Issuu on Google+

07/2011 &

in Stadt & Land

Schön blau machen Beerensüße Rezepte

P. b. b., GZ10Z038662M, Verlagspostamt 1140 Wien

Wasserräder  & Schattenplatzerl  &  Blumenwiesen  & Marillen-Rezepte  & Innviertler Knödel  & Der Zillenbauer

Textilkunst im Burgenland

2

E i nfac h

.

Gut .

Leben

Frisch aus dem Naschgarten

2

Juli

07/2011 EUR 3,90

Mythos Edelweiß

Das Gute liegt urlaub so nah daheim Am wilden Lech

&

Ferlacher Stutzen

&

Frankenburger Würfelspiel

&

Rheintaler Bauernhaus

>


122

12

Juli

Natur & Garten

112

Küche

12 Nomen est omen

44 Paradiesische Früchtchen

24 Wandlung einer Gstätten

48 Einfach feiern

Von Pflanzennamen, die Bände sprechen.

Susanne Pammer machte in der Steiermark aus einer schiefen Wiese einen naturnahen Entdecker-Garten.

32 Mit fließender Kraft

Wir bauen an einem Bach ein Wasserrad aus Holz.

38 Schattenplatzerl

Wie es unterm Blätterdach so richtig gemütlich wird.

Tomaten gibt es in einer unglaublichen Vielfalt, alle schmecken herrlich.

Rezepte für ein genussreiches Gartenfest mit Freunden.

56 Himmlisch süß

Welcher Teig die Marille umhüllen darf und wie man sie köstlich konservieren kann.

60 Beerenhunger

Saftig-süße Rezepte und alles, was man über die Beeren wissen muss.

68 Aus Omas Kochbuch

Der kleinste Knödel ist ein Innviertler.

6  Servus

Wohnen 74 Rheintaler Versteck

Servus-Besuch bei Familie Katzenmeyer: Sie lebt in einem jahrhundertealten Bauernhaus in Vorarlberg.

86 Urlaub daheim

Abkühlung an heißen Tagen: Wir haben es uns im Garten gemütlich gemacht.

88 Zur blauen Stunde

Stimmungsvolle Lichtspiele mit selbstgebastelten Windlichtern.

fotos cover: peter podpera ,stefan knittel ,eisenhut&mayer ,picture alliance/die kleinert.de

Inhalt 2011

60


24 94

fotos: flora press ,stefan knittel ,peter podpera ,katharina gossow ,philip platzer ,eisenhut&mayer

88

Standards

56

Land & Leute 94 Familie Koó macht blau

Im Burgenland werden noch Stoffe im traditionellen Blaudruck gefertigt.

108 Der Zauber der Zille

Im Oberen Donautal verbindet Anton Witti das Gestern mit dem Heute.

112 Die Arche am Seewaldsee Seltene Nutztierrassen finden auf Thomas Strubreiters Alm ein para­ diesisches Zuhause.

130 Am wilden Lech

Wie und wohin man sich am letzten Wildfluss der Nordalpen am besten treiben lassen sollte.

Brauchtum 20 Königin der Berge

Mythos Edelweiß: über alte Märchen, neue Forschungen und hochalpines Glück im Garten.

98 Spiel um Leben und Tod

Im Hausruck erinnert eine Auffüh­ rung an eine Zeit, als mit Würfeln und Bechern über das Schicksal von Bauernrebellen entschieden wurde.

122 Des Jägers feinster Schatz

In Ferlach wird seit 1551 das edelste aller Jagdgewehre hergestellt.

5 Editorial 10 Servus daheim 30 Schönes für draußen 36 Gartenpflege, Mondkalender 40 Natur-Apotheke: Weißdorn 42 Der Garten-Philosoph 70 Schönes für die Küche 84 Fundstück: alte Teller 92 Schönes für daheim 104 Michael Köhlmeier: Das Raudale 128 Servus im Bauernladen 140 Sabina Naber: Sarah und der Schafhirte

144 ServusTV:

Sehenswertes im Juli

48 Feste, Märkte, Veranstaltungen 1 150 Leben in alten Zeiten 154 Impressum, Bezugsquellen Coverfoto: Peter Podpera am Seewaldsee

Servus  7


Gartenbesuch

Die Wandlung einer Gstätten Am Anfang waren 5.000 Quadratmeter schiefe Wiese. Susanne Pammer machte daraus mit viel Liebe und Kreativität einen naturnahen Entdecker-Garten. Servus-Besuch im oststeirischen Vulkanland. Text: Brigitte Vallazza Fotos: Philip Platzer

24 Servus


Ein naturnahes Paradies, weitläufig und gefüllt mit vielen Gestaltungsideen. Um Gemüse und ­Kräuter im Zaum zu halten, hat Susanne Pammer kleine Weidenzäune gesetzt.

Servus  25


9

„In einem Garten muss man auch sitzen und ruhe geben können. Sonst verfehlt er seinen Sinn.“

9

D

rei Jahre hat es gedauert, bis der eiserne Pavillon endlich mit den Kletter­rosen „Alchemist“ und „Moonlight“ zugewachsen war. Jetzt endlich wird Dachgleiche gefeiert. „Dabei habe ich die Rosen schon relativ groß gekauft. So ist das in der Natur: Alles braucht die Zeit, die es braucht.“ Ganz leicht fällt es der Gartenbesitzerin nicht, diese Erkenntnis bedingungslos zu akzeptieren. Susanne Pammer ist temperamentvoll, Geduld eine gewisse Herausforderung. Denn stets ist ihre Fantasie schon einen Schritt weiter. Anfang Juni trägt der Pavillon also rundum gelbe und orangefarbene Blüten, eben­so wie das Staudenbeet zu seinen Füßen, das im Sommer wie eine Anwandlung guter Laune in kräftigen Gelb-, Orange- und Rottönen leuchtet. „Gelb ist meine Lieblingsfarbe, dann kommt gleich Orange.“ Ein Glück, dass die beiden Farben gut harmonieren. Alles begann mit dem elfengarten

Auch alles andere passt perfekt zusammen in diesem Garten, in unmittelbarer Nähe zur Sternwarte in Auersbach bei Feldbach im oststeirischen Vulkanland gelegen. Dennoch ist er besonders vital und vielfältig. Hier kann man nicht schnell auf Besuch vorbeischauen, hier geht man mit kindlicher Neugier auf Entdeckungsreise. Es gibt Häuser mit einem Garten, und es gibt Gärten mit einem Haus. Bei Susanne Pammer trifft zweifelsohne Letzteres zu – und das liegt nicht nur an der Größe der verfügbaren Fläche. Als sie nach der Scheidung im Jänner 2002 mit ihren zwei Töchtern Isabelle und Lilli ein ehemaliges Wochenendhaus übernahm, „musste zuerst das alte, kleine Hexenhaus bewohnbar gemacht werden“, erzählt die 46-Jährige. Dann warteten 5.000 Quadratmeter auf ihre Begrünung. „Da war nicht mehr als eine schiefe Wiese mit ein paar Büschen, einigen großen

26  Servus

Der Teich (oben) war der erste große Gestaltungseingriff, den Susanne Pammer vornahm. Dann folgten Beet um Beet und ein idyllisches Platzerl nach dem anderen – zum Rasten und Verweilen.


