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Schichten


Vorwort

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29 Hauser, Siegried: Der Fortschritt des Erinnerns: Mit Walter Benjamin und Dani Karavan in Portbou, Berlin 2010, S. 91

Im Prozess der Vergegenwärtigung von geschleiften Orten entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze soll der Versuch unternommen werden, eine Methode zur Erinnerung und Neueinbindung ebendieser zu entwickeln. Auftakt bildet das Begreifen und anschließende Reflektieren des Vergangenen. Dem folgt das Schaffen neuer Beziehungen, das in Beziehung setzen. Ziel ist die Einbindung vergangener Ereignisse in der Gegenwart und das damit einhergehende Erzeugen von Relevanz im kollektiven Gedächtnis der nationalen und internationalen Erinnerungskultur. Ausgangspunkt der Methode bilden die Relikte der geschleiften Orte und ihre Geschichte im Kontext der Grenze als übergeordnete Verbindung. In ihrem fragmentarischen Wesen zeugen die Spuren in einer Vielschichtigkeit von vergangenen Ereignissen. Eben diese Relikte werden einer Analyse unterzogen und in Schichten dargelegt. Differenzierte Blickwinkel anstelle einer linearen Erzählung bilden den Kern der Analyse. So besteht die Möglichkeit sich dem Ort, der ihm umgebenden Landschaft und seinen Spuren aus verschiedensten Perspektiven zu nähern und die Vergangenheit als das zu erkennen was sie ist: Eine Ansammlung von Fragmenten. Die einzelnen Schichten sind in 42 Einbänden festgehalten und können sowohl als einzelne Ebene aber auch in Kombination mit anderen Schichten gelesen und verstanden werden. Zu diesem Zwecke liegen den Einbänden sechs Broschüren bei. Sie ermöglichen vielfältige

Kombinationsvarianten zur individuellen Einbindung der Schichten in zwei übergeordnete Kategorien. Einerseits lassen sich Schichten den drei Wüstungen Lankow, Jahrsau und Billmuthausen zuordnen. Andererseits können Schichten in Themenfeldern Grenze, Ort und Ruine begriffen werden. Im Prozess der Einbindung einzelner Schichten zu einem größeren Ganzen ist es wichtig zu begreifen, dass manchen Schichten zwei oder mehreren Oberthemen, andere nur einem Oberthema zugewiesen werden können. Es ist folglich nicht möglich, Schichten und übergeordnete Kategorien in einen finalen Zustand der Einbindung zu überführen. Diese Diskrepanz ist erwünscht und versinnbildlicht, dass die Erinnerung als Prozess der Vergegenwärtigung erstens nie als Ganzes sondern nur in Fragmenten zu begreifen ist und zweitens einen nie abgeschlossenen Zustand darstellt. In den geSchichten findet alsdann die Einordnung in der Gegenwart statt. Spuren bilden als Fragmente die Grundlage des am Ort neu zusammengesetzten Erinnerungsbilds. Der Schichtung als Methode steht die Thematik des Erinnerns vor. Die Auslegung der Erinnerung als fragmentales Konstrukt des Vergangenen bildet den theoretischen Einstieg des Vergegenwärtigungsprozesses. Ihren Abschluss findet die Schichtung in der Thematik der Montage. In diesem Kontext als Entwurfsmittel dargelegt bildet sie die Schnittstelle zwischen den Schichten und geSchichten.


»Jede Erinnerung ist unzureichend, vergeßlich, fehlerhaft, und ihre Darstellungen zeigen bestenfalls ihre Mängel«29 27


Erinnern Unter einer Wüstung versteht man laut Duden eine „ehemalige, aufgegebene oder zerstörte Siedlung oder landwirtschaftliche Nutzfläche.“ 30 Aufgrund von Hungersnöten, Seuchen, Kriegen, Auseinandersetzungen und Zerstörung liegen diese Orte brach. Wüstungen entlang der innerdeutschen Grenze verlieren mit ihrer Schleifung Identität und Funktion. Der Prozess von vollständiger Zerstörung führt zu einem Bruch in der Kontinuität der Orte. Riten, Traditionen und weitere kulturelle Strukturen werden ihrer Funktion als langfristige Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart entmachtet. Im Fall der entstandenen Wüstungen entlang der ehemaligen deutsch deutschen Grenze figuriert kein einzelnes Ereignis sondern viel mehr ein Überformungsprozess den Bruch in der Kontiguität der Orte. Konträre Strukturen beginnen sich am selben Ort zu überlagern. Mit dem Errichten der Grenzanlage wird sukzessiv die totale Zerstörung der Dörfer herbeigeführt.

„Durch Erinnerungen wird ein Stück Vergangenheit in die Gegenwart geholt. Erinnerungen verknüpfen Vergangenheit und Gegenwart.“31

28 30 https://www.duden.de/suchen/ dudenonline/Wüstung 31 Faulenbach, Bernd: Diktaturerfahrungen und demokratische Erinnerungskultur in Deutschland, in: Kaminsky, Anna : Orte des Erinnerns: Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Auflage, Berlin 2016, S. 9

Im Zuge der Wiedervereinigung erfährt die Grenze als Bauwerk dann das gleiche Schicksal der zuvor geschleiften Orte. Die Natur hat begonnen Narben dieser Zeit unter sich zu verdecken. Relikte in Form von Ruinen, fortschreitender Vegetation sowie mündliche Überlieferungen oder Urkunden stellen die letzten Zeugen der von Menschen belebten Orte aber auch Grenzanlagen dar und werden somit zum Ausgangspunkt der Erinnerung an vergangene Ereignisse. Sie bilden eine Brücke für die durch den Bruch erzeugte Distanz und schaffen somit die Möglichkeit einer Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart.


Erinnerung Das Wort Erinnerung kommt aus dem althochdeutschen und meint soviel wie Inne-Werden, einlassen und öffnen. Im Kontext des menschlichen Bewusstseins stellt die Erinnerung einen Prozess der Wahrnehmung dar.

„der psychische Akt, durch das Gedachtes, Vorgestelltes, Vermutetes, Geahntes, Erinnertes, Erwartetes, Geplantes, Beabsichtigtes, begrifflich Gewußtes aus dem Bereich des Nichtbewußten emporgehoben und zu einem Teilinhalt des Bewußtseins gemacht wird. Das Ergebnis einer Vergegenwärtigung ist das Vergegenwärtigte, der aktuelle Bewußtseinsinhalt“32 Die im Gedächtnis aufgenommenen Eindrücke, welche dem ursprünglich Erlebten verbunden sind, erfahren ein bewusst oder unbewusst erzeugtes Wiederaufkommen in der gegenwärtigen Wahrnehmung. Erinnerung verkörpert demzufolge eine Möglichkeit, vergangene Wahrnehmungen erneut wahrzunehmen. Die augenblickliche Wahrnehmung ist damit in Teilen eine Wahrnehmung der Vergangenheit, denn jeder ursprüngliche Eindruck des Vergangenen wird im Erinnern ein gegenwärtiger Zusammenhang hinzugefügt.33 Jede Erinnerung fügt dem Eindruck ergo eine neue Schicht hinzu. Das Vergangene erfährt in dieser Aktualisierung sohin eine Verortung in der Gegenwart. Erinnern bedeutet in diesem Zusammenhang eine kontinuierliche Überschreibung des ursprünglich abgespeicherten Ereignisses und führt damit zu einer Vergegenwärtigung von Vergangenem.34 Jede Aktualisierung unterscheidet sich in Teilen vom ursprünglichen Eindruck. Es gilt daher festzuhalten, dass Erinnerung nie ein vollständiges Bild der Vergangenheit wiedergibt und nur als fragmentaler Ausschnitt verstanden werden kann.35 Folglich führt Erinnerung niemals zu einem objektiven, abgeschlossenen Zustand des Vergangenen sondern bleibt ein, der andauernden Erneuerung verschriebenen, subjektiv erlebter Eindruck. Erinnerung ist ein Palimpsest.

29 Schmidt, Heinrich: philosophi- 32 sches Wörterbuch, 22. Auflage, Stuttgart 1991, S. 753f. vgl. Cordes, Marcus: Land- 33 schaft Erinnern: Über das Gedächtnis im Erfinden von Orten, Hamburg 2010, S. 10f.Auflage, Berlin 2016, S. 9 vgl. ebd., S. 40 34 vgl. ebd., S. 41 35


Gedächtnis Auch das Wort Gedächtnis leitet sich aus dem Althochdeutschen ab. Es steht für den Gedanken, die Andacht oder das An-Etwas-Denken. Der Philosoph John Locke schreibt dem Gedächtnis eine tragende Rolle im Aufbau des menschlichen Bewusstseins und der damit einhergehenden Identität als Summe von persönlichen Erkenntnissen zu.

„[...] die Fähigkeit Wahrnehmungen und Vorstellungen über einen Zeitpunkt des Erlebten hinaus aufzubewahren; Gedächtnis heißt auch Aufbewahrungsstätte. Nächst der Wahrnehmung ist das Gedächtnis für ein denkendes Wesen das Notwendigste. Seine Bedeutung ist so groß, daß, wo es fehlt, alle unsere übrigen Fähigkeiten größtenteils nutzlos sind, in unseren Gedanken, Schlußfolgerungen und Erkenntnissen können wir nicht die gegenwärtigen Objekte hinauskommen ohne den Beistand unseres Gedächtnisses. Während die Erinnerung ein psychischer Akt ist, der sich auf die Verwertung des Gedächtnisbesitzes bezieht, ist das Gedächtnis selbst eine latente Kraft mit der Fähigkeit, diesen Besitz gewissermaßen zu mobilisieren und verwertbar zu machen [...]“ 36

30

36 Schmidt, Heinrich, 1991, S. 231f. 37 vgl. Cordes, Marcus; S. 12f.

2010,

38 Halbwachs, Maurice in: Hauser, Siegried: Der Fortschritt des Erinnerns: Mit Walter Benjamin und Dani Karavan in Portbou, Berlin 2010, S. 171 39 vgl. Hauser, Siegried: Der Fortschritt des Erinnerns: Mit Walter Benjamin und Dani Karavan in Portbou, Berlin 2010, S. 170 40 vgl. Cordes, Marcus, 2010, S. 14f.

