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V Differenzen er muskulöse Elf fiel unter der breiten Masse von Besuchern, Händlern und Prostituierten kaum auf. Er sah aus, wie einer der anderen Abenteurer, die nach Janua kamen, um ihr Glück zu finden … oder ihren Tod. Wobei Letzteres öfter vorkam. Der runde Marktplatz war einzigartig – die Form war zwar eher schlicht und rund, doch die Verzierungen, der Schmuck und das Leben dieses Ortes machten ihn zu etwas besonderem. Akhonu fühlte sich zwischen den prall gefüllten Marktständen und Dekolletés, die dicht an dicht früh morgens aufgebaut und erst spät abends im Suff wieder abgebaut wurden, wohl. Diesen Suff würde er jedoch nicht mitbekommen, da er schon längst aus der Stadt sein würde … so plante er jedenfalls. Wie von klein auf antrainiert, klaute er im Vorbeigehen die eine oder andere Handtasche, das volle oder leere Portemonnaie oder einfache Emilienäpfel, von denen die Verkäuferin sowieso genug hatte. Er zeigte keine Scheu und ließ auch von zwei Stadtwachen nicht ab.


In dünne Leinenkleidung gepackt und kein Bisschen gepanzert, schlenderten die beiden Wachen über den Platz. Die Leute sprachen sie mit ihren Vornamen an – scheinbar hatten diese beiden Prachtkerle nun die Aufsicht über das Geschehen auf dem Traité-Platz, wie dieser Ort offiziell beschildert wurde. Und wer hätte es geahnt, sogar bei diesem Namen hatte Lord Gay von Bagarre seine dreckigen Finger im Spiel. Der voluminösere der beiden Wachen, der mit dem Namen Karl angesprochen wurde und sein Partner, Omar, unterhielten sich während sie durch die Schneise des Marktplatzes gingen. Akhonu sah, dass die beiden Wachen in einigen Metern an der Ecke des Bäckers ankommen würden und erhöhte seine Laufgeschwindigkeit um einen Tick – kurz bevor Karl und Omar um die Ecke bogen ging er langsamer und nickte einer Dame zu, sodass der Eindruck entstand, er würde völlig zufällig mit ihnen zusammenstoßen. Wie geplant prallte er gegen die beiden ausweichenden Wachen und ließ dabei seine Hand in Omars Jackentasche gleiten, um einen Brief herauszufischen. „Pardon“, entschuldigte sich Akhonu in Französisch, um einen guten Eindruck zu hinterlassen und wusste schon, dass er sich den Mund waschen müsste somit keinen Verdacht


aufkommen lassen würde. Gegen die Sprache selbst hatte er es nicht, nur gegen einen ganz bestimmten, oben genannten Herren Typen, der diese benutzte. Die Schneise, die in der Mitte des Marktplatzes verlief, trennte quasi die Vegetarier und Frutarier von den VollblutFleischkonsumenten. Ein erbitterter Kampf um die Laufkundschaft schien sich dort auszutragen. Sobald die Speck-Front mit Sonderangeboten und Quantitätsrabatt die Scharen an Einkäufern anzog, konterte das Grünzeug mit Qualität und kostenlosen Proben. Fast einen ganzen Korb Erdbeeren setzten sie der Klientel zum Fraß vor, bis plötzlich die Speck-Front mit gegrillten Souvlaki, also Fleischspießen, ihre Geheimwaffe zückte. Für diesen Montag sollte die Schlacht geschlagen sein, doch beide Seiten wussten, dass es nur ein Teilsieg war. Akhonu zog seinen Nutzen daraus – während Blickduelle, Schimpfwörter und faule Tomaten die Schneise über den Köpfen der zahlenden Kundschaft passierten, drängelte er sich unauffällig hinter die Kulissen und schlüpfte ins Plumpsklo. Sehr angenehm roch es zwar nicht, doch er wusste, was er finden würde. Die Hände wollte er sich nicht dreckig machen, daher benutzte er einen einfachen Zauberspruch, um


die Fäkalien zur Seite zu schaffen und sich einen freien Blick auf die Schatulle zu verschaffen. Er kniete nieder und schloss kurz die Augen, um den bestialischen Gestank auszuhalten, doch eine Träne konnte er nicht unterdrücken. Sie kullerte seine Wange hinunter und landete auf einem Hamsterkadaver, der aus in einer tieferen Lage vergraben war. Noch fünf Dietriche hatte er dabei, um das Schloss zu knacken. Nach einigem Herantasten wusste er, welche Feder und welcher Kolben gedrückt werden musste, um das Schloss zu entriegeln, doch da öffnete sich die Holztür mit dem eingeritzten Herzchen hinter ihm. Er fuhr herum und der Standbetreiber guckte ihn an. „Da ist mir mein Ring reingefallen – meine Frau bringt mich um, wenn sie den heute Abend nicht an meiner Hand sieht!“, flunkerte er und schob die Schatulle etwas zur Seite, damit seine Beine sie verdeckten. „Ha!“, brüllte der Mann ihn fast an, was wohl eine gute Fähigkeit für einen Verkäufer auf diesem Marktplatz war, „Dat kenn' ick. Keen Problem, macht ruhig – ick hab's ned so dringend.“ Er grinste und schloss die Tür. Mit einem weiteren Dietrich schloss er die Schatulle auf und entnahm die vergoldeten Perlenkette, die ihm beschrieben wurde. Die


kaiserlichen Initialen schmückten das Smaragden bestückte Amulett.

