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FLYING LOTUS: Die gute Sorte Druck / MARCEL DETTMANN: Zurück in der Zombie-Disko / GUILLAUME & THE COUTU DUMONTS: Der Perkussionist / MATTHEW HERBERT: Zwischen Mahler und Schlachthof / ELLEN ALLIEN: Sommer unterm Baum / DESIGN: Von der Produktgestaltung zur Kerndisziplin des 21.Jahrhunderts, Life Design, Debatten-Design, Design Thinking / NEUE SMARTPHONES: Palm Pre Plus & Pixi Plus, HTC Desire & Legend / NEUE SOUNDS: Jamie Lidell, Donnacha Costello, CocoRosie, The National, Broken Social Scene, Dakota Days, Elektro Guzzi, Morning Factory / MUSIKTECHNIK: Korg Kaossilator Pro, Haken Fingerboard, Allen & Heath Xone DX und das iPad als Studiotool

ELEKTRONISCHE LEBENSASPEKTE. MAGAZIN FÜR MUSIK, MEDIEN, KULTUR, SELBSTBEHERRSCHUNG.

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ÜBERDESIGN Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt! BILD: ERIC TESTROETE

ELEKTRONISCHE LEBENSASPEKTE

142 MAI’10

D 3,80 € AUT 3,80 € CH 7,90 SFR B 4,20 € LUX 4,20 € E 4,90 € P (CONT) 4,90 €

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BILD ERIN O'CONNOR - FLICKR.COM/ERINOCONNOR/2810988214 c b

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OHRHÖRER-SALAT: FEEDBACK Ohrhörer sind eine epidemische ZeitgeistZumutung. In der besonders fies scheppernden Einweg-Variante kann man In-Ears aber auch als interessanten Rohstoff für Sound-Spielereien verstehen. So hält es beispielsweise der aus Portugal stammende Aktionist André Avelãs, dessen Installation "Earphones" 1.000 Wegwerf-Stöpsel für räumlich hochaufgelöste Feedback-Schleifen nutzt: 960 fungieren als Lautsprecher, 40 als Mikrofone und da die Billig-Töner ein ansehnliches Grundrauschen- und brummen mitbringen, liefern sie auch noch die ImpulsSounds für die Feedback-Kaskaden, die man dann am Mischpult oder durchs Wenden des In-Ear-Salats modulieren kann. www.avelas.net

I AM NOT AN ARTIST: GIF PARANOIA Animierte GIFs (Graphics Interchange Format) sind ein notorisch unterschätztes Format, gerade in der Ära allmächtiger Flash-Dominanz: klein, (relativ) offen und tendenziell auf's Wesentliche reduziert - auch wenn natürlich ganze Spielfilme als animiertes GIF denkbar wären, aber der Home Turf des Formats ist der Webschnipsel mit maximal zehn Bildern. Und weil die unermüdlich im Loop laufen, sind animierte GIFs auch prädestinierte Hektiker, mit chronischem Wiederholungszwang in der ewigen Zuckelschleife gefangen. Womit es zwei gute Gründe gibt, warum sich so viele Grafiker unsterblich in animierte GIFs verlieben: Erstens ist das Format extrem einfach und bietet trotzdem unendliche Gestaltungsmöglichkeiten, zum zweiten fühlen sich Grafiker oft so, wie animiertes GIFs aussehen, in der unendlichen Hamsterschleife klickend vor dem Monitor gefangen. Die Seite iamnotanartist.org ist genau in diesem doppelten Sinn als Gral des animierten GIFs zu verstehen: Grafiker aus aller Welt präsentieren ihre Lieblings-Loops und lassen sie gegeneinander anzuckeln. Das beeindruckte Publikum kann animierte Lieblings-GIFs dafür nach Hause auf die eigene Site mitnehmen. www.iamnotanartist.org

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THE BLACK DOG: MUSIC FOR REAL AIRPORTS Flughäfen sind mehr als CO2-Abschussrampen. Sie sind autarke Mikrokosmen, Überbleibsel strenger Utopien einer besseren Welt, die letzten Fenster hinein in einen Futurismus, den es nur noch in der Science-Fiction-Literatur gibt. Brian Eno wollte 1978 mit "Music For Airports" der straffen, zukunftsgewandten Architektur und dem hektischen Treiben der Stadt vor der Stadt ein menschliches Antlitz geben, um die Utopie der schönen neuen Welt vor dem dystopischen Chaos zu bewahren. 32 Jahre später entwerfen The Black Dog mit "Music For Real Airports" einen düsteren Nachfolger. Enos Wohlklang wird mit zeitgenössischer elektronischer Musik konterkariert, dem aktuell gültigen Soundtrack der Zukunft. Damit stellen die Musiker einiges klar und richtig. Der Futurismus hat seinen Glanz verloren und der moloch-artige Kern unserer Transit-Hubs wird an die Oberfläche der Wahrnehmung gespült. Zwischen Romantik und Terror, Aufbruchsstimmung und gelebter Angst reihen wir uns ein in die Warteschlangen. The Black Dog, Music for real Airports, ist auf Soma/Rough Trade erschienen. www.theblackdogma.com

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VIRTUELLE AUTOPSIE: DATEN-ZOMBIES Rechtsmediziner der Universität Bern führen virtuelle Autopsien durch, für die ein Virtobot mit Computertomographen, Magnetresonanzscannern und Stereo-Kameras die Leiche superpräzise digitalisiert. Vor Gericht sind die virtuellen Körperdaten schon heute als Beweis zugelassen, vorerst müssen sie allerdings noch durch eine herkömmliche Autopsie validiert werden. Aber wenn sich das System weiterhin als zuverlässig erweist, gehört die pathologische Zukunft unsterblichen toten Körpern aus der Datenbank, die beliebig oft Autopsien über sich ergehen lassen. Die Vorstellung, ausgerechnet als Leiche ewig zu existieren, dürfte aber auch - religiös, ethisch oder ästhetisch motivierten - Widerstand hervorrufen. (Foto: Rechtsmedizinisches Institut der Universität Bern) www.co-me.ch

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FLYING LOTUS

IMPRESSUM

DIE GUTE SORTE DRUCK DE:BUG Magazin für Elektronische Lebensaspekte Schwedter Straße 9a, 10119 Berlin E-Mail Redaktion: debug@de-bug.de Tel: 030.28384458 Fax: 030.28384459 V.i.S.d.P: Robert Stadler (robert.stadler@de-bug.de) Redaktion: Timo Feldhaus (feldhaus@de-bug.de), Thaddeus Herrmann (thaddeus.herrmann@debug.de), Ji-Hun Kim (ji-hun.kim@de-bug.de), Sascha Kösch (sascha.koesch@de-bug.de), Robert Stadler (robert.stadler@de-bug.de)

32 Abstrakte Optik und abstruse Titel, desorientierte, schlingernd programmierte Musik zwischen HipHop, porösen SciFi-Oberflächen und Billigsoftware. Warum sich genau aus diesen Zutaten das neue Versprechen der elektronischen Musik formt, haben wir uns auch gefragt. Flying Lotus erfüllt die hohen Erwartungen von Kollegen und Musikpresse scheinbar spielerisch, in der Disko genauso wie auf seinem Album "Cosmogramma". Sein Selbstverständnis als Messias geht da einher mit seiner genetische Nähe zum Musik-Olymp.

GUILLAUME & THE COUTU DUMONTS GLÜCKSKIND DER EPOCHE

Chef- & Bildredaktion: Anton Waldt (anton.waldt@de-bug.de) Review-Lektorat: Tilman Beilfuss Redaktions-Praktikant: Michael Aniser (michael.aniser@googlemail.com) Redaktion Games: Florian Brauer (budjonny@de-bug.de), Nils Dittbrenner (nils@pingipung.de) Texte: Anton Waldt (anton.waldt@de-bug.de), Thaddeus Herrmann (thaddeus.herrmann@ de-bug.de), Ji-Hun Kim (ji-hun.kim@de-bug. de), Timo Feldhaus (feldhaus@de-bug.de), Hendrik Lakeberg (hendrik.lakeberg@gmx. net), Sulgi Lie (sulgielee@hotmail.com), Eric Mandel (eric.mandel@gmx.net), Tim Caspar Boehme (tcboehme@web.de), Philipp Rhensius (phil.rhensius@gmx.net), Johanna Kubrick, Jan Joswig (janj@de-bug.de), Christoph Jacke (christoph.jacke@uni-paderborn.de), Benjamin Weiss (nerk@de-bug.de), Michael Aniser (michael.aniser@googlemail.com), Stefan Heidenreich (sh@suchbilder.de), Nicolaj Belzer (nikolaj.belzer@gmail.com), Sascha Kösch (sascha.koesch@de-bug.de), Martin Conrads (mc@desperatecapital.com), Dominikus Müller (dm@dyss.net), Kito Nedo (kito.nedo@gmx.de), Jan-Peter Wulf (hallo@ japewu.de)

Druck: Frank GmbH & Co. KG, 24211 Preetz Eigenvertrieb (Plattenläden): Tel: 030.28388891 Marketing, Anzeigenleitung: Mari Lippok, marketing@de-bug.de, Tel: 030.28384457 Andreas Ernst, andreas.ernst@de-bug.de, Tel: 030.28388892 Es gilt die in den Mediadaten 2010 ausgewiesene Anzeigenpreisliste. Aboservice: Sven von Thülen: Tel.: 030.28384458 E-Mail: abo@de-bug.de De:Bug online: www.de-bug.de Herausgeber: De:Bug Verlags GmbH Schwedter Str. 9a, 10119 Berlin Tel. 030.28388891 Fax. 030.28384459 Geschäftsführer: Klaus Gropper (klaus.gropper@de-bug.de) Debug Verlags Gesellschaft mit beschränkter Haftung HRB 65041 B, AG Charlottenburg, Berlin Gerichtsstand Berlin UStID Nr.: DE190887749 Dank an Typefoundry binnenland für den Font T-Star Pro, zu beziehen unter binnenland.ch Typefoundry Optimo für den Font Theinhardt, zu beziehen unter www.optimo.com

Fotos: Stefan Krasser, Francesco Lyazid Pires, Simon Fernandez, Ferdinand Klauser, Sebastian Mayer, Paul Mpagi Sepuya Illustrationen: Harthorst,

36 "Wer hätte nicht gerne solche Maschinen bei sich im Studio stehen", sagt Guillaume mit einem Glänzen in den Augen, als wir mit ihm den urgewaltigen Sound-Beispielen im Berliner Museum für Musikinstrumente lauschen. Der Kanadier Guillaume Coutu Dumont beweist auf "Breaking The Fourth Wall", wie spannend und umfassend House heute immer noch sein und gedacht werden kann. Seine klassische Ausbildung als Musiker ignoriert er dabei komplett und dirigiert sein eigenes Ensemble lieber digital.

Reviews: Sascha Kösch as bleed, Thaddeus Herrmann as thaddi, Ji-Hun Kim as ji-hun, Andreas Brüning as asb, Christoph Jacke as cj, Tobi Kirsch as tobi, Multipara as multipara, René Josquin as m.path.iq, Bastian Thüne as bth, Tim Caspar Boehme as tcb, Martin Raabenstein as raabenstein, Philipp Rhensius as phire Kreativdirektion: Jan Rikus Hillmann (hillmann@de-bug.de) Artdirektion: Lars Hammerschmidt (lars.hammerschmidt@de-bug.de) Ultra Beauty Operator: Jan-Kristof Lipp (jkl@whitelovesyou.com) Vertrieb: ASV Vertriebs GmbH, Süderstraße 77, 20097 Hamburg Tel: 040.34724042 Fax: 040.34723549

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INHALT 142

ÜBERDESIGN WIR MACHEN UNS DIE WELT, WIE SIE UNS GEFÄLLT

STARTUP 03 – Bug One // Bilanz in Kreide 04 – Spektrum // Elektronische Lebensaspekte im Bild 08 – Inhalt & Impressum

DESIGN 10 12 13 15 16 19 20 21 24 26 28

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ÜberDesign // Orientierung 365 Tage Design // Brock Davis Total Design // Gestaltung & heiße Luft Haut-Design // Janine Rewell & Torsten Solin Statement Design // Peter "God of Dataviz" Crnokrak Körper-Design // Lucy and Bart Papier-Design // Eric Testroete Life Design // Selbst ist der Prosument Design Thinking // Prozessgestaltung Debatten-Design // Diskussion als Produkt Kritisches Design // Grafik ohne Dienstleistung

MUSIK 30 32 36 40 42 44 46 48 49 50

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Matthew Herbert // Zwischen Mahler und Schlachthof Flying Lotus // Neuer Druck aus L.A. Guillaume & The Coutu Dumonts // Techno an der Wurlitzer Ellen Allien // Frühjahrsputz! Donnacha Costello // 1.000 Stunden Techno Durch die Nacht mit ... // Marcel Dettmann Jamie Lidell // Schlaflos in New York CocoRosie // Tarotkarten im Schafspelz The National // Pack schlägt sich, Pack verträgt sich Broken Social Scene // Geschrumpftes Kollektiv

MODE 52 – Cyril Duval // Item Idem, Ich Ich Ich 54 – Modestrecke // Shoot The Shot

10 Design ist auf dem totalen Sturzflug und greift dabei auf alle möglichen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Felder über. “Wir leben längst in einer Designgesellschaft“, lautet eine der Kernthesen des aktuellen Buches von Mateo Kries. Wir haben den Kurator des Vitra Museums und den Designer Peter Crnokrak nach der Aushöhlung des Designbegriffs befragt. Außerdem haben wir eine neue Bewegung im Grafikdesign beobachtet, die Gestaltung am Ego untersucht, und uns den neuen Studiengang Design Thinking angeschaut. Allesamt Reaktionen auf die Inflation der Designs.

MUSIK AUF DEM IPAD VORSCHAU

WARENKORB 58 59 60 61 62 63

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T-Shirt & Kamera // Dave Little + Samsung NX 10 Bücher // Berlin Palace, Jürgen Teller Smartphones // HTC Desire & Legend Buch & DVD // Dietmar Dath, Dachkantine Zürich Smartphones & Bots // Hexbug Nano, Palm Pre Plus & Pixi Plus Bücher // Harald Fricke & Airen

MEDIEN 64 – Kino // She’s out of my league 66 – Marketing // Energy Drink schenkt Kreativzeit

MUSIKTECHNIK 68 70 72 74 76

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Musik auf dem iPad // Vorschau auf den neuen Standard DJ-Controller // Allen & Heath Xone DX Kaos-Kiste // Korg Kaossilator Pro Teppich-Multitouch // Haken Fingerboard Fettmacher // Niio Analog Track Thickener

SERVICE & REVIEWS 78 80 84 86 92 94 96 97 98

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Reviews & Charts // Neue Alben, neue 12"s Dakota Days // Kylie-Coverversionen Galore! Elektro Guzzi // Techno als Band Morning Factory // Holland groovt zurück Präsentationen // Lali Puna, Future Music Camp, Typo uvm Musik hören mit // Does It Offend You, Yeah? Die Basics // Das Arpeggio Bilderkritiken // Das Sein und die Mücke A Better Tomorrow // Currywurst-Sorbet vom Prügelbischof

68 Es gibt gefühlte 5.000 Piano-Apps für das iPad, sicher ist: Mit dem Tablet bekommen die Musik-Apps des iPhones endlich den Platz auf dem Display, den sie verdienen und auch brauchen. Im Vergleich zum iPhone erlaubt das iPad eine deutlich präzisere Steuerung. Ob das aus den, bisher vor allem als Spielzeug für unterwegs interessanten Musik-Apps, professionell nutzbare Tools macht, haben wir ab Seite 68 untersucht. Vor dem Verkaufsstart verraten wir euch, was geht und was nicht.

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DUBSTEP ON HIGH HEELS MARI WENN EINANN PRODUKT ARBEITSTEILIG HOBBS HERGESTELLT WIRD UND IHM DAS ÜBERDESIGN

Die Mäzenin des Dubstep nennen viele Leute Mary Anne Hobbs, die mit ihrer Sendung „Dubstep Warz“ auf BBC Radio 1 mehr als nur Basisarbeit für die mittlerweile globale Reputation des letzten großen UK-Hypes geleistet hat. De:Bug sprach mit ihr über ein musikfremdes Elternhaus, Musikhören als Berufung und das Erbe John Peels. Von Ji-Hun Kim (Text) und Shaun Fotograf

EIN ENTWURF ODER EINE Die Mäzenin des Dubstep nennen viele Leute Mary Anne Hobbs, die mit ihrer Sendung „Dubstep Warz“ auf BBC Radio 1 mehr als nur Basisarbeit PLANERISCHE ABSICHT für die mittlerweile globale Reputation des letzten großen UK-Hypes ZUGRUNDE geleistet hat. De:Bug LIEGT, sprach mit ihr über ein musikfremdes Elternhaus, Musikhören als Berufung und das Erbe John Peels. HANDELT ES SICH UM Von Ji-Hun Kim (Text) und Shaun Fotograf DESIGN. DEMENTSPRECHEND KANN ES IM INDUSTRIELLEN KONTEXT KEIN NICHT-DESIGN GEBEN. DESIGN WIRD DIE KERNDISZIPLIN DES 21. JAHRHUNDERTS.

Die Mäzenin des Dubstep nennen viele Leute Mary Anne Hobbs, die mit ihrer Sendung „Dubstep Warz“ auf BBC Radio 1 mehr als nur Basisarbeit für die mittlerweile globale Reputation des letzten großen UK-Hypes geleistet hat. De:Bug sprach mit ihr über ein musikfremdes Elternhaus, Musikhören als Berufung und das Erbe John Peels. Von Ji-Hun Kim (Text) und Shaun Fotograf

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. »Wie ein Hund! « sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Und es war ihnen wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte. »Es ist ein eigentümlicher Apparat«, sagte der Offizier zu dem Forschungsreisenden und überblickte mit einem gewissermaßen bewundernden Blick den ihm doch wohlbekannten Apparat. Sie hätten noch ins Boot springen können, aber der Reisende hob ein schweres, geknotetes Tau vom Boden, drohte ihnen damit und hielt sie dadurch von dem Sprunge ab. In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen. Aber sie überwanden sich, umdrängten den Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren. Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Bö-

ses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. »Wie ein Hund! « sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Und es war ihnen wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte. »Es ist ein eigentümlicher Apparat«, sagte der Offizier zu dem Forschungsreisenden und überblickte mit einem gewissermaßen bewundernden Blick den ihm doch wohlbekannten Apparat. Sie hätten noch ins Boot springen können, aber der Reisende hob ein schweres, geknotetes Tau vom Boden, drohte ihnen damit und hielt sie dadurch von dem Sprunge ab. In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen. Aber sie überwanden sich, umdrängten den Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren. Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. »Wie ein

TEXT JI-HUN KIM

BILD SHAUN BLOODWORTH c n b

DESIGN IST HEUTE ZU WICHTIG GEWORDEN, UM ES DEN EXPERTEN ZU ÜBERLASSEN.

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WIR MACHEN UNS DIE WELT, WIE SIE UNS GEFÄLLT! 13 – Design Inflation Die Heilsversprechen der früheren Avantgarde, Design werde unser Leben einfacher, schöner und praktischer machen, haben sich nicht erfüllt. Je mehr Design-Segnungen die Menschen genießen, desto unfreier und unglücklicher scheinen sie zu werden. Wir betrachten Design heute als eine Art "Second Nature" und nicht als artifizielle Hervorbringung der Industriekultur. Damit produziert Design seine eigenen Gesetze und Marken werden zu Lebewesen. Designer müssen wieder dort hin, wo es ernsthafte Aufgaben für sie gibt und nicht nur Luxusprobleme gelöst werden. 14 – Statement Design Dass Daten alles aussagen können, wenn sie geschickt aufbereitet werden ist fundamental falsch. Ein Apfel ist immer noch ein Apfel, egal wie oft er geteilt wird. Kritisches Design liefert als Agent Provocateur im Dienst der Gesellschaft eine futuristische neue Sichtweise.

ist dies eine Bereicherung und keine Gefahr. Inhalt allein ist nicht genug. Er muss grafisch aufgearbeitet dargeboten werden. Das gilt für Politik, Sport, Wirtschaft und jeden einzelnen Neuzeit-Überlebenswilligen. Heute wird jeder einer ästhetischen Beurteilung unterworfen. Daher wird auch von jedem verlangt, für seine Erscheinung ästhetische Verantwortung zu übernehmen. 24 – Design Thinking Design Thinking überträgt die ästhetische Formgebung auf eine (infra)strukturelle Ebene. Can organizations be beautiful? Not so much in the way it looks, but in the way it feels. 26 – Debatten Design Design muss auch Soziales untersuchen und in der Formsprache reflektieren. Man muss sich von formalen oder technischen Rahmenbedingungen lösen und den Design-Begriff ausdehnen.

21 – Life Design Jeder und alles möchte den Außen-Mehrwert sein Eigen nennen.

28 – Kritisches Design Grafikdesign erhält soziales Bewusstsein und beginnt zu (unter)suchen, zu planen und zu theoretisieren.

Der freie Zugang zu digitalen Gestaltungswerkzeugen zeigt, dass eine weitflächige Aufklärung stattgefunden hat. Für die Nutzer

Grafikdesigner erweitern ihr Feld in Architektur und Stadtplanung und leihen sich dazu Konzepte aus der Bildenden Kunst.

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ÜBERDESIGN

Die Mäzenin des Dubstep nennen viele Leute Mary Anne Hobbs, die mit ihrer Sendung „Dubstep Warz“ auf BBC Radio 1 mehr als nur Basisarbeit für die mittlerweile globale Reputation des letzten großen UK-Hypes geleistet hat. De:Bug sprach mit ihr über ein musikfremdes Elternhaus, Musikhören als Berufung und das Erbe John Peels. Von Ji-Hun Kim (Text) und Shaun Fotograf

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. »Wie ein Hund! « sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Und es war ihnen wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte. »Es ist ein eigentümlicher Apparat«, sagte der Offizier zu dem Forschungsreisenden und überblickte mit einem gewissermaßen bewundernden Blick den ihm doch wohlbekannten Apparat. Sie hätten noch ins Boot springen können, aber der Reisende hob ein schweres, geknotetes Tau vom Boden, drohte ihnen damit und hielt sie dadurch von dem Sprunge ab. In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen. Aber sie überwanden sich, umdrängten den Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren. Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Bö-

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TEXT JI-HUN KIM

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Brock Davis er Künstler und Musiker arbeitet in seiner Heimatstadt Minneapolis als Creative Director bei der Werbeagentur Carmichael Lynch und gewann dabei sogar einen Löwen in Cannes. In seiner Arbeit "Make something cool everyday" hat er im Lauf des Jahres 2009 jeden Tag irgendetwas gestaltet und in einer stetig wachsenden Bildergalerie abgelegt. So entstanden 365 kleine Kunststücke, die zum einen den Kreationsstress visueller Gestalter thematisieren, aber auch deren kommerzielle Limitierung und Engstirnigkeit, die es laut Davis zu durchbrechen gilt. www.itistheworldthatmadeyousmall.com

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DESIGN-INFLATION Design bestimmt heute entscheidend darüber mit, wie wir in Zukunft leben werden. Wie schnell, wie gefährlich und wie eingeengt, aber auch wie praktisch, wie gesund und wie gerecht. Mateo Kries

Design ist heute allgegenwärtig, allerdings auf eine verwirrend vielgestaltige Art und Weise: als klassische Produktgestaltung, als Gestaltungsprinzip, das auf immer neue Bereiche übertragen wird, und als omnipräsente Worthülse jenseits inhaltlicher Zusammenhänge. In seinem Buch "Total Design" wagt sich Mateo Kries an einen Überblick und erklärt, warum die traditionelle Design-Szene tief in der Sinnkrise steckt.

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wischen 2003 und 2008 steigt die Anzahl der Unternehmen in der Design- und Werbebranche allein in Deutschland von etwa 70.000 auf über 80.000. (...) 2004 macht sie in Deutschland einen Umsatz von etwa 3 Milliarden Euro. Zwischen 1998 und 2009 hat sich die Anzahl der Neuerscheinungen zum Thema Design und Architektur allein in Deutschland verdoppelt. (...) Ende der Neunzigerjahre gab es weltweit kein einziges Designfestival – heute sind es über 20 pro Jahr. Der Ikea-Katalog ist 2006 mit einer Auflage von 175 Millionen Exemplaren das Buch mit der zweithöchsten Druckauflage der Welt nach der Bibel. Und gibt man heute das Wort "Design" bei Google ein, so erhält man weit über eine Milliarde Einträge – (...) etwa doppelt so viel wie bei dem Stichwort "Sex". Design kann heute nicht mehr als ein ökonomisches oder künstlerisches Einzelphänomen betrachtet werden, sondern ist zu einer Triebfeder unserer gesamten Gesellschaft geworden, postuliert Mateo Kries, Kurator des Vitra Design Museums in Weil am Rhein, in seinem gerade erschienenen Buch "Total

TEXT TIMO FELDHAUS & ANTON WALDT

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Design". Design ist demnach längst nicht mehr nur ein System von Formgebung und Wertschöpfung, wie es bis in die Neunzigerjahre hinein der Fall war. Heute ist Design die Verlängerung von Kunst ins Leben. Gleichzeitig wird der Begriff Design als BedeutungsSchablone über alle möglichen Label gestülpt: "Dabei scheint Design vor allem dort aufzutauchen, wo es nicht gebraucht wird, während es dort fehlt, wo es wirklich nötig wäre." Aber während Gaga-Worthülsen wie "Business Design", "Nail Design" oder auch "Social Design" den Begriff verwässern, findet der eigentliche Machtzuwachs des Design-Prinzips dort statt, wo er eher unauffällig Einzug hält. Nämlich in der Wissenschaft, in den Medien, an Körpern und in unserem alltäglichem Lebensumfeld. "Design greift immer tiefer in Sphären ein, die früher als natürlich empfunden wurden, ob beim Klimawandel, in der Pflanzenzucht, der Gentechnik oder im Sport." Der Gentechnik-Pionier Craig Venter verwendet etwa den Begriff Design, wenn er von der Struktur einer DNA und ihrer Entschlüsselung spricht. Und ultrakonservative amerikanische Christen haben 1989

ihre Theorie des Kreationismus, also des Glaubens an die biblische Schöpfungslehre, ganz offiziell und ernsthaft durch eine Position abgelöst, die sie mit der Hülle "Intelligent Design" umschreiben. Zunächst leistet "Total Design" allerdings ein Stück solider Grundlagenarbeit, die Kries erklärte Absicht, die Diskussion über die üblichen Design-affinen Kreise hinaus zu tragen, glaubhaft unterstreicht. In einem historischen Abriss behandelt er die DesignUrsprünge im 19. Jahrhundert, verfolgt die rasante Ausbreitung im Verlauf des 20. Jahrhunderts und versucht schließlich zu zeigen, dass und wie Design heute sämtliche Gesellschaftsbereiche durchzieht. Und so lobenswert dieser offene Ansatz ist, schießt der Autor in seinem Bemühen, das Phänomen möglichst anschaulich zu vermitteln, streckenweise über das Ziel hinaus. Insbesondere die Ausrufung einer "Generation Design" anhand der eigenen Biografie nach Florian Illies‘ bewährten Blockbuster-Prinzip wirkt recht konstruiert. Die Welt dieser "Generation Design", die in den 1970ern noch mit Cordsofas und Holzregalen aufwuchs, um ihr eigenes Leben neuer Bürgerlichkeit ab den 1980ern ganz der Suche nach der richtigen Form zu widmen, geht indes allzu gut auf. Die wirklich spannenden Passagen folgen allerdings im letzten Drittel des Buchs und das Thema hat im Grunde auch keine weitere Dramatisierung nötig. "Total Design" ist aber auch ein Buch über die Krise des Design-Kernfeldes, das sich, genau wie der Kunstmarkt, im langen Boom an astronomischen Preisen und dem Gefühl grenzenloser Möglichkeiten berauscht hat: "Erst die im Herbst 2008 ausgebrochene Finanzkrise hat die Entwicklung gebremst und scheint die Prioritäten im Design neu zu justieren. Für uns alle hat dies dazu geführt, dass wir den Regeln, die Design unserem Alltag auferlegt hat, zwar folgen, diese Regeln aber kaum kennen." In der Erläuterung der Problematik legt Kries die Designschablone zuweilen etwas grob als handelsübliche negative Kritik der Postmoderne an und zeichnet die Welt etwas dunkler als unbedingt notwendig. Sicher, in den Siebziger- und Achtzigerjahren sah es noch so aus, als hätte die 68er-Revolution vor allem neue Freiheiten und Möglichkeiten zur Selbstver-

Mateo Kries ist seit 2007 Leiter für Programm und Inhalte im Vitra Design Museum Weil/Rhein, davor hat er den Aufbau des Vitra Design Museums Berlin verantwortet. Kries ist Mitgründer des Berliner Designmai und Herausgeber zahlreicher Publikationen zu Designthemen. www.design-museum.de Mateo Kries - Total Design: Die Inflation moderner Gestaltung, ist im Nicolai Verlag erschienen. www.nicolai-verlag.de

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ÜBERDESIGN

Hobbs, die mit ihrer Sendung „Dubstep Warz“ auf BBC RaDebug: Auf welchen Impuls geht "Total Design" zudio 1 mehr als nur Basisarbeit für die mittlerweile globale rück? Reputation des letzten großen UK-Hypes geleistet hat. De:Bug sprach mitEs ihr über musikfremdesund Elternhaus, Mateo Kries: gibt ein Ausstellungen massenMusikhören als Berufung und das Erbe John Peels. haft Bücher zum Thema Design, aber das sind meist Von Ji-Hun Kim (Text) und Shaun Fotograf eigentlich nur akklamatorische Beschreibungen. Und das reicht nicht aus. Erstens beschreibt man damit nicht alles und zweitens wird dies der heutigen Bedeutung von Design nicht gerecht. Außerdem gibt es im Design-Sektor kaum eine theoretische oder geschichtliche Ausbildung jenseits von Kunstakademien oder von Schulen, die auch praktische Designer ausbilden. Ein unabhängiger und wo nötig auch kritischer Diskurs hat sich daher bisher nicht richtig entwickelt. Debug: Weil Design immer nah und praktisch am Produkt gedacht wurde? Kries: Ja. Aber gerade weil Design so alltagsnah ist, muss es viel kritischer reflektiert werden und hat eigentlich einen höheren Theoriebedarf als etwa Kunst. Gleichzeitig hört man in der Design-Szene immer öfter Zweifel: Man müsste irgendwie anders

draufgucken, man müsste es anderes machen, so kann es nicht weitergehen. Mein Buch soll aber explizit nicht nur für den Designspezialisten lesbar sein, denn die skizzierten Probleme gehen uns alle an. Debug: Aber gibt es nicht andauernd weltweit Designkonferenzen, wo genau das verhandelt wird? Kries: Da geht es meistens auch nur um das nächste neue große Ding oder um die Selbstpräsentation von Designern. Und darüber hinaus geführte Diskussionen verkommen ihrerseits ganz schnell wieder zu Trends, wie "Customizing" oder "Green Design". Der Designdiskurs ist einfach unheimlich geschickt darin, solche Themen wieder in gewohnte Bahnen zu integrieren. Debug: Dass man an so einem Szene-Betrieb verzweifeln kann, ist nachvollziehbar. Aber in deinem Buch gehst du ja noch sehr viel weiter: "Heilsversprechen der früheren Avantgarde, Design werde unser Leben einfacher, schöner und praktischer machen, sind nicht in Erfüllung gegangen. Im Gegenteil: Je mehr die Menschen von den Segnungen des Designs profitieren, desto unfreier und unglücklicher scheinen sie zu werden." Für uns gilt das eigentlich nicht, schon gar nicht in dieser Drastik. Kries: Nun, wenn man sich bestimmte Indikatoren unserer Gesellschaft wie Krankheitsstatistiken, Verschuldungsraten oder die Antworten auf die einfache Frage „Wie glücklich sind Sie?“ anschaut, so geht es durchaus in diese Richtung. Aber ich sage auch nicht, dass wir aus der Designgesellschaft aussteigen sollen. Design ist da und es kann viele konkrete Dinge verbessern, und ich bin der Meinung, dass wir unseren Blick und unseren Umgang so verändern müssen, dass wir die Vorteile wahrnehmen und uns nicht primär Einengungen oder Nachteile erwachsen. Debug: Du nennst Cross-Marketing als ein Negativbeispiel: Rem Koolhaas designt einen Prada-Store und später twittert die Blogosphäre darüber. Das kann man natürlich albern finden, oder langweilig, aber wirklich schlimm? Kries: An sich ist es das natürlich nicht, aber wir sollten schon wahrnehmen, welcher Paradigmenwechsel sich da in unserem Verständnis von Gestaltungsdisziplinen vollzieht. Die Architektur kriegt ganz andere Aufgaben, und zwar Aufgaben innerhalb eiJemand musste Josef verleumdet denn nes Designsystems, undK.dessen ist sichhaben, der Designohne dass er wirklich etwas Böses getan wurde eidiskurs nicht bewusst. Erhätte, kommt hinterersolnes verhaftet. »Wie ein Hund! « sagte er, es chenMorgens Entwicklungen nicht hinterher. Außerdem muss war, sollteWarum die Scham ihn überleben. Als soll Gregor man als fragen: wird das gemacht? Wie mit Samsa eines Morgens unruhigen Träumen der erdem Label Rem Kolhaasaus unsere Wahrnehmung wachte, fand beeinfl er sichusst in seinem Bett zu einem ungeMarke Prada werden? heueren Ungeziefer verwandelt. Undder esSoziologie. war ihnen Debug: Eigentlich klassische Fragen wieKries: eine Bestätigung ihrer neuensetzt Träume guten Ja, aber die Soziologie sichund kaum mit Absichten, als am Ziele Fahrt die Tochter als Design auseinander, und ihrer der Designerdiskurs arbeierste sichmit erhob und ihren Mitteln, jungen Körper dehnte. tet kaum soziologischen da fehlen wich»Es ein eigentümlicher Apparat«, sagte der Offitige ist Verknüpfungen. zier zu Handelt dem Forschungsreisenden undumüberblickte Debug: es sich hier tatsächlich eine Krise mit gewissermaßen den des einem Designs oder eine Krisebewundernden des klassischenBlick Designihm doch wohlbekannten Apparat. Sie hätten noch Establishments? insKries: Boot springen können, aber zusammen. der ReisendeWenn hob Diese Krisen hängen ein schweres, geknotetes Tau vom Boden, drohte innerhalb des Systems "Design" keine kritische Diihnen damiteigenen und hielt sieexistiert, dadurchkommen von dem am Sprunge stanz zum Tun Ende ab. In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an andere, schlechtere Produkte heraus. Hungerkünstlern sehr sie Debug: Wenn es um DIYzurückgegangen. geht, bist du auchAber im Buch überwanden sich, umdrängten den Käfig und wollauffallend optimistisch. tenKries: sich gar nichtoffensichtlich fortrühren. Jemand musste Josef Es gibt das Bedürfnis, sich K. verleumdet denn ohne dass eranzueignen. etwas Böwieder eigenehaben, Gestaltungskompetenz

Und den basisdemokratischen Ansatz, den Endverbraucher wieder zum aktiven Posten im gesamten Designsystem zu machen, begrüße ich natürlich. Gleichzeitig ist gut und richtig, dass Designer als Profi-Gestalter auch tatsächlich viele Dinge gestalten. Als Individuum sollte man sich aber mit dieser Ambivalenz auseinandersetzen, um eine gewisse Souveränität über das eigene Umfeld wiederzugewinnen. Debug: Du beschreibst die zunehmende Allgegenwart von Design. Aber wo haben wir es wirklich mit einer Ausweitung von Design zu tun, was ist nur ein Hype, der sich ein Buzzword aneignet? Kries: Eine echte Ausweitung von Design sehen wir heute auf vielen Feldern, sei es im Bereich der Nahrungsmittelproduktion, der Gentechnik oder der Nanotechnologien. Wie viel Schindluder mit dem Begriff "Design" getrieben wird, zeigt sich an Begriffen wie "Nail Design" und "Hair Design", aber auch der Begriff „Intelligent Design“ verspricht viel mehr als er halten kann. Schließlich wurde er von amerikanischen Christen zur Verbrämung einer neokonservativen Schöpfungslehre erdacht. Debug: Wieso kann so etwas dem Design nicht egal sein? Kries: "Intelligent Design" klingt irgendwie smart, ich denke erstmal nicht an Kreationismus, sondern: irgendwie eine gute Wortschöpfung. Und selbst wenn ich die Positionen seiner Erfinder ablehne – also dass die Natur von Gott nach dem Bauplan eines „intelligent Design“ erschaffen wurde – bleibt etwas davon hängen. Design wird heute tatsächlich vielfach als eine Art "Second Nature" betrachtet und nicht mehr als artifizielle Hervorbringung der Industriekultur. Man kann das unter dem Gesichtspunkt der Markenausdifferenzierung zwar so sehen, aber trotzdem sollten wir Design nicht so selbstverständlich wie unsere neue Natur hinnehmen. Wir müssen unsere Wahrnehmungsinstrumente so weit ausdifferenzieren, dass wir diesen Kosmos auch weiterhin erfassen und analysieren können, damit die DesignRealität nicht gegen uns eingesetzt werden kann. Debug: Du forderst aber nicht nur, dass der Begriff "Design" schärfer erfasst werden muss, sondern auch die Übertragung von Design-Prinzipien auf neue Felder. Kries: Designer müssen dort hin, wo es ernsthafte Aufgaben für sie gibt und nicht nur Luxusprobleme gelöst werden. Natürlich zählen dazu Herausforderungen wie die der Ökologie, aber eben auch Fragen wie die Überalterung unserer Gesellschaft oder der Alltag in Entwicklungsländern. Gerade Lösungen für Alltagsprobleme in Schwellenländern könnten Designer eine andere Präsenz, eine andere Durchschlagskraft verleihen. Debug: Zuletzt noch eine Frage zu etwas ganz anderem. Weil sich bei der Lektüre von "Total Design" zwischen den Zeilen immer wieder der Eindruck aufdrängt: Sind Designer traurige Menschen? Kries: Ich glaube nicht. Aber es ist in der DesignSzene in den letzten Jahren schon ein gewisses Unbehagen mit einigen Dingen festzustellen, etwa mit dem Event-Hype oder mit einem Mangel an Ernsthaftigkeit. Es fehlen die geeigneten Formate, oder es fehlt die Bereitschaft, dieses Unbehagen zu artikulieren, diskursiv zu benennen. Vielleicht haben sie einfach Angst, uncool zu wirken.

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TEXT JI-HUN KIM

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In der Design-Szene gibt es ein gewisses Unbehagen mit der durchgestalteten Welt. Aber es fehlt die Bereitschaft, dieses Unbehagen zu artikulieren. Vielleicht haben sie einfach Angst, uncool zu wirken.

wirklichung geschenkt. Bei Kries werden aus fast all diesen Errungenschaften Märkte und Zwänge, in denen wir uns nun erneut behaupten müssen. "Soziale Aufstiegsmöglichkeiten bedeuten jetzt KarriereCoachings, bei denen wir erfahren, welche Chancen wir unbedingt ergreifen müssen. (...) Ein deregulierter Beziehungsmarkt bedeutet, dass wir uns in Wellness-Zentren und Fitnessstudios dafür präparieren müssen. Und wahre Selbstverwirklichung ist heute, wenn wir all das mit noch mehr Ästhetik, Stilwillen und Design zu einem Leben formen, das sich auch auf Facebook sehen lassen kann. Was Designer mit Produkten tun, das tun wir heute mit unserer eigenen Biografie." Wir fragen uns, ist das alles wirklich so dramatisch? Oder wird dabei nicht ein großer Teil positiver Entwicklung einfach unterschlagen? Und ist das Buch nicht rückwirkend eher totaler Hilfeschrei einer Designwelt, der die Alleinstellungsmerkmale abhanden gekommen sind? Zur Klärung der Fragen haben wir Mateo Kries zum Interview in seiner Wohnung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg getroffen, die, wie nicht anders erwartet, perfekt durchdesignt ist. Die Mäzenin des Dubstep nennen viele Leute Mary Anne

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Janine Rewell - Tan the Man er Sommer liegt in den Startlöchern, pass auf deine Haut auf. – Richtig ernst gemeint ist die Arbeit "Tan the Man" von Janine Rewell wohl nicht. Dafür dass Körper schon immer zum Feld der Gestaltung wurden, gibt es in der Geschichte viele Beispiele, "Tan the Man" ist besonders verstrahlt. Wenn Rewell schreibt, dass sie außer dem Solarium und ausgeschnittenen Vinylmustern nichts Elektronisches zum Aufpimpen verwendet hat, dann müssen wir ihr das glauben. Bräunungs-Design, wie sie es selbst nennt, wird umhin zur neusten Kreation in der Reihe inflationärer Designbereiche. www.janinerewell.com/tantheman.html

D Torsten Solin - Distorsionen er aus Jena stammende Fotograf und Maler Torsten Solin hat in Dresden Kunst studiert, zuletzt als Meisterschüler bei Hans-Peter Adamski. Seine großformatigen Bilder, die bereits in zahlreichen Einzelausstellungen in Deutschland und New York zu sehen waren, kreisen um nackte Körper, die in Solins Darstellung zum Teil der Produktwelt werden, aber dabei eine unheimliche Präsenz entwickeln, die dem Blick des Betrachters fast unangenehm offensiv auf die Netzhaut rückt. Mit den Foto-Assemblagen der Serie "Distorsionen" abstrahiert Solin sein Körpermotiv fast bis zur Unkenntlichkeit, was den Moment des Erkennens noch verstörender macht. www.torsten-solin.de/distorsionen.htm

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ÜBERDESIGN

STATEMENT DESIGN In Zeiten des ökonomischen Umbruchs hilft kritisches Design den Menschen soziale Normen aktiv zu hinterfragen. Peter Crnokrak

Peter Crnokrak ist Designer, promovierter Genetiker und "God of Dataviz". Sein Arbeitsfeld ist die Schnittmenge von visueller Kommunikation und Datenanalyse, dabei sind seine Datenvisualisierungen so komplex und groß, dass sie den Rahmen jeder Website und jedes Magazins sprengen würden. Im Gespräch erklärt er die Relation von Wissenschaft, Kritik und Design, inwiefern Design ein politisches Statement sein kann und dass die Kategorie Design dringend ein Redesign benötigt.

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eboren in Kroatien und in Kanada aufgewachsen, studierte Peter Crnokrak Medizin und promovierte in evolutionärer Genetik. Sein Leben als akademischer Arbeiter mit Festanstellung und Postgraduierten-Stipendium in Toronto langweilte Crnokrak allerdings dermaßen, dass er nach New York und später nach London ging, um als Designer zu arbeiten. Und auch wenn es auf den ersten Blick so wirkt, ist er nicht willkürlich von einem Metier in ein völlig anderes gesprungen: Quantitative Genetik und Datenvisualisierung bieten nämlich eine Reihe von Anknüpfungspunkten. Nach einigen Gastspielen, unter anderem bei Nick Bell Design, bekannt für die Gestaltung des Design-Magazins "Eye", gründete er 2008 "The Luxury of Protest", seine eigene Designplattform, und beeindruckt seitdem kontinuierlich mit seinen inhaltlich wie visuell hochkomplexen und handwerklich hochakkuraten Datenvisualisierungen so ziemlich jeden, der darüber stolpert. Was Die Mäzenin des Dubstep nennen viele Leute Mary Anne Jemand musste Josef K. verleumdet haben, dennCrnokraks Lieblingsmedium ist das großformatige Poster. nicht schwierig ist, denn Hobbs, die mit ihrer Sendung „Dubstep Warz“ auf BBC Raohne dass er etwas Böses getan er eiDabei hätte, werdenwurde die Gestaltungen gern opak beidseitig auf Transparentfolie bedruckt dio 1 mehr als nur Basisarbeit für die mittlerweile globale nes Morgens verhaftet. »Wie ein Hund! « sagte er, es und sind so von beiden Seiten lesbar, getreu der Gleichung "viele Daten = viel Reputation des letzten großen UK-Hypes geleistet hat. De:Bug sprach mit ihr über ein musikfremdes Elternhaus, war, als sollte die Scham ihn überleben. Gregor Platz". Er liefertAls damit die Antithese zur Papierklassizistik, die manche hinter diesem Musikhören als Berufung und das Erbe John Peels. Samsa eines Morgens ausFacebookunruhigenoder Träumen erDIN A4-inkompatiblen medialen Darreichungsprinzip vermuten. Von Ji-Hun Kim (Text) und Shaun Fotograf wachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Und es war ihnen Datenmaniküre wie eine Bestätigung ihrer neuen guten immer wieder durch seine Methodik, Daten zu finden, Dabei Träume verblüfftund Crnokrak Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als zu generieren, auszuwerten, gestalterisch zu interpretieren und mit an Wahnsinn erste sich erhob und ihrengrenzender jungen Körper dehnte.zu platzieren. Er selbst nennt dies "Datenmaniküre". Das Genauigkeit »Es ist ein eigentümlicher Apparat«, sagte der Offiproduzierte Infodesign-Werk stellt dabei zuerst eine visuelle Transformation der Dazier zu dem Forschungsreisenden undkeine überblickte ten dar und Erklärung, denn Vereinfachung ist Crnokraks Sache nicht, auch mit einem gewissermaßen bewundernden Blick den wenn seine Übersetzungsprinzipien simpel, objektiv, immer logisch und an sich ihm doch wohlbekannten Apparat. Sie hätten noch einleuchtend sind. Er geht davon aus, dass sein Werk, seine Transformationsarbeit ins Boot springen können,als aber der Reisende hob persönliches Statement, seine Sinnhaftigkeit erst im Verständnis des Betrachein schweres, geknotetes Tau vom Boden, drohte ters findet. Dabei ist er sich darüber bewusst, dass dies vom Publikum einigen A_B_ PEACE & TERROR ETC. THE COMPUTATIONAL AESTHETICS OF LOVE & HATE. ihnen damit und hielt sie dadurch von dem Sprunge Dechiffrieraufwand erfordert und verortet deshalb seine Statements als "Kritisches 618mm X 1000mm. Visualisierung der Friedens- und Kriegsaktivitäten der 192 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen. Größe und Farbtransparenz der Elemente stehen für letzten das Ausmaß ab. dabei In den Jahrzehnten ist das Interesse an Design". Im Gegensatz zu vielen Werken des Genres, das als junge gesellschaftsvon kriegstreibenden oder friedlichen Staatsmaßnahmen. Seite A desHungerkünstlern Posters – gedruckt sehr zurückgegangen. Aber sie vielmals bruchstückhaften, naiven Unfertigkeit mit dem kritische Disziplin in seiner in Schwarz – steht dabei für die bösen, Seite B – gedruckt in Weiß – für die guten Taten der überwanden sich, umdrängten den Käfig zur undgesellschaftsrelevanten wollfesten Ehrgeiz Aussage und Kritik zwischen Kunst und Länder. In "durchschauender" Betrachtungs-Addition durch die Transparentfolie ergeben sich ten sich gar nicht Jemand mäandert, musste Josef Copyshop stellt Crnokrak ein neues Rolemodel für den Designer dar: Schwarz-Weiß-Schemata, die den entsprechenden "Terror vs. Frieden"-Aktivitätsindex des fortrühren. jeweiligen Staates anzeigen. K. verleumdet haben, dennden ohne dass er etwas BöAutoren-Designer.

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TEXT JI-HUN KIM

TEXT JAN RIKUS HILLMANN BILD SHAUN BLOODWORTH c n b

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HIER: EVERYONE EVER IN THE WORLD 650mm X 920mm: Visuelle Gegenüberstellung der überlebenden und getöteten Menschen als Folge von Kriegen, Massakern und Genoziden im Laufe der gesamten Menschheitsgeschichte. Dabei repräsentiert die Papierfläche des Gesamtformats relativ die Summe der überlebenden, die ausgeschnittenen Löcher die der getöteten Menschen über einen Zeitraum von fünf Jahrtausenden. Von 77,6 Milliarden haben danach 969 Millionen Weltbürger in Gras gebissen. DA: MATHS DREAMED UNIVERSE 720mm X 1020mm: Mathe-Bionik: Elementargleichungen visualisieren natureigene Formen in einer logarythmischen Spirale. Archimedes hat's analog endeckt, Crnokrak digital zur Vollendung geführt.

War Design in den analogen 70ern, 80ern und 90ern mit Designikonen (und -Marken) wie Luigi Colani und Phillipe Starck noch ein Vehikel für Luxusprodukte mit runden Ecken aus edlen Materialen, so brachte der zunehmende Kontakt der surfenden Massen mit bezahlbaren, sinnvoll gestalteten und sogar individualisierten Long- und Shorttail-Produkten um die Jahrtausendwende die gesellschaftliche Erkenntnis mit sich, dass jetzt doch bitte alles "designt" sein muss. Dies hatte salopp formuliert den Vorteil, das nun der Designer an vielen Produkt-Entwicklungsprozessen – seien sie digitaler oder feststofflicher Natur – schon von Anfang an mitdenken durfte und nicht nur am Ende die Ecken rund feilte. Gut ist: Design als Entwicklungsdisziplin ist heutzutage fast ein integrativer Industriestandard, Design ist überall, wenngleich es kein Qualitätssiegel ist und so geschmackliche Stilsicherheit, Sinn oder Relevanz garantiert. Es schaffte eine kreative Horde von Design-Dienstleistern, die im günstigsten Fall als Teil der Kreativ-Industrie aus der Schnittmenge von Technologie, Relevanz, Rahmenbedingung, Nutzungsfreude und Ästhetik unter dem Dogma der Einfachheit und des Corporate Designs sinnvolle Produkte formen. Heute setzt sich der Trend in der Simplifizierung in Richtung "Templatesierung" fort, dem "Überdesign" von generischen zu befüllenden Rahmenformaten, die individualisierte dynamische Inhalte abbilden können, um dem Mitmach-Nutzer Möglichkeiten zu geben, seine Persönlichkeit schön bunt auszudrücken. Der Autoren-Designer Als Vertreter einer Post-Simplifizierung und Anti-Sloganisierung ist Crnokrak jedoch sein eigener Auftraggeber im Sinne seiner Motivation, sozial- und gesellschaftsrelevante Aussagen zu formulieren und übt so seine gestalterische Autorentätigkeit aus. Bemerkenswert mutig und neu ist dabei, als Prinzip eine eigene Sprache und Stilistik in Form seiner eigenwilligen Datenvisualisierungen zu nutzen, und nicht auf bloße Vereinfachung und simple Slogans zurückzufallen, um im Betrachter das Denken und Handeln zu aktivieren. Den kommunikativen Trick vermutet man in der interdisziplinären Kombination von ästhetischer Schlichtheit, formaler Reduktion, deskriptiver Komplexität und wissenschaftlich scharfsinniger Akkuratesse, der sich alle Werke, meist in schwarz und weiß gestaltet, bedienen. Im E-Mail-Interview hat uns Peter Crnokrak erklärt, was dahinter steckt, warum kritisches Design ins Wohnzimmer gehört, geschnittene Äpfel, immer Äpfel bleiben und Design ein Redesign braucht. Debug: Woher kommt die Motivation für das, was du tust? Peter Crnokrak: The Luxury of Protest ist gleichzeitig Frage und Statement. Anstoß und Motivation für meine Arbeit ist es Fragen zu stellen. Tolerieren westliche liberale Demokratien politische und soziale Abweichungen? Haben Bürger dieser Demokratien mit dem vermeintlichen Luxus der Redefreiheit eine soziale Verantwortung, Ideen von Freiheit und Gleichheit voranzutreiben? Und wenn die Antwort auf diese Fragen "Ja" lautet, warum verhalten sich so wenig Leute dem entsprechend? In der nahen Vergangenheit mussten sich Kreative arg verbiegen, um ein aufnahmewilliges Publikum zu finden, dem sie ihre Arbeit präsentieren konnten. Heute ist es dank Internet so einfach ein Massenpublikum zu erreichen - man muss nur etwas zu sagen haben. Debug: Was sind die Herausforderung beim Transformieren von Fakten und Zahlen in Statements? Crnokrak: Mein wissenschaftlicher Hintergrund verleiht mir eine gewisse Objektivität und genaue Beobachtungsgabe für meine Themen. Ich bin viel mehr am Zeigen als am Überzeugen interessiert. Doch die subjektive Sichtweise, die ich in meinen

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ÜBERDESIGN

ziehen lassen sind selten neutral und oft politisch brisant. Debug: Viele deiner Projekte entstehen aus deiner eigenen Motivation heraus. Woher kommen diese Impulse? Crnokrak: Nachrichten lesen ist ein wichtiger Teil meines Arbeitstages. Dabei interessiert mich schon lange mehr, wie und nicht was berichtet wird, also das Design der Berichterstattung. Heute verbringe ich die meiste Zeit damit, die Storys zu überfliegen. An manchen Tagen lese ich auch nur die Überschriften, um Unterschiede im Duktus oder - noch wichtiger der nationalen Perspektive wahrzunehmen. OnlineNachrichtenseiten erlauben einem, diese Variationen in der Berichterstattung über ein einziges Ereignis wahrzunehmen - man bekommt so schnell ein "Gefühl" für die Mechanismen hinter der Reportage –

zusätzlich zum eigentlichen Inhalt des Ereignisses. Dabei ist die Motivation hinter meinen Datenvisualisierungen eigentlich die Frage, wie "Fakten" der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die gegenwärtigen Strömungen – die emotional gelehrsame Reportage in den USA und der gegensätzliche Fakten-fixierte Ansatz in Europa – finde ich sehr spannend. Es markiert einen Umbruch, wie der Öffentlichkeit aktuelle Ereignisse präsentiert werden. Diese gegensätzliche Ausprägung kennzeichnet meine Datenvisualisierungen - auch wenn ich die Balance zwischen Emotionalität und Fakten-Fixierung sehr viel delikater und vorsichtiger maniküre, um Einseitigkeit zu vermeiden. Debug: Wenn deine Arbeiten Darstellung und nicht Meinung sind, muss der Betrachter ja interpretieren und decodieren, um etwas zu verstehen. Crnokrak: Exakt. Das ist die User Experience meiner Gestaltung. Ich glaube nicht, dass ich jemals etwas gestaltet habe, das auf den ersten Blick verständlich war. Aber ich war mir immer der Art und Weise bewusst, wie ein Betrachter Information aufnimmt, um seine Interaktion mit dem Werk dahingehend vorsichtig zu orchestrieren, dass er mit einem Entdeckungserlebnis belohnt wird. Dabei spielt auch mein wissenschaftlicher Hintergrund eine Rolle, wo Informationsbeschaffung und deren Interpretation aufwendig ist, weil die Ereignisse, die dort verhandelt werden zu komplex sind, um sie in einfachen Graphen darzustellen. In der Wissenschaft ist das normal, der visuellen Kultur aber vielfach ein Gräuel. Das ist in den meisten Fällen auch gut so, aber bei komplexeren und nuancierteren sozial- und geopolitischen Ereignissen funktioniert das nicht. Wenn Daten in der simplifizierten, gesteuerten Kommunikation offensiv verwendet werden, wird die komplexe Wirklichkeit falsch dargestellt und das ist gefährlich. Aber es ist auch schwer, die Balance zwischen einer wissenschaftlich objektiven Darstellung und einer gestalteten User Experience zu halten. Gleichzeitig ist es zu bequem und auch philosophisch zweifelhaft, Rohdaten unter dem Vorzeichen zu präsentieren, dass Fakten und Zahlen für sich selbst sprechen sollten, da selbst in der Wissenschaft alle Daten aufbereitet werden. Zudem die Situationsabhängigkeit aller Daten dogmatische Statements, die von Analysen abgeleitet Jemand unglaubwürdig musste Josef K. verleumdet haben, denn werden, macht. Das ist der Kampf, der ohnekonstant dass er in etwas Böses getan hätte, wurde er eisich meinem Kopf abspielt. nesDebug: Morgens »Wie einwie Hund! Undverhaftet. der Kampf sieht aus?« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn dass überleben. Als Gregor Crnokrak: Oft wird behauptet, Daten alles aussaSamsa eineswenn Morgens aus unruhigen ergen können, sie jemand geschicktTräumen aufbereitet. wachte, fand er sichfalsch. in seinem einemehrlich ungeDas ist fundamental WennBett manzu wirklich heueren Ungeziefer verwandelt. es war ihnen und transparent an die Analyse vonUnd Daten herangeht wie eine Bestätigung ihrereine neuen Träume guten und diese untereinander signifi kanteund Relation Absichten, gibt als am Ziele ihrer Fahrtbei dieden Tochter als aufweisen, es wenig Spielraum Schlusserste sich erhob und ist ihren jungen dehnte. folgerungen. Ein Apfel immer nochKörper ein Apfel, egal »Es oft ist er eingeteilt eigentümlicher Apparat«, sagte der Offiwie wird. zier zu Welches dem Forschungsreisenden und überblickte Debug: Werk oder welchen Prozess würdest mitals einem gewissermaßen bewundernden Blick den du typisches kritisches Design bezeichnen? ihm doch wohlbekannten Apparat. Sie hätten noch Crnokrak: Design, das einen akzeptierte Normen ins Boot springen können, aber der Reisende hob hinterfragen lässt. Vieles unserer Wahrnehmung baein schweres, geknotetes Tau des vomLebens. Boden,Ein drohte siert auf kollektivem Verständnis groihnen und hielt sie dadurch dem Sprunge ßer Teildamit dieses Verständnisses kannvon als wahr bezeichab. werden. In den letzten Jahrzehnten ist dessen das Interesse an net Doch ein wichtiger Teil ist einfach Hungerkünstlern sehr zurückgegangen. Aber eine generelle Vereinbarung der Wahrheit - und ist sie oft überwanden sich, von umdrängten KäfiGesellschaft g und wollglaubensabhängig dem, wasden wir als ten sich gar nicht fortrühren. musste Josef als psychologisch angenehm Jemand erachten. Kritisches K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Design präsentiert eine neue Sichtweise: etwas BöFu-

turistisches, noch Unerlebtes, aber am stärksten das, was so bekannt ist, dass wir es als Wahrheit akzeptieren. Das ist der Service, den kritisches Design der Gesellschaft bietet - kritisches Design ist der Agent Provocateur der Design-Welt. Debug: Design braucht demnach ein Redesign! Crnokrak: Absolut! In den letzten 10, 15 Jahren gab es innerhalb des Kommunikationsdesigns Strömungen für eine prominentere Rolle des Designers als Autor. Eine Reihe scharfsinniger Designer haben das Potential und die Möglichkeiten dieser "selbst-initiierten Arbeit" erkannt - einem Begriff, dem ich eher abgeneigt bin, da er die Unfertigkeit des Versuchs betont, der aber genau das Pendant zu kommerziellen Bemühungen bezeichnet. Dieser Ansatz bringt oft kritisches Design hervor, auch wenn nebenbei noch viele Gestaltungen mit wenig Bestand und Relevanz gestaltet werden. Aus meiner eigenen Perspektive bin ich am meisten an Designern interessiert, die Design produzieren, das prägnante Fragen stellt, aber immer auch noch gewisse traditionelle Wurzeln aufweist. Ein nicht unwesentlicher Teil kritischen Designs ist für das Museum gemacht, insbesondere Objekte. Ich finde das Museum aber einen viel zu abgeschlossenen Ort für Projekte, die mit einem großen Publikum interagieren sollen. Ist es nicht viel aufregender, solche Designobjekte zu Hause zu sehen? - Wo es viel leichter zu Konversationen kommt, die schwierige Antworten erfordern? Die effektivsten Veränderung ergeben sich, wenn man innerhalb von traditionellen Strukturen operiert. Kritisches Design ist ein eher junger Fachbereich, aber insbesondere in diesen Zeiten des ökonomischen Umbruchs ein sehr wichtiger, da er in einer Zeit operiert, in der die Menschen beginnen, soziale Normen aktiv zu hinterfragen. Das sind sehr aufregende Ereignisse, die den Designer mit einem extrem willkürlichen Zustand konfrontieren, da er die Möglichkeit hat, herausfordernde Konzepte zu entwickeln. Verbunden mit dem unendlichen Potential eines aufnahmefähigen Publikums, das uns mittels des Internets heute zugänglich wird, haben Kreative die Möglichkeit sich selbst im Auge des sprichwörtlichen Sturms zu präsentieren. Debug: Was wäre in diesem Kontext dein Traumjob? Welche Rolle würdest du dabei gerne einnehmen? Crnokrak: Ich fände es spannend ein Designteam im akademischen Umfeld zu leiten, dass nach kommerziellen Designstrukturen und -praktiken funktioniert. Es sollte eine Serie von Projekten entwickeln, die Menschen dazu auffordert, Tabuthemen zu konfrontieren und auf diese aktiv zu reagieren. Ich stelle mir eine groß angelegtes Visualisierungsprojekt vor, das die Frage herausfordert, ob "communal sense" wirklich nur Gemeinsinn bzw. gleichgeschaltete Annahme bedeutet - das "Realität" oder das was wir für "wahr" halten, eigentlich nur das ist, was wir gemeinsam für wahr erklärt haben. Hier gibt es sehr viele Daten zu verarbeiten, denn die Geschichte ist voll mit den Leichen solch ausgedienter "communal sense"Artefakte (z.B. "Die Erde ist flach!"). So ist auch die Wissenschaftsgeschichte voll mit Theorien, die sich als falsch herausstellten, sobald neues Wissen auftauchte. Für mich ist es sehr reizvoll zu wissen, dass die Welt veränderbar ist und sich ständig verändert - manche werden das beängstigend finden, ich halte es eher für ein Gegengewicht für das "sich allein fühlen im Universum".

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TEXT JI-HUN KIM

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Oft wird behauptet, dass Daten alles aussagen können, wenn sie jemand geschickt aufbereitet. Das ist fundamental falsch. Die ehrliche und transparente Daten-Analyse lässt Schlussfolgerungen wenig Spielraum. Ein Apfel ist immer noch ein Apfel, egal wie oft er geteilt wird.

theluxuryofprotest.com

Die Mäzenin des Dubstep nennen viele Leute Mary Anne Hobbs, die mit ihrer Sendung „Dubstep Warz“ auf BBC Radio 1 mehr als nur Basisarbeit für die mittlerweile globale Datenvisualisierungen verarbeite, hatgeleistet natürlichhat. keine Reputation des letzten großen UK-Hypes De:Bug sprach mit ihr über ein musikfremdes Elternhaus, neutrale Tonalität-Daten sind neutral und allein geMusikhören als Berufung und das Erbe John Peels. sehen harmlos, aber die Schlüsse, die sich daraus Von Ji-Hun Kim (Text) und Shaun Fotograf

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Lucy and Bart ucy and Bart ist das Projekt der notorischen Genre-Quergänger Lucy McRae und Bart Hess aus Eindhoven. Die Ballerina und Architektin McRae und der Fotograf und Animationsfilmer Hess bezeichnen ihre Arbeit selbst als "instinktive Pirsch in den Revieren Mode, Architektur, Performance und Körper". Im Mittelpunkt dieses eigenwilligen Universums stehen spekulative menschliche Zukunftskörper, die heute in Lucy and Barts Fantasie entstehen, aber irgendwann in der Zukunft durch Technologie und Kultur geformt werden könnten. Bei der Realisierung ihrer posthumanen Erscheinungen setzt das Duo allerdings nicht auf Hightech, sondern auf alltägliche Billigmaterialien. www.lucyandbart.com, www.lucyandbart.blogspot.com, www.barthess.nl, www.lucymcrae.blogspot.com

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ÜBERDESIGN

Eric Testroete - Papercraft Self Portrait ric Testoete arbeitet in Vancouver als 3D-Künstler und als Character-Designer in der Videospielbranche. Sein "Papercraft Self Portrait" sollte 2009 zunächst nur sein Halloween-Kostüm werden, stellt aber weitaus mehr dar als nur eine profane Hexenkürbismaske. Testroete gestaltete mit dem Programm 3ds Max auf Polygonenbasis ein Abbild seines Kopfes, so wie man es von Computerspielfiguren her kennt, beließ diesen aber nicht im binären Raum sondern übertrug die Struktur auf Papier, um sich so eine Maske des eigenen Anlitzes anzufertigen. Ein gekonntes Spiel der Brechung von virtueller Realität und Wahrnehmung, das für seltsam beunruhigende Perspektivwechsel sorgt. www.testroete.com

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Die Mäzenin des Dubstep nennen viele Leute Mary Anne Hobbs, die mit ihrer Sendung „Dubstep Warz“ auf BBC Radio 1 mehr als nur Basisarbeit für die mittlerweile globale Reputation des letzten großen UK-Hypes geleistet hat. De:Bug sprach mit ihr über ein musikfremdes Elternhaus, Musikhören als Berufung und das Erbe John Peels. Von Ji-Hun Kim (Text) und Shaun Fotograf

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. »Wie ein Hund! « sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Und es war ihnen wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte. »Es ist ein eigentümlicher Apparat«, sagte der Offizier zu dem Forschungsreisenden und überblickte mit einem gewissermaßen bewundernden Blick den ihm doch wohlbekannten Apparat. Sie hätten noch ins Boot springen können, aber der Reisende hob ein schweres, geknotetes Tau vom Boden, drohte ihnen damit und hielt sie dadurch von dem Sprunge ab. In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen. Aber sie überwanden sich, umdrängten den Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren. Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Bö-

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LIFE DESIGN Was einmal mit der ästhetisch-funktionalen Optimierung fordistischer Produkte begann, ist heute ein digital-fluider, netzwerkorientierter Lebensaspekt.

Die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit ist längst ein Muss. Studenten-Gehirne werden mit Ritalin ausgestaltet, Körper immer perfekter gestylt, die MySpace-Friseuse hat sich profunde Webdesign-Fähigkeiten angeeignet und ein Lebenslauf ohne schickes Layout gilt bei großen Firmen als Akt der Obszönität. Das Virtuelle und das Materielle verschmelzen in diesem Zustand zu einer rohen, gewaltigen Masse des Potentials. Ji-Hun Kim beschreibt einige Zentren aktueller Selbstgestaltung.

