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02/2012 &

in Stadt & Land

Fasching am Teller Zu Gast im Raurisertal

P. b. b., 12Z039142P, Verlagspostamt 1140 Wien

Efeu  &  Eisblumen  &  Orchideen  &  Polsterzipf  &  KnödelRezepte  & Fastenbrezel  & Scheibenschlagen  & Füchse

Rezepte für die lustigste Zeit

2

E i nfac h

.

Gut .

Leben

Zwischen Gold & Gegenwart

2

Februar 02/2012

EUR 3,90 chf 6,50

Schöne Tage im Schnee Ausseer Flinserln & Schwarzacher Orgelbauer & Steirischer Haussegen & Burgenländische Tonkunst


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64

Februar

Natur & Garten

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Küche

Wohnen

12 Und ewig rankt der Efeu

52 Märchenhafte Bohnen

36 Keime des Frühlings

24 Eisblumen

56 Fasching im Topf

78 Aus Liebe zur Tradition

Der robuste Kletterkünstler dient Vö­ geln als spätwinterliche Futterquelle.

Wissenschaft und Poesie: Wie die Natur Kunstwerke von atemberau­ bender Schönheit malt.

38 Königin der Blumen

Eine kleine Anleitung zum OrchideenGlück.

48 Der goldene Schnitt

Wer Obstbäume richtig stutzt, wird mit reicher Ernte belohnt.

134 Der bellende Mäusejäger

Servus auf den Spuren des feinsinni­ gen Rotfuchses.

6  Servus

Ein Wintergemüse, das Gärtner und Genießer glücklich macht.

Narrisch guat: Gerichte, die Spaß machen und schmecken.

64 Richtig schön aufbrezeln

Das Brezel ist ein köstlicher Klassiker in der Fastenzeit.

68 Heut ist Knödeltag

Der Knödel ist rund, flaumig und hat eine lange Tradition.

152 Reifeprüfung

Am Greilhof im Lungau hängt der Speck so lange in der Selch, bis der Bauer sagt: Jetzt ist es gut.

Selbst gepflanzt: Kinder ziehen ihr Lieblingsgemüse am Fensterbrett vor.

Servus-Besuch bei Lois Kraler jun., der einen Einhof im Osttiroler Puster­ tal Stück für Stück zurückbaut.

86 Fundstücke

Alte Bügeleisen werden zu dekora­ tiven Buchstützen.

88 Frühling im Glas

Kunterbunt und herrlich frisch: Wir holen die Natur ins Haus.

92 Basteln mit Kindern

Herzlich willkommen: eine blühende Begrüßung für die Eingangstür.

Fotos Inhalt: getty images, eisehut & Mayer, mauritius, marco rossi, ndja meister, katharina gossow

Inhalt 2012

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Standards 88

Land & Leute 118 Harmonisches Handwerk Die hohe Pfeifenkunst des Vorarl­ berger Orgelbauers Rieger.

124 Erlesene Vergangenheit

zusatzfoto cover: eisenhut & mayer

Claire Schönborn und Tanja Gasser restaurieren alte Schriften.

128 Der gute Ton

Petra Lindenbauer töpfert in Stadt­ schlaining erdige Keramiken.

140 Die Menschen machen das Tal

Früher wurde hier Gold geschürft, heute hat der Reichtum andere Ge­ heimnisse. Ein winterlicher Besuch im Raurisertal.

Brauchtum 18 Fest des Lichts

Servus-Expertin Miriam Wiegele erklärt Bräuche, Aberglauben und naturmedizinische Erkenntnisse rund um Mariä Lichtmess.

96 Seine Arbeit ist ein Segen

Franz Burgstaller schnitzt in Bärnbach Tischkreuze und Haussegen.

100 Die 5. Jahreszeit

Der Fasching im Ausseerland.

108 Spiel mit dem Feuer Scheibenschlagen in Mals.

164 Leben in alten Zeiten

Die Bürgermusik im Fasching.

5 Editorial 10 Servus daheim 22 Schönes für draußen 42 Natur-Apotheke 44 Gartenpflege 46 Mondkalender 50 Der Garten-Philosoph 66 Aus Omas Kochbuch: Polsterzipf

74 Schönes für die Küche 94 Schönes für daheim 114 Michael Köhlmeier:

Der die Schlangen tötet

154 Barbara Frischmuth: Gänsemarsch

158 ServusTV im Februar 162 Feste, Märkte & Veranstaltungen 170 Impressum, Offenlegung, Ausblick

Titelfoto: Marco Rossi Herzlichen Dank an: Familie Egger & Gemeinde Rußbach

Servus  7


Rezepte

wien

Karamellisiertes Krautfleisch Sauer macht lustig, heißt es, und da ist das Sauerkraut der beste Kandidat dafür. Weil der Wiener aber nicht gerade als Ausbund der Fröhlichkeit bekannt ist, mildert er nicht nur die Salatmarinade, sondern auch das Kraut gerne mit Zucker ab. Das Ergebnis gibt ihm recht und ist dazu noch eine gute Grundlage für ­ausgiebige Festivitäten.

Fasching im Topf In der narrischen Zeit ist alles erlaubt. Auch beim Kochen. Da kommt so manches überraschend daher, da wird ungewöhnlich kombiniert, da haben Gerichte auch ein bisserl Alkohol intus. Hauptsache, es macht Spaß und schmeckt. Redaktion: Uschi Korda & Alexander rieder  Fotos: Eisenhut & Mayer

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Servus  57


tirol

Saure Leber mit Erdäpfelpüree Leber einmal anders, nämlich in saurer Verkleidung. Eine Variation, die ihr wirklich gut steht und die jedem schmeckt. Für die Spritzigkeit der Sauce sorgen nur ein wenig Essig und ein Stückchen Zitronenschale, den Rest schafft der Rotwein.

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oberösterreich

Eingelegter Pfefferwels Manche mögen’s scharf, und mit der nötigen Menge Pfeffer kommen selbst die hartnäckigsten Partymuffel auf Touren. Auch dem Fisch steht die bunte Pfeffermischung gut, obwohl er sie nach einer Nacht in der Marinade wieder ablegen muss. Die Wirkung aber bleibt erhalten, sie entzündet ein kleines Feuerwerk am Gaumen.

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Vorarlberg

Hirschmedaillons in Schokosauce Der König der Wälder mit ungewöhnlicher Begleitung. Selten lässt er sich von Schokolade eskortieren, obwohl dies einer alten Tradition entspricht. Natürlich nimmt man dafür keine süße Milchschokolade, vielmehr muss es eine zartbittere Sorte mit einem Kakaoanteil von mindestens 60 Prozent sein. Die herbe Pikanterie dieses Gerichts ist in jedem Fall eine gelungene Überraschung für die Geschmacksnerven.

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burgenland

Rotweingugelhupf Rotwein ist gut, Gugelhupf ist gut. Wenn diese beiden also eine Liaison eingehen, muss etwas ganz besonders Geschmackvolles dabei herauskommen. Wichtig ist nur, dass man einen wirklich exzellenten Rotwein für die Rezeptur verwendet. Den Rest schenkt man sich dann gleich ins Glaserl ein und stößt, während der Kuchen im Backrohr ist, schon einmal auf den Fasching an.

Servus  61


Die nicht Sauce d a m wenn ehrkoch rf reink die Le en, be om wird mt, son r sie zä st h.

Karamellisiertes Krautfleisch

Saure Leber mit Erdäpfelpüree

Zutaten für 4 personen Zeitaufwand: 2 Stunden 1 kg ausgelöste Schweinsschulter 250 g Zwiebeln 4 EL Sonnenblumenöl 3 EL edelsüßes Paprikapulver 1 TL gemahlener Kümmel 125 ml Weißwein 500 ml Gemüsesuppe 2 EL Tomatenmark 400 g Sauerkraut Salz, Pfeffer 50 g Zucker

Zutaten für 4 personen Zeitaufwand: 1 Stunde 120 g Zwiebeln 2 EL Butter 2 TL Tomatenmark 4 EL Apfelessig 125 ml Rotwein 500 ml klare Hühnersuppe 1 Lorbeerblatt 1 Stück Zitronenschale 1 kleine gepresste Knoblauchzehe Maisstärke zum Binden Salz, Pfeffer Zucker 1 TL getrockneter Majoran 700 g Kalbsleber 2 EL Butter Majoranblätter für die Garnitur

Zubereitung 1. Fleisch von Sehnen und Haut befreien,

in ca. 4 cm große Stücke schneiden. Zwiebeln schälen, halbieren und in Streifen schneiden. 2. Zwiebeln in Öl kräftig anschwitzen, Fleisch zugeben und 2 bis 3 Minuten anbraten. Paprikapulver und Kümmel kurz mitrösten und mit Weißwein ablöschen. Gemüsesuppe zugießen, den Deckel aufsetzen und das Schweinefleisch 1 Stunde bei kleiner Hitze schmoren. 3. Das gekochte Fleisch mit einem Siebschöpfer aus der Sauce heben. Tomatenmark in die Sauce rühren, mit Salz und Pfeffer kräftig würzen. Sauerkraut ein­ mischen und zugedeckt 15 Minuten schmoren lassen. 4. In einer großen Pfanne Zucker leicht karamellisieren. Schweinefleisch zugeben und kurz durchschwenken. Anschließend unter das Sauerkraut mischen und 20 Minuten schmoren. 5. Das Krautfleisch mit gekochten Erdäpfeln und Sauerrahm servieren.

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Für das Püree: 800 g mehlige Erdäpfel Kümmel 200 ml heiße Milch 60 g Butter Muskatnuss Zubereitung 1. Zwiebeln schälen, in Streifen schneiden

und in Butter langsam hellbraun anschwitzen. Tomatenmark zugeben und kurz mitschwitzen lassen. Mit Essig und Rotwein ablöschen und etwas einreduzieren. 2. Hühnersuppe zugießen, Lorbeerblatt, Zitronenschale und Knoblauch zugeben und bei kleiner Hitze 10 Minuten lang kochen. 3. Lorbeerblatt und Zitronenschale entfernen. Maisstärke mit kaltem Wasser anrühren und die Sauce damit binden. Mit Salz, Zucker, Pfeffer und Majoran abschmecken.

