Issuu on Google+

Süße Geschenke

Rezepte zum Muttertag

2

E i nfac h

.

Gut .

Leben

Süßer Sturschädel

Ein Loblied auf den Esel

2

mai

05/2014 EUR 3,90 CHF 7,00

Gärtnern wie früher wenn blumen, kräuter und gemüse gemeinsam gedeihen

Punzierkunst aus Hamburg

&

Ammerländer Schinken-Geheimnisse

&

Welt der Wurzeln

>


18

56 100

32

Inhalt 2014 Mai 

Küche

Wohnen

10 Die Umarmung der Erde

50 Edler Genuss

18 Der Ton macht die Musik

20 Nest im Schilf

56 Von Kiachle & Kratzat

80 Die Herzkammer

Zauberhaft-lehrreiche Einblicke in die Wunderwelt der Baumwurzeln.

In Weiler am Bodensee hat sich Constanze Hundt ein Idyll mit tierischen Besuchern geschaffen.

28 Schön und nützlich

Zehn goldene Regeln, wie Blumen, Kräuter und Gemüse im Bauerngarten gemeinsam gedeihen.

Spargel gilt als eines der kostbarsten Gemüse. Leider ist seine Saison kurz.

Im Allgäu werden traditionelle Rezepte in Ehren gehalten.

64 Gut abgehangen

Fein gemasert das Fleisch, der Speck zart wie Butter. Arnd Müller aus Apen räuchert Schinken nach uralter Ammerländer Tradition.

Eine Hollerpfeife ist ganz einfach zu basteln und bringt Kindern Spaß.

Zwischen Kunst und Kulinarik hat Konrad Winzer in Egisholz sein Traumhaus gefunden.

88 Kiste wird zum Kasten

Mit Schrauben und etwas Farbe wird aus Obststeigen ein Gartenregal.

32 Ein Schühlein im Walde

70 Ein wahrer Zaubertrank

90 Wenn der Flieder wieder blüht

114 Sturschädel zum Verlieben

72 Zum Muttertag

96 Aus die Maus

Der Frauenschuh ist eine wahrhaft göttliche Pflanze.

Der Esel ist alles andere als dumm. Er hat erstaunliche Talente.

4 Servus

Die Maibowle soll Müdigkeit vertreiben und die Liebe erwecken.

Kleine süße Geschenke, die nicht nur der Mama Freude bereiten.

Wie man mit Fliederblüten einen duftenden Muttertagskorb bastelt.

Eine einfache Mausefalle verwandelt sich in einen lustigen Zettelhalter.

CoverFotos: philip platzer, eisenhut & Mayer, blickwinkel

Natur & Garten


120 108

90

Standards

114

fotos inhalt: monika höfler, mirco taliercio, eisenhut & Mayer, dirk eisermann, katharina gossow, imago, juniors bildarchiv

Land & Leute

Brauchtum

100 Schmucke Schachteln

42 Die Sprache der Blumen

108 Schöner Eindruck

142 Die Färber von Donauwörth

In ihrer Werkstatt im oberbayerischen Königsdorf gestalten Rosina Strobl und Barbara Schwaighofer für jedes Ding ein schönes Drumherum.

Die Punzierkunst erlebte in Deutschland ihre Blüte im 19. Jahrhundert. In dieser Tradition prägt der Hamburger Mario Marquardt mit aufwendigen Ornamenten feinstes Leder.

120 Hoch über Jagst und Kocher

Über den malerischen Flusstälern locken die Weiten der Hohenloher Ebene. Ausflug in ein Paradies für Genießer und Freunde der Langsamkeit.

Pflanzen-Historikerin Miriam Wiegele übersetzt die geheimnisvolle Botschaft von Iris, Narzisse & Co.

Über das abenteuerliche Leben des Joseph Wildfeuer, der in eine Schönfärberfamilie hineingeboren wurde, auf Wanderschaft ging und seinen Nachfahren einen wahren Schatz vermachte.

