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Emma Sauter Zwischen Harbiewagen und Lagerleben


Emma Sauter Zwischen Harbiewagen und Lagerleben


dieses Dokument entstand zwischen August und Dezember 1999. 2. Auflage im Mai 2000 - neue Rechtschreibung umgesetzt Verfasser: Ralf Sauter Unterst端tzung: Daniela Uhrich, Anja Bertsch, Horst Sauter, Hartmut Straub Vielen Dank an Herrn Jauch vom Heimatmuseum


f端r Kurt Sauter


Vorbemerkungen des Verfassers:

Zu Grunde liegendes Material waren die von Emma Sauter in ihren letzten Lebensjahren handgeschriebenen Memoiren, Auszüge von Veröffentlichungen der „Landsmannschaft der Bessarabiendeutschen“, verschiedenes Material aus dem „Heimatmuseum der Deutschen in Bessarabien e.V.“ sowie Bilder aus Privatbesitz der Familie. Im Memoirenteil wurde Wert auf Authentizität gelegt und deshalb „stilistische Unfeinheiten“ geradewegs übernommen.


Inhalt Teil I - Tagebuch Emma Sauter 1909 - 1945 Kindheit .................................................................................................. 17 Weihnachten ............................................................................................................. 18 Neujahr ..................................................................................................................... 20 Bessarabien wird rumänisch ...................................................................................... 20 Getreideernte ............................................................................................................ 22 Kindheitserlebnisse .................................................................................................... 25 Schule ....................................................................................................................... 28 Streiche ..................................................................................................................... 30 Der Erste Weltkrieg geht zu Ende ............................................................................. 33 Tod des Vaters .......................................................................................................... 34 Konfirmation ............................................................................................................ 34 Mais hacken .............................................................................................................. 35 Schafe scheren und Badetag ....................................................................................... 36 Ostern ....................................................................................................................... 36 Schafe ........................................................................................................................ 38 Melonen und Gemüse ............................................................................................... 39

Jugend ..................................................................................................... 41 Heiraten und Hochzeitsbräuche ................................................................................ 41 Dies und Das 1926 ................................................................................................... 44 Kameradschaften ....................................................................................................... 45 Erlebnisse mit Russen ................................................................................................ 46 Auflösung des Hofes .................................................................................................. 47 Lehrstelle ................................................................................................................... 48 Schlechte Zeiten ........................................................................................................ 50 Schlittenfahren .......................................................................................................... 52 Verlobung ................................................................................................................. 53 Bad Burnas ................................................................................................................ 54


Eigenes Leben ......................................................................................... 59 Hochzeit ................................................................................................................... 59 Eigenes Heim ............................................................................................................ 61 Horsts Geburt und Kindbettfieber ............................................................................ 62 Leben 1937 - 1938 .................................................................................................... 64 Kirchenbau ............................................................................................................... 66 Tod der Schwiegermutter .......................................................................................... 67 Kurts Geburt ............................................................................................................. 68 Friedrich muss zum Militär ....................................................................................... 69 Nachricht von der Umsiedelung ................................................................................ 71

Umsiedelung ........................................................................................... 73 Vorbereitungen ......................................................................................................... 73 Es geht los ................................................................................................................. 74 Auf dem Schiff .......................................................................................................... 75 Durchgangslager Semlin ............................................................................................ 76

Königswart .............................................................................................. 77 Kurts Krankheiten ..................................................................................................... 79 Lagergeschichten ....................................................................................................... 81 Lager Batanjica .......................................................................................................... 84 Die letzte Fahrt ......................................................................................................... 84

In Polen .................................................................................................. 87 Kornfelde .................................................................................................................. 87 Aufbau ...................................................................................................................... 87 Schulgeschichten ....................................................................................................... 90 Schweine schlachten 1943 ......................................................................................... 91 Die Nationalsozialisten übernehmen ......................................................................... 92 Selma und Gertrud Pietz ........................................................................................... 93 Kindergeschichten ..................................................................................................... 94 Dies und Das ............................................................................................................ 98 Hohensalza ................................................................................................................ 99 Die Polen ................................................................................................................ 101 Friedrich wird eingezogen ....................................................................................... 103 Muschinski .............................................................................................................. 103 Die letzten Monate .................................................................................................. 105


Die Flucht ............................................................................................. 107 Die ersten Tage unterwegs ...................................................................................... 107 Nervenzusammenbruch ........................................................................................... 111 Über die Oder ......................................................................................................... 112 Unterwegs in Deutschland ...................................................................................... 113 In Schrepkow .......................................................................................................... 115

Russische Besatzung .............................................................................. 117 Die Front kommt .................................................................................................... 117 Russenherrschaft ..................................................................................................... 118 Blindgänger ............................................................................................................. 120 Der letzte Sommer .................................................................................................. 121

In den Westen ....................................................................................... 123 Teil II - Andrejewka (Bessarabien) 1892 - 1940 Andrejewka - Vom Schicksalsweg unserer Dorfgemeinschaft ................. 129 Vorwort ................................................................................................ 131 Aus der Geschichte der Volksgruppe ..................................................... 133 Allgemeine Ortscharakteristik ............................................................... 139 Die wirtschaftlichen Verhältnisse .......................................................... 145 Das Gemeinschaftsleben ........................................................................ 149 Die Sitten und Gebräuche ..................................................................... 151 Weihnachten ........................................................................................................... 151 Der Wandertag ....................................................................................................... 153 Neujahr ................................................................................................................... 154 Ostern ..................................................................................................................... 158 Der 1. Mai .............................................................................................................. 161 Pfingsten ................................................................................................................. 161 Die Kerbe ................................................................................................................ 162 Die Taufe ................................................................................................................ 163 Die Konfirmation .................................................................................................... 164 Die Hochzeit ........................................................................................................... 165 Die Beerdigung ....................................................................................................... 167


Die Umsiedelung .................................................................................. 169 25 Jahre nach der Umsiedelung ............................................................. 175 Die soziale Wiedereingliederung ........................................................... 179 Schlussbetrachtung ................................................................................ 181

Teil III - Historischer Rahmen (Warthegau) 1945 Vorgeschichtliches zur Flucht ................................................................ 187 Das Drama des deutschen Ostens .......................................................... 193 Teil IV - Schicksale 1945 Edwin Kelm - Flucht im Januar 1945 ................................................... 205 Bruno Hohloch - Flucht im Januar 1945 .............................................. 209 Flucht aus Polen und Verschleppung nach Sibirien ............................... 215 Die schrecklichen Tage der Flucht ........................................................ 219 Teil V - Anhang Familienverhältnisse .............................................................................. 225 Familie FlÜther ........................................................................................................ 225 Familie Sauter ......................................................................................................... 225

Karte von Bessarabien ........................................................................... 227


Teil I Tagebuch Emma Sauter 1909 - 1945

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Kindheit

Kindheit Mein Vater Samuel Flöther wurde am 18. Juni 1865 und meine Mutter Maria Flöther, geb. Richter, am 17. September 1873 in Andrejewka, Kreis Akkermann, Bessarabien geboren. Beide waren evangelisch.

Samuel und Maria Flöther (1895)

Meine Eltern hatten einen großen Bauernhof, der war insgesamt 70 Hektar, davon 7 Bauplätze, 1 Hektar Kleingarten, 1/8 Obstbäume und das übrige Ackerland. Wir waren 10 Kinder, 5 Söhne und 5 Töchter. Ich wurde am 8. Mai 1909 als 8. Kind in Andrejewka geboren. Mein Bruder Emil war 2 Jahre jünger, meine Schwester Else 4 Jahre. Im 4. Lebensjahr wurde ich sehr krank. 40 ° Fieber. Sah immer Schlangen zum Fenster hereinkommen. Ich schrie „Jetzt kommen sie auf mein Bett!“.

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Kindheit

Danach konnte ich wieder ein paar Stunden schlafen. Ich erinnere mich noch, dass abends um 10 Uhr mein Vater aus der Kanzlei kam. Er war damals Schulte. Er nahm mich auf seine Arme und tröstete mich. Ich weiß nicht mehr, wie lange die Krankheit dauerte. Eins weiß ich noch: als mein Bruder Emil geboren war, bekam er die Flasche zum Trinken. Ich ging zur Mama und zog sie am Schurzzipfel und sagte ihr, sie soll noch etwas in der Flasche lassen. Da war ich ganz glücklich, verkroch mich hinter der Tür, dass mich niemand sah; es schmeckte so gut. Im Winter war es sehr kalt, 30 - 35 ° unter Null und viel Schnee. Wir Kinder hatten sehr warme Kleider und Schuhe. Hinter unserem Haus war ein unbebauter Bauplatz, da trieb der Sturm an unseren Ställen den Schnee bis auf die Spitze der Dächer. Hier sind wir Kinder mit unserem kleinen Schlitten hinauf und heruntergefahren. Unsere beiden Hunde waren auch dabei. Wir tobten im Schnee mit den Nachbarn, bis wir ganz nass waren, dann mussten wir rein in die warme Stube zum umkleiden. Unser großer Hund wurde nachts angebunden, das Seil reichte vom Magazin bis zum Pferdestall. Er musste den Hof bewachen und wenn er nachts raste, dann hat mein Vater die Luftscheibe aufgemacht und hinausgeschossen. Im russischen Staat durfte jeder Eigentümer ein Gewehr besitzen.

Weihnachten An Weihnachten gab es auch einen Tannenbaum, da waren Kerzen, Glaskugeln, Lebkuchen, Zuckerle und verschiedene Süßigkeiten dran. Die Bescherung war immer am 1. Weihnachtstag morgens früh, da wurden auch die Knechte und Mägde beschenkt.

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Kindheit

In unserem Haus waren zwei Wohnstuben und zwei Haustüren. Die untere und die obere Wohnstube. In die untere Wohnstube durften wir Kinder nicht hinein, die war nur für Gäste. In der oberen Wohnstube neben der Küche haben meine Eltern in einem Bett geschlafen. Wir Kinder schliefen in drei Kammern. Ich habe in der Kammer neben dem Wohnzimmer geschlafen. Manchmal stand ich heimlich auf und guckte neben dem Vorhang hinein und wenn ich merkte, dass jemand kam, sprang ich schnell ins Bett. Wir Kinder durften keinen Baum schmücken, das ging alles geheim. Ich konnte nachts nicht schlafen vor Neugier. Der Baum wurde erst morgens ganz früh geschmückt, dass wir nichts davon merken sollten. Wir bekamen Puppen, der Kopf war aus Plastik, Hände und Füße haben sich bewegt, alles war schön und sauber gemacht, die Kleider waren aus Stoff. Ausgestopft waren sie mit Schurwolle. So wurden die Puppen jedes Weihnachten neu hergerichtet. Die Jungen bekamen Pferde mit Bändern. Wir mussten morgens früh aufstehen, waschen, anziehen, frühstücken und als wir in die Stube kamen, gingen mir die Augen über vor lauter Neugier. Es waren nicht viele Sachen, aber die Freude war groß. Zuerst mussten wir singen, danach hat meine Mutter gebetet. Wir bekamen auch Körbchen aus Draht geflochten mit Henkel dran, die waren sehr schön, gefüllt mit Lebkuchen und allerlei Bonbons. Wir mussten Danke sagen. Dann ging's los: Nüsse, Bonbons und Lebkuchen zählen, wer die meisten bekommen hat. Wir haben dann mit Nüssen gespielt, da wurden zwei Reihen Nüsse hingelegt und mit einer Eiskugel geworfen. Wer die Nüsse traf, konnte sie nehmen; so wie beim Kegeln.

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Kindheit

Neujahr An Neujahr hat meine Mutter Brezeln gebacken für die Russenkinder. Sie kamen morgens schon ab 6 Uhr an die Türe und klopften und wehe den Deutschen, wenn sie nicht aufgemacht haben. Es waren meistens Kinder von 5 bis 8 Jahren. Das war am Neujahrsmorgen. Sie sagten Sprüche her, streuten Getreide über die ganze Küche, dass wir kaum essen konnten. Das ging so fort bis Mittag. Dann kamen die Hirten: Pferde-, Kuh- und Schafhirten. Wir Kinder gingen auch zu den Verwandten und sagten Gedichte her. Wünsche Euch einen goldenen Tisch auf allen 4 Ecken ein gebratener Fisch in der Mitte eine Flasche Wein Ihr sollt alle lustig sein. Ich bin ein kleiner König gebt mir nicht so wenig lasst mich nicht so lange steh'n muss ein Häuschen weiter geh'n.

Bessarabien wird rumänisch Eines Tages wurden die Schulen geschlossen. Die Russen mussten alle wegziehen, ich kann mich noch erinnern, bevor die Rumänen kamen, da kamen vier russische Offiziere und haben bei uns übernachtet. 12 Sack Zucker hatten sie dabei. Am anderen Morgen sind sie wieder weg. Es war nur 9 Kilometer bis zur Grenze nach Russland. Ein Sack Zucker gaben sie meinen Eltern für Essen und Übernachtung. Man hörte von unseren Eltern, dass der Russe uns deutsche Bessaraber nach Sibirien verschleppen wollte. Meine Mutter hat schon Brote gebacken zum auf den Weg mitnehmen. Die Russen haben keine Zeit mehr gehabt, mussten Bessarabien schnell verlassen. Bevor sie unseren Hof verließen, wurde hinter unserem Haus eine Bombe geworfen, nachts um zwei Uhr.

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Kindheit

Unser Haus wurde nicht getroffen, es war so ein Krach, dass wir dachten, alles fliegt in die Luft. Morgens sahen wir, es war ein riesiges Loch, wie ein Zimmer hoch, breit auseinander gesplittert. Ein paar Tage danach kamen die Rumänen durch unser Dorf mit Pferden und Kanonenwagen, das war für uns Kinder etwas ganz neues. Durch das Dorf zogen Franzosen, Deutsche und Rumänen. Die Franzosen blieben einen Monat. Zu uns kam ein französischer Offizier; meine Eltern mussten die untere Stube ausräumen. Dort hat er geschlafen und gearbeitet. Drei andere Offiziere haben auch da gesessen. Sie hatten zwei Diener, die mussten für sie in der Sommerküche das Essen kochen. Die anderen drei waren bei den Nachbarn einquartiert, bei uns haben alle vier gegessen. Am Pfingstmorgen musste ich in sein Zimmer einen Zopf Süßbrot hineintragen, meine Mutter hatte ihn für die Offiziere gebacken. Ich erinnere mich noch gut, meine Mutter machte die Türe leise auf - der Offizier schlief noch. Ich schlich mich ganz leise in das Zimmer und legte den Zopf auf seinen Nachttisch. Später haben sich alle bei meiner Mutter bedankt. Die Franzosen waren damals sehr reich. Wir Kinder bekamen jeden Morgen eine Tafel Schokolade. Der eine Offizier war bei den Nachbarn einquartiert, zum Essen kam er immer zu uns. Die Nachbarn hatten auch drei Kinder. Ihr Vater ist im Ersten Weltkrieg gestorben. Dieser Offizier nahm mich auf den Arm und küsste mich. Ich habe mich sehr geschämt. Er gab mir immer die größte Tafel Schokolade. Einmal spielten wir auf der Straße - ich habe mich immer erschrocken, wenn ich ihn sah - und er nahm mich wieder auf den Arm, verküßte mich und gab mir gleich eine Tafel Schokolade. Ich dachte im Stillen „Wenn der nur mal weg wäre!“. Ich habe gehört, dass er zu meinen Eltern gesagt hat, dass er mich mitnehmen will, weil sie doch so viele Kinder haben. Er hätte auch so einen kleinen Sohn. Ich hatte solch eine große Angst. Es war gerade Sonntagmorgen, elf Uhr, als sie unser Dorf verließen. Morgens stand ich früh auf und ging hinten zum Fenster hinaus. Unsere waren schon alle hinausgegangen und standen mit den Nachbarn im Garten hinter dem Gebüsch. Da hat man uns nicht gesehen.

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Kindheit

Ich hörte die Kanonenwagen mit den Pferden wegfahren. Meine Mutter, Vater und auch der Offizier haben mich gerufen. Ich meldete mich nicht. Die Hunde bellten. Meine Mutter sagte zu mir „Auch wenn ich noch mehr Kinder hätte, würde ich keines weggeben, der Offizier wollte dich nur beschenken“. So geht das, wenn man klein ist. Dann glaubt man, was die Alten sagen. Meine Mutter hätte mir besser vorher sagen sollen, dass er nur Spaß macht und nur Heimweh nach seinem Sohn hatte.

Getreideernte Im Sommer war es bei uns sehr heiß (30 - 35 ° C). Ich kann mich noch erinnern, wenn eine große Ernte war, mussten die eigenen Söhne und die Arbeiter mit Pferd und Harbie das Getreide vom Feld holen. Mehrere Bauern haben sich zusammengetan und dann alles mit einer großen Dreschmaschine gedroschen. Die Maschine war so groß, da mussten viele Leute mitarbeiten.

Bei der Ernte

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Kindheit

Dreschen mit der Dreschmaschine. Im Schuppen steht die Dampflok zum Antrieb (Die Abbildung ist nicht identisch mit der nachfolgenden Beschreibung)

Es haben dort gearbeitet: 2 M채nner waren beim Getreide tragen 1 Maschinist, der die Dampflok geheizt hat 2 beim Spreu tragen in die H체tte 6 Frauen auf dem Strohschober 4 Mann beim hinaufwerfen 2 Mann das Stroh von der Maschine wegwerfen 1 Mann mit zwei Pferden, die das Stroh an den Schober schleppten 1 Mann auf dem Tennenschober 1 Mann beim Nachwurf 2 Mann auf der Dreschmaschine zum Getreide reinlegen

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Kindheit

Die Dreschmaschine schlug am Tag bis zu 20 Hektar Getreide. Zwei Männer trugen die ausgedroschenen Weizenkörner in eine große Scheune auf unserem Hof. Dort wurde ein breites langes Brett hingelegt, auf dem die Männer gehen konnten, um den Weizen mehr auf einen Haufen schütten zu können. Wir Kinder haben uns einen Spaß daraus gemacht, den Haufen auseinander zu trampeln. Ein jeder wollte immer tiefer in den Haufen hinein. Da kam mein Vater und schimpfte. Wir mussten alle verschwinden. Das hat uns sehr leid getan für die Leute, die dort gearbeitet haben. Die Männer mit den Harbiewagen mussten das noch nicht gedroschene Getreide auf die Dreschmaschine werfen. Da mussten immer volle Wagen bereitstehen. Die Mütter haben gekocht, die Kinder ab 13 Jahren mussten mit Harbie holen zum Nachdreschen. Die Männer haben nach allem geschaut. Morgens um sieben Uhr gab es Frühstück, das zweite Frühstück um neun Uhr, Mittagessen um zwölf Uhr, Kaffee um vier Uhr und Abendessen um neun Uhr. Das Essen war sehr gut. Die Arbeiter bekamen ein Glas Wein pro Tag. Insgesamt mit Kindern waren wir 45 bis 50 Personen. Wir hatten eine Haspel und eine Rechenmaschine zum Getreidemähen. Wenn im Frühjahr die Maschinen gerichtet wurden, waren wir Kinder auch dabei zum Zuschauen.

Beladener Harbiewagen

Ich war damals sechs Jahre alt.

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Kindheit

Kindheitserlebnisse Im Sommer hatten wir keine Schweine wegen der großen Hitze. Die Ställe, die auf Holzstützen standen, waren leer. Im Frühjahr mussten die Ställe gereinigt und mit Kalk ausgestrichen werden. Sie waren dann so sauber, dass die Knechte drin geschlafen haben. Sie waren aus Brettern gemacht, die so weit auseinander waren, dass der Wind durchblasen konnte. Zur Tür hinein haben wir Steintreppen gemacht. Im Stall war es so schön: Schatten, gute Luft, Tisch und Stühle aus Brettern. Es wurde alles geschmückt mit grünen Zweigen. Die Pferde und Kühe standen den ganzen Sommer draußen unter den Akazien. Im Frühjahr zogen wir in die Sommerküche. Im großen Haus wurde dann nur geschlafen. Im Herbst gingen wir dann wieder ins Haus zum Kochen. Das Haus wurde jedes Jahr außen neu gestrichen. Die Ställe wurden jeden Morgen ausgefegt, der Hof jeden Samstag. Im Spätjahr mussten wir Nüsse abnehmen. Wir hatten nur einen Baum. Meine Mutter sagte, wer die meisten Nüsse erntete, der darf den anderen Tag mitfahren nach Arzis und Brienne, wo mein Großvater herkam. Ich weiß nicht mehr, wer die meisten Nüsse hatte. Morgens früh kam mein Mutter, weckte mich auf und sagte, „Du darfst mitfahren nach Arzis“. Mein Vater holte Ersatzteile für die Maschinen. Unterwegs fuhren wir ganz in der Nähe von Eisenbahngleisen vorbei. Das war für mich etwas Neues: da fuhren kleine Maschinen, die die Schienen kontrollierten. Ich sagte zu meiner Mutter: „Ich begreife das nicht, wie die ohne Pferde fahren können“. Wir sind auch noch nach Brienne gefahren zu Verwandten. Wir sind dort über Nacht geblieben. Das war für mich ein großes Erlebnis.

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Kindheit

Einmal durfte ich mit meinen Eltern mitfahren zum Tomaten und Nüsse holen nach Roschi, welches ziemlich hoch lag. Wir mussten ganz schön den Berg hoch fahren. Der Besitzer hatte eine große Plantage mit Nußbäumen und sehr viel Tomaten. Mein Vater kaufte einen Sack Nüsse mit grünen Schalen, die wurden auf den Boden geschüttet. Wir mussten die Schalen losklopfen, was ganz gut ging. Sonnenblumen haben wir auch auf dem Boden ausgeklopft. So hatten wir den ganzen Winter was zu Knacken. Meine älteren Geschwister sind mit Pferd und Wagen auf das Feld gefahren zum Kartoffeln hacken. Meine jüngere Schwester Elsa und ich wollten unbedingt mit. Sie nahmen uns beide mit. Wir blieben am Wagen, da wurde es uns langweilig. Meine Geschwister waren vom Wagen entfernt, da entschloß ich mich, heimzugehen. Ich war so klein, dass mein Kopf nicht einmal über die Ähren reichte. Ich nahm Elsa auf den Rücken, dann gingen wir los. Ich sah nur noch den Himmel. Wenn wir dem Weg gefolgt wären, wäre es bequemer gewesen. Wir gingen und gingen - es wollte kein Ende nehmen. Die Ähren schlugen mir immer ins Gesicht. Als meine Geschwister an den Wagen kamen und sahen, dass wir weg waren, lief einer schnell nach Hause zu meinen Eltern, ob wir nicht schon da wären. Dann suchten sie überall. Ich habe den Weg nicht verfehlt. Auf einmal hörte das Getreidefeld auf. Da war das Dorf. Ich hörte schon von der Ferne das Geschrei, als wir aus dem Getreidefeld herauskamen. Dann war noch eine Wiese, dann das Dorf. Meine Eltern wohnten im zweiten Haus am Ende des Dorfes. Die Freude war groß - es freuten sich auch die Nachbarn. Wir hatten vor der Sommerküche auf dem Hof eine Schaukel zwischen Akazienbäumen. Wenn wir Kinder mal alleine auf dem Hof waren und Zigeuner kamen, dann rannten wir ins Haus, schlossen die Türe und versteckten uns unter dem Tisch, weil unsere Mutter uns gesagt hatte: „Schaut nicht zum Fenster hinaus“.

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Kindheit

Mein Bruder Nathanael hatte ein Auto, das hieß Ford. Er wohnte drei Häuser vom Ende des Dorfes. Nachmittags um fünf Uhr kamen Mädels und Jungen. Mein Bruder machte eine Rundfahrt um das Dorf. In das Auto gingen vier Personen hinein - pro Person 20 Lee für eine Rundfahrt. Das war für uns was ganz Neues. Ich erinnere mich noch gut, als mein ältester Bruder Nathanael Hochzeit gehabt hat. Wir hatten in unserer Wohnung 6 Zimmer ausgeräumt für die Hochzeit. Es wurden die Nachbarn nebenan und gegenüber eingeladen und die ganze Verwandtschaft. Da kam schon eine ganze Menge Leute zusammen. Es war eine große Hochzeit. Mein zweiter Bruder Eduard hatte eine Frau aus Eigenfeld, seine Cousine, geheiratet. Die Hochzeit war nicht bei uns im Haus. Es war eine große Hochzeit. Mein Schwester Berta hat mit 18 Jahren geheiratet. Es war eine kleine Hochzeit. Meine Eltern waren bei Wiedmanns auf eine Hochzeit eingeladen. Ich war damals acht Jahre alt. Ich kann mich noch gut erinnern, ich habe ein Schürzchen angehabt. Es war abends schon dunkel draußen, da kam mein Cousin. Er war Aufträger. Ich sollte unter den Tisch kriechen, der Braut einen Schuh stehlen, so dass niemand etwas davon bemerkte. Ich kroch unter den Tisch und zog der Braut den Schuh aus, die damit einverstanden war. Ich steckte den Schuh unter mein Schürzchen, sprang schnell zur Tür hinaus und da stand schon der Aufträger, nahm den Schuh und versteckte ihn. Da schrie auch schon einer ganz laut: „Der Braut ihr Schuh ist weg!“. Als die Obersten Brautführer das merkten, rannten sie schnell über Tisch und Stühle und suchten den Schuh. Solange der Schuh weg war, mussten die Brautführer der Braut Geld bezahlen.

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Kindheit

Damals war es so, dass die Kinder immer zuletzt das Essen bekamen. Meine Freundin und ich hatten einen großen Hunger und gingen zur Freundin und haben Schmalzbrot gegessen. Spielsachen gab es nur wenig. Alles, was im Haushalt zerbrochen wurde, zum Beispiel Teller, Schüsseln, Töpfe, Kannen und anderes mehr bekamen wir zum Spielen. Trotzdem haben wir uns darüber gefreut. Im Spätjahr wurden die Maiskolben in den Stall gebracht und im Winter ist der Mais ausgetrocknet. Im Frühjahr wurden die Maiskolben durch die Maschine gedreht, so dass die Körner von den Butzen getrennt wurden. Das war Männerarbeit. Dann waren im Sommer die Ställe leer. In den Maisställen haben wir auch gespielt. Die waren sehr sauber, waren auch aus Holz gebaut, standen auch auf Stützen und der Wind blies auch hier hindurch. Wir hatten eine Schaukel hineingebaut. Wir Kinder waren im Stall, die Hühner und Enten unter dem Stall. Mein Vater war sehr gut zu uns Kindern. Wenn wir mal Strafe verdient hatten, war es meine Mutter, die uns bestrafte. Er nannte uns „Ihr kleinen Schisser“ das war für ihn ein Liebkosewort.

Schule Als ich sieben Jahre alt war, musste ich zur Schule. Bei uns war es so, dass man die jüngeren Geschwister mit zur Schule nehmen musste. Mein Bruder war fünf Jahre alt. In der Pause lief er nach Hause. Als ich mittags nach Hause kam, suchte und fand ich ihn in einem alten Gebäude, in dem noch ein alter Backofen stand. Mein Bruder flüchtete da hinauf. Meine Mutter sperrte ihn in den Schweinestall. Er tat mir leid und ich holte ihn wieder heraus. Als wir zu Mutter kamen, schimpfte sie mit mir - er sollte bis abends ohne Essen dort bleiben zur Strafe.

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Kindheit

In der Schule gab es bei uns keine Zeugnisse - nur Fleißkarten. Wer über das Jahr eine bestimmte Anzahl Karten bekommen hatte, wurde in die nächste Klasse versetzt. Ich saß mit drei Mädchen in einer Bank: Ottilie, Alma, Else und ich. Wir waren bis zu unserer Heirat gute Freundinnen. Wir versprachen, dass jede bei ihrer Hochzeit die anderen einladen würde. Der Unterricht war vormittags drei und nachmittags zwei Stunden. Vom 1. Mai bis zum 1. Oktober war schulfrei - bei der großen Hitze konnte niemand lernen. Außerdem mussten wir ab 11 oder 12 Jahren auf dem Hof mitarbeiten. Wir wohnten Kilometer entfernt am Ende des Dorfes. Meine Mutter gab uns das Essen mit: eine gute Bratwurst, Brot und etwas zum Trinken. In der Schule stand ein Ofen, 2 Meter lang und 1 Meter breit, der mit Holz und Torf geheizt wurde. Wir wickelten die Wurst ein und brieten sie im Ofen. Die Wurst war sehr gut, alles gute Fleisch vom Schwein, vom Kalb und vom Rind. Das war eine echte Wurst. Nach dem Essen tobten wir so, dass der Bretterboden Staub aufwirbelte. Bei uns wurde ein Schüler pro Woche angestellt zum Aufpassen. Im Winter waren große Schneestürme. Einmal machten wir mit den Lehrern eine Schneeballschlacht. Im oberen Stock waren die Jungen, im Erdgeschoss wir Mädchen mit den zwei Lehrern. Die Jungen dachten, „Jetzt zeigen wir's den Lehrern“ und tauchten die Schneebälle in Wasser, dass sie ganz glasig wurden. Als die Lehrer das merkten, schickten sie uns in die Klasse zurück. Sie fragten die Jungen, wer das getan hat, bekamen aber keine Antwort - keiner hat den anderen verraten. Unsere Kleider dampften vom Schwitzen, wir mussten uns im Haus umziehen. Als die Rumänen Bessarabien eingenommen hatten, haben sie in der Kanzlei auf dem Schulhof zwei Männer erschossen, auf eine Stalltüre gelegt und aufgeschnitten. Wir hörten die Schüsse in der Schule. Der Lehrer sprang hinaus und hat es gesehen. Er sagte „Wenn Ihr zur Türe hinausgeht, schaut Euch nicht nach rechts um“. Er stellte sich an die Türe und achtete darauf, dass kein Kind in diese Richtung sah. Keiner durfte den Kopf bewegen. Das war schrecklich für uns, diesem Befehl zu gehorchen.

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Kindheit

Streiche Mein zwei Jahre älterer Bruder Rudolf und der Nachbarsjunge planten Feuer zu machen. Wir hatten zwischen dem Kuhstall und der Spreuhütte einen großen Maschinenschuppen. Dort war kein Boden gelegt und das Dach war mit Rohr gedeckt. Hinter dem Schuppen war ein Loch mit 4 x 10 cm, dass die Luft im Sommer durchziehen konnte. Hier waren Maschinen und Pflüge untergebracht. Hinter den Ställen war ein Feuerplatz. Der Nachbar konnte uns nicht sehen. Es lag viel Schnee. Mein Bruder besorgte Streichhölzer. Ich war auch dabei. Wir gingen hinter die Ställe. Mein Bruder zündete das Stroh an. Es brannte sofort. Die Flammen stiegen gleich nach innen auf das Rohrdach. Es war wie ein Wunder Gottes - mein Vater hat es gerochen und kam vorbei. Er stieg schnell auf die Maschinen und schlug das Feuer mit seiner Pudelmütze aus. Das Rohrdach war etwas versengt. Wenn mein Vater nicht dazugekommen wäre, dann wären alle Ställe und die Scheune niedergebrannt. Das große Haus wäre verschont geblieben, es war mit Zinkblech gedeckt. Der Nachbarsjunge rannte nach Hause und mein Bruder hinaus auf den Acker. Es lag hoch Schnee. Am Abend hat der Pferdehirte ihn zu sich geholt. Er blieb bei ihm, bis der Zorn meines Vaters sich gelegt hatte. Mein Vater hat die Rute genommen und schlug mir über das Bein, so dass es aufplatzte. Wir hatten keine Versicherung und wären arm geworden. Bei uns auf der Wiese wuchs Tollkraut. Mein Bruder Rudolf hatte im Gesicht oft Ausschlag. Da hat ihm der Nachbarsjunge gesagt, es solle sich das Gesicht mit der Milch vom Tollkraut einschmieren. Er tat es und hat unserer Mutter nichts gesagt. Sein ganzen Gesicht schwoll an, die Augen waren zu - er musste drei Tage im Bett bleiben.

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Kindheit

Als ich noch zur Schule ging, machten die Lehrer die ganze Schulzeit Stichproben. Sie kamen ohne Anmeldung in die Häuser um nachzusehen, ob wir auch lernten. An einem Sonntag Abend im Winter war ich gerade bei unseren Nachbarn. Da kamen auch die Jungen zu uns herein. Die Mutter meiner Freundin war nicht zuhause. Wir haben gelacht und saßen gemütlich beieinander. Auf einmal klopfte es an die Türe. Die Jungen haben sich im anderen Zimmer versteckt und wir holten schnell die Bücher hervor. Wir machten die Türe auf, da kamen unsere zwei Lehrer herein und wir saßen ganz unschuldig da. Wir schauten in die Bücher als ob gar nichts gewesen wäre. Der älteste Lehrer fragte, ob wir alleine wären. Wir antworteten „Ja“. Die Lehrer gingen, die Jungen kamen aus ihrem Versteck hervor, wir lachten und legten die Bücher wieder weg. Im Frühjahr hatten wir den Einfall, die Hühner zu verscheuchen. Der Stall war voller Hühner. Olga und ich nahmen jeder einen Stock und standen an der Türe. Mein jüngerer Bruder Emil musste in den Stall und die Hühner herausscheuchen. Als sie herausflatterten, haben wir beide kräftig zugehauen. Immer auf die Köpfe, so dass Blut spritzte. Wir hatten unseren Spaß daran. Meine Mutter musste ein paar Hühner abschlachten. Wir wurden nicht bestraft - wir hatten ja genug davon. „Unsere“ Hühner wurden gegessen. Kurze Zeit später haben Olga und ich wieder Blödsinn gemacht. Wir beide saßen bei Olgas Mutter in der Küche. Olga holte zwei große Knäuel Wolle. Wir krochen unter den Tisch, nahmen jede ein Knäuel. Wir wickelten uns die Wolle ganz fest um die Hände, bis sie alle war. Auf einmal bekamen wir große Schmerzen am Arm und die Finger waren schon ganz blau. Wir kamen unter dem Tisch hervor. Olgas Mutter erschrak und nahm schnell die Schere und schnitt die Wolle an unseren Händen durch. Die Wolle war kaputt.

