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#9 / MÄRZ 2013

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CHF 20 / EUR 15

REPORTAGEN BORIS NIEHAUS

CLAAS RELOTIUS

Briefe aus Der Mörder als Pfleger Aleppo Ein Berliner Fotograf fährt aus Neugierde nach Syrien in den Bürgerkrieg. Fünf Tage im Chaos. S.12 MICHAEL GLEICH

Drei Frauen in Xi’an arbeiten als Taxifahrerinnen. Die Hoffnung auf ein besseres Leben fährt mit. S.28

Was passiert mit dementen Häftlingen? Ein amerikanisches Gefängnis geht neue Wege. S.62 AMIR HASSAN CHEHELTAN

Ehefrau für eine Stunde Prostitution gibt es in Iran offiziell nicht. Die Nachfrage danach schon. S.76 CHRISTOF GERTSCH

Im Kanal Marseille URS MANNHART

baut um Starbucks, Louis Vuitton und Co. verdrängen die Bewohner aus dem Zentrum von Europas Kulturhauptstadt 2013. S.46

Chips und Bier waren sein Leben, heute ist es das Wasser: Bruno schwimmt im Ärmelkanal. S.92 DIE HISTORISCHE REPORTAGE:

HALLELUJA! NIKLAUS MEIENBERG

S.109


N

England S. 92

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Schweiz S. 109

Iran S. 76

USA S. 62

ÖSTLICHE HEMISPHÄRE NORDPOL

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KOORDINATEN DER ERDOBERFLÄCHE NORD 90° 80

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WEST westl. Länge 90° östl. L 270°

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S.Pz. SÜD AE Äquator — W.d.K. Wendekreis des Krebses — W.d.St. Wendekreis des Steinbocks — N.Pz. — S.Pz. Nördl. w. Südl. Polarkreis —

Syrien S. 12 Marseille S. 46

China S. 28

Ausgabe #1 #2 #3 #4 #5 #6 #7 #8

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EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser Frauen lesen mehr. Dies jedenfalls versichert man mir in meiner Lieblingsbuchhandlung, bei der ich mich regelmässig mit dicken Wälzern eindecke, um durchs Eintauchen in andere Welten mein Leben zu versüssen. Eine Qualität, mit der Reportagen ja durchaus auch aufzuwarten vermag. Aber was sehe ich da, als ich kürzlich im Büro einen Blick auf unsere Statistik werfe? Fast zwei Drittel unserer Abonnenten sind Männer! Da tut das starke Geschlecht immer so sachlich und rümp" die Nase, wenn ich in meiner gegenwärtigen Romanwelt lebe – und dann so was. Mit Verlaub, liebe Kolleginnen, liebe Leserinnen: Reportagen ist unsere Domäne! Das Format passt in fast jede Handtasche, die verschiedenen Farben animieren den Tag, und der Leineneinband riecht nach Geheimtipp der Belletristik, verspricht schon nach der ersten Berührung Spannung und Intrigen. Die Geschichten im Magazin sind kleine Novellen, würzige Anekdoten zum Weiterreichen, die es uns Frauen zudem ermöglichen, dem Trott kurz zu entfliehen – in der vorliegenden Nummer zum Beispiel nach Teheran. Von dort erzählt Amir Hassan Cheheltan über Ein-StundenEhefrauen – direkt aus seinem Wohnzimmer. Reportagen bricht Sachthemen wie Alzheimer auf eindringliche Erzählungen herunter, wie jene von Claas Relotius aus einem kalifornischen Hochsicherheitstrakt, wo Mörder zu Pflegern ihrer erkrankten Mitinsassen werden. Wenig romantische Themen wie die Städteplanung in der südfranzösischen Metropole Marseille werden dank verführerischer Sprache und detailreichen Beschreibungen zu literarischen Trouvaillen, fernab der Tagesberichterstattung. Reportagen holt Ihnen auch das Leben anderer Frauen in die Stube: Standhafte Winterkirsche, Liebe Chrysantheme und Rote Verteidigung heissen die drei Taxifahrerinnen aus der chinesischen Kaiserstadt Xi'an, denen Michael Gleich gefolgt ist. Und dass ein Tritt im richtigen Moment in den Allerwertesten unseres Partners kleine Wunder bewirken kann, zeigt das Beispiel des Schwimmers Bruno Baumgartner in «Im Kanal». Sie sehen: Reale Welten und ungeschminkte Wahrheiten wie der aufwühlende Bericht des Berliner Fotografen Boris Neuhaus aus der umkämp"en Stadt Aleppo halten längst so viel Faszination bereit, wie es erfundene Stoffe in dicken Wälzern tun. Ich wünsche spannendes Eintauchen in andere Welten. Rocío Puntas Bernet, Redaktion

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#9 ÜBERSICHT

graphen beschrieb, hat uns Syrien erstmals erleben lassen. Um auch unseren Lesern dies zu ermöglichen, haben wir uns entschlossen, diese Augenzeugenberichte zu publizieren. 28 WIRTSCHAFT

12 REVOLUTION

Briefe aus Aleppo Obwohl uns aus Syrien andauernd Lagebeurteilungen von Experten, Frontbilder von Kriegsfotografen, Handycam-Aufnahmen der Kriegsparteien erreichen – al-Jazira bietet einen eingebetteten Web-Live-Ticker – hatten wir bei Reportagen nie das Gefühl, dass uns diese Übermedialisierung dem Leben im Bürgerkrieg wirklich näherbringt. Dann erreichten uns die «Briefe aus Aleppo» des 30-jährigen Just. Just, das ist der Fotograf Boris Niehaus, der sich über die letzten zehn Jahre einen Namen damit gemacht hat, die Entstehung der Berliner Street-Art zu dokumentieren. Sein Wille, das Unzugängliche zu erleben und zu dokumentieren, trieb ihn Ende Dezember, mit nur einer Woche Vorbereitung, nach Syrien. Niehaus ist weder Syrien-Experte noch professioneller Schreiber, sondern einfach fasziniert vom arabischen Frühling. Man könnte seine Reise für Katastrophen-Tourismus halten, an die euphorischen Schweizer Freiwilligen im spanischen Bürgerkrieg denken und diesen Drang verdammen. Doch die sehr persönlichen Briefe, die Niehaus in Aleppo verfasste und an die befreundeten Betreiber des «Nerdcore»-Blogs sandte: Was Niehaus in Aleppo mit dem Augen eines den entscheidenden Moment suchenden Foto5

Chinesisch für «Taxifahrerinnen von Xi'an» Liebe Chrysantheme, Standhafte Winterkirsche und Rote Verteidigung heissen die drei Protagonistinnen unserer China-Reportage. Obwohl sie sich nicht kennen, verbindet sie die Tatsache, dass sie sich als selbständige Taxifahrerinnen in der Volksrepublik durchschlagen. Mehr schlecht als recht, so scheint es, aber doch mit erhobenem Kopf und dem unbeugsamen Willen, ihre Zukun" unter veränderten Bedingungen der sozialistischen Marktwirtscha" zu gestalten. Der Buchautor («Drache auf tönernen Füssen») und Journalist Michael Gleich, der 1988 mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet wurde, erinnert sich: «Als ich für mein China-Buch recherchierte, erzählte mir mein Dolmetscher, der ursprünglich aus Xi'an stammt, von den drei Frauen. Ich habe ihn damals in seine Heimatstadt begleitet und die drei Taxifahrerinnen kennengelernt. Wir kamen überein, dass ich eine Reportage über die drei schreibe, aber dann fand das Thema in dem Buch keinen Platz – und Reportagen gab es damals ja leider noch nicht. Was mich an den Taxischwestern nachhaltig beeindruckte, war die Härte des Alltags, die Offenheit, in der die Frauen ihr Leben und ihren Alltag schilderten und die Wut auf die Behörden und Autoritäten, die zum Ausdruck kam. Es war eine Wut, die sich nicht auf einen Aspekt bezog, sondern auf fast alle Bereiche ihres Lebens.»