3 Vorwort 6 Briefkasten, Ortsnamen 8 Servus im Mai 26 Schönes für draußen 38 Die Botschaften der Bäume 40 Der Garten-Philosoph 44 Unser Garten, Mondkalender 48 Natur-Apotheke: Walnuss 68 Omas Kochbuch:

Rosenküchle aus dem Donautal

78 Schönes für die Küche 94 Schönes Zuhause:

Dekotipps für den Mai

98 Schönes für drinnen 104 Michael Köhlmeier: Der Teufel und

der Erler Wind

136 Eine Kurzgeschichte von Ines Eberl 140 ServusTV:

Sehenswertes im Mai

146 Impressum, Ausblick

Servus  5


Gartenbesuch

Nest im Schilf

Am Rand des Schilfgürtels um den Bodensee hat sich Constanze Hundt in Weiler ein idyllisches Plätzchen geschaffen. Wilde Stockenten kommen zum Brüten und seltene Distelfinken zum Futtern. Text: Stephanie lahrtz Fotos: nicole lautner

20 Servus


Linkes Bild: Direkt von der Terrasse schaut man über die blauen Schwertlilien auf den südlichen Teil des Gartens. Dunkle Blutpflaume, hohe Lärche, Wildkirsche und Blutbuche (von rechts nach links) beschützen Teich (rechts) und Beerengarten über dem hellblauen Vergissmeinnicht-Teppich. Rechtes Bild: Ein Stockenten-Erpel schwimmt Patrouille im Seerosenteich, auf dass niemand seinem brütenden Weibchen zu nahe komme.

Servus  21


Bild links: Die Holzbrücke neben dem Schilf am Teich hat der Sohn, ein Bootsbauer, gefertigt. Die Margeriteninseln in der Wiese lässt Ehemann Willi beim Mähen immer stehen. Bild unten: Eine Rhododendronstaude erblüht. Bald kommt ihre beste Zeit.

H

aus Entennest, Familie Hundt“. Das weiß lasierte Keramikschild an der Tür verrät schon, wer hier in Weiler in Sichtwei­ te zum Bodensee neben den Eigentümern noch wohnen darf. Räumlich getrennt, ver­ steht sich: Constanze und Willi Hundt im Haus, die Enten im Garten. „Bevor wir das Haus bauten, bedeckte­ die Schilfwildnis hier alles“, erklärt Con­ stanze zur Begrüßung. „Ich habe ein ordent­ liches Eck stehen lassen und mittendrin einen Naturteich angelegt. Zäune mag ich nicht, so geht mein Schilf hinter dem Teich direkt ins angrenzende Ried und ins Natur­ schutzgebiet über.“ Und das lieben die wilden Stockenten vom See. „Jedes Jahr brütet auf meiner ­badetuchgroßen Insel im Teich ein Enten­ pärchen.“ Constanze hat den Enten sogar extra ein Büschel Schilf zu einem Minizelt gebunden, so dass die Jungtiere gut ge­ schützt sind. „Einmal haben mein Mann und ich uns gut zehn Wochen um zwei Küken gekümmert, weil die Eltern nicht mehr zurückkamen. Das war ein Piepen den ganzen Tag! Da bin ich am Schluss sogar auf dem Rasen vor dem Teich hin und her gerannt, um den Kleinen das Fliegen bei­ zubringen.“ Constanze lacht fröhlich und ein bisschen wehmütig zugleich. Hier grünt es in Etagen

Wir stehen am Teich und lassen den Blick schweifen. Wir können gut verstehen, war­ um die Enten sich hier wohlfühlen. Vögel zwitschern, Bienen summen, leise rauscht der Wind im Schilf. Ein meterhoher Deich links neben dem Teich bildet den schützenden Abschluss zum Nachbarn. Er ist über und über mit rosa, weißen oder ­violetten Akeleien bewachsen. Im Beet daneben warten dicke Knospen an großen und kleinen Pfingstrosen auf ihr Erwachen. Eschen, Rotbuchen, Erlen und Linden dahinter, die so hoch gewachsen sind, dass sie das Haus überragen, bilden eine zweite fröhlich grüne Etage. Rechts von der Wasserstelle stehen zwei Reihen von dichten Himbeersträuchern.

