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reflux magazin

#1

Sudelheft f端r den unbewachten Augenblick


Hier ist er. Der Angstschweiß ist trocken. Doch der unbewachte Augenblick. Die Couch wird wieder Couch. Wie Odysseus haben wir uns angebunden und trotzdem dringt durch die Watte dies an unsere Hörmuschel: In Schlaf und Traum ist man, wenigstens dem Anschein nach, in einem vom Wachen grundsätzlich verschiedenen Zustand. Wie wunderbar, beim aufwachen alles wieder an seinem Platz zu finden, ist doch der Moment des Erwachens der riskanteste des ganzen Tages, ein Schwebezustand

Editorial

reflux magazin

zwischen sich selbst, zwischen Wirklichkeit und ihrer Relativierung. Da sind wir. Die erste Ausgabe. Der Auswuchs unserer Vorstellung einer Zeitung, wie sie sein soll, im Schwebezustand zwischen Konzeptlosigkeit als Konzept und Sudelheft. Jede_r durfte sein Thema, seine Bilder, seine Gedanken einbringen, anbringen und durchbringen. Unsere verschiedenen Vorstellungen von Inhalt und Layout sind zusammengebracht. Doch wie im Erwachen ist dies nur der erste der immer wiederkehrenden Momente der Selbstkonstellierung und das Mindeste, was wir der alltäglichen Barbarei entgegenhalten können. Ziemlich zufrieden sind wir heute! Ahoi;


Inhalt

Leonard Tropf Grenzen __ S. fünf Robert Krahn Höhlenmenschen __ S. zwölf Christian Duque Ärsche der Karibik __ S. achtzehn

drei

Anton Cliff Herberts Freude __ S. dreißig Annika Mecklenbrauck Das Geheimnis des Familienglücks __ S. zweiunddreißig Thomas Victor Gorilla Gardening __ S. vierzig Interview: Torsun Burkhardt Ich war mal in einem Theater auf einem 12-Ton-Konzert __ S. vierundfünfzig Clemens Böckmann Bloom __ S. neunundsechzig Constanze Kresta & Thomas Victor Über die Entstehung des Fußpilzes / der Perücke __ S. siebenundsiebzig

Impressum


#1

Grenzen

f端nf

Fotos: Leonard Tropf


sechs


neun


zehn


#2

Höhlenmenschen Text: Robert Kr Krahn

Hausfront wohl nicht viel mehr als 5 qm². Doch wenn man hinein geht, erstreckt sich vor einem eine geräumige Wohnung die mindestens 50 qm² groß ist. Pedro wohnt in einer Höhle. Er hat kein gebautes Dach. Pedro steht draußen und schaut über das Tal und den gegenüberliegenden Berg. Der Vormittag beginnt die Hügel mit Licht zu überziehen. Pedro raucht. Deshalb steht er hier draußen. Drinnen ist tagsüber Rauchen verboten. Pedro raucht viel. Er raucht mehr Gras an einem Tag, als man sich vorstellen kann. Er fährt sich mit der Hand

schmeißt die Restzigarette ins Gebüsch und geht w i e d e r rein. Die Tür ist auf jeder Seite jeweils umgeben von einem Fenster. Z u s a m men aber

Das hat alles die Natur so zurück gelassen. Der Stein ist ausgesprochen weich, so dass er sich relativ leicht bearbeiten lässt, trotzdem aber hart genug um in einer Form zu verharren. Dadurch sind hier in den Bergen viele Höhlen entstanden. Mitte der neunziger Jahre wurde die Wohnform auch außerhalb der näheren Umgebung populär und viele Aussteiger, Ausgestoßene und solche, die sich so fühlen wollten, kamen hier

durch seinen riesigen Bart,

hat

her um sich ihren

die


vom Eigendoch noch erfüllen. die Jah-

re ist so eine recht ungewohnte Mischung aus Menschen entstanden. Trotz der offensichtlich großen Unterschiede, hat sich ein geschlossenes System der Nachbarschaft entwickelt. Pedro steht vor dem Spiegel und betrachtet sich. „Ich sehe aus wie Osama bin Laden“, er lacht, „das wäre wirklich gut. Dann hätte ich was zu tun. Würde mal denken, ich wäre auf der Flucht.“ Er hat früher für das lokale Fernsehen gearbeitet, ist als Kameramann zu den Leuten

besitzt er schließlich auch. Seine Freundin schweigt. Sie hat wohlhabende Eltern und die haben die Höhle damals für ihre Tochter gekauft. Es ist gemütlich. Viele von den ‚richtigen‘ Häusern sind im Winter extrem kalt, da der Wind durch die schlecht isolierte Fenster zieht. Das kann hier nicht passieren. Die Wohnung hat nur zwei Fenster. Alle an-

dreizehn

Traum heim zu Über

gefahren und hat seine Aufnahmen gemacht. Vor fünf Jahren haben sie ihn dann entlassen und seit dem sitzt er zu Hause und raucht. Seine Familie kommt vom Land und wünscht sich immer, dass er zu ihnen zieht, endlich den Hof übernimmt. Aber hier hat er alles was er braucht. Sie sind etwas konservativ, sagt er. Dabei ist ihm wichtig, dass er eine Freundin hat, mit der er Kinder haben wird, und ein Eigenheim

deren Räume, weiter hinten, sind nur dank der Erfindung der Elektrizität bewohnbar. Gleichzeitig werden die Höhlen im Sommer nicht zu warm. Die Hitze prallt am Berg ab. Pedro raucht wieder. Ein Nachbar kommt vorbei und zeigt voller Stolz sein neues Tattoo. Er hat sich den Namen seiner Tochter auf den Hals tätowieren lassen. Auf der anderen Seite steht schon der seines Sohnes. Was er wohl macht, wenn er noch ein Kind bekommt. Pedro fragt, aber der Mann lacht nur und geht weiter den Berg rauf. Dort oben sind die Höhlen ohne Genehmigungen. Wer ein Eigenheim will, aber es sich nicht


leisten

kann,

zieht

dort

hin. Die meisten dieser Unterkünfte sind tatsächliche Naturhöhlen, die von ihren Bewohnern meistens bloß von innen verputzt wurden. Manchmal kommt die Polizei vorbei, um die Menschen zu vertreiben. Doch der Berg ist `wie ein Käse`. Es gibt überall neue Höhlen und so ziehen die Menschen weiter.

Pedro sieht den Berg hoch und schüttelt den Kopf. Ihm wurde vor kurzem sein Laptop aus der Wohnung geklaut. Das Verhältnis mit denen `da oben` ist ambivalent. Man teilt das selbe Schicksal und doch sind die Wohnung hier eben bei den Behörden akzeptiert und eingetragen als Wohnungen. Dadurch rückt man wieder ein Teilstück näher an die Stadt. Eine Nachbarin kommt

Es sind Familien mit Kindern, Punks mit ihren Hunden und Leute, die Wohnen als Kunstprojekt betreiben. Hin und wieder kommt es zu Streit. Das hört man dann den gesamten Berg runter. Es wird geklaut. Einige Höhlen haben Strom. Andere haben nicht einmal eine Tür und so leben mindestens genauso viele Hunde in den Höhlen wie Menschen. Sie sitzen vor den Eingängen und schlagen an sobald sich

vorbei. Eigentlich ist man hier immer willig, ein kurzes Gespräch zu führen. Heute ist sie aber in Eile. Sie muss pünktlich auf dem Amt erscheinen, um sich Geld geben zu lassen. Kommt man zu spät glauben die, man arbeitet irgendwo. Aber so kommt man über die Runden. Andere vermieten Teile ihrer Höhlen an Touristen. Die sind renoviert und mit Teppichen wird der Boden warm und weich gemacht. Zwei Tage darf dann das Gefühl des Besonderen entstehen. Anderen dient die Umgebung zum Selbstzweck. Sie haben sich entschlossen zu Künstlern zu werden. Auf einmal macht jeder kleine Figuren aus altem Stahl oder malt bunte Bilder von den Bergen. Wer hier behauptet, mit Kunst nichts zu tun zu haben, wird schnell merkwürdig

etwas der Höhle nähert.

angeschaut.


fünfzehn Pedro raucht. Seine Freundin dreht Kurzfilme, bei denen er manchmal die Kamera übernimmt. Aber eigentlich ist er ganz zufrieden, mit dem was er ansonsten macht. In einer Höhle wohnen.