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Kindheit

Ein Sonntag im Sommer. Meine Eltern sind nach dem Mittagessen zu unseren Nachbarn gegangen. Da beschlossen wir, zum See zum Baden zu gehen. Wir waren fünf Mädchen und vier Jungs. Meine zwei Brüder waren auch dabei. Wir kannten ein Mädchen, das am See wohnte. Der See war 7 Kilometer von uns entfernt. Durch den See fließt der Dnjestr und dann weiter ins Schwarze Meer. Wir gingen von der Schule aus den Weg entlang Richtung See. Unterwegs mussten wir durch ein Russendorf. Zum See führte nur ein Fußweg weiter, der konnte mit Pferd und Wagen nicht befahren werden, weil sich der hohe Berg bis ins Wasser hineinzog. Am See weiter kamen wir an ein großes eisernes Tor. Wir klopften und das Mädchen machte auf. Der Gutsbesitzer besaß ein großes Haus mit einem schönen Garten mit wunderschönen Rosen. Es roch phantastisch. Im Garten war Gemüse aller Art - es war so schön wie auf einer Insel. Der Gutsbesitzer konnte mit einem Schlauch alles gießen. Wir gingen zu Fuß runter an den See. Es gab noch keine Badehosen. Die Jungen gingen weit entfernt von uns in Wasser. Wir zogen uns die Oberkleider aus und badeten im Hemd. Als wir aus dem Wasser kamen, trockneten die Hemden sehr schnell wegen der großen Hitze. Danach machten wir eine Hausbesichtigung. Wir hatten uns sehr lange aufgehalten und als wir auf dem Rückweg waren, ging die Sonne schon unter. Inzwischen hatten unsere Eltern bemerkt, dass wir nicht da waren. Sie machten sich große Sorgen, sie hatten Angst wegen der Russen. Wir waren noch nicht einmal im Dorf angekommen, da wurden wir schon mit einem Kutschenwagen abgeholt. Meine Mutter sagte uns, dass sie sich alle Sorgen gemacht hätten und wir das nicht mehr machen sollen. Wir haben es versprochen. Im Frühjahr musste ich auf den Pferden mitreiten. Meine zwei Brüder hatten zwei Maispflüge. Ich musste auf einem Pferd reiten und das andere auch in Schuss halten. In der Ernte wurden drei Pferde eingespannt. Das dritte Pferd wurde vor die zwei hinteren gespannt. Ich musste auf dem dritten Pferd reiten. In so einer großen Hitze machte das auch keinen Spaß mehr. Es gab keinen Sattel - das wäre für das Pferd schwerer gewesen.

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Kindheit

Der Erste Weltkrieg geht zu Ende N eben unserem Hof hat mein Vater einen Bauplatz gekauft. Darauf stand ein kleines Häuschen, in dem eine Witwe mit ihrer Tochter wohnte. Ihr Mann war im Ersten Weltkrieg gefallen. Wir Kinder durften sonntags nicht barfuß laufen. Meine zwei ältesten Brüder waren noch in Russland beim Militär. Drei Jahre lang waren sie nicht einmal zu Hause. Während des Ersten Weltkrieges kamen sie einmal zu Besuch. 1918 war der erste Weltkrieg zu Ende. Eines Nachts um drei Uhr kamen meine Brüder Nathanael und Eduard nach Haus, beide hatten sich zufällig im Zug getroffen. Die Bahnstation war 10 Kilometer vom Dorf entfernt und sie mussten den ganzen Weg zu Fuß laufen. Als sie näher an unser Haus kamen, mussten sie sehr vorsichtig sein, damit die Hunde nicht bellten. Dann hätte mein Vater die Luftscheibe aufgemacht und mit dem Gewehr hinausgeschossen. Sie schlichen also leise ans Haus und als die Hunde anschlugen, riefen sie ganz laut „Vater, Vater, wir sind's!“. Mein Vater erkannte ihre Stimme und schloß die Haustüre auf. Das war eine riesengroße Freude, das ganze Haus wurde wach. Drei Jahre sind eine lange Zeit, da kann viel passieren, mittlerweile wurde bei uns das 10. Kind geboren. Auch die Nachbarn freuten sich mit uns. Mein Bruder Eduard brachte einer Nachbarin die traurige Nachricht, dass ihr Mann auf dem Heimweg gestorben war. Sie mussten ihn unterwegs beerdigen. Meine Brüder haben Glück gehabt, sie waren Dienstboten russischer Offiziere und mussten nicht an die Front. Auch mein Bruder Samuel war eingezogen worden. Er war gerade 18 Jahre alt. Wir mussten ein schönes Pferd für den Krieg abgeben. Als er wieder nach Hause kam, brachte er ein Pferd mit, das schrecklich aussah. Durch gutes Futter war es aber bald wieder munter.

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Kindheit

Tod des Vaters Mein Vater war nie krank gewesen. 1920 fuhren meine Eltern vor Weihnachten nach Kasatzcke auf den Markt zum Einkaufen. Auf dem Rückweg kehrten sie bei meiner Mutter ihrem Vater ein. Dort entdeckte meine Mutter bei meinem Vater ein Furunkel am Hals. Sie sagte: „Du hast ein Furunkel am Hals, das sieht gar nicht gut aus. Laß uns zurückfahren nach Kasatzcke zu einem Arzt“. Da sagte mein Vater: „Laß doch, du hast immer was“. Es lag damals viel Schnee. Sie wollten vor Weihnachten ein Schwein schlachten aber der Stall war über Nacht völlig zugeschneit. Mein Vater und meine Brüder mussten das Schwein herausschaufeln. Da hat sich bei meinem Vater das Furunkel verschlechtert. Wir sind dann zum Arzt gefahren aber es war schon zu spät - sein Körper war ganz vergiftet. Sein Hals und die Brust sind angeschwollen und es hieß, er müsste ersticken. Mein Vater wusste, dass er sterben würde. Er hat meinen ältesten Bruder ans Bett gerufen und ihm alles übergeben. Er sollte dafür sorgen, dass seine Brüder einen Handwerksberuf lernen. Sein letztes Wort war „Glaubet an Gott“, dann schlug er die Hände zusammen, senkte sein Haupt und verschied. Ganz ruhig, er brauchte nicht zu ersticken. Meinem Vater seine Mutter war 80 Jahre alt, mein Vater war 54 Jahre. Er starb am 2. Januar 1921 in Andrejewka und hinterließ 10 Kinder, 2 Enkel und seine Frau mit all den Sorgen. Ich war damals 11 Jahre alt. Man kann sich heute nicht vorstellen, was es damals hieß, Waisenkinder zu sein. Von allen ist man gehasst und schlechtgemacht worden, sogar von den eigenen Verwandten.

Konfirmation Ich wurde mit 15 Jahren am 25. Mai 1924 konfirmiert. Wir waren insgesamt 80 Konfirmanden aus 15 Dörfern. In unserem Dorf gab es keinen Pfarrer. Der Pfarrer Baumann und die vielen Konfirmanden mussten alle in unserem Dorf untergebracht werden, auch bei uns waren welche. Ich brauchte vier Wochen nichts arbeiten, nur lernen: Bibelsprüche, Liederverse, 10 Gebote, Glaubensbekenntnis, Vater Unser, Abendmahl.

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Kindheit

Morgens in den Unterricht, nachmittags lernen. Am Abend war die ganze Straße voll von Konfirmanden, wir hatten viel Spaß daran. Vier Wochen lang. Samstag vor der Einsegnung war Briefung, da kamen die Eltern und Paten. Wer die Fragen nicht beantworten konnte, wurde ein Jahr zurückgestellt. Am Konfirmationstag wurde nicht mehr gefragt. Es kamen natürlich auch die Eltern von den anderen Dörfern, das gab eine Menge Leute. Nach der Predigt kam die Einsegnung und zuletzt das Abendmahl. Der Chor hat auch gesungen. Zwei Pfarrer haben das Abendmahl ausgeteilt. Das Gebetshaus war zu klein, deshalb wurden die Fenster geöffnet, weil viele Leute draußen unter den Bäumen saßen. Die Kirche dauerte zweieinhalb Stunden; wir wurden immer zu zweit eingesegnet. Die Mädchen hatten weiße Kleider und schwarze Schuhe, die Jungen schwarze Anzüge. Wir sind zu zweit in die Kirche hineingelaufen, dabei sangen wir das Lied „Jesus geh' voran“. Ich hatte zwei Zöpfe an den Seiten und an jedem Zopf ein weißes Band mit einer Schleife. Mein Segensspruch war Johannes 15, Vers 5.

Mais hacken In diesem Mai musste ich mit auf den Acker Mais hacken. Abends wurde ein Fass Wasser gefüllt für den nächsten Tag zum Mitnehmen. Wir blieben den ganzen Tag bis abends. Das Fass wurde hinten auf den Wagen gelegt, vorne war eine Kiste, in die Essen und Getränke hineinkamen. Morgens mussten wir früh aufstehen, die Kühe melken, essen und dann ging's los auf den Acker mit Pferd und Wagen. Als die Sonne aufging, waren wir schon draußen. Im Mai war schon eine große Hitze. Samstags haben wir bis 4 Uhr gehackt.

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Kindheit

Schafe scheren und Badetag Wenn die Hackzeit vorbei war, wurden auch die Schafe geschoren. Dann fuhren wir an den See, immer drei bis vier Familien zusammen. Das machte mehr Spaß. Die Männer und Jungen haben die Schafwolle gewaschen, die strahlend sauber wurde. Wir Frauen haben Läufer, Strümpfe und Wollsocken gewaschen. Es war immer herrliches Wetter, blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Vom Ufer lief eine Quelle in den See, von dort holten wir uns Süßholz. Damit konnten wir uns Tee aufbrühen. Die Männer haben die Pferde gebadet, die Hunde waren auch dabei. Wenn die Fischer mit ihren Booten kamen, haben wir auch frischen Fisch mit nach Hause genommen.

Ostern Im Frühjahr machten die Jungen ein Eierfest zu Ostern am unteren Ende des Dorfes. Auf der Wiese wurde ein Zelt aufgebaut, wo es zu Essen und Trinken gab. Ein sehr hoher Maibaum wurde aufgestellt, der am oberen Ende mit einem grünen Kranz mit Rosen geschmückt war. Von dem Baum aus wurden vier Reihen mit jeweils 100 Eiern ausgelegt, immer 10 gekochte, weiße und ein gekochtes gefärbtes. Am Baum standen am Ende jeder Reihe ein Mädchen mit einer Schürze und ein Junge. Zwei Mädchen mit Körben waren auch da. Die Jungen hatten eierfarbene Anzüge an. Die Jungen mussten zum Ende der Reihe laufen, ein weißes Ei aufheben, zurücklaufen und dem Mädchen am Ende in die Schürze werfen. Das andere Mädchen musste das Ei herausnehmen und in den Korb legen. Wenn die weißen Eier aufgesammelt waren, wurde das gefärbte Ei an den Baum geworfen. Im Anschluss wurde mit den Mädchen zu Musik um den Baum herum getanzt.

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Kindheit

Mein Bruder Rudolf war auch dabei. Die ganze Gemeinde hatte sich dort versammelt; viel Tanz, Essen und Trinken. Die gesammelten Eier - alles Spenden von den Bauern - wurden gebacken. Ich hatte nicht mitgemacht, ich konnte nicht tanzen.

Das „Eierlesen“ an Ostern

Die ganze Woche mussten die Jungen Eier essen. Sie versammelten sich jeden Abend in den Sommerküchen - mal beim Einen, mal beim Anderen. Jeder brachte Wein und Brot mit, das hat jeder Bauer gehabt. Wir Mädchen waren nicht dabei.

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Kindheit

Schafe Im Februar wurden die kleinen Lämmer geboren. Am Ende des Dorfes war eine kleine Wiese, da mussten die Kinder ab März die Schafe hüten. Wir haben dort verschiedene Spiele gemacht wie „Wer trepelt da? Der Schäfer, Rasenstecher mit dem Messer“ und noch mehr. Unsere Nachbarn waren mit ihren Schafen auch da. Wir durften die Schafe nicht zusammen treiben wegen den Lämmern. Im April wurden die Schafe der ganzen Gemeinde vom Schafhirten auf die Weide getrieben. Morgens hinaus und abends wieder heim. Am Dorfende war ein großer Gemeindebrunnen mit vielen Wassertragen. Mit einem Pferd wurde das Wasser herauf gepumpt und mittags die ganze Herde getränkt: Pferde, Kühe, Kälber und Schafe. Jeden Abend mussten wir die Lämmer zusammensuchen, das war ein Geschrei. Jeder Bauer hat seine Schafe gezeichnet. Im Mai wurden die Melkschafe von den Lämmern getrennt, Lämmer, Böcke und Schafe, die keine Milch gaben, wurden zusammengetan. Am Dorfende wurde ein großer Harman gebaut, da kamen alle Schafe nachts hinein. Die Schafe blieben tagsüber draußen bis der Frost kam. Gemolken wurden sie vom Schäfer und seinem Sohn. Milch konnte sich jeder vom Schäfer holen. Das ging so bis Oktober. Der Hirte hatte eine Hütte ein paar Kilometer außerhalb des Dorfes. Sein Lohn bekam er von der ganzen Gemeinde. Einmal ist mein Bruder Samuel mit ein paar Kameraden nachts mit Pferd und Wagen rausgefahren und haben den Hirten und seinen Hund verprügelt. Doch dieser kam nachts ins Dorf und meldete es. Die Jungen wurden hart bestraft. Wir machten den Käse selbst. Die Masse kam in einen Steintopf und so viel Salzwasser hinzu, dass etwas Wasser überstand. Das Wasser muss so salzig sein, dass ein Ei darin schwimmt. Wir hatten Schafskäse bis zum Frühjahr; der Käse war gut zum süßen Kaffee und zu Wassermelonen.

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Kindheit

Melonen und Gemüse Wir haben auch Wassermelonen angebaut. Meine Mutter hat in einem Jahr 2 Hektar Ackerland an die Gemeinde verpachtet, das den Bauern zum Anbauen zur Verfügung stand. Jeder Bauer hat sein Stück markiert. Wir haben in diesem Jahr so viel geerntet, dass es den ganzen Sommer Wassermelonen gab. Pferde, Kühe, Schweine, Kälber, Hühner und Enten - alle haben die Wassermelonen gern gefressen. Wir hatten eine Kuh, die morgens nicht eher Milch gab, bevor sie nicht eine Wassermelone bekam. Gemüse haben wir sehr wenig angebaut. Schnittsalat, Kürbisse, Erbsen, Gelbe Rüben, Bohnen, Zwiebeln und Knoblauch. Gurken, Tomaten, Rettich, Kraut, Paprika und Sellerie haben wir vom Gärtner gekauft. Er kam zweimal pro Woche mit seinem Gemüse ins Dorf. Angebaut wurde das Gemüse am See, da konnte man mit dem Schlauch gießen. Es kam auch ein Fischwagen zweimal in der Woche ins Dorf. Er kam sehr früh, weil wegen der großen Hitze die Fische bei Sonnenaufgang verkauft sein mussten.

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Jugend

Jugend Heiraten und Hochzeitsbräuche Mein Bruder Samuel feierte Hochzeit mit Berta Richter und meine Schwester Hulda mit Adolf Friedrich. Ich war erst 14 Jahre alt und durfte nicht als Brautführerin gehen. Da es eine Doppelhochzeit war, kamen mit Kindern etwa 200 Personen. Die Hochzeit fand im Januar 1924 statt. Es lag viel Schnee. Da es keinen Pfarrer gab, mussten wir mit Pferd und Schlitten nach Sarata. Samstags sollte die Hochzeit sein und sie machten sich mit den Trauzeugen und zwei Schlitten auf den Weg. Es waren etwa 20 Kilometer. Der Schnee lag so hoch, dass sie nicht durchkamen und umkehren mussten. Die Gäste waren eingeladen und das Essen zubereitet. Unsere Nachbarin hatte gekocht. Die Hochzeit wurde ohne Trauung gefeiert. Erst am Dienstag konnten sie dann mit vier Schlitten zur Trauung fahren. Schaufeln für den Fall des Steckenbleibens waren auch dabei. Die Hochzeit dauerte drei Tage. Die jungen Leute sind jeden Abend gekommen und haben getanzt und getrunken bis nach Mitternacht. Die beiden Paare bekamen viele Hochzeitsgeschenke, alles für den Haushalt. Bei uns war Sitte, dass wenn ein Paar geheiratet hat, die Ledigen Geld bezahlen mussten. Ohne dies ging's nicht. Die alten Leute und die Kinder mussten um 12 Uhr schlafen gehen, auch die beiden Lehrer. Die Jungen warteten, bis die Alten alle weg waren, dann räumten sie das Zimmer und tanzten mit Musik. Friedrich war der Freund meines Bruders Rudolf und meines Cousins Rudolf. Zwei Jahre später heiratete meine Schwester Maria mit Emil Wiedmann im Dezember. Diesmal durfte ich als Brautführerin mitgehen. Es war wieder eine große Hochzeit. 100 Personen mit Kindern waren da.

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Jugend

Bei uns gab es keine Gasthäuser - alles spielte sich in den Häusern der Leute ab. Wir räumten 6 Zimmer aus. Die Jungen mussten mit Pferd und Wagen Tische und Stühle zusammenfahren. Meine Freundin Else Knecht und ich haben Haushaltsgeschirr zusammengetragen: wir hatten einen metergroßen Korb, der innen mit weißem Stoff ringsherum ausgeschlagen und mit geschnitzten Rosen versehen war. Wir bekamen eine Liste, um bei denen Geschirr zu holen, die eingeladen waren: Teller, Gabeln, Messer, Löffel, Gläser, Weinflaschen und alles, was dazugehört. Ich fuhr mit der Leine in der Hand und einer Riemenpeitsche. Es mussten die besten Pferde genommen werden, die Pferde und das Geschirr wurden geschmückt mit Rosen und Seidenbändchen. Das ging von morgens bis nachmittags 4 Uhr. Die Jungen hatten es leichter - der Korb war ganz schön schwer. Wir hatten weiße Schürzen an. Als wir fertig waren, spannten die Jungen andere Pferde an den Kutschwagen und holten Lichter, Töpfe und andere schwere Dinge. Zwei Tage vor der Hochzeit wurden die Familien per Brief eingeladen. Am Vorabend ging das Brautpaar herum und lud die Brautführer und Brautführerinnen zum Polterabend ein. Wir Mädels mussten den uns zugeteilten Brautführern einen weißen Strauß anstecken. Jede eingeladene Familie brachte eine geschlachtete Henne, bunte Eier und Geschenke mit. Ein Schwein und ein Rind wurden geschlachtet. Wein hatte ein Jeder im Keller in Fässern liegen, Süßbrot, Torten und Kuchen wurden selbst gebacken. Beim Kochen haben alle zusammen mitgeholfen. Am Samstag fuhr das Brautpaar nach Sarata zur Trauung. Dieses Mal hatten sie mehr Glück, sie kamen hin und abends wieder zurück. Am Sonntag wurde die Hochzeit gefeiert, das Brautpaar oben in der Wohnstube, die Brautführer mit Brautführerinnen und die alten Leute im Nebenzimmer. Die Kinder waren im mittleren Zimmer untergebracht. Unsere zwei Lehrer wurden auf alle Hochzeiten eingeladen. Sie saßen auch im Brautzimmer. Es gab vier Aufträger: 2 Mädchen und zwei Männer. Die Männer haben das Essen hereingetragen und die Mädchen haben es auf dem Tisch verteilt.

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Jugend

Die Männer mussten dafür sorgen, dass jede Weinflasche eine Binde um den Hals hatte. Wenn nicht, haben die Aufträgermädchen einen Waschlappen um die Flasche gelegt. Das war dann eine große Schande für die Männer. Es war Sitte, dass die Brautleute nachmittags einen Rundgang durch das Dorf machten. Die Jäger gaben Schüsse ab und die Leute schütteten Eimer mit Wasser vor das Brautpaar hin, das sollte Glück bringen. Die Hochzeit fing morgens mit dem Frühstück an. Es gab Tee und Süßbrot. Um 12 Uhr war Mittagessen mit Suppe, Fleisch und Reis. Um 16 Uhr Kaffee und Kuchen. Das Hauptessen war Aufträger in klassischer Kleidung um 9 Uhr abends. Es gab gebackenes Fleisch im Backofen, Nudeln und verschiedene Salate. Um Mitternacht gab es ein kaltes Essen mit Wurst, Sülze, Rote Rüben und Pflaumen. Gegen 2 Uhr nachts wurde nochmal Süßbrot, Kuchen und Wein serviert. Die jungen Leute haben sich im Kreis aufgestellt mit der Braut in der Mitte. Ihr wurden die Augen verbunden und ein Lied gesungen: „Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr“. Die Braut hat einen Kranz bekommen und musste zu jemandem hingehen und ihm den Kranz aufsetzen. Der war dann der nächste, der heiratet. Das Brautpaar musste auf zwei Stühle stehen und die Leute haben Hurra geschrien. Am anderen Tag, Montag, mussten die Jungen die Tische und Stühle wieder verteilen. Wir halfen dann den Frauen, ihr Geschirr wieder auseinanderzulesen. Die Frauen holten ihre Sachen selbst ab. Das dauerte nochmals den ganzen Tag. Bis in den Abend waren wir zusammen und hatten viel Spaß.

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Jugend

Nach der Hochzeit kamen zwei Männer und der Bürgermeister zu uns. Sie haben meiner Schwester Maria's Vermögen aufgenommen und einen Ehevertrag aufgesetzt. Dann zog sie zu ihrem Mann. Wenn einer von einem anderen Dorf eine Frau geheiratet hatte, musste er sie auslösen. Es kamen junge Kerle, die dem Bräutigam Geld abnahmen. Er musste viel bezahlen. Solange ich ledig war, wurde ich elf Mal als Brautführerin geladen. Auch bei meinen Freundinnen Ottilie und Alma. Else hatte mit auch eingeladen aber ich ging nicht hin, weil Friedrich nicht eingeladen war. Da waren wir schon verlobt. Seit meiner Verlobung war ich vier Mal Aufträgerin, das letzte Mal mit Friedrich zusammen.

Dies und Das 1926 1926 gründete unser Pastor einen Frauenkreis, wo ich auch eintrat. Jeden Mittwoch trafen wir uns abends zum Stricken, Sticken und Basteln. Die Sachen wurden versteigert und der Erlös ging ins Altenheim nach Sarata. Dort gab es auch Kaffee und Kuchen, der von uns bezahlt wurde. Im Sommer machte ich eine Obstkur: Maulbeeren, Kirschen, Aprikosen, Pflaumen, Wassermelonen und Trauben. Das war die beste Kur, die ich je gemacht habe. Morgens stand ich früh auf, ging in den Garten und aß mich „auf den nüchternen Magen“ satt. Das hat mir sehr gut getan. In der Dreschzeit wurden die grünen Maiskolben gekocht - da konnte jeder so viel essen, wie er wollte. Im Oktober war auch die Traubenernte. Oben im Garten waren Weinstöcke. 15 Mann waren beim Traubenschneiden beschäftigt. Im Hof standen die Traubenmühle und Presse. Aus der Presse kamen die Traubenkrümel. Die getrockneten Krümel wurden zusammen mit dem Maismehl zu Brot gebacken. Immer acht Brote auf ein Mal. Das war noch „rein Natur“.

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Jugend

Kameradschaften Im Winter waren die Abende sehr lang. Nachmittags um 16 Uhr wurden die Kühe gemolken und die Tiere gefüttert, um 17 Uhr wurde Abendbrot gegessen. Danach trafen wir jungen Leute uns immer da, wo die Alten nicht zu Hause waren. Das ging von 18 Uhr bis etwa 21.30 Uhr. Jeden Abend in einem anderen Haus.

Kameradschaft mit Emma und Friedrich (ganz links)

Wir Mädchen saßen an einem Tisch bei Petroleumlicht beieinander und machten Handarbeit, die Jungen weiter hinten an einem anderen Tisch. Sie schauten uns bei der Arbeit zu, machten Witze und erzählten Neuigkeiten. Ich habe mich immer zurückgehalten. Die Jungen begleiteten uns nach Hause, denn wenn der Mond nicht gescheint hat, war es stockdunkel. Das war sicherer - schon wegen der Hunde. Sonntag abends haben wir Spiele gemacht: Ringlein zu mir, Kirschen rupfen, Blinde Kuh, Topfenspiel, Hafer küssen, Klingeln und noch anderes mehr.

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Jugend

In der Erntezeit gingen wir alltags die ganze Woche nicht zusammen. Nur sonntags in die Kirche. Nach dem Mittagessen schliefen wir bis 16 Uhr. Nach dem Kaffee gingen wir zu viert spazieren: mein Bruder Rudolf, mein Cousin Rudolf, mein Nachbar Rudolf und ich. Wir waren Kameraden. Es ging über die Felder, zum Friedhof und weiter bis zum Hirten. Er freute sich immer, wenn er Besuch von unserem Dorf bekam.

Erlebnisse mit Russen Eines Sonntags machten unsere drei Rudolfs uns einen Vorschlag. Mein Bruder hatte eine Handharmonika. Ein Kilometer von uns war ein Russendorf. Am Ende des Dorfes stand eine Windmühle. Wir sollten mitkommen dorthin. Dort wollten sie Musik machen und mit den Russenmädchen tanzen. Wir wollten nicht mit, also gingen sie alleine. Wir überlegten es uns aber anders und kamen nach. Als wir dort waren, sahen wir viele Jungen und Mädchen von den Russen. Die russischen Mädchen durften mit Deutschen nicht tanzen, die Russen waren sehr eifersüchtig. Wenn eine Russenhochzeit war, gingen wir oft hin. Die Mädchen dort hatten weiße Kleider mit Spitzenunterrock und geflochtene Haare. Zu essen haben sie nicht viel gehabt, aber viel Musik und Tanz. Am ersten Ostertag sind wir zu ihnen auf den Friedhof gegangen. Da brachten sie ihren Toten Essen, das sie in einer Schale auf die Gräber legten. Es kam ihr Priester, hat es geweiht und danach durften sie es essen. Uns haben sie auch etwas angeboten, aber wir lehnten ab. Man musste es mit den Händen herausnehmen. Die Russen waren sehr einfache Leute und arm. Einmal kamen die Kinder zu uns in die Schule. Manche hatten zerrissene Kleider. Als sie fort waren, stank alles nach Knoblauch. Meine Schwester Else und ich waren eines Tages alleine auf dem Maisfeld. Mein Bruder hatte uns morgens hinausgefahren. Sechs Kilometer von unserem Dorf entfernt. Rings um uns war nur Mais, die Bauern haben allen Mais an einem Platz angebaut. Wir hatten Mittag gegessen, danach gingen wir wieder an die Arbeit. 46


Jugend

Gegen vier Uhr nachmittags stand plötzlich hinter uns ein großer, starker Mann. Er grüßte uns auf russisch. Wir sind so sehr erschrocken, dass wir keine Antwort geben konnten. Er meinte, er habe unseren Acker erkannt und wolle wissen, wer da wäre. Meine älteren Geschwister konnten gut russisch. Die Sonne ging schon unter, als wir fertig waren. Wir machten uns schnell auf den Weg nach Hause. Wir gingen nicht den Weg entlang, sondern geradewegs über den Acker. Etliche Bauern hatten ihre Stängel schon abgemäht. In den Maisfeldern wuchsen auch wilde Büsche. Der Wind brauste über die Felder und nahm die Büsche hin und her. Das Rascheln klang wie Tiere und wir hatten Angst, dass es Hunde seien. Die Hunde liefen bei uns frei herum und die Tollwut war stark verbreitet. Wir konnten die Büsche in der Dämmerung nicht mehr von Tieren unterscheiden. Als wir zum Dorf zurück und in unseren Hof kamen, stand die halbe Familie mit Laternen draußen. Mein Bruder sollte uns wieder mit dem Auto abholen, hat uns aber auf dem Weg nicht gesehen. Sie umarmten uns und waren sehr erleichtert. Alles war wieder gut.

Auflösung des Hofes Wenn ich darüber nachdenke, was meine Mutter alles durchgemacht hat mit so vielen Kindern ohne Mann, denke ich, Gott hat ihr geholfen. Als ich 17 Jahre alt war und mein Bruder Emil 13, wurde meine Mutter krank. Ich musste vier Kühe melken. Emil half mir beim Melken. Meine Mutter hatte sieben Kinder ausgesteuert und musste alleine den ganzen Haushalt machen für fünf Personen. Brot backen, acht Brote in der Woche. Das war zu viel für sie. Sie war lebensmüde. Mein Bruder Rudolf heiratete in diesem Jahr Berta Rot. Es gab nur ein Familienfest. Als all meine Geschwister verheiratet waren, wurde unser Bauernhof aufgelöst. Alles wurde versteigert: Pferde, Pflüge, die Mähmaschine, Waschmaschine, Traubenpresse und Traubenmühle, Möbel und Geschirr. Das Geld wurde in die Waisenkasse gelegt.

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Jugend

Lehrstelle D er älteste Bruder war unser Vormund - er hatte es dem Vater versprochen. Er suchte für Emil eine Lehrstelle als Schreiner. Emil ging nach Kronstadt, Siebenbürgen. Die Lehre dauerte drei Jahre. In dieser Zeit war er nicht einmal zu Hause, weil es zu weit weg war. Die Fahrt hin und zurück hätte 800 Lee gekostet, das war sehr viel Geld. Am Ende der Lehre bekam er seine Urkunde. Mein größter Bruder suchte auch für mich eine Lehrstelle als Strickerin in der Kreisstadt Akkermann, 20 Kilometer entfernt. Ich bekam die Lehrstelle bei einer Jüdin. Ich musste meine eigene Strickmaschine kaufen, die kostete damals 26000 Lee. Ich wohnte in einem deutschen Gasthof auf sechs Wochen, Schlafen und Essen kostete 2000 Lee. Die Juden feierten gerade Sabbat. Ich bin dann Samstag und Sonntag nach Hause gefahren und am Montag wieder hin. Der Raum, in dem wir gestrickt haben, war nicht groß, wir mussten durch den Laden nach hinten. Es waren noch zwei jüdische Mädchen als Lehrlinge dabei. Ihre Lehrzeit dauerte länger als meine, deshalb waren sie auf mich neidisch. Meine Lehrzeit dauerte sechs Wochen. Was ich gestrickt hatte, mussten die beiden anderen auf einem Tisch fix und fertig machen. In Akkermann war eine Bahnstation. Ich war neugierig, wie das vor sich ging. Deshalb ging ich mit der Schwester des Gastwirts, ihrer Freundin Leontine und einem jungen Mann den Feldweg entlang durch die Weinberge zur Bahnstation. Sie lag außerhalb der Stadt. Es war Abend und die Lichter brannten schon. Die Lichter brannten so hell, dass der Schein auf den Weg gefallen ist. Wir hatten auch eine Taschenlampe dabei. Als wir näher kamen, sahen wir das Haus. Es war sehr hoch und aus Stein gebaut. Überall brannte elektrisches Licht. Leontine fragte, ob wir hinein dürften, wir möchten sehen, wenn der Zug ankommt. „Ja“, ohne weiteres Zufragen. Wir gingen durch das Tor. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Der Bahnhof war Endstation. Der Zug kam angefahren und nur wenig Leute sind ein- und ausgestiegen. Die Bahnlinie war eingleisig. Als der Zug weg war, gingen wir wieder nach Hause. Ohne Ausweis, das waren noch gute Zeiten.

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Jugend

Wenn ich zur Arbeit ging, musste ich an einer Judenschule vorbei. Die Schüler haben so laut geschrien, dass man es von weitem hören konnte. An einem anderen Tag kam ich an einer jüdischen Beerdigung vorbei. Da waren vier Klagefrauen, die den Toten fürchterlich beweinten. Der Tote lag nicht in einem Sarg, sondern auf einem breiten Brett, das auf einem Wagen lag. Der Tote war mit einer Decke bis zum Hals zugedeckt, dass man den Kopf sehen konnte. So fuhren sie durch die ganze Stadt. Am Abend saßen wir oft draußen vor dem Gasthaus. Vor der Tür war ein elektrisches Licht. Wir haben uns unterhalten und Sonnenblumenkerne geknackt. Einen anderen Abend gingen wir in den Pulwahr. Wir waren mehrere zusammen, auch eine Frau mit ihrem Jungen. Wir mussten weit laufen in der Stadt. Um den Pulwahr war ein großer Zaun gebaut. Wir zahlten 1 Lee Eintritt. Die Wege waren alle angelegt, überall wunderschöne verschiedene Blumen, die gut rochen. Die Blumen wurden mit einem Schlauch bewässert. Als wir ins Innere kamen, hörten wir schon Musik. Es gab einen großen Tanzplatz aus Brettern und eine Musikkapelle. Offiziere haben mit ihren Frauen getanzt und geraucht. Die Frauen waren geschmückt am oberen Halskragen, das sah komisch aus. Um 22 Uhr gingen wir wieder nach Hause. Die Läden hatten noch auf, also kauften wir uns noch etwas zum Knabbern. Von meiner Mutter bekam ich 25 Lee Taschengeld in der Woche. Eines Abends gingen wir ins Kino. Der Bau war sehr einfach: eine kleine Mauer außen herum, das Dach stand auf extra Stützen. Dazwischen war alles offen. Die Bilder waren farbig, die Leute haben sich bewegt aber nicht gesprochen. Es war ein Stummfilm. Es kostete ein Lee Eintritt. In der Stadt gab es mittwochs und samstags Markt. Da gab es alles: Eier lagen auf dem Boden wie Getreidehaufen, lebende Tiere wie Gänse, Enten, Hühner, Puten, kleine Schweine zum Aufziehen oder Schlachten. Im Spätjahr gab es allerlei Obst, Gemüse, Gurken, Sellerie, Tomaten und Kraut zum Einmachen. Es gab auch einen Pferdemarkt. Akkermann hatte eine Bonbonfabrik. Ich kaufte einmal Zuckerle aus Schokolade, die waren in wunderschöne Bilder eingewickelt. So ging meine Lehrzeit zu Ende.

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Jugend

Als ich nach Hause kam, waren alle neugierig, was ich gelernt hatte. Abends kamen viele Mädels und Jungen. Ich hatte solche Hemmungen, weil so viele Augen auf mich schauten. Als erstes strickte ich Männersocken. Ich war so aufgeregt, dass ich zwei Fersen hintereinander strickte. Ich nahm den Socken heraus und zeigte ihn den anderen. Niemand fiel etwas auf und so steckte ich den Socken wieder hinein und machte ihn fertig.