Nach Locke ist der Ausgangspunkt einer jeden identitätsstiftenden Erkenntnis die Wahrnehmung oder der Eindruck von Erfahrungen und Erlebnissen. Bei der Geburt sei das menschliche Bewusstsein noch frei von jeglichen Wahrnehmungen. Erst im Laufe des Lebens würden ErfaEindrücke im Bewusstsein des Menschen gespeichert und somit ein Gedächtnis bilden. Erst mittels der Erinnerung werden nach Locke Eindrücke zu identitätsformenden Erkenntnissen des menschlichen Bewusstseins. In der wiederholten Wahrnehmung Dieser würde erneut erlebt. Aus dieser Reflexion können dann Erkenntnisse gezogen werden.37 Das Gedächtnis ist folglich nicht bloßer Speicher von Erlebtem. Es kann nur in Verbindung mit Erinnerung begriffen werden,da esdem fortlaufenden Prozess des Erinnerns unterliegt.

„Mit jeder individuellen Erinnerung blitzt in jeder unserer Gegenwart [...] kollektive Vergangenhiet auf.“38 Maurice Halbwach zeigt in dieser Aussage den Zusammenhang zwischen dem zuvor dargelegten individuellen Gedächtnis, also der Sammlung von subjektiven Eindrücken und Erinnerungen des Einzelnen und dem kollektiven Gedächtnis, dem gemeinsam Erlebten und Wahrgenommenen einer Gesellschaft. Grundlage des kollektiven Gedächtnisses bildet eine Anhäufung individueller Gedächtnisse. Diese werden im Kollektiv miteinander verwoben und bilden somit einen Gesamteindruck des Vergangenen.39 Das kollektive Gedächtnis als Summe aller individuellen Gedächtnisse einer Gesellschaft wird damit zu einem wichtigen Kommunikationsinstrument innerhalb einer sozialen Gruppe und vermittelt zwischen Gegenwart und der Vergangenheit. Wie eine Gesellschaft Vergangenes erinnert, hängt demnach vom kollektiven Gedächtnis der Gruppe ab. Um eine eindimensionale, lineare Erinnerungskultur zu vermeiden ist es folglich notwendig ein facettenreiches Spektrum an individuellen Gedächtnissen im Kollektiv zu intergieren. Assmann erweitert Halbwachs Idee des kollektiven Gedächtnisses und überträgt es in das Modell des kulturellen Gedächtnisses, in welchem sich kollektiv Erlebtes neben mündlichen Überlieferungen auch in fassbaren Dingen wiederspiegelt. Nicht allein gemeinsamen Ritualen oder anderen kulturellen Eigenarten wird Teilhabe an gemeinsamer Identifikation mit Vergangenem zugeschrieben. Räumliche Konstellationen wie architektonische Objekte oder großformatige städtische Zusammenhänge, im weitesten Sinne artifizielle Orte und Landschaften, stellen im kulturellem Gedächtnis vermittelnde Elemente von Vergangenheit dar.40 Assmann zeigt hier die unmittelbare Konformität zwischen dem Prozess des Erinnerns, dem menschlichen Gedächtnis und der räumlich formulierten Umwelt in Form von konkreten Orten und Materie auf. Erinnerung stellt so einen Prozess der Verortung dar, in welchem das Erinnerte mit seiner äußeren Umwelt in Beziehung gesetzt wird.


Verorten Wie bereits festgehalten wurde, stellt die Erinnerung einen gestalterischen Prozess dar. Was und wie erinnert wird bestimmt maßgeblich das kollektive Gedächtnis und somit das Erinnerungsbild vergangener Ereignisse. Verortung als Prozess der Erinnerung verkörpert folglich eine gestalterische Interpretation vergangener Erlebnisse am dinghaften Ort. In der Verortung von diskontinuierlichen Orten, also Gedenkorten, Erinnerungsorten oder, wie im Fall der Wüstungen entlang der deutsch deutschen Grenze, traumatischen Orten offenbaren sich zwei Realitäten. Einerseits handelt es sich um die dem Scheine nach objektive Realität der Umwelt, welche gemein als Na„Die Tendenz zur Lokalisierung gilt für jede Art sich tur zeigt. Andererseits von Gemeinschaft. Jede Gruppe, die sich als sol- liegt dem Ort der unche konsolidieren will, ist bestrebt, sich Orte zu widerrufliche Eindruck schaffen und zu sichern, die nicht nur Schau- vergangener Erlebniszugrunde. Kriege, plätze ihrer Interaktionsformen abgeben, son- se Seuchen oder Naturdern Symbole ihrer Identität und Anhaltspunk- katastrophen können te ihrer Erinnerung. Das Gedächtnis braucht solche Brüche in der Kontinuität der VerOrte, tendiert zur Verräumlichung.“41 gangenheit sein. In der gestalterischen Verknüpfung von Erinnerung an diachronischen Orten muss daher mehr als die reine Nutzung und Funktion von Vergangenem vermittelt werden. Im Gegensatz zu kontinuierlichen Orten, welche ihren Bezug zur Vergangenheit über langfristige Riten und Traditionen herstellen, muss an diskontinuierlichen Orten eine im Bruch erzeugte Distanz überwunden werden. Die Verbindung zur Vergangenheit kann hier nur noch über Reste von Strukturen passieren. Der dingliche Ort wird zur Kontaktzone und stellt die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart dar. Der Verortung liegt folglich die Aufgabe zugrunde, neue Bedeutungsbezüge zu schaffen und damit neue Perspektiven zu erzeugen. Eine bloße Darstellung des Vergangenen in Form von Rekonstruktion reicht zum Erzeugen einer Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart nicht aus. Die reine Veranschaulichung vergangener Objekte verhindert im Schaffen einer verfälschten Kopie des Vergangenen die Reflexion und somit Neuverankerung des gewesenen Ereignisses in der Gegenwart.

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Assmann, Jan : Das kulturelle 41 Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, 4. Auf., München 2002, S. 39


» Linie, die zwei Staaten, Länder, Grundstücke oder andere Bereiche voneinander trennt. «

Wolfgang Pfeifer

Grenze


Ein wesentliches Charakteristikum der Grenze verkörpert die Markierung von Disparitäten. Kulturelle und ethnische Grenzen besitzen im Regelfall keine für das Auge sichtbare Struktur. Sie bleiben unsichtbar. Trennungen finden in diesem Zusammenhang über das Feststellen und Definieren von Unterschieden und differenter Identitäten zum Gegenüber statt.42 Territoriale Grenzen hingegen werden oftmals durch bauliche Interventionen sichtbar gemacht. Wie Heidegger beschreibt, definiert die Grenze im territorialem Kontext immer die Ausdehnung eines spezifischen Territoriums; legt somit Raum fest und schafft deutliche Zuordnungen.

„Ein Raum ist etwas Eingeräumtes, Freigegebenes, nämlich eine Grenze. Die Grenze ist nicht das, wobei etwas aufhört, sondern [...] jenes, von woher etwas sein Wesen beginnt [...].“43

42 vgl. Ulrich, Maren: Geteilte Ansichten: Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze, Berlin 2006, S. 15 43 Heidegger,Martin, in: Norberg-Schulz, Christian: Genius LokLandschaft, Lebensraum, Baukunst, Stuttgart 1982, S. 13 44 vgl. Boettinger, Till: Schwellenräume: Übergänge in der Architektur. Analyse und Entwurfswerkezuge, Basel, Boston, Berlin, 2014, S. 45f. 45 Joedicke, Jürgen, in: ebd. , S. 46 46 Cordes, Markus: Landschaft Erinnern: Über das Gedächtnis im erfinden von Orten, Hamburg 2010, S. 66 47 ebd., S. 72

Das Ziehen einer Grenze bringt das Bilden zweier Seiten mich sich. Bei totaler Umfassung findet eine Separation des Ein- und Ausgeschlossenen statt und es entsteht ein Innen und ein Außen.44 Laut Joedicke weist das Ziehen einer Grenze im architektonischen Sinne die Funktion von räumlicher Definition auf. Mit seinem Verständnis von Raum als Separation von dem ihm umgebenden Raum greift Joedicke den aristotelischen Gedankenansatz von Ort und Ausdehnung und der sogenannten Gefäßmetapher auf. Diese besagt, dass jedes Ding durch eine es umfassende Form definiert wird. Aristotelis nennt diese das Ding umfassende Grenze den Ort.

„Raumbildung bedeutet also immer, einen kleinen Raum aus einem Größeren abzugrenzen“45 Ort ist also eine nach innen gerichtete, „unmittelbare, unbewegliche Grenze des Umfassenden“46

„ Das Dasein als Vorhandensein des Dinges am Ort“ und „Das Sosein in der Beschaffenheit des Umfassenden.“47 Die Dualität des Ortes, welche Joedicke im Abzug des kleinen vom großen Raum beschreibt, behandelt Aristotelis in der Ort-inOrt Abfolge. Diese räumliche Hierarchie beginnt mit dem konkreten Ort des einzelnen Dings und reicht bis zum All-Ort als Weltall. Der Ort als Grenze definiert sich hier nicht nur über das in sich Eingeschlossene, sondern auch als Fragment in der nächst höheren Stufe der Ort-in-Ort Abfolge. Neben dem dualen Charakter der Grenze, nämlich dem Schaffen und gleichzeitigen Ausschließen von Etwas, lässt sich aus Joedickes und Aristotelis Gedanken ein weiteres Merkmal der Grenze festhalten: Sie ist nicht nur als Linie, sondern auch als Fläche und Volumen begreifbar.Horizontal und vertikal gezogene Grenzen finden in der zweidimensionalen Ebene statt. Räumliches Abgrenzen schafft dreidimensionale Grenzen. Mit dem Begriff der Schwelle bringt Benjamin den Aspekt der „unsichtbaren Grenze“ ein: Die Lücke, den Durchgang der eigentlichen Grenze.