Fertige Typen mit speckigen TĂźten ~ pressen matschige FĂśten zu Brei


Speckige Tüpen mit Tyten voll Fett ~ preisen die tägliche Barberei

Illustrationen: Fernando Vivas Márquez


#3

Ă„rsche der Karibik. Text: Christian Duque Du


zwanzig

An der kolumbianischen Karibikküste schwören junge Männer seit Generationen auf den Koitus mit Eseln – und preisen die Vorzüge des Geschlechtsverkehrs mit dem Tier. Zoosexualität oder Zoophilie gibt es seit Jahrtausenden auf allen Kontinenten – und kommt langsam aus der Tabuecke.


Viele Tage später, in seinem heimischen Bett, musste er sich an jenen Tag erinnern, als der junge Mann an der kolumbianischen Karibikküste es mit einer Eselin trieb. Das Erstaunen muss wohl zwangsläufig groß sein: Ein erwachsener junger Mann nähert sich einem an einen Baum gebundenen Esel, streichelt ihm übers Hinterteil, entledigt sich kurzerhand seiner Hose und…. Westlich sozialisierte Reisende berichten jedes Mal über ihre Sprachlosigkeit, wenn sie die sexuellen Gepflogenheiten der kolumbianischen Küstenregion kennen lernen dürfen. Hier, zwischen karibischem Meer und den nördlichen Ausläufern der Anden, ist es für junge männliche Heranwachsende eine willkommene Schule, ihre ersten sexuellen Schritte gemeinsam mit einer Eselin oder auch einem Esel zu tun. Viele bleiben ihrem tierischen Partner auch noch bis ins hohe Alter treu und schwören auf den hohen Wärmegrad der Esel´chen Vagina, zuweilen mit Wissen der toleranten Ehefrau. Für die jungen Kerls, denen, insbesondere in den religiös geprägten Dörfern möglichst lange Enthaltsamkeit gepriesen wird, ist die Alternative des sexuellen Kontakt mit einem Tier die Möglichkeit, erste Erfahrungen außerhalb der Masturbation zu machen, ohne dass das religiöse Diktum des vorehelichen Geschlechtsverkehrs all zu früh verletzt wird. So manch einer behauptet gar, wer es zuerst mit einer Eselin treibe, sei später besser im Bett, auch weil sein Gemächt sich um einiges vergrößere. Es mit einer Eselin oder einem Esel zu treiben ist seit Generationen fest in der Kultur der Costeños verankert, so sehr, dass kolumbianische Anthropologen und Kulturwissenschaftler mittlerweile Kongresse zum Thema abhalten. Das Lustobjekt Esel hat auch Einzug in die kolumbianische Literatur erfahren. Der kolumbianische Poet Raúl Gómez Jattin, ein erfahrener Mann in Sachen kolumbianischen Landlebens, Drogenkonsums und Zoophilie, schrieb einst das Gedicht „Te quiero, burrita“ (Eselein, ich mag dich).


Darin heißt es mit unverkennbarem machistischem Unterton: "Ich mag dich Eselein, weil du weder quasselst noch dich beschwerst / willst kein Geld / noch weinst du / nimmst mir meinen Platz in der Hängematte nicht weg / wirst nicht rührselig / seufzt nicht wenn ich komme…“. Aber Zoophilie, die sexuelle oder emotionale Bindung zu einem Tier, ist kein Phänomen, dass ausschließlich hinterm Wald zu finden ist. Vielmehr zieht sie sich kreuz und quer durch Geschichte und Kulturen der Menschheit. Sind in Nord-Kolumbien Esel das Objekt der Begierde, können es andernorts, je nach Verfügbarkeit und Bedeutung der Tiere im jeweiligen Kulturkreis Schafe, Kamele, Ziegenböcke, Affen oder Rinder; in der westlichen Zivilisationen besonders das allseits beliebte Haustier Hund sein. Dabei galt lange die These, dass sexueller Kontakt zu Tieren als Ersatz dient, wenn der Gattungsgenosse nicht zur Verfügung steht bzw., wie im kolumbianischen Fall, ein Ausbüchsen aus den religiösen Wertvorstellungen nur an den Dorfgrenzen möglich ist. Von dieser utilitaristischen Annahme aber fühlen sich jene “Zoos”, wie sich Zoophile selbst nennen, auf den Schlips getreten, die von einer innigen, nicht notwendigerweise sexuellen Liebesbeziehung zu einem Tier sprechen. Der Autobiografische Roman “Horseman - Obessions of a Zoophile” von Mark Matthews ist eines der wenigen Zeugnisse davon und hat es zu einem gewissen Kultstatus gebracht. Dabei ist Zoophilie ein alter Hut. Schon Höhlenmalereien aus der Bronzezeit zeigen entsprechende Szenen. Aus der Antike sind vielfältige Zeugnisse von ausgeprägten Mensch-Tier-Kontakten, von der griechischen Mythologie bis hin zu römischen Zoophilie-Bordellen bekannt.


dreiundzwanzig

Zoophile Praktiken galten und gelten bis heute vor allem in polytheistischen und Naturreligionen als heilsbringend und deshalb religiös geboten, da Tiere dem Menschen Kräfte zu vermitteln vermögen (vor allem Fruchtbarkeit und Gesundheit), über die er von sich aus nicht grundsätzlich verfügt. In monotheistischen Religionen ist der sexuelle Kontakt zu

Tieren jedoch bis heute geächtet. So sorgte die Relevanz der Bibel dafür, dass Zoophilie über Jahrhunderte in den christlichen Gesellschaften unter Strafe gestellt war, bis ins 19. Jahrhundert zum Teil gar mit dem Tode bestraft wurde. Heute gilt Zoophilie psyschologisch als Paraphilie, also als eine von der „empirischen Norm“ abweichende, gestörte Sexualpräferenz, und steht in vielen Ländern


der Erde offiziell unter Strafe. In Deutschland war die Sodomie, so die antiquierte Bezeichnung „unzüchtigen widernatürlichen Verhaltens“, bis 1969 verboten. Heute sind sexuelle Handlungen mit Tieren grundsätzlich erlaubt, so lange dem Tier nicht nachweislich Leid und erhebliche Schmerzen zugefügt werden. Tierschutzorganisationen laufen seitdem Sturm gegen die deutsche Gesetzgebung: Sex mit einem Tier verletze die Würde des Tieres, da es zwecks sexueller Befriedigung missbraucht werde und dabei Schmerzen erleide. Solle das Tier etwa Anzeige wegen Vergewaltigung erstatten, fragt der User eines Internet-Forums provokativ. Soweit die ethisch-moralische Argumentation, die auch immer auf jene Extremfälle verweist, bei denen sich Menschen an toten Tieren vergehen (sog. Nekrozoophilie). Religiöse Kritiker bringen, ähnlich der Homosexualitätsdebatte vor, dass Sex mit Tieren unnatürlich, also „als von der Natur bzw. von Gott nicht vorgesehen“ sei. Darauf wiesen schon die physiologischen Barrieren hin.

Durch die zunehmende Verbreitung des Internets trauen sich die “Zoos”, anonym über ihre emotionale und sexuelle Beziehung zu sprechen. Wohl auch deshalb hat sich die Wissenschaft in den letzten zwei Jahrzehnten des Themas vermehrt angenommen. So widerspricht der niederländische Biologe Midas Dekkers den religiösen Kritikern, indem er darauf verweist, dass Mechanismen, die diese physischen Barrieren umgehen, ebenso „natürlich“ seien. Geschöpfe, die sich mit Angehörigen einer anderen Gattung paaren können oder gar


fünfundzwanzig wollen, seien weder unnatürlich noch diese Wesen in irgendeiner Weise verdorben, sondern selbst Teil der Natur. Die Sexualtherapeutin Hani Miletski schreibt in Understanding Bestiality and Zoophilia, dass es sich bei der Zoophilie, wie bei Hetero- und Homosexualität, um eine sexuelle Orientierung (Zoosexualität) handele und nicht notwendigerweise und nur in Ausnahmefällen um einen Ausdruck von Aggression oder Dominanz.