4. Die Leber waschen und mit Küchen-

papier trocken tupfen. Quer zunächst in dünne Scheiben und diese dann in 5 mm dicke Streifen schneiden. In einer schweren Pfanne portionsweise 1 Minute in Butter anbraten und sofort in die Sauce geben. Diese darf nicht mehr ­kochen, sonst wird die Leber zäh. 5. In der Zwischenzeit für das Püree Erdäpfel in Kümmelwasser weich kochen. Noch heiß schälen und sofort in eine Schüssel pressen. Mit Milch und Butter glatt rühren, mit Salz und Muskatnuss abschmecken. 6. Saure Leber mit Püree anrichten und mit Majoranblättchen bestreut servieren.


Eingelegter Pfefferwels mit Gewürzreis

Hirschmedaillons in Schokosauce

Burgenländischer Rotweingugelhupf

Zutaten für 4 personen Zeitaufwand: ohne Marinieren ca. 50 Minuten 600 g Welsfilet, 2 EL bunte Pfeffermischung 2 EL Rapsöl, 375 ml Fischfond geriebene Schale einer Bio-Zitrone 100 g Karotten, 100 g Gelbe Rüben Salz, 1 Tasse Langkornreis ½ Zwiebel, 1 Lorbeerblatt, 2 Gewürznelken 2 Jungzwiebeln, 1 EL Butter 1 Schuss Weißwein, 200 ml Obers

Zutaten für 4 personen Zeitaufwand: 50 Minuten 3 Schalotten 1 kleine Karotte 1 kleines Stück Knollensellerie 1 EL Butter 1 TL Tomatenmark 200 ml Rotwein 500 ml Wildfond 3 angedrückte Wacholderbeeren 2 Gewürznelken 1 EL Preiselbeermarmelade 20 g geriebene Schokolade (70 % Kakao) 650 g Hirschfilet 3 Wacholderbeeren, 3 Pimentkörner 5 Pfefferkörner, 1 TL Korianderkörner Salz 1 EL Rapsöl 1 EL Butter 1 Zweig Rosmarin

Zutaten für eine Gugelhupfform Zeitaufwand: 1 Stunde und 45 Minuten 125 ml guter Rotwein (z. B. Zweigelt) 2 Gewürznelken ½ Zimtstange 1 Bio-Orangen- und -Zitronenschale 2 EL geschmolzene Butter für die Form 2 EL Feinkristallzucker für die Form 100 g Butter 80 g Zartbitter-Kuvertüre 4 Eier 200 g Staubzucker 1 Prise Salz 2 TL echter Vanillezucker 100 g Mehl 2 TL Backpulver 150 g geriebene Mandeln

Zubereitung 1. Welsfilet entgräten und in 4 gleich schwe-

re Stücke teilen. Die Pfeffermischung in einer Pfanne trocken rösten, bis sie stark duftet. Die Pfanne vom Herd ziehen, Öl eingießen und mit 125 ml Fischfond ablöschen. Zitronenschale einrühren und den Pfefferfond abkühlen lassen. Die Welsfilets mit der Pfeffermarinade in ­einen Gefrierbeutel geben und im Kühlschrank über Nacht marinieren lassen. 2. Karotten und Gelbe Rüben schälen, in lange Streifen schneiden. In Salzwasser bissfest kochen. Abseihen und das Kochwasser für späteres Erwärmen auffangen. Karotten und Gelbe Rüben abschrecken. 3. Reis mit 2 Tassen Wasser und etwas Salz in einen Topf geben. Die Zwiebel mit Lorbeerblatt und Gewürznelken spicken und in den Reis legen. Zudecken und bei kleiner Hitze garen. 4. Filets aus der Marinade nehmen, von den Pfefferkörnern befreien. In einer Pfanne mit 250 ml Fischfond langsam pochieren. 5. Jungzwiebeln fein hacken und in Butter glasig anschwitzen. Mit Weißwein ablöschen und Obers zugießen. Die Sauce 5 Minuten köcheln lassen. 6. Gemüse im Gemüsewasser erwärmen. Welsfilets aus dem Fischfond nehmen, mit Reis und Gemüse anrichten. Den restlichen Fischfond in die Jungzwiebelsauce gießen. Kurz aufkochen, schaumig mixen und die Welsfilets damit übergießen.

Zubereitung 1. Für die Sauce Schalotten, Karotte und

Sellerie in 1 cm große Würfel schneiden und in Butter anrösten. Wenn das Gemüse leicht gebräunt ist, Tomatenmark einrühren und mit Rotwein ablöschen. Den Wein fast vollständig einreduzieren lassen, Wildfond zugießen. Wacholderbeeren und Gewürznelken zugeben und die Sauce langsam um ein Drittel einkochen. Preiselbeermarmelade einrühren, abschmecken und durch ein Sieb passieren. 2. In der Zwischenzeit Hirschfilet in 8 gleich große Medaillons schneiden. Wacholderbeeren, Pfeffer- und Korianderkörner fein zerstoßen. Die Medaillons damit bestreuen und salzen. In einer Pfanne Öl mit Butter erhitzen, Rosmarinzweig einlegen und die Medaillons darin beidseitig braten, sodass sie innen noch rosa sind. 3. Die Schokolade in der heißen Sauce schmelzen, glatt rühren und sofort mit Hirschmedaillons anrichten. Mit Preiselbeermarmelade und Knöpfle oder Band­ nudeln servieren.

Zubereitung 1. Rotwein mit Gewürznelken, Zimtstange,

Orangen- und Zitronenschale erhitzen, abkühlen lassen und die Gewürze wieder entfernen. 2. Gugelhupfform mit Butter bepinseln. Zucker einstreuen und durch Drehen und Klopfen gleichmäßig verteilen. Überschüssigen Zucker aus der Form leeren. 3. Butter und Kuvertüre in einem 40 °C heißen Wasserbad schmelzen und verrühren. 4. Eier in Eidotter und Eiklar trennen. Eidotter mit der Hälfte des Zuckers, Salz und Vanillezucker mit einem Mixer schaumig aufschlagen. Nach und nach gewürzten Wein und die Schoko-Butter-Mischung unter die Dottercreme schlagen. 5. Backrohr auf 160 °C Ober- und Unterhitze vorheizen. 6. Mehl mit Backpulver und Mandeln vermischen. Eiklar mit dem restlichen Zucker zu einem festen Schnee schlagen. Abwechselnd mit der Mehlmischung unter die Dottermasse heben. In die Form füllen und etwa 1 Stunde lang backen. Herausnehmen, überkühlen lassen und stürzen.

Servus  63


Blütenduft

Frühling im Glas

Weil’s bis zum großen Erwachen draußen noch ein paar ­Wochen dauert, lassen wir die Natur einfach im Haus erblühen – kunterbunt und herrlich frisch. redaktion: Alice Fernau  Fotos: katharina gossow  Styling: Markus Jagersberger & natascha hochenegg

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Zwiebelzauber Linke Seite: Karaffen, Krüge, kleine Likörgläser oder opulente Cognac-Schwenker – für dieses blühende Arrangement kann man nach Lust und Laune kombinieren. Sogar ein kleines Glashaus haben wir gebaut. Und das hat einen guten Grund: Zwiebelpflanzen wie unsere Narzissen und Hyazinthen lieben das Mikroklima unter dem Glassturz. Weil’s generell ein bisserl wärmer ist und die Feuchtigkeit gespeichert wird. Apropos: Gießen braucht man nicht, die Zwiebeln haben genug Saft, um auszutreiben. Und: Nach dem Verblühen können die Zwiebeln natürlich ins Freie gesetzt werden – auf dass sie im nächsten Jahr im Garten aufgehen.

Zweigwerk Diese Seite: Wer eine Zierquitte in der Hecke oder einen Roten Hartriegel im eigenen oder in Nachbars Garten hat, hat’s ohnehin gut (und die Bienen im Frühling auch). Jetzt im Februar bringen wir die knallroten Hartriegelzweige in der warmen Stube zum Austreiben und die stachelige Quitte zum Blühen. Dazu haben wir einfach ein paar Zweige abgezwickt, in warmes Wasser gestellt und drei bis vier Wochen Geduld bewiesen. Schneller geht’s, wenn man die Glasvasen (in unseren war früher Olivenöl bzw. Landwein drin) in Heizungsnähe platziert.

Servus  89


Schnittstelle Viele kleine Flascherln aus dem Fundus daheim oder vom Flohmarkt plus viele bunte Schnitt­ blumen aus dem Glashaus oder vom Lieblings­ gärtner machen viel Frühlingsgefühl. In diesem Fall erhellen großkopfige Märzenbecher, duften­ de Narzissen, facettenreiche Tulpen und kräftige Anemonen unsere Sinne.

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Moosbett Eine alte Kristallschale bildet den eleganten Rahmen für diese Komposition. Ein wenig Erde haben wir reingetan, die Zwiebeln von Narzissen und Hyazinthen und blitzblaue Primeln, zwischendrin ein paar Moospolster. Das speichert auch die Feuchtigkeit, ein bisserl gießen muss man aber trotzdem. 3

Servus  91


Brauchtum

5 Die . Jahreszeit Im Ausseerland, so sagt man, gibt es nicht nur Frühling, Sommer, Herbst und Winter, sondern auch noch den Fasching. Zelebriert wird er an den drei Tagen vor dem Aschermittwoch – und zwar bunt, prächtig und ganz schön laut. Text: Uschi Korda  Fotos: Marco Rossi

100 Servus


Seit 17 Jahren steht Gertrude Muhr als Oberflinserl der prachtvollen Faschingstruppe vor. In der langen Geschichte der Ausseer Flinserln hatten bislang immer die Frauen das Sagen.

