanden hat, der muss vermutlich nicht besonders viel daraus lernen. In jedem Fall ist das jämmerliche Scheitern der Phantasie von der wundersamen Geldvermehrung im Kasinokapitalismus eine willkommene Einladung an alle, sich auf das Thema Arbeit zurück zu besinnen. Wesen und Wirkung der Arbeit als die letztendliche Wertschöpfung steht in der Theorie von Marx im Zentrum. Sie untersucht, wie sich der Mensch mit der Natur praktisch vermittelt, um den Naturstoff in eine ihm gemässe Form zu bringen. Allerdings hat sich die äussere Gestalt der Arbeit seit den Zeiten, als Marx diese Theorie entwickelt hat, gewaltig verändert. Die Fabrikhallen mit den Arbeitermassen, welche die gefrässigen, ihre Arbeitskraft gierig einsaugenden Maschinen bedienen, sind weitgehend verschwunden, zumindest in den Kernländern des Kapitalismus. Marx hat schon damals vom Arbeiter als dem Anhängsel der Maschine gesprochen und diese Anhängselhaftigkeit hat sich seit den Zeiten des Industriekapitalismus noch gewaltig verstärkt – durch Automation, Ersetzung der lebendigen Arbeitskraft durch Roboter, computergesteuerte Fertigungsprozesse, elektronische Datenverarbeitung und blitzschnelle Datenübermittlung über das Netz, durch neue rationellere Herstellungsverfahren, durch neue Rohstoffe und Energiequellen und überhaupt durch die geradezu überschiessende Entwicklung von Technik und Wissenschaft. In diesem – gegenüber der Zeit von Marx – noch qualitativ und quantitativ gewaltig ausgebauten Maschinenpark, den die moderne Technik entwickelt hat und immer noch weiter entwickelt, steckt jedoch nichts anderes als die verflossene und gegenständlich gewordene Arbeit seiner

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ursprünglichen Produzenten. Was sich massiv verändert hat und sich immer noch verändert, ist das Verhältnis von vergegenständlichter zur lebendigen Arbeit, oder anders formuliert: das Übergewicht der Kapitalmasse gegenüber der Arbeit wird immer extremer. Marx nennt diesen durch die Geschichte weitergereichten und ständig erweiterten Bestand objektiver Vermittlungsformen zwischen Mensch und Natur auch das materielle Resultat des unmittelbaren Produktionsprozesses. Mit diesem jeweiligen Bestand ist konfrontiert, wer neu in den Arbeitsprozess eintritt, und deshalb ist die Vorstellung naheliegend, dass dieser eine selbständige Existenz unabhängig von der Arbeitskraft führe. In Wahrheit bewirkt er lediglich, dass der Wirkungsgrad der menschlichen Arbeitskraft geradezu explodiert, eine potenzierte Steigerung, in den Marxschen Worten, der Produktivkraft der Arbeit. Der vermeintliche Gegensatz zwischen Mensch und Ding, zwischen Arbeitskraft und Maschine, entsteht allein dadurch, dass der Kapitalfetischismus die Maschine zum Kapital verzaubert. Bereits der frühe und damals noch etwas marxistische Habermas hat darauf hingewiesen, dass Technik und Wissenschaft immer mehr ideologische Funktionen übernehmen, indem sie den Schein erwecken, dass es sich dabei um eigenständige Produktivkräfte handle, die von der menschlichen Arbeit völlig unabhängig sind. Ursprünglich einmal war dieser Schein leicht zu durchschauen: Der Dorfschmied hat den Hammer produziert, den der Schuster brauchte, um das Leder für seine Schuhe zu klopfen, die schliesslich der Händler ihm abkaufte und zu Markte trug. Dieser subsequentielle Charakter der Produktion und ihre in einander greifende Arbeitsteilung war jedermann klar ersichtlich, auch nachdem sich jeder dieser Produzenten in einen Kleinkapitalisten verwandelt hatte. Bekanntlich rechnet der real existierende Kapitalismus (und in seinem

Schlepptau seinerzeit auch der Sozialismus) nicht in Werten, sondern in Preisen, von denen er behauptet, dass sie sich nach Angebot und Nachfrage richten, auch wenn er die Möglichkeit einräumt, dass der Mechanismus des Marktes durch Bildung von Kartellen und Monopolen ausser Kraft gesetzt werden kann. So bekommen die lebendige Arbeitskraft (als Lohn), die im Maschinen- und Werkzeugpark vergegenständlichte Arbeit und damit auch das Kapital (als Zins) ihren Preis, was den Eindruck erweckt, dass sie als Kostenfaktoren der Produktion gleichermassen unverzichtbar seien. Im Zirkulationsprozess verschwindet die

Der Dorfschmied hat den Hammer produziert, den der Schuster brauchte, um das Leder für seine Schuhe zu klopfen, die schliesslich der Händler ihm abkaufte und zu Markte trug. Arbeit schliesslich ganz von der Bildfläche, auf ihr tritt als Akteur nur noch ein Kapital dem anderen gegenüber: das Warenkapital dem Geldkapital. Die Dialektik des Fortschritts hat das Antlitz des Kapitalismus (oder, für die radikaler gesinnten unter den Lesern, seine Fratze) radikal verändert und das gängige falsche Bewusstsein, dass die Arbeit nur noch einer von vielen ›Produktionsfaktoren‹ sei – und ohnehin einer, der immer nebensächlicher werde – noch massiv verstärkt. Heute treffen wir in den zu Lofts umgebauten Fabrikhallen viele elegant gekleidete Leute an, die entspannt auf Designerstühlen sitzen; aber weit und breit keine Arbeiter im Blaumann. Man kann so nur allzu leicht nachvollziehen, warum das allgemeine Bewusstsein und das der Wirtschafts-

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wissenschaft im Besonderen die Arbeit aus den Augen verloren haben. Im Zeitalter der Globalisierung sind die Fabriken in die sogenannten Billiglohnländer der Dritten Welt abgewandert. Dort schuften Millionen von schlecht bezahlten Arbeitern, darunter oftmals auch Kinder, unter zum Teil gesundheitsschädigenden Bedingungen, die bei uns nie akzeptiert würden. Insbesondere werden die ihre Umwelt am meisten belastende Schwerindustrie und die Massenproduktion ›out sourced‹, wie man heute neudeutsch sagt. Was uns bleibt,

Die Theorie hinkt den Ereignissen hinterher und versucht notdürftig zu begründen, warum derKapitalismus trotz der verschärften Widersprüche noch nicht längst untergegangen ist, wie er es eigentlich gemäss Lehrbuch hätte sollen. ist die Produktion hochwertiger Güter, die entsprechend gut ausgebildete Fachkräfte benötigt und daher auf eine hoch differenzierte Ausbildungsindustrie angewiesen ist, weshalb sie diese auch hervorbringt und sich vom Staat finanzieren lässt. Daneben besteht die Wirtschaft der Kernländer hauptsächlich aus dem so genannten dritten Sektor. Finanzen, Banken, Börsen, Handel, Versicherungen, Werbung, Logistik, Informationstechnologie, Forschung und Entwicklung neuer Technologien, die Zentrumsfunktionen internationaler Konzerne und so weiter – alles zugleich auch Momente des sich unendlich diversifizierenden falschen Scheins, der die menschliche Arbeit als Quelle des Reichtums umgibt und verdunkelt. Diese Ignoranz, rächte sich bitter,

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wie sich am Niedergang des industriellen Amerika erkennen lässt: Jahrzehntelang wechselten die besten Absolventen der Havard Business School und anderer Eliteuniversitäten in die Gewinn verheissenden grossen Finanzinstitute und nicht in die materielle Produktion – mit dem Resultat, dass dem US-amerikanischen Unternehmertum die Ideen ausgingen. Noch mehr als dieser ›brain drain‹ widerspiegelt die Vernachlässigung der Ausbildung der Arbeitskräfte die Geringschätzung der Arbeit. Die Zeche zahlten die Arbeiter gleich mehrfach: zuerst mit ihrer Entlassung, weil zum Beispiel niemand mehr die technisch überholten Autos abnehmen wollte, die sie in Detroit herstellten, und nachher mit chronischer Arbeitslosigkeit, weil ihre schlechte Ausbildung sie für den Arbeitsmarkt wenig attraktiv machte. Die Würde der Arbeit ging dabei vor die Hunde: ein zynischer Kontrapunkt zu ihrer masslosen Heroisierung im Stalinismus. Der durchaus erwünschte Nebeneffekt war natürlich der, dass das Klassenbewusstsein der Arbeiter noch mehr schrumpfte – und damit die Arbeiterbewegung noch ihre letzte Durchschlagskraft verlor. Hier sollte sich nun eigentlich die tröstliche Feststellung anschliessen, dass die heutige marxistische Theorie mit dieser rasanten empirischen Entwicklung des Kapitalismus Schritt gehalten habe, und ihren Gegenstand heute auf demselben hohen Abstraktionsniveau auf den Begriff bringen könne wie Marx seinerzeit den Kapitalismus der Gründerjahre. Leider ist dies nicht der Fall. Die Theorie hinkt den Ereignissen hinterher und versucht mit Hilfe von zusammengebastelten Ad-hoc-Erklärungen notdürftig zu begründen, warum der Kapitalismus trotz der verschärften Widersprüche noch nicht längst untergegangen ist, wie er es eigentlich gemäss Lehrbuch hätte sollen. Ich erinnere mich an den liebenswürdigen Generalsekretär der Partei der Arbeit, Jean Vincent, der mit unvermindertem Optimismus an jedem Parteikongress von neuem


verkündete, die Widersprüche des Kapitalismus hätten sich in der Zwischenzeit erneut so massiv verschärft, dass sein Ende unmittelbar bevorstehe. Wie erst hätte ihn die Pleite der amerikanischen Grossbanken 2008 rhetorisch beflügelt. Von Amtes wegen versuchten auch die staatlich beglaubigten Marxisten-Leninisten der Sowjetunion und der DDR den Gegenwartskapitalismus theoretisch zu durchschauen, was ihnen leider nur wenig gelang. Ihre inzwischen weitgehend vergessene Stamokap-Theorie (ausgeschrieben: Staatsmonopolistischer Kapitalismus) kam nicht über das Deskriptive hinaus, wie man es auch im Wirtschaftsteil der besseren unter den bürgerlichen Zeitungen finden kann, und projizierte Marxsche Kategorien in empirisch zugängliche, beobachtbare Oberflächenphänomene, ohne die Bewegung der inneren Logik des Kapitals in ihrer Dialektik theoretisch rekonstruieren zu können. In Vergessenheit war offenbar geraten, dass die kapitalistische Produktionsweise mit Notwendigkeit – und ohne Dazutun ihrer Agenten und ideologischen Rechtfertiger – ihre eigenen Verhältnisse mit einem Schleier umgibt, der jede bloss phänomenologische oder gar positivistische Betrachtungsweise in die Irre führt. Marx spricht von einer dem Kapital immanenten Mystifikation, der Phantasie vom ›Geld heckenden Geld‹. Man kann also nicht, um das zu wiederholen, aus dem ›Kapital‹ von Marx eine Methode herausdestillieren und sie dann auf die empirischen Daten ›anwenden‹, welche statistische Ämter und wissenschaftliche Institute für Ökonomie an Hochschulen und im Dienste der Wirtschaftsförderung produzieren. Das Interesse an der Weiterentwicklung der Kapitalismustheorie hat leider, einer nur allzu gut nachvollziehbaren Logik gehorchend, ausserhalb des sozialistischen Lagers parallel zum Niedergang der Arbeiterbewegung nachgelassen. Neue Barans oder Sweezys tauchten nirgendwo auf (es sei denn, ich hätte sie übersehen).

Ich kann das, was die marxistische Theorie versäumt hat, selbstverständlich an dieser Stelle auch nicht nachholen. Vor Jahrzehnten habe ich versucht, die innere Logik des Kapitals herauszuschälen, so wie sie Marx in den dicken Bänden ›Das Kapital‹ ausgehend von der Analyse der Ware rekonstruiert. ›Der reale Schein und die Theorie des Kapitals bei Karl Marx‹ war als eine Vorstudie gedacht, von der ich hoffte, den theoretischen Angriff auf die unvergleichlich komplexere Natur der – damals hoffnungsvoll Spätkapitalismus genannten – Produktionsweise führen zu können. Es blieb in beiden Fällen bei der Hoffnung. Mein damaliges Buch verfolgte, wie die kapitalistische Produktionsweise weit über den anfänglichen Warenfetischismus hinaus – der sich als Theorieteil zwar grosser Beliebtheit erfreute, aber kaum im Zusammenhang mit der sich entfaltenden Dialektik des Gesamtprozesses verstanden wurde – ein ganzes dynamisiertes System des realen Scheins hervorbringt, das mit der rasanten Entfaltung der Komplexität der Kapitalbewegung Schritt hält und den Akteuren ihr reales Zusammenwirken noch gründlicher verschleiert als einst die einfache Warenproduktion zu Beginn. Bereits die einfache Warenform hatte den Produzenten den gesellschaftlichen Charakter ihrer Arbeit als eine Eigenschaft ihrer Produkte zurückgespiegelt. Das Kapital wiederum erscheint als ein automatisches Subjekt, das prozessierend gleichgültig die Formen von Ware und Geld annimmt und in dieser Bewegung seine Grösse selbst verändert, sich als Mehrwert von sich selbst als ursprünglichem Wert abstösst. Dieses Kunststück gelingt ihm aber nur, indem es sich beständig von neuem mit der Arbeit austauscht und sie sozusagen einsaugt. ›Realer Schein‹ nennt man dies, weil es sich nicht um eine gewöhnliche Illusion handelt, wie etwa im Zirkus, wenn der Magier eine junge Frau zu zersägen scheint, sondern um die Realität einer Oberfläche, allerdings der Oberfläche einer verkehrten

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Welt, die – altmodisch formuliert – ihr wahres Wesen verbirgt. Zu den Opfern dieses realen Scheins gehören zuerst die Agenten der Produktion selber und mit ihnen mehr oder weniger die ganze bürgerliche Wirtschaftwissenschaft, die sich immer mehr in die Konstruktion mathematischer Modelle flüchtet, die mit dem tatsächlichen Geschehen immer weniger zu tun haben. Dieser der kapitalistischen Produktionsweise innewohnende Schein liefert die Begründung, um dies nochmals zu betonen, warum sich die Logik des Kapitals mit Notwendigkeit jeder phänomenologischen Betrachtungsweise entzieht. Die marxistische Kritik der aktuellen Erscheinungsformen des Kapitalismus bleibt also ein Desiderat. Sie ist auch keineswegs von historischem, also rückwärts gerichtetem Interesse, sondern von einem höchst aktuellen und eminent politischen: Wenn man etwas aus den Angeln heben will, muss man zuerst verstehen, wie es funktioniert. Was ich hier skizzieren kann, ist lediglich der Ausgangspunkt einer solchen Kritik. Diese braucht auch keineswegs neu erfunden zu werden. Die Werttheorie und die Lehre von der Verwandlung der Arbeitskraft in eine Ware, die gegen Kapital getauscht wird, genügt dazu vollkommen – auch wenn ihre Grundthese von der gleichen Wertsubstanz in den unterschiedenen Waren leicht an die aristotelische Metaphysik erinnert und entsprechend missverstanden werden kann. Insbesondere dürfte die Bestimmung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit als objektives Wertmass unter den Bedingungen einer immer stärkeren Automatisation nicht ganz einfach gelingen. Die Kategorie der gesellschaftlichen Arbeit stellt einen eigentlichen Schlüssel zum Verständnis des kapitalistischen Gesamtprozesses dar. Die Arbeit ist je schon gesellschaftlich vermittelt, ob diese Vermittlung auf den ersten Blick erkennbar ist oder nicht. Während die politische Ökonomie

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vor Marx den einzelnen Arbeiter und seine Tätigkeit untersuchte und Kategorien entwickelte wie Arbeitsgegenstand oder Arbeitsmittel, war seine geniale Einsicht die, dass die Produzenten je schon auf einander bezogen sind, ob ihr Zusammenhang nun sichtbar ist – wie bei der bewusst organisierten Kooperation – oder unsichtbar – wenn ein vereinzelter Arbeiter scheinbar ganz für sich allein seiner Tätigkeit nachgeht. Wenn die Arbeiter im Kollektiv zur Zuckerrohrernte schreiten, ist dieser gesellschaftliche Zusammenhang für jedermann erkennbar, wenn es einen von ihnen auf die sprichwörtliche einsame Insel verschlägt (beispielsweise auf der Flucht aus dem hungergeplagten Kuba) und er dort versucht, das Überlebensnotwendige selber zu produzieren, dann nicht mehr. Dann ist der gesellschaftliche Zusammenhang nur noch im Kopf als ein gesellschaftliches Bewusstsein vorhanden. Dies ermöglicht diesem modernen Robinson jedoch, falls er gerettet würde, sofort wieder seinen Platz in seiner früheren Arbeitsbrigade einzunehmen. Ein Zuckerrohrfeld könnte theoretisch auch ein Einzelner schneiden, auch wenn dies endlos dauern würde. Weil aber die Ernte rasch zur Weiterverarbeitung in die Zuckerfabrik transportiert werden muss, damit der Zuckergehalt im Mark des Zuckerrohrs nicht verloren geht, ist diese Variante nicht praktikabel. Das Konzept ›gesellschaftliche Arbeit‹ benennt ferner den Sachverhalt, dass der Arbeiter nicht nur ein Produkt produziert, sondern zugleich auch die gesellschaftlichen Verhältnisse reproduziert, unter denen er es produziert, und damit obendrein auch noch sich selbst als Arbeitskraft (und überhaupt als Mensch, als Gattungswesen). Die Bildung der fünf Sinne ist das Werk der ganzen bisherigen Weltgeschichte, schreibt der junge Marx. Praktisches Handeln, Sprache und Erkenntnis sind die Momente dieser gesellschaftlichen Arbeit. Ohne Kommunikation kann es keine Kooperation geben, weil sich die gemeinsam


Produzierenden irgendwie verständigen müssen. Hinter diese Vermittlungen kann nicht zurückgegangen werden. Die Arbeit kann man also nicht auf eine anthropologische Konstante reduzieren, auf die berühmte ›ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens‹, also auf eine Fähigkeit des Menschen, die er bei Strafe des Untergangs entwickeln muss, als eine absolute Lebensnotwendigkeit. Ebenso wenig muss man, nebenbei bemerkt, der Marxschen Theorie eine zusätzliche Erkenntnistheorie beigesellen, wie dies Marxisten der zweiten Internationale und Lenin mit seiner Abbildtheorie versucht haben. Unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise reproduzieren die Produzenten die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, ob sie es wollen oder nicht. Dazu gehört wesentlich, dass ihnen ihre real existierende gesellschaftliche Verbindung lediglich als eine von ihnen völlig unabhängige Eigenschaft ihres Produktes erscheint, also als etwas Dingliches, den zum Geld gewordenen Tauschwert – und nicht als ein bewusst ausgewähltes und eingegangenes soziales Verhältnis. Das Geld nennt Marx deshalb das wahre Gemeinwesen, das nichts über sich dulde. Die gesellschaftliche Gesamtarbeit existiert zwar real, aber nur als praktizierte Kooperation – und nicht im gesellschaftlichen Bewusstsein, und ihre spürbare Wirksamkeit wird obendrein dem Kapital als Leistung zugeschrieben. Daran macht der reife Marx seine Kritik der Entfremdung bzw. seine Kritik an der entfremdeten Arbeit fest. Solange die menschliche Arbeitskraft eine Ware bleibt, die ihr Besitzer auf den Markt werfen muss, weil er nichts Anderes zu verkaufen hat (ausser vielleicht nicht mehr gebrauchte Spielsachen auf dem Flohmarkt), ist Freiheit und Würde des Arbeiters verletzt. Daran ändern auch die Sonntagsreden an die Belegschaft nichts, die Unternehmer gelegentlich halten, im Stil von: »Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt« oder:

»Was die Firma ausmacht, das seid allein ihr Mitarbeiter.« Umgekehrt, und dies ist die freudlose Erfahrung aus den Jahren des real existierend gewesenen Sozialismus, genügt die bloss nominelle Überführung des Privateigentums an den Produktionsmitteln in volkseigene Betriebe noch lange nicht, um die Entfremdung aufzuheben. Inzwischen hat der reale Schein, den das Kapital mit Notwendigkeit hervorbringt, sich dadurch noch gewaltig gesteigert, dass sich die vom Gewinnrausch beduselte Finanzsphäre, die eigentlich nur der Umverteilung dient, mit naivem Stolz als die eigentliche Produktivkraft präsentiert. Der alte Wunschtraum vom ›Geld heckenden Geld‹ schien doch noch Wirklichkeit geworden zu sein, auch ohne Aladins Wunderlampe. Aber dann landete der fliegende Teppich ganz unsanft auf dem harten Boden der Realität. Hoffen wir, dass das böse Ende dieser obszönen Spekulationsblase den Blick wieder frei macht auf die wahre Quelle jeglichen Reichtums, die Arbeit. Im ›Kommunistischen Manifest‹ konnten Marx und Engels die Kapitalistenklasse noch loben, weil sie gar nicht anders könne, als die Entwicklung der Produktivkräfte unaufhörlich zu revolutionieren. Die Kapitalisten waren somit die Agenten des materiellen Fortschritts, ob sie es wollten oder nicht. Im Kasinokapitalismus haben sie diese Rolle endgültig verspielt und sind zu nichts Anderem herabgesunken als zu blossen Zockern, deren Spielmarken unglückseligerweise die materielle Existenz von Millionen von Menschen sind. Ihre historische Aufgabe haben sie längst erfüllt, und sie gleichen in ihrem masslosen Auftreten auch optisch verdächtig dem vorrevolutionären Adel, wie er sich vor 1789 präsentiert hatte. Man könnte sie deshalb ohne irgendeinen Verlust abschaffen, wie seinerzeit die Kavallerie, dieses letzte Relikt seiner Epoche. Es besteht die Hoffnung, dass dies immer mehr Menschen erkennen, und ihrer Einsicht gemäss auch irgendwann einmal handeln.

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Leerstelle Text Lukas Germann, Z端rich

Im Autorenfilm der letzten 50 Jahre gibt es nur mehr wenig explizite Bilder der Arbeit. Gerade in ihrer Absenz aber vermag sich das Elend der Arbeitenden im totalisierten Kapitalismus einen filmischen Ausdruck zu geben.

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AUTORENFILM

F

ilmische Bilder vermögen die äussere Wirklichkeit nicht nur abzubilden, sondern im eigentlichen Sinne einzufangen. Der französische Filmtheoretiker André Bazin sprach in einem Text aus den 1950er Jahren in Bezug auf den dem Film (und der Fotografie) wesentlichen Realismus von einer »Wirklichkeitsübertragung vom Ding auf seine Reproduktion« . Es ist dieser Realismus, der viele politische Filmemacher_innen und Filmtheoretiker_innen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre hinein begeistert hat. Béla Balázs, dessen Werke zu den ersten intensiven Auseinandersetzungen mit dem Medium Film im deutschen Sprachraum gehören, behauptet in seinem relativ frühen Filmbuch »Der Geist des Films« sogar, dass der Film per se eine revolutionäre Stossrichtung habe: »Der Film ist die Kunst des Sehens. Er ist also die Kunst der Konkretion. Der Film sträubt sich, seiner inneren Bestimmung nach, gegen die mörderische Abstraktion, die im Geiste des Kapitalismus aus den Dingen Waren, aus den Werten Preise und aus den Menschen unpersönliche Arbeitskräfte gemacht hat. [...] Seine innerste Tendenz drängt also zur Enthüllung und Entlarvung. Trotzdem er das gewaltigste Blendwerk liefert, ist er seinem Wesen nach die Kunst der offenen Augen. Wird auch gerade sein Realismus zuweilen zur ideologischen Flucht vor der Wirklichkeit, so wirkt Realismus letzten Endes doch immer revolutionär.« Die herrschende Klasse, die am gesellschaftlichen Schein und seiner Aufrechterhaltung interessiert sein muss, bedient sich zwar für ihre Zwecke ebenfalls

des Films – von Anfang an ist der Film Industrie, Teil der kapitalistischen Produktionsweise – , doch geschieht dies gewissermassen immer auf eigene Gefahr hin, denn der filmische Realismus – so die Meinung Balázs’ – arbeitet letztlich gegen die Interessen der Kapitalist_innen. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass in dieser revolutionären Stossrichtung, die der filmischen Ästhetik zugesprochen wurde, Arbeit und Arbeiter_innen filmische Beachtung erfahren haben. Der Film musste nicht wie die Malerei den langen Weg von den feudalen Herrscher_innen über ihre bürgerlichen Nachfolger_innen gehen, bis auch die unteren Klassen zum Gegenstand von Werken werden konnten. Die Filmkunst ist von Anfang an für die Massen und scheut sich nicht davor, das Elendsviertel, die Arbeiter_innensiedlung oder die Fabrik ins Bild zu bringen. So werden bald auch Filme gedreht, die sich in einem politisch bewussten Sinne mit der Lage des Proletariats und der Möglichkeit seiner revolutionären Selbstbefreiung beschäftigen, v.a. ab den 1920er und 1930er Jahren keineswegs auf die Sowjetunion beschränkt. Dabei wird einerseits das Elend der Arbeiter_innen sichtbar. Dieses offenbart sich dem Filmblick allerdings meistens erst dann in drastischer Materialität, wenn die Menschen aus dem kapitalistischen Produktionsprozess fallen, wenn sie also ihre – wie auch immer an sich schon prekäre – Arbeitsstelle verloren haben. Gerade in den 1930er Jahren sind solche Filme häufig. Als ein besonders gelungenes Beispiel davon sei hier nur auf Joris Ivens’ »Borinage« aus dem Jahr 1934 verwiesen, der

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nicht nur die ungeheure materielle Not von gegen die Entlassung ihrer Kollegen streikenden belgischen Bergwerkarbeitern und ihrer Familien zeigt, sondern diesen Kampf auch in die Perspektive einer revolutionären Bewegung und damit der Möglichkeit einer Aufhebung dieser Not zu stellen versteht. Andererseits entstehen auch Werke, die Arbeit als bewusste Tätigkeit, als Geschicklichkeit, als materiellen Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur darstellen und damit Arbeit vom kapitalistischen Ausbeutungsverhältnis trennen. »Philips-Radio« – ein drei Jahre vor »Borinage« entstandener Ivens-Film – zeigt weniger die Fabrik als Ort der Ausbeutung denn als ein Zu-

Fast durchgehend drückt sich auch der revolutionäre Film nicht mehr als Aufbruch, sondern als Krise der revolutionären Bewegung aus, auch dort, wo diese vordergründig gerade stark und im Aufschwung begriffen ist. sammenspiel von Mensch und Maschine, das Geschick und Stärke ausdrückende Fähigkeiten der Arbeitenden offenbart. Oder Sergej Eisensteins »Staroye y novoye« stellt die kooperative Arbeit an der neuen sowjetischen Gesellschaft am Beispiel eines landwirtschaftlichen Betriebes in einem wahren Montagefeuerwerk dar. Zusammenfassend lässt sich so feststellen, dass Arbeit in den Filmen, die sich mit ihr beschäftigen, in verschiedener Betonung auftaucht: erstens als Ausbeutungsverhältnis im Kapitalismus und zweitens als Fähigkeit der Proletarier_ innen mit vereinten Kräften eine neue, sozialis-

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tische Gesellschaftsordnung aufzubauen. Die filmischen Bilder der Arbeit bewegen sich dabei zwischen dokumentarischem Realismus und einer Montage, die das Zukünftige, Utopische zu antizipieren sucht und dabei auch vor pathetischem Schein, dessen propagandistische Tendenz offen zu Tage tritt, nicht zurückschrecken. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verändert sich aber etwas grundsätzlich im politischen Filmschaffen, und zwar nicht erst seit dem Niedergang der Neuen Linken in den 1980er Jahren. Es scheint so, dass der politische Film nun kaum mehr an den nahen Sieg der internationalen revolutionären Bewegung glaubt. Fast durchgehend drückt sich auch der revolutionäre Film nicht mehr als Aufbruch, sondern als Krise der revolutionären Bewegung aus, auch dort, wo diese vordergründig gerade stark und im Aufschwung begriffen ist (sogar ein Film wie »Soy Cuba!« von Mikheil Kalatozov, der den Sieg der kubanischen Revolution feiert, ist geprägt von einer melancholischen Grundstimmung). Diese Tendenz schlägt sich auch im Verhältnis zum filmischen Realismus allgemein und auf die Darstellung von Arbeit in den filmischen Bildern im Besonderen nieder. Auch wenn ein Vertrauen in die dokumentarische Qualität und in die emanzipatorische Kraft filmischer Bilder bis heute in manchen politischen Filmen anzutreffen ist, so ist die Haupttendenz des linken Films seit den 1960er Jahren doch eine gegenteilige. Dem filmischen Realismus wird zunehmend misstraut. Die unmittelbare Dokumentation, Kritik und perspektivische Überwindung der gesellschaftlichen Verhältnisse weicht einer Kritik des gesellschaftlichen Scheins, hinter welchem die Realität der Ausbeutung und die Möglichkeit einer anderen gesellschaftlichen Ordnung verborgen bleiben. Das Filmbild aber wird nicht als befreiende aufklärerische Macht, sondern selbst als Teil des Problems – nämlich als Träger von Ideologie und als Instrument der Manipulation –


behandelt. Um den gesellschaftlichen Schein zu sprengen, reicht es nicht, genau hinzuschauen. Es braucht genaue Analysen dessen, was zu sehen ist, was letztlich zu ei-ner Konfrontation der Bilder mit ihrer Kritik führt. Die Politfilme Jean-Luc Godards Ende der 1960er Jahre sind die vielleicht explizitesten Zeugnisse dieser Wende in der allgemeinen Tendenz des politischen Films. Es ist nicht die Wirklichkeit, die in den filmischen Bildern sichtbar wird, so die Diagnose Godards; vielmehr wird die Realität von ihren Bildern überlagert und verschleiert. Das moderne Bewusstsein glaubt nicht mehr an die Wirklichkeit, sondern an den Schein. Soll die Wirklichkeit jenseits der Klischees und Ideologie in den Bildern sichtbar werden, muss man durch Arbeit mit dem Bild erst zu ihr vorstossen. Bilder, die für sich selber sprechen, gibt es nicht. Bild- und Tonebene des Films müssen auseinander gebrochen werden: die Bilder sollen durch den Ton und der Ton durch die Bilder analysiert werden, wie es in »Le gai savoir« – dem vielleicht radikalsten Film Godards – heisst. Das Kino nähert sich dadurch seinem Nullpunkt. In »Le gai savoir« treffen sich eine junge Frau und ein junger Mann – beide politisch aktiv – in einem völlig dunklen Raum. In einem auf drei Jahre angelegten Projekt wollen sie 1. Bilder und Töne sammeln und mit ihnen Experimente durchführen, 2. das gefundene Material analysieren und kritisieren und 3. neue Bilder produzieren. Die Welt der Ereignisse, der politischen und sozialen Kämpfe bleibt draussen und ist doch der Fokus, in dem sich der Film in seinem Gang bewegt. Um der revolutionären Überwindung der Verhältnisse aber dienstbar zu sein, müssen die filmischen Bilder erst gegen ihre kapitalistischen