ÜBERSICHT 46 METROPOLEN

Marseille baut um Die Hafenstadt Marseille ist geprägt von Kriminalität, Deindustrialisierung und Arbeitslosigkeit. Im Projekt «Euroméditerranée» soll Marseille nun mit städtebaulichen Massnahmen vor dem Untergang gerettet werden. «J'ai rêvé de Marseille», der Slogan einer Immobilienfirma, soll sich in der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas in einem Denkmal der Urbanität manifestieren.

Urs Mannhart sprach mit den Menschen hinter diesem Traum – und auch mit denjenigen, für die er ein wahrgewordener Alptraum ist. «Aufmerksam auf Marseille wurde ich schon vor Jahren, als ich die in Zürich wohnha"e, immer wieder ihre Heimat Marseille aufsuchende Fotografin Stéphanie Couson kennengelernt habe. Schon im Jahre 2007 hatten wir im Sinn, gemeinsam nach Marseille zu reisen, entschieden uns dann aber, weil ich das unbedingt wollte, für Rumänien. Als ich vor einigen Monaten erfahren habe, dass Marseille Kulturhauptstadt wird, habe ich das rasch als Aufforderung verstanden, mein Versprechen ihr gegenüber, auch gemeinsam über Marseille etwas zu machen, einzulösen.» 62 DEMENZ

Der Mörder als Pfleger Unsere Gesellscha" wird immer älter: Diese Entwicklung macht auch vor Hochsicherheitstrakten in US-amerikanischen Gefängnissen nicht halt. Gleichzeitig steigt bei 6

höherem Alter das Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Was geschieht nun mit jemandem, der bis zu seinem Tod hinter Gittern sitzen muss, in den letzten Lebensjahren aber mehr und mehr von sich selbst vergisst? Der 27-jährige Hamburger Journalist Claas Relotius hat mit seiner Grossmutter, die vor Jahren an Demenz erkrankte, einen persönlichen Bezug zur Thematik und dur"e das berüchtigte Hochsicherheitsgefängnis California Men's Colony besuchen, wo man neue Wege beschreitet, indem Mitgefangene zu Altenpflegern ausgebildet werden. «Auf die Gefängnisanstalt und die Gold Coats bin ich dann durch den Tipp des «New York Times»Fotografen Todd Heisler aufmerksam geworden, der ein Jahr zuvor eine Fotoserie über das Leben dort erstellt hatte», sagt Relotius. Die Gold Coats, ebenfalls zu lebenslanger Ha" verurteilte Delinquenten, kümmern sich hier um ihre Mitgefangenen. Relotius dur"e den Mörder Lazard Pretorius und seinen 74-jährigen Schützling Mr. Montgomery begleiten. Und stiess dabei an einen Ort, wo eigentlich das Recht des Stärkeren regiert, auf ein unerwartetes Stück Menschlichkeit. 76 MENSCHEN

Ehefrau für eine Stunde Wieder nimmt uns Amir Hassan Cheheltan mit auf eine Reise durch den Mikrokosmos eines Teheraner Mietshauses, anhand dessen er uns die iranische Gesellschaft erklärt. Und wie in der von unseren Leserinnen und Lesern zum eigentlichen Lieblingstext 2012 gewählten «Scharia Hotline» (Reportagen #6) ist seine Ehefrau Shahla nicht nur mit von der Partie, sondern eigentliche Schlüsselfigur in dieser Geschichte, in der es um die Zeitehe geht, eine von der Scharia tolerierten


ÜBERSICHT

Form der ansonsten streng verbotenen Prostitution, bei der sich die «Eheleute» während einem frei zu wählenden Zeitraum vermählen. Und wie dort schafft es Cheheltan, die Doppelmoral seiner Landsleute mit viel Humor zu kritisieren, ohne zu verletzen. Cheheltan nutzt die Augen und Ohren seiner Frau geschickt, um in Bereiche der iranischen Gesellscha" vorzudringen, die ihm als Mann verschlossen sind, und erfährt dabei nicht nur angenehme Dinge über seine Geschlechtsgenossen. Wir dürfen, sozusagen vom Nebenzimmer aus, versteckt unter einem blickdichten Schleier, dabeisein, wenn eine iranische Prostituierte – pardon: Ehefrau auf Zeit – ungeniert aus dem Nähkästchen plaudert. 92 SPORT

Im Kanal Die Durchschwimmung des Ärmelkanals gilt bei Langstreckenschwimmern noch immer als das Nonplusultra: Dies dokumentieren fast tausend erfolgreiche Querungen, aber auch die vielen Tausend abgebrochenen Versuche. Nur wer sich physisch und mental optimal vorbereitet, kann Hoffnung tragen, das andere Ufer zu erreichen. Und dann ist da auch noch das unberechenbare Wetter zwischen England und Frankreich, das kalte Wasser – und der Kampf des Schwimmers gegen sich selbst. Der NZZ-Journalist Christof Gertsch ist selbst jemand mit Schwimmhäuten an den Händen: laut eigenen Angaben wurde er im 25Meter-Becken sozialisiert und war während langer Zeit Leistungssportler. Auf Bruno Baumgartner stiess er durch einen Zeitungsartikel. Obwohl Gertsch ein ambivalentes Verhältnis zu Extremsportlern hat, faszinierte ihn Baumgartner von Anfang an: «Bei ihm spüre ich ein tiefes inneres Bedürfnis, seine Flatterha"igkeit zu besiegen. Für ihn hat

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das Schwimmen eine grosse persönliche Bedeutung. Und sein Projekt hat meine alte Lust am Schwimmen wieder geweckt.» Was bringt nun einen übergewichtigen, gutsituierten Informatiker aus dem Berner Oberland dazu, Chips und Bier stehen zu lassen und sich einer der grössten menschlichen Herausforderungen zu stellen? Christof Gertsch traf Bruno Baumgartner in Dover, wo sie das lokale Pub-Angebot testeten, auf gutes Wetter warteten und sich aufmachten, den Kanal zu besiegen. 109 RELIGION

Halleluja! Es gab vor ihm kaum und auch heute noch keinen Grösseren: Niklaus Meienberg, der Denker, der angriffige, der o" bösartige, meist hintergründige, der immer engagierte Prototyp des investigativen Journalisten, der vor allem grossartige Prosa produzierte und der bei aller Ernstha"igkeit auch den Humor nie vergass. Ganze Generationen von Nachwuchs-Journalisten haben sich an ihm gemessen, Verleger und Politiker haben sich an ihm gerieben. Nicht nur die Schweiz, sondern die gesamte deutschsprachige Medienwelt hat mit ihm eine starke, unbestechliche Stimme und einen unglaublich schwierigen und unglaublich wertvollen Menschen verloren.

Würde Meienberg heute noch leben, er hätte mit seiner meisterha"en Kombination von Literatur und Journalismus seinen Platz in Reportagen auf sicher. Stellvertretend dafür, was hätte sein können, bringen wir deshalb im zwanzigsten Jahr nach seinem Suizid den Text «O wê, der babest ist ze junc Hilf, herre, diner Kristenheit», erschienen 2000 im Band «Reportagen», als die Historische


ÜBERSICHT

IMPRESSUM

Reportage dieser Ausgabe. Sein Sprachwitz, seine breite Allgemeinbildung und sein Engagement verbinden sich in diesem Text zu einer höchst amüsanten Abrechnung mit dem Papsttum. Meienbergs Ruf als streitlustigem Bürgerschreck mit spitzer Feder und ohne jeden Respekt vor sogenannten Autoritäten wird dieser Text in jedem Fall gerecht.