„Die Schwelle ist ganz scharf von der Grenze zu scheiden. Schwelle ist eine Zone. Wandel. Übergang. Fluten liegen im Worte „schwellen“ und diese Bedeutung hat die Etymologie nicht zu übersehen“49 Schwellen stellen einen Übergang des von der Grenze Getrennten dar und tragen somit eine Doppeldeutigkeit in sich. Sie können weder der einen noch der anderen Seite der Grenze vollständig zugeordnet werden. Schwellen formen den Ausgangspunkt eines neuen Raumes und bilden dabei selbst Raum. Diese Schwellenräume formulieren ein räumliches und zeitliches Übergangsmoment. Sie sind Schnittstelle und Verbindung zugleich.

Benjamin, Walter, in: Boet- 49 tinger, Till: Schwellenräume: Übergänge in der Architektur. Analyse und Entwurfswerkezuge, Basel, Boston,Berlin, 2014, S. 47


» Totalität, die aus konkreten Dingen mit materieller Substanz, Form, Oberfläche und Farbe gebildet wird « Christian Norberg-Schulz

Ort


„Ein Ding versammelt die Welt.“50

50 Heidegger,Martin, in: Norberg-Schulz, Christian: Genius LokLandschaft, Lebensraum, Baukunst, Stuttgart 1982, S. 5 51 vgl. Cordes, Markus: Landschaft-Erinnern: Über das Gedächtnis im Erfinden von Orten, Hamburg 2010, S. 66 52 ebd., S. 46 53 vgl. ebd., S.67 54 vgl. Norberg-Schulz, Christian; Genius Loki: Landschaft, Lebensraum, Baukunst, Stuttgart 1982, S. 10 55 vgl. ebd., S. 34 56 vgl. ebd., S. 10 57 vgl. ebd., S. 58 58 vgl. ebd., S. 179

Heideggers Definition von Ort lässt in seiner Kernaussage Rückschlüsse auf den aristotelischen Topos Begriff zu, welcher die Gefäßmetapher als Modell zum Verständnis von Ort verwendet. Dieser konkrete, umfassende Ort hat den in sich eingeschlossenen Körper als Zentrum. Der konkrete Ort ist also ein nach innen gerichteter Raum und bildet in diesem Modell die äußere Hülle eines bestimmten Inhalts.51 Im aristotelischen Ortsbegriff nimmt das Ding, das Ganze, im Gefüge der Orte, welches sich vom konkreten Ort bis zum All-Ort erstreckt, wieder ein Teil im nächst größeren Ganzen ein. So wohnt jedem Ort die eine Zwiefalt inne: „Das Dasein als Vorhandensein des Dinges am Ort“ und „Das Sosein in der Beschaffenheit des Umfassenden.“ 52 Die Mehrdeutigkeit ist das Resultat einer wechselseitigen Verbindung vom Ding mit seinen Inhalten und dem es Umfassenden. So ist jeder Inhalt als „Teil in einem Ganzen enthalten“ und erfährt in Beziehung zu den anderen Inhalten seine Identität. Umgekehrt besteht das Ganze, das Ding erst „in seinen Teilen“. Das Ganze erhält wie bereites erwähnt seinen eigenen Charakter erst in der Summe seiner in sich versammelten Inhalte und lässt sich nicht auf ein Wesensmerkmal reduzieren. 53 Ein Ort ist daher kein starres Konstrukt, ihm wohnt die Bewegung als Prozess inne. Jeder neue Inhalt, jede neue Verbindung von Inhalten bringt eine Bewegung mit sich, die das Wesen des Ortes verändert. Folglich lässt sich der Ort nicht in einer ideellen Lagebeschreibung festhalten, vielmehr verkörpert er ein physisches Dasein, eine Beziehung von Inhalten zueinander. Das Wesen eines Ortes zu begreifen meint ergo seine Einzelteile und ihre Strukturen zu erkennen und zu verstehen.

In seinem Buch „Genius Loki“ differenziert Christian Norberg-Schulz auf der Suche nach dem Geist des Ortes zwischen natürlichen und vom Menschen geschaffenen Elementen.54 Die natürlichen Merkmale bilden dabei den absoluten Ort, eine extensive, weit greifende Landschaft. Ihre Ausdehnung wird primär vom Relief der Oberfläche bestimmt, welches sich in Struktur und Maßstab gliedern lässt. Die Struktur definiert einerseits zentrale Knotenpunkte wie Hügel, Berge und Wasserflächen. Anderseits definiert sie richtungsweisende Wege wie Täler und Flüsse. Der Maßstab zeigt auf, inwiefern Strukturen für den Menschen begreifbar sind. Eine Veränderung des Maßstabs führt zu einer veränderten landschaftlichen Erscheinung. Beschaffenheit und Vegetation der Oberfläche definieren den Charakter hingegen nur sekundär indem sie verstärkend oder ausgleichend auf das Relief reagieren.55 Die vom Menschen geschaffenen Charakteristika stellen Einfriedung in Form von Siedlungen dar. Sie bilden eine nach innen gerichtete Verdichtung in der sie umgebenden Landschaft.56 Siedlungen reagieren oft auf ihre umliegende Landschaft indem sie die natürliche Strukturen weiter hervorheben, sie ergänzen oder symbolisieren. Die charakterbildenden Strukturen einer Siedlung leiten sich von der Einfriedung, den Zentren und Wegen sowie Bereichen innerhalb der Bebauung ab.57 Norberg-Schulz führt die Identität des Ortes, den Genius Loki, folglich auf drei wesentliche Grundelemente zurück: Der Lage, der umfassenden räumlichen Erscheinung und der spezifischen Gestaltung.58 Aufgrund der immer variierenden Ausprägung dieser drei Elemente gleicht kein Ort einem Anderen. Der Genius Loki ist demnach einzigartig. Der Genius Loki unterliegt einer stark phänomenologischen Betrachtungs-


weise in der Diskussion über Ort. Formen und Strukturen bilden wie beschrieben den Ausgangspunkt der Betrachtung. Landschaft und Siedlung werden nach metaphysischen und ästhetischen Aspekten aufgeschlüsselt. Der Genuis Loki gerät damit in die Kritik. Er beschränkt sich nur auf das Erscheinungsbild eines Ortes. Wirtschaftlich- und sozialgeschichtliche Aspekte und der Ort als etwas historisch Gewachsenes bleiben unbehandelt.59 Snozzi und Botta führen in ihrer Auffassung von einem Ort neben den physischen Merkmalen ergänzend kulturelle Merkmale auf. Sie definieren den Ort als Zeugnis menschlichen Eingreifens und lösen ihn aus dem starren Korsett seiner bloßen Erscheinung.60

„Es ist in jedem Augenblick mehr vorhanden, als das Auge zu sehen und das Ohr zu hören vermag - immer gibt es einen Hintergrund oder eine Aussicht, die darauf warten, erforscht zu werden“61 Kevin Lynch geht in seinem Buch „das Bild der Stadt“ verstärkt auf den Einfluss des Individuums auf den Ortsbegriff ein. In seinem Ansatz vom Bild der Umwelt geht er davon aus, dass der Ort niemals objektiv betrachtet werden kann sondern immer eine individuelle Selektion des Betrachters darstellt. Das Bild der Umwelt findet seinen Ursprung in der Identifikation des Betrachters und seiner Umwelt. Indem der Betrachter das Ding als separates Wesen identifiziert erhält es eine Identität. Der Betrachter entwickelt Beziehungen des identifizierten Dings zu anderen Dingen und schafft so eine Struktur seiner Umwelt. Die individuelle Bedeutung der Dinge für den

Betrachter, seien sie emotionaler oder praktischer Natur, verleihen der Umwelt erst einen Sinn.62 Lynchs Verständnis vom Wahrnehmen der Umwelt basiert also auf einer subjektiven Impression des Einzelnen. Jedem Bild der Umwelt liegen demnach materielle Dinge zugrunde, welche mit Geschichte und individuellen Bedeutungen belegt sind.

„Das Bild der Umwelt ist das Ergebnis eines Prozesses der zwischen dem Betrachter und seiner Umwelt stattfindet“63 Der Ort, im Sinne einer Versammlung all der Dinge, wird folglich zum Spiegel und gibt Rückschluss auf die mitgebrachten Erfahrungen des Betrachters.

„Die Landschaft verschwindet sobald ich die Augen schließe. Die Landschaft, die du vom gleichen Punkt aus betrachtest unterscheidet sich von der, die ich sehe“64 Es lässt sich festhalten, dass es bei der Auseinandersetzung mit dem Ortsbegriff nicht nur um eine in Karten ausgedrückte Objektivität von Strukturen geht, sondern ebenso um die Bedeutungen welche das Individuum dem Ort zuschreibt. Die Betrachtung eines Ortes ist also niemals neutral sondern selektiv.

vgl. Noseda, Irma: Ort und 59 Heimat, in: Archithese Schriftenreihe: Ort 3-84, S. 3f vgl. Bosshard, Max; Luch- 60 singer, Christoph; Gigon, Anette; Gruger, Michael: Die Quadratur des Ortes, in: Archithese Schriftenreihe: Ort 3-84, S. 28ff Lynch, Kevin: Das Bild der 61 Stadt, Boston, Berlin, Basel, unveränderter Nachdruck der 2. Auflage 2013, S. 10 vgl.ebd., S. 18 62 ebd., S.16 63 Coboz, André: Das Territo- 64 rium als Palmimpsest, in: Die Kunst, Stadt und Land zum Sprechen zu bringen, Boston, Berlin, Basel 2001, S. 160


» Die Ruine ist Ausdruck von Vergänglichkeit. Doch zugleich ist sie ein Provisorium, das im Status des Verfalls auf die Zukunft verweist « Hannes Seifert