22 Servus


Als der obere Stammteil der Trauerweide bei einem Sturm brach, schnitzte ein Künstler eine Bank mit Sitzkuhlen daraus. Rechts: Der Akeleienhang beherbergt auch diese violett-weiße Schönheit. Fotos oben: Constanze und Willi schneiden einen Fliederstrauß. Die üppigen Blüten der Baumpäonie müssen mit einem Bambusgerüst gestützt werden.

Der Boden ist völlig bedeckt mit hunderten leuchtend blauen Vergissmeinnicht. „So habe ich hier immer Farbe. Erst die Blumen unten, dann die Blüten an den Sträuchern und später das saftige Rot der Beeren“, sagt die Hausherrin. Farben zu jeder Zeit, das ist ihr wichtig. Blickt man vom Teich geradeaus zur leicht erhöhten Terrasse, dominieren jetzt Schwertlilien das Bild. Doch wenn man genauer hinschaut, so schieben sich schon Phloxstauden und Rosen in die Höhe. „Schaut her, da steht auch ein früher auf Wiesen und an Waldrändern häufiger Gast,

der heute fast eine Rarität ist“, erklärt Con­ stanze und deutet auf kleine gelbe Blütchen. Es ist Wiesenbocksbart. „Bald werden sich die Samenbüschel ähnlich wie bei einer Dis­ tel bilden. Dann kommen die Distelfinken und turnen beim Knabbern so akrobatisch an den Stängeln herum, dass diese sich bis fast hinunter auf den Boden biegen.“ Lebensraum für MENSCH UND TIER

Die Gärtnerin freut sich schon auf das Schauspiel. Überhaupt ist es ihr ein großes Anliegen, dass der Garten nicht nur für menschliche Augen schön anzusehen ist,

sondern auch Rückzugsort und Lebensraum für wild lebende Tiere sein kann. Viele Schmetterlinge oder auch Vögel sind sehr selten geworden, hat die aufmerksame Beobachterin festgestellt. Im Kräutergar­ ten steht daher ein üppiges Büschel Fen­ chelkraut, eigentlich ist es schon fast ein Strauch. „Schwalbenschwänze legen auf den dünnen Fadenblättchen nämlich be­ sonders gerne ihre Eier ab“, erklärt sie. Angenehmer Nebeneffekt: Die Familie Hundt hat ein wohlschmeckendes, nicht zu dominantes Gewürz für ihre Fischgerichte. Neben dem Fenchelkraut wachsen noch ➻

Servus  23


Rezepte

Ein duftender Blumenstrauß, ein liebes Gedicht, ein schöner Frühstückstisch wie von Zauberhand gedeckt. Wir haben uns für den Muttertag fünf kleine süße Geschenke ausgedacht. redaktion: alexander rieder Fotos: eisenhut & mayer

72 Servus


Baumkuchenherzen mit Kirsche Zutaten für ca. 10–12 Herzen Zeitaufwand: 2K Stunden 100 ml Milch Mark von 1 Vanillestange 1 Prise Zimt 120 g Rohmarzipan abgeriebene Schale von 1 Biozitrone 200 g zimmerwarme Butter 100 g Puderzucker 6 Eier 1 Prise Salz 80 g Feinkristallzucker 50 g Maisstärke 100 g Mehl Außerdem: eine flache Kastenform mit ca. 16 × 24 cm zerlassene Butter für die Form Für den Guss: 3–4 EL heiße passierte Aprikosenmarmelade 8 Blatt Gelatine 500 ml Kirschsaft 10–12 Kompottkirschen (oder frische Kirschen)