›Un film comme les autres‹ – Jean-Luc Godard Funktionen, gegen ihren Warencharakter, gegen die Klischees, die sie bedienen, gegen die symbolische Ordnung, in der sie stehen, behandelt werden. Arbeit aber verschwindet zumindest in ihrer unmittelbar physischen Gestalt als Arbeit in der Fabrik aus dem filmischen Blick und dies nicht nur bei Godard, sondern allgemein aus fast allen politischen Filmen der französischen (und auch etwa zeitgleichen japanischen) Nouvelle Vague. Dafür bietet sich eine einfache, allerdings etwas oberflächliche Erklärung an: nämlich der Intellektualismus dieser Filme. Die linken Filme der 1960er und 1970er Jahre sind selten mehr aus der traditionellen Arbeiter_innenbewegung

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mit den streikenden Arbeiter_ innen gemeinsam die Ereignisse zu dokumentieren. Doch will ich hier auf etwas anderes aufmerksam machen, das diesen vordergründig so intellektuellen Filmen eine Qualität verleiht, die jenseits aller in ihnen praktizierten Bildkritik liegt; eine Qualität, die durchaus viel mit dem sich im metropolitanen Kapitalismus entwickelnden Bewusstsein von Proletarier_innen gegenüber ihrer Arbeit zu tun hat. Es ist dies allerdings ein Aspekt, der vom Selbstverständnis einer kämpfenden Klasse weg führt. Ein Jahr vor »Le gai savoir« hat ›Im Lauf der Zeit‹ – Wim Wenders Godard einen anderen, ebenfalls inhaltlich wie formal selbst oder in unmittelbarer Anlehnung an diese äusserst radikalen Film gedreht, den er – wohl in entstanden. Es sind Werke, deren Autor_innen einer Mischung aus Ironie und Selbstkritik – »Un meistens aus der Nähe des politisch sich radika- film comme les autres« (Ein Film wie andere lisierenden Student_innen-Milieus stammen. Wie auch) nannte. sehr sich die revolutionären Studierenden gerade Die Ereignisse im Mai 1968 werden hier – obauch in vielen ihrer Filme um ein Zusammen- gleich im unmittelbaren Anschluss an denselben, gehen mit den streikenden Arbeiter_innen bemü- noch im gleichen Sommer gedreht – aus einer hen, so bleibt doch die Fabrik nicht der selbstver- Distanz des Im-Nachhinein behandelt. Eine Grupständliche Ort ihrer Kämpfe, die sich viel mehr pe junger Politaktivist_innen sitzt im hohen Gras auf der Strasse oder in den Bildungsstätten zu- vor einer modernen Arbeitersiedlung am Rande tragen. Die filmische Kritik und Selbstkritik, die von Paris und diskutiert politische Taktiken, die etwa in Godards Filmen geübt wird, zeugt zudem momentane Situation, den Zusammenhang von von einer Herangehensweise, die von philoso- Kultur und Politik, das Verhältnis von Arbeiter_ phisch-intellektuellen – wenn auch dadurch innen und Student_innen im revolutionären keineswegs weniger relevanten – Fragestel- Kampf, die Rolle der reformistischen Gewerklungen her an eine politische Praxis rührt. Gegen schaften etc. Unterbrochen wird das Gespräch diese Tendenz haben sich in Frankreich aber auch durch eingefügte schwarz/weisse Bilder der verschiedene Filmkollektive (worunter die unter Demonstrationen, Vollversammlungen, milidem Namen »Groupes Medvedkine« vereinten die tanten Aktionen etc. in den ansonsten farbigen bekanntesten sind) darauf verlegt, wieder direkt Film sowie durch Off-Stimmen, die Ergänzungen in die Fabriken und Streikkomitees zu gehen und und Erklärungen anbringen. Auffallender als diese

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Konstellation und der Inhalt der Diskussionen ist allerdings die eigentümliche Stimmung des Films, die sich den Zuschauenden mehr als etwas sich fortwährend Entziehendes denn als etwas Überwältigendes präsentiert. In »Un film comme les autres« findet sich eine völlige Verweigerung von Handlung, ja sogar von Bewegung, die mehr umfassen würde, als die mit den Grashalmen oder Zigarettenstummeln spielenden Hände in den Bildern der Diskutierenden. So wird der Film zur Zumutung für ein an schematisierten narrativen Filmen geschultes Publikum, das gewohnt ist, sich im Kino darauf verlassen zu können, seine Anstrengung auf das blosse Sammeln und nicht auf das Suchen oder gar Erstellen relevanter Informationen verwenden zu müssen; für ein Publikum, das im Kino davon ausgeht, das »Wichtige« – den Konflikt, die Aktion, die Entscheidung – entschlackt und umstandslos vorgesetzt zu bekommen. Dagegen spielt sich Godards ganzer Film gerade in diesem ausgeklammerten Bereich ab: im Unentschiedenen, im Vorgängigen oder Nachfolgenden, im Warten. Es ist eine lange Weile, der wir ausgesetzt werden, wobei uns dabei eine Anstrengung abverlangt wird, die der Anspannung beim gespannten Nachvollzug filmisch aufbereiteter Aktionen entgegengesetzt ist: Wenn das im Zusammenhang mit dem Betrachten von Filmen bekannte Nachvollziehen ein passives Aufnehmen von Aktivitäten ist, bleibt uns im Falle der Anstrengung, die Godard abverlangt, nichts anderes übrig, als einen aktiven Umgang mit Passivität zu finden. Oder anders gesagt: Im Spektakel der Aktion trügt der Schein von Souveränität über die reale Ohnmacht des Ausgesetzten hinweg, während lange Weile die Ohnmacht selbst ausstellt, um sie – immer noch ohnmächtig – in Frage oder zumindest zur Diskussion zu stellen. Ohnmacht aber prägt auch das Erleben des Arbeits-Alltags angesichts des nicht durchschauten gesellschaftlichen Scheins im Kapitalismus.

Meine These ist die folgende: Gerade in der Absenz aller Aktion, also auch in der Absenz von Arbeit als sichtbarer Tätigkeit, gerade in diesen Zeiträume zwischen den Aktionen, auf die Godards Film und mit ihm zahlreiche politische und auch nicht explizit politische Avantgarde-Filme bis heute fokussieren, ist etwas vom alltäglichen Bewusstsein und der Gefühlslage gegenüber der Arbeit im heutigen totalisierten Kapitalismus ausgedrückt. In ihrer ereignislosen Stimmung sprechen solche Filme vom Alltag, der das Arbeitsleben prägt, sofern es nicht von Kämpfen unterbrochen wird oder in der Perspektive revolutionärer Umwälzung der ihm zugrunde

Im Spektakel der Aktion trügt der Schein von Souveränität über die reale Ohnmacht des Ausgesetzten hinweg, während lange Weile die Ohnmacht selbst ausstellt, um sie – immer noch ohnmächtig – in Frage oder zumindest zur Diskussion zu stellen. liegenden Produktionsverhältnisse erscheint. Sie sprechen von der Reproduktion des Immergleichen, zu der jede Arbeit innerhalb der herrschenden Verhältnisse beiträgt. Insofern zeigen also solche Filme die Wirklichkeit, wohingegen alle Aktionen im Film den Unterbruch, das Seltene, die Ausnahme markieren, also selbst die Intermezzi sind. Indem sie ständig nur die Ausnahme realisieren, drohen sie die Realität zu verschleiern. Denn mit dem momentanen Verlust der revolutionären Perspektive, ja mit dem Verlust des Bewusstseins notwendiger Klassensolidarität bleibt der/die einzelne Arbeitende nicht

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nur dem Produkt der eigenen Arbeit entfremdet, sondern vermag sich dem notwendigen gesellschaftlichen Schein, der die Naturgegebenheit der kapitalistischen Logik behauptet, nicht einmal mehr partiell zu entziehen. Der Betrieb wird zum vollends sinnentleerten Einerlei. Ihm lässt sich nur durch ständige Zerstreuung scheinbar entkommen, weil ihm ins Angesicht zu blicken die eigene Situation auch dort unerträglich machen würde, wo sie nicht durch zugleich drohende Arbeitslosigkeit in ihrer materiellen Reproduktion gefährdet ist. Diese unter dem Spektakel des gesellschaftlichen Scheins latente Unerträglichkeit registriert das filmische Bewusstsein der realen Ohnmacht in der Vereinzelung. Es verweigert die Möglichkeit der Zerstreuung im Verharren in der Ereignislosigkeit. Was sich bei Godard noch unmittelbar und untrennbar verbunden mit einem politischen Kampf zeigt, erhält bei anderen Regisseuren eine Eigen-

›Life, and Nothing More...‹ – Abbas Kiarostami

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›Under the Olive Trees‹ – Abbas Kiarostami dynamik, in der alle explizit politischen Inhalte aufgeschoben, wenn nicht sogar ganz verschwunden, sind. Damit verliert auch die Gruppe als kollektiver Bezugspunkt ihre Gültigkeit und der/die Einzelne bleibt übrig in seiner/ihrer Überforderung und ohne Ziel oder Ausgangspunkt. Die Bezugslosigkeit zum Ganzen wird bestimmend. In den frühen Filmen von Wim Wenders etwa – v.a. seiner Roadmovietrilogie, die aus »Alice in den Städten«, »Falsche Bewegung« und »Im Lauf der Zeit« besteht – lässt die Fokussierung auf den Einzelnen (den stets männlichen Protagonisten) das Ganze diffundieren, wobei sich der Einzelne selbst darin verlieren muss. In allen drei Filmen geht es um Reisen ohne klares Ziel, um eine von vornherein vergebene, weil im Endeffekt belanglose Suche nach »Heimat« oder Identität, sei es als die Suche nach der Grossmutter eines neunjährigen Mädchens, das zusammen mit einem deutschen Journalisten durch verschiedene Städte reist (»Alice in den Städten«), als Versuch, in der Fremde Schriftsteller zu werden (»Falsche Bewegung«) oder als Doppelbewegung der Flucht vor und Hinwendung zu der eigenen Vergangenheit (»Im Lauf der Zeit«). Indem es keine Koordinaten gibt, an denen man sich orientieren könnte, sind Wenders Figuren von vornherein verloren und verlieren sich immer weiter. Ohne Bezüge in der und zur


Wirklichkeit herstellen zu können, bleiben diese Figuren ganz auf sich gestellt und können sich doch keine Form geben, weil ihnen dazu die Wirklichkeit fehlt. Verloren aber sind sie, indem über ihnen der Bann einer Notwendigkeit ohne Gesicht und Namen steht: Aus dem tristen Einerlei der Landstriche, der Städte, Hotels und Überbauungen gibt es bei aller Rastlosigkeit kein Entkommen. Es sind Roadmovies entstanden, aus denen das heldenhafte Abenteurertum des Outlaws gewichen ist und die ein ziel- und rastloses Irren am Ort in totaler Vereinzelung darstellen. Die modernen Flaneure dieser Filme sind dadurch in ihrem Empfinden und der Verfassung ihres Bewusstseins den zeitgenössischen Lohnarbeiter_innen, deren an-gebliche Freiheit von Notwendigkeit bestimmt, illusorisch bleibt, und die in konstanter Überforderung von der Entfaltung ihrer Bedürfnisse und Fähigkeiten abgeschnitten bleiben, verwandter als den Bohemiens des Fin de Siècle. Die Politfilme Godards und der frühe Wim Wenders sind nur zwei Beispiele für diese Tendenz zum Ereignislosen. Man könnte hier einen Parcours durch verschiedene Stilrichtungen und Weltregionen eröffnen und dabei auf je wieder andere Besonderheiten von Filmen stossen, die in der Weigerung, Arbeit zu zeigen, gerade die bewusste Verfasstheit der Arbeitenden einzuholen vermögen. Ich denke da an weitere Vertreter_ innen der Nouvelle Vague wie Agnès Varda, Jacques Rivette oder Chantal Akerman, ebenso an ihre japanischen Zeitgenossen Oshima, Yoshida oder – vielleicht weniger deutlich – Imamura, aber auch an die grossen Autorenfilmer der Gegenwart wie Abbas Kiarostami, Apichatpong Weerasethakul oder Tsai Ming-Liang. Das filmische Bewusstsein registriert die (post-)moderne Befindlichkeit genau. Es konfrontiert den gesellschaftlichen Schein mit der langen Weile und Monotonie, die nur die Kehrseite der gleichzeitigen pausenlosen Überforderung und Anspannung im Alltag sind.

Gerade so behauptet das filmische Bewusstsein einen Realismus, der über die gesellschaftliche Situation aufzuklären, ihren Schein zu durchbrechen vermag. In ihrer äusserlichen Absenz wird die Gefühlslage und das Bewusstsein gegenüber der Arbeit gerade präsent. So grundsätzlich finden sich die Personen nicht mehr in ihrer Arbeit und den Produkten derselben ausgedrückt, dass die Arbeit ganz aus dem Blickfeld geraten muss, um die Gefühlslagen der Betroffenen einzufangen. Es wird auf diese Weise aber auch eine widerständige Bedürftigkeit sichtbar, die sich dem Verwertungsprozess entzieht und vom Möglichen im Leeren spricht. Wenn das Elend des Alltags in vielen Filmen eine Art Grundierung des filmischen Gangs bildet, so vermag sich dagegen immer auch etwas zu behaupten, was in den Ritzen dieses ausgeleuchteten Einerleis aufzugehen vermag: plötzliche Erweiterungen des Blickfeldes, Unerwartetes, Geheimnisvolles, Verwegenes. Dieses Knistern ist selbst meist nicht mehr als ein ohnmächtiger Wille der Einzelnen zur Subversion. Von da aus zu einer bewussten Solidarität in der Perspektive radikaler Veränderung ist es ein unendlich langer Weg. Und trotzdem! In den plötzlichen Weiten von manchen Filmen Kiarostamis etwa (besonders eindrücklich am Ende von »Under the Olive Trees«), in denen die Figuren nur noch als kleine Punkte sichtbar bleiben, liegt auch ein unveränderter Anspruch aufs Ganze. Die unvermittelte Schönheit solcher Aufnahmen bleibt wesentlich sehnsüchtig: ein antizipierendes Warten, ein Ausdruck des Möglichen gegen die Herrschaft des Faktischen und dessen überfordernden Totalitätsanspruch. Hierin mag die Utopie des zeitgenössischen Avantgarde-Films liegen, gerade auch da, wo derselbe sich alles andere als politisch gibt. 1 Bazin, André (1975): »Ontologie des photografischen Bildes«. In: Ders. (1975): Was ist Film?. Berlin 2004, S. 37 2 Balázs, Béla (2001): Der Geist des Films (1930); Frankfurt a.M. 2001, S. 166/167

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SPUR DER STEINE

Antje M端ller ist freischaffende Fotografin. Ein Schwerpunkt ihrer k端nstlerischen Arbeit bildet die Auseinandersetzung mit Industrielandschaften

S pur der und deren Einwirkungen auf ihr Umland.

Die hier abgedruckte Fotostrecke entstand k端rzlich in der Lausitz zwischen Forst und Cottbus in stillgelegten, ehemals volkseigenen Betrieben (VEB) der DDR.

Fotos Antje M端ller, Hamburg

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SPUR DER STEINE

VEB WBK (Wohnungsbaukombinat) Cottbus | S 30 Merzdorfer Weg / Cottbus

TUFA (Tuchfabrik) | S 40 Schützenstrasse / Forst

VEB Textilkombinat Cottbus | S 32 Gerhart-Hauptmann-Strasse / Cottbus

VEB WBK (Wohnungsbaukombinat) Cottbus | S 41 Dissenchener Strasse / Cottbus

- Erster Spatenstich zum Bau des Produktionskomplexes am 1.10.1968 - Inbetriebnahme Ende September 1969

TUFA (Tuchfabrik) | S 42 Kleine Amtsstrasse / Forst

- Das Gesamtareal umfasste 260.000 m2

- Früher Tuchfabrik Reinhold Jackeschky

- Der TKC-Stammbetrieb beschäftigte Mitte der achtziger Jahre mehr als 4000 Mitarbeiter - Nach 1990 schrittweiser Zusammenbruch derTextilindustrie

- Wurde mit umliegenden, enteigneten Fabriken 1947 zu dem VEB Tuchfabrik am Haag zusammengeschlossen, der später in die Tufa aufging

- Im Zuge der zunehmenden Globalisierung Auslagerung der Produktion in Billig-Lohn-Länder

- Betriebsstätten wurden mit der Abwicklung der Tufa nach 1990 geschlossen und stehen seither leer

- Eine Wiederbelebung des Standortes scheiterte

- Die Grundstücke sind in Privatbesitz gelangt

TUFA (Tuchfabrik) | S 33 Schützenstrasse /  Heinrich-Werner-Strasse / Forst

Kindergarten am Stadtpark | S 43 Parkstrasse / Forst Kindergarten am Stadtpark | S 44 Parkstrasse / Forst

- Früher Volltuchfabrik Gottlieb Noack - Teile des alten Fabrikkomplexes sind 1945 zerstört worden - Nach 1945 standen hier zunächst noch 28 Webstühle, 1 SpinnereiSatz und die dazugehörige Zwirnerei - Betriebskomplex gehörte bis in DDR-Zeiten hinein zu den grösseren in Forst

VEB WBK (Wohnungsbaukombinat) Cottbus | Dissenchener Strasse / Cottbus

S 34

VEB WBK (Wohnungsbaukombinat) Cottbus | S 36 Merzdorfer Weg / Cottbus TUFA (Tuchfabrik) | S 37 Schützenstrasse /  Heinrich-Werner-Strasse / Forst VEB WBK (Wohnungsbaukombinat) Cottbus | S 38 Dissenchener Strasse / Cottbus TUFA (Tuchfabrik) | S 39 Schützenstrasse /  Heinrich-Werner-Strasse / Forst

TUFA (Tuchfabrik) | S 45 Kleine Amtsstrasse / Forst HO (Handelsorganisation) Kaufhalle | S 46 Mühlenstrasse / Forst VEB TKC (Textilkombinat) Cottbus | S 48 Gerhart-Hauptmann- Strasse / Cottbus VEB TKC (Textilkombinat) Cottbus | S 50 Gerhart-Hauptmann- Strasse / Cottbus VEB TKC (Textilkombinat) Cottbus | S 52 Gerhart-Hauptmann-Strasse / Cottbus HO (Handelsorganisation) Kaufhalle | S 53 Mühlenstrasse / Forst TUFA (Tuchfabrik) | S 54 Schützenstrasse / Forst

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Was brauchen Sie zum Leben?

Interview Nicole Peter, Z端rich ~ Fotos Sibylle Trinczek, Z端rich

Nur Yesil. Z端rich. Ladenbesitzerin. Entschlossen. 40 Jahre. Heimweh. Istanbul. Traum. Arbeit. Vier Kinder. Journalistin. Flucht.

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NUR YESIL

Arbeit. Früher arbeitete ich als Angestellte. Für mich war das einfach. Ich wusste um meine Stunden. Ich wusste, wann die Arbeit beginnt. Um acht Uhr stand ich auf, versorgte die Kinder, ging mit ihnen zur Krippe und nachher zur Arbeit. Die begann um zehn Uhr und dauerte bis zwölf, bis vierzehn Uhr. Dann hatte ich vier Stunden Pause. Von achtzehn Uhr bis Mitternacht arbeitete ich weiter. Wir arbeiteten nicht beide hundert Prozent, wegen der Kinder. Einer musste bei den Kindern bleiben. Mein Mann arbeitete fünfzig Prozent. Abends, wenn ich zur Arbeit ging, blieb mein Mann mit den Kindern zu Hause. In meiner Freizeit kümmerte ich mich um die Kinder, arbeitete im Haushalt, kochte, wusch, putzte. Im letzten Jahr veränderte sich unser Leben. Wir machten uns selbständig. Flucht. Es war sehr schwierig hierher zu kommen. Ich arbeitete in der Türkei für eine kurdische Zeitung. Arbeitete auch sonst politisch. Wir hatten viele Probleme. Zuerst kam mein Mann hierher. Ein Jahr vor mir. Ein Jahr später reiste ich mit meinen zwei Kindern nach, ohne Pass und ohne Visum. Ich kam schwarz mit einem Schiff. Zuerst nach Italien und dann hierher. Ich konnte mich in der Türkei nicht abmelden, wegen der Probleme mit der Polizei. Hätte ich mich dort abgemeldet, hätten Sie mich an meinem Wohnort gefunden und ins Gefängnis gebracht. Wie haben Sie sich als Kind Ihre Zukunft vorgestellt? In meiner eigenen Kindheit? Ja, was haben Sie sich erträumt?

Zwei Berufswünsche habe ich gehabt: Lehrerin oder Hebamme. Aber beides halt nicht machen können, weil ich nach der ersten Gymnasialstufe die Schule abgebrochen hatte. Warum? Weil ich dann mit der politischen Arbeit begonnen habe. Ich bin dann nicht mehr richtig zur Schule gegangen, bin nie zu Hause gewesen, bin immer irgendwo unterwegs gewesen und hatte viele Sitzungen. Ausserdem habe ich mich auch mit meinem Mann verlobt und bin mit ihm in eine andere Stadt gegangen. Meine Familie war deswegen manchmal wütend auf mich. Sie hatten Angst, dass ich im Gefängnis sei oder tot in einer Ecke liege. Sie hatten oft Angst. Aber bis jetzt hatte ich Glück, weil ich noch lebe und vier Kinder habe. Arbeit. Mein Mann steht jeden Morgen früh auf, um vier oder fünf Uhr. Er geht dann in den Engroshandel, wo er frisches Obst und frisches Gemüse kauft. Die Waren bringt er mir dann. Jeweils um halb sieben stehe ich im Laden. Ich öffne den Laden. Gemüse und Früchte, die verdorben sind, werfe ich weg. Für altes Gemüse und Obst mache ich Aktionspreise. Jeden Tag kommt neues Gemüse und neues Obst, das ordne ich oben ein, die Aktionen unten. Das dauert bis zwölf Uhr. Dann macht mein Mann Pause, weil er früher aufsteht,

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bis dreizehn oder vierzehn Uhr etwa. Wenn er zurückkommt, mache ich Pause, bis siebzehn Uhr ungefähr. Nach der Schule holt meine Tochter das Baby von der Krippe ab. Um einundzwanzig Uhr mache ich nochmals Pause. Spiele mit dem Baby, bringe es zu Bett. Ich esse dann auch was Kleines. Wenn die Kinder schlafen, um zweiundzwanzig Uhr oder zweiundzwanziguhrdreissig, gehe ich wieder in den Laden und helfe meinem Mann beim Aufräumen. Unsere Öffnungszeiten sind von sieben bis dreiundzwanzig Uhr. Wir sind normalerweise aber eine halbe Stunde früher dort und gehen eine Stunde später. Um dreiundzwanzig Uhr räumen wir auf, rechnen die Kasse ab. Manchmal plaudern mein Mann und ich noch etwas. Um zwölf Uhr gehen wir heim, um zu schlafen. Flucht. Bevor ich hierher kam, lebte ich

nicht reisen. Mein Mann und ich sprachen darüber. – Gut, du gehst. Sobald ich gesund bin und sobald ich unsere Tochter habe, komme ich nach. Ein Jahr habe ich gewartet.

einige Monate illegal. In dieser Zeit organisierte ich alles, um hierher zu kommen. – Ich muss weg aus diesem Land. Würde ich bleiben, wäre es für mich gefährlich. Was würde mit meinen Kindern geschehen. Mein Mann reiste alleine in die Schweiz. Er musste gehen. Eigentlich wollten wir zusammen gehen. Aber meine Tochter lebte damals bei der Grossmutter. Wären wir plötzlich aufgebrochen, hätten wir meine Tochter dort zurücklassen müssen. Ausserdem wurde ich krank, die Nieren. Ich konnte

da ist, gehen wir zusammen, mein Mann und ich. Oft haben wir keine Zeit für uns. Fangen am Morgen früh an. Machen keine Pause. Arbeiten bis Mitternacht, gehen dann nach Hause, essen etwas Kleines, schlafen. Und am nächsten Tag wieder weiter. Ja. Flucht. Ich erinnere mich nicht gerne daran. Das war für mich eine sehr schwierige Zeit. Ich reiste zehn Tage. Es war sehr schwierig. Eine Katastrophe. Ganz im Süden, in Anamur begann unsere Reise. Zehn Tage reisten wir. Und ganz unten in Italien, ganz unten in Santa Maria sind wir

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Was brauchen Sie zum Leben? Wir brauchen zum Leben zuerst Zeit und dann ... Zeit für die Familie, Zeit für mich selbst. Geld ist uns nicht sehr wichtig. Zuerst wollen wir Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft, Familie. Bis jetzt brauchten wir keine fremde Hilfe. Lösungen suchen wir selbst, organisieren wir selbst. Pause. Wenn wir Pause machen, treffen wir Kollegen, trinken Kaffee. Manchmal lädt mich jemand ein, oder meinen Mann. Wenn unser Sohn


angekommen. Eine Woche blieb ich dann in Italien. Viele Leute aufs Mal. Wir wurden befragt: Warum kommt ihr. Was wollt ihr. Ich sprach mit der Polizei, erklärte, dass ich nicht in Italien bleiben möchte. – Ich möchte in die Schweiz zu meinem Mann. Ich bin dort als Flüchtling angemeldet. Arbeit. Ja, das ist sehr wichtig dieses selbständige Arbeiten. Mein letzter Arbeitgeber versprach mir einen guten Lohn, dies und das. Was wir besprochen haben, was er mir versprochen hatte, hat er vergessen. Hatte mit ihm den dreizehnten Monatslohn vereinbart. Hatte abgemacht, ohne Zimmerstunden zu arbeiten, entweder am Morgen von acht Uhr bis fünf Uhr, oder am Abend von siebzehn Uhr bis Mitternacht. Aber ohne Zimmerstunde, weil ich nicht mehr mit Zimmerstunde arbeiten wollte.

Als ich aber den Arbeitsvertrag unterschreiben sollte, hat er vergessen, was wir abgemacht hatten. Flucht. – Wann kann ich abreisen? Mein Mann wartet auf mich. Ich werde erwartet. Aber ich bin nicht da. Ich bin in Italien. Während zwei, drei Tagen durfte ich meinen Mann nicht kontaktieren, darum sprach ich mit dem Heimleiter und bat ihn um meine Ausweisnummer. Zuerst wollte er nicht, dann doch. Ich teilte die Nummer meinem Mann mit. Er reichte sie dem schweizerischen Sozialberater weiter. Der schrieb

dann irgendeinen Brief nach Italien. Sofort kam ich frei. Innerhalb von zwei Stunden. – Was ist passiert? Alles okay, Sie reisen. Aber ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Ich hatte keine Ahnung. Ich kenne Italien nicht. Schliesslich wurden meine Kinder und ich aus dem Lager abgeholt und hierher gebracht, in die Schweiz, nach Basel. Ungefähr einen Monat blieb ich danach in dieser Hausnummer 50. Das ist ein Asylheim. Was denken Sie, wo leben Sie in fünf Jahren? Hier? Ja, was stellen Sie sich vor? Für die Zukunft oder die Vergangenheit?

Für die Zukunft. Im nächsten Jahr möchte ich mich für die Einbürgerung anmelden. Wenn ich die Einbürgerung bekommen habe, möchte ich nach Amerika reisen, um meine Cousine zu besuchen. Danach möchte ich vielleicht in mein Land. Zuerst nach Istanbul, ich habe Heimweh nach Istanbul. Seit ich hier bin, bin ich nie mehr dort gewesen. Warum nicht?

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Ja eigentlich wäre es möglich gewesen. Bekannte haben gesagt, dass ich nach fünf Jahren meinen Status wechseln und dann in mein Land gehen kann. Ich habe aber gesagt, dass ich nicht wechseln möchte, weil das System in meinem Land nicht gut ist. Es ist gefährlich für mich und für meine Familie. Erst wenn ich eingebürgert bin und den Pass habe, probiere ich es. Wenn ich Schweizerbürgerin bin, wird sich mein Land nicht mehr um mich kümmern. Ich habe dann viele Rechte. Und sie haben dort keine Chance gegen mich. Deswegen warte ich auf die Einbürgerung. Mein ältester Sohn ist schon Schweizer und meine Tochter ist auch schon angemeldet für den Schweizerpass. Und Sie?

Dieses Jahr möchte sich auch mein Mann anmelden, zusammen mit den zwei kleinen Kindern. Vielleicht ergibt sich für mich die Möglichkeit, mich dieses Jahr noch anzumelden, vielleicht auch nicht. Dann eben im nächsten Jahr. Und sonst? Ausserdem möchte ich weiterhin selbständig-erwerbend arbeiten. Auch für die

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Kinder ist das besser, für ihr Selbstvertrauen. Früher mussten sie sagen, dass ihr Vater in einem Beschäftigungsprogramm und ihre Mutter in der Gastronomie arbeitet. Seit der Geschäftseröffnung sagen sie: meine Familie hat ein Geschäft, beide Eltern sind Geschäftsführer. Das gibt ihnen Vertrauen. Selbstvertrauen? Selbstvertrauen, ich weiss nicht, wie man es deutsch sagt, aber ähm, der Kopf ist erhoben. Stolz? Ja, sie sind sehr stolz auf uns.