Ruine


Das Wort Ruine kommt aus dem französischen, ist vom lateinischen Wort ruina abgeleitet und bedeutet übersetzt Einsturz. Die Ruine stellt den ambivalenten Zustand eines Konstrukts oder Systems zwischen Konvergenz und völliger Auslösung dar, dem Einsturz des Vollkommenen ohne seine absolute Vernichtung. Sie wird damit zum Moment der Ambiguität. In ihr kommt sowohl Beständigkeit also auch Vergänglichkeit zum Ausdruck. Die Ruine verkörpert zugleich Stagnation und Wandel, Festlegung und Unbestimmtheit.65 Dieser duale Charakter der Ruine lässt eine Vielzahl von Bedeutungsebenen zu. Im Diskurs um den Begriff Ruine stehen manche Bedeutungen konträr zueinander, andere ergänzen sich. Es scheint jedoch unmöglich, die Ruine und ihre Bedeutung in einer einzigen Definition festzuhalten. Um die Mehrdeutigkeit des Begriffes greifbarer zu gestalten, erscheint es hilfreich, wichtige Bezeichnungen wie Abwesenheit, Erinnerung, Fragment, Schichtung und Leere im Bezug auf die Ruine genauer darzulegen.67

„Die Ruine ist Ausdruck von Vergänglichkeit. Doch zugleich ist sie ein Provisorium, das im Status des Verfalls auf die Zukunft weist.“66

65 vgl. Himmelreich, Jørg: Ruinen, in: Archithese Schriftenreihe: Ruinen Dez-Feb 4.2017, S. 3 66 Siefert, Hannes: Mehrdeutigkeit: Die Ambiguität der Ruine, in: Archithese Schriftenreihe: Ruinen Dez-Feb 4.2017, S. 30 67 vgl.ebd., S. 31 68 vgl.ebd., S. 32 69 ebd., S.33

Abwesenheit meint das Fehlen des Wesen, ist also Ausdruck nichtvorhandener Wesensmerkmale. Ein Konstrukt, zum Beispiel ein Bauwerk wird aufgrund der Abwesenheit seines elementaren Charakters zur Ruine. Die Ruine stellt in diesem Denkansatz zeitgleich Ort und Nicht-Ort dar.68 Sie ist das Relikt von etwas Vergangenem.

Die Ruine kann auch über die Definition der Erinnerung verstanden werden. Denn nach Walter Benjamin ist auch die menschliche Erinnerung eine Ruine. Vergangenes kann laut Benjamin nie in seiner Totalität, sondern vielmehr in individuellen Eindrücken, Erinnerungsruinen, begriffen werden.

„Wo keine Ruinen vor Augen stehen, wo Geschichte sich restlos in Natur aufgelöst hat [...] hat Erinnerung keinen Halt mehr“69 Die Erinnerung trägt zudem einen sehr räumlichen Charakter in sich, braucht sie doch Materie oder Raum, um sich daran zu haften. Als Relikt des Verlorenen verkörpert die Ruine diesen Halt und wird zum materiellen Zeugnis der Erinnerung. Der oben genannte Einsturz bringt eine Auflösung des Ganzen in einzelne Elemente mit sich. Oft wird die Ruine daher als Fragment eines vormals intakten Zustands gesehen. Nach Schlegel liegt allerdings ein Unterschied in den Begriffen Fragment und Ruine. So stelle die Ruine einzig das eingestürzte Objekt, die Unvollkommenheit dar. Ein Fragment hingegen deute im Zustand der Offenheit stets auf seine mögliche Vollendung hin.70 Im Zusammenhang mit dem Ausdruck Schichtung wird die Ruine zum Gegenstück der Patina. So stellt die Ruine laut Hartmut Böhme eine Abtragung von materiellen Schichten dar. Die Patina fügt dem Objekt hingegen eine neue Schicht, die der Alterung, hinzu und darf daher nicht mit dem Verfall der Materie verwechselt werden. 71 Die Ruine im Sinne einer Unterbrechung, einer Lücke, dem Einsturz einer vollkommenen Form hinterlässt oftmals den Eindruck von Leere.


Jedoch muss Leere nicht zwangsläufig als Missstand wahrgenommen werden. Im Auflösen von Formen und ihrer wechselseitigen Durchdringung steckt stets ein Möglichkeitsraum für Neues.72 Ruinen können keinem starren System zugeordnet werden. Ihr dynamischer Charakter lässt sich auf unterschiedliche, teils konträre, dennoch wahre Arten lesen.

„Das Schwanken zwischen dem Eindruck des Unvollendeten und dem des Zerfallenen macht die Schönheit der Ruine aus“73

vgl.ebd., S. 34 70 vgl.ebd., S. 35 71 vgl.ebd., S. 38 72 Böhme, Hardmut, zitiert nach: 73 Siefert, Hannes: Mehrdeutigkeit: Die Ambiguität der Ruine, in: Archithese Schriftenreihe: Ruinen Dez-Feb 4.2017, S. 36


Lankow

1209 1294 1894 1946

Erste urkundliche Erwähnung, Name rührt von der Lage des Ortes her und bedeutet „am Sumpf gelegen“. Fischerrechte für den See werden erworben 59 Einwohner 100 Einwohner

„Selten findet man ein Dorf, das so idyllisch schön liegt wie Lankow. Es liegt ganz eingeschmiegt in einem Winkel des Lankower Sees, der zum größten Teil von hohem Buchenwald umrahmt ist.“74 1952 1961 1969 1972 1976

„Aktion Ungeziefer“: zwei Familien werden ausgewiesen „Aktion Kornblume“: alle „alteingesessenen“ Familien werden ausgewiesen Renovierung Haus Schmidt Ort ist freigezogen Abriss aller Gebäude


Der Name Lankow stammt ursprünglich aus dem Slawischen und bedeutet soviel wie „am Sumpf gelegen“. Wie die Namensherkunft bereits verrät, spielt die Lage des Ortes eine 74 Ollmann (1920) in: Piehl, Raentscheidende Rolle in dessen Geschichte. mona; Stutz, Horst; Parschan, Jens: Einblicke zwischen Bereits 1294 werden Fischerrechte für den Schaalsee und Salzhaff: Geschichte und Geschichten Lankower See erworben. Ab ca. 1630 folgt entlang der innerdeutschen Grenze in Nordwestmecklender Bau eines Fischerkaten und dient den Fiburg, Schwerin, 2. Auflage scherfamilien als Wohnsitz. 2001, S. 76 Bis 1945 kann der „Mit der Errichtung des letzte Fischer des Grenzzauns war es uns nicht Ortes, Joachim Steseinem Beruf mehr möglich nach Lankow ding, auf der Halbinsel zu gehen. Ich habe einmal nachgehen. Die Demit dem Fernglas herüber ge- markationslinie setzt schaut und meine Mutter auf dem Fischereibetrieb ein Ende.75 dem Hof sehen können.“77 Die Demarkationslinie verläuft westlich des Lankower Sees, sodass Dorf und 75 vgl.Specht, Eberhart: Familiengeschichten des Kirchspiels Wasser eigentlich nicht voneinander getrennt Schlagsdorf, Norderstadt 2005, S. 41 werden. Der See bietet jedoch ein großes 76 vgl. Piehl, Ramona: EinbliPotenzial zur Flucht in den Westen weshalb cke zwischen Schaalsee und Salzhaff: Geschichte und Geder Grenzzaun ab 1952 am östlichen Ufer schichten entlang der innerdeutschen Grenze, Schwerin, errichtet wird und den Zugang zum See somit 2. Auflage 2001, S. 79

vollends versperrt. Die Grenzanlage endet jedoch nicht am Ufer. Eine riesige Konstruktion aus Streckmetallplatten, Stacheldrahtrollen und einer Pontonbrücke bilden an der schmalsten Stelle des oberen Sees eine lückenlose Verlängerung des Grenzzauns.76 Von westdeutscher Seite ist es ebenso untersagt den See zu betreten, liegt jener doch im Staatsgebiet der DDR. Das ehemals bewirtschaftete und zum Baden genutzte Gewässer ist komplett außer Betrieb gesetzt. Neben der Stilllegung des Sees bringt der Grenzzaun eine völlige Isolation Lankows mit sich. Im fünfhundert Meter Schutzstreifen gelegen und von allen anderen Dörfern abgeschnitten ist Lankow nur noch mit Passierschein und über einen Feldweg zu erreichen. Zudem stellt die alteingesessene Bevölkerung eine immer größer werdende Gefährdung des erklärten Ziels einer perfekten Grenzsicherung dar. Bereits 1952 werden erste Bewohner im Zuge der Aktion „Ungeziefer“ als „gefährdete Personen“ identifiziert und zwangsausgesiedelt. Neben dem Fischer muss auch der Stellmacher des Dorfes seine Heimat verlassen.