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rida Johnson ist ein 17jähriges Mädchen aus Kungälv in Schweden, einem Kaff mit 21.000 Einwohnern in der Nähe von Göteborg. Außer dem NHL-Eishockey-Spieler Per Johan Axelsson hat diese Stadt nicht allzu viel Bekanntes hervorgebracht. Die junge Frida mag zwar noch zur Schule gehen, ist aber bereits so etwas wie eine Stil-Ikone. Allerdings keine, die durch berühmte Eltern in Hollywood oder andere kulturindustrielle Maschinerien aufgebauscht wurde. Johnson inszeniert sich selber auf der Modeseite lookbook.nu derart stilsattelfest, dass sie aktuell eine Fan-Anhängerschaft von 8.000 Leuten verbuchen kann, also mehr als viele große Medienformate oder Celebrities auf Facebook. Modearrangements werden in StreetfashionblogPortraitform professionell in Szene gesetzt, ohne jedoch zufällig oder beliebig zu wirken. Dabei ist das Alter von 17 gar kein Alleinstellungsmerkmal. Viele der sich präsentierenden Fashion-Exhibitionisten sind 14, 15, teils noch jünger. In Eigenregie wird hier die Klaviatur des Marketings und Inszenierungsdesign derart souverän gespielt, dass einem bange

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werden kann. Lasziv, erotisch und überhaupt nicht naiv oder gar dezidiert jugendlich posieren Teenager um die Gunst der Community. Outfits werden diskutiert, Abstimmungsfehler zwischen Accessoire und Schuhwahl kommuniziert, Farbwelten eines Jürgen Teller, Terry Richardson oder Mario Testino gekonnt adaptiert. Alle wissen: Ohne guten Körper und eine gute Portion Sexappeal wird hier nichts verkauft. Diese Jugend, so mögen Kulturapokalyptiker behaupten, prostituiert sich per Fotos an Päderasten, überspringen ihre Kindheit und werden zu Opfern globaler Fashion-Konglomerate wie Topshop oder H&M. Es handelt sich aber auch um die erste Generation, die die allzu oft beschworene Demokratisierung der Produktionsmethoden nicht als dogmatischen Diskurs oder Paradigmenwechsel begreift. Die Mittel der Repräsentation sind so alltäglich wie die Tageszeitung vom Vater. Die DSLRs (digitale Spiegelreflexkameras) und Photoshops der Jugend sind dieselben Tools wie die der Vogue und anderer Hochglanzformate. Einige der hier abgebildeten Fotos würden in keinem Magazin als besonders schlechte Modestre-

cke auffallen. Viele kommen nicht aus London, Paris oder Berlin. Auch in der Kleinstadt ist globales Stilbewusstsein ein Markstein, und wenn die Gleichaltrigen im Castroper Jugendzentrum dafür kein Verständnis zeigen, dann hat man immer noch das Feedback aus Stockholm oder New York, dem Netz sei Dank. Angst vor dem Blog Eine derartige Selbstinszenierung hat für die Teilnehmer natürlich auch den Vorteil, dass man nicht hysterisch die Boulevards auf und ab laufen muss, um vielleicht doch noch "zufällig" von einem Sartorialist oder anderem entdeckt zu werden, um sich die Kronen langwieriger Konditionierung einzuholen. Der späte Foucault hätte in diesem Phänomen wohl nichts anderes als ein Spiel im Umgang mit den Technologien der Macht gesehen. Inwiefern diese ästhetischen Selbstentwürfe allerdings Kritik an der Macht ausüben, scheint auf den ersten Blick unklar, vielleicht ist es aber die tatsächliche demokratisierte Unterwanderung einer Medienmacht. Eine vor Kraft strotzende Modewelt beweist sich noch immer durch die Konfrontation mit einer 13jährigen Tavi Gevinson und ihrem Blog "Style Rookie" als enorm unsouverän, wackelig und leicht angewidert. Dass gerade in der vermeintlich oberflächlichen Branche der Mode diese Prozesse besonders zum Tragen kommen, zeigt aber auch, dass hier niemand mehr über Revolution und Wandel durch Blogs diskutiert. Der Medienhype, das Äußere, hat sich längst vollzogen, jetzt sind es diese Designprozesse, die die klassischen Prinzipien auf den Prüfstein stellen. Hauptsache Außen-Mehrwert Design und Alltag haben sich in den letzten Jahren immer extremer verschränkt. Angefangen mit einschlägigen Apple-Produkten, über Ikea-Möbel bis hin zum Outfit vom Stilgrossisten. Keine Sportmarke kommt ohne Testimonials von Stardesignern aus. Jeder und alles möchte den Außen-Mehrwert sein Eigen nennen. Und auch dass Stararchitekten wie Chipperfield und Kolhaas neuerdings immer öfter in der Provinz bauen, ist Teil des Phänomens. Das eigene Leben und die Außenwelt sind mehr Design-

Frida Johnson, 17, aus Kungälv, lookbook.nu

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ÜBERDESIGN

Die Mäzenin des Dubstep nennen viele Leute Mary Anne Hobbs, die mit ihrer Sendung „Dubstep Warz“ auf BBC Radio 1 mehr als nur Basisarbeit für die mittlerweile globale Reputation des letzten großen UK-Hypes geleistet hat. De:Bug sprach mit ihr über ein musikfremdes Elternhaus, Musikhören als Berufung und das Erbe John Peels. Von Ji-Hun Kim (Text) und Shaun Fotograf

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folie als je zuvor, aber was bedeutet das genau jetzt? Ausgebildete Designer sehen sich ihrer Legitimation beraubt. Wenn jeder photoshoppen und webdesignen kann, was macht er, der Gestalter, dann überhaupt noch? Andere sagen, dass die Aufgabe von Designern heute nicht mehr die Gestaltung fertiger Jemand musste K. verleumdet haben, Applidenn Produkte ist. Der Josef Designer muss stattdessen ohne dassund er etwas Böses getan hätte,inwurde eikationen Umgebungen schaffen, denenersich nes Morgens verhaftet. ein Hund! es der Prosument kreativ »Wie austoben kann,« sagte denn er, jeder war, als sollte Schamproduzieren. ihn überleben. Als Gregor möchte etwas die Schönes Schnittstellen Samsa eines aus unruhigen Träumen ermüssen her, Morgens Kommunikation und Ausdruck muss wachte, fandwerden, er sich für in seinem Bettfür zuTeenager einem ungegeschaffen alle, auch aus heueren Ungeziefer verwandelt. Und es war ihnen der Provinz. wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten, als Ziele ihrer Fahrt die Tochter als Ungestaltet istam obszön erste einmal sich erhob und ästhetisch-funktionalen ihren jungen Körper dehnte. Was mit der Opti»Es ist einvon eigentümlicher sagte der Offimierung fordistischenApparat«, Produkten begann, ist zier zu dem Forschungsreisenden unddigital-fluide überblickte nun genauso netzwerkorientiert und mit einem den wie anderegewissermaßen Lebensaspektebewundernden auch. RedesignBlick Design. ihm doch Apparat. hätten noch Wenn alleswohlbekannten Design ist, dann ist auchSie nichts Design. ins Bootwerden springen können, aber Reisende hob Derweil Professorenundder Studenten-Gehireinmit schweres, geknotetes Tau ausgestaltet, vom Boden, Körper drohte ne Ritalin und Betablockern ihnen damit und gestylt hielt sie(der dadurch von dem Sprunge immer perfekter Sechs-Millionen-Dollarab. In ist den Jahrzehnten dasdie Interesse an Mann nurletzten noch eine Frage deristZeit), MySpaceHungerkünstlern zurückgegangen. Aber sie Friseuse hat sich sehr profunde Webdesign-Fähigkeiten überwandenund sich, und wollangeeignet einumdrängten Lebenslauf den ohneKäfig schickes Layten gilt sichingar nicht fortrühren. Jemand musste out HR-Abteilungen großer Firmen als AktJosef der K. verleumdet denn ohne dass er etwas Obszönität. Diehaben, silberne Generation (Ü50), die inBö20

Jahren die demografische Vorherrschaft einnehmen wird, ist schon heute nicht müde, stramm an ihrer augmentierten Jugendlichkeit zu arbeiten, bzw. sich mit einem neuen Stil- und Kultursinn gegenüber der aktuell einfach nicht sterben wollenden Generation über ihnen zu behaupten. Ego-Design, Repräsentations-Design. Content alleine reicht nicht, wenn er nicht grafisch, egal in welcher Form, aufgearbeitet dargeboten wird. Das gilt für Politik, Sport, Wirtschaft und jeden einzelnen Neuzeit-Überlebenswilligen. Hier lernt auch der einzelne, worum es beim Design geht.

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Ästhetische Verantwortung Das Bild, das Image, ist etwas, das eine Aussage überdauert, gleichzeitig aber immer modifiziert, geändert und korrigiert werden kann. Eine Strategie, die jeder beachten muss, der in irgendeiner Form in den Medien auftritt. Heute ist die Medien-Repräsentation aber kein Elfenbeinturm einzelner Celebrities und Popstars mehr, heute sieht sich jeder mit dieser Herausforderung einer medial zurechtgerückten Repräsentation konfrontiert. Der Kunstwissenschaftler Boris Groys spricht hierbei von einer ästhetischen Verantwortung. Er sagt, dass heutzutage jeder einer ästhetischen Beurteilung unterworfen wird, ob er will oder nicht. Dadurch würde auch von jedem verlangt werden, für seine Erscheinung in der Welt eine

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right back into social streams of eBay and Freecycle. Light-of-footprint. Door-to-door. Peer-to-peer. (...) Dematerialisation is defined by its interfaces. That which was product will become a service. That which was a service will accelerate at warp speed toward the de-monetisation on the Path-to-free. So this is not so much a post-divorce flat as a vibrant zone of interactive transaction." Der Wegfall des Produkts, des Besitzes endet fĂźr Sterling in einer neu gewonnenen Freiheit. Keine Ăźberkandidelten Semiotiken mehr, keine Lasten im urbanen Raum. Das Virtuelle und das Materielle verschmelzen in diesem Zustand zu einer rohen, gewaltigen Masse des Potentials.

Foto: Ferdinand Klauser, www.amipopular.com

ästhetische Verantwortung zu Ăźbernehmen. Es fällt hierbei der Begriff des Selbst-Design (self design). Was zuvor BĂźrde und Privileg einiger weniger war, wurde in Zeiten des Selbst-Design massenkulturelle Praxis par excellence. Wenn der KĂźnstler zuvor bereits zum Kunstwerk wurde, dann wird der Designer, der wir mittlerweile nun alle sind, zu seinem eigenen Artwork. Selbst ist der Prosument Bruce Sterling formulierte einst folgendes Szenario: Ein Mann, frisch geschieden, allein in einer Wohnung in London Hackney. Neben ihm und seinen Netbook mit Netzanschluss befindet sich nichts in den Räumen - AuĂ&#x;er einem tonnenschweren Klumpen ABSPlastik und einem Fabricator, mit dem er sich seine Lebensutensilien selber ausdrucken muss. Bett, Badewanne, Teller und Toilette. Man mĂźsste in dieser Konsequenz von Existenz-Design sprechen, da Sterling in diesem ausgedachten Setting nichts besitzt, auĂ&#x;er seiner Kleidung. Alle Gewinne der Zivilisation auf einmal verschwunden, aber: "Possessions are over. They are data! Data which sometimes manifests itself as my possessions. This refuse then folds itself

Freiheit und Angst Design als Lebenszweck, als Befreiung von zuvor angelegten Materialitätsketten, Markenzwängen, Copyrights und der Benjaminschen Aura. Man kann diesen existenziellen Ansatz als etwas Restriktives betrachten oder, wie im Falle von Sterling, als Potential. Und diese Gleichung kĂśnnte man ähnlich auf alle oben genannten Bereiche anwenden, denn am Ende gilt es immer zu beachten, dass Design ein Mittel zum Zweck ist. Ob sich nun eine gesamte Generation als lemminghaftes Modeopfer darstellt und nicht freidenkend und mĂźndig zu sein scheint, darĂźber richteten schon immer die Ă„lteren und die Kritik dĂźrfte schon bei der Twiggy-Generation um keine Polemik ärmer ausgefallen sein. Der digitale Zugang zu Gestaltungswerkzeugen lässt keinen Zweifel zu, dass eine weitflächige Aufklärung stattgefunden hat. Jene, die sie nutzen, sehen keine Gefahr sondern eine Bereicherung. All jene, die die Repräsentation und Selbstinszenierung als Zwang und etwas kulturpessimissistisch-konspirativ Brodelndes betrachten, sehen noch nicht, dass man statt den Häusern der anderen auch sein eigenes bauen kann. Dass Design einer der Kerndisziplinen im 21. Jahrhundert wird, haben bereits viele, von Wolfgang Welsch bis Tim Brown postuliert. Im Falle von 3D-Druckern, Kleinstauflagen und Open Source wird die Idee von Design aber eine andere werden mĂźssen als ursprĂźnglich gedacht. Wenn sie es nicht schon ist. Die Werkzeuge und Vokabulare des Gestaltens liegen sprichwĂśrtlich auf der StraĂ&#x;e und Ăźber mehr zukĂźnftige Freiheit sollte sich keiner ernsthaft ärgern dĂźrfen.

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ÜBERDESIGN

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as hat Design mit der Organisationsstruktur eines Paketdienstes zu tun? Vor nicht allzu langer Zeit hieß die Antwort noch "Nichts" oder etwas zynischer formuliert "Gelb". Heute muss es dagegen heißen: Das ist der entscheidende Unterschied für die Zukunft des Unternehmens. Doch eins nach dem anderen. Ausgangspunkt ist folgendes Szenario: Die Städte werden gänzlich autofrei sein. Wie aber gelangt dann das Paket noch von A nach B? Der Ansatz: Es werden vorhandene Verkehrsströme im urbanen Raum genutzt. S-Bahn-Pendler, Jogger, Radfahrer oder gar morgendliche Brötchenholer können für die Beförderung von Päckchen genutzt werden. Teilnehmende "Micro-Paketboten" loggen sich in ein Logistik-Netzwerk ein, nehmen die Päckchen auf und transportieren sie ein Stück weiter – wie bei einer Eimerkette. Dafür bekommen sie eine entsprechende Vergütung. "Unser Modell funktioniert sogar schneller als die klassische Methode", sagt Prof. Ulrich Weinberg, Leiter der Potsdamer "HPI School of Design Thinking", deren Studenten das Strukturmodell für den Logistikdienstleister DHL designt haben. Und das Nachfolgeunternehmen der Post hat es nicht nur freundlich zur Kenntnis genommen, um es in der Schublade für utopische Ideen zu versenken, sondern zu einem wichtigen Baustein seines Innovationskonzepts gemacht. Und genauso ungewöhnlich wie dieser Vorgang geht es auch an der Potsdamer Hochschule zu, aus nicht weniger als 32 verschiedenen Disziplinen kommen die 44 Potsdamer Kommilitonen. Weinberg: "Jeder bringt etwas anderes ein. Keiner ist Experte für die gestellte Aufgabe.." Making Design matter Als Vorlage für das DHL-Konzept diente zum einem die Idee Couchsurfing: kostenlos bei Quasi-Fremden übernachten, kennen gelernt hat man sich lediglich im Netz. Couchsurfing basiert auf Empfehlungen, Referenzen und Bürgschaften der Mitglieder untereinander. Zweite Inspiration war das so verblüffende wie effiziente Tiffinbox-Liefernetzwerk Mumbais, mit dem sich die Büroangestellten der Stadt ihr zu Hause gekochtes Essen mittags an den Arbeitsplatz Die Mäzenin des Rund Dubstep nennen Leute Mary Anne liefern lassen. 5.000 so viele genannte Dabbawalas Hobbs, die mit ihrer Sendung „Dubstep Warz“ auf BBC Ratransportieren die kleinen Stahlboxen per Fahrrad, dio 1 mehr als nur Basisarbeit für die mittlerweile globale Karren und Zug an ihren schätReputation des letzten großenBestimmungsort UK-Hypes geleistet–hat. De:Bug sprach200.000 mit ihr über ein musikfremdes zungsweise Stück pro Tag, undElternhaus, das mit der Musikhören als Berufung und das Erbe John Peels. Traum-Fehlerquote von eins zu 16 Millionen. Von Ji-Hun Kim (Text) und Shaun Fotograf Diese Beispiele aus dem echten Leben wurden für das Paket-Szenario synthetisiert. Das Modell wird

DESIGN THINKING Ihre intrinsische Motivation wollen Design Thinker nutzen, um die Welt besser zu machen. Das hat durchaus etwas Sozialromantisches.

Gutes Design macht Produkte besser. Aber kann es auch unternehmerische, gar gesellschaftliche Strukturen besser machen? Es kann, wenn es größer gedacht wird, lautet der Ansatz der Schule des "Design Thinking", die ästhetische Formgebung auf eine (infra)strukturelle Ebene überträgt.

Drei Prinzipien Dem Design Thinking liegen drei Prinzipien zugrunde. Erstens: interdisziplinäres Arbeiten. Keine Koryphäe mit schwarzem Rollkragen und ebensolcher Kastenbrille, sondern ein möglichst interdisziplinäres Team. Damit dabei mehr herauskommt als beim studentischen Gruppenarbeiten herkömmlicher Art, ist der Prozessablauf genau definiert – so das zweites Prinzip. Non-linear, iterativ, erweiter- und kombinierbar, durchläuft der Prozess sechs Schritte: verstehen, beobachten, Ideen finden, verfeinern (zum Beispiel einen Prototyp entwickeln und Testphasen), Umsetzung und Erkenntnisgewinn für eine kontinuierliche Verbesserung. Drittes Prinzip: Der Nährboden, auf dem aus dem Problem eine Lösung wird, ist eine Kultur der offenen Zusammenarbeit: "creative space" also.

Prof. Ulrich Weinberg ist Leiter der Potsdamer "HPI School of Design Thinking" www.hpi.uni-potsdam.de/d-school designthinking.ideo.com

sich freilich an der Realität messen lassen müssen. Der Ort, an dem die Ideen entstehen, ist ein selbstgebauter "creative space". Die Studenten arbeiten an rollbaren Tischen, die mit Modell-Basteleien übersät sind, flankierende Sideboards sind hinter zahllosen Post-it-Notizen kaum noch erkennbar. Der kreative Raum mutet heimelig an, wie eine Zeltstadt. Doch Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn was letztlich zählt, ist die Brauchbarkeit der Ideen ohne er etwasDafür Bösesistgetan hätte, wurde er eiin derdass Wirklichkeit. Feldforschung notwennes und Morgens verhaftet.und »Wie ein Hund! «die sagte er, es dig so begleiten beobachten Studenwar,beispielsweise als sollte die Scham überleben.denen Als Gregor ten geistigihn Behinderte, mehr Samsa eines ausRaum unruhigen Träumen erAutonomie im Morgens öffentlichen ermöglicht werden wachte, fand er sich inAlltagsumfeld. seinem Bett zuZusätzlich einem ungesoll, tagelang in ihrem binheueren Ungeziefer verwandelt. Und es war ihnen den sie die Behinderten in die Ideenausarbeitung wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume guten ein. "Permanente Rückkopplung" nennt und Weinberg Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als das. erste sichErfolgsgeschichten erhob und ihren jungen dehnte. Erste konnteKörper der Design»Es ist ein eigentümlicher sagte derDinge OffiThinking-Ansatz, der keineApparat«, kleinen, schönen zier zu dem Forschungsreisenden hervorbringen, sondern das Themaund von überblickte der ästhemit einemFormgebung gewissermaßen Blick den tischen aufbewundernden eine (infra)strukturelle ihm doch wohlbekannten Apparat. Sie hätten Ebene sublimieren will, schon verbuchen. Dasnoch Pains Boot springen aber derOne Reisende radebeispiel liefert können, die Organisation Laptop hob Per ein schweres, Boden,irrsinnig drohte Child: Das auf geknotetes den ersten Tau Blickvom geradezu ihnen damitVorhaben, und hielt sie dadurchder vonärmsten dem Sprunge wirkende Schülern Länab. In letzten Jahrzehnten ist das Interesse an der derden Welt mit einem robusten, tragbaren, enerHungerkünstlern sehr das zurückgegangen. Aber sie gieautarken Computer Lernen zu ermöglichen, überwanden sich, umdrängten den Käfiverteilt g und wollhat schon weit über eine Million Stück und tenrund sich um gar das nicht fortrühren. Jemand musste so Eingabegerät eine neue, lokaleJosef BilK. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Bödungsstruktur aufgebaut.

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TEXT JAN JI-HUN KIM WULF PETER

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Falsch motiviert So stringent der Design-Thinking-Aufbau im Potsdamer Vordenker-Biotop, so wesensfremd ist diese Form des kollektiven Arbeitens dem herkömmlichen deutschen Ausbildungsapparat. "Im Sportverein oder bei der Bundeswehr wird Teamarbeit noch am ehesten vermittelt. In der Schule wird es als Pfuschen oder Abgucken geahndet", so Weinberg. Da ist es nicht überraschend, dass auch bei den Unternehmen, die an der HPI School of Design Thinking Projektaufträge einreichen, zunächst nicht selten Skepsis herrscht,

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Brock Davis' "bulb" aus der Reihe "make somethong cool every day" www.itistheworldthatmadeyousmall.com

Kann Design Thinking die Welt wirklich besser machen? Und Krisen wie die aktuelle verhindern?

bis die Methodik verstanden und akzeptiert wird und schließlich in das unternehmensinterne Denken integriert wird. In den Firmen walten fast ausschließlich Menschen, die, in herkömmlicher Form ausgebildet, singulär nach dem Prinzip Belohnung/Bestrafung konditioniert werden. Extrinsische Motivation dominiert: sich von den Kollegen absetzen, den Chef auf sich aufmerksam machen, Verbesserungsvorschläge für sich verbuchen. Tribe-Guru Seth Godin wird in seinen Blogs und Büchern nicht müde zu betonen, wie wichtig es ist, Kollegen zu Fans zu machen, sie von seiner Idee zu überzeugen, kognitive Dissonanz zu überwinden. In Potsdam hingegen ist die intrinsische Motivation der Prozesstreiber. Weinberg schildert eine Energie seiner Studenten, die er zuvor noch nie zuvor so erlebt habe. Vielen Firmen hingegen gehe diese ab, weil sie auf die falsche Motivationsstrategie setzen. Design-Thinking-Mitbegründer Tim Brown aus der Innovationsschmiede IDEO fragt in einem Post seines Blogs, ob Unternehmensstrukturen und Ästhetik sich überhaupt zusammen denken lassen: Can orga-

nizations be beautiful? Ein Kommentar bejaht, "not so much in the way it looks, but in the way it feels”. Weltretter Design? Diese intrinsische Motivation wollen "Design Thinker" nutzen, um die Welt besser zu machen. Das hat durchaus etwas Sozialromantisches. Wie Tim Brown in seinem TED-Vortrag formuliert: "Design´s too important to be left to designers." Energieversorgung, Zugang zu Wasser, medizinische Infrastrukturen – die Themen, die sich das Design Thinking auf die Agenda geschrieben hat, sind alles andere als klein und fein. Kann Design Thinking die Welt wirklich besser machen? Krisen wie die aktuelle verhindern? "Es würden ganz neue Business-Modelle entstehen. Durch die ganzheitliche Betrachtung würde man sich nicht auf einen Teilbereich fokussieren und Randaspekte außer Acht lassen", meint Weinberg. Langfristig kann das wohl nur erzielt werden, wenn auch die Ausbildung Design Thinking beinhaltet. An der Stanford University in Palo Alto, wo auch IDEO

seinen Firmensitz hat, ist das Design Thinking auf akademischer Ebene schon unterwegs in Richtung Mainstream: "Das durchläuft mittlerweile praktisch jeder Engineering-Student", berichtet der Potsdamer Professor, und auch an seinem Institut wird die Studentenzahl zum Herbst verdreifacht. Zugleich fungieren rund 30 externe Forscher als Beobachter zweiter Ordnung in Sachen Design Thinking, indem sie die Arbeit der Potsdamer Projektgruppen analysieren und Ableitungen für eine Theoriebildung entwickeln. Auch das ist Pionierarbeit, denn bislang, so Weinberg, fokussiert sich die Literatur auf das Individuum und seine "tolle Idee", also das klassische Design(er)verständnis. Vieles ist derzeit noch Beta im Entwicklungs- und Findungsprozess rund um den schmucken Begriff Design Thinking. Und um die großen Ziele, die sich die Bewegung auf die Fahnen geschrieben hat, zu erreichen, dürfte noch einiges an Arbeit nötig sein. Der aktuelle Abgleich mit der Realität ist nüchtern: In der aktuellen, bislang größten deutschen Studie zum Thema Design, "Die Schönheit des Mehrwerts", wird der Begriff Design Thinking noch nicht einmal erwähnt. 60 Prozent der Unternehmen geben an, Design spiele keine Rolle bei der Optimierung von Produktionsprozessen. Ebenso viele sprechen Design eine Funktion ab, wenn es um das Erreichen umwelt- und gesellschaftspolitischer Ziele geht. Da wird Design noch ziemlich klein gedacht.

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ÜBERDESIGN

DEBATTENDESIGN Debatten-Design sucht nicht nach Lösungen konkreter Probleme, es wirft relevante Fragen auf, um notwendige Diskussionen auszulösen.

Die "Energy Harvests" der Designerin Myriel Milicevic gewinnen Strom aus urbanen Energie-Lecks, ihre eigentliche Funktion ist allerdings das Auslösen von Diskussionen. Was es mit diesem "Design for Debate" auf sich hat, erklärt im Gespräch Design-Professor Boris Müller, der die "Energy Harvests" für die Ausstellung "smart urban stage" kuratiert hat.

Auf dem Weg zur Kerndisziplin des 21. Jahrhunderts treibt Design mitunter Blüten, die auf den ersten Blick einfach nur skurril wirken. "Design for Debate" ist dabei eine besonders eindrucksvoll schillernde Erscheinung. Das Debatten-Design soll keine konkreten Anwendungs- und Gestaltungsprobleme lösen, sondern fruchtbare Irritationen produzieren, um so die namensgebenden Debatten auszulösen. Die Rolle des Debatten-Designs beschränkt sich dabei auf Initialzündungen, Antworten zu den aufgeworfenen Fragen will das Genre explizit nicht liefern. Und auch wenn das Konzept in der Theorie etwas nebulös und kompliziert wirkt, stellt es sich in der Praxis als erstaunlich konkret und im Wortsinn griffig dar. Im Gegensatz zur verwandten Konzeptkunst ist Debatten-Design nämlich auf eine spezielle Art und Weise immer noch den klassischen Design-Parametern Technologie, Funktionalität und Benutzbarkeit verpflichtet, wie uns Boris Müller, Professor für Interface Design an der FH Potsdam, in unserem Gespräch über das beispielhafte Debatten-Design-Projekt "Energy Harvests" erklärt. Bei den "Energy Harvests" der Designer Myriel Milicevic und Hanspeter Kadel handelt es sich zunächst um eine Schar kleiner Maschinen, die den "EnergieAbfall" einer Großstadt "ernten": Die Mikro-Kraftwerke gewinnen aus Hitze, Licht, Luft, Bewegung, Wasser oder Lärm elektrische Energie, die in einem Akku gespeichert wird. Praktisch nutzbar ist so gesammelte Energie allerdings kaum, weil der Wirkungsgrad der Kollektoren für Solar- oder Bewegungsenergie noch viel zu dürftig ist. Aber die "Energy Harvests" sind auch nicht als Prototypen einer zukünftigen Energiewirtschaft zu verstehen. Sie spekulieren nicht auf die technischen Möglichkeiten von morgen, sie

sollen vielmehr heute irritieren und so eine Debatte über die alltägliche Energiesorglosigkeit entfachen. Und weil das Projekt auf die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit abzielt, hat Müller die "Energy Harvests" auch für die Ausstellung "smart urban stage" kuratiert, die sich mit vielfältigen Projekten dem Thema "Zukunft der Stadt" widmet und ab Anfang Mai für einen Monat in Berlin zu sehen sein wird. Dass es sich dabei um eine Veranstaltung des Automobilherstellers smart handelt, der in diesem Rahmen sein kommendes Elektro-Auto "fortwo electric drive" präsentiert, ist für Müller unterdessen kein Widerspruch zum inhaltlichen Anspruch der "Energy Harvests", sondern eine begrüßenswerte Ausweitung der Design-Debatte über die üblichen Branchenkreise hinaus. Debug: Bevor wir über den Spezialfall DebattenDesign reden: Wie lautet ihre Definition des notorisch schwer unscharfen Begriffs "Design"? Boris Müller: Im Design geht es prinzipiell um eine ästhetische Reflektion von Technologie, um die ernsthafte Beschäftigung mit der Technologie und den besonderen Sachzwängen, die sie für Funktion und Form bedeutet. Debug: Die "Energy Harvests" unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht dramatisch von kommerziellen Produkten, mit denen man etwa sein Handy unterwegs mittels Solarenergie aufladen soll. Wieso ist das Projekt dann "Design for Debate"? Müller: Ausgangspunkt bei den Energy Harvests ist die alltägliche Beobachtung, dass es im urbanen Kontext überall Energie-Lecks gibt. Das Projekt macht auf diese Problematik aufmerksam, indem ein kleiner Parasit beispielsweise an einer Lichtquelle klebt. Ei-

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gentlich ganz banal, genau wie ein Wellenkraftwerk Energie im Meer sozusagen aufsammelt, ernten die Harvests Lichtquellen oder Vibrationen beim Bus fahren. Debug: Die Prototypen funktionieren also, jedenfalls prinzipiell? Müller: Ja. Der Akku und das Display mit der Anzeige, wieviel Spannung gerade entsteht, sind auch gut sichtbar platziert. Aber Ventilatoren, Solarpanels und die anderen Kollektoren erzeugen natürlich keine real nutzbare Energie. Nicht dass ich abends meinen Harvester bei der BVG an die Infosäule hänge und am nächsten Morgen den ganzen Tag iPod hören könnte. Es geht darum, auf die Lecks im urbanen Raum aufmerksam zu machen und eine Debatte anzuregen, wie man mit dem Problem umgehen könnte - ein klassisches Beispiel für "Design for Debate". Debug: Wenn der Wirkungsgrad dramatisch steigen würde, wäre es demnach auch kein "Design for Debate" mehr? Müller: Ja. Ihre Formsprache beruht auch darauf, dass sie nicht wirklich funktionieren. Wenn es wirklich funktionieren würde, würden sich ganz andere Designprobleme ergeben und die Objekte würden entsprechend anders aussehen. Das Design der Energy Harvests nimmt also Bezug auf das Problem und nicht unbedingt auf die Technologie. Debug: Wenn sich Design so weit von funktionalen Aspekten löst, muss man dann nicht von Kunst sprechen? Müller: Der Harvester mit dem Teleskop ist tatsächlich hart an der Grenze zur Medienkunst. Da wird es poetisch. Es geht darum, aus Sternenlicht Energie zu gewinnen und das von Sternen, die schon längst ver-

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Es geht darum, auf die Lecks im urbanen Raum aufmerksam zu machen und eine Debatte anzuregen, wie man mit dem Problem umgehen könnte ein klassisches Beispiel für "Design for Debate".

Boris Müller ist Professor für Interface Design an der FH Potsdam. www.esono.com Die "Energy Harvests" sind ein Projekt der Künstlerin und Interaction-Designerin Myriel Milicevic, die technische Realisierung entstand in Kooperation mit Hanspeter Kadel. www.neighbourhoodsatellites.com Die Ausstellungs-Plattform "smart urban stage" ist dem Thema "Zukunft der Stadt" gewidmet, sie wird bis 2011 in sechs europäischen Hauptstädten Station machen. Die ausgestellten Projekte werden auf lokaler bzw. nationaler Ebene kuratiert, das innovativste wird jeweils mit dem mit 10.000 Euro dotierten Zukunfts-Preis "smart future minds award" ausgezeichnet. In Berlin ist die Ausstellung vom 8. Mai bis zum 13. Juni in einem eigens gebauten Showroom in der Oranienburger Straße 59-63 zu sehen. Die "smart urban stage" wurde vom gleichnamigen Autohersteller initiiert, der in diesem Rahmen sein erstes Elektro-Modell "fortwo electric drive" vorstellt, interessierten Besuchern wird dabei auch die Möglichkeit einer Elektro-Testfahrt gegeben. www.smart-urban-stage.com

glüht sind. Wenn man es auf den Mond richtet, erhält man aber durchaus nennenswerte Energiemengen, es ist also nicht komplett abstrus. Debug: Das Teleskop allein wäre eher Kunst und nicht mehr "Design for Debate"? Müller: Die Abgrenzung ist zugegebenermaßen problematisch. Was auch mit gewohnten Rollenmodellen zusammenhängt, als Künstler übernimmt man eben eine andere Rolle als ein Designer. Allein weil man einem Künstler bestimmte Fragen niemals stellen würde, Fragen nach Funktionalität, Benutzbarkeit und Ähnlichem. Bemerkenswerterweise wurde die Entwurfsrichtung "Design for Debate" maßgeblich am Royal College Of Art in London geprägt, wo sowohl Kunst als auch Design gelehrt werden. Professor Anthony Dunne und seine Partnerin Fiona Raby produzieren dort seit den 90er Jahren Design-Artefakte, die nicht mehr unmittelbar Technologie reflektieren, sondern komplexere Zusammenhänge herstellen, der soziale Kontext spielt beispielsweise eine wichtige Rolle. Dunne und Raby geht es auch nicht darum, konkrete Probleme zu lösen, sie wollen eher Fragen aufwerfen. Statt über konkretes Design Innovationen zu entwickeln, wollen sie Störfaktor sein, auch wenn der am Ende fruchtbar ist. Debug: Ist nicht eine der wenigen halbwegs klaren Trennlinien zwischen Kunst und Design, dass Design auch immer irgendeinen Nutzwert hat? Müller: In diesem Fall ist entscheidend, dass die ästhetische Reflektion immer auch in der jeweiligen Technologie selbst stattfindet, daher sehen sich Dunne und Raby auch ganz klar selbst als Designer. Aber die Abgrenzung ist schwierig, keine Frage. Dennoch ist es wichtig, dass man aus dem Designbereich kom-

mend nicht einfach sagt: "Ich mach jetzt Kunst! Hängt an der Wand, sieht gut aus, alles bestens." Man sollte vielmehr versuchen, den Design-Begriff auszudehnen und sich von rein formalen oder technischen Rahmenbedingungen zu lösen. Dass Design auch Soziales untersucht und in der Formsprache reflektiert, ist wichtig! Die Harvests könnten auch einfache Schachteln sein, aber dem Problem auch eine Formsprache zu geben, ist essentiell für die Debatte. Debug: Wäre es in diesem Sinne nicht angebracht, die Harvests jenseits des Ausstellungsraums zu zeigen und sie in der Stadt zu platzieren? Müller: Das haben Milicevic und Kadel auch getan. Als Aktion war das auch wichtig, aber die Sichtbarkeit ist leider sehr bescheiden. Um eine kritische Masse im Stadtraum zu erreichen, müsste man wohl von jedem Prototypen 5.000 Stück produzieren. Aber gerade in Berlin, wo an jeder Mauerecke irgendein eigenartiges Objekt klebt, ist es einfach sehr schwierig Aufmerksamkeit zu erzeugen. In einer schwäbischen Kleinstadt wäre der Effekt auf jeden Fall viel größer. Debug: Die Präsentation in einer Ausstellung ist also eher eine pragmatische Lösung? Müller: Ja und nein. Die "smart urban stage" ist ja auch eine besondere Ausstellung, weil sie nicht nur von den üblichen Verdächtigen aus der Design- und Medien-Szene wahrgenommen werden dürfte. Die Ausstellung hat einen kommerziellen Hintergrund, klar. Aber gerade dass in diesem Kontext so ein Projekt zu sehen ist, macht es doch richtig spannend, weil "Design for Debate" sonst tendenziell nur innerhalb der Design-Community stattfindet. Relevant wird es aber erst, wenn die Debatten gemeinsam mit Industrie, Wissenschaft und Politik geführt werden.

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ÜBERDESIGN

KRITISCHES DESIGN Grafikdesign löst sich zunehmend aus Serviceund Kundenbindungsparadigmen.

Der Musiker und Autor Nick Currie aka Momus nennt es den "MarcelDuchamp-Moment" des Grafikdesigns: Seit nicht allzu langer Zeit wird Design konzeptueller, löst sich aus Service- und Kundenbindungsparadigmen, verfeinert stattdessen sein soziales Bewusstsein und beginnt zu (unter)suchen. Der Kritiker Martin Conrads geht der Frage nach den im Raume stehenden politischen Potenzialen im Design anhand aktueller Beispiele nach.

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ie Taktik war einfach, aber effektiv: Nach Bordeaux eingeladen vom CAPC Musée Die Mäzenin des contemporain Dubstep nennen gestaltete viele Leute Mary d’art das Anne niederHobbs, die mit ihrer Sendung „Dubstep Warz“ auf BBC Raländisch-belgische Design-Trio Metahaven eine dio 1 mehr als nur Basisarbeit für die mittlerweile globale Plakatserie, im großen HerbstUK-Hypes 2008 grenzähnlich Reputation desdie letzten geleistet hat. um De:Bug sprach mitangeordnet ihr über ein musikfremdes Elternhaus, die Innenstadt war. Auf den Plakaten Musikhören als Berufung und das Erbe John Peels. war u.a. das Motto der französischen EU-PräsidentVon Ji-Hun Kim (Text) und Shaun Fotograf schaft, "l'Europe qui protège" (Das schützende Europa), in die Frage "l'Europe qui protège de quoi?" (Wovor schützt sich Europa?) umgewandelt worden. Der Trick bei "Affiche Frontière" bestand darin, sich als Künstler und nicht als Designer einladen zu lassen – mit dem Effekt, dass die Veröffentlichung der mit dem offiziellen Museumslogo versehenen Plakate nicht autorisiert werden musste. Metahaven kann als Beispiel einer Gruppe von Grafikern gelten, die zuletzt unter dem Schlagwort des "Critical Graphic Design" die Runde macht. Einzelne Akteure und Designergruppen aus den Niederlanden, Großbritannien, Deutschland oder den USA, die mit "Büro", "Agentur" oder "Labor" nur unzureichend beschrieben scheinen, sind angetreten, das vorrangig akademische Gebiet des "Design Research" taktisch zu durchkreuzen. Gleichzeitig wird mittels experimen-

teller Verbindungen von Theorie und Praxis die bisher immer noch eher vage aufgestellte Designkritik Jemand musste Josef K."Inquiry" verleumdet denn umzudenken versucht: statthaben, "Research", ohne Befragung dass er desetwas Grafikdesigns, Böses getan nicht hätte, nur Erforschung wurde er eines mit Mitteln Morgens des verhaftet. Grafikdesigns, »Wie ein lauten Hund! dabei « sagte Methode er, es war, und Parole. als sollteBegriffe die Scham wie ihn Ideologie, überleben. Politik, Als Gregor Kapital Samsa oder Analyse eines werden Morgensmit ausTechniken unruhigen derTräumen Kommunierwachte, kation, des fand öffentlichen, er sich in seinem urbanen Bett Raums, zu einem des ungeNetzheueren werks, der Ungeziefer Subversion, verwandelt. verbunden. Und es Jenseits war ihnen von wie Monographieeine Bestätigung und herkömmlicher ihrer neuen Träume Portfolio-Präsenund guten Absichten, tations-Kultur, als aber am Ziele auch ihrer jenseits Fahrt vondie Stil-Tochter und Styleals erste sich erhob und wird ihrenästhetische jungen Körper dehnte. denken, wird Design, Praxis dabei »Es im Sinne ist eineiner eigentümlicher politisch gedachten, Apparat«,transformativen sagte der Offizier Kraftzubegriffen. dem Forschungsreisenden und überblickte mit einem gewissermaßen bewundernden Blick den Kritikalität im Design ihm doch wohlbekannten Apparat. Sie hätten noch Die Boot Ausstellung "Forms of Inquiry: TheReisende Architecture ins springen können, aber der hob of Critical Graphic Design",Tau 2007 vom jungen Graein schweres, geknotetes vom Boden, drohte fikdesigner "Architectural ihnen damitZak undKyes hielt an sieder dadurch von demAssocatiSprunge on" In in den London kuratiert, lieferteist mitdas dem Titel auch ab. letzten Jahrzehnten Interesse an gleich jenes Schlagwort, das Verlage, Curricula, Hungerkünstlern sehr zurückgegangen. Aber sie überwanden umdrängten den Käfig Konferenzen sich, und Kurator/innen derzeit aufund derwollSuche sich nachgar Kritikalität im Design aufzufüllen suchen ten nicht fortrühren. Jemand musste Josef dürften. "Forms of Inquiry" gingdass von er deretwas für eine K. verleumdet haben, denn ohne Bö-

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TEXT JI-HUN MARTINKIM CONRADS

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Bildende-Kunst-Praxis nicht ungewöhnlichen, Grafikdesigner jedoch oft ungestellten Anfrage aus, die Beziehung ihrer eigenen Arbeit, sowie von Grafikdesign im Allgemeinen, zu Architektur zu reflektieren. Bei dieser Untersuchung zur Wechselwirkung von visueller Kultur und gestalteter Umwelt schienen teils hermetische, teils skizzenhafte, teils banale, aber visuell immer herausfordernde Ansätze, Konzepte, Annäherungen auf, bei welchen oft die Methode überzeugender war als das Ergebnis. Angesichts des zu beobachtenden Rollenwechsels, bei dem das Grafikdesign seit einiger Zeit für die Bildende Kunst eine vergleichbar reflexive Stellung einnimmt, wie dies zuvor die Architektur tat, lag der Erfolg von "Forms of Inquiry" auch darin begründet, dass es die richtige Ausstellung zur richtigen Zeit war, um Kritik involvierendes Design als "Werkzeug von Wissensproduktion" (Zay Kyes) verstärkt auch für eine größere Rezeption zu öffnen. Ideologie für alle Mochte man derlei Haltung nach Ausstellung und Begleitpublikationen noch für Attitüde und Positionierung halten, ergänzt sich der Blick auf Ausstellung und Diskussion nun jedoch gewinnend durch Debattenbeiträge, in denen Designer ungewöhnlich klar und ausführlich ideologisch verankerte Begrifflichkeiten ins Feld führen: "The Reader", ein Band des "Iapsis Forum on Design and Critical Practice" etwa, stellt sich als vertiefende Nachlektüre zu "Forms of Inquiry" dar und ist gerade dort erhellend, wo Designer die Rolle des Fragenstellers nicht nur dem routinierten Typus "Designkritiker" überlassen, sondern sich miteinander ins Gespräch bringen. Practise (James Goggin) vertritt hier eine Position, nach der Grafikdesign so allgegenwärtig ist, dass es bereits wieder unsichtbar wirkt und gerade deshalb sowohl mit einem größeren Publikum kommunizieren kann als auch, derart getarnt, in andere Disziplinen wirkt. Die Amsterdamer Gruppe Experimental Jetset beharrt auf der utopischen, transformativen Macht der Ästhetik und der subversiven Kraft des Grafikdesigns, und Metahaven proklamiert Design nicht als Werkzeug unmittelbarer Problemlösung, sondern als Möglichkeit zum Entwerfen von spekulativen, neugierigen Zukunftsszenarien und Protoytpen, dem (Servicegedanken von Design oft inhärenten) Verankern stabiler Lösungen entgegengesetzt. Könnte also in diesen Behauptungen ein Potenzial des kritischen Grafikdesigns liegen? Stadtstaat Gerade die aktuellen Arbeiten von Metahaven zeigen, dass es diesbezüglich durchaus noch sehr viel Platz nach oben gibt, um solche Behauptungen nicht nur in Theorie, sondern auch in Umsetzung wirksam werden zu lassen: Sowohl Metahavens Ausstellung "Stadtstaat", die im letzten Jahr im Künstlerhaus Stuttgart und später auch in Utrecht zu sehen war, als auch die in diesem März erschienene Metahaven-Publikation "Uncorporate Identity" befass(t)en sich komplex mit der Frage, wie Design eine Kritik an vorherrschenden Repräsentsationsoberflächen politischer Einheiten unternehmen kann. In der Ausstellung ging es anhand von Dokumenten, Objekten, Texten, Film etc. darum, ein halb-fiktives, gängige CI-Methoden subvertierendes Stadtbranding für

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Bilder: Oben: Plakate von Metahaven "Affiche Frontière" Mitte: Aus der Metahaven-Ausstellung "Stadtstaat", Künstlerhaus Stuttgart, Foto: Bernhard Kahrmann Unten: Ausstellung "Forms Of Inquiry" Literatur zum Thema: Iaspis Forum on Design and Critical Practice. The Reader Magnus Ericson, Martin Frostner, Zak Kyes, Sara Teleman, Jonas Williamsson (Hrsg.). Sternberg Press. www.sternberg-press.com Uncorporate Identity. Metahaven (Daniel van der Velden, Vinca Kruk) mit Marina Vishmidt (Hrsg.) - Lars Müller Publishers mit Jan van Eyck Academie www.metahaven.net Forms of Inquiry: The Architecture of Critical Graphic Design – Zak Kyes, Mark Owens (Hrsg.). AA Publications. www.formsofinquiry.com

Stuttgart und Utrecht zu entwickeln, und darin eine Art utopischen, visuellen Forschungsbaukasten aufzuschließen: Mit Slogans („Extreme Democracy. Management by the People.") versehene Plakate waren gerollt als Skyline einer uniformen Stadt mit gebrochener Identität aufgestellt. Mit Magnetstreifen-, EMV-Chip- oder Mastercard-Emblemen versehene Karten und Formulare analysierten die monetär-panoptischen Identitätsausweise aktueller städtischen Bedingungen und karikierten, skulptural zerknüllt, Bilbao-effektive Signature Architecture. "Uncorporate Identity"diskutiert nun auf gut 600 Seiten, wie städtische Oberflächen aktuell und kapitalistische Fehler vermeidend im Sinne von "uncorporate identities" gestaltet werden könnten. Hierbei geht es darum, gängige Markierungen von Stadtidentitäten (Logotypes, Slogans, CIs, etc.) in ihrem politischen Gestus zu erfassen, visuell ad absurdum zu führen und diese kritischen Rechercheergebnisse in räumlich anwendbare Strukturen zu übersetzen, die eine Neubewertung vorhandener und eine Gestaltung neuer urbaner Architekturen ermöglichen. Instrumentalisierung des Designdiskurses Metahavens Anspruch, unter Einbezug einer Selbstkritik von Design eine nicht-korporative Identität zu entwickeln, widerspricht wohl den meisten Aufträgen, die an Grafikdesigner herangetragen werden und wirkt hier gerade deshalb im Sinn grundsätzlichen Vordenkens so berechtigt. Die derzeit u.a. von Tom Holert geführte Debatte über "Undesignability" als Kritik der Instrumentalisierung des Designdiskurses wirkt hier ebenso entgegen wie es kein Zufall ist, dass Akteure eines "Critical Graphic Design" ihr Betätigungsfeld im Umgang mit Stadt, öffentlichem Raum und Architektur entwickeln. Das aktuelle Bedürfnis, an dem Urbanismus-/Planungsforschung und Grafik/Design zusammenfinden, um produktive, kritische Ansätze zu entwickeln, ist dabei letztlich nicht nur eines der Gestalter/innen, sondern trifft sich in einer politischen Dimensionen mit den Bedürfnissen der Benutzer/innen des urbanen Raumes, die als Verbraucher ihrer zu Warenwerten nivellierten Umgebungen immer mehr auch als Designkonsument/innen definiert werden, tatsächlich aber mindestens als Gestaltungskundige aus diesen Kämpfen um das Recht auf ihre Städte hervorgehen könnten.

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KLASSIK

MATTHEW HERBERT SOUNDTRACK DES TODES

Den Begriff "Konzept" findet Matthew Herbert zum Lachen. Aber der Londoner gehört definitiv zu den Produzenten, die mit ihrer Musik weit mehr als nur gute Vibes vermitteln wollen. Sowohl sein "Recomposed"-Album für die Deutsche Grammophon als auch sein komplett solo eingespieltes Album "One One" erzählen Geschichten, die mal mehr, mal weniger und mal gar nichts mit Musik zu tun haben. Tim Caspar Boehme sprach mit dem moralischen Ausnahmeproduzent über Gustav Mahler und die eigene Stimme.

TEXT TIM CASPAR BOEHME

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enige Produzenten provozieren mit ihrer künstlerischen Haltung so radikal wie Matthew Herbert. Die einen bewundern ihn für seine Arbeit, andere lehnen seine Musik kategorisch ab. Mit Gleichgültigkeit aber begegnet ihm kaum jemand. Neben seinen ästhetischen Überzeugungen zeichnet Herbert ein strenger Moralsinn aus, besonders sein Album "Plat du jour" mit Samples rund ums Essen hat eine Dimension in den Clubkontext gebracht, die dort üblicherweise keine große Rolle spielt: das Gewissen und ein Bewusstsein für die Herkunft der Nahrungsmittel. In der Reihe "Recomposed" der Deutschen Grammophon ist Herbert daher bestens aufgehoben, wahllose Spielereien mit dem Klassik-Katalog des Labels muss man bei ihm nicht befürchten, eher mit durchdachten künstlerischen Entscheidungen und klarem konzeptuellen Ansatz rechnen. Nur dass Herbert mit dem Ausdruck "Konzept" selbst wenig anfangen kann oder will. "Ich muss immer darüber lachen, wenn die Leute meine Platten als Konzeptalben bezeichnen. Bei einem Buch von Paul Auster würde ja auch keiner von einem Konzeptbuch sprechen. Es ist einfach ein Buch, das von etwas handelt. Mir scheint der Ausdruck ein blödes Überbleibsel aus den Siebzigern zu sein, etwa aus dem Progressive Rock oder so." Mit diesem Einwand möchte Herbert seine Kritiker am besten gleich vorab erledigen, was begreiflich ist, wenn man bedenkt, wie häufig diese das K-Wort hin tippen. Allerdings muss man sich ernsthaft fragen, ob Musik in gleicher Weise narrativ ist wie Literatur oder Film. Herbert tut einfach so, als wäre Musik eine Sprache, die sich lesen lässt wie Bücher oder Bilder. Daran kann man Zweifel anmelden, ohne gleichzeitig einen Schwur auf die absolute Musik abzulegen. Zudem hat Herberts Ansatz durchaus Ähnlichkeiten mit den Strategien der Konzeptkunst, in der ein Werk in erster Linie einen Gedanken ausdrückt, unabhängig von der Ausführung. Auch wenn man ihm schwerlich vorwerfen kann, dass er die Musik bei diesem Überbau der Ideen vernachlässigt, spielen Gedanken und Themen - oder eben Konzepte - bei ihm eine nicht unerhebliche Rolle. Ob man die in der Musik immer hören kann, ist eine andere Frage. Auch in seiner Arbeit für die Deutsche Grammophon gibt es eine Geschichte und einen rigorosen Ansatz. Herbert beschränkte sich dabei auf die 10. Symphonie Gustav Mahlers. Er wollte bewusst nur eine Symphonie nehmen und nicht hemmungslos im Katalog herum plündern. "Es schien mir nicht in Ordnung, sich Dinge aus dem Nichts zu greifen, sie aus ihrem Kontext zu reißen und nebeneinander zu stellen. Wenn man in der klassischen Musik zum Beispiel Händel neben Debussy setzt, finde ich diesen Mangel an Kontext ziemlich verwirrend." ADAGIO & TOBLACH Mahler erschien Herbert die beste Wahl. "Für mich ist er der beste symphonische Komponist überhaupt. Er hat mir auch emotional immer viel bedeutet. Außerdem hatte er die 10. Symphonie nicht beendet, daher fand ich es nicht allzu dreist, sie zu zerstückeln." Am Ende verwendete er nur den ersten Satz, das Adagio. Mit dem Zerstückeln war Herbert einerseits zurückhaltend, denn er ließ das Stück in seiner Form intakt, von wenigen Ergänzungen abgesehen. Andererseits

ging er radikaler vor als seine "Recomposed"-Vorgänger, denn obwohl er sich auf eine einzige Aufnahme von Giuseppe Sinopoli beschränkte, spielte er unterschiedliche Teile an verschiedenen Orten ab und konstruierte aus dieser neuen Verortung der Musik eine Geschichte. "In der klassischen Musik ist die Aufnahme immer das Unwichtigste, sie ist wie etwas unsichtbar Anwesendes. In der Klassikwelt sind Aufnahme und Aufführung vollkommen voneinander getrennt, sie sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, deren Wege sich nie kreuzen. Für mich geht es aber genau darum. Schließlich führe ich das Stück nicht auf. Ich habe bloß den Aufnahmevorgang im Studio. Darum verstärke ich all das, was ich während des Aufnahmevorgangs höre." Herbert wollte sich selbst in die Aufnahme einbeziehen und einen Kontext dafür schaffen. Er machte Aufnahmen in Mahlers Kompositionshütte in Toblach, zeichnete das einleitende Bratschensolo des Adagios an Mahlers Grab auf und spielte die Musik auch in seiner eigenen Nachbarschaft ab. Ähnlich wie bei Stefan Goldmanns Edit des "Sacre du Printemps" von Igor Strawinsky, in dem Goldmann mehrere akustisch völlig unterschiedliche Interpretationen des Stücks ineinander schnitt, ohne eine Note der Musik zu ändern, hat Herbert das Adagio von Mahler an verschiedensten Orten mit unterschiedlicher Akustik aufgenommen, manchmal bewegte er sich dazu mit dem Mikrofon durch die Räume. Viele dieser Orte haben mit Toten zu tun: Mal ließ er die Aufnahme in einem Sarg laufen, mal spielte er Mahlers Musik in einem Krematorium ab und hielt das Mikrofon irgendwann in eine Urne. Das ergibt Sinn, immerhin gilt Mahlers Unvollendete, über der er schließlich starb, als Ausdruck seines Konflikts mit dem nahenden Tod. KLINGENDER STAUB Für Herbert dienen diese Strategien auch als Verklanglichung des Todes. "Es funktioniert auf mehreren Ebenen. Wenn du die Musik in einem Krematorium abspielst, ist sie für die Lebenden, nicht für die Toten. Die sind gestorben und können sie nicht hören. Es ist wie ein Echo oder eine Erinnerung, es ist also auch eine Verklanglichung der Erinnerung an einen Verlust." Herbert nähert sich dem Stück, in dem Mahlers Zerrissenheit immer wieder hervorbricht, aus gegensätzlichen Perspektiven, die in der Musik angelegt sind: vom Allerintimsten zum Universalen, vom Schrecklichen zum Schönen und Romantischen. Diese Dramen und Differenzen wollte er verstärken. Das Adagio aus der 10. Symphonie ist unter Mahlers Symphonien dennoch eine Anomalie, im Vergleich zu den früheren Werken mit ihren oft ätzenden Kontrasten zwischen erhebender Euphorie und parodistischer Banalität wirkt dieser lange Satz erstaunlich homogen und lyrisch. Herbert fand das Satzfragment allerdings ein wenig unbefriedigend. "Da ist zum Beispiel dieser unglaubliche Neun-Noten-Akkord. Drei Noten mehr, und er hätte alle zwölf Töne gehabt und wäre dem Serialismus um dreißig Jahre voraus gewesen. Doch dann tut er so, als sei nichts passiert. Hätte Mahler weiter an dem Stück gearbeitet, hätte er diesen Moment viel stärker gewürdigt, indem er den Rest sehr lieblich oder völlig einsam und düster gestaltet hätte. So bleibt es auf halber Strecke dazwischen stehen. Manchmal wird es fast kitschig."

Wenn man in der klassischen Musik Händel neben Debussy setzt, finde ich diesen Mangel an Kontext ziemlich verwirrend.

In gewisser Hinsicht hat Herbert mit seinem Verfahren, das Drama der Musik zu verstärken, Mahlers aus der Art geschlagenes Fragment wieder in den "Kanon" seiner früheren Werke eingeschrieben, wenn auch mit anderen Mitteln. Neben den Aufnahmeklängen, die von undeutlichem Scheppern (vermutlich in der Urne) über trockenste klaustrophische Klänge (in Mahlers Hütte in Toblach) bis zu wilden Effektloops (aus Herberts Studio) reichen, hat er auch die dynamischen Kontraste, die bei Mahler schon recht groß sind, noch einmal verstärkt. Doch hört man tatsächlich all das, was Herbert erzählen will? Das Drama von Mahlers Leben kann man in Herberts abenteuerlicher Choreographie deutlich spüren. Den Tod im Sarg oder im Krematorium hingegen hört man eher nicht. Es scheint fast, als hätte Herbert den Kontrast zwischen dem Banalen und dem Erhabenen in Gustav Mahlers Musik auf seine Wahl der Aufnahmeorte übertragen. Denn so stimmig die Entscheidung für leichenbezogene Räumlichkeiten sein mag und so faszinierend das Ergebnis auch klingt, so vordergründig mutet die Vorgehensweise an, ein Mikrofon in eine Urne zu halten. Eigentlich ganz erfrischend, dass Herbert hier und da auch mal weniger ambitioniert zu Werke geht und mitunter sogar auf sein nahezu universelles Sampling-Prinzip verzichten kann: "In manchen Fällen ist das Sampling sehr wichtig, in anderen ist es das nicht. Ich habe zum Beispiel gerade mein Album 'One One' fertig gestellt, auf dem ich alles selbst gesungen habe, und es gibt kaum Samples von anderen Quellen." Stattdessen spielte er auf diesem sehr ruhigen House-Album mit songähnlichen Tracks sämtliche Instrumente selbst und war allein für die Produktion verantwortlich. Doch Herbert wäre nicht Herbert, wenn er dies Album nicht, Vorsicht, in einen größeren Kontext einbetten würde: Als Trilogie angelegt, wird es zwei Fortsetzungen geben, auf denen wieder die guten alten Samples zu ihrem Recht kommen. Den Beschluss der Trilogie bildet denn auch ein Album mit Klängen aus dem Lebenszyklus eines Schweins, von der Geburt bis zu Schlachtung und Verzehr. Ein Album über ein Leben in modernen Entfremdungszusammenhängen gewissermaßen. Man muss das nicht Konzeptkunst nennen. Aber man kann. "Recomposed by Matthew Herbert" ist auf Deutsche Grammophon/Universal erschienen, "One One" bei Accidental/Rough Trade. www.deutschegrammophon.com

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FUNK

FLYING LOTUS DIE GUTE SORTE DRUCK TEXT ERIC MANDEL BILD SIMON FERNANDEZ (FLICKR.COM/SIMONFERNANDEZ) cb

Flying Lotus aka Steve Ellison ist ein allseits gepriesenes Wunderkind, das die hohen Erwartungen scheinbar spielerisch erfüllt, in der Disko genauso wie auf seinem Album "Cosmogramma". Im vom Bett aus geführten Interview geht es um Wachträume im Produktionsprozess, Klangmagie aus Billig-Software und FlyLos Selbstverständnis als Messias.

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s war mal wieder ein bisschen, als wĂźrden sie alle auf den Messias warten. Von Thom Yorke bis Sasha Frere-Jones, von Kode9 bis Prefuse 73, vom Wire bis zum Warp-Label – alle raunten in den letzten 24 Monaten vom Wunderkind aus Los Angeles: Flying Lotus. Der Mann war offensichtlich auf einem echt anderen Film unterwegs: abstrakte Optik und sibyllinische Titel, desorientierende, schlingernd programmierte Musik zwischen HipHop, porĂśsen SciFi-Oberflächen, freien Strukturen und Billigsoftware. Dazu die genetische Nähe zum Musik-Olymp: Seine GroĂ&#x;tante Alice Coltrane erarbeitete sich im Lauf der Jahre gewissen Hip-Status als nichtphallische Jazzerin mit einem ganz speziellen spirituellen Futurismus, der allerdings auch ziemlich geil klang. Ihr bereits 1967 verstorbener Gatte John galt bereits zu Lebzeiten als Saxofon-Halbgott. Als herauskam, dass er Wachträume und andere verschobene Bewusstseins-Zustände im Produktionsprozess zulieĂ&#x;, war klar, dass wir es bei Lotus mindestens mit dem Sohn von Aphex Twin und J. Dilla zu tun haben. Mary Anne Hobbs dachte auch schon mal laut an Jimi Hendrix. Mittlerweile erscheinen seine Platten weltweit auf Warp, sein Verlag und Vertriebspartner fĂźr sein Label Brainfeeder heiĂ&#x;t dagegen Ninja Tune.

16.–18. JULI 2010 ¡ FERROPOLIS A-Trak ¡ Ellen Allien ¡ Autokratz ¡ The Big Pink ¡ Black Mountain ¡ Blood Red Shoes ¡ Booka Shade ¡ Bonaparte ¡ Chromeo ¡ Carl Craig feat. Mike Banks

Allmählich wird der Shit tight, wie man auf der StraĂ&#x;e sagt. Denn bevor er eine Heimat in der Clubnacht fand, lief der Shit auf der StraĂ&#x;e. Die Karriere von Flying Lotus begann als Parkplatzraver.

Chris Cunningham ¡ Crookers ¡ Delphic ¡ Dirty Projectors ¡ Fake Blood ¡ Roman Flßgel ¡ Foals ¡ Friendly Fires ¡ Get Well Soon ¡ Goldfrapp ¡ Groove Armada Health ¡ Hercules And Love Affair ¡ Holy Ghost LIVE ¡ Hurts ¡ Ja, Panik ¡ Jamie T Johnossi ¡ Jónsi ¡ Kele ¡ Kings Of Convenience ¡ Jamie Lidell ¡ Lindstrøm & Christabelle LIVE ¡ Massive Attack ¡ Midlake ¡ Miike Snow ¡ Modeselektor LIVE Pantha Du Prince ¡ Popof LIVE ¡ DJ Shadow ¡ Shout Out Louds ¡ Die Sterne Tiefschwarz ¡ Tiga ¡ Tocotronic ¡ Two Door Cinema Club ¡ The Very Best Ricardo Villalobos ¡ Joris Voorn LIVE ¡ WhoMadeWho ¡ Yeasayer ¡ The xx und viele andere Viele weitere Acts, Tickets und alle Infos: WWW.MELTFESTIVAL.DE

NĂœCHTERN IM BETT "Zwei groĂ&#x;e europäische Häuser, die mir den RĂźcken decken. Das ist fast so etwas wie eine Yojimbo-Situation, wenn du den Kurosawa-Film kennst." Flying Lotus mag als musikalischer Heiland gelten, er selbst unterhält sich gern in Filmreferenzen. Sein eigenes, noch fĂźr dieses Jahr geplante, Filmprojekt beschreibt er vielversprechend als "Vintage Sci-Fi, irgendwo zwischen 'Montana Sacra' und '2001' – nur kĂźrzer". Und Ăźberhaupt ist der Typ, und das ist angesichts der angehäuften Vorschusslorbeeren ausgesprochen beruhigend, seinem luftigen Kampfnamen zum Trotz eigentlich ganz bodenständig. ZwĂślf Stunden vor dem Berliner Auftritt gibt er Interviews in seinem Hotelzimmer. Keine AllĂźren, keine Mystik, kein messianisches SendungsbedĂźrfnis treiben ihn um, allenfalls eine wachsende Verzweiflung angesichts der ungeklärten Weed-Versorgung. Das Interview fĂźhrt er vom Bett aus. Also alles ziemlich HipHop, nur ohne Entourage, und dass aus seinem Laptop ein interessant schrottig klingender Ambient-Mix zirpt. Auf die Frage, wie er sich als neuer Jimi Hendrix fĂźhlt, muss er nur grinsen. "Das bedeutet auf jeden Fall einen gewissen Druck. Aber das ist die gute Sorte Druck. Ich bin froh, dass Leute anerkennen, was ich tue. Das ist besser als ein prima Musiker zu sein, den keiner kennt." Vor fĂźnf Jahren war er nicht einmal das. Jedenfalls nicht in den Augen seiner Familie, in der Musik bitteschĂśn immer noch auf Instrumenten gespielt wird. Steve Ellison zog es auch eher auf die Filmschule, seine Musik betrachtete er als PrivatvergnĂźgen. "Ich habe angefangen mit einer Roland 505 Groove Box, mit Sounds. Du musstest alles selber spielen und rĂźckblickend war das sehr cool, weil ich mir alle Melodien und Ideen selber ausdenken musste, die ich sonst wohl gesampelt hätte. So habe ich alles Ăźber Strukturen und Melodien gelernt, nur auf Basis meiner eigenen Ohren. Was meine Familie betrifft: Ich hatte definitiv nicht das GefĂźhl, zu ihrer Welt zu gehĂśren, und sie haben mir auch nie dieses GefĂźhl gegeben. Da kamen Sätze wie: Mann, deine Drums klingen wie'n getretener MĂźlleimer (lacht), aber ich dachte mir: Wieso nicht?" SCHNEIDEN, RAVEN, HĂ„NGEN Vom Filmschnitt zum Sequencer-Programm ist es nicht weit. Ellison stieg auf den Rechner um und allmählich wurde der Shit tight. Bevor FlyLo und seine Freunde eine Heimat in der Clubnacht mit dem sexy (HipHop--informierten) Namen "Low End Theory" fanden, lief der Shit nämlich auf der StraĂ&#x;e. Ja, die Karriere von Flying Lotus begann als Parkplatzraver. "In meiner Erinnerung startete diese Szene, als wir vor Konzerten und Clubs abhingen. Wir sind gar nicht reingegangen, sondern haben mit der Boom Box unsere eigene Party gemacht. →

EIN FEST VON

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Jeder hat seine neuesten Tracks mitgebracht oder was er gerade feierte. Das war wie Hausaufgaben machen und gleichzeitig die beste Inspiration. Bis schließlich Leute kamen, denen das gefiel." Wie es weiterging, ist schnell erzählt: Um "Low End Theory" und Brainfeeder sammelten sich die nonkonformistischen Motten – zum Beispiel Samiyam, Nosaj Thing, Gaslamp Killer, der (etwas reflexhaft mitgehypte) Gonjasufi, der gute alte Daedelus: Ellison leerte geräuschvoll seine Festplattenarchive und alle gingen steil auf die L.A.-EPs, auf seinen Radiohead-Remix, auf sein Sonar-Set, auch die Videos waren nicht von Pappe. Und nun endlich "Cosmogramma", ein Album, das ihm im letzten Jahr den Verstand gerettet hat. Doch es war nicht nur das Jahr seiner größten Erfolge, sondern auch das des überraschenden Todes seiner Mutter. Die Musik bezeichnet er in Hinblick auf die positive wie auf die negative Gemütsbelastung ohne zu Zögern als Zuflucht, und diese kreative Bewältigungsarbeit ist dem Album in jeder seiner 45 Minuten anzuhören. Es behauptet erfolgreich eine hermetische Welt, die gleichzeitig durch völlige Offenheit glänzt. Es ist gleichzeitig extrem pointiert wie offenkundig vom Zufall mitgesteuert, wie ein rätselhafter, avantgardistischer Film, der der Kamera so viel von seiner Sogwirkung verdankt wie der Arbeit im Schneideraum, und der bewusst auf allen Konventionen herumtrampelt und seinem Referenzrahmen weder entkommen kann noch will. Man erkennt die noch unscharfe Handschrift eines jungen Genies, aber eben auch, dass hier noch mit Wasser gekocht wird.

SCHWUNGVOLL ABHEBEN Auf vielen Ebenen ist die Musik von Flying Lotus nichts Besonderes. Jeder zweite Netlabel-veröffentlichende, beatshoppende Heimstudioheini wurschtelt so ein bisschen mit der Software herum, auf denen Ellison wachträumt. Die Beatästhetik verdankt Madlib und J.Dilla nicht nur ihre Gestalt, sondern auch die breite Akzeptanz, auf die sie mittlerweile stößt. Wer bei Amon Tobin und Scott Herren aufgepasst hat, den schocken auch diese Arrangements nicht mehr. Das Artwork seiner Warp-LPs und -EPs schließt an die ausfransende C.I. von Warp an und dass der Großraum Los Angeles durchaus fordernden Elektrodub, experimentelle Postrap-Beats und obskure sonische Glaubensgemeinschaften hervorbringt, wussten wir dank Stones Throw, Dublab, Plug Research, Carlos Nino oder auch Georgia-Anne Muldrow und ihren im Vergleich zu FlyLo ungleich radikaleren MPC-Jazz. Der Lotus konnte auch deswegen so schwungvoll abheben, weil er sich dabei auf ein bestehendes Netzwerk stützen konnte. EHRLICHE TRACKS BRAUCHT DER MANN Und nun steht er im Berghain und hat ein Riesengrinsen im Gesicht. Offenbar gab es endlich was zu rauchen. Wissend, wie man die Friseusen auf den Floor kriegt, masht er Balkan-Bläser und "A Milli" in seine vor Ort geschnippelten Beatfraktale. Generell gilt für den Abend, was Sasha Frere-Jones einst im New Yorker beobachtete: "At no point did Ellison feel compelled to make sense. At no point did the crowd stop

dancing." Was also ist genau dran an diesem Typen, der tatsächlich für jeden Break, jeden kranken Basslauf, jeden asymmetrisch honkenden Synthie, jede quer reinstolpernde Percussion gefeiert wird, und zwar sowohl von den Dubstep-Vögeln, als auch von den jungen Typen in "J.Dilla Changed My Life"-Shirts, den Touristengruppen, den Pressevertetern, IndiePoppern, Bloggern und andern Adabeis, und sogar den paar Stammgästen, die sich nicht in die minimale Vertrautheit der Panoramabar geflüchtet haben. Wahrscheinlich ist an ihm dran, das er sie wirklich alle zusammenbringt. Indem er weder Dubstep (findet er gut, aber in der Sackgasse), noch Techno, nicht Rap (kein Rap auf seinem Album!), nicht Jazz, nicht Wonky und nicht US Funky sein will und trotzdem allen zeigt, wie der Hase bremst. Wenn er es sein soll, der die Türen der Festivals, Playlists, iPods und Technotempel aufstößt für echt komische, kosmische Musik … warum nicht. Seine Sicht der Dinge an diesem Nachmittag jedenfalls war entwaffnend: "Irgendwie wollen meine Fans, dass ich genau das mache, was ich machen will. Ich fühle mich gesegnet durch den Umstand, dass die Leute wirklich wollen, dass ich ihnen mein Universum zeige. Dass ich ganz ich selbst bin und dabei den Leuten einen Weg in ihre eigene Vorstellung öffne. Das ist alles, worüber ich beim Musikmachen nachdenke: Bin ich ehrlich? Ist das ehrlich? Wenn es das nicht ist, fang ich wieder von vorne an. Und wenn ein Mann genug ehrliche Tracks zusammen hat, und raus geht und sie aufführt, dann wird sich zeigen, wohin die Reise geht."

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Auf vielen Ebenen ist die Musik von Flying Lotus nichts Besonderes. Jeder zweite Netlabel-veröffentlichende, Beat-shoppende Heimstudioheini wurschtelt so ein bisschen mit der Software herum, auf denen Ellison wachträumt.

Flying Lotus, Cosmogramma, ist auf Warp/Rough Trade erschienen. www.warp.net

17 th International Festival of Advanced Music and Multimedia Art www.sonar.es

Barcelona 17.18.19 June

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HOUSE

BILDER STEFAN KRASSER

TEXT JI-HUN KIM

GUILLAUME & THE COUTU DUMONTS GLŪCKSKIND EINER EPOCHE

Guillaume & The Coutu Dumonts, Breaking The Fourth Wall, ist auf Circus Company/WAS erschienen.

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Die virtuelle Band swingt wieder. Guillaume Coutu Dumont beweist auf "Breaking The Fourth Wall", wie spannend und umfassend House heute immer noch sein und gedacht werden kann. Seine klassische Ausbildung als Musiker ignoriert er dabei komplett. Wir waren mit dem Kanadier im Berliner Museum für Musikinstrumente und haben den feinen House-Groove geklöppelt.

