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Martin Ebbertz

Der blaue Hut und der gelbe Kanarienvogel Mit Illustrationen von Carola Holland

Verlag Razamba


Š Verlag Razamba Martin Ebbertz Boppard / Frankfurt am Main 2009 Alle Rechte vorbehalten. Text: Martin Ebbertz Umschlag und Illustrationen von Carola Holland ISBN 978-3-941725-02-7 www.razamba.de

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1. Kapitel

Herr Kreuder kauft einen Hut

Wer trägt heute noch einen Hut? Kaum jemand eigentlich schade, denn es gibt schöne Hüte. Ein blauer Hut lag schon so lange im Schaufenster eines Hutgeschäftes, dass seine Farbe ein wenig verblasst war. Es war ein sehr merkwürdiger Hut, denn an der Krempe war ein gelber Kanarienvogel befestigt. Der Vogel hatte einen roten Schnabel, und der Schnabel stand weit offen, als ob der Kanari gleich zu trällern beginnen wollte. Niemand kaufte diesen Hut, denn einen so seltsamen Hut wollen die meisten Leute höchstens zum Karneval tragen, und gerade war es mitten im Sommer. Eines Tages aber kam endlich ein alter Mann am Fenster vorbei, der den Hut sah und der sich für ihn interessierte. Erst blieb er eine Weile vor dem Fenster stehen. Dann ging er in das Geschäft. „Guten Morgen“, begrüßte ihn die Verkäuferin. Der Mann grüßte nicht und machte ein griesgrämiges Gesicht. „Was kostet der blaue Hut aus dem Fenster?“, fragte er. 5


„Dreißig Mark“, sagte die Verkäuferin. „Das ist unverschämt“, sagte der Mann. „Er ist schon verblasst.“ Die Verkäuferin nahm den Hut aus der Auslage, betrachtete ihn und sagte: „Na gut, zwanzig Mark.“ „Das ist nicht geschenkt“, sagte der Mann, aber er kaufte den Hut. Auf der Straße setzte er sich den Hut auf den Kopf. Es war, wie gesagt, mitten im Sommer, und nur wenige Leute trugen einen leichten Hut, der sie vor der Sonne schützte. Trotzdem wäre ein Hut aus blauem Filz, der eher für den Winter geeignet war, kaum jemandem aufgefallen. Aber ein Hut mit einem Stofftier darauf das fiel auf. Und alle Leute, die den Mann sahen, lachten. Es sah aber auch zu komisch aus: So ein lustiger, blauer Hut mit einem gelben Kanari, und darunter ein miesgelaunter, griesgrämiger Mann. Der Mann mit Hut ging in eine Straßenbahn. „Mergelstraße“, sagte er zum Schaffner und hielt zwei Mark in der Hand. Der Schaffner lachte. „Einen schönen Hut haben Sie, sehr schön!“ „Das geht Sie nichts an“, sagte der Mann und gab dem Schaffner die zwei Mark. „Entschuldigung“, sagte der Schaffner verwundert. „Nun regen Sie sich doch nicht gleich auf.“ Der alte Mann wohnte in der Mergelstraße. Das war eine breite Straße mit einigen Geschäften und hohen Mietshäusern. In einem der Mietshäuser, im Haus Nummer 18, in der fünften Etage, direkt unter dem Dach, hatte der Mann ein kleines Wohnzimmer, ein kleines Schlafzimmer und ein kleines Bad. Das Wohnzimmer war 6


zugleich die Küche. Hinter einem Vorhang standen ein Herd, ein Kühlschrank und ein Spülbecken. Wenn der Vorhang verschlossen war, dann war das Zimmer ein Wohnzimmer, wenn der Vorhang auf war, dann war das Zimmer eine Küche. Der Mann wohnte ganz alleine in der Wohnung. Er wohnte schon sehr lange alleine. Und wenn jemand lange alleine lebt, dann kann es sein, dass er sonderbar wird. In der Mergelstraße also stieg der Mann aus der Straßenbahn. Er ging über die Straße zu dem Mietshaus, in dem er wohnte. Er ging durch die Haustüre, und im Flur begegnete ihm Frau Seefeld. Frau Seefeld kannte alle Leute, die im Haus wohnten, zum einen, weil sie die Frau des