In zehn Jahren, was wird dann sein? Es gibt keine Garantie. Ich weiss es nicht. Vielleicht lebe ich in zehn Jahren nicht mehr. Das Leben ist so einfach. Gut, ich habe bereits von den nächsten fünf Jahren gesprochen. Aber auch dafür gebe ich keine Garantie. Vielleicht passiert mir morgen etwas und dann lebe ich nicht mehr. Ich hoffe aber, dass ich noch längere Zeit lebe, für die Zukunft der Kinder möchte ich noch alles vorbereiten. Unser ältester Sohn soll Informatiker werden. Er beginnt nach den


Sommerferien mit der Lehre, unsere Tochter das zehnte Schuljahr. Danach will sie Dentalassistentin oder Kleinkindererzieherin lernen. Sie möchte eine Chance, wir geben auch ihr eine Chance. Ausserdem habe ich noch zwei weitere Kinder, deren Zukunft ich auch vorbereiten möchte. Arbeit. – Ich habe viel Geduld. Drei Monate, das ist nicht so schwer. Nach drei Monaten können wir das ja nochmals besprechen. Aber eine Woche bevor diese drei Monate vorbei waren, kam er vorbei. – Wir haben für dich keine Versicherung vorbereitet. Welche Versicherung? Die Schwangerschaftsversicherung. Du musst, das ist obligatorisch. Nein, das stimmt nicht. Du willst keine Kinder mehr bekommen. Das ist mein Privatleben, das

Leute, die mit Visum kommen und sagen: Ich komme als Flüchtling. Ich blieb zweiundzwanzig Tage dort. In dieser Zeit war ich viel mit kurdischen Leuten aus der Türkei zusammen, ungefähr fünfzig Leute. Wir hatten alle politische Probleme. Alle zusammen das gleiche Problem. Wir waren dort ein gutes Team. Irgendwann hatte ich einen ersten Gerichtstermin. Warum sind Sie hierher gekommen. Sie wollten meine Geschichte hören. Alles erzählte ich und erklärte, dass mein Mann in Zürich lebt. Wir sind eine Familie, ich möchte zu ihm. Eine Woche später reiste ich mit meinen zwei Kindern nach Zürich. Die Fahrkarte erhielten wir vom Heim. Seither leben wir in dieser Wohnung. Arbeit. Im Februar sass ich auf dem Balkon. Schaute nach draussen und sah diesen Laden.

geht nur mich was an. Dich nicht. Ob ich schwanger werden will oder nicht, ist mein Problem. Du bist der Arbeitgeber, ich die Arbeitnehmerin. Entweder du schliesst diese Versicherung ab, oder sonst kündige ich. Es ist besser, du kündigst. Gut, okay. Ich sagte dann noch, sobald ich mit dem vierten Kind schwanger sei, würde ich selbstständig erwerbend sein. Er lachte. Flucht. Alle, die in die Schweiz fliehen, müssen zuerst in ein Heim gehen. Sich anmelden und Asyl beantragen. Aber das ist nur für Asylbewerber. Nicht für normale

Ich dachte mir, dieser Laden wird frei. Mein Mann sass auf dem Sofa. – Weisst du, dieser Laden ist leer, ich möchte diesen Laden mieten. Wozu das? Für Lebensmittel, warum nicht. Nein, nein. Ich ging trotzdem nach drüben, schrieb die Telefonnummer ab, rief die Verwaltung an, zwei-, dreimal. Viele Interessenten meldeten sich. Ich erzählte ihnen, dass ich schwanger sei, mein viertes Kind erwarte. Ich erzählte ihnen, dass ich mir selbst versprochen habe, selbständig zu werden. So stiess ich auf offene Ohren und erhielt

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den Laden. Die alten Möbel räumten wir weg, renovierten, machten neue Regale rein. Alles machten wir selbst, Einkauf, Transport, Montage. Und niemand wusste, was in diesen Laden kommt. Während der Renovation verklebten wir die Schaufenster. Eigentlich hätte ich am 26. Juni Geburtstermin gehabt. Aber dann bekam ich bereits am 14. Juni Wehen. Vom Unispital aus rief ich meinen Mann an. Er war im Laden, beim Renovieren. – Kannst du vorbeikommen? Die Geburt beginnt. Den Laden eröffneten wir schliesslich am zehnten Juli. Abgesehen von Feiertagen, haben wir seither noch nie geschlossen gehabt. Flucht. Mein Mann trat seine Reise im Oktober 1997 an. Ich am 29. Oktober 1998 – und kam am 15. November hier an. Über ein Jahr hatte ich ihn nicht gesehen. Mehr will ich darüber nicht reden. Arbeit. Ich

arbeite sehr gerne selbständig, ohne Chef, ohne Geschimpfe. Niemand diktiert, kommandiert. Ich mache alles selbst, alles freiwillig. Ich mag den Kontakt mit den Leuten sehr gerne. Ich wohne seit zehn Jahren hier und habe zuvor kaum Leute kennen gelernt. Vielleicht sagte mal jemand Grüezi. Wenn ich heute nach unten gehe, früh am Morgen, und jemand sieht mich, heisst es: Wie geht es? Ist alles gut? Jetzt sprechen die Leute einige Minuten mit mir. So lerne ich viele Leute kennen. Und dann ist unser Baby auch noch das

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Maskottchen des Ladens. Gut, es gibt auch Nachteile. Manchmal kommen schwierige Leute. Aber wir wollen nicht streiten. Wir sagen dann: Bitte stören Sie nicht. Gehen Sie, sonst rufen wir die Polizei. Natürlich rufen wir die Polizei nicht. Aber es gibt hier eine gewisse Angst: Wenn man sagt, ich rufe die Polizei, gehen die Leute sofort weg. Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich wünschen? Als Erstes möchte ich ein friedliches Leben, als Zweites mit meinen Kindern und meiner Familie zusammenleben und als Drittes, dass meine Kinder einen ganz guten Beruf haben. Und wenn Sie jetzt noch einen Vierten hätten?

Einen Vierten habe ich nicht. Für Sie selbst? Selbst? Ich denke nicht immer zuerst an mich. Als Erstes denke ich an meine Familie. Für mich möchte ich eine ruhige Zeit, damit ich meine Ziele verfolgen kann. Ich möchte mit meiner Familie zusammenleben, ich möchte keine Zukunftssorgen mehr haben. Ich führe ein sehr gutes Leben.


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Freundschaftswerbung. Im Pitch um Anerkennung

Text Caroline Kikisch, Hamburg ~ Illustrationen Sebastian B. Riepe, Hamburg

Die Werbebranche lebt von Illusionen – nicht zuletzt über sich selber. Wer möchte kaufen, wenn Ausbeutung drauf steht?

Wer will arbeiten, wo Prekarisierung herrscht? Enthalten soziale Netze einen Weg aus der Misere oder erhalten sie nur die kreative Arbeitskraft?

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FREUNDSCHAFTSWERBUNG

W

as machst Du? Irgendwas mit Medien? Werbung? Design? Ach, Du schreibst? Auch gut. Also irgendeine höhere Bildung genossen, ja? Und das mit der Miete ist aber trotzdem manchmal schwierig? Oder hast Du eigentlich keine Zeit, Dir über so was Gedanken zu machen, weil Du jetzt doch noch mal kurz ins Büro musst, um die letzten Abstimmungen zu prüfen? Digitale Bohème oder dozierendes Prekariat? Aber Deine Eltern haben Dich doch immer vor der brotlosen Kunst gewarnt. So ist das halt: Entweder die Arbeit macht Spass oder sie wird gut und regelmässig bezahlt. Und wer bitte will sich denn schon verbeamten lassen! Eben. Zugegeben: Die Einleitung zu Frédéric Beigbeders Neununddreissigneunzig ist bissiger. Doch an der Überdosis Koks sterben heute wohl die wenigsten Werber und auch Unfälle mit dem Privatjet oder Cabriolet gehören nicht zu den alltäglichen Miseren, mit denen sich Kreative rumzuschlagen haben. Die aktuellen Probleme sind weniger glamourös, auch weniger auffällig. Schliesslich ist es ein weit verbreitetes Phänomen, das unter dem Begriff der Prekarisierung seit einigen Jahren über universitäre Zirkel hinaus von sich reden macht. Darunter lassen sich die Entgrenzungen von Arbeit fassen, die sich auf Zeit, Ort und Körper ausdehnen und manifestieren. Prekarisierung heisst Verunsicherung, teilweise Entrechtung – in jeweils unterschiedlichen Ausprägungen der migrantischen, erwerbslosen oder arbeitnehmenden Subjekte – und Selbstentpflichtung, von beispielsweise Arbeitgebern und

staatlichen Institutionen. Nicht nur im Bereich der Arbeit greift diese Verunsicherung um sich, sie erfasst das Subjekt in Gänze und unterwirft seine Beziehungen und Verhältnisse einer neuen Kodierung. Die Entgrenzung von Arbeit und sogenannter Nicht-Arbeit, sowie den fast schon obsolet erscheinenden Sphären des Privaten und Öffentlichen, tritt über unterschiedliche Wege in Kraft. Sie bricht sich Bahn durch Strategien der Subjektivierung, der Vergesellschaftung, der Vereinnahmung der gesamten Person. Gerade die Arbeit in den kreativen Berufen zeichnet sich zumeist durch die starke Entgrenzung in personellen, zeitlichen und thematischen Bereichen aus. So gibt es nicht nur freundschaftliche Bindungen an Kund_innen und Kolleg_innen, sondern auch ein privates Interesse an der eigenen Arbeit, welches bis zur »Selbst-Prekarisierung«1 beansprucht werden kann. Auch Zeit und Raum werden fluide, der Arbeitsplatz ist zunehmend in der Wohnung angesiedelt, die Wohnung am Arbeitsplatz, und eine zeitliche Abgrenzung zwischen Arbeitszeit und Freizeit ist für bestimmte Berufsgruppen sowieso längst Phantasterei, zumal als Arbeitszeit in dieser Definition nur die entlohnten Stunden gelten, die Zeit, welche der / die immaterielle Arbeiter_in zum Denken, Recherchieren, Kommunizieren, Planen und Schreiben braucht, jedoch unter den Tisch fällt. In den kreativen Berufen sieht sich die Freiberuflerin ebenso wie der Festangestellte mit einer besonderen Schwierigkeit konfrontiert: Die ständige Aufforderung, kreativ sein zu müssen,

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also aus persönlicher Erfahrung und Subjektivität schöpfen zu müssen und sich genau dadurch angreifbar zu machen. Immer originell sein und die eigenen Ideen und die eigene Person zur Disposition stellen zu müssen, erfordert Kraft. Als Hilfe und Unterstützung fungieren hier die Beziehungen zu den Kolleg_innen. Sie können eine Strategie sein, diese Anforderungen zu bewältigen. Viele Agenturen forcieren von sich aus ein quasi-familiales Verhältnis durch eigene Sprachgewohnheiten (das ›Du‹ lässt hierbei Hierarchien weniger offensichtlich werden und führt zu einer ›persönlicheren‹ Beziehung) und Riten, die das Gemeinschaftliche hervorheben, wie das gemein-

Am Anfang hatte ich Mühe, also ich glaub, das ist so’n Ding, das man generell hat, wenn man Ideen macht, gibt man relativ viel von sich preis, also man steckt da ja auch sein ganzes Herzblut rein. same Mittagessen, sportliche Betätigungen oder Trinkgelage. Die ideale Agentur wird auch in den Selbstdarstellungen beschrieben als Ort der Gemeinschaft, an dem die Arbeit Spass macht und eine vertrauensvolle und offene Atmosphäre herrscht. Bestenfalls sind alle miteinander befreundet. Freundschaft wirkt in den Arbeitsverhältnissen reziprok. Sie verbindet Menschen bei ihren Arbeitsplätzen und teilweise darüber hinaus. Sie kann als Kontaktbörse zu beruflichen Veränderungen beitragen und die alltägliche Arbeit selbst beeinflussen. Sie hat viele Gesichter, doch nur einen Namen. Sie kann die unterschiedlichsten Formen annehmen. Sie wird gebildet, geformt

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und genutzt von uns, den Freundinnen und Freunden. Und sie hat in der postindustriellen Arbeitswelt viel zu leisten. Wie kann sie dazu beitragen mit den alltäglichen beruflichen Anforderungen umzugehen? Kann sie auffangen, was durch gewerkschaftliche Organisierung nicht mehr zu leisten ist?

Creative challenge Arbeiten in einer Agentur bedeutet vor allem kommunikatives Arbeiten. Die eigene Arbeit wird vor vielen Leuten präsentiert und verteidigt, und mit Kritik umzugehen muss gelernt werden, wie Tino (29), Texter in einer mittelgrossen Werbeagentur, berichtet: »Am Anfang hatte ich Mühe, also ich glaub, das ist so’n Ding, das man generell hat, wenn man Ideen macht, gibt man relativ viel von sich preis, also man steckt da ja auch sein ganzes Herzblut rein und das sollte man auch tun, glaub ich, ansonsten wird’s irgendwie nicht richtig und da muss man auch lernen das so’n bisschen abzukönnen, dass Leute herkommen und sagen ›Nee, das ist aber totale Scheisse, was du dir da ausgedacht hast, mach das noch mal neu!‹« Die Anforderung an sich als »Kreativsubjekt«2 geht einher mit der Mühe als ganze Person zu arbeiten. Das heisst, dass auch die Kritik die ganze Person anspricht und eine Loslösung des Produzenten von seinem Produkt schwierig wird, da ein so grosses Mass an Identifikation und »Herzblut« erforderlich ist, um es überhaupt »richtig« zu machen und beim Pitch, dem Wettbewerb um die beste Kampagne, zu gewinnen. So wird die kreative Arbeit zu einer intimen Angelegenheit, in der »man relativ viel von sich preis« gibt und dadurch umso verletzbarer wird. Eine Grenzziehung zwischen dem Subjekt der Erwerbsarbeit und einem privaten Ich wird schwieriger, da die Person in dieser Logik das Produkt und den Produzenten gleichermassen stellt.


Daher ist es notwenig, eine Lücke zwischen der eigenen Person und der Arbeit herzustellen, sowie Kosten und Nutzen der Anstrengungen zu prüfen. Tino tut also zweierlei: Zum einen distanziert er sich emotional von seinem Produkt, zum anderen versucht er es in Relation zu anderen Arbeiten zu sehen und wägt ab, ob die Idee gut genug ist, um für sie »zu kämpfen«. Das Problem ist der Spagat zwischen Kampf für das und Identifikation mit dem Produkt und Abkehr von demselben, um sich vor der Kritik zu schützen. Diese paradox anmutende Bewegung versteht sich als Professionalität: Einerseits ist das Produkt direkt dem »Herzblut« des Produzenten entsprungen, was eine Überidentifizierung bedeutet, andererseits muss eine Gegenbewegung der Entfremdung vollzogen werden, um die Kritik am Produkt nicht als Abwertung der eigenen Person zu verstehen. Die Kritik wird als Problem der eigenen Person begriffen, es wird als »Eigenes« wahr- und angenommen. Die von Arbeitgeberseite formulierten Anforderungen werden zu eigenen Ansprüchen. Bin ich gut genug? Könnte, müsste ich nicht besser sein? Die Bereitschaft, immer noch mehr zu arbeiten und immer noch weitere Ideen zu entwickeln wird zum Perpetuum Mobile. Doch das Gut Kreativität ist nicht unerschöpflich. Wiewohl auch der Druck präsent ist, immer über aktuelle Trends informiert zu sein, fehlt nach Agenturschluss die Zeit, sich mit neuen Impulsen und Anregungen zu umgeben. Dadurch, so Tino, läuft man Gefahr in seinem »eigenen Saft zu schwimmen« und Werbung zu kopieren oder sich Sachen auszudenken, die nicht mehr zum bewerbenden Produkt passen, da der notwendige Abstand zu der Arbeit und Zeit für Regeneration und Reproduktion fehlt und man irgendwann merkt, dass man »irgendwie leer ist«. Schliesslich braucht Kreativität Musse, um zu gedeihen und Zeitdruck und Überarbeitung vermögen nicht notwendigerweise der Originalität Vorschub zu leisten. Das Ergebnis solch künst-

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licher Verknappung zeigt sich eher in einer, wie es der Politikwissenschaftler Ulrich Bröckling formuliert, »Simulation von Kreativität«3.

Arbeit = Anerkennung Birgit (33), wurde von einer grossen und renommierten Agentur als Junior Konzepterin angeworben. Sie erhielt in dieser Position ein Gehalt, welches für sie und ihre Arbeit zu gering ist, um als angemessen zu gelten. Als sie nach einem halben Jahr zur Konzepterin gemacht wurde, also eine höhere Stufe in der betrieblichen Hierarchie erklommen hatte, war diese Beförderung nicht an eine Lohnerhöhung gekoppelt, da von der Geschäftsführung argumentiert wurde, Birgit müsse ihre Befähigung zu dieser Beförderung erst noch beweisen. Birgit zeigt sich verärgert, dass »man sich geehrt fühlen soll, dass man überhaupt da

Wiewohl auch der Druck präsent ist, immer über aktuelle Trends informiert zu sein, fehlt nach Agenturschluss die Zeit, sich mit neuen Impulsen und Anregungen zu umgeben. arbeiten darf«. Was hier an ein für die Vita wichtiges Praktikum erinnert, ist gängige Praxis. Der Titel soll die Funktion der Wertschätzung erfüllen, welche auf der finanziellen Seite jedoch abgelehnt wird und dadurch keine spürbaren Auswirkungen auf das Leben und Arbeiten Birgits hat. Sarkastisch beschreibt sie die Anrufung zur Dankbarkeit. Diese arrogante Geste kann sich nicht jede Agentur leisten, doch scheint dieses Gebaren ein Distinktionsmerkmal zu sein, mit welchem be-


stimmte Agenturen sich von anderen abzuheben wissen. Neben der unzulänglichen Entlohnung führt auch die permanente Mehrarbeit, die wiederum weder entlohnt noch anerkannt wird, zur Enttäuschung. Dieses Grundgefühl von Missachtung prägt die Stimmung und immer mehr Eigenmotivierung wird erforderlich, um den Motor am Laufen zu halten. Von Arbeitgeberseite ist – zumindest in vielen Werbeagenturen – nicht viel Anerkennung und Motivation zu erwarten. Fordern ja, Förderung eher weniger. Dieses Fehlen von Anreizen ist bezeichnend für die Haltung der Agenturen ihren Angestellten gegenüber. So wird es zur Aufgabe des Einzelnen, sich zu motivieren und Quellen von Ansporn und Anerkennung zu finden, wenn sie ihm in direkter und offener Form (wie als Entlohnung und Verbesserung des Titels) verwehrt wird. Tino beschreibt den Kreislauf und die Suche nach Wertschätzung mit folgenden Worten: »Man gewinnt ja auch relativ viel, also ich merke es selber auch, dass ich relativ viel aus dem Job an Bestätigung mitnehme. Andererseits gerät man dadurch in so eine Art Teufelskreis, weil man das ja auch so’n Stück steigern will, also wenn du einmal ein Schlüsselband gemacht hast, dann ist das beim zweiten Mal schon nicht mehr so der Kick. Dann willst du beim nächsten Mal was Grösseres.« Als »Teufelskreis« umschreibt Tino den Wunsch die gewonnene Anerkennung noch zu »steigern«, um beim nächsten Mal einen noch grösseren »Kick« zu empfinden. Diese Vokabeln stellen eine Verbindung zu Sucht und Abhängigkeit her. Glücksgefühle werden nicht durch Lob und Entlohnung hervorgebracht, sondern als neue und grössere Aufgabe. Die Anerkennung ist somit direkt an die Arbeit gekoppelt, die Arbeit selbst ist die Anerkennung. Diese kann jedoch auch nur eine gewisse Zeit die fehlende Förderung und Wertschätzung der Vorgesetzten substituieren. Innerhalb der Agenturhierarchie aufzusteigen, ist mühsam und langwierig, ein Arbeitsplatzwechsel

oft aussichtsreicher. Die Fluktuation von Arbeitskräften hat auch für die Agentur mehrere Vorteile. Zum einen kann sie Geld sparen, da sie keine Höherpositionierungen bezahlen muss, zum anderen profitiert sie von den Synergien, welche durch Neueinstellungen kurzzeitig in den Agenturen freigesetzt werden. Nicht zuletzt sind Angestellte in ihrer Probezeit auch aufgrund der Angst vor kurzfristiger Entlassung besonders motiviert. Ein weiterer Punkt ist jedoch, dass allzu lange Verbindungen der Angestellten untereinander unterbunden werden, somit ein gewisses Wissen von Firmenabläufen und Organisierung, etwa gewerkschaftlicher Art, nicht zum Tragen kommt. Denn wer ficht schon Kämpfe aus, wenn er / sie doch nur ein Jahr bleibt?

Das Kollektiv bei der Arbeit Die Personalfluktuation wirbelt das kollegiale Gefüge auf. Zum einen werden dadurch Freundschaften erschwert, die sich auf jahrelange, vertrauensvolle Zusammenarbeit stützen, weil durch die schnellen Wechsel und manchmal nur sehr kurzfristigen Anstellungen diese emotionalen Bindungen nur schwer aufgebaut werden können. Gleichzeitig ermöglichen die häufigen Veränderungen der Belegschaft viele neue potentielle Bekannt- und Freundschaften. Das Netz wird ausgeweitet. Als kommunikatives Arbeiten beschrieb ich weiter oben die Agenturarbeit. Oftmals ist sie auch kollektiv: als vielgepriesene Teamarbeit. Diese Form beschreibt Birgit: »Das ist so’n bisschen dieses sich gegenseitig so zu puschen, weisste, und sich gegenseitig irgendwie besser zu machen. Wenn man da zusammengearbeitet hat, dann war Ideenmachen wie so ein Ping-Pong-Spiel. So dass man am Ende nicht mehr wusste, von wem kam denn die Idee jetzt. Und weil die dann plötzlich anders war und sehr viel toller und sehr viel präsentabler.

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So dass man gemeinsam mit sehr, sehr viel Spass und sehr, sehr viel Energie freiwillig, wirklich freiwillig bis elf Uhr nachts Ideen macht, weil es einfach total Spass macht. Und das auch zusammen zu präsentieren und zu lachen dabei und so. Und sich gut zu fühlen, wenn man da ist und sich auch so’n Tick aufeinander verlässt, weisste und man nicht das Gefühl hat, dass man irgendwie ausgeblutet oder nicht wahrgenommen wird.« Mit dem Bild des ›Ping-Pong-Spiels‹ verdeutlicht Birgit die Idee, die vom einen zum anderen springt und am Ende das Produkt Mehrerer ist, ohne die eigentliche Autorschaft zeigen zu können. Das gegenseitige Puschen hebt einerseits das Selbstwertgefühl, andererseits werden die Ideen »besser« durch die ständige spielerische, synergetische Bearbeitung. Dieses Puschen konstruiert und festigt die Gruppe und schafft eine Grenzen verwischende Gruppenidentität zugunsten erhöhter Produkti-

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vität. Diese Gruppe birgt theoretisch auch ein Potential für solidarisches Handeln, doch scheint sie in der Praxis vorrangig die Probleme aufzufangen und Trost zu spenden (»wahrgenommen« werden), eine verlässliche Solidarisierung jedoch nicht zu leisten. Dies mag auch an der Konkurrenzsituation liegen, die von den Agenturen teilweise systematisch gefördert wird. Dieses Gemeinschaftsgefühl (und damit auch die Freundschaften und sexuellen Beziehungen) kommt auch Bedürfnissen nach Wahrnehmung und Anerkennung entgegen und kann dadurch als Kompensation zu den als strapazierend und auslaugenden, geradezu blutsaugenden und Anerkennung negierenden Arbeitsverhältnissen verstanden werden. Ohne direkt zu Freud aufs Sofa zu klettern, ist ein Blick auf die gebrauchte Sprache doch interessant: So betont Birgit den freiwilligen Charakter der Mehrarbeit und hebt den Spass an der gemeinsamen Arbeit hervor. Diese


aktivistischen Begrifflichkeiten stehen in einem extremen Gegensatz zu den Erlebnissen der passiv erlebten Missachtung und Ausbeutung (»ausgeblutet« werden) von Arbeitgeberseite. Überspitzt gesagt: Die Gruppe fängt auf, was die Vorgesetzten fallen lassen. Denn Freundschaft gilt als eine Beziehung, die wie keine andere Gefühle von Wertschätzung und Bestätigung vermittelt und als Wesensmerkmale Loyalität und Vertrauen besitzt, ohne bereits eine Liebesbeziehung zu sein. Freundschaft zeigt sich somit als Ressource, die das Ertragen der alltäglichen Anforderungen überhaupt erst ermöglicht und der bei der Arbeit verbrachten Zeit freudige und kurzweilige Momente beschert. Doch kann genau diese Funktion auch als Motor der gesteigerten Verfügbarmachung und Selbstausbeutung betrachtet werden. Die Erfolgserfahrungen und Synergien zeigen sich als wertvolle Momente der Gruppendynamik. Das Gefühl, sich »so ’n Tick«, also nicht allzu viel, aufeinander verlassen zu können, das Vertrauen, welches sich hier auch gegenseitig geschenkt wird, beeinflusst also gleichzeitig das Gefühl, welches der Arbeit selbst entgegengebracht wird. Nun stellt die hohe Fluktuationsrate an diese Gemeinschaft grosse Ansprüche. Immer wieder muss man sich auf neue Personen einstellen und sie integrieren, immer wieder sich von liebgewonnenen, vielleicht befreundeten, Kolleg_innen trennen. Insbesondere zu ihrem Kollegen Fidel verband Birgit ein besonderes Gefühl und bedauert, dass er die Agentur inzwischen verlassen hat: »Wie wichtig einem jemand werden kann... Das Wiedersehen ausserhalb der Agentur war dann aber sehr anders. Also es war auch schon immer noch nett, aber es war überhaupt nicht auf dem Level, wie das irgendwie in der Agentur war. Seltsam, fragil irgendwie. Also da muss man dann eine andere Ebene finden danach. Und kann man das? In diesem Falle nicht.«

Ausserhalb funktioniert das gegenseitige und gemeinsame »Sich-durch-sich-Affizieren«4 nicht mehr. So ist es schwierig, die erlebte Gemeinsamkeit auf eine »andere Ebene« zu bringen, wo der gemeinsame Raum nicht mehr die Arbeit ist, welche die Beziehung strukturiert, ordnet und produziert. Eine neue Ebene zu finden heisst, hier auch mit einer Lücke umzugehen und sie füllen zu müssen, die – vorerst – keine Anknüpfungspunkte an den Raum der Arbeit hat. Dadurch wirkt die Beziehung selbst »fragil« und Fidel beim Wiedersehen »irgendwie anders«. Vielleicht hat

Denn Freundschaft gilt als eine Beziehung, die wie keine andere Gefühle von Wertschätzung und Bestätigung vermittelt und als Wesensmerkmale Loyalität und Vertrauen besitzt, ohne bereits eine Liebesbeziehung zu sein. gerade die erzwungenermassen gemeinsam verbrachte Zeit ein Band zwischen Birgit und Fidel geknüpft, welches das Arbeitsverhältnis, das von Birgit auch als »Stockholm-Syndrom« diagnostiziert wird, erst aushaltbar macht. Diese Benennung der Situation als »Stockholm-Syndrom«, als Gemeinschaft, in welcher die Geiseln ein positives emotionales Verhältnis zum Geiselnehmer aufbauen, lässt sich als der Versuch lesen, die Arbeitssituation aushaltbar und erklärbar zu machen. Durch die Gefühlsarbeit5 wird so ein Zustand und ein Bewusstsein der eigenen Person hervorgebracht, die unter diesen Umständen erst arbeitsfähig wird. Dieses Gefühlsmanagement macht die Situation erst ertragbar, gleichzeitig

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stellen sich die evozierten Gefühle als problematisch dar, wenn Grund und Raum, die diese Handlungsweise notwendig machte, verschwinden. Das Subjekt wird verletzbar. Neben der Freundschaft baute sich noch etwas anderes zwischen Birgit und Fidel auf. »Was ist eigentlich, wenn man jeden Tag irgendwie 14 Stunden zusammen in einem Büro sitzt, irgendwie so ’n Typ und ’ne Frau und / nee, wie drück’ ich das aus? Ich frage mich, ob das okay ist, dass man zusätzlich zu diesen Freundschaften auch noch – und da wird’s dann wirklich brenzlig – seine Sexualität im Büro lässt. Und ob das nicht einen Tick zu weit führt, dadurch, dass wenn man ganz, ganz lange zusammen ist und sich mag und dann automatisch irgendwann so ein Bedürfnis aufploppt. Was das mit einem macht, dass man zusätzlich zur Freundschaft auch noch seinen Körper da lässt.« Birgit beschreibt hier mit dem Adjektiv »brenzlig« eine Bedrohung, die zum einen für ihre eigene Person und ihre Verletzbarkeit stehen kann, die aber möglicherweise auch das kollegiale Gefüge gefährdet. So werden in vielen Betrieben Paarbeziehungen nicht gerne gesehen, da sie einerseits andere Kolleg_innen aus der Zweisamkeit ausschliessen und andererseits, bei einem eventuellen Scheitern, oft einen Wechsel des Arbeitsplatzes zur Folge haben und dadurch den funktionalen Betriebsablauf empfindlich zu stören vermögen. In einem von langen Arbeitszeiten strukturierten Raum sind Freund- und Partnerschaften weniger Resultate idealbildlicher freier Wahl, als Zeugnisse von Bedürfnissen und Möglichkeiten. So beschreibt Birgit, dass ein »automatisches« Bedürfnis »aufploppt«, gegen das Birgit sich ohnmächtig zeigt. Zugleich fragt sie sich, »was das mit einem in der Zukunft dann so macht, dass es nicht wahllos ist, aber sich ähnlich wie eine Freundschaft aufbaut, die so fragil ist«. Sie benennt sich und ihr Begehren hier als passiv, überwältigt, ihr Körper und ihre