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uillaume klopft von innen an die Scheibe und winkt. Eine kurze Lederjacke, der gelbe Hemdkragen ragt ungestärkt aus dem Pullover heraus, der Audioguide ist bereits auf seiner leicht zauseligen Kurzhaarfrisur installiert und drückt leicht auf das RayBanGestell. Wir stehen vor dem Musikinstrumenten-Museum neben der Berliner Philharmonie. Wie der große Nachbarbau ist auch das Museum vom Meister der organischen Architektur Hans Scharoun erbaut worden. Ein Leisetreter ist dieses Museum, das auch nur die wenigsten Touristen und Einheimischen kennen. Dennoch ein schönes Kleinod, voll feiner historischer Instrumente. Guillaume Coutu Dumont, der sich gerne als multiple, vielleicht gar schizophrene Musikerformation inszeniert, hat sich bereits eine halbe Stunde vor dem Termin im Museum umgeschaut und sich einen Eindruck verschafft. GLÜCKSKIND Wenn es um Guillaumes musikalische Vergangenheit geht, kommt immer zuerst die akademische Ausbildung als Perkussionist und elektronischer Komponist auf den Zettel. Eigentlich fing er aber erst im Alter von 17 Jahren überhaupt an mit der Musik. Dass er dennoch an der Musik-Hochschule in Montreal angenommen wurde, mag ein biografischer Geniestreich gewesen sein. Seine kongenialen Tracks, seine enorm vielschichtige Herangehensweise, diese immer wieder faszinierenden, sich verlagernden und jazzigen Drum Patterns, die auch auf dem neuen Album "Breaking the Fourth Wall" einen unwiderstehlichen Reiz ausstrahlen, lassen indes keinen Zweifel an seinem musikalischen Ausnahmetalent aufkommen. Ganz davon zu schweigen, dass seine Grooves derart Ärsche treten, dass einem schwindelig werden könnte. Ganz kokett-bescheiden betrachtet, sieht er sich selbst jedoch als ein Glückskind der Epoche: "Ich bin so froh, dass ich in dieser Zeit leben darf, vor 100 Jahren hätte ich wahrscheinlich nie Musik machen dürfen. Ich wäre Tischler geworden. Das ist der größte Dank, den ich elektronischer Musik aussprechen kann." WIDER DEM ORCHESTERGRABEN Zwischen Cembalos aus dem 16. Jahrhundert, einem Verrophon, einer Art Glasklavier, wo feuchte Finger über sich drehende Glasscheiben wandern und thereminische Sounds erschaffen und Pilgergeigen/-flöten, die in Gehstöcken versteckt sind, erklärt er dennoch, dass der Orchestergraben für ihn nie eine Option war. Das mag aber auch familiäre Gründe gehabt haben. Sein Großonkel war Timpani-Spieler beim Sinfonieorchester der Stadt Montreal und spielte unter dem großen Maestro Zubin Mehta. Und Pauken in so einem Rahmen zu spielen, ist eine sehr schwierige Angelegenheit. Man wartet gefühlt Stunden und hat dann für drei Sekunden seinen

Moment, wo alles stimmen muss. Während einer Aufführung kam aber alles ganz anders: "Er muss mit seinen Gedanken irgendwo anders gewesen sein, denn als sein Einsatz kam, hätte er etwas sehr Feines, Dezentes spielen sollen, er aber knallte auf die Pauken, was das Zeug hielt. Es war ein Klavierkonzert und der Pianist versuchte daraufhin vor Lachen seinen Kopf in den Tasten zu verstecken. Aber Mehta hat daraufhin nie etwas zu meinem Großonkel gesagt." Vielleicht macht das auch die Klasse eines solchen Dirigenten aus. KLAVIERVERSTIMMUNGEN Dass Monsieur Coutu Dumont lieber seine eigenen Ensembles digital dirigiert, will ihm, auch wegen solcher Geschichten, keiner verübeln. Als wir später vor einem riesigen Klavier-Gussrahmen stehen, erzählt er von einer weiteren Geschichte der Musikstadt Montreal, die sich in den 70ern in seiner Universität zugetragen haben soll. "Ich glaube es war Iannis Xenakis, der den Auftrag bekam, ein Stück für präpariertes Klavier zu schreiben und aufzuführen. Als er ankam, hat er allerhand Dinge in und auf die Saiten gelegt, Federn, Nägel und all das Zeug. Zwei Tage hat er dieses Klavier für das Konzert präpariert, umgestimmt, modifiziert. Als Xenakis am Premierenabend vom Abendessen zurückkam, fand er eine an ihn gerichtete Notiz: Bitte hören Sie auf, Dinge ins Klavier zu tun, das ist nicht gut für das Instrument. Aber es ist für heute Abend gestimmt." Der Klavierstimmer kam kurz zuvor in den Saal, er wusste, es würde ein Konzert stattfinden, also hatte er das Piano wieder ordnungsgemäß hergerichtet. Er machte nur seinen Job, aus dem Konzert wurde aber nichts.

Dancemusic ist eine Musik des Rhythmus. Kein Staatsgeheimnis.

DIE INSTRUMENTE Auch wenn Guillaume bislang bei seinen Livesets immer mal wieder Percussion-Sequenzen live spielt, und so den Rahmen des Knöpfchendrücken ein Stück weit Richtung Instrumentarium rückte, geht er nun noch einen Schritt weiter. Auf der diesjährigen Mutek wird er die Uraufführung seines neuen Bühnen-Settings Guillaume & the Coutu Dumonts feat. The Side Effects präsentieren. Mit dabei sind Vocals, Keyboards, Gitarren und Saxophon. Das markiert auch eine Rückkehr zu seinen Anfängen, wo er in Projekten wie Egg oder Racam im Kollektiv und nicht solo die Räume beschallte. Vor einem raren Trautonium erklärt er dann den Ansatz seiner Produktionen: "Wer hätte nicht gerne solche Maschinen bei sich im Studio stehen", sagt er mit einem Glänzen in den Augen, als er den urgewaltigen Sound-Beispielen lauscht. "Wobei ich mit Klangsynthese nie wirklich warm geworden bin. Mir ging es schon immer eher um akustische Sound-Quellen, um die dann wiederum zu verdrehen und zu manipulieren. Ich finde es grundsätzlich interessant, Instrumente einzubinden. Aber es ist für elektronische Musik nicht notwendig. Wenn man zum Beispiel elektronische Tracks mit akustischen Instrumenten neu einspielt, fehlt am Ende immer etwas, gewissermaßen die Essenz des elektronischen Gefühls. Ich mag es einfach beides zu haben. Die Flexibilität und Musikalität eines Solos auf der einen Seite und einen straighten und starken Groove auf der anderen Seite. Das auszubalancieren ist aber gar nicht so leicht. Da muss man sehr vorsichtig sein."

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HOUSE

Immer nur Samples und Beats zu collagieren ... wir müssen damit aufhören, das führt zu nichts.

KEINEN SCHRITT ZU WEIT Ein Drummer sei daher erstmal nicht eingeplant, viel lieber widmet Guillaume sich der langwierigen Disziplin, Loops und Grooves so klingen zu lassen, als wären sie eben nicht programmiert, sondern gespielt. Organische Architektur, organische Elektroniksounds, irgendwie scheint das alles im Moment ganz gut zusammen zu passen. Wer Instrument sagt, reißt in dem Zusammenhang aber auch das Fass der Virtuosität auf. "Oh nein, lass uns bitte nicht darüber reden", widerspricht er mit einem Lachen, nicht dem einzigen heute. "Ich könnte dir eine Liste von 120 Produzenten machen, die mit so einem Konzept überhaupt nichts zu tun haben. Gut, ich kann Partituren lesen, aber wie oft mache ich das heute noch? Das ist Jahre her. Es geht darum, dass man Dinge anders sieht und anders interpretiert. Aber jemand, der viele Jahre produziert hat, kann sich genau so der Musik nähern. Das ist die Revolution der ganzen Geschichte. Man macht etwas und kann es auf der Stelle hören. Ich muss nicht erst Noten schreiben und ein Orchester zusammenstellen, um dann festzustellen, hoppla, da ist ein Fehler im System. Man tut es einfach, man hört sofort die Resultate, das ist ein anderer Musikzugang als klassische Komposition. Ich war noch nie jemand, der gesagt hat, dass ein Musikstudium oder Virtuosität Voraussetzung dafür ist, Musik zu machen. Viele große Komponisten der seriellen Musik hatten keinen akademischen Background. Was mir wichtig ist, ist das Ohr, das Wissen um die Musik und die Zeit, die man damit verbringt. Manchmal versteht man Dinge vielleicht schneller, wenn man studiert hat. Aber so viele Produzenten bringen unglaubliche Sachen raus, gerade weil sie ohne akademischen Background entstanden sind." Auch während seines Studiums schien sich sein sehr später Musikeinstieg bezahlt zu machen. Dass eine damalige Kommilitonin sagte, dass,

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egal was er komponiere, man immer seinen individuellen Strich hören könne, sieht er noch immer als eines der feinsten Komplimente, das ihm je gemacht wurde. Eine klassische Schulung bringt eben, wie in den meisten anderen künstlerischen Bereichen auch, seine Korsetts mit. FELLE UND RHYTHMEN Wenn Guillaume durch die Gegend flaniert, tippen seine Finger häufig einen Rhythmus. Dance Music ist eben Rhythmus-Musik. Kein Staatsgeheimnis. Viele internationale Stile haben sich auf den Tanzfluren des Westens um die Vierviertel niedergesetzt. Südamerikanisches, Afrikanisches und weiteres aus der ethnologischen Rasselkiste. Nach seinem Studium war Guillaume in einer Jazzformation namens [iks], er tourte unter anderem im Senegal, dort nahm er auch Samples verschiedener Trommeln auf, einige fanden in seinen Dance-Produktionen späterer Jahre Verwendung, zum Beispiel in seinem Debütalbum "Face à l'est". Mediale Kleingeistklammern wollen seitdem nicht mehr vom Bild des Ethno-Afro-Explorers weichen, was ihm allerdings nur genervte Töne entlockt: "Auf der aktuellen Platte sind so gut wie keine afrikanischen Instrumente zu hören, und wenn es nach mir geht, dann können wir das Thema gerne auch auf der Stelle einstampfen. Es hört ja einfach nicht auf. Give me a break, man! Ich war 2001 in Afrika und habe sieben Jahre danach das erste Album fertig gekriegt. Gut, ich habe einige Erinnerungen und Bilder von damals aufgearbeitet, auch habe ich dort einige Samples aufgenommen. Ich dachte, das wäre eine schöne Geschichte, der Platte irgendeinen narrativen Rahmen zu geben. Seitdem sind aber alle darauf hängen geblieben. Spiel mir einen House-Track mit afrikanischen Vocals vor: Yaboubou Yabou ... oder was auch immer. Ich renne davor weg. Ehrlich, so was ist doch furchtbar", kritisiert er seine von anderen gebaute Schublade. Dennoch sind die Verbindungen von House und Afrika, wenn auch gedehnt, durchaus vorhanden. Tribale Rhythmus-Elemente in Tanz-Tracks hatten vor gar nicht allzu langer Zeit Hochkonjunktur, vielleicht noch immer. Auch die Renaissance klassischer Deephouse-Formeln ist um ein extatisches Percussion-Gerüst nicht verlegen. "Zwischen Sklavenarbeit und House-Musik gibt es sehr viel mehr, als dass man das eben so runterbrechen könnte. Es gibt Leute wie Ricardo Villalobos, die setzen sich meiner Meinung nach wirklich mit dieser Geschichte der Rhythmen auseinander, wo sie herkommen, was sie genau sind.

“Wer hätte nicht gerne solche Maschinen bei sich im Studio stehen“, meint er mit Glänzen in den Augen, als er den urgewaltigen Soundbeispielen beiwohnt.

Er hat ein einzigartiges Wissen, was das anbetrifft. Das, was er damals angestoßen hat, war für mich sehr produktiv. Jazz hatte diese Periode, wo nach Wurzeln gesucht wurde, im Soul gab es das ebenfalls, bei House gab es schon immer ein Interesse an der eigenen Vergangenheit. Clubmusik ist an sich ja etwas sehr Vergängliches, du machst einen Track und es gibt vielleicht tausend Nachkömmlinge, weil es natürlich auch immer um einen speziellen Moment geht, den man immer wieder reproduzieren will. Ich möchte das in keiner Form beklagen, finde diese Attitüde von Musik noch immer sehr cool. Aber wenn man einer nachhaltigeren Idee nachkommen will, dann musst du gezwungenermaßen tiefer in die Materie einsteigen, als nur ein paar Samples und Beats zu collagieren. Diese allzu typischen Strukturen - Beat, Breakdown, Sample - der gesamte Track läuft quasi in der Mitte und am Ende kommt wieder nur der Beat. Das ist natürlich extrem öd. Wir müssen damit aufhören, das führt zu nichts!", erklärt er nach einem Schluck Cappuccino. Nach der Ausstellung haben wir eines der umliegenden Touristen-Cafés aufgesucht. Als Berliner ist man sehr selten hier, auch Guillaume, der seit einigen Jahren in der Stadt wohnt, aber mit der semigrößenwahnsinnigen Neu-Architektur um den Potsdamer Platz ebenfalls nicht viel anzufangen weiß. Lieber tappst er auf der, wie er selber sagt, roten Linie seiner kanadischen Freunde, die sich hier niedergelassen haben. Zu Weihnachten gab er ein Truthahn-Dinner mit den für sein Heimatland typischen Meat Pies. "Auf einmal waren 30 Kanadier bei uns im Wohnzimmer", erklärt er den Magnetismus der Exil-Mountie-Szene. Wir reden im Transitlärm über Isolées Indie-Plattensammlung und Rockmusik. "Er spielte mir in Hamburg Sachen vor, die ich auch wirklich gut fand. Ich liebe einen guten Groove aber ein Rock-Groove ist nichts, was meinen Arsch sofort zum Wackeln bringt." Am Ende entpuppt Guillaume sich noch als David-Lynch- und Pink-Floyd-Fan. Diese Momente zwischen tiefen Impressionen, Welten, die sich auftun können, ohne zu strengen Konzepten zu folgen, Szenenbilder oder Sounds, die Tage später im Kopf auftauchen und ein Eigenleben entwickeln können. Die begeistern ihn und ein wenig wünscht er sich diese Dinge auch für seine Musik, die es in seiner Feinheit schafft, weder Dancefloor-, noch Listening-Elektronika-Diktaten zu unterliegen. Dass seine Musik eben auch solche Geschichten erzählen kann, ohne zu direkte Vorgaben machen zu müssen. Guillaume meistert das in seinen Produktionen mit Grandesse, Chuzpe und Humor.

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TECHNO

ELLEN ALLIEN NEUER RUNDBLICK

Mit Dust bringt Ellen Allien ein Sommeralbum raus, auf dem ganz schön viele Gitarren gezupft werden. An einem Frühlingstag besuchen wir die BPitchLabelchefin und DJ-Queen in ihrer Berliner Wohnung und fragen nach stimmigem Interieur, schönen Bäumen, der Philosophie des Auflegens und warum Jukeboxes ihr Leben verändert haben. TEXT MICHAEL ANISER

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Mit Dust bringt Ellen Allien ein Sommeralbum raus, auf dem ganz schön viele Gitarren gezupft werden. An einem Frühlingstag besuchen wir die BPitchLabelchefin und DJ-Queen in ihrer Berliner Wohnung und fragen nach stimmigem Interieur, schönen Bäumen, der Philosophie des Auflegens und warum Jukeboxes ihr Leben verändert haben.

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erlin-Mitte, Auguststraße. Erstmal warten, von einem Interview weiß der junge Mann an der Gegensprechanlage nichts. Er bittet uns dann trotzdem hoch in den fünften Stock. Hier, über den Dächern Berlins residiert die Techno-Chefin der Stadt. Umzugskartons an der Wand, in einem improvisierten Homestudio basteln zwei Jungs an Tracks. Die Wohnung ist hell und weiträumig - Berliner Minimalismus trifft hier geschmackvolle Einrichtungseinsprengsel einer permanenten Weltreise: Stuhl aus Marokko, Katzenkunst aus Japan, integrierte Souvenirs eines TechnoJet-Set-Lebens. Wir bekommen Wasser und klopfen zuerst Mal den französisch sprechenden jungen Mann auf Interessantes ab. Der sagt, er ist zum Musik machen hier und ein Interview interessiert ihn eher nicht so. Spannend zu sehen, wie zukünftige BPitchTracks entstehen: Die werden ja nun auch gebraucht, jetzt wo Paul Kalkbrenner weg ist. TECHNOBUSINESS Ellen kommt direkt von einem Meeting, den Job als Label-Chefin und DJ nimmt sie mit der ihr üblichen Hansdampfigkeit lässig hin. Wir fläzen uns auf das geschmackvoll gewählte Sofa und reden über Inneneinrichtung. Vielleicht gibt es ja bald auch BPitchMöbel, Ikea-Remixe würden sich sehr gut machen neben der hauseigenen Modelinie. Ellens Wohnung wirkt nicht überfrachtet, alles hat hier seinen Platz. Wie die Tracks auf ihrem neuen Album Dust: aufgeräumt, aber mit bewusst gesetztem analogen Rauschen an den richtigen Stellen. Der erste Track des Albums, "Ourutopie", ein langsam plockernder Minimal-Track mit Glockenspiel. Ellen besingt darin einen utopischen Entwurf, der sich nicht an Zukünftigem orientiert, sondern die Gegenwart als bereits eingetretene Utopie versteht: "We are still here". So lässt sich auch ihr Leben nachzeichnen. Bereits in Kindertagen hatte Ellen so etwas wie einen ersten Plattensponsor: Jemand in ihrer Familie hat die Jukeboxes in Berliner Lokalen aufgestellt und sie konnte

dadurch die ganzen alten Singles abgreifen. So ausgestattet gab es dann wohl erste Sessions im Kinderzimmer: Proto-Mashpop aus dem Hause Fraatz, die Setlist würde uns interessieren. Dass sie ein paar Jahren später schon um die Welt fliegen würde um aufzulegen, ahnte sie am allerwenigsten. ROCK'N'ROLL "Rolling and rolling around", wie es im zweiten Track der Platte heißt. Bei einem Tourprogramm, das einem aufgrund von Vollgestopftheit und Flugkilometern ohne weiteres ein bisschen Angst machen könnte, bleibt Ellen ruhig. Sie ist es gewohnt, zwischen Flughafen, Taxi, Hotelzimmer und wieder Flughafen zu pendeln. Rock'n'Roll-Lifestyle, Zeit zum Feiern findet sich eigentlich immer. "Für mich ist Nachtleben so ein Rock'n'Roll-Faktor, bei dem ich abschalten kann. Da bin ich am Wochenende weggebeamt." In ihrer Rolle als Label-Chefin berät sie dann auch gern mal jüngere Acts zum Thema Zeitmanagement und Gesundheit. Denn Gesundheit sagt sie, ist in dem Job super wichtig. Sie selbst macht zwei mal die Woche Yoga und trinkt selten beim Auflegen. BPitch ist für sie eher Familie als Unternehmen - und da gibt es natürlich auch mal Ärger. Vor kurzem hat Paul Kalkbrenner das Label verlassen, kurzerhand noch einen Tourmanager abgezogen und dem großen Geld hinterher. Jetzt füllt er Halle um Halle mit kreischenden Teenies. Ellen bleibt gelassen, so was komme vor. BPitch hatten zwar immer schon ein paar Indie-Acts unter ihren Fittichen, es scheint sich da aber, ausgehend von ihrem neuen Album, eine gewisse Verschiebung hin zu analogerer Musik bemerkbar zu machen. Im Track "Sun the Rain" beweist sie sogar Songwriter-Qualitäten, wenn sie zur Gitarre Sachen wie "Walking down the street, you take my hand and smile, Life's so easy" singt. Ellen ist mit Bob Marley und Nina Hagen großgeworden. Indie war immer schon ihre Musik, früher hatte sie sogar mal so eine Art Band. Richtig mit Proberaum, über Jamsessions ging das aber nie hinaus. Punkrock-Attitüde statt Herumgefrickel ist es dann auch, was den meisten der Tracks auf Dust zugrunde liegt. „Musiktechnik ist an ihrem Ende angelangt“, sagt sie und dass es ohnehin keine musikalischen Neuerungen geben kann, wenn nicht irgendwer ein neues Instrument erfindet. Wichtig für ihre Alben sind die Produzenten, die ihr dabei unter die Arme greifen, aktuell Tobias Freund. Während das letzte, Sool, ein wenig mehr Industrial war, sperrig und streckenweise verspult unzugänglich, erinnert Dust an laue Frühlingsnächte. Mädchenmusik? Tut man ihr damit doch unrecht? Weibliche DJs sind ja heute auch nicht mehr so selten, und doch fühlt sie sich immer noch ein wenig ausgegrenzt von den männlichen Kollegen. "Ich möchte auch mal über Ärsche reden mit denen!", sagt sie. Obwohl ihr der ganze Afterhour-Kram langsam auf die Nerven geht, ist sie immer noch ordentlich unterwegs. Mit dem Stück "Should we go home" liefert sie dann gleich den passenden Soundtrack für 14 Uhr morgens. CLUBKULTUR Von einer Mainstreamisierung der Berliner Clublandschsaft will Ellen nichts wissen. Die gesammelten Erfahrungen der Weltreisenden rücken den allzu heimischen Blick auf die Veränderung des Partytrei-

Bereits in Kindertagen hatte Ellen so was wie einen ersten Plattensponsor: Jemand in ihrer Familie hat die Jukeboxes in Berliner Lokalen aufgestellt und sie konnte dadurch die ganzen alten Singles abgreifen.

bens dann auch wieder angenehm gerade, für hiesige Partymacher ist sie nur voll des Lobes. Und dass sich alle immer nur zudröhnen und wegmachen, findet sie jetzt auch nicht weiter schlimm. "Man zwingt ja auch nicht die Leute, man steckt ihnen keine Pillen in den Mund und macht die süchtig", meint Ellen. Ausgehtechnisch finde eher eine Wende vom Proll hin zum Conaisseur statt. Ellen sagt, das liegt am Internet und dass sich dadurch heutzutage weltweit jeder Idiot die heiße Scheiße ziehen kann. Daneben gibt es natürlich immer auch "kulturell-wertvolle" Inhalte, die auch vor dem Berghain nicht halt machen und es dadurch wieder Feuilleton-kompatibel machen. Sie selbst konzipiert auch gerade eine Kunstausstellung, um ihr Spektrum noch weiter auszudehnen. Getreu ihrer Lebensphilosophie: einfach machen. Es gehe auch nicht an, dass alle immer so rumjammern. Sie selbst kennt das Problem nicht, sie kam ja eher zufällig zum Plattenauflegen und falls sie künftig von einem 9-to-5-Job leben müsste, wäre das auch nicht so schlimm, beteuert sie. FROM BERGHAIN TO BERGHEIM Das Album erzählt eine ganz persönliche Geschichte. Den im Stück "My Tree" besungenen Baum gibt es so tatsächlich. Ellen Alliens Hometree, wenn wir den etwas abseitigen Avatar-Vergleich heranziehen wollen. Dust driftet im fortschreitenden Pluckern immer weiter von städtische in ländliche Gefilde. "Huibuh", der vorletzte Track, eignet sich perfekt, um ins Auto zu steigen, aufs Land zu fahren und auf irgendeiner Wiese herumzuliegen. Ganz ganz weit weg von Afterhour. Vielleicht greift sie ja, wenn das so weiter geht, bald selbst zur Gitarre und nimmt ein SongwriterAlbum auf. "From Berghain to Bergheim" oder so ähnlich. Ellen Allien, Dust, ist auf BPitch/Rough Trade erschienen www.bpitchcontrol.de www.ellenallien.de

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TEXT SASCHA KÖSCH

Donnacha Costello, der quer durch die Genres schillernde Ire, ist zurück mit einem Album auf Poker Flat. "Before We Say Goodbye" bringt ein ganzes Jahrzehnt Detroit auf einen längst überfälligen Nenner und markiert damit im hektischen, schnelllebigen Treiben der Release-Flut einen echten Ruhepol.

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onnacha Costello tauchte das erste Mal in unserem Universum auf, als er, nahezu zeitgleich mit der De:Bug, seine ersten Platten auf D1 veröffentlichte. Das war 1997. Damals fing Minimal an. Kein Wunder, dass er sein erstes Label Minimise nannte. Seitdem ist viel passiert, aber auf ein regelmäßiges Erscheinen neuer Costello-Releases konnte man sich immer verlassen. Costello war Teil der ersten großen Welle von Detroit-Musik, die aus Irland kam und deren Herangehensweise ganz anders war, als die der UKNachbarn. In Irland ging man es materialistischer an, basierend auf dem Sound der Maschinen, dem Funk und dem Groove, die dort noch als Identitäten wahrgenommen wurden. Es ging weniger um den Effekt als um die Intensitäten, die Funktionalität der Begeisterung mit einem klaren Zentrum. Mehr um Masse und Erdung als um Mode.

DONNACHA COSTELLO 1000 STUNDEN TECHNO

WAFFE POWERBOOK Und dennoch war Costello immer auch jemand, der große Konzepte mit seinen Releases klar machte. Schon sein erstes Album, 2000 auf Force Inc., "Growing Up In Public", ließ diesbezüglich keine Fragen offen. In Costellos Studio gibt es ein ständiges Kommen und Gehen der Maschinen. Immer neue Synthesizer wechseln sich ab und geben seinem Sound überraschende, neue Färbungen. Und auch wenn mancher von Costellos erstem Album kurz enttäuscht gewesen sein mag, weil das Digitale mehr und mehr Einzug hielt, bedeutete seine Vorliebe für MAX/ MSP und ähnliches Nerd-Spielzeug nicht etwa eine Abkehr von den Detroit-Wurzeln, sondern vielmehr ein weiteres Feld musikalischer Konzepte. Kicken tat es so oder so. Und das Powerbook war damals noch kein Makel, sondern eine Waffe. Kein buntes Füllhorn, mit dem alles geht, sondern ein mächtiges Mittel, ein Versprechen, dem man seine Qualitäten erst noch langsam abringen musste.

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ELECTRONIC BEATS FESTIVAL AUF DEN PUNKT Es ist immer schwierig, konzeptuelle Musik zu fassen, und unsere erste Reaktion lautet meist: zu kopflastig. Diesen Reflex zu verstehen und die Funktionalität in das Konzept nicht nur einzubauen, sondern sie als Parameter für das Gelingen zu sehen, hat Donnacha Costello immer wie im Traum begriffen, selbst wenn Funktionalität nicht nur heißt, dass man sich auf dem Dancefloor die Seele aus dem Leib strampelt. Und dabei hat ihn das Wissen um die geschichtlichen Vordenker des Minimalismus nie gestört. Im Gegenteil. Der Gegensatz zwischen Musik zum Hören und Musik zum Tanzen war für Costello zwar immer klar, gleichzeitig aber immer auch Illusion. Genauso wie das Konzept für ihn immer schon punktuell war und zu einem Ergebnis führen muss, dass nicht nur eine Lebenseinstellung verdeutlicht, sondern sich auch in freier Wildbahn beweisen muss. CLICKS MIT GEFÜHL Und auch spätere Projekte in die digitale Richtung, wie das grandiose Mille Plateaux- Album "Together Is The New Alone", das die Dichte des Gefühls wieder in den Clicks&Cuts-Sound einführte, und sein ModulAlbum, für das von Costello immer verehrte Raster Noton-Label, mit dem die Abstraktion des Grooves neue Kicks entwickelte, zeigten, dass Costello nicht zu fassen ist. Immer wieder taucht er überraschend auf, um eine Neudefinition zu geben, aber nicht um ein neues Genre auszurufen, sondern ein Dahinter neuer Grenzen aufzuzeigen. Und dennoch blitzt in diesen Projekten die ganz persönliche Art von Costello durch, das Organische im Abstrakten, der Wille, weiter zu gehen. MAXIS MIT FUSSNOTE Manchen mag die Minimise-Farbserie, die Donnacha 2004 ins Leben rief, wie ein Nachruf auf die große Zeit von Minimal vorgekommen sein. Nicht zuletzt wegen der ideellen Nähe zu Vorläufer-Konzepten von Wolfgang Voigt mit Studio 1 oder Richie Hawtins Concept-Serie. Aber die Anfänge von Costello waren durchaus von Hawtins Plastikman inspiriert, der strikten Konzentration auf ein paar Instrumente, der Farbgebung durch Tonalitäten der Maschinen. Genau das fand man, fast wie eine Fußnote, auch in seiner Farb-Serie. Schon bei den Namen war meist klar, dass hier keine durchgehende Strenge propagiert wird, die sich als ein durchgehendes LabelKonzept präsentiert, sondern schillernde Variationen, die getestet, geschmeckt werden mussten und eine Rückwendung auf analoge Produktion im digitalen Zeitalter ausdrückten. Senf, Pistazie, Traube, Olive. Hier liefen Konzeptualität und Geschmack, Nachgeschmack und der langsame Abgang auf eine wirklich überraschende Weise zusammen. Und dabei war Minimise nie retro, auch wenn nicht selten Acid oder Detroit sehr nah waren, manchmal sogar Ambient, sondern in dem Soundgewand fand man immer auch die extreme Klarheit des Designs, die seine Tracks bis in die experimentellsten Momente auszeichnen. HARTE ZEIT ZUM TANZEN Zur Zeit gibt es nicht selten eine Spaltung auf dem geraden Dancefloor. Die einen suchen nach immer neuen Effekten, nach einer schillernden Welt der digitalen, technischen Raffinesse und Verfeinerung,

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Funktionalität heißt nicht zwingend, dass man sich auf dem Dancefloor die Seele aus dem Leib strampelt.

20.05.2010 /E-WERK KÖLN SCHANZENSTRASSE 37 nach diesem fast virtuellen Sound. Andere blicken zurück, packen die echten oder virtuellen Maschinen aus dem Keller wieder aus und suchen nach der Wahrheit in Oldschool House, Deephouse, Detroit und schrecken notfalls nicht einmal davor zurück, noch mal alles auf Tonband zu mastern. Eine Einigung, eine Brücke, ein Zusammen dieser beiden Szenen scheint nirgendwo in Sicht. Aber seit letztem Jahr hat Costello ein weiteres Label, Look Long, das sich dem Thema annimmt. Sein neues Album "Before We Say Goodbye", Neuauflagen seiner D1-Tracks, irgendwie scheint er wieder angekommen. Einen Blick nach vorne zu geben, der gleichzeitig auch die Zeitspanne, die lange Zeit mit Techno zusammenfasst. Womit Costello brillant in die oben angedeutete Kluft passt. Die Reissue des Klassikers von 2003, "Pleite", auf Look Long, klingt heute nicht nur so frisch wie am ersten Tag, sondern auch absolut zeitgemäß. Frischer fast. Der Monstertrack "Ten Thousand Hours" ist zeitlos. DIE ZEIT IM JETZT ALS SOLCHES Costellos aktuelles Album für Poker Flat ist durchzogen von dieser weit zurückblickenden Ästhetik, die dennoch im Jetzt verhaftet ist. Das Konzept: wie so oft eine Beschränkung der Mittel. 101, Prophet, Synclavier und Maschine. Was Costello daraus macht, ist Magie. Ein Album, das voller Referenzen an die Zeit als solche ist. Die Zeit des Verlassens auf "Leaving Berlin", die Zeit, sich selber immer wieder zu finden auf "With Me Still", die gedehnte Zeit, die immer im Jetzt ist, aber deshalb nie ganz sein kann auf "Stretching Time" und die Zeit, nach Hause zurückzukehren auf "Last Train Home". Auf seine Weise ist es ein tragisches Album, eines, das die ganze Bandbreite eines Lebens mit Techno zeigt, sich aber nicht geschlagen gibt, sondern in der Melancholie der Melodien immer wieder einen Optimismus ausstrahlt, der ungebrochen bis zu Costellos ersten Tracks zurückreicht. "Before We Say Goodbye" wirkt fast wie ein Testament. Wie das Detroit-Album, das alle immer schon machen wollten. Aber es weist auch über sich hinaus. Jetzt muss die nächste Epoche angegangen werden. Und wir werden auch dann wieder auf Donnacha Costello vertrauen. Und die Vocals von "It's What We Do" zu unserem Motto machen: "When times are hard this is when you learn to sing, when times are hard, you dance to your hard times ..." Donnacha Costello, Before We Say Goodbye, ist auf Poker Flat erschienen. www.minimise.com, www.looklong.com www.pokerflat-recordings.com

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TEXT HENDRIK LAKEBERG

Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die im Nachtleben ihre Spuren hinterlassen haben. Diesmal begibt er sich mit Marcel Dettmann auf die Suche nach dessen musikalischer Vergangenheit. Oder was von ihr noch übrig ist. Merke: Nicht einmal EBM, Gothic und Industrial sind als Zombies ein schöner Anblick.

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arcel Dettmann erwartet uns auf dem Berliner Alexanderplatz. Ein paar betrunkene Teenager laufen an der Weltzeituhr vorbei, dann lärmen sie durch die Open-Air-Ausstellung "1989 – Die friedliche Revolution". Wir haben Düsteres im Sinn in dieser Mittwochnacht im April. Aber nicht einmal wir ahnen, dass sich gerade ein Schatten über den ganzen Kontinent legt. Seit einigen Stunden spuckt der isländische Vulkan Eyjafjallajökull riesige Aschewolken aus, die sich in den kommenden Tagen langsam über Europa ausbreiten, den Flugverkehr zum Erliegen bringen und auch sonst weidlich Chaos stiften. Da können unsere dunklen Pläne mit Marcel Dettmann dann doch nicht mithalten. Wir sind nur auf dem Weg in den U5 Club in Friedrichshain, wo heute Nacht eine EBM- und Industrial-Party mit dem Namen "Carpe Noctem" stattfindet. Auf dem Flyer ist eine Puppe mit großen roten Augen und einer langen spitzen Nase abgebildet. Sie erinnert an die JigsawPuppe aus der Splatter-Filmreihe "Saw". Für Marcel – als DJ und Produzent das musikalische Aushängeschild des Berghain – war EBM, Wave, Gothic und Industrial der Soundtrack seiner Jugend. Und die begann, als die Mauer fiel. "Es gab nach der Wende kein Rechtssystem mehr", sagt er. "Die Bundesrepublik hatte noch keinen richtigen Zugriff und die alte Regierung wurde kaum mehr wahrgenommen. Ich war damals 12." So friedlich das DDR-Regime gestürzt wurde, so sehr herrschten unter den Jugendlichen in brandenburgischen Kleinstädten kriegsähnliche Zustände. Marcel ist in Fürstenwalde, einem Ort mit gut 30.000 Einwohnern, etwa 50 Kilometer vor Berlin, aufgewachsen. "Es gab ständig Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Gruppierungen. Die Stimmung war angespannt", erzählt er. Die pogromartigen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen fallen in diese Zeit und auch in Fürstenwalde gab es Übergriffe auf Ausländer und Schlägereien zwischen Rechten und Linken. Marcel hat sich aus den Kämpfen immer rausgehalten. Und den DDR-Judo-Meister ließ man auch in Ruhe.

DURCH DIE NACHT MIT: MARCEL DETTMANN

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BILD FRANCESCO LYAZID PIRES

Wir haben Düsteres im Sinn mit Marcel Dettmann in dieser Mittwochnacht im April. Aber nicht einmal wir ahnen, dass sich gerade ein Schatten über den ganzen Kontinent legt.

EINHEITS-RAVE In den militärisch treibenden Rhythmen von Nitzer Ebb oder den Synthesizer-Flächen von Front 242 spiegelte sich die Zeit. Diese Musik klang so kalt und schnell wie sich die Gegenwart anfühlte. Etwa 1992 ging Marcel zum ersten Mal in den Tresor. Er war mit seinen Freunden viel zu früh dort, der Club nahezu leer. Es lief brettharter Techno: 140, 150 BPM. Auf der Tanzfläche stand ein Mann im Indianerkostüm und tanzte wie in Trance. "Was ich an dieser Musik so liebe, ist, dass sie überhaupt nicht politisch ist. EBM war da total anders. Es war politisch, allein schon im Sinne der Kleiderordnung. Sobald du einen fluffigen Mittelscheitel hattest, warst du ein Popper. Wenn du The Cure gehört hast, ein Grufti. Im Techno-Club kannst du aussehen wie ein Bankangestellter oder ein Punk. Das wurde mir an diesem Abend klar." TRANCE IM KELLER Wir sind am Frankfurter Tor angekommen, überqueren die Karl Marx Allee. Das U5 liegt in einem Eckgebäude, gegenüber von McDonalds in einem Keller. Wir bezahlen den Eintritt und bekommen zwei Plastikmarken für jeweils ein Freigetränk in die Hand gedrückt. Der Laden ist klein. Man muss eine Treppe runter, am DJ-Pult vorbei zur Bar gehen. Auf einer Leinwand läuft stumm ein alter Schwarz-WeißFilm, der Arbeiter in einer Fabrik zeigt. Wenn man auf dem Dancefloor steht, kann man sich beim Tanzen im Spiegel anschauen. Ein Typ tanzt alleine zu einem ultraschnellen düsteren Trance-Stück. Auf dem DJ-Pult stehen zwei Laptops, auf dem einen der Monitore ist ein Browser-Fenster mit dem Bild einer nackten Frau in grobmaschiger Netzstrumpfhose zu sehen. Wir bestellen Bier an der Bar. SCHEPPER-GOTH Die Musik ist so laut aufgedreht wie auf einem Timewarp-Rave. Allerdings haben statt 20.000 nur knapp zehn Gäste den Weg in das U5 gefunden. In einer Ecke neben der Bar steht ein Kicker. Ein Typ mit schwarzem Netzhemd, Nietenledergürtel und langen schwarzen Haaren spielt mit ein paar ähnlich

schwarz gekleidet und geschminkten Gestalten. Zu dem Tänzer haben sich inzwischen drei Frauen gesellt. Die sehen weniger nach Gothic aus, eher wie Krankenschwestern nach Dienstschluss. Sie tanzen schüchtern zu dem brutalen Sound und schauen sich dabei selbst im Spiegel zu. Der Klang der Anlage ist schlecht, man hat das Gefühl, als höre man die Bitrate der MP3s gleich mit. Für einen DJ, der ganz oben angekommen ist, der überall auf der Welt Platten signiert, von dem man sagen kann, dass er den typischen hypnotischen Berghain-Techno geprägt hat wie kaum ein anderer, der ihn vielleicht sogar erfunden hat, ist das U5 natürlich ein Kulturschock. Marcel sagt das auch, aber er bleibt trotzdem an der Bar stehen und beantwortet geduldig meine Fragen, während im Hintergrund brachiale Bassdrums zerren. Marcel ist alles andere als eine Diva. Man kann wunderbar kumpelmäßig mit ihm rumstehen und über Gott und die Welt quatschen. Er kann zuhören, vielleicht ist er deshalb ein so guter DJ. Er mag es, wenn Platten amateurhaft klingen. Lieber mal ein schiefer Ton und schlecht gepresstes Vinyl als ein slicker, herzloser Peaktime-Track. ALLTAG, AUGEN AUF An die Bar gelehnt erzählt Marcel wie er zum Auflegen im Ostgut kam. Und er klingt dabei immer noch ein wenig stolz. Dass ein Freund ein Mixtape an der Tür des Ostgut abgegeben hat und es dann dort beim Putzen lief. Irgendwann rief Michael, einer der beiden Chefs, an, um ihn als Warmup-DJ zu buchen. Marcel wusste bis dahin gar nicht, dass sein Freund ein Mixtape dort abgegeben hatte. "Im Ostgut gab es Szenen, die gehen dir nicht aus dem Kopf: Vor dir stehen drei Typen mit freiem Oberkörper, völlig durchgeschwitzt, die Augen geschlossen, komplett in sich drin, komplett vom Alltag losgelöst. Da funkelt und blitzt es, die Luft ist voller Testosteron", erzählt er und schaut in Richtung Tanzfläche. Im U5 schließt beim Tanzen niemand die Augen. Und auch der Alltag verschwindet hier nicht. Er steckt in den Getränke-Bons, im Kicker, dem Porno-Bildchen auf dem Computer und dem Spiegel an der Wand hinter der Tanzfläche.

ZOMBIE-KULTUR "Die Musik hört sich an wie holländischer Eurorave vor 20 Jahren. Mit EBM hat das nichts zu tun", meint Marcel und wir wetten, dass der DJ kein einziges Stück von Nitzer Ebb in seiner Library hat. Ich gehe zum Pult und wünsche mir einen Song der Band. "Welchen?", fragt der DJ. "Irgendeins", sage ich. Etwa eine Viertel Stunde später spielt er "Control I’m Here" von dem Album "Belief". Eines von Marcels Lieblingsstücken der Band. Doch auch das ändert nichts daran, dass die Musik, die man hier hört und eigentlich die ganze Stimmung in diesem Laden eigenartig zombiemäßig wirkt. Als ob sich hier eine Kultur weigert zu verschwinden, deren Zeit längst abgelaufen ist. Aber Nitzer Ebb ist eine akustische Erleichterung. Für ein paar Minuten hört man keine hysterisch düsteren Synthflächen, die die Ohren taub machen. DIE WOLKE "Freunde von mir hören immer noch die Musik von damals, die haben alle Nitzer-Ebb-Platten und jedes Depeche-Mode-Stück zu Hause. Sie sind fast militant, was das angeht. Ich kann mir das gar nicht mehr vorstellen. Mich erinnert es an meinen Vater, der bis heute Pink Floyd oder die Rolling Stones hört", sagt Marcel. Seinem gerade erschienenen Debütalbum und seinen DJ-Sets hört man die EBM-Vergangenheit in seiner Vorliebe für harmonielosen und kargen, manchmal kalten Sound an. Aber seine Musik hat die düstere Weltsicht abgestreift. Das macht sie leicht, gegenwärtig und effektiv. Diese Musik ist ein Angebot, keine Forderung. Sie ist frei von Ideologien, sie hat die Nazi-Schläger von Fürstenwalde, die Stasi, die dunklen Nachwendejahre und kleine Kellerclubs wie das U5 weit hinter sich gelassen. Den Ballast der Geschichte abgeworfen. Und wenn man sie auf dem Dancefloor hört, dann kann sie sein wie die VulkanWolke über Europa: Sie legt vorübergehend den Alltag lahm. Marcel Dettmann, Dettmann, ist auf Ostgut Ton/Kompakt erschienen. www.ostgut.de

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SOUL

JAMIE LIDELL AUS DEM TAL DER TRĀNEN

TEXT JI-HUN KIM

BILD LINDSEY ROME

Jamie Lidell wird endgültig zum wandernden Barden, immer auf der Suche nach inspirierenden Weggefährten, mit denen er das Gefühl zum Jetzt und Hier in Musik transferieren kann. Nach Cristian Vogel und Mocky hat bei seinem aktuellen Album "Compass" Beck diesen Part übernommen.

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amie Lidell hat eine schwere Zeit hinter sich. Das versucht er immer wieder zu betonen. Beziehungsende, schwere Gedanken, TourÜberdruss und dann auch noch ein großer Tapetenwechsel. Nachdem der Brite einige Jahre in Berlin lebte, ist er über einen kurzen Paris-Zwischenstopp in New York gelandet. Downgraden, neu beginnen, alte Muster abstreifen, gewissermaßen hat er derweil den gründungsmythischen Delta-Blues für sich entdeckt und seine ganz persönliche Diaspora dann gleich noch auf dem dritten Soloalbum "Compass" in Sound zementiert. Wie bei kaum einem zweiten ist die Karriere des Sängers und Künstlers Lidell durch Kollaborationen geprägt worden. Er war schon immer ein Getriebener. Das fing im englischen Brighton an, wohin der junge Jamie aus dem Örtchen Huntingdon, Grafschaft Cambridge, einst pilgerte, um sein Idol Cristian Vogel ausfindig zu machen. "Cristian war ein Mentor, gerade was elektronische Musik anbetraf. Ich habe seine Sachen immer bewundert. In Brighton habe ich mich gewissermaßen auf eine Wallfahrt begeben, um ihn zu finden. Irgendwann habe ich seine Freundin getroffen. Ich habe sie gefragt, ob sie nicht seine Schwester wäre. Das war natürlich ein Fettnäpfchen." Dass aus so einem Erstkontakt-Missverständnis dennoch Super Collider wurde, die den Jahrtausendwechsel mit glitchenden Funk-Destruktionen und großer Seele perspektivisch neu beschallten, war für die Karriere von Jamie Lidell die entscheidene Blaupause: "Cristian hat mir viel ermöglicht, mehr als die Stadt selbst."

Jamie Lidell, Compass, ist auf Warp/Rough Trade erschienen. www.warp.net

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SCHMUTZIG IN BERLIN Der nächste Weggefährte, der musikalische Sancho Pansa auf der Lidell‘schen Ilias durch die Zeit nach Super Collider, war der Kanadier Mocky, mit dem er das Album "Jim" aufnahm: "'Jim' sollte etwas Mainstreamiges werden. Um ehrlich zu sein, ging es auch darum, wie man noch erfolgreicher werden kann. Am Ende war ich ein bisschen enttäuscht, weil es nicht diese Reinheit hatte, die Musikmachen eigentlich haben sollte." Die aktuelle Stimmung? Irgendwo zwischen ehrlichem Rekapitulieren und Eigen-Marketing. Dass Jamie Lidell aber weder von überzogenen Underground-Ressentiments noch von Popmarkt-regulierenden Unreflektionen befallen ist, schwingt bei seinen weiteren Ausführungen immer mit. Man könnte seine Geschichte als die eines Wanderers verstehen. Jemand, der ein großes Talent und eine große Stimme in sich hat, immer den Austausch suchend Weggefährten findet, diese Lebensperioden in Form seiner Alben der Welt preisgibt. Ein Barde mit einer ungebändigten Kraft. Ob als geniehafte One-Man-Show, als Part einer Session oder als Tour-Support von Elton John. Jamie Lidell: Das war schon seltsam, weil ich nie davon ausgegangen wäre, dass ein Typ aus dieser Liga überhaupt weiß, dass ich existiere. Ich vermute, er hat ein Team von Leuten, die nach Musik suchen, die er mögen könnte. Wahrscheinlich sitzt er in seinem Zimmer und ruft: Wo ist die neue Musik, Jungs? Wir haben insgesamt zehn Shows gemacht, wobei für mich das wichtigste war, dass meine Familie mich dadurch endlich als Musiker akzeptiert. Eltern sorgen sich ja immerzu: Junge, wie wär‘s mal mit einem richtigen Job? Aber wenn du mit Elton John auf Tour gehst, ist plötzlich alles in Ordnung. Bei unserem ersten Treffen hat mich sein Assistent zu ihm geführt, sein Raum war voller Klamotten, mittendrin Elton und zwei Hunde. Er war sehr relaxt, so als wäre er mit sich im Reinen. Eine Attitüde, die mich schon immer beeindruckt hat. Dann gab er mir Ratschläge, zum Beispiel meinte er, dass er Multiply weitaus besser fände als Jim. Was mich natürlich überrascht hat, da ich vom Gegenteil ausgegangen bin. Jim ist ja wesentlich poppiger und ausproduzierter. Aber er mochte scheinbar die extravagenten Sachen und meinte, dass ich mehr Dinge ausprobieren soll, die nicht ganz so gewöhnlich sind. Vielleicht habe ich diesen Ratschlag ja auch für diese Platte unbewusst berücksichtigt. Debug: Was konnte man noch von Elton lernen? Lidell: Das System Elton John ist eine beeindruckende Maschine. Zum einen schreibt er Broadway-Musicals. Billy Elliott war sehr erfolgreich und dann macht er seine Soloshows, das ist ein sehr komplexer, riesiger Mechanismus - die planen jetzt schon für 2013! Seine Shows sind auf einem technischen Level wie ein James-Bond-Film. Sehr episch, mit Bühnenbildern von David LaChapelle, die größte Videowand, die man sich vorstellen kann. Ziemlicher Willy-Wonker-Style. Debug: Du hattest bereits angedeutet, dass Compass viel mit wechselnden Lebensumständen zu tun hat? Lidell: Oh ja, ich hatte das Gefühl, dass viel zusammengebrochen ist und ich viel neu aufbauen musste. Dabei habe ich versucht, mich an Routinen festzuhalten: eine sehr einsame Zeit. Ich hatte nicht das Gefühl, diese Phase mit vielen Leuten teilen zu können. Zumindest sind gute Texte dabei rausgekommen. Wenn man angreifbar und verletzlich ist, entstehen ganz eigene Dinge. Debug: Im Nachhinein bleiben die Songs aber Songs, oder nicht? Lidell: Nun ja, während meiner letzten Tour hatte ich des öfteren das Gefühl, live nur einen Job zu erledigen. Gerade wenn Songs nur Songs sind. Das ist nicht das Wahre. Aber auf jeder Tour gibt es zwangsläufig Momente, in denen alles schlecht ist. Man ist in einer Stadt wie Kassel, das Wetter

Eltern sorgen sich ja immerzu: Junge, wie wär‘s mal mit einem richtigen Job? Aber wenn du mit Elton John auf Tour gehst, ist plötzlich alles in Ordnung.

mies, deine Stimme abgefuckt, man hat Stress mit der Freundin und die Band schlechte Laune. Dann stimmt der Sound auf der Bühne nicht usw. Trotzdem spielt man die beste Show der gesamten Tour. Am nächsten Tag ist alles perfekt, aber die Show ist kacke. Das ist das Mysterium von Tourneen. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass man an schlechten Tagen etwas fühlt. An guten Tagen gibt es keinen Blues. Wenn man immer beschwingt ist und bourgeoise abhängt, kann das zur Falle werden. Ganz ehrlich: Den meisten DJs geht es doch so. Die kriegen Unmengen an Kohle, nur um ein paar Knöpfe zu drücken. Wo ist da die Leidenschaft? Debug: Bei den Aufnahmen hast du diesmal unter anderem mit Beck gearbeitet, insgesamt liest sich die FeatureListe wie die eines HipHop-Albums. Lidell: Mit Beck war ich 2006 auf USA-Tour. Seitdem war er immer sehr an meiner Musik interessiert. In letzter Zeit hatte er sich mehr dem Produzieren von Musik gewidmet und dachte sich vielleicht, dass er mir aushelfen könnte. Also waren wir gemeinsam in seinem Homestudio, auch zu sehen, ob wir zusammen harmonieren. Anfangs war ich natürlich eingeschüchtert, sein Haus und das ganze Drumherum. Er arbeitet sehr fokussiert, ist aber zugleich ein totaler Träumer. Eine interessante Kombination. Er ist für zehn Minuten weg und kommt dann mit einem Songtext zurück, wo man sich fragt, wie er das zur Hölle hinbekommen hat. Das ist eins seiner wirklich großen Talente. Das kann einen als Textschreiber natürlich auch ziemlich frustrieren. Eine Weile später, ich hatte in der Zwischenzeit in New York einiges an Material gesammelt, bin ich zurück zu Beck nach Kalifornien und wir haben dort zusammen bei seinem Record Club gespielt. Das sind LiveStudio-Sessions, die er dann auf seine Website packt. Dort waren dann die ganzen anderen Musiker: James Gadson, die Jungs von Wilco, Leslie Feist ... Debug: Wie muss man sich sein Zuhause vorstellen? Lidell: Recht komfortabel, aber nicht opulent. An seiner Stelle könnte man sich auch zur Ruhe setzen, aber er ist ein Getriebener. Es wurde dort also viel improvisiert und es gab eine sehr gelassene Atmosphäre. Nikka Costa war in der Nähe und so haben wir danach mit dem Record Club einfach für zwei Tage wild aufgenommen. Meine vorherigen Skizzen haben wir auf den Monitoren gehabt und haben Massen von Sounds auf die Festplatten gespielt. Mit dem Material bin ich dann nach Hause, aber irgendwie war ich überfordert, ich brauchte jemanden, der seine Meinung dazu sagt. Den Part hat dann durch glückliche Zufälle Chris Taylor von Grizzly Bear übernommen, der im Gegensatz zu mir wenig Skrupel hatte, größere Teile einfach herauszunehmen. Zuletzt kam eine weitere Aufnahmesession, wir haben uns mitten im kanadischen Wald für zehn Tage in Leslie Feists Häuschen eingenistet. Da wurden bestehende Löcher gefüllt und wir haben nach magischen Sounds gesucht. Debug: Magische Sounds? Lidell: Genau. Zum Beispiel Chris Taylors Bassklarinette, die wir durch einen Verzerrer gejagt haben.

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POP

TEXT PHILIPP RHENSIUS

CocoRosie sind Schwestern, sie operieren am liebsten im Unfassbaren und hantieren mit Versatzstücken aus HipHop, Rock, Oper und Folk wie Kinder mit Bauklötzen. Im Gespräch zum neuen Album "Grey Oceans" sprechen sie über ihre Wurzellosigkeit, die XXX-Kultur und zücken die Tarotkarten.

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ierra und Bianca Casady vereinen eine Menge Widersprüche in sich, nicht nur musikalisch. Im Moment drücken sich so tief ins Sofa des Labelbüros, dass man sich unwillkürlich wie ein Eindringling vorkommt. "Das liegt nur daran, dass wir zuviel Kaffee getrunken haben", versichert Bianca, die Ältere der beiden. Doch ganz nimmt man ihr das nicht ab, das Künstlerimage wird ein bisschen zu offensiv ausgestellt. Beide tragen bunte Filzhüte, Bianca obendrein einen künstlichen Ziegenbart und plakativ maskuline Klamotten. Das demonstrative Gelümmel quer übers Sofa und absurd lange Pausen zwischen Frage und Antwort runden das Bild ab. CocoRosies Erscheinung und Musik nährt sich von Beginn an aus einer hippiesken Naturverbundenheit und spiritueller Esoterik, die zwischen den Antipoden einer grenzenlosen Infantilität und bleischwerer Melancholie "erwachsener" Ernsthaftigkeit hin- und hertaumelt wie ein manisch Depressiver. Dabei klingt "Grey Oceans" reifer, durchdachter, gleichzeitig aber auch unbefangener als die bisherigen Alben. Wie schafft man es, zwischen den verschiedenen Modi hin- und herzuschalten? "Für uns existiert die Unterscheidung von erwachsen und kindisch einfach nicht. Wir mögen dieses XXX-Ding nicht." Die Schwestern lachen ausgiebig. Wie bitte? "Diese XXX-Kultur, die es in den ganzen Videotheken und so gibt." Das Kindsein ist ein beliebtes Thema der beiden, als Kinder waren sie nie wirklich sesshaft und reisten ständig mit Mutter oder Vater durch die Weiten des mittleren Westens. Nomadisch sind sie auch heute noch, so ist das neue Album an fünf verschiedenen Orten entstanden, darunter Buenos Aires und Melbourne. "Es hilft sehr, an verschiedenen Orten aufnehmen zu können. Wir ziehen es vor, nicht immer nur an einem Ort zu bleiben. Wir haben keine feste Wohnung und sind ständig auf Reisen, wir sind wurzellos." Unversehens springt Bianca auf und holt Tarotkarten. "Los, du musst drei ziehen", drängt sie mich. Mit akribischer Leidenschaft beginnen die Schwestern die durchgehend beängstigend finster wirkenden Bilder zu interpretieren. Dabei schauen sie sich immer wieder gegenseitig an,

Wir lieben es, in der Natur zu sein, wenn die ganze Welt noch schläft und die Tiere beginnen, miteinander zu kommunizieren und ihre eigene Form von Musik machen. überlegen, knobeln konzentriert an der Auslegung meiner Schicksalskarten. Schön zu hören, dass die zwei Totenkopf-Hälften, die meine Gegenwart repräsentieren, nicht lebensbedrohlich sind. "Aber du solltest deine denkende, praktische und deine kreative Seite besser in Einklang bringen." Bianca fixiert jetzt beim Sprechen ständig wechseln-

de Punkte im Raum, als ob sie mit offenen Augen träumen würde. Derweil erklärt Sierra den Albumtitel und dass das Zwielicht ein zentraler Begriff vieler Songs sei. "Wir mögen die Idee, völlig aufzugehen im Zustand verschiedener Bewusstseinsebenen, bei denen man nicht wirklich schläft, aber auch nicht ganz wach ist. Wir lieben es, in der Natur zu sein, wenn die ganze Welt noch schläft und die Tiere beginnen miteinander zu kommunizieren und ihre eigene Form von Musik machen", ergänzt Bianca und bringt CocoRosie damit auf den Punkt. Zwei Frauen, die der Welt zeigen, was die meisten Menschen nicht zu sehen imstande sind, da sie sich an einer kollektiv legitimierten Realität festklammern. Der sich CocoRosie logischerweise genauso verweigern wie einer festen Identität. CocoRosie, Grey Oceans, ist auf Souterrain Transmissions/Universal erschienen. www.souterraintransmissions.com

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INDIE

TEXT THADDEUS HERRMANN

Wozu muss man mit anderen Musikern Sixpacks trinken, wenn es ProTools gibt?

THE NATIONAL PACK VERTRÄGT SICH Die amerikanischen The National klingen so New York wie nur Interpol zu ihrer besten Zeit. Den Durchbruch erlebte die Band zusammen mit und auch durch den Wahlsieg von Barack Obama. Und obwohl sie kein bisschen so klingen, sind sie trotzdem die gelebte Antithese der Indie-Romantik. Screengazing ersetzt Shoegazing.

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m Anfang sind unsere Songs voll bis obenhin, als hätten sie von der ersten Idee an konsequent Fett angesetzt. Dann stecken wir ihnen den Finger in Hals und lassen sie den Ballast wieder auskotzen. Dabei brüllen wir uns an und kündigen uns gegenseitig die Freundschaft auf. Sind die Songs dann rank und schlank, vertragen wir uns wieder und die Platte ist fertig." Achtung, Borderline! Matt Berninger, Sänger von The National, würde niemals so explizit den Alltag seiner Band beschreiben, dazu ist er viel zu gut erzogen und außerdem zu müde. Zusammen mit dem Songschreiber Aaron Dessner sitzt er in der Lobby einer Berliner Luxus-Herberge und lässt die Journalisten ihre Fragen stellen. In Deutschland ist man spät dran mit dem Hype um die Band, da muss schnell gehandelt werden. Die Geschichte stimmt aber. Berninger und die vier anderen Mitglieder der Gruppe, zwei Brüderpaare (Aaron und Bryce Dress-

ner, Bryan und Scott Devendorf), kämpfen bis aufs Blut, wenn es um die Fertigstellung einer neuen Platte geht. Und nach "Boxer", dem letzten Album, waren sich alle nicht sicher, ob sie diesen schmerzhaften Prozess noch einmal durchstehen würden. "High Violet", das neue, fünfte Album, beweist das Gegenteil. Zum Glück! Welchen Grund hätte man sonst, dem Indierock die erste Lobhudelei 2010 auf den Leib zu schneidern. Das Geheimnis der Band: nichts neu erfinden, sondern einfach alles nur besser machen. Von Grund auf. Viel melancholische Euphorie, die richtige Prise Stadion-Attitüde, große Texte, vorgetragen im mitreißenden Bariton. Ein schlichtes Konzept, eigentlich, aber doch von keiner anderen Band im Moment so perfekt umgesetzt. Dazu kommt natürlich das einzigartige Songwriting. Und das ist auf "High Violet" noch besser als auf "Boxer", dem Album, mit dem die Gruppe endgültig den Durchbruch schaffte. "Für uns ist die neue Platte schon eine Art Neuanfang, ein Abschied von Techniken, die unseren Sound bislang bestimmt und geprägt haben. Weniger Finger-Picking auf der Gitarre! Ganz wichtig. Aber auch mein Part hat sich geändert. Ich schreibe Lyrics generell immer zur Musik, nie trocken. Dieses Mal aber habe ich versucht, erst eine gute Melodie zu finden, die ich dann später vertextet habe. Außerdem war uns wichtig, alle Komponenten unserer Songs noch stimmiger miteinander zu vermischen. Wir setzen Sounds nicht ein, um einen bestimmten Effekt zu erzielen, eine Stimmung zu verstärken. Das muss man erstmal zusammenkriegen: Wie verhalten sich eine Klarinette und eine

verzerrte Gitarrenwand zueinander, wie kann diese Mischung Sinn machen?" Der Skandal daran: All das entscheidet The National nicht etwa zusammen im dunklen Proberaum, sondern über das Netz. Matt wohnt in Brooklyn, die Brüderpaare immer noch in Ohio. Skizzen werden ausgetauscht, Runden gedreht mit dem iPod, neue Fragmente in den Heimstudios aufgenommen, wieder auf den Server gestellt. "Das ist auch der Grund, warum unsere Songs immer so viel Fett ansetzen ... wir fügen einfach immer noch etwas dazu", sagt Matt, der sich übrigens mittlerweile von den beiden Pärchen wie adoptiert fühlt. Und dann gehen die Kämpfe über die Bühne und dann ist die Platte fertig. "The National" ist die gelebte Antithese der Indie-Romantik. Gemeinsam sind wir stark? Vielleicht, aber bitte nicht jeden Tag. Screengazing ersetzt Shoegazing. Wozu muss man denn mit den anderen Musikern Sixpacks trinken, wenn es ProTools gibt?! Bei "The National" ist nicht der Weg das Ziel. Das ist viel zu klar definiert und der Weg dahin hat sich bewährt. Denn: "Boxer" war ein Hit, hat sich allein in den USA rund 200.000 Mal verkauft, der Track "Fake Empire" wurde immer wieder von Obamas Medienberatern für die Präsidentschaftskampagne eingesetzt. Obwohl es der Band eigentlich gar nicht Recht ist, vor einen politischen Karren gespannt zu werden. Nach acht Jahren Bush aber ging es nicht anders. Die Republikaner bezeichnet Matt als "the dark side" und "psychotic fanatics", die Entscheidung von Obama, "Fake Empire" zu verwenden, als "deep". Solche charismatischen Songs finden sich auch auf "High Violet" zu Hauf. "Runaway" zum Beispiel wogt im gemächlichen, fast schon Balladen-artigem Tempo und es sind genau solche Texte, die die großen Gefühle des Lebens wieder greifbar machen, die Fäuste wie automatisch in die Höhe schnellen lassen und uns teilhaben lassen an etwas, das aus unserer Wahrnehmung fast vollständig verschwunden ist. Es wird Zeit, die kleinen Tragödien des Alltags nicht länger zu ignorieren. Wir brauchen mehr Hymnen. The National, High Violet, ist auf 4AD/Indigo erschienen. www.4ad.com www.americanmary.com Einzige Deutschland-Konzerte: 8. Mai - Berlin, Huxleys 9. Mai - Berlin, Astra

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INDIE

TEXT PHILIPP RHENSIUS

und bestätigt damit den anfänglichen Eindruck, eine Person zu sein, die immer zu Späßen aufgelegt ist. Die Philanthropie nimmt man ihnen trotzdem ab, ist doch Broken Social Scene eine Band, die es schafft, mit ihrer ungewöhnlichen Mischung aus Indie, Rock, Folk und Elektronika, Musikliebhaber jeder Couleur zusammenzubringen. Der Gemeinschaftsaspekt ist dabei schon in der Existenz der Band selbst eingeschrieben, die innovative Stärke ihrer Musik lag schon immer im Konzept des offenen Kollektivs, bei dem jeder gleichberechtigt seine individuelle Kreativität einbringen kann. Während jedoch beim letzten Album noch Musiker im zweistelligen Bereich beteiligt waren, so ist die Zahl der Mitglieder während der letzten Tour auf sechs Kernmitglieder exklusive etlicher Gastmusiker konzentriert worden. Und trotzdem klingen sie immer noch so, als hätte man zum Zweck einer psychologischen Studie 30 talentierte Musiker aus den unterschiedlichsten Genres in ein abgelegenes Landhaus eingeschlossen, nur um zu beobachten, ob der Zwang zur Kompromissbereitschaft kreative Ergebnisse liefern kann. Es ist schwer vorstellbar, wie das alles ohne klassischen Bandleader funktioniert, der ab einem bestimmten Punkt die wilde Jamsession der Überkreativen in einigermaßen geordnete Bahnen lenkt. Doch genau das ist das Rezept. Dabei bleibt die Band ihrer musikalischen Identität treu, nur, dass sie diese noch mehr auf den Punkt bringen. Unerwartete Instrumentenklänge, Intros und epische Instrumentals schieben sich immer wieder zwischen klassische Songstrukturen und brechen diese auf.

BROKEN SOCIAL SCENE ALLE FÜR ALLES Broken Social Scene sind ein Phänomen. Ihr neues Album "Forgiveness Rock Record" zeigt, wie man in Zeiten eines ubiquitären Retrozwangs ganz unbefangen eine Vision von Rockmusik verfolgen kann, die den Sprung in die neue Dekade geschafft hat. Im Gespräch mit De:Bug sprechen Kevin Drew und Brendan Canning dann aber über Leonard Cohen als musikalischen Mentor.

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er einzige Grund, warum wir hier sitzen, ist doch, weil die Leute unsere Musik mögen. Und wir sind echte people junkies", erzählt Kevin Drew mit bodenständigem Pathos, nachdem er sich höflich dafür entschuldigt, während des Interviews zu essen. Er und Brendan Canning haben gute Gründe, so gut gelaunt zu sein, denn nach fünf Jahren, vielen Nebenprojekten und etlichen Welttourneen haben sie endlich ein neues Album unter ihrem Vorzeigeprojekt fertig gestellt. Der Titel ist Programm, sie bitten die Welt um Vergebung. Mit Hilfe von Rockmusik. Natürlich nicht wirklich. "Es liegt selbstverständlich auch eine gewisse Ironie im Titel. Wie lustig es auch wäre, wenn wir diesen Namen völlig ernst meinen würden", erklärt Brendan

DIRIGENTEN IM KOLLEKTIV "Wir haben hart daran gearbeitet, alle Mitglieder zu involvieren. Deshalb gibt es so viele verschiedene Melodien in einem einzigen Song. Jeder sollte die Möglichkeit haben, seinen Beitrag zu leisten. Es geht vor allem darum, Geduld zu haben und zu schauen, was für den Song am Besten passt", sagt Drew. Auf die Frage, ob es nicht doch die beiden Bandgründer sind, die die endgültigen Entscheidungen treffen, antworten sie vehement und beinahe routiniert synchron: "Nein, auf keinen Fall, alle sechs mussten mit entscheiden". Die Strukturen konventioneller Gitarrenmusik werden dabei nach wie vor dekonstruiert, die Sounds und Instrumente bedienen sich einer nicht festgelegten Genre-Ästhetik und Synthesizer existieren gleichberechtigt neben Geige, Trompeten oder Country-Gitarren. Auch wenn diese Beschreibung für jede Krautrockband gelten könnte, so besteht doch der Unterschied vor allem darin, dass die Musik auf musikalischer Ebene zwar akustisch, aber

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Leonard Cohen sagte mal zu mir beim Frühstück: Du musst wirklich aufpassen, dass deine Lyrics nicht wie Slogans klingen. Damit hat er vollkommen Recht!

strukturell sehr elektronisch klingt: Auch die Instrumente, die in jedem Track auftauchen, klingen immer kategorisch anders. "Es liegt vor allem daran, dass wir alle sehr unterschiedliche Musik hören und niemand denselben musikalischen Hintergrund hat. Ich persönlich bin besessen von Popmusik, also habe ich versucht, das irgendwie einzubauen. Niemand von uns hätte sich je vorstellen können, einen dreieinhalbminütigen Popsong wie 'Forced to love' zu machen. Und selbst dabei wollten wir etwas weiter gehen und nicht ganz streng am Strophe-Refrain-Prinzip festhalten". Brendan ergänzt: "Wir stehen auch auf Ambient-Platten und glitchy Beats. Außerdem würde niemand von uns den Refrain einfach doppeln, nur weil er eine wichtige Message enthält. Das erinnert mich übrigens an etwas Interessantes, was Leonard Cohen mal zu mir beim Frühstück sagte: Du musst wirklich aufpassen, dass deine Lyrics nicht wie Slogans klingen. Damit hat er vollkommen Recht". Dabei greifen sie immer wieder das Prinzip auf, mit dem sie schon mit den vergangenen Alben direkt in die Herzen verirrter Indiefans trafen: Das Prinzip der maximalen Instrumenten- und Ideendichte. Ob der hymnische Rocksong "World Sick", das elegische "All to all" oder "Chase Scene", bei dem im wahrsten Sinne des Wortes der elektronisch gefilterte Drumbeat, die atmosphärische Westerngitarre und die angezerrte Synthiemelodie um die akustische Vorherrschaft konkurrieren: Die neuen Songs vereinen auf den ersten Blick eine unmittelbare Einfachheit, doch dahinter verstecken sich oft komplexe Arrangements. Es liegt auf der Hand, dass der legendäre Produzent John McEntire dafür mitverantwortlich ist. "Er war wirklich großartig. Er wirkt wie ein Wissenschaftler, wenn man ihm bei seiner Arbeit zuschaut. Und manchmal benötigte er einfach eine Ewigkeit, irgendeine kleine Spur aufzunehmen, die er dann durch all die ganzen Effekte, Kompressoren und Oszillatoren schickte", schwärmt Kevin, während er den letzten Bissen seines Chop Sueys verschlingt. SINGEN FÜR DEN ERFOLG Neben der neuen, kompakten Bandsituation ist ein weiterer Aspekt neu. Der Gesang ist deutlich in den Vordergrund getreten. Während er früher aufgrund gewollter Unverständlichkeit eher als aussageloses Instrument funktionierte, ist es den Musikern immer wichtiger geworden, bestimmte Themen zu vermitteln. Fernab von jeglichen Slogans natürlich, möchte man augenzwinkernd hinzufügen. Selbst bezeichnen sie ihr neues Werk als eine Art Punkalbum. Plakativität wird dabei jedoch stets vermieden. "Alles ist politisch, alles ist persönlich und alles ist emotional", gibt Kevin weise zu Protokoll und führt fort: "Kritik ist generell wichtig und wir haben schon immer das Bedürfnis gehabt, unsere Meinung über das, was in der Welt passiert, preiszugeben." "Da steckt aber auch viel Ironie drin, also alles nicht so ernst nehmen!", unterbricht Brendan, der stets darum bemüht ist, die scheinbare Ernsthaftigkeit Drews zu relativieren. Dass manchmal aber auch die Beobachtung eines kleinen Mikrokosmos gehaltvolle Sozialkritik enthalten kann, beweisen BSS mit ihrem Song "Texico Bitches", den Kevin sofort anstimmt: "Talking on my pho-phone, ist das der richtige Text? Ja klar, was denkst du? (Brendan stimmt mit ein): Tired of the old bones, the air he breathe is real, why do you like to steal, the guns beneath the youth, the story needs some truth". Broken Social Scene, Forgiveness Rock Record, ist auf City Slang/Universal erschienen. www.brokensocialscene.ca www.cityslang.com

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MODE

TEXT TIMO FELDHAUS

FOTOS SEBASTIAN MAYER & PAUL MPAGI SEPUYA

ITEM IDEM DAS ICH IM ANDEREN Cyril Duval ist ein wenig der Cindy Sherman der Popkultur. Mithilfe von Perücken, Schminke und verschiedenster Kleidung schlüpft er in der hier zum Teil abgebildeten Fotoserie in jeweils andere Rollen und arrangiert ikonische Bilder der Mode-, Kunst- und Popkultur neu. Über diese Arbeit hinaus betreibt er mit dem multidisziplinären Brand-Charakter und Alter Ego Item Idem eine Selbstgestaltung neuen Formats.