Servus  101


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Heut ist da Faschingtag, Heut sauf I, was I mag. heut mach I ’s Testament, Des Geld geht zu end!

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leine Kinder mit roten Backen wuseln über den Hauptplatz von Bad Aussee und scharen sich immer wieder um Gestalten in prachtvoll glitzernder Kleidung. Die Ausseer Flinserln sind los und unterhalten die Menge mit deftigen Gstanzln, deren Ende die Kinder jeweils mit einem langgezogenen „Nuuussss! Nuuussss!“ quittieren. Belohnt werden sie dafür mit Nüssen, Orangen und Süßigkeiten – und wehe, es kommt ihnen ein Erwachsener in die Quere, um sich davon etwas zu schnappen. Gleich wird ihm von einem Zacherl, dem Diener der Flinserln, mit einer aufgeblasenen Saublase heftig auf die Finger geklopft. Zum Gaudium der Kinder natürlich, für die der Flin­serllauf am Faschingdienstag alljährlich ein Höhepunkt im Jahresablauf ist. kampf zwischen Winter und Frühling

Es ist der Abschluss eines dreitägigen, ununterbrochenen Treibens, das hier nachweislich seit 1767 als Brauchtum gepflegt wird. Und das als einzigartig im Alpenraum gilt. Einerseits wegen der bestickten Flinserlgewänder, die einen allein beim Hinschauen in fröhliche Stimmung versetzen. Andererseits, weil sich der Faschingsbrauch

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über die Jahrhunderte in seiner Ursprünglichkeit erhalten hat und nicht zum beliebigen Kostümfest mutiert ist. Vermutlich, weil die Region so lange vom restlichen Österreich relativ abgeschnitten existierte, sagt Herbert Seiberl, Schriftführer der Ausseer Flinserln und so etwas wie die zentrale Flinserlfigur im Hintergrund. Schließlich sei das Ausseerland erst 1876 an die Bahnlinie angeschlossen worden, die alten Traditionen blieben also unberührt von fremden Einflüssen erhalten. Tatsache ist aber auch, dass die Flittergewänder nicht gerade Aussee-typisch sind. Sie wurden seinerzeit von Salzfuhrleuten, die bis nach Venedig kamen, hier eingeführt. Inspiriert von der dortigen Karnevalsmaskerade, entwickelten sich daraus die Ausseer Flinserln. In den drei Tagen vor Beginn der Fastenzeit geht es um nicht mehr und nicht weniger als um den symbolischen Kampf des sterbenden Winters gegen den erwachenden Frühling. Als Erstes, nämlich als Winter, treten die Pless auf. Männer in weißen, wattierten Anzügen, die die Kinder mit einem nassen Schmutzfetzen durch den Ort jagen. Diese revanchieren sich mit Schneebällen, so lan-

ge, bis die Pless ermattet aufgeben und im Wirtshaus abtauchen. Am Faschingmontag dann ist der große Auftritt der Trommelweiber. Ausschließlich Männer, die als Frauen verkleidet mit großem Getöse durch die Gegend ziehen. Früher, sagt Herbert Seiberl, dachte man, Naturgewalten wie auch den Winter mit Lärm vertreiben zu können. Mit lautem Tamtam setzt sich denn auch der Rhythmus des Ausseer Faschingsmarsches binnen kurzer Zeit im Gehör der Zuschauer so fest, dass man das heute gern aufs Wort glaubt. Die Frauen-Maskerade dient jedenfalls dazu, dass die Austreiber von den flüchtenden Dämonen nicht wiedererkannt und gerächt werden können. nicht jeder kann ein flinserl werden

Am Faschingdienstag schließlich veranstalten die Flinserln als Frühlingsboten ihren Lauf durch Bad Aussee. Geordnet und nach einem uralten Reglement. Flinserl könne nicht jeder werden, sagt Gertrude Muhr, die seit 17 Jahren als Oberflinserl der schillernden Truppe vorsteht. Eine Autorität, die mit 20 Jahren der Familientradition folgte und zu ihrem ersten Flinserllauf antrat. Ein ➻


Jeden Faschingdienstag treffen sich die Flinserln im Gasthof Blaue Traube. Von dort startet der Festzug um 14 Uhr. AngefĂźhrt von der Musiktruppe, ziehen sie dann bis zum Hauptplatz.

Servus  103


Unter großem Trara verteilt die Truppe in ihren prachtvollen Gewändern Nüsse, Orangen und Süßigkeiten an die Kinder. Bewacht werden sie dabei von ihren Dienern, den Zacherln, deren Gewänder einfacher bestickt sind (links unten). Trommelweiber, die eigentlich Männer sind, vertreiben den Winter (unten).

Erlebnis sei das gewesen, sagt sie, und die Begeisterung in ihren Augen lässt vermu­ ten, dass ihr der Umzug heute noch genau­ so großen Spaß macht wie damals. Wer mitmachen darf, bestimmt ein sechs­ köpfiges Komitee, dem Gertrude Muhr vor­ steht. Voraussetzungen sind Volljährigkeit, die Zugehörigkeit zum Ausseer Bürgertum und ein guter Leumund. Letzteren geben meist die Eltern, daher haben sich im Lauf der Jahrhunderte traditionelle Flin­serlfamilien gebildet, in denen die aufwendigen Kos­ tüme über Generationen vererbt werden. Das älteste in Aussee stammt übrigens aus dem Jahr 1824, das von Gertrude Muhr ist immerhin schon 90 Jahre alt und muss

natürlich immer wieder repariert werden. Das Leinen, also der Grundstoff, bricht mit der Zeit ganz gerne, sagt sie, und überhaupt seien vor allem geflochtene Sessel der Feind der Kostüme, weil die Pailletten drinnen hängen bleiben. Mohrenkopf, Vögel und schmetterlinge

Schwierige Fälle landen zumeist bei Trach­ tenschneider Peter Veigl, dem auch die Gewichtsprobleme der knapp siebzig Flin­ serlläufer nicht verborgen bleiben. Bis zu 20 Kilo mehr gingen sich aus, sagt er, dar­ über komme man um ein neues Kostüm nicht herum. Und für ein richtig schönes Flinserl müsse man schon mit 10.000 Euro

rechnen, sagt Veigl, während er rund um eine mondförmige Schablone den Filz mit einer Nagelschere ausschneidet. In feinster Handarbeit näht er jede Figur auf das bereits fertiggestellte Leinenkleid. Vom obligatorischen Mohrenkopf, einem Relikt der venezianischen Herkunft, über Vögel, Schmetterlinge bis zu Blumen und Sternen. Wie bei einem Gemälde fügt der Meis­ ter danach bunte Ornamente in die noch hellen, unbearbeiteten Zwischenräume, bevor es ans Flittern geht. Einzeln werden die Pailletten angenäht, wobei Veigl am liebsten alte Schüsselflitter nimmt, weil die mehr Charme haben. Zum Abschluss ➻


Peter Veigl (oben) ist Trachtenschneider und Ausseer Flinserl. Seit 32 Jahren macht er Flinserlkostüme. Das sei sehr, sehr viel Arbeit sagt er, und dass er mindestens ein Jahr daran arbeitet. Immerhin werden nicht nur die figurativen und ornamentalen Motive einzeln auf Leinen gestickt, sondern auch die Pailletten. Tischler Hans Amon aus Grundlsee (unten) fertigt die Instrumente für die Trommelweiber aus zweischichtverleimten Spanholzplatten. Nur so bekommen sie einen schönen, dumpfen Klang, sagt er.

106  Servus


Als Abschluss ihres fröhlichen Umzugs, der sie mehrmals durch den Ort führt, geben die Ausseer Flinserln ihren Flinserltanz am Hauptplatz zum Besten. Einen Steirer „mit’n Kopf z’samm, mit’n Oarsch z’samm“, sagen die fröhlichen Ausseer.

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Faschingtag, faschingtag, kim na bald wieda, wann ma koa geld nit ham, stehln ma an Widda, wann ma koan widda ham, stehln ma an Aa*, drum san die drei faschingtag gar so viel rah!

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vervollständigt er das prachtvolle Stück noch mit bunter Wollstickerei. Das hier sei jetzt definitiv sein letztes Flinserl, sagt Veigl, mit dem im Februar seine Nichte erstmals laufen wird. Dabei grinst er von einem Ohr zum anderen, und wir dürfen vermuten, dass er das schon öfter gesagt hat. Sein erstes Kostüm hat er vor 32 ­Jahren angefertigt. Für sich selbst, und es sei so schiach gewesen, sagt er, dass er es am Aschermittwoch sofort wieder aufgetrennt habe. Damals sei er noch zu unruhig und zu schnell-schnell gewesen, sagt Peter Veigl, heute ginge er viel ruhiger ans Werk. Immerhin, so schätzt er, stecken an die 500 Arbeitsstunden in so einem kostbaren Kleid, an dem er mindestens ein Jahr arbeitet. Schneller ist da natürlich eine Trommel fertig, obwohl auch sie von einem Könner

in liebevoller Handarbeit gefertigt wird. Knapp zwanzig Stunden, schätzt Hans Amon, brauche er in seiner Tischlerei in Grundlsee für das Schlagwerkzeug der Trommelweiber. Das halte dann aber ein Leben lang. Weil er den Körper aus zwei Schichten verleimtem Eschen- oder Buchenholz herstellt, verrät Amon sein Geheimnis, deshalb bleibt die Form lang erhalten. der rhythmus des ausseer faschings

Für einen schönen, dumpfen Klang eignet sich Naturhaut am besten, die mit Hanfschnüren gespannt wird. Dazu kommen noch Lederschlaufen für die individuelle Einstellung. Das Trommelmachen habe er sich selbst gelernt, sagt Hans Amon, und sich dabei an alten Originalen orientiert. Tam-Tam-Tamtamtam, führt er uns mit einem selbstgedrechselten Schlägel, der

ebenfalls mit Tierhaut bespannt ist, das rhythmische Schlagen vor, das im Fasching drei Tage lang im Ausseerland den Ton angibt. Früher sei er auch als Trommelweib gelaufen, sagt Amon, denn er habe als Einheimischer natürlich alle ­Voraussetzungen erfüllt. Und selbstverständlich die Aufnahmsprüfung geschafft, die da wäre: einen Viertelliter Schnaps ex trinken, einen Pfefferoni essen, eine Virginia rauchen und einen Luftballon aufblasen. Wer schließlich dem Winter den Garaus machen will, muss sich halt auch den wirklich harten Dingen im Leben stellen. 3

Der Ausseer Fasching beginnt am 19. Februar 2012. Am 20. ziehen die Trommelweiber, am 21. die Flinserln durch den Ort.