Vieles trägt hier die Handschrift von Susanne Pammer (oben). Die parallel verlaufenden ­Buchenhecken zeigen eine großzügige Wellenform, die sich harmonisch in die natürliche ­Gartenlandschaft einfügt.

Bäumen und einem kleinen Wäldchen am Ende, eine typisch steirische Gstätten halt.“ Das Garteln war nicht ganz neu für die Steirerin: „Mit 16 hab ich meine ersten Löcher gegraben mit der Oma. Und während meiner beruflichen Zeit im Tourismus wurde mir immer gleich die Außengestaltung der Hotels übertragen. Da hatte ich schon den Ruf, eine Grüne zu sein.“ Die Metamorphose von der Gstätten zum Garten nahm ihren Anfang mit einem „Elfengarten“ für die beiden Töchter an der Hausrückseite, dort, wo die Kinderzimmerfenster sind. Weiße, hellrosa und lilafarbene Blüten und viele Schattenpflanzen ergaben ein zauberhaftes Beet. Kleine

Lichtgestalten und Naturgeister in Form von Blumensteckern wachen noch heute über deren Gedeihen. Bald folgten ein romantisches Beet vor der Haustür und natürlich ein Gemüsegarten. Im Sommer 2004 dann der erste große Eingriff: Der Teich mit Wasserfall und Sitzplatz ist nach wie vor dominant, obwohl es in der Zwischenzeit viele Platzerln und Nischen gibt. „Bei der Gestaltung eines Gartens sind Strukturen wichtig. Und Zonen, die mit Ideen gefüllt werden“, erklärt Susanne. Gute Ideen hat die Gärtnerin reichlich – als biete die Botanik selbst nicht genug Vielfalt. So sind eine Menge gestalterische Besonderheiten in diesem Garten zuhause.

Da gibt es eine Sitzspirale um den großen Kirschbaum, eine geschwungene Wand aus aufgeschichteten Dachziegeln, Treppen aus ausgedienten Bahnschwellen und einen „schwierigen“ Weg aus unterschiedlich ­hohen Eichenstämmen zu entdecken. Die zwei parallel verlaufenden Buchenhecken sind nicht einfach gerade in Form geschnitten, sondern zeigen eine großzügige Wellenform. Alte, verdorrte Weinstöcke – Susanne nennt sie liebevoll die „zwölf Apostel“ – wachen über die „essbare Landschaft“. In diesem Teil des Gartens sind die Beerensträucher wohlbedacht so gesetzt, dass man sich entlang eines Weges durchnaschen kann. Für das Kachelofenholz ➻

Servus  27


hat sie ein Gestell aus Metall bauen lassen. Es hat nicht nur den Zweck, die Holzscheite aufzunehmen, sondern stellt eine hübsche Trennwand zum Komposthaufen dar. Als ebenso außergewöhnliche wie gelungene Idee erwies sich eine niedrige Stützmauer aus Zeitungspapierstapeln. Damit die Erde vom Hang nicht herunterrieselt. „Diese Papiermauern sind sicher fünf Jahre alt und halten immer noch“, sagt Susanne. Und weil das derart gut funktioniert, wird sie so eine Wand bei ihrer Meisterprüfung zur Landschaftsgärtnerin bauen. Denn inspiriert durch den eigenen Garten, besuchte sie im zweiten Bildungsweg die Berufsschule der Gärtner in Großwilfersdorf, legte die Befähigungsprüfung für Gartenund Landschaftsgestaltung ab und arbeitet seit Sommer 2007 als Gartenplanerin. Jetzt kommt noch die Meisterprüfung. „Wenn ich für andere plane“, sagt Susanne, „dient mein Garten oft als Schaugarten und gleichzeitig für mich als praktisches Übungsfeld.“ Schließlich habe ein Garten auch mit Lernen zu tun, mit Sich-Kümmern und Wissen über die Pflanzen, die Pflege und den Pflanzenschutz. Das alles natürlich ohne Chemie. Darauf legt sie viel Wert. „Deshalb wird bei uns viel gemulcht und wenig gegossen. Für die Kübelpflanzen sammeln wir Regenwasser, und beim Kompostieren sind wir schon Meister.“ Blauer Schwede und rote Emma

Experimentiert wird hier schon seit vielen Jahren. Mit den Zwiebelblühern beispielsweise. Große, ordentliche Beete mit Tulpen, wo sie brav in Reih und Glied stehen, überzeugten Susanne noch nie: „Deshalb habe ich zwanglose Tulpengruppen gesetzt, die überall im Garten auftauchen, die roten beim Sitzplatz, die weißen im Elfengarten und die gelb-rot gestreiften am Teich hinter den Sumpfdotterblumen.“ Auch im Gemüsegarten zeigt Susanne wenig Scheu vorm Ausprobieren. So wuchsen blaue und rote Erdäpfeln heran, seltene Sorten, die man nicht im Geschäft kaufen kann. Der ausgezeichnete Geschmack von „Blauer Schwede“ und „Rote Emma“ haben den Anbau gerechtfertigt, auch wenn die Ernte wenig üppig ausfiel und schwierig war: „Haben Sie schon einmal dunkelblaue Kartoffeln aus dunkelbrauner Erde geholt?“ Und das Moorbeet mit Azaleen, Farnen, Rhododendron und Purpurbirken am Rand des Waldes ist nicht einfach nur gemulcht,

28  Servus

Sammelsurium außergewöhnlicher Ideen: Na feugue tie elis dolorero conullan volore tewar vulDie Stützmauer aus Zeitungspapierstapeln puteExperiment, eugait non utpat. Iliquam illum del ip ent nit, ein das sich bewährt hat. Unten: core dolesen dreet, con venim nullam et faccum Katze Vivi ruht auf dem Hausbankerl, imlaeingeiusto dolore fassten Gemüsegarten leuchten die Salatköpfe.


Die Steinsäule im Elfengarten ist ein Geschenk einer Freundin, die Holzskulptur (u.) hat Susannes Lebensgefährte gestaltet. Hauskatze Lucky nutzt sie gern als Kratzbaum.