VERLAG Puntas Reportagen AG GESCHÄFTSSITZ Zumikerstrasse 16a, 8702 Zollikon REDAKTION Reportagen, Käfiggässchen 10, 3011 Bern, T +41 31 981 11 14, redaktion@reportagen.com

120 KEINE GESCHICHTE

Ein Berner Zahnarzt-Ehepaar, ein koreanischer Diktator und eine wundersame Verjüngung: Daniel B. Peterlunger wollte mehr wissen. 122 AUTOR IM GESPRÄCH

Claas Relotius erzählt im Gespräch mit Redaktionskollegin Andrea Jansen Hintergründe zu seiner Reportage (Seite 62). 126 DAS OBJEKT

Zum Start unserer neuen Kolumne, in der jeweils ein Objekt aus dem Landesmuseum Zürich Gegenstand einer Reportage wird, spürt Urs Mannhart der Geschichte zweier Steinschlosspistolen nach. 129 DAS BUCH 133 CLAUDIO CALABRESE

CHEFREDAKTOR Daniel Puntas Bernet daniel.puntas@reportagen.com REDAKTION Claude Fankhauser, Andrea Jansen, Daniel B. Peterlunger, Rocío Puntas Bernet, Hannes Grassegger (Redaktionsleiter Deutschland) (vorname.nachname@reportagen.com) ART DIRECTION UND GESTALTUNG Moiré: Marc Kappeler, Markus Reichenbach, Ruth Amstutz, www.moire.ch, grafik@reportagen.com MARKETING UND VERTRIEB Lucas Hugelshofer, lucas.hugelshofer@reportagen.com KORREKTORAT Christina Heyne, Andrea Suter, Irmgard Matthes ABONNEMENTE Christa Bless, christa.bless@reportagen.com ANZEIGENLEITUNG Ivo Knüsel, ivo.knuesel@reportagen.com SCHRIFT Moiré und Dominik Huber KARTE Martin Woodtli PAPIER Lessebo 1.3 Natural 120 gm2, CO2-Neutral, FSC-zertifiziert UMSCHLAG Peyer Mattleinen DRUCK Druckerei Odermatt AG, Dallenwil BUCHBINDER: Buchbinderei Burkhardt AG, Mönchaltorf Printed in Switzerland © 2013 Puntas Reportagen AG © für die Texte: Reportagen und die Autoren © für die Illustrationen/Grafiken: die Gestalter «Halleluja!» von Niklaus Meienberg erschien unter dem Titel «O wê, der babest ist ze junc Hilf, herre, diner Kristenheit» in Reportagen, 2 Bände, © 2000 by Limmat Verlag Zürich VERTRIEB CH Valora Schweiz AG, Hofackerstrasse 40, 4132 Muttenz. Buchzentrum AG (BZ), Industriestrasse Ost 10, 4614 Hägendorf, T +41 62 209 26 93 VERTRIEB D/A PARTNER Medienservices GmbH Julius-Hölder-Straße 47, 70597 Stuttgart, T +49 711 7252-222 ERSCHEINUNGSWEISE 6 x jährlich PREISE Jahresabonnement CHF 100 (Schweiz), EUR 75 (Deutschland, Österreich), EUR 85 (übriges Europa) / USD 120 (Übersee) ISBN 978-3-906024-08-0 www.reportagen.com

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BORIS NIEHAUS

Briefe aus Aleppo Ein Berliner fährt aus Neugierde nach Syrien in den Bürgerkrieg.

16. Dezember 2012 Hi René, ich schreibe dir aus dem Büro des AMC (Aleppo Media Center), einem alten und jetzt besetzten Science-Center. Unser Zimmer ist im zweiten Obergeschoss, aber nur hier unten gibt es Strom, von dem Generator, der im Hof vor sich hin brummt. Vor Monaten schon wurde Teilen der Stadt der Strom abgestellt, und auch fliessendes Wasser gibt es keins mehr. In dem Büro nebenan wird laut auf Arabisch gesprochen, und ab und an rauscht der Sicherheitsposten oben von der Strasse laut durchs 12


REPORTAGEN #9

Walkie-Talkie. Das Internet schwankt, nebenan werden gerade die Clips von heute auf Youtube geladen. Hier angekommen sind wir (der Fotograf Thomas Rassloff «Rossi» und ich) vor ein paar Stunden. Gestern waren wir noch in Kilis in der Türkei, wo wir in einem runtergekommenen Hotel übernachtet haben und von wo wir heute Morgen mit einem Taxi an die syrische Grenze gefahren sind. Seitdem ich mich dazu entschieden habe, nach Aleppo zu fahren, habe ich ein mulmiges Gefühl – irgendetwas zwischen Spannung und Angst. Meine Erwartungen an diese Reise waren diffus. Ein Mix aus Bildern, die ich aus den Nachrichten kenne, Geschichten von in Deutschland lebenden syrischen Freunden, die den Geheimdienst fürchten und von unterirdischen Foltergefängnissen erzählen. Dazu Infos aus alten Reiseführern, die eine tourifreundliche Stadt versprechen. Ich bin Fotograf, und den Wunsch, einmal in eine Krisenregion zu fahren, habe ich schon seit Jahren. Dass es gerade jetzt Syrien geworden ist, war eine Verkettung von Zufällen. Die Ausreise aus der Türkei war easy. Danach erwartete uns ein zirka zwei Kilometer langer, mit Stacheldraht gesäumter Korridor durch verminte Felder. Es folgte der von der FSA (Free Syrian Army) kontrollierte syrische Grenzübergang. Ich sehe zum ersten Mal Gewehre und Männer in Tarnfleckkleidung. Unsere Pässe werden kontrolliert, unsere Namen im Computer eingegeben. Später erfahren wir, dass es schwarze Listen mit unliebsamen Journalisten gibt. Wieder auf der Strasse stossen wir auf einen Mini-Bus, vor dem schon zwei weitere westliche Journalisten warten. Mit ihnen werden wir den restlichen Tag verbringen (Victor Breiner, ein junger freier Fotograf, und der etwas über fünfzigjährige Reporter Peter Steinbach). Rossi kennt den Fahrer von seinem letzten Besuch in Syrien. Es gibt nur eine Handvoll Fahrer hier, die sich auf das Einschleusen von Journalisten spezialisiert haben. Die Fahrer kennen die Strassen, Dörfer und, was am wichtigsten ist: die vielen kleinen Sicherheitsposten entlang der Strecke nach Aleppo, die aus bewaffneten Jugendlichen bestehen und aus Bergen von Schutt, die nur langsam umfahren werden können. Wir steigen ein, fahren aber nur ein paar Hundert Meter und finden uns in einem Flüchtlingslager mit Hunderten weisser Zelte wieder. Der Fahrer verschwindet kurz, um keine Ahnung was zu erledigen. Wir sind umringt von Kindern, die aus dreckigen Plastikkörben gebastelte Bauchläden vor sich her tragen. Sie verkaufen Schokoriegel. Nach ein paar Minuten gehts weiter. 13