* „Aa“ bedeutet Mutterschaf. Servus  107


Tierleben


Der bellende

Mäusejäger Er ist im Hochgebirge genauso daheim wie in der Stadt. Er riecht vierhundertmal mehr als der Mensch. Er hört Mäuse, selbst wenn sie unter einer dicken Schneeschicht krabbeln. Servus auf den Spuren des feinsinnigen Rotfuchses. Text: Paul Herberstein

fotos: www.picturedesk.at

Die Augen von der Katze, Nase und Ohren vom Hund: Der Fuchs vereint nicht nur optisch all das, was ein feinsinniger Jäger braucht.

M

eine Schuach, meine Schuach san aus Fuchsleder gmacht, die schlafn ban Tag und gehn fort bei der Nacht, heißt es in einem österreichischen Gstanzl. Zwischen Ende Dezember und Mitte Februar sind es vor allem die Füchse selbst, die die Nacht zum Tag machen: Es ist Ranz, die Füchse feiern Hochzeit. Helles Gejaule und heiseres Bellen erklingen im nächtlichen Wald, der Fuchsrüde hält Ausschau nach einer willigen Fuchsdame. Ist sie gefunden, weicht der Verehrer der Auserwählten nicht mehr von der Seite. Aus gutem Grund: Der weibliche Fuchs, die Fähe, ist nur wenige Tage empfängnisbereit. Ständiges Beschnuppern und immer wieder zarte Annäherungsversuche machen sicher, dass der Rüde den goldenen Zeitpunkt nicht verpasst. Kommt ihm dabei ein Rivale in die Quere, wird verbissen um die Gunst des Weibchens gekämpft. Mit der Treue hält es die umworbene Fähe übrigens nicht so genau: Sie paart sich auch mit mehreren Rüden, ein Wurf Jungfüchse kann daher verschiedene Väter haben. Wie Hunde hängen die Liebenden nach dem Deckakt bis zu 30 Minuten hilflos aneinander. Es ist also keinesfalls Keuschheit, warum sich Rüde und Fähe für die Paarung gerne in den sicheren Erdbau zurückziehen. Die ausgeprägte Libido des Fuchses hat auch in der Mythologie ihre Spuren hinterlassen: In Fabeln und Erzählungen aus dem asiatischen Raum steht das Wildtier mit dem buschigen Schwanz oft symbolhaft für erotische Verführung und Fruchtbarkeit. In unseren Breiten verbindet man mit dem Rotrock vor allem Schlauheit und eine gehörige Portion­Hinterlist. Thomas Huber, Wildbiologe und Raubtierexperte aus Kärnten: „Der Fuchs ist mit

allen Wassern gewaschen. Einer, der sich der Umgebung anpasst, unglaublich schnell lernt und über hervorragende Sinne verfügt.“ Alles schön und gut, solange Reineke­ nicht dem Menschen in die Quere kommt. Bei Thomas Huber werden Jugenderinnerungen wach: „Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, der Fuchs hat uns immer wieder Hennen gefladert. Nächtelang haben wir ihm nach solchen Besuchen aufgelauert: nichts, kein Schwanz zu sehen.“ Erst viel später hat sich das hochintelligente Raubtier ins Herz des Wildbiologen geschlichen. „Ich erinnere mich an einen kalten Wintermorgen in den Nockbergen: Ein einzelner, sehr starker Fuchs ist im ersten Licht über die unberührte Schneedecke geschnürt – ein unvergessliches Bild!“ Sagenhafter Stoff für Dichter

Wer einmal in das flauschig weiche Fell eines Winterfuchses gegriffen hat, versteht, warum gerade dieses Haarkleid beim Menschen so hoch im Kurs steht: Den Jäger erinnert das dekorative Beutestück an durchfrorene, aber magische Mondnächte, der Schneider fertigt aus dem farbschönen Fell hochwertige Kleidung: von der Kopfbedeckung über das wärmende Innenfutter bis zum ganzen Mantel. Einst war auch der röhrenförmige Muff sehr begehrt, in den sich klamme Hände dankbar flohen, wenn eisige Kälte um die Ohren pfiff. Ironie am Rande: Erfahrene Jäger­schwören bis heute auf solche Kleidungsstücke, wenn sie in rauen Winternächten stundenlang regungslos ausharren müssen, wie etwa beim Fuchsansitz … Das Wildtier von graziler Schönheit und schelmischer List hat seit Jahrhunderten auch Dichter inspiriert. Der beste Be➻

Servus  135


Der Schwanz dient im Winter als wärmender Schal.

Eine harmlose Balgerei zweier Füchse im Schnee.

weis: das Tierepos „Reineke Fuchs“ – die Geschichte des im ganzen Tierreich geächteten und verhassten Fuchses, dem es mit viel Klugheit und wenig Skrupel gelingt, den eigenen Kopf immer wieder aus der Schlinge zu ziehen. Neben unzähligen Literaten nahm sich im Jahr 1794 auch der fürstlichste aller Dichter dieser Fabel an: Johann Wolfgang von Goethe. Aus seiner Feder stammt die bis heute wohl bekannteste Version.

„Wichtig ist die unterirdische Behausung vor allem von November bis Februar, wenn es so richtig nasskalt und rau ist.“ Scheint an einem Wintertag die Sonne, rollt sich der Rotrock an einem ruhigen Plätzchen in sein dichtes Fell ein. Den buschigen Schwanz legt er sich dabei wie einen Schal vor die Nase und atmet so die vorgewärmte Luft. Von solchen Frischluftkuren können Jungfüchse zu Beginn nur träumen. Erst nach zwei Wochen öffnen sie die Augen, einen Monat lang bleibt der Bau die einzige Krabbelstube. Danach treibt sie aber der Forschungsdrang ins Freie: Sie balgen sich, springen einander an und spielen wild vor dem Bau herum. Ab August streifen die Jungfüchse dann auch tagsüber arglos und vertraut durch Wald und Feld – im krassen Gegensatz zu den vorsichtigen älteren Füchsen, die lieber in der Dämmerung und nachts unterwegs sind und jede Störung krummnehmen.

Burgfrieden mit Dachs & Kaninchen

Zurück zu den echten Füchsen: Sind die heißen Winternächte Geschichte und steht der Frühling vor der Tür, zieht es die Fähe in den Bau. Hier bringt sie rund 50 Tage nach der Paarung vier bis sechs Welpen auf die Welt. Auf besondere Nestwärme muss der Nachwuchs aber verzichten, der Bau ist weder mit Moos noch mit Gras ausgepolstert. Wenn es kalt wird, heißt es, sich aneinanderzukuscheln oder sich an das warme Fell der Mutter zu drücken. Füchse sind keine großen Baumeister. Anstatt sich selbst die Pfoten dreckig zu machen, beziehen sie lieber einen unbewohnten Bau oder begnügen sich mit einfachen Felsspalten als Zuhause. Haben jedoch dort Dachs oder Kaninchen noch nicht das Weite gesucht, dann gründet der Fuchs mit ihnen kurzerhand eine Wohngemeinschaft. Hausregel Nummer eins: Im und rund um den Bau herrscht absoluter Burgfriede. Mit dem Dachs wird nicht gestritten, und das Kaninchen ist als Beute tabu. Ein edler Grundsatz, den sich der Mensch vom Fuchs abgeschaut hat: Hält ein Jäger etwas auf sich und das Waidwerk, so verzichtet er rund um die Jagdhütte auf das Gewehr. Burgfrieden hin oder her, besonders lang hält es Reineke ohnehin nicht unter der Erde. „Der Fuchs ist viel seltener im Bau, als man glaubt“, weiß Wildbiologe Huber.

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Wenn Töchter zu Tanten werden

Ob der Fuchs als einsamer Wolf oder fürsorglicher Babysitter lebt, hängt vom Lebensraum ab: Bringt er sich selbst nur schwer über die Runden, weil die Wege weit und Beutestücke rar sind, bleibt der Familiensinn oft auf der Strecke. Ist der Tisch aber – wie etwa in Stadtnähe durch Haustiere oder Abfälle – reich gedeckt, rücken die Füchse zusammen und leben auch in Großfamilien. Da wie dort kümmert sich der Vater durchaus um den eigenen Nachwuchs und versorgt die Brut mit frischer Nahrung. Sind die Jungfüchse im Herbst geschlechtsreif, suchen vor allem Männchen das Weite. Die Töchter des Hauses haben es weniger eilig: Sie bleiben oft bei ihrer Mutter und helfen als „Tanten“ dem nächstjährigen Wurf. Der aufmerksame Spaziergänger kennt es: Mitten auf der Forststraße auf einem ➻

Das Fuchsfell als Objekt der Begierde. Der farbschöne Winterbalg steht bei Jägern wie Schneidern gleichermaßen hoch im Kurs. Er ist nicht nur hübsch, sondern wärmt selbst bei eisigen Temperaturen.


fotos: mauritius, imago


Hat der Fuchs eine Maus ausgemacht, stürzt er sich mit gezieltem Sprung auf sie. Rechte Seite: eine Fuchsspur im Winter. Fällt Reineke in den Trab, „schnürt“ er – seine Spur ähnelt dabei einer geraden Schnur.