Zubereitung 1. Die Milch mit Vanillemark und Zimt aufkochen, Marzipan und Zitronenschale zufügen, glatt ­rühren und abkühlen lassen. 2. Butter und Puderzucker mit dem Mixer schaumig rühren. Die Eier trennen und die Eigelbe ­einzeln unter die Buttermasse rühren. 3. Die Marzipanmilch zur Buttermasse gießen und zu einer glatten Creme vermischen. 4. Eiweiß und eine Prise Salz mit dem Mixer halb­ fest schlagen. Unter Rühren den Zucker ein­ rieseln lassen und zu festem Eischnee schlagen. 5. Die Hälfte des Eischnees in eine Schüssel geben. Maisstärke und Mehl durch ein feines Sieb über den Eischnee stäuben und luftig vermengen. 6. Die Eischnee-Mehl-Masse und die zweite Hälfte Eischnee luftig unter die Marzipanmasse mengen. 7. Die Grillfunktion des Backofens einschalten. Die Kastenform mit Butter ausfetten und die erste Schicht Teig ca. 3–5 mm dick glatt streichen. 8. Den Teig unter dem Grill auf der mittleren ­Schiene in etwa 2 Minuten braun backen.

9. Die zweite Schicht der Masse auf den ge­ backenen Teig streichen und wie die erste Schicht backen. 10. Diesen Vorgang so lange wiederholen, bis der Teig aufgebraucht ist.  11. Den Baumkuchen auf einem Tortengitter ­komplett auskühlen lassen und mit heißer ­Aprikosenmarmelade einpinseln. 12. Gelatine in kaltem Wasser einweichen. Kirsch­ saft mit Zucker erwärmen und die ausgedrückte Gelatine darin auflösen. Das Kirschgelée gleich­ mäßig über den Baumkuchen gießen und im Kühlschrank 1 Stunde fest werden lassen. 13. Aus dem Baumkuchen mit einem Herz­aus­ stecher für Kekse möglichst teigsparend 10–12 Herzen ausstechen und jeweils mit einer Kirsche garnieren.

Servus  73


Safran-Pistazien-Gugelhupf Zutaten für 12 Gugelhupferl Zeitaufwand: 1K Stunden 2 Mini-Gugelhupf-Backformen aus Silikon mit je 6 Vertiefungen 250 g zimmerwarme Butter 160 g Feinkristallzucker 2 TL echter Vanillezucker abgeriebene Schale von K Zitrone 5 Eier (Größe M) 1 TL Rum 250 g glattes Mehl, 2 TL Backpulver 80 g gemahlene Pistazienkerne 1 Briefchen gemahlener Safran 1 EL Milch zerlassene Butter und Kristallzucker für die Förmchen Puderzucker zum Bestreuen

74 Servus

Zubereitung 1. Die Förmchen innen mit Butter einpinseln und mit etwas Zucker bestreuen. Das ist bei Silikonformen nicht zwingend notwendig, sieht aber gschmackiger aus. 2. Das Backrohr auf 180 °C Ober-/Unterhitze vorheizen. 3. Die Butter mit dem Mixer schaumig-cremig ­rühren. Nach und nach Zucker, Vanillezucker, ­Zitronenschale und Eier einrühren. Rum und 50 g Mehl zufügen und 3–4 Minuten kräftig aufschlagen. 4. Mehl mit Backpulver mischen und nach und nach über den Teig sieben, während man mit ­einem Gummispatel die Masse homogen vermengt. 5. Den Teig halbieren und eine Hälfte mit Pistazien verrühren.

6. Den Safran in der Milch auflösen und unter den restlichen Teig heben. 7. Die beiden Teigsorten mit Teelöffeln fleckenartig in die Förmchen füllen und mit einem Holz­ stäbchen in einer Wellenbewegung durch den Teig fahren. 8. Die Gugelhupfe im Ofen 25–30 Minuten ­backen und etwas abkühlen lassen. Aus den Förmchen stürzen und mit Puderzucker bestreuen.


Schnitten vom gedeckten Birnenkuchen Zutaten für 16–32 Schnitten (je nach GröSSe) Zeitaufwand: 3 Stunden Für den Mürbteig: 300 g Mehl 150 g eiskalte Butterwürfel 70 g Puderzucker 1 TL echter Vanillezucker 1 kleines Ei 1 Prise Salz Für die Füllung: 200 g Rohmarzipan 50 g Puderzucker 400 g reife Birnen Saft von ½ Zitrone 50 g Rohrzucker 1 Prise Zimt 1 Prise Nelkenpulver

