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60 Tourismus

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Wunderbar blau Erkundungen am Geiseltalsee im Landkreis Merseburg-Querfurt: Der 80 Meter tiefe See, hervorgegangenen aus einer ehemaligen Tagebaulandschaft, wird Ende Juli für Schwimmer, Segler und Camper freigegeben – zumindest teilweise.

Text: Anja Mutschler  Aquarelle: Michael Mutschler

Fragen der Größe nähert man sich am besten von oben. Aus der 500-km-Perspektive nur wenige blaue Flecken. Der Bodensee misst sich mit seinen europäischen Kollegen, dem Genfer See oder dem Plattensee. Dieser Wettstreit im Seen-Memory ändert sich die nächsten paar hundert Kilometer nicht, die man mit dem satellitengesteuerten Web-Flugzeug auf Deutschland herunterschwebt. Erst ab 25 Höhenkilometer blinkt es blau auf den Karten von Google oder Microsoft: die Müritzer Seenplatte schiebt sich zuerst ins Bild, dann folgen Chiemsee und Ammersee und der Fleck südlich von Hannover entpuppt sich als Steinhuder Meer. Und da – ein wenig hinuntertrudeln noch, aber eine Ahnung hat man schon, der Geiseltalsee: größer als alle anderen Tagebauseen in der Region, ja sogar der größte künstliche See Deutschlands. Vier Mal größer als der Cospudener See, hat der Geiseltalsee die Goitzsche bei Bitterfeld als größten See der Region abgehängt. Der Große Wannsee von Berlin passt beinahe sieben Mal hinein. Der lag allerdings quasi immer schon im Süden von Berlin. Diese Standorthoheit muss sich der gerade erst zur Nutzung freigegebene Geiseltalsee im Landkreis MerseburgQuerfurt noch erarbeiten. Nach den Baggern kamen die Paddler Fragen der Schönheit nähert man sich am besten historisch: Auf der Autofahrt von Leipzig nach Mücheln – eine angenehm knappe halbe Stunde über die A38 – vergegenwärtige ich mir den großen Wandel dieser Region: 300 Jahre herrschte hier das Braunkohlere-

vier. Man ahnt, dass mit den großen Maschinen vor allem im 20. Jahrhundert auch die große Hässlichkeit kam. „Dreckige Erde“ nannten sie die Braunkohle hier. Ersetzt man Erde mit Scholle oder gar Heimat, klingt das schon fast verzweifelt. Nach der Stilllegung 1993 mussten die Menschen noch mal zehn lange Jahre warten, bis die Flutung der Mondlandschaft begann. Zehn Jahre: das ist eine ganze Jugend, manchmal eine ganze Ehe. Und auch die Freigabe war eine schwere Geburt. In Kürze wird er teilweise freigegeben: Dann endlich dürfen in der Marina Mücheln Boote ankern, auf dem Campingplatz bei Stöbnitz Zelte und Wohnwagen residieren. Und auf einer Uferlänge von 5 Kilometern kann man endlich auch baden. Empfindsames Zeichen der Hoffnung Wir fahren durch Braunstedt, wo der zweite Hafen schon in Planung ist. Vorerst begrüßen uns leicht angegilbte Plakate von Kneipen, Wohnanlagen und Ausflugszielen. Wer viel durch den Osten gereist ist, erkennt diese empfindsamen Zeichen der Hoffnung wieder: Zu schwach für einen kritischen Diskurs und – gerade deshalb – so wichtig. Die Zukunft keimt zwischen schon neuen und noch alten Häusern. Zahlreiche Publikationen und Broschüren zeugen vom Engagement der Anrainer. Ein Weinberg und über 250 teils seltene Tierarten bevölkern das rund 800 Hektar große Areal um den 18 Quadratkilometer großen See. Den Radwanderweg entdecken wir schnell: Skater, Radler und Jogger nutzen den kantenlosen Asphalt. Nur ein bisschen steil und eng sei es an einigen Stellen, sagen zwei Männer uns später. Sie fahren vor der Sportschau schnell mal die 30 Kilometer um den See. Wir steuern die Marina Mücheln an, den seit 2008 in Betrieb befindlichen Hafen mit Café und Infocenter. Ein bisschen ist es wie im Urlaub: wenn nach dem Straßengrau plötzlich das Blau dominiert. Am Ende einer kurvigen Straße blitzt das Wasser keck durch noch junge Wipfel. Blau – sattes Blau, tiefes Blau, ein Blau, das Weite verspricht. Die Regel von der Absorption des Wassers besagt: Je tiefer das Gewässer und je heller das Licht, desto blauer die Farbe. Der Geiseltalsee ist knapp 80 Meter tief. Zum Vergleich: die Ostsee ist 100 Kilo-

REGJO 02/2012  

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