Stein oder auf einem Baumstumpf daneben liegt ein daumendickes, langgezogenes Würstchen: Reineke macht mit Kot und Urin unmissverständlich klar, wo sein Revier verläuft. Für etwas dezentere Duftmarken hat er gleich mehrere Drüsen zur Verfügung: zwischen den Zehen aller vier Pfoten, in den Mundwinkeln und zwei ­erbsengroße, stechend riechende Drüsen links und rechts vom After. Auf nah fahren sich Füchse allerdings nicht mit dem Hinterteil ins Gesicht. Sie beschnuppern sich gegenseitig an der Schwanzoberseite, wo die Veilchendrüse sitzt. Jeder Fuchs verströmt dort eine für ihn und die Blume typische Duftnote. In Sachen Ernährung macht er es sich einfach: Er nimmt, was er leicht bekommt und reichlich vorhanden ist. Übers Jahr stehen Mäuse ganz oben auf dem Speiseplan. Mit seinem feinen Gehör entgeht ihm selbst unter der Schneedecke kein Piepsen und Krabbeln, damit er punktgenau zum tödlichen Beutesprung ansetzen kann. Weniger spektakulär ist seine Vorliebe für eiweißreiche Nahrung: Regenwürmer, Frösche und Schnecken verschlingt er in rauen Mengen, zur Abrundung gönnt sich der Allesfresser auch Obst und Insekten.

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Wenn Reineke aus dem Vollen schöpft, vergräbt er manchmal auch Futterreste – und findet diese dank gutem Erinnerungsvermögen und feiner Nase großteils wieder. Apropos guter Riecher: Wenn ein Fuchs der Beute nicht auflauert, so stöbert er nach ihr, indem er seine Nase in jedes verdächtige Erdloch steckt. Ein Raubtier also, das sich mit Mäusen, Würmern und Beeren zufriedengibt? Nicht ganz: Im Frühjahr wagt sich der Fuchs sogar an frisch gesetzte Rehkitze heran. Doch wehe, wenn das die Rehmutter spitzkriegt. Nicht selten verjagt sie mit wilden Tritten den ungebetenen Besuch. Die Gefahr lauert am Himmel

Außer vor wehrhaften Rehgeißen muss sich der Fuchs in Österreich nur vor Greifvögeln fürchten. Auf freien Almflächen im Gebirge hat der Steinadler gute Karten, und in der Nacht schlägt hie und da der lautlose Uhu zu. Wirklich bedrohlich sind allerdings Krank­heiten und Seuchen. „Früher hat die Tollwut ganze Bestände hinweggerafft“, erinnert sich Thomas Huber. „Vor rund 30 Jahren begann man aber flächendeckend zu impfen. Gebietsweise hat man Impfköder sogar aus Flugzeugen

geworfen.“ Mit Erfolg. Bis auf vereinzelte Fälle im benachbarten Ausland ist die auch für Menschen gefährliche Krankheit in Österreich­kein Thema mehr. Nach wie vor wütet jedoch gebietsweise die Räude: eine durch Milben verursachte Hauterkrankung, bei der der Fuchs nach und nach seine Haare­verliert. Was ist der Fuchs eigentlich: Hund? Katze?­Oder beides? Streng genetisch ist er wie Bello ein Wolfsbruder und verhält sich auch so: Er winselt und bellt, zieht den Schwanz ein und legt die Ohren an, wenn er sich in seinem Fell nicht wohlfühlt. Die Katze springt einem aber spätestens dann ins Auge, wenn Reineke jagt: Mäuse erbeutet er mit geschmeidigem Sprung. Senkrechte Pupillenschlitze lassen ihn in der Nacht gut sehen. Und wenn es sein muss, klettert der Fuchs auf Bäume oder faucht, wenn er sich bedroht fühlt. Glaubt man einem jungen Kärntner Bergbauern, ist die Frage, ob der Fuchs Hund oder Katze sei, ohnehin zweitrangig. Dieser antwortete nämlich einst auf die entsprechende Frage bei der Jagdprüfung spontan offenherzig: „Da Fuchs? Da Fuchs is a Luada …“ – Ein Luder vielleicht, aber ein verdammt faszinierendes. 3


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Er winselt und zieht den Schwanz ein wie ein Hund. Nur auf der Jagd wird er zur RaubKatze – und klettert, wenn’s sein muss, sogar Bäume hoch.

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Der Fuchs

fotos: getty images, mauritius, www.picturedesk.at

fabelhaft, feinsinnig & facettenreich Körper: Der Fuchs ist schlank und extrem wendig.­Durch die kurzen Beine und den bis zu 50 cm langen, buschigen Schwanz wirkt er lang­ gestreckt. Von Kopf bis Rumpfende misst er zwischen­80 und 90 cm. Sein Gewicht beträgt zwischen 5 und 10 Kilo, Rüden sind in der Regel schwerer als Fähen. Die Fellfarbe variiert: Klassisch ist Orangerot, es gibt aber auch deutlich hellere oder auch dunk­ lere Farbtöne. Der untere Teil der Pfoten und die Rückseite der Ohren sind schwarz, der Bauch grau-weiß, Kehle wie Schwanzspitze sind reinweiß. Jungtiere werden mit rund 10 Monaten ge­ schlechtsreif. In freier Wildbahn werden Füchse selten mehr als 7 Jahre alt. Augen, Nase und Gehör­sind hervorragend ausgebildet. Nahrung: Bevorzugte Beute sind Mäuse sowie Regenwürmer, Frösche, Obst und Insekten, aber auch Hausgeflügel und menschliche Abfälle. Er­ wachsene Wildtiere wie Reh oder Hase schlägt er nur in Ausnahmefällen.

Der Fuchs lauert seiner Beute auf oder stöbert nach ihr. Typisch bei der Mäusejagd ist der akrobatische­Beutesprung. Lebensweise: Je nach Lebensraum sind Füchse Einzelgänger, leben paarweise oder in Großfa­milien. Streif- und Beutezüge finden überwiegend in der Dämmerung oder in der Nacht statt. Die einzelnen Reviergrößen reichen von einigen wenigen bis zu hunderten Hektaren. Reviere werden­durch körpereigene Drüsen bzw. durch Kot und Urin markiert. Die Verständigung untereinander erfolgt über Mimik, Körpersprache und rund vierzig verschie­ dene Laute.

Wird das Wetter ab Spätherbst ungemütlich, zieht sich der Fuchs öfter in den Bau zurück.

Vorkommen: Der Fuchs ist sowohl in hochalpi­ nen Regionen als auch in der Aulandschaft hei­ misch und gilt als das flächenmäßig am weites­ ten ver­breitete Wirbeltier in Mitteleuropa. Feld und Wald gehören genauso zu seinem Lebens­ raum wie Stadtgebiete.

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wunder der heimat

Die Menschen machen das Tal Früher gab es Gold im Raurisertal. Heute hat der Reichtum andere Geheimnisse. Eine winterliche Geschichte über Knappenrösslreiter, Suppenbrunzer, Gewerkenhäuser, Kräuterhexen und Blattlkrapfen. Text: peter krobath  Fotos: Marco Rossi

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Ein Bild wie aus einer längst vergangenen Zeit. Toni Wallner im Talkessel von Kolm-Saigurn, ganz am Ende, dort, wo das Raurisertal am Sonnblick kratzt. Gleich geht die ­Abfahrt los. Nach alter Tradition auf dem Knappenrössl, dem Snowboard seiner Ahnen.


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Kunstvolles Handwerk in alter Tradition. Der Hans Schwaiger (Foto unten) redet nicht viel, sagen die Leute im Ort. Wahrschein­ lich ist das so, weil der Lacknerbauer seine Liebe zum Tal und zum Leben mit dem Schnitzmesser viel besser ausdrücken kann als mit dem Mund­ werk. Die filigranen ­Suppenbrunzer (links) sind nur ein Beispiel für sein Können. Rechte Seite: Ausblick ins tief­ verschneite Raurisertal.

inen echt schönen Suppenbrunzer host do“, sagt die Gerlinde zum Hans in seiner Werkstatt, und der Hans sagt: „Jo“, und ich denke mir: „Was bitte ist ein Suppenbrunzer?“ Es ist nämlich so: Hans Schwaiger vom Grubweg in Rauris ist der Lacknerbauer, den man im ganzen Tal als Holzwurm kennt. Weil der weit mehr als nur ein Tischler ist. Ein Tischler arbeitet für Geld. Der Hans hingegen, zumindest seit er nicht mehr Nebenerwerbsbauer, sondern in Pension ist und der Sohn den Betrieb übernommen hat, arbeitet aus Liebe und aus Leidenschaft, der Traditionen wegen und weil er ohne Holz nicht sein kann. Als Bub lernte er das Handwerk am Hof wie von selbst, einfach, weil die Zeiten hart waren und die Familie gezwungen war, „alles selber zu machen“. Heute aber, und das sagt er mit einer bodenständigen Mischung aus Stolz und Bescheidenheit, heute kann er es sich leisten, dass er Sachen macht, die ihn interessieren. Für Außenstehende mag das immer noch wie eh genug viel Arbeit wirken. Für Hans ist es der Versuch, alte Handwerkstechniken vor dem Vergessen zu bewahren. „Wenn ich einen alten Kasten reparieren soll, brauch ich alte Holznägel. Und wo krieg ich die her?“ 500 Kubikmeter Holz hat er beim Umbau des Lacknerhofs verarbeitet. Jetzt steht das Haus als Schmuckstück da, dessen Details sich so selbstverständlich ins Gesamtwerk fügen, dass man genau hinschauen muss, um die Feinheiten zu erkennen. Für den Hans liegt die Größe im Kleinen: „Wer fragt schon in hundert Jahren, ob du fünf Stunden mehr für die Arbeit gebraucht hast?“ Von heiligen Tauben und einer gesegneten Suppe