Von all diesen Studien und Debatten bekommen die Bubis an der kolumbianischen Karibikküste wenig mit. Der katholische geprägte gesellschafltlich-normative Druck sorgt für eine kichernd vor den Mund gehaltene Hand, wenn sie auf ihre „Eseleien“ angesprochen werden; und auch bei weitem nicht alle Älteren goutieren sich an ihrem Esel mit Kenntnis der gesamten Dorfgemeinschaft. Doch Kapitalisierung und die anonymen Weiten des Internets lassen auch diese Barrieren in Kolumbien langsam fallen. In einigen Regionen hat sich mittlerweile eine regelrechte Dienstleistungsökonomie entwickelt: Regelmäßig sammelt jemand die Heranwachsenden des Dorfes gegen eine Gebühr ein und bringt sie auf ein abgelegenes Landgut. Der ansässige Landwirt stellt seine Eselhorde zur Verfügung, es herrscht Selbstbedienung und freie Auswahl.


Danach gibt´s Eintopf für alle. In Internet-Foren outen sich auch viele Städter als Eselsfreunde und tauschen ihre Erfahrungen aus. Besondere Reputation scheint dabei der burro chancletao zu genießen. Man binde dazu dem Esel eine Kordel um die Hoden und halte die Kordel durch das Befestigen des anderen Endes unter einem Fuß unter Spannung. Ein Schlag auf das Hinterteil des Esels veranlasse, so die Beschreibung, das Tier zum Zusammenkneifen des Hinterteils. „Man sieht den Himmel“, beschreibt einer das extatische Gefühl. Die Pfaffen können also beruhigt sein. Ein Rest katholischen Weltbildes scheint sich noch bewahrt zu haben.


siebenundzwanzig Illustrationen: Constanze Kresta


neunundzwanzig


#4

Herberts Freude Text: Anton Cliff

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#5

Text: Annika Mecklenbrauck

Die biologische Uhr der Frau tickt. Spätestens mit Mitte 30. Dann will sie meistens ein Kind: sich reproduzieren, um den Nachwuchs kümmern, die Familie, wenn sie es denn bis dato noch nicht war, in eine feste, unumstößliche Richtung bringen. So suggeriert die Gesellschaft, durch die Medien transportiert, die Wünsche der Frau. Illustration: Fernando Vivas Márquez


dreiunddreißig

nie heimlich vom Prinzessinnen-Sein, von der Traumhochzeit in Weiß, vielen Kindern und - wenn überhaupt - einem Halbtagsjob. Ich träumte immer heimlich davon, auch in einer dieser coolen Bands zu sein, in denen nur die Jungs aus meinem Dorf waren. Davon, ebenso gut Skateboard fahren zu können wie all die Jungs. Und ich träumte davon, einen aufregenden Job zu haben, der mich an viele Orte der Welt verschlägt und mich mit vielen aufregenden Menschen zusammenbringt. Meine Uhr tickte nicht. Nicht mit 25. Und ich bezweifle, dass ich diese biologische Uhr mit 40 hätte ticken hören. Mein Freund und ich waren uns einig: Kinder passen nicht in unser Leben. Wir wollten Reisen, Zeit haben für was auch immer wir wollten, ungebunden sein, Karriere machen. Und überhaupt. Kinder waren nie so unser Ding. Ich träumte in meinem Leben

Nun bin ich 27 und habe eine zweijährige Tochter. Das war nicht geplant. Geplant war ein halbjährlicher Aufenthalt in Ecuador mit meiner besten Freundin zwecks gemeinsamer Feldforschung für die anschließende Magisterarbeit. Nach drei Wochen in Ecuador lag ich unter Palmen in einer Hängematte und machte einen Schwangerschaftstest, da mir seit mehreren Tagen unwohl war, Schwin-


fünfunddreißig delattacken meinen Tag begleiteten und meine Regel ausblieb. Dieser Test war positiv. Das bedeutete für mich, ein Zellklumpen war in meinem Innersten angelegt, der sich rasend schnell zu einem Kind, einem echten Menschen entwickeln würde. Meine Freundin schaute mich an und sagte: ,Tja Annika, dann brauchst Du jetzt wohl eine Wickelkommode”.

sozialen Umfeld zu verschwinden, nur noch über die Konsistenz der Windelablagerungen zu philosophieren, in einer Drei-Zimmer-Wohnung zu wohnen und sich auf die Warteliste d e s nächstgelegenen Schrebergartenvereins setzen zu lassen.

HA!

Das Ergebnis dieses einschneidenden Tages war ein Rückflug nach Deutschland, der Umzug von meinem Studienort nach Köln zu meinem Freund, die Geburt unserer Tochter acht Monate später und, ja, ein Wickeltisch. Wir hatten uns für dieses Kind entschieden. Warum? Darum. Wir haben einfach ja gesagt. DENN: Wir dachten, unser Leben ändert sich deshalb nicht. Wir bekommen ein Kind und werden trotzdem so weiterleben wie bisher. UNI beenden, in einer WG leben, Reisen, abends ausgehen usw. Einfach eine coole, urbane, hippe Familie werden, die der Welt zeigt, dass ein Kind bekommen

Drei Wochen nach der Geburt begab ich mich mit schmerzenden Still-Brüsten an den Schreibtisch, um meine Magisterarbeit zu Ende zu bringen und mein Freund ging wieder zur UNI, um in diesem Semester wenigstens ein paar Scheine zu machen. Nachts haben wir das schreiende Kind abwechselnd durch die Wohnung getragen, tagsüber versetzt gearbeitet und das Kind gehütet. Ich habe alle drei Stunden gestillt. Abends saßen wir in unserer 6er-WG noch wenigstens ein, zwei Stunden bei unseren Mitbewohner_innen, weil wir es nicht

nicht zwangsläufig bedeutet, aus dem

zulassen wollten, um acht Uhr abends


Mein hühnchen macht nicht gack, gack, sondern kack, kack...

mit dem Kind ins Bett zu fallen. Nach kürzester Zeit waren wir beide völlig überlastet und übermüdet. Der Plan, weiterhin am Puls der Zeit zu leben, jeden Abend bei einem Bierchen mit den studier e n d e n Mitmenschen zu sitzen, spontan irgendjemandem oder irgendetwas zuzusagen, war gescheitert. Ich hatte das Gefühl, dass mein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben

mit der Geburt des Kindes ein zwangsläufiges Ende habe haben müsste. Denn so erschien und begegnete es mir ab jetzt überall. Jede junge Familie um mich herum schien den Fokus ihres Lebens ausschließlich auf interne Strukturen der Eltern-Kind-Beziehung zu richten. Natürlich sinkt das Zeitkontingent mit Kind drastisch, gerade bevor es in die Krippe/in den Kindergarten kommt. Doch spätestens nach dem Abstillen, wenn frau wieder klar denken kann, müsste doch eigentlich die Erinnerung an die Themen, die einem Einst wichtig waren, wiederkommen.