Was anderswo keinen Nutzen mehr hat, ist hier gut aufgehoben: Die Treppe vom Haus zum ­Garten hat Susanne aus ausgedienten Bahnschwellen selbst gebaut.

es ist mit halben Baumstämmen abgedeckt, aus deren Spalten die Pflanzen wachsen. Wie man 5.000 Quadratmeter mit einer derartigen Vielfalt so gut in Schuss hält? „Ich habe Hilfe von meinen beiden Töchtern, die schon ganz gut sind beim Gärtnern. Sie mähen den Rasen und helfen beim Jäten, schließlich kennen sie den Unterschied zwischen Unkraut und Pflanze. Und mein Lebensgefährte Andreas kümmert sich um die schweren Arbeiten wie den Baumschnitt oder die Bauarbeiten.“ Susanne gehört auch nicht zu jenen, die durch den Garten patrouillieren und jedes Unkrautpflänzchen ausreißen. „Im Garten

muss man auch sitzen und Ruhe geben können, sonst verfehlt er seinen Sinn.“ Verlässlich Ruhe findet ihr Gemüt im Baumhaus, bequem ausgestattet mit Sitzsack und Sonnenschirm. Dort ist sie vor den Blicken anderer geschützt, während sie dahinziehende Wolken beobachtet oder ihren Blick in die Krone des Apfelbaumes wirft und sich von den ungewöhnlich blaustichig pinkfarbenen Blüten der Kletterrose „Kiftsgate violett“ inspirieren lässt. Natürlich gibt es neue Ideen. Platz ist genug da. Ein Bereich, der den vier Jahreszeiten huldigen soll, ist geplant. Das Sommereck ist schon im Werden. Für das Win-

tereck hat Susanne das Thema „Rinden“ im Kopf. Und dann kommt noch ein Waldgarten. Der Weg in den Wald soll „Ahornweg“ heißen. Die ersten Feuer-, Zimt- und Streifen­ahornbäume sind gesetzt, dazu ein Mammut- und ein Blauglockenbaum. Wann ist ihr Garten fertig? „Wenn Besu­ cher fragen, ob das schon immer so war. Das ist das größte Kompliment, dann ist der Garten richtig.“ 3

Schaugarten: Susanne Pammer, ­Auersbach 112, 8330 Feldbach, www.susisgarten.at, www.lebensgaerten.at

Servus  29


Hausgemacht

Jetzt, und nur jetzt, ist die Zeit reif für den wahrscheinlich besten aller Obstknödel: den Marillenknödel. Aber was darf dieses österreichische Traditionsgericht umhüllen: Topfen-, Erdäpfel- oder gar Brandteig? Wir begaben uns auf historische Spurensuche und servieren außerdem drei köstlich-süße Rezepturen zur Konservierung. redaktion: uschi korda Fotos: Eisenhut & Mayer Zubereitet von: alexander Rieder

56  Servus


Marillenknödel 1

2

3

4

5

6

Zutaten für 4 Personen: Für den Teig: 100 g Mehl 250 g Topfen 30 g flüssige Butter geriebene Zitronenschale 1 Ei, 1 Prise Salz 8 Marillen ev. 8 Stück Würfelzucker etwas Butter zum Anrösten 2 Handvoll Brösel Kristallzucker

E

in Knödel ist ein Knödel – aber nicht, wenn es um Marillenknödel geht. Da scheiden sich schon beim Teig die kulinarischen Geister. „Obwohl ich mit Marillenknödeln aus Erdäpfelteig aufgewachsen bin“, sagt die Grande Dame der österreichischen Köchinnen, Lisl Wagner-Bacher aus Mautern in Niederösterreich, „ist für mich Topfenteig das einzig Wahre.“ Der lässt sich nicht nur dünner um die Frucht formen, er ist auch leichter zu verarbeiten und zieht beim Kochen nicht so viel Wasser an. Das Ergebnis ist optisch und geschmacklich so formvollendet, dass das

SO wird’s gemacht: 1. Topfen und Mehl mit den Fingern abbröseln, Butter, Zitronenschale und Salz dazugeben. Das versprudelte Ei unterrühren und zu einem weichen Teig verkneten. 2. Eine Rolle formen und in Scheiben schneiden. 3. Marillen waschen, entkernen und nach Geschmack den Kern durch ein Stück Würfelzucker oder Marzipan ersetzen. 4. Den Teig damit füllen und zu Knödeln drehen. 5. In einem großen Topf Salzwasser aufkochen, Knödel einlegen und mehr ziehen als kochen lassen. Fertig sind die Knödel, wenn sie an der Oberfläche zu tanzen beginnen.

6. In einer Pfanne etwas Butter heiß werden lassen, Semmelbrösel mit Zucker kurz goldbraun ­durchrösten. Die abgetropften Knödel darin wälzen und nach Belieben mit Staubzucker bestreuen. Nach Geschmack kann dazu noch extra zerlassene Butter serviert werden.

Landhaus Bacher alljährlich im Juli allein nur wegen seiner Marillenknödel regelrecht gestürmt wird. Für den Großteil der heimischen Köchinnen ist Topfenteig das Nonplusultra, obwohl die Marille ursprünglich in andere Teige gewickelt wurde. So notierte Katharina Prato Ende des 19. Jahrhunderts in ihrem Standardwerk „Die Süddeutsche Küche“ eine Rezeptur, bei der Butter, Mehl, eine in Milch eingeweichte Semmel mit einem Ei und Eidotter zu einem dicken Teig ausgetrieben wurde. Die in Salzwasser gekochten Marillenknödel wurden anschließend in

Butter auf einer Seite braun angebraten. Ebenfalls erwähnt wird darin neben dem Topfenteig auch der Erdäpfelteig als typischer Marillenknödelteig. Dafür wurden zehn bis zwölf Erdäpfel warm zerdrückt, mit ½ Liter Mehl, vier Eidottern und Salz zu einem kompakten Teig verarbeitet. Im Klassiker von Franz Maier-Bruck, „Vom Essen auf dem Lande“, übrigens werden noch 1 EL Grieß und 30 g zerlassene Butter in den Teig gemischt. Aus selbigem Buch stammt auch das sehr küchentaugliche Topfenteigrezept, das wir für unsere Knödel (s. o.) ein bisschen adaptiert haben. ➻

Lisl Wagner-Bacher empfiehlt, im Salzwasser eine Zimtstange, einen Schuss Rum und eine ­ausgekratzte Vanilleschote mitzukochen. Und noch ein Tipp: immer einen Probeknödel kochen. Ist der Teig zu fest, etwas Butter dazugeben. Ist er zu weich, etwas Mehl einmengen.

Servus  57


Marillensaft Zutaten für ca. 2 Liter Dicksaft im Dampfentsafter: 3 kg Marillen ca. 2 kg Zucker 1 Prise Zitronensäure oder 1 Schuss Marillenschnaps

SO wird’s gemacht: 1. In den Entsafter Wasser einfüllen und die ge­ waschenen Marillen in den Behälter geben.

58  Servus

Zudecken und einschalten. Den Saft, der durch einen Schlauch abfließt, in einem Topf auffangen. 2. Je nach Geschmack für 1 l Saft maximal 1 kg Zucker zugeben. Einmal aufkochen und den Schaum abschöpfen. 3. Zitronensäure oder Marillenschnaps ein­ mischen und noch heiß in saubere Flaschen abfüllen. 4. Bei Zimmertemperatur abkühlen lassen und

an einem kühlen Ort ohne Sonnenlicht lagern. Der Saft hält ca. ein Jahr lang und ist zum Verdünnen geeignet. Ohne Entsafter: Die gewaschenen Marillen in einen Topf mit Zucker im Verhältnis von maximal 1 kg Früchte mit 1 kg Zucker geben. Etwas Wasser zugießen und langsam aufkochen. Wenn die Marillen verkocht sind, abseihen und den Saft nochmals aufkochen. Dann abfüllen wie oben.


