Page 1

reportagen & porträts

Ein Leben für die Musik

Nach der Matura am Klassischen GymnasiumLyzeum „Walther von der Vogelweide“ in Bozen zog Vera Pitarelli nach Bologna, wo sie an dem von Umberto Eco gegründeten DAMS Theaterwissenschaften studierte und knapp 15 Jahre lang lebte. Nun ist die sympathische Bozenerin wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt und spricht im Gespräch mit der SÜDTIROLERIN über ihre musikalischen Erlebnisse.

Vera Pitarelli im Gespräch Die SÜDTIROLERIN: Vera, wenn wir kurz in Ihre Kindheit zurückblicken. Wann wurde Ihr musikalisches Talent das erste Mal hörbar? Vera Pitarelli: In meinen Kindheitserinnerungen stehe ich mit meinem Walkman vor meinem Schreibtisch und schlage mit meinen bunten Stiften im Takt auf meine Bücher. Zur damaligen Zeit gab es in Südtirol verhältnismäßig wenige Möglichkeiten, die Fähig- und Fertigkeiten des Schlagzeugspiels zu erlernen, auszubauen und zu perfektionieren. Erst mit 13 Jahren konnte ich solche Kurse, aber auch klassische Perkussionslehrgänge besuchen. Im Kulturheim Gries sang ich schon zu Grundschulschulzeiten im Chor und lernte neben dem Lesen von Noten auch das Blockflötenspiel. Überdies zeichnete ich mich durch eine große Wissbegierde aus und suchte meinen Ausgleich im Sport. Gewissermaßen prägt es jeden Charakter, wenn man das in Betracht zieht, was man in der Kindheit gemacht hat. So hatte ich dazu auch das Glück, von meiner Mutter kulturell sehr gefördert zu werden. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar. Die SÜDTIROLERIN: Unmittelbar nach der Matura zogen Sie nach Bologna und haben sich mit dem facettenreichen Reichtum der afrokubanischen, afro-brasilianischen und westafrikanischen Musikwelt auseinandergesetzt. Was ist das Bedeutsame daran? Vera Pitarelli: Es geht nicht nur um das Erlernen der jeweiligen Inst86

SÜDTIROLERIN

rumente, sondern auch um das Kennenlernen und Verstehen anderer Kulturkreise fernab unserer Breiten. Aber auch Ausflüge in den ethnologischen Bereich – wie beispielsweise der Tanz – sind mit verschiedenen Rhythmen, Bräuchen, Riten und Zeremonien verbunden. Es liegt an den unterschiedlichen Völkern, Geschichte und Tradition zu bewahren und an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Erst wenn man sich mit diesen verschiedenen Bereichen und kulturellen Aspekten auseinandergesetzt hat, kann man langsam diese geheimnisvolle Musik begreifen und deuten lernen. Die SÜDTIROLERIN: Das klingt in der Tat sehr interessant. Können Sie uns sagen, wer Ihnen das dementsprechende Know-how beigebracht hat? Und mit was haben Sie sich in Ihrer Abschlussarbeit befasst? Vera Pitarelli: Meine Lehrer waren unter anderem das guineische Griots-Brüderpaar Sourakhata und Lancei Dioubaté. Ferner belegte ich einige Kurse oder auch Workshops mit Mamady Keita, Baba Touré, Fadouba Oularé und Famoudou Konaté. In diesen Einheiten ging es keineswegs bloß um das Erlernen von technischen und rhythmischen Details, sondern auch um die Vermittlung kultureller Werte und der Hintergründe dieser Kunst. Jeder der erwähnten Meister hat mir etwas Kostbares mitgegeben. Am meisten beeindruckt hat mich bis zum heutigen Zeitpunkt Famoudou Konaté. In meiner Abschlussarbeit an der