Schlechte Zeiten D amals war ich 18 Jahre alt. Wir hatten noch vier Kühe, ein paar Schafe und Hühner und ein Schwein. Meine Schwester Else hat sich um die Tiere gekümmert. Bevor ich Stricken lernte, machte ich einen Schneiderkurs mit. Es dauerte nicht lange, dann kam die Währungs-Umstellung. Das Geld war nichts mehr wert, man musste aber auch keine Schulden mehr bezahlen. Einige schuldeten den Russen 30000 Lee. Eduard Flöthers Vater hatte 25000 Lee Schulden. Er hatte zwei schöne Pferde ersteigert. Somit war mein Waisengeld kaputt. Gottlieb Sauter hatte noch für 6000 Lee Bretter gekauft für meine Schwester Else und für mich. Mein Bruder Emil machte für uns Möbel daraus. Wir brauchten dafür nicht bezahlen, das Essen bekam er von uns umsonst. Er machte für uns beide Wohnzimmer-, Schlafzimmer- und Küchenmöbel. Sie waren für die damalige Zeit wunderschön - ganz modern. Der Wohnzimmerschrank hatte Spiegel. Mein Waisengeld war entwertet und der Staat gab nichts. Ich musste mein Geld selbst verdienen. Im Sommer hatte ich nicht viel zu stricken, weil es bei uns so heiß war. Keiner brauchte Strümpfe, es lief alles barfuß. Mein ältester Bruder hat mir geholfen, meine 2 Hektar Ackerland zu säen. Im Oktober ging die Arbeit richtig los und in der Vorweihnachtszeit bekam ich viele Aufträge. Ich habe zu dieser Zeit wenig geschlafen, ich stand um 5 Uhr auf und strickte bis abends um 11 Uhr. Vor den Feiertagen war immer viel Arbeit; Bruder Emil, Else und ich mussten schwer arbeiten, dass wir vorwärts kamen. Damals waren Friedrich und ich schon befreundet.

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Jugend

Emil (rechts) beim Schreinern

An einem Sonntag abend gegen 18 Uhr kamen die Kühe von der Weide rein. Sie hatten Teufelskraut gefressen, der Kuhhirte hatte nicht aufgepasst. Die Kühe durften kein Wasser trinken. Ich saß noch bei einer Kuh und habe gemolken, als ich merkte, dass sie auf die Seite kippt. Ich sprang auf, die Kuh stürzte zu Boden und war tot. Es starben noch zwei Kühe. Da hatten wir nur noch eine Melkkuh und ein Rind. Drei auf einmal - das war für uns ein großer Verlust. Wir hörten, dass im Dorf noch weitere Kühe gefallen waren. Wir mussten uns zusammentun und wieder Kühe aufziehen. So mussten wir uns Tag für Tag durcharbeiten, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Abends nach der Arbeit haben wir das Laub von den Maiskolben abgezogen und das Abendbrot fertig gemacht: Brot, Butter, Trauben, Wassermelonen, Saure Tomaten und Käse. Wir haben auch Leute eingeladen, die keine Bauern waren. Einmal kam mein Freund und der von meiner Schwester Else, Albert Schneider. Sie haben uns noch geholfen, den letzten Mais abzuziehen. Danach gingen wir in die Sommerküche zum Essen. 51


Jugend

Else und ich gingen in den Keller. Else hielt die Laterne. Die oberste Stufe war breit. Ich wollte die Laterne anzünden und bekam Übergewicht. Ich stürzte die Treppe hinunter, 24 Stufen. Else hat mich gerufen aber ich konnte keine Antwort geben. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich wieder reden und ihr sagen konnte, dass alles in Ordnung sei. Gott hat mich bewahrt. Wir zündeten die Laterne an und holten das Essen und Wein. Unsere Freunde haben nichts davon bemerkt. Wir saßen noch lange beieinander. Auch meiner Mutter habe ich nichts von dem Unfall erzählt. Am Rückgrat hatte ich ab und zu Schmerzen, ich ging aber nicht zum Arzt. Wir haben einen Herrn Jesus, der hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Er hat an mir Wunder und Heil gebracht. Ich habe schon von jung an an ihn geglaubt, das hat mich mein ganzes Leben bewahrt. Ich danke dem Herrn.

Schlittenfahren Bei uns lag im Winter sehr viel Schnee, da wurden Schlittenfahrten gemacht. Am Nachmittag die alten Leute, die jungen am Abend. Die Straße war so breit, dass vier Gespanne (Pferd und Schlitten) nebeneinander durchfahren konnten. Im Dorf waren zwei Schlittenbahnen; rechts runter, links hoch. Die Jungs standen auf beiden Seiten der Bahn und warfen Schneebälle in die Schlitten. Wir waren sehr warm angezogen mit großen Pelzen und Decken. Vorher wurde ein Ziegelstein auf den Herd gelegt, mit Tüchern umwickelt und vorne im Schlitten die Füße draufgestellt. Eines Abends hat Friedrich mich zu einer Schlittenfahrt eingeladen. Ich war gleich damit einverstanden. Seine Schwestern Hilda und Rosa waren auch dabei. Die Pferde waren prachtvoll anzuschauen und liefen wie durchs Feuer da hat Friedrich eine Wettfahrt gemacht mit einem anderen, ich weiß nicht mehr, wer es war. Der andere blieb weit zurück und wir hatten gewonnen. Das hat mich sehr gefreut. Eine Stunde dauerte die Fahrt. Die Pferde mussten schnell in den Stall, sie waren ganz weiß vor lauter Schaum. Die Pferde mussten im Winter nicht arbeiten, brauchten aber immer Bewegung, damit sie nicht steif wurden. Wenn das Schlittenfahren nicht mehr ging, sind die Jungen geritten. Erst im Sommer mussten sie wieder arbeiten. Ich hatte viel Leid im Leben aber auch viel Freude. 52


Jugend

Verlobung Im Jahr 1931 haben wir uns dann verlobt. Ich habe meinen Mann von Gott erbetet. Bei uns war es so, dass keiner von der Verlobung wusste, nur meine Mutter und Geschwister. Friedrich kaufte mir einen Verlobungsring mit einem roten Stein. Auf dem linken Finger musste ich ihn tragen. Besonders in der Kirche - da hieß es dann „Die ist verlobt“. Der Ring war das Zeichen. Fünf Jahre waren wir verlobt, das war die schönste Zeit meines Lebens. Ich habe mich damals sehr geborgen gefühlt. In den Wintermonaten kamen wir jeden Abend zusammen. Er holte mich ab und wir gingen dann unter die Kameraden. Zu Jüngeren oder auch zu Älteren oder zu jung Verheirateten. Einmal gingen wir abends fort zu Besuch über die Straße. Es regnete den ganzen Abend. Auf der Straße war eine kleine Niederung, dort stand das Wasser 30 cm hoch. Ich hatte niedrige Schuhe an und Friedrich trug mich über das Wasser. Wir waren sehr glücklich miteinander, er passte immer auf, dass mir nichts passierte. Wenn man weiß, dass jemand da ist, der auf einen aufpasst, bei dem man sich aussprechen kann, fühlt man sich geborgen. Besonders, wenn man ohne Vater aufwächst. Friedrich durfte nicht heiraten. Sein Bruder Imanuel ging nach Amerika, Albert und Arthur waren noch zu jung, deshalb musste er die Landwirtschaft weiterführen. Sein Vater gab ihm 6 Hektar Ackerland, die durfte er bearbeiten und das Einkommen für sich behalten. Er hat aus Lehm, Stroh und Wasser viele Bausteine (Patzen) gemacht. Das Gemisch wurde mit Pferden durcheinandergerührt. 1934 baute er ein Haus, 11 Meter lang und 6 Meter breit. 1,50 Meter bis zu den Fenstern aus Stein, den Rest bis zum Dach aus Patzen. Friedrich mit Hilda und Rosa

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Jugend

1935 war bei uns eine große Missernte. Das Getreide war nur 30 cm hoch, es hatte den ganzen Sommer nicht geregnet und die Kühe haben das Getreide abgefressen.

Bad Burnas Von Mai bis September hatte ich nicht viel zu stricken. Friedrichs Cousin suchte mir deshalb eine Arbeitsstelle. Der Herr Schöttle aus Postal hatte im Kurort Bad Burnas am Schwarzen Meer zwei Villen zu vermieten. Dort arbeitete ich als Hausmädchen. Es gab eine Küche und 13 Zimmer. Alle Zimmer waren belegt mit Kurgästen, manche blieben 14 Tage, manche nur eine Woche oder einen Monat. Ich musste jeden Morgen die Zimmer sauber machen und die Betten machen. Morgens die Wege harken und den Garten sauber halten, die Wasserböcke reinigen und die Böden wischen. Die Wasserböcke hatten keinen Abfluss. Unter den Böcken standen Eimer. In die musste ich das alte Wasser abschöpfen und raustragen. Das war eine schwere Arbeit. Wenn neue Gäste kamen, musste ich die Zimmer herrichten und die Betten neu beziehen. Rumänische Staatsmänner und ihre Familien waren auch da. Die Männer konnten ein bisschen deutsch und sagten immer, wenn sie vorbeigingen, „Man sieht, dass Sie ein deutsches Mädel sind, weil alles so sauber ist“. Wenn sie wieder abreisten, bekam ich immer viel Trinkgeld. Ein älteres Ehepaar gab mir auf 14 Tage 200 Lee. Ich habe gearbeitet von morgens fünf bis abends neun. Mittags war eine Stunde frei. Unsere Villa war etwa 30 Meter vom Ufer entfernt, das Ufer war so hoch, dass man eine Treppe hinunter zum Meer musste. Die Kurgäste waren über Mittag meist in ihren Zimmern. Ich ging die eine Stunde zum Meer. Am Ufer stand eine Gaststätte, die Glaswände hatte. Außen war ein großer Tanzboden aus Brettern. Ich hatte zwei Mädels, mit denen ich abends einmal hinging, um das Treiben anzuschauen. Das war ein überwältigender Anblick, die Lichter leuchteten über das ganze Meer. Ich kann das kaum beschreiben, so schön war das. Die Musik spielte, es wurde getanzt bis in die Nacht hinein.

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Jugend

Bad Burnas in den Dreißigern

Wir gingen auch spazieren oben am Ufer entlang. Dort konnte man auf das Meer herunter schauen. Man hörte sogar die Fischer auf dem Meer. Morgens vor fünf war ich einmal am Ufer unten, da wurden die Fischernetze am Ufer ausgeschüttet und acht Frauen mussten die Fische aufsammeln, die kleinen ins Meer zurückwerfen und die großen wurden zum Verkauf behalten. Am Ufer entlang standen lauter Fischerhäuschen, wo die Fische geräuchert und gesalzen wurden. Direkt am Strand befand sich ein Moorbad, welches eingezäunt war. Nur für Frauen - Männer extra. Dort haben sich viele Menschen ausgeheilt von ihrer Krankheit. Unten am Ufer weit weg von unserer Villa war ein abgesperrtes Stück für Frauen, die nackt in der Sonne liegen wollten. Dort durften keine Männer hinein. Wenn wir neue Kurgäste bekamen, musste ich die Eheleute suchen, die das Kurhaus verwalteten.

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Jugend

Ich lief durch die Nacktzone, da lagen Frauen und Kinder, alle nackt. Ich lief ganz schnell durch, weil ich mich so schämte. So etwas grausames habe ich noch nie gesehen. Ich fand die Verwalter weiter weg mit Badehosen an und wir gingen wir einen anderen Weg zurück zum Haus. Friedrich hat mich nur drei Mal besucht, der Kurort war 50 km von Andrejewka entfernt. Ansonsten haben wir uns Briefe geschrieben.

Emma und Friedrich am Strand

Einmal haben sie ein 10-jähriges Mädchen aus dem Wasser gezogen, das konnte noch gerettet werden. Ein anderes Mal war ein Ehepaar mit einem Jungen von 14 Jahren da. Die Frau sagte zu ihrem Mann, er soll auf den Jungen aufpassen, sie geht das Mittagessen vorbereiten. Der Mann hat Zeitung gelesen und irgendwann den Jungen nicht mehr gesehen. Später haben ihn Taucher wieder gebracht - er war tot. Es gab eine große Beerdigung. Die ganze Jugendgruppe begleitete ihn. Die Eltern fuhren gleich am anderen Tag nach Hause.

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Jugend

Man konnte auch zur Kirche gehen, ich durfte aber nicht hin, weil sonntags viel zu tun war. Ich musste kochen für den Besitzer, seine Frau, seinen Sohn und drei Enkel. Einer von ihnen hieß Horst - daher hatte ich den Namen. Sonntags waren wir immer 9 Personen zum Essen. Am Samstag durfte ich keine Kartoffeln graben, die Frau Schöttle sagte immer „Sie welken bis zum Sonntag“. Jeden Sonntag brachte sie zwei Göckel und für mich ein Stück Rindfleisch. Ich sollte kein Göckelfleisch essen. Sie brachte auch Butter mit, die durfte ich auch nicht essen. Sie war eine böse Frau. Ich durfte nirgends hin, musste immer zu Hause bleiben. Einmal war ein großes Fest, da hatte die Jugend etwas vorgestellt. Ich ging heimlich hin, so dass niemand etwas merkte.

Bad Burnas heute

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Jugend

Als die Badezeit vorbei war, wurden alle Zimmer ausgeräumt und saubergemacht, Decken, Matratzen, Bettbezüge und auch alles Geschirr wurde auf einen großen Harbiewagen aufgeladen und zum Besitzer nach Postal heimgebracht. Ich musste noch mithelfen, alles auszuladen, zu waschen und die Kühe zu melken. Er hatte 4 Kühe, 100 Schafe, 40 Säue, die Scheunen waren voll Getreide, es gab Pferde, Kutschwagen und Maschinen aller Art. Sogar eine Dreschmaschine.

Bad Burnas heute - die Treppen sind von den Stürmen unterspült

Sie hatten 4 Knechte und 2 Schweineknechte. Dienstmädels gab es keine. Sie hatten 2 Söhne und 2 Töchter, die alle in Deutschland studierten.

Der eine Sohn musste nach Hause kommen und den zweiten Hof übernehmen. Er war Zahnarzt. Der andere Sohn ist hier in Backnang Tierarzt. Die alte Schöttle ist hier begraben. Ich bekam 2800 Lee Lohn und als Trinkgeld nochmal 3000 Lee rumänisches Geld. Es war 1935 und ich war 26 Jahre alt. Als ich wieder nach Hause kam, freuten sich Mutter und alle Geschwister sehr. Die größte Freude aber war, dass Friedrich und ich wieder beisammen sein durften. Dann ging die Arbeit wieder los. Vor Weihnachten habe ich wieder so viele Aufträge bekommen, dass ich von 5 Uhr morgens bis 11 Uhr abends gestrickt habe. Das ging den ganzen Winter durch. Im Januar heirateten mein Bruder Emil und Tante Dina.

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Eigenes Leben

Eigenes Leben Von meinem erarbeiteten Geld habe ich meine gesamte Aussteuer gekauft. Alles für die Küche, den ganzen Hausrat. Da hat nichts gefehlt. Kissen, Lederdecken, Teppiche aus Schafwolle, Tischdecken, Überdecken, Vorhänge, selbstgestickte Wandschoner. Kissenbezüge, Kleider und Bettwäsche habe ich selbst genäht. Unterwäsche, Pullover, Jacken und Strümpfe habe ich mit der Strickmaschine gemacht. Das erste Geschenk von Friedrich war eine Zahnbürste, das war eine große Freude. Ich bekam auch Fingerhandschuhe. Ich hatte einen schönen Wintermantel, da passten die Handschuhe gut dazu. Ich schenkte ihm einen sehr schönen karierten Schal. Friedrich bekam vor der Hochzeit meine 2 Deßjatine Ackerland zum Leihen.

Hochzeit Am 28. Februar 1936 haben wir dann geheiratet. Wir hatten keine große Hochzeit, nur ein kleines Familienfest. Abends um 6 Uhr war die Trauung in unserer evangelischen Kirche. Die Kirche war voll von Leuten. Es war eine schöne Trauung, viele kamen, wünschten uns viel Glück für die Zukunft und freuten sich, dass wir geheiratet hatten. Es lag über ein Meter Schnee. Wir waren beide im Kirchenchor. Als wir wieder zu Hause waren und uns gerade zum Essen gesetzt hatten, hörten wir einen Gesang - es war gerade so, als singen die Engel vom Himmel. Der Chor hatte uns ein Ständchen gebracht. Mein Bruder rannte zur Tür hinaus und wollte sie hereinnötigen zum Essen und Trinken. Der Lehrer und noch andere rannten schnell weg, nur einige kamen herein und haben mit uns gegessen und getrunken. Friedrich musste in der Hochzeitsnacht den Jugendlichen Mogritsch geben [eine Art Trinkgeld]. Um drei Uhr nachts war dann Schluss. Meine Mutter lag im Bett und war sehr krank. Ich musste bei ihr Wache halten und Friedrich ging heim.

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Eigenes Leben

Kirchenchor von Andrejewka

Am nächsten Tag wurden zwei Männer ausgewählt, die zusammen mit dem Bürgermeister mein ganzes Vermögen aufgenommen haben. Das waren: zwei Kühe, drei Schafe, zehn Hühner, Möbel für Wohnstube, Schlafzimmer und Küche. Da hat nichts gefehlt. Friedrichs Vermögen bestand aus 2 Pferden, Egge, Pflug, Putzmühle, Tretstein, Wagen, Harbie, Rechen, Gabeln. Alles andere mussten wir noch anschaffen. Mein Ackerland waren 4 Deßjatine, Friedrichs 9 Deßjatine. Ich bekam auch die Strickmaschine. Es wurde ein Ehevertrag geschlossen. Wenn die Frau starb, dann hatte der Mann - wenn keine Kinder da waren - die Hälfte des Vermögens der Frau geerbt. Beim Tod des Mannes galt das gleiche. Die Papiere wurden im Rathaus aufgehoben. Nachher wurden meine Sachen zu meinem Mann gefahren. Dabei haben alle mitgeholfen - mit Pferd und Wagen, mein Bruder mit dem Auto. Innerhalb eines Tages war alles fertig.

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Eigenes Leben

Die erste Hochzeitsnacht musste Friedrich wachen. Er und noch einer. Er kam um vier Uhr morgens an das Fenster: ich soll aufmachen, die Wachzeit war bis sechs Uhr früh. Der Spieß musste zum Nachbarn getragen werden - wer es vergaß, musste nochmal wachen. Zwei Männer kontrollierten, am unteren Dorf war das gleiche. [Dieser Brauch konnte nicht mehr rekonstruiert werden]. Wir zogen zu Friedrichs Eltern in die Wohnung. Sie hatten 6 Zimmer und eine große Küche mit einem großen Herd. Wir kochten auf diesem Herd. Wir bekamen ein Schlafzimmer gleich neben der Küche. Meine anderen Möbel wurden in die unteren Zimmer hineingestellt. Im Frühling haben wir in unserem Hof zuerst den Schuppen ausgebaut. Im Haus einen Herd und Backofen.

Eigenes Heim Im Juni 1936 zogen wir auf unseren Hof. Da es für mich doch eine große Umstellung war, bei den Schwiegereltern zu wohnen, freute ich mich sehr, als wir in unser Heim gezogen sind - mit allem Vieh, denn der Stall war auch schon fertig. Für mich war es sehr schwer, denn das Wohn- und Schlafzimmer mussten fertig sein, bis der Winter kam. Zwei Gipser haben die Zimmer gemacht. Dann kam die Ernte. Bei uns war es so, dass man den Arbeitern den ganzen Tag etwas zu Essen geben musste. Zu zweit mussten wir für 1 Knecht und noch 5 Mann kochen. Es ging den ganzen Tag rauf und runter in der Küche. Es war gerade Dreschzeit und ich musste auch beim Dreschen mithelfen. Mit 2 Tretsteinen, 3 Pferden und 1 Schlitten wurde das Getreide ausgedroschen. Das Stroh schobern musste ich. Am Abend war das Getreide - die Spreu von den Körnern - mit der Putzmühle gesäubert. Friedrich musste das Getreide mit Pferd und Harbie vom Feld holen. Als die Dreschzeit zu Ende war, mussten wir die Zimmer streichen und einrichten. Dann haben wir unsere Möbel von den Schwiegereltern geholt. Ich habe vor Weihnachten sehr viele Aufträge zum Stricken bekommen.

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Eigenes Leben

Die ersten Weihnachten kam viel Besuch aus Neugier. In der Neujahrsnacht kamen die Jungen, wünschten gutes Neujahr. Da musste Friedrich aufstehen und sie hereinlassen: sie bekamen etwas zu Trinken und Lebkuchen. Dann gingen sie wieder - es war bei uns so Sitte. Als Friedrich noch ledig war, ging er da auch mit.

Horsts Geburt und Kindbettfieber Im Januar 1937 habe ich noch feste gearbeitet und gestrickt - bis zum 19. Februar. Morgens um 7 Uhr ist Horst geboren. Mein Mann hatte sich sehr gefreut, dass es ein Junge war. Mir ging es sehr schlecht. Wir mussten gleich danach die Ärzte holen - mit dem Pferdeschlitten waren das 15 Kilometer. Ich wurde sehr krank, aber die Ärzte verschrieben mir sehr gute Arznei. Wir mussten alles selbst bezahlen. Es war eine Bauchentzündung. Ich habe 14 Tage lang 40 Grad Fieber gehabt. Ich durfte nichts essen - nur Tee, Grießbrei ohne Salz mit Wasser. Damals gab es noch keine Gummiflaschen - Schweineblasen wurden gefüllt mit Eis. Eine bekam ich auf den Kopf, die andere auf den Bauch. Tag und Nacht wurden sie gewechselt. Wenn das Eis zu Wasser geworden ist, dann wurde frisch aufgefüllt. Dann hat sich meine Blase entzündet. Die Hebamme musste jeden Morgen und Abend das Wasser abziehen. Das war ein furchtbarer Schmerz. Durch das hohe Fieber konnte ich nicht mehr sprechen, habe aber alles gehört. So war es auch bei meinem Vater gewesen. Die ganzen Verwandten brachten so viel zu essen - ich musste alles absagen. Der kleine Horst hat sehr geweint. Ich hörte es und konnte nichts machen. Sie mussten alles dunkel machen - das Licht schien feuerrot. Friedrich machte sich große Sorgen - grade ein Jahr verheiratet. Alle haben mir das Leben abgesagt. Mein Bruder Emil kam und sagte „Die kommt nicht mehr davon...“. Ich hörte es, und ich glaubte auch nicht mehr daran. Tante Hilda und Tante Rosa, die noch ledig waren, auch Friedrich alle haben geweint. Da knieten sie alle drei vor dem Bett nieder und haben ernstlich zu Jesus gebetet.

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Eigenes Leben

Jesus machte mich gesund. Ich hatte mich schon vorbereitet zum Sterben: war alles los, sogar Friedrich. Nur den kleinen Horst nicht. Ich sah immer ein großes Grab und ein kleines. Es heißt in der Bibel, man soll alles loswerden. Spürte schon das Sterben - schwankte: zurück war es dunkel, vor war es hell. Dann schrien alle „Sie stirbt!“. Friedrich musste schnell mit Pferd und Schlitten nach Seimeny fahren, um eine Herzspritze zu holen. Sie rissen mich hoch und rieben meinen Körper mit Franzbranntwein ein. Friedrich war in einer Stunde wieder zurück. Ich bekam die Spritze und es wurde besser. Wir mussten uns ein Dienstmädel nehmen für den Haushalt. Friedrich konnte nicht melken. Nach 14 Tagen ging das Fieber runter. Ich musste ganz vorsichtig anfangen zu essen: Zwieback in Milch, dann Taubensuppe, dann Hühnersuppe, dann durfte ich Taubenfleisch essen. So ging es von Tag zu Tag besser. Ich war so mager. Ich musste laufen lernen, habe mich an den Stühlen gehalten, an Tisch und Schränken. Dann ging es schnell aufwärts. Nach 8 Wochen bekam ich wieder Muttermilch und konnte den Horst noch 4 Wochen stillen. Als ich zum ersten Mal nach draußen ging und die Windeln aufhängte, habe ich so ein Gefühl gehabt, als wäre ich von den Toten auferstanden. Als ich den kleinen Horst übernommen habe, hat er nicht mehr geweint. Er wurde ein braver Junge. Gott hat das Gebet erhört. Ich denke so oft, warum hat Gott unser Gebet nicht erhört und hat Vater weggenommen. Aber Gott macht keine Fehler. Sein Wille geschehe. Unser Leben liegt in Gottes Hand. Horst wurde ein kräftiger Junge. Das Ganze kostete uns 2000 Lee rumänisches Geld.

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Eigenes Leben

Leben 1937 - 1938 Im Sommer bauten wir uns eine Sommerküche gegenüber des großen Hauses an der Grenze zum Nachbarn. Sie hatte einen Keller und einen Backofen. In den Schuppen bauten wir Küche und Kinderzimmer. Vor dem Haus standen Akazienbäume. Im Sommer waren die Pferde und Kühe Tag und Nacht draußen unter den Bäumen im Schatten. Die Kühe gingen jeden Tag auf die Weide. Wir hatten einen Kuhhirten. Auf unserem Hof konnten wir keinen Brunnen graben. Wir haben an zwei Stellen mit einem Rohr in die Erde gestoßen und jedes Mal war das Wasser bitter. Wir mussten beim Nachbarn Wasser holen für das Vieh, zum Kochen und Trinken. Das war bei Friedrichs Vater, so ungefähr 1 Kilometer mit dem Eimer. Oftmals habe ich Horst in die Blacht genommen und einen Eimer Wasser getragen. Dann hat Horst nicht mehr von der Brust getrunken. Er brauchte keine Flasche, er trank den Grießbrei gleich aus der Tasse: beim Dreschen und abends beim Getreideputzen. Ich habe die Kühe gemolken und er trank eine Tasse warme Kuhmilch. Er lag im Kinderwagen und schlief die ganze Nacht. Im zweiten Sommer war es schon besser, da konnte Horst schon laufen. Der Sauter-Opa kam jeden Tag rauf zu uns und freute sich mit seinem ersten Enkelkind. Sie gingen beide im Hof hin und her, die Hände auf dem Rücken. Horst machte dem Opa alles nach. 1938 war eine sehr große Ernte. Im Sommer beim Dreschen mit den Pferden mit Steinen. Hinten wurde ein Schlitten angebunden mit Haken dran, damit das Stroh schneller zerreißt. Horst wollte unbedingt auf den Schlitten und er wurde von Friedrich draufgesetzt. Es war eine große Hitze. Nach dem Mittagessen habe ich Horst gebadet und legte ihn in das große Haus schlafen. Dort war es kühl. Er schlief bis 4 Uhr nachmittags. Wir haben in diesem Sommer auch Verluste gehabt: ein Fohlen, drei Schafe und ein paar Hühner. Im Sommer wurde bei uns kein Schweinefleisch gegessen, nur Hühner-, Enten-, Kalb- und Gänsefleisch. Die Kälber, Lämmer und Hühner wurden im Sommer, die Schweine im Winter geschlachtet. Einmal haben wir vor Weihnachten 12 Gänse, ein Schwein und ein Kalb geschlachtet. Wir hatten im Garten Obstbäume: Pflaumen, Äpfel, Maulbeeren und Quitten.

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Eigenes Leben

Eigener Hof 1934 gebaut - 1936 bezogen Siehe auch Vergleichszeichnung auf Seite 140

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Eigenes Leben

Kirchenbau In unserem Dorf wurde eine große evangelische Kirche gebaut und ein Pastorat. Innen ein Kinderzimmer mit lauter Glaswänden und außen große Fenster. Meine Schwager Albert und Arthur und noch andere haben einen dummen Streich gemacht. Die Kirche war schon fertig bis auf das Dach. Die Jungen sind von außen auf einer Leiter raufgestiegen und weil alles noch so frisch war, flog ein Teil vom Sims herunter. Die Jungen liefen davon aber man hat sie doch gefangen, abends gegen 10 Uhr. Sie gingen gleich zum Bauherrn, der verlangte einen Beutel Mehl und einen Eimer Wein. Er versprach, dass er es dann nicht den Eltern und den Gemeinderäten sagen würde. Am anderen Morgen ganz früh haben sie alles wieder ganz neu gemacht. Die Kirche war innen so weit fertig, es fehlten nur noch die Bänke. Aber es gab ein Problem: wer meldet sich freiwillig, das Kreuz auf den Turm raufzubringen? Es meldete sich Robert Ensslen. Er ging hinauf, ohne angebunden zu werden. Seine Frau lief davon. Innen im Glockenturm wurden lange Leitern aufgestellt. Dort waren zwei Männer mit dem Kreuz und reichten es zum Fenster hinaus zu Robert. Wir Gemeinde sahen mit Spannung zu, es musste ruhig zugehen. Es ist gelungen und er kam unversehrt herunter. Unten wurde er von den Gemeinderäten und vom Pfarrer begrüßt. Horst war damals zwei Jahre alt. Die Kirche wurde noch vor der Umsiedelung eingeweiht, das war ein großes Fest. Viele Leute kamen zusammen, um die Einweihung mitzumachen. Tante Ida mit zwei Schwestern waren 1942 nochmals in Andrejewka. Die Russen hatten das Kreuz heruntergenommen und Getreide hineingeschüttet. Alle Türen standen offen, es konnte hinein, wer wollte, auch Kälber, Hunde und Katzen. Der Russe hat alles kaputt gemacht, was unsere Eltern und wir mit unseren fleißigen deutschen Händen aufgebaut haben. Der Kommunist ist nur darauf eingestellt, einzunehmen und alles kaputt zu machen. Er predigt den Weltfrieden, nicht Gottes Frieden. Aber er will die ganze Welt. Genauso wie Hitler.

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Eigenes Leben

Tod der Schwiegermutter Friedrichs Mutter, Eure Urgroßmutter, war damals schon krank. Sie lag krank im Bett und hatte eine schwere Krankheit. Ihr Körper füllte sich mit Wasser. Sie hatte große Schmerzen, wenn ich mit Horst zu ihr kam. Sie freute sich dann aber so sehr, dass sie keine Schmerzen mehr spürte. Die Zuckerledose stand immer auf dem Kleiderschrank. Wenn ich zur Tür hineinging, zeigte er mit seinen Händchen auf die Dose. Er konnte noch nicht sprechen. Die Oma hatte ihren Spaß daran. Ich musste die Dose öffnen, dann durfte Horst hineingreifen mit seinen kleinen Händen. Zuletzt konnte der Arzt das Wasser nicht mehr abziehen. Das Wasser ging bis an das Herz und sie musste daran sterben. Horst konnte damals schon laufen. Sie nahm Horsts Händchen, rief immerzu „Horst, komm mit mir mit“. Ich ging schnell hin, machte seine Hände von ihr weg, da machte sie noch paarmal einen Schnaufer und verschied in die Ewigkeit. Das war das Jahr 1938. 5 Monate hernach verstarb auch Opa Sauter 1939. Er hatte Zucker. Damals waren die Ärzte noch nicht so klug wie heute. Die ersten Weihnachten als Oma Sauter tot war, haben wir Opa Sauter am Heiligen Abend eingeladen. Horst durfte bei seinem Opa alles machen. Albert schenkte Horst eine Peitsche. Opa nahm Horst auf den Arm, ging zum Baum und Horst durfte mit der Peitsche in den Baum hineinschlagen, so dass die Kugeln herunterfielen. Ich ging hin und nahm ihn weg.

Nach dem Tod des Opas wurde auch ihr Bauernhof aufgeteilt unter allen Geschwistern, Albert und Arthur haben das Haus übernommen. Wir konnten unseren Bauernhof vergrößern. Uns ging es schon sehr gut.

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Eigenes Leben

Im Hof mit Horst

Kurts Geburt 1939 wurde Kurt geboren. Am 18. Dezember, Montag, 7 Uhr morgens. Ich bin nach 7 Tagen schon aufgestanden. Als ich noch im Bett lag, kam Horst morgens mit dem Hammer an mein Bett. Ich sagte „Was willst Du mit dem Hammer?“ - „Das Böbele totschlagen.“ Er hat sehr geweint. Ich nahm ihn zu mir, dann wurde er ruhig. Bei uns war es so ein Gesetz, die Kinder mussten noch vor Weihnachten im alten Jahr getauft werden. Am Weihnachtsabend ging Horst mit seinem Vater in die Kirche. Kurt und ich waren allein zu Hause und ich hatte Angst gehabt. Am Silvesterabend wurde Kurt getauft. Wir hatten ein großes Fest. Meine Geschwister mit Frauen waren da. Da rannten alle runter an den Glockenturm da wurde das alte Jahr mit einem Chor beendet, dann kam der Glockenklang. Dann kam das neue Jahr und wurde mit Chorgesang, Glocken und Gewehrschüssen überschritten. Dann gingen alle wieder heim.

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Eigenes Leben

Friedrich muss zum Militär 1940 im Frühjahr bekam Friedrich eine Einladung zum Befehl, 1 Monat Militärdienst zu machen. Dann wurden es 2 Monate. Onkel Arthur war damals 18 Jahre. Albert war auch beim Militär. Arthur musste sich sehr anstrengen mit unserem Knecht und den Pferden.

Arthur bei seiner Lieblingsbeschäftigung - dem „Hinternkratzen“

Das ganze Land, zusammen waren es 30 Hektar, musste gepflügt und eingesät werden. Für mich war es auch schwer mit 2 Kindern. Ich musste alles besorgen und die Saat richten zum Säen. Im März, April war Friedrich fort. Im Mai war er wieder zu Hause.

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Eigenes Leben

Dann ging das Maishacken los. Wir hatten uns Tagelöhner genommen zum Hacken. Wir hatten 9 Desaten Mais angebaut. Ein Tagelöhner bekam auf den Tag 60 Lee und das Essen, den Tag über bekamen sie das Essen mit. Abends musste ich für alle kochen. Friedrich war auch mit auf dem Feld.

Die ganze Familie beim Dreschen hinter dem Haus (Kurt im Kinderwagen)

Wir hatten noch außerdem angebaut: Weizen, Gerste, Hafer, Roggen, Leinsamen, Hirse und Sojabohnen.

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Eigenes Leben

Nachricht von der Umsiedelung N un kam plĂśtzlich die Nachricht, dass Hitler mit Russland den Vertrag abgeschlossen hat und dass wir Deutsche alle aus Bessarabien umgesiedelt werden nach Deutschland.

Maueranschlag mit der Aufforderung zur Registrierung fĂźr die Umsiedelung

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Eigenes Leben

Die rumänische Besatzung sollte innerhalb von 24 Stunden Bessarabien verlassen und der Russe einziehen. Das war für uns ein großer Schlag. Wir hatten noch das ganze Getreide mit Pferden und Steinen ausgedroschen und mit der Putzmühle gesäubert. Es war solch eine große Ernte wie 1936. Wir hatten den ganzen Boden voll und mussten noch in 2 Zimmer und in die Küche Getreide schütten. Wir haben in der Sommerküche gekocht und gegessen. Friedrich hat auf einen großen Wagen Möbel aufgeladen und nach Akkerman gebracht zum Verkaufen. Geschlafen haben wir in Decken auf den Getreidehaufen. Für die Juden und für Deutsche gab es nichts mehr zu kaufen. Ein Jude kaufte mir meine Strickmaschine für 8000 Lee ab. Die uns bekannten Russen haben uns noch Petroleum und Salz besorgt. In der Stadt schrien die Juden und Russen „Geht zu Eurem Hitler!“. Wir konnten nichts verkaufen und nichts kaufen. Aber nur für uns Deutsche war das so.