mit

E.G

Beim Aufstehen rutschte er aus, sein Knie konnte er noch von der Brühe fernhalten, doch seine Hand wanderte tief hinein. Nur gut, dass der Händler ihm einen Bottich zum Abwaschen anbot. Um nett und 'normal' zu erscheinen, kaufte er noch ein mit Ziegenkäse überzogenes Körnersemmel mit zwei Scheiben Tomaten, einem Salatblatt und einem Klecks Mayo, das er zwei Straßen weiter einer Dirne in die Hand drückte. *

Doris u Fuß unterwegs zu sein, war etwas Ungewöhnliches für Akhonu, denn sein treues Reittier stand ihm stets zur Seite. Nach der Verkehrs- und Umweltreform jedoch wurden Reittiere, die ein gewisses Maß an CO2 (der sogenannte ppm³-Wert) oder die


Fläche von 2,5 m² überschritten aus der Stadt verbannt. Sie waren für die Bildung von Ozonlöchern und Staus zuständig, was natürlich die gesamte Anzahl an Fabriken der Regierung entschuldigte. In Aexotikà konnten sich die Politiker eben doch immer raus reden. Die Sonne schien hoch am Himmel, als er das Mondviertel betrat. Es war die ärmste und versiffteste Gegend in ganz Innocret, doch trotzdem hatte Akhonu hier etwas zu erledigen. Er suchte jemanden. Jemanden bestimmtes. Eilig schritt er durch die kleinen Gassen zwischen den fast schon ruinenartigen Häusern und sich betrinkenden Pennern vorbei, die notorisch „Hasse' mal'n Silber?“ von sich gaben. Nicht, dass Akhonu nicht genug Geld hätte, um die gesamte Welt von der Armut zu befreien … oder doch – genau da lag das Problem. Und natürlich sein gesunder Egoismus. Vor ihm lag das Gasthaus zum Seelenpein, wie es zu der hiesigen Gegend so gut passte. Es war zweistöckig und aus Eichenholz gebaut, die Fassade war mit Schwedenrot bestrichen, das das Holz konservieren und einen angenehmen Farbton wiedergeben sollte. Die einfach verglasten Fenster waren beschlagen von all dem Rauch, der in diesem Laden herumflog –


Akhonus Meinung nach sollten diese Umweltfutzies dort mal anklopfen und nicht sein Transportmittel beschränken. Er öffnete die Schwingtüren, die mit Verzierungen bestückt waren und ließ die Rauchschwaden zunächst aus dem Kabüff herausziehen, somit dauerte es etwas, bis er sehen konnte. Der Raum war in zwei Teile unterteilt: links waren die Sitzecken und Tische, wo sich Gäste hingesellen konnten und rechts die Bar, mit kleinen Sitzhöckern bestückt und von einer scheinbar reizenden jungen Dame bedient. Nur eine Gruppe Gnome schien sich hier volllaufen zu lassen … oder schon voll zu sein. Sie jaulten und lachten, wobei sie die Köpfe nach unten rissen, um das Bier besser herunter schlucken zu können. Bei den drei Gnomen handelte es sich höchst wahrscheinlich um Mitglieder der DarkDewilz – einer extremen Bikergruppierung, die im Norden sämtliche Drogen-, Prostitutions- und Plüschtierkartelle beherrschte. Nein, lieber Leser, frag' nicht, wieso Plüschtiere – du willst es nicht wissen. Langsam schritt der Elf auf die Bar zu und nahm auf einem der gemütlichen, durch Abnutzung verfärbten Hocker Platz und


beobachtete, wie die junge Dame die Gläser abwusch. Ihr kräuseliges, ungekämmtes und ungepflegtes braunes Haar, das scheinbar überhaupt keine einzige Spitze mehr hatte, sondern in einem Büschel endete, schwang – nein – schob sich von einer Seite zur anderen, als sie die billigen Kristallgläser polierte. Ihre Augen glichen denen eines Nacktmulls, der gerade unter die Räder kam, und auch das charmant, nicht zu auffällig und trotzdem schrille Make-up, das eine Mischung aus Blut und Insektensekret zu sein schien, untermalte diese Schönheit pausenlos. Die wimpernlosen Augenlider zuckten asynchron und ihr schielender Blick ließ die Augenfarbe erkennen: Ein dunkles, matschiges Braun. Wie hätte es auch anders sein können. Doch das ist alles noch zu übertreffen, durch eine Reihe von dezent vererbten Muttermalen, die einen großen Teil ihrer Wange bedeckten und einer buschigen Augenbrauenformation, die unbeschreiblich … schön … w...ar. Ihre Mundwinkel saßen in den untersten Ecken ihres Doppelkinns und die dicken, ausgetrockneten Lippen ließen von Zeit zu Zeit die behaarten, weiß-gelben Zähne aufblitzen, die jeden Mann zu hundert Prozent aus den Socken hauen würden … und in die Krankenstation.