Liebevoll detaillierte Krippen entstehen in seiner Werkstatt. Hölzerne Glockentürme, die einst so typisch für diese Gegend waren. Maßgezimmerte Untersetzer für Jagdtrophäen. Oder eben Suppenbrunzer. Kunstvoll geschnitzte Tauben sind das, die früher vergoldet und versilbert in Bauernstuben überm Esstisch gehangen sind. Unter einem hölzernen Strahlenkranz haben sie den Heiligen Geist dargestellt, und jedes Mal, wenn die Suppenschüssel aufgetragen wurde, stieg der heiße Dampf gen Himmel auf, um gleich darauf als tropfendes, quasi geweihtes Kondenswasser vom Schnabel oder den Federspitzen herab auf die Welt zurückzukehren. Daher die Bezeichnung. Die zugegebenermaßen etwas derb ist. Zugleich aber auch gut den wortkargen, verschmitzen Humor trifft, der im Raurisertal üblich ist. Wie übrigens auch die Gastfreundschaft. Die Rauriser nehmen nicht jeden Fremden gleich begeistert auf. Dafür haben sie in der Geschichte schon viel zu oft draufgezahlt. Aber wenn sie dich einmal in ihr Herz geschlossen haben, was nach einem kurzen, abschätzenden Wortwechsel, oft auch schon nach einigen prüfenden Blicken, manchmal aber erst nach Jahren passieren kann, dann bist du auf einmal in einer Welt gelandet, wie es sie so woanders kaum noch gibt. ➻


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Für den Hans liegt die GröSSe im Kleinen. Und wer fragt schon in 100 Jahren, ob du für deine Arbeit 5 Stunden länger gebraucht hast?

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Die Kraft und die Ruhe, die der Toni Wallner für sein Leben braucht, kommen von den Bäumen und den Bergen. Wenn er (wie im Bild rechts mit Thomas Berger) das Knappenrösslreiten vorführt, meint man, in ein Zeitloch gefallen zu sein.

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Gerlinde Eidenhammer weiß das nur zu gut. Sie stammt aus Oberösterreich. Als junge Frau hat sie sich in die Rauriser Berge verliebt, später wohl auch in den einen oder anderen Rauriser Bergfex, irgendwann haben die Einheimischen vergessen, dass sie eigentlich eine „Zuagraste“ ist, und heute erklärt sie mir die Eigenheiten der 500 Jahre alten Gewerkenhäuser in der Rauriser Marktstraße mit solch einer Begeisterung, als ob sie von ihr selbst gebaut worden wären. Weil auch das zeichnet die Rauriser aus: Sie sind stolz auf ihr Erbe. Und sie haben allen Grund dazu. 2.000 vor Christus wurde das Tauerngold entdeckt. Damit begann der Wohlstand. Später ließen sich selbst die antiken Römer ihre Münzen aus dem Erz der Rauriser Berge prägen. Und um das Jahr 1.500 herum haben im Tal etwa 3.000 Menschen gewohnt. Also ungefähr so viele wie heute. Die Reichen darunter waren die Gewerken. Grubenunternehmer, die am Goldabbau so prächtig verdienten, dass sie prunkvolle Häuser errichten und ihre Töchter in die feinsten Familien verheiraten konnten. Die Bergarbeiter hießen Knappen. Sie bekamen vom Reichtum vor allem die harte Arbeit ab. Ihre Stadt war Kolm-Saigurn. Weit oben am Ende des Tals. Im Schatten vom Sonnblick. Auf knapp 1.600 Meter Seehöhe. Ganz nah am Gold. Im Winter kommt man am schnellsten mit dem Motorschlitten hin. 25 Minuten Fahrt durch ein tief verschneites Märchenland. Das Auto blieb – und das ist gut so – bei der Schranke stehen. In Bodenhaus, wo der traditionelle Hengstauftrieb Mitte Juni alljährlich fast so viele Zuschauer anlockt wie Hansi Hinterseer, wenn er in den Bergen singt. Aber das ist eine andere Geschichte. Vom ewigen Mädchen und dem Rauschebart

Loisi Tomasek, die Wirtin vom Ammererhof, wurde in Kolm-Saigurn geboren. Also ziemlich weit weg von dort, wo es laut und hektisch zugeht in der Welt. Wenn sie lacht, wirkt sie wie ein junges Mädchen. Wenn man sie nach dem Alter fragt, auch: „Bin schon seit 20 Jahren pensionsreif.“ Vater und Mutter waren Wetterwarte am Sonnblick. Die Kinder wuchsen in einer Welt auf, die nach Heidi klingt, aber halt doch die realistische Version vom Alpenmärchen war. Im Krieg hatten sie sogar eine Hauslehrerin hier oben am Berg. „Die hat geglaubt, da wohnen die reichen Leut.“ Als sich das Fräulein nach einem Klavier erkundigte, „haben wir Kinder gesagt: Die bleibt eh net lang.“ Noch heute muss die Loisi grinsen: „Zu Ostern war sie wieder weg.“ Die Knappen hatten hier schon vor hunderten Jahren eine komplette Infrastruktur in ihrer Siedlung. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie sie das karge Leben ausgehalten haben. Aber wer das Glück hat, den Toni Wallner zu treffen, der kriegt zumindest eine relativ klare Idee von ­ihrem Ausschauen vermittelt. Mit mächtigem Rauschebart und blitzenden Augen, gewandet in Loden und Leder, vor allem aber als fixer Bestandteil dieser urtümlichen Berglandschaft wirkt er wie der brummige Zwerg Gimli aus ­Tolkiens „Herr der Ringe“. Und das ist noch nicht einmal eine Verkleidung. „Der Toni ist immer so“, versichert mir Gerlinde. „Auch im Fasching.“ Im Sommer führt der Toni Märchenwanderungen durch den urwüchsigen Wald von Kolm-Saigurn. Im Winter zeigt er vor, wie Knappenrösslreiten geht. Damals war das die bevorzugte Fortbewegungsart der Rauriser Knappen, ➻

Am besten schmeckt das ­Tiroler Gröstl, wenn es so wie am Ammererhof in Kolm-­ Saigurn gleich in der Pfanne auf den Tisch kommt. Loisi ­Tomasek (Foto unten) hat ihr Leben hier oben am Berg ­verbracht. Heute wird der ­Alpengasthof von ihrem Sohn geführt. Loisi ist „die gute Seele“ des Hauses. Eine ­Berufung, die leider immer seltener wird …

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wenn sie bei viel Schnee ins Tal mussten. Heute darf man sich das wie eine Frühform vom Snowboard vorstellen. Wenn der Toni am Knappenrössl sitzt, schaut das ziemlich einfach aus. Etwas Vorsicht ist beim Nachmachen trotzdem geboten. Schließlich möchte man bei allem Spaß im Pulverschnee nicht unbedingt wie Ignaz Rojacher enden. Der Rauriser Kleinhäusler-Bub hatte sich im 19. Jahrhundert aus ärmsten Verhältnissen zum letzten Gewerken, zum wohl bedeutendsten aller Bergbaubetreiber im Tal hochgearbeitet. Mit 32 stürzte er vom Knappenrössl und musste von da an ein eisernes Mieder tragen. Was ihn allerdings nicht an der Umsetzung seiner Visionen hinderte. 1886 ließ der Ignaz die Wetterwarte am Sonnblick erbauen. Schon vier Jahre vorher brachte er das elektrische Licht nach Kolm-Saigurn. Den Generator hatte er bei der Weltausstellung in Paris gesehen. Und heimlich ins Land geschmuggelt. Damit der Kaiser in Wien nur ja nichts davon erfährt, erzählen die Rauriser noch heute voller Stolz. Denn die Städter setzten noch auf Gaslicht, als die Knappen am Berg längst Glühbirnen hatten. Diese Geschichte mag verwunderlich klingen, aber nur für den, der dieses abgeschiedene Tal nicht kennt. Wer einmal dort war, begreift sehr schnell, dass die Rauriser nicht gerne warten, bis ihnen wer von außen hilft. Sie helfen sich schon selbst. Von Schafen, geiern und einem besonderen Schnaps

Oben: Die Walliser Schafe sind zu weich, um wahr zu sein. Für die Filzpotschen, die Roswitha Langreiter aus ihrer Wolle herstellt, gilt das auch. Links: Der Georg Rasser lässt sich von der Wintersonne wärmen. Aber nur kurz. Weil seine Dachschindeln sind ­begehrt im ganzen Tal.

