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M채rz 2014 11:15 Uhr VG 22K -.--.A 1) Rojin D. 2) Mirza D. 3) Sabri D. - Asylrecht - Hauptverfahren 1 Dolmetscher


Guten Tag Frau D., Ich bin heute der einzige Richter, der 端ber Sie und Ihre Kinder entscheiden wird.


Richter

Hier auf der Fensterbank liegen zweischwarze Ordner. Sie beinhalten die Erkenntnisse des Bundesamts f端r Migration und Fl端chtlinge und des Hohen Fl端chtlingskommissars der Vereinten Nationen zur Situation im Irak.


Frau D., Sie kommen aus dem Irak, sind kurdischer Herkunft und sind Jesidin. Ihr Mann ist ein Polizist. Wir hatten bereits eine Gerichtsverhandlung, wo es um die Situation mit der jesidischen Minderheit ging. Ihre Anw辰ltin Frau B., hat sehr ausf端hrlich dazu berichtet. Ich w端rde diese Information zu der Akte hinzuf端gen.


Frau B., Sie m端ssen es nicht nochmal vortragen. Verzichten wir auch auf die Berichterstattung? Richter


Wir wurden bedroht.


Frau D., was waren die Gr端nde, warum Sie Ihr Land verlassen haben?


Richter: Von wem? Kl채gerin: Kann ich nicht sagen. Richter: Warum?


Wir haben Briefe bekommen. Sie wurden uns 端ber den Zaun geworfen. Manche Briefe haben die Kinder gefunden und zerrissen. Einen Brief habe ich meinem Mann gezeigt. Ich konnte weder schreiben noch lesen. Er hat gesagt, dass es Drohungen sind. Ich habe ab da Angst bekommen.


Was genau stand in dem Brief? Richter

Darin stand, dass sie wüssten, dass er ein Polizist ist, er solle damit aufhören, das wäre die letzte Drohung. Der Brief war nicht unterschrieben. Aber mein Mann hat mir das nicht wörtlich gesagt. Ich war schwanger, er wollte mich schonen. Ich hatte vorher schon zwei Fehlgeburten gehabt.


Richter: Gab es andere Form von Drohungen? Kl채gerin: Ja. Telefonate. Mein Mann hat sie bekommen, auf seinem Handy. Er hat mir damals davon nichts erz채hlt. Erst nachdem er uns nach Deutschland hinterher gereist war, hat er mir es gesagt. Richter: Wie ging es weiter? Kl채gerin: Ich habe immer mehr Angst bekommen. Ich habe Geld gehabt, f체r den Fall, wenn etwas passiert, damit ich mit den Kindern fliehen kann. 2.000 Dollar und noch etwas Geld.


Warum sind Sie in dieser Nacht auf die Straße gegangen?

Es hat an der Tür geklopft. Ich hatte Angst. Ich wusste nicht, wer das ist. Ich habe die Nerven verloren. Ich bin mit den Kindern durch die Hintertür aus dem Haus rausgegangen. Mein Mann hatte vorher alles vorbereitet. Klägerin


Richter: Was hat er vorbereitet? Klägerin: Ein Freund von ihm hat uns geholfen. Er hat den Taxifahrer angerufen, der uns dann nach Rabiaa brachte. Richter(diktiert): In einer Nacht verließ ich das Haus, mein Mann hatte alles organisiert Punkt Richter: Der Taxifahrer, der Ihnen geholfen hat, wollte er dafür Geld haben? Klägerin: Nein. Richter: Wie ging es von Rabiaa weiter?


Wie war der Nachname?

Zwei Tage blieben wir beim Taxifahrer. Er hat unsere P채sse genommen, um alles vorzubereiten. Danach gingen wir nach Ibrahim Khalil. Danach nach Silopi.


Ok. Das ist nicht auf meiner Karte, deswegen.

Ibrahim Khalil, das ist ein Ort an der Grenze zur T端rkei.


Hat die weitere Reise was gekostet?

Ja. Der Taxifahrer hat mir eine Nummer gegeben. Das war ein Mann, er hat uns weitergeholfen, ich habe ihn bezahlt. Ich habe ihm gesagt: „Ich bin eine Frau, bitte hilf mir“.


Richter(diktiert): Wie viel es gekostet hat, kann ich nicht sagen, weil ich auch mit Gold bezahlt habe. Laut diktiert, simultan 端bersetzt und genehmigt.


Beim Bundesamt haben Sie von den Drohtelefonaten nichts erz채hlt. Frau D., wie passt das zusammen?

Frau D. hat erst in Deutschland...

Lassen Sie bitte erst die Kl채gerin antworten.


Weil ich davon nichts wusste. Erst als mein Mann nach Deutschland gekommen ist, hat er mir davon erz채hlt.


Sie hatte beim Bundesamt einen anderen Wissenstand. Erst ist die Frau mit den Kindern geflohen und sp채ter ihr Mann. Die Details der Flucht wurden erst sp채ter von dem Ehemann der Frau D. bekannt. Erst, als er in Deutschland ankam.


Ich habe keine Fragen mehr.


Die Anw채ltin 체bergibt dem Richter 4 Farbfotos, auf welchen der Ehemann der Frau D. zu sehen ist.


Richter (diktiert): Auf einem der Fotos ist ein Mann in Polizeiuniform zu sehen. Er steht neben einem amerikanischen Soldaten.


Die Polizisten werden oft auรŸerhalb des Dienstes umgebracht. Die Tรถtungsrate ist ein Drittel hรถher als im Dienst.


Sie haben einen Antrag auf Anerkennung der Fl체chtlingseigenschaft und Subsidi채ren Schutz gestellt... Ich werde heute Nachmittag das Urteil sprechen. Laut diktiert und genehmigt Punkt Absatz.


Die Verhandlung wird um 12:25 geschlossen.


Richter an den Übersetzer:

Kennen Siesich in diesen Gebieten geographisch aus? Vielleicht können Sie mir helfen. Ich habe keine gute Karte. Ich habe in Antiquitätenläden gesucht. Da gab es zwei Karten aus den 60er Jahren. Eine mit kyrillischer Schrift, das kann ich aber nicht lesen. Eine für die amerikanische Luftwaffe. Die war ohne Ortsangaben. Für die amerikanische Luftwaffe ist das wahrscheinlich nicht wichtig.

Anmerkung des Verfassers: Später habe ich festgestellt, dass zu den Orten, die im Prozess erwähnt wurden, sogar Artikel auf Wikipedia existieren.


http://refugeeslibrary.wordpress.com

Refugees' Library Vol. 10 - RojinD, Irak (deutsch)  

Rojin D. kommt aus Irak, ist kurdischer Herkunft und ist Jesidin. Rojin D. ist mit ihren zwei Kindern aus Irak nach Deutschland geflohen.

Refugees' Library Vol. 10 - RojinD, Irak (deutsch)  

Rojin D. kommt aus Irak, ist kurdischer Herkunft und ist Jesidin. Rojin D. ist mit ihren zwei Kindern aus Irak nach Deutschland geflohen.

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