Der restliche, voluminösere Körper war ein Gleichnis ihrer Mona-Lisa-Visage, die wirklich um jeden Preis ausgestellt gehörte. In einem Zoo oder auf'm Kornfeld als Vogelscheuche. Großes Geld war damit zu verdienen, doch sie nutzte es voll und ganz, um Akhonu zu bezirzen und fragte kleinlaut und verlegen: „Heee! Da seid'a ja wieder. Ihr seid doch dieser Lustmolch von vorhin!?“. Völlig perplex und von diesem Anblick verzaubert war Akhonu gezwungen das Eine, Sinnvolle zu antworten: „Ich glaube nicht.“ Puh „Dem sein Mantel hängt da noch.“, sagte die bezaubernde, mit einer elfengleichen Stimme beschenkte Dame und bemerkte, wie verdutzt Akhonu dasaß, „Ich bin Doris. Nehmt 'nen Getränk oder haut ab. „Ich nehm' einen Jolusbeerensaft – geschüttelt, nicht gerührt.“, bestellte er und wandte sich langsam ab, um die Rowdies zu begutachten. Sie trugen löchrige Kleidung und einige Piercings, und außer der Menge an Hieb- und Stichwaffen, die sie bei sich trugen schienen sie kaum gefährlicher als Doris. Hinter Akhonu mixte die Barkeeperin seinen laktosehaltigen Saft zusammen. 16% Milch sollten am Ende enthalten sein – ein hartes Gesöff für die meisten Leute.


„Sagt, ich suche Noom. Wisst Ihr, wo ich den finde?“, fragte Akhonu ganz gelassen. „Ihr wollt also Steuern eintreiben, hm!?“. „Auf keinen Fa...“ „... IHR wollt mir also mein Geschäft versauen!?“ „Dorothea, hör...“ „DORIS. ICH HEISSE DORIS.“ „Doris. Ich will auf jeden Fall klarstellen, dass...“ „Ihr wollt mir auf JEDEN Fall MEINEN Mann wegnehmen!“, brüllte sie, stemmte gleichzeitig das Weinfass hinter sich hoch und ließ es quer über den Tresen fallen – Akhonu sprang auf und ging einen Schritt zurück. Bevor er überhaupt richtig reagieren konnte, stand die fettleibige Doris, deren Übergewicht nun erst richtig zum Vorschein kam, auf dem Tresen und sprang auf ihn herunter, wobei sie ihren Ellenbogen anzog, um ihn wie eine Profi-Wrestlerin niederzustrecken. Der Elf lag nun unter dem Berg dieser Barkeeperin und schien die Gnome prächtig zu unterhalten, wobei er weniger Spaß dabei hatte. Ihr Busen umringte seinen Hals und sie brüllte mit vollem Mundgeruch in sein Gesicht – ihm war nicht wohl. [Hier bitte etwaige Werbung für Drops einfügen]


Irgendwie schaffte er es trotzdem, unter dieser massiven Adipositasansammlung herauszukriechen und stand auf, nur um im nächsten Moment von ihr hochgehoben und aus dem Fenster geworfen zu werden. Das dünne Glas zersprang in tausend Teile – Stille verbreitete sich. Doris stand mitten im Raum, eingepackt in ihrem zierlichen babyblauen Blümchenkleid und schnaufte wie ein Walross. Ihr Oberlippe überlappte die Untere beim Ausatmen und ihre Arme standen weit von ihrem Körper ab. Scheinbar hatte Akhonu ihren Schwachpunkt getroffen und den Rage-Modus aktiviert. Aus heiterem Himmel brach die Holzdecke über ihr zusammen und Akhonu fiel mit einem Kampfschrei hindurch, er landete auf ihren Schultern und ließ sich dort nieder, um sie mit all seinen Feng-Shui-Kampftaktiken zu bearbeiten, doch ihr Schutzpanzer war zu stark. Es schien fast schon albern, wie die beiden sich bekämpften – denn niemand hatte die Oberhand. Akhonu saß auf ihr und sie versuchte ihn herunterzureißen, was nicht gelang. Bis eine automatisierte Armbrust klickte. „Nun. Doris. Dass wir uns auch richtig verstehen, ich will überhaupt NICHTS von Euch oder Eurem Mann! Ich will überhaupt NICHTS eintreiben oder überprüfen. ICH will nur zu


NOOM. Meinem alten FREUND“, brüllte er erschöpft. „Aber Noomchen ist doch mein Mann“, schien Doris zu bestätigen, da der kleine Gnom – Akhonus alter Freund – gerade den Raum betrat und fragte, was los sei.


Aexotikà - Kapitel V  

Nicht nachmachen!

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