Kurz nach dem ersten Geburtstag meiner Tochter beendete ich mein Studium erfolgreich. Nun wollte ich so schnell wie möglich in die Arbeits-

sein widerspricht so ziemlich allem, was (meistens) Mann mit Kindern verbindet. Im Klartext heißt das, dass zuallererst die Bewerber_innen eines Jobs eine Chance bekommen, die keine Kinder haben. Bei einer Frau mit Kind wird immer davon ausgegangen, dass sie ständig nicht zur Arbeit erscheinen wird, da Kind krank ist. Außerdem ist die "Gefahr" einer erneuten Schwangerschaft ebenso groß. Dann lieber den Bewerber, die Bewerberin, der/die keine Kinder hat, bereits die ganze Welt bereist und bei Hinz und Kunz erst (unbezahltes) Praktikum gemacht, dann gearbeitet hat.

welt eintauchen, damit ich den Anschluss an diese nicht verliere. Und ich wollte arbeiten. Ich wollte nicht Tag ein, Tag aus zu Hause sitzen, den Haushalt schmeißen, kochen, putzen, einkaufen und nachmittags mit dem Kind auf den Spielplätzen dieser Stadt andere Muttis treffen und Sandburgen bauen. Mein Kopf brauchte Futter. Also begann ich mich zu bewerben. Bei verschiedenen Stellen. Alles Jobs, in denen man flexibel, spontan und bereit sein muss zu reisen. Alles klar. Das war mit meinem Freund abgesprochen. Er kümmert sich um das Kind, wenn ich arbeite. Das interessierte die Arbeitgeber leider überhaupt

Bei einem Mann wird ein Kind bei einer Bewerbung positiv bewertet. Er wird als ein verantwortungsbewusster, sozialer Mensch wahrgenommen. Um das Kind wird sich bestimmt die Frau kümmern. Ist auch normal. IST JA AUCH NORMAL? JA! Es ist immer noch normal. In den allermeisten Familien, die ich kenne, geht der Mann arbeiten und die Frau

nicht. Flexibel und spontan

ist zu Hause oder

Wie geht es meinen Freund_innen, gibt es ein gutes Konzert in meiner Stadt, und in welchem Bereich möchte ich nach meinem Studium arbeiten. ARBEITEN?


siebenunddreißig verdient ein paar Euros durch einen Halbtagsjob aber

genau

dazu.

Dieser

Job

durchgerechnet

muss

werden,

denn nicht selten entstehen dadurch fast

mehr

Abgaben

an

Steuern,

für

die Kita usw., dass es sich in vielen Fällen für die Frau nicht lohnt,

Milchschaumberg ihres Latte to go.

arbeiten zu gehen. Einen Vollzeitjob

Trotzdem sollen beide Eltern Geld ver-

anzutreten kommt bei Kindern unter

dienen. Im Beruf erfolgreich, gleich-

drei Jahren eh nicht in Frage, da es

zeitig als liebevolle Eltern zu Hause

Ganztagsbetreuungsstellen so oft gibt

präsent sein. Dieses Erwartungsbild

wie

der Gesellschaft an die Frau und auch

Frauen

in

Führungspositionen:

DEFINITIV ZU WENIG!

zunehmend an den Mann ist kaum zu erfüllen. Die Mütter haben es aber noch

Nach der erfolgreichen Einsicht in

schwerer als die Väter. Denn die ge-

diesen Missstand, ist die Frage da-

leistete Arbeit der Frau zu Hause und

nach viel wichtiger, was es für eine

im Job ist normal, die des Mannes wird

Lösung für dieses Problem gibt?! Bei-

hervorgehoben. So sind viele Bekannte

de Elternteile wollen arbeiten, am

und Freunde nach der Geburt auf mich

liebsten so viel, wie sie wollen. Das

zugekommen und bemerkten, was ich für

bedeutet eine ganztägige Abgabe des

einen tollen Freund habe, der sich

Kindes in einen Hort oder Kindergar-

so großartig um die Familie kümmere,

ten oder bei einer Tagesmutter oder

das Kind hüte, koche, putze usw. Da-

bei den Großeltern oder alles zusam-

raufhin sprach ich meinen Freund an,

men. Das wiederum kommt nicht gut an.

ob denn auch so viele Leute ihn auf

Beide Eltern ständig weg. “Warum be-

die tollen Leistungen meiner Person

kommen die dann überhaupt Kinder”?

bezüglich der Familie ansprachen. Er

Nuscheln viele beruflich erfolgrei-

guckte mich an wie ein Auto. Hatte

che,

natürlich keine_r gemacht.

kinderlose

Erwachsene

in

den


weg, dass eine Betreuung durch diese ebenfalls wegfällt. So müssen die Betreuung fast ausschließlich die Eltern übernehmen. Das ist ein großes Problem. Ich sehe in der Gemeinschaft eine Möglichkeit, selbstbestimmter, flexibler und unabhängiger mit Kind zu leben. Denn wenn die äußeren gesellschaftlichen Umstände es nicht erlauben, dem Rollenbild als Frau und Mutter zu entsprechen, so gibt der Zusammenschluss mehrerer Menschen in einem Wohnprojekt die Möglichkeit, in Strukturen einer Großfamilie Verantwortung abzugeben und gleichzeitig Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen. DENN: Das Leben mit Kind hört nicht auf. Es bereichert und erweitert den persönlichen Horizont.

achtunddreißig

Welche Lösung bietet sich also an für das Problem, arbeiten zu wollen und trotzdem Mutter zu sein? Lassen sich die richtigen Windeln im Falschen wechseln oder müsste das primäre Ziel nicht die Gesellschaftsordnung, ihr Empfinden und ihre Erwartungen gegenüber Familienstrukturen und Frauen sein? In unserer individualisierten Gesellschaft wird es als schwierig empfunden, Verantwortung abzugeben. Wir leben in den meisten Fällen innerhalb einer Kernfamilie und müssen mit allen Widrigkeiten alleine fertig werden. Tut man sich während des Studiums noch mit mehreren Menschen zusammen, um in einer WG zu leben, so gibt man diese Lebensform spätestens mit der Geburt eines Kindes auf. Oma und Opa wohnen häufig so weit


Illustrationen: Constanze Kresta


vierzig

#6

Gorilla Gardening Fotos: Thomas Victor

Das urbane Glücksversprechen täuscht uns schon lange nicht mehr. Die Städte werden nicht schöner, sondern möglichst lukrativ verbaut. Beton ist dabei wohl das häufigste Material, welches man zu Gesicht bekommt. Doch Vorsicht. Der Gorilla geht um!


dreiundvierzig


vierundvierzig


siebenundvierzig


neunundvierzig


einundf端nfzig


vierundfünfzig

#7

“Ich war mal in einem Theater auf einem 12-Ton-Konzert.” Interview mit: Torsun Bur Burkhardt

Wozu Anleser, wenn es um Drogen und linke Gewalt geht. Wir trafen uns mit Torsun, Sänger, Produzent und Urheber von Egotronic, um über Musik, sein Buch und linksradikale Hasskultur zu sprechen. Geraucht wurde heimlich am Fenster.


L: Egotronic hat mittlerweile die fünfte Platte rausgebracht. Von Anfang an war das dein persönliches Projekt, die Bandmitglieder haben hin und wieder gewechselt. Ist Egotronic von der Kunstfigur, oder besser, dem Gesamtkunstwerk Torsun loszulösen? T: Ne, isses nicht. Ich hatte ewig in regulären Bands gespielt und dann irgendwann gesagt: ich mach die Musik jetzt alleine und ich mach sie elektronisch. Daher auch der Name Egotronic. Auch jetzt gehen noch immer 90 oder 95 Prozent des musikalischen Outputs auf meine Kappe, von daher ist das nicht zu trennen. Es ist mein Baby, das war es von Anfang an, und das wird’s auch immer sein. Für die letzten beiden Platten war Endi, der seit 2007 dabei ist, ab und zu auch mal mit im Studio und hat ein paar Sachen eingespielt. Das ist das erste Mal gewesen, dass ich nicht alles selbst gemacht habe. L: Na ja, ich zielte mit der Frage auch ein wenig auf deine Umtriebigkeit im Internet, du machst da ziemlich viel. T: Ja L: Auf deiner Facebook-Seite und deinem Blog gibst du viel von dir und deinem Privatleben preis. Gekrönt wird diese leicht mystifizierende Selbstdarstellung jetzt durch das Buch im Ventilverlag. Würde Egotronic mit einem introvertierten Künstler funktionieren, mit jemandem der nur durch seine Musik in Erscheinung tritt? T: Das glaub ich nicht. Das gehört schon irgendwie zusammen, denn Egotronic ist für mich so ein typischen web2.0-Produkt. Ich hab früh angefangen zu bloggen und man hat gleich gemerkt, wie dann das Interesse an der Band angezogen hat. L: Ich hab mal bei blogsport.de in die top ten geschaut, da bist du.. T: ...immer eigentlich unter den top ten. Außer ich mal eine Woche nix. Manchmal rutscht es auch erst nach nem Wochenende raus, aber das spricht für meine Leser (lacht). Die Leute mögen, dass sie immer so viel mitkriegen von der Band, Hörproben oder

sechsundfünfig

L: Was sind die Grenzen des guten Geschmacks für dich? T: Ui, Das kann ich gar nicht beantworten. Ich glaube meine Schamgrenze ist relativ weit oben, oder je nach dem relativ weit unten. Wir nannten das immer Niveaulimbo bei uns. Also ich glaube, ich kann ziemlich viel ertragen. Auch an schlechtem Geschmack. Ich mags zum Teil sogar richtig.