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tem idem, in the business of selling dreams since the XXth century" hängt statt einer Adresse den Mails von Cyril Duval an. Item Idem aka Cyril Loup Aime Duval Hörlin du Houx aka Cyril Duval begreift Mode, Kunst, Design, Marketing und Inneneinrichtung als ihm jeweils zuarbeitende Felder, die man bestenfalls so lapidar miteinander verknotet, dass man sich gleichzeitig repräsentativ darin bewegen kann, und dennoch möglichst weit an jeder Form von Fassbarkeit entlang schliddert. Der in Paris geborene Konzeptkünstler arbeitete bereits mit Künstlern und Supermarken wie Comme des Garçons, AA Bronson, Colette oder Michel Gaubert zusammen, er war Fashion Director des japanischen Magazins Tokion und in Tokio designte er auch den ersten Flagship Store von Bernhard Wilhelm, für den er einigen Junk aus Tokios Vorstädten plünderte und in der Boutique neu inszenierte. Klickt man auf den unter seinem Wikipedia-Eintrag aufgeführten Link mit Namen "zeigeist' think tank“, gelangt man zu Facebook. Hier skippt man sich durch über 520 Fotos, in denen Duval sich facettenreichen Selbstinszenierungen hingibt, Zeiten und Orte durchschreitend, wild durch die Kunst- und Modegeschichte zitierend. Viele der Bilder sind aber auch nur Schnappschüsse von ihm selbst. Nicht mehr aber auch nicht weniger, denn er verfügt über einen hohen Grad an modischer Experimentierfreudigkeit. In der aktuellen Ausgabe des italienischen Apartamento-Magazin zeigt Duval seine Wohnung in Tokio her. Das "everyday life interiors magazine“ ist genauso ein neues Medium wie Ausdruck der neuen Design-Ansätze, mit denen wir uns in dieser Ausgabe beschäftigen. Die fotografischen Homestories von wenig bekannten, aber extrem coolen Menschen, sagen eigentlich etwas Banales: Deine Wohnung muss nicht von Designexperten für viel Geld gestaltet werden, jeder ist seiner Schönheit eigener Schmied und auch der Indie-Mensch kann geschmackvoll schmieden. Duval sagt dort im Interview, er sei ein Vakuum. Kunst als Leben, natürlich, aus diesem Versprechen der Avantgarde speist sich auch die Geschichte von Duval, aber eher noch die Kunst des dokumentierten Lebens. Die hier vorgestellten Werke sind Teil einer Serie, in der Duval in immer andere Identitäten schlüpft und ikonische Bilder nachstellt. Die angewandten Modelle sind dabei nicht neu, sehen allerdings fabelhaft aus. Die künstlerische Methode, die er bei all dem am traumwandlerischsten beherrscht, sind die der Multikanal-Vernetzung und der permanenten Selbstinszenierung. Die Verknüpfung dieser Felder machen ihn zu einem Paradebeispiel virtueller Hochstapelei - ein neonfarbener, monumental aufgeblasener Felix Krull - und damit zu einem zeitgenössischen Künstler par Excellence. Dabei sind die Endprodukte seiner Arbeit eigentlich weniger interessant als die Person, das Leben, das zu einem künstlerischen Endergebnis führte. Im Juni wird er in der im Berliner Haus der Kulturen der Welt residierenden Wanderausstellung Dysfashional zu sehen sein, in der Werke an der Schnittstelle von Kunst und Mode gezeigt werden. Derzeit arbeitet er an dem Set-Design zu einer Oper des Splatter-Porno-Schwulen-Film-Regisseurs Bruce LaBruce. Die dokumentierte E-Mail-Unterhaltung führt er aus dem Libanon, wo Duval wegen Asche gerade nicht weg kann.

Nichts ist neu. Meine Arbeit ist ausschließlich eine Reaktivierung, eine Hommage, die nochmals auf die Großartigkeit des Originalwerkes aufmerksam machen, sie gewissermaßen noch verstärken soll.

Debug: Was ist die Bedeutung von Item Idem? Cyril Duval: Es ist ein Vehikel, das meinen Wunsch ausdrückt, ein absolutes Medium herzustellen, eine fiktionalen Marke, die alle möglichen Felder miteinander verbindet. Dinge werden unter Item Idem verlinkt, reproduziert, vernichtet, adaptiert, vermischt und prozessiert. Debug: Warum ist Tesafilm in den Haaren von Michael Jackson? Duval: Ich konnte mich nicht als Michael Jackson ausgeben, wie es etwa bei den Bildern von Rei Kawakubo oder Nazi Milk der Fall ist. Jackson ist eben wirklich ein Unikat. Vor dem Hintergrund des Scheiterns habe ich mich entschieden, das Originalbild von Jeff Koons zu verfremden. Es funktioniert meiner Meinung nach eher als Kommentar auf Zerbrechlichkeit, Fragilität und Unbeständigkeit. Debug: Bist du in irgendeiner Weise beeinflusst von der Arbeit Cindy Shermans? Duval: Ja und nein. Sie ist sicher eine der interessantesten Fotografinnen, die es gibt. Im Gegensatz zu ihr fotografiere ich mich aber nicht selbst, sondern entwerfe, führe "Regie" und performe. Ich interessiere mich eher dafür, berüchtigte, bereits bekannte Bilder neu zu interpretieren, das können historische Werbeaufnahmen, Kunst-Fotografien oder Skulpturen sein. Debug: Aber wenn du etwa diese sehr bekannte Fotografie der kanadischen Künstlergruppe General Idea in genau derselben Art nachstellst, was genau ist da der Mehrwert? Duval: Nichts ist neu. Meine Arbeit ist in diesem Fall ausschließlich eine Reaktivierung, eine Hommage, die nochmals auf die Großartigkeit des Originalwerkes aufmerksam machen soll, sie gewissermaßen noch verstärken soll. Debug: Aber sind nicht alle Arbeiten, die an der Schnittstelle von Kunst und Mode entstehen, ein wenig prätentiös, nachdem Elsa Schiaparelli und Salvador Dalí sich getroffen haben? Duval: Wahrscheinlich schon. Ich bin eher fasziniert von Dalí selbst und der Überfülle an Werbung, die er lange vor Andy Warhol für seine Arbeit benutzte. Die Verbindung von Kunst und Mode ist im Grunde langweilig. Es ist das Feld von Louis Vuitton, und passiert da nun wirklich nichts neues. Debug: Glaubst du, dass Self-Designing, zum Beispiel durch Facebook oder lookbook.nu, einen starken Einfluss darauf hat, wie vor allem junge Leute heute denken? Hast du eine bestimmte philosophische Strategie parat für den zerbröselnden Begriff der Identität? Duval: Zur ersten Frage: Ich hoffe es. Denn es ist der Kern von dem, was ich tue und glaube. Ich versuche, jeden Aspekt meines Lebens und meiner Arbeit selbst zu konzipieren und zu designen. Dadurch, dass ich sie multidisziplinär anlege und Magazine und andere Medien als Ausstellungsorte begreife, virale Kommunikation bevorzuge und über Facebook-Gruppen und meinen Colette-Blog in Erscheinung trete. Es geht mir schon darum, eine sehr persönliche und auch eine reiche Persönlichkeit zu kreieren. Diese Persönlichkeit, trotz ihrer hoher Transparenz, ist mir nicht zu nehmen. Wenn man es doch tut, bin ich verloren. www.itemidem.com www.blogs.colette.fr/itemidem

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LINKS Shirt: Anntian Hose: Diesel RECHTS Kleid: Stine Goya

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SCREEN SHOOTS Für diese Modestrecke haben wir zwei große Pakete voller Kleider per Post an die zwei Ausnahme-Modebloggern Vanessa Mazal von Panda Fuck und Horst Meier von Lynn & Horst geschickt. In Schwäbisch Gmünd und Frankfurt am Main, in ihren Zimmern, vor ihren Computern haben sie sich selbst inszeniert, wie sonst für ihren Blog. Horst ist ein Meister der Photo-Booth-Fotografie und Vanessa knipst sich selbst konsequent unscharf mit der Digitalkamera.

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MODE

LINKS Sakko: Vintage Sweater: Peter Jensen Hose: Carin Wester Schuhbänder als Gürtel: Terence Koh x Converse RECHTS Sakko: G-Star Raw T-Shirt: Carin Wester Radlerhose: American Apparel Jeans: Lee Socken: Model's Own Schuhe: Terence Koh x Converse

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FOTO UND STYLING Lynn & Horst lynnandhorst.blogspot.com Panda Fuck thepandafck.de PRODUKTION Timo Feldhaus INDEX americanapparel.net anntian.de carinwester.com converse.de diesel.com g-star.com peterjensen.co.uk lee.com stinegoya.com

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Digitalkamera

Samsung NX-10 – Portabler Baukausten Der religiöse Grabenkampf um die bessere Fotokamera wird in der Regel zwischen den Firmen Nikon und Canon ausgefochten. Ernstzunehmende Digitalkameras von Samsung waren bislang nicht wirklich auf der Bildfläche, das soll sich mit der NX-10 jetzt ändern. Sie sieht auf dem ersten Blick wie eine zu klein geratene DSLR aus, ist aber eigentlich eine so genannte Systemkamera mit eigens entwickeltem Bajonettsystem, für das aktuell acht verschiedene Wechselobjektive verfügbar sind. Das heißt, es gibt keine Spiegel in der 14,6-Megapixel-Kamera, sondern einen CMOS-Sensor im APS-C-Format, der größer ist als bei anderen Micro Four Thirds und zudem das 3:2-Format bedient. Videos können bis zu einer Länge von 25 Minuten aufgenommen werden. Die NX-10 besetzt somit mehr oder weniger die Nische zwischen DSLR und Micro Four Thirds. Eine Besonderheit: das AMOLED-Display, das man von neueren Smartphones kennt, und nicht nur weniger Strom verbraucht als herkömmliche LCD-Displays, sondern auch um einiges mehr an Bildschärfe mitbringt. Das macht für Point-and-Shoot-Fotografen mit bildqualitativen Ansprüchen natürlich ein großartiges Fass auf. Zusätzlich gibt es einen Sucher mit integriertem VGA-Display, der aber nicht so recht überzeugen will. Uns ist bislang kaum eine Digitalkamera der Prosumenten-Kategorie untergekommen, die derart mit ihrem Display, auf dem sich heute ja ein Großteil der fotografischen Aktivität abspielt (Bilder schießen, angucken, bearbeiten), überzeugen konnte. Ebenfalls merkt man, dass Samsung in Sachen Menüführung und Intuitivität auch andere Elektroniksparten wie eben Handys bedient, da das GUI frisch aufgearbeitet ist und zudem einen Amateur nicht zu sehr mit Belichtungs- und Verschlusszeiten-Latein überfordert. Der Automatikmodus nennt sich hier Smart-Mode und ermittelt recht souverän Makro-, Landschafts-, Sport- oder Porträt-Modi und schießt mit schnellem Autofokus. Die Bildqualität ist sehr überzeugend und irgendwie wird man trotz Markenvorbehalten schnell zum Fan dieses Fotoapparats. Professioneller Spaß beginnt mit Einfachheit und guten Ergebnissen, das wird mit dieser Kamera ausnahmslos bewiesen. Samsung NX-10 – Preis: ca. 600 Euro – www.samsung.de

T-Shirt

Dave Little – Firmament Als in UK jeder drauf war, hatte es Dave Little drauf, die passenden Grafiken dazu zu entwerfen. Er ist der psychedelische Comic-Meister der englischen Rave-Szene. Verpeilte Fischaugen, Farbexplosionen, Biker-Hooligan-Scherze und ein Quentchen Ozeanisches. Mit seinen Covern für Bomb The Bass über S'Express bis Boy's Own (später Junior Boy's Own) und Stereo MC's hat er die UK-Rave-Szene so geprägt wie Rick Griffin die US-amerikanische Flowerpower-Szene in den 60ern. Jörg Haas vom Berliner Laden "Firmament" für abgeklärte Streetwear in Nachhaltigkeits-Qualität mitsamt der angeschlossenen Website "beinghunted.com" ist schon lange Fan von Dave Little. Die Neuauflage der alten "Boy's Own"-Shirts mit dem abgewandelten "Clockwork Orange"-Motiv, die er anregte, waren ein Reißer. Jetzt hat sich Beck's dazwischengeschaltet. Zusammen mit Jörg Haas haben sie für die Lifestyleplattform "Beck's Gold Urban Experience" Dave Little gebeten, es noch einmal zu tun. Little hat ein Stadt-Panorama gezeichnet, bei dem sein Acid-spirituelles Kreismotiv in Form des geäderten Auges etwas schwer Paranoides bekommt. Ein gefundenes Fressen für jeden Fan von 50erJahre-Science-Fiction – und für alle die wissen, dass Raven böse ausgehen kann. Das Shirt ist auf 500 Stück limitiert. Drei davon bieten wir zur Verlosung an. Mail mit dem Stichwort "Dave Little, komm an meine Brust" an wissenswertes@de-bug.de. urban.becks.de – beinghunted.com

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Buch

Jörg-Uwe Albig – Berlin Palace

Und dann ist da der Ausländer. Er sieht ungesund aus, seine Haut ist weiß und seine Haare haben eine Farbe "wie Kot“. An der Kreuzung wirft er sich auf die Kühlerhaube der "Konkubine“ und haucht auf die Windschutzscheibe. "Dann zog er die Zunge durch den Staubfilm, der im scharfen Licht flirrte.“ In der Luxuskarosse sitzen Kleiner Ai und Meister Zhao. So fängt alles an, in China, in einer nahen Zukunft, und im neuen Buch von Jörg-Uwe Albig. "Berlin Palace“ heißt es und seine Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Meister Zhao und Li Ai sollen einen Werbefilm für ein Parfüm namens "Wald“ drehen. Li Ai denkt an Hänsel und Gretel, an Deutschland und Romantik. Und er denkt an seine unerreichte Liebe Olympia Liang, jenes blasse, fast identitätslose Mädchen, das er als Gretel besetzen möchte. E.T.A Hoffmann winkt mit beiden Armen. Hier geht es um unerfülltes Begehren und hilflose, manische Projektion – im kleinen Privaten, wie im großen Gesamtgesellschaftlichen. Denn – man ahnt es schon – draußen in der Realität von Albigs Zukunftsstadt, in der immer die Sonne scheint, weil man die Wolken vertrieben hat, wohnen die Deutschen in Vorstadtslums und putzen an Kreuzungen Autoscheiben. Oder sie verdingen sich wie der blond-blauäugige und von einem Schäferhund begleitete Gangsta-Rapper Sigi als lederbehoster Schunkelsänger vor einem authentizitätssüchtigen Publikum, das SuaheliKoseworte bevorzugt, Yak-Ayran oder philippi-

nischen Zinfandel goutiert und sich mit seinen Stäbchen ständig Kostbarkeiten in den Mund schiebt, auf den Lippen immer eine Weisheit des großen Vorsitzenden Mao. "Warten ist wie Schwimmen im Fluss, ohne die Arme zu bewegen …,“ und so weiter. Die Deutschen dagegen essen fettige, obszöne Würste und lassen sich mit Bier volllaufen. Gegen den Unterschichten- und Migrantenfrust. Oder einfach, weil man das in Deutschland halt so macht. Auf jeden Fall finden die Chinesen das toll. Angst, ja, Vorurteil, ja, verstohlene Bewunderung aber auch. Viel mehr passiert nicht in Albigs Roman, der über weite Strecken fast nur von der prallen Beschreibung seiner scheinbar verdrehten Welt lebt. Literatur als irre Projektion. Damit das wirklich funktioniert, muss man diese chinesisch-deutsche Umdrehung also nicht nur einmal um die eigene Achse drehen, sondern dabei auch von den Füßen auf den Kopf stellen: weniger kontrafaktisches "Was-wäre-wenn?“-Märchen, das den doofen Deutschen einen Spiegel vorhält, als fieses Einnisten in ganz realen Projektionsstrategien jedweder Art. Die Dummen werden am Ende nämlich weder die Chinesen noch die Deutschen sein. DOMINIKUS MÜLLER

Jörg-Uwe Albig – Berlin Palace – Klett-Cotta/Tropen Verlag – www.klett-cotta.de

Fotobuch

Jürgen Teller – The Master II Jürgen Tellers neuster (zweiter) Fotoband aus der Serie mit dem wuchtigen Titel The Master kommt, den Namen karikierend, wieder als flattriges Softcover. Es gibt in dem Band mit ausgewählten, schon vielgesehenen Bildern von 2007-2009, zwei, die mit Selfportrait bezeichnet sind. Das letzte Foto, da steht Teller mit seinem weiß geschminkten und rauschebartigen Weihnachtsmannkopf, nacktem Oberkörper und einer verschmierten, auf halb acht hängenden Trainingshose an einer Laterne. Er hat eine Zigarette in der Hand und schaut rotbackig in die Kamera. Die andere Fotografie ist schon komplexer: "SELFPORTRAIT ... FOOTBALL OR FASHION" entstand 2007 in Kiev als Werbekampagne für Marc Jacobs. Sie zeigt eine nackte Frau, die in High Heels im Wald steht, auf ihrem Kopf, um den Kopf herum, der Kopf steckt in einer, der Kopf ist eigentlich eine riesige Marc-JacobsTasche. Im Hintergrund, auf einem Waldweg, geht ein ukrainischer Junge mit einem Fußball im Arm. Die Szene neben ihm lässt ihn offenbar

kalt. Teller selbst ist nicht im Bild. Aber das ist auch egal, denn im Grunde ist fast jedes Bild von Jürgen Teller auch ein Selbstportrait. Der Fotograf stellt sich nicht nur ständig selbst in seine Bilder, er ist auch sonst auf irgendeine Art immer dort anwesend. Wenn er mit seinen Models in die Heimat nach Bubenreuth bei Erlangen fährt oder seine Eltern und Kinder portraitiert. Teller ragt nicht nur ins Bild, wenn er sich, mit einem Fuß und nackig auf dem Grab seines Vaters stehend, eine Zigarette und einen Fußball haltend, portraitiert. Er ist nicht nur da, wenn er auf einem Konzertflügel im Luxushotel stehend Charlotte Rampling seine Zunge in den Mund schiebt, er ist, und genau das ist es ja, ebenso da, wenn er David Hockney, vollgekläht mit Zigarettenasche, im Ohrensessel ablichtet. Schlaumeier würden das wahrscheinlich Stil nennen, für mich bleibt es ein schönes Geheimnis. Jürgen Teller - The Master II - Steidl Verlag www.steidl.de

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WARENKORB HTC Desire

Smartphones

HTC Legend

Gleich zwei neue Android-Smartphones wirft HTC in den Frühlingsring. Das Legend ist der Nachfolger des Hero und beim Desire handelt es sich um eine aufgebohrte Version des ersten echten GoogleHandys Nexus One. Bei einem fast gleichen Straßenpreis ohne Vertragsbindung und Branding von ca. 450 Euro könnte man denken, man müsse die Unterschiede mit der Lupe suchen: weit gefehlt. Doch zunächst zu dem Gemeinsamkeiten. Beide Smartphones haben ein AMOLED-Display mit resistivem Touchscreen, beide laufen mit Android 2.1, verfügen über eine 5-Megapixel-Kamera mit Blitz, haben ein optisches Trackpad, schlucken microSDKarten mit bis zu 32 GB Kapazität, funken mit HSDPA und verfügen außerdem über UKW-Radio, WiFi und Bluetooth. Die offensichtlichen Unterschiede der beiden Handys liegen im Formfaktor, ScreenGröße und den verbauten Materialien, quasi unsichtbar, doch enorm wichtig sind verfügbarer Speicher und Prozessor-Geschwindigkeit. Das Legend, der Hero-Nachfolger, ist, ähnlich wie die aktuellen Laptops von Apple, eine Unibody-Konstruktion, d.h.,

der Korpus ist aus einem einzigen Block Aluminium gefräst. Entsprechend robust und unkaputtbar fühlt es sich in der täglichen Verwendung an: kein Telefon, das man mit Samthandschuhen anfassen muss. Schick ist es obendrein. Das Display ist 3,2“ groß, die HVGA-Auflösung liegt bei 320 × 480 Pixeln. Bei 512MB ROM und 348MB RAM Speicher bringt man das Telefon selten zum Stottern, alles läuft flüssig und die Geschwindigkeit beim Starten von Programmen etc. ist beeindruckend schnell. Und auch der ”Knick“ ist wieder da: Der untere Teil des Gehäuses, auf dem das Trackpad liegt, ist der einzige Nike-Swoosh der Mobilfunkindustrie. Mitunter ist das sehr unpraktisch, tippt man auf dem Legend im Landscape-Mode auf dem virtuellen Keyboard, hat die rechte Hand eine spürbar längere Strecke zu den Tasten zu überwinden als die linke: Da muss man sich dran gewöhnen. Manövrieren und arbeiten lässt sich auf dem 3,2“-Display aber generell sehr gut, beim Desire allerdings noch besser. 3,7“ umfasst hier der WVGA-Screen mit einer Auflösung von 480 × 800 Pixeln. So haben die vir-

HTC – Desire & Legend

tuellen Tasten noch mehr Platz, genau wie Videos und Webseiten. Im Desire sorgt ein 1GHz-Snapdragon-Prozessor für ziemlich sensationelle Geschwindigkeit, das auf 576 MB aufgestockte RAM hilft dabei. Das Desire hat zwar keinen Aluminium-Korpus, die Verarbeitung ist aber dennoch vorbildlich, die gummierte Unterseite sorgt dafür, dass das Handy gut in der Hand liegt und das Gehäuse hat nicht den Hero-Knick, wodurch man im Landscape-Modus viel besser tippen kann. Kleinigkeiten kommen dazu. So stehen dank des schnellen Prozessors z.B. die animierten Hintergrundbilder zur Verfügung, die erstmals auf dem Nexus One gezeigt wurden. Die Rendering-Geschwindigkeit von Webseiten beeindrucken, dazu hat HTC ordentlich am Browser geschraubt: Textstellen auf Webseiten werden automatisch an die Screen-Größe angepasst, trotz vorhandener Pinch-To-Zoom-Möglichkeit. Copy/ Paste ist einfach und überzeugend implementiert, man kann direkt aus dem Text URLs mailen oder sharen und selbst Flash funktioniert einigermaßen. Nicht immer und nicht überall, normal eingebettete Filmchen lassen sich in der Regel aber direkt im Browser anschauen. Dazu kommt die neue Version von Sense, der HTC-eigenen Skin für Android und Windows Mobile. Die ist allen anderen nach wie vor vor haushoch überlegen. Die Konkurrenz zeigt, wie man Android professionell kaputt verniedlichen kann. Auf sieben Homescreens kann man seine Apps auf dem Desire und dem Legend verteilen. Per FriendStream hat man Facebook, Twitter und Flickr immer im Blick und auch im Adressbuch werden Infos aus den Netzwerken jetzt mit einbezogen. Ruft jemand an, mit dem man auf Facebook befreundet ist, sieht man auch das entsprechende Profilbild. Mit der 5-Megapixel-Kamera lassen sich ordentliche Bilder machen, ganz ohne Rauschen geht es aber nicht. Die Videoqualität ist dann mit dynamischer fps-Rate auch eher mittelmäßig. Aber auch hier hat HTC in beiden Handys ordentlich zugelegt, zudem bekommen die User durch das Sense-Interface Bearbeitungs- und Einstellungsmöglichkeiten, die das Nexus One nicht hat. Fazit: zwei hervorragende neue Mitglieder der Android-Familie. Und weil wir wollen, dass ihr euch selber davon überzeugen könnt, verlosen wir gemeinsam mit HTC ein Exemplar des neuen Desire im Wert von rund 450 Euro. Mitmachen? Schreibt eine E-Mail an "wissenswerters@de-bug.de" mit dem Stichwort HTC. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Legend: im Fachhandel oder bei Vodafone und eplus Desire: im Fachhandel oder bei T-Mobile, Vodafone und O2 htc.com/de

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Buch

Dietmar Dath – Deutschland macht dicht Wie um alles in der Welt soll man "Deutschland macht dicht" beschreiben? Ein Roman irgendwo im Wurmloch zwischen Boris Vian, Kelly Link, Jeff Noon und Enid Blyton? Eine zu dicke 7", der das solide Zentrum abhanden gekommen ist, und die nun quer durch die Welt ihrer Rille driftet, in der immer eine Dimension zuviel auf sich selbst gekrümmt ist? Alice unter den Rädern der Finanzkrise? Ein politisches moralisches Lehrstück für Verwirrte zwischen Viererbande und 5 Freunden? Dietmar Dath hat es mal wieder geschafft, einen zu überraschen. Kinderbuchillustrationen, quadratisches, praktisches Format, Seite um Seite eine Geschichte, in der die Monster der quietschebuntesten Kinderträume, des bundesdeutschen Blätterwalds, der urbanen und ländlichen Mythen aufeinander prallen wie in einem Videospiel. Die Story: Deutschland, magersüchtige Exportnation, wird von geheimen Mächten aus dem globalen Universum in eine Flasche gestülpt, aus deren involutivem Durcheinanderpurzeln kein Entkommen ist. Eine Bande von Freunden versucht zwischen sprechenden und gehenden Kunstwerken, explodierenden Harakiri-Käsen auf Muslimtrip, Banker-Zombies und glibbrigen Geldresten unter Anleitung eines nahezu allwissenden Stoffhasen auf die Fährte der Verschwörung zu kommen. Alles klar? Alles dabei. Spionage, Liebe, Wuscheliges, eine Parade von geschlechtsumgewandelten Bundeskanzlern, Splatter, Halbmenschen, Jesus, desolate Redaktionen und unerwartete Wendungen. Und es passiert in einem um sich selbst gefalteten Universum, in dem nichts so ist wie man es gewohnt war, aber gleichzeitig alles so vertraut, wie es nur einem kindlichen Blick begegnet. Dietmar Dath – Deutschland macht dicht – Suhrkamp – www.rosalievollfenster.de

DVD

Dachkantine – We miss you so much Ein bisschen länger als zwei Jahre existierte die Zürcher Dachkantine. Ein Club, der von Anbeginn an mehr wollte, als "zweibeinigen Portemonnaies" die Franken aus der Hose zu ziehen, oder einem DJ Hell und einem Richie Hawtin ohne Murren 6.000 Euro Gage plus Business-Class-Flug zu bezahlen. Ein Club kann ein eigener Kosmos sein, eine eigene Welt, und das will natürlich jeder Diskomacher, aber das Vakuum, das die Dachkantine in der Schweiz hinterlassen hat, zeugt von seiner einmaligen Ausstrahlung. Die Video-Dokumentation begleitet die Macher, Künstler und auch Partyzipanten während des mehrwöchigen Abschlussfestivals und bedient neben clubdokumentatorischen Allgemeinplätzen, O-Tönen von Ricardo Villalobos und Stefan Betke, Musik von Noze und Narod Niki, auch Zwischenräume der kritischen Auseinandersetzung. Ein dauernd lamentierender Thomas Brinkmann postuliert das Ende der Subkultur, fordert die Ablösung der ersten TechnoGeneration und möchte den jungen Erben so richtig in den Hintern treten. Das Ende der Dachkantine versteht sich als letztes Feuerwerk einer ganzen Musikgeneration. Die DVD vervollständigt nun neben dem bereits erschienenen Buch und den verblassenden Erinnerungen den Nachlass jener Ära.

Dachkantine - We miss you so much Nicole Biermaier, Ravi Vaid und Dion Merz – www.dachkantinefilm.ch

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Palm Pre Plus

Palm Pixi Plus

Smartphones

Palm Pre Plus und Pixi Plus Knubbel & Flunder Es ist noch nicht lange her, da wagte Palm den Neustart. Die Firma hat das Smartphone quasi erfunden und mit Jon Rubinstein (früher Apple) wurde die Firmengeschichte komplett über den Haufen geworfen: ein neues Betriebssystem (webOS) und ein neues Stück Hardware (Palm Pre). In den USA wurde dann schnell ein zweites Telefon hinterhergeschoben. Das Pixi fiel jedoch bei der Fachpresse eiskalt durch: Der langsamere Prozessor, die schlechtere Kamera und das kleinere, schlechter aufgelöste Display und vor allem das Fehlen von WiFi ließ die Experten abwinken. Mittlerweile gibt es beide Telefone in überarbeiteten Versionen

("Plus" genannt) und ab sofort auch in Deutschland. Beim neuen Pre (Testbericht der ersten Version in De:Bug 137) wurde der Speicher von acht auf jetzt 16 GB verdoppelt, Benutzern steht jetzt ebenfalls mehr RAM zur Verfügung. Dieser Schritt war dringend nötig, so kann das webOS seine größte Stärke noch besser ausspielen: Multitasking. Das ist bei Palm schon gelebte Realität, Apple zum Beispiel hat es gerade für den kommenden Sommer erst angekündigt. Die Basis-Features des neuen Pre sind aber dieselben geblieben: HSDPA, WiFi, Bluetooth geben auch in der neuen Version den Ton an. Die QWERTZ-Tastatur wurde leicht

überarbeitet, ebenso die Gesamtverarbeitung des Geräts. Viele User waren ob des wackligen Gehäuses stinkig, der Pre Plus macht einen deutlich besseren Eindruck. Dazu kommt das Betriebssystem, das in seiner aktuellen Version 1.4.1. sehr erwachsen geworden ist und ausgesprochen rund läuft. Mit dem verdoppelten Speicher sind auch klare Geschwindigkeitszuwächse zu verzeichnen, lange Ladezeiten fühlen sich nicht mehr so lang an, 3D-Spiele laufen wunderbar auf dem neuen Pre. Problematisch ist allerdings nach wie vor die Batterielaufzeit. Das Pixi Plus verfügt ebenfalls über HSDPA, WiFi und Bluetooth. Der größte Unterschied ist natürlich der Formfaktor. Kein Slider, sondern ein klassisches Candybar-Handy, allerdings auch mit voller QWERTZ-Tastatur. Die ist trotz geringer Tastengröße ausgesprochen gut zu benutzen, besser als beim Pre Plus um ehrlich zu sein: Das Feedback ist einfach viel angenehmer. Das Pixi Plus verfügt lediglich über acht GB Speicher, die Kamera ist mit zwei Megapixeln eindeutig zu schwach auf der Brust, Fans sind wir trotzdem. Ein webOS-Handy im BlackBerry-Style? Her damit! Für wen Online-Business vor allem Facebook, Twitter, SMS und EMail bedeutet bekommt mit dem Pixi Plus alles, was er braucht, extrem kompakt und robust. Im Inneren des Handys schwitzt ein anderer Prozessor als im Pre. Der ist zwar langsamer getaktet, erledigt seine Aufgaben dank einer anderen Architektur aber bis zu einem gewissen Punkt sehr schnell und überzeugend. Beide neuen Smartphones werden sowohl bei o2 also auch Vodafone angeboten. Ein wichtiger Schritt für den finanziell schwer angeschlagenen Hersteller Palm. Denn auch wenn die Geräte in Deutschland ohne SIM-Lock verkauft werden, wird die schiere Präsenz in den Vodafone-Shops hoffentlich die Verkaufszahlen ankurbeln. Verdient hätten es beide Handys. www.palm.com/de

Roboter

Hexbug Nano – Insekten-Grusel Die Insekten-Roboterfamilie der Hexbugs wächst und gedeiht: Nachdem erst kürzlich der Hexbug Ant auf die Bühne gekrabbelt kam, folgt ihm jetzt der Hexbug Nano. Und der ist wohl der Insektenartigste aller Hexbugs. Der Nano ist, wie der Name schon sagt, verdammt klein, das Teil von der Größe eines Daumennagels hat zwölf Beine, mit denen er unentwegt durch die Gegend düst, dabei regelmäßig Haken schlägt und wenn er umkippt, dreht er sich alleine wieder um. Insgesamt verhält sich der Bot scheinbar so wie ein echter Käfer und der Effekt wird noch viel lebensechter und unheimlicher, wenn mehrere Nanos durcheinanderwuseln - Defintiv nichts

für Insekten-Phobiker! Noch im Mai soll übrigens jede Menge Zubehör für den Nano auf der Markt kommen, unter anderem ein Habitat. Ein Hexbug Nano, den es in fünf Farben gibt, kostet 9,90 Euro, ihr habt allerdings auch die Chance einen von fünf Gratis-Bots abzugreifen, die unser Lieblingsrobotershop General Robots spendiert. Einfach eine Mail an wissenswertes@de-bug.de mit dem Betreff "Käferplage" mit der Antwort auf unsere Gewinnspielfrage schicken: Welchem Insekt unter deinem Sofa soll der Hexbug Nano Gesellschaft leisten? www.hexbug.com/nano – www.generalrobots.de

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Buch

Airen â&#x20AC;&#x201C; I Am Airen Man In "Strobo", seinem Erstling, beschreibt der semianonyme Blogger Airen seine Zeit als Druffi in Berlin. Zwischen Berghain, Hangover und gutbezahltem Praktikum bringt er seine Weisheiten des totalen Exzesses ungeschĂśnt dar. Die Sprache ist direkt und pfeift auf grammatikalische oder literarische Spielereien. Etwas später kam dann der Hegemannsche Plagiatsskandal, indem Airen sich zum einen dadurch auszeichnete, in vorbildlichster Weise von rechtlichen Schritten gegenĂźber der Abschreiberin abzusehen und zum anderen, im Windschatten der Debatte, selbst berĂźhmt wurde. Ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit geraten, musste natĂźrlich sofort ein Nachfolgebuch her. Der zweite Roman soll ja angeblich der schwierigste sein, da der Autor bereits seine ganze in ihm brodelnde Geschichte im Erstling unterbringen konnte. Airen hat dieses Problem nicht, da er einfach weitere Blogeinträge zu einem Buch zusammenmischt. Anders ist hier erstmal der Schauplatz: Mexiko, GroĂ&#x;stadtmoloch. Eine wunderbare BĂźhne fĂźr weitere Exzesse und

Ausschweifungen in Clubs, Bars oder einfach zu Hause beim Kiffen mit den Mitbewohnern. Dazu noch einen gut bezahlten Job und die Sache ist perfekt. Wäre da nicht die Liebe, die selbst vor der "total dichten Sau" Airen nicht halt macht. Und dann wird sie natßrlich gleich schwanger. Passt doch. Das Buch ist insgesamt selbstbewusster geschrieben als sein Vorgänger, der Autor beginnt sich als solchen zu begreifen und will nicht mehr "nur" als Blogger wahrgenommen werden. Einige locker eingestreute Coming-of-Age-Drogengeschichten runden das Airen-Universum zwischen Bayern, Berlin und Mexiko ab und geben weitere Einblick in seine Biografie. Insgesamt kurzweilig zu lesen, wirkt das leider stellenweise zu bemßht. Zu absichtlich Hardcore - doch das kÜnnte durchaus Airens Leben widerspiegeln. MICHAEL ANISER

Airen â&#x20AC;&#x201C; I Am Airen Man â&#x20AC;&#x201C; Blumenbar Verlag â&#x20AC;&#x201C; www.blumenbar.de

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Harald Fricke â&#x20AC;&#x201C; Texte 1990â&#x20AC;&#x201C;2007

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Harald Fricke Texte 1990 â&#x20AC;&#x201C; 2007

Bettina Allamoda, Jens Balzer, Detlef Kuhlbrodt und Cord Riechelmann (Hrsg.) â&#x20AC;&#x201C; Harald Fricke: Texte 1990â&#x20AC;&#x201C;2007 â&#x20AC;&#x201C; Merve Verlag â&#x20AC;&#x201C; www.merve.de

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KITO NEDO

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ins Aug e

den Phä nom ene n

Queer-Szene und Pop, ESG, die BBC-Serie "Life on Mars". SchĂśn, wie hier die Geschichte aus dem Alltag fällt und zurĂźck. Da gibt es etwa eine groĂ&#x;artige Beschreibung der Love Parade 1992, bevor sie vom Ku'damm auf die StraĂ&#x;e des 17. Juni wechselte. Wer waren diese Teenager-Raver, die Techno groĂ&#x; gemacht haben? Fricke wusste es. â&#x20AC;&#x153;Kinder der achtziger Jahre: Sie sind mit dem Computer aufgewachsen, wurden in der Schule Ăźber AIDS aufgeklärt und kennen Woodstock aus der Videosammlung ihrer Eltern. Sie lassen sich das Ereignis der Love Parade nicht nehmen." Auch der feierwĂźtige Rainald Goetz zu seiner "Rave"-Phase, dessen erste Frankfurter PoetikVorlesung Fricke 1998 besucht, hat eine Geschichte: "FĂźr Goetz ist Techno am Rande zum Absturz angesiedelt, so wie er frĂźher etwa von den Virgin Prunes, Sex Gang Children und anderen Totengedenkpunkgruppen fasziniert war." Und der BĂźrgerschreck Genesis Breyer P-Orridge von Throbbing Gristle verrät Man mus [waren] immer eine durch und im Interview: "... wir s ohn e S man in diesem wundurch ehrliche Band." Je länger che u derbaren Buch liest, desto mehr begreift man, wie blic ken kĂśn Wise ine schrecklich leer das Versprechen des "coolen nen and , re W sens" in den falschen Händen von eRechthabern und irkli chk eit Strebern werden kann. Sich trotz allem "entspannt in den Beat zu legen" â&#x20AC;&#x201C; das kĂśnnen dann doch nur wenige. Fricke war einer von ihnen. gibt es n icht .

BĂźcher bitte nicht nach ihrem Umschlag bewerten - so lautet eine alte Merve-Regel. Gilt auch in diesem Fall. Hinter dem trockenen Titel auf kĂśnigsblauer Raute verbirgt sich eine kleine Kulturgeschichte der jĂźngsten Vergangenheit. Harald Fricke war bis zu seinem frĂźhen Tod vor drei Jahren Kunst- und Popkritiker bei der Berliner Tageszeitung taz. Weil Fricke Kunst, Pop und Leben in seinem Schreiben ohne bildungsbĂźrgerlichen Kanon-DĂźnkel aber mit groĂ&#x;er sprachlicher Eleganz zu verlinken wusste, zählt er heute zu den zentralen Kritikerfiguren der langen Berliner Neunzigerjahre. Deshalb ist diese Textsammlung sowohl eine Hommage an einen auĂ&#x;ergewĂśhnlichen Journalisten, als auch ein schĂśner Reader zum eben vergangenen Gestern. Ein geschlossenes Gesamtbild der Neunziger und der ersten Hälfte der Nullerjahre, wie sie hier blitzartig aufscheinen, ergibt sich daraus aber nicht. Denn da, wo andere Schreiber in diesen Tagen alles mit billiger Theorie oder Egotext-Glibber zukleistern, bleibt Fricke nah am Gegenstand und dessen Geschichte. Anstatt einmal groĂ&#x;zĂźgig drĂźberzuwischen, kommt hier der Teilchenforscher zum Zug. Wie knallt was aufeinander? Wo entsteht kritische Masse? Was passiert mit verglĂźhten Sternen? So unĂźbersichtlich die Dinge sind, so komplex bleiben sie auch. Konkret: Marc Almond singt Chanson, DJ Taniths Tarnfarbenfetischismus, Rainald Goetz in Frankfurt, 40 Jahre Motown, Drag-Queen-Theorie, der Brite Richard Hamilton als KĂźnstlerpate der neuesten Malerei, die kĂźnstlerischen Strategien von Louise Bourgeois, Brian Wilson und das High durch Harmonie, Susan Sontag, Throbbing-Gristle-Reunion,

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TEXT SULGI LIE

FILM

SHE’S OUT OF MY LEAGUE GANZ SCHÖN HÄSSLICH

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as Schönheits- und Körperregime Hollywoods ist gnadenlos: Wer nicht gerade mit blendendem Aussehen und einen makellosen Hard Body gesegnet ist, hat vor allem als aufstrebender Jungschauspieler in der Regel keine Chance. Dass dieser Druck nicht nur auf weiblichen Starlets, sondern immer mehr auch auf dem männlichen Schauspielnachwuchs lastet, war zuletzt in Filmen wie der "Twilight"-Serie zu beobachten, bei denen sich die Boys ständig ausziehen müssen, während Kristen Stewart artig verhüllt bleibt. Im zweiten Twilight-Film "New Moon" zeigte sich der erst 17-jährige Jungstar Taylor Lautner in einem derart aufgepumpten Muskelkostüm, dass einem Angst und Bange werden konnte. Derselbe Taylor Lautner fügte sich jüngst in dem bescheuerten "Valentine’s Day" von "Pretty Woman"-Regisseur Garry Marshall in einen ganzen Reigen entblößter Männerkörper – und das in einem Film, der mit Schönheiten wie Jessica Biel und Jessica Alba bestückt ist.

Als einziges Hollywood-Genre setzt sich momentan allein die Komödie dieser grassierenden visuellen Körpernormierung entgegen. Gerade im Umfeld des omnipräsenten Comedy-Regisseurs- und Produzenten Judd Apatows sind in letzter Zeit Schauspieler zu Stars geworden, die denkbar weit weg vom Look eines Brad Pitt sind: So etwa der pummelige Seth Rogen aus "Observe and Report" und "Funny People", der nerdige Michael Sera aus "Year One" oder Jonah Hill, von dem dieses Jahr noch einige Highlights zu erwarten sind, und der von Film zu Film an Körpermasse zuzulegen scheint. Jay Baruchel gehört eher dem entgegengesetzten Körperspektrum an: ein magerer Typ mit schmalen Schultern und ungelenk schüchternen Gesten, mehr pubertierender Junge als Mann, Virilität gleich Null. In "She’s out of my League" des britischen Regisseurs Jim Field Smith – der tolle Titel des Films ist Programm – spielt Baruchel den liebenswerten Loser Kirk, der als Sicherheitsbeamter am Flughafen in Pittsburgh arbeitet. Gerade von

Tieferer Sinn und echte Gesellschaftskritik in einer romantischen Komödie? Regisseur Jim Field Smith beweist in seinem neuen FIlm, dass das möglich ist. Von schrecklichen Freaks und schönen Normalos.

seiner white-trashigen Freundin verlassen, suhlt er sich im Selbstmitleid und verbringt seine Zeit mit seinen nicht minder uncoolen Freunden vom Flughafen: dem dicken Devon und dem geschwätzigen Stainer, der nebenbei in einer Hall&Oates-Coverband singt. Kirk ist das Gegenteil eines Womanizers, doch ausgerechnet die Superblondine und Karrierefrau Molly (Alice Eve) verliebt sich in ihn. Der Film variiert geschickt das beliebte Comedy-Thema der unerreichbaren Traumfrau, denn hier hat sich die Frau längst für den Mann entschieden. Nur er zaudert wegen seines mangelnden Selbstbewusstseins. Molly ist außerhalb Kirks Liga, weil er es sich selbst so einredet. Wenn eine Top-Frau wie Molly auf einen Durchschnittstypen wie ihn steht, muss irgendwas faul sein. "She’s of my League" bezieht sich jedoch nicht nur auf die Diskrepanz der körperlichen Erscheinung zwischen Kirk und Molly, sondern auch auf die Barrieren zwischen verschiedenen Milieus.

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Die Komödie ist eines der wenigen Genres, das Klassenunterschiede überhaupt noch verhandelt.

Überhaupt ist die Komödie auch eines der wenigen Genres, das Klassenunterschiede verhandelt. Bei Kirk und Mollys gegenseitigen Familienbesuchen trifft Proll-Kultur auf Upper-Class-Chic: Ihr gemeinsames Glück ist nicht nur Sache der Körperoberfläche. Das Gespür für soziale Markierungen unterscheidet eine Mainstream-Komödie wie "She’s out of my League" von verlogenen Independent-ArthausFilmen wie jüngst Noah Baummbachs "Greenberg", in dem ein post-depressiver Ben Stiller als gescheiterter Musiker gegen das seelenlose Establishment wettert. Gerade solche Indie-Filme, die vorgeben, irgendwie näher am so genannten "wahren Leben" zu sein, zelebrieren ein selbstgefälliges Befindlichkeitsgejammer, das ganz auf die kleinen Problemchen einer saturierten Mittelklasse hin zugeschnitten ist: Im Pool lässt es sich halt besser leiden. Von einem solchen falschen Indie-Sentiment ist Field Smiths Film zum Glück ligaweit entfernt. Souverän hält er die Balance zwischen sweeter Romantic Comedy, sprü-

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cheklopfendem Buddy Movie und einigen "GrossOut"-Momenten in bester Farelly-Brüder-Tradition: Insbesondere ein vorzeitiger Samenerguss und eine prekäre Intimrasur sorgen für einige grandios witzige Szenen. Und ganz nebenbei erschließt der Film mit Pittsburgh einen neuen Schauplatz, der nicht den Glamour von New York oder Los Angeles hat, aber dadurch umso unverbrauchter wirkt. Kirk muss nach und nach lernen, sein selbstgewähltes Loser-Tum zu überwinden und Molly ihre Upper-Class-Arroganz ablegen. Die Welt der Komödie entwirft eine demokratischere Welt, in der sich die Freaks und die Normalos, die Dünnen und die Dicken, die Schönen und die Hässlichen vermischen. Es ist egal, ob man "in shape" oder "out of shape" ist. Man braucht mehr von Typen wie Jay Baruchel, damit die Taylor Lautners nicht die Leinwand beherrschen. She’s out of my league (Zu scharf, um wahr zu sein) ab 29.4. im Kino

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TEXT ROBERT STADLER

WERBUNG

ZEIT GEWINNEN VIER STUNDEN MEHR AM TAG

GRAFIK WHATCONSUMESME.COM

Die Werbeaktion eines Energy Drinks verspricht Kreativlingen die Lösung ihrer Zeitprobleme: Für ein halbes Jahr wird ihr halbes Einkommen übernommen und so Halbtagsarbeit ermöglicht. In den gewonnenen vier Stunden sollen kreative Projekte verwirklicht werden, die bisher an blankem Zeitmangel scheiterten.

WHAT WE DO WELL

LEARN TO SAY NO

LEARN TO MONETIZE

HOORAY

WHAT WE WANT TO DO

D

ie Geschichte ist ein Klassiker. "Stellen Sie sich vor, Sie hätten so ein kleines Fläschchen (...), in der die Macht liegt, zweimal so schnell zu denken, sich zweimal so rasch zu bewegen, zweimal soviel in einer bestimmten Zeit zu arbeiten wie sonst." Heute würde man wahrscheinlich "Brain Enhancer" sagen, H. G. Wells spricht 1901 in seiner Kurzgeschichte "Der neue Akzelerator" von einem neuartigen "Nervenreizmittel". Wells fantastische Erzählung wirkt in großen Teilen frappierend aktuell, etwa wenn die Protagonisten von den Einsatzmöglichkeiten des Mittelchens schwärmen: Für den "Staatsmann vor einer wichtigen Entscheidung" oder den Autor, der "ein Buch fertigstellen" muss, wäre es "ungemein nützlich", und gleiches gilt eigentlich für alle gestressten Zeitgenossen, ob Rechtsanwalt, Arzt oder Student unter Prüfungsdruck. Aus heutiger Perspektive fällt

LEARN TO DO THIS BETTER

WHAT WE CAN BE PAID TO DO

bei der Lektüre lediglich auf, wie vorbehaltlos das "Nervenreizmittel" begrüßt wird, von Nebenwirkungen oder gar Schattenseiten ist jedenfalls nicht die Rede. Dafür geht Wells bei der Beschreibung des ersten Akzelerator-Trips in die Vollen. Das Mittel beschleunigt nämlich am Ende nicht doppelt, sondern tausendfach: "Wir hatten eine halbe Stunde gelebt, während das Orchester vielleicht zwei Takte gespielt hatte." Ein gutes Jahrhundert später scheint sich an der grassierenden Nervosität und dem individuellen Zeithochdruck nichts geändert zu haben, nur die Marketing-Gepflogenheiten haben sich weiterentwickelt. Statt "Professor Gibberns B-Sirup" aus Wells' Erzählung versprechen heute skurile Kaffeevariationen, Wellness-Joghurts und natürlich zahllose Energy Drinks Stärkung. Und noch eine Parallele ist augenfällig: Revolutionäre Effizienzsprünge kommen nicht

ohne Griff in die Trickkiste des Fantastischen aus. Und das gilt natürlich auch für die Aktion, die von der Werbeagentur Zum goldenen Hirschen Berlin für den Energy Drink "Schwarze Dose 28" ausgetüftelt wurde, mit der zwei bis fünf Menschen tatsächlich täglich vier zusätzliche Arbeitsstunden dazu bekommen sollen. Hier wird allerdings nicht mit chemischen Wundern hantiert, sondern mit einem organisatorischen Kniff: Der Getränkehersteller übernimmt für ein halbes Jahr das halbe Gehalt, um Kreativen zu ermöglichen, nur noch halbtags ihrem regulären Job nachzugehen und sich in den "gewonnenen" vier Stunden einem Projekt zu widmen, dessen Realisierung bislang am Zeitmangel gescheitert ist. Um in den Genuss des Zeitgewinns zu kommen, muss man mit einem eigenen Projekt aus den Bereichen Mode, Musik, Literatur, Design oder Kunst überzeugen, außerdem sollte man glaubhaft machen, es tatsäch-

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Wir veranstalten definitiv keine Casting-Show, wo die Teilnehmer dauernd mit ihrem Produkt in die Medien gedrängt werden. Wir werden die Projekte begleiten, aber es geht nicht primär darum, sie werblich auszuschlachten.

lich realisieren zu können. Im Gespräch erklären der strategische Planer Thomas Brunow, Kreativdirektor Benjamin Schwarz vom goldenen Hirschen und die Verantwortliche für das Marketing der Schwarzen Dose 28, Sandra Böhrs, was im Detail hinter der Aktion steckt. Wir werfen dabei einen Blick in das Innere neuester Werbestrategien. Debug: Bevor wir zur Halbtagsjob-Aktion kommen, sollten wir kurz den Hintergrund erklären, also um welches Produkt es geht und wer dahinter steckt. Sandra Böhrs: Das Produkt "Schwarze Dose 28" wurde von fünf Freunden aus Mainz erfunden - inklusive Design, Namen und Slogan. Das Konzept setzt auf natürliche Zutaten, den Verzicht des üblichen Gummibärchengeschmacks und ein schlichtes, zeitloses Design. Eigentlich wollten die Herren von meinem Mann und mir nur ein paar Tipps für den Vertrieb, aber ihre Erfindung hat uns so gut gefallen, dass wir sie übernommen und die Firma Calidris 28 gegründet haben, um uns voll und ganz dem Vertrieb der Schwarzen Dose zu widmen. Und nach ersten Schritten in Bars kamen wir irgendwann zu dem Punkt, an dem der Slogan "Der Tag hat 28 Stunden" auch inhaltlich gefüllt werden musste. Benjamin Schwarz: Für uns war der Auftrag erstmal ein vergleichsweise gradliniger Fall. Wir haben die Dose bekommen und fanden sie schick, dann schmeckte es auch noch gut und am Ende stellte sich auch noch heraus, dass wir selbst zur Zielgruppe gehören - der "Creative Class", wie es heute so schön heißt. Und wenn es schon einen guten Claim gibt, dann sollte man ihn auch behalten. Thomas Brunow: Um die Marke einzuführen, haben wir eine Auftaktkampagne entwickelt, die mit dem minimalistischen Dosen-Design spielt und das Produkt in einer selbstsicheren Tonalität erklärt: reduziertes Design, hochwertige und natürliche Inhaltsstoffe. Schwarz: Und nachdem der Bekanntheitsgrad inzwischen deutlich gestiegen ist, können wir jetzt das Inhaltliche angehen. Also haben wir uns gefragt, wie wir den Claim glaubwürdig herleiten können - Produktversprechen macht ja jede Marke, aber man muss sie auch belegen. Daher die Idee, jemandem aus der Zielgruppe wirklich vier Stunden am Tag zusätzlich zu schenken und zwar für genau das, wofür nie Zeit bleibt. Brunow: Studien zu Kreativarbeitern zeigen immer

wieder, dass ihnen Zeit als kostbarstes Gut gilt und sie sich im Zweifelsfall für mehr Freizeit statt für mehr Geld entscheiden würden. Debug: Wollen Menschen aus kreativen Berufen nicht eher Zeit für ihr Sozialleben? Böhrs: Als wir auf Facebook gefragt haben "Was würdet ihr mit vier Stunden mehr anfangen?" haben tatsächlich viele mit "Schlafen" geantwortet. Aber ich glaube nicht, dass diese Zielgruppe geschenkte Zeit auf Dauer verpennen würde. Debug: Sorgt das nicht für doppelten Stress? Halbtags wie gewohnt arbeiten und dann zusätzlich ein persönliches Projekt auf den Weg bringen, das vorzeigbare Ergebnisse produzieren muss? Böhrs: Unsere Aktion richtet sich an Leute, die schon lange mit einer Idee schwanger gehen und darauf brennen, die endlich umzusetzen. Und in der Ausgestaltung sind wir flexibel, es muss nicht zwingend ein Halbtagsjob für ein halbes Jahr werden, es ist auch ein Vierteljahr ganz frei vorstellbar, eine Art Sabbatical. Vielleicht wird die Zeit sogar dafür genutzt, sich beruflich neu zu orientieren. Debug: In welchem Verhältnis steht die Aktion zu euren klassischen Werbeformaten, sollen die Halbtagsjobs hier auch Inhalte liefern? Schwarz: Es geht darum, in der Zielgruppe einen glaubwürdigen Punkt zu setzen. Die Aktion ist daher auch ein Test, ob die Marke so funktioniert oder die Zielgruppe am Ende sagt: "Ist ja nur Werbung". Brunow: Es geht nicht darum, dass die Teilnehmer uns Ideen liefern, die wir auschlachten können. Wir wünschen uns, dass zwei bis fünf Leuten die Möglichkeit erhalten, ihr Projekt voranzubringen. Sicherlich ist es schön, wenn dabei auch Dinge entstehen, die später in der Kommunikation eingesetzt werden können. Aber das ist nicht der Anlass. Schwarz: Jetzt geht es erst einmal um überzeugende Projekte, bei denen man das Gefühl hat, dass da jemand eigentlich nur auf unsere Aktion gewartet hat. Böhrs: Wir hoffen, dass sich etwas entwickelt, was nicht 1:1 vorhersagbar ist. Aber ich gehe mal davon aus, dass spannende Typen dabei sind, über die man eine Geschichte erzählen kann. Schwarz: Aber wir veranstalten definitiv keine Casting-Show, wo die Teilnehmer dauernd mit ihrem Produkt in die Medien gedrängt werden. Wir werden die Projekte begleiten, aber es geht nicht primär darum, sie werblich auszuschlachten. Böhrs: Es wird nach dem halben Jahr auch keine Bewertung der Arbeit geben. Außerdem nehmen wir niemandem die Rechte an seiner Arbeit ab. Was wir uns sichern wollen - und ich denke, das ist auch legitim - ist, mit den Sachen zu werben, die Projekte zu dokumentieren, auch in der PR-Arbeit. Klar, wir wollen unser Produkt bekannt machen. Und als Start-up kann ich auch nicht einfach ganz Deutschland mit Werbung zukleistern. Also müssen wir uns etwas ausdenken, über das die Leute reden. Aber dieses Vorgehen ist auch für uns spannender als eine Anzeigenkampagne abzusegnen und Media-Etats zu buchen. Schwarz: Wir wollen klassische Werbung nicht für tot erklären. Wichtig ist, dass die verschiedenen Formate aufeinander abgestimmt sind. Wir haben eine Werbekampagne mit hohem Designanspruch gemacht und davon abgeleitet, die Haltagsjob-Aktion. Das eine funktioniert ohne das andere nicht.

Der Energy Drink "Schwarze Dose 28" des Start-ups Calidris 28 folgt dem Bionade-Prinzip, er kommt ohne Konservierungsstoffe und den Genretypischen Gummibärchen-Geschmack aus, statt Taurin sorgt die exotische Açaí-Beere für Energie. Für die Aktion "Halbtagsjob 2010" kann man sich bis zum 30. Juni mit einem kreativen Projekt bewerben, die zwei bis fünf Gewinner werden am 8. August von einer kompetent besetzten Jury gekürt, alle Details zur Bewerbung finden sich auf der Website zur Aktion. Halbtagsjob 2010 www.halbtagsjob2010.de Schwarze Dose 28 www.schwarzedose.de Zum goldenen Hirschen www.hirschen.de Calidris 28 www.calidris28.com

von oben nach unten: Sandra Böhrs, Benjamin Schwarz, Thomas Brunow

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MUSIKTECHNIK

TEXT BENJAMIN WEISS

VORSCHAU:

PRODUKTION AUF DEM IPAD Neue Hardware, neue Visionen. Mit dem iPad bekommen die Musik-Apps des iPhones endlich den Platz auf dem Display, den sie verdienen und brauchen. Vor dem Verkaufsstart, aktuell für Ende Mai angekündigt, verrät euch Benjamin Weiss, was geht und was nicht.

A

pples Medienflunder iPad ist auch als Musik-Tool ziemlich praktisch. Der im Vergleich zu iPhone und iPod Touch viel größere Bildschirm erlaubt mit seiner höheren Auflösung eine deutlich präzisere Steuerung, und macht aus den bisher vor allem als Spielzeug für unterwegs interessanten Musik-Apps durchaus professionell nutzbare Tools. Grundsätzlich sind dabei alle iPhone-Apps auch mit dem iPad nutzbar, die größere Auflösung und das unterschiedliche Seitenverhältnis sollte man aber im Hinterkopf behalten und im Zweifel eher speziell für das Tablet angepasste Programme nutzen. Wir geben schon mal eine erste Übersicht, Stand Mitte April und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

REMOTES UND CONTROLLER Da es - obwohl seit iPhone OS 3.0 theoretisch möglich - noch immer kein MIDI-Interface für iPhone und iPad gibt, laufen die Remotes alle über WiFi. TouchOSC ist eine App, die OSC (Open Sound Control) für die Kommunikation mit dem Rechner nutzt. Sie bietet eine Auswahl von selbst konfigurierbaren Controller-Elementen wie Fader, X/Y-Pads, diverse Buttons und Drehregler, die sich auch benamen lassen. Darauf baut zum Beispiel LiveControl auf, eine komplette Fernsteuerung für Ableton Live, die ähnlich wie APC und Co unter anderem Cliplauncher, Mixer und Device Control, aber dazu auch noch ein großzügiges X/Y-Pad und sogar eine Sequenzerpage bietet. Praktischerweise werden auch die Clipnamen angezeigt, so dass man den angeschlossenen Laptop getrost schließen kann. Einen ähnlichen Ansatz wie TouchOSC verfolgt MidiPad, das eine Auswahl von diversen modularen Controller-Elementen bietet, die aber direkt über Network MIDI laufen und daher generell alles steuern können, was MIDI sowieso versteht, also auch Hardware, wenn man einen Rechner zwischenschaltet. MxNM LE ist ein weiterer Ableton Live Controller, der aber auch sonstige MIDI-Apps ansteuern kann. Leider gibt es hier noch kein Feedback, man muss also gelegentlich auf den Bildschirm sehen. C74 nutzt unterdessen die Software MAX/MSP 5, mit dem man sich die Controller direkt auf dem Rechner (OS X) baut, bevor man sie vom iPad aus einsetzt. C74 ist kompatibel zu Max4Live, und kann dadurch auch Max-Patches in Ableton steuern. Neben diesen eher auf Live Acts orientierten Controllern gibt es auch ein

paar klassische Remote Controller für diverse DAWs. AC7Pro ist so ein klassischer MixController: Bisher werden Logic, Digital Performer und ProTools direkt unterstützt, außerdem das Mackie-Control-Protokoll, mit dem wiederum die meisten DAWs klarkommen. ProRemote beschränkt sich hingegen auf die Unterstützung von Mackie Control, bietet aber zusätzlich noch Pads und ein X/Y-Pad für die Programmierung, kostet aber auch zehnmal so viel. INSTRUMENTE UND SYNTHS Es gibt gefühlte 5.000 Piano-Apps für das iPad, wir

haben uns hier an Synthesizer und eher ungewöhnliche Klangerzeuger gehalten, die bereits angepasst wurden. Ein Klassiker ist noise.io, das schon auf dem iPhone populär war: Hier gibt es FM und subtraktive, gepaart mit einer Kaossilator-ähnlichen X/Y-PadSteuerung, Keyboard, Trancegate, Pianorolle und umfangreiche Automationsmöglichkeiten. Das UI ist dabei sehr gut auf die Möglichkeiten eines Touchscreens angepasst. Eher klassisch virtuell-analog ist der Ansatz von miniSynth Pro: Die Oberfläche ist ein Keyboard, Parameter werden per Slider editiert, bis zu sechs VCOs können genutzt werden, außerdem

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Im Vergleich zum iPhone erlaubt das iPad eine deutlich präzisere Steuerung, und macht aus den bisher vor allem als Spielzeug für unterwegs interessanten Musik-Apps professionell nutzbare Tools.

TouchOSC Preis: 3,99 Euro hexler.net LiveControl Preis: kostenlos, benötigt TouchOSC monome.q3f.org/wiki/LiveControl_TO#iPadPages MidiPad www.midipad.de

dem gibt es einen Arpeggiator und ein paar Effekte. Jasuto Pro ist ein modularer Synthesizer, dessen Oberfläche ein wenig an das Reactable erinnert: Runde Blobs repräsentieren die klangerzeugenden Module, dazu kommt eine Pianorolle, in der man Steps setzen, aber auch vom Keyboard aufnehmen und Automationsdaten aufzeichnen kann. GROOVEBOXEN/DRUMMACHINES Intuas Beatmaker ist eine der komplettesten Grooveboxen. Das Grundprinzip erinnert mit seinen 16 Pads an die MPC, dazu kommen ein ausgewachsener Sequenzer, Unterstützung für Wav und Aiff, diverse Effekte und eine übersichtliche Sample-Editierung, außerdem bequemer Datenaustausch über WiFi. Intua hat auch den Standard AudioCopy/AudioPaste definiert, mit dem man Dateien zwischen verschiedenen Apps austauschen kann. Korgs iElectribe ist die iPad-Version des Electribe R. Die Bedienung funktioniert genau wie beim Hardware-Pendant mit einem 16-Step-Sequenzer und einer Menge klangformender Parameter, die sich nicht nur präzise steuern, sondern auch automatisieren lassen. Die iElectribe macht dabei genauso viel Spaß wie die Hardware-Variante, lässt sich aber leider nicht mit der Außenwelt synchronisieren. chipPad verfolgt einen sehr visuellen Ansatz, unterstützt Wav und Aiff und erlaubt bis zu acht Stereospuren, die in jeweils bis zu 128 Steps langen Sequenzen arrangiert und gemischt werden können. Dabei können die Tracks auch unterschiedliche Sequenzlängen haben, es gibt diverse Loop-Modi und einfaches Mixing. Bleep!Box bietet zehn Drum- und/ oder Synth-Tracks und eine umfangreiche SyntheseSektion mit vielen automatisierbaren Parametern, der Sequenzer hat sowohl eine Pianorolle, als auch einen Step-Modus. Die iPhone-Version war ein bisschen vollgestopft, auf dem iPad ist Bleep!Box genau richtig. JR Hexatone Pro ist ein Sequenzer, dessen

Oberfläche sich aus Hexagonen zusammensetzt und sechs verschiedene Richtungen erlaubt. Sieht komplexer aus, als es sich bedient. Unterstützt werden auch eigene Samples, die sich per WiFi übertragen lassen. Technobox orientiert sich am spätestens seit ReBirth etablierten Setup: zwei 303-Emulationen mit komplettem Parametersatz plus 808 und 909 inklusive Pattern-Sequenzer nach XoX-Art. Das HauptInterface von iHolophone sieht unterdessen aus wie ein Gamepad, spielt sich bequem über die beiden Daumen und nutzt dabei auch den Accelerometer für tonale Sounds. Alle anderen können mit einem einfachen Step-Sequenzer gesetzt werden, insgesamt stehen 800 Samples zur Verfügung. Doppler Pad ist ein weiteres Beispiel für eine iPhone App, die durch den zusätzlichen Platz auf dem iPad erst so richtig gut bedienbar ist: Die quietschbunte Oberfläche bietet verschiedene Interfaces mit Arpeggiator, Sequenzer und Mixer, die sich gut ergänzen, leider gibt es keinen Sample-Import, so dass man auf die mitgelieferten Sounds beschränkt bleibt. RECORDING Für das iPhone gab es eine Menge Aufnahmelösungen, speziell für das iPad noch nicht so viele, da ja außer mehr Platz auf der Oberfläche die Grundausstattung die gleiche bleibt: Beide haben nur das Mikro als Eingang, ernstzunehmende Audio-Interfaces sind noch nicht in Sicht. StudioTrack ist eine Achtspurlösung, die vor allem für Musiker unterwegs gedacht ist, die mal eben ein Demo aufnehmen wollen: Neben einer kalibrierbaren Aussteuerung, diversen einfachen Effekten für die Tracks und den Master, Audioaustausch mit dem Rechner über WiFi und mit anderen Apps über AudioCopy/AudioPaste lassen sich Spuren bouncen und als Stereofile (WAV, 16 Bit 44,1 kHz) exportieren.

MxNM LE Preis: 3,99 Euro C74 Preis: 2,99 Euro www.nr74.org/c74.html Saitara AC7Pro Preis: 7,99 Euro saitarasoftware.com ProRemote Preis: 79,99 Euro www.folabs.com/proremote.html Noise.io Preis: 11,99 Euro http://noise.io miniSynth PRO Preis: 7,99 Euro www.yonac.com/software/miniSynthPRO Jasuto Pro Preis: 3,99 Euro www.jasuto.com/site Intua Beatmaker Preis: 15,99 Euro www.intua.net Korg iElectribe Preis: 7,99 Euro www.korg.com/ielectribe Bleep!box Preis: 7,99 Euro www.bleepboxapp.com JR Hexatone Pro Preis: 7,99 Euro amidio.com/jr-hexatone-pro iHolophone Preis: 5,49 Euro amidio.com/iholophone Doppler Pad Preis: 7,99 Euro http://de.dopplerpad.com StudioTrack Preis: 31,99 Euro www.sonomawireworks.com/iphone

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MUSIKTECHNIK

TEXT MICHAEL ANISER

DJ-CONTROLLER

ALLEN & HEATH XONE:DX Der Feldzug gegen die Plattentasche geht weiter: Allen & Heath ist da ganz vorne mit dabei, mit dem Xone:DX allerdings geht der Hersteller dennoch neue Wege.

M

it einer brandneuen Version von Seratos ITCH statt dem altgedienten Traktor beschreiten Allen & Heath neue Controller-Wege. Der Xone:DX ist ein Plug-and-Play-MIDI-Controller mit USB-AudioInterface, der in Kooperation mit Serato entwickelt und speziell auf die beigelegte Software ITCH zugeschnitten wurde. Die kommt in der neuen Version 1.6 daher und bietet jetzt endlich auch vier Decks, womit gegenüber der Traktor-Konkurrenz wieder einiges an Fahrwasser gut gemacht werden konnte. Der Xone:DX überzeugt sofort durch seinen intuitiven Aufbau, alles scheint richtig platziert und auch mit minimalen Vorkenntnissen ist ein sehr schneller Einstieg möglich. Die Potis und der Fader sind qualitativ hervorragend verarbeitet, da ruckelt und wackelt nichts.

Auch schnelles Samplen funktioniert dank der günstig angebrachten Bedienelemente perfekt, womit dem lustigen Herumgemashe nichts mehr im Weg steht.