REVOLUTION

Eine niederländische Journalistin steigt dazu. Sie trägt ein Kop"uch und sprudelt vor Informationen. Sie erzählt von Gefechten um eine Militärschule nahe dem Ort Muslimiyah, welcher auf halber Strecke nach Aleppo liegt. Die Schlacht dauert schon seit drei Wochen, soll aber jede Stunde ein Ende zugunsten der FSA finden. Natürlich fahren wir sofort dorthin. Auch wenn Aleppo nicht weit von der Grenze entfernt liegt, fahren wir gut eine Stunde durch staubiges Land voller knorriger Bäume und vereinzelter Häuser. Ich sitze hinter Victor und sehe, dass an seiner Schutzweste ein «A Negative»-Batch sitzt. Meine Schutzweste ist im Rucksack. Habe keine Ahnung, was meine Blutgruppe ist. Es wird über die verschiedenen Unterkün"e in Aleppo geredet und darüber, wie schlecht das Internet überall ist – man könne kaum ein Bild hochladen. Das beste Internet und die komfortabelsten Zimmer zu moderaten Preisen gibt es im AMC, welches mitten in der Stadt, jedoch etwas isoliert liegt. «Leicht zu bombardieren», fügt Peter an. Die Niederländerin redet erregt von vergangenen Gefechten. Entlang der Strecke tauchen immer wieder kleine Benzin-, Zigaretten- oder (verstaubte) Obststände auf. Das einzig richtige geöffnete Geschä", das ich in einem der Dörfer sehe, verkau" Generatoren. Immer wieder halten wir an den kleinen Sicherheitsposten. Wir bekommen aktuelle Informationen über das nächste Teilstück unserer Strecke. Alles sicher. Aber die Schule soll schon eingenommen worden sein. Enttäuschung macht sich breit. Der MiniBus fährt schneller. Wir kommen an und halten vor den Toren der eingenommenen Militärschule. Die Mauern zieren zerschossene Wandbilder von Generälen, und auch ein Bild von Bashar al-Asad ist dabei. Wir steigen aus. Vor den Toren tummeln sich FSA-Kämpfer. Sie sehen erschöp" aus, aber auch erleichtert über den Sieg. Jeder hier trägt AKs. Einer kommt vom Inneren die Strasse runter und hält die Schulterabzeichen einer Militäruniform in die Höhe, vermutlich des gefallenen Generals. Es wird gescherzt, und er versucht, sich die Abzeichen an seine Schultern zu stecken. Eines wird ihm entrissen, worau.in er sich beschwert und den Dieb sucht. Er hält sein Gewehr in die Höhe und schiesst. Ich höre zum ersten Mal in meinem Leben einen Gewehrschuss aus nächster Nähe (ich war artiger Zivi). Alle lachen.

Wir unterhalten uns mit den Kämpfern, wollen die Leichen sehen und Fotos machen, aber wir werden nicht weiter in das Areal gelassen. Dann passiert 14


BRIEFE AUS ALEPPO

es: Aus dem Nichts ertönt der Sound eines Kampfflugzeuges; binnen zwei Sekunden wird es ohrenbetäubend laut, alle erstarren, ducken sich! Bis zu der darauffolgenden Explosion einer ein paar Meter entfernt einschlagenden Bombe gab es keine Möglichkeit, zu handeln. Ich kann nicht beschreiben, wie es sich anfühlt, aus der Lu" bombardiert zu werden. Das Krasseste war, dass ich das Flugzeug weder gesehen noch gehört habe und keiner einschätzen konnte, ob nicht ein zweites Flugzeug gleich hinterherkommt, das seine Bomben wer weiss wo einschlagen lässt. Jetzt ist alles in Bewegung, ich habe keine Ahnung, wohin. Unser Fahrer rennt zum Mini-Bus, steigt ein und schreit unserem Team zu, wir sollen kommen. Hundert Sachen passieren gleichzeitig, und ich frage mich, wie es wohl ist, weggesprengt zu werden, und hoffe, wenn schon, dann gleich tot zu sein. Ich überlege, ob es eine gute Idee ist, jetzt mit einem vollgepackten Auto wegzufahren – bietet das nicht ein gutes Ziel? Scheiss drauf, rein in den Wagen. Ich halte nach Rossi Ausschau und sehe ihn an einer Mauer Schutz suchen und schreie seinen Namen. Der Bus rollt schon, er kommt, und wir fahren los. Der Bus ist voll, alle liegen aufeinander – und alle lachen! Wir alle sind erleichtert! Der Bus fährt schnell und schlingernd davon. Zum nächsten kleinen Dorf, an dem wir halten, aussteigen. Nach dem Schreck macht sich Euphorie breit. Alle reden durcheinander. Wir hören einen weiteren Einschlag. Ich weiss bis jetzt noch nicht, wie ich mich fühle. Ich schlafe mal eine Nacht und lasse die Geschehnisse morgen Revue passieren. Ich ziehe jetzt meine Weste an. Und auch den Helm packe ich aus. Weil uns unser Fahrer wieder alleine lässt, um andere von der Schule zu holen, warten wir an dem kleinen Häuschen beim Dorfeingang. Wir chatten mit anderen. Als unser Fahrer nach einer Stunde noch nicht da ist, entschliessen wir uns, mit einem anderen Mini-Bus die 10 Minuten zur Schule zurückzufahren. Als wir dort ankommen, bleibe ich erst einmal vor dem Tor und schaue mich in der Gegend um. Auf dem Acker gegenüber sehe ich eine Herde erschossener Kühe. Alle von Asad-Leuten getötet, damit sie nicht den Rebellen in die Hände fallen (denke ich mir). Ich finde ein Loch im Zaun, quetsche mich hindurch und zerreisse dabei meine Jacke. Ich gehe langsam auf die grossen Tiere zu, die grotesk ihre Beine in die Lu" strecken. Irgendwie habe ich keine Lust auf Leichen. Auch nicht auf solche von erschossenen Kühen. Ich bleibe stehen und atme durch. Mache ein Foto und stolpere den Acker zurück. 15


REVOLUTION

Unser Fahrer kommt mit unseren Taschen. Wir steigen ein und lassen uns nach Aleppo zum AMC bringen. Auf dem Weg trinken wir am Strassenrand, wo es langsam städtisch wird, einen Kaffee. Am AMC werden wir freundlich empfangen. An der Wand hängt ein Google-Maps-Ausdruck von Aleppo, auf dem die befreiten Gebiete markiert sind. Sie teilen sich ungefähr die Hälfte mit denen, die noch in den Händen des Asad-Regimes sind. In der Ferne hört man unregelmässige Explosionen. Wahrscheinlich vom Flughafen, der gerade stark umkämp" wird. Jetzt sitze ich hier am Rechner, wie die andern. Gleich frage ich nach einem Feuerzeug, um die Kerzenstummel bei uns im Zimmer anzuzünden, damit ich meinen Schlafsack finde und mich langsam pennen legen kann. Mal sehen, was morgen passiert. Jeder Journalist, der nach Aleppo kommt, kommt für eine Story; die wird dann in zwei bis drei Tagen gemacht, und dann geht’s schnell wieder raus. Wirklich lange bleibt hier keiner. Mein Rückflug geht in acht Tagen, aber vielleicht geht’s früher zurück in die Türkei in irgendein Hotel, zum Chillen. Ich schreib bald wieder, wenn es was gibt. Ansonsten sehen wir uns in Berlin.

18. Dezember 2012 Hey. Ich hatte gestern schon angefangen, Neues aufzuschreiben, aber die Ereignisse überschlagen sich. Ich weiss nicht, ob ich selbst verarbeiten kann, was hier abgeht, geschweige denn, ob ich die Eindrücke irgendwie sinnbringend in einen Text fassen kann. Ich bin aufgewühlt. Es ist jetzt dunkel, und wir sitzen wieder im Büro des AMC. Es ist kalt, aber zumindest haben die Leute hier gerade den Generator zum Laufen gebracht, damit Licht, der Router fürs Satellliten-Internet und diese kleinen ElektroHeizungen funktionieren. Heute war ich in der Hölle (und es war nicht die Frontline mit frisch Verwundeten und Toten). Ich begreife ein bisschen, was Krieg bedeutet, und ich wette, wenn ich es mehr und mehr kapiere, drehe ich noch durch. Zur Hölle, eine von allen Ärzten verlassene Bilderbuch-Psychiatrie nahe der innerstädtischen Frontlinie, komme ich später. Ich beginne chronologisch mit dem, was gestern war, und hoffe, in dem Stil erzählerisch nicht ins Chaos abzurutschen. Gestern war es noch entspannter. 16