Im 10.-14. Jahrhundert gehen aufgrund von Kämpfen zwischen Slawen und Germanen, der allgemeinen Agrarkrise im 14. Jahrhundert, Fehden und Raubzügen eines verrohten Adels, Seuchen und Überschwemmungen, und der mit dem Aufschwung der Städte verbundene Landflucht ungefähr 260 Dörfer in den Altmarkkreis ein. Jahrsau bleibt aufgrund seiner ver„Wenn die Russen kommen, steckten Lage im haben wir 1945 immer ge- „Jahrsauer Sack“ diesen Problesagt, flüchten wir alle nach von men der Region verJahrsau, da finden sie uns schont.82 Auch Auseinandernicht.“83 setzungen und Plünderungen im Zuge des 30-jährigen Krieges 80 Sültmann,Mehrin: Die Ortsnamen im Kreise Salzweund den dann folgenden Napoleonischen del, Altmark-Verlag Deutsches Buchhaus, 193, S.16 Kriegen betreffen Jahrsau nicht. 81 Lauburg Walter, Dr. phil.: Jahrsaus außergewöhnliche Lage hilft bis Die Siedlungen der Altmark, Jeetze 1926, S.19 zum Ende des 2. Weltkriegs, Konflikt- und 82 vgl. Lauburg Walter, Dr. phil.: Krisenzeiten zu überdauern. Die Siedlungen der Altmark, Jeetze 1926, S.19 Ausgerechnet die geschaffene „Friedens83 An der „Friedensgrenze“ grenze“ zwischen der DDR und der BRD wird starb ein Dorf. Tasch, Dieter: Peiner Allgemeine Zeitung, Jahrsau dann zum Verhängnis. 28./29. 03. 1970

Der Ort liegt ab 1952 innerhalb der 500-Meter-Sperrzone des vom SED-Regimes errichteten Sicherungsapparats entlang der Grenze West. Das Ziel einer perfekten Grenzsicherung führt zur Erhöhung der Sicherheit im Gebiet der Demarkationslinie. Baustrukturen stellen ab diesem Zeitpunkt potenzielle Verstecke für Flüchtige dar. Die grenznahe Bevölkerung gerät unter Generalverdacht. In Jahrsau werden mittels der Aktion „Ungeziefer“ (1952) zunächst „politisch unzuverlässige“ Personen ausgewiesen. Diese Zwangsaussiedlungen betrifft drei von vier ansässigen Bauernfamilien. Von der Aktion „Festigung“ (1961) bleibt Jahrsau verschont. Im Ort wohnen schließlich nur noch eine Bauersfrau mit ihrer Tochter. Die unüberschaubare Lage des Ortes erschwert zudem eine lückenlose Überwachung des unerlaubten Grenzverkehrs. Außerdem verhindern die Gebäude ein freies Schussfeld an der Staatsgrenze West, sodass Jahrsau 1972, im Sinne der „Verschönerung der Staatsgrenze“ komplett abgerissen wird.


Jahrsau

1375

1804 1945 1946

Erste urkundliche Erwähnung als wen disches „jarsowe“. Kann sowohl gora (Berg), als auch vo jariza (Sommerkorn) bedeuten 80 49 Einwohner 18 Einwohner 39 Einwohner

„Jahrsau. Das erste ist ein Schritt in der Zeitdas Jahr, der führt bis in die Ewigkeit. Das zweite ist ein nützlich Tier - die Sau, es ist des Bauernhofes Zier. Was rauskommt, ist ein Dörflein klein - Jahrsau, versteckt im tiefsten Eichenhain. Es liegt von Wies und Wald umgrenzt, wo Altmark an Hannover grenzt.“81 1952 1969 1970 1972

Aktion „Ungeziefer“: 3 von 4 Familien werden ausgewiesen Jahrsau ist freigezogen Beschluss zum Abriss des Ortes und der Kapelle Das letzte Haus fällt


Heute wie auch damals ist Jahrsau nur schwer auffindbar. Bevor Deutschland in Ost und West zerfällt und Jahrsau im Norden, Osten und Westen von der innerdeutschen Grenze eingeschlossen wird, führt nur eine Dorfstraße, aus Jeebel kommend, in den von Sümpfen umgebenen Ort. Die Errichtung der Grenzschutzanlage entlarvt das versteckte, von anderen Orten abgelegene Dorf Jahrsau. Im Halbkreis führt nun der Kolonnenweg um die Ortschaft. Jahrsau ist ab diesem Zeitpunkt umzingelt und einsehbar. Eine weitere Zufahrt schlägt von Norden wie ein Blitz in den Eichenhain, ohne Rücksicht auf bestehende Bebauung. 1989 erfährt das Schicksal des Abrisses wie zuvor bereits der Ortschaft Jahrsau folglich auch der Grenzbebauung.. Es wird wieder ruhig im Jahrsauer Sack. Heute lassen sich im Schutze des Eichenhains noch letzte Spuren der Ortschaft finden. Radfahrer, die auf dem Kolonnenweg dem ehemaligen Grenzverlauf folgen, können Reste von Häuserfundamenten und der ehemali-

gen Dorfstraße als „Jahrsau musste ein häßligeschichtliche Zeugnisse des geschleif- cher Fleck in ihrem sonst so ten Ortes Jahrsau perfekten Sicherungssystem entdecken. sein. Die Grenze buchtet sich Neben den Infor- um das Dorf nach Westen mationstafeln am Kolonnenweg und aus, es durchbrach die Einursprünglichen Dorf- heitlichkeit der verbotenen zugang hat jemand Zone .“ 84 begonnen den ehemaligen Dorfplatz freizulegen. Das Kopfsteinpflaster ist noch erkennbar. Namensschilder der damaligen Höfe rahmen den Platz. Vereinzelt sind in den Ruinen aufgespürte Gegenstände wie Flaschen oder Geschirr auf Mauerresten und dem Gedenkstein mit der Inschrift „Jahrsau“ gestapelt. Jahrsau ist nicht vergessen worden.

ebd. 84


Auch von der Aktion „Kornblume“ in 1961 bleibt Lankows Bevölkerung nicht verschont. Am frühen Morgen des 3. Oktober wird das Hab und Gut aller alteingesessenen Familien auf LKWs der Kampftruppe geladen.78

Die Grenzanlage, welche den Ort vom See trennte wurde 1989 vollends beseitigt. Als Schneise im dichten Uferbewuchs zeichnet sich der ehemalige Verlauf dennoch ab und bleibt auch heute wahrnehmbar.

Nachdem nahezu alle Bäume und einige Höfe im Ortsgebiet planiert sind, entscheidet sich die SED Regierung 1969 dazu, die restlichen, vom Westen aus zu sehenden Häuser einer Renovierung zu unterziehen. 1972 ist Lankow komplett freigezogen. Die bis zu diesem Zeitpunkt renovierten Höfe verlieren ihren Nutzen. Das letzte Gebäude fällt im Jahr 1976 und besiegelt Lankows absoluten Abriss im Zuge der Grenzsicherung.

Neben einem Gedenkstein, mitten im Heidebewuchs fallen sechs junge Linden ins Auge. Wo damals das Wohnhaus der Familie Clasen gestanden hat bildet jetzt eine Reihe von fünf Jungpflanzen die Hauptfassade „Aktionen wie das Pflanzen der Bebauung ab; dieser Bäume sind wichtig, der sechste Baum kennzeichnet das damit die Vergangenheit ehemalige Neben- nicht in Vergessenheit gegebäude. rät.“79

Die idyllische Lage des ehemaligen Ortes ist heute immer noch spürbar. Zwar rahmt das Ufer der Halbinsel kein Buchenwald mehr, dafür haben sich dichtstehende Birken die gerodete Fläche zu Eigen gemacht. Neben der veränderten Vegetation weisen vereinzelt Fundament- und Kellerfragmente auf die Schleifung des Ortes hin.

Der Ort wurde abgerissen und seine Bewohner wurden gezwungen ihre Heimat zu verlassen. Lankow lebt jedoch in den Erinnerungen an das ehemalige Dorf leben weiter.

ebd., S.76 77 ebd., S.76 78 Dr. Wagner, 79 Andreas, in: Schmidt, Michael: Linden für das verschwundene Dorf, Gardenbuch- Rehauer Zeitung ,03. November 2015


Billmuthausen 1340 1635 1836 1844 1852 1945

Erste urkundliche Erwähnung Beulenpest Bau des Gutshauses Kirche erhält neuen Turm 68 Einwohner Abriss Gutshaus Enteignung Ludloff

„Die Grenze zielte dem Dorf wie ein Dolch mitten ins Herz.“85

1946 1952 1961 1965 1973 1978

Bodenreform: Neusiedlerfamilien werden eingebürgert sieben der neun Umsiedlerfamilien fliehen Richtung Westen Aktion „Kornblume“ : zwei Familien werden zwangsausgesiedelt Abriss Dorfkirche Beschluss zum Abriss des Ortes Das letzte Haus fällt


Als landwirtschaftlich genutztes Rittergut wird Billmuthausen 1340 zum ersten Mal urkundlich erwähnt und bleibt bis zu den Enteignungsprozessen von Großgrundbesitzern ab 1945 ein solches. 1834 bricht für Billmuthausen mit dem Kauf des Gutes durch den Landkammer-Rath Rudolf Friedrich Ludloff eine neue Ära an. Nur zwei Jahre nach dem Kauf wird ein Gutshaus errichtet, 1844 erhält die Dorfkirche einen neuen Turm. „Bauten an der Grenze Bis 1860 folgt der begannen mehr und mehr Bau etlicher Wohnund vor allem WirtLand zu verschlingen.“89 schaftsgebäude, sodass Billmuthausen in landwirtschaftlichen Kreisen an Ansehen gewinnt. 86 Der zweite Einschnitt in der Geschichte des 85 Fuchs, Norbert Klaus: Ortes beginnt mit dem Ende des zweiten Billmuthausen: Das verurteilte Dorf, Berlin 2010, S. 45 Weltkriegs. Im Zuge der Bodenreform ab 86 vgl. ebd. , S. 42 1945 wird die Familie Ludloff enteignet, ver87 vgl. ebd. , S. 46 trieben und teilweise sogar ermordet. Der 88 vgl. ebd. , S. 47 Besitzneuverteilung folgen Eingriffe zur Ver89 ebd. , S. 49 staatlichung der Landwirtschaft. Dazu zäh-

len einerseits der Abriss des Gutshauses und Teilen der Wirtschaftsgebäude, aber auch das Errichten von neuen Höfen nach sowjetischem Vorbild.87 Mit der ab 1952 eingeführten „Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie“ werden die Veränderungen aufgrund der Grenzsicherung zum ersten Mal spürbar. Die Freizügigkeit der Bewohner des 500 m breiten Schutzstreifens wird massiv eingeschränkt. Die Aktion „Kornblume“ im Jahr 1961 führt zu Zwangsaussiedlungen zweier Familien. Ihre Häuser werden noch am gleichen Tag ausgeräumt.88 1965 wird die zuvor dem Verfall ausgesetzte Dorfkirche in einer nächtlichen Aktion dem Erdboden gleichgemacht und leitet folglich das Sterben des Ortes ein. Der angelegte Grenzstreifen beansprucht erhebliche Flächen sonst landwirtschaftlich genutzter Äcker, die Grenze rückt näher an das Dorf. Mit der Errichtung des Wachturms auf dem Finkenberg und der Verlegung des Signalzaunes mitten durch den Dorfkern wird Bill-