Eingelegte ­Marillen Zutaten für ca. 5 Rexgläser à 0,5 l: 3 kg reife Marillen ohne Druckstellen 3 l Wasser 600 g Kristallzucker Schale einer Biozitrone Zum Verfeinern nach Geschmack: Jasminblüten, Orangenschalen oder Waldmeister SO wird’s gemacht: 1. Marillen waschen und mit einer Nadel rund­ herum etwa achtmal bis zum Kern einstechen. Locker und ohne Druck in die sauberen Rex­ gläser schichten, bis diese voll sind. 2. In einem Topf Wasser mit Zucker 5 Minuten lang kochen. Zitronenschale einmischen und noch einmal aufkochen. 3. Den kochenden Sud über die Marillen gießen, sodass sie ganz bedeckt sind. Je nach Belieben mit Jasminblüten, Orangenschalen oder Waldmeister aromatisieren. Dann die Gläser verschließen. 4. Eine Pfanne mit Küchenpapier auslegen, die Gläser hineinstellen und zweifingerhoch kochendes Wasser einfüllen. 5. Im vorgeheizten Backrohr auf der mittleren Schiene bei 100 bis 120 °C ca. 30 Minuten lang sterilisieren. 6. Herausnehmen und bei Zimmertemperatur über Nacht abkühlen lassen. An einem kühlen Ort ohne Sonnenlicht mindestens drei Monate lang ziehen lassen. Ungeöffnet halten die eingelegten Marillen ein Jahr.

Doch damit ist die Teigfrage noch nicht restlos beantwortet. Maier-Bruck empfiehlt auch den Brandteig, der in der Marillenknödel-Gemeinde eine eingeschworene Freundesschar hat. Dafür wird ¼ Liter Milch oder Wasser mit Salz und 30 g Butter aufgekocht, 140 g Mehl zugegeben und so lange gekocht, bis sich die Masse vom Geschirr löst. Nachdem ein Ei eingerührt worden ist, muss der Brandteig zugedeckt auskühlen. Gekocht werden alle Knödel je nach Größe ca. 10 Minuten in leicht wallendem Salzwasser. Fertig sind sie, wenn sie oben tanzen, sich also zu drehen beginnen. Bleiben noch die Butterbrösel, in denen die Knödel gewälzt werden. Lisl Wagner-Bacher nimmt auf einen Teil Butter je zwei Teile Semmelbrösel und Zucker, die langsam auf kleiner Hitze geröstet werden. Pur, denn unter richtigen Kennern ist die Zugabe von Mandeln oder Nüssen nicht gern gesehen. Richtig fettig angesogen sollen die Brösel jedenfalls sein. Und wem das noch nicht genug ist, der darf sich auf dem Teller noch etwas zerlassene Butter darüberträufeln. 90 Prozent des Geschmacks macht aber die Marille aus. Sie muss vollreif sein, darf mit Würfelzucker oder Marzipan gefüllt sein, aber keinesfalls geschält werden. Die Schale nämlich sorgt erst für das herrliche Zusammenspiel von Säure und Süße. 3

Servus-Tipp: Bei Rexgläsern den Gummi nur einmal verwenden, da er sonst nicht dicht ist.

Die marille Prunus armeniaca

Anbau: Gehört zur Familie der Rosenge­ wächse und ist ein Steinobst. Sie ist klima­ tisch sehr anspruchsvoll und gedeiht am besten in Weinbaugegenden. Die Früchte werden je nach Sorte 4 bis 8 Zentimeter groß und sind in Österreich im Juli erntereif.

Marillen­marmelade mit ­Rosenblättern Zutaten: 1 kg reife Marillen 1 kg Gelierzucker 1 Msp. Zitronensäure 1 Handvoll Rosenblätter

SO wird’s gemacht: 1. Marillen waschen, halbieren und entkernen. 2. In einem Topf mit Gelierzucker, Zitronensäu­ re und Rosenblättern vermischen. Etwa 5 bis 7 Minuten lang schwach wallend kochen. 3. Vom Herd nehmen, entweder passieren oder mitsamt den Fruchtstücken in Gläser abfüllen und sofort verschließen.

Sorten: Die „Wachauer Marille“ ist eine ge­ schützte Ursprungsbezeichnung der EU und entstand aus der Sorte „Klosterneuburger Marille“. Baumbestand: ca. 100.000. Im bur­ genländischen Kittsee wachsen ca. 35.000 Bäume der Sorte „Ungarische Beste“. Küche: Nur vollreife Früchte verwenden, da sie kaum nachreifen. Sie sind auch sehr empfindlich bei Lagerung und Transport, also schnell zu verbrauchen. Größere Men­ gen am besten als Ganzes einlegen (siehe Rezept links), zu Marmelade, Saft oder Kompott verkochen. Auch beim Einfrieren verlieren sie kaum Geschmack und Inhalts­ stoffe wie Vitamin B und C sowie Carotin, das für eine straffe Haut sorgt.

Servus  59


Hausbesuch

Die gute Stubn. Milde fällt Licht durch die jahrhundertealten Butzenscheiben auf den Scherenstuhl, den Wangentisch und die Truhe aus dem 16. Jahrhundert. Die Grisaillemalerei auf der nur 1,85 M ­ eter hohen Decke hat Monica ­Katzenmeyer selbst ­restauriert.


Rheintaler Versteck

In Vorarlberg, nahe an der Grenze zur Schweiz, steht ein jahrhundertealtes ­Rheintaler Bauernhaus. Sehen kann man es aber nicht. Ein Zauberstrauch schützt es vor neugierigen Blicken. Und so können dort auch Libellen, F ­ euersalamander, Pferde und die Familie Katzenmeyer in aller Ruhe leben. Text: harald nachförg Fotos: rita bertolini

Servus  75


S

ehen Sie den Kirchturm? Links kommt eine Wiese mit einer schmalen Zufahrt – da müssen Sie rein!“ Monica Katzenmeyer dirigiert mich die letzten Meter per Handy. Ich fahre an der Adresse vorbei. Ja schon, da stehen ein paar Häuser, aber nicht dieses zauberhafte Anwesen, das ich von Fotos her kenne. Also umdrehen. „Ich komm Ihnen entgegen“, sagt die fröhliche Stimme, und in dem Moment seh ich auch schon von weitem eine Dame in wallendem Kleid winken. Ihre Haare sind so weiß wie die von Miraculix in den Asterix-Heften. Und irgendwie wirkt auch sie wie eine Druidin. „Ich hab Spargel und Käsekuchen für Sie am Herd“, sagt sie jetzt herzlich, nachdem ich aus dem Auto gestiegen bin, immer noch ein wenig verwirrt, weil: Wo ist das Haus? Hinter Monica Katzenmeyer tut sich bloß ein kleiner Wald auf – wobei, kann man so auch nicht sagen. Es ist eigentlich ein einziger überdimensionaler Busch, dessen dichtes Blätterwerk keinen Blick ins Innere zulässt. Wenn es einer Frau die Rede verschlägt