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Hausmeisters war, zum anderen, weil sie ein bisschen neugierig war. Sie kannte auch den Mann und wusste, dass er Herr Kreuder hieß. „Guten Tag, Herr Kreuder“, sagte Frau Seefeld. „Was für ein lustiger Hut!“ „Was geht Sie das an“, sagte Herr Kreuder. „Kümmern Sie sich besser mal um den Jungen von oben. Der macht einen Krach, dass es nicht zum Aushalten ist.“ Kaum hatte sie das gesagt, kam der Peter aus der vierten Etage mit Krach und Getöse die Treppe heruntergelaufen. Ein Fußball kullerte vor ihm her. „Sehen Sie“, sagte Herr Kreuder. „Es ist nicht zum Aushalten.“ Frau Seefeld ermahnte den Peter: „Sei nicht so laut. Du störst die Nachbarn.“ „Schon gut“, rief Peter und lief hinaus. Herr Kreuder ging die Treppen hinauf. Vor seiner Wohnungstüre blieb er stehen. Das „Kreuder“ auf dem abgeblätterten Klingelschild konnte man nur mit Mühe lesen. 8


Herr Kreuder klingelte. Niemand öffnete. Herr Kreuder klingelte nochmal. Niemand meldete sich - und das war kein Wunder, denn Herr Kreuder lebte ja ganz alleine in seiner Wohnung. „Niemand da“, schimpfte Herr Kreuder. „Nie ist jemand da.“ Er schloss die Tür auf und ging hinein. Drinnen klappte er die alten Holzläden am Fenster zu, damit die Sonne nicht so hell hereinschien. Er zog die Vorhänge vor der Küchenecke zu und machte so aus dem Küchen-Wohnzimmer ein richtiges Wohnzimmer. Dann setzte er sich. Den Hut vergaß er und behielt ihn auf dem Kopf. Eine Weile saß Herr Kreuder so da. Im Zimmer war es nun dunkel, obwohl draußen helllichter Tag war. Und bald schlief er ein, auf dem Sofa sitzend, den Hut auf dem Kopf. „Trilli, trilli“, machte es plötzlich. Es war eine merkwürdige, helle Stimme. „Gefall ich dir?“, fragte sie. Herr Kreuder sprang auf. „Wer spricht da?“, fragte er. „Trilli“, piepste die Stimme. „Ich bin's, der Kanari. Gefall ich dir?“ Herr Kreuder nahm den Hut vom Kopf und betrachtete ihn ungläubig. „Quatsch!“, rief er. „Du bist ein Stofftier und kannst nicht reden.“ „Piep“, machte der Vogel und sagte nichts mehr, vielleicht war er verärgert. Herr Kreuder setzte sich den blauen Hut wieder auf den Kopf. „So was Merkwürdiges“, murmelte er.

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Dann öffnete er den Vorhang und machte aus dem Wohnzimmer wieder eine Küche. Er nahm zwei Eier aus dem Kühlschrank und briet sich Spiegeleier. Herr Kreuder aß jeden Mittag Spiegelei. „Das riecht gut“, sagte die Stimme. „Halt den Mund“, sagte Herr Kreuder. „Ich möchte in Ruhe mein Spiegelei machen.“ „Piep“, sagte der Vogel. „Du bist nicht nett zu mir.“ Herr Kreuder schnitt zwei Scheiben Brot ab, setzte sich hin und aß Brot mit Spiegelei. „Guten Appetit“, wünschte der Kanari. „Danke“, sagte Herr Kreuder. „Danke“, sagte da auch der Vogel und trällerte ein wenig vor sich hin. Herr Kreuder wunderte sich. „Warum hast du danke gesagt?“, fragte er. Der Vogel trällerte weiter, und endlich antwortete er: „Ich habe mich dafür bedankt, dass du dich bedankt hast.“ Herr Kreuder fragte nicht weiter, er wunderte sich nun über gar nichts mehr. Er aß schweigend sein Mittagessen und dazu trällerte der Kanari ein lustiges Lied. „Bei mir braucht sich niemand zu bedanken“, brummte Herr Kreuder, als er gegessen hatte. „Bei mir nicht.“ Aber er guckte auf einmal nicht mehr ganz so böse. Es ist nämlich schwierig, griesgrämig zu sein, wenn man einen blauen Hut auf dem Kopf hat, und wenn auf der Hutkrempe ein gelber Kanarienvogel aus Stoff sitzt, und wenn der Kanari ein lustiges Lied trällert.