muthausen von der Grenze kontrolliert. Die Mühle, ein Hof und die Keller werden aufgrund des Signalzaunes vollständig vom Rest des Dorfes getrennt. Bis auf die Keller, welche jedoch nur noch unter militärischer Bewachung genutzt werden können, wird jede Bebauung jenseits des Zauns abgerissen. Die Schikane veranlasst Familie um Familie aus ihrer Heimat zu fliehen. Mit dem vollständigen Freizug wird der Abriss Billmuthausens bis zum 31. Oktober 1978 „zur Herstellung der Ordnung und Sauberkeit an der Staatsgrenze und zur Gewinnung von landwirtschaftlicher Nutzfläche“ von den Grenztruppen der DDR vollzogen. Neben dem Trafoturm, welcher aus strategischen Gründen verschont bleibt, besteht Billmuthausen ab 1978 nur noch aus einem Friedhof. Der Wachturm ist das Erste, was beim Nähern der ehemaligen Dorfstelle Billmuthausen ins Auge fällt. Auf dem Flinkenberg thronend, scheint er das ganze Tal zu beherrschen. Sein Pendant findet der Wachturm im Trafohäuschen. Inmitten des damaligen Dorfkerns stellt

der Trafoturm neben dem Friedhof und der Bodenwölbung eines ehemaligen Silos das letzte Zeugnis Billmuthausens dar.

„Und oben stand das nackte Transformationshäuschen wie ein riesiger Grabstein neben dem Friedhof.“90

Wachturm und Trafohaus werden restauriert, der Friedhof mit einer Kapelle und neuen Zaunabdeckungen versehen.Holzpavillon und Picknickbank zieren den ehemaligen Dorfplatz. Informationstafeln verweisen auf längst zerstörte Bebauung. Hier wird die Erinnerung an Vergangenes nicht dem Zufall überlassen. Beim Überqueren der Brücke auf die andere, früher vom Signalzaun separierte Seite des geschleiften Ortes kommen schließlich doch noch unkommentierte Spuren zum Vorschein. Erst beim genauen Hinschauen lassen sich die fast vollständig verschütteten Kellereingänge im Hang ausmachen. Die von der Landwirtschaft geprägte Vergangenheit ist für einen Moment wieder präsent.

ebd., S. 52 90


Ort als Form


Ballung Ort


Ballung Gutshof


Ballung Mühle


Räumlinge


» Wo keine Ruinen vor Augen stehen, wo Geschichte sich restlos in Natur aufgelöst hat, dort hat Erinnerung keinen Halt mehr… « Hartmut Böhme

Abwesenheit


Mühle


Kirche


Hรถfe


» Der Ort verschwindet niemals vollständig und der Nicht-Ort stellt sich niemals völlig her… « Marc Augé

Erinnerung


»Wir haben unsere Keller noch dort drüben gehabt, hinter der Brücke. Wir durften in der Woche einmal in den Keller gehen. Da sind die Grenzer gekommen, haben das Tor aufgeschlossen und haben uns neingelassen. die haben sich immer gefreut , wenn sie rein durften, die haben immer mal was von usn gekriegt. Wir hatten noch unsere Kartoffeln dort und Obst. «1 1

Zuber, Daniel: Billmuthausen, Leitenhausen und Erlebach: die geschleiften Dörfer im Heldburger Unterland 1945-1987,Billmuthausen 2009, S. 104

Keller


»Nur die Toten des Dorfes Billmuthausen hatten sich an der Erde festhalten können. Aber die würden die Totenstille an der Grenze nicht stören, im ganzen Tal würde Friedhofsruhe einkehren«2

2

Fuchs, Norbert Klaus: Billmuthausen: Das verurteilte Dorf, Berlin 2010, S. 54

Friedhof


»Und oben stand das nackte Transformationshäuschen wie ein riesiger Grabstein neben dem Friedhof«3

3

Fuchs, Norbert Klaus: Billmuthausen: Das verurteilte Dorf, Berlin 2010, S. 53

Trafoturm


»Ihr perfektes Grenzsystem wuchs aus den Wiesen und den Wäldern wie giftiges Unkraut«4

»Der graue Koloß von Turm [...] mit rotgetönten Scheiben [...]beobachtete sie wie ein Raubtier seine Beute«5 4

Fuchs, Norbert Klaus: Billmuthausen: Das verurteilte Dorf, Berlin 2010, S. 50

5

ebd., S. 51

Wachturm


» Ein Raum ist etwas Eingeräumtes, Freigegebenes, nämlich eine Grenze. Die Grenze ist nicht das, wobei etwas aufhört, sondern… jenes, von woher etwas sein Wesen beginnt… « Martin Heidegger

Grenzen


Raum 4


Signalzaun 1978


Raum 3


Signalzaun 1973


Raum 2


Demarkationslinie


Raum 1


Waldkante


Flussufer


Topographie


» Als Einheit existiert die Landschaft nur in meinem Bewusstsein. Es handelt sich nicht um eine Skulptur,[...], sondern um eine zufällige Sammlung ineinander geschachtelter topographischer Fragmente, deren Abstände beseitigt worden sind « André Corboz

Landschaft


Relief


Fluss


Wald


Tal


»Wo die Natur einen abgegrenzten Raum denken läßt, baut der Mensch eine Einfriedung; wo die Natur zentrumsorientiert erscheint, errichtet er ein Mal; wo die Natur eine Richtung hat, legt er einen Weg an. « Christian Norberg-Schulz

Siedlung


Wohnbebauung


Sonderbebauung


Haufenstruktur 1


Haufenstruktur 2


HaupterschlieĂ&#x;ung


NebenerschlieĂ&#x;ung


Kreuzung


Brücke


»Das Vollkommende wird aufgelöst. Dem Vorhandenen werden Schichten entnommen, gleichzeitig werden neue materielle und imaterielle Schichten hinzugefügt.Vorhandenes, Fehlendes, Neues durchdringen sich. « Hartmut Böhme

Überformung


1947


1952


1952


1973


1973


1978


1978


1989


2018


Schichtung


Ort


Grenze


Vegetation


Erinnerung


Spuren als Form


Ballung Ort


Räumlinge


Struktur


Grundriss


Fassade


Räumling


Typus


Raum Turm


Raum Pavallion


Raum Keller


Erinnerungslandschaft


Lankow

Jahrsau

Billmuthausen


Kulturlandschaften


Naturparks


Museen


WĂźstungen


Grenze als Form


Fläche

150.673 km2


Länge

1376 km


Lankow

Jahrsau

Billmuthausen


Grenze als Weg


Sperrgebiet


Bundesländer


Grenzübergänge


Kulturlandschaften


Naturparks


WĂźstungen


Grenzlandschaft


Lankow

Jahrsau

Billmuthausen


Schutzstreifen


Sperrgebiet


Grenzübergänge


WĂźstungen


Ort als Form


Tangente


Rahmen


Ring


Kern


» Das Gedächtnis braucht Orte, tendiert zur Verräumlichung.« Jan Assmann

Abwesenheit


Kapelle


 Denn während die Beziehung der Gegenwart zur Vergangenheit eine rein zeitliche, kontinuierliche ist, ist die des Gewesenen zum Jetzt dialektisch: ist nicht Verlauf sondern Bild [;] sprunghaft. - Nur dialektische Bilder sind echte Bilder, und der Ort, an dem man sie antrifft, ist die Sprache. Walter Benjamin

Erinnerung


1

Dr. Kürschner, Jörg: Zwangsausgesiedelt: was schert Bonner Bürokraten der Fall der Familie Pagels, in: Altmarkzeitung, 23.12.1995

Fundament

»Verborgen unter dichtem Gestrüpp liegen Reste von Fundamenten. «1


3

Dr. Kürschner, Jörg: Zwangsausgesiedelt: was schert Bonner Bürokraten der Fall der Familie Pagels, in: Altmarkzeitung, 23.12.1995

Ortsmitte

»Steine rechts und links der früheren Ortsmitte ermöglichen den seltenen Besuchern eine ungefähre Vorstellung von dem idylischen Dorfflecken«3


2

Dr. Kürschner, Jörg: Zwangsausgesiedelt: was schert Bonner Bürokraten der Fall der Familie Pagels, in: Altmarkzeitung, Weihnachten 1992-Nr.312-AZ

Dorfstraße

»Diese Straße führte über Pagels Hof. Rechts und links war der Hof von Pagels«2


4

Dr. Kürschner, Jörg: Zwangsausgesiedelt: was schert Bonner Bürokraten der Fall der Familie Pagels, in: Altmarkzeitung, Weihnachten 1992-Nr.312-AZ

Bodenbelag

»Wenn wir genau hinsehen, wo wir uns jetzt befinden, wird das Wohnhaus der Familie Pagels gestanden haben. Denn das ist noch Terazzo aus der Küche«4


Âť Der wahre Ort der Begegnung ist die Grenze. ÂŤ Paul Tillich

Grenzen


Raum 3


Signalzaun 1966


Raum 2


Demarkationslinie


Raum 1


Waldkante


Gräben


Topographie


» Die Landschaft, die ich betrachte, verschwindet, sobald ich die Augen schließe. Die Landschaft, die du vom gleichen Punkt aus betrachtest, unterscheidet sich von der, die ich sehe. « André Corboz

Landschaft


Relief


Fluss


Wald


Ebene


»Ein „Ort“ ist nichts Gegebenes, sondern ein Ergebnis einer Verdichtung. « André Corboz

Siedlung


Wohnbebauung


Sonderbebauung


Rundlingsstruktur


Eingangsstruktur


HaupterschlieĂ&#x;ung


NebenerschlieĂ&#x;ung


Dorfplatz


»Denn das Territorium umfasst viel mehr, als die Karte überhaupt zeigen kann; während die Karte doch nur bleibt was sie ist; nämlich eine Abstraktion. Ihr fehlt, was das Territorium vor allem charakterisiert: seine Ausdehnung, seine Dicke und die Tatsache, daß es sich ständig verändert... « Hartmut Böhme