20 Schritte später hat mich der Riesenstrauch verschluckt. Eingeschlossen in einem Kokon, der in allen Grüntönen dieser Welt leuchtet, stehe ich in einem mit Pflastersteinen ausgelegten Hof, und: Klack, klack, klack, klack trotten zwei Pferde auf mich zu. „Max und Moritz sind neugierig, wer da zu Besuch ist“, lacht Frau Katzenmeyer. Wo bin ich hier? In einer Märchenwelt? Kann nicht sein. Ich bin nach Vorarlberg gefahren, nach Meiningen, knapp an der Schweizer Grenze. „Mir hat es auch die Rede verschlagen, als ich das erste Mal da war“, beruhigt die Hausherrin. Dabei war das damals, 1985, bei Gott noch kein Paradies. Der Hof: ein sandiger Abstellplatz für Lastwagen. Das Haus mit seiner verwitterten Holzfassade: heruntergekommen und verschandelt. Aber nicht einmal das undichte Dach konnte Frau Katzenmeyer und ihren Mann davon abhalten, hier wohnen zu wollen. Die Einzigartigkeit des Anwesens und die Möglichkeiten, die es bot, sahen beide sofort. Mit Kennerblick. Gehen wir ein paar Jährchen zurück. In die Kindheit von Monica Katzenmeyer. Oder noch besser in die Jugend ihres Vaters Hans Schalle. Der war ein Schüler von ➻

76  Servus

Der Hof: Auch zwischen den Fugen der alten Pflastersteine, die extra aus Wien geholt wurden, darf Gras wuchern.


Fröhlich plätschert das Wasser aus dem alten Brunnen. Die Familie hat das Haus in seinen Urzustand zurückversetzt und mit raren Antiquitäten, aber auch mit allerlei Krimskrams liebevoll dekoriert.

Servus  77


Der sogenannte Gaden. Hier spielt sich in typischen Rheintaler Bauernhäusern das gesellschaftliche Leben ab. In dem kleinen Vorbau wird gegessen, hier werden Gäste empfangen und reichlich bewirtet.

Monica Katzenmeyer trägt die Jause auf. Durch die Fenster schimmert das satte Grün des jungen Sommers. In der Stube knarzt der alte Schiffboden; ein kunstvoller Kachelofen spendet im Winter Wärme.


9

Die Hausherrin ging immer stur ihren Weg – auch wenn sie Hunger leiden und putzen gehen musste.

9

Prof. Lorenz Böhler und ein ebenso begnadeter Unfallchirurg. Ein schmächtiges Wiener Bürschlein jedenfalls, das vor dem Zweiten Weltkrieg nach Tirol geschickt wurde, um am Land wieder zu Kräften zu kommen. Wie das Leben so spielt, sieht man an seinen weiteren Stationen: Er eröffnet in St. Anton am Arlberg die erste Unfallchirurgie, übernimmt später das Vorarlberger Lazarett Valduna, das er zum Unfallkrankenhaus ausbaut, und hat mittlerweile zwei Kinder. Als die Mädchen neun und zehn sind, trennt sich das Ehepaar. Kristl, die Jüngere, bleibt bei der Mutter. ­Monica, 1941 geboren, beim Vater. Keine leichte Zeit für sie. Sie wird von einem Internat zum anderen geschoben und träumt von vielem. Eines will sie aber nicht: dem Vater gehorchen und Ärztin werden. Heimliche Packerln aus dem Ländle

Und so landet Monica nach wilden Jahren in England, Frankreich und Spanien als 20-Jährige wieder in Bregenz und in einem Antiquitätengeschäft. Das Metier gefällt ihr. Der Kunstsinn des Vaters – „er hat mich in alle Museen, Kirchen und auf Friedhöfe ­geschleppt“ – hat Spuren hinterlassen. Also macht sich die „Landpomeranze“ auf nach Wien. Stur geht sie ihren Weg. Auch wenn sie Hunger leidet – „Wie willkommen waren da die von unserer Haushälterin heimlich geschickten Esspakete!“ – und abends putzen gehen muss: Bald hat sie es geschafft. Monica kann restaurieren, ja sogar schmieden, und ist in vielen Gebieten, allen voran bei Silber, Porzellan und Amuletten, zur Expertin gereift; mit besten Kontakten zu Antiquitätenhändlern. Wie Günther Katzenmeyer. Der Vorarlberger gibt ihr nicht nur den letzten fachlichen Schliff, 1965 wird auch geheiratet. „Mein Mann hat den Schönheitssinn in sich drinnen“, schwärmt Monica. „Er sieht einen Schrank, der schon siebenmal übermalt wurde, und spürt, dass er gut ist. Er sieht den Kern und bringt ihn zum Vorschein.“ Seine Frau steht ihm freilich in nichts das verfallene Rheintaler Bauernhaus ➻

Servus  79


Rechts der Eingang zum Pferdestall, der direkt ans Haus angebaut ist. Vom Küchenflur aus sieht man hinein in das Reich von Max (unten) und Moritz, die Monica Katzenmeyers Mann einst vor dem Schlachthof rettete. An den Wänden: Geweihhalter aus dem 18. Jahrhundert (re. u.).

80  Servus


9

„Wir mussten viel Gerümpel wegräumen, um den wahren Charakter des Hauses freizulegen.“

9

Ein verwunschenes Platzerl von vielen im Garten Eden. Hier rastet die Hausherrin nach getaner Arbeit. Am liebsten lässt sie der Natur ohnehin freien Lauf.

Servus  81


Das weitläufige Schlafzimmer mit einer schwimmenden Decke. Foto oben: Ein uralter Tram trennt die Stube (links) von der guten Stube.

82  Servus


Das Badezimmer. Die Wanne war zu schwer für den Holzboden und musste mit Stahlverstrebungen am Deckentram fixiert werden. „Ein bisserl Luxus muss schon sein“, lacht die Hausherrin.