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Sexualität werden zum Aushandlungsort von Subjektivierung und Unterwerfung, der Kapitalismus nimmt den Körper ein6. Diese Übernahme ist jedoch nicht absolut. Es bleibt ein Überschuss erkennbar, welcher in einem deleuzianischen »Werden und Anderswerden«7 Ausdruck findet. Die Subjektivität ist in permanenter Veränderung, das Selbst in beständigen Aushandlungsprozessen begriffen. Diese Form der Umarbeitung und Aktualisierung der Selbstverhältnisse lässt sich durch die Verhandlung der Legitimation in Birgits Aussage wiederfinden. Ihre Frage (»ob das okay ist«) steht hierbei exemplarisch für die Selbstbe-

Was ist eigentlich, wenn man jeden Tag irgendwie 14 Stunden zusammen in einem Büro sitzt, irgendwie so ’n Typ und ’ne Frau und / nee, wie drück’ ich das aus? fragung und Abgleichung zwischen dem subjektiv Erlebten und den Anforderungen, mit denen sie sich konfrontiert sieht. In diesen Widersprüchen muss sie »Durchquerungen«8 vollziehen und sich eigene Positionen aneignen. »Aber es ist ja meistens nicht mal eine Beziehung, es ist ja ähnlich wie diese Freundschaften, irgendwie hat man das für eine Zeit und man findet das total toll, aber man weiss auch, dass das relativ wahrscheinlicherweise keine Zukunft hat oder nicht über das Miteinander-ins-Bettgehen hinaus geht. Dass das alles so vergänglich wird, weisste. Dass du in so einer schnellen Branche irgendwie bist und dass du deine zwischenmenschlichen Beziehungen auch anfängst genauso aufzubauen, dass du auch denen eine relativ kurze Halbwertszeit gibst.«


Mittels der biochemischen Formel »kurze Halbwertszeit« knüpft Birgit eine Verbindung zwischen einer Branche, die schnelle und kurzlebige Produkte produziert, und einer von ihr als unverbindlich und flexibilisiert benannten Beziehungspraxis, in welcher Vertrauen und Verlässlichkeit zunehmend schwinden. Nun sind die kurzfristigen und sich selbst aktivierenden Kontakte nicht nur den Umständen geschuldet, sondern können auch strategisch eingesetzt werden. Birgit konstatiert jedoch, dass sie den Beziehungen innerhalb der Agentur »nicht trauen« könne, jedoch auch ausserhalb dieses Mikrokosmos bereits ähnliche Erfahrungen gemacht habe: »Als würde man sich nur noch temporär einlassen können, einlassen wollen.« Dieses Misstrauen kann ein Schutz vor der Verletzbarkeit sein, die sie in den Beziehungen am Arbeitsplatz beschreibt, kann aber auch auf eine Distanzwahrung verweisen, um sich nicht total in die Arbeit und die Verhältnisse zu begeben, sich zumindest partiell der Vergesellschaftung durch Arbeit und der Ausweitung ihres Wirkungshorizontes auf bestimmte, dem Privaten zugeordnete Bereiche zu entziehen. Ein nahezu unmögliches Unterfangen. Der Körper ist längst zum Austragungsort gesamtgesellschaftlicher Prozesse geworden. Mathilda (29), inzwischen Art Director in einem Softwareunternehmen, berichtet von der Schwierigkeit, mit den Anforderungen umzugehen, die an sie gestellt werden. »Ich hätte einfach gerne mal nichts zu tun oder weniger ein schlechtes Gewissen, weil ich Sachen nicht gemacht habe. Also dadurch, dass du ja in dieser Softwareentwicklung eigentlich für die Zukunft arbeitest, gibt es ja auch 1000 Sachen, für die du dich interessieren kannst, musst auch, damit du immer die neuesten Trends kennst. Also das hat man in der Werbebranche auch, das sind eigentlich alles Bereiche in diesen Medienberufen, wo du quasi in die Zukunft gestaltest und

Trends quasi mitgestaltest. Und um diese Trends mitgestalten zu können, musst du einfach auch wissen, was jetzt aktuell ist und davon ableiten, was in Zukunft aktuell ist. Und was mir da definitiv manchmal fehlt, ist einfach überhaupt nichts zu machen, also ich langweile mich eigentlich nie.« Mathildas Arbeit erfordert die ständige Aktualisierung ihres Wissens, sie muss stets über die neuesten Entwicklungen und Trends auf dem Laufenden sein. Als eine Internalisierung dieser Praxen kann das »schlechte Gewissen« gelesen werden, welches sie empfindet, wenn sie »Sachen nicht gemacht« hat. Die Entgrenzung der Arbeit lässt sie nicht abschalten und nichts tun, sondern äussert sich bei geringster Gegenwehr in Form von Gewissensbissen. Daher ist das Begehren nach Nichtstun so verständlich, der Wunsch nach Unterbrechung des Produktivitätsimperativs, ohne unter dem verinnerlichten Legitimationszwang zu leiden. Mathilda verbindet die Aufforderung, immer informiert zu sein, mit der Aussage, sich nie zu langweilen. Langeweile, verstanden als Musse, ist notwendig als Ort der Reproduktion und Gegenpol zur Überforderung. Gleichzeitig hat sie, zumindest im Sprachgebrauch der Kreativbranche, die Konnotation der Monotonie, der Einfallslosigkeit – für Kreative ein Todesurteil. Wenn die überbordenden Ansprüche ein Arbeitsethos generieren, welches sich als schlechtes Gewissen im Körper der Subjekte manifestiert, erschwert dies auch die Distanzwahrung und Grenzziehung. Virales Marketing mal anders. Du bist Agentur. Du bist Werbung. Du verkaufst dich, Du siehst gut aus. Du bist Design. Mit einem Haken: Die Individuen gehen nicht völlig in den neoliberalen Anrufungen auf. Es bleibt ein Supplement, ein Überschuss in der sozialen Praxis, welcher die Subjekte handlungsfähig und widerständig macht.9 Mathilda entzieht sich den von ihr als unzumutbar empfundenen Arbeitsbedingungen in einer Werbeagentur durch Kündigung.

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»Und ich finde auch, dass man solche Agenturen nicht weiter unterstützen sollte mit seiner Arbeitskraft, also ich habe auch dementsprechend viel erzählt, dass diese Agentur auch systematisch Leute ausbeutet. Also ich habe zwar gehört, dass sei ein bisschen besser geworden, aber ich finde, es ist einfach wichtig, dass die Leute ihre Mitarbeiter auch gut behandeln. Oder angemessen behandeln. Nachdem ich da einmal 23 Stunden am Stück gearbeitet habe und dachte, dass wäre irgendwie ’ne Ausnahme, aber das war dann jede Woche eine Nachtschicht bis durchschnittlich zwei Uhr morgens, da dachte ich mir irgendwann, irgendwas läuft da verkehrt.« Mathilda formuliert hier nicht nur ihre subjektiven Probleme, die sie mit den Arbeitszeiten hatte, sondern bezieht sich auf eine moralischethische Komponente, indem sie es ablehnt, Agenturen mit ihrer Arbeitskraft zu »unterstützen«, die gewisse arbeitsrechtliche Standards nicht

Obwohl es mehrere Gewerkschaften und Verbände gibt, die sich explizit den freien und kreativen Berufen annehmen, sind Kenntnis von ihrer Existenz und Vertrauen in ihr Vermögen marginal. einhalten. Mit dem Begriff der Unterstützung verweist sie auch darauf, dass sie sowieso schon immer mehr als nur ihre Arbeitszeit ableistet, und mit ihrem Körper und als ganze Person arbeitet und ihr genau dafür die Anerkennung verwehrt wird. Mathilda erwähnt, dass die Agentur »systematisch ausbeutet«. Mit dieser Skandalisierung verlässt sie ihre eigene Perspektive und beschreibt die Verhältnisse auf allgemeiner Ebene.

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Es ist nicht mehr nur ihre subjektive Erfahrung, es ist eine Geschichte von vielen. Eine gemeinsame Erfahrung, die solidarisches Handeln ermöglicht. Doch wie weit geht diese Solidarität? In den Momenten des Aufbegehrens zeigt sich die Problematik einer fehlenden gewerkschaftlichen Organisierung, die Verweigerung und Streiks unterstützen, sowie durch Beratung und Rechtshilfe zur Seite stehen könnte. Obwohl es mehrere Gewerkschaften und Verbände gibt, die sich explizit den freien und kreativen Berufen annehmen,10 sind Kenntnis von ihrer Existenz und Vertrauen in ihr Vermögen marginal. Ausserdem scheint das Selbstbild der Kreativen oft unvereinbar mit gewerkschaftlicher Organisierung zu sein. Dies mag daran liegen, dass die Anrufung, ein kreatives und autonomes, selbstunternehmerisches Subjekt zu sein, in den freien und kreativen Berufen auf besonders starke Akzeptanz stösst und somit eine Vereinzelung auch von den Angerufenen selbst vorangetrieben wird. Die daraus resultierende Entsolidarisierung erschwert die Organisierung von solidarischem Widerstand, zumal die Kolleg_innen nicht vorrangig Gleichgesinnte sind, sondern – zumindest während bestimmter Arbeitsphasen – die Konkurrenz darstellen. Auch Betriebsräte sind aus diesem Grunde wohl so rar wie im Discountbereich, was nicht nur am Druck von oben liegt, sondern auch an der vermeintlich fehlenden Notwendigkeit: wir sind doch irgendwie eine Familie. Auch Mathilda hat keine gewerkschaftliche Anbindung und wählt daher einen anderen Weg, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Sie bedient sich der durch Jobs und Freundschaften gewobenen Netzwerke. Nicht nur sucht und findet sie über Bekannte nach der Kündigung bald einen neuen Job, sondern nutzt die informellen Kommunikationskanäle auch, um bestimmte Arbeitsbedingungen anzuprangern und öffentlich zu machen. Dieses Verhalten lässt sich als widerständig lesen und trägt ein Macht-


potential in sich, wenn es andere erreicht und eine Solidarisierung bewirkt. Diese könnte eine kollektive Widersetzung der Mitarbeiter_innen sein, nicht mehr zu den gegebenen Bedingungen zu arbeiten, wie auch das weitere Streuen der problematischen Verhältnisse. Dadurch würden im Idealfall weniger Bewerbungen (oder solche, in denen verbesserte Arbeitsbedingungen gefordert würden) eingehen, wodurch die Position der Angestellten sicherer wäre und ihren Anliegen dadurch mehr Gehör geschenkt werden müsste. Wenn, könnte, würde, wäre, müsste. Die Wahl einer Konjunktion und des Konjunktiv II zeigen nur zu deutlich, wie es um die Wahrscheinlichkeit einer solchen Abfolge steht. Dies heisst nicht, dass wir von Unmöglichkeiten sprechen. Doch liegt die Solidarisierung, die mehr verändert als die eigene Situation, noch in der Zukunft.

Praxis oppositioneller Cyborgs? Nun muss Widerstand nicht per se mit einer Kündigung begegnet werden. Auch andere Formen sind denkbar. Der Entsolidarisierung und Vereinzelung müssen neue Ideen entgegengesetzt werden. Vernetzung kann hierbei eine essentielle Funktion einnehmen, da Veränderungen nur durch die Beteiligung Vieler erreicht werden kann. Der Einzelne kann nur für sich selbst und seine Belange sprechen und dadurch selbst in der Hierarchie aufsteigen – oder aus der Maschine als Störfaktor aussortiert werden. Ist Freundschaft als verbindendes und solidarisierendes Gegengewicht denkbar? Kann sie gewerkschaftliche Organisierung stützen oder gar ersetzen? Freundschaft ist doppelbödig, sie stellt sich zum einen als fragile, den Geschäftsbeziehungen ähnliche Beziehung dar und die ihr zugeschriebenen Merkmale wie Vertrauen und Loyalität werden längst von Agenturen eingefordert (wenngleich nicht geschenkt). Jedoch ist Freundschaft

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durch ihre Freiheit, sich immer neu und anders von den Beteiligten gestalten zu lassen und keinen allgemein gültigen Regeln unterworfen zu sein, ein Ort des Geheimnisvollen, des Ungefähren und Nebulösen, der Verhandlung und Gestaltung, der »Ansteckung«11 . Es ist notwendig, an dieser Stelle den Begriff Freundschaft noch einmal auf ihre Fähigkeiten des politischen Handelns hin zu untersuchen. Sicher ist es naiv zu glauben, dass die romantische Freundschaft einschüchternd auf den Markt wirkt. Und auch zu den Männerbünden des 19. Jahrhunderts wollen wir nicht zurück. Der Freundschaftsbegriff hat sich im Laufe der Zeit gewandelt und es gibt eine Freiheit der Interpretation und Ausgestaltung dessen, was wir Freundschaft nennen. Es kann so viele Formen geben. Freundschaft als Begriff ist nicht länger nur anwendbar auf Menschen (meist Männer) gleichen Ranges, sondern schafft es inzwischen, über einige Grenzen hinaus zu wirken. Zwar benötigt sie immer noch ein gewisses Mass an Gleichheit, um überhaupt eine Ebene zwischen zwei oder mehr Personen bilden zu können, doch muss diese nicht mehr Herkunft, Alter oder Geschlecht heissen. Immer öfter ist es der Beruf, der Menschen zusammenführt. Dass für die Berufswahl natürlich auch gewisse Ähnlichkeiten wiederum entscheidend sind, sei hier nicht vergessen. Doch hat sich das Spektrum möglicher Freundschaften erweitert. Auch die Veränderung und Entfaltung medial vermittelter Kommunikation hat ihren Einfluss auf heutige Beziehungen. Man muss nicht soweit gehen und die 250 FacebookBekanntschaften als engeren Freundeskreis betrachten, doch lässt sich eine Aufweichung des ehemals elitären Freundschaftsbegriffs feststellen. Was Freundschaft als Konzept für unsere Belange so interessant macht, ist die Tatsache, dass sie zwar die ganze Person anspricht, aber nicht vereinnahmt. Wir müssen es nicht mal Freundschaft nennen, wir können weitere Namen


wählen. Was mir vorschwebt, ist eine Art Komplizenschaft. Sie wirft die Einzelne nicht auf eine festgeschriebene ›Identität‹ zurück, wie es essentialistisch motivierte Verbindungen tun, durch die sie sich als die Frau, die Weisse, die Schwester verstehen muss. Verbindungen sollten, so fordert die Biologin und Philosophin Donna Haraway in ihrem »A Cyborg Manifesto«, aufgrund von Affinität, nicht von Verwandtschaft eingegangen werden. Ihre Figur des Cyborgs beschreibt sie als »überzeugte Anhängerin von Partialität, Ironie, Intimität und Perversität. Sie ist oppositionell, utopisch und ohne jede Unschuld.«12 Angelehnt an den »Cyborgmythos« kann auch Freundschaft / Komplizenschaft als Strategie politischen Handelns verstanden werden. Die wirkmächtigen Hierarchien nicht ausser Acht gelassen, vermag sie die Grenzen doch zumindest durchlässig zu machen und strategische Verbindungen und partielle Koalitionen zwischen unterschiedlich mächtigen Subjekten und Gemeinschaften zu schaffen. Freundschaften stören die hegemoniale Ordnung. Sie bieten Schutz, sie sind gerade durch ihre vermeintliche abgeschlossene Privatheit politisch, gegenöffentlich. Ob als Flashmob oder Clique, kurzfristiges zusammenkommen oder langjähriger Austausch, medial vermittelte Verbindungen werden wichtiger im politischen Spiel. Wie Mathilda ihre Netzwerke nutzte, um Informationen zu streuen und einen neuen Job zu finden, beschreibt auch Haraway das »Weben von Netzen« als »Praxis oppositioneller Cyborgs«. Networking nicht nur für die eigene Karriere, sondern als politisches Programm. Die Synergien, die bei der kollektiven Arbeit bereits offensichtlich sind, können auch zur Durchsetzung gemeinsamer Belange genutzt werden. Gerade in der Kreativbranche, in der die Ideale von Unabhängigkeit und Eigenverantwortung trotz Krisen nicht ins Wanken geraten, ist die Netzwerkbildung weiter als in vielen anderen Bereichen fortgeschritten.

Die Schnelllebigkeit der Branche zeigt sich hier als bisher kaum genutztes Potential. Ein Netz von Cyborgs, die ständige gesponnene Möglichkeit zum Aufruhr. Wer wird weiter zündeln? 1 Lorey, Isabell (2006): Gouvernementalität und Selbst-Prekarisierung. Zur Normalisierung von KulturproduzentInnen. http://eipcp.net/transversal / 1106 / lorey / de (Letzter Aufruf 24.06.2009). 2 Reckwitz, Andreas (2006): Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. Weilerswist. S. 444. 3

Vgl. Bröckling, Ulrich (2004): »Kreativität«. In: Ulrich Bröckling / Krasmann, Susanne / Lemke, Thomas (Hg.): Glossar der Gegenwart. Frankfurt am Main. 139-144.

4 Deleuze, Gilles (1995): Foucault. 2. Auflage. Frankfurt am Main. S.140. 5

Vgl. Hochschild, Arlie Russel (2006): Das gekaufte Herz. Die Kommerzialisierung der Gefühle. Erweiterte Neuausgabe. Frankfurt am Main / New York.

6

Vgl. Butler, Judith (2001): Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt am Main.

7

Pieper, Marianne / Panagiotidis, Efthimia / Tsianos, Vassilis (2009): »Regime der Prekarität und verkörperte Subjektivierung«. In: Gerrit Herlyn et. al. (Hg.): Arbeit und Nicht-Arbeit. Entgrenzungen und Begrenzungen von Lebensbereichen und Praxen. (= Arbeit und Alltag, Bd. 1) München / Mering. S. 352.

8

Lorenz, Renate (2009): Aufwändige Durchquerungen. Subjektivität als sexuelle Arbeit. Bielefeld. S. 27.

9

Vgl. Derrida, Jacques (1967): »Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen«. In: Ders. (1967): Die Schrift und die Differenz, Frankfurt a. M., 1992, 5. Auflage (frz. L’écriture et la différance), S. 422-442.

10 Hier seien für Deutschland u.a. der BDG (Bund Deutscher GrafikDesigner e.V.), sowie die ver.di-Berufsgruppe Grafikdesign und Mediengestaltung designers union, die Allianz Deutscher Designer, und der Fachverband Freier Werbetexter genannt. 11 Deleuze, Gilles / Guattari, Félix (2002): Kapitalismus und Schizophrenie. Tausend Plateaus. 5. Auflage. Berlin. S. 326. 12 Haraway, Donna (1995): Die Neuerfindung der Natur: Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt am Main / New York. S. 35.

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Schiff unter Text Lukas Germann, Zürich ~ Fotos Sibylle Trinczek, Zürich

Marathonveranstaltungen haben Konjunktur – auch im Feld der Künste. Biennalen, Arts und wie sie alle heissen, sind meist staatlich gesponsert und Teil der Kulturpolitiken. Die Abhängigkeit der Kunst von der Politik scheint so programmiert.

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VENEZIA 09

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s war einmal ein gelangweilter italienischer Bürgersohn namens Filippo Tommaso Marinetti, der nicht Rechtsanwalt wie sein Vater werden will. So wird er Schriftsteller. Als solcher liebt er es zu provozieren und – weil er sich ums Geld nicht zu sorgen braucht – ist sein Blick auf seine Welt ein ästhetischer. Er begeistert sich für die Geschwindigkeit der neuen Automobile ebenso wie für die Bombenanschläge der Anarchisten und will mit allen Traditionen der Kunst brechen. Er schreibt ein Manifest und nennt es ›Manifest des Futurismus‹.

Darin feiert er die Gewalt und den Krieg, propagiert die Verachtung der Frauen und die Zerstörung aller Museen und Bibliotheken. Eine Bewegung wird ins Leben gerufen, die durch tumultartige Veranstaltungen und skandalträchtige WanderAusstellungen auf sich aufmerksam macht. Der erste Weltkrieg naht und begeistert machen sich die Futuristen auf um zu kämpfen – fürs Vaterland und den Selbstzweck der Granaten. Viele der jungen Künstler überleben das nicht: sei es in Folge der besungenen Granaten oder auch dass sie – wie der Maler Umberto Boccioni – ohne

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Fremdweinwirkung vom Pferd stürzen. Er aber schreibt weiter an der Front und kehrt zurück. Er beschliesst Politiker zu werden. Pendelnd zwischen links und rechts wendet er sich endlich Mussolinis Faschisten zu und bringt es bis zum Kulturminister, in welcher Funktion er nun die realen Kriege verherrlichen kann. »Der Krieg ist schön, weil er dank der Gasmasken, der schreckenerregenden Megaphone, der Flammenwerfer und der kleinen Tanks die Herrschaft des Menschen über die Maschine begründet. Der Krieg ist schön, weil er die erträumte Metallisierung des menschlichen Körpers inauguriert. Der Krieg ist schön, weil er eine blühende Wiese um die feurigen Orchideen der Mitrailleusen bereichert. Der Krieg ist schön, weil er das Gewehrfeuer, die Kanonaden, die Feuerpausen, die Parfums und

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Verwesungsgerüche zu einer Symphonie vereinigt. Der Krieg ist schön, weil er neue Architekturen, wie die der grossen Tanks, der geometrischen Fliegergeschwader, der Rauchspiralen aus brennenden Dörfern und vieles andere schafft.« 1942 reist er an die russische Front und kehrt als kranker Mann zurück. In der faschistischen Marionettenrepublik Salò stirbt er vor der endgültigen Niederlage Mussolinis, so dass ihm dieser noch ein Staatsbegräbnis bereiten kann. Es war einmal ein italienischer Ministerpräsident, 60 Jahre nach dem Künstler geboren und anders als er ein neureicher Emporkömmling, der vom Immobilienmakler zum Bauunternehmer und dann zum Medienmogul aufgestiegen ist. Es gibt für ihn nie den Beschluss, Politiker zu werden, aber als das Parlament die Macht seines Medien-


konzerns beschneiden will, sieht er sich zum Handeln gezwungen. Dabei liebäugelt auch er am meisten mit den Faschisten, die sich nun Postfaschisten nennen, und unterstützt deren Wahlkampf. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks beschwört er eine drohende kommunistische Gefahr für Italien, gründet eine eigene Partei und wirft seine Medienmaschine an, um sich zu einem Wahlsieg zu verhelfen. So wird er zum ersten Mal Chef des Landes. In dieser Funktion kann er die eigenen Interessen und die seiner Firma am besten verteidigen. Zwischendurch erfährt er zwar einige Rückschläge, wird abgewählt, vermag aber an die geliebte Macht zurückzukehren und da sitzt er immer noch, vergnügt sich mit Prostituierten, hilft seinen postfaschistischen Freunden, die unerwünschten Ausländer_innen zu kriminalisieren, verändert die Gesetze nach seinen Interessen und rühmt sich selbst, der beste Ministerpräsident, den Italien je gehabt hat, zu sein. Die Kunst-Biennale von Venedig ist nicht nur eine der grössten internationalen Kunstausstellungen – gemessen an den über die ganze Stadt verstreuten Ausstellungsorte ist es gar die allergrösste –, sie hat auch eine lange Tradition. Die diesjährige war insgesamt schon die 53. Ausgabe. Nun hinterlassen gigantische Kunstausstellungen für kritische kunstinteressierte Zeitgenoss_innen immer einen etwas zwiespältigen Nachgeschmack. Was wird dabei eigentlich zelebriert? Können solche mit ungeheurem finanziellen Aufwand verbundene und schon daher nie wirklich unabhängige Ereignisse eine Bühne für Kunstwerke sein, die nicht nur gefallen, sondern herausfordern, bewegen, zum Denken anregen wollen? Im Falle der Biennale von Venedig sieht es nochmals anders aus. Das liegt am seltsam anmutenden Konzept der nationalen Pavillons, die das Bild der Venediger Kunstschau prägen. Der Universalismus der Kunst ist eine der Errungenschaften der künstlerischen Avantgarden des

20. Jahrhunderts. Grosse Kunstwerke haben kein nationales Flair. Die Documenta von Kassel, die alle fünf Jahre stattfindende internationale Ausstellung, die mit der Biennale von Venedig um den Titel der bedeutendsten Kunstschau konkurriert, hat gerade in ihren letzten beiden Ausgaben gezeigt, dass dies auch auf Kunstwerke aus bislang peripheren Regionen der internationalen Kunstszene zutrifft, die gewiss keinen nationalen Heimatschutz oder Nachsicht für ›fremde‹ Kulturen brauchen, um nach künstlerischen Gesichtspunkten universale Relevanz beanspruchen zu können.

Können solche mit ungeheurem finanziellen Aufwand verbundene und schon daher nie wirklich unabhängige Ereignisse eine Bühne für Kunstwerke sein, die nicht nur gefallen, sondern herausfordern, bewegen, zum Denken anregen wollen? Demgegenüber hat das Konzept der Biennale von Venedig, das Kunstwerke geordnet nach Länderpavillons zeigt, etwas reichlich antiquiertes. Will die Biennale den mächtigen (und mittlerweile auch den weniger mächtigen) Nationen – sprich: ihren jeweiligen Eliten – die Gelegenheit geben, sich mit ausgewählten Kunstwerken ideologisch zu zelebrieren und auf nationale Zusammenhalte pochen? Oder sind die Länderpavillons doch einfach als Ausstellungsflächen zu sehen, die nicht mehr und nicht weniger problematisch als andere, schliesslich auch von öffentlichen Geldern abhängige Museen sind und während des Zeitraums der Biennale einen Einblick in das

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internationale, also sich um Grenzen wenig kümmernde Kunstschaffen ermöglichen? Für beides gibt es Beispiele in der bewegten und immer wieder auch sehr wüsten Geschichte der Ausstellung, die immerhin ihre jetzige Form grosso modo unter dem italienischen Faschismus erhalten hat. Daniel Birnbaum, der Kurator der diesjährigen Biennale, sprach in einem Interview mit dem ›art-magazin‹ von den Nationalpavillons als einer »altmodischen Idee«, »über die man sich leicht ein bisschen lustig macht«1. Trotzdem bleiben sie das grundlegende Konzept, nach dem auch die diesjährige Ausgabe gestaltet war. Das Auswahlverfahren ist dabei von Land zu Land verschieden und die Mitsprache der offizi-

Gerade dieser staatlich zur Schau gestellte kritische Geist ist aber wenigstens in seiner Zwiespältigkeit zu betrachten. Integrierte Kritik ist keine unabhängige Kritik. ellen Politik meist nur indirekt. In der Schweiz gibt es eine vom Bundesrat gewählte Eidgenössische Kunstkommission, die Künstler_innen für die Biennale vorschlägt. Der britische Beitrag wird vom formal regierungsunabhängigen British Council ausgewählt, während in den USA das Department of State eine Galerie mit der Suche nach einem Vertreter oder einer Vertreterin beauftragt und in Deutschland das Auswärtige Amt eine_n Kurator_ in für den deutschen Pavillon bestimmt usw. Natürlich wird in den Pavillons kein HurraPatriotismus zelebriert. Im Gegenteil werden allermeistens Künstler_innen ausgewählt, die durchaus kritisch gegenüber dem Land ihrer

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Herkunft eingestellt sind und dies in ihren Werken zuweilen auch zum Ausdruck bringen. So wurde dieses Jahr im britischen Pavillon ein dokumentarisch experimenteller Film von Steve McQueen gezeigt, dessen 2007 in die Kinos gelangter erster Spielfilm »Hunger« sich mit dem Hungerstreik von IRA-Häftlingen in den 1980er Jahren beschäftigte; Bruce Nauman war zwar für den amerikanischen Beitrag angesichts der unbestrittenen Reputation des Künstlers keine künstlerisch mutige Wahl, doch seine Werke setzen sich immer wieder auch mit den dunklen Seiten der amerikanischen Gesellschaft auseinander; und mit Liam Gillick vertrat ein britischer Künstler Deutschland, was zumindest als Zeichen gegen einen Blut-und-Boden-Nationalismus verstanden werden konnte. Gerade dieser staatlich zur Schau gestellte kritische Geist ist aber wenigstens in seiner Zwiespältigkeit zu betrachten. Integrierte Kritik ist keine unabhängige Kritik und es gehört zur Ideologie von bürgerlich-liberalen Staaten, sich so lange mit ihr als etwas von ihnen möglich gemachtem zu schmücken, als sie dem Funktionieren des ökonomischen und politischen Systems nicht gefährlich wird. Dies ist aber beileibe nichts Neues und die Möglichkeiten, die so für Künstler_innen und andere kritische Geister immerhin da sind, nicht zu nutzen und ihre Grenzen auszutesten, wäre sicherlich falsch. Denn immerhin bleibt eine gewisse Autonomie eben doch bewahrt und kritische Gedanken, Gesten und Ausdrücke vermögen auch eine Eigendynamik zu entfalten. Eine ganz andere Dimension einer Kunst von Herrschafts Gnaden fand sich dagegen im italienischen Pavillon. Zum ersten Mal fand der italienische Beitrag in einem neuen Gebäude statt. Dieses befindet sich nun nicht mehr – wie die meisten Länderpavillons – auf dem Gelände der Gardini, sondern unmittelbar neben dem Arsenale, dem zweiten grossen Ausstellungsort, der die internationale Sammelausstellung, die zum


besten der diesjährigen Biennale gehört, beherbergt. Schon der in überdimensionierten goldenen Lettern gestaltete ›Italia‹-Schriftzug vor dem Eingang lässt Ungutes vermuten. Was sich dann aber im Innern des Pavillons zeigt, ist an Peinlichkeit kaum mehr zu überbieten. Es mag einem zunächst die Hoffnung tragen, dass das Ganze ironisch gemeint ist. Denn wenn man es nicht besser wüsste, könnte man das Ganze als Satire interpretieren: Ein peinlicher provinzieller Kitsch, der im wesentlichen aus einem mit plumper Symbolik gespickten Film voll faschistisch anmutendem Kämpfer-Pathos und viel Rauch und Feuer (die Wände des abgetrennten Vorführraums sind u.a. gar mit kleinen Zeichnungen von Soldaten unter Hakenkreuz-Fahne ›verziert‹), mit billigen Imitationen futuristischer Gemälde,