Zubereitung 1. Die Zutaten für den Mürbteig flott zu einem ­glatten Teig verkneten, in Frischhaltefolie wickeln und 1 Stunde im Kühlschrank rasten lassen. 2. Für die Füllung Marzipan mit dem Puderzucker verkneten und auf einer mit Puderzucker ­bestreuten Arbeitsfläche zu einer Platte von 24 × 24 cm ausrollen. 3. Die Birnen schälen und grob raspeln. Mit Zitronensaft, Rohrzucker, Zimt und Nelke vermengen. 4. Das Backrohr auf 170 °C Ober-/Unterhitze vorheizen. 5. Den Mürbteig zu 2 Platten à 24 × 24 cm aus­ rollen. Eine Teigplatte auf ein mit Backpapier ­belegtes Backblech legen, mit dem Marzipan ­exakt bedecken und den Backrahmen mit genau 24 × 24 cm an den Teigboden anpassen. Die Birnen­füllung auf die Marzipanplatte streichen und mit der zweiten Mürbteigplatte bedecken.

6. Den Kuchen im Ofen ca. 30–35 Minuten backen und anschließend komplett auskühlen lassen. 7. Für den Guss Puderzucker und Birnensaft glatt rühren, auf den Birnenkuchen streichen und trocknen lassen. 8. Den gedeckten Birnenkuchen in Quadrate oder Dreiecke schneiden. Wer möchte, kann die Kuchen­stücke noch mit Zuckerfarbe verzieren.

Für den Guss: 70 g Puderzucker, 2 EL Birnensaft Außerdem: ein verstellbarer Backrahmen aus Metall

Servus  75


Hausbesuch

Die

Herzkammer von Egisholz

Zwischen Kunst und Kulinarik hat Konrad Winzer am Rande des Südschwarzwalds seinen Lebensmittelpunkt gefunden. Dort, wo Lebenslust auf Landschaft trifft. In einem Haus der etwas anderen Art. Text: thomas g. konofol Fotos: patricia weisskirchner

80 Servus


Den Dachstuhl von 1719 hat der Hausherr für die Ewigkeit saniert. Für „Claudia“ ist der beste Marmor gerade gut genug. Links: Frauenakt aus Konrad Winzers „Don Giovanni“-­ Zyklus.

Servus  81


onrad Winzer muss unbedingt noch bei seinem Winzerfreund Karlheinz Ruser vorbei. Der gehört zu den Besten im Markgräflerland – zwei Flaschen Chardonnay und Spätburgunder verschwinden im Kofferraum, dazu ausersehen, später unser Mittagessen zu erheitern. Doch deswegen ist Konrad Winzer, Bildhauer, Gastronom und Genießer, der genug Wein für die nächsten 30 Jahre im Keller hat, nicht dorthin gefahren. Er will Maria Rusers ofenfrischen gesalzenen Hefezopf holen, den idealen Begleiter für die herzhaften Speisen, die uns in der Herzkammer erwarten. Die Herzkammer ist Konrad Winzers privater Lebensmittelpunkt. Die Kammer, der Kern seines Hauses – Assoziation Herz, das ist dort, wo das Leben pulsiert. Ein auffallend unauffälliges Anwesen

Der italienische Eisenofen heizt mächtig ein. Unten: Bibliothek mit Schmökersofa und einem barocken Kamin als Blickfang.

Oben in Egisholz, einem ländlich abgeschiedenen Ortsteil von Kandern, schnurrt sein silberner Youngtimer (kerngesunde 22 Jahre!) den Panoramaweg entlang, der ganz zu Recht „Baselblick“ heißt und einen dichten Laubwald säumt, wo jene ­Buchen stramm stehen, die Konrad Winzer das Feuerholz liefern. Über sein enges Verhältnis zum Holz und zum Feuer wird noch zu reden sein. Zunächst grüßen gewaltige Plastiken – steinerne Schildwachen, die überlebensgroß und ein bisschen unheimlich die Herzkammer hüten. Die ist freilich auf Anhieb kaum zu erahnen. Das Winzer-Anwesen am Ende der Straße fällt vor allem durch seine Unauffälligkeit auf: äußerlich ein schlichtes Giebelhaus, wie man es in der Umgebung häufig antrifft, mit Ziegeldach und Schindelholzverschalung, offenbar bäuerlichen Ursprungs und ohne besonderen architektonischen Reiz. Wo früher Pferdestall und Scheune waren, ist heute des Meisters Atelier: eine Skulpturengalerie aus Marmor und Sandstein, imponierendes Zeugnis von 40 Jahren künstlerischem Schaffen. Man merkt schon, hier zählen die inneren Werte. Wer zur Herzkammer im ersten


9

In diesem privaten Universum geht es einfach zu: Archaisch, Fast schon Provozierend unzeitgemäSS.