mit seinem typischen, nach außen schwin­ genden Dach und den kleinen Dächern über den Fenstern haben mussten. Ich trau mich immer noch nicht ganz aufrecht gehen. Die Deckenhöhe liegt näm­ lich nur bei knapp 1,85 Metern, und obwohl ich fünf Zentimeter kleiner bin, lass ich den Kopf zur Sicherheit eingezogen. Bis jetzt bin ich ja nur gesessen. Beim köstlichen Essen im sogenannten „Gaden“, wie das kleine Zimmer gleich beim Eingang heißt und in dem in diesen Häusern das Gesellschafts­ leben stattfindet. Die Stube hingegen, wie man hier zum Wohnzimmer sagt, ist mehr ein Rückzugsort. Und dann gibt es noch die „gute Stube“, erklärt Frau Katzenmeyer. Erlesene Antiquitäten stehen da: ein Wangentisch, ein Scherenstuhl und eine Truhe aus dem 16. Jahrhundert etwa. Durch die ebenso hunderte Jahre alten But­ zenscheiben der dreiteiligen Fensterfront fällt mildes Licht auf die Kostbarkeiten, die aber keine musealen Stücke sind, sondern wirklich benutzt werden. Öffnet man die Fenster, schaut man in den Garten Eden. Zu ihm gehört auch ein Teich, in dem lila schimmernde Libellen

nervös über Seerosen stehen und sich Feu­ ersalamander tummeln. „Die Fenster haben wir erst freilegen müssen“, sagt Monica Katzenmeyer, immer noch ein wenig erschüttert, dass die Vor­ besitzer sie mit Brettern zugenagelt hatten. Überhaupt musste viel Gerümpel und Zeugs entfernt werden, ehe, oft hinter Rigipswän­ den, der wahre Charakter des Hauses lang­ sam zum Vorschein kam. Ein Rastplatz für die Appenzeller

Die Decke in der guten Stube etwa. Als die darüberliegende Brettlschicht abgetragen war, entdeckte man Verzierungen in Gri­ saillemalerei. Klar, dass sich die Hausherrin sofort ans Restaurieren machte. „Wie alt ist denn Ihr Haus eigentlich?“, frage ich, als wir die Treppe ums Eck – „Sie muss so breit sein, dass man mit einem Sarg rauf- und runterkommt“ – nach oben gehen, wo sich Schlaf- und Badezimmer befinden. „Es ist etwa Mitte des 17. Jahrhunderts erbaut worden“, sagt sie, „und dürfte einmal eine Pferdewechselstation gewesen sein.“ Genau hier war nämlich der Übergang zwi­ schen der Schweiz und Österreich; und die

Appenzeller, berühmt für ihre Textilindus­ trie, brachten ihre Waren her zum Bleichen. Klack, klack, klack, klack. Als hätten sie gemerkt, dass über Pferde gesprochen wird, schauen Max und Moritz wieder in den Stall. Wir sind mittlerweile in dem Flur neben der Küche angelangt. Durchs Fenster sieht man in den Stall. „Die Nähe zu den Tie­ ren ist in Vorarlberg üblich. Früher hat man so gebaut“, lacht Frau Katzenmeyer, weil sie merkt, dass ich schon wieder verwirrt bin. „Frei herumlaufen dürfen die Pferde aber nur bei uns.“ Sie haben Tiere eben gern. So wuseln auch noch drei Katzen und Rauhaar­ dackel Benjamin in diesem Paradies herum. Und zwei Sulmtaler Hähne und deren zehn Hühner stolzieren eitel durchs Gras. Stunden später hat mich der riesige Zauberbusch wieder ausgespuckt. Im Rück­ spiegel meines Autos ist nur mehr ein ganz normaler Blätterwald zu sehen. 3

Buch-Tipp: Weiterbauen am Land mit Beispielen vom Erhalt der bäuerlichen Kulturlandschaft in den Alpen, www.studienverlag.at

Servus  83


tierleben

Die Arche am ­Seewaldsee

Es ist ein magischer Flecken Erde. Mit selten gewordenen Tieren, die hier artgerecht leben und überleben dürfen. Mit einer kleinen Familie, die hier jeden Sommer ihre heilige Ruhe sucht. Und mit einem Bauern, für den der wahre Fortschritt im Bewahren des Ursprünglichen liegt. Text: Tobias Micke Fotos: peter podpera

112  Servus


Servus-Besuch auf einer ganz außergewöhnlichen Alm: Vorn grasen die Pustertaler Sprinzen, hinten leuchtet das Tennengebirge.

Servus  113


9

Zwei Hausgeister, eine Erscheinung namens Trud, ein mystischer Kraftplatz. „Hier heroben“, sagt der Tom, „geht es nicht immer mit rechten Dingen zu.“

9

114  Servus


E „Auch der edle Stab des Bischofs“, sagt Tom, „ist nichts anderes als der eines Hirten.“ Unten: Sissy und BlobeBöcklein Alois im Zwiegespräch. Der greise Appenzeller Hahn Hannibal leistet noch ganze Arbeit, nur krähen kann er nicht mehr.

s blitzt und kracht draußen über dem Seewaldsee, dass die Scheiben in der Gaststube der Auerhütte scheppern. Im wolkenverhangenen Dämmerlicht flackert immer wieder gespenstisch der Uferstreifen auf. Und das Unwetter, das über der malerischen Alm am Fuße des Trattbergs inmitten der Osterhorngruppe auf 1.100 Meter niedergeht, füllt binnen weniger Minuten die beiden hölzernen Regenfässer, die von der Dachkante aus mit zwei gezielten Wasserfällen gespeist werden. Drinnen knackt das Fichtenholz im Ofen. Das Kerzenlicht auf dem Stubentisch zieht die Blicke der Umsitzenden an. „Hier oben“, raunt Almbauer Tom Strubreiter in die Stille hinein, „geht es nicht immer mit rechten Dingen zu!“ Dabei hebt er beschwörend die buschigen Brauen und funkelt jeden von uns mit seinen blaugrauen Augen an. „Einmal mussten zwei Hausgeister, die vielleicht schon 400 Jahre und mehr in der Hütte gewohnt haben, von einem Experten für derlei Besucher weggeführt werden, weil die einstige, sonst gar nicht zimperliche Pächterin sich beim Umziehen in ihrer Kammer beobachtet, ja geradezu mit Blicken durchbohrt gefühlt hatte.“ Unheimliches und kleine Wunder

Beim Überstieg vom Gastgarten der Aueralm auf die Weide (links) mahnt ein Hinweisschild, die Harmonie der Tiere zu respektieren. Unten: Tom beim Beheizen der Stube.

Tom macht eine kurze Pause, streicht sich über den Vollbart und lässt den Donnerhall vom anderen Seeufer verklingen, bis er weiterspricht. „Dann gibt es bei uns in der Hütte die Trud, einen ortsansässigen Albtraum, der unterschiedliche Gäste über Jahre hinweg in einem der Zimmer geplagt hat. Und schließlich haben wir noch das Wilhelmskirchlein am Fagerstein ganz in der Nähe, wenn man von St. Koloman die Straße heraufkommt. Es wurde von den Bauern auf einer 3.000 Jahre alten keltischen Opferstätte errichtet. Die Kirchenväter haben diesen unerwünschten Pilgerplatz immer wieder niederbrennen lassen. Und unheimliche Dinge, aber auch kleine Wunder soll es dort gegeben haben.“ All dies und natürlich auch der ganz offensichtliche Zauber des Ortes zieht eine halbe Autostunde von der Stadt Salzburg entfernt immer wieder wunderliche Gestalten an. „Einmal wollte eine Gruppe auf meiner Weide eine 25 Meter große Venus- ➻

Servus  115


9

„Es muss sich ja nicht immer alles verändern. Es ist doch auch schön, wenn einmal etwas so bleibt, wie es ist“, sagt der Tom.