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Umsiedelung

Umsiedelung Vorbereitungen D ie Deutsche Kommission war auf dem Hof von Albert, Rosa und Arthur einquartiert. Lauter SS-Männer. Die Russen waren bei einem anderen Bauern untergebracht. Die Deutschen waren klüger als die Russen. Wir durften nur 2000 Lee pro Person mitnehmen, das übrige Geld haben wir der Deutschen Kommission abgeben müssen. Das wurde vor den Russen geheimgehalten. An einem Abend ging ich runter zu Tante Rosa, um vom Brunnen Wasser zu holen. Rosa, Arthur und Albert schliefen in der Sommerküche. Rosa sagte zu mir „Komm mal mit zum Haus“. Die Tür hatte eine Glasscheibe mit einem zugezogenen Vorhang innen. Wir schauten durch die Vorhangspalte und sahen einen Deutschen, der gerade einen Sack aufhob. Ein anderer stopfte Geld hinein, bis der Sack voll war. So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Die Deutschen fuhren mit einem kleinen Wagen immer nachts über die Grenze, die Russen durften das nicht wissen. Alleine von Andrejewka ein Sack voller Geld - es gab so viele große, reiche Dörfer, wie viele Säcke Geld wohl da nach Deutschland gebracht worden waren. Die Zahl ist nie erwähnt worden. Im rumänischen Staat war Gesetz, dass das Bild von König Karol in der Kirche über dem Altar hängen musste. Auch musste jede Familie das Bild in der Wohnstube an der Wand hängen haben. Als die Russen kamen, hing ich das Bild ab, zerriß es und warf es vor den Herd zum Verbrennen. Plötzlich kam ein Russe herein. Ich bin sehr erschrocken. Er nahm das Papier, schaute das Bild an, murmelte etwas vor sich hin und ging dann wieder. Ich war sehr erleichtert. Bei unserem Nachbarn wohnte ein deutscher Mann, der eine russische Frau geheiratet hatte. Ihr Kind war so alt wie Kurt - 10 Monate. Sie war eine schöne, saubere Frau. Ihr Mann sagte, er gehe mit nach Deutschland. Sie wollte nicht mitgehen und auch das Kind dabehalten. Der Mann wollte das Kind mitnehmen und brachte es zu mir. Ich sollte es versorgen, bis er fortkommen konnte. Dann ging er zum Umsiedelungsstab.

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Umsiedelung

Sie sagten ihm, er solle es bei der Mutter lassen, sonst gibt es Schwierigkeiten. Die Mutter hat das Kind wieder genommen. Ihr Mann ging zwei Tage vor uns. Seine Frau hat sehr geweint. Sie hat sich am nächsten Tag anders entschieden und Friedrich ging morgens schnell mit ihr zum Umsiedelungsstab. Dort hat sie sich und ihr Kind angemeldet. Ich gab ihr Socken von Kurt für ihr Kind. Um 9 Uhr morgens fuhren sie dann los und als die Mutter abends nach Hause kam, war die Tochter mit Kind schon weg. In unserem Dorf wohnte ein reicher russischer Bauer. Der wurde mit vielen anderen Bauern in einen Keller geschleppt und eingesperrt. Dann wurden die Türen zugemauert und die Männer mussten dort verhungern. Wir konnten nur beten, dass die Russen nicht zu uns kamen.

Es geht los Wir ließen ein Pferd, eine Kuh, die Hunde, viele Möbel und die ganze Ernte dort. Die Frauen mit Kleinkindern fuhren mit Omnibussen, die anderen Frauen mit Transportautos. Die Männer fuhren mit Pferd und Wagen. Friedrich hatte Betten, Decken und Steppdecken mitgenommen. Ich hatte nur Kinderwäsche und für mich etwas zum Anziehen. Als wir losfuhren, läuteten die Glocken. Ein Russe sprang auf den Glockenturm und wollte die Glocken anhalten. Da kam ein SS-Mann hergeritten und drohte ihm, bis er wieder heruntersprang. Die Autos fuhren ganz langsam. Ich höre heute noch den Glockenklang. Friedrich hat später erzählt, das Dorf war wie ausgestorben. Unser Dorf lag an der russischen Grenze und wir waren die Letzten. Wir fuhren durch viele deutsche Dörfer - es war alles leer. Die Hunde weinten und bellten, die Kühe brüllten. Es war ein Gefühl, als ob die ganze Welt eingestürzt wäre. Wir fuhren nach Kilia an den Hafen. Auch da standen schon wieder russische und deutsche Soldaten, die kontrollierten. Auf der Erde lag viel Hartgeld. Die Erde war sandig und es lag mehr Geld als Sand. So etwas habe ich noch nie gesehen. Die Leute haben wohl zu viel mitgenommen [Die Ausfuhr von größeren Mengen Bargeld, Gold, Platin, Silber, Edelsteinen, Kunstgegenständen, Waffen und Urkunden der Gemeinden war bei der Umsiedelung verboten].

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Umsiedelung

Auf dem Schiff D ie Frauen mit Kindern kamen unten in den Schiffsraum, dort war alles mit Glasscheiben. Die Älteren und Jugendlichen kamen oben unter das Dach, Männer waren keine bei uns. Wir waren 600 Personen. Wir fuhren gegen den Strom.

Umsiedlerschiff 1940

Ich habe mit Horst und Kurt auf dem Boden eine Liege zum Schlafen gehabt: 150 cm lang und 60 cm breit. Wir Frauen haben mit Decken auf dem Boden geschlafen. Gerade über den Kindern war ein rundes Fenster. Kurt lag hinten und Horst vorne. Ich konnte nicht schlafen, habe mich vor die beiden gekniet und aus dem Fenster geschaut. Das Fenster war mal unter, mal über Wasser. Besonders nachts war es interessant, da wurden Lebensmittel und Allerlei eingeladen von den Dörfern, alles war beleuchtet. Über unserem Raum war die Küche. Mit dem Essen war es ein Problem. Die Kinder bekamen Trockenmilch. Jedes Mal, wenn das Essen kam, mussten die Kinder auf den Topf. Das Essen war nicht besonders gut aber man ist satt geworden. 75


Umsiedelung

Auf dem Schiff war nur ein Klo für 600 Personen. Wir Frauen nahmen unsere Nachttöpfe und gingen abends in dunkle Ecken. Einmal wollte ich auch mein Geschäft machen. Es war sehr dunkel, ich nahm den Nachttopf und ging nach oben. Der Weg auf das Dach war mit Ketten abgesperrt, ich schlüpfte unter den Ketten durch und stieg zwei Treppen höher ganz auf das Dach nach vorne. Dort dachte ich nun, da wird mich keiner stören. Ich bin gerade auf den Topf gesessen, als der Schiffskapitän kam und mich anschrie, das ist hier verboten. Wenn sich das Schiff bewegt hätte, wäre ich hinuntergestürzt. Wenn ich daran denke, gruselt es mich heute noch. Gott hatte mich bewahrt. Wir fuhren von Rumänien durch Bulgarien, Serbien und Kroatien. Das war die letzte Station. Wir waren 4 Tage und 5 Nächte unterwegs.

Durchgangslager Semlin Morgens kamen wir in Semlin, Kroatien an und wurden mit Musik empfangen. Es waren Baracken aus Brettern aufgeschlagen, auch die Wege, auf denen Autos fuhren, waren aus Brettern. Es war wie ein großes Dorf. Wir bekamen gutes Essen, Schüsseln voll mit Schmalz, Honig, Butter und Tee. Die Kinder bekamen Milch und Weißbrot. Mittags war das Essen sehr gut. Ein Arzt und mehrere Schwestern kamen und haben alle untersucht, ob Kranke dabei waren. Ich sagte einer Schwester, Kurt hat Durchfall. Sie sagte, ich solle dem Arzt nichts sagen, sonst müsste Kurt dableiben und ich und Horst müßten fort. Wir waren alle gesund und kamen am anderen Morgen gleich fort. Nach dem Frühstück wurden wir noch beschenkt: eine lange gute Salamiwurst und ein ganzes Brot. Die Kinder bekamen süße Kekse. Es hieß, es sind alle gesund für den Transport. Wir wurden in den Zug eingeladen und fuhren Richtung Sudetenland. Wir waren wieder 4 Tage im Zug unterwegs. Als wir ankamen, war alles bereit.

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Königswart

Königswart D ie Männer sind mit Pferd und Wagen bis nach Galatz gefahren. Dort wurden sie eingeschifft - Pferde und Wagen in einem anderen Schiff - und bis Polen gebracht.

Treckfuhren auf dem Sammelplatz in Galatz

Als die Männer ankamen, wurden wir, Bruder Emil mit Maria und 3 Kindern, Bruder Rudolf mit Berta und 2 Kindern und Friedrich mit mir und unseren 2 Kindern in einem Raum untergebracht. Es gab 2 große Türen zu einem Balkon. Die anderen Familien wurden immer zu zwei Familien zusammen in einem Raum untergebracht. Die größeren Mädchen zusammen und die größeren Jungen auch zusammen in einem Raum. Wir wohnten im oberen Stock. Im Lager war ein Lehrer und ein Pfarrer. Wir waren im oberen Stock. Es wurde in Schichten gegessen. Eine Woche oben, die andere Woche unten. Es gab ein Säuglingszimmer, da wurde auch gekocht für die Kinder. Kurt und Kuno waren auch dabei. Sie bekamen Milch, Grießbrei, Pudding, Zwieback. Horst bekam schon die volle Kost.

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Königswart

Wir waren im Lager Beer, Tante Hulda und Tante Berta im Lager Sonnenschein. Da war auch ein Pfarrer, ein Lehrer und ein Lagerführer. Hulda und Berta waren mit ihren Männern in einem Zimmer. Ihre Kinder waren in einem anderen Zimmer. Wir bekamen sehr schlechtes Essen. Wir bekamen von der Regierung aus das selbe Essen wie die Wehrmacht. Wir wurden aber sehr schlecht versorgt mit Essen. Der Lagerführer und die Köche haben uns betrogen, sie haben ihre ganze Verwandtschaft in der Stadt mit Essen versorgt. Kurt hat sehr gut gegessen - er aß auch Kunos Portion. Der Arzt kam zweimal in der Woche. Er sagte, Kurt sei zu stark. Horst kam dann vor die Türe und aß dann Kunos Portion. Kuno aß so wenig und Aline wollte es ja auch nicht. Friedrich und ich haben uns in der Stadt einen Sitzwagen gekauft. Friedrich musste dort auf die Arbeit. Er arbeitete auf dem Flughafenhorst. Wir Frauen bekamen 3 Reichsmark, die beiden Kinder 3 Reichsmark - das war unser Taschengeld. Vater verdiente in der ganzen Woche 6 Reichsmark. So hatten wir zusammen 12 Reichsmark in der Woche. Sonntags hatten die Männer frei. Ich ging mit den Kindern oft in die Stadt. Kurt war aus dem Säuglingsalter raus. Er bekam jetzt das volle Essen. Einmal habe ich an der Bäckerei angehalten. Ich schob Kurt mit dem Wagen vor das Fenster. Horst musste hineingehen und ich habe mich versteckt. Er sollte Brötchen verlangen und sagen „Für meinen Bruder auch“. Das nächste Mal ging es zu einem anderen Bäcker. Die Kinder bekamen jedes Mal ein Brötchen. Im Zimmer haben wir uns die Arbeit eingeteilt. Vor unserer Türe im Gang hat jeder seine Wäsche gewaschen. Auf jedem Stockwerk war nur ein Klo und da war auch nur eine Waschküche. Wir mit unseren Kindern mussten aber mehrmals in der Woche waschen. Es gab immer wieder Streit. Aber wenn so viel Menschen zusammen sind - zusammen 300 Mann - dann kommt das vor. Wenn ein Kind 1 Jahr alt war, bekam es keine Milch und keine Kekse mehr, nur noch Weißbrot. Einen Mittag gab es Blutwurst mit Salzkartoffeln. Wenn wir in die Wurst hineingestochen haben, kam das Blut herausgeschossen. Wir aßen die Kartoffeln, die Würste blieben alle liegen. Was die mit den ganzen Würsten gemacht haben, haben wir nie erfahren.

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Königswart

In Königswart waren sehr hohe Berge. Im Winter lag Schnee und es gab eine lange Schlittenbahn. Die war ungefähr 1 Kilometer lang bis runter in die Stadt. In der Stadt waren auch viele Soldaten.

Horst und Kurt in Königswart mit einer Betreuerin

Kurts Krankheiten Am 18. Dezember wurde Kurt 1 Jahr alt. Die Freude darüber war nicht lange. Kurt wurde krank, er bekam Scharlach und musste ins Krankenhaus nach Marienbad. Das Zimmer wurde ausgeräuchert. Ich bin mit Kurt ins Krankenhaus. Als er aufgenommen war, wollte ich wieder nach Hause. Die Ärzte dachten, dass ich Kurt noch die Brust gebe. Das war nicht der Fall. Der Arzt sagte, ich hätte die Bazillen eingeatmet und würde das ganze Lager anstecken. Ich sagte „Ich habe noch ein Kind zu Hause, nicht ganz 3 Jahre“ - Es half nichts, ich musste dableiben.

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Königswart

Wir schliefen in einem Bett. Ich bekam das Essen wie die Kranken auch. Ich habe Kurt gefüttert. Es waren lauter katholische Schwestern. Eines Abends kamen zwei Schwestern und haben Kurt ein Hemd angezogen. Das roch sehr nach Essig. Die Wickel sollte ich 4 Stunden dran lassen. Die Schwestern gingen ins Gebetshaus. Kurt hatte 40 Grad Fieber. Es dauerte kaum 5 Minuten, da kam schon der Todesschweiß aus Mund und Nase und er röchelte. Ich habe schnell die Wickel weggenommen, dann bekam Kurt wieder Leben und atmete. Am anderen Morgen, als ich das den Schwestern erzählte, staunten sie. Sie sagten dem Arzt nichts davon, ich auch nicht. Die Schwestern waren sehr leichtsinnig gewesen. Ihre Gebete waren ihnen wichtiger. Im Gang auf der anderen Seite waren Diphtherie-Kranke. Wir durften nicht zusammenkommen. Kurt fing an zu laufen - ich ging mit ihm auf dem Gang hin und her. Er musste an meiner Seite bleiben. Von der anderen Seite kamen große Mädels und machten die Türe auf, wenn keine Schwester unterwegs waren. Sie schmissen für Kurt Orangen herüber. Das war ja verboten. Ich nahm sie und versteckte sie im Zimmer. Im Lager gab es keine Orangen für Kinder. Ich habe mich nicht angesteckt und Kurt auch nicht. Das Essen war besser als im Lager. Ich habe sehr geweint wegen Horst. Friedrich musste ja zur Arbeit. Es war eine sehr schwere Zeit für mich. Es war sehr gut, dass Tante Maria im Zimmer war. Sie kümmerte sich um Horst: wusch ihn morgens, zog ihn an, nahm mit runter zum Essen. Sie sagte mir, er hätte oft im Stillen geweint. Friedrich musste mir ins Krankenhaus Wolle bringen - ich musste mich einrichten auf 3 Wochen über Weihnachten. Friedrich und Horst kamen jeden Sonntag auf Besuch. Um das Krankenhaus herum war ein hoher Drahtzaun. Er war etwa 50 m weit vom Haus entfernt und ich durfte nur das Fenster aufmachen. Ich setzte Kurt auf das Fenster. Es war so eine große Freude, dass man sich wieder gesehen hat. Unsere Zeit war dann um - wir wurden entlassen. Ich nahm die Koffer, Kurt in die Blacht und ging ins Leimener Lager. Dort schlief ich bei Verwandten. Am anderen Morgen kam der Lagerführer und holte uns ab. Die Freude war groß, als ich Horst und Vater wieder sah. 80


Königswart

Im Frühling wurde Kurt wieder krank: Mittelohrentzündung. Er musste wieder ins Krankenhaus gebracht werden. Ich bin mitgefahren. Wir fuhren nach Egerland ins Krankenhaus. Sie nahmen ihn nicht auf - es war alles überfüllt. Wir fuhren nach Karlsbad ins Krankenhaus. Kurt hat geweint. Er musste 9 Tage dort bleiben. Er kam schließlich doch zur Ruhe. Ich fuhr wieder zurück. Nach 9 Tagen hat ihn Friedrich wieder abgeholt. Die Schwestern sagten, Kurt wäre sehr brav gewesen. Nach ein paar Tagen bekam Kurt Lungenentzündung. Er hatte auch 40 Grad Fieber. Da kam er im Lager ins Krankenzimmer. Ich durfte bei ihm im Zimmer schlafen. Er bekam Spritzen und Umschläge. Er hat nicht gegessen, nur Orangensaft getrunken. Der Arzt war abends noch da und sagte, wenn er diese Nacht durchkommt, dann wird er wieder gesund. Der Pfarrer und der Lagerführer sagten, wenn das Kind die Krankheit überlebt, braucht er gute Pflege. Dann, am Morgen des 10. Tages, ließ das Fieber nach. Die Nacht über habe ich Umschläge gemacht. Als der Arzt morgens kam, sagte er „Jetzt hat er es überstanden“. Nach ein paar Tagen durfte ich ihn in unser Zimmer nehmen. Ich ging aber immer noch ins Schwesternzimmer: er bekam Milch mit Zucker drin. Ich ging zum Lagerführer und verlangte Marken für Kekse, Weißbrot und Süßigkeiten. Als ich in sein Büro kam, erschrak ich. Er hatte so viele Essenmarken und unsere Kinder bekamen nichts. Da kam noch der Pfarrer herein. Der Lagerführer fragte den Pfarrer, ob ich schweigen kann. Der Pfarrer bejahte es - so bekam ich Marken. Ich konnte jeden Tag für die Kinder einkaufen. Ich musste alles im Geheimen machen und musste schweigen. Das tat ich auch bis zur letzten Woche, bevor wir wegkamen.

Lagergeschichten Kurt war nun gesund. Er rannte den ganzen Tag im Zimmer hin und her. Wenn keiner in der Nähe war, riß er die Türe von dem kleinen Schränklein auf, schmiss alles heraus - Tante Maria war da sehr böse auf den Kurt. Eines Tages wollte Kurt hinter dem Ofen Holz vorholen zum Spielen. Es war ein eiserner Ofen. Da verbrannte er sich seinen Handrücken - das sieht man noch heute. Die Haut war so verbrannt - das rohe Fleisch hat man gesehen. 81


Königswart

Ich ging mit ihm ins Krankenzimmer. Dort haben sie es verbunden. Erst am anderen Tag kam der Arzt. Kurt hat geweint. Der Arzt schmierte immer etwas in den Verband, der herumgewickelt war. Morgens hat er immer den Verband mitsamt der Haut abgerissen. Es ging ein paar Tage so fort. Ich bin schon ganz ungeduldig geworden - da war meine Geduld dann zu Ende. Eine Frau sagte mir, ich solle den Verband weglassen und Kochöl darauf streichen. Es war sehr erstaunlich, Kurt hat nicht einmal geweint. Den Arm hielt er immer hoch, damit er nirgends anstieß. In der Nacht hat er gut geschlafen. Unsere Nachbarn haben sich gewundert. In ein paar Tagen war es geheilt. Unsere Männer aus dem Lager und die Männer aus der Stadt haben eine Abmachung getroffen: einen Wettlauf vom Lager um die Stadt bis wieder ins Lager zurück. Kein Mann durfte zurückbleiben. Unsere Männer im Lager waren die Sieger. Den Johann Sauter mussten sie tragen - aber sie haben es geschafft. Es gab sehr viele junge Soldaten. Sie kamen ins Lager und wollten die jungen Mädchen herauslocken, um mit ihnen spazierenzugehen. Aber die Mädchen gingen nicht mit. Neben unserem Lager war ein Kino und ein Theater. Mariechen, Hulda, Lora und noch andere Mädels haben mit dem Lehrer ein Theaterstück eingeübt. Die Einheimischen und auch der Lagerführer sagten, so was haben sie noch nie gesehen. Die Soldaten hielten uns für so einfach, das hätten sie von unseren Mädels nie geglaubt. Der Schnee taute langsam weg. Wir warteten auf warmes Wetter - es kam nicht. Die einheimischen Frauen gingen schon mit Sommerkleidern und wir saßen vor dem Haus mit Wintermänteln. Der Winter war nicht so streng und der Sommer kühl. Bei uns in der Nähe gab es 3 verschiedene Heilwasserquellen. Das Mineralwasser bekamen wir umsonst. Jeden Mittwoch kam ein Mann, schloß das Häuschen auf und wir füllten alle Gefäße umsonst. Die Einheimischen mussten bezahlen. Unten im Tal, nicht weit weg von unserem Hotel, gab es einen kleinen Brunnen. Das Wasser sah gelb aus. Unsere Mädels haben abwechselnd den ganzen Tag Wasser geholt und verkauft. Ein Glas 1 Reichsmark. Ich nahm auch einmal eines, es hat gerochen wie Arznei. Mein ganzer Körper war angeekelt, ich habe es nie wieder getrunken. 82


Königswart

Im Sommer war es schön. Wir gingen auf den hohen Bergen spazieren. Kurt mussten wir immer wieder tragen, weil es mit dem Wagen unmöglich war. Einen Sonntag gingen wir wieder zu viert spazieren. Es ging wieder hoch auf die Berge, die Pfade entlang. Wir kamen an einen großen Felsen. Dort saß ein junger Soldat mit einem jungen Mädchen. Sie saßen dicht beieinander und sahen aus wie eins. Horst sah sie, schrie ganz laut „Mama, Mama“ und zeigte mit dem Finger auf die beiden. Sie lachten. Einen Nachmittag nahm ich Kurt in den Wagen, Horst an die Hand und ging spazieren. Unten am Weg kamen so 6 Jungen im Alter von 12 oder 13 und wir gingen zusammen weiter. Plötzlich entdeckten wir einen Weg hinauf auf den Berg. Die Jungen wollten unbedingt dort hinauf, aber ich sagte, mit dem Wagen geht das nicht. Sie trugen den Wagen, ich Kurt und zwei andere halfen Horst. Ich hatte doch ein bisschen Angst, wir durften nicht alleine so weit weg vom Lager. Hoch oben war eine große Fläche mit ein paar Sträuchern. Dort wuchsen schwarze und rote Beeren. Ich sagte: „Kinder, eßt nicht von den Beeren, die sind vielleicht giftig“. Die Kinder nahmen Beeren mit ins Lager. Die Schwestern sagten, dass wären Eßbeeren, die könnten wir pflücken und in der Stadt verkaufen. Ich ließ Horst und Kurt bei Berta und Hulda und ging mit den Jungen in die Stadt, wir wußten den Weg. Viele Mädels gingen auch mit. Da war etwas los und wir haben die Beeren verkauft. Auf einmal hieß es, wir kommen in ein anderes Lager. Die Freude war groß endlich hier heraus. Vier Männer, die keine kleinen Kinder hatten, halfen beim Aufräumen, als der Aussiedlungsstab kam. Der Lagerführer und die Köchin wußten nichts davon und hatten keine Zeit mehr, die Sachen auf die Seite zu schaffen. Die 4 Männer wurden gefragt, wie das Essen war und sie sagten, schlecht. Der Stab fand eine große Menge Brot, Fässer voll Marmelade, ein Fass Butter und die ganzen Essensmarken. Der Lagerführer wurde gleich festgenommen und kam an die Front. Er ist dann auch gefallen. Die Köchin wurde eingesperrt, wo sie starb. Die Männer kamen in das Lager und erzählten uns alles. Das war das erste Lagerleben. Es dauerte 9 Monate.

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Königswart

Lager Batanjica Wir fuhren mit dem Zug nach Batanjica, Polen. Als wir dort ankamen, sagten die Angestellten, wir seien der schlechteste Transport, der jemals dort angekommen ist. Wir waren unterernährt. Wir wurden in einer großen, leeren Fabrik untergebracht. Wir schliefen auf den Holzbrettern mit Stroh und Decken. 1000 Menschen waren hier zusammen. Das Essen war sehr gut und wir hatten uns erholt. Es gab sehr viele Wanzen. Neben uns lagen unsere Verwandten aus Eigenheim. Vater, ich und die Kinder lagen mit den Köpfen zu ihnen. Die Wanzen haben uns nichts gemacht. Die ganze Nacht brannten deswegen die Lichter. Unser Nachbar konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Wir durften auch duschen. Einmal haben wir die Kinder bei meinen Schwestern gelassen und sind herumgegangen. An einer Kreuzung stand ein Jude und musste die Leute zurückweisen. Es war ein Judenviertel und es war verboten, hineinzugehen. Wir gingen trotzdem hinein, Tante Rosa war auch dabei. Wir sahen ein grausames Bild: die Straßen waren leer, die Türen der Häuser waren verschlossen, die Fenster voller Mückendreck und Spinnweben. Innen, hineingezwängt, Kopf an Kopf die Juden. Sie haben uns mitleidig angeschaut. Sie taten uns leid, das kann ich bis heute nicht vergessen. Wir mussten 8 Tage im Lager aushalten.

Die letzte Fahrt Wir wurden wieder in den Zug eingeladen und fuhren in das Lager Opelenjica. Dort waren wir aus Andrejewka so ziemlich wieder beieinander. Dort sahen wir wieder, wie die Juden arbeiten mussten. Wir hatten alle Namensschilder um. Alle mit dem selben Namen kamen in ein Zimmer. Da war es nicht schön. Die Betten standen aufeinander. Tante Rosa und Onkel Albert waren auch da.

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Vater und Horst haben oben geschlafen, ich und Kurt unten. In der Stadt konnten wir dann auch unser Gepäck abholen, das dort hingebracht wurde. Es war das, das Friedrich mit dem Wagen von zu Hause mitgenommen hatte. Es gab sehr gutes Essen. Wir waren auch wieder 8 Tage da. Die Kommission fragte Friedrich, welche Nachbarn wir später haben wollen. Er gab Onkel Eduard und Onkel Rudolf an. Wir wurden mit Transportbussen nach Mogilno gefahren. Von dort kamen wir nach Kornfelde und wurden abgeladen.

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In Polen

In Polen Kornfelde Onkel Eduard blieb im Dorf. Theodor Käss und wir wurden von unserem Polenknecht abgeholt. Als wir vom Dorf hinausfuhren, sagte Horst „Die denken, wir sind Hasen“. Die Frau Käss hat so geschrien und geflucht, dass der Pole es mit der Angst bekam. Ich musste über den Polen lachen, aber ich habe sie immer getröstet. Als wir näher kamen sahen wir ein schönes, hohes Haus und ein kleines, niedriges Haus, das mit Pappe gedeckt war. Der Besitzer hat uns empfangen. Ich sagte „Nun hast Du das große Haus“: Pferde, Kühe, Schweine, Hühner, eine Glucke mit kleinen Enten. Die Scheune war voll mit Getreide. Theodor Käss hatte gleich mit dem Pietz getauscht, weil der Vater der Frau Pietz in Kornfelde war. Die Frau Käss kam zu uns herüber und fing wieder an zu fluchen: bei ihnen waren leere Ställe auf dem Hof. Die Volksdeutschen hatten alles mitgenommen und nur einen Besen im Stall gelassen. Nicht weit von unserem Hof in Richtung Schlabau wohnte mein Rudolf.

Aufbau N un ging bei uns die Arbeit los. Innen und außen war alles sehr schmutzig. In den Ställen war der Mist von Kühen und Pferden nicht ausgemistet worden. Auch innen im Haus mussten wir alles neu machen. Über dem Herd war ein offener Kamin, alles war verräuchert, die Mücken hatten alles verschmutzt und der Boden war kaputt. Zwischen den Brettern waren so große Ritzen, wir mussten Bretterstreifen draufnageln, damit wir uns nicht die Füße verletzten. Horst war sehr glücklich, er durfte jeden Tag Nägel in den Fußboden reinschlagen. Kurt war 2 Jahre alt, Horst wurde im Februar 5 Jahre. Vater musste draußen alles in Ordnung bringen und ich drinnen. Die Bettgestelle waren sehr schmutzig und da lag auch noch ein Federbett, das habe ich gleich in den Stall getragen für unsere zwei Knechte.

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In Polen

Wir haben in der Wohnstube auf dem Boden geschlafen, Federdecken, Kissen und Steppdecken haben wir alles mitgebracht. Nach 8 Tagen bekamen wir ein neues Schlafzimmer, ein Kinderbett, ein Sofa und einen Wohnzimmerschrank. Wir haben die zwei Betten im Wohnzimmer aufgestellt, bis die anderen Möbel kamen. Im Schlafzimmer waren die Fensterscheiben eingeschlagen, wir konnten nur die Läden zumachen. Den ersten Winter haben wir im Wohnzimmer geschlafen. Ich habe so viel geputzt, dass meine Arme ganz dick geschwollen waren. Im Frühjahr lag im Hof 20 cm hoch Dreck. Vater musste ihn ausstechen wie einen Schafstall. Ida kam gleich im ersten Jahr auf Besuch. Unser Knecht musste Horst, Ida und mich zur Rosa fahren nach Schwarzfelde, Vater und Kurt waren zu Hause. Als wir hin kamen, war auch Tante Hilda zu Besuch. Die Kinder schliefen in den Betten, wir mussten auf dem Boden schlafen. Als wir uns alle ausgezogen hatten, sagte Horst: „Die Mama braucht keinen Ofen. Sie gewärmt sich beim Papa“. Alle haben gelacht. Es war die Wahrheit. Schlachten durften wir nur auf Genehmigung vom Bürgermeister. Wir durften ein Schwein schlachten. Eier haben wir auch gehabt. Wir mussten vieles abliefern, aber mit den Jahren hatten wir genug zu essen. Im August 1941 kamen wir auf den Hof. Uns gehörten 119 Morgen Ackerland, wir mussten unserem Nachbarn 25 Morgen abgeben. Das Land war sehr gut. Wir pflanzten Rüben, Kartoffeln, Weizen, Hafer und Gerste. Ich bekam ein polnisches Mädel, die in der Küche schlief. Wir haben einen neuen Bretterboden hineingemacht. Ich bekam einen neuen Herd und der Kamin wurde umgebaut. Die Küche habe ich geweißelt. Nun war alles neu. Am Anfang habe ich noch 4 Kühe gemolken, der Muschinski hatte auch mitgeholfen; zwei polnische Familien gehörten auch zu der Wirtschaft und mussten bei uns arbeiten. Während der Kartoffelernte habe ich für alle gekocht - die freuten sich riesig. Vater gab den Arbeiterfamilien immer zu den Feiertagen Säcke voll Weißmehl, das war eigentlich verboten.

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In Polen

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Schulgeschichten H orst musste nach Kornfelde in die Schule. Das war 1 km von uns entfernt. Von unserem Haus konnte man gerade durch die Felder einen Weg gehen. Vor dem Dorf mussten wir an einem großen See vorbei, da waren sehr viele Fische. Der See war sehr tief. Am Anfang ging ich im Winter dorthin. Der See war gefroren und die Fische kamen unter dem Eis an den Rand. Ich sagte zu Horst „Geh nicht so dicht hin, dann ziehen Dich die Fische hinein und Du musst ertrinken“. An einem Tag kam Horst zu Mittag nicht nach Hause und ich machte mir große Sorgen. Ich ging mit Kurt zu Tante Christine, die im Dorf wohnte. Horst war dort. Christine gab ihm Pfannkuchen. Er hatte zu lange gehungert und musste alles erbrechen. Er war richtig krank. Ich fragte nach der Ursache. Horst sagte „Wegen der Rechnung, die hat doch gestimmt“. Ich bin gleich zur Lehrerin und zeigte ihr die Rechnung. Sie sollte den Fehler suchen. Sie fand keinen und sie sagte „Das Mädel hat die Hefte durchgeschaut“. Ich sagte „Wenn das noch mal vorkommt, dann zeige ich sie an“. Ab da kam Horst bei ihr immer vorne dran. Einmal war ein Fest, da mussten die Schüler Gedichte hersagen. Unser Ortsgruppenleiter war ein sehr reicher Mann mit 500 Morgen Land. Er hatte zwei Mädchen, die waren ein, zwei Jahre älter wie der Horst. Die Lehrerin hatte mit Horst und den beiden Mädchen ein Stück eingeübt. Sie mussten immer abwechselnd hersagen. Horst konnte es besser als die Mädchen. Wenn so etwas war, hat die Lehrerin den Horst immer mit den beiden Mädchen zusammengestellt. Am Nikolaustag mussten die Kinder auch wieder Gedichte hersagen. Das war in einer großen Halle, wo alle zusammenkamen. Der Ortsgruppenleiter war auch mit seiner Frau da. Horst und die beiden Mädchen kamen auch dran. Kurt war vier Jahre alt. Ich lernte Kurt ein Gedicht vom Nikolaus schon vor diesem Fest. Als der Nikolaus kam, haben sich alle Kinder gefürchtet. Er sagte, die Kinder sollten zu ihm kommen und ihre Gedichte hersagen, dann bekommen sie etwas aus dem Sack geschenkt. Ich sagte zu Kurt „Kannst Du noch das Gedicht vom Nikolaus?“ Er sagte ja.

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Ich fragte „Willst Du es hersagen?“ „Ja“. Ich nahm Kurt bei der Hand und führte ihn nach vorne zum Nikolaus. Er war gar nicht ängstlich und sagte ganz laut das Gedicht her. Man hat jedes Wort verstanden. Der Nikolaus hat Kurt sehr gelobt und beschenkt. Alle haben in die Hände geklatscht und ihn gelobt. Im Winter, wenn viel Schnee lag, wurden die Kinder mit Pferd und Schlitten in die Schule gebracht und wieder geholt.