9

Stock hinaufsteigt, dringt tief ein in Konrad Winzers Welt auch jenseits von Hammer und Meißel. In diesem sehr individuellen, sehr privaten Universum geht es einfach zu, beinahe archaisch, aber auch anspruchs­ voll und fast schon provozierend unzeit­ gemäß. Jedes ­Detail verbindet Schönheit und Funktionalität – das Ästhetische und das Nütz­liche, das Verspielte und das Solide sind keine Gegensätze. Der hohe, helle Raum ist Küche, Wohnund Esszimmer, Studierstube und Arbeits­ platz in einem. Die Küche wird zur Heraus­ forderung für Hightech-Verwöhnte durch all das, was ihr fehlt. Es gibt weder Induk­

tionsherd noch Dampfgarer, weder Spül­ maschine noch Tiefkühltruhe und schon gar keine Mikrowelle. Stattdessen gibt es einen alten zentner­ schweren italienischen Eisenofen, der auch als Heizkörper und Warmwasserspeicher dient. Einen elsässischen Futtertrog aus dem 16. Jahrhundert als Spülstein. Und ­immerhin ein technisches Monument der Moderne und Traum eines jeden Baristas – die Faema-Espressomaschine, die den „geilsten Kaffee nördlich der Alpen“ gene­ riert, wenn Timing, Temperatur und Druck­ stärke stimmen. Aber so weit sind wir noch nicht. Gerade vermengt Konrad Winzer in

einer toskanischen Keramikschüssel Kar­ toffelstampf und frisch gestochenen Löwen­ zahn zu einem herrlichen Mampfgericht, das einst im nahen Hotzenwald als Arme­ leuteessen galt. Den groben „Soidätsch“ verfeinert er mit sizilianischen Kapern und duftenden Zitronen aus seinem Garten, wo sie neben Rosensträuchern und Kräuter­ beeten blühen. Regionalität bedeutet ihm (fast) alles

Die Hotzenwälder Großmutter würde noch mehr über die gegrillten Kalmare staunen, die den Bauernschmaus adeln, aber gewiss aus keinem heimischen Gewässer ➻

Servus  83


84 Servus


Steinerne Liebesspiele und das längste Schneidebrett, das man sich denken kann: der massive Holztisch zum Genießen und gemütlichen Beisammensitzen. Rechts: Der Hausherr grillt Bresse-Wachteln über der Buchenholzglut. Und ewig lockt das Doppelbett …

Servus  85


wunder der heimat

Hoch über Jagst und Kocher Über den malerischen Flusstälern locken die Weiten der Hohenloher Ebene. Ein Paradies für Genießer und Freunde der Langsamkeit. Text: achim schneyder Fotos: mirco taliercio

120 Servus


Ohne Eile fließt die Jagst vor sich hin. Neben dem Kocher prägt dieser Fluss das Landschaftsbild der Täler, die zur Hohenloher Ebene gehören.