Statuen von Bikini-Tänzerinnen und einigem anderen seichten Zeug besteht, erwartet einen. Doch als Satire ist das, was es hier zu sehen gibt, gerade nicht gemeint. Berlusconis Kulturminister Sandro Bondi selbst hat ein genehmes, d.h. berlusconiergebenes Kuratorengespann eingesetzt – Luca Beatrice und Beatrice Buscaroli –, um die ›Kunst‹ zur nationalen Besinnung zu bringen. Dieses Gespann wettert gegen die arte povera, die von Lucio Fontana, Jannis Kounellis u.a. getragene italienische Avantgarde der ›linken‹ 1960er- und 1970er-Jahre und besinnt sich auf den Futurismus und seine Vertreter, wie beispielsweise Marinetti, den zu ehren das Konzept des italienischen Beitrags sein soll. Das Ergebnis ist desaströs. Marinetti und der Futurismus waren wenigstens von einem künst-

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lerisch-formalen Standpunkt aus gesehen durchaus innovativ, wovon hier nur hampelmännische Nachäffungen übrig bleiben. Vom politischen Standpunkt aus betrechtet ist dies jedoch bezeichnend für eine Regierung, deren totalitäre Tendenzen auch auf die Kunst übergreifen. Dementsprechend zeigten sich die Verantwortlichen zufrieden. »Das würde auch Berlusconi gefallen!«, soll Bondi freudestrahlend nach dem ersten Besuch ›seines‹ Pavillons verkündet haben. Mission accomplished, also. Berlusconis Italien zelebriert sich hier nicht mal mehr ideologisch als liberale Demokratie, sondern als eine Nation, in deren Selbstbild es keine Kritik gibt. Es mache heute keinen Sinn mehr,

Das Ästhetische entfaltet sein Potential nie als Ornament der Macht, sondern als Ausdruck des Ausdruckslosen, als Kritik und Negation, als Differenz und Verstörung. von einer kulturellen Hegemonie von links zu sprechen, zitiert das Kunstmagazin ›Monopol‹ Kulturminister Bondi und gibt Aussagen aus dessen Rede nach der Eröffnung des Pavillons folgendermassen wieder: »Nicht nur seien die grossen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts wie Luigi Pirandello [berühmter italienischer Dramatiker und Roman-Autor, der ebenfalls ein überzeugter Faschist unter Mussolini war; L. G.] keine Linken gewesen, heute mache der Unterschied keinen Sinn mehr: Es gehe nur noch um ästhetische Freiheit. Die Kuratoren hätten sich – endlich, nachdem jahrelang Italien unterrepräsentiert gewesen sei – der nationalen Identität angenom-

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men – die Kritiker daran wären Vertreter der Vorurteile des alten Italien, das es nicht mehr gebe.«2 Einer solchen affirmativen Auffassung von Kunst steht ein kritisches, dem Bestehenden gegenüber negatives Verständnis derselben entgegen: Gute Kunst war und ist immer zumindest in Reibung mit dem, was ist. Das Ästhetische entfaltet sein Potential nie als Ornament der Macht, sondern als Ausdruck des Ausdruckslosen, als Kritik und Negation, als Differenz und Verstörung. Im Scheinen der Kunst glänzt sodann nicht der Ruhm der Herrschenden, sondern es wird etwas zum Erscheinen gebracht, das ausserhalb der Kunst in der Ordnung des Bestehenden keine Sprache findet. Es ist gerade dieses Prinzip von Kunst, das künstlerische Nationenpavillons pervertieren und das im Falle Italiens verneint wird. Wie ist dem zu begegnen? Letztlich durch die Kunst selbst und ihre kritische, aber sich einlassende Betrachtung. Nicht dass auf der Biennale keine gute Kunst zu sehen gewesen wäre. Der bereits erwähnte Liam Gillick etwa setzt im deutschen Pavillon in gewisser Hinsicht den Kontrapunkt zur italienischen Inszenierung: die Verweigerung aller Inszenierung. Bis auf die Entfernung der Nazisymbole wurde der Pavillon selbst auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der Architektur belassen, die ihm der Naziarchitekt Ernst Haiger 1938 verpasst hat. Gillick hat für sein Werk die weiss gestrichenen Innenräume dieses Bauwerks weder verdunkelt noch unterteilt. Durch dieselben ziehen sich in mehreren Reihen einfache Küchengestelle aus hellem Holz, beleuchtet nur vom natürlichen Oberlicht, das durch eine Reihe Fenster unterhalb des Daches Einlass findet. Eine gegen den Hall des Raumes ankämpfende Stimme erzählt die Geschichte von der Katze, die den Künstler bei seiner Arbeit gestört hat. Die Katze findet sich ausgestopft auf einem der Regale. Letztlich bleibt ein leerer


Raum, leere Regale und eine Stimme: Raum für Reflexion, für Geschichte(n) und Gedanken. Natürlich ist auch das keineswegs unproblematisch, kann diese Leere doch auch als Tabula rasa, als »endlich wieder unverkrampftes« Verhältnis des wiedervereinigten Deutschlands zur deutschen Geschichte, die die Mauern des nationalsozialistischen Bauwerks repräsentieren, interpretiert werden. Gegen eine solche Interpretation steht aber die Ungemütlichkeit des Raumes, die sicherlich nicht als Heimat dienen kann. Allgemein sind es die subtileren Werke, die versuchen, Differenzen zu schaffen zwischen dem Erwarteten und dem Gebotenen, Ambivalenzen in der Wahrnehmung oder Störungen der Norm des Erlebens und Sehens, und so die Besucher_innen in eine durchaus produktive Desorientierung zu

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bringen vermögen, die wirklich herauszufordern vermögen. Diese Werke fanden sich v.a. ausserhalb der beiden grossen Ausstellungsgelände, in der Altstadt oder auch in den Randbezirken. Immer wieder hatte man die Möglichkeit inmitten des Trubels abzutauchen und Unerwartetem zu begegnen, wenn man die oft unscheinbaren Häuser betrat, in denen diese Ausseninstallationen anzutreffen waren. Man taucht aus der Hitze der Brücken und Gassen in die unwirkliche, kühle Ruhe von Kellern, Dachböden und verlassenen Palazzos ein. Solches Erleben prägt die besten Momente des Biennale-Besuchs. Einmal führt ein labyrinthartiger Gang aus schwarzen Tüchern in ein völlig verdunkeltes Zimmer, in welchem der Film einer endlosen Reise durch einen sehr


finsteren Tunnel gezeigt wird. Die noch an das Sonnenlicht gewöhnten Augen können zunächst gar nichts erkennen, sodass man nicht einmal wissen kann, ob man alleine im Raum ist oder sich in unmittelbarer Nähe anderer Menschen befindet (Lee Yee Kee: ›Timeless tunnel‹). Ein anderes Mal steigt man halb zerfallene Treppchen hinauf, um in beinahe leeren Räumen auf kleine Werke zu treffen, die man zunächst gar nicht als solche wahrnimmt bis man in einem der Räume einen am Boden stehenden Verstärker betätigen kann, der mit unerwartetem, ohrenbetäubendem Dröhnen Jimi Hendrix’ ›Star Spangled Banner‹ erklingen lässt, allerdings nur so lange, bis man erschrocken das gedrückte Pedal wieder loslässt. Solche Störungen des Alltags, solche Verunsicherungen des Betrachtenden in seinem Standort und Selbstverständnis sind das Gegenteil einer ästhetisierenden Kunst. Keinerlei Ornamentik findet sich hier, sondern eine Leere wird erzeugt, in der die Besucher_innen mit sich alleine sind, konfrontiert mit einer Situation, die fremd bleibt und sich nicht in die Normalität fügen lässt. Dem kriegsverherrlichenden Pathos Marinettis widerspricht am deutlichsten aber die Arbeit von Teresa Margolles. Wenn man das Altstadthaus betritt, in dem die mexikanische Künstlerin ausstellt, findet man sich wieder in einer ungeheuren Stille, die von einem seltsamen Geruch durchweht wird. Riesige leere Räume des verlassenen Palazzo, Treppenhäuser, Gänge werden durchschritten. Zerrissene Tapeten, abgefallener Stuck. Vor dem Fenster steht eine erdfarbene Fahne schwer gegen den Wind. Mit Blut ist sie getränkt, mit Blut der Opfer des in Mexiko tobenden Krieges zwischen bewaffneten Drogenbanden und dem Staat. Einmal am Tag werden die Böden mit einem Gemisch aus Wasser und Blut aufgenommen, wobei die vollen Eimer in den Räumen stehen. Der Lärm von der Strasse ist erstorben. Hier herrscht der Tod und der Geruch von Verwesung, der in seiner Hartnäckigkeit an die Opfer erinnert.

»Die Parfums und Verwesungsgerüche«, von denen Marinetti palavert, sind hier real und zwingen uns die Gewalt in Mexiko wenigstens für die halbe Stunde unseres Besuchs einzuatmen. Ist solcher Schock die beste Antwort einer politisierten Kunst auf den ästhetisierenden Kitsch einer pervertierten art pour l’art? Die Kunstwelt hat sich fast einheitlich über den ebenso regierungstreuen wie philofaschistischen Beitrag Italiens zur Biennale lustig gemacht. Doch wie leicht sich auch die Kunstpolitik des offiziellen Italiens in Artikeln und Webblogs der Lächerlichkeit preisgeben lässt, die gesellschaftliche Machtverteilung ist eine andere. Die Abhängigkeit der Kunst wird in Berlusconis Italien nur offensichtlicher, indem sie unverblümt zelebriert wird. Unter dem Spott über die italienische Blamage vor der internationalen Kunstwelt liegt auch das Wissen um die letztendliche Ohnmacht der Kunst. Umgekehrt zeigt eine Ausstellung wie die Biennale, dass es auch in der heutigen und innerhalb der etablierten Kunst immer wieder Werke gibt, die in ihrem Gehalt über die Verhältnisse, wie sie sind, hinaus weisen. Gillicks Installation zum Beispiel verweigert alle nationale Identifizierung und Margolles Beitrag versetzt die Besucher_ innen in ein Unbehagen, das sich einfacher Konsumierbarkeit widersetzt. Solche Werke sind Angebote an uns, etwas mit ihnen zu machen, sich von ihnen inspirieren zu lassen und sie im Sinne eines kritischen Denkens anzueignen, ohne sie vereinnahmen zu wollen. 1 http://www.art-magazin.de/kunst/5819/daniel_birnbaum_ interview?p=2 2 http://www.monopol-magazin.com/nachrichten/venedig- biennale-italienischer-pavillon

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Möglichst kein Gefühl hineingeben Nach

Job. Arbeit. Trennung zwischen Brotjob und Sinn. Mit welchem Anspruch arbeiten? Arbeit im Kapitalismus ist Prostitution.

Warum läuft Her 4 Stunden ist der Tag vorbei Das sitze ich auf einer Arschbacke ab Nach 3 Tagen ist

die Woche vorbei Nach 8 ½ Stunden ist der Tag vorbei Klar arbeite ich für mein Geld

Bin produktiv Bin nicht stolz drauf Arbeitsethos vielleicht Andere nicht meine Scheis-

se ausbaden lassen Ist normal Kann mich auch nicht konzentrieren auf Anderes Privat ist Privat Wie mit dem Auto im Stau Man

hat’s nicht eilig es nervt die Verzögerung Kann nicht rumsitzen und Däumchen drehen Mag

es nicht ungetanes zu hinterlassen Privat ist Privat und nicht Job Der Chef ist ok Klar redet man auch mal privat Klar ist der Kol-

lege ok Ich muss mich nicht anbiedern

Bin ich ein Aussenseiter Nein Ich komme mit allen gut aus Die Kollegen sind ganz

nett Hätte ich da was sagen sollen Dieser Trottel Schweigen heisst einverstanden sein Oder ins Leere laufen lassen Je nach Machtverhältnis Naja den einen geht’s nur

ums Geld Mir ja eigentlich auch Ist ja mein Brotjob Die Arbeit ist Routine Manchmal

auch interessant Habe aber keine Zeit Wollte was anderes Bin da nur so reingerutscht

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HERR R.

Irgendwie liegt mir das Oder besser es fällt mir leicht Der neue Chef ist ein Arschloch

m

Das wissen ja eigentlich alle Reorganisation Hat keine Ahnung Mir egal es wird auch heute wieder Abend Der Kollege macht nichts ausser sich wichtig Lässt a) mir die Arbeit b) mich ins Leere laufen Und ich stumm Verstummt Die wissen gar nicht was sie wollen Soll es allen

recht

Schon

wieder

machen dunkel

draussen Verkaufen den Kunden das Blaue vom Himmel Ich darf es ausbaden Was wollte ich Einkaufen Um die Zeit Zum Glück gibt’s den Pronto Ich hasse das Die wollen

Als die Welt noch in Ordnung war, war sie es nur in meinem Kopf. Sie war nie in Ordnung und ich wusste das. Die Verhältnisse ändernd, merkt man, dass man deren Teil ist. Sich dem nicht entziehen kann, wogegen man kämpft. Das Sein prägt das Bewusstsein und Marter macht Stumpf, zuerst den Kopf und dann den Körper. Die Veränderung beginnt nicht bei sich selbst und endet auch nicht dort. Ich lerne im Vorwärtsgehen, auch im Rückwärtsgehen. Höre ich Musik?

rr R auch nach Hause Scheiss Arbeitszeiten Geh heim

Morgen ist auch noch ein Tag Danke Chef Könnte

kotzen wenn ich an morgen denke So hatte ich mir das nicht vorgestellt

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Wenn ihr von einer anderen Gesellschaft tr채umt, wie sieht euer Weg dorthin aus?

Interview Respektive Kollektiv ~ Foto Unia Jugend, Oberwallis

Die Unia Jugend Oberwallis fiel mit ihrem radikalen Auftritt anl채sslich der Grossdemonstration der Gewerkschaften im Herbst 2009 in Bern auf. Das Gespr채ch mit Niels Pianzola, einem ihrer Basisaktivisten, f체hrten wir im darauffolgenden Oktober schriftlich durch.

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UNIA JUGEND OBERWALLIS

An der Grossdemonstration der Unia vom 19. September in Bern seid ihr mit kapitalismuskritischen Parolen aufgetreten. Worin unterscheidet ihr euch als Jugendorganisation von der Unia-Muttergewerkschaft? Die Unia ist eine geeinte Gewerkschaft und wir sind ein Teil von ihr. Wie die Geschichte schon mehrfach bewiesen hat, sind die jungen Menschen kritischer und bereitwilliger Missstände im System aufzuzeigen. In den Auseinandersetzungen, seien es Lohnverhandlungen oder anderweitige Kampagnenarbeit, sind wir eine sehr kritische Stimme, welcher es ein wichtiges Anliegen ist, grundsätzliche

Debatten über die heute geltenden Verhältnisse anzustossen und anzusprechen. Wieso verdient Herr Manager unzählige Millionen und im gleichen Atemzug entlässt man aber hart arbeitende Menschen? Weshalb stagnieren bei den Lernenden die Löhne seit 1980? Aus welchem Grund wird der Sozialstaat länger je mehr geschwächt, mit dem Resultat, dass die Schwächsten im System noch mehr unter die Räder geraten? Der Unia ist diese Kritik zu den Verhältnissen, aber auch die ganzheitliche, gesellschaftliche Kritik ein wichtiges Anliegen. Man kann aber sagen, dass wir uns sicher darauf spezialisiert haben. Eine eigentliche Unterscheidung ist aller-

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dings nie klar auszumachen, da die Unia in ihrem Gebilde sehr vielseitig ist und sich genau wie wir nie spalten liess, frei nach dem Gusto: Working Class united! (Arbeiterklasse vereint!)

In welchen Betrieben seid ihr besonders stark organisiert? Die Sektion Oberwallis kennt die Unterscheidung in 4 Sektoren: Bau, Gewerbe, Industrie und Tertiär. In allen 4 Sektoren ist die Unia bei der Arbeitnehmerschaft gut bis sehr gut vertreten. Zugpferde in der Sektion waren schon immer der Bau, aus dem historischen beginnend mit dem Bau des Simplontunnel anfangs 19 Jh. und der Gewerkschafter Karl Dellberg genannt ›der Löwe von Siders‹ und in der Industrie, namentlich in der Lonza. Was zu beachten ist, dass wir in einem sehr katholischen Kanton unsere Gewerkschaftsarbeit leisten und vor nicht allzu langer Zeit der Pfarrer von der Kanzel in der Kirche vor den ›roten‹ Gewerkschaften die Arbeiter gewarnt hat. Doch heute ist das abnehmend und nur noch sehr marginal vertreten. Jugendspezifisch sind wir in allen Sektoren stark vertreten. Die aktivsten Mitglieder der Unia Jugend kommen aber vor allem aus dem Bau und Gewerbe.

Wie sieht der Alltag in der Unia-Jugend aus? Worin seht ihr eure Aufgaben? Standardgemäss haben auch wir wie andere Gruppen Sitzungen. Einen eigentlichen ›Alltag‹ gibt es bei uns allerdings nicht. Wir arbeiten alle Vollzeit und sind in der Freizeit für die Unia Jugend aktiv. Mal mehr, mal weniger, je nachdem was für Themen und Aktionen anstehen. Unterstützt werden wir dabei vom Sekretariat. Als Hauptaufgaben versuchen wir insbesondere das Bewusstsein der jungen Arbeitnehmerschaft zu stärken, organisieren und vernetzen uns und

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kämpfen gemeinsam für unsere Interessen als Lohnabhängige. Des Weiteren engagieren wir uns aber auch für alternative Freiräume, gegen Überwachung und Repression. Im Laufe der Zeit sind wir zu einer in der Region wichtigen, aktiven und sozialkritischen Bewegung avanciert. Ein prägendes Beispiel ist die Opposition gegen das Visper Polizeireglement, wo wir in der Interessengemeinschaft ›Polizeireglement Visp NEIN‹ federführend waren.

Welche Relevanz seht ihr in der Kapitalismuskritik im gewerkschaftlichen Alltag? Kapitalismuskritik ist ein wichtiger Bestandteil seitens unserer gewerkschaftlichen Arbeit als Basis. Es ist für uns sicher nie eine Option gewesen, ewig aus der Defensive heraus unsere Errungenschaften wie den 8h Tag, verbesserten Arbeitsbedingungen und die Sozialwerke zu verteidigen. Ich glaube, warum wir täglich kämpfen, weshalb täglich 100‘000 Menschen sterben, hat einen Nenner: der Kapitalismus. Die reine Geldgier, die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen, der tägliche Überfluss hier im Gegensatz zum schon jahrelang existierenden Mangel an den Grundbedürfnissen in der 3. Welt etc. sind Katalysatoren unseres Denkens und Handelns. Was wir oft tun, ist nüchtern gesehen einerseits schon Symptombekämpfung, andererseits wollen wir Verschlechterungen unserer Situation nicht einfach hinnehmen und kämpfen daher auch auf dieser Ebene. In diesem System werden aber nicht nur Menschen (für das Wohl von wenigen) ausgebeutet, sondern auch die Natur und Umwelt, mit katastrophalen Folgen für nachfolgende Generationen.

Im benachbarten Ausland eskalieren die Arbeitskämpfe von verwüsteten Bürgermeisterämtern bis zum Boss-Napping. Was haltet ihr davon?


Für mich ist dies ein Zeichen der Ohnmacht gegenüber den Patrons. Arbeiter_innen, die militant vorgehen, haben oftmals erklärt, dass sie nicht wüssten, was sie sonst tun sollten, damit die Arbeitgeber_innen reagieren oder irgendwie sonst noch vorwärts kommen. Dies ist aber auch ein alarmierendes, gesellschaftliches Signal, nämlich dass sich nichts verbessert hat. Man zeigt uns eine Illusion von Wohlstand. Die Armen werden immer zahlreicher, nicht wie das Sprichwort besagt, immer ärmer, denn ab einem gewissen Punkt kann man gar nicht mehr ärmer werden, und die Reichen immer noch reicher und feister. Daran hat sich nichts geändert und auch nach der von der Grossfinanz ausgelösten Finanzund Wirtschaftskrise wird sich, wie man länger je mehr feststellt, nichts ändern. Wo Angst, Ohnmacht und eine grosse Ungerechtigkeit vorherrscht, reagieren und agieren danach die Menschen. Jeder Arbeitskampf hat seine Momente und Extreme und diese Ausweglosigkeit, in der sie stecken, zwingt sie zu diesem Schritt. Mit diesen Schritten zeigen die Arbeiter_ innen jedoch auch, dass sie sich nicht alles bieten lassen und bereit sind, sich zu wehren. Besonders Interessant sind hier natürlich auch die Fabrikbesetzungen und die Fortführung der Produktion nach Eigenregie. Hier wird klar aufgezeigt, dass es eigentlich keinen Chef brauchen würde, um Ware zu produzieren.

pflicht verankert wurde. Weiter hat man bei Streitigkeiten ein mehrstufiges Schiedsverfahren eingeführt und ernennt. Mit dieser Vereinbarung verpflichtete man sich, dass während der Dauer der Vereinbarung keine Kampfmassnahmen wie Streiks durchgeführt werden und dass bei Streitigkeiten das eingeführte Verfahren angegangen wird. Mit dem Vergehen der Jahre wurde diese Kultur gefestigt und es ist ein Bestandteil in der Arbeitswelt. Man spricht von Sozialpartnerschaft. Kein Gesamtarbeitsvertrag wird ohne diese Friedenspflicht mehr abgeschlossen. Nicht zu vergessen ist, dass die Schweiz vom 2. Weltkrieg nicht in dem Masse wie seine Nachbarländer betroffen war und es meiner Meinung nach mit Sicherheit auch damit zu tun hat. Natürlich hat auch die wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz damit zu tun, die in den letzten Jahrzehnten, mit gewissen kurzen Ausnahmen, ein stetiges Wachstum kannte und einen gewissen Grundwohlstand für einen grossen Teil der Bevölkerung zementieren konnte. Es überrascht auch nicht, das die bekannteren und längeren Streiks der letzten Jahre (Officine in Bellinzona und Reconviller im Jura) nicht in der Deutschschweiz stattgefunden haben. Ausserhalb der Deutschschweiz herrscht eine andere Streik-Mentalität, geprägt von den entsprechenden Nachbarländern, in welchen Streik beinahe zum Alltag gehört.

Woran liegt es eurer Ansicht nach, dass in der Schweiz die meisten Proteste sehr friedlich stattfinden? Der Generalstreik von 1918 war nicht friedlich und es wurde auf die Arbeiter geschossen. Ich vermute, das Jahr 1937 war und ist entscheidend. Am 19. Juli 1937 unterzeichnete der Arbeitgeberverband mit den Gewerkschaften eine Vereinbarung, heute würden man von Gesamtarbeitsvertrag reden, wo eine absolute Friedens-

Wenn ihr von einer anderen Gesellschaft träumt, wie sieht euer Weg dorthin aus?

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Fragen an

Text Respektive Kollektiv

Alain Badiou. Philosoph, Mathematiker, Post-Leninist und Post-Maoist ist gegenwärtig einer der originellsten französischen Philosophen und deswegen wohl zu beschäftigt, Fragen zu beantworten.

Postmoderne Denkströme kritisierend drängt er mit seiner philosophischen Arbeit darauf, Potentiale radikaler Veränderung freizulegen.

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FRAGEN AN

1.

Wie Sie immer wieder schreiben, ist ja die Gegenwart nicht gerade eine Zeit des Aufstandes und der Rebellion. Die Notwendigkeit der Ökonomie bestimmt Politik und Bewusstsein und alle revolutionäre Politik, ja schon alleine das Festhalten an radikalen Utopien gilt schnell als terroristisch und mit dem Makel oder der Schuld der Massaker des 20. Jahrhunderts beladen. Für all die, die nicht einverstanden sind mit der Welt, so wie sie ist und die an egalitären Projekten der Emanzipation festhalten wollen, bleibt wenig Spielraum. Wie sieht Ihrer Meinung nach eine linke Politik ohne Ereignis aus? Oder sehen Sie zur Zeit Ereignisse? Comme vous l’écrivez souvent, l’époque actuelle n’est pas précisément un temps de révolte et de rébellion. La nécessité de l’économie détermine politique et conscience ainsi que toute politique révolutionnaire, voire même l’attachement à des utopies radicales est vite considéré comme terroriste ou rendu coupable des massacres du 20ième siècle. Pour tous ceux qui ne sont pas d’accord avec le monde tel qu’il est et qui tiennent aux projets égalitaires de l’émancipation, il ne reste que peu de liberté (d’action). À votre avis, à quoi ressemble une politique de gauche sans événements? Ou voyez-vous des événements en ce moment?

2.

Zurück zu Marx, also zur Idee des Kommunismus? Sie scheinen demgegenüber in Ihrem Denken viel mehr von den Versuchen

seiner Verwirklichung auszugehen, die viele gerade gerne als eben nicht kommunistisch vergessen machen möchten. Wäre es aber nicht denkbar, dass das 21. Jahrhundert wieder ein ideologisches sein muss, mehr dem 19. als dem 20. verwandt, in dem neue Ideen reifen? (Der Schluss von ›L’hypotèse communiste‹ scheint ein wenig in eine solche Richtung zu weisen.) Retour à Marx, donc à l’idée du communisme? À ce qu’il paraît, dans votre pensée vous partez plus des tentatives de sa réalisation – réalisations que d’autres aimeraient précisément faire oublier comme non communistes…Pourrait-on imaginer que le 21ième siècle soit un siècle idéologique, plus apparenté au 19ième qu’au 20ième, un siècle dans lequel de nouvelles idées mûrissent? (La fin de ›L’hypothèse communiste‹ semble aller un peu dans ce sens.)

3.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Frankreich? Sarkozy, dann aber Streiks etc. und nun wieder deren Verstummen? Gerade an was diese Bewegungen sich entzündeten, scheint ja Ihrer Theorie der Unvorhersehbarkeit von Ereignissen, ihres Überraschungscharakters, Recht zu geben. Quel jugement portez-vous sur le développement en France? Sarkozy, ensuite des grèves, et maintenant le silence ? Ce qui semble donner raison à votre théorie de l’imprévisibilité des événements, à leur caractère surprise, est à quel sujet éclatent ces mouvements.

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4.

Was empfehlen Sie den Leuten, die jünger sind als Sie und die Ereignisse, denen Sie die Treue halten, selbst nicht erlebt haben, die aber in Abscheu vor dem globalen Kapitalismus und im Festhalten am Glauben an die Möglichkeit von etwas anderen heute versuchen, etwas in Bewegung zu bringen? Wo gilt es theoretisch und praktisch anzusetzen? Que conseillez-vous aux personnes plus jeunes que vous qui n’ont pas personnellement vécus les événements auxquels vous restez fidèle, mais qui – par horreur du capitalisme global et en croyant à la possibilité d’autre chose – tentent aujourd’hui à mettre en mouvement quelque chose? Où faut-il commencer théoriquement et pratiquement?

5.

In ›Das Jahrhundert‹ zeigen Sie auf, wie Kunst und Politik zwar im 20. Jahrhundert eine zeitlang sich radikal auf einander bezogen, wie aber dieses Zusammengehen schliesslich weder zum Vorteil der Politik noch der Kunst gewesen sei. Trotzdem scheint es eine Verbindung zwischen Kunst und Politik zu geben (nicht nur bei Ihnen, sondern offensichtlich für viele andere linke Autoren des 20. und auch beginnenden 21. Jahrhunderts). Könnte man denn die Umrisse eines fruchtbaren Zusammengehens von Kunst und Politik heute im aktiv-antizipierenden Warten auf eine emanzipatorische Praxis zeichnen? Dans ›Le siècle‹ vous démontrez comment, au 20ième siècle, l’art et la politique se référaient radicalement l’un à l’autre un certain temps, et comment cette marche commune n’avait finalement présentée d’avantage ni pour la politique ni pour l’art. Il semble tout de même qu’il existe une connexion entre l’art et la politique (non seulement pour vous mais apparemment pour beaucoup d’autres auteurs de gauche du 20ième et 21ième siècle). Serait-ce donc possible de dessiner les contours d’une marche commune fructueuse

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de l’art et de la politique, aujourd’hui, dans l’attente active et anticipée d’une pratique émancipatrice?

6.

Für einige gerade kritisch eingestellte Leute ist es einigermassen befremdlich, dass Sie an Begriffen wie ›Wahrheit‹ oder ›Ethik‹ festhalten und ihnen einen positiven Sinn gegen ihren metaphysischen oder pragmatisch-bürgerlichen Sinn geben. Weshalb ist es wichtig, an solchen Begriffen festzuhalten, wo es doch – wie Sie andernorts sagen – auf Namen nicht ankommt? (Dies gilt natürlich in gewissem Sinne auch für den Namen ›Kommunismus‹). Pour quelques personnes avec des opinions critiques, il est en quelque sorte surprenant que vous restiez attaché à des termes comme ›vérité‹ ou ›éthique‹ et leur attribuiez un sens positif contre leur sens métaphysique ou pragmatique et bourgeois. Pourquoi est-ce important de s’attacher à de tels mots alors que – comme vous le dites ailleurs – les noms n’importent pas? (Ceci s’applique naturellement aussi au terme ›communisme‹.)

7.

Wie ist Ihr Verhältnis zu existierenden politischen Strömungen heute? Gibt es da für Sie positive Bezugspunkte? Wir denken etwa an die Versuche der Etablierung einer neuen Linken in Frankreich, aber auch an die nepalesischen und indischen Maoisten, den Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Süd-Amerika, die No Global Bewegung u.v.a.m., die einerseits von einem neuen globalen Interesse an einer Politik egalitärer Emanzipation zeugen, andererseits aber auch viele verschiedene Problematiken aufweisen. Quel sont vos rapports avec les courants politiques existants d’aujourd’hui? Y voyez-vous des points de référence positifs? On pense par


exemple aux essais de l’établissement d’une nouvelle gauche en France, mais aussi aux maoïstes népalais ou indiens, au socialisme du 21ième siècle en Amérique latine, au mouvement No Global etc. qui d’un côté témoignent d’un nouvel intérêt global pour une politique d’émancipation égalitaire et d’un autre côté présente aussi beaucoup de problématiques différentes.

