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Jenseits von Andalusien Der Junge von der Hühnerfarm

Ein Andalusier ist mit 16 Jahren nach Deutschland ausgewandert, um in der Gastronomie zu arbeiten. Mit 60 Jahren kehrt er als Rentner nach Andalusien zurück und erzählt uns seine Geschichte. Gerade weil er beide Mentalitäten und Kulturen kennt, sind seine Erfahrungen für uns Residenten sehr interessant. Hier Teil 25 (die vorherigen Kapitel sind in den jeweiligen Ausgaben im Archiv)

Teil 25

A

lso arbeiteten wir weiter auf mein großes Ziel hin, den Meisterbrief. Es wurde nicht einfacher, sondern im Gegenteil schwerer. Es kamen fachbezogene Formeln dazu, der so genannte „Break Even Point“ (Erklärung von Wikipedia hierzu: Die Gewinnschwelle, auch Nutzenschwelle (engl. break-even point), ist in der Wirtschaftswissenschaft der Punkt, an dem Erlös und Kosten einer Produktion (oder eines Produktes) gleich hoch sind und somit weder Verlust noch Gewinn erwirtschaftet wird. Vereinfachend kann man behaupten, dass an der Gewinnschwelle der Deckungsbeitrag aller abgesetzten Produkte identisch mit den Fixkosten ist. Wird die Gewinnschwelle überschritten, macht man Gewinne, wird sie unterschritten, macht man Verluste. Die Gewinnschwelle kann für ein Produkt (Ein-Produkt-Betrachtung) oder mehrere Produkte (MehrProdukt-Betrachtung) berechnet werden. bei dem man mit bestimmten Formeln errechnen kann ob man wirtschaftlich arbeitet) Das war für mich und meine Frau etwas ganz Neues, auch Doris konnte mir hierbei nicht mehr helfen, da sie nur meine Unterlagen aus der Schule hatte, ohne jede andere Erklärung. (leider gab es noch kein Wikipedia, die auf alles eine Antwort haben) Des Öfteren war ich kurz davor, alles hinzuwerfen. Aber jedes Mal motivierte mich meine Frau, weiterzumachen. Also biss ich mich durch. Endlich war der Februar und am 26. der Tag vor der Prü-

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fung gekommen und Doris sagte zu mir, heute schaust du in kein Buch mehr, sondern wir trinken ein Glas Wein zur Entspannung. So machten wir es und nachdem sie mich später mit einer Baldriantablette und einem Entspannungs-Tee ins Bett gepackt hatte, schlief ich bald ein und wachte morgens erholt auf. Angst hatte ich keine, aber ich war sehr nervös, weil ich nicht wusste, was mich erwartete. Noch nie in meinem Leben hatte ich, außer der Fahrprüfung, eine Prüfung gemacht. Am 27. Februar 1980 fuhren wir also wieder in unserer Fahrgemeinschaft nach Trier zur IHK, wo die Prüfungen stattfanden. Für den Vormittag war die mündliche Prüfung angesetzt ,und ich musste u.a. ein Weinetikett in seine Bestandteile zerlegen und erklären, und die Reklamation eines fiktiven Gastes dem Koch gegenüber erklären. Das alles bereitete mir natürlich bei meiner langen Praxis keine Schwierigkeiten. Gegen Mittag mussten wir Hummer tranchieren und mit den Bestandteilen der Sauce American einen Hummersalat am Tisch erstellen. Gegen Abend wurden wir praktisch geprüft bei einem Galadinner mit 50 geladenen Gästen, den Dozenten und ca.10 Prüfern, welches wir ausrichten und bedienen mussten. Mit mir waren es fünf Prüflinge, die jeweils zwei 8ter- Tische bedienen mussten in ihrer Funktion als Oberkellner. An jedem Tisch saß ein Prüfer. Das Menü weiß ich noch genau: I. Hummer und Scampi an Salat der Jahreszeit (hierzu musste der Hummer am Tisch mit Besteck ausgelöst und filetiert werden und anschließend auf den Salattellern angerichtet werden)

II. Filet Wellington (in Blätterteig) mit Kaiserschoten und Herzoginkartoffel (hier war die Schwierigkeit das Filet Wellington in Scheiben zu schneiden, ohne dass der Blätterteig in seine Bestandteile zerfällt und alles noch warm den 8 Personen vorzulegen.) III. Crêpe Suzette (die ich auch am Tisch zubereiten musste, flambieren und dann mit Eis servieren musste) Verlangt wurden auch die passenden Weinempfehlungen. Nachdem wir noch den Kaffee serviert hatten, standen wir wie die Zinnsoldaten in unseren Stationen und harrten der Dinge. Mein „Lieblings Dozent „ der mich zum Weitermachen überredet hatte, kam vorbei, fragte nach meiner Einschätzung des Abends und raunte mir im Weggehen zu: „du warst einer der besten Lopez!“ Dann wurden wir endlich aufgerufen, auf die Bühne zu kommen um – hoffentlich - den Meisterbrief in Empfang zu nehmen. Mir wurde ganz flau im Magen, nun war es soweit, hatte sich mein Einsatz gelohnt, hatte ich alles geschafft, war ich ein Meister??? Tausend Fragezeichen tanzten in meinem Kopf. Der Geschäftsführer der IHK kam auf die Bühne, ging zum Mikrofon und begann seine Rede. Meine Gedanken schweiften ab und in meinem Kopf begann sich schon die Anmeldung zur Prüfung fürs kommende Jahr zu formen, da höre ich meinen Namen. Er rief mich als ersten auf, weil ich aus einem anderen Land käme, gebühre mir die

Residentenkurier

Der 27. Residentenkurier  

Die 27. Ausgabe unseres Residentenkuriers