Schweine schlachten 1943 D ie Polen waren schlimm dran. Einmal bekam ein Pole einen Schlachtschein, um ein Schwein zu schlachten. Er schlachtete aber zwei Schweine und wollte das eine beiseite schaffen. Gerade, als der Schweinebeschauer kam. Er fragte den Polen, ob er nur ein Schwein geschlachtet habe und der sagte ja. Da lagen aber noch die Seile mit je einem Schwanz dran. Er hatte sich damit selbst verraten und wurde gleich verhaftet. Muschinski, der Hofbesitzer, wollte immer Vater überreden, er soll nicht so viel abliefern. Vater aber sagte nein. Der wollte nur, dass Vater eingesperrt wurde. Wir hatten Angst, schwarz zu schlachten. Eines Tages kam Muschinski zu Vater und sagte, wir könnten doch auch einmal schwarz schlachten, doch Vater lehnte ab. Die Arbeiter waren gerade im Wald, um Holz zu machen. Ich hatte ihnen für den ganzen Tag das Essen mitgegeben. Vater fuhr in die Stadt. Neben dem Schweinestall war ein großer Kessel, in dem immer Kartoffeln für die Schweine gekocht wurden. Muschinski und seine Frau hatten es sich selbst vorgenommen, ein Schwein schwarz geschlachtet und ausgeputzt. Sie waren im Stall am Ende des Hauses. Auf einmal kam der Betreuer bei mir zur Türe herein. Ich hatte gerade Kurt angezogen. Der Betreuer kam ab und zu mal vorbei, ging in alle Ställe und schaute, ob alles in Ordnung war. Ich habe ihn sehr lange hingehalten. Er fragte, wo Vater wäre und ich sagte „In der Stadt und die Arbeiter sind beim Holz fällen“. Er schaute auf die Uhr und ging dann zu Pietz. Ich ging raus und sagte „Wir sind gerettet“.

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In unserer Wohnstube war ein viereckiges Loch im Boden. Über eine kleine Leiter habe ich das gesalzene Fleisch im Topf hinuntergebracht und oben drauf eine Decke gelegt. Wurst haben wir keine gemacht. Unsere Knechte haben es gemerkt, aber nichts gesagt. Das Fleisch bekam da unten keine Luft. Es roch so komisch. Ich hatte eine Schüssel voll Fleisch zu Onkel Eduard runtergefahren. Sie sollten es aufessen und niemand etwas sagen. So etwas kam nicht mehr vor. Wir glauben, der Muschinski wollte uns reinlegen, weil wir auf seinem Hof waren.

Die Nationalsozialisten übernehmen Es gab viele Versammlungen. Von der Partei aus wurde immer gepredigt, dass deutsche Frauen nicht mehr arbeiten brauchten. Wir haben untereinander gesagt, „Die verlieren den Krieg“. Die Kirchentaufe wollten sie abschaffen, auch die Trauung sollte die Partei übernehmen. Mich haben sie gewählt zur Blockfrau. Ich musste für 3 Tage nach Mogilno. Wir waren dort in einem Gasthaus untergebracht. Morgens nach dem Aufstehen wurde die Fahne gehißt, dann mussten wir Hitlerlieder singen. Danach wurde gefrühstückt und dann gingen wir in einen Saal. Es kam ein hohes Tier von der SS-Mannschaft. Dann wurde geredet. Bei mir im Zimmer war eine 55-jährige Frau. Sie sagte „Das können wir nicht mitmachen“. Man lehrte uns, wie man parteiisch die Kinder taufen und bei Trauungen von der Partei den Saal schmücken soll. Es gab keine Konfirmation und man sollte aus der Kirche austreten. Als der SS-Mann so geredet hat, sagte die 55-jährige Frau: „Dann ist es genau wie bei den Kommunisten“. Er schrie so laut und wir haben uns alle erschrocken. „Ich könnte Sie einsperren lassen! Aber wir sind nicht so wie die Kommunisten! Wir haben den Kommunismus verhindert! Wenn Hitler nicht gekommen wäre, dann wäre alles kommunistisch!“ Es war alles ruhig. Ich sagte zu ihr am Abend, dass sie das nicht hätte sagen sollen. An einem Tag hat er uns vorgepredigt - er zeigte uns ein Bild, wie man Hochzeiten verschönern kann ohne eine kirchliche Trauung.

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Und wie man eine Taufe gestalten kann. Ich bekam dann eine silberne Nadel angesteckt. Ich war froh, als ich wieder zu Hause war. Wir hatten mit den Einheimischen einen Bastelnachmittag eingerichtet. Da kamen ledige Mädels und auch Frauen. Ich musste einmal in der Woche alles leiten.

Selma und Gertrud Pietz Pietz' hatten zwei Mädchen. Selma war ein Jahr jünger als Horst, Gertrud ein Jahr jünger als Kurt. Sie haben immer miteinander gespielt. Im Winter gab es Glatteis. Ich sagte „Horst, führe die Selma nach Hause“. Er bruddelte „Die Dicke, Fette“, schließlich nahm er sie aber doch an die Hand und führte sie nach Hause. Wir mussten alle lachen. Als die Selma auch zur Schule musste, haben wir die Kinder im Winter abwechselnd mit Pferd und Schlitten runter gebracht und wieder heimgeholt. Es hat uns schon sehr gut gefallen: im Winter Schlittenfahren und im Sommer das Wasser.

Selma und Gertrud Pietz

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Kindergeschichten Wir hatten Bienenstöcke im Garten, die eingezäunt waren, damit kein Kind hinein konnte. Im Sommer haben wir mit Muschinski den Honig geschleudert. Horst und Kurt wollten Honigbrote. Wir hatten im Hausgang geschleudert, draußen war es unmöglich wegen der Bienen. Ich gab ihnen ein Honigbrot und sie mussten in die dunkle Wohnstube. Die Bienen waren sehr durcheinander und kamen in den Flur. Als wir fertig waren, wurde das ganze Geschirr und die Mühle wieder in den Garten auf eine Bank gelegt. Die Bienen haben den Honig weggeholt. Als ich wieder nach draußen ging, saßen Kurt und Gertrud Pietz auf der Bank. Ich schrie „Kommt weg!“. Ich sprang schnell hin und holte zuerst die Gertrud, gleich danach den Kurt. Die Gertrud war jünger als Kurt. Es war fürchterlich: Gertrud hatte 5 Stiche, das war nicht so schlimm. Kurt hatte 9 Stiche. Vater und ich zogen schnell die Stiche raus. Der Gertrud hatte es gar nichts gemacht. Kurt schwoll der ganze Kopf zu und er ist blind gewesen. Er weinte und die Tränen kamen zwischen der Geschwulst heraus. Wir fuhren schnell zum Arzt nach Pakosch, das war 6 km von uns entfernt. Kurt bekam eine Spritze. Ich habe ihm noch zu Essen gegeben und brachte ihn ins Bett. Am nächsten Morgen konnte er wieder sehen. Es dauerte ein paar Tage, bis die Geschwulst wieder weg war. Die Kinder waren schon etwas größer und wir gingen im Sommer jeden Tag runter zum Baden. Das Wasser war schön und klar. Samstags wurden auch die Pferde gebadet. Die Knechte wollten nicht ins Wasser, aber Vater stand so lange daneben, bis sie fertig waren.

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Wir hatten vier Truthähne. Horst und die Pietz-Mädchen hatten Respekt vor ihnen, aber Kurt nicht. Er ging auf sie los und riß ihnen die ganzen Schwanzfedern aus.

Ohne Worte ...

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Frau Pietz bekam das dritte Kind. Ihr Mann war bei der Wehrmacht. Ihre Schwiegermutter kam gegen Morgen zu uns herüber und klopfte ans Fenster. Ich soll schnell rüber kommen, Albertine bekommt ein Kind. Als ich rüber kam, war das Kind schon da. Die Oma hatte dem Kind schon die Nabelschnur abgeschnitten, ich habe sie noch gekürzt. Dann haben wir das Kind gebadet. Ihr polnischer Knecht holte die Hebamme, die hat uns geschumpfen, wir sollten das Kind liegen lassen, bis sie kam. Bei der Frau Pietz haben wir nichts getan. Am nächsten Morgen, als Horst und Kurt aufgestanden waren, sind wir nach dem Essen und Waschen rüber gegangen. Die Kinder standen um das Bett herum und waren ganz begeistert. Ich sagte „Nun müssen wir gehen“. Horst wollte nicht weg von dem Bettchen. Ich sagte, „Der Storch hat es zum Kamin hinein geworfen“. Als wir nach Hause kamen, sah Horst bei uns auf der Scheune ein Storchennest mit lauter kleinen Störchlein. Er war wütend über die Störche. „Warum haben sie es nicht bei uns in den Kamin geschmissen?“ Ich sagte „Wegen den großen Kastanienbäumen“. Am nächsten Morgen kam Horst mit Säge und Spaten an. Ich fragte ihn, „Was willst du damit?“ „Die Bäume absägen, dass die Störche unseren Kamin sehen können“, antwortete er. Er ging immer rüber und betrachtete das Baby. Einmal wollten wir auf Besuch fahren. Die Pferde waren schon am Kutschenwagen eingespannt, die Kinder saßen schon auf dem Wagen und der Knecht stand daneben. Auf einmal nahm eines der Kinder die Peitsche und schlug auf die Kutsche. Die Pferde rannten los und schleppten den Knecht mit. Sie wollten zum Tor hinaus, aber es war zu. Sie bogen längs ab, dort waren Sträucher, Fliederbüsche und unser Brunnen. Dort blieben sie hängen. Die beiden Kinder waren ganz munter auf dem Wagen; wenn das Tor offen gewesen wäre, wären sie ums Leben gekommen. Vater musste mit dem Knecht zum Arzt.

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Horst und ich fuhren zur Tante Hulda nach Wreschen. Da mussten wir in Posen umsteigen. Wir gingen die Treppe hinunter auf das andere Gleis. Im Warteraum standen viele Soldaten. Plötzlich kam eine feine Dame herein, die hatte sich sehr geschminkt. Es war ihr peinlich. Horst zeigte mit dem Finger auf sie und schrie ganz laut „Mama, die ist ja ganz rot“. Die Männer klatschten in die Hände und lachten. „So ist es schön, Junge“. Die Dame rannte wieder die Treppe hoch und schämte sich. Bei uns war ein Schuppen zwischen Scheune und Kuhstall. Dort waren alle Leihmaschinen, andere Geräte und eine Schaukel untergebracht. Die Kinder spielten dort unten. Einen Sonntag bekamen wir Besuch: ein Pole mit seinem Jungen. Die Kinder spielten wieder im Schuppen. Dort war auch eine Putzmühle. Horst hat sich die Räder des Mahlwerkes angeschaut und mit dem Finger hinein gelangt. Der Polenjunge hat losgetreten und schon war es geschehen. Horst kam aus dem Schuppen herausgerannt und weinte fürchterlich. Ich ging ihm entgegen. Er hatte ein Loch im Finger. Es hat sehr geblutet und ich habe etwas herumgewickelt. Wir fuhren schnell nach Pakosch zum Arzt. Er hat die Wunde gesäubert, Horst eine Spritze gegeben und noch etwas zum Schmieren. Das Zeichen sieht man heute noch. Tante Else war bei uns auf Besuch mit Aline und Kuno. Aline ist vier Monate älter als Horst. Wir schauten zum Fenster hinaus. Horst nahm Aline an die Hand und führte sie herum. Sie machten einen Rundgang und er zeigte ihr alle Ställe. Wir mussten darüber lachen, Horst war wirklich interessiert an der Landwirtschaft.

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Dies und Das Wir hatten in der Wohnung ein altes Radio. Vater suchte immer wieder seine Zigarettenblättchen und sagte, ich hätte sie weggenommen. Auch Nussschalen kamen immer wieder weg. Auf einmal ging das Radio nicht mehr und wir holten einen Fachmann. Im Radio war ein Mäusenest. Die Mäuse hatten die Drähte angefressen. Wir waren ein Jahr im Haus. Immer wenn ich in die Wohnstube kam, kam ein unangenehmer Geruch von der Seite, wo das Radio stand. Vater sagte, er riecht nichts. Der Bretterboden war ziemlich kaputt und wir mussten ihn ausbessern lassen. Als die Bretter weggerissen wurden, entdeckten wir einen alten Frosch mit 12 Jungen, das war die Ursache. Wir haben den ganzen Boden ausgebessert und mit Filz ausgelegt. Zu uns ist viel Besuch gekommen. Dann haben wir auf dem Filzboden geschlafen. Der Eigentümer vom Hof, Muschinski, spielte den Weihnachtsmann. Wir haben ihm die Geschenke für die Kinder gegeben. Horst und Kurt haben Sprüche aufgesagt und zusammen gesungen. Horst bekam einen Lastwagen. Als der Weihnachtsmann ihn ihm gab, schrie er ganz laut „Wo ist des Schäufele?“. Wir mussten lachen. Kurt bekam einen Schubkarren. Edwin Wiedmann war bei uns auf Besuch. Wir wollten nach Schwarzfelde fahren, Tante Berta und Tante Rosa besuchen. Wir fuhren mit dem Zug. In Mogilno mussten wir aussteigen. Der Bahnhof war 3 km von Schwarzfelde ab. Als wir ausstiegen, sah man schon das Dorf. Es wurde schon dunkel. Wir gingen dann einen verkehrten Weg. Wir kamen an eine Kreuzung mit einem hohen Wegweiser. Ich hob Edwin hoch aber er konnte nichts lesen, weil es schon zu dunkel war. Ich sagte „Gehen wir den rechten Weg“. Wir liefen und liefen, auf einmal sahen wir Licht. Wir kamen an einen großen Aussiedlerhof mit einem kleinen Garten und einem hohen Drahtzaun herum. Haus und Ställe waren zusammengebaut. Der Weg war zu Ende. Wir suchten kleine Steine und schmissen sie an die Scheunentür. Die Hunde rasten an der Kette. Immer wieder schmissen wir Steine, das krachte, als würden Bomben fallen. Aber keiner machte auf. Ich nehme an, dass die Bewohner Angst hatten. Wir liefen wieder zurück bis an den Wegweiser. Es war eine klare Nacht ohne Mond. Wir schauten immer in den Himmel nach den Sternen. 98


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Dann gingen wir den linken Weg. Ich hatte sehr viel Angst, aber im Stillen, damit Edwin es nicht merkte. Wir kamen in einen tiefen Wald. Wir gingen immer den Weg entlang und schauten in den Himmel nach den Sternen. Wir kamen aus dem Wald heraus, liefen noch 1 km, da sahen wir weit weg in der Ferne ein Licht. Als wir näher an das Dorf herankamen, wusste ich schon, das war Schwarzfelde. Ich wusste, wo Vaters Cousine wohnte, ich hatte doch Angst vor den Hunden. Vor dem Haus war ein kleines Gärtchen. Wir gingen an die Tür und klopften an. Dann kam die Berta und fragte, „Wer ist da?“. Ich sagte „Emma“. Sie erkannte mich an der Stimme, es war 2 Uhr in der Nacht. Sie wunderte sich sehr, wo wir so spät noch herkamen. Sie gab uns gutes Essen und ich habe ihr alles erzählt. Sie sagte, weil wir uns so verirrt hatten, dürften wir nun in den weißen Betten schlafen. Am nächsten Morgen gingen wir zu Tante Rosa, etwa 1 km mussten wir noch laufen. Wir erzählten alles, was wir durchgemacht hatten. Nach 2 Tagen sind wir wieder heimgefahren.

Hohensalza Ich war 2 Jahre hintereinander im Kurort Hohensalza. Jedes Jahr für 3 Wochen. Ich bekam verschiedene Bäder: Moorbad, Kohlensäure, abwechselnd kalte und warme Duschen, Massagen. Jeden Morgen wurde geturnt. Nach dem Baden wurden wir in Decken eingewickelt und mussten 1 Stunde liegen. Dazu bekamen wir ein Glas Buttermilch. Nachmittags hatten wir frei und ich ging in die Stadt. Diese Zeit war sehr schön. Jeden Nachmittag hat die Militärmusik gespielt. Da waren sehr viele Gäste. Dann kam Vater mit Kurt und Muschinski mit dem Lederwagen ins Krankenhaus. Kurt hatte am Unterarm eine große Geschwulst so groß wie ein Hühnerei. Das musste operiert werden. Als wir Kurt abgeliefert hatten und weggingen, hat er geweint. Ich bin dann jeden Tag ins Krankenhaus gegangen. Ich durfte nicht zu ihm, sondern schaute nur zum Fenster hinein. Da standen größere Kinder um sein Bett und spielten mit ihm. Er war ganz vergnügt. Nach 3 Wochen war meine Kur zu Ende und ich konnte auch Kurt mit nach Hause nehmen.

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Postkarte von Emma an die Familie (unten die R端ckseite)

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Übersetzung - soweit es noch möglich war: Lieber Mann, wo du weggefahren warst, da war ich in der Stadt. Ich hab ... Kaffee 252 Reichsmark, unbezahlbar jetzt. Ich bezahlt 58 Reichsmark. 200 müssen wir noch wohl zahlen für unsere Kost und Quartier. Wenn du kommst, bringe 200 M mit. 2 Tage bin ich hier. ... Lieber Mann, bis wir das Geld nicht genauer ... Ich fühle mich sehr wohl. Erhalte Bäder und auch Solbad mit Dusche, ein Moorbad. Wenn du kommst, bring mit etwas Weißmehl und ... Horstchen, sei immer folgsam und brav. Kommt mit dem Jungen. Was macht Kurt? Wenn du kommst, dann komm so, dass ihr nachmittags auch hier seid, dass doch Horst auch was hört von der Musik. Ich wünsche euch alle Gesundheit. Grüß auch Pietz von Mama. Heil Hitler. Abs. Adolf-Hitler-Straße Emma Sauter bei Jasielski Kurverwaltung

Adr. Friedrich Sauter Kornfelde Hof: Kornfelde Kreis Mogilno

Die Polen Muschinski und seiner Frau gehörte der Hof. Wir waren nur Treuhänder. Vater nahm Muschinski immer in Schutz. Seine Frau hatte eine deutsche Kochschule gemacht. Sie hatten auch deutsche Essensmarken. Sie brauchten auch nicht so viel zu arbeiten wie die Arbeiter. Sie half mir im Haushalt und er half draußen auf dem Hof. Zu unserem Hof gehörten noch 2 Familien von Arbeitern. Die 2 Knechte schliefen im Stall. Wir mussten alle versorgen. Muschinski war vorher, in der Polenzeit, Bürgermeister. Er beschützte viele deutsche Familien. Bei der Rüben- und Kartoffelernte habe ich für alle, auch die Kinder, gekocht. Außer für Muschinskis. Die Arbeiter haben sich darüber sehr gefreut. Vater hat den Arbeitern zu den Feiertagen immer was gegeben. Sie haben bei uns sehr gerne gearbeitet.

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In Polen

An einem Tag mussten wir alle ins Dorf, auch die Polen. Damals war es genauso wie beim Kommunismus: die kleinen Einheimischen, die vorher nichts hatten, wurden Bürgermeister. Die anderen traten in die Partei ein und dann bestimmten sie alles in der Gemeinde. Der Günitz war ein kleiner Mann, nun hatte er die Partei übernommen. Der Günitz kommandierte die Polen herum. Muschinski hat sich gewehrt, da ging Günitz hin und verhaute ihm die Backen. Wir haben uns sehr aufgeregt. Wehe, wenn sich einer für die Polen eingesetzt hat, dann warst Du dran. Wir mussten alle in einem Raum voller Rauch Gasmasken aufsetzen. Die polnischen Männer und Frauen hatten keine. So mussten wir jeden Monat üben. Bevor Hitler Polen eingenommen hatte, haben die Polen viele Deutsche auf grausame Weise umgebracht. Die Leute haben uns erzählt, dass eine junge deutsche Frau schwanger war - sie wurde lebend an einen Baum gebunden und sie haben ihr den Leib aufgeschnitten. Einem Mann haben sie die Zunge an einen Schraubstock genagelt. Nach dem Hitlerkrieg haben die Polen die Deutschen, die im Land geblieben waren, wieder grausam behandelt: Vier Männer von unserem Dorf wurden mit Prügeln erschlagen. Augenzeugen können das bezeugen. Im Fernsehen wird nur von den bösen Deutschen berichtet. In Russland wurden unzählige Millionen Deutsche umgebracht, in Polen fünfhunderttausend. Da schweigt alles. Die Deutschen sind zu gut. Eines Tages fuhr ich mit Pferd und Wagen mit Kurt und einem Polenknecht in die Stadt. Als wir die Einkäufe aufgeladen hatten, sagte ich zu Kurt, „Du bleibst auf dem Wagen, ich muss noch was erledigen“. Zum Knecht sagte ich, er soll auf den Kurt aufpassen. Als ich zurück kam, war Kurt verschwunden. Ich schimpfte den Knecht aus, er sagte, er wäre nur kurz reingegangen, Zigaretten holen und als er wieder rauskam, war Kurt weg. Ihr könnt Euch denken, wie ich besorgt war. Ich ging gleich zur Polizei. Sie fragten, ob wir Bekannte oder Verwandte in der Stadt hätten und ich sagte ja. Wir suchten bei den Bekannten, aber keiner wusste etwas. In der Stadt haben wir ihn auch nicht gefunden. Die Polizei sagte mir, sie werden ihn weiter überall suchen.

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In Polen

Zu Hause war er auch nicht, ich war in großer Not. Kaum hatten wir die Pferde ausgespannt und die Sachen reingetragen, kam ein Mann auf einem Fahrrad hereingefahren mit dem Kurt hinten drauf. Er hatte ihn gefunden und Kurt hatte gesagt, er möchte nach Hause. Der Mann hatte ihn gefragt, wie er heißt. „Kurt Sauter, Kornfelde“. Er wusste, wo das war und dass wir da wohnten und hat ihn gebracht. Ich habe mich so gefreut und ihm gedankt. Ich gab ihm viele Eßwaren mit. Es war ein Pole. Es gab doch immer wieder gute Menschen. Es war sehr wichtig, dass ich den Kindern beigebracht hatte, ihren Namen und das Dorf zu sagen.

Friedrich wird eingezogen Bisher brauchte Vater nicht zum Militär, weil er auf einem Ohr nicht hörte. Günitz drängte Vater, in die Partei einzutreten, in die SA. Vater lehnte ab. Eine Woche nach seiner Ablehnung wurde er eingezogen. Das hatte nur der Günitz gemacht. Vater kam nicht an die Front. Er kam nach Doprudscha in die Nähe vom Schwarzen Meer.

Muschinski Eines Tages bekam Muschinski vom Landratsamt eine Einladung, er sollte sich zur Wehrmacht melden. Richard Pietz war gerade auf Urlaub zu Hause. Muschinski kam zu mir und erzählte es. Er hatte schon drei Schreiben bekommen und immer abgelehnt. Richard und ich sollten nach Mogilno fahren und ihn freisprechen. Wir fuhren also mit dem Knecht mit Pferd und Kutschwagen hin. Ich sagte zu Richard „Du bleibst hier, ich gehe alleine rein“. Als ich reinkam, saßen lauter hohe SS-Männer am Tisch. Ich sagte „Mein Mann ist Soldat und Frau Pietz' Mann auch. Wir haben zwei große Landwirtschaften zu bewirtschaften“. Der eine hohe Herr schrie mich an „Sie helfen auch noch einem Polen!“, dass ich ganz erschrak. Er sagte, ich würde Ersatz bekommen. Als Vater eingezogen wurde, hatte Muschinski mich gebeten, in unser Haus einzuziehen, wir hatten ja ein leeres Zimmer. Ich habe Vater geschrieben, er war damit einverstanden. Sie brachten also ihre Möbel und die Nähmaschine mit.

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In Polen

Wir hatten noch nicht so viele Möbel im Haus und konnten alles bei uns unterstellen. Sie brachten auch ihre Kuh mit und stellten sie zu unseren Kühen in den Stall. Nun dachte ich, jetzt wird alles einfacher, weil Muschinskis auf dem Hof wohnen. Seine Kuh war sehr fett. Sie hat mehr Milch gegeben als unsere 6 Kühe zusammen. Ich schickte Horst in den Stall nach den Kühen zu schauen. Er kam zurück und sagte, Muschinskis Kuh hat alleine so viele Rüben und Mehl und bei unseren ist ganz wenig. Es war Frühling. Eines Morgens kam der Betreuer und fragte nach Muschinski. Ich sagte, er wird noch im Zimmer sein. Der Betreuer schaute sich alles genau an, auch die Kühe und Pferde. Er fragte, wem die fette Kuh gehört. Ich sagte, dem Muschinski. Dann fragte ich ihn, wer für die Landwirtschaft verantwortlich ist und er sagte „Sie, nicht der Muschinski“. Dann habe ich alles in die Hände genommen: ich schaute mir das Getreide auf dem Boden an und die Kartoffeln im Keller. Das Getreide hat nur noch zum Säen ausgereicht und die Kartoffeln waren fast alle weg. Ich musste Kartoffeln kaufen zum Pflanzen. Dann habe ich alles abgeschlossen und das bisschen, was noch da war, meinen Tieren gefüttert. Muschinski war so falsch zu mir. Deswegen musste er weg, weil er wahrscheinlich unser Getreide und die Kartoffeln den anderen Polen verkauft hat. Die Familie Muschinski musste den Hof innerhalb von 24 Stunden verlassen. Sie durften nur Bettwäsche und Leibwäsche mitnehmen. Seine Frau hatte sich ganze Zwiebelaugen ausgeweint. Wir hatten nur noch Muschinskis Nichte als Magd und noch ein Mädchen, eine Schwarzmeerdeutsche aus Russland namens Lena. Wenn eine Polenfamilie weg musste, war es so, dass gleich der Bürgermeister und die Partei kamen und die ganzen Möbel beschlagnahmten. Muschinski musste das gewusst haben. Er hatte zu mir gesagt, ich solle die Sachen als mein Eigentum angeben, auch die Nähmaschine. Da wir noch keine Nähmaschine und auch sonst wenig Möbel hatten, ging es. Also kam eines Tages der Bürgermeister und die Polizei, da hatte ich Muschinski aus der Patsche geholfen, ich sagte „Da ist nichts mehr zu holen, ich habe alles als mein Eigentum angenommen“. Dann gingen sie wieder.

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In Polen

Der Ortsgruppenleiter bei uns im Dorf verstand sich sehr gut mit dem Muschinski. Er hat ihn mit seiner Familie weit fort von unserem Dorf auf einen großen Gutsbesitzerhof versetzt. Ihm ging es gut und er brauchte nichts zu arbeiten. Er bekam ein Motorrad und musste schauen, dass die Arbeiter arbeiteten. Ihre Sachen hatte ich ja aufbewahrt bis wir flüchteten. Wenn Muschinski auf dem Hof geblieben wäre, hätte ich nichts zu lachen gehabt. Er hätte bestimmt was an unserem Wagen gemacht und seine guten Pferde hätte er uns auch nicht gegeben. Gott hat alles gut gemacht, darum bin ich ihm heute noch dankbar.

Die letzten Monate In Kornfelde waren 10 Familien aus Andrejewka, da hat man sich doch nicht so verlassen gefühlt. Acht große Mädels und auch Jungen kamen gerne zu uns da war auch Vater noch zu Hause. Da das Kino von unserem Hof aus noch weiter weg war, mussten sie an unserem Hof vorbei und einen Gehweg im Ackerland entlang. Ich ging auch manchmal mit - im Winter, wenn die Abende lang waren. Wir haben uns gut unterhalten und haben viel Spaß daran gehabt. Einmal kam Vater nochmal auf Besuch und brachte seinen Kameraden mit. Es war ein kurzer Besuch: 3 Tage. Ich freute mich sehr. Wir konnten alles wegen dem Muschinski durchsprechen. Vater sagte, er hätte das nie gedacht, dass der so war. Als die 3 Tage vorüber waren, bin ich mit Vater mitgefahren bis Posen. Als wir im Bahnhof ankamen, gingen wir in einen großen Wartesaal. Da durften nur die Flieger mit dem Abzeichen rein. Vater hatte das Zeichen „Flieger“, er war Bodenpersonal. Da waren hohe Generäle, die haben wunderschön ausgesehen. Vater hatte auch schon zwei Auszeichnungen. Wir hatten noch einige Stunden Zeit bis der Zug kam und konnten uns noch lange unterhalten. Es waren noch viele Frauen da, die ihre Männer begleiteten. Der Zug kam, wir haben uns verabschiedet, gewunken und geweint. Das war das letzte Mal, dass Vater und ich uns gesehen haben. Ich bin zurückgefahren und habe dann bei meinen Freunden und Verwandten übernachtet. Am anderen Morgen fuhr ich nach Hause. Ich hatte ja zwei Dienstmädels, die waren bei den Kindern. 105


In Polen

Der Herr Stutz war in Kornfelde als Aufseher eingesetzt. Vater hatte ihm angesagt, er solle nach uns schauen. Der Herr Stutz kam jeden Tag oder in der Nacht, klopfte dann ans Fenster und fragte, wie es uns geht. Von Onkel Eduards Mädels musste jede Nacht eine bei mir schlafen. Die drei Mädels haben sich abgewechselt. Sie freuten sich, wenn sie kommen durften. Herr Stutz hat bei uns noch ein Schwein geschlachtet. Ich sagte ihm, dass ich abends Angst hätte. Um 10 Uhr waren wir fertig mit Essen. Stutz sagte „Ich muss noch rausgehen, nach dem Nachbarn sehen“. Albertine sagte, „Als ich zu Euch kam, standen zwei Männer an der Milchbank“, da hatte ich noch mehr Angst. Als die Nachbarin auch nach Hause ging sagte Stutz zu mir „Brauchst keine Angst zu haben“. Die Kinder schliefen schon. Wir sollen alle Lichter ausmachen. Er ginge jetzt im Dunkeln nach Hause, in der Nacht käme er wieder. Dann ging er leise hinaus, es war sehr dunkel. Stutz nahm große Steine und schmiss sie an die Stalltüre, es hat sehr laut gekracht. So als ob Schüsse fielen würden. Die Knechte schliefen, es war alles ruhig. Stutz nahm noch zwei Eisenstangen und schlug sie zusammen, das krachte noch toller. Dann ging er ganz leise nach Hause. 1944 haben wir noch alles geerntet. Wir haben 600 But Kartoffeln abgeliefert und haben kein Geld mehr bekommen. Die waren mit dem Geld geflüchtet.

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Die Flucht

Die Flucht 1945 im Januar bekamen wir den Befehl, dass alle Deutschen nach Deutschland flüchten müssen. Ich habe den Stutz gebeten, er soll uns nicht vergessen und rechtzeitig Bescheid geben. Abends um 11 Uhr gab er uns noch Bescheid, dass wir am nächsten Morgen um 11 Uhr in Kornfelde sein müßten, um alle auf einmal loszufahren. Meine Cousine war bei mir auf Besuch. Sie konnte nicht mehr nach Hause fahren, es ging kein Zug mehr. Wir haben die ganze Nacht gearbeitet. Wir haben zuerst angefangen, Brot zu backen. Ich habe mitgenommen: Honig, Schmalz, Leberwurst, Fleischwurst, Seitenstücke aus dem Salzwasser vom Schwein. Es wurde alles in zwei Säcke gesteckt. Außerdem: ein halber Zentner Zwiebeln, eingewecktes Obst und Eier in Spreu in Eimern eingelegt. Das frisch gebackene Brot kam in den Sack. Ich habe auch meine Pferde nicht vergessen und habe 5 Sack Hafer mitgenommen und Stollen, um die Pferde zu beschlagen. Nägel, Hammer, Seil. Federdecken, Steppdecken, Sitzdecken, um das Leder vom Kutschwagen zuzudecken. Ich nahm auch noch zwei Waschschüsseln mit. Der Knecht hat den Wagen gerichtet. Ich gab ihm die Schlüssel und sagte „Vielleicht kommen wir wieder zurück“. Da musste man an alles denken. Als wir unten im Dorf ankamen, war alles bereit. Wir waren 12 Familien aus Bessarabien. Die älteren Männer mussten alle weg in den Volkssturm. Christine und ihre Mädels hatten eine Plane auf dem Wagen. Tante Lena war schwanger, da haben wir getauscht: Elfriede kam zu mir auf den Wagen, Tante Lena zu ihnen. Unser Polenknecht musste mitfahren.

Die ersten Tage unterwegs Um 11 Uhr ging es dann los. Es lag Eis und Schnee und es war kalt. Wir wollten alle zusammen bleiben. Es war unmöglich, es kamen immer mehr Wagen hinzu. Alle wurden ziemlich überrascht, die Leute dachten noch gar nicht ans fliehen. Wenn der Treck angehalten hat und wir lange warten mussten, ging ich vom Wagen. Lena, unser Dienstmädel, musste eine Schüssel nehmen und ich eine. Wir haben dann den Pferden Hafer gegeben und wenn es möglich war, auch Wasser.

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Die Flucht

Die ersten 3 Tage sind wir Tag und Nacht gefahren. Unterwegs habe ich meine Pferde mit neuen Stollen beschlagen lassen. Da war ein polnischer Schmied und ich gab ihm eine Dose Leberwurst. Er hat sich sehr bedankt. Als wir noch durch polnische Dörfer gefahren sind, hatte ich Angst wegen den Partisanen. Es war alles durcheinander. Die Wehrmacht ist auch geflüchtet. Wir waren meist mit fremden Leuten zusammen. In der Abendstunde mussten wir wieder mal halten, da war einem die Langwiet [Verbindungsstück zwischen Vorder- und Hinterachse am Wagen] durchgebrochen. Da haben ein paar Männer einen Baum abgesägt und es gerichtet. Ich ging vom Wagen runter und schaute zu, als ich zurückkam, war mein Polenknecht verschwunden. Wir sind die ganze Nacht gefahren. In einem Polendorf haben wir in der Morgendämmerung angehalten. Ich ging vom Wagen und sah, dass bei der braunen Stute die Stränge vom Wagenscheitle ausgehakt waren. Die schwarze Stute hatte den Wagen ganz alleine gezogen. Die Stute war ganz nass geschwitzt und ich musste weinen. Wir standen gerade an einem polnischen Haus, die Leute schliefen noch. Ich habe Sachen runtergeschmissen, auch einen Topf mit Schmalz. Der Wagen war sehr hoch, beim Abladen rutschte ich ab und ich fiel auf das Pflaster. Ich verletzte meinen rechten Arm und die Hand. Es war nicht so schlimm, der Arm war nur angeschwollen. Ich habe der braunen Stute die Stränge kürzer gemacht und die schwarze Stute damit etwas geschont. Dann ging die Fahrt wieder weiter. Unterwegs nahm ich einen alten Mann mit auf den Wagen - seine Schuhe waren durchgelaufen. Als wir noch in Polen waren, brach die Nacht herein. Dann sahen wir ein kleines Häuschen. Es war von der Straße etwas entfernt. Ich ging vom Wagen aus hin und fragte, ob wir hier übernachten können. Wir waren allein auf der Straße, die anderen Wagen hatten sich zerstreut. Die Leute sagten ja. Es war eine alte Frau und zwei Männer. Der ältere Mann kam raus und zeigte uns, wie ich über den Acker zu ihrem Haus fahren musste. Es lag sehr viel Schnee. Er fragte, ob unsere Pferde es schaffen würden. Ich sagte ja. Er ging voraus und zeigte den Weg, die Pferde haben es wieder geschafft. Ich bin dann mit Pferd und Wagen in die Scheune gefahren. Die Männer haben die Pferde an ihr Heu gebunden und gaben ihnen Wasser.