BRIEFE AUS ALEPPO

17. Dezember 2012 Die Nächte hier sind unglaublich kalt. Das AMC ähnelt eher einem runtergerockten Squat als einem Hotel – aber es ist sicherlich noch eine der besseren Unterkün"e, in einer Stadt, die in Teilen in Trümmern liegt und immer noch stark umkämp" ist. Die Fenster haben wir bei uns mit DuctTape geflickt, damit es zumindest keinen Durchzug gibt. Nachdem wir gestern noch lange wach waren, entschied ich, mich heute Victor und Peter anzuschliessen. Peter hat ein paar konkrete Storys, denen er nachgehen wollte, bevor er morgen zu seiner Familie nach Hause fliegt. Wir sitzen noch im grossen Büro des AMC und warten auf Said, der heute unser Fahrer und Fixer sein wird. Wir sind für 8 Uhr verabredet. Wir alle sind todmüde und durchgefroren, nirgends gehen die Heizungen, und auch der Strom für die Herdplatte für einen Tee funktioniert nicht. Die Nacht über hat es geregnet. Wir checken verschlafen die internationale Presse und lesen erstaunt, dass kurz nach unserem Grenzübertritt die Stadt Azaz nahe der türkischen Grenze bombardiert wurde. Das hatte eine Massenflucht von 500 Syrern aus dem gestern erwähnten Flüchtlingslager in die Türkei zur Folge. Glück, denn das muss kurz nach unserer Durchreise passiert sein. Auch wurde ein Flüchtlingscamp bei Damaskus bombardiert – der Uno-Sicherheitsrat ist «not amused». Kein Wunder, dass sich die Syrer zunehmend den Islamisten anschliessen und wütend auf den Westen sind. Von den 20 auf die Stadt verteilten Brigaden der FSA sind 4 extrem-islamistisch und weitere nur gemässigt. Wir dürfen uns auf die Machtkämpfe nach dem Fall des Asad-Regimes freuen. Unser erster Stopp heute: eine kurdische Kampf-Einheit an der innerstädtischen Frontlinie bei Karm al-Jabal. Peter will den Commander interviewen. Wir fahren durch die nassen und diesigen Strassen. «Das Wetter verspricht zumindest keine Lu"angriffe», kommentiert Rossi. Ich schaue mir während der Fahrt das Treiben draussen an und frage Said, ob es gefährlich wäre, dort jetzt alleine rumzulaufen und zu fotografieren. Er verneint und sagt, dass das von der FSA kontrollierte Gebiet überall sicher sei. Es geht weiter, vorbei an einem zerbombten Krankenhaus, der Verkehr lichtet sich, und auch die verstaubten Stände und Menschen werden immer weniger. Alles sieht auf einmal anders aus – hier sind alle Häuser zerschossen und verkohlt, und Markisen hängen in Fetzen von den Balkonen. Die Strassen sind nun menschenleer. Wir fahren im Zickzack um Schutt und ausgebrannte Autowracks. «Gefährlich», sagt Said, meine Frage von vorhin

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Ich begreife ein bisschen, was Krieg bedeutet.


REVOLUTION

aufnehmend, «wird es, wenn du an solche leeren Strassen kommst.» Weiter vorne versperrt uns ein grosser oranger Müllwagen den Weg – kurz davor biegen wir in eine Sackgasse ein. Hier sitzen bewaffnete Rebellen, und wir steigen aus. Wir sind angemeldet, manche kennen sich bereits, und alle begrüssen sich freudig. Die Kämpfer machen uns ihre Gartenstühle vor einem kleinen offenen Feuer frei und bitten uns, Platz zu nehmen. Es wird gefunkt. Ich bewege mich etwas und schlendere auf den Müllwagen zu. Vielleicht ein gutes Foto? Ich bin sowieso schwer beeindruckt von der Szenerie und muss sie noch etwas wirken lassen, bevor ich fotografieren kann. «Komm sofort zurück», ru" Peter, «da vorne wirst du erschossen.» Gut, dass mir das einer sagt. Ich mag Peter sowieso und beschliesse, vorsichtiger zu sein. Unser Guide kommt und führt uns durch die Trümmerstadt. Wir werden angewiesen, in einer Linie zu laufen. Keine Ahnung, was uns erwartet, für einen Ausflug an die Front sind wir eigentlich zu viele. Die Strassen sind jetzt so voller Schutt, dass hier keine Autos mehr fahren können. Kaum vorzustellen, was hier los war; das müssen monatelange extrem harte Gefechte gewesen sein. Strassenkampf, Haus um Haus. Wir biegen um ein paar Ecken, vorbei an zerbombten Minaretten, dann stehen wir unverhofft in einer Wohnung. Die zerstörte Einrichtung liegt überall verteilt – schöne, goldverzierte Sessel, Kleidung, Bilder, Spielzeug, Regale mit grossen glänzenden Vasen. Es ist komisch, so leicht und schnell durch die verlassenen und zertrümmerten alten Wohnzimmer von den hier mal lebenden Familien zu laufen. Wir durchkreuzen kleine begrünte Höfe. Es geht hoch und runter, immer wieder durch kleine Löcher in den Wänden – das Ganze ist ein Labyrinth. Wir kommen schliesslich an, unser Guide ru" ein «Allah Akbar» und steuert auf ein Treppenhaus zu. Von oben kommen Rufe, und wir werden von zehn weiteren Kämpfern empfangen. Keiner, so sieht es aus, ist älter als 25 Jahre. Sie freuen sich, uns zu sehen. Dann kommt der Commander, ein zirka 40-jähriger Mann. Er ist sehr freundlich und bittet uns mit ruhiger Stimme, uns zu setzen. Wir sitzen im Treppenhaus, manche auf Stühlen, manche auf den Treppenstufen, in der Mitte ein warmer Ofen. Peter beginnt sein Interview. Ich freunde mich mit Abu Dara an. Er ist 22 Jahre alt und führt mich in ein kleines Nebenzimmer. Er schleicht zu den glaslosen Fenstern, lehnt seine 18


BRIEFE AUS ALEPPO

AK an die Wand und grei" nach einem eckigen, länglichen Gegenstand. Er lehnt sich nah ans Fenster und hebt den Gegenstand ans Auge. Er blickt konzentriert hindurch, und ich begreife, dass es ein selbstgebautes Periskop ist. Ich mache ein paar Fotos, dann reicht er mir das Guck-Ding. Ich gehe ans Fenster und schaue durch das Rohr. Er erklärt mir, was ich sehe: ein Haus, keine 15 Meter entfernt am Kopf der Gasse, mit einem Fenster und einem kleinen Loch in der Etage darunter. Das Loch ist von innen mit Brettern verrammelt. «Da sitzt der Scharfschütze», meint Abu Dara. Dann fragt Abu Dara mich, ob es möglich sei, in Deutschland Musik zu studieren. Ich bin fassungslos – wir stehen hier in der Kälte in den Scherben, keine zwei Meter neben der unsichtbaren Todes-Schusslinie eines Asad-Scharfschützen, und er fragt mich nach einem Musikstudium in Deutschland. Ich überlege, aber mir fällt nichts ein. Ich sage, dass dies schwierig sein könnte, und frage, was er für ein Instrument spiele. Wir quatschen noch ein bisschen. «Say hello to Germany for me», sagt er, und «I hate Syria. Some people of us rather want to die.» Wir gehen zurück ins Treppenhaus und hören dem restlichen Interview zu. Nach knapp einer halben Stunde verabschieden wir uns, und ich bin fast gerührt, Abu Dara wieder allein mit seiner Einheit in den Trümmern, so weit weg von einem Musikstudium, wie es nur irgend geht, zurückzulassen. Der Hauptmann begleitet uns zurück und posiert noch kurz für Fotos vor einem ausgebrannten Volkswagen. Unser nächster Stopp ist das neue Gerichtsgebäude in Saef Al Daura. Das Viertel ist härter umkämp", und Asad-Truppen hatten vor einer Woche versucht, mit drei Panzern durchzubrechen, es aber nicht geschafft. Dort lernen wir Abu Yassin kennen, einen Deutsch-Syrer, der, nachdem er gesehen hat, was in seiner alten Heimat los ist, von Stuttgart nach Aleppo zum Kämpfen gefahren ist. Er ist 36 und lässt seine Frau und ein sechs Monate altes Kind zu Hause in Deutschland. Er war auch an der Stürmung der Militärschule beteiligt. Wir fragen ihn nach den erbeuteten Waffen. Neuere russische Waffen, sagt Abu und lächelt. Es tut gut, eine deutsche und so freundliche Stimme zu hören, besonders wenn sie noch so ermutigende Dinge sagt, dass sie sich zu jedem Kämpfer, der eine Pistole oder ein Gewehr bekommt, die Seriennummern der Waffen notieren, damit es nach der Revolution keinen Stress gibt, die Waffen wieder einzusammeln. Ich werde mich die nächsten Tage seiner Einheit anschliessen und ein paar Tage an der Front bleiben. Sie stünden kurz davor, die Stadt einzunehmen. Rossi sagt, das Gleiche hätte er vor einem Monat schon gehört. 19