UNIVERSAL CLUB BUS Mit 168 individuellen MIDI-Steuerbefehlen und einer Soundkarte mit 20 Kanälen reichlich bestückt, kann so ziemlich alles angeschlossen werden, was das Herz begehrt. Aber auch sonst ist der Xone:DX als Standardgerät für den Club prädestiniert, die intuitive Bedienbarkeit und die solide Bauweise dürften jedenfalls Promoter und DJs gleichermaßen erfreuen. Zudem der Controller jenseits von Seratos ITCH auch individuell nachkonfiguriert werden kann, um diverse andere Software-Lösungen anzusteuern. Allen & Heath hat beispielsweise schon ein tks-File angekündigt, damit hier auch Traktor-Freunde mitspielen können. Geplant ist außerdem eine Unterstützung des Ableton/Serato-Protokolls "The Bridge", wenn dieses denn endlich erscheinen sollte. AUF LOS GEHT´S LOS Plug and Play steht ja oft eher für Stress und obskure Zuweisungen, als für Spaß an der Freude. Nicht so hier. Beim Test mit einem MacBook war der Controller innerhalb weniger Minuten installiert, konfiguriert und konnte sofort mit Serato ITCH verwendet werden. Die beigelegte Version 1.6 von Serato ITCH wurde, wie bei Allen & Heath inzwischen üblich, speziell für den Controller entwickelt und wartet nun auch endlich mit vier Decks und 12 Effekten auf. Positiv im Vergleich zu Traktor fällt sofort die minimalistische Oberfläche ins Auge. Ein paar MP3s in die Library und schon geht's los. Die Software ist eine wahre Freude für intuitive (sprich handbuchscheue) Benutzer. Die Deck-Simulation versteht sich im Handumdrehen, auch wenn eine gewisse Traktor-Vorbildung beim An- und Abschalten der Effekte hilft.

LUSTIGES RUMGEMASHE Seine wahren Qualitäten zeigt der Xone:DX aber beim Mixen mit bereits vorbereiteten MP3-Snippets und -Samples. Durch das übersichtliche Hineinladen in die Decks entsteht eine zügige, intuitive Arbeitsweise, die man so von Traktor nicht kennt. Vom Handling erinnert es fast ein wenig an Ableton, nur macht es viel mehr Spaß. Auch kurzes Samplen funktioniert dank der günstig angebrachten Bedienelemente perfekt, womit dem lustigen Herumgemashe nichts mehr im Weg steht. Zweifelhaft scheinen am Anfang die eher klein gehaltenen Bedienelemente fürs Navigieren in der Library, an diese gewöhnt man sich jedoch recht schnell, da es dank der intelligenten Belegung der Knöpfe nur ein Minimum an Navigation bedarf, um den richtigen Track zu finden. Also kein nerviges Herumgefriemel an irgendwelchen Sticks oder anderen

dubiosen Steuerelementen. Die Jogwheels könnten noch etwas stabiler gestaltet werden, bei gröberer Nutzung neigen sie nämlich ein wenig zum Schleifen. Ansonsten gibt es am DX auch nach längerem Test nichts weiter auszusetzen, das Ding funktioniert einfach. Der Xone:DX ist ein idealer Allroundmixer und wird mit Sicherheit einige Plattentaschen verdrängen und die digitale Revolution weiter vorantreiben. Einzig der Preis mit über 1.100 Euro scheint auf den ersten Blick etwas hoch. Preis: 1.1490 Euro www.allen-heath.co.uk

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MUSIKTECHNIK

TEXT BENJAMIN WEISS

KAOSSILATOR PRO

ZERSTÖRER, JETZT NOCH BESSER

Vor knapp drei Jahren hat Korg den zwar ästhetisch nicht gerade ansprechenden, aber innovativen und interessanten Kaossilator veröffentlicht, der mit seiner intuitiven Touchpad-Oberfläche und dem integrierten Arpeggiator schnell eine Menge Freunde gewann und schon bald Forderungen nach einer "ausgewachsenen" Variante mit MIDI lautwerden ließ. Nun ist er da, der Kaossilator Pro.

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sierung nun über einen Schieberegler bestimmt, was aber fast noch besser funktioniert. Dabei kann man zwischen Speed (Geschwindigkeit des Retrigger in Notenwerten) und Time (Dauer der Note) umschalten.

er Kaossilator kommt im exakt gleichen Gehäuse wie das aktuelle Kaoss Pad. Bis auf die Beschriftung und die Grundfarbe der LEDs - jetzt grün - gibt es keinen Unterschied. Anschlussseitig gibt es je einen Stereoaus- und eingang im Cinch-Format, MIDI rein und raus, eine Kopfhörerbuchse mit eigenem Lautstärkeregler, eine Mikrofonbuchse mit eigenem Input-Trim, einen SD-Kartenslot und einen USB-Anschluss für MIDI und Datentaustausch mit dem Rechner. Das Netzteil ist wie beim Kaoss Pad extern.

SOUNDS Der Kaossilator hat eine Auswahl von 185 Sounds an Bord, dazu gibt es noch 15 Vocoderprogramme für externe Signale. Die acht Lieblingssounds lassen sich auf acht Buttons legen, so dass man immer direkten Zugriff darauf hat. Die ziemlich vielfältige Soundauswahl stammt aus dem reichhaltigen KorgPortfolio und bedient souverän verschiedene Stile: Bässe, Synths, FX, Sweeps und diverse naturidentische Klänge wie Pianos oder Horns, außerdem ein paar Drumsets und Drumloops, deren Variationen je nach Position auf dem Touchpad abgespielt werden. Schon ohne den Arpeggiator macht das Spielen über das Touchpad Spaß, denn auch wenn man die Sounds leider nicht editieren kann und deren Parameter immer fest an die jeweilige Touchpadachse gebunden sind, ist so ein Touchpad ein ziemlich intuitives Interface. AUFNEHMEN Gespielt wird der Kaossilator Pro über das Touchpad. Die aufgenommenen Sequenzen können in vier Loop-Bänken abgelegt werden, die beliebig mit neuen Sounds und auch Audioaufnahmen (wahlweise über den Line- oder den Mikrofoneingang) per Overdub belegt werden können, man hat also vier mal so viel Platz wie auf dem kleinen Kaossilator. Nachträglich einzelne Schichten löschen geht nicht, dafür kann man gelungene Layer mal eben per USB in den Rechner überspielen oder auf die

www.korg.de Preis: 349 Euro

Schade, dass Korg die Gelegenheit nicht genutzt hat, dem Kaossilator Pro eine wirklich umfassende MIDIUnterstützung mitzugeben, dann wäre das Teil wirklich Killer gewesen. SD-Karte speichern. Jede Loop-Bank kann bis zu 16 Takte lange Sequenzen aufnehmen, unterschiedliche Längen sind kein Problem. Über den Rechner lassen sich auch AIFF und WAV-Dateien in die Loop-Bänke laden, deren Größe allerdings auf etwa 815 Kilobyte beschränkt ist. GATE ARPEGGIATOR Der Gate Arpeggiator wurde im Vergleich zum kleinen Kaossilator etwas abgespeckt und geändert: hatte der noch 50 verschiedene Quantisierungspresets mit unterschiedlichen Abfolgen, wird die Quanti-

MIDI Der Kaossilator Pro kann auch als reiner MIDIController genutzt werden. Sämtliche Buttons und Drehregler können dann mit MIDI-CCs belegt werden und über USB oder den MIDI-Ausgang externe Geräte oder den Rechner ansteuern. Leider lassen sich zwar Instrumente über das Touchpad spielen, der Arpeggiator ist aber nicht aktivierbar, was schwer verständlich ist, auch die Loop-Bänke stehen nicht als Sequenzerspuren zur Verfügung. Seltsam mutet die MIDI-Clock-Implementierung an: Da sie kein Start-/Stop-Signal erkennt, muss man auf gut Glück einstarten und beim Stoppen der externen Clock läuft der Kaossilator munter weiter, wenn auch in der richtigen Geschwindigkeit. BEDIENUNG, PERFORMANCE UND SOUND An die Bedienung hat man sich in der fast zehnjährigen Geschichte des Geräts gut gewöhnt. Die Organisation der Samples, aber auch die Konfiguration lassen sich auch bequem im Software-Editor erledigen. Auch beim Sound gibt es nichts zu meckern, die Auswahl ist ausgewogen und universell nutzbar. Schade dass Korg die Gelegenheit nicht genutzt hat, dem Kaossilator Pro eine wirklich umfassende MIDIUnterstützung mitzugeben, dann wäre das Teil wirklich Killer gewesen: Mit funktionierender MIDI-Clock und einem Gate Arpeggiator, der auch MIDI ausgibt, hätte man so ein Livetool am Start, das sich gut in jegliche Setups integrieren lassen würde. Momentan ist das leider nicht wirklich der Fall, denn das Synchronisationsproblem ist schon ein ziemlicher Stolperstein. So bleibt der Eindruck trotz guter Spielbarkeit doch eher durchwachsen. Wir hoffen sehr auf ein umfassendes Firmwareupdate, denn im Kaossilator Pro steckt noch eine Menge Potenzial!

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3TEINBERGôUNDô#UBASEôSINDôEINGETRAGENEô-ARKENôDERô3TEINBERGô-EDIAô4ECHNOLOGIESô'MB(ô!LLEôANDERENô0RODUKT ôODERô&IRMENNAMENôSINDô•ôODERôØôDERôJEWEI LIGENô)NHABERô!LLEô3PEZIFIKATIONENôK¢NNENôOHNEô6ORANKNDIGUNGôGE³NDERTôWERDENôÚôô3TEINBERGô-EDIAô4ECHNOLOGIESô'MB(ô!LLEô2ECHTEôVORBEHALTEN

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MUSIKTECHNIK

TEXT BENJAMIN WEISS

CONTINUUM FINGERBOARD

MULTITOUCH FÜR 16 FINGER Das Haken Continuum Fingerboard ist ein außergewöhnliches Instrument, das auf einem genauso eigenwilligen wie expressiven Konzept basiert. Mit winzigen Stückzahlen und dem Preis eines mittleren Gebrauchtwagens hält es sich bereits seit fünf Jahren auf dem Markt, ein Test ist also mehr als überfällig.

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Das Spielgefühl ist irgendwas zwischen Ribboncontroller, Keyboard und Teig kneten.

as Haken Fingerboard ist ein länglicher Kasten, dessen "Keyboard" eine elastische, teppichbodenartige Oberfläche mit aufgedruckter Klaviatur ist. Gespielt wird es, indem man die Finger auf den Teppich legt und auf die Oberfläche drückt. Man kann aber auch beidhändig quer über die Oberfläche streifen, um das Fingerboard wie einen Ribbon Controller zu benutzen. Für bis zu 16 Finger gleichzeitig werden Werte für Tonhöhe, Anschlagsstärke und vertikaler Position auf dem Board erzeugt, die als MIDI oder über den separat erhältlichen Continuum Voltage Converter als CV-Werte für analoge Synthesizer ausgegeben werden. Anschlussseitig ist das Fingerboard übersichtlich bestückt: Neben einem analogen Stereoausgang für die interne Klangerzeugung gibt es je einen digitalen Ein- und Ausgang im AES3-Format, ein MIDI-Out, der auch als Anschluss für den Voltage Converter dient, und zwei Pedalanschlüsse. Schließlich gibt es noch eine Kopfhörerbuchse für die interne Klangerzeugung.

KONFIGURIEREN ... ... lässt sich das Fingerboard wahlweise intern mit einem Button, der zusammen mit der Oberfläche zur Anwahl verschiedener Parameter dient (etwas umständlich), oder komfortabel mit dem Software Continuum Editor. Hier lassen sich MIDI-Controller den einzelnen Achsen zuweisen, die Pedale diversen Funktionen zuordnen und die Oktavlage, der Grundton und die Spielweise (zur Verfügung stehen Legato, Portamento und Retrigger) bestimmen. Außerdem gibt es verschiedene Split-Modi, Intervalle und Tunings, die eine genaue Anpassung an die persönlichen Präferenzen erlauben. Auch der Continuum Voltage Converter wird hier konfiguriert und, falls vorhanden, auch Kyma. SPIELGEFÜHL Zu Anfang ist das Spielgefühl schon ziemlich speziell, irgendwo zwischen Ribbon Controller, Keyboard und Teig kneten. Beim Spielen merkt man aber recht

INTERNE KLANGERZEUGUNG Das Fingerboard besitzt auch eine interne Klangerzeugung, die optimal auf die Ausdrucksmöglichkeiten der Oberfläche angepasst ist und auf einem Sharc DSP läuft. Die Anzahl der editierbaren Parameter ist relativ gering, dazu gibt es noch einen einfachen, aber gut klingenden Hall. Zur Verfügung stehen diverse Synthesearten: zwei verschiedene FM-Varianten, Pluckstring (eine Saiten-Emulation), Wind, Timbre Morph, Timbre Mute und Clinical Oscillator. Außerdem noch diverse experimentelle Varianten, unter anderem Mahling (gesamplete Sätze, die sich in verschiedenen Tonhöhen und Geschwindigkeiten spielen lassen) und fünf verschiedene Pitchshifter, mit denen man Audiomaterial bearbeiten kann, das über den digitalen Eingang kommt. Preis: 3650 Euro www.cerlsoundgroup.org/Continuum www.schneidersbuero.de

bald, wie präzise und schnell das Gerät auf Eingaben reagiert und wie viel mehr es mit einem eigenständigen Instrument gemeinsam hat als mit einem schnöden Controller. Auf jeden Fall sollte man sich aber vor einer Session die Fingernägel schneiden, sonst macht man die Oberfläche früher oder später unweigerlich kaputt, auch Katzen sollten tunlichst nicht ans Fingerboard gelassen werden.

BEDIENUNG UND SOUND Das Fingerboard ist zweifelsohne ein sehr eigenständiges Instrument, das seine Stärken vor allem mit der internen Klangerzeugung und analogen Synthesizern wegen seiner schnellen Abtastgeschwindigkeit voll ausspielen kann, aber auch mit MIDI Spaß macht. Der Preis ist allerdings ziemlich astronomisch, aber durch Kleinstauflage, Handarbeit und den komplizierten Aufbau aus nicht standardisierten Bauteilen wohl trotzdem gerechtfertigt. Alles in allem eher ein Luxusartikel für den Keyboarder, der sonst schon alles hat.

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MUSIKTECHNIK

TEXT BENJAMIN WEISS

NIIO ANALOG TRACK THICKENER

ANALOGE SÄTTIGUNG

Es gibt fünf Sättigungsbereiche. Typ 5 ist vom Charakter her mit einem Distortion-Bodentreter vergleichbar.

Lautheit ist bei digitalen Produktionen heutzutage kein Problem mehr, wenn man Pech hat, wird der Sound dabei allerdings unangenehm steril. Hier setzt Niios Analog Track Thickener an, der mit Sättigungssektion, VCA und passivem Equalizer Tracks analog aufwertet.

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VCA & EQ Der VCA dient zur Formung der Lautstärkenhüllkurve mit Attack und Release und kann dazu genutzt werden, um Transienten von Einzelspuren wie Drumloops oder ganzen Tracks abzumildern oder zu betonen. Die Intensität der Bearbeitung wird mit Threshold und Depth geregelt, extern lässt sich die Hüllkurve auch per Audio Trigger steuern, um das Signal rhythmisch zu zerhacken. Der passive Equalizer besteht aus den zwei Sektionen LO und HI, die sich gegenseitig beeinflussen und separat aktivieren lassen. Beide Bänder sind recht breit angelegt, so dass ohne viel Schrauberei Bass und Höhen schnell angehoben werden können. Dazu gesellen sich noch LO- und HI-Cut.

ie Oberfläche des Niio Analog Track Thickener ist von links nach rechts in die Bereiche SAT (Sättigung), VCA (Verstärker) und EQ (Equalizer) unterteilt. Anschlussseitig gibt es je einen Stereoklinken-Eingang (der auch Mono benutzbar ist) und einen Stereoklinken-Ausgang, außerdem einen Trigger-Eingang für den VCA. SAT Die Sättigungsabteilung besitzt einen Filter, mit dem sich der Frequenzbereich festlegen lässt, der durch die Sättigungsstufe geschickt wird. Die Intensität wird über Drive bestimmt, das unbehandelte Signal lässt sich mit dem Dry-Regler zumischen. An Sättigungsarten gibt es gleich fünf verschiedene analoge Schaltkreise: Typ 1 ist ein Diodenkompressor, der die Dynamik stark begrenzt und das Signal kräftig verdichtet. Typ 2 begrenzt die Dynamik dagegen nur leicht, indem es die halbe Wellenform glattbügelt, was einerseits zu ordentlich Obertönen, andererseits auch zu ordentlich Druck führt. Typ 3 faltet die Wellenformen aufeinander (mit einem ähnlichen klanglichen Ergebnis wie Typ 2) und Typ 4 ist dann wieder von der eher deftigen Variante: Hier wird das Signal schon bei kleinen Bewegungen am Drive-Regler ordentlich verzerrt, ohne das Signal jedoch vollständig zu zerstören. Schließlich gibt es noch Typ 5, den man vom Charakter her am ehesten mit einem DistortionBodentreter vergleichen kann.

Preis: 935 Euro www.niioanalog.com www.schneidersbuero.de

FAZIT Der Track Thickener ist zwar nicht ganz billig, bietet aber auch einiges für sein Geld: von sanften Eingriffen bis hin zu heftigen Klangverbiegungen klingt er immer sehr satt und verleiht dem bearbeiteten Material das gewisse analoge Etwas. Die Bedienung ist zwar sehr logisch und fällt ziemlich intuitiv aus, direkt selbsterklärend ist sie jedoch nicht, weshalb man sich schon eine Weile damit befassen muss, um den Track Thickener sinnvoll einsetzen zu können. Dann ist er aber ein Tool, das man eigentlich nicht mehr aus der Hand geben möchte. Was fehlt, ist ein globaler Bypass, um das bearbeitete Signal schnell mit dem Original vergleichen zu können.

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DE:BUG 143 VORSCHAU / ab dem 28. Mai 2010 am Kiosk MICHAEL ROTHER: LEGENDE IM FORST

In dem kleinen Örtchen Forst wurde viel Musikgeschichte geschrieben. Hier stand einer der ersten Fairlight CMIs Zentraleuropas, Brian Eno holte sich hier während der "Harmonia"-Sessions sein Krautrockfutter für David Bowies späteren Steilflug ab. Michael Rother, nicht nur durch Neu! bekannt, ist eine Koryphäe dieser Ära und arbeitet noch immer dort. Nicht nur die Tatsache, dass der Neu!-Katalog in edler Form jetzt wieder releast wird, ist uns einen Blick hinter die Kulissen des legendären Studios wert.

WEB: MIT HTML5 IN DIE WOLKE

Was ist los im Netz? War Web2.0 eigentlich schon das Ende? Mitnichten. Die Technologien für die Zukunft stehen, der Kampf darum, was wo wie implementiert wird und vor allem von wem, gehen gerade erst los. Wir sehen uns um in der schönen neuen Standard-Welt von HTML 5, die jeder anders versteht, versuchen herauszufinden, ob Canvas viel besser ist als Flash, widmen uns dem endlosen Strom neuer Echtzeitprotokolle wie Pubsubhubbub, Salmon und Activity Streams und klären, ob das Netz sich quer über die Social Networks nicht noch viel besser vernetzen lässt.

SÜDAFRIKA: SUN CITY

Der Vergnügungs- und Freizeitkomplex Sun City war so etwas wie das hedonistische Überlaufventil der extrem puritanischen Apartheidsgesellschaft Südafrikas. Im formal unabhängigen Staat des "Homeland" Bophuthatswana gelegen, gab es in Sun City offiziell keine Rassentrennung, aber natürlich war sie als Zerrbild allgegenwärtig - wovon nicht zuletzt der Anti-Apartheid-Song "(I ain't gonna play) Sun City" zeugte. De:Bug-Autor Aljoscha Weskott hat über diesen denkwürdigen Ort eine Film gemacht, in der Juni-Ausgabe erklärt die komplexen Hintergründe.

DE:BUG ABO Hier die Fakten zum DE:BUG Abo: 12 Hefte direkt in den Briefkasten, d.h. ca. 500000 Zeichen pro Ausgabe plus Bilder, dazu eine CD als Prämie. Die Prämie gibt es immer solange der Vorrat reicht, wobei der Zahlungseingang für das Abo entscheidet. Noch Fragen?

UNSER PRÄMIENPROGRAMM Flying Lotus - Cosmagramma (Warp) Enter the Wunderkind. Um kaum einen Produzenten wird zur Zeit ein derartiger Hype veranstaltet, ihr könnt euch jetzt selber davon überzeugen, ob das alles mit rechten Dingen zugeht. Mary-Anne Hobbs will ihn ja kategorisch heiraten und mit Lotus' autodidaktischem Ansatz in Richtung Zwischenstuhl-Dancemusic wäre der richtige Soundtrack auf jeden Fall am Start. ReComposed by Matthew Herbert (Deutsche Grammophon) Nach Carl Craig und Moritz von Oswald lässt die DG jetzt den Protest-Sampler Herbert auf die Klassik los. Das Opfer: Mahlers 10. Symphonie. Die hat Herbert an Originalschauplätzen aus Mahlers Leben neu aufgenommen, ganz typisch in bester Fieldrecording-Manier. So dicht klang der erste Satz von Mahler noch nie: ein Hoch auf die Dynamik. Guillaume & The Coutu Dumonts Breaking The Fourth Wall (Circus Company) Ganz und gar wundervoll, nicht nur, weil Dave Aju hier bei einem Stück am Mikro steht. Herr Dumont bezaubert uns mit unerwarteten Percussion-Ausbrüchen, klaren Techno-Entwürfen, epischen Disco-Versprechen und all dem, was zu seinem Trademark-Sound dazugehört, den er sich in den letzten Jahren erarbeitet hat. CocoRosie - Grey Oceans (Souterrain Transmissions) Sierra und Bianca Casady haben unsere Aufmerksamkeit für ihre ureigenen, queren, seltsamen Welten gewonnen. Mit gemalten Bärten und großen Soundgesten. Wunderbar verstörte Balladen, leichtes Gerumpel und stete Unklarheit haben uns in ihrem Pop verzaubert. Das wird auch auf dem neuen, vierten Album nicht besser. Und das ist gut so. Ellen Allien - Dust (BPitch Control) Das neue Album der Berliner Techno-Chefin lässt frühere vertrackte, spröde Stimmungen sprichwörtlich in Staub zerfallen. Mit Tobias Freund von NSI/Sieg über die Sonne als Produktionspartner werden die Töne diesmal zarter, harmonischer. Da dürfen auch Gitarrensaiten folkig schwingen und Synthies große Wolkendecken zerbrechen.

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19.04.2010 17:33:43 Uhr


01.

Herbert One One Accidental

02.

Elektro Guzzi Macro

03.

Deetron feat. Seth Troxler Each Step Circus Company

04.

V/A Workshop

05.

Andreas Saag People Say Freerange

06.

Djebali Sorry I Missed The Sky Freak’n’Chic

07.

V.A. Perspectives Room With A View

08.

Redshape Red Pack Present

09.

Guillaume & The Coutu Dumonts Breaking the fourth wall Circus Company

10.

XXXY Infrasonics

11.

Alex Harmony Sunday Sweeper Gymnastique

12.

Ramadanman & Midland Your Words Matter Aus

13.

Glimpse Runner Crosstown Rebels

14.

Jamie Lidell Compass Warp

15.

Mount Kimbie Remixes Hotflush

16.

Kink Kink EP Ovum

17.

Matthias Reiling Das Gespenst von Altona Giegling

18.

Tiefschwarz feat. Cassy Find Me Souvenir

19.

Mittekill Zum Spielplatz Fauxpas Musik

20.

Sarass Lust EP Third Ear

21.

Steffen Baldo Basement Amuzement Park Polyfon

22.

Hrdvsion Where Did You Just Go? Wagon Repair

23.

Kontext Dissociate Immerse

24.

Planas Look Into my Eyes Immerse

25.

Mondkopf Galaxy Of Nowhere Asphalt Duchees

26.

Broken Social Scene Forgiveness Rock Record City Slang

27.

The Radio Deptartment Clinging To A Scheme Labrador

JETZT REINHÖREN: WWW.AUPEO.COM/DEBUG

MATTHEW HERBERT ONE ONE [Accidental Records - Rough Trade]

ELEKTRO GUZZI ELEKTRO GUZZI [Macro - WAS]

Matthew Herbert kann ja irgendwie alles. Das will er diesen Monat vielleicht mit gleich zwei Alben vermutlich nicht beweisen, aber dennoch ist ”One One“ eine Überraschung. Denn so locker haben wir ihn schon lange nicht mehr gehört. Und wer immer das Gefühl hatte, dass Herbert doch noch viel putziger ist als er letztendlich klingt, und vor allem die Nähe in Herbert Tracks immer schon gehört hat, der wird sich nach diesem Album sicher sein können, dass die jetzt auch jeder versteht. Denn Herbert singt. Auf jedem Track. Ein Glanzstück süßlicher Indieelektronik nach dem nächsten. Alle nach Städten benannt, aus welchem Grund auch immer, alle verspielt und sehr dicht, alle mit einer Unzahl an klassischen Instrumenten, die dennoch völlig im Sog der Songwirkung aufgehen. Und dabei klingt alles selbstredend wie aus einem Guß und könnte genau so gut ein vergessenes Hippiekleinod aus der Zeit sein, als England sich in den 70ern auf seine vermeintlichen Ursprünge besann. Endlich mal ein Album, dass sich auf Platz 1 der Antifolk- und der Elektronikcharts hieven könnte. Jetzt lernen wir das erst mal Mitsingen. BLEED

Man kann mit Computern Rockmusik machen, auch haben viele sich auf das hascherische Dünneis begeben, Computermusik mit Instrumentarium zu spielen. Was beide Ansätze zu selten geschafft haben, ist, im Ergebnis etwas Autarkes zu schaffen. Etwas, das ohne konzeptionelles Hinterwissen reine musikalische Wirkung erzielt. Die Ressentiments könnten auch bei Elektro Guzzi größer nicht sein. Keine Overdubs, programmatisch over Asskick ... Was über einen kommt, ist schwer in Worte zu fassen. Ja, es ist Techno, gewissermaßen Techno in Reinform. Die Unverortbarkeit der Sounds wird hier dogmatisch an die Grenzen getrieben. Wie bei John Cage werden hier Saiten präpariert, elektrische Spulen ihrer immanenten Kraft überlassen. Nirgends werden auch nur einmal zu offensichtliche Zeichen bedient. Es ist ein vor Spielfreude glänzender Spiegel, der der Rave-Nation vorgehalten wird. Techno wird nicht durch seine Medien bestimmt, es ist eine Haltung. Elektro Guzzi deklinieren dies kunstvoll, geschickt und mit deepem Grooveverständnis. Es ist ein großer Entwurf, in keinster Weise retrospektiv oder anmassend, sondern substantiell und kongenial. JI-HUN

Deetron feat. Seth Troxler - Each Step [Circus Company/045 - WAS] Schon fast unverschämt, wie gut Circus Company immer wieder ist. Die EP von Deetron mit Troxler klingt auf dem Titeltrack wie einer dieser Acidhits von vor Urzeiten, in dem die Melodien und die Vocals sich immer perfekt abwechseln und einen Swing und eine Tiefe erzeugen, die klingt, als wären 808 State doch Amis gewesen. Und der unglaublich süßlich reingeschummerte ”Sing“- Track dann noch dazu, der eigentlich jeden Filterhousetrack des Jahres mit seiner ausgelassenen Stimmung mit links an die Wand spielt. Unschlagbar. www.circusprod.com BLEED

Andreas Saag - People Say [Freerange/136] Brillanter Track. Die Bassdrum slammt, die Sequenzen knallen um die Ecke und dazu dieses einfache aber durchdringende Vocal, das sich immer wieder ein klein wenig verändert und durch wirklich abenteuerliche Effekte getrieben wird. Eine Housenummer, die mal nicht nur deep sagt, sondern genau das auch bringt. Ich kann den jetzt schon auswendig und würde ihn am liebsten den ganzen Tag über als Hymne hören. Die Remixe haben hier selbst bei Jimpster und Pol_On keine Chance. Das ist ein Track, der braucht und will keinen Remix. Dragons kommt mit noch mehr Vocals (von Ernesto) und einem ebenso fundamentalen Groove, und ”Adaptions“ mit seinem tänzeln zwischen Funkbass, shuffelndem Dubgroove und magischen Detroitnuancen ist noch ein Hit auf der EP. BLEED

Djebali - Sorry I Missed The Sky [Freak‘n‘Chic/050 - Intergroove] ”Elastik Hour“ ist einer der himmlischsten Housetracks des Monats. Das ist so butterblumenweich in seinen Sounds und den tänzelnden Hintergründen, dass man eigentlich schon nach dem ersten Takt auf Repeat hätte stellen wollen und alles wäre perfekt gewesen. Aber Djebali holt noch weiter aus, setzt extrem deepe Basslines drunter und lässt den Flow einfach immer unglaublicher werden. Eine Hymne, die ganz für sich steht, und einem auf dem Floor das Gefühl vermittelt, plötzlich in eine andere Welt einzutauchen, in der das Glück quasi vor einem steht und einen sanft anlächelt. ”Comes Again“ ist ähnlich magisch. Djebali hat es einfach raus, ein paar klingelnde Melodiefragmente zu einem Ort zu machen den man nie wieder verlassen möchte. www.freaknchic.com BLEED

XXXY/Ike Release [Infrasonics/INFRA12002 - Cargo] XXXY pflegt auf ”Blue Flashing Lights“ zunächst mal den 8Bit-Step par excellence, ist dabei funly vershuffelt und auf den hinteren Spuren sogar leicht dark. ”Know You“ spricht da eine ganz andere Sprache, will viel mehr Deephouse sein als alles andere, drückt sich selber aber eine skurril alberne Preset-DrumLine aufs Gebälk, die nur ganz sanft und Schritt für Schritt in eine dubsteppige Stierkampfarena poltert. Dann Ike Release auf der B-Seite. ”Iridescent“ ist anfangs ungefähr so opulent möbliert wie die Oberfläche von Pong, vibriert aber doch in den schillernsten Farben, schaut sich kleine Tricks bei .snd ab und entwickelt sich so zu einem Microhouse-Stepper. Die feinen Strings helfen dabei natürlich. ”Nature Manipulation“ kontert dann zum Ende mit feisten Dub-Anleihen, zickigen 909-Hats und einer Gewitterfront, die der neue Standard werden dürfte. www.infrasonics.net THADDI

V/A [Workshop/10 - Hardwax] Lowtec kommt auf der A-Seite gleich mit zwei Tracks, die beide komplett magisch in typisch schleppendem Tempo verzaubern. Während der erste mit weichen Flächen, plinkernder Elektronika und zerrenden Hats sowieso unsere Aufmerksamkeit hat, legt Lowtec nach einem knackenden Intermezzo beim zweiten Track eigentlich erst richtig los. Strings! Wie er hier in unerwarteter LoFi-Manier einer kleinen, namenlosen und digitalen Rhythmusbox zu neuem Ruhm verhilft, macht sprachlos. Ebenso wie Schweiz Rec. auf der B-Seite. Der, die das ist oder sind Rhodes-Fans und legen hier einen House-Entwurf auf die hohe Kante der Unendlichkeit. Und Ron Deacon dürfte sich mit seinem gebremsten Disco-Fanclub hervorragend mit Move D verstehen, wenn er es nicht sogar selber ist. www.workshopsound THADDI

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ALBEN Pjusk - Sval [12K/1059 - A-Musik] Manchmal sind Pressetexte zu eindimensional. In dem Fall von Rune Sagevik und Jostein Dahl Gjelsvik, die unter dem Namen Pjusk diesen Release herausbringen, ist das vorgegebene Bild zu eng, zu punktiert. Dass zwei Musiker in einer kalten BerghĂźtte an ihren Rechnern schrauben, ist ein liebenswerter (und gerne genutzter) Entstehungsmythos, läuft aber gerade darum schnell Gefahr, das entstandene Werk allzusehr in ein tumbes Promotionsklischee zu pressen. Die weit angelegten, liebevoll aufeinander gestapelten Pattern, der Ăźberaus sensible Umgang mit knisternder Elektronik, zaghaft fast eingestreuselt unter lange verwehenden Ambientpassagen, geht weit Ăźber die klirrende Kargheit einer norwegischen Winterlandschaft hinaus, streift ein wenig noch den europäischen Kontinent und setzt ohne groĂ&#x;e Anstrengung sanft neben dem Eno-Klassiker "Apollo" auf dem Mond auf. Pjusks 2007er Debutalbum "Sart" hat Wellen geschlagen, dieser Rundling hier wird die Gischt hochpeitschen, auch oder gerade weil er eine so unbändige Ruhe und urtĂźmliche Kraft birgt. www.12k.com RAABENSTEIN V.A. - Jazzy Market [Apparel Music/005] Der Output des neuen Labels ist schon ziemlich Ăźberraschend. Aber das wird auch einfach zuviel. "Jazzy Market" ist aber eine Ăźberragend gute CD, auf der die Labelkids wirklich einen eleganten smoothen Housetrack nach dem anderen raushauen. Gerne mit jazzigen UntertĂśnen, aber auch bei impulsiveren technoideren Tracks mit klingelnden Nuancen wie Echonomists "The All Together" oder dem vertrackt daddeligen Funk von Eddie Shkipers "Green Hope", George Gs schwer detroitsĂźchtigem "Oval" Epos und dem tänzelnd leicht seelig bumpigen "Morsel" von Mr. Pepper einfach groĂ&#x;. www.apparelmusic.com BLEED Mondkopf - Galaxy Of Nowhere [Asphalt Duchess/AD005 - Rough Trade] In Frankreich wird Mondkopf schon als das neue Wunderkind gehandelt ... muss wohl vor allem mit seinem Remix eines Johnny-Cash-Tracks zu tun haben. Dabei verdient sein erstes Album hier eigentlich die komplette Aufmerksamkeit, denn, sind wir mal ehrlich, aus Frankreich kommt nicht gerade viel geschmackvolle Dance Music, und selbst die ewigen Pseudo-KratzbĂźrsten von KitsunĂŠ machen jetzt Indie. Mondkopf ist auch nicht zwingend fĂźr den Dancefloor, fĂźr meinen schon, klar, aber wie der Produzent Dinge verzerrt, die andere klar und deutlich nach vorne mixen wĂźrden, wie er immer wieder das Tempo drosselt, wo andere Gas geben wĂźrden, wie er plĂśtzlich an die ganz alten Aphex-Twin-Zeiten anschlieĂ&#x;t, mit viel GefĂźhl und Respekt und Melodien, wie sie Richard James schon seit Jahren nicht mehr eingefallen sind ... all diese Dinge werden viele nicht wĂźrdigen kĂśnnen. Habt ihr eh nicht verdient. Der Rest freut sich Ăźber ein sensationelles Album, das skurrilerweise Frankreich perfekt auf 45 Minuten zusammenfasst. Immer irgendwie neben der Gewohnheitsspur, so ein bisschen wie Japan. Ein Killer-Album, das, wĂźrde sich heute noch jemand um Elektronika scheren, als der neue Standard gelten wĂźrde. www.asphaltduchess.com THADDI Sufjan Stevens - The Brooklyn â&#x20AC;&#x201C; Queens Expressway [Asthmatic Kitty Records/AKR278 - Import] Stevens wildert gnadenlos in der klassischen Musikgeschichte und vermengt mit atemberaubender Virtuosität Elemente von Steve Reich, Ravel und Gil Evans zu einem opulenten, orchestralen Epos. Im Gegensatz zur Brooklyn Academy Of Music, die dieses Werk in Auftrag gegeben hat, stĂśrt es hier keineswegs dass Stevens diesmal nicht singt, um so seiner Orchesterkomposition die volle Aufmerksamkeit abzugeben. Jemandem wie ihm, der seine Gitarre gerade als langweilig bezeichnet, kĂśnnte es ebenso mit seiner Stimme ergangen sein, aber das sind nur dĂźnne Spekulationen. Stramme Stevens Fans, die hier die vĂśllige Absenz seines folkigen Singer/Songwriter-Stiles vermissen, haben offensichtlich bei seinen älteren Arbeiten nicht so genau hingehĂśrt. Anlagen zu dieser musikalischen Richtung waren immer schon verhanden und brechen nun in wunderbaren BlĂźten auf. Faszinierend darĂźberhinaus die beigelegte Dvd, auf der Stevens dem Brooklyn-Queens Expressway ein groĂ&#x;es, koyaanisqatsi-eskes Film/Musik-Denkmal baut. Dem allgegenwärtig und unerträglich dusseligen Zimmer-ScoreGewimmer dieser Tage setzt Stevens hiermit den verdienten Clownshut auf. Und bitte, erst ein paar Runden die Musik drehen lassen, dann die Dvd einlegen...Raabenstein asthmatickitty.com RAABENSTEIN

Laura Gibson & Ethan Rose - Bridge Carols [Baskaru/karu:17 - A-Musik, Drone] Schon auf "Oaks", letztes Jahr in Europa auf Baskaru erschienen, hat Ethan Rose gezeigt, dass er Wärme und Aura altgedienter Instrumente, oft mechanische Antiquitäten, in ganz neue, digitale Formen gieĂ&#x;en kann. Damals war es eine alte Theaterorgel, auf "Bridge Carols" wird jetzt die Palette breit und gängig, Streicher, Klavier, Glocken und anderes bilden hier die Ausgangsbasis fĂźr seine federleichten, frei flieĂ&#x;enden digitalen Landschaften. Electro-pastorale Musik, sagt das Label, wir sagen aktueller Laptop-Folk mit einem Hauch Neo-Americana. Denn Rose ist mit der SingerSongwriterin Laura Gibson ins heimatliche GrĂźne um Portland gefahren und hat die neun StĂźcke um dort aufgenommene Fragmente ihrer Poesievokalisierungen konstruiert. Nun haben verträumte Sängerinnen, die ihr Leid den Bäumen klagen, mit einer gewissen FallhĂśhe zu tun, und nicht jeder Ast, der zu luftig-idyllischen Schauern fĂźhren soll, hält. Manch einer droht zu brechen, mit dieser Stimme, die so gar keiner Fliege was zuleide kann, und im traurigen Nirgendwo hängenzubleiben. Die drei langen tragen jedoch gut, der Rest sieht dank Rose schmuck aus, und schon ist die Platte vorbei. www.baskaru.com MULTIPARA @c - Music for Empty Spaces [Baskaru/karu:18 - A-Musik, Drone] Pedro Tudela und Miguel Carvalhais, zusammen @c, verwenden in ihren elektroakustischen Werken gerne Geräusche und Klänge, die sie auf Reisen aufgenommen haben, etwa zu Gigs, einschlieĂ&#x;lich dem Spiel anderer Musiker, denen sie dort begegnen. Daraus entwickelten sie auf ihrem letzten Album, 2008 auf ihrem eigenen Label CrĂłnica erschienen, einen ungewĂśhnlich hypnotischen, geschäftigen Sog digital verarbeiteter perkussiver und stimmlicher Ereignisse. FĂźr einen solchen Sog lassen sie sich auf ihrem neuen Album bis in seine zweite Hälfte Zeit; hĂśrenswert ist es jedoch genauso sehr. Denn diesmal entsteht unter ihren Händen aus den Natur- und Alltagsaufnahmen, aus Instrumentalspiel, digitaler Elektronik und KlangfundstĂźcken ein ruhiger Fluss aus HĂśrbildern, der einen durch eine ferienentspannte, geräusch- und musikverliebte Stadt fĂźhrt, immer halb drauĂ&#x;en, halb drinnen. Luc Ferrari lässt grĂźĂ&#x;en und doch klingen sie anders. Besonders schĂśn: wie scheinbar beiläufig alles Geräusch bei @c musikalisch wird, ohne jede konstruktivistische Anmutung. Ein klassischer OhrĂśffner. www.baskaru.com/ MULTIPARA Glitterbug - Privilege [C.Sides/007 - Kompakt] Was fĂźr ein Fest: Der Glitterbug Till Rohmann hat in seinem KĂślner Studio ein Jahr lang gebastelt, um Norwegen, Indien, Polen, China und Israel in seinen Sound zu holen â&#x20AC;&#x201C; und hat Field Recordings unterwegs benutzt. So sagt er selbst im Booklet zu dieser wunderbaren Doppel-CD. In einer Zeit des Umherreisens merkt Rohmann kritisch an, dass er an Plätze und Orte gelangte, an denen Menschen ohne dieses GlĂźck leben, was wiederum seine Musik beeinflusst hat. Der Anthropologe Ghassan Hage nennt das â&#x20AC;&#x153;Stuckednessâ&#x20AC;&#x153;, das Festsitzen, Sitzenbleiben. Glitterbug kann nicht festgehalten werden, die Tracks haben nur einen Anker, und das ist die introvertierte Version von Techno (hĂśr mal â&#x20AC;&#x153;Swirlâ&#x20AC;&#x153; und im Anschluss â&#x20AC;&#x153;Blue Riftsâ&#x20AC;&#x153;). Klingt vielleicht pathetisch, aber wenn man Glitterbugs Tracks lauscht, meint man eine bessere Welt zu hĂśren, kleine Utopie ohne Worte. www.glitterbug.de CJ Robin Hayward - States of Rushing [Choose/hayward choose lp - A-Musik] Robin Haywards Instrument ist die Tuba. Im Booklet seines Soloalbums steht nur das allernĂśtigste, darunter der Hinweis, dass es sich auf akustische Aufnahmen ohne Overdubs und elektronische Bearbeitung beschränkt. Aus zwei GrĂźnden ist dieser wichtig. Zum einen wegen Haywards klanglicher Nähe zur Elektronik, ob bei Ketten konkreter Rauschtexturen wie in "Release" oder bei expliziter Mimikry vom Spiel mit Radiofrequenzen in "Redial": WĂźsste man nicht, dass es sich um eine Tuba handelt, man käme nicht drauf. Faszinierend an StĂźcken wie "Treader" ist jedoch nicht nur die Exotik der technoiden Anverwandlung seines Basspulses, sondern vor allem wie Hayward, hier wie anderswo, spieltechnische Grenzgänge in musikalische Erlebnisse ĂźberfĂźhrt, denn dieser logische Weg von kĂśrperlicher zu mentaler Belastung zu musikalischer Struktur bleibt elektronischen Musikern verschlossen. "States of Rushing", lesbar auch als "Rauschzustände", hat etwas von "Psychophysical Tests and Trainings". Wer Vinyl bevorzugt, sollte wissen, dass hier viel Musik in differenziertem, leisem Rauschen steckt â&#x20AC;&#x201C; auch die nicht unwesentlichen feinen instrumentalen Nebengeräusche hĂśrt man idealerweise digital, unterm KopfhĂśrer und eingeschneit. www.choose-records.de MULTIPARA

Guillaume & The Coutu Dumonts - Breaking the Fourth Wall [Circus Company/CCCD007 - WAS] Klangfusionen, Sich-Ă&#x2013;ffnen in alle mĂśglichen Richtungen und das Verwischen der Grenze zwischen analog und digital gehĂśren derzeit ja zu Konsens-Praktiken, wenn es um die Weiterentwicklung von elektronischer Musik im Allgemeinen und House im Besonderen geht. Guillaume Coutu Dumont macht da keine Ausnahme, wobei er sich auf die Verbindung von House mit Afrobeat und Ethio-Jazz konzentriert. Orgeln, Saxofone und sanfte Polyrhythmen bilden die Arbeitsgrundlage fĂźr seine Produktionen, in denen auch schon mal unerwartet ein Trance-Arpeggio im Mix auftauchen kann. Seinem Ideal, wie eine Live-Band zu klingen, kommt er auf seinem zweiten Album ziemlich nah, ohne in Trommelgruppen-Ekstase zu geraten, im einen oder anderen Track helfen Freunde wie Dave Aju und dOP aus. Allein auf "Discothèqueâ&#x20AC;&#x153; verliert er sich ein wenig in Downtempo-Prog-House mit angegniedeltem Gitarrensolo. Doch ansonsten spannt er einen gar nicht so paradoxen Bogen zwischen DĂźsterkeit und Euphorie, bei dem man sich im Dunkeln seines Clubkellers sehr zuhause fĂźhlt. TCB V/A - Black Label Vol.4 [Compost/CPT- 360-2 - Groove Attack] Auf der vierten Ausgabe der Black-Label-Zusammenstellung darf Show B ran und mixt sich durch die letzten und kommenden Tracks der Serie. Dabei fällt inzwischen die Geschlossenheit des Sounds auf, echte Burner wie Kruders "No. 50" und TrĂźbys â&#x20AC;&#x153;Hirtenrufâ&#x20AC;&#x153; heben nicht etwa schlagartig die Qualität, wie das noch in den Anfangstagen der Serie mitunter der Fall war. Hier passt alles gut zusammen, die Namen sprechen ja auch eine deutliche Sprache, von Turntablerocker Ăźber Roberto Rodriguez zu Roland Appel und Solomun ist alles vertreten, was Rang und Namen hat. Shakrokh ist mit ganzen zwei Tunes vertreten, seine SingleAuskopplungen sind es aber auch wert, noch etwas mehr Beachtung zu bekommen. TOBI Glimpse - Runner [Crosstown Rebels/010 - Intergroove] "Train In Austria" ist ein brillanter Opener fĂźr diese Platte. So Ăźberschwenglich und harmoniesĂźchtig - bis hin zu diesem Raveeffekt wo man den Aufbau schon fast nicht mehr aushält - ist der Track, dass man irgendwann fast vergisst nach der Bassdrum zu fragen. Sehr smooth geht es dann weiter mit wirklich spannenden Dubeffekten und man kann sich gleich mitten in die Deepness stĂźrzen, denn es ist eh schon alles klar. Und genau darin geht man dann auch auf. Hmf. Verflixt, merke gerade ich hĂśre das Album von hinten. Spielt aber keine Rolle, denn hier ist eigenlich jeder Track fĂźr sich schon sensationell. FĂźr mich eins der smoothesten Housealben des Jahres, schon jetzt. BLEED Sharon Jones & The Dap-Kings - I Learned The Hard Way [Daptone Records/DAP-019 - Groove Attack] Eingedenk des nachhaltigen Funk&Soul-Booms wird es mehr und mehr Zeit, bei der neuen Generation die Spreu vom Weizen zu trennen. Gut sind viele â&#x20AC;&#x201C; aber so tight, dass kaum ein Weg daran vorbeifĂźhrt, sind die Wenigsten. Kenner erwarten allerdings von Sharon Jones und ihren Dap-Kings nur das Beste. Zu Recht. Mehr 60s als 70s, mehr Blues als Raw Funk, mehr Stimme und mehr Sound. Die klassische Produktion klingt fresher als jedes Remastering, und Filler finden auf diesem Album auch keinen Platz. Genau so macht man das. www.daptonerecords.com M.PATH.IQ Matthew Herbert - Recomposed - Mahler Symphony X [Deutsche Grammophon/CD 0060252734438 - Universal] Der Titel stimmt nicht. Das ist keine Rekomposition, keiner der gefĂźrchteten Klassik-Remixe. Herbert interpretiert als elektronischer Musiker. Er spielt â&#x20AC;&#x201C; und zwar Sinopolis Aufnahme mit dem Philharmonia Orchestra, Ăźber Lautsprecher, am Ort ihrer Komposition, in einem Krematorium, in einem Sarg; auĂ&#x;erdem dirigiert er die einleitende Bratsche neu an Mahlers Grab. Aus dieser Inkantation, mit gezielten Overdubs und natĂźrlich etwas Show, formt er ein HĂśrstĂźck, das die Musik dem Konzertsaal entreiĂ&#x;t und paradoxerweise ins Leben zurĂźckholt, das sie in den Kopf des Komponisten und den des ZuhĂśrers zu versetzen scheint. GroĂ&#x;e Momente: Die aus dem Nichts aufscheinende Einleitung, sein Update des SchockhĂśhepunkts gegen Ende. Dazwischen gelingt ihm irgendwie die Magie, aus diesem klangkunstigen Ansatz lebendige Musik werden zu lassen. Nicht zuletzt, aber auch nicht nur, weil er sich enthält, Mahlers hochemotionales Werk zu dekonstruieren: in diesem ersten Satz (nur der wurde weitgehend fertig), entstanden im Sommer des Vorabends seiner Krankheit zum Tod, auf dem HĂśhepunkt seines Erfolgs und in Angst um den Verlust seiner Frau, seiner groĂ&#x;en Liebe, an Walter Gropius, fallen GlĂźck und Verzweiflung in eins wie eben nur bei Mahler. Ă&#x153;ber Herberts durchdachten Zugang, diese Spannung zu reflektieren, sie von neuem ergreifend zu machen, kĂśnnte man ein kleines (auch kritisches) Buch schreiben. Auf jeden Fall weist er damit Ăźber die Recomposed-Reihe hinaus. Zu empfehlen. MULTIPARA

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DAKOTA DAYS

ALBEN

HUNDE UND HAUSGEMACHTER WEIN T Tim Caspar Boehme

Onmutu Mechanicks - Unfolding The Giant Void [Diametric/3-diam - DNP] Es ist einfach nur deprimierend. Wenn Arne Weinberg und Niko Tzoukmanis von Audision eine gemeinsame LP releasen und es davon dann 150 Exemplare gibt. Auf CD-R. Was ist nur los in dieser Welt. Die Tracks? Sensationell gelungen. Sehr ambient, mit klaren Verbeugungen in Richtung B12 und Black Dog, an eine Zeit eben, in der man auch im Techno noch Bukem-Breaks verwenden konnte und durfte, als der Himmel über den englischen Hochhäusern frischer und lebendiger war. Neben diesen immer wieder eingeschummelten Liebesbriefen, stehen die beiden Producer mit ihren ganz eigenen Stilen und Ideen. Die Art und Weise, wie das hier alles zusammenkommt, lässt uns das Herz aufgehen. Ernsthafter Futurismus für Zuhause. www.diametric-music.com THADDI Koop - Coup De Grace – 1997-2007 [Diesel/C-7 - Import] Wenn dies ein neues Album von Koop wäre, bin ich mir sicher, dass ich jetzt wieder in Superlative verfallen würde. Doch die beiden Schweden überbrücken die Wartezeit nach den zeitlosen Klassikern ”Waltz For Koop“ und ”Koop Islands“ mit einer Best-Of-Compilation, die zwar in jede Kaffeehaussammlung gehört – wenn die Originale dort nicht eh schon weilen, fasst aber im Grunde nur das zusammen, was hoffentlich sowieso schon jeder kennt. Nur ein Song des fast verlorengegangenen Debüts ”Sons Of Koop“ hat sich noch verirrt. Das ist als Anlass für ein Best-Of noch definitiv zu wenig. www.koop-islands.com M.PATH.IQ

Wer hätte das gedacht? Zwei altgediente Elektroniker, die vorher noch nie zusammen im Studio saßen, spielen mal eben so ein sensationell unaufgeregtes Album ein, auf dem sie einen eleganten Song nach dem nächsten aus dem Handgelenk wedeln. Ronald Lippok ist von seinen Projekten Tarwater und To Rococo Rot zwar bekannt für allerlei Kreuzungen von analog und digital ohne Berührungsängste mit Pop, doch so durchgehend entspannt wie mit seinem neuen Projekt Dakota Days hat man ihn bisher selten gehört. Zwischen Mitstreiter Alberto Fabris und ihm scheint die Chemie bestens reagiert zu haben. ”Wir haben uns im Nachtbus kennen gelernt, während einer Tour mit Ludovico Einaudi“, so Ronald. Der italienische Pianist Einaudi hatte mit den Lippok-Brüdern unter dem Namen Whitetree dem improvisierten Pop neue Möglichkeiten eröffnet und nahm sie später mit auf seine Solotour. Nachts, während die anderen im Tourbus schliefen, tauschten sich Alberto und Ronald über gemeinsame musikalische Vorlieben aus. Neben Elektronik oder Public Image Limited kamen sie immer wieder auf weniger offensichtliche Einflüsse wie 10CC oder die späten Fleetwood Mac zu sprechen. Als Alberto sein Studio in Comerio am Lago Varese erwähnte, schlug Ronald vor, sie sollten dort irgendwann gemeinsam aufnehmen. Im März 2008 kam Ronald zum ersten Mal nach Norditalien, ohne dass die beiden eine genaue Vorstellung davon hatten, was sie eigentlich machen wollten. Insgesamt drei Wochen verbrachten sie miteinander in Albertos kleinem Heimstudio, das in der einstigen Küche seiner Großmutter untergebracht ist. Ronald schlief mit dem Schlagzeug neben dem Bett in seinem kleinen Zimmer, die Texte schrieb er abends am Tisch mit einer Flasche hausgemachtem Weißwein aus Venetien. ”Ronald hat diesen Wein geliebt“, bestätigt Alberto, der während der Arbeit am Album selbst auch nicht zurücksteckte. Trotz aller Beschaulichkeit der Szenerie entstand das Album unter Hochdruck. Am Morgen fingen sie mit nichts an, und am Abend war der Song da – obwohl man sich kaum kannte. Stilistisch ist Dakota Days die wunderbar geglückte Synthese aus den diversen Einflüssen der zwei Experimentalisten mit gemeinsamer Schwäche für Yachtrock, ohne dass sich ihre vielfachen Referenzen in den Vordergrund drängen würden. Auffällig neben der natürlichen Entspanntheit der Musik: die Dominanz von akustischen Instrumenten. Doch auch das war nicht geplant. ”Es geht nicht darum, ein Statement zu machen, dass wir eine Rockband sind, die weniger elektronisch klingt“, stellt Ronald klar. Elektronik spielt für sie nach wie vor eine große Rolle. Die Sache entwickelte sich halt in diese Richtung, was an Instrumenten gerade da war, wurde benutzt. Und so hört man auf ihrer grandios zurückgelehnten Coverversion von Kylie Minogues ”Slow“ ein afrikanisches Ngoni, ohne dass es auch nur entfernt stören würde. Überraschungen dieser Art darf es von ihnen gern mehr geben. Ronald ist sicher, dass weitere Alben kommen werden: ”Gib uns einfach noch mal drei Wochen.“ ”Dakota Days“ ist bei Ponderosa erschienen. www.ponderosa.it

Breakage - Foundation [Digital Soundboy/SBOYCD002 - Groove Attack] Die schlechte Nachricht gleich vorweg: Als Album funktioniert "Foundation" nicht wirklich gut. Und doch ist ein perfektes Album. Wie kann das sein? James Boyle greift in alle Richtungen. Der Titeltrack z.B. ist ein Amen-Roller, wie es ihn schon vor zehn Jahren gab und auch noch 2020 geben wird. Die Zusammenarbeit mit Roots Manuva trägt klar dessen Handschrift, ebenso wie die Kollaboration mit Burial. Man darf sich "Foundation" nicht als großen musikalischen Entwurf vorstellen, eher wie eine Compilation eines Dirigenten, der ganz offenkundig von überall her seine Einflüsse zieht und sie auf diesem Album wieder seinen Helden zurück gibt. Wenn Scuba auf seinem Album versucht Mauern einzureißen, in dem er so viel es geht in die Tracks hineinsteckt, stellt Breakage die unterschiedlichen Strömungen wie in einem Setzkasten nebeneinander, stellt sich selbst daneben und beobachtet die Reaktionen. Hit nach Hit. Mit David Rodigan, Kemo, Zarif, Newham Generals und eben Burial und Herrn Manuva. Man wünscht sich einfach, dass Breakage seine Dubstep-Seite nicht nur pflegen,, sondern massiv ausbauen und weiter entwickeln wird. Wenn das so weit ist, werden viele andere einpacken können. Und bis es so weit ist, bleibt "Foundation" als Signal. www.digitalsoundboy.com THADDI Fluxion - Perfused [Echocord/cd07 - Kompakt] Wie heißen noch gleich die Stadtrundfahrtbusse in Barcelona? Die, in die man jederzeit ein- und aussteigen, theoretisch aber auch den ganzen Tag in dieser faszinierenden Stadt am Mittelmeer herumgefahren werden kann? Man könnte sie, wenn sie etwas untouristischer und cooler gestaltet wären (wobei es schon anmaßend klingt, der katalonischen Hauptstadt Coolness zu empfehlen), auch Fluxion nennen. Denn auch die neuen neun kleinen Monstren bilden einen einzig(artig)en Sound Stream, so nennt Fluxion sein selbst gestecktes Ziel. Dabei ist der Stream der Weg des Busses, die Haltestationen sind dann das Momentum oder Punctum. Fluxion hat schon auf seinen “Basic Channel“Veröffentlichungen daran gewerkelt. Aber erst mit “Perfused“ ist er dem vorläufig endgültigen Mutter-Stream ganz nahe gekommen – und hat sogar noch etwas House mit in den Bus geladen. www.echocord.com CJ Kevin Scherschel - 22:22 [Edelweiss/EDELCD001 - Broken Silence] Ich würde Kevin wirklich gerne ein paar positive Zeilen ins Gästebuch seines ersten Albums schreiben, denn offenbar sind wir musikalisch mit den gleichen Helden aufgewachsen. Das Album "22:22", der erste Release übrigens auf dem Module-Sublabel Edelweiss, ist aber leider durch und durch komplett langweiliger Durchschnittstechno, geschickt zu-

sammengesetzt, komplett ohne eigene Handschrift und mit derart viel Nerv-Potenzial, dass ich jetzt lieber ganz schnell aufhöre. THADDI Various Artists - Trans_Canada [empreintes DIGITALes/IMED 09100 - A-Musik] Im Februar 2005 stellte das ZKM in Karlruhe im Rahmen eines Festivals eine lebendige Szene elektroakustischer bzw. akusmatischer Komponisten vor, die in Kanada zuhause ist und gab dafür auch eine Reihe Arbeiten in Auftrag, die direkt am Ort entstanden. Mit einer Zusammenstellung dieser Werke feiert jetzt das Label-Flaggschiff empreintes DIGITALes sein zwanzigjähriges Bestehen. So unterschiedlich die sich zum Teil anhören mögen: Besonderen Wert legen alle auf räumliche Ausgestaltung, weshalb das Label meist wie hier das Format DVD-Audio nutzt und die Stücke in besonderer Klangqualität und auch mit 5.1-Surround-Option anbietet; wegen der Überlänge (zweieinhalb Stunden Musik, keines der acht Stücke unter einer Viertelstunde) hat man diesmal auf MP3-Zugaben verzichtet. Als ein weiterer thematischer Fokus (neben Raum) speziell dieser Compilation zeigt sich jedoch auch ein prominenter und äußerst vielfältiger Umgang mit der menschlichen Stimme als Ausgangsmaterial, teils in textlichen Inspirationen angelegt (Burroughs, Kafka, Rilke), aber auch ganz abstrakt bis hin zu im Klangergebnis nicht mehr entschlüsselbaren Verfremdungen. Nicht zuletzt in dieser Länge ist das nicht immer einfache, oder besser: bequeme Kost; dazu drehen sich einige Stücke zu sehr um besondere und extreme Bewusstseinszustände. Unter der hochkarätigen Besetzung (Bernier, Copeland, Dhomont, Dufort, Gobeil, Normandeau, Truax und Westerkamp) räumt denn auch letztere mit ihrer wunderschönen, so intensiven wie beruhigenden Meditation über Rilkes "Liebesgedicht" ab. www.empreintesdigitales.com/ MULTIPARA Dominique Bassal - Ubiquité [empreintes DIGITALes/IMED 09101 - A-Musik] Kein Obertönchen bleibt bei Dominique Bassal auf dem anderen. Kein Klangbild bleibt unmanipuliert, alles muss durch ein Labyrinth kommunizierender Röhrenmobilees, wenn es nicht gleich in cutting-edgetechnologischer Analog-und-FMSynthesenverschmelzung in solchen geboren wurde, und mündet in apokalyptisch-mythischen Astral- und Pilgerreisen. Klangdrama steht also auf dem Programm. Viere an der Zahl, alles Leckerbissen, Anfang des letzten Jahrzehnts komponiert, später auf 7.1-Sound expandiert, teils noch revidiert. Bassal kam über den Umweg langjähriger fortgeschrittener Studioproduktion im Pop mit diesen Stücken zurück zur ursprünglich studierten Elektroakustik und setzt sich seither nicht nur beim Mastern fürs Label, sondern auch hier bei seinem Debutalbum klangtechnische Hochleistung zum Ziel, und das kann man schon hören, auch in der ästhetischen Anlage: Transparente, schwerstens durchgearbeitete Schichten durchfliegen den Hörraum, viel passiert und passt doch alles zusammen. Deshalb auch ein Bilderbuchbeispiel fürs immer noch fremde, eigene Klanguniversum, das dieses Feld zu bieten hat. www.empreintesdigitales.com/ MULTIPARA Woodpigeon - Die Stadt Muzikanten [End Of The Road Records/EOTR0013CD - Indigo] Wenn Weihnachten und Ostern zusammenfallen, endlich, ist das Leuchten in den Augen der Kinder so strahlend hell, dass die Zeit für Woodpigeon gekommen ist. Passiert ja immer wieder, genau wie die märchenhafte Geschichte von Woodpigeon, der, und das ist gemutmaßt, aus Kanada irgendwann nach Europa zog, im Keller der Großeltern mit allerhand deutscher Memorabilia auf Tuchfühlung ging und seit seinem fünften Lebensjahr Akkordeon übte, auch auf dem Klo. Alles völlig unwichtig, man muss nicht immer die Hintergründe kennen, um eine solch tolle Platte gern zu haben. Und eigentlich will ich die Schublade "folkiger Indiepop" auch gar nicht aufmachen, trifft sie den Ton dieses Albums doch, wenn überhaupt, nur ganz am äußeren Rand. Das Album ist perfekt, die Songs groß wie Monolithen, ganz eigenartig einzigartig aufgenommen, flüssig und groovend, ohne der Vergangenheit anzuhängen, einfach nur nach vorne schauend, denn da ist die Autobahn und am anderen Ende das Glück. Bremen? Auch das spielt keine Rolle. www.endoftheroadrecords.com THADDI V/A - Producer #2 [Fat City/FCCD031 - Groove Attack] Fat City mixt hier elektronisch abstrakten Hip Hop, Dubstep, 60s Psychedelic und Electronica mit ambienten Flächen, deepen Sounds und viel Soul zu einer super-relaxten Sofa-CD. Verschlafen klingt hier aber gar nichts, viel zu frisch und ausgefuchst sind die oft ungewöhnlichen Sounds. Zudem haben die Macher einen guten Humor und Sinn für Stolperbeats, sodass langsames Wegschlummern auch eher unwahrscheinlich ist. Das Personal ist mit Martyn, Dabrye, Carlos Nino, Harmonic 313, Daedalus und dBridge zudem erstklassig. Außerdem gibt es mit Illum Sphere, Tandy Love und Mike Slott auch noch einige Neuheiten zu entdecken. www.fatcityrecordings.com ASB

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Secret Cinema - Welcome To My Club 1st Issue [Gem Records/CD001] Ein sympathischer Mix auf dem Secret Cinema sich quer durch den ravigen Soul der Housegrooves bewegt, die von Sisman, Saag, Egbert, Itamar Sagi und diversen anderen immer wieder bereit ist ein klein wenig zu übertreiben und dann auch mal die breite Masse ins Voguen zu bringen. Musik die immer wieder mal ihre harmonisch breiten Pausen hat, abgefedert wird, nie zu zielstrebig ans Ziel kommen will, vor allem aber quer durch die Genres der Dancefloors driftet und dabei immer dieses Tänzeln rings um die brummigste Melodie findet, die den Floor zwischen Deepness und ravigem Wirbelwind gefesselt hält. BLEED Raf And O - A Giant In The Snow [Geo Records/Geo017 - Groove Attack] Ich mag diese wirklich exzellent gestrickte experimentelle, cinematografische Indietronic-Welt, die Raf And O hier auf die Platte legen, außerordentlich gerne. Mein einziger heftig schreiender Kritikpunkt hier soll sein: Frauen !!! Wenn ihr bei solchen Projekten singt, könnt ihr euch endlich mal jemand anderen als Louise Rhodes (Lamb) und Ròisin Murphy (Moloko) als Vorbilder aussuchen? Ich mag das so nicht mehr hören. Die Musik zieht, zupft, schnurrt und wenn der Popakkord sauber getimt und nicht zu lange anklopft, ziehen sich meine Mundwinkel sauber nach oben. Die entstehenden, stark emotionalisierenden Klangbilder schweben über den Boxen, treiben durch die Scheiben und wandeln die Szenen, die sich hinter den Fenstern meines Nachbarhauses abspielen, zu einer eigentümlich surrealen Ansammlung absurd kabarettistischer Episoden. Wer vor solchen Tagträumen nicht zurückschreckt, geht das Album von Raf And O morgen kaufen und schert sich einen Dreck um meine kleinliche Rüge. RAABENSTEIN Booka Shade - More! [Get Physical] Dass Booka Shade Könner ihres Handwerks sind, konnte niemand je ernsthaft bezweifeln. Sie haben den 2000er Techno-Liveact auf Depeche Mode-Bühnen gebracht und ihr Erfolg hat auch jegliche später aufpoppenden Safri-DuoSimilaritäten zunächst legitimiert. In bestimmten Momenten werden auch hier die bekannten elegischen Moll-Layer aus der Kiste geholt, stramm mit der Euphoriebürste gestriegelt und enorm auf Effizienz getrimmt. Der Großraum könnte größer nicht sein. Ein Künstler holt sich seinen kreativen Input aus dem Feedback der Rezipienten. In diesem Falle ist die Zielgruppe hörbar Richtung Dolby-Surround-HeimanlagenGoutierer und Festival-Vierviertelklatscher gewandert. Für die subtilen, schweißgetrieben, augmentierenden Momente ist hier wenig Raum. Mehr ernst gemeinter Pop kann Techno in seiner Konzeption wohl nicht mehr sein und auch wenn es ein NoGo ist, Pressecuts zu zitieren, in seiner Zweideutigkeit skizziert es die Sache durchaus angepasst: “ Das Album soll durch alle Stadien einer durchgemachten Nacht führen ...“ JI-HUN Matthias Reiling - Das Gespenst von Altona [Giegling] Relativ ohne Ankündigung kommt gleich ein ganzes Album von Matthias Reiling, aka die Hamburger Hälfte von Session Victim, und dann auch noch auf Giegling, dem Überfliegerlabel der kürzeren Vergangenheit aus Weimar. Recht familiär wirkt der Einstieg, edelste Sample-Cutups aus der Staubplattenschublade mit betont mittigem Drive und Twistpotential

Harmonia & Brian Eno ‚76 - Tracks And Traces Reisue [Grönland Records/CDGRON102 - Cargo] Brian Eno, 1976 gerade damit beschäftigt mit David Bowie an dessen Album "Low" zu arbeiten, überraschte die Mitglieder der Düsseldorfer Krautrockband Harmonia mit einem spontanen Anruf und der Frage, ob sie gerade jetzt Zeit für eine Zusammenarbeit hätten. Hans-Joachim Roedelius, Michael Rother und Dieter Moebius hatten gerade ihr Projekt gegen die Wand gefahren, sagten aber dennoch zu. Einem vierunddreißig Jahre alten Jam, egal mit welchen Beteiligten, muss man eigentlich vorsichtig gegnübertreten, nicht aber so hier. Die sehr ausgeglichen wirkenden, erstmals in dieser Form vorliegenden Stücke, bilden auf klare Weise die Spielfreude dieser Session ab und öffnen einen frischen, überraschend unverbrauchten Blick auf die kreative elektronische Avantgarde Mitte der Siebziger. Leider sind auch in diesem vorliegenden Fall zum Teil die internenen Nicklichkeiten der Mitglieder von Harmonia für die späte Veröffentlichung dieses kleinen Juwels verantwortlich. Das lässt schaudernd ahnen was da sonst noch weltweit in von Bitternis überzogenen Archiven an Schätzen so schlummern mag. Early Ambient at its best, mit wunderbaren, spröde geschliffenen Einsprengseln, die so nur Deutsche setzen können.Raabenstein RAABENSTEIN

Kontext - Dissociate [Immerse/Ime016 - Dispersion ] Bei der Musik von Kontext handelt es sich nicht einfach um irgendwelche Tracks, sondern vielmehr um Kompositionen. Mit seinem Debutalbum zeigt der aus St. Petersburg stammende Produzent, dass sich basslastige Musik an der Schnittstelle von Dubstep und Drum & Bass auch für epische Songstrukturen eignet. Die 11 Stücke beziehen ihre Tiefe dabei aus unzähligen Sounds, deren klangliche Dichte sich erst nach dem mehrmaligen Hören erschließt, wofür nicht zuletzt auch der sehr subtile Einsatz vieler Fieldrecordings, z.B. von belebten Marktplätzen, verantwortlich ist. Die vereinnahmende Stimmung der meistens sehr schweren, aber nie düsteren Melodien und die vielen Sprachsamples aus russischen Filmen werden dabei oft von leichten 2 step Beats gebrochen und erzeugen damit eine ungewohnte Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Atmosphären, die von tiefer Melancholie bis hin zu einer Art Post-Club-Euphorie reichen. Absolutes Highlight ist vor allem ”Aeromonarch Attacks“, dass mit seinem langsamen Intro aus ultraschweren Akkorden seine volle Wucht erst nach 2 Minuten entfaltet, wenn der treibende 2 Step Beat die vormals losen Sounds zu einer Gesamtheit verschmelzen lässt. Doch auch der Rest macht ”Dissociate“ mit all den Tempiwechseln, Delayschleifen und Klaviereinspielern zu einem durchgehend inspirierenden Klangerlebnis, für das man nicht nur an regnerischen Tagen dankbar sein sollte. www.myspace.com/kontextkontext PHIRE