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Die Flucht

Die Leute waren sehr freundlich. Die Frau kochte uns eine warme Suppe, das hat uns sehr gut getan. Als wir morgens rauskamen, da sagten die Männer „Die Langwiet am Wagen ist durchgebrochen“. Da mussten wir den ganzen Wagen abladen. Die Männer haben die Langwiet zusammengenagelt und mit Draht umwickelt. Ich habe alle Sachen, die ich zweimal dabei hatte, dort gelassen. Wir haben uns sehr bedankt. Es gibt doch überall auf der Welt gute Leute. Wir fuhren wieder weiter, da trafen wir Onkel Emils Bruder, der beim Volkssturm war. Er hatte ein Gewehr. Er kam zu mir und fragte, ob ich ihnen helfen würde. Ihr Wagen war die Böschung heruntergestürzt. Wir mussten alle. Es durfte keiner weiterfahren. Ich sollte meine Pferde vor seine anspannen. Ich sagte „Nein, Deine Pferde würden meine aufhalten“. Ich spannte meine Pferde an und habe nur mit der Leine gezogen und die Pferde sprangen mit dem Wagen die Böschung hoch. Wir mussten warten, bis alles aufgeladen war. Unsere Pferde waren so stark - wegen dem Hafer. Einmal sind wir über eine Brücke gekommen, die keine Gitter an den Seiten mehr hatte. Ich war gerade in der Mitte, als ich zwei alte Leute mit einem Pferd sah. Es war Glatteis und das Pferd fiel hin und konnte nicht mehr aufstehen. Sie breiteten eine Decke auf dem Boden aus aber das half auch nicht. Ich fuhr weiter, ich konnte ihnen nicht helfen. Einmal sind wir durch einen Wald gefahren. Ich sah dort eine Menge Wagen stehen. Als ich näher kam, sah ich einen ziemlich steilen Berg. Ein Mann war von einem Gutshof gekommen und spannte immer wieder seine Pferde vor die anderen Pferde zum Helfen. Als ich an der Reihe war, sagte ich „Ich brauche Eure Pferde nicht“. Der Mann sagte, „Ihre Pferde schaffen es nicht allein“, doch ich sagte „Macht alles frei“. Es lag Schneematsch. Ich zog die Leinen an und die Pferde gingen los. Sie haben so gezogen, dass der Schneematsch nur so geflogen ist. Oben angelangt fuhr ich an die Seite. Die Pferde schnauften so sehr, dass ihr ganzer Körper gezittert hat. Ich blieb so lange stehen, bis sie sich ausgeschnauft hatten. Wir waren immer noch in Polen, als wir bei einer deutschen Familie übernachtet haben. Sie waren gegen Hitler. Ihr Mann war eingesperrt. Da kamen zwei Männer und eine Frau. Der eine Mann sagte, „Alle Gefängnisse wurden geöffnet“. Die Frau freute sich, dass der Krieg zu Ende ist. Mir wurde es ganz heiß und ich dachte, „Was werden die wohl mit uns machen?“.

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Die Flucht

Sie waren sehr freundlich und gaben uns Essen. Wir haben in der Küche auf unseren Sachen geschlafen. Die Frau sagte immer wieder „Die armen Flüchtlinge“. Morgens sind wir dann wieder gefahren und die Frau sagte noch „Was habt Ihr alles durchgemacht“. Ich dachte, die Frau hat Recht, und bin ganz still ruhig gewesen. Wir kamen nach Ost-Preußen. Dort wohnten sehr reiche Leute. Sie nahmen uns und noch eine Familie mit Kindern auf, aber wir bekamen kein Essen. Wir durften durch die Küche nebenan, dort war ein kleines Zimmer, wo wir auf unseren Sachen schlafen mussten. 9 Personen. Sie hatten eine Pute im Bratofen. Sie sagten zu uns, in der Schweineküche sollten wir uns warme Pellkartoffeln holen. Am nächsten Morgen gingen wir wieder. Wieder auf der Straße, schrie ein Mann „Helft mir, mein Wagen ist die Böschung runtergestürzt, meine Großmutter liegt unter dem Wagen“. Ich half nicht. Es war so, wenn in einem Wagen Männer waren, die mussten helfen. Meinem Cousin seine Frau kam nicht mehr weiter, die Räder am Wagen waren zugeschmiert. Ihre Pferde waren zu schwach und packten den Wagen nicht mehr. Ich sagte zu ihr „Was hast Du auf dem Wagen für die Pferde?“. Sie sagte „An den Hafer habe ich nicht gedacht“, sie hatte nur einen Sack Mehl. Sie wollte das Mehl gegen Hafer umtauschen, aber ich sagte „Ich kann nicht, sonst reicht es mir nicht“. Sie hatte auch kein Brot mehr. „Ich kann Dir nicht helfen, sonst reicht es mir nicht“. Einmal traf ich Daniel Wilske aus unserem Dorf mit seiner Familie. Wir waren über Nacht in einem großen Pferdestall. Wir schliefen im Stroh. Die Pferde durften wir auch reinstellen. Wir aßen gefrorene Wurst und Zwiebeln und tranken Wasser dazu. Wir wollten zusammenbleiben, aber es war unmöglich. Morgens fuhren wir dann weiter. Wir waren schon zufrieden mit gefrorenem Brot, gefrorener Wurst und Zwiebeln. Einmal habe ich auf einem großen Bauernhof meine Schwester Else getroffen. Wir waren mehrere Familien, dort konnte man auf dem Herd etwas kochen. Der Besitzer war geflüchtet, der Weihnachtsbaum stand noch in der Wohnstube. Da war Polizei, auch mehrere Soldaten. Wir gingen in den Keller und holten uns eingewecktes Obst. Ich wollte gern noch bleiben, aber dann kam die Polizei und wir mussten wegfahren, Platz machen. Ich habe Else nicht mehr gesehen bis dann in der Ostzone.

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Die Flucht

Ein anderes Mal waren wir bei einer armen Frau über Nacht. Die Frau hatte fünf Kinder. Sie kochte uns eine Milchsuppe, das hat sehr gut geschmeckt. Bei den Reichen gab es nur Pellkartoffeln. Wir kamen in eine große Stadt und wurden zum Bürgermeister gebracht. Dort wurde uns an einer großen Landkarte gezeigt, wie wir fahren sollten. Der Bürgermeister sagte , wir müssen in den Kreis Kieritz in Brandenburg. Wir fuhren weiter und kamen wieder in eine Stadt. Es war dunkel und die Lichter brannten schon. Wir kamen zu einem Platz, der wie ein Schulhof aussah. Dort gab es warme Grießmilchsuppe. Es gab genügend Platz für Pferd und Wagen. Als ich anhielt, stand ein Wagen neben uns und eine Frau fragte, ob ich ihr helfen könnte. Ich fragte sie, wieso. Sie sagte, sie hätte fünf Kinder auf dem Wagen, das Kleinste in einem Kinderwagen. Sie hatte auch nicht viele Sachen auf dem Wagen. Ich sagte zu ihr, dass ich ihr auch nicht viel helfen könnte, aber sie stand mit ihren Kindern ganz alleine da und ich half ihr ins Haus. Als wir wieder rauskamen, waren Wagen und Pferd verschwunden.

Nervenzusammenbruch So lange wir durch Polen gefahren sind, hat alles gebrannt. Bahnhöfe so, dass das Feuer zu den Fenstern herauskam. Meine Mutter sagte immer „Kinder, es kommt noch eine böse Zeit, bittet den Herrn , dass Eure Flucht nicht im Winter und in der Nacht geschehe“. Mein Arm hat noch ein bisschen geschmerzt, ich fuhr die ganze Nacht und den nächsten Tag bis 16 Uhr. Dann bekam ich einen Nervenzusammenbruch. Ich sagte „Wir fahren nicht mehr weiter“, fuhr neben hin, ging vom Wagen und lief zu einer Kirche. Ich stand vor der Tür. Es war auf einmal alles so zwecklos, weiterzufahren. Ich schaute in die Bäume, alles war bedeutungslos. Auf einmal haben meine Gedanken im Kopf wieder angefangen zu arbeiten. Ich dachte „Du musst doch weiter, willst doch noch über die Oder“. Als ich zurück kam, haben alle geweint und wir fuhren wieder los. Ich legte mich zu den Kindern und schlief eine Viertelstunde, als sie mich riefen. Mein Bruder Nathanael war gekommen mit dem Fahrrad. Ich sagte ihm, dass mein Arm schmerzt. Er sagte, wir sollen hier warten, der Russe ist noch 10 Kilometer hinter uns.

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Die Flucht

Ich sagte, „Das geht nicht, ich möchte heute abend noch über die Oder“. Mein Bruder ist zurückgefahren. Er kam nicht mehr über die Oder, er fuhr dann über Schneidemühl. Ich habe die Kinder in Federdecken eingepackt und Elfriede in Vaters Pelz. Wir fuhren weiter. Kurz vor der Oder war es schon dunkel. Der Treck hat immer wieder angehalten. Es lag viel Schnee und ich ging vom Wagen. Ich sah etwas Schwarzes im Schnee liegen und ging hin. Da lagen ein Mann, eine Frau und ein Pferd. Sie hatten sich das Leben genommen. Ich habe sie mit meinem Fuß angestoßen, sie waren ganz steif gefroren.

Über die Oder Wir kamen dann an einen Hohlweg, Hüben und Drüben hohe Berge. Die deutschen Soldaten waren ganz weiß angezogen, man konnte sie nicht sehen. Sie schossen fortwährend über unsere Köpfe weg, dass Horst und Kurt wach wurden. Aber sie fühlten sich wohl in ihren Federdecken. Wir kamen näher an die Brücke. Es war dunkel, Lichter brannten Hüben und Drüben am Geländer, der Mond schien ganz hell. Die Brücke war sehr hoch, viel Militär stand da. Wir mussten die Pferde antreiben, alles musste schnell gehen. Wir fuhren etwa fünf Kilometer bis in ein Dorf, vielleicht war es eine Stadt. Wir kamen an einem großen Bauernhof vorbei und sagten, hier werden wir die Pferde tränken und füttern. Ich sagte zu Lena „Geh in den Bauernhof und hole Wasser für die Pferde“. Sie schrie „Elfriede kann auch mal gehen!“. Elfriede sagte ja, nahm den Eimer und verschwand. Dann kam ein Polizist und schickte uns weiter. Ich habe mich sehr gewehrt, sagte, „Meine Nichte ist da reingegangen, Wasser holen“. Er sagte, „Die Brücke wird gesprengt, da schlagen die Flammen bis hier her“. Ich sagte, ich gehe nicht eher aus der Stadt, bis ich meine Nichte gefunden habe, aber wir mussten weiter. In der Mitte der Stadt kamen wir an eine Kreuzung. Wir fuhren in eine Straße hinein, das waren Gottes Wege. Denn am Ende dieser Straße stand ein Wagen mit einem alten Ehepaar. Sie hatten Elfriede zu sich genommen. Ich freute mich sehr, dass wir sie wieder gefunden hatten und dankte Gott. Die alten Leute waren sehr traurig.

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Die Flucht

Elfriede erzählte, als sie mit dem Wasser zurückkam, waren wir weg. Der Polizist sagte, sie solle die Straße entlang gehen. Wir blieben auf dem Wagen. Mitten in der Nacht hörten wir einen lauten Krach. Es schossen die Feuerflammen in die Luft, die Brücke wurde gesprengt. Viele Wagen sind danach über das Eis gefahren. Aber das Eis war zu schwach und die letzten Wagen sind eingebrochen und untergegangen. Wir fuhren weiter, der Weg ging über eine Wiese. Der Schnee war geschmolzen, der ganze Weg war voller Schlamm. Zwei jüngere Männer mit ihren Wagen waren da - ihre Pferde schafften es nicht. Als der eine Wagen dann durch war, sagte ich „Bitte, laßt mich durchfahren“. Sie hatten vier Pferde an einen Wagen gespannt. Sie lachten über mich. Ich habe geschrien „Weg frei!“. Sie standen an ihren Wagen und schauten mir zu. Ich zog wieder die Leinen an und rief „Hü!!“. - Die Pferde liefen hindurch und das Wasser spritzte. Es war ganz ebenes Land. Ich hatte große Angst und dachte „Wenn die mir nachkommen und mir die Pferde wegnehmen wollen“. Da war keine Seele von Mensch und ich habe die Pferde laufen lassen bis ich wieder in ein Dorf gekommen bin. - Da waren wir aus Polen draußen.

Unterwegs in Deutschland Es lag noch sehr viel Schnee. Horst und Kurt durften das erste Mal mit den Kindern auf dem Hof Schlitten fahren. Das ganze Dorf war voller Flüchtlinge. Morgens machten wir uns wieder auf den Weg. Wir fuhren immer weiter. Als wir vom Dorf schon entfernt waren, standen da auf einmal vier Frauen und schrien. Ich habe angehalten - es war die Tochter von Hilda Wiedmann aus Andrejewka und die zwei März-Mädels. Ich sollte sie mitnehmen. Ich fragte „Wo habt ihr eure Wagen?“. Sie sagten, dass sie mit den Wagen nicht mehr über die Oder gekommen sind. März' Mädchen sagten, auf ihrem Wagen war ihre Großmutter mit dem jüngeren Bruder. Ich habe sie nicht aufgenommen, es wäre für meine Pferde zu schwer gewesen. Die Tage wurden länger und bei den Deutschen waren die Wege besser. Der Schnee schmolz schon, aber es war noch sehr kalt.

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Die Flucht

Wir waren das schon gewohnt. Wir fuhren den ganzen Tag und kamen dann wieder in ein Dorf. Es war gegen Abend. Ich sah von weitem eine Kirche, die noch nicht niedergemacht wurde. Ich sagte zu Elfriede „Da werden wir halten, etwas essen und die Pferde versorgen. Dann wieder weiterfahren“. Dicht am Kirchplatz war ein Gasthaus. Wir schauten rüber - da standen mein Bruder Eduard und Herr Stutz von Kornfelde. Wir haben vor Freude geweint. Elfriede war so froh, dass sie ihren Vater gefunden hatte. Beide waren eingezogen worden zum Volkssturm und hatten beide ein Gewehr. Wir haben ihre Sachen aufgeladen, etwas gegessen und die Pferde versorgt. Dann fuhren wir die ganze Nacht und den Tag durch. Die Gewehre mussten sie nachts wegwerfen, ich befahl es. Stutz wollte nicht, aber er musste mir gehorchen. Am anderen Tag fuhren wir bis abends. Stutz und Onkel Eduard mussten tags hinter dem Wagen herlaufen. Wenn irgendwo etwas passierte, mussten die Wagen, wo Männer drauf waren, immer anhalten und helfen. So musste ich nicht anhalten. Immer, wenn wir durch ein Dorf fuhren, wollten die beiden in ein Gasthaus gehen. Onkel Eduard wollte Kaffee und der Stutz Wein. Ich habe gesagt „Ich halte nicht an, dann könnt ihr zu Fuß gehen“. Am Abend kamen wir in ein Dorf. Ich hatte nicht mehr so große Angst, die Russen waren noch weit weg. Ich hatte es jetzt leichter, die beiden Männer haben die Pferde versorgt. Die Leute, bei denen wir einquartiert waren, haben kein Sauerkraut gehabt. Fleischwurst hatten wir. Stutz machte noch eine Dose Fleisch auf, ging zu anderen Leuten und holte Sauerkraut. Das war das erste Mal nach langer Reise, dass wir gut gegessen und geschlafen haben. Morgens ging die Reise wieder weiter. Am Abend kamen wir an einen großen Gutshof, dort war alles überfüllt. Es hat geheißen „Nur im Schafstall“. Es war ein großer Stall. - Die Schafe wurden in eine Ecke getrieben. Es waren so ungefähr 100 Mann dort, auch Frauen mit kleinen Kindern, die gerade ein paar Monate alt waren. Die Männer hatten frisches Stroh in die Schafskrippen geholt und die Kinder hineingelegt. Ich dachte an das Jesuskindlein, das wurde auch in eine Schafskrippe gelegt. Draußen hörte man die Bomben, es musste alles verdunkelt werden. Die Lämmer schrien und wurden von ihren Müttern vertrieben. Die Kinder weinten. Onkel Eduard und Stutz haben vier Bund Stroh geholt.

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Die Flucht

Wir hatten uns gleich an der Tür ein Lager zurechtgemacht. Der Boden war voller Mist, Ihr könnt Euch denken, wie sehr das gestunken hat. Die Pferde mussten im Freien mit den Wagen auf einem Platz stehen. Sie wurden bewacht. Wir bekamen eine warme Kartoffelsuppe. Auf dem Hof war das Rote Kreuz mit vielen Schwestern. Wir sind morgens früh um 6 Uhr wieder gefahren. Mir war sehr schlecht geworden durch den Mistgestank. Wir hatten auch gesehen, wie die Amerikaner mit Fliegern Fallschirmjäger und Munition im Wald heruntergelassen haben - wir hatten große Angst. So sind wir dann glücklich im Kreis Kyritz angekommen. Elfriede blieb bei ihrem Vater. Sie suchten nach ihren Angehörigen. Ich bekam ein Papier ausgehändigt und sollte nach Schrepkow, Kreis Pritzwalk. Die Flucht war zu Ende.

In Schrepkow Als wir dort auf dem Schulhof angekommen waren, bekamen wir warme Milchsuppe. Frau Meißner war Blockfrau, sie durfte sich einen Wagen mit Flüchtlingen heraussuchen. Sie kam zu mir - ich hatte gute Pferde und einen Wagen voller Sachen. Es war nicht weit zu ihrem Haus. Es kamen gleich zwei gefangene Franzosen und die Pferde wurden in die Scheune gebracht. Wir bekamen ein Zimmer im Haus und schliefen alle zusammen darin. Wir mussten in Frau Meißners Schweineküche kochen. Das war nicht schlecht, es war von den Schweinebuchten abgetrennt und gleich nebenan war eine Wasserpumpe. Es ging dem Frühjahr zu. Ich habe Frau Meißner geholfen, die Kühe zu melken und bekam Milch dafür. Ich habe meine Pferde gefüttert und den Stall ausgemistet. Die Pferde gestriegelt haben die Franzosen. Für die Pferde bekam ich Futter zugeteilt: für den Tag einen Eimer Getreide und ein Bund Heu - ansonsten mussten sie Stroh fressen. Eines Tages bekam der Bürgermeister Befehl, dass ein jeder Bauer Pferd und Wagen für die Wehrmacht abliefern musste. Der Bürgermeister hat natürlich uns Flüchtlinge zusammengeholt. Mit Pferd und Wagen fuhren wir nach Kyritz in die Stadt, ein Hauptmann nahm Pferd und Wagen auf - ich habe kein Geld dafür bekommen.

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Die Flucht

Ich ging zum Wagen und habe den Pferden ein Bündel Heu vorgelegt und streichelte sie. Streichelte ihre Köpfe, nahm Abschied und ging davon. Ich drehte mich noch einmal um und schaute zurück - die Pferde drehten ihre Köpfe nach mir. Ich habe gewinkt und geweint. Kein Geld, keine Pferde. Ich habe noch 500 Reichsmark gehabt und musste sehr sparen. Wir waren 5 bessarabiendeutsche Familien im Dorf. Horst und Kurt mussten in die Schule. Eines Tages wurde von den Russen ein Flugzeug ganz nahe bei unserem Dorf abgeschossen. Wir rannten alle hin. Es war alles verbrannt - nur den Stahlhelm und den Rumpf des Menschen hat man noch gefunden. Die Männer nagelten ein viereckiges Kästlein zusammen - er wurde als unbekannter Soldat vom Pfarrer beerdigt.

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Russische Besatzung

Russische Besatzung Die Front kommt D ann kam noch das Schlimmste: die Russen kamen. Die Front ging über unser Dorf. Hinter der Scheune haben wir einen Schutzkeller gegraben. Wir waren 10 Personen. Unterhalb von Meißners Hof, nicht weit, war der Friedhof. Die Russen haben so geschossen, da brannten am Friedhof die Bäume. Die Kugeln trafen Meißners Schlafzimmer. Dann war 5 Minuten Ruhe. Wir gingen alle Mann in den Keller und stellten uns an die Wand, wo kein Fenster war. Als es aufgehört hatte mit Schießen, holte Frau Meißner ein weißes Bettlaken. Die Kirche war geradewegs unserem Haus gegenüber. Die Franzosen gingen auf das Dach und banden die Fahne an. Da hörte es auf zu schießen. Wir gingen alle vom Keller nach oben vor die Türe und streckten die Hände hoch. Sie fragten gleich, wer die Wirtin ist. Tante Lena hat uns alle verteidigt sie konnte sehr gut Russisch. Sie fragten auch die Franzosen, ob sie gut behandelt worden sind und uns auch. Tante Lena sagte „Sehr gut“. Dann schrien sie „Uhr!!“. Frau Meißner sagte zu mir, ich solle schnell meine Uhr holen, denn sie hatte ihre Uhr vergraben. Ich habe Vaters Uhr hergegeben - er hatte sie von einem Polen gekauft, für Lebensmittel. Frau Meißner sagte, ich bekäme dafür die Uhr ihres Mannes. Sie hat sie mir aber nie gegeben. Kurt wurde sehr krank mit 40 Grad Fieber. Niemand ist mit uns zum Doktor gefahren. Ich borgte mir einen Kinderwagen, setzte Kurt rein und habe ihn mit Decken so zugedeckt, dass kein Wind an ihn heran konnte. Ich nahm auch Horst mit, er musste neben dem Wagen herlaufen. Das war 7 Kilometer von unserem Dorf entfernt. Es war ein Arzt von Bessarabien. Er sagte „Das dürfen Sie nicht machen mit 40 Grad Fieber“. Er gab Kurt eine Spritze und Tabletten. Wir fuhren wieder zurück, ich hatte große Angst wegen der Russen. Wir gingen in eine Bäckerei und kauften uns Brot. Auf dem Heimweg sah ich einen russischen Soldaten. Er hatte sich Äpfel vom Baum genommen. Er sagte nur, wir sollten auch Äpfel nehmen. Wir aßen Äpfel und Brot. Dann ist uns den ganzen Weg niemand begegnet. Kurt wurde wieder gesund.

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Russische Besatzung

Russenherrschaft H err Meißner war nicht zu Hause. Frau Meißner musste ihr Wohnzimmer und Schlafzimmer an einen Major abgeben. Vom unteren Dorf mussten alle raus ins obere. Wir hatten Glück, die Russen haben das untere Dorf mit 500 Mann besetzt. Der Oberst und Major und zwei Mann wohnten bei uns im Haus. Frau Meißner kam die erste Nacht in unser Zimmer. Ihre Oma und Cousine mit drei Kindern schliefen im Kinderzimmer. Im Flur ging die Haustüre geradewegs auf die Straße. Sie haben die ganze Nacht gearbeitet, die Soldaten mussten Meldungen an den Oberst abgeben. Manchmal klopften sie aus Versehen an unsere Tür - wir mussten dann immer auf die andere Türe hinweisen. Es war immer eine Wache vor der Tür, da brauchten wir keine Angst zu haben. Einen Monat waren sie da. Als der Monat um war, zog der ganze Stab wieder ab. Die Leute konnten wieder in ihre Häuser zurück, aber Ihr könnt Euch kein Bild machen: sie hatten alles kaputtgeschlagen. Bilder an der Wand, Fenster, Schränke, Papier, Federdecken, Lederstühle aufgeschlitzt. Sogar Großes reingemacht. Das war in jedem Haus so - wie die Wilden. Die Leute mussten zuerst die Zimmer reinigen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Wir wohnten im alten Teil bei Oma und Opa Meißner. Sie hatten das Schlafzimmer, wir das Wohnzimmer. Die Küche hatten wir miteinander. Eines Nachts kamen 5 Russen und klopften an die Tür. Die Oma rief „Heinz, bist Du das?“ , da war die Antwort „Ja“. Sie schloß die Türe auf, da kamen 5 Männer herein. Sie ging schnell in ihr Bett zu dem Opa. Da bekam sie einen Schlag an den Mund, dass sie ein Gewächs so groß wie ein Hühnerei bekam. Sie hatte auch noch eine Schlafhaube auf mit Rüschen dran. Die Soldaten ließen von ihr ab. Vom Schlafzimmer aus ging eine Türe zu uns ins Wohnzimmer. Tante Lenas Bett stand geradewegs vor der Tür. Sie machten die Tür auf, stiegen über das Bett rüber und leuchteten mit ihren Taschenlampen. Da schrie Tante Lena „Stoticau!“. Als sie die russische Stimme hörten, rief einer „Licht machen“. Ihr könnt Euch kein Bild machen: eine Frau, die noch bei uns übernachtete, schlief auch noch auf dem Boden. Es waren zwei Offiziere dabei, der eine sagte, sie wollten von uns nichts. Lena sollte sie zu Frau Meißner führen. Wir gingen rüber. 118


Russische Besatzung

Tante Lena beschämte die Offiziere: „Wie kann man nachts Frauen überfallen!“. Sie sagten, sie wollten von uns nichts. Lena und ich sollten mitgehen und Bescheid sagen, wo junge Frauen und Mädels seien. Wir gingen zu unserer Nachbarsfrau. Sie kam mit einer Kerze in der Hand raus auf die Treppe. Sie war nicht schön, hatte Sommerflecken im Gesicht. Bei der Frau wohnte eine Flüchtlingsfrau, die konnte sehr gut Russisch. Da sagte Lena „Geh`schnell nach Hause“. Ich habe so gefroren und gezittert, die Russen fragten, was mit mir wäre. Lena sagte, ich sei krank. Wir gingen zum Bürgermeister und zeigten noch, wo Mädels waren. Dann durften wir nach Hause. Es war 2 Uhr nachts. Kaum hatten wir uns zur Ruhe gelegt, da hörten wir bei Frau Meißner ein jämmerliches Geschrei, es klopfte an die Wand und jemand schrie „Frau, Lust“. Dann hörten wir auf der Straße an unserem Fenster jemanden mit Holzschuhen vorbeirennen. Wir waren ganz ruhig und still. Tante Lena sagte „Wir haben genug für diese Nacht“. Am nächsten Morgen erzählte die Frau Meißner. Ihre Cousine aus Berlin war bei ihr. Zwei Offiziere kamen zu ihnen und wollten mit ihnen schlafen. Die Männer gingen ins Schlafzimmer, die Frauen sagten, sie wollten sich im Wohnzimmer ausziehen und dann reinkommen. Doch sie hatten es sich anders überlegt und rannten schnell auf den Flur und zur Tür zur Straße. Dort stand ein Soldat Wache. Sie stießen ihn die Treppe hinunter und rannten in den Friedhof. Die Russen waren ganz außer sich, die Kinder schrien wegen des Krachs und der eine Soldat hatte eins einstecken müssen. Die Männer, die nachts bei uns eingebrochen waren, kamen am anderen Tag zu Frau Meißner und brachten ihr Fische zum Braten. Sie waren sehr freundlich. Einer der Offiziere kam auch in unser Zimmer und nahm Kurt auf den Schoss. Er sagte, er hätte auch so einen kleinen Sohn. Zwei Offiziere kamen fast jeden Tag und wurden unsere Freunde. Eines Tags musste der ganze Stab weiterziehen und es kamen andere Russen. Wieder ein Offizier und vier Mann. Lena hat sich mit ihnen unterhalten. Sie kam zu uns und meinte, sie muss uns unbedingt mit dem Offizier bekannt machen, dass solche Sachen nicht wieder passieren. Er kam dann auch zu uns und Frau Meißner. Sie sagte ihm, er soll doch die Wache in der Nacht auch mal bei uns vorbeischicken. Wir sind danach nicht wieder belästigt worden.

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Russische Besatzung

Eines Abends kam er wieder und sagte, Lena sollte mit ihm in sein Büro kommen. Er versprach, ihr würde nichts passieren. Ich nehme an, dass er sich einmal richtig aussprechen wollte. Später gab er bekannt, dass am Samstag ein Tanz veranstaltet würde, mit Jungen, Frauen und Mädels. Er hatte dies alles mit Lena besprochen. Dann gab er noch bekannt, dass am Samstag niemand auf den Acker gehen soll, weil die Arbeiter alle nach Hause fahren und viel Alkohol trinken würden. Opa Meißner sagte, er sei doch ein Mann und ging aus dem Haus. Zu Mittag war er nicht wieder zurück. Die Oma ging hinaus, um ihn zu suchen. Er war unten an ihrem Acker von hinten erschossen worden und hatte sich noch bis ins Haferstück geschleppt. Sie haben es gleich gemeldet. Er wurde mit Pferd und Wagen auf dem Stroh liegend gebracht - es war fürchterlich. Der Tanzabend war zu Ende.

Blindgänger D er Sohn des Bürgermeisters war 16 Jahre alt. Mit ihm gingen noch viele Kinder auf den Acker. Sie fanden eine Handgranate und der Bürgermeistersohn nahm sie auf. Sie ging los. Sein Gesicht, die Hände und der ganze Körper waren total verbrannt. Ich hatte solch einen großen Schreck bekommen, weil Horst und Kurt auch dabei waren. Sie legten ihn auf einen Tisch und riefen alle Kinder zusammen. Als ich hinkam, hob ich Kurt hoch, dass er sehen konnte - Horst konnte gut sehen. Der Junge hat noch mit den Augen geblinzelt, als wir ihn ansahen. Einem anderen Jungen musste man ein Bein abnehmen und einer war voller Splitter. Die anderen Kinder waren verschont geblieben. Als das passiert war, mussten wir Frauen und Mädels auf die Äcker und Wiesen, Handgranaten einsammeln. Herr Gerstenberger konnte die russische Sprache sehr gut, er war zu Hause Lehrer. Ein russischer Soldat hatte ihm gezeigt, wie man die Handgranaten anfassen muss. Das hat er uns dann erklärt. Wir mussten über einen kleinen Fluss, dort war ein Panzer steckengeblieben. Hüben und Drüben waren Minen gelegt. Wir mussten über den Panzer steigen, von dort oben hat man die Minen ganz gut gesehen. Wir kamen an einen großen Wald.

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Russische Besatzung

An einer Seite war russisches Militär. Wir waren in sehr großer Gefahr. Wir hatten Sackschürzen an und Tücher ins Gesicht gezogen. Wir machten Halt. Unser Soldat hat mit dem anderen gesprochen und kam wieder zurück. Er sagte, wir sollen alle weit auseinander gehen, aber wir gingen noch näher zusammen. Uns ist nichts passiert. Unser Soldat sagte zu Gerstenberger, wir sollten keine Angst haben, er wäre für uns verantwortlich. Ihr könnt Euch vorstellen, was das Nerven kostet; dann gingen wir wieder nach Hause und waren froh, dass nichts passiert war.

Der letzte Sommer D ann kam die Ernte. Getreide tragen. Es war auf einem großen Gut. Zwei Russen haben uns reihenweise aufgestellt, Einheimische brauchten nicht mit. Lena und ich waren zusammen. Die Russen sagten, wer fertig ist, kann nach Hause. Lena und ich waren zuerst fertig, die anderen waren erst bei der Hälfte. Wir saßen noch unter den Bäumen im Schatten, dann nahmen uns die Russen mit nach Hause. Die anderen mussten noch fertig machen. Dann kam die Kartoffelernte. Ich bin jeden Tag mit auf den Acker. Lena hatte das Kind, aber wenn die Oma es behalten hatte, ging auch sie mit. Ihre Cousine und Heinz waren auch dabei. Ich habe jeden Abend mit Heinz 50 Zentner Kartoffeln aufgeladen, das war schwer. Lena und ich hatten 15 Zentner Kartoffeln im Keller. Dort waren viele Familien aus Bessarabien: Frau Bross mit Familie, Daniel Wilske mit Familie und noch viele andere. Wir hatten dort auch manche schöne Stunde gehabt. Es gab einen tragischen Unfall: neben unserer Nachbarin wohnte eine Arztfamilie, die hatte sich über Nacht in der Scheune vergiftet. Als der Bauer in die Scheune kam, lagen alle wie tot da. Der Mann, die Ehefrau und der älteste Sohn wurden gerettet, die zwei Kleinen waren schon tot. Sie wurden ins Krankenhaus gebracht und wir haben sie nie wieder gesehen. Die beiden Kinder wurden auf dem Friedhof beerdigt. Die Kartoffelernte war ausgangs Oktober zu Ende. Lena und ich sind mit dem Handwagen nach Kunow gefahren zur Mühle. Wir backten uns das Brot selbst. 121


Russische Besatzung

Im Oktober hatten die Russen das ganze Land verteilt, ich bekam auch 6 Hektar zugewiesen zum Bearbeiten. Ein Mann aus Eigenheim sagte zu mir, er würde mein Land mit bearbeiten, er hätte von den Russen schon die Saat bekommen. Sein Versprechen wurde nicht eingehalten, sein Weizen war schon ganz grün, mein Acker nicht einmal umgepflügt. Lena und ich waren in Kunow einkaufen, weil bei uns kein Laden war. Da fanden wir neben dem Weg ein Flugblatt von den Amerikanern. Am 5. November würden Transporte in den Westen gehen. Wieder zu Hause habe ich den anderen gesagt, dass ich in den Westen gehe und fragte, ob jemand mitgehen will. Frau Bross mit Familie, Herr Fahnau mit Familie und seiner 80-jährigen Mutter wollten mit, die anderen nicht. Ich bin gleich zu Daniel Wilske gegangen. Meine Saat und Acker habe ich auch abgegeben. Dann war ich beim Bürgermeister zum Abmelden. Wir mussten eine genaue Anschrift angeben, wo wir hinwollten. Die Frau Bross hatte eine Schwester in Lüneburg, die Anschrift gaben wir an und so wurden wir entlassen. Wir packten unsere Sachen in Säcke, das Übrige übergaben wir auch in Säcke verpackt Frau Wilske. Meiner Schwester Maria habe ich geschrieben, sie soll die Sachen abholen, sie wohnte nur 6 km von uns entfernt. Die 15 Zentner Kartoffeln bekam Frau Meißner.