Servus  121


M Oben: der Stadtturm von Kirchberg an der Jagst. Zum einen ist er das Wahrzeichen der Stadt, zum anderen die Heimat einer Dohlen-Kolonie. Mitte: Rainer Hofmann (links) züchtet die berühmten Limpurger Rinder. Spitzenkoch Manfred Kurz (vorn) weiß wie kaum ein anderer, wie man mit diesem wunderbaren Fleisch umzugehen hat. Unten: Die Felder werden bestellt. Einen Teil der ­Ernte gibt es in den zahlreichen Bauernläden im Hohenloher Land.

an kann ihn wahrlich gut verstehen, den berühmten Lyriker Eduard Mörike, beschrieb der 1804 in Stuttgart geborene Poet das Hohenloher Land doch als „eine besonders zärtlich ausgeformte Handvoll Deutschland“. Beeindruckend schön die tief eingeschnittenen Flusstäler von Kocher und Jagst, imposant die großen Burgen und Schlösser, romantisch die kleinen Städte, prächtig die markanten Höhenzüge des Schwäbisch-Fränkischen Waldes und schier unendlich die Weiten der Hohenloher Ebene. Eine Hochebene, so malerisch wie hingegossen. Es braucht Zeit, sich diesem Land zu nähern, es zu erkunden und wahrzunehmen mit all seinen Sinnen. Also empfehlen sich Etappen. Das verwunschene Jagsttal könnte eine sein, das beschauliche Tal des Kocher eine andere, die anmutige Ebene eine dritte. Riechen und schmecken, schauen und fühlen, sich treiben lassen. „Kommt uns wieder einmal besuchen.“ So lauteten die Abschiedsworte des Küchenmagiers Manfred Kurz vor bald einem Jahr, als wir uns auf dem Weg ins Jagsttal in seinem heimeligen Gasthof labten. Tja, und da sind wir auch schon, denn der Rostbraten vom berühmten Limpurger Rind, der ältesten noch existierenden Rinderrasse Württembergs, will öfter als nur einmal im Leben genossen werden. Vor allem wenn man ihn im Gasthof zum Hirschen in Blaufelden serviert bekommt. Diesmal aber fahren wir nicht weiter ins Jagsttal, diesmal bleiben wir auf der Ebene. Zumal Manfred Kurz und seine Frau Regine Stroner nicht nur Speis und Trank kredenzen, sondern auch jede Menge Tipps parat haben.

Dohlen, Töpfer, Feuerkörbe

Dort, wo die Hohenloher auf die Haller Ebene trifft, auf ­einem Höhenrücken über der meist gemächlich dahinfließenden Jagst, liegt Kirchberg. Mit gut 4.000 Einwohnern ist diese Stadt so überschaubar wie liebenswürdig, und da Konkurrenz das Geschäft zu beleben scheint, ist es nicht verwunderlich, dass sich direkt am Fuße des 45 Meter hohen Stadtturms, des Kirchberger Wahrzeichens, nur wenige Schritte neben der alteingesessenen Töpferei eine zweite niedergelassen hat. „Platzhirsch“ ist und bleibt seit bald 27 Jahren aber ­Birgit Flad, und ihr wunderbarer Laden in der Poststraße 30 mit den liebevoll dekorierten Schaufenstern heißt ➻


9

Einfach gucken und geniessen. man sagt, bis zum horizont ist alles ein Naturschutzgebiet der Seelen.

9

Servus  123


Die schönsten Seiten von daheim, ein ganzes Jahr lang

Ihre e: l i e t r o V o Ab parnis

rs geschenk s n e m m o • Willk wählbar e b a g s u •A

Foto: Philip Platzer

• Preise

Bestellen Sie jetzt Ihr persönliches Servus in Stadt & Land-Jahresabo (12 Ausgaben) zum Preis von 44,90 Euro*. Als Dankeschön schenken wir Ihnen Das kleine Laubbaumbuch aus der Edition Servus sowie das dreiteilige Servus-Lesezeichen-Set aus Holz. Und so einfach geht’s: per Telefon: 049/89/858 53-567, per E-Mail: abo@servusmagazin.de, im Internet: www.servusmagazin.de/abo. Von Servus in Stadt & Land gibt es eine Ausgabe für Bayern, eine für Baden-Württemberg und eine Ausgabe für Deutschland. Wählen Sie bei der Bestellung die gewünschte Ausgabe. * Deutschland & Österreich inkl. Versandkosten, Schweiz zzgl. 10 Euro Versandkosten, andere Länder zzgl. 32 Euro Versandkosten.

www.servusmagazin.DE/ABO 

EINFACH. GUT. LEBEN.


Servus in Stadt & Land Deutschland 05/2014