V.A. - 10 Years Of Highgrade [Highgrade/075 - WAS] Highgrade kommt aus den Großprojekten gar nicht mehr raus. Jetzt 10-Jahres-Feier. Und dafür haben sie glatt 20 neue Tracks zusammengestellt auf denen alle Labelacts zu Wort kommen. James Flavour, Tom Clark, Todd Bodine, Format:B, Guido Schneider & André Galluzzi, Simon Beeston, Jackspot, Tigerskin und der Rest der Bande. Und herausgekommen ist ein Querfeldeinritt durch die verschiedensten Arten von Minimal, House und funkigen Technomenten, der eigentlich durch und durch brilliert mit seinem klaren und immer sehr aufgeräumt dichten Sound. Wer einen Überblick über die Berliner Minimalhouseszene will, der ist hier perfekt aufgehoben und dürfte einiges an feinen, fetten Überraschungen erleben. www.highgrade-records.de BLEED

aswefall - Fun Is Dead [Isolering/isocd001 - Broken Silence] Es gibt in Frankreich eine Tradition von Bands, die alle eine Mischung aus Elektronik und akustischen Instrumenten zur heiligen Kuh stilisierten. Konkret hieß das bei den meisten: Drumcomputer und Cure-Basslines. Little Nemo, Feu Ma Mere, Mary Goes Round ... alles lange her. aswefall arbeiten an dieser Schnittstelle weiter. Nach ihrem Debüt auf "Kill The DJ", einem AirFrance-Werbedeal, musste der ganze Ballast weg und eine reduzierte, dafür deutlich dichter geflochtene Soundidee her. Drumcomputer und Cure-Basslines. Singen können die Jungs auch nicht, und die düsteren Pop-Songs taugen bestimmt nicht für jede Gelegenheit, es sind aber allemal ein paar feine Tracks auf diesem zweiten Album zu finden. www.aswefall.com THADDI

Architect - Consume Adapt Create [Hymen] Von Architect aka Daniel Myer haben wir schon lange nichts mehr gehört. Hier meldet er sich mit einem Album voller deeper Tracks breakigen Wahns zurück, die mich ein wenig an die beste, darkeste Zeit von Planet Mu erinnert. An die Zeit vor Dubstep. An die Zeit in der trocken sprotzige Ambienttracks direkt neben wilden Beateskapaden lagen und alles dennoch in sich geschlossen wirkte. Diese Geschlossenheit ist es aber auch, die die Platte jetzt etwas altmodisch, und in einer Zeit verhaftet klingen lässt, die schon fast an uns vorbeigezogen ist. Dennoch, wer sich danach zurück sehnt wird die Platte lieben. BLEED

The Marble Man - Later, Phoenix [KF Records/KF 009 CD - Broken Silence] Kumpels and Friends haben mit Schinderwies zusammen echte Songwriterperlen wie Garda herausgebracht. Nun ist Schinderwies leider Geschichte, aber die Freunde aus Dresden haben sich nicht lumpen lassen, das junge Talent in ihren Katalog aufzunehmen. Hier hört man warum, mit 22 Jahren ist Josef Wimshofer immer noch frisch dabei, aber ihm ist ein großes Talent für bewegende Songs gegeben. Trotz mitunter reichhaltiger Instrumentierung gelingt es ihm, konzentriert zu berühren, ohne in den Abgrund des Kitschs abzugleiten. Und an dieser Kante sind schon ganz andere abgerutscht. Ganz gegen das Klischee ist denn auch die melancholische Stimmung im Sommer aktuell. Aber auch dann kann tröstende Musik nicht schaden. Und das tut diese. www.kfrecords.de TOBI

The Prayer Tree - s/t [Hymen Records/782 - Hymen] Jérôme Chassagnard und Guillaume Eluerd haben sich The Prayer Tree ausgedacht und ziehen uns mit ihren leicht düsteren Songs, der gelungenen Instrumentierung und den kleinen sonischen Gadgets komplett und für immer auf ihre Seite. Es liegt etwas Magisches in ihrem Sound, der eigentlich ganz unaufgeregt daherkommt und spärlich ausproduziert ist. Man spürt diese von allem entkoppelte Schönheit eines David Sylvian in seinen besten Momenten, wenn nichts, rein gar nichts sein bedächtiges Streben nach dem perfekten Wohlklang stören kann. Große Momente aus dem kleinen Lautsprecher. www.hymen-records.com THADDI

The Radio Dept. - Clinging To A Scheme [Labrador Records/Lab105 - Broken Silence] Ihr kennt diese Alben, bei denen man sofort mitsingen kann, die Harmonien ahnt, die Breaks schon im Voraus feiert und bereits im zweiten Durchgang aus jedem Track einen Kanon macht. So klingt auch The Radio Dept. aus Schweden. Es ist

Kontext - Dissociate [Immerse/Ime016 - Baked Goods] Stanislav Sevostyanikhin ist einer der Helden der Stunde. Seine 12"s auf Immerse begeistern uns schon lange, jetzt kommt sein Album. Und was für eins! Um einige Tracks der Maxis herum baut der Russe aus St. Petersburg sein Universum Schritt

ein wundervolles Album, voller Pop-Perlen, mal in klassischer Ride-Tradition, dann wieder mit Jazz-Butcher-Anleihen, kurzen Elektronik-Passagen, zermalmenden Shoegazer-Passagen, klassisch britischen Indie-Passagen ... einen eigenen Sound hat die Band nicht wirklich, aber vielleicht ist gerade das ihr Geheimnis, sich die Konsens-Rosinen auf ihr eigenes Stück Brot zu schmieren. Das Ergebnis ist mehr als herzzerreißend und gute Popsongs soll, darf, muss man sowieso immer wieder recyceln, covern, bearbeiten. Das ist nichts anderes als Chicago-House. Das Tolle ist, das sich auf "Clinging To The A Scheme" alles kontinuierlich steigert und nachdem alles durchgeschleift wurde, von St. Etienne bis New Order, zerfällt alles in schwere Melancholie, verrauschte Noise-Schleifen, blitzende Übersteuerungen und schließlich kann der Neuanfang beginnen. Pop-Album des Frühlings! www.labrador.se THADDI Delicate Noise - Filmezza Remixes [Lens Records/LENS0115 - Digital] "Filmezza“ wurde im Original nicht zu Unrecht mit den warmen und entspannenden Klängen von Boards Of Canada verglichen. Jetzt haben sich sieben Remixer an Neubearbeitungen des Albums gemacht, die größtenteils nicht viel von den Originalen übrig lassen. Das fällt besonders auf, wenn hier gleich drei Bearbeitungen von "Pheromones“ hintereinander stehen, mal als Hip Hop (Document One), mal straight perkussiv (Knowing Looks) und mal verhuscht durch die digitale Mangel gedreht (Sunao). Dazu gibt es noch eine Electro-Version von "Butterfly Envy“ (Jauzas The Shining), eine ausladend epische Analogsynthie-Bearbeitung von "Lush And Coated“ (Heinrich Dressel), "Beware Of Digital Children“ (10- 20) als Dubstep und "Astronaut In Training“ (Tension Co.) im Elektroakustik-Gewand. www.delicatenoise.com ASB Alva Noto - For 2 [Line/Line 044 - A-Musik] Das gegenüber dem Vorgänger "For" von 2006 etwas blassere Coverbild täuscht: Die zweite Compilation von Einzelwerken Carsten Nicolais, die jemandem gewidmet sind (oder einer Sache, wie im ersten Stück "Garment"), ist klarer, farbiger und spannender geraten. Meist um 2007 entstanden, zeigen die Stücke einen Alva Noto, dessen Palette linearer, durch repetitive Tonfolgen in Bewegung gesetzter und romantisch getönter minimalelektronischer Texturen aufgeblüht ist. Klarer, weil die Vagheit digital-glitchiger Flächen verschwunden ist, auch die Formen sind klarer konturiert, aus dem Verdichten ergeben sich Melodien; und farbiger und spannender, weil mehr ausprobiert wird: klassische Instrumente, diverse kleine, inspirierte Vignetten, griffige Rhythmen. Alva Notos Tonsprache, seine Romantisierung des Sinustons, ist über die Jahre einfach so (selbst-)verständlich geworden, dass seine Handschrift auch bei größerer Offenheit und weniger Strenge unverkennbar bleibt: Diese Platte ist keine, die programmatisch oder konzeptuell wirkt, schon gar nicht radikal. Dem Musiker Alva Noto wird sie damit gerechter als so manches Hauptwerk. www.12k.com/line/ MULTIPARA V/A - New Blood 010 [Med School/MEDIC18CD - Groove Attack] Das Info spricht von Drum’n’Bass, die beteiligten Musiker aus Europa und Australien können aber auch Dubstep und 2Step. Gemein ist ihnen allen die Vorliebe für klare und recht gut gelaunte Sounds, ambiente Flächen und tanzbare Beats. Der eine oder andere arbeitet auch mit Vokal-Schnipseln, So:Flow z.B. mit einem runtergepitchten Alienrülpser und Enei mit stumpfen, aber anregenden Samples im Kommando-Ton. Circa verwendet atmosphärische Fieldrecordings und Kharm riesige Hallräume. Nicht die Neuerfindung des D’n’B aber auf jeden Fall gut gemachte Unterhaltungsmusik. www.hospitalrecords.com ASB Suff Daddy - The Gin Diaries [Melting Pot Music/MPM 91 - Groove Attack] Aus der Melting-Pot-Schmiede kommt dieser Longplayer des Berliner Produzenten, der sich für seine feinen Beats labelintern mit Gästen versorgt hat. Kollege Jim Dunloop trägt

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Vernon & Burns - The Light at the End of the Dial [Gagarin Records/GR 2023 - A-Musik] Die beiden Klangkünstler Vernon & Burns hören vielleicht nicht das Gras wachsen, ihre Ohren sind aber fein genug, um das Absurde im Beiläufigen punktgenau zu registrieren. Wirklich viel passiert in diesen kurzen Stücken nicht, doch reichen die paar Klänge, mit denen sie operieren, locker aus, um Szenen zu hinzutupfen, in denen das Komische nicht weit vom Unheimlichen liegt. Mit ihren diskret absurden Collagen sind sie auf Felix Kubins Label Gagarin Records daher bestens aufgehoben. Wenn’s gerade passt, haben sie auch vor echten Melodien keine Angst und schaffen es sogar, eine fast hundert Jahre alte Music-Hall-Nummer beunruhigend aktuell klingen zu lassen ("Naughty Boy“). Ein sehr schöner Beweis dafür, dass sich Field Recordings und Samples überzeugend mit Humor paaren lassen, ohne albern werden zu müssen. gagarinrecords.com TCB

für Schritt auf. Das ist vor allem dunkel, mysteriös, vertrackt und böse. So wie man sich Russland unter einer dicken Wolkendecke eben vorstellt. Bei Kontext spielen die Beats eigentlich nur eine Nebenrolle, oder anders formuliert, stehen als gleichberechtigte Partner neben dem Sounddesign. Und das ist in seiner kategorischen Schwere doch extrem fluffig und leichtgängig. Viel Fläche, viel Moll, viel Echo und Erinnerung. Kontext, und das wird auf dem Album erstmalig richtig klar, fühlt sich einer Epoche verpflichtet, als Klang alles und die detaillierte Ausarbeitung harmonischer Ideen die oberste Priorität war. An der Schnittstelle zwischen Dubstep und Elektronika erschafft er eine Welt, die nur ihm gehört. Eine mitreißende Reise in das Dickicht. www.immerserecords.com THADDI

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der betont nickenden Sorte. Keiner der Tracks spannt den Clubfaktor zu sehr auf die Fahne. Nahezu skizzenhaft wird hier Disco und Funk in klassischen Songlängen und mitreissenden MPC-Patterns dekonstruiert. Von House bewegt sich die zweite Hälfte des Gespensts von Altona in HipHop-Strukturen. Man stelle sich einen aberputzigen, samplefressenden Hamster vor, MF Doom in der linken und Primo mit DJ Shadow in der rechten Backentasche. Da sucht man Qualitätslecks mit dem Mikroskop und wird sie nicht finden. Eines der entzückendsten und gewieftesten Alben der ersten Jahreshälfte 2010. JI-HUN

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ALBEN seinen Teil zum jazzigsten Stück bei. Insgesamt atmet das ganze eine Lässigkeit, wie sie seit den anfänglichen DopeBeat-Zeiten kaum noch zu finden war. An die Klasse von damals kommt dieses sehr kurz geratene Album leider nicht ganz ran, da muss noch eine Schippe draufgelegt werden. Aber da die Latte hochliegt, wollen wir mal nicht so sein und heben den Daumen für den unwiderstehlichen Soul und den mutigen Willen, eine solche Scheibe im deutschen HiphopKontext zu platzieren. TOBI Rdeca Raketa - Old Girl, Old Boy [Mosz/Mosz 023 - Groove Attack] Eine Paetzold Subbassblockflöte ist ein zumindest in der experimentellen Musik nicht unbedingt weitverbreitetes Instrument. Das auch optisch ziemlich beeindruckende Blasinstrument erzeugt auf "Old Girl, Old Boy“ interessante und ungewöhnliche Klänge auch außerhalb des Tieftonbereiches, die sich wunderbar mit ihren elektronischen Sounds mischen. Dazu arbeitet das Wiener Duo mit Kassettenrekordern, Spielzeugen und einem E-Bass und erzeugt damit ein ungemein spannendes halbstündiges LiveHörstück mit Elementen aus Elektroakustik, Drone, Noise und Ambient. ASB Hans Unstern - Kratz Dich Raus [Nein, Gelassenheit/Staatsakt/Akt709CD - Rough Trade] Zwischen Goldies, Distelmeyer, den wirklich stark gewordenen Tocotronic, Ja, Panik, FSK, LaHengst, Begemann, Fehlfarben und -mann ist noch einiger Platz in Sachen ernsthaftem Spaß mit deutscher Sprache plus Konzept und Haltung. Hans Unstern setzt sich ruckelnd und etwas mit ausgefahrenen Ellenbogen in diese Lücke. Platz da. Sicher nicht unbewusst klingt Unstern in seinen Meckereien (”Anglet“) nach Kamerun der letzten beiden Zitronen-Alben. Angenehm verquer, angenehm ungemütlich, die ganze Angelegenheit. Fast eine Portion No Wave der Achtziger mit reingepackt. Aber natürlich ist Unstern nun nicht ein Abklatsch. Eher ist er der hyperseriöse, böse kleine Bruder, der dunkle Schatten der oben genannten. www.staatsakt.de CJ Kazumasa Hashimoto - Strangeness [Noble/CXCA-1265 - A-Musik] Hashimoto ist ein Könner. Nach seinem herausragenden Soundtrack für Kiyoshi Kurosawas preisgekrönten Film "Tokyo Sonata" hat er sich nun vorgenommen, seine Rückkehr zum Popalbum prädigital nostalgisch zu färben. Ob der deutlichen Beatles- und frühen Pink-Floyd-Anklänge runzelt man erst die Stirn, dann folgt jedoch plötzlich ein gutevolkiger Break, eine verregnete Nacht im NeoromantikMarionettentheater, ein schläfriger Spaziergang durch Wald und Wiese, und bald träumt sich das Album mit seinen Mellotronflöten, Plinkerpianola und -gitarren in diffuser Psychedelik überallhin, ein kräftiger Zug Swinging Sixties hier, ein Tässchen Frankophilie dort, das alles sehr verdöst und laid back verschwimmend und immer wieder in Hashimotos geliebtem Walzertakt. Weil er so schön kann, was er will, könnte dann es mit einem bezaubert-bedröhnten Lächeln vorbei sein, da legt er noch zwanzig Minuten nackte Klavierfantasie nach, die einen ob ihrer Ideenarmut und ihrem unlyrischen Anschlag in Zweifel stürzen. Das Titelstück. Streichen! Und, liebe Frau Nishiyama, auch wenn sogar die große Akiko Yano gern Ihre Stimme hätte: Vergeuden Sie nicht gar so viel Zeit aufs Singen für Herrn Hashimoto. Der kann das doch selbst. Nehmen Sie lieber wieder ein neues Gutevolk-Album auf und singen sie da. Ihr Fan. www.noble-label.net/ MULTIPARA V/A - 10th Anniversary Edition [Nonplace/Non28CD - Groove Attack] Nach dem unglaublichen Embassadors-Album neulich nun also das Jubiläum. Oh je, zehn Jahre sind Nonplace schon around und testen very sophisticated die Überschneidungen von Electronica, Jazz, Dub, Reggae und Downbeat aus. Acts wie Flanger, Root70, Friedman haben so sorgfältig und in aller Ruhe eine schlaue Variante von Weltmusik geschaffen und an der Umdeutung dieses einst negativen Begriffs gearbeitet. Welt heißt hier Ortlosigkeit. Die Dinger flirren und schweben zwischen den Kontinenten und haben sich längst verselbständigt. AtomTM, Jaki Liebezeit und immer wieder natürlich Burnt Friedman haben ihren Weg gefunden. Die 15 Tracks sind bisher unveröffentlichte Instrumentals bzw. Versionen und werden von einem gewohnt stilsicheren Ernestus-Mix der Embassadors gekrönt ("Makena“). Sehr lässige Funkiness im Anzug. Gut, in kriseligen unsicheren Zeiten, eine Musikheimat wie "Nonplace“ zu haben. www.nonplace.de CJ

V/A - Duskscape Not Seen [Nothings66 - Import] Wie aus dem Nichts kommt dieses neue Label aus Japan und ja, ich bin befangen, weil mir Dub Tractor und die Gentleman Losers viel bedeuten, das Tracklisting dieser Compilation mit ausschließlich unveröffentlichten Tracks liest und hört sich aber so sensationell, dass hier eine Hymne gesungen werden muss. Helios, September Collective, Lusine, Ezekiel Honig, aMute, Goldmund, Color Cassette, Crisopa, Yagya, The Sight Below ... und das sind noch längst nicht alle ... verweben ihre ganz eigenen Ideen von Sound und Songwriting, von Schub und Bremse, Weite und konkreten Statements derart perfekt, dass sich "Duskscape Not Seen" fast wie ein Artist-Album anhört. Eine lange feine Reise mit vielen unerwarteten Stops vor grandioser Landschaft. www.nothings66.com THADDI Rudi Zygadlo - Great Western Laymen [Planet Mu/ZIQ265 - Groove Attack] Dies dürfte dann das erste veritable Pop-Dubstep-Album des Planeten sein. Planet Mu sind auf ihrer Suche nach neuen Poptraditionen bei dem Glasgower Rudi Zygadlo fündig geworden. Nach nur einer EP geht der junge Musiker bei dem Label jetzt auf volle Länge, um sich als Fusionsexperte der besonderen Art zu empfehlen. Neben den Hauptzutaten Dubstep und Synthiepop hat Zygadlo eine genauso starke Vorliebe für musikalische Exzentriker wie Frank Zappa, und seine Songs lassen in ihren kaleidoskopartigen Abschweifungen das ein ums andere Mal an die üppig gefalteten Strukturen von Prog Rock denken. Über Ideenmangel kann Zygadlo jedenfalls nicht klagen. Ein bisschen wird ihm das aber zum Problem. Denn bei aller Abwechslung können ihm die einzelnen Stücke schon mal in ihrer Detailvielfalt zerfasern. Und so schön das im Einzelnen klingt, bekommt man über die gesamte Länge doch den Eindruck, dass Zygadlo einen Gedanken auf immer neue Weise ausformuliert – und sich dabei wiederholt. www.planet-mu.com TCB Starkey - Ear Drums and Black Holes [Planet Mu/ZIQ259 - Groove Attack] Bei Paul Geissinger hat sich einiges geändert. Auf dem Nachfolger von "Ephemeral Exhibits“ verzweigt er seinen Dubstep-Hybrid unter anderem stärker in Richtung Grime und holt sich einige handverlesene Rapper und Sänger an Bord, um auf große Stimmungsreise zu gehen. Für Überraschung dürfte dabei der neuerdings vorherrschende sanfte Tonfall sein, in dem Starkey seine musikalische Vision artikuliert. Was keinesfalls heißt, dass er nicht hin und wieder auch die große Säge hervorholt, aber eben nur bei Gelegenheit. Stattdessen geht er mit großer Leidenschaft seinem Talent für griffige Melodien und suggestive Arrangements nach, die auch schon mal schwelgerisch geraten können. "Spacecraft“ klingt fast wie eine Dubstep-Hommage an die frühen Air. In seinen wilderen Momenten bringt er dafür das Ausladende mit dem Flirrend-Fräsenden auf eine hübsch brachiale Bass-Formel, die keine Wünsche übrig lässt. Epic Dubstep im besten Sinne des Worts. www.planet-mu.com TCB Dakota Days - s/t [Ponderosa/CD 069 - Qrious] Ronald Lippok und Alberto Fabris spielen sich die Seele aus dem Leib. Wie könnte es auch anders sein. Was Herr Lippok den ganzen Tag treibt, wissen wir und Herr Fabris ist der Assistent von Ludivico Einaudi, dazu studierter Komponist. Die Zusammenhänge sind also klar und eindeutig, der musikalische Duktus ist aber ein völlig anderer als zum Beispiel der von Lippoks anderer Band Tarwater. Da sind zunächst die Kylie-Minogue-Coverversionen, die dem Debütalbum des Duos von vornherein schon einen besonderen Anstrich geben. Dazu kommt eine Lockerheit und Lässigkeit in den Songs und der Produktion, eine Unbedarftheit, eine Neugier auf die Tricks des Gegenübers, die man so bislang noch nicht kannte. Eine große Pop-Platte, die in jedem Song wieder von neuem überrascht, einem sofort einleuchtet, die man nicht wieder weglegen will. www.ponderosa.it THADDI The Underbelly - Seven feet under [Recordkicks/RKX030 - Groove Attack] Die Kenner der modernen Funkszene sind eh schon informiert, jetzt für alle anderen: “The Underbelly” ist der neue Act auf Recordkicks mit Roxie Ray von Dojo Cuts bei einigen Stück als Gastsängerin. Vergleichbar mit den Bamboos agieren die Musiker druckvoll und variantenreich, und der Extrakick Soul kommt vom Gesang. Der Tempofalle durch ständiges Rocken entgehen sie auch gekonnt. Sollte man im Auge behalten, wie es Pete Isaac, Diesler oder Craig Charles schon länger tun. Die Füße stillhalten kann man hierzu jedenfalls nicht. www.recordkicks.com TOBI Headman - 1923 [Relish - Groove Attack] Da wurstelt die gesamte Dancegemeinde zur Findung eines neuen Konsens gerade wild in Discoplattenkisten herum und Robi Insinna/Headman/Manhead, junges Schweizer Ge-

wissen der Tanzmusik der 70er und 80er, rotzt mit 1923 ein patziges "Nein" allen Trendhaschern entgegen. Es gab schon damals ein Danach und das gibt es hier mit Vocalfeatures von Dieter Meier (Yello) oder auch Steve Mason (Beta Band), also bewusst als Popformat sich zu verstehen gebend. Natürlich wird hier auf der Klaviatur der Discozeichen souverän doziert, ergibt in der Quintessenz aber eher eine No Future-Perspektive, eine die droht zu implodieren, weil der Rock‘n‘Roll am Hosenansatz bräunliche Schlieren ansetzt und Leichtigkeit und Laissez-faire erneut gekonnt konterkariert. Es bleibt nicht aus, aber damalige existenzialistische Hedonismusbilder aus dem Rio wollen einem nicht aus dem Kopf, die aber damals schon ein Backlash von zuvor vergangenen Dekaden gewesen sein müssen. JI-HUN Rafael Anton Irisarri - Immune [Reverie/010 - Import] Der aus Seattle stammende Irisarri knüpft mit seiner auf Reverie veröffentlichten Mini-LP "Immune" nahtlos an sein Erstlingswerk ”Daydreaming" an. Seine minimalistischen Kompositionen nehmen sich diesmal aber mehr Raum und Zeit, seine repetetiv eingesetzten Piano- und Gitarrenmotive, von zerbrechlichen Ambientdecken ummantelt, haben eine dichtere und forderndere Tiefe. Der von Mahler, Debussy und Harold Budd inspirierte Komponist und Produzent verschmilzt auf "Immune" klassische Fragmentbögen und Elektronik zu minutiös detaillierten Meditationen und feingliedrig nebligen Schlingen. Gerade darum ist Irisarri einer der interessantesten Vertreter einer neuen, zeitgenössischen Auseinandersetzung mit Ambient, gedankenverloren aber nie wahllos, zaghaft aber nie ziellos. Im Wechselspiel mit ”Daydreaming" gehört, erschaffen seine Stücke stille Bildwelten, die weniger filmisch wirken, sich vielmehr auf eigentümliche Weise wellenförmig in sich selbst spiegeln, um sich dann leise periodisch in sich selbst zurückzuziehen. Traumhaft. RAABENSTEIN The Reverend Peyton's Big Damn Band - The Wages [Sideonedummy Records/SD1414-2 - Cargo] Der Name "The Reverend Peyton's Big Damn Band“ klingt schon mal mächtig. Die Combo besteht aus einem Sänger mit Gitarre aus Indiana, der sich von seiner Frau am Waschbrett und seinem Cousin dritten Grades mal am Eimer und mal am Schlagzeug begleitet wird. Die Songs bewegen sich musikalisch zwischen Blues, Country und Western Swing. Reverend Payton, der seine Küchenauftritte laut Youtube auch gern mal mit den Worten "Ruhe da hinten, hier werden Lieder gesungen!“ einleitet, bietet auch seine Musik mit derselben rustikalen Attitüde dar, die schon auf CD eine Menge Spaß macht, live bestimmt jeden Club zum Toben bringt. Und da sag noch einer "Landeier“! ASB Hundreds - s/t [Sinnbus - Rough Trade] Kurz und knapp: Ich will dieses naive Stimmchen, die Klavierklimpereien und die austauschbaren elektronischen Betten nicht hören. www.sinnbus.de THADDI Memory Tapes - Seek Magic [Something In Construction/SICNOTE049 - Rough Trade] Stimmt, was das Info zu Dayve Hawkes Remix-Tätigkeiten für Yeah Yeah Yeahs, Peter Bjorn & John, Taken By Trees, Britney Spears und Michael Jackson sagt? Wie dem auch sei, sein Projekt Memory Tapes braucht diese Referenzen letztlich gar nicht. Denn hinter dem Hype findet hier einfach wunderschöne, kleine Popmusik statt. Etwas auf die Schuhe guckend, sehr melodiös, vor sich hin tuckernd, in den Fußstapfen großer Pre-Indietronics der Achtziger à la Lush oder Electronic/ New Order und ohne Angst vor winzigen Hits wie “Bicycle“. Der Mann aus New Jersey hat auf die britische Insel geschaut, aber ganz klar. www.somethinginconstruction.com CJ Bobby And Blumm - A Little Big [Sound Of A Handshake/shake 007 - Indigo] Frank Schültge und Elinor Blixt veröffentlichen ihr zweites musikalisches Paralleluniversum auf Thomas Morrs Unterabteilung "Sound Of A Handshake“ und bleiben dabei ähnlich ruhig, elegisch und entspannt wie auf dem Erstling "Everybody Loves…“. Der gehauchte Gesang, dieses Mal im Duett, verweist auf das Vorbild Stina Nordenstam und Blumms präzise Gitarrenarbeit erinnert an seinen zeitweiligen Kooperationspartner David Grubbs. Zu schön um wahr zu sein ist ihre Musik, schwermütig, aufwendig instrumentiert und arrangiert sowie unauffällig mit experimentierfreudigen Sounds angereichert (man liest von Fenchelsamen auf Backpapier). ASB Ganglians - Monster Head Room [Souterrain Transmission] Es knackst hinter jeder Ecke. Ganglians aus Sacramento spreizen den Wilson‘schen Streicheltierzoo mit aller Chuzpe, die es wohl braucht, um im 21. Jahrhundert Bestand zu haben. Da werden die Tremolos ausufernd bedient und die gesamte Produktion nimmt sich den Albumtitel programmatisch vor die Brust. Da sprenkelts im Kopf und will mit Fernheit psychedelische Assoziationen schwängern. Gesangssätze, alles mit dem Staub wüstiger Sonnensände. Man suche den Fuchs hinterm Mond, schlage stoisch aufs Tambourin, entdecke den Peyotl neu. Theatralischer Vintage, wie ein nackter Oberkörper unterm Cordmantel mit Nerzapplikation. Der Leslie unter der Schädeldecke hört nicht auf sich zu drehen. Syd Barrett hat sich als Geist mit allen Registern in den Körpern dieser Amerikaner klammheimlich eingenistet. Wie schmeckte die Realität noch mal? JI-HUN

CocoRosie - Grey Oceans [Souterrain Transmissions/B003CH8WV2 - Rough Trade] Sierra und Bianca haben unsere Aufmerksamkeit für ihre ureigenen, queren, seltsamen Welten gewonnen. Wunderbar verstörte Balladen, leichtes Gerumpel und stete Unklarheit haben uns in ihrem Pop verzaubert. Das wird auch auf dem neuen, vierten Album nicht besser. Und das ist gut so. Eingespielt haben sie ihre Stücke mit Nicolas Kalwill in dessen Studio in Buenos Aires, dann ging es zum bekannten Jazzpianisten Gael Rakotondrabe nach Paris. CocoRosie haben es verdient, der große Erfolg bleibt aber kaum nachvollziehbar. Brüche, beinahe mittelalterliche, soundtrackartige, kitschige Elemente, Fernöstliches, das ist schon ganz schön verschwurbelt. Dann noch das dämliche Cover, tja, hier hat Trash eine eigene Ästhetik. Unter dieser Oberfläche bleiben die Songs traurig strahlende Minimusicals wie “Lemonade“. www.souterraintransmissions.com CJ The Dark Side of the Meat - s/t [Spontan Musik/SMV014] The Dark Side of the Meat ist ein weiteres Projekt des Mainzers Tim Keiling aka Erdbeerschnitzel, bei dem er seine glitchy/wonky HipHop-Seite auslebt. Im Unterschied zum Sound eines Hudson Mohawkes beispielsweise, ist dies mit viel weniger 80er-Kitsch und Japanüberdrehtheit verbunden, auch wenn das Coverfoto so schön nach Grundschule 1987 aussieht. Aber wer das SpontanUniversum kennt, weiß, dass es dort neben aller Perfektion auch ziemlich spaßig zugeht und das vor allem Abgedrehtheit im Sounddesign bedeutet, was sich allein an Titeln wie “Lactose Massacre” oder “Chesthair Panorama” verdeutlicht. Und ja, bei der Klangbeschreibung bin ich überfordert. Hört es oft an. Immer wieder überraschend alles. Das klingt super. spontan-musik.de/ BTH Rafael Toral - Space Elements Vol. II [Staubgold/Digital 5 - Digital] Mit seinem Space Program verfolgt Rafael Toral ein mehr als ehrgeiziges Ziel: Elektronische Musik zu machen, die improvisiert ist und an Free Jazz-Traditionen anknüpft, zugleich aber eine völlig neue Klangsprache mit eigenen Regeln findet. Auf seiner zweiten Ausgabe der "Space Elements“-Reihe konzentriert sich Toral mit seinen Gastmusikern auf einzelne Instrumente wie Gitarre oder Fender Rhodes, von denen jedes seine neue Sprache auf eigene Weise erkundet. Der ehemalige Gitarrist Toral steuert simple Tongeneratoren bei, die er mit dem ganzen Körper spielt. Mindestens genauso wichtig wie die erzeugten Töne ist die Stille, was den pointillistischen Charakter der Stücke erklärt. Seine avancierten Strategien knüpfen dabei an Wahrnehmungsformen an, die vor aller Ästhetik und Sprache liegen und in denen Klänge lebenswichtige Funktionen wie die Warnung vor Gefahren hatten. Ganz so elementar klingt Torals Musik vielleicht nicht, dafür ist es umso spannender, ihm zuzuhören, wie er ganz allmählich eine neue Syntax der elektronischen Musik entwirft. www.staubgold.com TCB Heaven And - Bye And Bye I'm Going To See The King [Staubgold/98 - Indigo] Heaven And sind Tony Buck (Schlagzeug), Steve Heather (Schlagzeug), Martin Siewert (Gitarre) und Zeitblom (Bass), die, von der frei improvisierten Musik kommend, mit dieser Band ihre ganz eigene Art von freiem Rock verwirklichen, dem sie selbst den unheilvollen Titel "Krautcore“ verpassen. Musikalisch durchgehend rhythmisch und melodiös, beweisen sie auch hier wieder Vorlieben für Blues-Slides und Country-Styles, gemischt mit beatlosen und nahezu filmischen Ambienzen in Richtung Ry Cooders "Paris Texas“. Und natürlich Schweinerock. Aber nur ganz dezent. Und das passt! www.staubgold.com ASB V/A - Coming Home by Boozoo Bajou [Stereo Deluxe - Warner] Boozoo Bajou melden sich zurück mit einer neuen Ausgabe dieser Qualitätsserie, auf der schon Nouvelle Vague und Tim Love Lee vertreten waren. Entgegen den Erwartungen, die der Name des Projekts mit sich bringt, ziehen Florian Seyberth und Peter Heider das Tempo ordentlich an, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Sie hangeln sich von einem deepen Housetune mit dubbigem Anklang zum nächsten und haben dabei exzellent ausgewählt. Die hier schon ausführlich gewürdigten Linkwood Family machen den Anfang, Motor City Drum Ensemble,Soulphiction, Icasol, Andre Lodemann und Move D sind auch mit schönen Nummern vertreten. Man könnte sagen, die deutsche Deep-House-Szene gibt sich hier ein Stelldichein. Fehlt aber doch Manuel Tur in der Zusammenstellung. Kein Wermutstropfen, eher ein Hinweis auf den hohen Level des Ganzen. www.stereodeluxe.com TOBI

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ALBEN

High Places - High Places vs. Mankind [Thrill Jockey /THRILL238 - Rough Trade] Die High Places haben so etwas wie eine entrückte Ausarbeitung von Stereolab, High Llamas und ähnlichen in sich entspannten Bands erschaffen. Sie haben deren Stilsicherheit mit aufgeregterem Pop gekoppelt und manchmal bis ins Umherschaukelnde, fast Songlose gesteigert. Mary Pearson und Rob Barber sind nun etwas klarer und gleichzeitig düsterer geworden. Das macht sie spannender. Weniger durch Felder laufend und in weiter Ferne zu vernehmen, sind die High Places nun nahebei und deutlicher. Deswegen sind sie keinesfalls umkleidekabinentauglich geworden. Viel zu spooky dafür wirken Songs wie “She’s A Wild Horse“ oder “Canada“. Hier trifft Indie als Genre in jeder Hinsicht zu. www.thrilljockey.com CJ Future Islands - In Evening Air [Thrill Jockey/Thrill 235 - Rough Trade] Es kann kommen, was will: Kein Album wird mich diesen Monat noch so kicken wie "In Evening Air". Das hat viele Gründe. Um weit weg anzufangen: Es tut so gut, ein derart poppiges, fröhliches und oldschooliges Album auf Thrill Jockey zu sehen. Und ungewöhnlich ist es obendrein für das Label aus Chicago. EIgentlich geht es um folgendes. Die größten OMD-Fans in den USA (behaupte ich) lassen die guten alten Zeiten wieder aufleben. Es ist genau die gleiche Mischung wie Anfang der 80er in Liverpool. Ein paar Synths, Bassgitarre, bollerndes Schlagzeug und alles kulminiert in großen Popsongs. "In Evening Air" ist nah dran an der reinen Lehre von damals, hier wurde nichts zwanghaft modernisiert. Einfach drauflos! Samuel T. Herrings, der Sänger, hat aber noch andere Leidenschaften, wagt mehr auf seinen Spuren, klingt mitunter wie Tom Waits, der mit der New-Wave-Disco nicht klar kommt, brüllt sich die Seele aus dem Leib, nur um an Ende wieder voll und ganz in der Euphorie der kleinen Terz aufzugehen. Und ja, auch die Indie-Kultur der vergangenen Jahre schwingt hier mit, klar, genau wie Joy Divisions leise Töne und am Ende ist das Album einfach nur zu schnell vorbei. Eine absolute Offenbarung, diese Platte, mitreißend und gütig. www.thrilljockey.com THADDI Lazer Crystal - MCMLXXX [Thrill Jockey/Thrill241 - Rough Trade] Lazer Crystal gehen zusammen mit Trans Am auf Tour. Das kommt nicht von ungefähr, auch Lazer Crystal klingen oft nach Gitarrenrock, erzeugen ihre Klänge aber elektronisch und kommen komplett ohne Saiteninstrumente aus. Zudem sind die Chicagoer wesentlich elektropoppiger ausgelegt als Trans Am. Handgespieltes Elektro-Schlagzeug, Keyboards und ein wenig Gesang reichen der Band für ihren rockigen Amphetamin-Synthiepop mit Devound Brian-Eno-Elementen. Rockt richtig gut, hält die Spannung aber nicht ganz bis zum Schluss. www.thrilljockey.com ASB Mi Ami - Steal Your Face [Thrill Jockey/Thrill237 - Rough Trade] Mi Ami sind ex-Black-Keys-Mitglieder und ihre Musik erinnert an Post Rock bzw. No Wave der späten 70er, frühen 80er Jahre. "Steal Your Face“ hat die Kraft und Energie von damaligem Punk Rock und weißem Funk und verbindet atemlos geschrieenen Frauengesang, voll aufgerissene Gitarrenverzerrer und ein straightes Schlagzeug mit einem dubbig fetten Bass, einer ordentlichen Portion Noise und noch mehr Reverb. Dazu kommt ab und an eine Ahnung von Afrobeat, die zwar fast im Lärm untergeht, jedem Retro-Gedanken aber schnell eine Abfuhr erteilt. Anstrengend und gut. www.thrilljockey.com ASB

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Jana Winderen - Energy Field [Touch/TO:73 - Cargo] Wie klingt eigentlich Wasser? Für die Norwegerin Jana Winderen dreht sich auf ihrem Debütalbum alles um die Geräusche ober- und unterhalb des Meeresspiegels. Ob in norwegischen Fjorden, in Gletscherspalten oder den Tiefen der Barentssee, sämtliche Klänge haben direkt mit dem aquatischen Leben im frostigen Norden zu tun. Doch anders als ihr Labelkollege Chris Watson rekonstruiert Winderen mit dem Material keine naturalistischen Szenarien. Aus ihren Aufnahmen, die zum Teil mit Unterwassermikrofonen entstanden sind, schafft sie Ambient-Epen, die konkret und ungreifbar zugleich klingen. Man weiß zwar, dass da irgendwelche Lebewesen im Ozean zu hören sind, aber diese "Stimmen“ könnten auch einen ganz anderen Ursprung haben. Manchmal klingen sie überhaupt nicht nach Tieren und öffnen mit ihrer Unbestimmtheit einen Fantasieraum für die Ohren. Streng und faszinierend. www.touchmusic.org.uk TCB Hrdvsion - Where Did You Just Go? [Wagon Repair/064 - WAS] Hrdvsion war schon immer ein Ausnahme. In jeder Hinsicht. Und diese Tracks für das neue Album machen das nicht nur klar, sondern so offensichtlich, dass man fast irre wird nur vom Zuhören. Die absurdesten Breaks und Beats unter der Sonne, Zusammenhänge die man nicht selten eher greifen kann, eher als sie zu verstehen, aber irgendwie ist dabei hier aber dennoch auf seine merkwürdige Weise Techno im Hintergrund. Nur dass die Linearität sich selber den Boden weggefressen hat und manchmal durch die Zeit rückt, als wäre sie immer schon das biegsamste der Welt gewesen. Ein Funkalbum ist das, aber auch die Antithese von Funk. Steif und locker. Verflixt komplex und doch so straight. Ich denke wenn jede Maschine mit Brüchen statt mit Zahlen arbeiten würde, dann wären wir jetzt überall bei so einer Art von Musik. Und denkt nicht, dass es hier nicht auch große emotionale Momente geben würde, die gibt es, nur eben auf verschrobene Art. Und dabei ist es wirklich das zugänglichste was Hrdvsion bislang produziert hat. Eine verrückte Liebeserklärung an das nicht anders sein wollen, nicht anders als anders sein können, es aber dennoch immer wieder anders zu versuchen. www.wagonrepair.ca/ BLEED Flying Lotus - Cosmogramma [Warp] Wonky, Hip-Hop, Dubstep? Die Musik von Flying Lotus vereint eigentlich alle Elemente, die man moderner Bassmusik zuschreiben kann und geht dabei noch drei Schritte weiter, denn sein musikalisches Vokabular bleibt bei weitem nicht beim Sampling stehen. Neben dem brillanten Feature mit Thom Yorke wagte sich Steve Ellison sogar an eine Kooperation mit seinem Cousin und Jazz-Saxophonisten Ravi Coltrane, bei der eine live eingespielte Jazzsession mit subtilen Soundsamples unterlegt wurde. Der Sound von Steven Ellison atmet, pulsiert, fließt vor sich hin und die oft holprigen Beats scheinen teilweise immer kurz davor zu sein, in sich zu kollabieren, doch die übermelodischen Arrangements aus Geigen, Synthesizern und komplexen Bassläufen halten sie immer wieder zusammen. Das Ganze erzeugt dabei einen Swing, von dem man immer dachte, er würde nur von "echten" Jazzern beherrscht. Dabei werden durchgehend Bilder erzeugt. Vor allem die omnipräsenten Leier-Geigen erinnern an alte Filmmusik, die sich stets nah am Kitsch befindet und dennoch eine willkommene Euphorie erzeugt. In der Ferne lässt sich ein rotes Cabrio erkennen, welches, in orangerotes Sonnenuntergangslicht getaucht, die Skyline von L.A. hinter sich lässt, um den Strand anzusteuern. Doch plötzlich wacht man auf und die wabernden Subbässe und die verdrehten Drums holen einen wieder zurück: In den vernebelten Club, wo man zwischen Hunderten von jubelnd hoch gestreckten Armen diffus Flying Lotus erkennen kann, während er seiner berüchtigten Breaks raushaut und dabei seiner exzentrische Performance freien Lauf lässt. Es ist die reifste, vielfältigste, experimentellste, musikalischste Platte von F..., ach was, des ganzen Frühjahrs. PHIRE

SINGLES

Henson - Keepin It Real [200 Music/006] Wirklich verdammt deep, das merkt man schon an den ersten Samples die sich durch "Blood" ziehen. Dunkle Welten aber mit einer dennoch extrem lebendigen Intensität, schwere übernächtigte Trauer, die sich langsam und behäbig zu einer dieser Hymnen entwickelt, die einem sagt, dass die Nacht noch längst nie zu Ende sein kann. "Goin'" mit den Vocals von Enz hält die Stimmung und kommt durch das Vocal etwas melancholischer, "Greif" bringt der EP dann auch noch den pulsierenden Schwung von übersatter Detroitravestimmung bei und der Titeltrack zeigt diese dicht hymnischen Harmonien noch mal in etwas elektroiderer Stimmung. BLEED Burnski - Coming Home [2020 Vision/194] Burnski ist immer genau richtig und in letzter Zeit sind seine Tracks einfach immer klarer und direkter geworden. Das ist auch auf "Coming Home" so. Das Zentrum steht vom ersten Augenblick und ab da geht es nur noch um den massiven Flow, der sich hier langsam in eine Pianohymne mit viel Soul verwandelt und die Strings nur so blitzen lässt, die Sounds jaulen und die Euphorie damit bis an die Grenze treibt. "Jigsaw" ist ruhiger und steckt dennoch voller Soul und der etwas in den Seilen hängende "The Poet" hätte mir hier als B-Seite besser gefallen als als digitaler Bonustrack, weil auch hier Pianosoul im Zentrum steht, wenn auch auf leichtfüssigere Art. Sehr schön. www.2020recordings.com/ BLEED Illum Sphere - Titan [3024/008 - S.T. Holdings] Nach seinem Remix für Labelboss Martyn bekommt Illum Sphere aus Manchester seine eigene EP auf 3024. Und setzt sich damit wirklich und wahrhaftig komplett zwischen alle Stühle. "Titan" ist noch der zugänglichste Track, kokettiert mit weit aufgerissenem Filter in seinen Rave-Stabs und kuschelt doch mit allen englischen Bassern. "Go Killum" und "Technopolis" sind dann aber kaum mehr als kurze Pirouetten eines einsamen Geistes, Tracks, die hoffentlich eine Art von Wartemelodie symbolisieren für den großen Wurf von Illum Sphere. Sonst wissen wir da auch nicht weiter. 3024world.blogspot.com THADDI Gideon - Lost In Time / Within Time [3rd Wave Black Edition/004] Zwei sehr ruhige Tracks von Gideon, deren smart oldschoolige Grooves sich langsam über schimmernde Sounds und verkratzte Sequenzen in einen Wahn aus Dubs schieben, deren verkaterte Intensität sich in gleitende Schönheit perlender Melodien auflöst. Auf "Within Time" geht er mehr von einer Funkbassbasis aus, erreicht aber nicht ganz diesen sehr verschachtelten Wahn. www.3rdwavemusic.com/ BLEED A Made Up Sound - Alarm [A Made Up Sound/AMS 003 - Clone] Dave Huismans spielt hier ein enorm durchgehuptes Verwirrspiel. "Alarm" klingt so, als würden hier Newschool und Oldschool gegeneinander bolzen und im Schmodder des Platzes sich nicht nur ständig neue Geheimheiten ausdenken, sondern auch den einen und einzigen Jazz-Akkord ausbuddeln. Alarm trifft es da als Titel genau richtig. Irritierender Energie-Rave mit hohem Stressfaktor. "Crisis" auf der B-Seite wobbelt hingegen exakt in Richtung Peaktime, lässt alle Tropfen der sich langsam aufbauenden Fläche einfach an sich abperlen und findet nach dem Schlag auf Metall schließlich mehr Gold, als man auf einer Seite Vinyl unterbringen kann. Grandioses Stück Musik. THADDI

Dubloner - Volume 4 Remixes [Adjunct Digital/004] Signal Deluxe, Alland Byallo, Ruoho Rotsi, Mikael Stavöstrand und Fenin geben sich alle Mühe, die Tracks von Dubloner noch mal ordentlich auseinanderzunehmen. Und das macht allen sichtlich Freude. Signal Deluxe betreiben das auf höchstem Abstraktionsniveau, was ein Genuss für die technisch versierten Ohren ist, Alland mit einer brillianten Portion klassischem Detroitfunk, so dass eine richtig smoothe Hymne draus wird, Ruotsi knuffelt sich durch die Kleinstteile, Stavöstrand kommt als einziger mit den Vocals (hier von Kool Keith) nicht zurecht und Fenin schmettert gut glaunt einen wankelmütigen Doppeldub durch die Zielgerade. Sehr intensiv und verworren. BLEED V.A. - Icarian Games & Indian Clubs Vol. 4 [Adjunct Digital/004] Mathias Schaffhäuser und Jorge Svoretti schleichen sich mit den Oldschoolclaps auf "Umbro" ganz elegant durch die Hintertür der swingenden Killertracks, um sich im langsamen Geniessen der flirrenden Soundeffekte als Technojazzband zu empfehlen. Paulice & Onkel Brutalo bringen mit "Atum LLantu" einen dieser ultradarken Minimalkinotracks, in dem die Sounds im Raum hängen wie kleine blitzende Sterne, denen langsam das Licht ausgeht, und auch Men In Slippers klingen hier wie ein Ausflug in die Horrorszenarien der Wachträume beim ersten Sonnenlicht. Musik wie gemacht für die frühen Morgenstunden, in denen nur die einsamen Hunde die Wahrheit auf der Straße entdecken. BLEED Teva - You Can't Teach This [Alive/017] Warme smoothe Housemusik mit einem leichten Progressive Touch in den Effekten und musikalisch tingelndem, schunkelndem Partyflair mit einem Hauch zu belangloser Percussion, die aber dennoch irgendwie einen sehr smoothen Flow erzeugen kann. Mit "Yousefs Circus Rework" wird es im Sound etwas abstrakter, was dem einfachen Track nicht sonderlich gut tut, so als würde man auf der grünen Wiese einen sprotzenden Generator aufstellen, nur um sich etwas heimischer zu fühlen, letztendlich aber nicht so genau wissen warum das Ding da überhaupt stehen muss, vermutlich wollte Yousef etwas von dem Randpathos rausnehmen. Der Dub dazu swingt ganz gut, aber mal ehrlich, soviele Vocals waren da gar nicht drin. BLEED V.A. - [All Inn Limited/004] Romano schmettert mit "Mesmerized" los, und eigentlich ist alles klar, wenn auch nichts an dem vollgeplusterten Housesound irgendwie so griffig ist, dass man sich später noch dran erinnerte. Die Rückseite gefällt mir mit den lässig geloopten Soulvocals besser, und das ultraschlappe "She Makes Me Wanna Dance" hat einfach was. BLEED Sorin And Doru - Namtobor Ep [Amusic/001] Soulige Housetracks mit treibenden perkussiven Grooves und ganz wuchtigen Bässen, die sich aber für meinen Geschmack zu sehr von ihrem Genre beeindrucken lassen, anstatt mal über den Rand zu sehen. Partykram der sicherlich gut funktioniert aber mehr auch nicht. BLEED Tal M. Klein & Anthony Mansfield - For Juan Five [Aniligital/034] "Bomba De Tigre" könnte vom Sound her auch Dubstep sein. Ist aber straight und wirkt so irgendwie etwas rockig wie eine verschleppte Housenummer auf bösen Drogen. "Ciento Ocho" bringt im gleichen Tempo dann etwas mehr Melodieschimmer. Bis dahin erinnert das alles stark an frühen Depth-ChargeSound, nur aufgeblasener. "Desajuno en Timpanis" gefällt mir am besten, weil hier alles konzentriert auf Trommelwirbel und ein paar Effekte hinausläuft. BLEED Syrinx - BDO EP [Ann Aimee] Langsam und schneidend reingefilterter Pianosynthsound in so slammend war mal ein Trademark von Techno, aber hier kommt das so klar und wuchtig wie schon ewig nicht mehr, und man würde sich am liebsten den Kopf davon zersplittern lassen, weil so ein Track ("Breakdown") mehr als nur eine Function One braucht. Aber auch der dubbigere "Dubsequence" hat die Wucht gewisser Chain-Reaction-Tracks. BLEED

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ELEKTRO GUZZI

SINGLES

LANGSAMER GEHT IMMER T Michael Aniser

M.A.F. - Time To [Anticlub/023] Sehr speziell, diese beiden Tracks, denn sie halten sich an nichts, was zur Zeit so im Umlauf ist. Harsche Grooves, zischelnd, direkt, funkig in untergründigen Dimensionen, stur, bockig, knatternd und immer bereit, die analogen Wellen zum Überschlag zu bringen. Eine gewisse Vorliebe für einen etwas hohl rollenden Analogsound sollte man mitbringen, aber dann kann der Titeltrack einen mit seinen pulsierend plockernden Basswellen und dem jazzig flink swingenden Groove ganz schön mitreißen. Der Noes-Remix setzt sich mitten ins nass analoge Bratzen, und Gideons Remix pusht mit einer nicht zu unterschätzenden Gewitterstimmung. www.anticlub.com BLEED Mark Thibideau - Left Behind [Archipel/070] Irgendwie sehr merkwürdig, wie da ganz weit im Hintergrund des Titeltracks noch im Rauschen irgendeine Harmonika rumdudelt. Das wars aber auch schon mit Seltsamkeiten auf den 8 Tracks der Platte, denn ansonsten gehen die Stücke mit ihren klassischen harmonischen Dubs runter wie Butter. Immer mit einem eleganten analogen Gefühl produziert, kickt das alles sehr locker, überrascht aber auch selten und ist damit einfach perfekt für laue Sommertage. BLEED Edgar 9000 - Subarmada [Athletik/014] Edgar9000 war schon immer ganz schön eigenwillig und "Why Not Take Both" legt noch mal einen drauf. Die Sounds sind stellenweise so unheimlich, dass sie einem das Hirn aus der Nase ziehen, die Grooves dabei so perkussiv deep und funky und die Oldschoolhinterhand immer bereit abzuräumen. Technoid verschlängelte, grandios weiträumige Inzensierungen in denen man schon mal komplett verschwinden kann. Kein Wunder, dass ein Track wie dieser dann auch noch eine 18 Minuten Bonusversion bekommt. Aber auch der Titeltrack ist so und selbst das etwas konkreter pulsierende "Elastic Onions" braucht schon einen starken Kopf. BLEED

Sets von Laptop-DJs sind ja zumeist eine eher dröge Sache und ob da auf der Bühne jetzt der Facebook-Status upgedatet wird oder tatsächlich was passiert, ist dann auch schon egal. Einfach langweilig. Ganz anders Elektro Guzzi, die kurzerhand Platten, Laptops und so weiter aus ihrem Schaffen verbannen und in klassischer Rockband-Manier auf die Bühne steigen. Gitarre, Schlagzeug, Bass. Kein langweiliger New Rave oder angestaubte Indie Disco - eher fleischgewordener Detroit Techno. Elektro Guzzi ist die erste wahre ”Techno-Tanzband“, wie sie sich selbst nennen. Tanzband, das klingt erstmal furchtbar, irgendwie nach Betriebsfeier. Doch spätestens nach den ersten Takten der Platte zerbröselt dieser Eindruck. Die Instrumente rücken ins Zentrum der Tracks. Das bleibt sofort im Ohr hängen. Hier ist die Gitarre nicht bloßes Beiwerk, sondern fungiert als sequenziell eingesetztes Instrument. Klare Strukturen statt ausufernde Soli. Bei Liveshows geht es dann auch nicht so sehr um Songs, es ist eher ein DJ-Set, das die Jungs auf die Bühne bringen. ”Die einzelnen Instrumente sind wie die einzelnen Sequenzen einer Platte“, findet Bernhard Hammer, der bei Elektro Guzzi an der Gitarre steht, und auf der Bühne ist das dann beinahe wie Plattenauflegen. Es wird dann auch viel improvisiert und sich ganz der feierwütigen Meute unterworfen. Für ihn sind in den Monotonien der Tracks vor allem die Unschärfen interessant. Was elektronische Geräte schon allein durch ihre Konstruktion von vornherein ausschließen, wird von Elektro Guzzi beinahe mit der Lupe gesucht und noch einmal besonders herausgestrichen. Zwischentöne sind das dann, die sich an den Rändern aufbäumen und den Sound definieren. Die Band wird zur Einheit - ”zu einer großen Maschine, Egoismus gibt es keinen mehr“. Das Mensch-Maschine-System wird auf seine ursprüngliche Problematik und Dynamik reduziert und das Spiel (oder der Musiker) unterwirft sich ganz dem Sound. So werden die Beats in ihrer ganzen Dynamik und Ehrlichkeit fühlbar - und vor allem extrem tanzbar. Ihre Einflüsse beziehen sie sowohl aus ”klassischem“ Detroit Techno, aber auch aus Root Sounds und Samba-Rhythmen. Insbesondere Samba ist wichtig, da sich auch dort viel um Patternstrukturen und deren verschiedene Interpretationen dreht. Afrikanische Musik ist insofern wichtig, da sich dort wunderbar zeigt wie es ist, wenn sich der Mensch ganz dem Rhythmus unterwirft und im ekstatischen Getrommel beinahe verschwindet. Auch das Flex in Wien war vor ein paar Jahren wichtiger Dreh und Angelpunkt für die Band. Dort trieben sie sich rum, wenn sie nicht gerade am Improvisieren waren. Und dort zwischen Drum and Bass und Wiener Schule dürfte die Idee auch entstanden sein, mal eben als Band Techno zu spielen. Mehr davon bitte!

Elektro Guzzi, s/t, ist auf Macro/WAS erschienen. www.macro-rec.com

Ramadanman & Midland - Your Words Matter [Aus Music/1027 - WAS] Zusammen mit Midland schlägt David Kennedy, der mit seinen letzten Releases in meinem Kopf eher minimale Ratlosigkeit hinterlassen hat, völlig neue Töne an. Auch wenn Kennedy genau wie seine Bundesgenossen schon lange den klassischen Dubstep immer mehr aufgeweicht hat in seinen Produktionen, so eindeutig House war er noch nie. Der Titeltrack spielt dabei eher mit dem obligatorischen Wahnsinn in den Vocals, während "More Than You Know" in seiner reduzierten Vielschichtigkeit, den vielen unterschiedlichen Ideen und Motiven, der immer wieder mitschwingenden Dunkelheit und einem mehr als überraschenden Sonnenaufgang - plötzlich, mittendrin - der klare Langstreckengewinner ist. THADDI Tale Of Us - Once Upon A Time Ep [Barraca/002] Die beiden Milanesen rocken mit sehr lockeren perkussiven Housegrooves, die sich oft nur auf den Beats ausruhen, manchmal ein wenig Soul über die Vocals ins Spiel bringen und so ein sanft deepes Flair erzeugen. Am besten gefällt mir das auf "The Backing Band", weil es hier am tiefsten geht, aber für Zwischendurch sind alle Tracks immer Ok. BLEED Oleg Poliakov - Caravan EP [Bassculture/007] "Besides" ist einer dieser Tracks mit einem so klaren überragenden Groove, dass man einfach weiss, dass hier alles perfekt sein muss. Und so kommt es auch. Die magischen kurzen Akkorddubs die auf dem Stück liegen loten die Tiefe aus, der Bass bringt einen sehr lässigen Funk und dann schimmert der Track nur noch aus allen Poren und hat Raum sich zu einem der überraschendsten ruhigen Jazzhousestücke des Monats zu entwickeln. Mit dem shuffeligeren "ULE" geht es etwas mehr in Oldschoolrichtung, bleibt aber dem smoothen Sound von Poliakov treu und ist fast schon eine Hippiehymne. Mit dem funkigen "Caravan" übertreibt er allerdings etwas, denn dieses Saxophonsample können wir einfach nicht mehr hören. myspace.com/bassculturerecords BLEED Timos - Keep It House [BCBtec/125] Alles dreht sich hier um die Filter. Die sind immer an der falschen Stelle, um richtig zu klingen. Staksige Housegrooves mit Soulvocals, klar, aber so überragend inszeniert, dass selbst die feinsten Hintergründe noch den Groove antreiben. Einfach immer, aber extrem effektiv dabei und genau in den richtigen Momenten zurückgenommen, damit man besser zuschlagen kann. Die Remixe von Markus Fix und Nico Lahs haben aber irgendwie eine Macke: Sie wollen da Ravemusik draus machen und das eher auf platte Art. Schade. BLEED

Mark Broom / Edit Select - Squigg / Obstat [Beard Man/04 - Import] Eher was für für den Keller, klar. Mark Brooms Track stampft völlig unbeirrbar, mit ganz massiver Basseline und ein paar Synthies, in denen noch die Erinnerung an Trance mitklingt. Dann kommen die Obertöne, und auf einmal beginnt dieser dunkle Koloss von Track zu schweben: Totale Techno-Magie, wie manchmal bei PomPom. Edit_Selects Beitrag auf der BSeite hat etwas weniger Strahlkraft, dafür noch mehr Hypnosepotential. Keine klare Produktion, lieber überall ein bisschen Nebelschleier drüber. Ganz weit hinten ein melodisches Loop in den Raum hängen und abwarten. Früher hätte das "Deep Space Mix" geheißen. Wahnsinn: Wie der Track gegen Ende fast stehen bleibt. BLUMBERG King Roc & Dimitri Nakov - Sao Paulo Nights [Bedrock/087] Auf "Jardin Night" kommt zum klassischen Housegroove diese typische Houseorgel, etwas verträumter Synthhimmel und breite Strings, gegen Ende wird es aber ziemlich räucherkerzenstyle und "Alameda Jau" enttäuscht noch schneller mit seinen rockenden Gitarren, die dem Track wohl Groove vermitteln sollen. BLEED Vladimir Corbin - Black Cat Ep [Big Mamas House/043] So ein Track muss natürlich zetern und summen, und das tut er auch ziemlich vorbildlich mit einer Detroitsequenz und satten Bässen, darkem Hintergrund und einem extrem lässig slammenden Sound. Der Alex Harmony Remix nimmt die Spannung eher über den angedeuteten Housegroove wieder auf, der Yostek Remix verwuselt alles in der breitgedubbten Sequenz und Sven Hartmüller bolzt mit sattem Oldschoolhousegroove. Schöne und zurecht altmodische EP. BLEED DJ Wild - Soy Libra [Bloop] "Ballade A Trois" überzeugt mit störrisch verfiltertem Funkbass und plinkernden Samples, die immer wieder wie eine neue Schicht aufgetragen werden, und sich nur sehr schwer Richtung Disco entwickeln, aber der verwuschelte Sound steht "Soy Libra" mit seinem perkussiven Latinwildpitch irgendwie nicht so gut, und diese Trompeten machen dann alles kaputt. BLEED DJ Wild - Ballade A Trios EP [Bloop Recordings/Bloop16] Der Titeltrack ist ein herrlich schleifiges Stück discoide Tiefseetaucherei, eigentlich schlicht und einfach ein ewig pulsierender Loop, der immer wieder auf- und abtaucht. Freundlich und quietschebunt. "Soy Libra" kommt gleich in zwei Versionen daher, leider können beide nichts. www.blooprecordings.com THADDI The Shift feat. Bora Yoon - On The Side [Blunted Funk/016] Wirklich eine ganz schön dicke Masse an Remixen der strangesten Art gibt es für diese Tracks. Der Bookworm-DubstepRemix bringt 8-Bit-Himmel in Dubstepopernsound, Courtney Nielson macht runtergedrehten Kaminfeuerhouse mit Vocalflokati, Onur Engin etwas übertrancten Funk, aber Anthony Mansfield & Sneak-E Pete überdrehen den Kitschfaktor so sehr, dass es schon wieder Spaß macht, und Mike Dextros "B'more Club Mix" ist purer balearischer Miamigröler mit Breakbeatattitude. Wirr, aber sehr amüsant. BLEED Hijacker & Stick - Down South [Bombis Recordings/012] Wirklich ein unerwarteter Sound. Oldschool bis in die letzten 909 Kicks mit Claps aus der Technohölle von 1992 und dem Gefühl, dass die analogen Kisten hier wirklich schwer pumpen, jedenfalls im überragenden Donton Eviltron Remix. Mr. C zeigt uns einmal mehr, dass er sich langsam zum Meister der biegsamen Bassline mit magischen Bleeps entwickelt, und bald sicherlich auch wieder bei Klonks ankommt. Das Original bringt etwas mehr darken Swing ins Spiel. Eviltron siegt aber dennoch. BLEED Creative Swing Alliance - Strasbourg EP [Bonzzaj/BON06 - Import] ”Play more Jazz“ prangt auf der Labelsite. Und die Jungs von Bonzzaj haben einen postpostmodernen Ansatz dafür, fernab aller Akademik. Die beiden Köpfe hinter der Creative Swing Alliance, Pablo Valentino (Faces Records) und Steven-J (Sleepwalker) repräsentieren das wieder mal perfekt. HipHop? House? Das ist doch alles Teil eines Ganzen. Und mit dieser Attitüde gingen sie für eine Woche ins Studio und produzierten jeden Tag etwas anderes. Der Montag ist noch gefiltert wie Kaffee, verschleppt wie 'ne Wintergrippe und abgehangen wie die Made im Speck. Beatdown-BoogieHop oder so. Simbad zieht das Tempo in seinem Remix kräftig an und eint B-Boys mit Housern. Der Donnerstag bereitet dann schon sacht das Wochenende vor: Straighte Beats und verträumte Vocals, die sie vermutlich einer 70er Folk-Platte entnommen haben. Schlussendlich hat es auch der Samstag auf diese EP geschafft. Leftfield-Hop mit reichlich Fundament. Far out ist die Alliance also immer, aber nur aus Frickelfreude, die am Ende ansteckend ist. Geile Scheibe. bonzzaj.ch M.PATH.IQ

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SINGLES Minimono - Dreamworld [Bosconi/011] Mich erinnert die Platte vom ersten funkigen Housegroove an an die mittneunziger US-Zeit, als Filterhouse gerade den ersten Hype hinter sich hatte und man auf gradlinigerer Basis mit einem blumigen Housesound mit sanften Soulelementen den Kitsch einerseits rausnahm, andererseits auf neue Höhen trieb. Whirlpooliger US-Sound durch und durch, mit einem sehr upliftenden Charme, der aber auch ein klein wenig flach wirken kann. Blumig. bosconirecords.com BLEED Gregor Tresher - The Life Wire Part Three [Break New Soil/010] Madskillz und 2000 and One, Sanchez (Daniel) und Martinez Remix sagen schon mal gleich, dass es hier sehr professionell pumpend zur Sache geht. Die Holländer rocken das mit einem solch trippelnden Stolz in die Zielgerade, dass man die Discos schon von weitem beben hört. Funktional, aber dennoch nicht zu abgeschmackt. Etwas dreister, mit immer dem Hauch zuviel Kuschelfilterhouse, kommt Daniel Sanchez daher, und der perkussiv zurückgelehnte Präzisionshouse von Martinez überzeugt vor allem wegen seiner schlanken brillianten Konstruktion und dem Willen mittendrin alles ein wenig anknabbern zu lassen und mit etwas Jackinfusion zu zerstören. BLEED Gavin Herlihy - Back Burner EP [Cadenza/048 - WAS] Ein sehr jazziger Track für Cadenza. Im Hintergrund von "Back Burner" Kinderstimmen, quer durch alles der Kontrabassgroove, die schlierig swingende Stimmung, die alles vom ersten Moment an in den Himmel schickt, aufs weite Feld, in diese Art von Groove, die einen nicht nur tanzen lässt, sondern das Hirn öffnet für eine abstrakte Natürlichkeit, die dann am Ende vielleicht doch wieder Detroit heißen könnte. Das wäre auch eine perfekte Planet E geworden. "Think" kommt mit Eispickelhouse für Bergarbeiter am Soulrock und kickt einem die Bässe in die Magengrube, während "The Saga" den Funk wieder etwas weiter schweifen lässt und sich in den abgehackten Vocals einen perfekten Kontrapunkt zum einfachen melodiösen Basslauf sichert. Ein Track zum Davonträumen. BLEED Luciano - 10diez10 [Cadenza Lab/001] Dass Cadenza ein digitales Label macht, überrascht nicht so sehr, aber wir können uns sehr gut vorstellen, dass es sich vor allem deshalb nicht nach dem Vinyl sehnt, weil die beiden Tracks von Luciano hier mal 15 mal 20 Minuten lang sind. Ausflüge in die eigene Soundwelt also. Räume um sich viel Zeit zu lassen. Auszutesten was man an Effekten wirklich haben will, wie die Beats sich biegen lassen, ohne sie groß anzutasten, wie lange der Flow wirklich aufrecht erhalten werden kann. Und die beiden Tracks machen das grandios und wirken nicht so sehr wie Jams, sondern eher wie breit angelegte Konstrukte einer grundlegenden Lockerheit. Auf "Amael Drama" kommem mir persönlich allerdings die vielen Gitarrensounds in den Weg. BLEED Kid Culture - [Catwash Hors Serie/003] Schwummrig groovige leichte Housemusik mit einem für meinen Geschmack etwas überzogenen Filterdiscocharme. Ganz nah an den Discoedits die zur Zeit in House ja immer noch groß die Runde machen, aber einfach auch ein wenig zu easy. Der Chris Carrier Remix von "Dreamin" geht mit Samtpfoten in die Ravehymnenecke, der Gauthier DM Mix in den locker aus der Hüfte geschüttelten Downtempofunk. BLEED UGLH & Frederico Locchi - House Gift [Catwash Records/018 - WAS] Das pulsiert rings um ein klassisches Housezentrum und schichtet sich mit einem gewissen Wildpitchflavour langsam auf, ich finde aber dennoch, dass sich der DJ Wild Remix mit seinen schnittigen Shuffels und dem brummig unter allem bratenden Bass besser macht, vor allem wenn er langsam am Ende die Filter als Anschub für den Bass nutzt. Wirklich aber nur etwas für Freunde von House, der auf der Stelle funktioniert. BLEED