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Das alles ist so merkwürdig, dass selbst der griesgrämigste Mensch der Welt plötzlich lachen muss. So kam es, dass Herr Kreuder plötzlich lachte. Nur ganz kurz, danach guckte er schon wieder streng, aber immerhin. „Du hast gelacht!“, rief der Vogel. „Das ist schön. Gefalle ich dir?“ Es war offensichtlich ein eitler Kanari. Herr Kreuder nahm den Hut vom Kopf und sah sich den Vogel genauer an. „Ja“, sagte Herr Kreuder. „Du bist ein komischer Vogel, aber irgendwie gefällst du mir.“ Da plusterte das kleine Stofftier sich auf und wurde vor Stolz einen Zentimeter größer. 11


„Ich bin eben der schönste Vogel der Welt!“, rief er. Und dann sagte er: „Halt mich ganz nah an dein Ohr! Ich werde dir etwas zuflüstern.“ Herr Kreuder hielt den Hut ganz nah an sein Ohr, und der Vogel flüsterte ganz leise etwas in das Ohr hinein. Der Vogel flüsterte so leise, dass Herr Kreuder sich anstrengen musste, um ihn zu verstehen. Und als der Kanari zu Ende geflüstert hatte, fragte Herr Kreuder: „Ist das wirklich wahr?“ „Ja“, sagte der Vogel und piepste kräftig zur Bestätigung. „Aber du darfst es niemand weitersagen! Es ist ein Geheimnis.“ Eine Weile später saß Herr Kreuder auf seinem Sofa. Er rieb sich die Augen mit der linken Hand, und er sah in das dunkle Zimmer hinein. In der rechten Hand hielt er, ganz nah an seinem Ohr, den blauen Hut mit dem gelben Kanari. „Zu dumm!“, schimpfte Herr Kreuder. „Bin ich denn wach gewesen oder habe ich geträumt? Ich habe doch eine Stimme gehört! Nein, das war wohl ein Traum.“ Die Vorhänge vor der Küchenecke waren zurückgezogen. Und nun dachte Herr Kreuder nach. Er überlegte, ob er an diesem Mittag schon seine Spiegeleier gegessen hatte, oder ob er das auch nur geträumt hatte. Das war wichtig zu wissen, denn von geträumten Spiegeleiern kann niemand satt werden. Herr Kreuder schüttelte mürrisch den Kopf, und weil er es nicht genau wusste, aß er zur Sicherheit noch zwei Spiegeleier. Dann ging Herr Kreuder aus der Wohnung hinaus. Er ging mit dem Hut in der Hand die Treppe hinunter. Unten im Flur begegnete ihm Frau Seefeld. 12


Plötzlich ging Herr Kreuder auf Frau Seefeld zu. „Da“, sagte er, und er drückte ihr den Hut in die Hand. „Schenke ich Ihnen.“ „Aber wieso?“, wunderte sich Frau Seefeld. „Ich kann das Ding nicht gebrauchen“, brummte Herr Kreuder. Frau Seefeld war so verwundert, dass sie nichts antwortete. Und Herr Kreuder ging hinaus auf die Straße. „Seltsam“, sagte Frau Seefeld. „Sehr seltsam.“

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Inhalt Herr Kreuder kauft einen Hut ...................................... Die Kanari-Sprache ..................................................... Frau Seefelds Wunsch ................................................ Sommersprossen für ein Pferd .................................... Frau Witlowski ist vergesslich ..................................... Neue Freunde ............................................................. Der doppelte Peter .....................................................

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Der Autor Martin Ebbertz, geboren 1962 in Aachen, ist in Prüm in der Eifel aufgewachsen. In Freiburg, Münster und Frankfurt studierte er Germanistik, Geschichte und Philosophie. Nebenbei war er als Flohmarkthändler und Antiquar tätig. Später arbeitete er ein Jahr lang als Lehrer in Frankreich, bevor dann 1992 sein erstes Kinderbuch erschien. Als freier Schriftsteller hat er fünf Jahre in Thessaloniki (Griechenland) gewohnt und lebt seit 2000 mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Boppard am Rhein. Für seine Bücher erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Kinderbuch des Monats, Die besten 7 für junge Leser und Bestenliste SR / Radio Bremen. „Der blaue Hut und der gelbe Karienvogel“ ist entstanden als Geschichte für die Hörfunkreihe „Ohrenbär“ (SFB/WDR/NDR/MDR). Martin Ebbertz im Internet: www.ebbertz.de

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Der blaue Hut - Kinderbuch  

Leseprobe des Buchs von Martin Ebbertz

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