anderes Zeugs, und das Gefühl haben, dabei zu sein. Ob das alles wahr ist, was ich auf meiner Facebookseite poste, das steht auf nem ganz anderen Blatt. Es ist sogar so, dass ich manchmal morgens aufstehe und mir eine Stimmung für den Tag erfinde. Also, es ist nicht alles wahr, vieles aber schon. Und das machts eben aus. L: Das ist auch Teil dessen, was man als „Phänomen Egotronic“ beschreiben könnte. Vor 2007 hat euch, losgelöst von der Szene, kaum jemand gekannt, dann seid ihr zu Audiolith und es ist mehr oder minder explodiert. Irgendwie ein doppeltes Phänomen. Einerseits eine kleine Erfolgsgeschichte: ohne dicke Medienunterstützung, ohne Majorlabel dahinter, wird Egotronic zum veritablen Renner und Zugpferd von Audiolith... T: Ist es gewesen, bis Frittenbude kam. L: Und auf der anderen Seite, eine irgendwie linke Band die trotzdem hedonistisch ist, und irgendwie ist es peinlich wenn man hingeht, oder nicht hin geht, weil die Musik vom Feierkontext losgelöst nicht mit 12Ton-Mukke vergleichbar ist, T: Ja ne, na klar! L: Und trotzdem immer in einem korrekten Rahmen, keine Entgleisungen T: Ja wir kommen halt aus der Szene heraus. Ich war auch überrascht, also ganz im Ernst, als das 2007 mit der zweiten Platte plötzlich so groß wurde. Damit hatte ja keiner gerechnet, wir hatten damit nicht gerechnet. Die Wintertour davor, also 2006/2007, die war schon o.k. Zum Auftakt der 2007er Tour hatten wir dann einen 300er Club gemietet, der war proppe voll und es standen nochmal so viele Leute davor und kamen nicht mehr rein. Zur zweiten Show in Leipzig kamen 500 Leute und wir haben uns gedacht, was ist denn jetzt eigentlich passiert. Bis heute ist uns das immer noch nicht ganz klar. Wie du schon sagtest, vorher war es ein reines Plusszenending, und plötzlich ist es darüber hinausgegangen. Ich habe öfters drüber nachgedacht und versucht zu rekapitulieren, aber es bleibt unerklärlich. L: In der linken Szene, die du ansprichst, lief ja immer nur Hardcore... T: Genau...


achtundfünfzig L: Oder je nach Szenenausrichtung auch mal Reggae, Ragga, Dancehall... T: Ja genau... L: Schreckliche Weltmusik oder irgendwie sowas. Aber Egotronic war ja dann die erste Band, die Techno in die linke Szene oder die linke Szene in den Techno gebracht hat. T: Ja, das stimmt. L: Stellt sich die Frage, warum elektronische Musik plötzlich funktioniert hat? T: Das habe ich mich auch gefragt. Das Ding war, ich bin früher in den 90ern fast ausschließlich in den AZes rumgerannt. Die Musik dort ging mir schon damals auf den Sack. Und dann bin ich nach Demos einfach oft ins Omen gefahren, also nach Frankfurt zum Technotanzen, und eben nicht auf die AZparty gegangen. Ich dachte, die Partys sind besser, die gehen länger, und ich fand elektronische Musik wesentlich geiler. Ich war dann sehr verwundert, als wir 2001 das erste Egotronickonzert in der Gieszerstraße in Leipzig gespielt haben, vor uns fünf crustbands. So wirklich wie du dir das vorstellst, klassisch, fünf übelste Crustbands. Und dann sind wir als sechstes auf die Bühne und haben mit so fieps-Geräuschen und was weiß ich (lacht) angefangen, und die Leute sind total drauf losgegangen. Bis dahin hattest du bei den Konzerten immer nur kämpfende Männer in den ersten Reihen, und plötzlich kam da eine Band daher, und die Leute haben getanzt und sich nicht vorne die Fresse eingeschlagen und sich geprügelt, es wurde ganz anders. Ich glaube, die Leute haben erkannt, dass die Stimmung damit eine ganz andere war und sie trotzdem noch politische Texte finden konnten. Für mich war das total geil, denn ganz am Anfang wollte uns ja niemand buchen, weil alle dachten, Elektronik, das ist irgendwie böse. Plötzlich wurde das aufgebrochen. Aber warum, das weiß ich auch nicht. Ich glaub ich muss heute ganz oft sagen, ich weiß es nicht. L: Wo du gerade von der veränderten Stimmung gesprochen hast, davon, dass ihr keine kämpfenden Männer mehr vorne hattet, sondern tanzende Menschen... Ich fand es ganz schön im Club zu beobachten, dass es eine entspannte Atmosphäre war. Man hatte nicht das Gefühl, dass jemand übergriffig sei, oder ekelhaftes Mackertum dort stattfände. Aber ich habe mir dann mal die ganzen Audiolithacts angeschaut, und das sind ja, bis auf Ira Atari, auch nur Männer. Da ist mir dieser auf Subkulturen bezogenen Buchtitel durch den Kopf


geschossen „Where the girls aren‘t“. Denkt ihr darüber nach? T: Ja, total, da wird auch bei Audiolith drüber nachgedacht. Das Ding ist halt, dass ganz wenige Frauen, die Musik machen, auch mal ans Label herantreten und sagen, hey! Ira Atari war die erste und tatsächlich bisher auch wahrscheinlich die Einzige, die Sachen geschickt und gefragt hat, ob mal ein Audiolith-Artist musikalisch was für sie macht. Rampue war dann der erste, und so kam sie bei Audiolith mit ins Boot. Wir fanden das alle total super. Ich frag mich auch immer...elektronische Musik kann jeder machen. Warum nicht auch Frauen? Ich weiß es nicht genau. Ich fände es sehr wünschenswert, wenn es viel mehr weibliche Acts gäbe, aber im Endeffekt ist Audiolith schon ein Männerverein. Aber es wird sich, und das weiß ich, weil ich sowohl Lars als auch Artur gut kenne, da schon auch Gedanken drüber gemacht... Ich nutz das mal als Aufruf an Frauenacts, Demotapes an Audiolith zu schicken und zu sagen hey, wir machen auch was. L: Aber mag das nicht auch mit der Attitüde zusammenhängen? T: Nee, Ira fühlt sich glaub ich, ganz wohl bei uns. Oder was meinst du an der Attitüde konkret? L: Wenn man sich diese harte Feierszene zum Beispiel in Köln anguckt, dann sind maßgeblich Männer daran beteiligt. T: Das ist in Berlin anders. Ich frag mich auch immer, warum das in den anderen Städten so ist, denn in Berlin, wenn wir unterwegs waren, waren wir immer eine durchmischte Gruppe. Auch das harte Feiern. Drei Tage, oder manchmal auch vier, wir waren immer eine durchmischte Gruppe. Ich weiß nicht, warum das nur in Berlin so ist. Da musst du auch mal in die richtig guten Clubs gehen. Da hast du echt ein ausgeglichenes Verhältnis in der Regel. Aber ist das wirklich so bei euch in Köln? L: Klar, wenn du in den Club gehst, ist das nicht so auffällig. Wenn man sich aber anschaut, wer macht die Partys, wer legt auf, wer ist da aktiv daran beteiligt, dann sieht man sofort, es sind 90% Männer. Djanes, Türsteherinnen, Clubbetreiberinnen sind klar in der Unterzahl. T: Es gibt auch in Berlin mehr Djs, vielleicht nicht 90


aber 60 Prozent, aber ich hab das Gefühl, dass die Frauenquote steigend ist. Gerade auch im About blank, die achten schon auch darauf. L: Stellt sich die Frage, was man von solchen Quoten halten soll. Natürlich gibt es eine unübersehbare patriarchale Vergangenheit. Aber inwiefern ist es sinnvoll, da aktiv gegenzusteuern ? T: Das wäre ja wieder ein Schritt weiter zur Unmündigkeit. Zu sagen, jetzt müssen wir euch das aufdrücken. In der berliner Clublandschaft, finde ich, entwickelt sich das ganz gut. Da wird es nicht aufgedrückt; ich finde es ja auch ein bisschen frustrierend, wenn immer nur Typen auflegen. Wenn wir unterwegs sind und spielen, und danach ist noch Party, spielen da wirklich fast ausschließlich Typen.