9

blume aus Stein gegen den Weltuntergang errichten“, sagt Tom. „Ein andermal ist einer mit einer kupfernen Sonde dahergekommen, an irgendeiner Stelle regelrecht in Ohnmacht gefallen vor Überwältigung; und als er sich anderntags wieder davon erholt hatte, ist er wieder herauf zu uns und hat gefragt, ob er sich vielleicht zwei Stunden lang dort hinlegen kann, um seine Batterien wieder aufzuladen.“ „Dabei will ich ja eigentlich nur mit meiner kleinen Familie hier oben in Ruhe leben und vom Aussterben bedrohte Tiere züchten“, seufzt der 39-Jährige. für 5.000 Schilling und eine saure Wiese

Begonnen hat alles mit Urgroßvater Johann Strubreiter, dem 1927 das vorausschauende Kunststück gelang, die 27 Hektar große Alm im Tennengau für 5.000 Schilling und einen Dreiviertel Hektar saure Wiese in Unterscheffau zu erstehen. „Für 1.000 Schilling konnte man damals schon einen Stall bauen. Das war also schon a bisserl a Geld“, erklärt Tom, „aber im Vergleich zum heutigen Wert ist’s gar nix.“ Tom, der 2003 nach einem privaten Schicksalsschlag den Auerbauernhof un-

116  Servus

ten im Tal und die Seewaldseealm samt bewirtschafteter Hütte von einem Tag auf den nächsten übernehmen musste, darf sich seitdem gegen alle möglichen Projektentwickler wehren, die ihm das Geschäft des Lebens – vom Kurhotel bis zum LuxusHüttendorf – vorschlagen wollen. Dann führt Thomas Strubreiter das Verhandlungsgespräch gern im durchgetragenen Stallgewand und kontert die Anbahnungsversuche mit entrüstetem Lamertaler Zungenschlag: „Seh i so aus, wie wenn i mehr Göd brauchert?!“ „Es muss sich ja nicht immer alles verändern, oder? Es ist doch auch schön, wenn einmal etwas so bleibt, wie es ist“, sagt Tom. „Nicht jeder See braucht einen breiten, geschotterten Rundwanderweg und eine Mountainbikestrecke, nicht jede Almhütte eine Haubengastronomie.“ „Pass auf, was du sagst“, fährt Hütten­ pächterin Anita ihrem Hausherrn scherzhaft dazwischen. Denn ihre Kaspress­ knödelsuppe und der Kirschtopfenstrudel sind legendär gut. Neben ein paar anderen Kleinigkeiten gibt es sonst nur Brettljause. Und die ist ebenfalls etwas ganz Besonderes …

„So“, unterbricht Tom, „Gewitter vorbei, raus auf die Weide. Jetzt zeig ich euch meine besonderen Schützlinge.“ Thomas Strubreiter ist Obmann der Arche Austria, eines Vereins, der sich der Erhaltung seltener Nutztierrassen verschrieben hat. Gemeinsam mit seiner besseren Hälfte Michaela, die eigentlich Kindergärtnerin und Krankenschwester gelernt hat, und der 13-jährigen Tochter Sissy betreiben sie im Sommer am Seewaldsee eine Arche-Alm, die von den Tierhaltungsvorschriften deutlich härtere Kriterien erfüllen muss, als sie Bio­ betrieben heutzutage auferlegt werden. Das Mausl mit 160 Kilogramm

Während wir auf den Freiluftschweinekobel zustapfen, zählt Tom auf: „Es gibt kein Enthornen der Kühe bei uns, kein Schwanz­ stutzen bei den Schweinen und kein Heraus­brechen der Keilereckzähne, auch kein Schnabelstutzen bei den Hühnern.“ Dass bei diesem Almbauern wirklich alle Tiere – Mäuse und Fliegen ausgenommen – einen Namen haben, ist allerdings nicht Arche-Bedingung. „Martha-Mausl, komm heraus und sag unseren Gästen Guten Tag!“ Widerwil- ➻


Tom begrüßt seine achtjährige Mangalitzasau (links), die das Gewitter im Stroh ­verschlafen hat. Tags darauf bringt die Kuh Birke das Stierkälbchen Bertram zur Welt. Tom und seine rechte Hand Hermann holen die beiden von der Weide in den Stall.

Auch Gebirgsziegen lieben Kuscheleinheiten. Die Blobe sind so rar, dass Tom mit seinen 16 Tieren bereits zehn Prozent des weltweiten Bestandes auf seiner Arche-Alm hegt. Links oben: der Seewaldsee im Morgenlicht.

Servus  117


„Der Herrgott hat uns ein Paradies geschenkt“, sagt Tom. Dieses Sprinzenkälbchen kann es voll ­genießen – wenn nur die lästigen ­Fliegen nicht wären …

Stabhochsprung à la Sissy. Die 13-Jährige reitet zwischen­ durch auf Kuh Esther. Oben: Das Zaumzeug für die Tiere auf der Arche-Alm.

Links: Der gelernte Tischler hackt Dachschindeln zurecht. Danach gibt’s zur Jause ge­ bratenen Mangalitza-Speck aufs Bauernbrot.

118  Servus


Was auf der Arche-Alm auffällt: Alle Tiere bis hin zu Martha, der Schwalbenbäuchigen Mangalitzasau, sind extrem zu­ traulich. „Aber wennst grob wirst, dann kann die Sau auch ganz schnell grob werden“, sagt Tom.

lig und nur, weil’s auch etwas zum Naschen gibt, schiebt sich eine riesige, wollige Sau aus einem der drei Unterstände. Martha hat das tosende Gewitter ganz klar in ihrem strohgefüllten Riesennest verschlafen. „Unsere Martha ist ein Schwalbenbäuchiges Mangalitzaschwein“, sagt Tom und krault sein wohlig grunzendes 160-Kilo„Mausl“ hinterm Schlappohr. „Freilaufende Schweine sind die allerbesten Bodenverbesserer: vorn der eingebaute Pflug, hinten der Miststreuer. Aber wenn so eine Wollsau etwas nicht will, dann kannst dich auf den Kopf stellen. Und wennst grob wirst, dann kann die Sau auch grob werden.“ Mangalitza gehören zu den gefährdeten Arten. „Ihr Fleisch ist mit seinem hohen Fettanteil, viel Omega-3-Fettsäuren und seinem günstigen Verhältnis zwischen gesättigt und ungesättigt eine Delikatesse, die wir natürlich auch unseren Hüttengästen in Form von Speck, Leberwurst, Kübelspeckhartwurst und Schmalz auftischen.“ „Als ich den Hof vor acht Jahren vom Vater übernommen und umgestellt hab, da war das Züchten aussterbender Nutztierrassen noch sehr exotisch“, schildert Tom. „Und ich werde bis heute von vielen konventionellen

Bauern dafür angefeindet. Das hier zum Beispiel sind Magda und Mariandl, meine beiden Schwarzen Pinzgauer. Von denen gibt es gerade noch 150 Stück weltweit. Früher hießen sie auch Glückskühe, weil ein

