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VOM WINDE VERWÖHNT ... oder genervt Wie berühmte Winde das Urlaubserlebnis beeinflussen. von Jürgen Oskar Brauerhoch Komischerweise spielen sie in den schönen bunten Prospekten, selbst in ihren positiven Wirkungen, keine Rolle: die Winde. Dabei gibt es kaum ein Urlaubsgebiet, das nicht seinen typischen, erfreulichen oder auch quälenden Lokalwind hätte, von den überregionalen ganz abgesehen. Zu letzteren gehört zweifellos der Föhn, der in den Alpentälern und im Voralpenland, sei es Österreich, Bayern oder Schweiz, an bis zu 100 Tagen im Jahresdurchschnitt das Wetter bestimmt. Zwar ist nicht wissenschaftlich gesichert, ob Wilhelm Tell unter Föhneinfluss zur Armbrust griff. Schiller jedenfalls vermutet es (Der Föhn ist los, ihr seht, wie hoch die Wellen gehen ..., Wilhelm Tell, 1. Akt) und Max Frisch ist sich in seinem köstlich -satirischen <Wilhelm Tell für die Schule< dessen sogar sicher. Und sicher ist auch, dass Thomas Mann in München wie in Zürich arg unterm Föhn gelitten hat; seine Tagebücher sind voll heftiger Beschwerden! Andrerseits: Kein Blau kann so heftig strahlen wie das eines Himmels, den der Föhn von allem Bewölk befreit hat: psychodelischer Glanz, der alles durchdringt. Die Berge rücken plastisch nah heran. Die einen werden auf natürliche Weise high, andere klagen über Kopfweh--eine Zeit jäher Euphorien oder Karambolagen! Auf einmal merkt man sinnlich, dass Bern eine der südlichsten Städte deutscher Sprache ist, wie es Kurt Marti, Schweizer Theologe und Schriftsteller ausdrückt. Diesen psychodelischen Glanz strahlen auch andere berühmte Fallwinde aus und machen, wenn schon die Urlauber nicht high, so doch den Ferienhimmel blitzblank und damit wieder so, wie er laut Prospekt zu sein hat. Aber sie können natürlich viel mehr ... und nicht nur Gutes. Wie oft beginnt exakt an der Porte de Soleil in Südfrankreich das Provence-Gefühl ! Aus Grau wurde dank eines Windes strahlendes Blau, gezaubert durch den Mistral, der an vielen Tagen durchs Rhonetal stürzt, die Wolken auflöst, die Hecken und Olivenbäume alle in eine Richtung drückt und im Golfe de Lion den Seeleuten das Fürchten gelehrt hat. Dieser – wie beim Föhn – gute Bösewicht, auch Maestro oder Magistral genannt, hat in

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der Provence von Avignon und Marseille bis hinüber zu den Pyrenäen alles im Griff, reißt die Autotüren aus der Hand, wenn man arglos aussteigen will und bläht die Windhosen fast ordinär auf, die hier nicht zufällig an allen Autobahnbrücken stehen. Er ist ein rauher, trockenkalter Bruder aus Nord bis Nordwest, der das zahme Mittelmeer an der französischen Küste so aufpeitschen kann, dass einem Hören und Schwimmen vergeht. Dass er die Urlaubsstimmung einerseits durch leuchtendblauen, wolkenlosen Himmel positiv, andrerseits durch manchmal tagelanges Heulen und Rütteln negativ beeinflusst, steht außer Frage. Schon Hippokrates, der Vater der Heilkunst, hat allen Ärzten geraten, Meteorologie zu studieren, da der Mensch wie alle Wesen, die am Boden des Luftmeeres leben, in seinem Wohlbefinden und der Gesundheit von der Luft und den Änderungen ihres Zustandes – abhängig ist! Man hat sogar festgestellt, dass die sogenannte Wetterfühligkeit von Alter, Geschlecht und sozialem Status abhängig ist. So scheint die Oberschicht mehr unter markanten Winden zu leiden als das einfache Volk! Die katalanische Tramontana allerdings, die mit dem Mistral in Energie und Ausdauer konkurriert und über die Pyrenäen nach Spanien hereinfegt, hat an der Costa Brava ein markantes Zweiklassensystem geschaffen, nämlich einmal die armen Urlauber, die – von ihr gebeutelt – in nach Nord oder Ost offenen Buchten wenn überhaupt nur mit Gänsehaut baden können; andererseits die Verwöhnten, die Luxusgäste, die in den windgeschützten Buchten, in denen nur ein leichtes Kräuseln die Herrschaft der tramontana anzeigt, ihr Vergnügen finden. Ein anderes, windiges Weibsbild versteht sich noch besser aufs Überfallartige, kommt sie doch in rasendem Tempo über die zweitausend Meter hohen Klippen des Karstgebirges herunter und übt ihre Macht an der gesamten dalmatinischen Küste aus: die BORA. Nicht selten deckt sie dabei auf den vorgelagerten Inseln der Adria ganze Dächer ab. Die drei nördlichen Fallwinde – Tramontana, Mistral und Bora – haben im mediterranen Bereich noch einen <warmen Bruder< der eigentlich nur Unheil anrichtet, mehr noch unter Einheimischen als Touristen. Es ist der Scirocco, der heiße und meist feuchte Südwestwind aus den Wüstengebieten Nordafrikas, der sich auf seinem

Weg übers Mittelmeer mit Wasser vollsaugt und zum echten Kopfwehwind wird. Schläft er ein, verbreitet er eine kaum erträgliche Schwüle, wovon allerdings in den wenigsten Reiseführern die Rede ist, ebensowenig wie vom Eurakylon oder Euryclydon, einer Windspezialität, die einem – ein Beispiel für viele – die Ferien an der scheinbar begünstigten Südküste von Kreta gründlich verleiden kann. Dieser schon im Neuen Testament (Kapitel 27, 15) genannte Nordostwind fällt derartig brutal von den kretischen Gebirgen herab, dass er Stühle von den Terrassen ins Meer weht und das Baden vor lauter Gischtfahnen unmöglich macht. Genau im Sommer, in der Haupturlaubszeit hat er Saison, was vorher zu wissen nicht schaden würde. Aber mit den Winden haben es die meisten Reise-Experten nicht, die Luft- und Wassertemperaturen und auch die Sonnenscheindauer lassen sich auch leichter erfassen, weshalb ja schon Palmström einen von Winden unabhängigen -Platz erfunden hat - den WELTKURORT: Mitten auf der schönsten Bergeskrone schafft er eine windgefeite Zone für die Kur sowohl wie für den Sport. Nämlich eine Riesenzentrifuge, innerhalb von welcher sie den stärksten Sturmwind ab und zurück im Fluge zum Ursprung schafft. Unerreicht vom bitterbösen Nord, unerreicht vom bitterbösen Föhne, blüht der neue Platz in stiller Schöne, und zumal im Winter ist man dort. Mal sehn, wann die Großen der Branche wenigstens die „Urlaubswinde“ in ihre Beratung einbeziehen! Copyright byJOB juergen.brauerhoch@web.de TER MÜNDUNG AN DER COSTA BRAVA BEI TRAMONTANA

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