Die Walliser Schwarznasen sind so was wie die Hippies unter den Schafen. Love, Peace und lange Haare. „Wir haben noch nie einen Widder gehabt, der böse war“, erzählt Roswitha Langreiter. „Das gibt es einfach nicht.“ Sie und ihr Mann haben die Walliser aus der Schweiz hergebracht. „Weil’s uns so gut g’follen hoam.“ 60 bis 70 Stück hat die Herde in der Regel. Natürlich wird auch das Fleisch verarbeitet. Aber Roswitha ist die Wolle wichtiger. Auf den Bauernmärkten verkauft sie Strickwaren und Filzprodukte, alles am Hof hergestellt in reiner Handarbeit. Ihre Filzpotschen gelten als besonders gemütlich. Die Erfinderin der Flip-Flops hat auch welche gekauft, erzählt Roswitha. Im Winter sind die Schafe kaum im Stall zu halten. Ab und zu kommt der Fuchs und holt sich ein Lamm. Im Sommer können sie auf der Alm weit über 2.000 Meter gehen. Dort kreisen heute noch die Geier. „Zwei, drei Lamperl gehen alleweil ab.“ Aber da muss man gar nicht weiter nachdenken. „Dos is hoalt so.“ Quasi ein Naturgesetz. Genauso wie der Vogelbeerschnaps. Vor dem gibt es kein Entrinnen hier herinnen. Wo jeder zweite Bauer zumindest das kleine Brennrecht hat. Schnaps wird als hohe Kunst gehandelt im Raurisertal, und die Krönung von allem ist der Vogelbeerschnaps. Weil die Frucht gibt wenig ab. Die Ernte ist eine beschwerliche Plackerei. Und die Bäume tragen sowieso nur alle 3 Jahre gut. Wie zuletzt 2009. Den müssen wir unbedingt noch probieren, meint der Herr Langreiter, und die Gerlinde wird hinterher erzählen, dass die Bauern den guten Schnaps nicht immer gleich rausrücken. Der ist viel zu wertvoll für gewöhnliche Zufallsgäste. Den muss man sich erst erarbeiten. Und wenn’s auch nur im Gespräch ist. Diese besondere Liebe zu dem, was man hat, was einem das Land gibt und gegeben hat, findet man auch in der Präzision, mit der Georg Rasser seine Holzschindeln ➻


Oben: Ludwig Rasser begutachtet auf dem Balkon seines Hauses einen Kristall, in dem sich die Nachmittagssonne bricht. Der Wetterwart vom Sonnblick ist überzeugt: Es gibt zu jedem Menschen ­einen Stein, der genau zu ihm passt – man muss ihn nur finden. Auch Margot Langreiter (unten) schwört auf die Heilkräfte der Natur. Ihre Apotheke liegt gleich vor der Haustür. Aus den Kräutern von Berg und Tal macht sie Tinkturen und Salben gegen allerlei Wehwehchen. Und ihr Schwiegervater hat ein Mittel fürs Vieheinreiben erfunden, das bis heute in der Stadtapotheke vertrieben wird.

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Einkehr im urigen Gasthof „Zur Schütt“. Toni Huber hat das Zepter an Tochter Maria und Schwiegertochter Marietta übergeben, deren Spezialität die Blattlkrapfen (unten) sind. „Reiche Leut san bei uns heroben a wirkliche Seltenheit ­gewesen“, sagt der Toni. Rechte Seite: der Ammererhof in Kolm-Saigurn.

hackt. Das macht er schon ein Leben lang. Die Schindeln vom Dach der Kirche in Rauris sind von ihm. Das alte Schneidmesser ist schon fast bis zur Kante abgewetzt. Jetzt hat er sich ein neues gekauft. Er weiß nicht, ob er das in seinem Leben noch abnutzen wird. Wohl kaum, sagt er. Der Natur den Raum lassen, den sie braucht, um Natur zu bleiben. Erich Langreiter zeigt auf ein entlegenes Wald­ stück hinter seiner Alm. „Do drinnen hat das Wild seine Ruah“, sagt er. „Dort kann es sich erholen. Do gibt es koa­ ne Jaga, koane Schwammerlsuacha, nix.“ Vom Muttertag bis in den Herbst hinein betreibt er mit seiner Familie das Wirtshaus oben auf der Karalm. Inklu­ sive Betreuung und Führung der Gäste, die wegen der Hirschjagd kommen. „Im Sommer hoam mir viel Arbeit, aber im Winter lossn mir uns Zeit.“ Sein Hof liegt im Ortszentrum von Rauris. Wie alt das mächtige Haus ist, kann er nicht sagen. Nur so viel: „1507 hat es einer seiner Tochter übergeben.“ Und seitdem ist der Hof in der Familie. Zwischendurch auch als Salpeterbren­ nerei. „Das Brennrecht gibt es noch seit Maria-TheresienZeiten.“ Kurpfuscher und Viehdoktoren sind sie gewesen hier am Hof, und das durchaus mit Erfolg: Das Mittel, das der Großvater zum Vieheinreiben erfunden hat, wird noch heute in der Stadtapotheke verkauft. „Die konnten damals vielen Leuten helfen“, weiß Mar­ got Langreiter, die Frau vom Erich. Zu der sagen die Leute Kräuterhexe. Allerdings ohne es schlecht zu meinen. Mar­ gots Apotheke liegt vor der Tür, rings um sie herum, beson­ ders, wenn die Familie auf der Alm ist. „Da kommt keiner aus dem Wald, ohne was in der Hand zu haben. Darauf schau ich schon …“ Allerlei Salben und Tinkturen stellt sie nun schon seit 15 Jahren her, nach uralten, streng geheimen Hausrezep­ ten. Beinsalben, die bei verstauchten Gelenken helfen. Pechsalben, die Wunden reinigen und schützen. Murmel­ tierfett gegen Hexenschuss. Und ein Kräutergemisch aus Wacholder, Königskerze, Beifuß und Salbei soll eine reini­ gende Wirkung beim Ausräuchern haben. „Früher war das eine verbreitete Heilmethode. Wegen je­ dem Schmarren ist geräuchert worden.“ Heute kommen sie auch noch oft vorbei, manchmal mit seltsamen Wünschen. Da heißt es dann: Mit der Frau kannst ruhig reden. Die hat Verständnis. „Ja, Verständnis hätt ich schon in solchen Fäl­ len“, lacht die Margot, „aber eben keine Kräuter dafür …“ Von heilenden Steinen und einer seltsamen Frage

Zum Vater vom Ludwig Rasser sind s’ auch gekommen. Der konnte durch die Kraft der Steine heilen, erzählt man sich, oft haben sie heimlich sogar vom Krankenhaus angerufen, wenn eine Blutung gar nicht mehr zum Stillen war. Die Tradition der „Stoasucher“ reicht in den Hohen Tau­ ern bis in das 18. Jahrhundert zurück. Die ersten Minerali­ ensammler waren Knappen. Gegen Ende des 19. Jahrhun­ derts, am Höhepunkt des Booms, gab es einen gewissen Pfeiffenberger in Rauris, der hat das profimäßig gemacht, mit 15 Mitarbeitern. Mit dem Nationalpark kam das Ver­ bot. Jetzt dürfen nur noch Experten wie Ludwig Rasser Kristalle suchen. Quasi mit wissenschaftlichem Segen. Dem Ludwig geht es nicht nur um die Schönheit der Steine. Ihm geht es um das Geheimnis, das sie in sich tra­ gen. Jeder Kristall hat positive und negative Ortungen, ➻

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Die Rauriser warten nicht gerne, bis ihnen wer von aussen hilft. Sie helfen sich schon selbst. Deshalb gab es hier schon Strom, als in Wien noch die Gaslichter brannten.

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Talein, talaus

Platzerln und Menschen, die man kennenlernen muss. 1. Handgefertigte Dachschindeln Je langsamer der Baum gewachsen ist, desto länger halten die Schindeln. Außerdem: Je höher vom Berg der Baum kommt, desto besser ist sein Holz fürs Dach geeignet. Seit dem Jahr 1970 schnitzt Georg Rasser Schindeln aus Lärchenholz, meistens 6 bis 7 Stunden am Tag. Die Ware ist akkurat an der Hauswand aufgestapelt. Holzschindel auf Holzschindel, fest mit Draht verschnürt in Paketen zu je einem Kubikmeter. An die 400 Packerln entstehen pro Jahr. Weil fast zwei Drittel der Gemeinde Rauris im Nationalpark Hohe Tauern liegen, gibt’s für traditionell gedeckte Dächer EU-Förderungen. Weshalb sich Georg Rasser über mangelnde Nachfrage nicht beklagen kann. Die Kirche in Rauris hat seine Schindeln. Und viele Skihütten auch. Verkauft wird ab Hof. Schindelbauer Georg Rasser, Dorfstraße 33, 5661 Wörth in Rauris

3. Die Kraft der Steine Der 250 kg schwere Bergkristall, den Ludwig Rasser 1982 in der Sonnblick-Nordwand gefunden hat, steht heute in der Skihalle Neuss. Aber bei Interesse und vor allem gegen Voranmeldung zeigt er gerne auch bei sich daheim die schönsten Stücke seiner Sammlung her. Seltene Steine sind übrigens keine Schwammerln: Selber sammeln ist verboten im Raurisertal. Wenn Ludwig Mineralien sucht, tut er das als Teil eines wissenschaftlichen Projekts. Und eine Sondergenehmigung vom Nationalpark hat er auch dabei. Ludwig „Lug“ Rasser, Zöllnerweg 6, 5661 Rauris Tel.: +43/664/486 00 94, www.rasser-mineralien.at 4. Vom Schaf zur Wolle „Wir lieben Schafe.“ So einfach wie Roswitha Langreiter kann man es natürlich auch ausdrücken. Und die Schafe lieben die engagierte Bäuerin vom Pichlgut ganz offenbar aus voller Wolle zurück. Weshalb man unbedingt wenigstens einmal auch im Stall gewesen sein muss. Walliser Schwarznasen sind ganz besondere Exemplare: So was von süß ist selbst unter Lämmern selten. Geschoren wird nicht mehr am Hof, verarbeitet schon – vom Fleisch bis zu den Filzpantoffeln, die Roswitha nach eigenen