REVOLUTION

Am Abend im AMC sitzen wir zuerst vor unseren Rechnern und gehen erst spät auf unsere Zimmer. Wir unterhalten uns über Vakuum-Bomben der israelischen Armee und darüber, dass man dort nicht getroffen werde, wenn man sich nicht gerade in einem Hamas-Headquarter oder über einem Waffenlager befindet. Hier in Syrien kann man nie sicher sein, nicht getroffen zu werden. Gleichwohl wird darüber spekuliert, ob die syrische Armee extra schlecht schiesse.

18. Dezember 2012 Es ist seit zwei Stunden dunkel draussen, und wir sind nach einem neuen Tag wieder im AMC. Gerade mischt sich der Gesang eines Muezzins zwischen die wieder vermehrt einschlagenden Mörsergranaten. Wir haben heute etwas länger geschlafen und befinden uns erst um halb zehn im Office. Hier treffen wir auf die uns schon bekannten französischen Fernsehjournalisten und weitere junge Journalisten aus Spanien und den Staaten. Wie es scheint, reisen heute alle ab. Keiner blieb viel länger als für die von ihren Sendern oder Zeitungen bezahlten Storys. Ich lausche dem Krisenberichterstatter-Talk, der sich um die Level der Schutzplatten in unseren Westen dreht. Level-3 schützt nicht gut genug, aber Level-4 ist einfach zu schwer, um sich damit noch gut bewegen zu können. Die Franzosen verhandeln ihre letzte Fahrt mit ihrem Fahrer, der eigentlich nicht will, weil die gewünschte Stelle zu gefährlich ist, dann aber mit ein paar Hundert Dollars überredet wird. Spesen. Rossi und ich trennen uns. Er will eine ausführliche Story mit Abu Yassin machen und steigt zu den Franzosen ins Auto. Ich steige mit zu Peter und Victor, die vor ihrer Abreise um 13 Uhr noch schnell einen Friedhof besuchen möchten. Wir fahren nicht weit, und als wir ankommen, findet gerade eine Beerdigung statt. Es regnet, und der rote Matsch klebt in dicken Klumpen an meinen sowieso durchnässten Turnschuhen. Einige der etwa 40 Männer schauen uns aus der Entfernung an und kommen interessiert zu uns herüber. Es herrscht eine bedrückende Stimmung, und jetzt wird rote schwere Erde von drei Friedhofsangestellen in die beiden Löcher geschaufelt. In nur zwei Minuten sind die Löcher zu. Die Gesellscha" geht zu ihren Autos und verschwindet. Keine fünf Minuten später kommen wieder ein paar Autos, die für mich (inklusive der aussteigenden Männer) total identisch aussehen. Die Friedhofsangestellten, die als Einzige Gummi20

Mörsergranaten durchbrechen den Gesang des Muezzins.


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stiefel tragen, schaufeln zwei neue Löcher. Am Tag werden hier 15 bis 20 Leichen vergraben, dabei ist es egal, ob sie von der FSA sind oder vom Asad-Regime. Zumindest hier sind alle gleich. Peter hat seine Infos, die wohl nicht für eine Story reichen. Irgendein Detail hat nicht gestimmt. Ich habe nichts fotografiert. Mit Peter und Victor geht es noch zu zwei weiteren Stationen in der Stadt, bevor wir wieder zum Office fahren, sie ihre Sachen packen und Richtung türkischer Grenze fahren. Jetzt stehe ich allein im Office. Keine Journalisten sind mehr da, und auch Rossi ist noch unterwegs. Ich wende mich an Mahmoud, der zweiten Kontaktperson für die englischsprachige Presse hier im AMC. Er sagt, er müsse gleich eine Journalistin für eine Story in die hiesige Psychiatrie fahren und fragt, ob ich mit will. Wir steigen in den Wagen und fahren los. Eigentlich will ich hier mal allein durch die Strassen und ein paar Bilder vom Leben machen, wie es sich jetzt organisiert. Den Menschen, den improvisierten Tankstellen, den kleinen Zigaretten- und Obstständen, dem Schutt und dem Müll auf den Strassen und all den unzähligen Dingen, die sich noch ergeben. Ich will auch ein paar Bilder von zerbombten Häusern und generell von allem. Ich bin zum ersten Mal in Aleppo und zum ersten Mal in einem Krisengebiet. Meine Story sind alle Eindrücke und Erfahrungen, die ich kriegen kann. Wir fahren durch die Stadt, und ich filme auf der Fahrt etwas mit meinem Handy. Bei der Ankun" werden wir von einem Abdu begrüsst, der uns ins Haus bittet. Das Innere des Hauses besteht aus einem spitzen, dreieckigen Innenhof mit hellem Kachelboden. Es regnet in die Mitte des Hofs, und es gibt keine Einrichtungsgegenstände oder Pflanzen oder sonst irgendetwas. Aus den Zimmern treten neugierig ein paar meist barfüssige Menschen. Alle schleichen oder tapsen, und aus einem Zimmer ertönt ein immer gleiches, singendes Schreien, was bis zu unserer Abfahrt nicht verstummen wird. Ich werde jetzt nicht weiter das Verhalten der Patienten beschreiben, aber wenn ich mir die Patienten einer Bilderbuch-Psychiatrie vorstellte, übertraf das Szenario meine Vorstellungen bei weitem. Abdu bittet uns zu fotografieren, was ich tue, soweit ich den einzelnen Menschen entnehmen kann, dass sie damit einverstanden sind. Ich befrage Abdu ein wenig, der erzählt, dass bei Ausbruch des Aufstandes alle Ärzte und Schwestern diesen Ort verlassen hätten. Auch haben die Patienten keine Verwandtscha" mehr, die sich in irgendeiner Weise kümmern würde. 21


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Ich schaue mich noch ein bisschen um und gucke in die einzelnen kargen Räume. Auch hier gibt es weder Bücher, Pflanzen, Spiele oder keine Ahnung, was ich von einem Ort wie diesem erwarten würde. Nur Betten und zerschlissene, kratzige Bettdecken. Alles sieht aus wie eine Kulisse, die so grausam gestaltet wurde, dass sie definitiv in keinen Film mehr passen würde. Ich stolpere in einen etwas grösseren Raum und erschrecke – in der hinteren Häl"e des Zimmers steht ein Bettenlager, in dem 15 Menschen zusammengekauert in meine Richtung blicken. Es stinkt bestialisch nach etwas, das ich nicht einordnen kann, würde aber behaupten dass hier irgendetwas verwest. Jemand macht laute Geräusche. Dieser Ort ist so surreal. Ich stolpere nach draussen und höre mich selbst laut und tief durch den Mund atmen. Mir ist schwindelig. Dieser Ort, in dieser zerbombten und komplett unsicheren Stadt, mit seinen verlorenen und komplett verstörten Bewohnern, ist das Schlimmste, was ich in meinem Leben gesehen habe! Das meinte ich anfangs mit «Hölle», und ich weiss nicht, ob ich dieses schockierende Erlebnis schnell verdrängen kann. So, jetzt ist fast 10 und ich bin müde. An die lauten Mörser-Einschläge habe ich mich gewöhnt. Ich habe das Gefühl, hier keine Zeit zu haben, irgendetwas zu verarbeiten. Ich weiss nicht, ob das gut oder schlecht ist. Mal sehen, was morgen passiert. Alles Gute aus Aleppo, Just.