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In den Westen

In den Westen Von Schrepkow fuhren wir mit der Kleinbahn nach Dorf Glöwen zum Bahnhof. Dort stiegen wir um in einen großen Zug. Wir hatten Eßwaren mit. Der Zug war vollgestopft mit Menschen, man konnte sich kaum drehen. Wir fuhren Richtung Süden. Mit aller Mühe kam ich an das Fenster, Kurt auf dem Arm und Horst neben mir. Einmal musste Kurt Großes machen. Wir standen Mann an Mann und ich musste Platz schaffen, dass Kurt auf den Topf konnte. Ich habe es dann zum Fenster hinausgeschüttet. In den Bahnhöfen standen Tausende, hoben die Arme und schrien „Nimmt uns mit, nimmt uns mit“. Aber es war kein Platz. Der Zug hat manchmal nur kurz gehalten, dann fuhr er wieder weiter. In Heiligenstadt mussten wir alle raus. Aber zur Grenze waren es noch 8 Kilometer. Wir mussten alle kleine Kärtchen haben für jede Person. Neben dem Bahnhof stand ein großes Gebäude, dort wurden die Kärtchen ausgegeben. Der große Raum war vollgestopft mit Menschen und wir standen ganz hinten draußen. Ich ging näher hin und fragte, was man von dort haben muss. Es hieß, für jede Person ein grünes Kärtchen und auch eines für jede Person, die unser Gepäck an die Grenze fährt. Wir waren: Familie Fahnau 4 Personen, Tante Lena 3 Personen, Familie Bross 3 Personen, wir 3 Personen und 4 Personen, die mit zur Grenze fuhren. Insgesamt 17 Kärtchen, wir haben die Zahlen aufgeschrieben. Die kleine Aline Bross war 16 Jahre alt. Wir haben sie hochgelupft in die Wand, da war ein Sims, zwei Handbreit. Dort ist sie vor und hat die Kärtchen geholt. Wir haben uns zwei kleine Wagen gemietet, alles aufgeladen und dann ging's zu Fuß bis an die Grenze. Dort stand auch ein Haus. Wir wollten hinein, doch es war alles voll. Auf dem Fußboden saßen überall Leute. Hundert Meter weiter waren direkt an der Grenze mehrere große Bauernhöfe. Auch dort war kein Platz mehr. An der Gebäuderückseite war ein Dach, dort standen Maschinen und Pflüge. Tante Lena mit ihrem Kind und Frau Bross mit ihren Mädels gingen in das Dorf über Nacht, Daniel blieb bei uns. Wir wollten Schwarzkaffee holen, aber da standen die Leute in einer langen Schlange. Wir gingen wieder zu dem Bauernhof unter das Dach. Es gab dort einen Wasserhahn. Ich habe auf das Brot Wasser draufgelassen und darauf Zucker gestreut, das war unser Abendessen. 123


In den Westen

Dann wurden Horst und Kurt in die Federdecken eingepackt zum Schlafen, draußen lag Schnee. Die Männer haben vom Wald Holz geholt und auch vom Zaun des Bauern Holz abgebrochen, dass es besser brannte. Sie holten auch vom Bauern Kartoffeln und warfen sie ins Feuer. So aßen wir gebratene Kartoffeln. Es war ungefähr 11 Uhr nachts, wir haben uns am Feuer gewärmt, als auf einmal ein russischer Soldat kam und uns vertrieb. Wir gingen schlafen. Am nächsten Morgen stand ich früh auf, etwa um 6 Uhr, damit ich mir noch einen Wagen mieten konnte. Ich stand vor seinem Tor und wartete. Immer wieder kamen russische Soldaten vorbei und fragten, was ich hier suche. Ich gab ihnen die Antwort „Einen Wagen“, dann gingen sie weiter. Als der Bauer aufgeschlossen hatte fragte ich ihn gleich, ob er einen Wagen vermieten würde. Er sagte ja, aber seine Tochter würde mitfahren und den Wagen wieder zurückbringen. Natürlich musste ich bezahlen. Wie viel, weiß ich nicht mehr.

Hier endet das Tagebuch. Sie sind im Anschluss wieder nach Norden gekommen und wohnten bis 1952 in Stübeckshorn, Kreis Soltau in der Nähe von Lüneburg. Horst und Kurt gingen dort zur Schule. Im Herbst 1947 kam Friedrich körperlich unversehrt aus französischer Gefangenschaft zurück. Beide fanden Arbeit in der Landwirtschaft. Verwandte waren schon zu diesem Zeitpunkt in Baden-Württemberg. Durch drohende Arbeitslosigkeit zog Friedrich 1951 nach Kirchberg zu seinem Bruder Arthur, fand Arbeit und eine Bleibe und holte ein Jahr später die Familie nach. So haben sich nach vielen Jahren letztendlich in Baden-Württemberg in mehr oder weniger naher Umgebung die meisten wiedergefunden. Die ganze Familie fand in Burgstall eine neue Heimat, wo sie 1956 ein Haus bauten. Friedrich Sauter starb am 23. Oktober 1979 im Alter von 72 Jahren, Emma Sauter folgte ihm am 19. März 1987. Sie wurde 77 Jahre alt. Beide sind begraben auf dem Friedhof in Burgstall. Auf die Gräber wurde ein Säckchen Heimaterde aus Andrejewka gestreut.

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Teil II Andrejewka (Bessarabien)

1892 - 1940

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Teil II

Andrejewka Vom Schicksalsweg unserer Dorfgemeinschaft

von Realschulkonrektor a. D. Robert Bross

Die vorliegende heimatgeschichtliche Arbeit ist im Jahre 1966 als wissenschaftliche Zulassungsarbeit für die Fachgruppenprüfung in Geschichte und Gemeinschaftskunde entstanden. Meine Absichten und Motive gehen aus dem nachfolgend ungeändert abgedruckten Vorwort des Originals hervor. Die Arbeit ist damals unter Zeitdruck entstanden und weist deshalb kleinere Mängel auf, die aber ihren Wert für die ehemaligen Mitbewohner unseres kleinen Dorfes kaum schmälern. Davon überzeugt, dass sie jedem, der das Interesse an seinem Geburtsort nicht ganz verloren hat, etwas bedeuten wird, übergebe ich sie Ihrer kritischen Einsicht. Ergänzt durch Fotos, eigene Aufzeichnungen und den Ahnenpass kann mein Beitrag auch für Ihre Familie und die nachfolgenden Generationen von unschätzbarem Wert sein. Falls die eigenen Kinder wenig Neigung zu dieser Lektüre zeigen, so steht für mich außer Zweifel, dass die Enkel und Urenkel um so mehr danach fragen und greifen werden.

Bartenstein, den 1 . Mai 1984 Robert Bross

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Vorwort

Vorwort In verschiedenen Gemeinden des Bundeslandes Baden-Württemberg ist in den Aufnahmeregistern für Flüchtlinge und Umsiedler der Herkunftsort Andrejewka in Bessarabien verzeichnet. Es ist auch mein Geburtsort. Für die hiesige Bevölkerung ist dieser Orts- und Landname so nichts sagend und irreführend wie nur möglich. Es lässt sich dem Dorfnamen nach sicherlich auch nicht vermuten, dass es sich bei diesen Flüchtlingen um Nachkommen schwäbischer Auswanderer dem Schwarzwald, den Oberämtern Waiblingen, Schorndorf, Ludwigsburg und Marbach handelt. Nur einhundertfünfundzwanzig Jahre liegen zwischen der Aus- und Rückwanderung, und doch war diese Zeit sehr ereignisreich und schicksalsschwer. Religiöse Gründe und wirtschaftliche Not zwangen die Vorfahren, ihre Heimat zu verlassen. Ihre ganze Habe zogen sie mit dem Handwagen nach oder trugen sie bei sich, und ebenso arm kamen in den Jahren 1945 - 1947 die Nachkommen in ihre Urheimat zurück. Es wirft sich unbedingt die Frage auf: und was liegt dazwischen? Man kann darauf nicht mit einem Satz antworten. Aus dem Inhalt der folgenden Arbeit soll einiges hervorgehen. „Vom Schicksalsweg einer Dorfgemeinschaft“ habe ich die Arbeit überschrieben, aber was bedeutet schon das bedauernswerte Schicksal von ein paar Familien oder einer Dorfgemeinschaft in unserer Zeit, in der man mit Millionenzahlen rechnet? Die Zahlen einer Statistik sagen wirklich nicht viel, wenn der Leser sie nicht mit Vorstellungen verbindet, wenn er nicht das Einfühlungsvermögen in die mannigfachen Einzelschicksale und in die von ganzen Familien und Dorfgemeinschaften besitzt. Ich habe nicht die Absicht, eine wehmutvolle Rückerinnerung auf das Papier zu bringen. Vielmehr möchte ich das Gemeinschaftsleben darstellen, wie es in dem genannten Dorf, mitten unter fremdrassigen und fremdartigen Bewohnern, gelebt und gepflegt wurde. Die wirtschaftlichen Gegebenheiten sollen nur soweit als unbedingt nötig in die Gesamtdarstellung einbezogen werden.

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Vorwort

Es ist sodann meine Absicht, aus der Perspektive dieser Dorfgemeinschaft folgenden Hauptfragen nachzuspüren:

1. Wo sind nach den Wirren des 2. Weltkrieges die einzelnen Familien verblieben? 2. Wie und in welcher Form ist eine Eingliederung in die neue Umwelt erfolgt? 3. Was ist aus der Jugend geworden?

Welche persönlichen Voraussetzungen bringe ich für diese Arbeit mit, mag eine nicht unwesentliche Fragestellung des Lesers sein. Zum Zeitpunkt der Umsiedelung war ich 16 Jahre alt und kannte jeden Einwohner des kleinen Dorfes. Die Zeit bis zur Ansiedlung im Wartheland ( 1941 ) verbrachte die Mehrheit der Dorfgenossen in zwei großen benachbarten Hotels in Bad Königswart im Sudetenland. Diese Monate genügten, um sich gegenseitig noch mehr kennenzulernen. Um die Untersuchung über die Eingliederung auf den neuesten Stand zu bringen, habe ich Fragebogen ausgeschickt. Die Anschriften hatte ich bei Verwandten- und Bekanntenbesuche mühsam gesammelt. Leider haben nicht alle Angeschriebenen meiner Bitte, die ausgefüllten Fragebogen an mich zurückzuschicken, entsprochen. Immerhin konnte ich 32 Fragebogen auswerten, die ein wirklichkeitsnahes Bild ergeben. Einen weiteren wichtigen Gesichtspunkt möchte ich nicht außer acht lassen. Die wichtigsten Quellen der Geschichte sind vielfach nicht Papiere, sondern Menschen; deshalb habe ich zu diesem Zeitpunkt, da noch mehrere, ältere Personen dieser ehemaligen Dorfgemeinschaft am Leben sind und durch ihr Zeugnis mithelfen können, die vorliegende Arbeit angefertigt.

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Aus der Geschichte der Volksgruppe

Aus der Geschichte der Volksgruppe D ie bessarabiendeutsche Volksgruppe ist ein Teil des Schwarzmeerdeutschtums. Die Ansiedlung der deutschen Bauern wurde von der Kaiserin Katharina 11., die im Jahre 1763 ein Manifest über die Besiedlung der Schwarzmeersteppe erließ, eingeleitet. Der Zar Alexander 1. erneuerte das Manifest und förderte ebenfalls die Besiedlung. Die für das spätere Leben der Kolonisten und die heutige Rechtslage wichtigsten Punkte dieses Manifestes lauten:

1. „Gestatten wir allen in Unser Reich ankommenden Ausländern unverhindert die freye Religionsuebung nach ihren Kirchen-Satzungen und Gebräuchen ...“ 2. „Solche zur Ansiedlung nach Russland gekommene Ansiedler sollen an unsere Kasse keine Abgaben zahlen und keine gewöhnlichen oder außerordentlichen Dienste leisten.“ 3. „Die in Russland angesiedelten Ansiedler können während der ganzen Zeit ihres Aufenthalts gegen ihren Willen weder zum Militär noch zum Zivildienst bestimmt werden.“ 4. „Alle zur Ansiedlung den Kolonisten angewiesenen Ländereien sind ihnen zum unantastbaren und erblichen Besitz auf ewige Zeiten gegeben, jedoch nicht als persönliches Eigentum irgend Jemandes, sondern als Gemeingut einer jeder Kolonie.“ 5. „Den Kolonisten ist es gestattet, zur Ausbreitung und Verbesserung ihrer Wirtschaften Grundstücke von Privatpersonen zu kaufen und überhaupt als Eigentum zu erwerben.“ 6. „Die von der Krone angewiesenen Landanteile erbt im allgemeinen der jüngste Sohn.“

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Aus der Geschichte der Volksgruppe

7. „Endlich und, zuletzt, wer von denen sich niedergelassenen und Unserer Bothmäßigkeit sich unterworfenen Ausländern Sinnes wurde sich aus Unserm Reiche zu begeben, dem geben Wir zwar jederzeit dazu die Freiheit, jedoch mit dieser Erläuterung, dass selbige verpflichtet seyn sollen, von ihrem ganzen in unserm Reiche wohlerworbenen Vermögen ein Theil an unsere Casse zu entrichten ...; nachhero ist jedem erlaubt, ungehindert zu reisen, wohin es ihm gefällt.“

Die erste Siedlungsgruppe, die der Wolgadeutschen, kam in den Jahren 1763 1768 in das Land. Die Besiedlung am Schwarzen Meer erfolgte etwa von 1789 - 1842. Besonders dicht waren die deutschen Dörfer in der Südukraine. Nach Bessarabien kamen die deutschen Bauern in den Jahren 1814 - 1842. Sie wurden von der russischen Regierung hereingerufen, um das wilde und siedlungsarme Steppengebiet aufzuschließen. Die politischen und wirtschaftlichen Unzulänglichkeiten im damaligen Deutschland erleichterten der russischen Werbeaktion den Erfolg, Die schwäbischen Bauern haben in den Wirren der napoleonischen Zeit, besonders durch die Besatzungstruppen, wirtschaftlich sehr gelitten. Dazu kamen noch religiöse Beweggründe. So folgten Tausende von deutschen Bauern dem russischen Angebot, am Schwarzen Meer zu siedeln.

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Aus der Geschichte der Volksgruppe

Wie stark die Wanderbewegung war, geht aus dem nachfolgenden Lied hervor:

„Laßt uns nur das Frühjahr sehen und die schöne Sommerzeit, Wer will mit nach Russland ziehen, der mach' sich zur Fahrt bereit. Denn der Kaiser hat ausgeschrieben, dass er Deutsche haben will, Grund und so viel mitzuteilen, als sie nur besitzen woll'n. Russland ist eine schöne Gegend, hier eine rechte Schinderei. Und da werden wir anlegen Weinberg an dein schönsten Rhein. Nun adje, jetzt woll'n wir ziehen, jetzund ist es hohe Zeit. An die Donau woll'n wir ziehen, denn sie ist von hier nicht weit.“

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Aus der Geschichte der Volksgruppe

In der Hauptsache kamen die deutschen Siedler aus Württemberg mit etwa 80 % aller Familien. Von 63 Oberämtern Württembergs sind 50 bei der Auswanderung vertreten.

Es stellten die Oberämter: Waiblingen

67 Familien

Freudenstadt

41 Familien

Urach

60 Familien

Heilbronn

40 Familien

Reutlingen

57 Familien

Schorndorf

39 Familien

Nagold

55 Familien

Stuttgart

34 Familien

Nürtingen

52 Familien

Ludwigsburg

26 Familien

Tübingen

52 Familien

Sulz am Neckar

20 Familien

Marbach

48 Familien

Backnang

20 Familien

Brackenheim

42 Familien

Leonberg

20 Familien

Zu diesen kamen noch weitere Ansiedler hinzu, die einige Jahre vorher nach Polen eingewandert waren, mit etwa 795 Familien. Aus Preußen, hauptsächlich Pommern, wanderten 329 Familien ein. Auch die andern Gaue waren mit kleineren Gruppen an der Besiedlung beteiligt. Mit Ausnahme eines Dorfes waren alle anderen Orte evangelisch. Ein Dorf, das zum größten Teil aus Schweizern bestand, gehörte der reformierten Kirche an. Sie kamen auf verschiedenen Wegen nach Bessarabien. Auf dem Landwege ging es über Schlesien-Lemberg oder auch über Warschau. In der Zeit von 1804 - 1835 benutzten verschiedene Wanderzüge den Donauweg. Auf den sogenannten „Ulmer Schachteln“ fuhren sie stromabwärts und landeten nach Monaten in dem russischen Donauhafen Ismail. Viele starben unterwegs oder in den Aufnahmelagern an irgend einer Seuche. Die Überlebenden fuhren mit angekauften Wagen landeinwärts auf das ihnen angewiesene Land. In der ersten Ansiedlungsperiode (1814 - 1842) wurden im ganzen 25 Kolonien gegründet, die auch Mutterkolonien genannt werden. 136


Aus der Geschichte der Volksgruppe

Zur Erinnerung an den russischen Feldzug gegen Napoleon wurden einige Dörfer nach Schlachtorten bezeichnet, so Beresina, Borodino, Kulm, Leipzig, Tarutino. Andere wählten zur Erinnerung an die deutsche Heimat die Namen Friedenstal, Hoffnungstal, Lichtental, Gnadental, Wittenberg u.a. Die Ansiedlungsbedingungen waren recht günstig. Sie besagten Befreiung vom Militärdienst auf ewige Zeiten, Befreiung von Steuern von 10 - 30 Jahren, eigene Schul- und Kirchenverwaltung, Zuteilung von 60 ha Land auf die Familie. Die ersten Jahre waren für die Siedler äußerst hart, da die Regierung das Versprechen zur tatkräftigen Ansiedlungshilfe nicht hielt. Sie mussten durchhalten, da es ein Zurück nicht gab. Verlassen von der alten Heimat und enttäuscht von der Regierung des Aufnahmelandes, schlossen sich die Familien der Siedler eng zusammen. In dieser Notzeit wurde ein Gemeinschaftsgefühl geboren, das bis zur Umsiedelung fortbestand und sich in tatkräftigen gemeinschaftlichen Hilfeleistungen, sowie in einer sehr großen Gastfreundlichkeit zeigte. Die Mutterkolonien bevölkerten sich rasch und so kam es zur Gründung von Tochterkolonien. Eine solche Tochterkolonie ist das Dorf Andrejewka.

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Allgemeine Ortscharakteristik

Allgemeine Ortscharakteristik Es ist ein junges Dorf, das im Jahre 1892 gegründet wurde. Drei kapitalkräftige deutsche Bauern, aus den Mutterkolonien stammend, erwarben von dem Armenier, Andrej Aswadurow 2000 ha Land. Dies boten sie den Bauernsöhnen der Mutterkolonien, die an einem Landkauf interessiert waren, zur Besiedlung an. Die Ansiedlung ging, wie aus dem beigefügten Ortsplan ersichtlich ist, recht planmäßig vonstatten. Zunächst musste innerhalb der gekauften Landfläche die möglichst günstigste Lage für das Dorf ermittelt werden. Diese Ermittlung wurde von der Frage, wo es genügend gutes Trinkwasser gibt, geleitet. Schon seit Urzeiten waren der einheimischen Bevölkerung gewisse Tränkestellen bekannt. Der Wasserspiegel liegt im allgemeinen sehr tief. Die Erfahrungen der einheimischen Bevölkerung machten sich die Siedler zu Nutzen und wählten danach die Lage des Dorfes innerhalb der angekauften Landfläche. Auf Wunsch des Landverkäufers wurde dessen Vorname, Andrej in dem neuen Ortsnamen Andrejewka verankert. Auf diese Weise erhielt das von deutschen Bauern gegründete Dorf den fremdklingenden Ortsnamen. Dank günstiger Verhältnisse hat sich die Ansiedlung sehr rasch entwickelt. Im Jahre 1940, nach einer 48-jährigen Ortsgeschichte, zählte es 423 Einwohner. Der Landbesitz hatte sich auf 2700 ha erweitert. 94 Familien hatten Ackerland und Hofplätze erworben, darauf standen stattliche Wohnhäuser und große Wirtschaftsgebäude. Was aus dem beigefügten Plan nicht sogleich ersichtlich ist, das ist die Großräumigkeit der Anlage. Die Ortsstraße ist 50 m breit. Ein Hof mit Garten (sie sind alle gleich groß) ist 27 m breit und 300 m lang, was eine Hof- und Gartenfläche von 81 ar ergibt. Die Wohnhäuser stehen alle mit dem Giebel zur Straßenseite. Vor jedem Wohnhaus ist ein Blumengarten eingezäunt. Entlang der Dorfstraße führt beiderseitig eine Akazienallee. Zu jedem Hof gehört ein großer Obst- und Gemüsegarten.

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Allgemeine Ortscharakteristik

Plan einer ortsĂźblichen Hofanlage (die Unterschiede der einzelnen HĂśfe sind minimal)

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Allgemeine Ortscharakteristik

Das Bild oben zeigt die Hauptstraße von Andrejewka in den Dreißiger Jahren. Links an der Mauer war der Fußweg für die Alten. Zwischen den Akazien gingen die Jungen und Verliebten. Die eigentliche Straße war 50 Meter breit, so dass vier Pferdefuhrwerke nebeneinander fahren konnten.

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Allgemeine Ortscharakteristik

Im Bild links ist die 1938 - 40 erbaute Kirche zu sehen. Bei der Umsiedelung war die Inneneinrichtung noch nicht einmal fertig gestellt.

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Allgemeine Ortscharakteristik

Die 84 Familien des Ortes verteilen sich auf folgende Berufsgruppen: 1 Pfarrer, 1 Lehrer, 61 Bauern, 3 Kaufleute, 2 Tischler, 1 Kunstschreiner, 2 Zimmerer, 1 Schmied, 1 Schlosser, 3 Schneider, 2 Schuster, 2 Sattler und 2 Schneiderinnen. Wie aus dieser Statistik hervorgeht, handelt es sich um ein Bauerndorf. Handwerker sind nur so viele im Ort, wie benötigt werden. Das Verhältnis hat sich aus Angebot und Nachfrage im Laufe der Zeit ergeben. Der Landbesitz der Bauern schwankt zwischen 15 ha und 110 ha. Mit 15 ha ist ein Hof lebensfähig.

Der Grundbesitz verteilt sich wie folgt: Höfe von 80 - 100 ha

3

Zahl der Arbeitspferde = 8

Höfe von 50 - 80 ha

10

Zahl der Arbeitspferde = 6

Höfe von 30 - 50 ha

27

Zahl der Arbeitspferde = 4

Höfe von 15 - 30 ha

20

Zahl der Arbeitspferde = 3

Unter 15 ha sind es 15 Höfe, darunter sind 9 Handwerkerfamilien.

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Allgemeine Ortscharakteristik

Das Haus von Friedrich und Emma Sauter Anfang der Neunziger

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Allgemeine Ortscharakteristik

Die Hauptstraße von Andrejewka. In der Mitte wurde eine weitere Reihe Bäume gepflanzt; die beiden Fußwege sind noch immer wie einst.

Die Kirche, rechts im Hintergrund das Pfarrhaus. Der Turm wurde mangels Steinen abgetragen.

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Die wirtschaftlichen Verhältnisse

Die wirtschaftlichen Verhältnisse So weit das Auge des Beschauers reicht, liegen die Felder tischglatt zu Füßen. Die gesamte Flur wird nur von 2 seichten Tälern durchzogen, die nur zur Zeit der Schneeschmelze oder nach starken Regengüssen Wasser führen. Kilometerweit geht man über die Äcker, ohne auf einen Stein zu stoßen. Selbst die Grenzsteine mussten aus einem Steinbruch eines Nachbardorfes herbeigeschafft werden. Die oberste Schicht der Äcker besteht in einer Mächtigkeit von 50-100 cm, aus schwarzer, jungfräulicher Humuserde. Darunter liegt eine Lehmschicht von 10 - 15 m Mächtigkeit, darunter erst liegen die Gesteinsschichten. Wie aus den Hofgrößen leicht zu schließen ist, wird der Ackerbau in extensiver Wirtschaftsweise getrieben. Die Geißeln der Landwirtschaft sind die strengen Winter und die oft regenarmen Frühjahrsmonate. Die Verteilung der Getreidearten und die der Hackfrüchte soll im Verhältnis an einem Hof mittlerer Größe gezeigt werden:

Hof mit 50 ha Ackerland Saatgetreide

Hackfrüchte

Weizen Gerste Hafer Flachs Raps

Mais Rizinusbohne Sojabohne Kartoffeln

15 ha 12 ha 4 ha 4 ha 3 ha

8 ha 2 ha 2 ha 25 ar

Es wird die Dreifelderwirtschaft getrieben und der Boden jedes 3. Jahr mit einer Hackfrucht bebaut. Die Erträge liegen im Vergleich zu denjenigen des süddeutschen Raumes wesentlich niedriger. Da die Äcker weniger intensiv bearbeitet und überhaupt nicht gedüngt werden, ist diese Tatsache leicht verständlich.

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Die wirtschaftlichen Verhältnisse

Als Beispiel für die Höhe der Erträge führe ich einen mittleren Hof an, von dem mir zuverlässige Angaben zur Verfügung stehen.

Ackerfläche des Hofes 50 ha - Ertrag im Jahre 1940 (mittlere Ernte) Weizen 9,50 ha Gerste 15,00 ha Hafer 4,00 ha Flachs 2,50 ha Raps 4,00 ha Mais 9,25 ha Sojabohne 7,00 ha

pro ha 30 Ztr. pro ha 28 Ztr. pro ha 30 Ztr. pro ha 20 Ztr. pro ha 20 Ztr. pro ha 40 Ztr. pro ha 22 Ztr.

gesamte Ernte gesamte Ernte gesamte Ernte gesamte Ernte gesamte Ernte gesamte Ernte gesamte Ernte

285 Ztr. 420 Ztr. 120 Ztr. 50 Ztr. 80 Ztr. 370 Ztr. 154 Ztr.

In verschiedenen Jahren werden noch Sonnenblumen und die Rizinusbohne angebaut. Die letztere Frucht ist sehr bekömmlich. Nur 2 Körner genügen, um die medizinische Wirkung auf den menschlichen Organismus auszulösen. Um das Bild des oben angeführten Hofes abzurunden, soll noch der übrige Landbesitz angeführt werden:

Weide Wald Hof mit Garten Weinberg

2,25 ha 0,25 ha 0,75 ha 0,50 ha

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Die wirtschaftlichen Verhältnisse

An lebendem und totem Inventar gehört zu dem Hof folgendes hinzu: Lebendes Inventar

Maschinen

Pferde Fohlen Kühe Rinder Kälber Schafe Schweine Hühner Gänse

1 Ablegermähmaschine 1 Haspel-Mähmaschine 1 Driller 1 Sämaschine 1 Dreischarpflug 1 Zweischarpflug 1 Einscharpflug 1 Maispflug 1 Gartenpflug

6 2 4 2 2 20 4 60 15

4 Eggen 1 Walze 1 Maisrebber 1 Putzmühle 2 Pferdewagen

Die Vieh- und Schweinezucht hat eine untergeordnete Bedeutung. Es werden nur so viele Kühe und Schweine gehalten, als zur Selbstversorgung notwendig sind. Schafe werden bevorzugt gehalten, und zwar nimmt das Karakulschaf die erste Stelle ein. Die Felle der jungen Lämmer werden von der Pelzindustrie sehr gesucht. Das Halten von Geflügel ist wegen der Größe des Auslaufes recht vorteilhaft. Von wirtschaftlichem Nachteil ist der Mangel an einem elektrischen Stromnetz und einer Wasserleitung. Im Haushalt wird die Petroleum- und Karbidlampe benutzt. Dem Fehlen einer Wasserleitung wird dadurch begegnet, dass auf jedem Hof ein Brunnen gegraben und ausgemauert wird. Mittels Wellrädern wird das Wasser aus einer Tiefe bis zu 15 m emporgewunden und in einen danebenstehenden Holztrog gegossen. Das Schöpfen des Wassers stellt auf dem Hof eine große Arbeitsbelastung dar, da der Wasserverbrauch bei der Anzahl der Haustiere recht groß ist. Über die Frühjahrs-, Sommer- und Herbstmonate werden die Kühe, Kälber und Schafe auf die Gemeindewiese getrieben und dort von einem Gemeindehirten gehütet. Am Abend kommen die Kühe zum Melken in den Stall zurück. Die Schafe werden alle gezeichnet und dann von einem Schafhirten während den wärmeren Monaten gehütet. Sie kommen erst im Spätherbst in den Stall zurück. Der Wollertrag wird über die Wintermonate von den Hausfrauen und Töchtern zum Teil selbst versponnen. Der weitaus größere Teil wird verkauft.

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Die wirtschaftlichen Verhältnisse

Die Preise für die landwirtschaftlichen Produkte sind, wie es in reinen Agrarländern fast überall der Fall ist, recht niedrig. Trotzdem ist ein Bauer in der Lage, seine Maschinen zu erneuern, neues Land anzukaufen und seine Wirtschaftsgebäude zu erweitern. Die steuerliche Belastung durch den Staat ist erträglich. Die Bewirtschaftung obliegt in der Hauptsache dem Bauern und seiner Familie. Je nach der Größe der Höfe werden ein oder zwei ständige Knechte gedungen. Über die Hauptarbeitszeiten werden eine größere Zahl von Burschen und Mädchen aus den benachbarten ukrainischen Dörfern eingestellt. Das Verhältnis der Familie zu den Arbeitskräften ist gut. Es wird gemeinsam gearbeitet und auch an einem Tisch gegessen. Die Entlohnung geschieht meist in Naturalien und ist nicht sehr hoch. Im Obstgarten findet der Besucher hohe Walnussbäume, verschiedene Kirschbaumarten, Pflaumen, Zwetschgen, Aprikosen und Maulbeerbäume. An einer anderen Seite des Gartens sieht man die wohlbekömmlichen Zucker- und Wassermelonen. Bald nach der Ortsgründung wurden auch Weinberge angelegt. Es waren in der Hauptsache zwei amerikanische Reben, der Saiber und der Taras. Diese wurden von der gefürchteten Reblaus nicht heimgesucht. In den späteren Jahren wurden die Weinberge mit französischen Reben veredelt. Jeder Bauer hat seinen eigenen Weinberg und somit auch über die ganze Jahreszeit eigenen Wein im Keller liegen. Daraus wird auch verständlich, dass es im Ort keine einzige Wirtschaft gab. Dadurch wurden die Bewohner vor vielen negativen Auswirkungen bewahrt. Alle Geselligkeiten spielten sich in den Privathäusern ab. An anderen deutschen Orten nahm der Weinbau die erste Stelle in der Bewirtschaftung ein. Die Weine dieser Weinbauern waren von vorzüglicher Qualität und wurden deshalb auch gerne vom rumänischen Königshofe aufgekauft.

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Das Gemeinschaftsleben

Das Gemeinschaftsleben D ie Dorfbewohner haben ein ausgesprochenes Gemeinschaftsbewusstsein. Sie unterscheiden sich von den benachbarten Dörfern in der Sprache, Religion, den Sitten und Gebräuchen und im sozialen Stand. Die Bauern waren bei der Ortsgründung sehr stark aufeinander angewiesen. Beim Bau eines Hauses halfen alle Nachbarn und Verwandten tatkräftig mit. Diese gegenseitige Hilfeleistung hat sich auch in den späteren Jahren erhalten. In Füllen von Naturkatastrophen und politischer Gefahr steht die Dorfgemeinschaft geschlossen hinter den Betroffenen. Die tragende Stütze dieser Gemeinschaft in politischer wie in sittlicher Hinsicht ist ohne Zweifel die Kirche. Der Geistliche des Dorfes genießt große Autorität und ihm werden auch alle Anliegen der Gemeinde anvertraut. Er ist auch die Stütze im Volkstumskampf des Dorfes mit den benachbarten fremdrassigen und andersgläubigen Bewohnern. Ihm zur Seite steht der Kirchengemeinderat. Die öffentlichen Gebäude des Ortes wie Schule, Kirche, Rathaus und zwei Hirtengebäude gehören der kirchlichen Gemeinde. Dazu kommt noch die Farrenhaltung. Das bei der Gründung des Dorfes erbaute Bethaus genügte den Anforderungen nicht mehr. Deshalb wurde in den Jahren 1938 - 1940 aus gemeindeeigenen Mitteln eine Kirche erbaut, die 800 Personen faßte. Politisch gehörte der Ort zur Gemeinde Seimeny, deren Einwohner ebenfalls Deutsche sind. Der Gemeinderat setzt sich aus sieben Mitgliedern zusammen, wovon zwei auf das Dorf Andrejewka entfallen. Einer davon ist der ehrenamtliche Bürgermeister. Die Schule des Dorfes ist zweiklassig. Die Lehrer sind staatlich angestellt. Einer davon ist Deutscher, der andere Rumäne. Die Unterrichtssprache ist für alle Fächer Rumänisch. Nur die religiöse Unterweisung darf in der deutschen Muttersprache erfolgen.

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Die Sitten und Gebräuche

Die Sitten und Gebräuche D ie Sitten und Gebräuche der ersten Ansiedler haben sich bei den Nachkommen erhalten und werden auch gepflegt. Sie sind eine sehr wesentliche Stütze des Volkstums und sind aus dem Gemeinschaftsleben gar nicht wegzudenken. Es werden nur die Sitten und Bräuche angeführt, die noch lebendig sind. Zum besseren Verständnis des Folgenden führe ich die Herkunftsorte der Ortsgründer an. Diese kamen in der Mehrzahl aus den Mutterkolonien: AltPosttal, Gnadental und Friedenstal. Die Bevölkerung dieser Orte, die aus Deutschland eingewandert ist, setzt sich wie folgt zusammen: Alt -Posttal: Von 80 Ansiedlerfamilien kamen 73 aus dem Schwarzwald Gnadental: Von 73 Ansiedlerfamilien alle aus den Oberämtern Schorndorf, Waiblingen, Cannstatt, Ludwigsburg und Marbach Friedenstal: Von 87 Ansiedlerfamilien stammen 23 aus Württemberg Es ist verständlich, dass sowohl in der Sprache wie auch in den Sitten und Gebräuchen, Ausgleiche und Wandlungen stattgefunden haben. Die allgemeinde Ortssprache war ein schwäbisch, das sich nur in Kleinigkeiten von der Mundart der Ludwigsburger Gegend unterscheidet. Ein Rückwanderer unseres Dorfes ist in jener Gegend an seiner Sprache von den Einheimischen kaum zu unterscheiden. Die Darstellung der Sitten und Gebräuche möchte ich mit Weihnachten beginnen.