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Entwürfen herstellt. Schnaps gibt es übrigens auch. Falls noch was übrig ist, sollte man die Vogelbeere aus dem Jahr 2009 nicht unbeachtet lassen. Roswitha und Johann Langreiter, Pichlgut, ­Forsterbachweg 13, 5661 Rauris, Tel.: +43/6544/73 73 5. Daheim beim Holzwurm Nur der Holzverschlag im Garten, der Spaziergänger magisch anzieht und wie ein kleines Hochhaus für die Laufenten und die Zierhühner wirkt, die darin wohnen, ist nicht von ihm – den haben nämlich die Kinder gemacht. Den Rest am Hof aber, von den Balkonen bis zu den Türverzierungen, vom Marterl an der Wegkreuzung bis zum mächtigen Baumstamm, der jetzt als Halterung für die Kinderschaukel dient, den Rest hat Johann Schwaiger mit eigenen Händen aus dem Holz geschnitten. Alte Möbel repariert er auch, während sich seine Frau Anni um den Kuhkäse kümmert. Weil hier macht jeder Bauer seinen Kas. Und der Lacknerkas ist bekannt. Johann und Anni Schwaiger, Lacknerbauer, Grubweg 56, 5661 Rauris 6. Wo es alles gibt Vor drei Jahren hat Katharina Winkler das kleine Geschäft von ihrer Tante übernommen. Es ging nicht anders. Erst wollte sie nicht, aber jetzt ist sie glücklich da. „Kathrin’s Laden“, direkt im Einzugsgebiet

zu den Langlaufloipen, zu den Skitouren und zum Schneeschuhwandern, ist ein Gegenstück zur fortschreitenden „Supervermarktisierung“ dieser Welt. Greißler heißt das in Wien, Kroama sagen sie hier dazu. Bei Kathrin gibt es alles, von Bauernprodukten bis zu Kaffee und hausgemachten Kuchen, es gibt die notwendigen Lebensmittel, die man braucht, und die speziellen gibt es auch. Leberknödel und Kaspressknödel locken, in der kleinen Wirtsstubn treffen sich Jäger und Bauern, zweimal am Tag wird frisches Brot gebacken – irgendwie ein Paradies. Und passend dazu auch am Sonntag geöffnet! Kathrin’s Laden, Katharina Winkler, Hüttwinkelstraße 67, 5661 Rauris, Tel.: +43/664/865 86 62, www.kathrins-laden.at 7. Schlafen im Schnee „Ein kleiner Alpengasthof fern vom Alltag.“ So steht es im Prospekt vom Ammererhof, und besser kann man dieses trutzige Steinhaus in Kolm-Saigurn, „im Herzen des schönsten Talschlusses des Nationalparks Hohe Tauern“, gar nicht beschreiben. Eine gemütliche Essstube gibt es und die von Helmut Tomasek liebevoll umgebauten Gästezimmer. Vorher

illustration: andreas posselt

2. Die Apotheke aus dem Wald Im Zentrum von Rauris, in und unweit der Marktstraße, gibt es nicht wenige Häuser, die 500 Jahre und manchmal sogar noch älter sind, wie etwa das wuchtige Gemeindehaus, dessen Chronik bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts zurückgeht. Auch am Heustadlhof der Familie Langreiter, etwas oberhalb der Fürstenmühle, musst du nur kurz in der liebevoll restaurierten, gemütlichen Bauernstubn sitzen, um ein Gefühl für die vielen Generationen zu kriegen, die hier schon gelebt haben. Ein Besuch lohnt sich nicht nur wegen der Naturapotheke, die Margot Langreiters Metier ist. Ab Hof verkauft werden neben Natursalben und Tinkturen, die dem Körper und der Seele guttun, auch Schnäpse und Liköre, Marmeladen, Bienenhonig, Räucherwaren, Wildwurst und Bauernbrot aus eigener Produktion. Heustadlhof, Margot und Erich Langreiter, Rainbergstraße 20, 5661 Rauris, Tel.: +43/6544/630 32


hat der leidenschaftliche Snowboarder fünf Jahre lang in Wien als Luftfahrzeugtechniker gearbeitet. Aber die Berge sind ihm dann halt doch lieber gewesen. Seine Mutter Loisi und deren Schwester Maria sorgen für eine sensationelle Küche, in der traditionell Deftiges wie Specknocken, Tiroler Gröstl oder Bauernkrapfen die Hauptrolle spielt. Idealer Ausgangspunkt für Skitouren, Eisklettern, Schneeschuhwandern und Rodelpartien. Übrigens: kein ­Telefon – kein Stress. „Bei mir“, sagt Helmut Tomasek, „gibt es bewusst keinen Handyempfang.“ Alpengasthof Ammererhof, Loisi und Helmut Tomasek, Kolmstraße 21, 5661 Rauris, Tel.: +43/6544/81 12, www.ammererhof.at 8. Der mit dem Knappenrössl reitet Das mit dem idealen Ausgangspunkt für allerlei Wintersportaktivitäten und der idyllischen Berglandschaft gilt genauso für die Sonnblickbasis Kolm-Saigurn, schließlich liegt das Haus der Naturfreunde nur wenige Höhenmeter unterhalb vom Ammererhof. Hier auf 1.600 Metern war das Zentrum des Goldbergbaus, wie Pächter Hermann Maislinger erzählt. Ihm hat es besonders Ignaz Rojacher angetan, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts für die letzte Phase vom Höhenflug in KolmSaigurn verantwortlich war. Bei Hermann kann man auch das Knappenrösslreiten lernen, besser gesagt bei seinem „Vorreiter“ Toni Wallner. G’führiger Schneespaß auf Brettln, die es echt nur hier gibt. Sonnblickbasis Kolm-Saigurn, Hermann Maislinger, Kolmstraße 22, 5661 Rauris, Tel.: +43/6544/81 03, www.sonnblickbasis.at 9. Ein Gasthof mit Geschichte Wenn du im Winter in der Wirtsstubn vom Gasthof „Zur Schütt“ sitzt, die Maria oder die Marietta stellt in einem heißen Eisenreindl die Blattlkrapfen auf den Tisch und der Altbauer rückt sich den Stuhl zurecht und erzählt von früher, wie es damals war, als ein großer Bauernhof noch eine kleine Welt in sich gewesen ist, dann wird’s wirklich gemütlich. Schon 1466 wird in der Hauschronik ein Sigmund an der Schütt erwähnt, heute ist der Hof ein uriges Gasthaus, in dem alte Bauernmöbel stehen, die allesamt Museumsreife haben. Gasthof „Zur Schütt“, Marietta Huber, Seidlwinkl­straße 30, 5661 Rauris, Tel.: +43/6544/64 03, www.schuettgut.at 10. Der mit den Friesen flüstert Ottje und Ronny muss man natürlich auch erwähnen. Das sind die beiden Friesenhengste, die Heinz Groder vor seinen Pferdeschlitten spannt. Die Fahrten des ebenso leidenschaftlichen wie unterhalt­ samen Kutschers beginnen beim Gasthof Neuwirt am Rauriser Marktplatz, dessen Küche man auch nicht unbedingt auslassen sollte. Heinz Groder, Tel.: +43/676/435 75 75 Gasthof Neuwirt, Kirchweg 1, 5661 Rauris, Tel.: +43/6544/630 20, www.neuwirt-rauris.at 11. Die viele kennt und noch mehr weiß Absolut unverzichtbar für das Raurisertal ist Gerlinde Eidenhammer. Die Vorsitzende des Alpenvereins Rauris, die sich gerne als „ehrenamtliche Hausfrau“ bezeichnet, führt mit Begeisterung an Orten und zu Leuten, die man als Nicht-Rauriser so schnell nicht findet. Gerlinde Eidenhammer, Gaisbachstraße 15, 5661 Rauris Tel.: +43/664/458 35 36, www.alpenverein.at/rauris

Es muss nicht ­immer Vogelbeere sein, nicht mal im Raurisertal. Auch in anderen Früchten leben gute Geister. Hier brennt quasi jeder Bauer seinen ­eigenen Schnaps.

erklärt er, das stellt man mit der Wünschelrute fest, und je nachdem, wie der Mensch selbst geortet ist, kann es auch einen Stein geben, der genau zu ihm passt. Es ist nicht so, dass der „Lug“ mit seinem Wissen protzen würde. Aber wenn ihn wer fragt, hilft er gerne. Ob es auch Leute gibt, die sich über ihn lustig machen? Ludwig Rasser, im Brotberuf Wetterwart am Sonnblick, sitzt in seinem Arbeitszimmer. Am Tisch liegen zwei Lupen, davor ­einige Steine. An den Wänden Vitrinen voller Kristalle. Er zögert etwas mit der Antwort. Warum sollen sich die Leute lustig machen über einen, der an die Kraft der Steine glaubt? „Nein“, sagt er schließlich und irgendwie ist ihm dabei eine leise Verwunderung über die Frage anzumerken. „Nein, eigentlich nicht.“ Von einem gestern, das bis heute lebt

Tief drinnen im Tal liegt der Gasthof „Zur Schütt“. Das Wirtshaus reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück, den Hof gibt es schon viel länger. Der Tauernweg liegt vor der Tür, die Säumer haben hier ihre Pferde umgetauscht, und weil die Waren über Nacht diebstahlsicher untergebracht werden mussten, gibt es dicke Wände und kleine Fenster. Früher ist alles am Hof hergestellt worden, der Schneider blieb übern Winter und hat das Gewand gemacht, erzählt der Anton Huber, während die Maria und die Marietta, seine Tochter und seine Schwiegertochter, in der Küche nach altem Rezept die Blattlkrapfen zubereiten. Es ist gemütlich warm in der Stubn, und wenn der Altbauer von damals erzählt, dann braucht die Welt keinen Fernseher mehr. Von der Baronin, die in schweren Zeiten die Jagdpacht nicht mehr zahlen konnte. Von den Kriegsgefangenen, die mit den Bauersleuten am Tisch essen durften, obwohl das von der Obrigkeit her verboten war. Und immer wieder vom Wald, vom Vieh, von seinen insgesamt elf Kindern und vom Hof. „A interessante Zeit hon i schon hinter mir ghobt“, sagt der Toni Huber schließlich. Und wenn man dann in sein 81-jähriges Gesicht schaut, das so furchig und kantig, so hart und schön wie die Berge und die Wälder wirkt, die sein Leben sind, dann kommt unweigerlich so was wie eine Erkenntnis auf. Womöglich ist nämlich dies das Geheimnis vom Raurisertal: Es gab eine reiche Vergangenheit. Es gab eine arme Vergangenheit. Und es gibt eine Gegenwart, die ganz gut läuft. Warum also nicht zufrieden sein? 3

Servus  151


Foto: Marco Rossi

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Servus in Stadt & Land 02/2012  

Servus in Stadt & Land - Vorschau auf die Ausgabe 2/2012

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