19. Dezember 2012 Hi! Wieder abends im AMC. Ich freue mich, dass meine Briefe gelesen werden. Die letzten beiden Tage ist wieder viel zu viel passiert. Gut, dass ich mir zu allem Notizen mache, die ich jetzt versuche durchzugehen. Schön, wie krakelig die Schri" geworden ist; und die Seiten sind vom ewigen Regen alle feucht. Rossi hat mir gerade noch erklärt, dass die Einschläge, die wir jetzt hören, von Panzern stammen. Erst ein kleiner Knall in der Entfernung, kaum lauter als ein Gewehrschuss, und dann ein bebender Rums. Nur Asad hat Panzer. Die Info ist gar nicht gut. Rossi legt sich pennen, ich gehe ins Büro des AMC und lasse mir erklären, dass die Panzer sich nur verteidigen, da es gerade eine Offensive auf dem nahegelegenen Flughafen gibt. Das beruhigt. 22


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Jetzt sitze ich hier im Dunkeln im Büro des AMC. Die Router werden über 4 Autobatterien betrieben – zumindest Internet geht, wenn auch nur extrem langsam. Gestern hatte ich Mahmoud einen Tag für mich. Meine Pläne waren: mir das Müllproblem der Stadt anzugucken, die Food-Situation, eine improvisierte Schule zu besuchen, den berühmten (und noch umkämp"en) Markt zu sehen, das Daily-Life und die Stadt zu sehen. Begonnen haben wir beim Müll. Wir steigen ins Auto, und Mahmoud fährt los. Es ist gut, mal zu zweit zu sein. Ich gebe zu, auf den Müll bin ich gekommen, weil ich mit dem Fahrer der französischen Journalisten von TV5 gesprochen hatte. Er erzählte mir, dass die Fahrer der Müllabfuhr auf ihrem Weg zur Deponie (die ausserhalb der Stadt liegt) von Asad-Snipern beschossen werden. Natürlich will dort jetzt keiner mehr hin, und so wird der Müll entweder an die Stadtgrenze gebracht oder einfach so in die Strassen gekippt. Und es stimmt: Die Strassen sind voll mit Müll und Schutt, und an den zerbombten Schnellstrassenzubringern und den weitläufigen Kreisverkehren sind es ganze Berge von Müll. Allein beim Vorbeifahren steigt der Gestank ins Auto. Mahmoud hält immer wieder an und fragt Passanten nach dem Weg. Wir erreichen die Stadtgrenze. Ich steige aus, gehe ein paar Meter und halte nach Motiven Ausschau. Ein Mann und ein Kind lassen ihre Ziegen im Müll grasen. Ich knipse drauf los – alles stinkt nach toten Tieren, die hier zwischen den aufgeplatzten Müllsäcken liegen; noch blutige Schädel und Berge von Hühnern, die langsam verwesen. Das Problem ist, dass dieser ganze Müll ein schöner Herd für Krankheiten ist, und besonders die Leishmaniose, auch Aleppobeule (!) genannt, für die es kaum mehr Impfstoffe gibt, verbreitet sich. Sowieso wird alles knapp. Das Brot ist auf den doppelten und dreifachen Preis gestiegen. Bei unserer Fahrt durch die Stadt habe ich zweimal einen riesigen Menschenauflauf gesehen, der sich in unendlich langen Schlangen vor Häusern gesammelt hatte, die eher wie verkohlte Garagen als wie Bäckereien aussehen. Mein nächstes Ziel an diesem Tag: eine Bäckerei. Wir fahren durch ein kleines Industriegebiet, dann das bekannte Bild: Menschenauflauf vor einer Baracke. Fast ein Tumult, denn es ist laut. Mahmoud hält direkt gegenüber, und ich frage, ob es möglich sei, zu fotografieren. Er nickt. Das Feeling hier ist mies, ich werde angeschaut, und auch FSA-Kämpfer stehen überall rum. Die Menschen sehen arm und fertig aus, alle treibt der Hunger an diesen Ort. Ich brauche die Bilder und setze die Kamera an. Klick – und schon kommen drei nicht sehr freundlich 23


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aussehende FSA auf mich zu. Ich bin umzingelt und werde auf Arabisch zugequatscht. Ein suchender Blick zu Mahmoud, der mich nicht aus den Augen gelassen hatte und bereits mit den Kämpfern redet. Wir werden regelrecht abgeführt. Mir wird mulmig. Im Innern der Baracke stehen riesige Öfen, aus denen Hunderte frisch gebackene Brote auf Fliessbändern kommen – es riecht unglaublich gut. Mahmoud redet ununterbrochen mit den Kämpfern. In einem Kabuff sitzen vier ältere Männer, alle mit Bärten, Tarnfleckuniformen und AK. Mahmoud redet jetzt mit ihnen. Immer wieder wird auf mich gedeutet, und alle mustern mich von oben bis unten. Schliesslich nickt einer der Anführer und kommt zu mir. Er fragt auf Englisch, wo ich herkomme, und führt mich Richtung Ausgang. Wir stehen jetzt neben den Fliessbändern, und er bedeutet mir, eines der Brote zu nehmen. Ich fühle mich geehrt und verneine überschwänglich höflich. Jetzt grei" er aufs Band und gibt mir ein Brot. Es ist noch heiss. Er verabschiedet sich, redet noch einmal mit Mahmoud und verlässt uns. Mahmoud erklärt mir, dass ich ein Foto vom Innern der Fabrik machen könnte, aber keine der Arbeiter ablichten dürfe. Ich stelle mich schnell auf einen leeren Getränkekasten und mache genau ein Bild. Während wir wieder hinausgeleitet werden und ich mein Brot esse, erklärt mir Mahmoud, dass diese Fabrik geheim gehalten werden muss, und es von daher unmöglich sei, Bilder von aussen zu machen. Schon früher wurden gezielt humanitäre Orte bombardiert. Wir gehen vorbei an den klagenden Menschen und rein ins Auto. Für eine Schule sei es jetzt zu spät, und auch für den Markt sei heute kein guter Tag. Es wird schon wieder dunkel, und wir beschliessen, zurückzufahren. Ich bin sehr zufrieden mit dem Tag. Im AMC treffe ich später Rossi, der seinen Tag mit einem Frontbesuch verbracht hat. Wir legen uns pennen, und zweimal höre ich einen Kamp0et über uns wegfliegen. Ich stehe beide Male senkrecht in meinem Schlafsack im kalten Zimmer und hab Schiss. Das zweite Mal ziehe ich mich schnell an und gehe nochmal ins Office runter und frage nach den Fliegern und ob alles okay sei. Klar sei es das, und sie hätten die Jets auch gar nicht gehört – die höre man irgendwann einfach nicht mehr, genauso wie die Mörsereinschläge in der Ferne (an die ich mich auch schon komplett gewöhnt habe). Wir seien kein Target. Ich denke noch an die sechs grossen Satellitenschüsseln auf dem Dach. Ich bin trotzdem beruhigt und gehe wieder schlafen. Mehr morgen. Lieben Gruss euch allen! J. 24