reportagen & porträts

Die SÜDTIROLERIN: Beschäftigen Sie sich auch mit einer anderen Musikrichtung wie beispielsweise Jazz? Ihr Studienort Bologna ist doch bekannt für eine große Jazz-Szene! Vera Pitarelli: In Bologna gibt es eine große Jazz-Szene und ich hatte das Glück, gleich zu Beginn mit Musikgrößen sowohl der nationalen als auch der internationalen Szene zu arbeiten und an bedeutsamen Festivals, wie etwa Umbria Jazz oder Porretta Soul Festival, teilnehmen zu dürfen. Als Beispiel für viele kann hier federführend der US-amerikanische E-Bassist Jeff Berlin, der im Modern Jazz daheim ist, stehen. Aber er ist nicht der Einzige. Ich habe viel mit Teo Ciavarella und dem Dams Jazz Orchestra gearbeitet. Eine unserer Live-Aufnahmen von Umbria Jazz befindet sich auch auf der CD „Jazzfriends for Emergency“ in Kooperation mit Irio de Paula, Stefano Bollani, Elio delle Storie Tese und anderen Musikern. Zudem habe ich mit Mario Biondi, Loredana Errore, Antonio Albanese, Montefiori Cocktail, Joyce Yuille, Nick The Nightfly, James Thompson, Fio Zanotti, Gemelli Ruggeri und anderen hervorragenden Künstlern gespielt und konnte auf diese Weise wertvolle Erfahrungen sowohl im Theater als auch im Fernsehen sammeln. Die SÜDTIROLERIN: Vera, neben der Musik ist ein Steckenpferd auch das soziale Engagement. Welche Erfahrungen haben Sie hier gesammelt? Vera Pitarelli: In der Tat. Ich habe im Rahmen des Südtirol Jazz Festivals 2011 gemeinsam mit dem Gitarristen Manuel Randi eine Musikwerkstatt mit den Behinderten der geschützten Werkstatt KIMM in Kardaun gehalten. Wir haben zusammen mit den dortigen Musikern einige Musikstücke komponiert und sie dann im Garten der Struktur vor einem begeisterten Publikum vorgestellt und -gespielt. Es war ein tolles Konzert, das sich durch kraftvolle Energie und Spontaneität auszeichnete. So finde ich es sehr gut, dass in dieser Struktur die Musik sehr gefördert wird. In dem sehr schönen wie gleichermaßen großen Proberaum mit ganz tollen Instrumenten habe ich mich gleich wie zu Hause gefühlt. Aber auch in Bologna zeigte ich meine soziale Ader. Im Jahr 2010 habe ich beispielsweise eine Trommelwerkstatt für minderjährige Häftlinge gehalten. Hierbei handelte es sich um ein vom Justizministerium organisiertes Projekt in Gemeinschaftsarbeit mit dem Künstlerzentrum Leggere Strutture Factory, eine fürwahr sehr interessante Erfahrung. Kommen wir zurück nach Südtirol. Bei uns veranstalte ich Trommelund Tanzprojekte in Kooperation mit anderen Künstlern an den Südtiroler Schulen. Auch wo es soziale Brennpunkte gibt, kommen wir zum Einsatz. Im Frühjahr werde ich mit Werner Lanthaler ein sehr schönes Musikprojekt mit dem 70 Kinder umfassenden Chor von St. Pauls und der Grundschule in Eppan halten. Mit den Kindern werden wir dann im Mai auch beim Landessingen im Schloss Trauttmansdorff auftreten. Ferner werde ich auch einen Cajon-Workshop beim Kinderfestival auf den Talferwiesen in Bozen anbieten.

Die SÜDTIROLERIN: Kann man behaupten, dass der Beruf von Vera Pitarelli auch Berufung ist? Vera Pitarelli: Alles, was ich in meinem Leben gemacht habe, Studium, Sport, Tanz, Theater, Musik und so fort, ergibt einen Sinn. Ich bin in ständiger Entwicklung … und vermutlich ohne Rast. Weil ich auch Tiere sehr liebe, möchte ich etwas im Tierheim Sill Bozen organisieren. Es schwebt mir ein Tag der Offenen Tür mit Musik vor. Seit kurzem bin ich Endorser der renommierten deutschen Cajon-Marke Schlagwerk und arbeite auch mit Mogar Music zusammen. Bei meinen Workshops haben die Teilnehmer jedes Mal die Gelegenheit, diese tollen Instrumente auszuprobieren. Ferner ist es so schön, so viele unterschiedliche Erfahrungen sammeln zu können. Man kann mit der Musik in vielen Bereichen arbeiten, und das finde ich sehr bereichernd und ist für die eigene geistige Fortbildung von enormer Bedeutung. Ich lege abschließend auch viel Wert darauf, dass die Teilnehmer bei meinen Kursen auch alles richtig und genau lernen. Dies geschieht immer in einer sympathischen und gelassenen, ja einer lockeren Atmosphäre, in der sich wirklich jeder wohlfühlen kann. Fotos: privat

Universität habe ich die Funktionen des Griots, und zwar jene in der klassischen Gesellschaft Westafrikas, die der heutigen Gesellschaft Afrikas und jene in der ganzen Welt analysiert. Außerdem habe ich Mamady Keita, Dany Kouyaté, Baba Sissoko und andere Botschafter und Leistungsträger in der westafrikanischen Kunst- und Kulturszene interviewt, um dem sogenannten „modernen“ Griot etwas näherzukommen.

Die SÜDTIROLERIN: Zu Beginn des Gesprächs sprachen Sie von Ihrer sportlichen Tätigkeit. Welche war das? Und warum war sie so wichtig? Vera Pitarelli: Mit Aikido begann ich, als ich neun Jahre alt war und hörte mit 19 damit auf. Da war ich noch in Bozen. In Bologna machte ich Karate von 19 bis 24 und nahm an sportlichen Wettkämpfen teil. Nebenbei habe ich auch jahrelang Tanzkurse besucht. Diese verschiedenen Aktivitäten haben gewiss zu meinem körperlichen und seelischen Wohlbehagen beigetragen. DIE SÜDTIROLERIN: Abschließend die Frage: Sind Sie eine realistische Träumerin oder eine verträumte Realistin? Oder bleiben Sie Ihren Wünschen und Zielen treu und idealistisch? Vera Pitarelli: Ich „träume“ realistisch in den Tag hinein und werde mein Dasein auch weiterhin als Idealist fristen. Das Interview führte Andreas Raffeiner

IHR GROSSER AUFTRITT IN DER SÜDTIROLERIN Sie wollen Ihr Unternehmen und Ihre Produkte optimal und professionell präsentieren? Dann kontaktieren Sie unser kompetentes und engagiertes ANZEIGENTEAM!

IHRE ANSPRECHPARTNERIN FÜR IHREN AUFTRITT:

SIGLINDE THURNER TEL.: +39 348 36 47 286 | Mail: thurner.s@teletu.it

SÜDTIROLERIN

87

Ein Leben für die Musik  

Interview mit Vera Pitarelli für das magazin "die Südtirolerin" 2012