8.

Was ist Ihre Position zum Pamphlet ›L’insurection qui vient‹, das in Frankreich so viel Wirbel und Polemiken auch in der radikaleren Linken verursacht hat? Quelle est votre position sur l’essai ›L’insurrection qui vient‹ qui a fait tellement de bruit et causé tant de polémique, même au sein de l’extrême gauche?

10.

Was für eine Rolle spielt der Marxismus, insbesondere Marx’ Analyse der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, für Ihr Denken? Quel rôle joue le marxisme, particulièrement l’analyse des rapports de production capitaliste de Marx pour votre pensée?

11.

Das Ereignis ist / sei nicht voraussehbar. Was heisst das für die Wichtigkeit einer Kontinuität revolutionärer Arbeit? L’événement n’est pas prévisible. Qu’est-ce que cela signifie pour l’importance d’une continuité de travail révolutionnaire?

9.

Es fällt auf, dass Sie in Hinblick auf die Auseinandersetzung mit der revolutionären Geschichte und Tradition den Begriff der Erfahrung kaum verwenden, sondern sich ganz an den – zumindest in der deutschen Übersetzung – etwas problematisch erscheinenden Begriff der Treue (zum Ereignis) halten. Kann man trotzdem auch aus der Geschichte lernen, sich in der revolutionären Tradition verorten und aus den gemachten Fehlern und erreichten Erfolgen seine Schlüsse für die Zukunft und Gegenwart ziehen? Ce qui se remarque, c’est que vous utilisez rarement le mot ›expérience‹ en ce qui concerne le débat sur l’histoire et la tradition révolutionnaire mais le terme paraissant un peu problématique ›fidélité (à l’événement)‹ – du moins dans la traduction allemande. Est-il quand même possible de tirer une leçon de l’histoire, de se ranger dans la tradition révolutionnaire et de tirer une conclusion des erreurs commises et succès remportés pour le présent et l’avenir?

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I shop the sheriff – Oder weshalb man die Ware nicht gebrauchen kann

Text Lina Brion / Kenneth Hujer, Berlin

Die Arbeit des Künstlers und der Tauschwert des Scheins. Wie der Konzertraum uns die Widersprüchlichkeit von Produktionsverhältnissen, präformierten Gewohnheiten und Medien der Selbsterkenntnis aufzeigt.

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WARENPRODUKTION

Z

um Schluss tritt Gernot Bronsert von ›Moderat‹ nach deren Abschiedskonzert im Berliner Astra ans Mikrofon, verschwitzt, strahlend, und brüllt: »Ich bin wirklich sehr, sehr glücklich! Das war unser allerletztes Konzert und ihr wart alle dabei!! Und nun – zurück zur Arbeit!« Arbeit scheint im Konzertraum ohne Ort. Das Publikum findet sich dort ein zur Zerstreuung, der Konzertgang ist Freizeit-Beschäftigung, das Andere zur Arbeit. Wie auch immer der Musiker selbst seine Tätigkeit auf der Bühne auffasst, seine Inszenierung scheint auf Ausschluss der Arbeit aufzubauen. Stattdessen geht es um den Genuss, das Aufgehen in der Musik, das Dabeisein und die Nähe zwischen Künstler und Konzertgästen. Anders als im üblichen Verhältnis zwischen Produzent, Ware und Konsument ist zwischen Künstler, Werk und Publikum ein Verhältnis der Unmittelbarkeit bestimmend. Als würde sich der Musiker nur auf sein Werk beziehen und als wären wir tatsächlich nur Hörer dieser Musik. Aber ist diese Ästhetik der Unmittelbarkeit nicht eine Farce?

Der Schein von Unmittelbarkeit In seinem Aufsatz ›Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens‹ schreibt Adorno über den Schein dieser Unmittelbarkeit der Kulturgüter. Scheinbar kann mit dem Genuss von Kunst, von Musik ausschliesslich deren Gebrauchswert konsumiert werden, der durch

den vermeintlich unmittelbaren Bezug des Künstlers zu seinem Werk zustande kommt. Und gerade dieser Schein ist es, so Adorno, der die Lukrativität von Kulturgütern in der bürgerlichen Tauschgesellschaft ausmacht. Adornos These lautet, dass, eben weil Kunst diesen Schein originär vertritt, sie zum ausschliesslichen Tauschwert wird und folglich die Menschen nicht den Gebrauchswert der Dinge, sondern letztlich deren Tauschwert konsumieren. Als Sphäre der Kultur ist Kunst in die Gesellschaft vollends integriert und damit Teil des Vermittlungsgeschehens. Das bedeutet für das Konzert, dass auch es stets vermittelt ist über die Mechanismen des Marktes, und das hört wohlgemerkt nicht mit dem Abreissen der Eintrittskarte auf. Der Tauschwert hat sich verkleidet im Gewand des Gebrauchswerts; er nistet sich ein, er ist total. So ist streng genommen jedes Material – jedes Lied – korrumpiert vom alles durchdringenden Tauschverhältnis. Noch der Künstler selbst fällt diesem Schein zum Opfer. Er glaubt an ein unmittelbares Verhältnis zu seinem Werk. Dabei muss er tatsächlich den Tauschwert immer schon mitdenken, um nicht aussen vor zu bleiben in der Tauschvermittlung. Diese betrifft ihn essentiell insofern, als er um sich und seine Stellung innerhalb der Gesellschaft zu fürchten hat, und die Anerkennung der Gesellschaft – als Voraussetzung zur eigenen Reproduktion – eben an den Tausch geknüpft ist. Er benötigt dessen Kategorien, um überhaupt erfasst zu werden.

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Wenn wir also von der Arbeit des Künstlers sprechen, die zum Zeitpunkt der Inszenierung vor dem Publikum nicht als Arbeit begreiflich wird, müssen wir uns fragen, welcher Begriff von Arbeit dort ausgeschlossen ist. Marx unterscheidet bekanntlich zwischen konkreter Arbeit und abstrakter Arbeit. Wenn wir diese Differenzierung nicht mitdenken, wären wir geneigt, Arbeit zu verstehen als etwas, das in der Kunst aufgehoben, dem Schein nach nicht vor-

Unsere Bedürfnisse nach Zerstreuung, unser Bedürfnisse nach Genuss und nach unmittelbarer Erfahrung sind über die Mechanismen des Markts vermittelt. handen ist. Aber sobald wir Arbeit bestimmen als Medium, durch das der Mensch in den Stoffwechsel mit der Natur tritt, ist das eine Form, in welcher der Mensch sich selbst konkretisiert, in der er der Idee nach in der Natur und mit der Natur Wirklichkeit wird: Arbeit als Bezug, in dem der Mensch sich ausbildet und seine Realität bestimmt. Konkrete Arbeit drückt sich aus im Gebrauchswert. Sie ist die einzelne, sinnlich-materiale, nicht quantifizierbare Tätigkeit am Material. Abstrakte Arbeit dagegen bildet die Substanz des Tauschwerts. Der Produzent kann sich nicht nur auf das beziehen, was er konkret macht, sondern muss stets schon auf den Markt schielen: Darauf, dass der Markt ihm das, was er produziert, schon abnehmen wird, dass die Dinge sich äquivalent setzen lassen werden. Davon ist die Sphäre der Kunst nicht ausgenommen. Diese Abhängigkeiten gelten für den freien Künstler, der versucht, seine

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Kunstprodukte zu verkaufen, ebenso wie für den Angestellten, der genötigt ist, seine Arbeitskraft auf dem Markt anzubieten. Auch der Rezipient erfährt in Kategorien des Tauschwerts, denn der Markt präformiert nicht nur die Vorgehensweise des Künstlers, sondern gleichfalls die Bedürfnisse des Konsumenten. Unsere Bedürfnisse nach Zerstreuung, unser Bedürfnisse nach Genuss und nach unmittelbarer Erfahrung sind ebenso über die Mechanismen des Markts vermittelt. Selbst das Bedürfnis, aus dieser Wertvermittlung auszusteigen, wird vom Markt noch einbezogen. Schliesslich geht es im Pop um alles, doch nicht um Wahrheit. Im Pop – und damit ist aufgrund seiner Durchlässigkeit und Tendenz, allumfassende Matrize zu sein, ebenso die sogenannte Klassik wie auch jede sogenannte Underground-Nische gemeint – geht es um die totale Verwertbarkeit und um das Vergnügen, die vermeintlich unterschiedlichsten Dinge äquivalent zu setzen, aufeinander zu beziehen und zu vermengen. Wir haben Vergnügen an dieser Pluralität der Möglichkeiten, des Anything Goes, die eben deshalb als möglich auftreten, weil das Äquivalenzprinzip des Marktes aus allem einen Tauschwert macht.

Arbeit und Tausch Man mag einwenden, dass mit der Digitalisierung ein neues Bewusstsein Einzug gehalten hat, das es für nicht mehr selbstverständlich hält, für Musik (oder Filme, möglicherweise bald auch Bücher) Geld auszugeben. Es ist in den letzten Jahren vermehrt die Rede von freiem Zugriffsrecht auf Kulturgüter, von Creative Commons, von der Demokratisierung sowohl der Produktions- wie auch der Konsumptions-Möglichkeiten, da dem Anspruch nach keiner, der über einen Internetanschluss verfügt, über die Hürde des Geldes davon ausgeschlossen ist. Führt das zu einem notwendigen Überdenken der Marxschen Kategorien?


Claire Fontaine, Arbeit Macht Kapital (K.font), 2004 Ansicht der Ausstellung im Kubus, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, 2008/2009, Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin © Lenbachhaus 2008, Foto: Ernst Jank


Wohl kaum. Denn zum einen ist der Staat noch mit werden zu lassen. Dem Tauschwertkonsum entallen Mitteln der Jurisprudenz bedacht, das kommen wir auch mittels Freeware nicht; die ›geistige Eigentum‹ zu bewahren und überführt kapitalistischen Verhältnisse lassen sich nicht in diese Konsumption, die nichts bezahlen will, in die der Zirkulationssphäre überwinden. Illegalität, die zur Legalität hat, dass man bezahlt. Adorno spricht das Phänomen des Gefangenen So geniesst derjenige das Nicht-Bezahlen-Müs- an, der beginnt, seine Zelle zu lieben, weil er in sen wie der, der spart – im Namen des Tausch- der scheinbaren Unmöglichkeit einer Verändewerts. Zum anderen hat sich trotz des Rückgangs rung klein beigibt und sich auf die Seite des der Tonträgerverkäufe Angreifers schlägt: sich die Zirkulation des selber Feind wird und Geldes nur verschoben. sich mit dem Feind idenDenn zeitgleich liess tifiziert. Denn dieser wird sich ein immenser Anals so mächtig erfahren, stieg des Musikkonsums dass in der Einsicht in die beobachten. Der Boom Strukturen bloss Ohnder Konzertbranche und macht bleibt. Alle Interdie weissen Stöpsel, die ventionsmöglichkeiten in jeder U-Bahn reihenscheinen passé. Übertraweise in den Ohren gen wir diese psychoanastecken, sind Ausdruck lytische Grundfigur auf davon. Diese Entwickdie Menschen in der bürlung wurde gerade mitgerlichen Tauschgeselltels der Möglichkeit des schaft, hiesse das: AnInternets, kostenlos neue statt dass die Menschen Musik kennenzulernen, sich von der Herrschaft beflügelt. Das Geld, das der Dinge über sie bean der einen Stelle gefreien, indem sie die spart wird, kann an anherrschenden Produkderer Stelle ausgegeben tionsverhältnisse grundClaire Fontaine, The True Artist, 2004 werden. Ob es nun der sätzlich in Frage stellen, Smoke on ceiling, dimensions c. 150 x 150cm. Kauf einer Konzertkarte richten sie sich im geCourtesy the artist and Reena Spaulings ist oder der Kauf eines sellschaftlichen Schein Fine Art, New York iPods; beides gibt uns ein, der ihnen im Tauscherst die Möglichkeit, mit akt die Verhältnisse der der Masse an Musik, die uns zur Verfügung steht, Menschen als Verhältnisse der Dinge vorführt. Sie etwas anzufangen, sie in unseren Alltag einzu- belegen die Dinge vielmehr mit Affekten und gliedern. Jede Musikdatei, die im Internet aufzu- geniessen darin ihre Ohnmacht. stöbern ist, wird so zur Reklame. Sie wird zum Folglich verwundert es nicht, dass bei den Kalkül, Berechnungs-Instrumentarium zum Musikbands jedweder Couleur auch die Frage Bewerben der Geräte, die wir benötigen, um die nach gewerkschaftlicher Organisierung nicht Musik mobil zu machen, und dient dazu das auftaucht und überhaupt das Bewusstsein für Konzert, als das eigentliche Happening, lukrativ Arbeitskämpfe gleich null ist. Immerhin: Das so

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oft zitierte Hamburger Diskurs-Pop-Umfeld Anfang der 1990er Jahre erwähnt rückblickend, dass man sich bei dem Aushandeln der Gagen untereinander abgesprochen hat. Doch von solchen Tendenzen fehlt gegenwärtig jede Spur. Natürlich geht mit dem Ausblick auf Gewerkschaften auch eine weitere Ambivalenz einher. Denn selbstredend zielt ihre Politik der kleinen Schritte nicht aufs Ganze, respektive auf Gesellschaftskritik. Doch allein ihre Existenz würde ein geschärftes Bewusstsein für das Prinzip der Warenproduktion bedeuten. Der Arbeitskampf von Kulturschaffenden aber ist eine Strategie, über deren Möglichkeiten in Deutschland geschwiegen wird. In Frankreich, wo der Tradition nach eine etwas andere StreikMentalität herrscht, haben die Gewerkschaften der im Zuständigkeitsbereich des Kulturministeriums beschäftigten Angestellten Anfang Dezember zum landesweiten Museums-Streik aufgerufen. Schon in den Jahren 2003 und 2004 hatten Kulturschaffende aus Film und Theater die Arbeit niedergelegt, zahlreiche Musik-Festivals wurden abgesagt. Die Forderungen dieser Proteste nun richteten sich vornehmlich gegen Budgeteinstriche und Stellenkürzungen, ihre Ziele reichen nicht heran an eine gesamtgesellschaftliche Infragestellung der Position von Kunst und Kultur in der Warenzirkulation – ein Anliegen, das möglicherweise nur werkimmanent zum Ausdruck zu bringen wäre. Die eigenen Produktionsprozesse und –bedingungen offen zu legen und mit sich selbst als Teil der Maschinerie ins Gericht zu gehen, ist eine selbstbezügliche Praxis, die zudem in der bildenden Kunst schon mehr Schritte gegangen ist, als in der Musik. Das Pariser Künstlerkollektiv ›Claire Fontaine‹ beispielsweise ficht den Kampf um Arbeit, Arbeitsbedingungen und Arbeitsverweigerung in seinen Werken selbst aus. Es arbeitet in Installationen, Videos, Gemälden und in kunsttheore-

tischen Manifesten zur Frage, was noch zu machen ist, wenn der Künstler aufgrund der Warenförmigkeit seiner Produktion selbst zur Ware geworden ist, wenn künstlerische Produktion niemals autonom sein kann, wenn die Unmöglichkeit, aus dem Verwertungskreislauf auszusteigen, zur Handlungsunfähigkeit führt. ›Claire Fontaine‹ stellen fest, sie seien »readymade artists«, und überhaupt könne kein Künstler behaupten, er sei nicht »ready-made«. Sie stellen grossformatige Slogans aus wie »ARBEIT MACHT KAPITAL«, »THE TRUE ARTIST PRODUCES THE MOST PRESTIGIOUS COMMODITY« oder prokla-

Die eigenen Produktionsprozesse und –bedingungen offen zu legen und mit sich selbst als Teil der Maschinerie ins Gericht zu gehen, ist eine selbstbezügliche Praxis. mieren in einer Neon-Buchstaben-Installation: »THIS NEON SIGN WAS MADE BY FELICE LO CONTE FOR THE REMUNERATION OF ONE THOUSAND, NINE HUNDRED AND FIFTY EUROS«. Zum Konzept gehört auch das Zugeständnis, dass jede ihrer Arbeiten so aussehe, als könne sie genauso gut von jemand anderem sein. ›Claire Fontaines‹ Ausstellungen sind Imitationen von Ausstellungen. Sie wenden sich gegen jeden Begriff von Schöpfertum und Originalität und ebenso gegen den Künstler-Entwurf als einen spezifischen Beruf. In einem Interview in der März-Ausgabe von ›Texte zur Kunst‹ gehen sie davon aus, dass in einer von der aktuellen Organisation von Arbeit, Macht und Armut befreiten Gesellschaft die Kunst eine für jeden offene Aktivität wäre, ein selbst-

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Claire Fontaine, This neon sign was made by..., 2009 Cold white neon, painted glass, cables, fixtures and transformers, dimensions and installation variable. Courtesy the artist and Galleria T293, Napoli

verständlicher Teil unseres Lebens. In der unfreien Gesellschaft dagegen bleibe einem nur die »non-action« und Nicht-Produktivität als eine Form des »human strike«. Selbstredend sind die Widersprüche mit dieser Herangehensweise nicht vom Tisch, denn das Kollektiv ›Claire Fontaine‹ ist erfolgreich, seine Protest-Ästhetik verprellt keinen Besucher, keine Kuratoren, keine Sammler, eben weil der Markt auch derlei explizit politische Praxen zu integrieren weiss. Walter Benjamin notiert im Hinblick auf Kunstwerke, die – als technisch (re-)produzierte – zur Massenkommunikation werden, die Chance, als Waren ihre Scheinhaftigkeit an sich selbst aufzuzeigen, um schlussendlich den Fetisch-Charakter zu entlarven. Die Kunst als Medium der Selbsterkenntnis. Dass diese selbstreflexive Praxis aber als intellektualisierter Theorie-Bonus daher

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kommen und ebenso in Frage gestellt werden kann, zeigt eine weitere Arbeit von ›Claire Fontaine‹, die sagt: »THE EDUCATED CONSUMER IS OUR BEST CUSTOMER«. Damit zwingt das Künstlerkollektiv zu einer weiteren Ebene der Reflexion, auf der man sich fragen muss, ob nicht gerade die Theoriebildung und der aufklärerische Gestus einer Kunst sich wiederum in Akkumulation von Kapital niederschlagen.

Das Gesicht des Musikers Wenn wir auf unsere zuvor eingeführte Differenzierung des Arbeitsbegriffs zurückkommen, sind wir auch bei der Frage angelangt, ob es eher ratsam ist, die abstrakte Arbeit im Werk zu reflektieren oder zu versuchen, die konkrete Arbeit herauszufiltern und explizit zu machen. Nicht unerwähnt


bleiben darf hier das Supporter-Projekt der ›Einstürzenden Neubauten‹, auf das die Band seit 2002 dreimal zurückgegriffen hat. Mit der direkten Vorfinanzierung der Produktion durch die Fans und der über Internet-Live-Schaltungen in den Proberaum gegebenen Mittel, in den Produktionsprozess einzugreifen, wurden hier die Möglichkeiten ausgelotet, sowohl abstrakte als auch konkrete Arbeit der Musiker aufscheinen zu lassen. Alexander Kluge verweist in einem Gespräch über seinen Film ›Nachrichten aus der ideologischen Antike: Marx – Eisenstein – Das Kapital‹ auf eine Chance, die in der Erkenntnis steckt, dass die Arbeitskraft sich sehr viel besser ausdrücken kann als das Kapital: sie nämlich ist überhaupt nicht abstrakt. Das würde doch dafür plädieren, sich die eigene konkrete Arbeit bewusst werden zu lassen, anstatt auf die Abstraktion des Zusammenhangs aufmerksam zu machen. Insbesondere viele Musiker im elektronischen Bereich spielen heute mit diesem Bewusstsein, da sie das Zitieren und Montieren derart zum Hauptbestandteil ihrer kreativen Arbeit gemacht haben, dass der Prozess der Produktion im Material selbst zum Vorschein kommt. Paul Frick, ein Berliner Komponist und House-Produzent, hat das in einem seiner Tracks auf die Spitze getrieben: Darin reiht er Sample an Sample, während eine Erzählerstimme darüber informiert, woher das Sample kommt und was damit gemacht wurde. Der konkrete Produktionsprozess ist damit offengelegt und in dem Musikstück selbst enthalten. Betrachten wir erneut das Konzert, werden Produktionsprozesse und Arbeit nunmehr augenscheinlich. Es ist der Ausstellungsort für die scheinbar konkrete Arbeit des Musikers. Das Erlebnis der direkten Zeugenschaft davon, wie das Stück entsteht, ist dort Thema. Das Konzert ist die besondere Situation, in der Produzenten wie Konsumenten gleichermassen anwesend sind und das Material – die Musik – in seinem Vollzug erfahrbar gemacht werden kann. Gerade vor dem

Hintergrund einer allumfassenden prinzipiellen Verfügbarkeit von Musik – auch der Musik-Archive, welche die Fortschreitung der Digitalisierung mit sich bringt – bekommt das Konzert eine neue Konnotation. Im Konzert bekommt die Musik ein Gesicht; ihr Autor, ihr Produzent ist anwesend. Spezifikum der Konzertsituation ist auch ihre Begrenztheit im Gegensatz zur endlosen Möglichkeit der Anhäufung durch das digitale Archiv. Sie hat einen Anfang und ein Ende und ist durch die Einmaligkeit des Live-Charakters ausgezeichnet. Grenzen und Rollenverteilungen sind im Konzert vergleichsweise recht klar konturiert.

Das Konzert ist die besondere Situation, in der Produzenten wie Konsumenten gleichermassen anwesend sind und das Material – die Musik – in seinem Vollzug erfahrbar gemacht werden kann. Man könnte hier Foucaults Heterotopie-Begriff bemühen, mit dem dieser real in die Gesellschaft eingelagerte utopische Orte bezeichnet. Doch es lässt sich auch so einsehen, wie gerade dieser andere Raum, in dem sowohl Bühne als auch Aufmerksamkeit gegeben ist, die Möglichkeit des Spiegelns kultureller Praktiken und gesellschaftlicher Verhältnisse birgt. Natürlich: Auch das Spiegeln rettet keinen vor der Notwendigkeit der Tausch-Abstraktion. Doch als Negativ verweist die gespiegelte Unmöglichkeit den Künstler wie den Rezipienten auf einen letzten Spielraum: Die Verzweiflung zu tanzen. Als hätten wir es nicht schon gewusst: Das Ganze bewegt sich im ungelösten Widerspruch.

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Fast ein Streiksemester in Frankreich

Text / Fotos Alex Riva, Avignon

Die Retrospektive beleuchtet Hintergründe und Verlauf der Streikbewegung an den französischen Universitäten im Frühjahr 2009. Ursachen, weshalb die Proteste abgeflaut sind, werden anhand des Geschehens an der Universität Avignon aufgezeigt. Die Aussagen von Beteiligten stammen aus schriftlichen und mündlichen Interviews, die noch während der sehr bewegten Phase von März bis Mai 2009 entstanden sind.

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STREIKSEMESTER

I

m Frühjahr machte in Frankreich eine Meldung die Runde, die aufhorchen liess. Ein Klient von Pizza Hut hatte, als er die Deckel einer Hauslieferung zurückklappte, neben den Peperonistreifen eine tote Maus auf dem Teig vorgefunden. Die unerwünschte Garnitur sollte ihm den Appetit derart verderben, dass er keine Pizzas mehr von der besagten Kette essen wollte, auch nicht eine kostenlose Ersatzpizza. In der Folge wollte es der Geschäftleitung der Filiale nicht gelingen, davon abzulenken, dass die Umstände in der Backstube allgemein zu wünschen übrig liessen. Noch etwas mehr aufhorchen liess in derselben Zeit der Streik an den französischen Universitäten. Begonnen Ende Januar, dauerte er mancherorts bis zu vier Monate. Während der aktivsten Phase der Proteste fanden an den meisten französischen Universitäten keine regulären Vorlesungen mehr statt. Einziger fixer Termin in der studentischen Agenda waren die wöchentlichen Generalversammlungen, die über den Fortgang an den einzelnen Hochschulen abstimmten. Mit Blockaden nicht nur des Campus, sondern auch von Strassen und Bahnhöfen, mit Demonstrationen, mit geworfenen Schuhen gegen das Bildungsministerium und mit alternativen Kursen mitten in den Städten machten Angestellte und Eingeschriebene der Universitäten auf ihre Anliegen aufmerksam. Was brachte sie derart in Rage? Auslöser war ein auf den ersten Blick unscheinbares Dekret, das den Status der universitären Lehrpersonen abändert. Deren Misstrauen wurde dadurch verstärkt, dass der neue Modus, ihnen Pflichten und

Tätigkeiten zuzuteilen, zusammen mit dem Abbau von weiteren 900 Stellen auf den nächsten Semesterbeginn angekündigt wurde. Ausserhalb des engen universitären Rahmens konnte das Dekret vorerst kaum jemanden interessieren. Doch eine tote Maus, die in einem Park die wenigsten Passanten zu beeindrucken vermag, löst auf einer esswarmen Pizza ungleich mehr Unbehagen aus. Zumal wenn die Angelegenheit publik wird und das Ausmass des Missstands nicht absehbar ist. Wer kann wissen, ob gar ein direkter Zusammenhang besteht zwischen dem vorgesehenen Inhalt der Pizzaschachtel und dem bedauerlichen Zustand des ungebetenen Nagers? Wie dem im unglücklichen Fall der Hauslieferung auch sei, im Fall des Dekrets ist der Zusammenhang mit einer grundlegenderen Reform verbürgt, welche Fragen zur Qualität und Ausrichtung universitärer Bildung aufwirft.

Die Bedeutung des LRU Es handelt sich dabei um das so genannte LRU (Loi Relative aux libertés et responsabilités des Universités), das die Bildungsministerin Valérie Pécresse den Hochschulen 2007 vorgesetzt hatte. Mit dem LRU will die Regierung Sarkozy die Universitäten zu Konkurrenzbetrieben nach privatwirtschaftlichem Vorbild umbauen. Eine heftige Protestwelle gegen das Vorhaben war schon Ende 2007 wieder versiegt. Seither setzt es die Regierung um, im Januar 2009 sind bereits achtzehn Universitäten für ›autonom‹ erklärt worden, bis 2013 sollen es alle sein. Rücksicht auf Verluste

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gibt es keine, da sie Teil des Umbaus sind: Während die Institute für die Lehrer_innenausbildung ganz verschwinden und in den Universitäten aufgehen sollen, werden an diesen Stellen kontinuierlich abgebaut. Das ist der Preis für eine im Übrigen aufgezwungene ›Autonomie‹, die im Grundsatz darin besteht, dass die Universitäten ihre Finanzierung und ihre Ausgaben fortan selber organisieren müssen. Das LRU ist die französische Variante einer europäischen Sparwut im höheren Bildungsbereich, die jüngst auch in Österreich und Italien auf massiven Widerstand gestossen ist. In einem eigentlichen Sparwettbewerb verringern die einzelnen Staaten den Anteil der fiskalischen Stützung der Universitäten und überlassen deren Finanzierung

Auch der Umbau der Universitäten in Frankreich folgt der europäischen Tendenz zum intellektuellen Fastfood unter fiskalischem Lowcost. mehr und mehr dem privaten Kapital, den Studierenden durch höhere Studiengebühren – oder andern Staaten. Denn mit der studentischen Mobilität des Bologna-Prozesses werden schlechte Bedingungen für die Studierenden und Lehrenden zu einem Wettbewerbsvorteil im europäischen Schrumpfungsprozess der umfassenden Bildung. Der rigorose Abbau u. a. an universitären Lehrkräften in Italien bedeutet nichts anderes, als dass ein Grossteil der Interessierten künftig ein Studium ausserhalb Italiens absolvieren muss. In Wien vermeint sich die Universitätsleitung wegen fehlender Mittel vor die Wahl gestellt, den Studierenden noch mehr überfüllte Hörsäle und überforderte Professor_innen zumuten zu müssen

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oder aber weitere Zulassungsbeschränkungen wie in Deutschland einzuführen. Der scheinbaren Naturnotwendigkeit von Verschlechterungen vermag nur eine internationale Solidarisierung, wie sie sich zwischen deutschen und österreichischen Student_innen abzeichnet, wirksam sich zu widersetzen. Auch der Umbau der Universitäten in Frankreich folgt der europäischen Tendenz zum intellektuellen Fastfood unter fiskalischem Lowcost. An den Auswirkungen des LRU haben die Betroffenen zwei Jahre lang gleichsam mit geschlossenen Augen gekaut, bis sie auf etwas schlichtweg Unbekömmliches gebissen haben. Das bekämpfte Dekret greift in die Tätigkeiten und Anstellungsbedingungen der Lehrbeauftragten ein. Den Anteil, den sie der Forschung bzw. der Lehre zu widmen haben, soll neben den Rektor_innen neu ein Gremium festlegen, in dem seit seiner Umwandlung durch das LRU private Interessen stärker vertreten sind als fachwissenschaftliche Kenntnisse. Da dasselbe Gremium auch bei der Anstellung und der Beförderung eine Rolle spielt, droht eine Art Günstlingswissenschaft sich in Frankreich vollends durchzusetzen. An Universitäten vermögen bald nur noch Forscher_innen zu gelangen und sich zu behaupten, die einerseits ihre Vorlesungen und Forschungsschwerpunkte an den Vorstellungen privater Geldgeber_innen ausrichten und sich andererseits den immer steileren Hierarchien anpassen. Hoch über allem stehen in der ›autonomen‹ Universität die Rektor_ innen, die über Sonderzulagen und in letzter Instanz über die Einstellung der Professor_innen befinden. Als das Lehrpersonal Ende Januar 2009 in den unbefristeten Streik trat, liess die Unterstützung eines Grossteils der Student_innen nicht lange auf sich warten. Sie wussten bereits aus eigener Erfahrung, dass sich mit den neuen, bloss absehbaren Verwertungsinteressen förderlichen Wind in den Wissenschaften das Studium stressiger,


selektierender und einseitiger gestaltet. Dem Aufruf des Komitees CNU (Coordination Nationale des Universités), Generalversammlungen einzuberufen, folgten die meisten französischen Hochschulen. Entscheidend für die lange Dauer und die Intensität der Proteste war, dass die Bewegung den Rückzug nicht allein des neuen Dekrets, sondern des gesamten LRU forderte. Dahinter konnten sich landesweit Studierenden, das Lehrpersonal und sonstige Angestellte der Hochschulen stellen, die alle von der Prekarisierung betroffen sind. Auf der Gegenseite zeigte die Regierung nicht die geringste Bereitschaft, auf die Hauptforderung einzugehen. Sarkozy reagierte auf die Rückweisung der gesamten Reform pikiert wie ein Pizzaiolo, dem sein zur Hälfte bereits gegessenes Werk wieder vor die Nase geknallt wird. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen verkündete der Staatspräsident am 7. April 2009, er werde seinen Entscheid, den Universitäten die ›Autonomie‹ zu bescheren, niemals zurücknehmen. Es war der Beginn einer mit allen Mitteln geführten, staatlichen Kampagne, welche die Streikbewegung schliesslich niederringen sollte. Einige Facetten des Protests und seiner Eindämmung lassen sich am Beispiel der Universität Avignon illustrieren.