9

„FREILAUFENDE SCHWEINE haben VORNE einen EINGEBAUTEN PFLUG UND HINTEN DEN MISTSTREUER.“

9

Bauer seine Herde auch aus der Ferne sofort daran erkannt hat. Und das hier ist die Walli, eine Jochberger Hummel, eine von Natur aus hornlose Pinzgauer-Art. In Schwarz gibt es davon gerade noch 20 Stück. Ich hab lange suchen müssen, bis ich sie bekommen habe.“ Ärger ist es in Österreich nur den Tux-Ziller-

taler Kühen ergangen. Irgendwann hat man von ihrem Schlag ein ausgestopftes Exemplar ins Naturhistorische Museum in Wien gestellt und die Rasse für ausgestorben erklärt. Heute gibt es wieder 3.000 Stück, unter anderem übrigens im Tiergarten Schönbrunn. Der große Teil von Toms Rinderherde sind aber Pustertaler Sprinzen in Mutterkuhhaltung. Auch die Sprinzen – die so heißen, weil ihr Fell aussieht, als hätte sie jemand mit einem großen Farbpinsel angespritzt – sind eine altösterreichische Rinderrasse mit besonderer Geschichte. Die Tiere setzen gut Muskeln an, geben trotzdem ordentlich Milch und sind ausdauernd vor dem Pflug. War das „Multitalent“ früher ein großes Plus, so wollen die hochspezialisierten Bauern heutzutage nur Milch- oder Fleischkühe. Weil die Rasse einen starken Bezug zur Mon­ archie hatte, man die sommersprossigen Tiere sogar eine Zeitlang als „Wiener Kühe“ bezeichnete, wurden sie in der Ursprungs­ region in Südtirol von 1926 bis 1983 verboten und dadurch beinahe ausgerottet. Auf dem Weg zurück zur Hütte, wo die Appenzeller Spitzhaubenhühner Clara, Nachtigall und Goldi nebst Hahn Han- ➻

Servus  119


nibal (natürlich auch rar und gefährdet) zwischen den Jausentischen nach Appetithäppchen suchen, steht noch die Rappenstute Bianca. Auch sie ist eine der Letzten ihrer Art und gehört zum Abtenauer Schlag, einer Unterart des Pinzgauer Norikers. Mit 25 Lenzen ist sie schon eine alte Dame, die beim Strubreiter-Tom und seiner Michi ihr beschauliches Gnadenbrot genießt. Das kann man von den aufgeweckten Gebirgszicklein auf der felsigen Böschung nicht gerade behaupten. Diese erst vor vier Jahren wieder offiziell anerkannte heimische Rasse nennt sich Blobe, ein altes Tiroler Wort für Blau. Die grau-bläulich schimmernden Vorfahren von Loreley, Lucy, Liane, Fanny und natürlich der Böcke Alois, Albert und Aragon waren im Grenzgebiet zwischen Salzburg, Süd-, Nord- und Osttirol heimisch. Die von Tom und seiner Familie gehegten 16 Tiere stellen zehn Prozent des Weltbestandes dar.

Tom denkt so modern, dass ihm der Erhalt der alten Werte wichtig ist. Dazu gehört auch die Steilmahd von Hand. Rechts: Rappenstute Bianca vom Abtenauer Schlag genießt die Gesellschaft der Pustertaler Sprinzen.

Die Fassade gespielter Einfalt

Wenn man mit dem Strubreiter-Tom eine Runde um den Moorsee geht, bekommt man den Eindruck, bei ihm ebenfalls auf eine schützenswert rare Gattung gestoßen zu sein. Der gelernte Tischler ist ein Unbequemer mit einer moralisch breiten Stirn wie seine Sprinzen, immer grad heraus mit der Meinung, kämpferisch und weit mehr als nur bauernschlau im Umgang mit seinen Gegnern. Kein Thema, bei dem er nicht mitreden kann, wenn er will, aber im Handumdrehen in der Lage, seinen Wissenshorizont hinter einer Fassade gespielter Einfalt verschwinden zu lassen: „Wir sind die Kolomanschen, die letzten Bergindianer Österreichs …“ Dabei hilft – seit etwa einem Jahr – auch der Rauschevollbart: „Es gibt da eine Studie, dass Kühe und Pferde besonders positiv auf behaarte Gesichter reagieren“, sagt er grinsend und lässt dabei wieder beide Augenbrauen hüpfen, sodass man nicht weiß, ob man ihm das abnehmen soll. „Das wollte ich natürlich ausprobieren.“ Und damit klettert er zum Beweis über den Zaun der Stierkoppel, neben der ein von ihm beschriebenes Schild besagt: „Halten Sie Abstand zu sämtlichen Tieren und respektieren Sie deren Ruhebedürfnis.“ Direkt am See liegt dieses kleine Reich von Fidelio und Bumsti, den beiden imposanten Pusterer-Stieren. Ihrem Herrl gegenüber benehmen die zwei sich wie liebestrunkene Kälber. Natürlich auch, weil Tom

120  Servus

ganz genau weiß, wo er seine Kuschelmonster kraulen muss, damit sie sich an Mamas nach Milch duftende mütterliche Flanke zurückversetzt fühlen – nämlich zwischen Wamme und Brustbein. „Die Hund tun genau das Gegenteil …“

„Es gibt auf der Welt wohl keinen frustrierenderen Job als Gott“, sagt der Arche-Bauer, während Bumsti unter seinen gekonnten Griffen mit glasigem Blick und einem Maul voll Heu beinahe im Stehen einschläft. „Da gibst du den Menschen nur Zehn Gebote, die sie befolgen müssen. Und was passiert? Die Hund tun genau das Gegenteil! Da hat der Herrgott uns ein wahres Paradies geschenkt, und die meisten Leut können nicht damit umgehen. Das ist grad wie mit irgend so einem tollen Gerät, wo die Betriebsanleitung auf Japanisch ist …“

Auf dem Weg zurück zur Auerhütte bleibt Tom plötzlich stehen, nimmt behutsam eine große Nacktschnecke vom Weg auf die Hand und sieht dabei einen Moment lang aus wie des Schöpfers irdischer Helfer Noah höchstpersönlich. „Na, da hab ich meine Freude, dass es dich hier oben noch gibt“, sagt er. „Das ist die einheimische Schwarze Wegschnecke. Die wurde schon fast verdrängt von der Braunen, aus Spanien eingeschleppten, die bei uns wegen ihres bitteren Schleims keine natürlichen Feinde hat. Schau, ich setz dich jetzt hier drüben ins Gras, da bist du sicher. Und wehe, du kriechst noch einmal da hinüber zu der bösen Spanierin.“ Könnte die schwarze Schnecke artig mit dem Kopf nicken, dann hätt es dieses privilegierte Exemplar auf der Arche-Alm jetzt wohl getan. 3


9

„Es gibt da eine Studie, die sagt, dass Pferde und Kühe besonders positiv auf Vollbärte reagieren. Das wollte ich ausprobieren.“

9

Servus  121


Servus in Stadt & Land 07/2011