Alvaro Ernesto - Inside My Soul [Chillin Music/026] Sehr auf den Groove konzentriert, wirkt der Track auf Dauer eher wie ein Tool für alle, die es auf abstrakte Soulhousenummern abgesehen haben. In der Hinsicht aber ist er ein Killer und der Pianobreak mit dem sanften Vinylkratzen im Hintergrund brilliante Täuschung. Die Remixe von Pezzner sind nicht der Rede wert, aber Rob Slac kitzelt noch ein wenig unheimliche Intensität aus der ausgehölten Basslinie und entwickelt einen überraschend sich selbst überschlagenden Funk aus diesem Sud. www.chillin-music.com/ BLEED Guillaume & The Coutu Dumonts - Can't Have Everything [Circus Company/046 - WAS] Die Auskopplung aus dem großen Album kommt mit einem längeren Mix von der Kooperation mit dOP, die mal wieder deepester klingelndster Soul ist, in dem das Saxophon sich mit den Vocals um die Wette suhlt. Und mit dem eigenwilligen Shuffletrack "Discothèque", der für mich nicht die erste Wahl gewesen wäre, weil er nicht ganz zeigt was sonst so auf dem Album los ist. Dennoch zwei extrem deepe und musikalisch überragende Tracks für die deeperen Floors. BLEED Reggie Blount - Hard Times [Clone Crown Ltd./003] Sehr alberne Soultracks mit elektroidem Funk für die Oldschooldiscoposse, die Soul über alles liebt und das Blitzen alter Maschienen als Lebenselexier auserkoren hat. Vier Hits mit Gesang, der nicht nur manchmal klingt, als wäre House noch gar nicht erfunden worden. BLEED Vladimir Corbin - Noturn Ep [Colludo Records/005] Auch auf dieser EP zeigt Corbin, dass er immer für sehr solide Oldschooltechnotracks gut ist und zieht auf "Lunte" nach einem langen Intro etwas albern melodisch ab, aber auf dem Titeltrack findet er zu seiner gewohnten darken Tristesse. BLEED Nemecek & Tomic - In Deep Blue EP [Consistent/001] Das neue Label hat eine Vorliebe für deepe einfache Grooves, die wie aus sich selbst heraus immer zu genau dem Moment finden, in dem ein einfacher Pianochord oder ein kleines Stimmfragment alles sagen können. Musik, die sehr auf ihren Flow baut und sich unerschütterlich weiterschwingt. Ein Sound, der manchmal auch etwas sehr klassisch dubbig werden kann, aber immer eine elegante Nebensächlichkeit zur Qualität werden lässt. Smooth. BLEED Basic Soul Unit - Jak'd Freq (A Made Up Sound Remixes) [Creme/1247-R] Einmal hakelig technoid, einmal klar und deutlich versteppt, remixt Dave Huismans hier den großen Track von Basic Soul Unit, ein Stück Vinyl, das man unbedingt zu Hause braucht. Schwer verbollert, irritierend leergeräumt und immer wieder auf den Donk der Zeit. Im zweiten Remix schlägt dann alles in oldschooliges Acid-Gebolze um: Das könnte jeden Tag so sein. www.clone.nl THADDI Rob Mello - Does It Feel Good Baby [Crosstown Rebels/059 - Intergroove] Bei so einem Titel und Rob Mello erwartet man schon klassische Houseorgeln und einen sehr straighten basslastigen Groove, und genau das ist der Track auch. Ein wenig zuviel Divenvocal für meinen Geschmack, deshalb auch der Dub, und hier ufern auch alle Sounds sehr breit aus, am Ende wird es aber ein wenig zu kitschig in den Harmonien. Klassik, aber irgendwie ein Hauch zu viel davon. www.crosstownrebels.com BLEED Brett Johnson - Things That Go Bump In The Night Part 1 [Cynosure/041 - WAS] Brett Johnson ist schon eine Weile wieder zurück, und hier kommt er mit "Southern Dandy" auch noch so überraschend dunkel und dark, dass man fast schon überrascht ist, wenn er mit den oboenhaften und glöckchenartigen Sounds einsetzt,

um den Track aus der Nacht in das blitzende Funklicht seiner großen Hits zu holen. Killer. Und auch das discoider angeglänzte "Sensual Summations" ist ein extrem spannungsvoller, ungewöhnlich teibend funkiger Track, dessen summende Vocals sich förmlich ins Ohr bohren. Dazu noch zwei Dubs, die allerdings an die beiden Hits nicht mehr rankommen. www.techno.ca/cynosure BLEED Alexander Kowalski - [Damage/002] Ein extrem mächtiger Track auf der A-Seite, der es mal wieder schafft, der Dubtechnowelt ein paar neue Nuancen abzuringen. Die Bässe angezerrt mit einem fast breakigen Charme, die Sounds pathetisch aber doch gerecht, mit Oldschoolantrieb und dazu scheppernden Casiodrumsounds und einem so analog dichten Gefühl, dass der Groove aus sich selbst herauswächst und immer mehr Raum einnimmt, in den Floor zu sinken scheint, dass man einfach hin und weg ist. Dazu ein Extrawelt Track, der mir etwas sehr kurzatmig produziert klingt, obendrein für Extrawelt überraschend trocken, und davon ein Kowalski Remix, der sich in eine scheppernd massive Techno-Urgestein-Gewalt verwandelt. Damage ist wirklich ein Motto. BLEED Gebrüder Müller - Tansania Children EP [Damm Records/009] Klar, da kommen afrikanische Gesänge, aber merkwüdigerweise in einem eher dubbig steppenden Groove zu fast orchestralen Chören im Hintergrund. Und da sind wir uns nicht ganz so sicher ob das alles zusammengeht. Besser und konkreter auf den klassischen Dubsound abgestimmt der P. Laoss Remix, der die Vocals eher in den Dub integriert und auf spannende Weise damit zu spielen beginnt. Mir gefällt aber das reduziertere "Union Comeback" mit Obamavocals auf skurrile Weise besser. Eine Platte die vor allem von ihren dunkel perkussiven Effekten lebt. BLEED Bron - Great White North [Danksoul Recordings/002] Erst die zweite? Bron kommt auf dem Titeltrack mit einem knorrigen Minimalsound, dem dennoch immer die Melodie im Nacken sitzt wie ein guter Witz, über den man einfach ausrutschen muss. Gedehnte Vocals aus dem Horrorkabinett, schnelle Breaks, blubbernd flirrende Sounds und ein so holzig klarer Funk, dass man völlig begeistert mittaumelt wie ein Bär. Der Remix von Le K wirft dem wankelnden Ungetüm dann noch ein paar Pianos zwischen die Zähne, "Splash Back" rockt mit absurden Explosionen immer knapp an dem eigenen Blueszentrum vorbei und summt sich ins Ohr wie eine Gießkanne Ahornsirup, während der Slomotrack "Postcard From The Prairies" auch in der stabilen Schräglage noch als Oper genossen werden kann. BLEED Denis A - Remix EP Vol.1 [DAR/011] Der Nikitin Dark Galaxy Remix ist natürlich genau das, was er vorgibt zu sein. Dunkel, böse, technoid, weit draußen, aber auch mit einem etwas zu schwermütigen Pathos für meinen Geschmack. Der Egor Boss Mix ebenso und erst beim Grigory Fatyanov Remix und seinem sanften Houseshuffle zu klassischen Orgeln taucht hier ein gewisses Gefühl für die Tiefe auf die man auch in darken Tracks sucht. BLEED Extrawelt - [Darkroom Dubs Ltd./002] "Arples" gehört für mich zu den deepesten Technotracks die Extrawelt bislang gemacht haben. Da geht man von Anfang an in den wenigen Sounds auf und lässt sich vom langsam eingefadeten Groove verführen. Und wenn dann diese ballettartige verworrene Passage der plinkernden Arpeggios kommt ist man eh schon hin und weg. Und auch der schimmernd warme "Tonladen" ist ein Killertrack. Und hat man das erste Pathos von "Neuland" erst mal überwunden, dann schlängelt der sich auch ganz schön ins Ohr. Brillante und immer zurecht etwas übernächtige Platte, die einem noch lange in den Knochen stecken wird. BLEED Alex Harmony - Doop [Deep Pulp/001] "Dinner" ist einer dieser großen, weit wehenden, hymnischen Technotracks mit blumigen Bleeps und schweren Stringakkorden, "Doop" ein martialisch deeper Funktrack für den Housefloor und "Magyar" ein stampfend kickender Killertrack mit dunklen Hintergründen und schwebenden Stimmen, und alle drei zeigen, dass Alex Harmony in seinen Produktionen so

fett ist, dass einfach alles zum Hit werden muss. Sehr mächtige Tracks. BLEED Sleazy McQueen - Deep Blue Voodoo Ep [Deepfunk Records] Selten so unmissverständliches Stöhnen auf Housetracks in der letzten Zeit gehört. Hatte ich das vermisst. Nicht wirklich. Und das war aber auch schon der beste Mix von "Fantasy". Ansonsten ist hier einfach zu viel Beliebigkeitsdisco am Start. BLEED Sascha Braemer - Dirty Talk EP [Dekadent Schallplatten/Dkdnt014 - Straight Distribution] Bevor es dann doch zu heiß her geht, und irgendwie sprühen die Pheromone auch 2010 mittags um zwölf nicht mehr so, wie nachts um zwei in Chicago anno ´87, werden die dirtytalk-vocals im gleinamigen Track lieber durch den Vocoder gejagt. Das erzeugt eine Art von Humor, wie man sie noch von den Detroit Grand Pubahs kennt und ist mit seinen kleinen Spielereien und dem satten Groove eine willkommene, humorige Abwechslung. Auf der B lässt es Sascha Braemer sauber weiterstampfen mit einer sehr netten Überraschung bei “the bumbler”. dekadent-schallplatten.de/ BTH Sascha Braemer - Dirty Talk Ep [Dekadent Schallplatten /014] Pumpt. Unmissverständlich. "Conductor" ist diese klassische, immer-auf-die-Eins-Schule. Chicago, wie es singt und lacht. Mit ein paar ulkigen und für Braemer typischen Vocals, aber die housig swingendere Seite von "Dirty Talk" gefällt mir um Längen besser. Ein Track, mit dem man den Floor noch mal komplett begradigen kann. "The Bumbler" ist mir zu brabbelig. Genau die Sorte Vocals, die Braemer lieber lassen sollte, denn dann wirken selbst die tragischen Flächen irgendwie nicht mehr. BLEED DJ Yoav B - Love Dubs EP [Delsin/081 - Rushhour] Was für eine Bassdrum dieses "Higher Love" hat! Das erinnert mich an den Tag, als ich die erste Theo-Parrish-Platte gehört habe. Das ist so daneben und so gut, so fundamental gut, wie nur eine Bassdrum sein kann. Dazu dann tänzelnde Arpeggios mit leichter Schlagseite (man nennt es auch Shuffle) und fast schon kränklich fiepsend euphorische Strings. Eine Platte wie ein Fieber. Die kriecht überall rein. "Love Dub" selber träumt von sich als einem Discotrack und stolpert über die eigenen Fellpantoffeltierchen quer durch die übernächtigte Galaxis über die Reling des grandiosesten Luftschiffkreuzers der Saison, und "Soul Surrender" am Ende ist so down mit allem, dass man sich selber am liebsten die Knie wegknabbern möchte. Großartige Platte für alle, die House etwas angeschrägt und dabei dennoch in voller Deepness erleben müssen, nicht hören. BLEED Trickski - The Warm Up [Delusion Grandeur/DOG09 - WAS] Langsam und vor allem soulful lassen Trickski es hier angehen. Da wird sich ganz entspannt in die tiefste Deep-HouseEcke geschunkelt. Wunderschön melodische Snaredrum, obendrauf ein wenig Synth, so muss das. Wenn man etwas bemängeln kann, dann, dass der Track gerade in Sachen Bassline fast schon zu schön ist. Ein bisschen dreckiger könnte es ruhig sein. Der CB-Funk-Remix macht es in dem Sinne besser, auch wenn mir die Deepness des Originals beim flockigen Synthie-String-Thema in der Melodie ein wenig auf der Strecke bleibt. Schließlich "Sunbeams in the sky" auf der B-Seite. Toller Anfang, fast schon Acid, die sphärischen Vocal-Harmonics-Chords am Ende müssen da gar nicht sein. GIANT STEPS Yosa - Rough & Tough EP [Drumpoet Community/DPC 31 Groove Attack] Nummer 31 von den Drumpoeten ist immer noch verspielt, geht aber etwas mehr nach vorne als die letzten Nummern. Yosa ist schon durch seine Nummer auf Resopal ein paar Europäern bekannt geworden, ansonsten konnte ich zu diesem Japaner nicht viel in Erfahrung bringen. Die rauhe Seite mit Jam und Trade Version gefällt mir in beiden Ausführungen besser, tougher bedeutet in diesem Fall auch simpler, zielt also deutlicher auf den Floor. Favourite Tune bleibt klar die Nummer, die wie der Plattenladen heißt. Wie sagen diese Hiphopper noch mal? Deep Shit. Word! TOBI

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MORNING FACTORY

SINGLES

ALTE HASEN, NEUES BUSINESS T Thaddeus Herrmann

V.A. - Drumpoems Verse 2 EP 2 [Drumpoet Community/030 - Grooveattack] Hunee räumt mal wieder auf mit einem seiner himmlisch verschleppten Discotracks mit deepem Detroitflair und verwaschenem Soul, die er einfach bis ins unendlich zu steigern versteht. Und auch DCs "Riot" überzeugt mich vom ersten Harmonieanfall der Samples bis in die leicht angezurrte Bassline. Johannes Lehners "Upside Down" hätte wegen mir lieber das Original sampeln sollen, und Kawabatas "Feelin' It" kommt einem zwar extrem bekannt vor, aber das ist bei Oldschoolhouse nicht unbedingt ein Fehler. www.drumpoet.com/ BLEED Art Bleek - Message To The Dreamer [Eevonext/018] 10 neue Tracks von Art Bleek die einmal mehr zeigen, dass Arthur Ponchon für extrem schöne Grooves mit einer überschwenglichen Portion Melodie und diesen eleganten sanften Flow immer zu haben ist. Vor einigen Jahren wäre das in das Regal mit den großen Detroitalben gekommen, jetzt wirkt es auf die Dauer, so schön die Tracks auch sind, manchmal ein klein wenig einfach. Musik die nebenher laufen kann und dabei immer richtig klingt, die aber, wenn man sich wirklich hineinlegen möchte, doch auch einen Hauch zu typisch wirkt. BLEED

”Forgotten Moments“ hieß die unscheinbare EP auf Yore, die kürzlich einiges durcheinander wirbelte. Von Jean-Pierre van der Leeuw und Joseph Lemmens produziert, zeugen die vier Tracks von einem tiefen Wissen um die vergrabenen Schätze der Dance Music. Ist auch kein Wunder bei diesem Projekt-Namen, der direkt aus dem Backkatalog von Chez Damier und Ron Trent stammt. Erschütterndes Detail: Beide Produzenten haben die 30 längst überschritten und kommen jetzt mit ihrem Debüt an die Öffentlichkeit. Aber all das ist keine Überraschung, wenn man sich die Zusammenhänge von den Gentlemen erklären lässt. Es geht um die Bande der Freundschaft, darum, die Kraft und Magie von Musik auf eine andere Art und Weise zu kanalisieren, als beide es bislang getan haben. Und noch über der Freundschaft steht der Kollektiv-Gedanke. Wer die Fragen nun beantwortet, bleibt unklar, das Projekt steht vor den Gesichtern der beiden. So sucht man auch vergebens nach Bildern der beiden Holländer. Alles nicht wichtig, wie früher eben. Die Fakten: Der eine ist gelernter Schlagzeuger und Maler, der andere hat Modedesign studiert. Die Brötchen aber verdiente man sich in Plattenläden hinter dem Tresen, mit DJ-Gigs und als Party-Promoter. Carl Craig, I-F, Freddy Fresh ... alle haben schon ihre Gagen von den beiden in die Hände gedrückt bekommen. Natürlich nimmt man solche Eindrücke mit. ”Das ist wie mit Käse“, funkt es aus Holland zurück, ”je länger etwas reifen kann, desto besser schmeckt es. Maschinen kaufen, Tracks machen, besser werden, Mut finden, zuhören ... das kann schon mal länger dauern.“ ”Forgotten Moments“ hört man dann auch die Geste des geschmackvollen Niederkniens in Richtung Chicago und Detroit und das Goldene Zeitalter der beiden Städte als Epizentrum der Musik deutlich an, die zweite, demnächst erscheinende EP schlägt aber schon deutlich individuellere Töne an. So wird auch die Frage nach den Einflüssen, den wichtigen Produzenten und Labels, nur zum Teil mit den zu erwartenden Schlagwörtern beantwortet. Prescription, Cajual, Nu Groove, Warp, Maurizio ... klare Sache, aber eben auch Outland Records. In deren Plattenladen hat man jahrelang gearbeitet und pflegt noch heute persönliche Kontakte. Und auf Djax-Up von damals und Delsin und Clone von heute ist man einfach stolz: kleines Land, große Wirkung. Zurück zur eigenen Musik. Und an dieser Stelle lüften die beiden dann doch ein wenig den Vorhang: Jean-Pierre ist das Arbeitstier im Studio, spielt die Parts ein, arrangiert alles, während Joseph eher der Ideengeber und Mentor des Projektes ist. Auch das eine Arbeitsweise, die sich über die Jahrzehnte bewährt hat. ”Wenn man uns im Studio beobachtet, könnte man glauben, wir seien seit 20 Jahren verheiratet, im positiven Sinne! Wir sind so einfach am effektivsten.“ Viel wichtiger bei Morning Factory ist aber die Tatsache, dass hier ein Knoten geplatzt ist, der uns noch lange mit Tracks versorgen wird. ”Die Schubladen sind voll“. Und ”Jazzy Jeff And The Motherfuckers“, ein Stück der zweiten EP, wurde von befreundeten DJs schon ausgiebig getestet und führte auf einem Rave in Belgien zu einem amtlichen Deck-Shark-Auflauf. Die beiden lassen sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen und kontern lieber mit Zen-Zitaten Detroiter Helden. Es kommt, wie es kommt, so oder so. Bei Morning Factory steht noch einiges ins Haus. Morning Factory, Forgotten Moments, ist auf Yore/WAS erschienen. www.yore-records.com www.myspace.com/morningfactory

Pleasurekraft - Tarantula [Eklektisch/002] Klar, wenn man schon so einen Monstertitel hat, dann muss auch eine besonders trashige Hookline her. Die hat Tarantula in allen 4 Mixen. Das quietscht und blödelt bis zum Umfallen gefällt mir aber im Original schon so gut und ist ja auch so durchdringend eindeutig, dass man die Remixe nicht wirklich gebraucht hätte. BLEED Esquare a.k.a. Fxyz And Elle P. - Scnadiving EP [Elsewhere] Ein wirklich wunderschöner Housetrack. So viele Elemente in "yet", die mir normalerweise gar nicht gefallen, aber hier genau richtig sind. Ob das der wummernde Knarzbass ist, die über-mellow Keys oder die Vocals. Zum einen ist das sehr durchdacht und bis ins letzte Quentchen fein durcharbeitet und produziert. Zum anderen fühlt sich alles notwendig, richtig, am Platz an. Der Daypak-Remix steht dem (sowieso) in nichts nach und setzt da an, wo das Original vielleicht ein wenig zu kurz tritt. Er macht den Track dicker, trockener, spitzer, ohne die Show zu stehlen. "D-Cline" auf der B-Seite ist sogar noch ein wenig verspielter, gleichtzeitig sanft und locker, ohne dabei irgendwie kitschig zu wirken. Hier gibt sich jemand wirklich Mühe mit jedem noch so kleinen Detail. Die Remixe von Uricane und Herrn Molinari machen jeweils ihr ganz eigenes Thema aus, kommen aber in Sachen Ideenreichtum und Ausgefeiltheit lange nicht an das Original an. Sehr schön! GIANT STEPS Esquare aka Fxyz & Elle P. - Scandiving [Elsewhere/001] Mekrwürdige Musik, irgendwo zwischen süßlichem Elektropop und Indiedisco, die einem manchmal erstaunlich auf die Nerven geht, dann aber einfach auch sympathisch säuseliger Pop sein kann. Der Dapayk-Remix bringt etwas Geradlinigkeit in die Sache, tut sich am Anfang aber etwas schwer mit den Kleinmädchenvocals und bringt das klassische Ravepiano damit auch kaum in einen sinnvollen Zusammenhang. Die Vocals wirken bei "D_Cline" ein wenig mehr gekünstelt, obwohl hier zur Musik die Naivität besser gepasst hätte, und die Remixe schweifen zwischen überdrehtem Melodieplustern auf minimalem Grund und sanftsüßlichem Percussionhouse für den Ravefloor hin und her, wobei Molinari noch die größte Chance auf einen Ibizaafterhourhit hat. Das kann noch was werden. BLEED Fred P AKA Black Jazz Consortium - On The Way EP [Esperanza/ESP017 - Intergroove] Der gute Fred P veröffentlicht beim spanischen EsperanzaImprint. Das klingt locker, luftig, was der Mann aus Brooklyn hier präsentiert, hat sich aber sowas von gewaschen. Fühlt sich quasi wie mit links an, wie einem hier der unglaublich gut gemischte, wummernde, deepste Synth-Sound und 'ne staubtrockene 4/4 Bassdrum um die Ohren gehauen wird. Obendrauf - und eben nicht drunter - legt Black Jazz Consortium, wie er sich auch schimpft, ein paar 909 Claps und bei ca. Minute 4 eine Hi-hat, bei der mir, pardon my french, das Wasser im Munde zusammenläuft. Patric Scott aus Detroit shuffelt das Ganze und macht witzigerweise eine Nummer draus, die ich als fast schon New Jersey bezeichen würde, also mehr East Coast, ne? Ist aber alles egal mit den Orten. Wenn ihr mal wieder enttäuscht aus dem Club nach Hause kommt, weil irgendein DJ meinte, er könne jetzt auch auf Deep-House machen, legt die Platte auf und die Nacht ist gerettet. www.esperanza-label.com GIANT STEPS

Mittekill - Zum Spielplatz [Fauxpas Musik/Fauxpas002 - WAS] Das Original war komplett an mir vorbeigegangen - Schande. Ich hätte es schon auf dem Album "Your Are Home" finden können und hätte mich direkt verliebt. Diese Melodie hätte für Oslo gecastet werden sollen, keine Gymnasiastin! Dass es diesen Track jetzt auf Vinyl gibt, ist generell zu begrüßen und zeigt außerdem, welch unerwartete Wege das Fauxpas-Label schon jetzt mit dem zweiten Release geht. Neben dem Orginal finden sich noch zwei Remixe von Goldwill auf der schneeweißen 12", die dem Track zunächst verspielt und verlangsamt und dann, auf dem großen B-Seiten-Mix, freundlich technoid zu Leibe rücken - alles sehr gelungen. So hat jeder was davon. Perfekt. www.myspace.com/fauxpasmusik THADDI Ntanos - Let It Fade Ep [Flumo/011] Der Ekkohaus-Mix kommt mal wieder mit einem Berg an Backgroundstimmungen und -geplapper und setzt da einen klassisch deep bluesigen Groove drauf, der einfach wie immer unschlagbar ist, und im tiefergelegten Vocalgewitter aus allem Funk macht. Das Original lieferte aber auch eine perfekte Vorlage und wirkt noch einen Hauch souliger, während der Zumo-Remix alles auf den dubbig weiten Raum reduziert, in dem selbst die Hihats bis ins letzte Detail ausgefeilt wirken. Dazu noch zwei Tracks mehr von Ntanos, die klar machen, dass er zu den großen im Feld der bluesig schwermütig funkenden Tracks gehört. Bis ins Letzte smooth und nie zu glatt. flumo.com/ BLEED Dan Ghenacia - Who stole the Freaks? [Freak'n'Chic/FNC049 - Intergroove] So ist's recht: Eine EP, zwei Seiten, drei Tracks, null Langweile. Dan Ghenacia öffnet auf seinem Pariser Haus- und Hoflabel nochmal die Wundertüte. Los geht's mit "Who stole the freaks?", ein munter dahin schaukelnder Deep-House-Track mit mächtig Funk. So würde sich das wohl anhören, wenn Parliament sonntags morgens zur Afterhour im Pariser Batofar aufspielten. Denn was hier wirklich heraussticht, ist dieser dunkle Ton, the dirty edge, das aber ganz bewusst, für mich der typische Freak'n'Chic Sound. "Discolour" auf der B-Seite geht da noch ein Stück weiter und schlängelt sich mit mächtig Bassline durch die Schattenseiten des Deep-House-Universums. "Round 4" gibt zum Ende noch mal einen Ausblick, wie sich Herr Ghenacia 'ne ordentliche Clubnummer vorstellt. Die Percussions feuern Stereo aus allen Rohren, ein wummernder Bass und oben drauf eine Prise Chicago-Touch - mit Stil versteht sich. GIANT STEPS Osbourne & Anderson - Rare Grooves [Front Room Recordings/031 - WAS] Zwei (vermute ich, denn meine beiden Tracks sind einfach gleich) sehr straighte bumpige Housetracks mit einem Groove, der sich irgendwie aufgezogen hat und immer wieder zurückzuschnappen scheint, wozu die fiepsige Melodie als Hookline und die kurzen Stakkatoakkorde perfekt passen. Dezent, aber mit der Brechstange. BLEED Jamie Lloyd - Beware Of The Remixes [Future Classic - WAS] Ooops. Der Tuff City Kids Remix kommt wirklich aus einem anderen Zeitalter. Das scheppert mit Kartondrums und Knuffelsynths tief in die 80er hinein. Matthew Herberts Stink Mix von "The Wolf's Sun" überzeugt dann durch ein eigenartig verschroben statisches Kirmesgefühl, der Mark E Mix dadurch, dass die Beats so langsam sind, dass man drin zu versinken scheint, wie in einem zu weichen Teppich und für mich ist der Barck und Prommers Mix - auch der ultralangsam - der Hit der Platte, weil er sich einfach so jenseits aller Szenen einnistet und am Ende dennoch wie Popmusik für verstörte wirkt, deren Eleganz alles überstrahlt. BLEED Secret Cinema - Glad Chord Ep [Gem Records/003] "Glad Chord" passt gut. Denn dieser warme Housesound mit dem klassischen Chord hat etwas sehr upliftendes. Fast schon Oldschoolglück das da ausgestrahlt wird, auch wenn es die große Geste erst anttäuscht aber dann nicht so wirklich erfüllen will, sondern lieber als Spannung bewahrt. "Basically" geht tief in die Knie und ist schon fast soetwas wie ein Discotrack für Secret Cinema Verhältnisse. Der Psycatron Remix von "Glad Chord" ist allerdings etwas überflüssig. BLEED Jet Project - Understand This [Get Physical - Intergroove] Etwas sehr klinisch kommt der Soulgesang da reingeweht. Und man nimmt ihm das Verlangen nicht so ganz ab, es müssen erst die verzogen brütend brabbeligen Soundeskapaden her, damit der Track eine gewisse Tiefe erreicht, weshalb ich hier den Dub, der die Vocals auf etwas Stakkato reduziert, um Längen vorziehe, denn da gehen auch die Sounds mehr auf Angriff. Der Bonustrack "Dhak" ist einer dieser Percussionhousetracks mit dezentem Traxx-Hintergrund und hält seine Ravesirene immer an der kurzen Leine. Warum eigentlich? BLEED

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SINGLES

Olibusta - [Get The Curse Music/002] Sehr schwerfällig deepe Grooves hat diese Platte. Die Claps in "Jerry's Coiffure" immer auf dem rechten Fleck, ein perfektes "Hm" mitten im Groove, ein durchdacht nebensächlicher Stolz im Groove, der einfach beeindruckt und dennoch passiert fast nichts. Der Remix von Darabi ist ins digitale Nirvana verbannt worden, zurecht, denn der hat dem Track nichts entgegenzusetzen. "Red Counter" findet mit ziemlich brillanten Soulquietschern und einer fast acidartigen Hook, die auch aus Vocals moduliert wurde, zielsicher in den Himmel der Killerhousetracks des Monats, mit einer magischen Harmonie und unschlagbar durchblickendem inneren Auge. Hier ist der SeiA-Remix abstrakter und möchte die Acideuphorie von hinten aufrollen, was mit den obskuren Breaks aus Warehousezeiten und dem scheppernd walzigen Groove auch perfekt gelingt. BLEED Ghostleigh - Whirlwind [Ghostleighdubz/006 - Hardwax] Bei Ghostleigh ist generell immer klar, dass man auf alles gefasst sein muss. So hat auch der sechste Release auf seinem eigenen Label nichts mit dem zu tun, wofür wir ihn bereits so schätzen und lieben. Vor den Kopf gestoßen wird hier natürlich aber auch niemand. Die drei Tracks sind schlicht eine neue, weitere Facette seines Universums. Konkret beim Titeltrack bedeutet das: fette Bassline und ein Gefühl für UK-Funky, das ihn als Newcomer in einer ganz neuen Szene verorten dürfte, während wir einfach nur abklatschen und mittanzen. "Got It" kontrastiert das Detroit, das wir immer als das Nonplusultra begreifen, mit einer völlig neuen Stop-And-Go-Spritze in der Rhythmus-Sektion und feiert die Sonne. Der "Galactic Roller" auf der B-Seite macht eigentlich genau da weiter, macht aber auch ein weiteres Mal klar, dass Ghostleigh einfach wie kein anderer Produzent klingt. Hier schimmert nicht nur alles klar und deutlich vor unseren Augen. Die Art und Weise, wie hier in bester Jazz-Tradition das Leitmotiv gefeiert wird, hat es so im Techno nie gegeben. THADDI Rau - Herbstens [Giegling/GLG ST 02] Der zweite Teil der Staub-Reihe auf Giegling kommt gleich zu Beginn mit dem mindestens ebenso trockenen Rasenmäher der Unkenntlichkeit und fräst sich selbst den Platz frei, der notwendig ist, um die die Dubs von "Herbstens" angemessen schwingen zu lassen. Sehr loopy und Warehouse-mäßig. Da ist die Bassdrum, da die HiHat (viel wichtiger hier, weil eigentlich eher eine Peitsche), hier die kondensierte Akkord-Folge und fertig. Wir wissen alle, dass man nicht mehr braucht für einen guten Track, jedenfalls meistens. "The Blessing" gräbt sich mit seinem Moll-Ton wie eine mechanische Raupe in unser Unterbewusstsein und fährt dort eine Extrarunde auf der Achterbahn der unbekümmert ruckelnden Deepness. Ausgesprochen elegant. www.giegling.net THADDI Quince - Noodels EP [Green/010] Klar, wer so mit den Synthsequenzen umgeht, der muss ja japanische Nudelsorten lieben. Ergo werden "Udon" und "Soba" (Buchweizen) gleich mal zwei Tracks gewidmet, und die haben es wie immer bei Quince in sich. "Soba" wird auf die lange Bank geschoben und explodiert langsam von innen heraus mit einer so magischen Detroitsequenz, dass man einfach weggerissen wird, und "Udon" knistert vom ersten Moment in einer eher dubbig deepen Stimmung, die dennoch immer mehr an Klarheit gewinnt. Tracks für jeden Fall. BLEED Gringo Gomez - Kiss The [Gringo Recordings/021] Ein einfacher reduzierter Technoslammer mit sattem Bass und zitternden Sequenzen, die extrem viel Stimmung erzeugen: wie eine Brass Band auf dem Marsch zum Grab des Helden. Drei dunkle, aber in sich geschlossene, perfekte Tracks für den deepen Technofloor. www.homedistribution.nl BLEED Nico Grubert - Vancouver EP [Gymnastique /003] Schöner, sanft harmonisch-deeper Track mit zotteligen Grooves, die manchmal ein wenig verwaschen wirken, aber sehr gut zum Glöckchensound des Titeltracks passen, schmissig breite pumpende Housekickst mit dreistem Piano auf "Alternate", das fast schon poppig wirkt, auf "Calina" eine latinartigere perkussivere Seite, bei der mir die gezupft trällernde Gitarre gleich auf die Nerven geht, und mit "Zürich" ist die Platte dann endgültig etwas zu überschwenglich losgezuckelt, aber dürfte auf dem Floor immer für das etwas überzogene Peaktimeflavour sorgen. BLEED Alex Harmony - Sunday Sweeper [Gymnastique/004] Ein Monster dieser Track. Fängt erst mal an als wäre nichts ausser sanftem Tuscheln und einem Hauch Oldschoolclaps im Hintergrund aber dann kommt eine so mächtige Orgel,

dass es alle wegbläst. Und da setzt Harmony auch noch eine bratende Basslineharmonie drunter und dann wollen wir alle in die Kirche gehen in der das läuft. Nur. Jeden Sonntag. Der Kornel Lemon Rmx war mir hier zuerst gar nicht aufgefallen, aber das schimmernde Housemoment dass er aus dem Material rauskitzelt hat nicht nur was, sondern wird immer flinker und sympathischer je länger man sich drauf einlässt. gymnastiquerecords.com BLEED Hakimonu - Reanimate The Obvious EP [Hakimonu/001] Aus Israel kommt dieses Label mit einem so überschwenglichen Slomotiondiscofunkschwärmer, dass einem ganz weich ums Herz wird. Strings bis zum Umfallen, albern pentatonischer Gitarren- und Glöckchensound, der irgendwie schwer zu verorten ist, aber so direkt wirkt, dass man den Sommer im Track nahezu spürt. Die Remixe von Lonya (übertrieben überfunky) und Venedikt Reyf (extrem dubwuschelig) hätten für meinen Geschmack ruhig Platz machen können für mehr von Hakimonu. Aber da kommt bestimmt noch einiges. BLEED Native Intelligence - R U Westside [Headset Recordings/1206] Klar, übertrieben pumpender Housegroove, seelenruhig aus dem Hut gezauberte Filter, als wärs das erste Mal und immer wieder mal ein breiter Effekt oder ein süßliches Vocal drüber, das hat man oft genug gehört, in der Wucht, in der es hier losgerockt wird, ist das aber dennoch immer wieder beeindruckend. Und man ist gerne mal für ein paar Minuten total Westside. Remixe von Jake Childs in etwas stapfiger und mit breiterem Pianoravesound und Nathan Steward & Boss Tweed mit etwas albernem Genudel überall. BLEED June Lopes Feat. Kmar - Rhythm Into Motion [Headset Recordings/1207] Klar, da wird schon wieder jemand sagen, das klingt wie Ursula Rucker, das haben Tracks so an sich, die mit einem Spoken Word Frauenvocal kommen. Mir gefällt das aber extrem gut und die Art wie die Stimme immer wieder wegdriftet, obwohl sie so präsent ist, und der Text das auch noch unterstützt, ist ebenso brillant wie der einfache, klotzig charmante Housegroove dazu. Die Remixer machen aber einfach zuviel Gefussel drumherum. BLEED Tres Gueros - Instead You Go [Headtunes Music/008] Wenn schon ein Radiomix auf einer EP ist und zusätzlich noch 7 andere, weiß man eigentlich, dass man am falschen Ort ist. Funk in diversesten Varianten mit etwas übertriebenem Eunuchensoulgesang, der immer etwas, aber auch immer etwas zuviel hat. BLEED Ramadanman - EP [Hessle Audio/Hes 012 - S.T. Holdings] Eine Doppel-EP hätte es nicht gebraucht. Sechs neue Ramadanman-Tracks und hier geht es so unterschiedlich und diversifiziert zur Sache, dass man sich nur sehr schwer vorstellen kann, dass selbst großen Ramadanman-Fans hier alles gefällt. "I Beg You" ist mit seinem fast schon gotisch-schönen Intro da die Ausnahme. Der Rest scheint weniger Track als vielmehr Studie sein zu wollen, ein weiterer Schritt, zwar in die richtige Richtung, aber als Entwurf nur mäßig rund oder gar fertig. Und doch ist jeder Tracks immer wieder gespickt mit großen Momenten und Ideen. Die verschwinden jedoch schneller, als einem lieb ist. Das kann nicht die Idee des neuen, von überkommenen Konventionen befreiten Dancefloors sein, oder? Nur noch ADHS-Opfern etwas zu sagen? Dachten wir uns. Ruhig bleiben, Ramadanman. THADDI Jamie Jones - Ruckus [Hot Creations/001] Sehr subtil, der Titeltrack. Einfacher Beat, holzschnittartig fast, dann aber immer mehr durch Funksamples und untergründige Harmonien aufgeheizt, wird langsam eine der süßlichsten, zurückgenommensten Disconummern der Saison draus. Der Disco-Dub tüpfelt das Disco etwas klarer obenauf. "Say What" ist ein merkwürdig raviger Vocaltrack, der irgendwie nicht ganz zusammenhalten will, und mit "Masterplan" findet man wieder zum absurd lässigen Funk zurück und schleust sogar noch ein paar sirenige Detroitstrings mit ein. Schönes Debut. BLEED Mount Kimbie - Remixes Part I [Hotflush/HFRMX006 - S.T. Holdings] Gleich zwei Remixe-Maxis von Mount Kimbie werden dieser Tage veröffentlicht. Auf diesem ersten Teil legen James Blake, FaltyDL und Instra:mental ihre Künste in die Waagschale. Blakes Version von "Maybes" ist ein vertrackter Puzzlekasten voll Funk und Detroit-Reminiszenzen, der so fragmentiert ist wie eine ungepflegte Apple-Festplatte unter System 7. Man weiß nie, was sich hinter der nächsten Kickdrum verbirgt. FaltyDL gibt auf seiner Version von "Serged" den Burial auf Acid. Die Weitläufigkeit der Vocal-Fetzen wird immer wieder gebrochen von gespenstischen Orgel-Breaks und dann schließlich der Hallfahne eines schweren Breakbeats. Nicht von dieser Welt, und wer mir verrät, an welcher Kreuzung man in dieses Parallel-Universum abbiegen kann, bekommt einen Schokoriegel. Instra:mental schließlich überrascht mit einem straighten Techno-Entwurf, den Chef Scuba mit Sicherheit lautstark abgeklatscht hat. THADDI

Mount Kimbie - Remixes Part II [Hotflush/HFRMX007 - S.T. Holdings] Auf dem zweiten Teil der Remix-Sammlung schubbern sich Tama Sumo und Prosumer in ihrer Version von "William" schon fast wund vor lauter Deepness. In klitzeklein gesprenkeltem Funkenregen rieselt die Darkness des Morgengrauens auf den Track nieder, die HiHats hecheln, und wenn schließlich die Strings alles klar machen, ist man eh schon verliebt. Hotflush-Chef Scuba stampft als SCB schließlich auf "Vertical" durch die leeren Fabrikhallen längst verschollener Zivilisationen und dürfte mit dieser überraschenden Kältewelle nicht nur Marcel Dettmann begeistern. www.hotflushrecordings.com THADDI Ned Rise - Abc Ep [Houztekk/004] Sehr verschroben diese Platte. Die Tracks überschlagen sich förmlich vor swingendem Jazzsound in den Beats, Vocalstakkatos der brilliantesten Art, und wirken manchmal wie ein Lehrstück in überdrehtem Funk. Das sticht raus und slammt dennoch unglaublich. Musik, die einem mal wieder beweist, dass französische Duette die feinsten sind und man doch mal wieder zurück in die Zeit blicken sollte, als Microhouse aus dem Gefussel zum überdreisten Houseravesound fand, denn genau da ist diese Platte verankert und übertrifft alles, was war. www.houztekk.com BLEED Erik Friedlander - Alchemy [Hrönir/hr5217 - A-Musik] Kein Album lief in meinem Haus letztes Jahr öfter als "Block Ice and Propane", auf dem der New Yorker Erik Friedlander Kindheitserinnerungen on-the-road wiederaufleben lässt, gezaubert auf einem Cello solo, wechselnd zwischen gitarren-artigem Picking und gestischer Improvisation. Was könnte willkommener sein als ein Nachschlag? Den liefert diese glänzende 10", mit drei weiteren Aufnahmen aus den damaligen Sessions ("Lee Ave", offensichtlich) und mit vier neueren Kompositionen, die mit sachten Effektbearbeitungen, aber vor allem vollfarbiger Mehrstimmigkeit aufwarten (quasi die Hits: "Glow" und "Halo"). Nach wie vor sorgt der Clash von Arpeggio-Harmonien (Titelstück) und SchlafliedMelodien versus eingestreuter kratziger Unmittelbarkeit ("Wag"!) für erfrischende Reibung, bei der man sich dank der unverkopften Klarheit und natürlich der technischen Brillanz immer in sicheren Händen fühlt. Letzten Monat erst hat sich das verrückte Berliner Kleinstlabel nach ganzen elf Jahren zurückgemeldet – mit einer Monster-Retrospektive von Sudden Infant. Jetzt diese wunderschöne Cello-Preziose: Was kann als nächstes kommen? www.hronir.de/ MULTIPARA The Glitz - Solar [Ideal Audio/010 - Intergroove] Klar, auf Ideal wird die dunkle, abstrakt minimale Technofahne hochgehalten. The Glitz ist dafür eigentlich weniger bekannt, machen ihre Sache aber inklusive tiefergelegter Grollstimme und zitternden Sounds auf massivem Bassboden extrem gut. Finden aber immer wieder doch zu ihren schwärmerischen Housemelodien zurück. Perfekte Balance zwischen Dunkel und Licht würden wir sagen, und zwei Hits, die jeden Freund des schwarzen Chicagolochs bis ins Mark erschüttern. BLEED V.A. - We Like You [Ilian Tape/011 - Intergroove] Ein ganzes Album bringen Ilian Tape hier raus und mit der "707 Dub Party" von Franco Cinelli könnte es besser gar nicht anfangen. Die Dubs reichen so weit im Hintergrund, dass man schon glaubt ein drittes Ohr zu bekommen, und der Groove ist so ein Klassiker, dass einfach alles immer weiter wird. Und dann kommt Thc Project mit "Analog Modulator" und treibt das Release ganz weit hinein in die analoge Oldschool der schwingend deepen Detroitwelten, dann Dario Zenkers wuchtiges "Cafu" Monster und es hört einfach nicht auf wilde schimmernde Dubhimmel und analog klingende Ungewöhnlichkeiten zu regnen. Eine Platte bzw. ein Release, denn das ist alles nur digital, in die man sich reinlegen muss um sie wirklich bis ins letzte auszukosten. BLEED Planas - Look Into My Eyes [Immerse/Ime018 - S.T. Holdings] Zwei absolute Killer-Tracks von Toby Davies aka Planas. Herr Davies ist der Chef von Rankin Records und droppt auf Immerse bis ins letzte Details perfekte Garage-Bömbchen, in denen, kondensiert auf fünf Minuten, ganze Kaiserreiche zusammenbrechen. Der Titeltrack spielt mit diesen gewissen Vocal-Editing von Synkro, ist durch und durch fröhlich und legt dabei den Bass doch erfreulich tief. Der Rest ist in den herrlichsten Düften eingelegter Wind. "Roots Music" will ein wenig darker sein, zieht endlich den englischen Digi-Dubbern den Preset-Stock aus dem Hintern und entscheidet sich am Ende doch noch für die mit viel Dramatik aufgebauschte Euphorie-Maschine, die großen Chords, die Lasershow, die Pyrotechnik, bevor dann alles in einem kleinen Echo auf dem Piano glücklich in sich zusammenfällt. Es wäre gut, wenn wir alle diese Tape-Echos im Kopf hätten. Fest installiert für eine bessere Welt. www.immerserecords.com THADDI

Silenttalk - Jazzytech [Indipentende Records/001] Die Klarheit dieses Sounds ist schon extrem beeindruckend. Vor allem im Dub. Extrem deeper Groove, der bis ins allerletzte, noch so kleine Detail durchdacht klingt, und dazu nur ein paar Stimmfetzen und ein kaputtes Saxophon als Sequenz einstreut. Mächtig. Der Horatio Mix hat etwas mehr treibende Wucht und einen irgendwie heiteren Groove durch die daddeligen Stimmchen, und das Original zeigt mit seinen Kontrabässen deutlicher warum der Track wirklich so heisst. Aber mir gefällt der Dub einfach am besten. BLEED Spitzer - Roller Coaster [Infiné/023] Das Gute an Infiné ist, dass sie sich nie auf einem Sound ausruhen. Wie der Titel schon vermuten lässt, geht es hier etwas öliger, dunkler, harscher zu, und der Track schlängelt sich auch sehr schwermütig durch seine schlierigen Basslines und den getupften dunklen Wahn, der irgendwann die Filter zu einem echten Ravebrei aufreißt. "Sir Chester" ist dann eher der tänzelnd balearische Kitschgroove für Blumenkinder auf dem Rasenfloor und mir einen Hauch zu seicht in den Harmoniewechseln und Arpeggios, während "Too Hard To Breathe" mit Kid A. klingt wie ein Bjork-Remix für die Festivalbühnen. BLEED Trademark - Space Ep [Intelligent Audio/IA1.3] Sehr schöne EP von Trademark aka Anthony Reeves & Mark Angus, die hier mit einem gewissen Jazzgefühl an die detroitige Basis des swingenden Openers "Altered States" gehen und dann auf einmal tief in die Jazzbar eintauchen, HipHop machen oder mit dem Kontrabass abrocken oder auch mal Breakbeat rollen lassen. Wie das zusammengehen soll haben wir noch nicht begriffen. www.intelligentaudio.net BLEED Neal White - Raum und Strom EP [Kammer Musik/011 - Straight Distribution] Wow! Die ersten Sonnenstrahlen auf Vinyl für die neue Saison kommen von Neal White, der mit “Raum und Strom” die aufgehende Sonne einfängt, sein “rauchender Hund” genau das richtige für den warmen Nachmittag ist und das “Luftschloss” auf den Abend vorbereitet. Und dafür muss man Kammer einfach lieben. Immer sind es verschiedene Facetten, die auf ihren VÖs eingefangen werden, so dass jede Platte zu 100% spielbar ist. Die 011 ist insgesamt nicht so nach vorne gehend wie die letzten, sondern hypnotischer, treibend und schwebend. Ein mehr als guter Anbruch der zweiten Kammerdekade. mer-musik.org BTH Juliet Sikora, Tube & Berger - La Boca Loca [Kittball Records/016] Klar, bei so einem Titel muss irgendwo was von Latinhouse drinstecken. Tut es auch, aber wenn die Vocals nicht gewesen wären, hätte mir das wegen dem extrem wuchtigen Swing des Tracks auch noch Spass gemacht. Blödelnder ist der Daniel Steinberg Remix, der sich aber irgendwann auch im Witz verliert und der Simon2 Remix ist klassischer Minimalrave. BLEED Kaito - And That Was The Way [Kompakt/208 - Kompakt] Ein endloser Echospace Dub, eine beatlose Pianosynfonie und noch eine und noch eine. Musik, die so fluffig ist, dass einem die Augenbrauen wegkräuseln zu Daunen. Definitiv am besten, wenn man so flach liegt, dass nur noch die Spitzen der Töne über die Seele gleiten. Typisch Kaito. BLEED Popnoname - [Kompakt Pop/016 - Kompakt] Ah, das Label gibt es noch. Schön. Und Popnoname hat sich mittlerweile auch wirklich immer mehr dahin entwickelt, dass seine Tracks einen wirklich erwischen. Schöne warme Harmonien, einfache tingelnde Melodien, etwas Stimme, aber auf der einen Seite nie zuviel. Wenn es dann allerdings Richtung Indie driftet, wie auf der Rückseite, ist mir das alles doch schnell wieder zu Hippie. BLEED Plasticsound, Sozonov & Lera - Not For Us [Kung Fu Dub Recordings/041] Jetzt, wo Minimal sich langsam bis zur Unkenntlichkeit in diverseste Subszenen aufgedröselt hat, wir es Zeit in manchen Tracks eine Qualität von früher wiederzufinden, die man vermisst hat. Hier kickt besonders der Ludovic Vendi Remix, der die Stimmen zu einem geheimnisvollen Duett arrangiert, das sanft und verdreht über die knarrenden Seiten trippelt und sich bis zur himmlischen Halluzination hochsteigert. Pulsierend, leicht, unnachgiebig, aber doch auf seine Weise extrem intensiv. Das Original bietet alle Sounds, aber in einem etwas rockigeren Basslinebrummelflair, das einfach für die Soundschnippsel nicht genug Raum lässt, aber nach einer Weile durch das Duett doch eine extrem magische Stimmung entfaltet. BLEED

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MBC - Made / Schnellverschluss [Lessismore Recordings/027] Zwei sehr smooth gleitende, deepe, sanft dubbig harmonische Tracks für den Funkfloor der reduzierten antiminimalen Art. Hier wirkt alles wie aus einem Guss und lässt sich so elegant auf seine eigenen klaren Sounds ein, dass man am Ende wirklich süchtig nach diesem Sound wird. BLEED V.A. - [Lessismore Recordings/029] Brillante deepe Technotracks von HD Substance, Pelacha und Vaso die einem einmal mehr zeigen, dass die analoge Schule einen immer wieder aus dem Ruder laufen lassen kann. Die Sequenzen so quirlig und beherrscht wie selten zur Zeit, die Grooves geschlossen und auf diesem schillernden Funk davonpreschend in die eigene Tiefe, dass man sofort das nächste Warehouse entern möchte. BLEED Gideon - [Lessismore Recordings/030/031] Nicht, dass er sich an seinen Leitspruch halten würde, denn Gideon macht gleich mal zwei EPs auf seinem Label mit je 4 brillianten Tracks. Typisch durch und durch, aber so schmetternd und ausgelassen in den Sequenzen, so flink und lässig an den Filtern und alles immer mit einer so cleveren Übersicht über den Groove, dass die Tracks einfach ein Fundament für jede Party sein sollten, die es ernst meint. Massive Ravehits durch und durch. BLEED Jin Choi - You Are No Good EP [Lessizmore] Einer dieser extragerade um sich selbst herum gedrehten, fast statisch wirkenden, fast shuffeligen Grooves in dem dann auf dem Titeltrack ein so dringliches Soulvocal die Szene beherrscht, dass man den Track einfach sofort als Klassiker akzeptiert. Das ist eine Hymne, keine Frage, und dürfte Jin Choi das erste Mal weit über alle Grenzen der Auskenner bringen. Einfach perfekt bis in die kleinsten Trommelwirbel, die dem technoiden Charme die nötige Geschwindigkeit geben. Die Rückseite kommt mit "In The Mirror" dann extrem deep, und versinkt fast in den eigenen Melodien aus einem BarPiano und Hintergründen, die so quietschen, als würde aus ihnen das Morgenlicht herausbrechen. Sehr deeper Track, der sich keinesfalls in die typischen deepen Housewelten dieser Zeit einpasst. BLEED Losoul - Calma / Dogma [Logistic/063] So abstrakt ist mit Losoul schon länger nicht mehr untergekommen. Und das ist erstaunlicherweise erfrischend. Böse zerhackte Vocals die man gar nicht versteht, ausser zu wissen warum, und die Beats holprig und verdreht als würde Magma aus Chicago unter uns herfliessen. Das ist wirklich verdammt deep. Und die schrägen Grillen als Hihatsupport passen extrem gut dazu. Ach und ja, das ist irgendwie auf seine Weise auch Soul. Im Sound noch um einiges kaputter der scheppernde Waschmaschinengroove von "Dogma", der aber auch seinen extremen Reiz hat, ohne sich von dem einmal gefundenen Stein des Grooves wegzubewegen. Gespenstische Platte. www.logisticrecords.com BLEED V.A. - LMD Miami Sampler 2010 [Lost My Dog/031] Tracks von Bleep District, Giom, Yse und Roland Nights, die natürlich passend zum Thema sehr auf Party getrimmt sind und es dabei manchmal so übertreiben, dass man den albernen Funkkram und die Slapbässe dennoch als guten Witz mitnimmt. Am besten finde ich allerdings dennoch den deeperen klassischen Soulsäusler "Guessing Games" von Yse mit Frank H Carter III, der schon mal zu einer echten Hymne hochkochen kann, auch wenn die Soulvocals wirklich extrem übertrieben sind. BLEED Space Ranger - Herbal Cake [Lovemonk/LMNKV48 - Import] Dublex Inc. haben sich seit ihrer pulverisierten Zeit mächtig entwickelt. Fast schon Songwritertum auf Infracom, und nun haben sie sich für ihre Liebe zu Disco als Space Ranger getarnt. "It's very hard to take yourself to seriously when you look at the world from outer space”, ist da ihr Leitsatz. Schon Herbal Cake kommt wie eine Beatdown-Nummer ums Eck und wabert unaufhörlich bis die Filter Flöten und Gitarre frei geben. Quasi von hinten durch die Brust. Galactic Spice geht sogar noch weiter: noch einen Gang raus, Streicher rein, und hier ist es der Synth, der wie durch einen Vocoder gezogen ein ganz dickes Augenzwinkern in das oft viel zu nerdige NeoDisco-Treiben bringt. Phase Fever ist da schon fast UptempoBoogie. Aufgrund ihrer Nähe zu Motor City Drum Ensemble, der jüngst eine EP des nächsten Kandidaten veröffentlichte, würde ich annehmen, dass der Rerub von The Reverenge für den Titeltrack auf den Mann aus Glasgow zurückgeht. Und er setzt seinen Lauf fort: Er übernimmt die Tempopolicy, verzichtet aber auf eindeutige Samples und besinnt sich auf Bass und Wumms Marke Trus‘Me. Diese Platte wird eine ganze Weile in meiner Box bleiben. M.PATH.IQ

Nadja Lind - Sunspots [Lucidflow/007] Wie immer gibt es auf Lucidflow auch hier 4 Tracks mit sehr ruhiger Grundstimmung, holzig polterigem Groove und einer gewissen schwärmerischen Nuance, die sie zu sehr eleganten Dubwelten hochschraubt, die sich perfekt für die Frühlingsafterhours anbieten. Dubsound mit sanft analoger Note und nicht zu wuseligen Effekten entwickelt sich hier zur klaren Linie, und der housigere Helmut-Ebritsch-Remix von "Voyage" passt perfekt als Ausklang. BLEED So Inagawa - Sputnik [Luna Records/003] Sehr sanft treibend rollt dieser Track auf nahezu nur einem Sound und den brummelnden Bässen und der abgehackte Remix von Alex Jones und auch Hector machen da nicht viel dran. Nett aber nicht herausragend. BLEED Luca M - I Wanna Be You EP [Lust Recordings] In seinen Füssen möchte ich nicht stecken. Auch nich auf dem Dancefloor. Typische Allerweltshousedisco mit übertriebenen Bumperstickern. BLEED Oeler - Protuberanzen [Lust und Freu.de Musik/003] Ähem. Lust und Freu.de Musik? Wirklich? Egal bei OelerTracks. Die sind so holzig und versponnen im Groove wie eh und je und wankeln schwermütig durch den eigenen abstrakten Dubsud bis einem ganz schwer ums Herz wird. Dann machen sie einem noch klar, dass man den Groove nur von hinten denken muss, und schon ist nichts mehr wie es war. Abstrakt, aber pulsierend gerecht und immer mit einer Nuance Wahn, die einen nicht nur mitswingen lässt, sondern mit allen Fasern der Seele durchdrehen, selbst wenn da mal sowas wie eine E-Geige auftaucht. BLEED Jesse Rose - Sleep Less (Night One) [Made To Play/028 - WAS] Irgendwie hat Jesse Rose auf Made To Play aber auch gefehlt. Der knödelig schräg stampfige Discotrack "Non Stop" kickt im Dub wie im Original endlos, und der süssliche "Where Were You Last Night" bringt noch mehr Soul in den twistend verwirrten Swingersound den er hier loslässt, während die breiten Strings von "You Know It" tragischer nicht sein könnten und dennoch marschierenden Soulhymne für die Technicolorfreunde der Disco werden. Damit hat er mit links mal eben alle in ihre Schranken verwiesen auf dem Label. Tja. BLEED Phil Weeks and Joss Moog - Not Over Ep [Magnetic] "Over Like A Phat Track" von Joss Moog kickt wie ein Muli. Klar. Kompression pumpt. Muss ja und steppt mit Soulvocal und breitem Piano auch oldschoolig genug, um einen im richtigen Moment eiskalt zu erwischen. Phil Weeks kontert mit einem gefiltert zerhäckselten Discostepper, der mir manchmal ein klein wenig zu langatmig an seinen Filtern rumkaut, aber der gemeinsame Track "Not Over" haut es mit seinem Pianoplink und dem eiernden Grundsound absolut wieder raus. Treibendste Househymne des Monats mit einem so süßlichen Vocal, dass die Sonne wie von selbst scheint. BLEED Terrence Dixon - Room310 [Meakusma/003] Sehr schön, mal wieder was von Terrence Dixon zu hören. Der Titeltrack ist so in sich verwuselter galaktischer Technosound, dass man seinen Ohren fast nicht traut. Alles ist hier Andeutung, alles kommt von ganz weit weg, und alles klingt so grandios zeitlos, dass die Seele ins Trudeln gerät. Noch einen Hauch jazzig generativer ist "Who Is That", bei dem die Sequenzen ihr abstraktes Eigenleben entwickeln und man langsam wie ein Segelfugzeug unter Wasser doch noch einen Groove findet. Die Remixe von Upperground Orchestra sind völlig anders und klingen eher wie magische aus dem Nichts gezauberte Deephousetracks von einer Band, die immer sanft an den eigenen Planeten vorbei driftet. Völlig unglaublich, dass die aus Venedig kommen und nicht schon längst zu den Superstars der Szene gehören. BLEED Android Cartel - Robots With Soul EP [Mija Recordings/006] Smoothe soulig deepe sanft perkussive Housetracks mit einem dezenten Oldschoolflavour, die sich gut für die Zeit eignen, wenn die Grooves sich langsam in Soul auflösen sollen, ohne dass der Floor zu weichgekocht wird. Man muss allerdings auf durch den Hintergrund wehende Divenvocals stehen, wenn man das wirklich genießen will. Musik für Zeiten, in denen es ganz heiß ist und der Druck wirklich nicht zu stark sein darf und das übliche Minimalgefussel einfach zu viel Hektik ist. www.myspace.com/mijarecordings BLEED Microworld - Happy Machines [Millions Of Moments/MOM 008 - Eigenvertrieb] Philip McGarva hat es mit Releases bislang nicht wirklich übertrieben, nach seiner EP auf Transmat (1999!) und einem Release auf Styrax Leaves war lange Funkstille. Dabei sollte es eigentlich ständig Platten wie "Happy Machines" geben, die Techno von einer kategorisch anderen Seite aufziehen, sich den Backrooms in Clubs einer längst vergangenen Zeit und den Erschöpfungszuständen seiner Gäste widmen, rund-

erneuerte musikalische Motive ins Universum schleudern und trotz stetig pulsender Bassdrum nicht hektisch von A nach B müssen. An der ur-englischen Schwelle zwischen Elektronika und Dancefloor entwickelt Philip McGarva seine Tracks, und während "Daises" auf auf den großen Floors der Welt bestehen kann, sind es die drei restlichen Stücke, die hier eigentlich den Ton angeben, mit ihren samtigen Flächen und einem ganz eigenen Verständnis von Futurismus und dessen musikalischem Takt. www.styraxrecords.com THADDI

solchen Klarheit in der Darkness ab, dass einem manchmal schwarz vor Augen wird. Teej überzeugt mit einer abenteuerlich abschweifigen Melodie und großem dichtem Pathos, Kenny Glasgow mit Glöckchen und einem ähnlich schwermütigen Gewicht. My Favorite Robot kommt auf "The Future Will Judge Us" fast zum poppigen Zentrum mit Indiegesang, der mich an Figurines auf Ketamin erinnert und Nitin suhlt sich dann auch schon wieder in dunklen Synths, während am Ende dann, leider, Vandermeer irgendwie überbleept rockig klingt und aus dem Rahmen fällt. BLEED

Demdike Stare - Forest Of Evil [Modern Love/Love 060 - Boomkat] Sean Canty und Miles Whittaker hatten Ende des vergangenen Jahres ihre ersten gemeinsamen Tracks veröffentlicht, jetzt wird nachgelegt. Zwei irre lange Tracks, nur auf Vinyl richtig so. Die beiden Varianten von "Forest Of Evil", Dusk und Dawn, mäandern wie ferngesteuert furch die tiefen Sümpfe des Dubs, lassen immer wieder kurz die Straightness durch, folgen sonst aber komplett ihrem eigenen Puls. Bei Demdike Stare geht es nicht um die schnelle Spitze, den verhuschten Aha-Effekt. Hier kommt viel mehr zusammen, vor allem in der Rhythmus-Sektion. Die vereint Schlagwerk und die entsprechenden Rhythmen aus unerwarteten Gefilden und transportiert den Effekt gleich mit. Immer wieder lassen sich die beiden auch einfach treiben, driften ab in mörderisch darken Ambient, immer auf der Suche nach der Sonne. Ein beeindruckendes Statement, mit dem man viel Zeit verbringen sollte. www.modern-love.co.uk THADDI

Big Zis - Suure Räge Remixes Vol. 3 [Nation Music] Agnès, Wandler und M.A. machen den dritten Part der RemixSerie dieses schwyzerdütschen Tracks, und bei Agnès kommt einer dieser smooth warmen dubbig funkig erdigen Housetracks raus, in dem die Vocals als Sound durch den Track wehen, sich aber eigentlich alles um das Zusammenspiel von Groove und Orgelchords dreht. Wandler gibt mit etwas Paukensound und verspielteren Sounds eher die unheimliche Variante des funkig minimalen Zauberers ab und lässt die Welt zwischen Knautschen, Knattern, Gewitter und Regenfällen auf eine etwas verdaddelte Heulerlichtung wanken, und der M.A.-"Raspberry"-Mix plockert mit perkussiverem Groove, bis ihm fast schon schwindelig wird. Eine Platte, auf der eigentlich alle Tracks auf ihre Weise überzeugen und sehr stimmungsvoll weite Räume aufmachen. BLEED

Stel - Last Night On Earth EP [Moodmusic/087 - WAS] Sagen wir mal so. Der Track von Stel ist klassisch bis ins letzte. Schön. Mächtig. Aber ihm und auch den John-DalagelisMixen fehlt irgendwie der Moment, an dem das mehr als nur typisch guter satter Housesound ist. Das erledigt dann die Bassline im "Manik loves Roland"-Mix wie von selbst und bekommt als Standig Ovation von sich selbst noch ein kurzes Rimshotsolo geschenkt. Fein. BLEED Morphosis - Musafir EP [MOS Recordings/013 - RushHour] Verflixt. Warum finde ich ein Freejazzbläserintro auf einmal gut? Warum wird da ein deeper Detroitbassmosher draus? Wie kommen diese galaktischen Sprengsel da links oben ins Spiel? Warum ist das alles viel zu deep und doch die beste aller Welten, die man je zwischen Sun Ra und UR gehört hat? Rabih Beaini ist definitiv die Seele libanesischer Detroitmusik. Zwei wirklich unglaubliche Tracks. www.nomorewords.net BLEED Tanner Ross & Sergio Santos - [Mothership/031 - WAS] Wer auf Mothership eher die minimale Seite von Dirtybird erwartet, wird hier enttäuscht, alle anderen sind mehr als begeistert, denn die beiden Tracks sind so langsam und vertrackt magisch in ihrem unterschwellig deepen Housegroove voller konkreter Sounds, dass man einfach bereit ist, breit zu sein bis ins letzte. Schleppend, und dabei nehmen sie einen vor allem immer mit und werfen einen gelegentlich auch mal gerne ins All ihrer kurzen Dubs und schellend verrückten Drumsounds. Musik, in die man sich mit jedem Muskel reinlegen möchte. Das ist das, was DFA nie hinbekommen hat. www.mothershipmusic.com/ BLEED Matt Tolfrey & Christopher Sylvester - Real Talk EP [murmur/mur016 - Digital] Mit dem Londoner murmur-Label des Partystrategen Geddes bin ich bis heute noch nicht ganz warm geworden. Nun haut Leftroom Labelboss Matt Tolfrey hier schon seine zweite Platte mit Christopher Sylvester raus. Gut, es ist nicht die Neuerfindung von Chicago House, aber besser als das meiste, was in die Richtung gerade so gepresst wird. Auch weil man sich - unterstützt von Kevin Knapp aus San Francisco - zum einen nicht davor scheut mit Klischees zu jonglieren; denn davon lebt diese Musik schließlich, sofern man es nicht zu platt anstellt. Auf der anderen Seite scheinen mir Keys, edgy Synths und Drumprogramming (gut, das könnte ein bisschen Feintuning vertragen) gar nicht wirklich oldschool sein zu wollen. Ist ja nich' schlimm, wenn man die Kids heute zum Tanzen bringen möchte. Der Ryon-Crosson-Remix soll's dirty machen, kommt bei mir aber gar nicht an. Was sie an Mühe bei den Drums des Titeltracks weggelassen haben, scheinen die Produzenten in die B-Seite zu stecken. Raus kommt ein mäßig spannender Tech-House-Track, dem aber leider die Prise an interessantem Sound fehlt, den solche Produktionen zum Gelingen nötig haben. www.murmurrecords.com GIANT STEPS Özgür Can - Mr. Winslow [My Disco Preset/006] Eine sehr flausige Nummer dieses "Mr. Winslow". Tingelnde Loops mit Harmoniewechseln die eine Frühlingsstimung erzeugen, der man einfach nicht ausweichen kann, weil sie so blumig kickt. Und dazu noch ein deeperer Remix von Niklaus Paus und ein verkaterter von Rouzbeh Delavari, die zwar beide von dem Original zehren, aber irgendwie doch nicht so ganz an diese Ausgelassenheit rankommen, obwohl sie auch nicht zerstört wird. Wirklich ein Hit. Einfach, aber unvergesslich. BLEED V.A. - My Favorite Robot Stimulus Package 4 [My Favorite Robot Records/020] James Teej, Nitin, Vendermeer, My Favorite Robot und Kenny Glasgow feiern auf dem 20sten Release des Labels die dunkle, ruhige, fast schleichende Stimmung ihrer Tracks mit einer

Hypnos - From The Beginning EP [Night Drive Music Ltd./012 - Straight Distribution] Sehr schön schon das Original, das stimmungsvoll, aber doch mit einem gewissen Raveschalk im Nacken, eine Pophousenuance nach der anderen an einem vorbeigleiten lässt. Nächtliches Schwärmertum für Verliebte und alle, die Melodien gerne mit ihrem ganzen Körper mitsummen. Der Pawas-Remix bringt etwas mehr Deepness ins Spiel, fängt aber die Harmonien des Originals perfekt auf und steigert sie langsam zu einer Hymne, während Stefan Mallmann einen etwas beliebigen Afrotrack draus macht und Subsky irgendwie zu säuselig bumpig an die Sache rangeht. www.night-drive-music.com BLEED Alland Byallo - Rare Bird [Nightlight Music/20b] Der Frivolous-Remix ist zwar sehr smooth, aber auf die Dauer auch ein klein wenig sehr dunkel gehalten, so dass genau diese Stimmung, die man von Frivolous eigentlich erwarten würde, irgendwie nicht kommt. Die Vocals wirken etwas sehr auf Sound getrimmt, aber wenn man sich richtig drauf einlässt, dann ist das ein guter Track, um sich in die Seile zu hängen. Dave Aju gefällt mir mit seinen oldschoolig pappigen Bassdrums und dem holzig knatternd plätschernden Groove dennoch um einiges besser, die Hintergründe wirken spannender und der langsam erzeugte deepe Detroitfunk führt die Vocals um einiges deeper ein. Joshua Iz bringt etwas uptempo House-Stolz in den Track und lässt auch die Stimme etwas smoother federn, und irgendwie passt der tänzelnde Melodiekitsch hier perfekt. Wozu man davon einen Dub braucht, ist mir nicht klar. www.nightlight-music.com BLEED Kevsrave - [Numbers] Brilliante Oldschoolravenummern mit zerrigen Dubstepbasslines und hochgepitchten Divenvocals wie in der Zeit, als man noch weiße Handschuhe auf die Party mitbrachte. Killer für Liebhaber einer längst vergessenen Zeit, die aus Sprüchen wie "I See The Future" eine Wahrheit machte, die einfach absolut unumstößlich wahr war und in dem Moment verankert jetzt wieder dieser Moment sein kann. Drei Monster für R'n'Dubstep-Süchtige mit weit mehr als genug bratzigen Basslines. nmbrs.net BLEED Kaster Cordalis - Shaded Moments EP [Numbolic/008] Vier sehr schwermütige Tracks mit vielen Foundsounds und Szenerien, Pianos, Dubs, krabbelnden Momenten epischer Stille und fast in ihren Basswellen erstickten Grooves zu Momenten fast kirchlicher Besinnlichkeit geben dieser Platte ihren Charme, wenn man sich auch manchmal ein klein wenig beengt vorkommt und mir das tatsächlich auf dem technoidesten Track, "Trust", der manchmal klingt als hätte jemand im staubfreien Raum eine Knarre in Zeitlupe geladen, am besten gefällt. Die 5 Remixe sind mir dann wirklich etwas zu weit gestreut und nur der dubbige Storlon Remix scheint sich irgendwie an der Stimmung des Originals zu orientieren. BLEED Giriu Dvasios - Miskas [Ornithopter/011] 5 extrem weite Dubtracks, die sich immer wieder zu einem massiv schillernden Sound hin entwickeln, in dem die Tiefe von den blitzenden Effekten fast schon weggesprengt wird, aber dennoch der Boden nie verloren wird. Definitiv etwas für Freunde der großen Klassiker des Dubtechnogenres und so überragend produziert, dass sie dennoch sehr frisch wirken. Von den Remixen gefällt mir überraschenderweise der treibend schnelle Zzzzra Mix am besten, aber auch Paul Mac und Christoph Schindling machen ihre Sache sehr gut. BLEED