Die Farce von Avignon »Zuerst gab es die Generalversammlungen, die vor allem informativen Charakter hatten. Für mich war das neu, ich habe am Anfang kaum verstanden, worum es ging. Ich begann mich zu interessieren, da es um mein Studium ging und um die Universität insgesamt. Also nahm ich an den Aktionen teil.« Valentine Damay-Vissuzaine, eine 19-jährige Literaturstudentin, war nicht die Einzige, deren Alltag zum ersten Mal und für Wochen von Protesten bestimmt war: Blockaden der Universität, Besetzungen, Demonstrationen, Solidaritätsaktionen mit den Obdachlosen der

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Stadt Avignon usw. Sie war derart ausgelastet, dass sie die Bücher ihres Studiums zur Seite legen musste. Doch ist sie überzeugt, im Zuge der Mobilisierung und der Diskussionen mehr gelernt zu haben als in einem üblichen Universitätssemester. Etwa wie schwer es ist, andere aus ihrem akademischen Trott zu reissen: »Eigentlich sollten alle zusammenhalten. Stets aber muss man mit anderen Studierenden, mit Unseresgleichen, streiten und gegen sie ankämpfen (debattre et se battre), wenn man die Vorlesungen unterbrechen geht. Man ist gezwungen, einen Konflikt zwischen den Studierenden heraufzubeschwören, damit sie verstehen.« Die kleine Universität Avignon mit ihren 7000 Studierenden ist durch das LRU vom Verschwinden bedroht. Ihre Finanzierung ist durch Studiengebühren und privates Kapital, das grössere Universitäten bevorzugt, nicht gesichert. Deshalb tauchte der Rektor Emmanuel Ethis anfänglich selbst an den Generalversammlungen auf und bekundete Sympathien für die Bewegung. Die Beteiligung an den Generalversammlungen nahm bis Ende März stetig zu, ebenso deren Dauer; sie zogen sich trotz Beschränkung der Redezeit bis zu sieben Stunden hin. Immer zahlreicher und lautstarker nahmen auch die Gegner_innen des Streiks an den GV teil. Sie warfen den Organisator_innen stets eine Manipulation der Wahlentscheide vor, die durch Handheben ermittelt wurden. Für die grösste GV vom 25. März 2009, an der die 1500 Teilnehmer_innen auf vier Säle verteilt und die Diskussionen durch Videoschaltung übertragen wurden, stellte das Rathaus Urnen zur Verfügung. Die Hoffnungen der Bürgermeisterin aus Sarkozys UMP und zu diesem Zeitpunkt auch bereits des Rektors erfüllten sich nicht: Das Resultat zur gänzlichen Aussetzung des Lehrbetriebs blieb dieses Mal unbestritten. Emmanuel Ethis hatte schon vor dieser Abstimmung zur Wiederaufnahme der Vorlesungen aufgerufen, da inzwischen staatliche Gelder für


die Universität Avignon gesprochen worden waren. Das Abstimmungsresultat änderte an seiner Haltung nichts. Kritische Lehrbeauftragte wie Bernard Mezzadri, der in Avignon und Paris angestellt ist, bekamen dies besonders zu spüren: »Offen hat Rektor Ethis seine Missachtung der Demokratie der Generalversammlungen ausgedrückt, deren Legitimität er heute niemals anerkannt zu haben vorgibt. Die engagiertesten Lehrkräfte werden in den universitäten Gremien verunglimpft und sogar beschimpft; angeblich seien wir durch ›Extremisten‹ manipuliert, wenn nicht gar selbst ›Extremisten‹.« Das Paradox, Mehrheitsbeschlüsse zu übergehen und gleichzeitig einen ›Extremismus‹ für den anhaltenden Streik verantwortlich zum machen, ist bezeichnend für die Niederschlagung der Bewegung in ganz Frankreich. In der zweiten Maiwoche kam es zu mindestens 30 Polizeieinsätzen an französischen Universitäten. Auch Ethis, der als Rektor einzig die rechtliche Befugnis dafür hat, rief Mitte April Polizeieinheiten auf den Campus, um die Besetzung der Universität Avignon zu stoppen. Die Verdienste des relativ jungen Karrieristen um das Regierungsvorhaben LRU wurden übrigens umgehend belohnt. Seiner Ernennung zum Leiter einer neuen Kommission ›Culture et Université‹ folgte im Juni, abgeschottet von einem wahnwitzigen Polizeiaufmarsch, der Besuch der zuständigen Ministerin Valérie Pécresse. Aufgenommen wurden die Kurse in Avignon nach der GV vom 9. April 2009. Unter der Drohung u. a. des Prorektors, dass andernfalls das Semester nicht angerechnet würde, setzte sich knapp der Vorschlag einer Teilblockade durch. Diese sollte bereits am nächsten Termin, an dem keine Vorlesungen vorgesehen waren, von Streikbrecher_innen über den Haufen geworfen werden. Ein Zirkular, das sich teils kritisch, teils hämisch mit den Ereignissen rund um die Universität Avignon befasst, gelangt zur Ablehnung der

traditionellen Generalversammlungen. Der Ärger der Verfasser_innen ist verständlich, da sich an den Blockaden nicht einmal die meisten derer aktiv beteiligt hatten, die dafür gestimmt hatten. Lautete das Ergebnis, die Vorlesungen sollten wieder aufgenommen werden, mussten schliesslich, wollten sie den Bettel nicht einfach hinschmeissen, auch alle Studierenden sich wieder an der Universität einfinden. Die Frage ist nur, wie die Betreffenden zur Umsetzung von Beschlüssen zu bewegen sind – und wenn nicht durch eine Generalversammlung, durch wen sonst?

Angst um die Prüfungen Die schwindende aktive Beteiligung am Streik erleichterte es der Regierung und den ihr ergebenen Medien, die Proteste als ein Auswuchs von ›Extremismus‹ erscheinen zu lassen. Auch in Avignon schwadronierte Emmanuel Ethis in einer Lokalzeitung über manipulatorische Umtriebe einer kleinen Linkspartei. Wie anderswo verhaftete die Polizei gezielt die aktivsten Protestierenden und stellte sie unter Anklage. Mit Repression und stigmatisierender Stimmungsmache allein wäre die Bewegung allerdings nicht so bald aufzuhalten gewesen. Stärker ins Gewicht fiel die Prüfungsfrage, die ab März in Radio, Fernsehen und Zeitungen herumgereicht wurde. Verschiedene Szenarien schürten dabei die Ängste der Student_innen. Von einer Verschiebung der Prüfungen in die Semesterferien war die Rede, was viele Studierende vor die Wahl gestellt hätte, entweder ihren Sommerjob oder das Semester sausen zu lassen. Andere erwogen eine ›Neutralisierung‹ des Semesters, das demnach erst durch Prüfungen im Herbst oder noch später im Studium voll angerechnet werden sollte. Es erschwerte die Debatte, dass von möglichen Verschiebungen im Terminplan die sozial benachteiligten Studierenden härter getroffen worden wären, da sie z. B. stärker auf den Verdienst im

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Sommer angewiesen sind. Vor allem aber wurde deutlich, dass es an einer grundlegenden Kritik an der Rolle der Universitäten in der bürgerlichen Gesellschaft fehlte. Während in den GV und in den Medien alles weitere Vorgehen von den Prüfungen abhängig gemacht wurde, stellte diese selbst kaum jemand öffentlich als Instrument der sozialen Auslese und der Reproduktion von Eliten in Frage. Die nationale Koordination CNU favorisierte zwar die automatische Anrechnung des Semesters für alle Eingeschriebenen, liess aber den GV an den einzelnen Universitäten freie Hand im Umgang mit der Prüfungsfrage. So nahm eine Universität nach der anderen den Betrieb wieder auf.

Der Fetisch der Prüfungen musste gerettet werden. Durch sie sieht sich der bürgerliche Mythos vom Aufstieg durch Leistung und Vererbung bestätigt. Dass die Regierung auf die Forderungen nicht eingegangen war, geschweige denn sie erfüllt hätte, war dabei allen klar. Wer daraus die Konsequenz zog und den Streik weiter zu führen versuchte, stand am Schluss isoliert und angeschmiert da. So haben die Studierenden der Universität AixMarseille I noch bis weit in den Mai hinein den Streik des Lehrpersonals mit Blockaden unterstützt. Bis die Professor_innen befanden, sie könnten den Lohnausfall nicht länger verkraften, die Vorlesungen wieder aufnahmen und die Prüfungen tatsächlich in die Ferien hinein verlegten. In Avignon, wo der Rektor die Wiederaufnahme einen Monat früher erzwungen hatte, fanden die Prüfungen in der Regel vor den Ferien statt. Was Vorbereitung und Durchführung anbelangte, herrschte Willkür. Die Literaturstudentin Valentine

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Damay-Vissuzaine hatte es erlebt, dass ein Professor die Studierenden Fragen und Antworten von der Tafel abschreiben liess. Das war dann der Prüfungsstoff. Über die allgemeine Prüfungshysterie regte sich im Mai auch ihre Kollegin Naslata Chauffera auf: »Man preist nun die Prüfungen als Wundermittel an. Aber der Qualitätsabschluss, den die Studierenden unbedingt wollen – da können sie sich noch so den Kopf zerbrechen – wird das nach drei Monaten Unterbruch nicht sein.« Dass unter den gegebenen Umständen Examen durchzuführen seriöser sein soll als allen das Semester automatisch anzurechen, will ihr nicht einleuchten. Doch der Fetisch der Prüfungen musste gerettet werden. Durch sie sieht sich der bürgerliche Mythos vom Aufstieg durch Leistung und Vererbung bestätigt. Und mit ihnen liessen sich in diesem Fall nicht nur die Einzelnen disziplinieren, sondern eine ganze Bewegung mit Zehntausenden von Protestierenden wieder eingliedern. Die reformistische Gewerkschaft der Studierenden UNEF (Union National des Étudiants de France) half dabei eifrig mit, als sie frühzeitig mit der Bildungsministerin Valérie Pécresse Gespräche aufnahm und Garantien zur ›fairen‹ Durchführung der Examen aushandelte. Für Bernard Mezzadri, der seine Lehrtätigkeit in Avignon länger unterbrach als die meisten, haben sich auch die offiziellen Vertretungen des Lehrpersonals diskreditiert: auf lokaler Ebene durch ihr Schweigen zum autokratischen Coup des Rektors, auf nationaler Ebene durch ihre Verhandlungsbereitschaft mit der Regierung. »Die grossen Gewerkschaftszentralen kümmern sich mehr darum, ihren Ruf der ›Verantwortlichkeit‹ zu bewahren als die schädliche Politik der Herrschenden zu verhindern. Die Kämpfe wirklich zusammenzuführen, weigern sie sich. Es reicht nicht, Tage mit punktuellen Aktionen vorzuschlagen mit Unterbrüchen von mehreren Wochen. So, wie die Dinge liegen, müssen die Kämpfe nicht


nur am Rand der Gewerkschaften geführt werden, sondern grösstenteils gegen sie.« Die CNU (Coordination Nationale des Universités), die sich rasch als Sprachrohr der Bewegung etablierte, entstand nach Mezzadris Einschätzung aufgrund der Unwirksamkeit der Gewerkschaften. Neben dem konfrontativen Kurs der CNU stimmen ihn auch junge Kolleg_innen, die sich in den Protesten exponierten, zuversichtlich für die Zukunft.

Verpasster Zusammenschluss Rückblickend ist jedoch zu bemerken, dass auch die Wirksamkeit der CNU beschränkt blieb. Ihr Versagen in der Prüfungsfrage hängt nicht zuletzt mit ihrem Anspruch zusammen, eben keine Entscheidungszentrale zu sein, sondern für die Koordination der GV der einzelnen Universitäten zu sorgen. Unter dieser Voraussetzung lässt sich schwer verhindern, dass regionalistische Interessen über die Hauptforderung der Bewegung die Oberhand gewinnen wie im Fall der Universität Avignon nach der Sprechung des staatlichen Geldsegens. Deswegen auf einen autoritativen Zentralismus zurückzugreifen, würde die Vorteile der selbstbestimmten Kooperation untergraben. Wie in der Frage der GV müssen auch in der Frage der Koordination organisatorisch erst noch Lösungen gefunden werden, die in Zukunft einen stärkeren aktiven Zusammenhalt gewährleisten. Eine zweite Schwäche der Bewegung lag darin, dass die Zusammenführung mit andern Kämpfen nicht gelang. Zwar waren an den beiden Generalstreiktagen im Frühjahr 2009 auch die grössten studentischen Mobilisierungen zu verzeichnen, doch die ›interprofessionellen‹ Zusammenschlüsse, wie sie lokal entstanden, vermochten keine neuen Impulse zu geben. Überaus dämpfend wirkte es sich aus, dass die Gewerkschaften trotz wachsender Beteiligung und trotz der Verweigerungshaltung der Regierung nach dem Generalstreik vom 19. März die Waffen streckten.

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Ob die Bewegung an den Universitäten, die immerhin weiter ging, andere Sektoren hätte mitreissen können? Den Versuch wäre es wert gewesen. Aber dazu hätten sich die Ziele wohl stärker vom akademischen Kontext lösen und die Institution der bürgerlichen Universitäten frontal angegriffen werden müssen. Bloss mit der Verteidigung einer staatlich gestützten Universität und den Anstellungsbedingungen der Professor_ innen waren ausserhalb des akademischen Milieus zu wenig Mitstreiter_innen zu gewinnen. Weder ein effektiv freier Zugang zur Bildung war damit in Aussicht gestellt noch ein Gebrauch des Wissens, der nicht nur privaten Unternehmen und deren Profitmaximierung zugute kommt. Einstweilen gleichen sich aber die französischen Universitäten selbst solchen Konzernen an. Ob die Bewegung gegen das LRU trotzdem etwas erreicht hat? – Die Aufteilung des Anteils an Lehre und Forschung bedarf in der neuen Version des Dekrets der Unterschrift der betroffenen Professorin, des betroffenen Professors. Eine Neuaufteilung zu erwirken, werden im noch hierarchischeren Gefüge der Universitäten nicht viele sich leisten können. Bereits Ende April war die Bewegung durch die Prüfungsfrage und die gewerkschaftlichen Verhandlungen weitgehend gelähmt. Ohne damit eine neue Protestwelle auszulösen, konnte dann das Bildungsministerium definitiv das Dekret verabschieden, das den Widerstand ausgelöst hatte. Angesichts der momentanen Ruhe an den Hochschulen scheint die Rechnung der Regierung aufzugehen, wie der von ihr gelieferte Graus wieder zum Verschwinden zu bringen sei: Ist erst einmal das Mäuschen geschluckt, rutscht auch der Rest der unverträglichen Universitätsreform wie geschmiert hinunter.


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Evolutionäre Arbeitskraft. Zu den Cyborg-Inszenierungen des Technokünstlers Stelarc

Text Markus Brunner, Wien ~ Fotos Stelarc, Sydney

Stelarc, gefeiert als Ikone der ›posthumanistischen‹ Bewegung, zelebriert mit seinen Performances die Potentiale des technologischen Fortschritts und den Cyborg als neuen Menschen. Auf der andern Seite präsentiert er seinen Körper aber auch als einen unterworfenen.

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STELARC

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r liess sich an Haken aufhängen, seinen Körper von Computerprogrammen und Internetusern steuern, hantierte mit verschiedensten Prothesen und stellt seinen Körper als Gastgeber für allerlei elektronische Instrumente zur Verfügung – der Techno-Künstler Stelarc liess kaum eine Möglichkeit aus, Fleisch und Maschine am und im eigenen Körper zu verschmelzen. Zelebriert er dabei die Potentiale des technischen Fortschritts und den Cyborg als neuen Menschen, entblösst er jedoch unter der Hand gerade durch die Radikalität seiner Aktionen die Dialektik dieses vermeintlichen Fortschritts: Die Technik, die einmal dazu bestimmt war, dem

Menschen als Werkzeug seiner Emanzipation von den Naturzwängen zu dienen, macht sich in ihrem Rationalisierungsprozess den Menschen selbst zum Arbeitsinstrument. Der Mensch wird zur Prothese seiner Prothese.

Der postevolutionäre Mensch »The Body is obsolete« – »Der Körper ist veraltet«. So lautet das vielzitierte Motto Stelarcs. Angesichts der technologisch durchrationalisierten Welt von heute, hat der Mensch als »ein zweifüssiger, atmender Körper mit einem binokularen Blick und einem Gehirn in der Grösse von 1400 cm3«,1 so der Künstler, ausgedient.

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Gemessen an den Maschinen, die ihn umgeben, sei der heutige Mensch zu unpräzise, langsam, labil und emotional und werde damit zum Störfaktor.2 Wolle er wirklich noch am Fortschritt der Welt und an der Produktion neuer Erkenntnisse teilhaben, müsse er sich radikal wandeln: Der biologische Körper, seine Mängel und seine Grenzen müssten radikal überwunden werden, um auch ein neues menschliches Denken hervorzubringen. Angesichts der Überholtheit des Menschen sei »the only evolutionary strategy I see« 3 der Versuch, den menschlichen Körper einem ›Re-Design‹ zu unterziehen. Stelarc schwebt ein Körper vor, dessen Haut durch eine synthetische

Awareness and action would slide and shift between bodies. Agency could be shared in the one body or in a multiplicity of bodies in an ELECTRONIC SPACE OF DISTRIBUTED INTELLIGENCE.  Körperoberfläche ersetzt wird, die atmungsaktiv und zur Photosynthese fähig ist. Dank dieser neuen multifunktionalen Hülle könne der Körper von den vielen »redundant systems and malfunctioning organs«4, die bisher für Atmung und Nahrungsaufnahme verantwortlich waren, befreit und ausgehöhlt, verhärtet und entwässert werden, um Platz für leistungsfähigere technische Elementen zu schaffen. Stelarc schwebt vor, winzig kleine Nanoroboter, die Krankheitserreger in Schranken halten können, oder Datenspeichergeräte, die mit dem Internet verbunden werden können, ins Körperinnere zu pflanzen. Die neue Haut soll den Körper nicht abschliessen, sondern öffnen, sie

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dient als Schnittstelle zu anderen organischen, mechanischen und virtuellen Körpern. Denn nicht nur soll die Leistungs- und Belastungsfähigkeit des menschlichen Körpers erhöht werden, sondern es geht Stelarc um mehr, nämlich um eine grundsätzliche Neudefinition des Menschen. Der zukünftige Mensch sei als ein »ingenieurmässig gestaltet[es]«5 Objekt zu verstehen, das zu Bewegungen ohne Erinnerung und ohne Emotionen fähig sei und von anderen Körpern für bestimmte Arbeiten eingespannt werden könne. In dieser Form könne er sich einem globalen technologischen Netzwerk aus organischen, mechanischen und virtuellen Körpern einfügen und so dem Fortschritt dienen: »Awareness and action would slide and shift between bodies. Agency could be shared in the one body or in a multiplicity of bodies in an ELECTRONIC SPACE OF DISTRIBUTED INTELLIGENCE«.6 Die Dezentrierung und Fragmentierung der Subjektpositionen ermögliche neue Formen von Bewusstsein, Intelligenz und Handeln, die nicht mehr an die Erfahrungen von Einzelwesen gebunden seien. Die Zukunft des Menschen, so Stelarc, ist seine Existenz als Cyborg, in dessen Gestalt die Differenzen zwischen Innen und Aussen, zwischen Mensch und Maschine und zwischen realem und virtuellem Körper radikal überwunden sind. So sei es zukünftig möglich, dass kaum störungsanfällige ›intelligente Bilder‹ menschliche Körper verwalten, während Einzelmenschen durch die Kontrolle über virtuelle, mechanische und fremde fleischliche Körper ihr Operationsfeld immens erweitern könnten. Für Stelarc ist diese neue Stufe des MenschSeins lediglich die logische Fortsetzung der bisherigen menschlichen Evolution: Schon immer seien Körper und Technologie verbunden gewesen, die Vernetzung und Cyborgisierung gehöre zum Gattungswesen Mensch. Das Denken der okzidentalen Aufklärung und die mit ihm verbundenen Vorstellungen von autonomen Subjekten


und Konstruktionen wie Seele, Geist und menschliche Freiheit hätten der Fremdbestimmtheit des Menschen nicht Rechnung tragen können. Individuelle Emotionen, Gedanken, Subjektivität »[have] in fact been manufactured and engineered by countless external forces, impinging upon your body«7 so wie auch Intelligenz und Bewusstsein nichts Individuelles seien, sondern »etwas, was im Miteinander im Medium von Sprache, Sozialität, Kultur, Geschichte etc. geschieht.«8 So sei es nur konsequent, das sowieso bloss vermeintlich autonome menschliche Subjekt zu überwinden und den Cyborgisierungsprozess des Menschen weiter voranzutreiben. »Es gibt keinen Vorteil, noch länger menschlich zu sein«9. Evolutionärer Fortschritt in diesem Sinne bringe durch die ständige Erweiterbarkeit der Vernetzung der unterschiedlichen Körper nicht nur neue technische Möglichkeiten, sondern auch höhere Intelligenz und »fundamentally new philosophies«10 hervor, die nicht mehr an den biologischen menschlichen Einzelkörper gebunden seien. Angedockt wird damit aber auch an einen alten Menschheitstraum: »Death does not authenticate existence. It is an out-moded evolutionary strategy. […] Extending life no longer means ›existing‹ but rather ›being operational‹. […] THE BODY MUST BECOME IMMORTAL TO ADAPT. Utopian dreams become post-evolutionary imperatives.«11 Mit der Abkoppelung des Bewusstseins vom alternden Körper wird auch der Tod überwunden, der Mensch wird zum Teil eines potentiell unsterblichen globalen Interaktionsgefüges.

Prothesengott Dass Stelarc es ernst meint mit seinen Visionen, zeigen seine zahlreichen Performances, in denen er seinen Körper untersucht, durchbohrt, prothetisiert, durch andere Menschen oder Maschinen kontrollieren lässt und sich technische Geräte einführen lässt.

Schon Ende der 1960er Jahre hatte er begonnen, erstens seine Wahrnehmungsfunktionen mittels Isolierung, Betäubung und Fragmentierung der Sinne zu untersuchen, und zweitens seine Körperfunktionen hör- und sichtbar zu machen, indem er Körpergeräusche, Gehirnströme, Blutdruck und Muskelsignale akustisch verstärkte oder in Lichtimpulse umwandelte und sein Körperinneres mit eingeführten Minikameras ausleuchtete. Daran anschliessend folgten die Aktionen, die Stelarc berühmt machen sollten und in denen es vor allem um die Erforschung der Haut als Schnittstelle ging: Von 1976 bis 1988 liess sich Stelarc in über 25 Aktionen an durch seine Haut getriebenen Haken in verschiedenen Stellungen, an unterschiedlichen Orten und in mannigfachen Konstruktionen aufhängen und schwebte so durch die Lüfte (Body Suspensions with insertions into the skin). Zeitgleich startete Stelarc weitere Experimente der Verstärkung, Erweiterung und des Umbaus seines Körpers. Er arbeitete an einer Dritten Hand (Third Hand Project, 1976-81) einer mit einem Druck- und Greifsystem ausgestatteten, mittels Bauch- und Oberschenkelmuskulatur steuerbaren Prothese, die an seinem Arm befestigt wurde und die er so genau lenken kann, dass damit auch Schreibarbeiten möglich sind. Andere Prothesen folgten, so z.B. spinnenartige Konstruktionen, die seine Arm- oder Beinbewegungen auf mehrere mechanische Beine übersetzten (Exoskeleton, 1998; Muscle Machine, 2002-03). Anfang der 1990er Jahren wandte sich Stelarc der Computertechnik und der Vernetzung von organischen und virtuellen Körpern zu. Er entwickelte einerseits einen virtuellen Arm, den er mit seinem physischen Arm lenken konnte (Virtual Arm, 1993), andererseits auch ein MuskelStimulations-System, das mittels Stromspannungen Muskeln aktivieren und so unwillentlich

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fremde Körper bewegen kann (Muscle Stimulator System, 1994). Mitte der 1990er Jahre präsentierte er seinen erforschten, erweiterten und vernetzten Körper in einigen komplexen Performances, die sein bisheriges Schaffen zusammenbrachte: Zu Geräuschmusik und einer Lichtshow, in die seine Körperrhythmen und -frequenzen umgewandelt wurden, tanzte Stelarc und steuerte dabei einerseits seine zusätzliche Dritte Hand, während andererseits ein Arm und ein Bein per Internet fremdgesteuert wurden12. Spektakulär wurden in

Kaum ein Medium liess Stelarc also aus, um die mannigfachen Vernetzungsmöglichkeiten zwischen Mensch, Maschine und virtueller Welt auszuloten und damit seine Vision eines neuen Menschen oder Post-Menschen radikal zu verwirklichen. diesen Inszenierungen Stelarcs Visionen Wirklichkeit. Die Subjektposition wurde fragmentiert und teilweise dezentriert, Stelarc verfügte zwar über seine eine Körperhälfte und ein zusätzliches Glied, die durch verschiedene Personen oder auch computergenerierte Algorithmen aussengelenkte andere Körperhälfte zwang aber immer wieder zu Eigenaktionen, die das Gleichgewicht stabilisierten, wobei die Gesamtbewegung wieder auf die produzierten Geräusche und Lichtspiele rückwirkten. Seit Anfang des neuen Jahrtausends arbeitet Stelarc zudem an einem sogenannten Movatars, d.h. einer sich nach logarithmischen Zufälligkeiten bewegenden virtuellen Figur, die Stelarcs Körper nach ihrer Massgabe lenken soll. Der Vision von ›intelligenten Bildern‹, die mensch-

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liche Körper steuern, will der Künstler damit immer näher kommen. Aufsehen erregte Stelarc auch mit seinen neuesten Projekten, in denen er sich auch noch der Biotechnologie widmet. So liess er sich, nachdem es ihm nicht gelungen war, aus eigenen Stammzellen eine organische Prothese in Form eines Ohrs wachsen zu lassen, ein ohrmuschelförmiges Implantat unter die Haut seines linken Unterarms setzen und strebt es an, das so entstandene dritte Ohr mittels Stammzellen auch noch durch Ohrläppchen zu vervollkommnen. Das Ohr ist Teil eines im Körper installierten Headsets zur Internetkommunikation: In die Ohrmuschel soll ein Mikrophon und in die Mundhöhle ein kleiner Empfänger implantiert und das Ganze über Bluetooth mit dem Internet verbunden werden. So kann Stelarc auf der einen Seite über sein zusätzliches Ohr Mitteilungen versenden und auf der anderen Seite, die Mundhöhle als Resonanzraum nutzend, seine Kommunikationspartner_innen in seinem Kopf hören. Kaum ein Medium liess Stelarc also aus, um die mannigfachen Vernetzungsmöglichkeiten zwischen Mensch, Maschine und virtueller Welt auszuloten und damit seine Vision eines neuen Menschen oder Post-Menschen radikal zu verwirklichen. Es ist kein Wunder, dass der Künstler mittlerweile zur Ikone der ›trans-‹ oder ›posthumanistischen‹ Bewegung aufgestiegen ist. Mit ihr teilt er die Utopie einer steuerbaren menschlichen Evolution, eines Prozesses der Cyborgisierung, die die physischen und intellektuellen Kapazitäten des Menschen fundamental erweitern und erneuern soll.