Ich habe mir dann überlegt, das Jahr 2007 zu rekapitulieren. Das fand ich selber ganz spannend. Weil es da den krassesten Einschnitt bei Egotronic gab und weil alle beteiligten aus dem Buch sagen, dass war einer der geilste Sommer in unserem Leben. Die Intention ist ein bisschen zweigleisig. Einerseits war es für mich wie auch für alle, die beteiltig waren, ein bisschen wie ein Tagebuch. Was haben wir damals eigentlich so gemacht? Das finden, glaube ich, viele von den Fans interessant. Andererseits ist Kulla noch mit ins Boot gekommen, der meine Sicht der Geschichte kritisch unterstützt, indem er die Leute in Interviews zu Wort kommen lässt. In seinem Vorwort, wie auch in der angehängten Bandgeschichte versucht er, den ganzen politischen Kontext, in dem sich Egotronic bewegt hat, darzulegen. Die ganzen Konflikte und Auseinandersetzungen, die es damals zwischen Antideutschen und Antiimps gab. Und das finde ich ganz geil, weil man dadurch den jungen Leuten diesen Kontext mal aufzeigt. Für uns war es immer wichtig, mehr als nur eine stumpfe Parole wie Raven gegen Deutschland zu plärren, wir steckten beziehungsweise stecken irgendwo drinn. Deswegen musste

sechzig

L: Zu dem Buch. Was ist die Intention dahinter? T: Eigentlich hatte ich das nie vor. Bis Lars Lewerenz auf dem Reeperbahnfestival 2009 meinte, ‚schreib doch mal ein Buch. Es gibt niemanden bei Audiolith der so stark polarisiert.‘ Ich dachte dann, warum nicht. Dann ist aber erstmal nichts passiert, Lars hat mir dann sogar noch einen Agenten vor die Nase gestellt, der meinte auch, „find ich super, mach mal“.


auch das Buch genau diese zweigleisigkeit bedienen. Also, sowohl genau das bedienen, was die Leute erwarten. Andererseits kriegen sie aber auch wirklich was mit. Kulla hat das sehr gut gemacht am Ende. L: Ich finde immer, über die Songtextparole funktioniert die Vermittlung von politischen Inhalten nur bedingt, genauso wenig wie über die Demoparole. Das Buch soll also ein bisschen gegensteuern? T: Genau. Das ist der Unterschied zwischen einem Song und einem Buch. Ein Song wird immer verkürzt sein. Du kommst über das Parolenhafte im Endeffekt gar nicht hinaus. Trotzdem bin ich früher durch Punkbands politisiert worden, die ein Unbehagen formuliert haben. Dadurch habe ich angefangen, mich mit Sachen auseinanderzusetzen. Das fand ich interessant. Ein Buch wiederum hat die Möglichkeit, wirklich etwas zu vermitteln und das hat Kulla gerade am Ende des Buches auch massiv versucht. Auch dieses Ding des selber etwas auf die Beine zu stellen. Mir war es wichtig, dass es nicht ein reines Feierbuch wird, aber auch kein reines Sachbuch. Wir haben versucht, den Spagat zwischen beiden zu machen. L: Zu den Feierabschnitten... Auf Facebook bezeichnete jemand das Buch als „Axolotl Roadkill für Antideutsche“. T: Es ist in sofern Blödsinn, als dass wir das gelebt haben, was da drin steht, im Gegensatz zu der guten Frau. Ich habe gar nichts gegen sie. Ich habe in das andere Buch mal reingelesen, aber ich fand es nicht besonders spannend fand. Vor dem Axolotl Roadkill gab es an Raveliteratur in Deutschland nur Airen, dessen Blog wir früher immer gelesen haben. Das erste Buch fasst sich ja aus seinem Blog zusammen. Was ich an beiden Büchern kritisiere (das von Airen habe ich ganz gelesen) ist, dass mitschwingt, die Leute seien scheiße drauf und nähmen deswegen Drogen. Das hat immer so ein moralisches Ding. Und das fällt bei dem Buch von Kulla und mir weg. Klar hatten auch wir Scheißlaunen, aber Fakt ist, das macht auch einfach Spaß. Und so etwas gibt es hier bisher überhaupt nicht und das fand ich immer total ätzend. Hier brauchst du immer den erhobenen Zeigefinger. Wenn du es liest, wirst du es feststellen, dass das der größte


Knackpunkt ist und deswegen ist es auch nicht einfach ein Buch für Antideutsche. L: Dabei wird es beim Feiern auch nicht nur schöne Momente geben. T: Das stimmt. Das kommt bei mir massiv drin vor. L: In Airens Strobo erscheint es so, als könne man so viele Drogen nehmen wie man will, dann wird alles toll und nichts schlimm. Genau diese Einstellung finde ich aber an der Feierkultur am schlimmsten, der Moment des Runterkommens, Einsamkeit, das wird immer ausgespart. T: Und das war in diesem Sommer eben so nicht. Da sind wir auch zusammen runtergekommen. Das hat immer so geendet, dass vier fünf Leute zusammen im Bett lagen und man praktisch auch noch zusammen runtergekommen ist. Im Buch ist das krasseste Beispiel das ultimative K-Hole [Anm. durch Ketamin ausgelöste 30 minütige Dissotiation]. Das war ganz heftig und ganz schlimm. Und das wollte ich auch darstellen. Sonst geht es immer nur darum zu glorifizieren, damit zu prahlen, wie viel man sich reinhauen kann, oder aber sich damit zu rechtfertigen, dass man so schlecht drauf ist. Finde ich ganz gut deine Beobachtung, dass das Negative oft ausgespart wird. Aber in dieser Crew, die auch in diesem Buch vorkommt, da wird echt aufeinander geguckt, weil es eben so etwas gibt und weil es natürlich passiert. Das war mir persönlich immer sehr wichtig, dass wenn ich mit jemanden ausgehe und einer abkackt, muss einer klar sein, muss einer gucken, dass er sich dann um den anderen kümmert. Man kann niemanden zurücklassen. L: Du schilderst auch eine Ecstasy-Überdosis auf der Fusion. Ist es wirklich eine gute Idee, diese mit Kokain zu behandeln? T: Lacht heee heee, ne! Aber es wirkt. L: Eure Fans sind zum Teil sehr jung und für viele werdet ihr irgendwie auch zu Vorbildern. Vielleicht kann nicht jeder, der das Buch liest, die Gefahr einschätzen? T: Das ist natürlich so ein Ding. Der Punkt ist aber, ich wollte mich beim Schreiben nicht auf so einen Gedankengang einlassen. Ich seh mich nicht als jemanden, der ein Lehrauftrag hat. Ich schreibe auf, was wir getan haben oder was wir tun. Ich will es nicht harmloser erfinden als es wirklich gewesen ist, nur weil ich einen moralischen Auftrag haben sollte,