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SINGLES Kink - Kink EP [Ovum/205] Trocken, deep, dunkel, säuselnd, warm, magisch, man könnte diese typische Aufzählung eigentlich mal zusammenfassen. So klingt das aber dennoch. Und dennoch sagt das nichts über die Größe der Tracks aus. Wie der Kick der Bassdrum im eigenen Hall rumspielt, wie die Billigpianosounds sich aus den eigenen Filtern befreien, als wären sie eine aufgehende Blume, die man gerne an Tricky Disco überreichen möchte und wie das alles zu einem Hit zusammenkommt, der den Floor auf eine Oldschool einigt, die man schon fast völlig vergessen hatte. Monstertrack, dieses "Rachel", und ich werde ab jetzt jede Kink-Platte lieben. Dann kommt auch noch der Slammer "Keys Of Life", dessen alberne Reminiszenz nicht zuviel verspricht, sondern einfach die Pianos bis in den letzten Winkel des Oldschoolhimmels strahlen lässt und dabei dennoch konzentriert bleibt, und dann kommt noch das spartanisch abstrakte "E79" mit seinen messerscharfen Claps. Sehr außergewöhnlich, das alles. BLEED Arian Leviste - Better Get Used To It EP [Palette Recordings/060 - WAS] Mal so ein wirklich ans Herz gehende Hymne. Ist nicht gerade typisch für Palette, aber der Titeltrack ist genau das. Wundervolle Harmonie, schwärmerisch deeper Funk, elegische Grundstimmung mit ungebrochenem Optimismus überall und brilliante verloopte Vocalchöre. Unschlagbar. Und mit "Change The Station" wechseln wir das Feld komplett und pflocken störrisch blitzenden Chicagofunk der abstrakten Art ins Herz der Analogliebhaber. "Senioritis" spielt dann mit seinem schmatzenden Oldschoolsound sanft an der Latingrenze perfekt alle klassischen Qualitäten von Palette aus. Brillant. BLEED Jackmate And The Missing Linkx - Discodisco2 [Pampa/002] Sehr funky. Sehr untergründig. Ein Basslauf mitten durchs Herz und dann ein paar Effekte. Pappige Bassdrum, schräger Gesang. Das ist der Grund, warum man Pampa einfach lieben muss. Überall sind hier Gitarren, und manchmal denkt man, das ist doch schon kein House mehr, das ist schräger New York Funk aus tiefster Vergangenheit, aber der Groove lässt keinen Zweifel daran, dass das auf dem Dancefloor rockt, wenn man sich was traut. Die Rückseite mit Brassbandknochen und noch stampfigerem Groove hämmert mindestens ebenso daneben, und man kann das durchaus als Abenteuerhouse bezeichnen. Im besten Sinne. BLEED Signal Deluxe - Yerba Buena [Panta Muzik/008] Der Titeltrack ist einer dieser extrem einschmeichelnden Housetracks in denen das Vocal fast gespenstisch über allem liegt wie eine Schicht aus kirchlich orchestralem Glanz. Im Franco Biano Remix bekommt das etwas mehr Clubcharakter für die dunkle Bar und auf "Saliva" und "Mango Lassi" zeigen die Mexikaner einmal mehr, dass sie sich dort allein auf weiter Flur bewegen. Sehr schöne und dennoch vertrackt verrückte Tracks die immer den Charme des Greifbaren bewahren. BLEED Sebrok & Tassilo - Who Stole The Soul [Paso Music - Intergroove] Das hat man doch schon öfter gehört. Und auch "Feel It" ist nicht gerade ein überraschender Titel. Die Tracks dazu? Dunkle leicht dubbige Klassiker mit Househarmonien für den Ravefloor, die mit Sicherheit immer stimmen, einem aber auf die Dauer so bekannt vorkommen, dass man sich auch gleich auf eine Oldschoolparty begeben könnte. Dennoch: sehr gut gemacht, sehr schön auf die wenigen Momente reduziert, die einen Ravehit ausmachen und - wie ich hoffe - damit auch sehr erfolgreich. BLEED Omar - The Remixes [Peppermint Jam/PJMS0140 - Straight Distribution] Omar wird nicht nur von Stevie Wonder bewundert, sein UKSoul wird bis in tiefste Clubundergrounds verstanden. Und wenn ich mir anhöre, was für ein Päckchen Peppermint Jam nun zu dem lange kursierenden Remix von Henrik Schwarz gebastelt hat, dann will ich den Glauben an die Zunft der A&Rs wiedergewinnen. Die Zeilen "I am feeling you – I hope that you are feeling me” erscheinen wie ein Frage-Antwort-Spiel der Protagonisten. Warme Chords, kontrastiert von typisch schwarzschen Tweaks und wohldosierten Distortions – selbst das kurze Sax-Solo will einfach nicht nerven. Doch anstatt einer One-Sided-Promo-Blase bekommen wir hier noch drei weitere Remixes ähnlichen Kalibers dazu: André Lodemann braucht die Steilvorlage nur gewohnt episch zu versenken, und auch die D’n’B-Durchstarter Triad alias Bass Tikal, Henree und LF Flow halten den Ball flach und das Tempo ungewoht niedrig, um von innen heraus zum Torjubel zu leiten. Show-B macht mit seinem Acid-Mix den Hattrick komplett. Dabei war schon in der ersten Halbzeit alles gewonnen. Killer! M.PATH.IQ

Dama - Get Together [Perplex Recordings/002 - Intergroove] Mir gefällt "Bollywood" einfach nur deshalb, weil es so dreißt verschuffelt mit so direkten Detroitsequenzen kommt, als wäre man immer noch irgendwo in der Zeit als Retroactive eine Macht war. Oldschool für Bollerfreunde und alle die, für die Soul und brachiale Beats nie ein Widerspruch waren. 4 Slammer. BLEED Massi Gee - Tales From The Underground [Pinksilver Digital/006] Da steckt doch Schmerz in der Seele. Das wird richtig böse rausgebrochen aus dem dunklen technoid minimalen Sound, mit sanft gequälter Stimme und schnarrenden Synths auf "3rd Eye". Und auf "Forgotten Words" werden gleich mal die Friedhofsglocken am Anfang geläutet. Musik für Depressive und solche, die es kaum abwarten können, welche zu werden, damit sie diesen Sound endlich ohne jegliche Ablenkung von Dingen wie freiem Willen genießen können. Beide Tracks bekommen ein etwas zauseliges Eric-Brandy-Remake und wirken da fast kuschelig süßlich, und nur der Felipe-Venegas-Remix ist etwas zu klöppelig. BLEED Oded Adam - Tundra EP [Plattenbank/012] "In A Little Shed" gehört für mich zu den ganz großen, klassisch ravigen Housetracks des Monats. Tief schwärmende Melodien, abgehackte Höhepunkte, warme Gefühlsduselei für Freunde des Konkreten und dennoch manchmal so übertrieben deep, dass man losjaulen möchte. Und auch die beiden anderen Tracks haben es in sich. "No Agenda" groovt straighter und mit einem zielsicheren Gefühl für die perfekte breite Ravemelodie, und "Tunda" tänzelt auf einem überbreiten Bass herum, der einem schon mal den Trancemagen umdrehen kann, ist man da aber drüber weg, dann slammt das wie Hölle. BLEED Julian Jeweil - Babou [Plus8/109] Sehr stimmungsvoll deepe Technotracks für die Freunde genau der alten Minimalschule, für die Minus eigentlich früher mal stand. Technoid, surrend, voller feiner Syntheffekte, trocken, bleepig, an den eigenen Sequenzen knabbernd und nicht selten mit einem ballettartig steppenden Groove, der seine Ravesignale aus dem Nichts zu zaubern scheint. "Opening" ist sicher der Hit, aber mir gefällt das sehr trocken slammend knisternd, knabbernde "Soda" trotzdem am besten. plus8.com BLEED Steffen Baldo - Basement Amuzement Park [Polyfon/PF009 - DNP] Sachte und bedacht schiebt Steffen Baldo seine drei Tracks in unsere Richtung, mit der gleichen Vorsicht, mit der Polyfon Platten veröffentlicht. Wir erinnern uns: Im vergangenen Jahr legte Lowtec mit seiner EP für das sympathische Label eine Welt in Schutt und Asche, die es nicht besser verdient hatte. Jetzt Baldo. Mit Tracks, die voll und ganz auf die (Wieder)Entdeckung der Langsamkeit setzten, auf das ganz bewusste intensive Ausleben von verschrobenen Deephouse-Ideen. Natürlich mit allem, was dazu gehört. "Efe Efe" plinkert sich in Zeitlupe durch Chicago-JackPercussion, hält das Mikro ganz nah an einen hypnotisierten Kinderchor auf Acid und rockt die Unschärfe zwischen den Chord-Explosionen. Der Rest ist purer Funk. "End Meets" konfrontiert uns gleich zu Beginn mit einem jazzigen Lagerfeuer der Unendlichkeit, aber auch nur um genug Kraft zu tanken für einen Track, der alles Elektronische nur noch als praktische Fassade nutzt, um schneller zum Ziel zu gelangen. Der Idee der puren Konvergenz bestimmt hier alles. Bläser, Claps, die Vocals einer längst vergangenen Zeit, der Voodoo der Percussion. "Spirits" schließlich zieht in Sachen Geschwindigkeit ein bisschen an, verweigert sich mit mit seinen fast schon nach UK-Funky klingenden Arpeggios aber dennoch dem schnellen Geschäft des Dancefloors und lässt uns so kongenial zappeln, dass wir einfach nur noch niederknien. THADDI Matthias Vogt - Together As One [Polytone/004] Wuchtig ruht sich Vogt erst mal auf dem Groove aus und kommt dann mit einer extrem schönen Houseorgel und den etwas dünnnen Vocals, die dennoch gut zum Titel passen und gehaucht die Stimmung des Tracks perfekt unterstützen. Ein Track, der alle auf einen Punkt konzentrieren will und am Ende alle ins selbe Glück der schnuckelnden Synths treibt. Der Remix von Iron Curtis kommt viel tuschelnder daher, aber erzielt auf seine detroigere Weise eigentlich fast einen ähnlichen Effekt, wenn auch treibender und lockerer. Sehr schöne Platte, die weiß, wann ein Hit ein Hit ist. BLEED V.A. - Chips EP [Pour La Vie Records/001] Ron Flattner, Damon Lee, Douglas Greed und Chris Manura teilen sich diese erste EP des neuen Labels mit Tracks die zwischen einfach tockernden Minimalpirouetten ("Pupulupo"), discoiden Klassikern für Moroder ("Bleach") und strange springendem Killerfunkgetuschel ("Coulrophobia") sowie dark-deepem Monsterswing ("Monomer") einfach keinen gemeinsamen Nenner finden. Macht nix. Ist auch so unterhaltsam. Wirklich herausstechend aber ist vor allem der Douglas Greed Track. BLEED

Redshape - Red Pack [Present/06/07] Ach verdammt. Redshape. Er kann es einfach nicht lassen und zimmert einem eine unwahrscheinliche Hymne nach der nächsten ins Hirn. 6 Tracks, in denen einfach alles stimmt und das Detroit-Pathos immer genau im richtigen Moment im Zaum gehalten wird, aber noch genau so viel überdrehte Masse auf einen loslässt, dass man die Euphorie gar nicht mehr ausdrücken kann. Mit "Mucky Bones" und auch "Grind" fast schon housig für Redshapes Verhältnisse, aber dabei immer so fundamental, dass einem den Atem nimmt. "The Lesson" ist hier definitiv der Funkklassiker, der Freunde der KMS Schule ausflippen lassen dürfte und "Brick Brack" und "Drama" erfüllen auch den letzten Technooldschoolslammertraum. BLEED Filterwolf - Nocturne [Process Recordings] Schon wieder so eine Platte die mich an die frühen Ravezeiten erinnert. Nicht an die überschwenglich verrückte Seite, sondern an die überproduzierte Abräumerecke. Etwas schleimig, aber irgendwie dennoch so dreißt, dass man es auch gut finden kann. "I Feel Love" selten so blödelnd gegurgelt gehört. Wirklich ernst zu nehmen - und auch auf dem Floor für Detroitfans ein Killer - ist allerdings der Olibusta Remix. Der macht alles platt. Während Portable vor allem den Soul des Tracks (der erstaunlicherweise da ist) herauskitzelt. BLEED Mike Maze - The Path [ProgCity Deep/PCDT-014 - Straight Distribution] Der Düsseldorfer Martin Gast, eine Hälfte von Abysm, macht als Mike Maze sein Debüt auf ProgCity Deep und gräbt sich sofort in die Playlists von Brothers Vibe, Osunlade und DJ Gregory. Damit wäre "The Path" schon als zugleich deep, verdubbt und roh und obendrein dezent orchestriert definiert. Wirkt das Original schon in seiner Länge ausdefiniert, holt er für den Dub-Mix gar noch das Piano als Kontrast zum düsteren Grundton hervor. Da bietet sich ein Remixer namens Autodeep mehr als an. Die Hannoveraner fügen zu den Strings noch einige Synths hinzu, die mich an Atjazz erinnern wollen. Dazu das Tempo reduziert und fertig ist die Sonnendeckversion. Auch Micha Mischer verzichtet auf grobe Effekte und lässt den Track sich selbst entfalten. Klangraum-House. Digital gibt es noch Versionen von Salvatore Agrosi, Imugem Orihasam und Marsmellows dazu. M.PATH.IQ Mike Sheridan - Too Close [R&S] Doch, R&S gibt es wirklich wieder. Und die Tracks von Mike Sheridan haben definitiv etwas Besonderes, wenn auch manchmal mit etwas besonders viel Kitsch beladen. Schwere, technoid melancholische Grooves im "The Chain"-Remix, die aus ihrem massiv breakigen Groove leider in den Vocals etwas zu viel wollen, aber dafür gibt es ja den Dub, der allerdings gerader angelegt ist. Wirklich hymnisch ist dann aber der Sei-A-Remix, der hier endlich mal wieder zeigt, dass er der Meister der breiten Hymnenharmonien ist. BLEED Ilja Rudman - Call Me Tonight Remixes [Red Music/018] Ich muss zugeben, der einfache Zweitonkuhglockengroove mit Rassel und Funkbass, den Greg Wilson in seinem Remix hier aufmacht, ist einer der besten Slomodiscotracks des Jahres, vor allem weil man das wie eine Funkband in Prozession die Straße vor dem inneren Auge runterlaufen sieht. Völlig überzogen zwischenzeitlich, aber mit einer unhinterfragbaren Größe des Wissens um alles, was Disco je ausgemacht hat. Der "Rhythm Based Lovers Dub" dürfte selbst Freunde eines Dubsounds, der noch ein paar Wurzeln in der Mark Stewart Maffia hat, überzeugen durch seine knorrig spartanische Funkart, und "The-Revenge-1-800-Mix" bleept sich für meinen Geschmack ein wenig zu sehr in die Schummerreggaeuntiefen. BLEED Hanneman - [Robotronic/003] "Collective Memory" gehört zu diesen Minimaltracks mit Vocals (tief, dunkel, verdreht) die einen im richtigen Moment eiskalt erwischen können und einem das Hirn auf einem Silbertablett nebst chirurgischen Instrumenten zum auseinandernehmen liefern. Und das extrem pappige "Not Human" ist in den Vocals noch besser und wäre in einer Welt in der das ein Hit wäre, wirklich beängstigend gut. So ist ist es ein Hit den sich vermutlich niemand traut. Schade. Denn das hat eine merkwürdige Tiefe. Der Kolombo Remix versucht das etwas poppiger zu machen, der Pooks Mix kommt mit zu einer duften Ravesause, und der Juan Sanchez Mix mit einem Oldschool Hit. Muss aber zugeben ich komme immer wieder zum Original zurück. Das hat einfach eine ganz eigene Klasse. BLEED V.A. - Perspectives [Room With A View/ED004] Schon wieder eine Compilation von Room With A View und an den 7 Tracks stimmt nun wirklich alles. Hiros Remix von Art Of Tones "Breaking Bad" beginnt schon mal so klassisch mit Housepiano und massivem Dubgroove, dass man tief in den Sog detroiger Klassik gezogen wird, der Dairmont & Berardi Dub von Lodemanns "Dark Edge" bringt einen mit den schönsten Strings, Loops und Harmonien dann direkt in den Himmel, Pinku Väätys "Forest Interface" setzt auf diesem Glück mit einem überdreht bleepigen Track an, Franklin De Costa swingt mächtig los auf "Lost Me", Motor City Drum Ensemble nehmen mit "Moving Through Clouds" zwar Tempo, aber keinesfalls

Euphorie raus, Joel Alters "Ride With Me" steigert sich schnell in den Technohimmel der großen Soulnummern auf dem Dancefloor und John Berg räumt dann mit "Stabs" wirklich noch den letzten Stringfanatiker ab, der noch steht. Eine massive Platte mit nur Hits. Unglaublich. roomwav.com BLEED Pupkulies & Rebecca - Burning Boats in Remix [Rotary Cocktail/RC023] Keine Ahnung, warum dem Original die Bassdrum gefehlt hat, schließlich beinhaltet dieser Track alles, was den späteren Morgen im Club, wenn die Euphorie kurz wieder ausbricht, vollendet. Dieses leicht entschwebte, irgendwie verzerrte Stück mit den zerbrechlichen Vocals wird zum Glück von Masomenos auf elf Minuten getrimmt. Perfekte Länge, perfekter Sound. Unheimlich schön. youANDme verhallen ihre Version und bringen ihre typische leicht metalliche Kühle mit dem geschickten Break rein. Irgendwie passt ihre Herangehensweise diesmal nicht so recht und klingt mir etwas zu sehr “minimal”. Someone Else lässt vom Ausgangsmaterial kaum was übrig und verlässt sich auf einen Groove, bei dem ich mir nach zwei Minuten im Club verlassen vorkäme. www.rotary-cocktail.de BTH Cesare vs. Disorder - Dont Leave Me EP [Safari Electronique/043] Sehr straight und pumpend, mit dreist souligem Vocal im Hintergrund und plockernd massivem Groove. Ein Track, der einfach alles mitreißt auf dem Floor. Keine Frage. Und dennoch ziemlich smart. Und "Get On With It" schlägt in eine ähnliche Kerbe, aber hier sind die Vocals etwas verwaschener und die antreibend peitschenden Stimmen vielleicht etwas überzogen, weshalb der AnthonyCollins-Remix glücklicherweise für die nötige Deepness sorgt und mal wieder zeigt, dass er der Meister der harmoniesüchtig komplexen Grooves ist, die dennoch ohne Ende kicken. BLEED Sei A - Let It Go [Seinan Music/Sei005 - Import] Andy Graham ist mitunter etwas schwierig. Nach großen Hit - meiner Meinung nach - kam eine Weile eher mittelmäßiges Zeug aus seinem Studio. Jetzt wieder ein Hit. Das heißt: Pop. "Let It Go" hat alles. Frische Chords, kurze Vocals und Euphorie, einen Refrain und die schützende Hand, die immer da ist. Wichtig, auch bei flüchtigen 12"s. Die unvermeidlichen Remixe kommen von Hiro, der es leider komplett versemmelt, Moodymanc & Paul Hardy, die dem Track eine sanft andere Richtung geben, dabei aber immer darauf achten, keinen Müll auf Grahams grüner Wiese liegen zu lassen und schließlich Sei A selber, der das Tempo drosselt und zum Rausschmeißer der EP uns noch schnell mit auf den Weg gibt, wie die A-Seite auch hätte klingen können. THADDI M.In & David Keno - [Sonido/007] Sehr einfach und perkussiv wirkt der Track auf den ersten Blick. Wie ein typischer perkussiver Housegroove mit sanften Jungle-Hintergründen, aber dann kommt diese abenteuerliche Stimme dazu, die fast heulend soulig mit kratzigem Hals beteuert dass sie nichts mehr fühlen kann und die Melodien steigern sich langsam zu einer Latin-Ravehymne der besten Art. Und auch auf "I Got Your Love" steht eine merkwürdig angezerrte Stimme im Zentrum, hier allerdings in mehr Filtern und mit mehr Kleinmädchensoul, und bringt den eigenwillige sweeten Funk des Tracks zum Schwingen. Zwei sehr poppige aber immer perfekt sitzende Hits für die Peaktimehousefloors. www.sonido-records.com BLEED Gideon - Y Mi Ta [Southern Comfort/018] Etwas straighter als die letzten Souther Comfort Eps, geht "Work Groove" dennoch ganz in die Vollen seiner satt analogen Housegrooves und kickt mit einem kurzen Trompeteneinsatz immer massiver. "Work That Shit" ist pure Oldschoolgnade mit einem dieser Chords, die fast wie ein Ravepiano klingen und einem Gewitterbreak der Extraklasse. Nur der Titeltrack hat mir etwas zuviel Latinsamples. BLEED Tiefschwarz feat. Cassy - Find Me [Souvenir/026 - WAS] Wirklich ein großer Track. Die Bassdrums klingen bis ins letzte Quietschen konstruiert, die Vocals federn so lässig wie der Rest über das Ganze, die Soundeffekte sind Tupfer auf dem kalten Eis der Seele und dazu diese eigenwilligen fast operettenartigen, fast elektroakustischen Breaks. Mächtiger Track, der sich dennoch ganz weit zurücklehnt. Und auch beim Dub wurde nicht an verwirrendem Soul gespart. Wenn diese ganze perkussive Houseszene nur dafür da war, um am Ende bei so komplexen Grooves wie diesem zu Enden, dann hat sich das mehr als gelohnt. BLEED

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SINGLES

Birds & Soul - EP [Spectral Sound/SPC-91 - Kompakt] Eine wirklich schöne Nummer. Null aufdringlich und mit einer ganzen Reihe von ganz wunderbaren Sound-Elementen, die für sich schön durchdacht sind, und dann aber auch ein ordentliches Teil vom Ganzen abgeben. Eigentlich darf man nur die "extended version" spielen, alles andere würde dem Track den Sinn nehmen. Der "Runaway's Mountain & Ground Remix" ist sowas wie die dunkle Seite der Macht. Dreckiger, böser, wesentlich mehr oldschool, aber auch bestimmter und mit ein wenig mehr Durchsetzungskraft. www.ghostly.com GIANT STEPS Sasse & James Flavour - Happy Ending Ep [Strata Recordings/003] Und auch hier arbeiten die beiden wieder perfekt zusammen und machen mit dem Titeltrack der EP erst mal einen so klassisch schön vor sich hinschimmernden Oldschooldeephousetrack, dass man ihnen bald auch abnehmen würde, wenn sie nur noch Röcke auf der Bühne anziehen. Und "Comfort Zones" einziger Nachteil ist zu nah an diesem Sound zu sein, aber nicht so 100% ranzukommen. Der Anthony Parasole Remix ist überraschend knarzig im Sound, und nutzt die Vocals eher als Dubelemente, entwickelt aber auf seine verdrehte Weise einen extrem kickenden abstrakten Chicagosound. BLEED JS - Reworks [Styrax Leaves/JS1 - Eigenvertrieb] MCMLXV war ein unfassbar gutes Label. Und schneller wieder verschwunden, als uns allen lieb war. J.S. Zeiter war einer der Musiker, vielleicht sogar der einzige und der Boss gleich noch dazu. Auf Styrax Leaves veröffentlicht er jetzt zwei Bearbeitungen seiner früheren Werke, und auch wenn wir die Originale jetzt nicht im Ohr haben, hört man den respektvollen frischen Wind in jedem einzelnen Takt. Dubbige Techno-Tracks zu remixen ist zwar nicht zwingend immer eine gute Idee, bei Zeiter und seinen reduced und revised Versions geht aber alles mehr als klar. Auch Klassiker brauchen ab und an eine neue Rahmung. www.styraxleaves.com THADDI Pierce & Jarl - Like This [Suara/023] So ein wenig geknödeltes Bluesgebrabbel im Hintergrund, kommt der Track langsam, aber euphorisch reingeschlichen und entwickelt sich zu einem bumpenden Housemonster für den Floor, der gerne mal etwas übertrieben klassisch auf die frisch frittierten Soulfood-Hühnchenschenkel klopft. Die Remixe von Poppcke (traxig überglatt), Sanches & DJ Ray (funky, chicagoswingend) und UGHL & Frederico Locchi (erhaben raviger) sind ähnlich gut, aber auch etwas ähnlich nah dran und ähnlich knapp am Slammerhit vorbei. BLEED Dan Caster & Sebastian Philip - Birdy I Hey [Supdub/012] Es dauert eine Weile, bis ich in den kantigen Groove von "Birdy" reingekommen bin, aber dann hat er mich voll erwischt, und der Break mit seinem säuselnden Chor sanfter 70er Jahre Träume ist einfach grandios. Minimal in Perfektion, ja, das gibt es noch. Und Supdub ist genau der richtige Platz dafür. "Hey" konzentriert sich mehr auf den Groove und ein paar Ausrufe, bei dem Titel irgendwie logisch, und das macht es für den pumpend abstrakten Floor einfach bis zum Wahn. Und auch hier sind es die schummrigen Melodien (leider ein wenig sehr Grace Jones), die dem ganzen am Ende den wirklichen Sinn geben. Der Heinrichs&-Hirtenfellner-Remix von "Birdy" knattert mit einem fast bluesig optimistischen Funk und dezent blödelndem Charakter in den Stakkatobreaks zu blubbernden Drums. Sehr schöne, abstrakte, warm unterkühlt kopfstarke Platte. www.supdup.eu BLEED

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Till von Sein - Sundowna [Supplement Facts/020] Das Vocal kenne ich noch auswendig aus Breakbeatzeiten. Soviele Ravekinder hat es wohl nicht gegeben. Trademark-Glöckchensounds und diese sehr warme ausgelassene Stimmung im Groove machen den Track einfach zu einer der leichtesten Sommerhymnen der Saison. Remixe von Dyed Soundroom & Shonky, Joeski und Layo & Bushwacka finde ich fast schon übertrieben, aber natürlich haben bei der Konstellation alle was. Shonky trällert die Glöckchen seliger als alle anderen, Joeski bringt die ultradeepe Oldschool zum schwingen, und Layo & Bushwacka machen einen Ausflug in die Tropen draus. BLEED

inspiration, und ich frage mich wieder einmal, ob es nicht eine Nummer kleiner geht, wenn man auf geiles Krachgewitter aus ist. Der Künstlerin Nathalie Bles gereicht es jedenfalls für ihr Soundprojekt The D (unter Zuarbeit bzw. Verwendung von Material von Alexander de Large, Manson f, Horacio Pollard, Sgure, Hypo und Ocsidised) zu einer arschkickenden Noise-Cut-Up-Improv-Elektronik-Geballer-Collage, die die Knochen wärmt und die Milch wieder frisch macht. Am besten kommen Franzosen, wenn sie mit chaotischer Wildheit ihren rostmodrigen Doom einfach wegpusten. Französinnen auch. nathalie.bles.free.fr/ MULTIPARA

Surround Sounds - Beyond The Dance [Surround Sounds] Langsame, überdreht funkige slammende Housegrooves mit mehr als nur einer Oldschoolnuance für Freunde des gepflegten Abgangs in übersättigten Slammern. Gleich 4 Mixe, von denen natürlich der "The Revenge" mal wieder absolut heraussticht, weil er es schafft, aus einer klassischen Pianoakkordfolge soviel Deepness rauszukitzeln, dass man sich sofort ins beste Warehouse der Erde zurückversetzt fühlt. BLEED

Sarrass - Lust EP [Third Ear/3EEP-110 - Clone] Ist das wirklich erst der zweite Release von Sarrass? Wählt hier jemand so gewissenhaft aus und lässt sich so viel Zeit? Die vier Tracks für Third Ear könnten nicht perfekter sein, so viel steht fest. Schon der Opener "Seance" mit seiner latent trancigen Hüpfigkeit und der verspielten Deepness ist einfach für die Götter. "Louisa Suiza" ist da ein dezidiert verschmitzt poppiger Gegenentwurf. "Be As Been" spielt mit einer vom Winde verwehten Dubbigkeit, und "Lust" schließlich dirigiert das Sternenballett erstmal so, wie Gott es wollte. Mehr davon! www.myspace.com/3ear THADDI

V.A. - [Sweat Lodge Records/001] Hakimonu überzeugt auch hier wieder, wie schon auf seiner eigenen EP auf dem eigenen Label, mit einem so deepen Killersound in wärmsten Dubnuancen, dass man ihm schon jetzt alles zutraut. James Blonde & Lonya nennen ihren Track zurecht "Tool", denn mehr als plockernd perkussiver Groove mit etwas Dub ist da nicht, Oliver Deutschmann kitzelt auf "Conspiracion" die Soulskool mit einem Hauch zuviel dreistem Funk und Steeldrumgewitter raus, und erst auf dem Soul-Camp-Track wird es wieder etwas smoother, auch wenn die Chords nicht gerade neu wirken. BLEED

Meesha - Daat [Thoughtless/034] Der Track ist ein reiner Dubstepandeutungspianowummerdub, der einfach nicht aufhören will, nicht anzufangen. Grandiose Leistung, wir jedenfalls sind beeindruckt, und das macht mehr als Sinn, damit ein Set anzufangen, denn längst bevor mal was losgeht, sind alle bis ins letzte gespannt. Die Remixe von Talal & Zoi, Bombaman und Animaltek sind dagegen ziemlich schlapp. Aber Root zeigt, dass Meesha vor allem in tieferen Dubbereichen zuhause ist und "Daat" vielleicht einfach eine Ausnahme war. BLEED

Ante Perry & Olivier Gregoire - Honey Penny [Systematic/066 - Intergroove] Sehr relaxt und in einer Tiefe produziert, die einen sofort mitreisst, ist "Honey Penny" ein Track, der sich lange Zeit ganz auf das schwebend lockere des Grooves verlassen kann, dann aber obendrein mit einer so schweren Synthsequenz losrappelt, dass es selbst neben Detroithelden wie Quince noch eine Chance hat. Und auch die anderen Tracks zeichenen sich durch ihre aufgeräumt klassische, aber dennoch sehr intensive Art aus auf geradestem Weg in eine Deepness zu finden, die neue Klarheit auf dem Floor schafft. Brilliant auf "Im So" das sich langsam in "cause i am lonely" ausfadet und dem mächtig pushend funkigen "Swing", bei dem die Sequenzen förmlich explodieren. Und zuletzt etwas mehr in sich gekehrt und übernächtigt auf "Zmaul". 4 Tracks die alle auf ihre Weise Hits sind. BLEED

Lucy Presents Danda - Bird Codes [Time Is Now/006] Der Titeltrack ist sehr stimmungsvoll tuschelnd und legt sich immer tiefer in den eigenen Groove, der auf merkwürdige Weise etwas deep technoides hat, auch wenn die Grundstruktur eher smoothester clappender House ist. Ein Track, der genau so auch auf Cadenza perfekt gepasst hätte. "Old Echos", mit seiner tockernden Spieluhrmelodie und dem magisch schleppend schwermütigen Groove, gefällt mir noch einen Hauch besser und wirkt auf die Dauer fast schon halluzinogen, während die Remixe von Acumen und Silicone Soul eigentlich eher Platz verschwenden. BLEED

Lobisomem - Brightest Solids [Tall Corn Music/TC004/005 - Eigenvertrieb] Aus dem Chicagoer Empty-Bottle-Umfeld kommt diese etwas zwiespältige EP mit melodisch-atmosphärischer IDM. Brad Loving, weitgereist und inzwischen in Brooklyn zuhause, DJ und Betreiber des Musikblogs birdandwhale.com, hat sie zwar am Laptop produziert, aber aufwändig analog mastern lassen; dennoch steckt die Wärme dieser Musik vor allem in ihrem persönlichen Gehalt: Hier gießt jemand sein Herz in Form. Diese Form zerfällt in Altbackenes wie digitales Sirren und Strukturierung per Delay, aber auch Spannendes wie geglückter Verlass auf transparente Arrangements und vor allem ein eigentümliches Geschick darin, melodische Klangfragmente in fließend fortlaufende Reihung zu montieren. Wie die ersten beiden der sechs Stücke in größter Selbstverständlichkeit von irgendwo nach nirgendwo mutieren: das hört man selten. Eindringliche Stimmungen gelingen allerdings nur mit mehr Fokus wie im dritten Stück. Der Rest ist klassische Electronica, die nicht durch Klischees ermüdet, aber auch brav und ohne Biss bleibt. Gibt's dafür auf Vinyl und auf CD. www.tallcornmusic.com/ MULTIPARA The D. - D.A.F. [The D./The D 003 - Toolbox] Um Missverständnissen vorzubeugen, muss der Titel dieses roten Vinyls erklärt werden, auch wenn ich lieber drauf verzichten würde, denn auch so erhellt er nichts. Also: Nicht die Düsseldorfer Band ist hier gemeint, sondern de Sade, dessen Vornamen sich "D.A.F." abkürzen. Dieser sowie Charles Manson lieferten hier in zwei Perspektiven zu den Kommunikationsbedingungen in Gefängnissituationen die Haupt-

Rozzo - Meta Tracks [Trackdown/2034] Abstrakte analoge 909 Grooves mit wenig mehr als ein paar Sounds und hier und da mal ein Dub. Das soll so sein, damit man das Meta auch klar versteht und entwickelt seinen nicht zu unterschätzenden Reiz, denn Rozzo schafft es, da einiges an Swing reinzubringen, aber man ist doch froh, wenn er auf der Rückseite dann mal eine Melodie einfließen lässt und sich wieder den klassischeren deepen Gefilden zuwendet. Denn da braucht es manchmal noch weniger, um schon abstrakt zu sein, obwohl es nah wirkt. BLEED Dessen Duo - Deep Life [Trenton/042 - WAS] Deepe dunkle Technosounds auf Trenton. Ist man nicht gewohnt, klingt aber auch nur ein paar Sekunden so, dann kommt das Dessen Duo in Schwung und macht deepen Funk auf "Babel", auf "Deep Groove" schwärmerisch nachtblinde Housemusik und mit "Deep Life" dann noch etwas angekitschten Folkloredeephousesound. Der Remix von Pablo Bolivar bringt eine Portion Oldschool in swingenderen Grooves und lässt die Platte nicht überelegisch ausklingen. Fein. BLEED Christian Smith - Beluga [Tronic/Tr049] Auf seinem Album driftet mir Christian Smith stellenweise zu arg ins Trancige ab. Auch auf der ersten Singleauskopplung geht mir das ganze zu weit. Das ist sauber und fett produziert, aber auch sehr vorhersehbar und formelhaft. Der tanzenden Meute dürfte das egal sein, denn es funktioniert gut. Im Remix von Secret Cinema gefällt das schon besser. Nette Reese-Bassline, Melodien mehr im Hintergrund, belässt mehr Raum für Eigenes, auch wenn es im Endeffekt genauso fett ist. Halt nur mit mehr Understatement. Sehr schöner Remix. www.tronicmusic.com/ BTH

TRAUM V123 THOMAS BJERRING

TRAPEZ 108 ROLAND M. DILL

MBF 12066 PIEMONT

MBF LTD 12022 RILEY REINHOLD

Stratus

Baked Potato

Grandfather´s Clock

Distortions

TRAPEZ ltd 89 MIHALIS SAFRAS

TRAUM V124 APPLESCAL

TRAUM CD22 APPLESCAL

MBF 12065 BUKADDOR & FISHBECK

Place EP

Album Remixes

A Mishmash Of Changing Moods Smile

WWW.TRAUMSCHALLPLATTEN.DE JACQUELINE@TRAUMSCHALLPLATTEN.DE HELMHOLTZSTRASSE 59 50825 COLOGNE GERMANY FON +49 (0)221 7164158 FAX +57

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POP'N'ROLL VS ELEKTRO-BRATZ

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BERLIN, KESSELHAUS, 29. MAI

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DE:BUG PRÄSENTIERT

Does It Offend You, Yeah?, The Films und Hot Hot Heat ziehen ins Finale der Jägermeister Rockliga, die im sechsten Jahr die Bühne zur Arena und die Gunst der Zuschauer zur alleinigen Messlatte des Erfolgs erklärt. Drei Gruppen zu je drei Bands trugen die Vorentscheidungen aus, welcher Band dieses Jahr der Einzug in den Jägermeister-Olymp gelingt, wird am 29. Mai im Berliner Kesselhaus ausgemacht. Sound-technisch stehen die Zeichen dabei auf Crossover-Elektro, einem jüngeren Genre, das sich der Rehabilitierung der Gitarre unter besonderer Berücksichtigung der Achse Club-Bühne widmet. Wer jetzt an New Rave denkt liegt allerdings nur bedingt richtig, denn bei diesem Crossover geht es um Content und nicht um Konsens - Fette Riffs statt vorsichtig dosierter Indie-Attitüde. Im Finale stehen an erster Stelle die Dancepunk-Altmeister von Hot Hot Heat - ihre Songs sind kantig und rauh, gehen dabei aber mörderisch nach vorne. Mit Hits wie "Bandages" oder "No, Not Now" dominieren sie die Indie-Discos der Welt. 2010 soll es auch ein neues Album geben, vielleicht können sie mit neuem Material die Post-Elektroclash-Jungspunde Does It Offend You, Yeah? in die Knie zwingen. Ausgemacht ist dieses Match aber keineswegs, denn DIOYY haben sich in den letzten Jahren vom undergroundigen Proto-New-Rave-Act zur Speerspitze des CrossoverElektro gemausert. Zuletzt stehen noch The Films auf der Finalisten-Bühne, sie wurden in letzter Sekunde eingewechselt, nachdem die Silversun Pickups ihre Teilnahme aus persönlichen Gründen absagen mussten. The Films werden ihre Wild Card weidlich zu nutzen wissen, schließlich bespielten sie mit ihrem lockeren Pop'n'Roll letztes Jahr bereits erfolgreich Festivals rund um den Globus. Mit Britpop Highbrow und New Yorker "The"-Band-Schnoddrigkeit lassen sie auch auf ihrem neuen Album "Oh Scorpio" nichts anbrennen. Es wird spannend, wenn die Titanen noch junger Genres aufeinander treffen und ausmachen, wer die Gitarren am tiefsten hängt.

Jägermeister Rock:Liga Finale, 29. Mai, Berlin, Kesselhaus. Karten sind an allen bekannten Vorverkaufsstellen für 10 Euro erhältlich. Einlass ab 18 Jahren! www.myspace.com/rockliga

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LALI PUNA ON TOUR 13. MAI - 05. JUNI Nach langer Pause startet die Band um Sängerin Valerie Trebeljahr und Notwist-Macher Markus Acher wieder durch. Mit neuem Album und Tour. Das ist eine schwelgerische Angelegenheit, genug tolle Songs hat die Band mittlerweile in ihrer Geschichte angehäuft. Und da das neue Album einen dezidiert elektronischen Unterton hat, der viel stärker zum Vorschein kommt als auf früheren Produktionen, sind wir umso gespannter, ob die Bassdrum auch amtlich pulsen wird. 13.05. Leipzig, Conne Island / 14.05. Berlin, Lido / 15.05. Bremen, Lagerhaus / 16.05. Köln, Gebäude 9 / 17.05. Hamburg, Uebel & Gefährlich / 18.05. Utrecht (NL), Ekko / 19.05. Brugge (BE), Cactus / 20.05. Brighton (UK), Festival / 21.05. Lille (FR), Le Grand Prix / 28.05. München, Ampere / 03.06. Zürich (CH), Exil / 05.06. Cergy (FR), Furia Festival

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MANNHEIM, 29. - 30. MAI

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FUTURE MUSIC CAMP 2010 Zum zweiten Mal veranstaltet die Popakademie Baden-Württemberg in diesem Jahr das Future Music Camp, ein weiteres Angebot für Musik- und Medienschaffende, sich über die dramatischen Veränderungen der Musikwirtschaft auszutauschen. Inhaltlich ist das zudem ein genaues Abbild des Studiengangs "Musikbusiness", der an der Popakademie seit einiger Zeit erfolgreich angeboten wird. Neben Workshops, Technik-Showcases und einem an den Music Hackday angelehnten "Developer Day" stehen dieses Jahr Keynotes von Branchenkennern auf dem Programm, dabei sind unter anderen De:Bug-Autor Janko Röttgers und Last.fm-Mitgründer Michael Breidenbruecker. Der Eintritt ist frei, eine Registrierung im Vorfeld jedoch erforderlich. Weitere Infos unter: www.futuremusiccamp.com

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TYPO BERLIN 2010 KO

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BERLIN, HDKW, 20. - 22. MAI

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Die Typo Berlin ist mit über 1200 Besuchern die größte Designkonferenz Europas, unter dem diesjährigen Motto "Passion" versammeln sich über 50 internationale Experten aus den Bereichen Grafik, Design, Web, Kunst und Wirtschaft und versuchen zu beweisen, wie einfach Erfolg sein kann. Unter anderem zugesagt hat der amerikanische Typograf und Designer David Carson. Sein Werdegang beschreibt wohl am besten, was man mit Leidenschaft erreichen kann: in Jugendtagen einer der weltbesten Surfer, entwickelte sich der Autodidakt zur GrafikLegende. Die niederländische Agentur KesselsKramer schickt ihren Creativ Director Erik Kessels, der für intelligent verschrobene Werbung steht. Während Julian Smith, der vom YouTube-Star zum Medienphänomen aufstieg - allein sein Film "25 Things i Hate About Facebook" hat bereits über 1,2 Millionen Hits - sich als wandelndes Exponat präsentiert, untersucht der Psychologe Peter Kruse die sozialen Auswirkungen der Netzkultur. Das Rahmenprogramm bilden wie immer zahlreiche Diskussionen, Panels und Workshops. www.typo-berlin.de

LEVI'S COLORS OF NOISE 06. - 14. MAI Der Jeans-Traditionalist Levi's schickt zum Start der Feiersaison eine kleine aber feine PartyRasselbande durch ausgesuchte Clubs: SebastiAn, Jackson und French Horn Rebellion bimmeln durch die Mini-Tour unter dem Motto "Colors of Noise" und heißen den Frühling mit einer Magnumflasche Party-Schweiß willkommen. Vorneweg bounct der Headbang-Parade-Act SebastiAn, der die inzwischen schon klassische Pariser Bass-Distortion-Schule seines Heimat-Labels Ed Banger repräsentiert. Mit einer kleinen Kontinentalverschiebung folgt sein Pariser Ex-Mitbewohner Jackson Fourgeaud aka Jackson, der sein etwas offeneres Sound-Universum bei Warp ausbreitet. Die Brüder Robert und David Perlick-Molinari aka French Horn Rebellion machen das Lineup komplett, ihr Bandname bezieht sich übrigens unglaublicher Weise nicht auf französische Partymusik sondern auf eine dunkle Vergangenheit am Konservatorium als Waldhornbläser.

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KÖLN, 20. MAI

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ELECTRONIC BEATS

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06.05. Zürich, Hive / 07.05. Wien, Pratersauna / 08.05. Hamburg, Docks / 13.05. Berlin, Dice Club / 14.05. München, ersteliga im Haus der Kunst/P1 www.red-tab.com

Unter dem Namen Electronic Beats versammelt die Deutsche Telekom seit einigen Jahren hochkarätige internationale Acts in deutschen Landen. Auch das Lineup 2010 kann sich sehen lassen. Diplo und Switch starten mit ihrem Digital-Dancehall-Reggae Projekt Major Lazer und zugehörigem Album "Guns Don't Kill People... Lazers Do" ordentlich durch und haben sich die gesamte jamaikanische Studio-Prominenz eingeladen. Rundrum haben sie eine mystische Comic-Geschichte gewebt, in der sich Major Lazer von der CIA in einen Cyborg mit Laserkanonen umbauen lässt und zur Tarnung einen Dancehall-Club betreibt. Kontrastprogramm hierzu bilden Modeselektor + Apparat aka Moderat. Ihre poppig-dubbigen Songs machen die Jungs zu einem der Höhepunkte des Festivals. Mit Miike Snow und Little Dragon stehen noch zwei schwedische Acts auf der Bühne, die mit ihren Spacepop-Songs und Synthie-Sounds das Elektro-Pop-Zepter hochhalten werden. Nicht zu vergessen Kele Okereke, der Sänger von Bloc Party, der seit kurzem solo durch die Lande zieht und auf dem Electronic Beats Festival im Kölner E-Werk zum ersten Mal seine neue Platte vorstellen wird. Tickets gibt es im Vorverkauf für 19 Euro. www.electronicbeats.net

AKTUELLE DATES WIE IMMER AUF WWW.DE-BUG.DE/DATES

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TEXT NIKOLAJ BELZER

FOTO FLICKR.COM/LUXTONNERRE c b

MUSIK HöREN MIT: DOES IT OFFEND YOU, YEAH?

JOY "Does It Offend You, Yeah?" ist eine Vorzeige-Rockband des Post-NewRave-Zeitalters. Die Band aus Reading in England hat es sich musikalisch gut eingerichtet zwischen Daft Punk und DAF. Als Laptop-Duo gegründet, sind sie inzwischen zur rockenden Liveband mutiert, die es elektronisch oszillierend auf schwitzende Körper und gröhlende Massen anlegt, was sie im Rahmen der Jägermeister Rock:Liga in München eindrucksvoll bewiesen. Hier treffen wir die noch etwas erschöpften Keyboarder Dan und Gitarrist Matty auf der Rückbank ihres winzigen Tour-Busses, wo sie sich der De:Bug-Musikauswahl stellen.

ORBISON EUPHORIEMASCHINE

GANG OF FOUR – ANTHRAX (EMI, 1979) Dan: Kommt da überhaupt noch Beat? (30 Sekunden später, lacht): großartig. Matty: Ich mag das Feedback. Dan: Hört sich an wie ein Soundcheck ... Ah, jetzt geht’s los. Matty: Ich habe früher eine Menge solcher Musik gehört. Debug: Das sind Gang of Four. Matty: Ah, richtig, als ich 19, 20 Jahre alt war, hatte ich Stapel solcher Musik. CDs, aber unbeschriftet, so dass ich nie eine Ahnung hatte, wer da gerade spielt. Debug: Die spielen mit der Stereospur, hier der Songtext, da die eher abstrakte Song-Erklärung. Dan: Stimmt. Ich hab mich schon gewundert, was da los ist. Debug: Ein neues Album soll auch bald kommen. Matty: Ja. Die haben in letzter Zeit auch wieder ein paar Gigs gespielt.

CAN – VITAMIN C (SPOON RECORDS, 1972) Matty: Oh, Can. Dan: James und ich – ich glaube das war in New York – sind total auf dieser Can-DVD hängengeblieben. Da kann man sehen, wie die Jungs ihr eigenes Soundsystem zusammen basteln. Matty: Oh Mann, diese Drums sind so was von gut. Debug: Was genau meinst du mit eigenem Soundsystem? Dan: Die haben sich ihre eigene PA gebaut. Riesig, in Form eines Horns, total abgefahren. Matty: Und der Bassist trägt die ganze Zeit einen weißen Handschuh. Der Typ ist so am Start, der trägt einfach nur einen einzigen weißen Handschuh. Damit zieht er alle möglichen Moves ab. Ein weißer Handschuh, was willst du mehr? Da hast du’s einfach drauf. (allgemeines Gelächter im Bus) THE JUAN MACLEAN – BY THE TIME I GET TO VENUS (DFA, 2002) Dan: Gut, OK. Also ich hör mir nicht wirklich so harte Musik an. Debug: Das ist harte Musik für dich? Dan: Schau, das ist Musik, die die Leute auflegen, wenn wir irgendwo im Club erscheinen. Dabei haben die nicht wirklich Ahnung, wie wir drauf sind. Debug: Das ist The Juan MacLeans erste Single auf DFA. Matty: Das bringt mich jetzt nicht dazu, mein Instrument in die Hand zu nehmen und Musik zu machen.

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APHEX TWIN – PLENTY HARMONIUM (WARP, 2001) Dan & Matty (gleichzeitig): Hört sich gut an. Matty: Schöner Vibe, super Sound. Dan: Es muss sich ja nicht unbedingt gut anhören, damit wir es mögen. Manchmal kann es sich auch dreckig anhören und interessant sein. Debug: Das ist Aphex Twin. Matty: Ist das ein neues Album? Debug: Nein, Drukqs von 2001. Matty: Ich habe Drukqs, warum erkenne ich das nicht wieder, verdammt. Ich bin letztens nach Australien geflogen, da haben sie im Flugzeug einen Track von dem Album gespielt. So ein Piano-Riff, kannst du dir das vorstellen, Aphex Twin bei Quantas?

MR. OIZO – LATEX (F COMMUNICATIONS, 2005) Dan: Das ist gut. Mr. Oizo, richtig? Debug: Ja, Latex. Dan. Gut, weil einfach gut produziert. Der Sound, den er damals rausgebracht hat, war einfach völlig anders als alles, was sonst auf dem Markt war. Wir sind richtig darauf abgefahren, und dann haben alle angefangen es zu kopieren. Debug: Hier ist ja vor allem der Umgang mit Samples und die Beatstruktur interessant. Dan: Es gibt zwei Arten elektronischer Musik: gute und beschissene. Dazwischen ist nicht viel. Es ist hart zu sagen, was genau den Unterschied ausmacht ... Debug: Vielleicht Originalität? Dan: Ja, mit Sicherheit. Das hier ist gut. Das ist einfach das ganze Franzosen-Ding. Irgendwie härter als der Rest. Grooviger, funkiger. Daft Punk, Justice haben dieses Ding. Das klappt einfach.

THE KINKS – TOP OF THE POPS (PYE RECORDS, 1970) Matty: Ja! Dan: Oh, das gefällt mir. Matty: Das ist der perfekte Tour-Bus-Song. Debug: Ein guter Soundtrack für lange Reisen? Matty: Nee, ich meine es eher andersrum. Das spielst du auf der 10-Minuten-Fahrt vom Konzert zum Hotel, wenn alle völlig besoffen sind. Debug: Das sind The Kinks. Was hört ihr denn im Moment, wenn ihr im Tour-Bus unterwegs seid? Matty: Im Endeffekt hört jeder für sich selbst Musik, per Kopfhörer. Die einzigen Sachen, auf die wir uns einigen könnten, sind Nirvana und Portishead. Dan: Interessanter Text. Toll. Der Song ist bis jetzt mein Favorit.

MARCEL DETTMANN – VISCOUS (OSTGUT TON, 2010) Debug: Das ist jetzt gar nicht französisch, sondern deutsch, von einem der Residents aus einem großen Berliner Club. Matty: Ist das der Club, in den man so schwer reinkommt? Debug: Genau. Dan: Ist das nicht der Laden, wo Richie Hawtin rausgeflogen ist? Debug: Äh, genau. Dan: Großartig! Matty: Da werden wir mal vorbeischauen, wenn wir im Mai zum Finale der Jägermeister Rock:Liga nach Berlin kommen. Debug: Wie seht ihr eure Chancen zu gewinnen? Dan: Nachdem wir hier in München die Leute überzeugt haben, wüsste ich nicht, wer uns noch stoppen soll.

FOX N'WOLF – CLAWS AGAINST KNIFE (TODD TERJE REMIX, KITSUNÉ, 2006) Dan: Oh ne. Debug: Das ist schwedisch, geremixt von einem Norweger. Matty: Da waren wir gerade auf Tour. Debug Und wie war’s? Dan: Die sehen alle aus wie He-Man. Matty: Großartig, Future People! Future perfect. Dan: Wie bei Blade Runner, Kopien aus der Maschine. Debug: Das sind Fox n'Wolf, geremixt von Todd Terje aus Oslo, erschienen auf einer Kitsuné Compilation. Bei denen hattet ihr auch mal einen Track ... Matty: Ja, die haben auch einen unserer Tracks lizenziert, "Let’s make it out". Aber ganz ehrlich: Wir haben die nie wirklich getroffen. Dan: Hört sich wie Deep House an. Debug: Deep House? Dan: Ich habe früher im Plattenladen gearbeitet. Da sind eine Menge Idioten vorbeigekommen, die sich genau so etwas gekauft haben. Versteh mich nicht falsch, aber das ist mir einfach zu langsam.

VAN HALEN – ERUPTION (WARNER BROS, 1978) Matty: Das kann ich auch. Debug: Wirklich? Matty: Hab ich zumindest versucht. Nee, ich kann das natürlich nicht wirklich. Debug: Das ist Van Halen. Matty: Vor oder nach "Jump"? Debug: Davor. Matty: Ich hab ein bisschen ein Problem mit so einem Solo-Ding. Das ist wie wenn man zum GitarrenUnterricht geht. Debug: Weil es zu akademisch ist? Matty: Eher wie masturbieren, mit deiner Gitarre masturbieren. Debug: Also kannst du der famosen Technik gar nichts abgewinnen? Matty: Schon, aber bei Musik geht es doch letztendlich um Emotionen, oder aber es ist einfach lustig. Es gibt ein ein Video auf YouTube, auf dem Van Halen "Jump" spielen. Riesenshow, aber das Keyboard spielt viel zu hoch und Gitarrist versucht krampfhaft mitzuspielen.

Matty: Ich habe ein Problem mit so einem Solo-Ding. Debug: Weil es zu akademisch ist? Matty: Eher wie masturbieren, mit deiner Gitarre masturbieren.

BLOWFLY – ELECTRONIC PUSSY SUCKER (OOPS! RECORDS, 1984) Matty: Oh yeah, das ist gut. Dan: Irgendwie wie Thriller. Toll! Debug: Funk, aber fast schon HipHop. Ich war mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich euch Rap vorspielen sollte. Dan: Wir lieben Rap, Ich bin großer Fan von Sachen wie Cannibal Ox, Def Jux. Matty mag Jay-Z. Matty: Oh ich liebe Jay-Z. Ich war ein ganzes Jahr lang auf dem Trip, dass ich dachte ich wäre Jay-Z ... quasi. THE KILLERS – SOMEBODY TOLD ME (ISLAND RECORDS, 2004) Dan: The Killers. Das ist wahrscheinlich das Kommerziellste, was ich mir so anhören kann. Matty: Ich habe die Jungs gehasst. Als das erste Album rauskam, habe ich mir gedacht, was ist das denn für ein Dreck? Das Zweite ging dann. Dan: Die wurden hier im Radio echt tot gespielt. Debug: Nichtsdestotrotz gut produziert. Später dann von Stuart Price. Dan: Der war auf meiner High School. Matty: Und dann hat er Madonna bearbeitet, also wortwörtlich (grinst). Debug: Und Zoot Woman. Mögt ihr die? Dan: Ja, auf jeden Fall. WEATHER REPORT – TEEN TOWN (CBS, 1977) Dan: Wunderschön. Matty: Sehr interessant. Dan: Tolle Synths, kann ich überall hören. Mein zweiter Favorit. Matty: Musik, die ich in Ruhe zu Hause hören würde. Debug: Der Bassist Jaco Pastorius, der auch den Song geschrieben hat, ist vor einem Club von Türstehern zu Tode geprügelt worden. Matty: Hoffentlich passiert uns das nicht. Nah dran waren wir schon ein paar Mal. Das Finale der Jägermeister Rock:Liga findet am 29.05.2010 in Berlin statt. Dort stehen sich Does It Offend You, Yeah? Hot Hot Heat und The Films gegenüber. http://www.myspace.com/rockliga

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BASICS DAS ARPEGGIO Arpeggio ist ein Akkord, bei dem die einzelnen Töne nicht gleichzeitig, sondern in kurzen Abständen nacheinander erklingen. Die einen sprechen von einem gebrochenen Akkord, die anderen vom wesentlichen Verbindungskleister zwischen Mensch und Maschine. TEXT JI-HUN KIM

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s gibt Dinge und elektronische Lebensaspekte, ohne die unsere De:BugWelt nicht funktionieren würde. An dieser Stelle nehmen wir jeden Monat eines dieser Basics kritisch & akribisch unter die Lupe. Diesmal: Das Arpeggio

Im Grunde genommen ist ein Arpeggio nichts anderes als ein gebrochener Akkord. Ein C-Dur-Akkord beispielsweise wird in die einzelnen Töne zerlegt und jeder Ton auf einer eigenen Zählzeit gespielt: zum Beispiel C-E-G und dann wieder von vorne. Jeder Klavierschüler kennt das von den quälenden ClementiSonatinen oder Bach-Inventionen, wo die linke Hand stoisch durch die Kadenzen reitet. Bei einer Gitarre hat man schnell ein Arpeggio, wenn man bei einem Akkord statt alle Saiten auf einmal anzuschlagen einfach mal den Daumen von oben nach unten runterblättern lässt. Klingt wie eine Harfe. Arpa heißt im Italienischen auch nichts anderes. Schon 3000 v. Chr. gab es die ersten Harfen in Mesopotamien und Ägypten und noch immer ist es eines der wuchtigsten, mythischsten und schwersten Instrumente im Orchestergraben. Harfe, diesem Gerüst der schwingenden Saiten haftete schon immer etwas Transzendentales, Metaphysisches an. König David soll seinem Vorgänger Saul die bösen Geister mit einer Harfe ausgetrieben haben. Auch den Iren ist ihre Harfe heilig. Als ihr Nationalsymbol prangt sie auf irischen Euromünzen, Fahnen und Irish Pubs überall auf der Welt. In der Geschichte “Ein Münchner im Himmel” von Ludwig Thoma wird Alois Hingerl vom Blitz getroffen und darf als Engel Aloisius auf einer Wolke im Himmel stetig auf seiner Harfe frohlocken und Hosianna singen, um die depperten Erdlinge zu bekehren. Engel ohne Flügel

und Harfen sind wie Disco-Schorle ohne Wodka, geht nicht und gibt´s nicht. Als die Entwicklung der Synthesizer und Sequenzer in den späten 60ern einen enormen Schub bekam, zum Beispiel mit dem ARPSequencer (der Name kommt nicht vom Arpeggio, sein Erfinder hieß Alan Robert Pearlman), und modulare Synths immer mehr in heutige Keyboard-Formen fusionierten, kam der automatische Arpeggiator bei

Es gehen Himmel auf, Wolkendecken werden durchbrochen, Mundwinkel ziehen sich nach oben und die Sonne kommt raus. elektronischen Klangerzeugern vermehrt ins Spiel. Hier konnten mit einem Tastendruck lange, harmonische Tonfolgen gespielt werden. Diese stilprägenden, perlenden Tonwellen, die so ziemlich in jeder Synthesizer-basierten Musik eine enorm wichtige Rolle spielen. Aufwärts, abwärts, zufällige Abfolgen, über eine oder gar sechs Oktaven. Und nun schließt sich wieder jener metaphysische Kreis, denn es war der “deus ex machina”, der Schaltkreis-induzierte Gott, der aus den damals noch neuen, beängstigenden Maschinen zu einem sprach. Der Musiker musste nicht, wie noch bei der Harfe, für jeden Ton seine Hände bewegen. Er ließ seine Hand auf der Tastatur und die Maschine frohlockte nun von selbst Tonfolgen, bei denen selbst ein Vladimir Horowitz gehörig ins Schwitzen gekommen wäre. Jeder Musiker wunderte sich über seine

spontan erlangte Virtuosität. Er manipulierte keine Einzeltöne mehr, er konnte von nun an auch selber große Notenfolgen überwachen und programmieren. Wer machte nun Musik? Der Mensch oder die Maschine? War die Person nur mehr ein Instrument der Maschine oder was war hier los? Nicht nur bei Kraftwerk wurde jener Mensch-Maschine-Diskurs losgetreten. Jean Michel Jarre war ebenfalls ein solch messianischer Zauberer, eine One-Man-Symphonie. Er inszeniert sich heute noch immer so. Die aus den Arpeggiatoren gekitzelten Akkordorgien gossen eben diese neue technologische Kraft in Ton und gehören nun zum Allgemeinplatz der Sounds wie die Bassdrum zum Techno. Als 1977 Donna Summer mit der Giorgio-Moroder-Produktion “I Feel Love” zum großen Star des Discohimmels aufstieg, war es das pumpende elektronische Arpeggio, das den elektrisch geladenen Sex in die Grooves brachte. Ein Jahr später rief sich eine Discoband, programmatisch “Arpeggio” benannt, mit ihrem Hit “Let the music play” auf den Plan. Acid aus der 303, Großraumhits wie “Our Darkness” von Anne Clark, Depeche Modes “Black Celebration”, das sind einige der bekanntesten Kinder der musikalischen Automation durch Akkordbrechung. Vom späteren Euro-Dance und Trance natürlich ganz zu schweigen. Ein gut eingesetztes Arpeggio zur rechten Zeit ist aber noch immer eine Geheimwaffe für Produzenten und DJs, um den schwitzenden Tänzern Luft an die verklebten Achselhöhlen zu bringen. Es gehen Himmel auf, Wolkendecken werden durchbrochen, Mundwinkel ziehen sich nach oben und innere Sonnen gehen auf. Und wer sich noch immer fragt, woher diese Magie der Synthesizer-Arpeggien stammt, der weiß nun, dass es nur die Engel sein können, die die Harfe spielen und in Chören frohlocken - sie sind ein Zeichen von etwas sehr Großem, auch heute noch.

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BILDERKRITIKEN ZWISCHEN DEN ZEILEN SEHEN MIT STEFAN HEIDENREICH

DAS SEIN UND DIE MÜCKE linkes Bild: Alain Badiou, online auf students.washington.edu/schenold/badiou/index.html auch im Buch Alain Badiou: Second Manifeste pour la Philosophie, Fayard 2009, Back Cover rechtes Bild: Christoph Niemann, http://niemann.blogs.nytimes.com/2009/09/14/good-night-and-tough-luck/ auch in: Dataflow 2, Gestalten 2010, S.32

Dass Mücken große Probleme bereiten können, während große philosophische Probleme sich einfach erledigen lassen, soll hier und heute anhand dieser beiden Diagramme bewiesen werden. Alain Badiou, seines Zeichens nach dem Tod aller anderen Lichtfiguren - Lacan, Barthes, Foucault, Deleuze, Derrida und so weiter - der unbestritten größte Stern am französischen Denkerhimmel - und das will hier ausdrücklich als eine relative und nicht absolute Wertung verstanden sein - malt zu seinen Vorträgen gerne Diagramme. Dieses hier datiert aus dem Jahr 2006, man findet es aber auch auf der UmschlagRückseite seines jüngsten Buches, des 2. Manifestes für die Philosophie. Warum ein zweites Manifest? Ganz einfach, weil das erste bereits 1989 erschien. Beider Ziel war es, so Badiou, ein "großes Werk" in einfacher Form zu mobilisieren. Damals ging es um "Sein und

Ereignis" und die Frage der Wahrheiten. In Teil zwei dagegen um seinen nächsten Schinken "Die Logik der Welten" und die Frage ihres Erscheinens. Wir wissen das sehr zu schätzen, dass der Philosoph sich bemüht, seine Gedanken von einem Umfang von 500 auf 150 Seiten zu schrumpfen. Mit Hilfe das Diagramms lässt er noch einmal einen radikalen Schritt folgen und geht herunter auf eine Seite. Es sei kurz wiedergegeben. Im Gebiet des Sein von den indifferenten Vielheiten her läuft die Reihe wie folgt ab: Dasein & Erscheinung > Logische Konsistenz > Transzendenz > Inexistenz > Punkt → Ereignis. Klar? Und von der anderen Seite, in der Region des Subjekts, geht das so: Kreative Gegenwart > Neuer Körper > Existenzbedingung > Spur > Organe > Ereignis. Alles sehr einfach, sehr gradlinig, keine Schnörkel. Wir finden das außerdem sehr elegant und

subtil, wie er Widersacher und verstorbene Konkurrenten in der Liste auf den hinteren Plätzen mit unterbringt: Negris Vielheiten, Heideggers Dasein, Sartres Existenz, Derridas Spur, Deleuzes Organe. Alle führen zum großen König Ereignis, Alain himself. Bravo!! Bravo!! Natürlich muss im Detail noch manches ein wenig erklärt werden. Aber dazu gibt es ja die genannten Bücher. Keine größeren Schwierigkeiten. Dagegen die Mücke. Ein verschlungenes Problem. Keine logische Konsistenz. Sinnestäuschungen. Schmerz. Abrupte Änderung des Existenzmodus (Schlaf → Wach). Verwirrung. Hass, Zweifel, Warten. Sinnlosigkeit der Existenz. Die Wahl mehrerer Möglichkeiten. Inkonsistenz des topologischen Bezugsraumes. Körperliche Aktivität. Destruktion. Vernichtung. TOD!!! Blutspuren. Und erneuter Wechsel des ExistenzZustandes. Q.E.D.

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TEXT ANTON WALDT

ILLUSTRATION HARTHORST

FūR EIN BESSERES MORGEN Wenn die schiefe Bahn zum Teufelskreis gerät, springt früher oder später auch die Nachhaltigkeitsampel auf Rot und dann haben wir den Salat. Eingefleischte Veganer mögen das witzig finden, der normale Mensch aber bestimmt nicht, jedenfalls solange er noch einen Funken Anstand im verkommenen Leib hat. Der normale, anständige Mensch kennt nämlich seine Pappenheimer und deshalb weiß er auch ganz genau, dass sogar der normalste und anständigste Mensch ohne sein Currywurst-Sorbet ganz schnell zum Prügelbischof wird. Wie das ausgeht, möchte man sich als normaler, anständiger Mensch ja eigentlich gar nicht vorstellen. Ist sowieso immer die selbe Leier. Erst wird ein bisschen rumgebrüllt, dann kriegt Feinstaubdieter eine reingesemmelt und am Ende lässt die schweigende Mehrheit die Fäuste sprechen. Am nächsten Tag steht dann in der Zeitung: "Merkel bedauert tote Afghanen", der Prügelbischof rudert peinlich berührt zurück und der normale, anständige Mensch schiebt Ausländern die Schuld in die Schuhe, was ja immer hervorragend klappt, weil Ausländer dauernd ihre Schuhe ausziehen, um ihren Terror anzubeten, und derweil stehen ihre Schuhe unbeobachtet vor der Moschee. Der Muselmann ist abgelenkt, der Pöbel macht sich an den verwaisten Schuhen zu schaffen und das Fernsehen ist auch da: Was haben sie eigentlich gegen Ausländer? Blöde Frage: "Sie machen sich unbeliebt. Sie sind kriminell. Sie nehmen uns die Jobs weg. Ich mag sie nicht." Terrorpupsi auf großer Fahrt und das alles nur wegen ein bisschen lausigem Salat. Wie bitte? Lausig? Schön wär‘s! Dann hätte der Fraß ja wenigstens ein paar Proteine! So oder so, die Sache mit dem Salat ist eine unappetitliche Angelegenheit und es wird immer schlimmer: Wissenschaftler haben nämlich erst neulich rausgefunden, dass auch größere Mengen Obst und Gemüse gegen Krebs nichts nützen. Im besten Fall können zwei zusätzliche Portionen Obst und Gemüse 2,6 Prozent der Krebserkrankungen bei Männern und 2,3 Prozent bei Frauen verhindern. Da kommt auch der eingefleischteste Veganer ins Schwitzen, jetzt herrscht Stress pur im Stau vor der roten Nachhaltigkeitsampel und weit und breit kein Delfintherapieangebot, um die Mütchen der Prügelbischöfe zu kühlen, wofür wir uns dann schon wieder bei den Wissenschaftlern bedanken können, die ihre Nase aber auch wirklich überall reinstecken müssen. Dabei haben sie jetzt zu allem Überfluss auch noch entdeckt, dass der planschende Mensch den Delfinen ordentlich Stress bereitet: Sobald Erholung suchende Menschen ins Becken stei-

gen, ändern die Delfine nämlich ihr Verhalten radikal und sie verfallen in eine Art Diskomodus: Die Ruhezeit der Tiere sinkt von 38 auf 10 Prozent, Nahrungssuche und Nachwuchspflege werden vernachlässigt, dafür wird das Herumschwimmen zur dominanten Aktivität, für die nun 77 statt 33 Prozent der Meeressäugerzeit drauf geht. Von der Bar auf die Tanzfläche zu den Toiletten und zurück. Auschecken, was geht. Da kommt der normale Mensch natürlich gar nicht mehr mit. Als ob es nicht schon genug Junkies gäbe, heutzutage, sogar in der Arbeitswelt vermehren sie sich wie die Karnickel. Die Arbeitswelt ist nämlich auch keine heile mehr, sondern vielmehr ein besonders gefährliches Pflaster, auf dem auch der frommste Prügelbischof ruckzuck ausrutscht und mit wehender Soutane lang hinschlägt. Denn in der Arbeitswelt steigt die Gefahr, zum Workaholic zu werden, fast täglich, und sie nimmt auch noch immer schlimmere Formen an: "Manche Arbeitssüchtige können vor lauter Stress kaum noch arbeiten und versuchen ständig, sich von etwas zu erholen, das sie noch nicht getan haben", erläutert der Arbeitsweltexperte. Um Müdigkeit und Schlafbedürfnis des Körpers zu überwinden, putschen sich Arbeitssüchtige mit ihrer Arbeit auf, die wie eine Droge wirken kann, womit dann - und jetzt kommt wirklich der perfide Tiefpunkt - Unternehmer zum Dealer für Arbeitssüchtige werden. Statt einem Gehalt gibt es nur noch Verdienstersatzsirup, der leider nicht konvertierbar ist, weshalb die Arbeitssüchtigen ihn selbst weglecken dürfen. In der Praxis wird der Verdienstersatzsirup aber dann meistens doch ans Sofa geschmiert, schmeckt nämlich echt scheiße. Für ein besseres Morgen: Kein Update für Hitlers willige Smartphones! Ansonsten: Ohrfeigensteuer abdrücken, Maul halten und weiter shoppen.

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