Ambivalenzen Es ist aber unwahrscheinlich, dass die Mehrheit der Zuschauer_innen die künstlerischen Performances Stelarcs so ungebrochen affirmativ rezipieren wie die transhumanistischen Fans. So sehr


die Inszenierungen aufgrund der technischen Möglichkeiten, des Geschicks und Belastungsvermögens des Künstlers oder der überwältigenden Maschinerien und lärmenden Präsentation zu faszinieren vermögen, so sehr ängstigen und beunruhigen sie auch. Es gibt wenige Beschreibungen der Performances, in denen nicht ein Unbehagen aufscheint angesichts des eingezwängten und verletzlichen, zuweilen auch versehrten Fleisches. Die Rezipient_innen sind beim Anblick der Inszenierungen, die den organischen, mit Gefühlen besetzten Körper zu überwinden trachten, gerade auf diesen, ihren eigenen fleischlichen und mit Leben gefüllten, eben ›menschlichen‹ Leib zurückgeworfen. Dieser ermöglicht erst die Gefühle von Ekel, Abscheu,

Angst oder Mitleid, aber vielleicht auch solche sadistischer oder masochistischer Lust, je nach den verschiedenen Subjekt- und Objektpositionen, die die Betrachter_innen in den wechselnden Identifizierungen mit Stelarc und den anderen beteiligten Körpern oszillierend einnehmen können. Der von Stelarc vermeintlich überwundene Körper ist das Medium seiner Kunst. Doch gerade in diesem Kontrast zwischen Stelarcs Botschaft, seiner Wissenschafts- und Technologieverherrlichung und der emotionalen Erfahrung beim Anblick der Performance, entfaltet diese aber, entgegen den verkündeten Intentionen des Künstlers selbst, ein gesellschaftskritisches Potential. Die Ambivalenzen in der Rezeption verweisen nämlich auf eine Ambivalenz, die Stelarcs

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Inszenierungen und auch seinen Schriften innewohnt: derjenigen zwischen Momenten der Selbstermächtigung und der Selbstunterwerfung. Auf der einen Seite sind die Performances durchtränkt von einer Allmachtsphantasie, in der sich der Künstler mit technischem Know-how und viel Körperkontrolle mechanische Geräte, virtuelle Räume und fremde menschliche Körper auch am anderen Ende der Welt zueigen machen und sogar die biologischen Grenzen seines eigenen alternden Körpers überwinden kann. Ein alter Topos der okzidentalen Geschichte: Der weisse Mann bürgerlicher Herkunft wird mithilfe der Technologie zum Herrscher über die Welt; der technische Fortschritt ermöglicht es, seine Bewegungen zu beschleunigen, zu verstärken, zu vervielfältigen und anscheinend sogar die Gesetze der Schwerkraft zu überwinden. Handlungspotentiale werden so vergrössert und sein Zugriff auf eine Welt ausgeweitet, die vermöge neuer Visualisierungstechniken immer sichtbarer und damit kontrollierbarer wird. Auf der anderen Seite aber präsentiert Stelarc seinen Körper auch als einen unterworfenen. In masochistisch anmutenden Inszenierungen setzt sich der Künstler Kontrollverlusten aus, sei es nun, dass er in maschinelle Zusammenhänge eingebunden ist, die seine Bewegungsfreiheit bestimmen, sei es, dass er sich durch technische Geräte oder andere Menschen seine Glieder bewegen lässt, oder sei es, dass er Maschinen seine innersten Regionen untersuchen lässt oder gar tatsächlich verletzt wird und blutet. Hier ist nichts mehr zu sehen vom männlichen Imperator, der sich die Welt nach seinem Willen zum Untertan macht, eher präsentiert sich hier – auch dies eine sehr männliche Inszenierung, aber doch eine andere – ein Held, der sich im Namen höherer Ziele stoisch seinem Schicksal opfert. Die Ambivalenz dieser männlichen Inszenierung aber ist, so will ich im Folgenden zeigen, nicht eine zufällige, sondern der Ausdruck einer

Dialektik, die dem Zivilisationsprozess selbst innewohnt und sich im bürgerlichen Subjekt reproduziert. Zu Recht stellt Stelarc zwar die vermeintliche ›Natürlichkeit‹ des heutigen Menschen, d.h. des bürgerlichen Subjekts, und der mit ihm verbundenen Körperbilder und -grenzen mit dem Verweis auf seine historische Gewordenheit infrage. Auch die von ihm betonte unauflösbare Verschränktheit von Mensch und Technologie in der bisherigen Menschheitsgeschichte ist nicht von der Hand zu weisen. Die durch seine Inszenierungen ausgelösten Debatten darüber, ob nicht krankheitsbedingte Körperveränderungen aus

Es geht Stelarc nicht darum, aus der Erkenntnis, dass der Mensch das »Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« ist, eine neue Subjektivität und ein neues Denken durch die Veränderung ebendieser Verhältnisse anzustreben. einer ethischen Perspektive zu verantworten seien oder nicht, zielen deshalb an den Performances vorbei. Da sich der Mensch tatsächlich immer wieder verändert hat, können die physischen Grenzen des Menschseins auch nicht ahistorisch festgelegt werden. Trotz dieses kritischen Impulses ist Stelarcs Ansturm gegen die biologischen Grenzen des Menschseins kaum als emanzipatorisches Projekt anzusehen: Es geht Stelarc nicht darum, aus der Erkenntnis, dass der Mensch das »Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse«13 ist, eine neue Subjektivität und ein neues Denken durch die Veränderung ebendieser Verhältnisse anzustre-

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ben. Auch wenn er das zuweilen vorgibt, denkt Stelarc nicht in Begriffen von Gesellschaft und Geschichte, Interaktion ist in seinen Visionen eines ›neuen Menschen‹ lediglich zwischen emotions- und bedürfnislosen, auf ihre instrumentelle Funktion reduzierten Körpern relevant. Noch propagiert Stelarc, wenn er von der »Freiheit der Form«, also von der »Freiheit, den Körper zu modifizieren und zu verändern«14, redet, die freie ästhetische Modellierung des eigenen Körpers nach seinen eigenen Wünschen, was zwar nicht unbedingt emanzipatorisch wäre, aber doch ein Zuwachs von Freiheit. Noch weniger geht es ihm um eine Subversion von in Machtverhältnisse eingebundenen Körpernormen. Wie die ahistorisch argumentierenden kritischen Bioethiker_innen, die aus einer fehlenden politischen Perspektive moralisieren müssen, fehlt auch Stelarc eine Reflexion auf gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsstrukturen. Vielmehr liegt der vermeintlichen »Freiheit der Form« ein Zwang zugrunde, der das Freiheitsversprechen, das in der Überwindung biologischer Grenzen wie auch bestehenden Formen von Subjektivität durch Prothetisierung und Auflösung von Subjektpositionen möglicherweise liegen könnte, radikal durchkreuzt. Will er irgendwie überleben, hat der Mensch nach Stelarc gar keine andere Wahl als sich den Anforderungen seiner technischen Umwelt anzupassen, die seinen Mangel und seine Obsoletheit erst produziert.

Zur Dialektik des technologischen Fortschritts Stelarc treibt in seinen Inszenierungen eine Dynamik auf die Spitze, die Georg Lukács unter dem Begriff der Verdinglichung schon Anfang des 20. Jahrhunderts als Effekt der kapitalistischen Produktionsweise benannt hatte. Nicht nur abstrahiert die Logik der sich verselbständigenden Warenproduktion, wie Marx’ Analysen zeigten, von

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der konkreten Arbeit und ihren Produkten, sondern sie erfasst, so Lukács, zwangsläufig auch die Produzierenden selbst: im durchrationalisierten kapitalistischen Arbeitsbetrieb wird der Mensch »als mechanisierter Teil in ein mechanisches System eingefügt […], dessen Gesetzen er sich willenlos zu fügen hat« 15. Die Zerlegung des Arbeitsprozesses in einzelne abstrakt rationelle Teiloperationen, die Objektivierung der Arbeitszeit in Form eines zu leistenden Arbeitspensums, schliesslich im Zuge der zunehmenden Spezialisierung die Abtrennung von für die Produktion nützlichen psychologischen Eigenschaften gegenüber der ›Gesamtpersönlichkeit‹, sollen die Produktion kalkulierbarer machen, zerreissen aber das arbeitende Subjekt. Seine menschlichen Eigenschaften und Besonderheiten – seine Phantasie, Spontaneität, seine Wünsche und Sorgen – werden, sofern sie nicht als nützliche Fähigkeiten, als Dinge, die der Mensch ›besitzt‹, vermarktet werden können, zu blossen Fehlerquellen des Betriebs. Seine ›Gesamtpersönlichkeit‹ ist einflusslose Zuschauerin der eigenen Verdinglichung im Arbeitsprozess. Dass diese Gesamtpersönlichkeit, gemeint ist das Arbeiter_innen-Subjekt jenseits der Arbeitswelt, selbst Produkt bzw. Konstrukt oder Ideal der bürgerlichen Gesellschaft ist – ein Ideal, das sich zugleich wohl auf das Bürgertum beschränkte – und im Zuge der Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft noch viel grundlegender von deren Rationalisierungsprozess erfasst wird als Lukács dies beschreibt, zeigten ein paar Jahre später Adorno und Horkheimer in ihrer ›Dialektik der Aufklärung‹ (1944). Hatte zwar Lukács schon 1923 auch die Ausdehnung des auf Kalkulierbarkeit zielenden Rationalisierungsprozesses auf die Sphären des Rechts und des Staates erfasst, so erkannten Adorno und Horkheimer zwanzig Jahre später im Angesicht des Wütens in Europa einen noch viel umfassenderen Verdinglichungsprozess.


Wo Lukács noch von einer ausser der Arbeit existierenden umfassenden Subjektivität ausging, die erst sekundär im Arbeitsprozess verdinglicht wurde, bezweifelten die beiden Autoren, dass im Spätkapitalismus überhaupt ein Aussen existierte, in der sich eine solche ›Gesamtpersönlichkeit‹ hätte konstituieren können. Der fortgeschrittene Rationalisierungsprozess hatte alle Bereiche der Gesellschaft erfasst, alles, was zuvor, meist als Produkt der bürgerlichen Arbeitsteilung selbst, noch einen Rest von Autonomie bewahrte, mit seinem Bann belegt. Nicht nur die Kunst und die Philosophie als die Reflexionssphären der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch die Alltagskultur der Menschen, ihr Zusammenleben ausserhalb des Arbeitsbetriebs, wurde der betrieblichen Verwaltung unterworfen und ihrer Rationalität angepasst. In der rein immanent gewordenen Welt sind die Subjekte immer schon unterworfene und verdinglichte Rädchen im universell und total gewordenen Getriebe. Dieser Zustand der absoluten Verdinglichung ist Kulminationspunkt einer Dialektik der okzidentalen technologischen Rationalität, die, so Adorno und Horkheimer, das Menschliche zugleich hervorbringt und zerstört. Instrumentelle Vernunft, Naturbeherrschung, so die Autoren, einmal dazu gedacht, die Menschen von der steten Bedrohung durch die Natur und ihre Gewalt zu erlösen, wende sich ihrer immanenten Logik folgend, in der Spätmoderne vollends gegen die Menschen selbst. Durch instrumentelle Vernunft und ihr Werkzeug, die Technologie, sei der (weisse, männliche) Mensch zwar erst zu einem Menschen, zu einem handlungsfähigen Subjekt geworden, indem er sich seine natürliche Umwelt gefügig machte, sie in Gesetze fasste und alle Unregelmässigkeiten möglichst aus ihr ausmerzte. Diese Subjektwerdung wurde aber mit dem Preis einer Unterwerfung des Menschen unter die Logik der technologischen Rationalität bezahlt: die Naturbeherrschung erfasste auch seinen Körper und seine Begierden,

die kontrolliert und beherrscht werden mussten. Mit der vollkommenen Durchrationalisierung aller gesellschaftlichen Bereiche in der spätbürgerlichen Gesellschaft werden schliesslich instrumentelle Vernunft und Technologie – die doch mit der Utopie der Freiheit gegenüber den Zwängen der Natur verkoppelt waren – zum universellen Zwang, dem auch das denkende, fühlende und handelnde Subjekt zum Opfer falle.

Nicht nur die Kunst und die Philosophie als die Reflexionssphären der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch die Alltagskultur der Menschen, ihr Zusammenleben ausserhalb des Arbeitsbetriebs, wurde der betrieblichen Verwaltung unterworfen und ihrer Rationalität angepasst. Während zuvor noch das Versprechen der technologischen Rationalität, den Menschen in die Freiheit zu führen, den grossen Preis der Selbstkontrolle und -unterwerfung legitimierte, wird diese Utopie nun als Illusion entblösst: Der vermeintlich autonome, aufgeklärte Mensch erfährt sich in der durchrationalisierten Gesellschaft als durch und durch heteronomes Wesen, als blosses Anhängsel der Maschinerie. Weil aber die von jeder wirklichen Utopie gereinigte Gesellschaft keine Alternative mehr kennt, wird wahnhaft bis zur völligen Selbstauflösung am technologischen Fortschritt festgehalten, während die verlorene Utopie der Autonomie durch kollektiv-narzisstische Phantasien ersetzt und so die narzisstische Kränkung der Desillusionierung kompensiert wird.

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Wie kaum ein Anderer spitzt Stelarc diese Dynamik radikal zu. Buchstäblich bis auf die Knochen wird er zum Spielball der Anforderungen des Produktionsprozesses. Um am grossen Ganzen, dem Fortschritt, teilhaben zu können – hier zeigt sich die vom Individuum auf etwas grösseres verlagerte Omnipotenzphantasie –, gibt er seine Ansprüche als Subjekt auf, verändert seinen Körper nach Massgabe technologischer Vernunft und wird so zum flexibel einsetzbaren Arbeitsinstrument in der globalen Produktionsmaschinerie, zur Prothese des technologischen Ganzen. Gerade weil Stelarc aber diesen Prozess so radikal physisch an sich durchexerziert, dabei seinen durch technologische Standards normierten Körper als Zukunftsvision zelebriert, während auf

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der anderen Seite die Rezipient_innen der Performance sehr viel ambivalenter begegnen, da der leidende, verwundete Mensch als Preis für diesen Fortschritt nicht übersehen werden kann, offenbart er physisch und psychisch erfahrbar die Verquickung von Versprechen und Drohung des Zivilisationsprozesses.

Das Ganze sehen Es ist nicht verwunderlich, dass gerade poststrukturalistisch orientierte Autor_innen sich mit Stelarc beschäftigen. In seiner so drastischen Infragestellung der Natürlichkeit des menschlichen Körpers und seiner Subjektivität, wie sie heute vorherrschen, trifft er sich einerseits mit ihren


Dekonstruktions-Bestrebungen, die ich für wichtig halte, er fordert sie aber in seiner Widersprüchlichkeit auch heraus. Diskussionen, die um die Frage kreisen, ob Stelarc in seinen Inszenierungen wirklich die Dichotomie von Geist und Körper und von Subjekt und Objekt aufhebt und ob er männliche Inszenierungen aufbricht, ringen mit den beschriebenen Ambivalenzen der Inszenierungen. Meines Erachtens können diese Ambivalenzen nur verstanden werden als Teil der beschriebenen dialektischen Bewegung, die ein Entweder-Oder negiert. Die Dichotomie zwischen beherrschendem männlichem Geist oder Subjekt und zwischen beherrschtem Körper bzw. Objekt hebt sich selbst auf, wo auch der Geist nach Massgabe instrumenteller Vernunft durchrationalisiert wird und sich als blosses Abstraktum auch gegen sich selbst als Subjekt richtet. Die Subversion bestehender Körper und Subjektkonzeptionen ist deshalb zumindest in der Stelarcschen Fassung selbst Teil der Affirmation. Dass Stelarcs Zukunftsvision oder -utopie, marxistisch gesprochen, nur die Produktivkraftentwicklung im Blick hat, die Produktionsverhältnisse demgegenüber aber als gegeben hinnimmt und sich ihren Zwängen unterordnet, lässt diese Vision nämlich per se affirmativ werden. Denn auch das poststrukturalistische Projekt einer Dekonstruktion bestehender Körper- und Subjekt-Vorstellungen und -Normen wie des identifizierenden Denkens überhaupt kann nur in der Überwindung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse verwirklicht werden. Auf die Infragestellung dieser Verhältnisse und den Versuch ihrer Überwindung hin wäre der subversive oder lieber: emanzipatorische Gehalt von KörperInszenierungen und auch performativer oder generell politischer Praxis zu prüfen. Ob allerdings künstlerische Inszenierungen und emanzipatorische Praxis überhaupt ineinander fallen sollen, wäre zu fragen. Ich habe demgegenüber zu zeigen versucht, dass ich gerade in

Stelarcs radikaler Affirmation, der die gesellschaftliche Bewegung in ihrer Dialektik auf zuweilen skurrile, irritierende und schockierende Art so auf die Spitze treibt und, mit Ernst Bloch gesprochen, ›zur Kenntlichkeit entstellt‹, dass sie selbst kaum mehr ungebrochen affirmiert werden kann, den kritischen Stachel seiner Performances sehe. Negativ, in der Angst um die eigene Leiblichkeit im Angesicht der eigentlich schon gegenwärtigen Zukunft, taucht so ein utopischer Impuls auf, der vielleicht ein kritischeres Potential entfaltet als positive Gegenbilder zum Bestehenden im Bestehenden. 1

Stelarc (1995): Von Psycho- zu Cyberstrategien: Prothetik, Robotik und Tele-Existenz. Kunstforum International (132). S. 74.

2 Die Darstellung von Stelarcs theoretischen Ausführungen stützt sich auf Stelarc (1995): Von Psycho- zu Cyberstrategien: Prothetik, Robotik und Tele-Existenz. Kunstforum International (132): S. 7381; Stelarc (2009): Offizielle Homepage. http://www.stelarc. va.com.au, 28.10.2009; Atzori, Paolo/Woolford, Kirk (1995): Extended-Body: Interview with Stelarc. http://www.ctheory.net/articles. aspx?id=71, 28.10.2009; Landwehr, Dominik (1998): Technologie als Weiterführung des Körpers. Ein Gespräch mit dem australischen Medienkünstler Stelarc. http://www.heise.de/tp/r4/artikel/2/2336/1.html, 28.10.2009; Miss M (1995): An Interview with Stelarc. http://www.t0.or.at/stelarc/interview01.htm, 28.10.2009; Stelarc (2000): Obsolete Zeit? Ein Gespräch mit Sven Drühl. Kunstforum International (151). S. 117-124. 3

Stelarc, zitiert in: Warr, Tracey /Jones, Amelia (Hg.) (2000): The Artist‘s Body. London.

4

Vgl. Anm. 2: Stelarc (2009).

5 Ebd.: Stelarc (1995). S. 79. 6 Ebd.: Stelarc (2009). 7 Ebd.: Miss M (1995). 8 Ebd.: Stelarc (2000). S. 122. 9 Ebd.: Stelarc (1995). S. 75. 10 Ebd.: Atzori, Paolo / Woolford, Kirk (1995). 11 Ebd.: Stelarc (2009). 12 Vgl. Grzinic, Marina (Hg.) (2002): Stelarc. Political Prosthesis & Knowledge of the Body. Ljubljana/Maribo. S. 59-63. 13 Marx, Karl (1969): Thesen über Feuerbach. MEW 3. Berlin. S. 5-7. 14 Vgl. Anm. 2: Stelarc (1995). S. 74. 15 Lukács, Georg. (1923): Geschichte und Klassenbewusstsein. Studien über marxistische Dialektik. Neuwied/Berlin 1968. S. 178f.

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Arbeit – Sinn und Sorge Text Trinczek, Hannover ~ Fotos Antje Müller, Hamburg / David Brandt, Dresden

Eine Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, welche solcherlei Fragen stellt, die durchaus die Besucherinnen zur Auseinandersetzung mit unserem Gesellschaftsmodell zu ermuntern versteht. Fürwahr der betrübliche Aspekt nach dem Sinn der Arbeit unbeantwortet bleibt.

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AUSSTELLUNG

»Napoleon, ein doch wirklich tüchtiger Junge, behauptete unverantwortlicher Weise, der wahre Beruf des Menschen sei, den Acker zu bestellen. Wieso? Fiel ein Pflug vom Himmel?«1 Kein Pflug ist je vom Himmel gefallen und gegessen werden muss in der Tat auch heute noch. Den Acker zu bestellen, um sich und die Seinen zu ernähren – in der Subsistenzwirtschaft stellt sich die Frage nach dem Sinn der Arbeit nicht, doch Sorgen hatten die Subsistenzbauern und -bäuerinnen mehr als genug und dahin zurück will wohl kaum jemand ernsthaft. In der heutigen Warengesellschaft, deren Produktion auf Tauschwerte und nicht auf Gebrauchswerte ausgerichtet ist, stellt sich die Frage

nach Sinn und Sorge von Arbeit ganz anders. Massenproduktion bedingt eine umfassende Arbeitsteilung, die Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit ebenso wie die immer weiter fortschreitende Spezialisierung in allen Bereichen der Produktion. Die Klassengesellschaft, die nach wie vor Bedingung und Produkt kapitalistischen Wirtschaftens ist, zwingt den weitaus grössten Teil der Bevölkerung in allen Ländern dazu, seine Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt zu verkaufen. In den Metropolenländern wird man angehalten, sich mit der Arbeit und über sie zu identifizieren. Doch die Erfüllung in der Arbeit kommt auch hier nur einem Bruchteil aller Erwerbstätigen zuteil.

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»Ob Faultiere dumm sind, weiss man nicht; ihre Aggression jedenfalls hält sich in Grenzen. Auch das mag ein Wink zum Verständnis von Arbeit sein. Sigmund Freud hat darauf hingewiesen, dass Arbeit eine vorzügliche Massnahme zur Eindämmung von Aggression sei. Aber wo nichts ist, muss auch nichts eingedämmt werden. Oder anders ausgedrückt: Arbeiten müssen nur die, die es nicht aushalten können, nicht zu arbeiten.«

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»Nach Aristoteles sollte Geld Mittel und nicht Ziel der Wirtschaftskunst sein. In seiner Ökonomik geht es um den Wohlstand des gesamten Haushalts. Eine gute Ökonomie kann deshalb nur von den notwendigen Bedürfnissen aller ausgehen, da das Begehren des Einzelnen nach Geld, Macht und Ruhm nie zu stillen ist.«

»Für Marx funktioniert eine kapitalistische Gesellschaft wie eine Maschine, in der Dinge und Menschen zur Ware werden. Dass Geld in diesem Prozess eine Rolle spielt, ist nichts Neues, und Marx kann bei seiner allgemeinen Kapitalformel auf Aristoteles zurückgreifen.« Zitate von Daniel Tyradellis und Nina Wiedemeyer aus dem Ausstellungs-Katalog

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Überall gilt: Die besitzende Klasse lässt arbeiten und muss vor allem daran interessiert sein, den Mehrwert aller Arbeiten ihrer Angestellten immerfort zu steigern, damit das Prinzip Kapitalismus nicht aus dem Ruder läuft. Natürlich ist diese Entwicklung nicht widerspruchslos von Statten gegangen. Die Arbeiter_innen-Bewegung hat in den 200 Jahren seit der industriellen Revolution viele Verbesserungen für die Arbeitenden erkämpft, ohne allerdings zu verhindern, dass sich die kapitalistische Logik heute fast global durchgesetzt hat.

Kennen Sie Langweile? Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten? Wann stehen Sie morgens auf? Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche? Was stört Sie am meisten an Ihrer Arbeit? Würden Sie arbeiten, wenn Sie nicht darauf angewiesen wären? Dies sind die Koordinaten, innerhalb derer die Ausstellung »Arbeit – Sinn und Sorge« in Dresden stattfindet. Doch was können die Besucher_innen der Ausstellung erfahren? Sie wandeln durch den Frei-, Maschinen-, Übungs-, Werk- und Weltraum, durch eine szenisch wie ästhetisch ganzheitlich durchdachte, raumgreifende Medieninstallation und können sich anhand von interaktiven Statistiken und Grafiken mit Sinn und Sorgen des Arbeitsalltags auseinandersetzen und Antworten auf Fragen wie die folgenden suchen, die sich in Filminterviews an Vertreter_innen unterschiedlichster gesellschaftlicher Schichten wenden:

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Kennen Sie Langweile?, Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?, Wann stehen Sie morgens auf?, Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?, Was stört Sie am meisten an Ihrer Arbeit? Welchen Stellenwert hat die Arbeit in Ihrem Leben?, Würden Sie arbeiten, wenn Sie nicht darauf angewiesen wären?, Was wollten Sie als Kind werden?, Wie hoch ist Ihr Einkommen?, Gab es Brüche und Zufälle in Ihrem Werdegang?, Fühlen Sie sich anerkannt?, Werden Sie Ihrer Ansicht nach angemessen bezahlt?, Wofür spenden Sie?, Was macht Sie glücklich?, Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus? Hat Ihr Beruf Zukunft?, Möchten Sie mit Ihrer Arbeit die Welt verändern?, Haben Sie Angst Ihre Arbeit zu verlieren?, Worin sehen Sie den Nutzen Ihrer Arbeit? Die Antworten zeugen vom zentralen Stellenwert der Arbeit in unserer Gesellschaft und zugleich vom immensen Druck, der mit ihr verbunden ist. In der Presseinformation heisst es: »Die Ausstellung legt, neben der Betrachtung gesellschaftlicher Entwicklungen, grossen Wert auf die Perspektiven des Individuums: die persönliche Sorge um den Lebensunterhalt, Befriedigung und soziale Anerkennung und nicht zuletzt die Funktion von Arbeit als einer sinnstiftenden Tätigkeit. Sie stellt heraus, dass Nützlichkeit nicht das letzte Argument sein kann, wenn es darum geht, den Sinn von Arbeit zu verstehen; dass Bezahlung nicht das einzige Kriterium für das Tätigsein ist oder dass Ausbildungswege, die sich allein an den aktuellen Anforderungen des Arbeitsmarktes orientieren, selten von Vorteil sind. Schliesslich fragt die Ausstellung nach den Möglichkeiten einer Solidargemeinschaft, die durch eine Politik zu stärken wäre, die sich nicht hinter den vermeintlichen Zwängen der globalisierten Ökonomie versteckt. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht damit die Unverzichtbarkeit des Sozialen im Sinne einer elementaren Sorge der Gesellschaft um all ihre Glieder.«


Das tönt alles ganz hübsch, doch die Realität ist eine ganz andere und dies zeigen die Statistiken, welche innerhalb der Ausstellung zu sehen sind, gleich selber. Diese machen deutlich, wie offizielle Arbeitslosenzahlen systematisch beschönigt werden, wie sich trotz angeblich verbesserter Arbeitsbedingungen Krankmeldungen wegen psychischen Gründen seit 1978 verdoppelt haben, dass seit Einführung des Bundesausbildungsförderungsgesetzes 1970 die durchschnittliche Fördersumme bei Kindern von Eltern mit geringem Einkommen heute (unter Berücksichtigung der Teuerung) tiefer ausfällt, als vor 30 Jahren; dass sich die Chancen bei armen Haushalten, durch eigene Anstrengungen den sozialen Status zu verbessern deutlich verschlechtert haben und dass die Bildungsinvestitionen in Deutschland im internationalen Vergleich gering ausfallen. In Deutschland gehören heute unbezahlte Überstunden und damit einhergehend unzureichende freie Zeit zur geistigen und körperlichen Erbauung, ungenügender Arbeits- und Kündigungsschutz bei den geringfügig Beschäftigten, keine Kranken- und Rentenversicherung bei freiberuflichen Arbeitnehmer_innen und Selbstausbeutung bei den sogenannten Ich-AGs zur Tagesordnung. In anderen Weltregionen geht es oft ums nackte Überleben. Auch solche Prekarisierungstendenzen werden in der Ausstellung sichtbar, wenn auch zu wenig analysiert. Die Erscheinungen der Klassengesellschaft zeigt die Ausstellung gut auf, doch deren Ursache ist nicht eine fehlende »Solidargemeinschaft« im Bestehenden, sondern die Logik des Kapitals selbst. »Die Zeit, während deren der Arbeiter arbeitet, ist die Zeit, während deren der Kapitalist die von ihm gekaufte Arbeitskraft konsumiert. Konsumiert der Arbeiter seine disponible2 Zeit für sich selbst, so bestiehlt er den Kapitalisten. Der Kapitalist beruft sich also auf das Gesetz des Warenaustausches. Er, wie jeder andre Käufer, sucht

den grösstmöglichen Nutzen aus dem Gebrauchswert seiner Ware herauszuschlagen.« 3 Kann es eine Solidargemeinschaft geben, solange die arbeitende mit der besitzenden Klasse um ein »menschenwürdiges« Mass an Ausbeutung ringen muss? Eine Solidargemeinschaft, die Arbeitsverhältnisse schafft, in denen sich eine »Unverzichtbarkeit des Sozialen im Sinne einer elementaren Sorge der Gesellschaft um all ihre Glieder« ausdrückt? Die Antwort darauf und wie das zu bewerkstelligen wäre bleiben die Ausstellungsmacher_innen schuldig. »Arbeit – Sinn und Sorge« 25.06.2009 bis 11.04.2010, im Deutschen Hygiene-Museum Dresden; Begleitbuch mit Beiträgen von Wolfgang Engler, Angelika Krebs, Nicola Lepp, Stephan Lessenich, Jean-Luc Nancy, Walter Seitter, Bernard Stiegler, Dieter Thomä, Daniel Tyradellis, Christina Vagt und Nina Wiedemeyer erschienen im Diaphanes Verlag, Zürich-Berlin 2009 Begleitprogramm: Tagungen, Vorträge, Workshops und Kulturprogramm siehe: www.dhmd.de

1 Serner (1920), Letzte Lockerung. Paul Stegmann Verlag Hannover. S 4. 2 verfügbare 3 Marx, Karl (1947, 1962): Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie; Erster Band, Der Produktionsprozess des Kapitals. Berlin. Dietz Verlag. S 247 ff.

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Po Ehm. Duisburg und Bad Tölz. Ist freischaffende Poetpiratin. Ihre genreübergreifenden Werke bringt sie bei Nacht und Nebel an ausgewählten Orten in verschiedenen europäischen und asiatischen Metropolen an. ›Re:Loaded 010‹ wird in Respektive erstmals veröffentlicht.

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FIN

Heiner M端ller meint, die dreizehnte Arbeit des Herakles sei die Befreiung Thebens von den Thebanern gewesen.

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Der Chef ist ok Klar redet man auch mal privat Klar ist der Kollege ok Ich muss mich nicht anbiedern Bin ich ein Aussenseiter Nein Ich komme mit allen gut aus Die Kollegen sind ganz nett Hätte ich da was sagen sollen Dieser Trottel Schweigen heisst einverstanden sein Oder ins Leere laufen lassen Je nach Machtverhältnis Naja den einen geht’s nur ums Geld Mir ja eigentlich auch Ist ja mein Brotjob Die Arbeit ist Routine Manchmal auch interessant

ISBN: 978-3-033-02319-2 ISSN: 1663-8417

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Respektive 01/2010  

Es ist soweit. Respektive grüsst. Sie halten die erste Ausgabe in der Hand. Gern geleiten wir Sie durch jenes Wunderland, wo das Ereignis Th...

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