dreiundsechzig

denn den habe ich nicht. Eine sehr gute Stimme zu dem Buch war die einer antideutschen Kommunistin aus Berlin. Sie fand gut, dass in dem Buch nicht steht, „wir sind so cool. Und das muss man alles machen“, sondern, dass es wie Alltag berichtet wird. Und so ist es auch. Es ist ja allgegenwärtig. Es passiert ja überall. Und ich wollte nicht ausfiltern. Ich schrieb das Buch nicht für einen 15jährigen Fan, in diesem Fall hätte ich es niemals geschrieben. Ich habe selber als Teeni solche Literatur gelesen, aber das hat mich nicht dazu verleitet, mich so zu zuhämmern. Ich denke, das ist immer noch die eigene freie Entscheidung von jedem. L: Wo du gerade die Antideutschen Kommunisten Berlin erwähntest... In dem Dokumentarfilm über Egotronic „Schlägerei zum Thema“, gehst du auf die 12-Ton-Musik Hörer und ihr Verständnis von Lustvermittlung ein. Ihr habt das dann widerlegt oder gedreht? T: Wir haben es nicht widerlegt. Aber wir haben gesagt, wir machen es halt anders. L: Adorno, auf den sich ja große Teile der Antideutschen – mittlerweile Ideologiekritiker – beziehen, bezog sich ja positiv auf 12-Ton beziehungsweise Neue Musik. Für Adorno gab es einen Grund, warum nicht das Spektakel oder die einfache Zerstreuung gesucht werden, sondern komplizierte Musik vorzuziehen sei. An der Stelle im Film zitierst du später Adornos kategorischen Imperativ, dass unser Denken und Handeln so einzurichten sei, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe. Allerdings hat Adorno an anderer Stelle gesagt, es sei barbarisch, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben. Beziehst du das in deine Musik mit ein? T: Nein. Das Lustige ist ja, bei den Antideutschen Kommunisten Berlin gab es damals wirklich diesen Konflikt. Einerseits fanden die Popmusik ziemlich scheiße. Anderseits haben die mitbekommen, dass da auf einmal eine Popband ist, die nicht so scheiße ist. Sie haben später erzählt, dass sie kurz überlegt hätten, mit uns ein Konzert zu machen. Haben es dann aber doch verworfen. Selbst die waren damals hin und her gerissen.


L: Genau das ließe sich ja als subtiler Mechanismus der Kulturindustrie auslegen. T: Könnte man so machen. Ich habe das damals ganz plump gesehen. Ich habe geschaut, wobei ich am meisten Spaß habe, und das waren minimale Technopartys. Also bin ich dahin. Klar, kannst du das im Endeffekt so sehen. Ich war mal in einem Theater auf einem 12-Ton-Konzert. Ich fand es eine halbe Stunde richtig geil und danach hat es angefangen mächtig zu nerven. Das wäre nicht meine Welt. Da funktioniere ich wahrscheinlich so wie ich soll. Das war für mich kein Genuss. Ich wollte gerne da raus, aber es lief noch. Ich habe mich durchgequält und das Ende ging mir dann wirklich auf den Sack. L: Das ist ja das Ziel... T: Ja genau. Scheiße. Ich bin dafür viel zu sehr auf Lustgewinn aus, als dass ich mich mit so etwas quälen wollte. Adorno habe ich ein wenig gelesen. Was ich aber wirklich viel gelesen habe, war Freud. Das fand ich spannend. L: Also steht die Lust bei Egotronic im Vordergrund, und nicht der Intellekt. T: Wenn du es so simpel brechen willst, dann ja. Kann

vierundsechzig

L: Laut Adorno schlachtet die Kulturindustrie noch das widerspenstigste, gegen sie gerichtete Element für sich aus. Bei den alten Egotronicsachen habt ihr Break Beats gemacht. Da hat sich für mich eine Allegorie aufgedrängt, je gerader der Bass wurde, desto stärker die Assimilation an die Kulturindustrie. Egotronic nur noch als der grelle Part des Normalbetriebs, mittendrin im Taumel. Nicht umsonst hat Audiolith von der Stadt Hamburg ein Preis gewonnen. T: Bei Egotronic war es so, dass man an den Platten schon immer gehört hat, was auch ich gerade gehört habe. Die erste Platte war noch mit ganz verfrickelten Beats und low fi sounds. Während der Arbeit an der Lustprinzipplatte war ich nur auf Techno tanzen, in Berlin ist alles immer minimaler gelaufen. Ich wollte zwar kein minimal machen, aber die Reduziertheit der Stücke ist vom minimal inspiriert. Das hat weniger etwas damit zu tun, dass ich den Anschluss gesucht habe, sondern mit der Musik, die mich beeinflusste. Genauso wie ich jetzt gerade wieder gerne Gitarrensachen höre, was man auf der neuen Platte ganz klar anhört. Feiern gehe ich trotzdem noch lieber auf Elektronik. Bei Egotronic gab es nie den festen Plan, dass wir so und so klingen, sondern es waren wirklich die Einflüsse.


man im Endeffekt wirklich so sagen. Es geht auf einem EgotronicKonzert nicht darum, Politiker zu sein. Es geht um den Spaß. Wenn er aussah wie er heute aussah, wenn alle zusammen tanzen, auf der Theke, überall, dann ist für mich das Abendziel definitiv erreicht, und das ist in allererster Linie Lustgewinn. L: Daniel Kulla spricht in dem Buch vom Vorschein eines Besseren. Sind solche Abende, ist Egotronic Vorschein eines Besseren, oder nur die Akzeptanz des Bestehenden? T: Das Gefühl in dem Moment ist für uns der Vorschein eines Besseren. Wir versuchen so wenig Abstriche wie möglich zu machen, so wie ganz Audiolith. Wir haben den Zustand nicht akzeptiert, aber man muss sich darin ja zurecht finden. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig. Ich glaube, dass Kulla das im Zusammenhang mit dem Konzert gemeint hat, auf dem er uns das erste mal gesehen hat. Wir tanzten da, es fuhr ein Bus voller Nazis vorbei, er wurde angegriffen und entglast. In dem Moment hat wirklich alles gestimmt. Das ist bis heute wahrscheinlich der geilste Egotronicmoment in der Band-Geschichte. Trotz der scheiß Kälte vor der Synagoge in Dresden zu stehen und den Soundtrack dafür zu liefern, menschenverachtende Ideologen anzugreifen. In dem Moment war es der Vorschein für etwas Besseres. Ansonsten würde ich sagen, dass Kullas Aussage etwas pathetisch aufgeladen ist. So viel Selbstreflexion habe ich dann schon. Wir stecken in der Musikindustrie, wir leben davon, es ist mein Job. Das heißt, ich bin wirklich mitten drin. L: In sofern ist Egotronic die dialektischste Band von allen? T: Das wäre wundervoll. Ich nehme das mal als Kompliment. Wäre auch ein schönes Zitat für ein Shirt: Die dialektischte Band von allen. Find ich super.

Interview: Lukas Böckmann


Âť Den Mund voll Tannenzapfen ÂŤ


Illustration: Fernando Vivas Mรกrquez


neunundsechzig

#8

Bloom Text: Clemens Bรถckmann

Samstagabend. Die gewohnte Unordnung beim Vorbereiten einer privaten Feier in gut gesittetem Hause.