Überformung


1945


1952


1952


1961


1961


1966


1966


1989


Schichtung


Ort


Grenze


Vegetation


Erinnerung


Spuren als Form


Tangente


Rahmen


Kern


Struktur


Grundriss


Fassade


Räumling


Typus


Fläche Straße


Fläche Platz


Fläche Fundament


Ort als Form


Fassaden


Ausrichtung Quer


Ausrichtung Längs


Streifen


Spange


Linie


» Anwesendes, das heißt uns Gegenwärtiges. Anwesen und Anwesenheit heißt: Gegenwart. Diese meint das Entgegenweilen. « Martin Heidegger

Abwesenheit


Hof Clasen


Hof Isemhagen


 Erinnerungsruinen: ich versuche mich an Einzelheiten von Orten, Häusern, Gesichtern zu erinnern, und es kommen, immer nur Ruinen zustande.  Peter Handke

Erinnerung


1

Heinlein, Anne; Gnaudschun, Göran: Wüstungen, Berlin 2017, S. 126

Sperrzaun See

»Wir gehen hier nicht baden, obwohl es s0 nett aussieht. Keiner weiß, was da noch im Wasser ist. «1


2

Hans Clasen, 02.05.2018

Telefonat

:

Linden

»Früher standen fünf Linden vor unserem Haus. Als Erinnerung haben dort fünf Neue gepflanzt. Und eine Kastanie stand auf dem Hof. Wir hatten aber keine Kastanie, da haben wir einfach noch eine Linde gepflanzt«2


3

Hesse, Janet: Befriedet: Vergessene Orte an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, Hamburg 2009, S. k.a.

Fliesen

ÂťDie roten Fliesen auf dem Boden. Das ist unser! [...] Das haben mein Mann und mein Schwager gepflastert. Hier stand unser Haus und hier war dann der Stall, und nach da hinten ging der Garten...ÂŤ3


Âť Jede Einfriedung wird durch eine Grenze bestimmt. ÂŤ Christian Norberg-Schulz

Grenzen


Raum 4


Signalzaun 1976


Raum 3


Grenzzaun 1961


Raum 2


Demarkationslinie


Raum 1


Waldkante


See


Topographie


» Die Landschaft als Topographie der Erinnerung erweist sich als ein offenes Feld, ein Labyrinth, strukturiert durch ein zunehmend komplexer und vielschichtiger werdenes Netz von Wegen und Kreuzungen. Der Einzelne gibt diesem Netzwerk Gestalt, indem er in ihm als Nomade, Spurensucher und Pfad-Finder unterwegs ist.So orientiert er sich in Raum und Zeit. « Jörg Huber

Landschaft


Relief


Fluss


Wald


Seebecken


Wohnbebauung


Sonderbebauung


Trichterstruktur


Einzelhofstruktur


HaupterschlieĂ&#x;ung


NebenerschlieĂ&#x;ung


Trichter


»... Erinnerungsorte sind zersprengte Fragmente eines verlorenen oder zerstörten Lebenszusammenhangs. [...] Die Kontinuität, die durch Eroberung, Verlust und Vergessen zerstört worden ist, kann nicht nachträglich wieder hergestellt werden, aber es kann im Medium der Erinnerung an sie angeknüpft werden. « Aleida Assmann

Überformung


1945


1952


1952


1961


1961


1972


1976


1989


Schichtung


Ort


Grenze


Vegetation


Erinnerung


Spuren als Form


Fassaden


Ausrichtung Quer


Ausrichtung Längs


Spange


Linie


Struktur


Grundriss


Fassade


Räumling


Typus


Linie Weg


Linie Schneise


Linie Reihe


Schichten


Nachwort

Im Prozess des Begreifens und Erinnerns der geschleiften Ortschaften bildete die Erkenntnis, dass Erinnerung niemals als Ganzes sondern nur in Fragmenten greifbar gemacht werden kann, die Grundlage der Schichten. Diese Analyse kennzeichnet eine in Schichten strukturierte Darstellung vom Kontext der Orte, also der Grenze, den Merkmalen der Orte selbst und ihrer Spuren, als letzte physische Überreste. Die Schichten ermöglichen es, einzelne Wesensmerkmale und Strukturen aus differenzierten Blickwinkeln zu betrachten und die topographische, zeitliche und soziale Mehrdeutigkeit in einzelnen Layern zu begreifen.

34

91 Benjamin, Walter: Das Passagen-Werk: erster Band, Frankfurt a.M. 1983, S. 574

Walter Benjamin setzt in seinen Arbeiten auf die surrealistische Montage von Textpassagen um in diesen vor Allem die fragmentale Struktur des Erinnerns auszudrücken. Er kontrastiert das Gewohnte, Alltägliche mit den aufgesammelten „Lumpen“ und schafft in dieser sich widersetzenden Anordnung der Einzelteile eine Neuordnung, die dem Einzelnen eine die eigene Existenz übersteigende Bedeutung zukommen lässt. Mit dem Montieren distanziert sich Benjamin von der konventionellen, stringent vorgetragenen Vermittlung von Gewesenem. Vielmehr entwickelt er ein mehrdeutiges Erinnerungsgeflecht, indem gegensätzliche Einflüsse fragmental begriffen und nachvollzogen werden. Fragmente des Gewesenen stellen im Schaffen von Erinnerungsorten die Grundlage einer Neuverortung dar. Nur in Einzelteilen lassen sich kulturelle Inhalte vor dem Vergessen bewahren. Erinnerung von Orten braucht neben dem sich erinnernden Subjekt auch die Materie, an welche sie sich haften kann. Die Materie in Form von Spuren und Relikten kennzeichnet in den geschleiften Orten bis jetzt einen Verlust von Strukturen. Sie betont die Entortung und die verlorene Identität. Indem Spuren und Relikte neu zusammengestellt, in einen neuen Zusammenhang und mit der Gegenwart in Beziehung gesetzt werden, erhalten sie eine über ihre bloße Anwesenheit hinaus gehende Bedeutung. Die Montage negiert konventionelle, stringent vorgetragene Erzählungen. Vielmehr bildet sich ein vielschichtiges Gewebe ab, in welchem gegensätzliche Einflüsse sichtbar werden. Durch die Montage findet ein Bilden von momentanen, kontinuierlichen, neu entstehenden Gedächtnisorten statt.


„Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen. Ich werde nicht Wertvolles entwenden und mir keine geistvollen Formulierungen aneignen. Aber die Lumpen, den Abfall: die will ich nicht inventarisieren sondern sie auf die einzig mĂśgliche Weise zu ihrem Rechte kommen lassen: sie verwenden.“91

35


Montage Die Montage, auch bekannt unter den similären Begriffen Collage oder Bricolage, verkörpert seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine weit verbreitete Technik und beliebte Ausdrucksform in Kunst, Architektur und Literatur. Der Methodik des Montierens liegt eine avantgardistische Reaktion auf die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts zugrunde. Realitäts- und Lebenszusammenhänge werden zunehmend undurchsichtiger. Die industrialisierte Welt lässt sich in ihrer Totalität nicht mehr fassen und der Versuch ihrer mimetischen Abbildung wird somit unmöglich. Realität ist nur noch in Bruchstücken zu begreifen.92

„Die gegenwärtige Welt scheint als anschauliche Totalität nicht mehr darstellbar. Die überkommenen mimetischen Verfahren erscheinen angesichts dieser Realität obsolet. Mit der Montage wird – bewusst oder unbewusst – versucht, dem Rechnung zu tragen.“93

36

92 vgl. Roeder, Franziska: „Begriff und Prinzip der Collage/ Montage in der bildenden Kunst - Peter Bürgers Montage-Begriff und dessen Kritisieren und Erweiterung durch Annegret Jürgens-Kirchhoff“, Berlin 2010, S. 4 Annegret: 93 Jürgens-Kirchhoff, Technik und Tendenz der Montage in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts. Ein Essay, 2. Aufl., Gießen 1984, S. 8 94 vgl. Roeder, Franziska: „Begriff und Prinzip der Collage/ Montage in der bildenden Kunst - Peter Bürgers Montage-Begriff und dessen Kritisieren und Erweiterung durch Annegret Jürgens-Kirchhoff“, Berlin 2010, S. 9

Mittels der Montage bricht die Avantgarde mit dem mimetischen Bildverständnis des komplettierten, homogenen, dauerhaften Gesamtwerks. Ihren Ursprung findet die Montage in Picassos und Braques kubistischer Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Besteht das Bestreben der Künstler im analytischen Kubismus zunächst darin, Objekte auf ihr geometrisches Wesen zu reduzieren und eine Gleichzeitigkeit aller Ansichten auf das Objekt zu erzeugen, so integrieren Picasso und Braque im synthetischen Kubismus Fragmente vorhandener Materialien durch das Einkleben in ihre Bilden. Die so geschaffenen papiers collés, geklebten Papiere, schaffen Beziehungen zwischen fragmental eingefügtem Material und dem Bild. Die Integration der Fragmente findet allerdings niemals vollständig statt, Brüche und Übergänge bleiben ablesbar. Die Werke verweigern sich der Totalität und verkörpern eine richtungsweisende Abwendung von der mimetischen Abbildung, hin zum autarken Bild- und Realitätsverständnis.94 In den Kunst- und Architekturströmungen Dadaismus, Konstruktivismus, Surrealismus, Moderne, Postmoderne und Dekonstruktivismus


findet der Gedanke von Überlagerung und Gegenüberstellung konträrer Inhalten seinen Fortlauf.95

„Das montierte Werk weist darauf hin, dass es aus Realitätsfragmenten zusammengesetzt ist, es durchbricht den Schein der Totalität.“96 Peter Bürger belegt in seinem Buch „Theorie der Avantgarde“ die Methode der Montage mit dem Begriff des „nicht organischen Objektes“, welches ein Paradoxon zum ganzheitlich geschlossenen, von ihm betitelten „organischen Werk“ darstellt.97 Die Montage entzieht sich demnach dem Anspruch der formierten Einheitlichkeit. Einzelteile lösen sich aus dem reinen Verweis auf Vollständigkeit. Sie erhalten sowohl in ihrem fragmentalen Dasein als auch in ihrer Relation zu anderen Fragmenten eine größere Bedeutung und können laut Bürger losgelöst vom Gesamtwerk als Einzelteil oder als Gruppe von Teilen verstanden und gelesen werden. Mit der Definition des „nicht organischen Werks“ stützt Bürger sich auf Walter Benjamins Allegorie-Begriff, in welchem sich viele Parallelen zur Methodik des Montierens finden lassen.