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20. Dezember 2012 Hi. Rossi und ich sind um 9 Uhr mit Mahmoud verabredet, der uns durch die Stadt nach Saef Al Daura fahren will. Es geht zu Abu Yassin, dem Deutsch-Syrer, der mich an eine seiner Einheiten vermitteln will, die vorne an der Front kämpfen. Es ist ein Tag wie jeder andere: kalt, diesig, und es nieselt vor sich hin. Auf der Fahrt passieren wir von der FSA kontrollierte Strassensperren. Kämpfer der FSA erkennt man immer an den Waffen, gleiche Uniformen gibt es natürlich nicht. Von Peter weiss ich, dass sich viele Einheiten über Sponsoren finanzieren. Dafür werden dann möglichst viele Berichte gesammelt und Youtube-Videos hochgeladen, die den Namen der Gruppe bewerben und erfolgreiche Kämpfe zeigen. Islamistische Kampfeinheiten unter der FSA, wie zum Beispiel die Al Nusra, haben viele gute Sponsoren von radikalen Gruppen aus dem Ausland und sind bemüht, eine soziale Rolle innerhalb der verarmten Bevölkerung zu übernehmen. Wir treffen Abu Yassin, er sieht müde aus. Er fragt uns, ob wir wirklich zur Front wollen, und ist nicht begeistert von unserer Antwort. Wir trinken Tee, während er einen Wagen herfunkt. In Syrien sind 2012 mindestens 17 Journalisten und 44 Blogger gestorben. Die Zahlen stammen von der Organisation «Reporter ohne Grenzen», die in ihrer Jahresbilanz Folgendes schreibt: «Syrien, Somalia, Pakistan, Mexiko und Brasilien waren in diesem Jahr die gefährlichsten Länder für Journalisten. Die Gewalt, mit der das Regime von Bashar al-Asad gegen Aufständische vorgeht, traf Journalisten und Blogger als Zeugen der Bluttaten schwer. Doch auch bewaffnete Oppositionelle, die ebenfalls kaum Kritik dulden, griffen Journalisten an und diffamierten sie als Spione. Die Polarisierung der Medien, Propaganda und Manipulation, die extreme Gewalt und technische Hürden machen unabhängigen Journalismus in Syrien fast unmöglich.» Es ist jetzt etwa 12 Uhr, und vor der kleinen, zum Wohnzimmer umfunktionierten Garage, in der wir sitzen, hält ein an allen Ecken zusammengeflickter Wagen. Der Fahrer ist etwa Mitte 20, wir steigen ein und fahren los. Je länger wir fahren, desto chaotischer wird es draussen; mehr Müll, mehr Schutt, mehr Waffen. Wir sind jetzt an einem letzten Checkpoint kurz vor der Frontlinie. Alle müssen halten und ihr Anliegen erklären. Manche haben Zettel dabei, die Stempel tragen. Auch eine Familie kommt aus der zerbombten Stadt, die ihr letztes Hab und Gut auf ihrem Bulli verladen hat. Auf dem Dach ein paar bunte Matratzen, die im Regen schon ganz nass sind. Ein kleines Mädchen hält einen dreckigen Hüp1all. 25

Mindestens 17 Journalisten und 44 Blogger sind umgekommen.


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Wir sitzen gut eine Stunde bei den Kämpfern und quatschen, und ich weiss nicht mehr, wie wir drauf gekommen sind, aber plötzlich zieht einer eine selbstgebaute Handgranate, die in etwa aussieht wie eine kleine, dicke Rohrbombe mit kurzer, dicker, roter Zündschnur. Ich will ein Foto machen, und jetzt ziehen auch alle anderen ihre Handgranaten hervor. Einer ist dabei so ungeschickt, dass ihm der Inhalt (ein blaues Pulver) über die Beine und halb ins offene Feuer bröselt, was mich ein bisschen schockiert. Später erfahre ich von den spanischen Journalisten, dass ein Fotograf durch solch eine Handgranate schwer am Bauch verletzt wurde und in ein türkisches Krankenhaus gebracht werden musste. Dann kommt plötzlich irgendein Kommando, alle schultern ihre AK, und es geht los. Mir wird jetzt doch schon etwas mulmig. Die allesamt jungen Kämpfer versammeln sich um einen Mann, der scheinbar die Lage und das Vorgehen erklärt. Unser Fahrer von vorhin öffnet derweil den Kofferraum und entnimmt ihm einige Frischhaltebeutel, die mit Munition gefüllt sind, um sie dann unter den Kämpfern zu verteilen. Auch werden ein paar Panzerfäuste und zugehörige Raketen umhergereicht. Wie so was aussieht, kannte ich aus dem Fernsehen. Nach der Einsatzbesprechung wird gescherzt, und alle beginnen ihre Magazine mit der Munition aus den Frischhaltebeuteln zu laden. Geduckt und mit den Waffen neben den Hü"en joggen wir die Gasse hoch, vorbei an Werkstätten und Garagen, auf deren Dächern ausgebrannte Autowracks stehen. Wir verschanzen uns hinter einem zerbombten Gebäude. Es fallen ein paar Schüsse, ich mache Bilder, dann krieche ich in ein Zimmer, wo sich der Commander auf einem Sofa breitgemacht hat. Er sieht ziemlich entspannt aus und redet in ein Funkgerät. Das Gebiet um uns herum scheint sich erstaunlich schnell von Asad-Leuten geleert zu haben. Ich spähe in den Hof, und der Kommandeur fragt mich, ob ich mit seiner AK schiessen wolle. Auf der Fahrt zurück in die Stadt erfahren wir, dass es einen Raketeneinschlag gegeben hat. Zufälligerweise ist einer der wenigen Krankenwagen, die in dem befreiten Teil der Stadt fahren, getroffen und von der Strasse gesprengt worden. Bei dem Einschlag sollen drei Menschen getötet und 20 verletzt worden sein. Ich mache Fotos. Ich erinnere mich an meine erste Erfahrung mit der Bombe von dem Flugzeug bei der befreiten Militärschule: eine Rakete, die weder gesehen noch gehört wird, schlägt unvermittelt ein und tötet und verletzt alle, die daneben stehen. Abu Yassin erklärt uns, dass gerade in diesem Gebiet viele Raketen runterkommen, weil 26


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sich hier das Gerichtsgebäude befindet und Asad es natürlich nicht gut findet, wenn sich eine neue Regierung und Strukturen bilden. Langsam verstehe ich auch, warum sich alle Kämpfer immer, so gut es eben geht, in ihren kleinen Wohnzimmergaragen au.alten: eben, damit sie solchen Raketen oder umherfliegendem Schutt weniger Chance geben, sie zu treffen. Es ist mittlerweile dunkel geworden. Wir fahren wieder zum AMC. Die Kämpfe nahe unserem Lager erscheinen jetzt noch näher. Während ich unten im dunklen Büro sitze und schreibe, besucht mich Rossi, der sich eigentlich schon schlafen gelegt hatte. Er wirkt etwas aufgebracht und sagt, dass er von unserem Dach aus die Raketen hin und her fliegen sehen könne. Die Leute im Office beschwichtigen. Trotzdem plant Rossi seine morgige Abreise. Ich habe das Gefühl, gerade erst richtig angekommen zu sein, und fühle mich, mit Blick auf die doch eher magere Anzahl meiner Bilder, irgendwie unfertig. Zugegebenermassen sind meine Berichte doch eher oberflächlicher Natur – ich habe das Gefühl, mich gerade erst zurechtgefunden zu haben; in der Stadt, mit den Strukturen, aber auch mit meinen eigenen Gefühlen. Jetzt könnte die Arbeit beginnen.

Ich schreibe noch etwas und gehe dann auch nach oben schlafen. Ob ich fahre, entscheide ich morgen. Bye, Just. Eine Auswahl von Bilder des Autoren von den beschriebenen fünf Tagen in Aleppo finden Sie auf http://reportagen.com/content/briefe-aus-aleppo

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Am 11. April 2013 erscheint die n채chste Ausgabe von Reportagen. Auf www.reportagen.com sind die meisten Ausgaben unseres Magazins noch erh채ltlich. Auch Ihr Anruf freut uns: +41 31 981 11 14

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REPORTAGEN NR. 9  

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