Issuu on Google+


I Das Gefängnis von Beh'num ohe Mauern, massive, mit Scharfschützen bestückte Türme und ein Rattendrachen-verseuchter Abwassergraben ließen keine Flucht zu, denn das größte und sicherste Gefängnis und fünf Sterne Restaurant Aexotikàs war uneinnehmbar – sollte es zumindest sein. Aus Sandstein und den Körperteilen der Arbeiter, die während dem Bau des tiefen Grabens starben, erbaute Mauern, wurden durch vergoldete Zinnen geschmückt und pausenlos von zwangsrekrutierten gottesfürchtigen Gnomen poliert. Ein wahrer Traumjob. Nur kleinste Ritzen ließen den Innenraum der massiven Feste erahnen, da größere Fenster ein zu großes Sicherheitsrisiko darstellten. Gestaltwandel und Hexer wäre es möglich zu fliehen – doch das war nicht zu gestatten. Magie war in Ulmas, dem nördlichsten Teil Aexotikàs, strengstens verboten. Der größte Zellentrakt lag im hinteren Teil der Feste. Bisher gab's niemanden, der davon detailliert berichten konnte, da auch der beste Fluchtkünstler nicht entkommen konnte. Viele


Versuche gab es dennoch: Vorgetäuschte Selbstmorde, Verführung der Wache zu … unmoralischen Aktivitäten, Unsichtbarkeit und weitere nicht jugendfreie Versuche. Doch keiner wurde von Erfolg gekrönt. Beim größten und besten Wachpersonal Aexotikàs ließen sich hier auch gerne bekannte V.I.Ps in Schutzhaft sperren – nur war ihnen noch nicht klar, dass es einfacher war, reinzukommen, als raus. Wer auch immer sie verfolgen möge, hätte nun die beste Möglichkeit zuzuschlagen. * Geduckt und von einer Kapuzenjacke umhüllt ging er mit leisen und ruhigen Schritten auf das Eisentor zu. Von Weitem für einen Mönch gehalten, ließ seine hochgewachsene und schlanke Statur dennoch auf keine menschliche Gestalt schließen. Ein doppelschneidiges Stahlschwert mit rasiermesserscharfen, rotweinroten Rubinklingen baumelte an einem gegerbten Wolfspelzgürtel, daneben schwang ein kleiner Köcher, gefüllt mit einer Hand voll gläserner Bolzen. Nicht zu übersehen war der Elfenbeindolch mit einem aus purem Gold geformten Griff, der ein Elfenohr darstellte und nun vom Mondlicht beschienen


wurde. Trotz all dieser Offensichtlichkeit der Waffen, war die Mächtigste versteckt – tief im Inneren seines Herzens. Kein Reittier, keine Spuren – nichts hinterließ der Fremde hinter sich. Er war da, doch niemand hatte ihn kommen sehen. „Halt!“, rief eine der beiden Wachen vom Tor, als der Unbekannte noch gute zwanzig Meter entfernt war. Er blieb auf dem ungepflasterten, dennoch breiten Weg stehen und zog seine Kapuze ins Gesicht. Fünf Wachen hatten auf der Mauer über dem Tor patrouilliert, nun zielten sie auf ihn. Das normale Prozedere, sobald jemand in Sicht kam. Eine der Wachen vor dem Tor, die bei näherem Hinsehen Fußtruppen des menschlichen Kaisers waren, trat an den Unbekannten heran. Sie trug einen blau-goldenen Wappenrock, geschmückt mit einer Adlerbrosche. Eine Eisenrüstung umschloss den Körper und nur kleine, vertikale Schlitze waren im eckigen Helm zu sehen. Nun schienen sich die spitzen Ohren unter der Kapuze des Fremden aufzurichten – man konnte merklich hören, wie sich die auf ihn gerichteten Bögen spannten. „Personalausweis und Maut.“, sagte der kaiserliche Fußsoldat. Blieb in einem


Sicherheitsabstand von ungefähr vier Metern stehen. Am Tor hob der wartende Wächter die Hand und gab somit das Zeichen, dass sie noch nicht feuern sollten. Noch nicht. „Kommt näher – ich kann Euch nicht verstehen.“, krächzte der Fremde leicht hustend, hob eine Hand, um die Wache heranzuwinken. Diese trat näher heran und wiederholte monoton, schon fast seufzend: „Personalaus...“ Er verstummte - das Flüstern des Fremden war zu hören: „Nuugàt.“ Ein wörtlich unübersetzbarer Ausdruck aus einer antiken, elfischen Sprache, das die Schadenfreude am Tod Anderer auszudrücken. Ein kleines Loch klaffte im braunen Kapuzenumhang, kein Pfeil der Bogenschützen hatte es verursacht. Unter dem Umhang blitzte für einen Moment eine Armbrust auf, deren Bolzen direkt in das Herz des Soldaten eingedrungen sein muss und die Rüstung förmlich zerspringen ließ. Die verbliebene Wache am Tor wollte gerade den Arm senken, als der Fremde seine Kapuze einhändig hochzog und ihm tief in die Augen sah. Seine goldig-silbern schimmernden Pupillen fesselten den Blick des Wächters. Das Gesicht des Elfen war nicht unansehnlich,


sondern besaß eine Art charmante Reife. Spitz zulaufende Ohren verrieten seine Nationalität – ein Anhänger der Alash'nas, dem Königreich der Morgenelfen. Ein Brandmal hinter seinem rechten Ohr verriet Näheres: Er war ein Ausgestoßener. Eine hauchfeine Narbe zierte seine Wange und erstreckte sich bis zum Mund, der eine eher schmale, dennoch elfentypische Form besaß. Seine kurzen, schwarzen Haare waren nach hinten gekämmt. Die Wache am Tor war verzaubert von der Reinheit seiner Augen – und dem Possesionsspruch, den der Elf auf ihn wirkte, um seinen Körper zu kontrollieren und ihn somit einfach erstarren zu lassen. Die Bogenschützen ließ das jedoch kalt, waren es schließlich gewohnt, und öffneten die Hände, um die todbringenden Pfeile auf ihn zuschnellen zu lassen. Sofort sprang er auf, ließ die Pfeile an sich vorbei sausen und öffnete selbst die Handfläche, um im Flug fünf kleine Eiszapfen aus seinen Finger im perfekten Winkel auf die fünf Bogenschützen zu schießen. Trotz aller Bemühungen der Opfer, auszuweichen, platzte ihr Brustkorb sobald die


Zapfen eindrangen und ihren Weg zum Herz weiterführten. Die Blutfetzen schleuderte es auf die Zinnen - hinterließen tiefrote Spritzmuster. Eine der nun toten Schützen riss der Aufprall sogar über die Kante, er fiel in den Innenhof. Der Elf landete, stützte sich einhändig auf dem Boden ab und eine hellrote Schockwelle brannte einen Namen unwiderruflich mit schwarzen, geschmückten Buchstaben in den rauen Boden:

Akhonu


Aexotikà - Kapitel I