„Der Allegoriker reißt ein Element aus der Totalität des Lebenszusammenhangs heraus. Er isoliert es, beraubt es seiner Funktion. Die Allegorie ist daher wesenhaft Bruchstück.“98 Im ersten Schritt werden Fragmente aus ihrem bisherigen Kontext gelöst und ihrer eigentlichen Funktion entbunden.

„Der Allegoriker fügt die so isolierten Realitätsfragmente zusammen und stiftet dadurch Sinn. Dieser ist gesetzter Sinn. Er ergibt sich nicht aus dem ursprünglichen Kontext der Fragmente.“99

Diese Neuanordnung der verschiedenen, aus ihrem bisherigen Kontext gelösten Fragmente zu einem neu zusammengesetzten Werk stellt den Prozess über den eigentlichen Inhalt und erzeugt eine mehrdimensionale Struktur mit verschiedenen Bedeutungsebenen. Eine Ebene verkörpert das Fragment selbst, seine eigene Identität und ursprüng¬liche Bedeutung. Mittels einer Loslösung aus dem bisherigen Kontext wird den einzelnen Teilen ihr eigentlicher Sinn genommen, bevor sie in einen neuen Kontext gesetzt werden und zu einer divergenten Aussage und Gültigkeit gelangen. Das in Beziehung setzen der Einzelteile stellt damit eine zusätzliche Bedeutungsebene der Montage dar. Letztlich bildet die Verbindung der einzelnen Fragmente zum neuen Gesamtgefüge eine weitere Aussage.100 Die Mehrdeutigkeit liegt folglich in der Emanzipation des Einzelnen von dem übergeordneten Ganzen und der gleichzeitigen Notwendigkeit ihrer Zusammenfügung um zu einer neuen Identität zu finden. In der Negation der Synthesis wird die Montage zu einem vorübergehenden Konstrukt, zu einem paradigmatischen, nicht abgeschlossenen Zustand.101 Die nicht lineare Struktur des montierten Werks öffnet sich durch ihre unvollständige, nicht einheitliche Wiedergabe von Inhalten für differenzierte Betrachtungsweisen. Inhalte werden über einzelne, sich immer wieder neu zusammensetzende Eindrücke vermittelt. Montage kann also nie einen abgeschlossen Zustand erreichen, sie bleibt stets in Bewegung. Neben der Mehrdeutigkeit ihrer Struktur birgt die Methode des Montierens außerdem eine zweideutige Intension. So kann das neu zusammengesetzte Werk in einer Komposition der Einzelteile als neue Einheit verstanden werden. Eine Komposition bedeutet die Zuordnung des einzelnen Fragments in eine oder mehrere Systeme von Fragmenten, welche in Beziehung stehen und erst in dieser ihren Sinn preisgeben. Komposition kann keine kontinuierliche Kontinuität hervorbringen. In verschiedenen Zeitspannen wird dem Geflecht von Fragmenten Schicht um Schicht hinzugefügt. Hier wird die Montage zum Palimpsest. Das Fragmentieren zelebriert hingegen die Brüche zwischen den Teilen, lässt sie auseinanderstreben und stärkt ihre Trennung voneinander.102

37 vgl. Himmelreich, Jørg: Edito- 95 rial, in: archithese: Bri-Collagen 3.2017, S. 3 vgl. Bürger, Peter: Theorie der 96 Avantgarde, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1992, S. 93f. vgl.Roeder,Franziska;2010,S.13 97 Bürger, Peter, 1992, S. 93f.

98

ebd., S. 94

99


Transparenz

100 vgl. Shields, Jennifer A. E. : Collage and Architecture, New York 2014, S. 2

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101 vgl. Baltzer, Nanni; Stierli, Martino: before publication: Montage in Art, architecture and book design, Zürich 2016, S. 5 102 vgl. Himmelreich, Jørg, 3.2017, S. 3 103 vgl. Rowe, Colin; Sklutzky, Robert: Transparenz, Basel Boston Berlin, 1997, S. 7f. 104 vgl. ebd., S. 11 105 vgl. ebd. S. 10 106 vgl. ebd. S. 13 107 vgl. ebd. S. 21 108 vgl. ebd. S. 26

Colin Rowe und Robert Slutzky arbeiten in ihrem Werk „Transparenz“ den Begriff der Transparenz als methodische, pragmatische Arbeitsmethode aus und schaffen so eine Möglichkeit, das Montieren als gestalterisches Entwurfsmittel in der Architektur greifbar zu machen.103 In der Definition des Transparenzbegriffes unterscheiden Rowe und Slutzky zwischen der wirklichen, buchstäblichen Transparenz und der scheinbaren Transparenz, also einer Transparenz im übertragenden Sinne. Hierbei steht die buchstäbliche Transparenz für die dem Material innewohnende Eigenschaft der Durchlässigkeit wohingegen die Transparenz im übertragenden Sinne für die der Organisation innewohnende Eigenschaft steht.104 Dem Transparenzbegriff wird neben seiner physischen Bedeutung zudem eine universelle, räumliche Ordnung zugeschrieben in welcher das Vollkommene nicht mehr lesbar ist, Figuren sich wechselseitig durchdringen und so die Wahrnehmung differenzierter, räumlicher Lagen eröffnen.105 Wie bereits beschrieben, liegt der Ursprung der Montage in der kubistischen Malerei. Frontalität, Unterdrückung der Tiefe, Verflechtung und Überschneidung verschiedener Koordinatensysteme sowie das Zerlegen und erneute Zusammenfügen von Fragmenten kennzeichnen das ambivalente Motiv dieser Kunstform.106 Rowe und Slutzky beziehen sich bei der Definition von Transparenz ebenfalls auf den Kubismus und erklären an Werken von Delaunay, Picasso, Braque und Gris ihre Denkansätze. Während sich Delaunay und Picasso die physische Transparenz in Form von Material und Licht zu eigen machen um Mehrdimensionalität zu erzeugen, nutzen Braque und Gris die scheinbare Transparenz, die Struktur der Form und schaffen durch ein gewebtes Netz aus Linien und Diagonalen eine räumliche Vielschichtigkeit.107 Eine Anwendung des Transparenzbegriffes in der Architektur und damit in der dritten Dimension geschieht über das Konzept der räumlichen Schichtung, welche sich in einer Divergenz von der Realität des tiefen Raumes und der Andeutung des untiefen Raumes ausdrückt.108 In seinem Kommentar zum Buch „Transparenz“ knüpft Bernhard Höesli an die vorherigen Gedanken an und weist dem Transparenzbegriff die Möglichkeit zu, konkrete Funktionen als Betrachtungs- und Entwurfswerkzeug zu.


„Transparenz entsteht immer dort, wo es im Raum Stellen gibt, die zwei oder mehreren Bezugssystemen zugeordnet werden können.“109 Als Werkzeug der Betrachtung ermöglicht der Transparenzbegriff ein Verstehen und Werten von räumlicher Schichtung. Die Lage der Formen im Raum ist aufgrund ihrer nicht eindeutigen Fixierung vielschichtig. Dieser unpräzise Zustand eröffnet vielfältige Deutungsmöglichkeiten von Formbeziehungen und differenzierte Belegungstypen von Nutzungen. Mit dem Verstehen der Polarität zwischen der Wirklichkeit des tiefen Raumes und der Andeutung des untiefen Raumes, wird es dem Betrachter möglich, sich im Bezug zum Einen oder Anderen zu sehen und Formen uneinheitlich zu deuten und in Systemen zu begreifen.110 Der Transparenzbegriff eröffnet einerseits die individuelle Erschließungsmöglichkeit des montierten Formengeflechts im Raum, sowie die Aufteilung der komplettierten Ordnung in ein sich überlagerndes, wechselseitig durchdringendes Bezugssystem.Transparenz verstehen befähigt räumliche Strukturen polysem zu lesen. In der konkreten Entwurfsarbeit dient die Transparenz als Werkzeug der Ordnung. In beziehungsreichen Strukturen und Zuordnungsmöglichkeiten von Straßennetzen, Raumachsen und Bauteilen findet die Systematik reale Anwendung. Ebenso lässt sich das Ordnungskonstrukt der Transparenz auf Volumen und Raumgrenzen beziehen. Findet eine Deutungsüberschneidung von Innen- und Außenraum statt, sind Raumgrenzen nicht weiter klar zu fassen. Der Raum beginnt zu fließen. Vergleichbar ist dies mit Räumen, welche sich ein Luftvolumen teilen. Auch hier löst sich eine klare Separation und Zuweisung auf. Die Räume lassen sich nur in Beziehung lesen. Mehrdeutige Raumbeziehungen entstehen.111 Das Montieren wird in der Methode des Erinnerns von geschleiften Orten zum Entwurfswerkzeug. Die einzelnen zuvor dargelegten Schichten erfahren eine Neustrukturierung mit dem Ziel ein Nebeneinander von Geschichte und mannigfaltigen Formen des Erinnerns herbeizuführen. Differenzierte und teilweise konträrere Ereignisse der Vergangenheit gehen in Beziehung mit der Gegenwart und werden so in dieser verortet.

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ebd. S.49 109 vgl. ebd. S. 48 110 vgl. ebd. S. 58 111


Master Thesis Teil 2 | Theresa Tacke  
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