So gegen Mitternacht werden die Gäste erwartet. Die Dinge nehmen ihren normalen Gang. Bier wird in den Kühlschrank geräumt, Musik herausgesucht und Aschenbe-

Auto. Die Fahrt ist kurz, obwohl die Straßen ins Zentrum um diese Zeit

ßen. Aber bei diesem Andrang denkt niemand an schließen. Wir betreten also ein Geschäft. Um e i n e n

cher ausgeleert. Kurz vor Mitternacht fährt dem Gastgeber der Schrecken in die Glieder. Er schaut sich um .Es entfleucht ein entsetztes: „wir haben ja gar nichts zum ziehen da.“ Der Ausspruch ruft doch leichte Verwunderung hervor. Der Gastgeber und auch die gesamte Umgebung wirken nicht wie die typische Szenerie eines Abends samt „Drogenkonsums“. Trotzdem wird aus dem Haus

voll sind. Verwunderung macht sich breit. Nicht die normale Zurückgezogenheit wird gesucht, sondern viel mehr gezielt die größte Menschenansammlung in der näheren Umgebung. Der Wagen hält vor einem Geschäft. Wir sind scheinbar nicht die Einzigen, die jetzt, kurz vor zwölf, hier her kommen. Um 0 Uhr sollte der

illegalen Akt zu vollziehen? Das Publikum ist domin i e r t von jung e n Menschen, a l l e eher ohne größere finanzie l l e S o r g e n ausgestattet. D o c h eine klare Linie ist n i c h t zu erkennen. Da sind Jungs mit Dreads und eine Gruppe herausgeputzter Damen.

gestürmt und hinein ins

Laden eigentlich schlie-

dass wir uns nicht auf

So langsam wird klar,


einundsiebzig den Weg zum verschrobenen Dealer gemacht haben, sondern das Produkt unserer Begierde hier in diesem Raum ausliegt. Alle schieben und drängeln sich um die Glasvitrine, die im Raum steht. Keiner will zu kurz kommen und gleichzeitig will keiner seinen Status aufs Spiel setzten. Wir sind an der Reihe. Der Grund unserer Eile wird vor uns auf dem Tisch

Gramm oder einem halben. Wir kaufen 4 Gramm. Das macht hundert vierzig Euro, 140 €. Der Abend ist gerettet. Nun können die Gäste kommen. Natürlich wird zu Hause nichts offen auf dem Tisch liegen. Man will sich schließ-

ausgebreitet. Da nun. Viele bunte tiktütchen. Bloom manchen, auf anblast. In schöben strahlen eiähnliche Persogen, die wohl die Glückseligkeit Erinnerungen an penden WM Mas2006 lassen sich der Hand weisen.

l i c h ExquiNur auf Gasta b e r tionen teilt. bringt kleimit. So l a u f völlig penbil-

liegen sie kleine Plassteht auf deren steht nen Neonfarnem Fratzen nen entgevollkommene verkörpern. die tripkottchen von nicht von

Es gibt alles. Päckchen mit zwei oder fünf Tabletten, Päckchen mit 1

den Stasiten erhalNachfrage geber werden sicher die an die LeuWer wichtig schon sein nes Päckentsteht im der Nacht neue Art von dung.

tus des t e n . bei dem langsam P o r te veri s t , eigenes c h e n V e r e i n e Grup-


zweiundsiebzig Alle sind drauf.

Der Gastgeber wird auf seinem sorgfältigst ausgesuchtem Bier sitzen bleiben. Niemand hat mehr Interesse

Glukose. Das kann alles sein.

an Alkohol. Statt dessen wird der gute alte Fruchtsaft wieder ausgepackt. Nach Möglichkeit sollte auch light drauf stehen. Was hinten auf den kleinen Päckchen draufsteht interessiert dagegen eher weniger. Die Zutatenliste klingt dabei mehr nach Homers patentierten Raum-Zeit Waffeln (Waffelteig, Ahornsirup, Butter) als nach einer ehrlichen Beschreibung der Substanz.

hätte man es hier mit einer unkontrollierbar starken Wucht zu tun, die sich durch die Körper zieht. Es scheint viel mehr als sei es die Mischung aus Koffein und fehlendem Alkohol, die dem Fest nach hinten kein Ende setzt. A b s t ü r z e o d e r a u s f a l l e n d e s V e r h a l t e n s u c h t m a n

Beta Ketone, Koffein und

v e r g e b e n s .

Beim Betrachten tanzenden Menge bekommt man aber nicht das Gefühl, als

der


So treiben die Menschen winnt nicht den Eindruck, lich um das Zelebrieren zu einem Tanzen des Tanzens als Event. Das Ziel war es immer noch, die Afterhour geht vorher noch schnell wechseln. Andere treffen Frühstückshörnchen und ein

durch die Nacht und man geals würde es hier tatsächder Freude gehen. Es wird wegen, zu einem Clubbesuch von Anfang an und ist es zu erreichen. Manch einer nach Hause um das Outfit zu sich im Nacht-Café auf ein Heißgetränk.

Bloom ist nicht billig. Zumindestens ist es nicht billiger als die sonst gängigen Konsumgüter. In einem Land, in dem 1 Gramm Koks für 45 € zu haben ist und man mit Mdma nur so überschwemmt wird, findet Bloom trotz allem reisenden Absatz. Die Verlockung scheint zu groß. Die Möglichkeit zu einfach. Im Laden um die Ecke sich ein Tütchen weißes Pulver zu kaufen und auf den Parties sich wie die Superstars zu fühlen. Wenn man dabei bedenkt, dass es sich offiziell um Pflanzen Dünger handelt, der da in den Nasen und Mündern der Menschen verschwindet, bekommt man lust zu tanzen.


#9

Über die Entstehung des Fußpilzes / der Perücke Text: Constanze Kresta & Thomas Victor

Illustrationen: Constanze Kresta


Über die Entstehung des Fußpilzes

siebenundsiebzig

Über die Enstehung der Perücke Früher gab es Pilze nur im Wald. Früher hatten die Menschen alle Der Wald war ein Mischwald, weil er Glatzen, denn ihr König, der sie alle viel Zeit zum wachsen hatte. Die Pilerschaffen hatte, hatte auch eine ze sahen alle unterschiedlich aus. Es Glatze. Sie pflegten sie mit Hingabe, gab große und kleine, es gab welche polierten sie spiegelglatt und wählmit schleimigen Kappen, oder so troten jedes Jahr den mit der spiegelnscken wie Schleifpapier, rissig, hubten Glatze. Einer hatte keine schöne belig, schrumpelig und manchmal welGlatze. Auf seiner Kopfhaut wuchsen che mit einer Haube so weich wie Samt Flecken, die mit etwas mosartigem beund Seide. wuchert waren. Darüber war er traurig und so ging er in den Wald zu Manche glitzerten, manche zierte den Pilzen und weinte. Ein kleiner ein Schachbrettmuster, oder sie waren Pilz mit langen grünen Schnüren auf bunt, neonfarben, einige leuchteten der Kappe sah ihn so. Er wollte ihn und manche waren so schwarz, dass sie trösten und sprang auf seinen Kopf um alles Licht schluckten. Einige waren ihn zu streicheln. Da verbanden sich von Käfern als kleine Häuser ausgedie Flusen plötzlich mit den moosigen baut worden. So befanden sich kleine Stellen und der Mensch hatte Haare. Zimmerchen mit Käferbettchen in ihnen So ist das erste Toupée entstanden. und auf der Haube rauchte ein dicker Schornstein backige Wölkchen.

Jeder Pilz lebte mit einem Baum in Symbiose. Sie tauschten Nährstoffe aus, beschützen einander. Es gab nur einen Pilz, der fand keinen Baum, der mit ihm leben wollte. Der war ganz, ganz winzig klein, mattschwarz und fusselig. Er stank drei Meilen gegen den Wind. Trotz seines hässlichen Äußeren hatte er eine empfindsame Seele. Er weinte herzerweichend, weil er so alleine und schutzlos sein Dasein fristen musste. Da ging ein grober böser Mensch durch den Wald. Sein Weg kreuzte die Stelle an der der kleine stinkende Pilz saß. Der Mensch hatte aber zwei wunderbare, liebevolle Füße, die hörten das Gewimmer. „Hey, komm spring auf!“ flüsterten sie ihm zu, „Wir können dich brauchen. Beiß dich fest und reize die Haut, mach sie rissig und dick und rot. Unser Mensch ist böse, er hat Strafe verdient.“ Da jubilierte der Fusselige, hüpfte auf die Füße und hatte seine Lebensbestimmung gefunden.


achtundsiebzig Redaktion Lukas Böckmann Annika Mecklenbrauck Sebastian Müller Clemens Böckmann David Graaff Texterpack Constanze Kresta Christian Duque Leonard Tropf Thomas Victor Künstlerpack Constanze Kresta Fernando Vivas Márquez __ nandovivas.com Clemens Böckmann Thomas Victor __ photoblog.com/klicknroll/ Layout Sebastian Müller __ sebastianm.de Titelfoto Philipp Reiss __ philreiss.de


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