Weihnachten D ie Kinder zählen am Kalender die Tage, bis das Christkind kommt. Die freudige Erwartung wird jedoch durch die Drohung der Mutter, wenn eines der Kinder unartig ist, getrübt: „Wartet nur, ich sag's dem Pelzmärtel, wenn er kommt!“ In den Tagen kurz vor Weihnachten bemächtigt sich der Kinder bei Einbruch der Dunkelheit ein seltsames Gefühl bei dem Gedanken, dass der Pelzmärtel schon heute abend kommen könnte. Eines Abends naht dann auch mit lautem Geklingel der Pelzmärtel. Ohne anzuklopfen tritt er, an einer Kette von jemand geführt, in die Stube. Die Kinder sind alle verschwunden. Der Pelzmärtel weiß jedoch Bescheid und findet jeden in seinem Versteck. 152


Die Sitten und Gebräuche

Die Kinder werden verhört und je nach den Aussagen der Eltern vollzieht sich das weitere Geschehen. In schwierigen Fällen kommt auch die Rute in Anwendung. Aber auch Gedichte will er hören und es werden folgende aufgesagt: Pelzmärtel Knocha bete alle Wocha, bete bis ins Himmelreich, was ich krieg, das ess ich gleich. Pelzmärtel komm von draußa rei, bring mir schöne Sacha rei: Äpfel, Birn und Nussa, mach mir koi Verdrussa. Lauter schöne Sacha muss ich herzlich drüber lacha. oder auch Pelzmärtel Ofaloch, wennt mi kriegsch, no fang mi doch! Manch ein Herausforderer wurde daraufhin gefangen, und die Geschichte ist weinerlich zu Ende gegangen. Nach dem Versprechen der Kinder, immer brav und fleißig zu sein, werden sie beschenkt und der Pelzmärtel zieht ein Haus weiter. Das Schlimmste ist nun vorüber und es steht der Bescherung durch das Christkind nichts mehr im Wege. Schon sehr bald werden Briefe und Wunschzettel an das Christkind abgeschickt. In der Schule wird unterdessen die Weihnachtsfeier vorbereitet. Sie stellt den Höhepunkt innerhalb des Schuljahres dar und kaum ein Erwachsener fehlt bei der Aufführung. Zur Vorbereitung werden die Deutsch- und Religionsstunden verwendet. Die Aufführung findet in dem weihnachtlich geschmückten Bethaus statt und zwar am Heiligen Abend. Nach der Feier erfolgt die Bescherung der Kinder. Glücklich wandern sie an der Hand des Vaters oder der Mutter nach Hause.

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Die Sitten und Gebr채uche

In der guten Stube wurde am Vortage der Weihnachtsbaum gerichtet und die Geschenke darunter gelegt. Erwartungsvoll bleiben die Kinder vor der T체re stehen, bis sie die Erlaubnis zum Hereintreten erhalten.

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Die Sitten und Gebräuche

Wenn alle Vorbereitungen beendet sind, dürfen sie auch hereinkommen. Sie dürfen zunächst die Geschenke anschauen und irgend ein Spielzeug ausprobieren. Nachdem sich die Gemüter etwas beruhigt haben, folgt die Weihnachtsfeier im häuslichen Kreise. Die Kerzen werden am Baume angezündet und alles sitzt im Halbkreis um den Baum. Es werden nun zusammen Weihnachtslieder gesungen, und die Kinder dürfen dazu Gedichte hersagen. Darauf setzen sich alle an den mit Weihnachtsgebäck gedeckten Tisch. Da stehen nun all die guten Sachen, die man das ganze Jahr über nicht zu sehen bekam. Nach dem Schmaus begibt sich die ganze Familie zur Ruhe, denn es ist recht spät geworden. Der 1. und 2. Weihnachtstag ist der Besuchstag für die Verwandten und Bekannten. In der „vorderen Stube“ setzen sie sich um einen großen Tisch, auf dem vielerlei Gebäck und Getränke stehen, In solcher Umgebung lässt es sich gut plaudern und es werden vor allen Dingen die Jugenderinnerungen aufgefrischt. Am nächsten Tag ist die Reihe an einem anderen Gastgeber, bei dem sich der ganze Kreis wieder bereitwilligst einfindet. Weitere öffentliche Veranstaltungen finden über die Weihnachtszeit nicht mehr statt. Auf der Straße begrüßt man sich mit dem Zuruf: „Frohe Weihnachten!“

Der Wandertag Am 28. Dezember ist der Wandertag oder auch Pfeffertag genannt. Dies ist für die Knechte ein Feiertag. Sie brauchen an diesem Tage nichts zu arbeiten und können sich auch eine neue Arbeitsstelle suchen. Die Dienstzeit wird meist für ein ganzes Jahr abgeschlossen. Wer nicht wandern will, bleibt beim alten Dienstherrn.

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Die Sitten und Gebräuche

Neujahr Am Abend vor Neujahr findet nochmals ein Gottesdienst statt. Danach werden Besuche gemacht. Die Jugend trifft sich ebenfalls in verschiedenen Häusern zu Gesellschaftsspielen und zu sonstiger Unterhaltung. Vor Mitternacht versammeln sich alle auf der Straße vor der Kirche. Kurz vor Mitternacht singt der Kirchenchor vom Kirchturm ein Lied. Alle lauschen dem Choral. Kaum ist das Lied verklungen, da ertönen zwölf kräftige Glockenschläge. Beim letzten Schlag beginnen sich die Umherstehenden ein „Glückliches neues Jahr“ zu wünschen. Die Glocken läuten das neue Jahr ein. Das harmonische Geläute wird von kräftigen Neujahrs-Schüssen übertönt. Wenn die Glockentöne schon lange verklungen sind, dauert das Neujahrsschießen immer noch an. Nur allmählich begeben sich die Leute nach Hause. Der Chor und die Mundharmonika-Spielgruppe bringt noch da und dort ein Ständchen. Die Nacht ist nur sehr kurz, denn schon bei Tagesanbruch kommen die Jugendlichen von Bekannten und Verwandten zum „Neujahrswünschen“. Sie haben sich dazu einen mehr oder weniger lockenden Spruch eingelernt. So zum Beispiel: Ih wensch, ih wensch, ih ben a kloiner Mensch. Geld heraus, Geld heraus oder ih schieß Eich a Loch ins Haus! Darauf schoss der „kleine Mensch“ mit irgend einem Knallinstrument in die Luft. Beim Anblick des tapferen Schützen erweichte sich das Herz der Großmutter, der Tante, der Döte usw. und sie ließen eine kleine Münze in die brav gezogene Mütze fallen. Weitere Neujahrssprüche lauteten folgendermaßen: Ih wensch, ih wensch, ih ben a kloiner Mensch. Ih ben a kloiner Kenich, gebt mer net zu wenich, laßt mi net so lange steh, ih will a Heisle weiter geh! Weil das neue Jahr ist kommen, hab ich mir es vorgenommen, Euch zu wünschen in der Zeit, Friede, Glück und Seligkeit! Wenn ich Euch nur wünschen könnte, was ich in meim Herz empfinde! So viel Tropfen in dem Regen, so viel Glück und so viel Segen, soll Euch Gott der Höchste geben in diesem neuen Jahr. Prosit Neujahr! 156


Die Sitten und Gebräuche

Ich wünsch Euch ein glückliches Neues Jahr und ein langes Leben. Darauf soll es Feuer geben! Wir wünschen dem Herrn einen goldenen Tisch, auf jeder Eck 'nen gebratenen Fisch. In der Mitte 'ne Kanne mit Wein, damit der Herr kann lustig sein! Den Neujahrswünschern gibt man in der Regel etwas Geld. An Gebäck haben sie nach den Weihnachtstagen keine besondere Freude mehr. Neben den ortseigenen Kindern kamen aber auch noch große Scharen von ukrainischen Kindern aus den Nachbardörfern. Diese trugen Lieder und Gedichte in ihrer Sprache vor. Diese wünschen dem Bauern eine gute Ernte und Gesundheit in Stall und Haus. Dabei streuen sie ein Saatgemisch in der Stube umher. Sie tragen bei sich Körbe und Säcke und bekommen meist Eßwaren mit. Nach diesen bewegten Tagen sehnen sich die Hausfrauen nach etwas Ruhe, aber da kommt schon der 6. Januar mit dem Tag der „Heiligen drei Könige“. Erwachsene Mädchen gehen verkleidet in Gruppen zu je drei, mit einem Stern in der Hand, in die Häuser und singen oder sagen: Die heiligen drei König mit ihrem Stern, sie kommen und suchen den lieben Herrn. (die weitere Textfolge konnte ich nicht auftreiben). Nach Beendigung des Liedes sagt einer der Könige: Der Stern, der Stern muss rumwärts geh'n, wir müssen jetzt noch weiter geh'n. Sie bekommen in der Regel Geld. Wo sie keines bekommen, singen sie vor der Türe einen Spottvers. Am Ende des Rundganges wird der Ertrag verteilt.

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Die Sitten und Gebräuche

Nun folgt bis zu Ostern die wohl ruhigste Zeit innerhalb des Jahres. Am Abend sitzt die Familie in der Wohnstube bei verschiedenen Arbeiten. Die Mutter strickt, stopft, flickt oder lässt das Spinnrad surren. Die ältesten Töchter sind ebenfalls mit irgend einer Handarbeit beschäftigt. Sie sticken Kissen und Deckchen oder fertigen Kleidungs- und Wäschestücke für die eigene Aussteuer an. Die jüngeren Geschwister machen Schulaufgaben oder spielen in irgend einer Ecke des Zimmers. Der Vater liest die Zeitung oder in einem Kalender. Manchmal holt er auch das Gesangbuch und nachdem die Kinder ins Bett gebracht worden sind, singen die Erwachsenen Kirchen- und Volkslieder. Dies ist keine Seltenheit und muss unbedingt als für diese Zeit charakteristisch angeführt werden. Die erwachsene Jugend geht jedoch auch recht oft eigene Wege. Die Burschen und Mädchen haben sich in Freundschaftsgruppen, genannt Kameradschaften, zusammengefunden. Die Gruppierung erfolgt meist nach dem Geburtsjahrgang. Verwandtschaftliche und soziale Gesichtspunkte spielen jedoch ebenfalls eine Rolle. Zu einer Mädchenkameradschaft gehört als Beschützer eine ganz bestimmte Burschenkameradschaft. Während der langen Winterabende gibt man sich abwechselnd in irgend einem Wohnhaus ein Stelldichein. Die Mädchen sind während dieser Abende mit Handarbeit beschäftigt, während die Burschen sich alle Mühe geben, um eine gewisse Hochstimmung zu erhalten. Vor dem Heimweg werden noch ein paar Gesellschaftsspiele gemacht, bei denen die Burschen danach trachten, zu ihrem Recht zu kommen. Es werden gespielt: 1. Ringlein zu mir. Die Spielregeln sind auch hier zu Lande bekannt. 2. Ein Blinzelspiel. Die Mädchen sitzen im Kreis herum. Hinter ihnen stehen die Burschen. Ein Stuhl bleibt frei. Der Bursche, der hinter diesem Stuhl steht, muss sich eine Partnerin erblinzeln. Die Burschen dürfen ihre Vordersitzerin am Aufstehen hindern. Das Spiel erfordert blitzschnelles Reagieren der Mitspieler, sonst wird es langweilig.

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Die Sitten und Gebräuche

3. Gefällt dir dein Nachbar? Die Spieler sitzen wiederum paarweise im Kreis herum. Einer der Mitspielenden steht im Kreis und darf fragen. Es werden abwechselnd die Mädchen und dann die Burschen gefragt. Ein Mädchen wird gefragt: „Gefällt dir dein Nachbar?“ Antwortet es mit ja, dann geht der Fragende zum nächsten Pärchen weiter. Antwortet das Mädchen mit nein, so kommt die Gegenfrage, wer ihr besser gefällt. Das Mädchen nennt einen anderen Burschen, der ihr besser gefällt. Die Nachbarin dieses angeforderten Burschen fordert nun das erste Mädchen auf, als Ablösungspfand irgend etwas zu tun. Tut sie es zur Zufriedenheit aller, so bekommt sie den angeforderten Nachbarn. Der jetzige muss sich auf dessen Stuhl setzen. Das Spiel steckt voll heimlicher Rivalität und setzt die Gemüter recht stark in Bewegung. Die gegenseitige Scheu und Achtung verhindert, dass irgend ein Spieler aus der Rolle fällt. 4. Lassen es die Räumlichkeiten zu, so wird sehr gerne Blinder-Mäusle (blinde Kuh) gespielt. 5. Ein Spiel, das weniger Aufregung macht, ist das Farben-Raten. Ich seh etwas und das ist rot. Wer es errät, darf weiterfragen. 6. Mein rechter Platz ist leer. Die Mitspieler sitzen wiederum paarweise im Kreis. Es wird durchgehend abgezählt und jeder merkt sich seine Nummer. Ein Spieler ist ohne Nachbarin, sein rechter Platz ist leer. Er ruft: „Mein rechter Platz ist leer, ich wünsch mir Nummer 7 her.“ Das Spiel verläuft ziemlich rasch. Die Nummer 7 setzt sich an seine Seite und der Nachbar des nun freien Stuhles muss nun auch eine Nummer aufrufen. 7. Gustav piep einmal! Die Spieler sitzen im Kreis. Einem Mitspieler werden die Augen verbunden und er wird in die Mitte des Kreises geführt. Die sitzenden Mitspieler wechseln nun wahllos die Plätze. Der Spieler mit den verbundenen Augen setzt sich nun auf den Schoss eines sitzenden Mitspielers und fordert diesen auf: „Gustav, piep einmal!“ Darauf versucht er dreimal, dessen Namen zu erraten. Gelingt es, so werden nun diesem die Augen zugebunden. Das Erraten fällt nicht ganz leicht, da die Mitspieler die Stimmen verstellen. 159


Die Sitten und Gebräuche

8. Neuen Gästen im Kreis wird auch das Rätselspiel „Scharwenzel“ vorgeführt. „Scharwenzel hör aufs Wort und geh' nicht eher fort, bis ich dir's sagen werde und reiche dem die Hand, dem ich sie geben werde.“ Auf den Zuruf: „Scharwenzel geh'!“ entfernt sich dieser aus dem Zimmer. Der Fragende reicht nun einem Mitspieler die Hand. Scharwenzel wird hereingerufen und reicht prompt dem gleichen Spieler die Hand. Der Nichtwissende ist von dieser Fähigkeit des Scharwenzel überrascht. Es wird ein paarmal wiederholt, bis alle auf den Schwindel kommen. 9. Nichteingeweihte dürfen auch „Flaschen steigen“. Spieler, die das Spiel nicht kennen, werden aus dem Zimmer geschickt. Es werden nun 4 oder auch 5 Flaschen in Schrittabstand hintereinander gestellt. Ein Spieler wird hereingerufen, und er darf nun mit offenen Augen einmal über die Flaschen steigen. Die Augen werden daraufhin zugebunden und der Spieler aufgefordert, es nochmals zu tun, ohne jedoch eine Flasche umzustoßen. Die Flaschen werden jetzt schnell entfernt und der Hereingefallene steigt zum Gelächter der Herumsitzenden in vorsichtigen Schritten über den glatten Fußboden. 10. Sehr beliebt sind auch verschiedene Pfänderspiele. Nachdem eines oder zwei dieser Spiele gespielt wurden, geht der Kreis auseinander. So angenehm die Winterzeit für die bäuerliche Jugend wie für die Bauern auch ist, so geht sie doch auch recht rasch vorüber.

Ostern Um die Osterzeit beginnt die Arbeit erneut zu drängen. Eingeleitet wird die Osterzeit durch den Palmsonntag. Der Kirchenbesuch ist an diesem Tage recht gut. Manche Leute fasten auch an diesem Tage. Jegliche Vergnügungen sind untersagt. In den Tagen vor Gründonnerstag werden überall die Häuser gerichtet. Auf dem Friedhof werden die Gräber instand gesetzt und für das kommende Jahr eingepflanzt. Für die Feiertage muss aber auch genügend Backwerk zubereitet werden. Der Karfreitag setzt allem Hasten ein Ende. Es ist ein ernster Tag. Die Glocken mahnen eindringlicher als sonst zum Kirchgang. Am Samstag werden im Haus die letzten Vorbereitungen getroffen. 160


Die Sitten und Gebräuche

Am Ostersonntag läuten in aller Frühe die Glocken. Die Bevölkerung versammelt sich auf dem Friedhof. In einem Gottesdienst wird der Toten gedacht. Bei dem anschließenden Grabbesuch werden bittere Tränen geweint. Diese besinnliche Morgenstunde bestimmt für die Erwachsenen das ganze Tagesgeschehen. Doch bringt die Gewissheit der Auferstehung auch eine etwas heitere Stimmung hervor. Die Kinder suchen gleich nach dem Erwachen ihre Osternestchen. Hiermit ist ein Brauch verbunden, den ich auch pädagogisch für ganz besonders wertvoll halte. Nur das Kind wird beschenkt, welches sein eigenes Nestchen hat. Etwa 3 Wochen vor Ostern sät sich jedes Kind in einen großen Teller oder in einen Blumentopf Gerste ein. Der Teller wird täglich an die Sonne getragen und die Erde gut gegossen. Am Abend muss er wieder herein, da es nachts recht kalt ist. Es wird von den Kindern täglich ein paarmal nachgeschaut, ob die Saat auch keimt, und die empordrückenden Keime werden anfänglich einzeln gezählt. In Familien mit mehreren Kindern kommt in der Pflege des Nestchens eine gewisse Konkurrenz auf. Jedes will das schönste haben. Mit diesem Gebrauch kommen die Kinder ganz persönlich und sehr gefühlsmäßig mit dem Wachsen in der Natur in Berührung. Sie machen dabei sehr wertvolle eigene Erfahrungen. Am Samstagabend vor Ostern werden die Nestchen an das Fußende des Bettes gestellt und die Türe offengelassen. Sehr groß ist am nächsten Tag die Freude, wenn der Osterhase da war und bunte Eier in das Nest gelegt hat. Der Tag verläuft weiterhin ohne besondere Feierlichkeiten. Ganz anders wird jedoch der Ostermontag gefeiert. Es ist ein rechter Freudentag, an dem auch das Eierlesen stattfindet. Dieser Brauch wird in jedem Jahre wiederholt und verläuft folgendermaßen: Die Burschen sammeln im Dorf in den Vortagen etwa 400 Eier ein. Diese werden für das Fest, das sich auf einer Wiese abspielt, benötigt. Es werden nebeneinander 4 Reihen Eier gelegt. Auf 50 m kommen 100 Eier. Die Reihen sind soweit voneinander, dass ein Läufer bequem in der Gasse laufen kann. Jedes 10. Ei ist rot gefärbt. An einem Ende ist ein 15 m hoher Mast eingegraben, auf dem das Königsbild angebracht ist. Nach diesen und anderen Vorbereitungen beginnt am Montagnachmittag das Fest.

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Die Sitten und Gebräuche

Geschlossen marschiert die Jugend in Viererreihen von einem Sammelplatz auf die Wiese. Voran geht ein Fahnenträger. Mit Gesang und Musik bewegt sich der Zug durch das Dorf. Nebenher läuft die Schuljugend. Die Erwachsenen sind schon vorher auf den Festplatz gegangen. Nun beginnt das Einholen der Eier. Es geschieht wettkampfmäßig und ist das Vorrecht der 4 schnellsten Burschen des Dorfes. Diese nehmen an dem Ende, an welchem der Flaggenmast eingegraben ist, in ihren Bahnen Aufstellung. Auf ein Signal erfolgt der Start. Sie laufen die Eierreihe entlang, holen das am anderen Ende liegende Ei und legen es einem am Zielende stehenden Mädchen in die Schürze. Sie laufen weiter und holen sogleich das nächste Ei ein. Das 10. Ei ist gefärbt und wird von den Läufern bei der Rückkehr über den Bildmast geworfen. Wessen Ei zuerst über diesen hinwegfliegt, der ist Sieger. Ihm wird sogleich die Ehre zuteil, mit seinem Mädchen eine Freitour vor den Augen der Festgäste zu tanzen. Die gesamte Ortsbevölkerung ist auf diesen Sieg gespannt und zollt dem Sieger nach dem Tanze Beifall. Nach einer kurzen Atempause geht das Eierlesen weiter. Im 2. Teil werden nun die übrigen 40 Eier jeder Reihe eingeholt. Die Laufstrecke verkürzt sich jetzt, aber es bedarf doch einer großen Anstrengung, bis das letzte Ei jeder Reihe über den Mast geworfen wird. Alle anderen Eier sind jeweils in die Schürzen der bereitstehenden Mädchen gelegt worden. Der Sieger des zweiten Laufes ist der Tagessieger und ihm werden im Laufe des Nachmittags und am Abend noch besondere Ehrungen zuteil. Die eingesammelten Eier, die von den Bauern der Jugend geschenkt wurden, werden nach Beendigung des Spiels verkauft und der Erlös zu Vereinszwecken verwendet. Nach dem Eierlesen kommt aber auch die gesamte übrige Jugend zu ihrem Recht. Es werden in der bunten Jugendtracht Volkstänze vorgeführt. Vor allem ist es der Ländler, der mit vielen Figuren getanzt, an die Tänzer und Tänzerinnen recht hohe Ansprüche stellt. Nach den Volkstänzen am Nachmittag folgen am Abend im Vereinslokal die Modetänze. Die Tanzlustigen nutzen den Abend aus, denn nun folgt eine strenge Arbeitszeit im Garten und auf dem Feld, wobei man die Flügel etwas hängen lässt.

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Die Sitten und Gebräuche

Der 1. Mai Schon vor der Osterzeit hat die Frühjahrsbestellung der Äcker begonnen. Die Feldarbeit reißt nun bis zum nächsten Winter nicht mehr ab. Nur an Feiertagen gönnt man sich etwas Ruhe. Der 1. Mai ist ein staatlicher Feiertag, überall ruht die Arbeit. Am Tage vorher werden die Häuser mit Birkengrün geschmückt. In der Ortsmitte wird bei Nacht ein bis zu 20 m hoher Maibaum aufgestellt. Dies sind 2 starke, aneinandergefügte Balken. Am oberen Ende wird ein Rahmen angebracht, in den ein großer Spiegel eingefügt ist. Der Wind spielt mit dem Spiegel und die Sonnenstrahlen werden recht stark reflektiert. Der Rahmen des Spiegels ist bunt. An dem Rahmen werden lange, verschiedenfarbige Bänder angebracht, die ebenfalls munter im Winde flattern. An den Balken sind schöne, grüne Sträuße angebracht, von denen ebenfalls bunte Bänder herabhängen. Das Setzen eines solchen Maibaumes bringt die Jugend recht in Schweiß, aber die Arbeit hat sich gelohnt, denn am nächsten Tag kommt die ganze Dorfbevölkerung unter dem Baum zusammen und bestaunt das gelungene Werk. Am Nachmittag wandert die Jugend hinaus ins Grüne. Am Abend versammeln sie sich auf der Gemeindewiese zu Volkstänzen, zu Spiel und Tanz. Dabei wurden alte schwäbische Volkslieder gesungen.

Pfingsten In der Nacht auf Pfingsten ist es Sitte, dass ein junger Mann seiner zukünftigen Braut ein Pfingstbäumchen stellt. Unbeliebte Mädchen und solche, die sich in irgend einer Weise etwas zu Schulden kommen ließen, bekommen Dornenbüsche. Aber auch allerlei andere Späße werden in dieser Nacht angestellt. Fahrzeuge werden auseinandergenommen, auf irgendeinem Dach wieder zusammengestellt und mit allerlei Gerümpel beladen. Futterkrippen, die den Sommer über auf dem Hof stehen, werden aufs Feld getragen. Aber auch Heimlichkeiten junger Liebender werden der Öffentlichkeit bekanntgemacht, indem vom Haus des Burschen zu dem des Mädchens mit Spreu eine Spur gestreut wird. Diese zu beseitigen, ist unmöglich. Das Mädchen beseitigt sie zwar am eigenen Haus, aber sie ist gegen diesen Schabernack machtlos. 163


Die Sitten und Gebräuche

Nach Pfingsten, zu Beginn des Monats Juni beginnt bereits die Erntezeit. Es sind arbeitsreiche Tage und Nächte und nur langsam nähert sich das Herbstfest.

Die Kerbe Am ersten Sonntag im Oktober wird dieses Fest gefeiert. Die Frauen müssen wiederum für recht viel Backwerk sorgen, während die Männer das Fässchen mit dem besten Wein anstechen. Am Tage vorher werden die Höfe und die Straße gekehrt und der Gehsteig mit gelbem Stubensand bestreut. Die Kirche wird von den Konfirmanden zu dem Erntedankfest ganz besonders geschmückt. Um den Altar werden wohlgeratene Früchte gelagert. Da sieht man verschiedene Obstsorten, Traubenarten, Paprikaschoten, Wasser- und Zuckermelonen, Maiskolben, Kürbisse und verschiedene Ährensträuße. Es ist ein äußerst farbenprächtiges Bild und dem Besucher läuft unwillkürlich das Wasser im Munde zusammen. Die Kirche ist an diesem Tage überfüllt und die Gemeinde dankt aus ganzem Herzen für die gesegnete Ernte. Am Nachmittag und Abend versammelt sich die Jugend zu Spiel und Tanz. Schon vor dem Erntedankfest ist das Dreschen beendet, aber die Maisernte steht noch bevor, Das Maisbrechen wird meist von herumziehenden nichtdeutschen Arbeitsgruppen im Akkord angenommen und besorgt. Unzählige Wagen voll werden da an einem Tag in den Schuppen gefahren und abgeladen. Der ganze Raum ist nahezu bis zur Decke mit Mais angefüllt. Nun müssen noch die Maiskolben von der sie schützenden Blätterumhüllung gesäubert werden. Dies ist eine sehr zeitraubende Beschäftigung, da jeder Kolben in die Hand genommen werden muss. Doch da weiß man sich zu helfen. Gemeinsam geht es schneller und in einer lustigen Gesellschaft fließt die Arbeit munter fort. Der Bauernsohn oder die Tochter laden alle jungen Leute der Nachbarschaft und der Kameradschaft für einen bestimmten Abend zum „Maisstripfen“ ein. Dieser Einladung wird gerne Folge geleistet, da an einem solchen Abend allerhand bevorsteht. Man setzt sich paarweise nebeneinander, die Mutter und Großmutter sind nicht dabei, an das Fußende des aufgeschütteten Maishaufens. Die Kolben werden in einen davorstehenden leeren Wagen geworfen.

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Die Sitten und Gebräuche

Die Burschen sind ganz besonders flink bei der Arbeit, denn findet jemand einen roten Kolben, so darf er seine ausgewählte Nachbarin küssen. Diese weiß schon vor Beginn, was ihr bevorsteht, aber sie ziert sich dennoch, und die kleine Rauferei, die dadurch entsteht, belustigt die Umhersitzenden sehr und gibt zu allerhand lustigen Bemerkungen Anlass. Es käme an einem solchen Abend kaum zur Arbeit, fände man viele rote Kolben. Doch nur selten hat einer das Vergnügen. Bei der Arbeit wird viel gesungen, und es werden auch Witze erzählt. Die Anwesenheit des Bauern genügt, um deren Auswahl sorgfältig abzuwägen. Dazwischen gibt die anwesende ukrainische Magd oder ein Knecht ein ukrainisches Volkslied zum besten. Zur Aufmunterung gibt es zwischendurch ab und zu ein Gläschen Wein. Am Ende des sehr langen Abends winkt der Gesellschaft ein gutes Abendbrot. Am nächsten Abend geht es weiter. Ist die Arbeit getan, so geht die ganze Gesellschaft zu einem anderen mitbeteiligten Bauern. So geht es weiter, bis auch dem letzten der Gruppe die Arbeit getan ist. Dies ist für die Jugend eine sehr gesellige Zeit. Allem Übermut wird durch die Arbeit Grenzen gesetzt. Es naht nun die Winterzeit, wo man sich des Abends gerne in die geheizte Stube setzt.

Die Taufe N icht nur die Hauptfeste innerhalb eines Jahres werden von Sitten und Gebräuchen gestaltet, sondern der rein persönliche Lebensweg jedes Kindes wird von der Wiege bis zum Grabe in den verschiedenen Altersstufen von Sitten und Gebräuchen begleitet und getragen. Die Sorge für den jungen Erdenbürger beginnt schon vor der Geburt. Die Mutter arbeitet bis zur Niederkunft. Sie schont sich nur beim Heben von Lasten, ohne jedoch zimperlich zu sein. In den schweren Stunden der Geburt ist nur die Hebamme anwesend. Die größeren Kinder sind aus dem Haus zu Bekannten und Verwandten gebracht worden. Die Kindbettzeit dauert normalerweise 9 Tage. Die stille Zeit der Mutter 6 Wochen. In dieser Zeit verläßt sie nur selten den Hof. Am 6. Sonntag nach der Geburt geht sie erstmals wieder zur Kirche. Von nun an darf sie Besuche abstatten und empfangen.

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Die Sitten und Gebräuche

Nun kommt die Reihe an den kleinen Erdenbürger. Seine Taufe steht bevor. Sein Taufkleidchen wird in vielen Fällen aus dem Brautschleier der Mutter angefertigt. Das Kleidchen bleibt in der Familie und wird bei nachfolgenden Kindern zum gleichen Zwecke verwendet. Mitunter geht es sogar in der Sippe reihum. Die älteste Tochter bekommt es mit in die Aussteuer. Und so dient es weiteren Generationen zum gleichen Zweck. Zur Taufe werden aus der nächsten Verwandtschaft zwei Paten bestellt. Die Taufgottesdienste finden in der Kirche vor versammelter Gemeinde statt. Eine Nottaufe bei Krankheit des Kindes oder der Mutter darf auch der Küster oder die Hebamme vollziehen. Diese Taufen werden nachher vom Pfarrer bestätigt. Auf die Taufe des Kindes folgt im kleinen Rahmen ein Festessen. Mit der Taufe haben die Paten, der Dota und die Döte, die rechtlichen Verpflichtungen, um die rechte Erziehung des Dötle zu sorgen, übernommen. Zu Weihnachten, Neujahr, Ostern und zum Geburtstag bekommt das Dötle von den Taufpaten ein kleines Geschenk. Mit dem Schuleintritt wachsen die Sorgen des Dota und der Döte bezüglich des Dötle. Dieses wiederum wendet sich gerne mit Sonderwünschen an sie. Mit der Konfirmation erlischt die erzieherische Verpflichtung der Paten, aber das Verhältnis bleibt weiterhin gut.

Die Konfirmation Sie bedeutet für den Konfirmanden den Beginn eines neuen Lebensabschnittes. Der Religionsunterricht ist bisher vom Lehrer erteilt worden. Der Konfirmandenunterricht wird nun vom Pfarrer erteilt und dauert 3 - 4 Wochen. In dieser Zeit sind die Schüler vom übrigen Unterricht befreit. Kinder aus Nachbarorten beziehen im Pfarrort für diese Zeit eine Wohnung. Am Sonnabendvormittag vor der Konfirmation findet eine öffentliche Prüfung der Konfirmanden statt. Keiner weiß im voraus, welche Frage er zur Beantwortung bekommt. Der Verlauf geht nicht reibungslos, aber das ist ja auch nicht zu erwarten. Am Nachmittag werden die letzten Festvorbereitungen getroffen. Der Weg von der Schule in die Kirche wird mit gelbem Sand bestreut und der Rand mit Grün gesäumt. Dies ist vornehmlich die Arbeit der Buben, während die Mädchen für das Schmücken der Kirche Sorge tragen.

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Die Sitten und Gebräuche

Am Abend besuchen die Konfirmanden ihre Paten und bitten sie wegen etwaiger Beleidigungen um Verzeihung. Dabei werden die Geschenke ausgetauscht. Danach stellt er ihnen fünf Fragen, die mit ja beantwortet werden. Darauf folgt das gemeinsam gesprochene Glaubensbekenntnis. Die Einsegnung erfolgt durch Handauflegen, wobei die Kinder um den Altar knien. Nach Absingen des Verses: „Ich bin dein, sprich du darauf dein Amen“ verlassen die Kinder den Altarraum. In den vorderen Bankreihen nehmen sie Platz. Nun folgt die Festpredigt. Nach der Beichte und dem Abendmahl ist die Feier beendet. Die Gemeinde verläßt die Kirche, während die Konfirmanden zum Empfang des Konfirmationsscheines noch zurückbleiben. Am Nachmittag und Abend wird im Familien- und Verwandtschaftskreise gefeiert. Am Sonntagmorgen gehen die Konfirmanden von der Schule aus in die Kirche. Dies soll auch sichtbar sein, dass sie nunmehr die Schule verlassen und der kirchlichen Fürsorge anvertraut werden. Der Konfirmandenzug wird vom Pfarrer und Lehrer angeführt. Die männlichen Konfirmanden sind schwarz gekleidet, während die Mädchen ganz weiß angezogen sind. Beim Eintritt in die Kirche erhebt sich die Gemeinde und die Konfirmanden stellen sich um den Altar. Nach dem Gesang der Gemeinde und des Kirchenchors folgt die Ansprache des Pfarrers.

Die Hochzeit D ie Verlobung findet ohne große Umstände und Feierlichkeiten statt. Der junge Mann verspricht dem Mädchen, dass er sie heiraten wird. Er schenkt ihr zum äußeren Zeichen seines Versprechens einen Ring. Die Leute sagen von einem solchen Paar, sie sind „versprochen“. Die Ehen werden sehr früh geschlossen. Die Mädchen stehen normalerweise im Alter von 19 - 27 Jahren, die Jünglinge im 24. - 27. Lebensjahr. „Früh gefreit, hat niemand gereut“. Nur für Sonderlinge gilt, was der Volksmund sagt: „Bis zu 30 heiratet er selbst, nach 30 verkuppeln ihn d' Leut, nach de 40 brengt's der Teifl nemme fertig“. An dieser Stelle ist wohl angebracht, über den allgemeinen sittlichen Stand der Bevölkerung etwas zu sagen. Es war für die Töchter und Söhne der Bauern undenkbar, eine Ehe mit einem andersgläubigen Partner einzugehen.

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Die Sitten und Gebräuche

Die vielen Faktoren, in denen sie sich von der einheimischen Bevölkerung unterschieden, hatte eine persönliche Werthaltung zur Folge, die nicht schon bei den ersten Gefühlswallungen über Bord geworfen wurde. Die sittliche und moralische Grundhaltung mag auch aus der Tatsache hervorgehen, dass es seit der Gründung des Dorfes nur 3 uneheliche Geburten gegeben hat. Fast könnte man den Verdacht auf Degenerationserscheinung aussprechen. Dabei handelt es sich im Gegenteil um einen unverbildeten, urwüchsigen und vitalkräftigen Bauernstamm. Es gibt keinen einzigen Fall von Ehescheidung. Nun komme ich zur Hochzeit zurück. Heiratet ein Mädchen nach auswärts, so werden dem Bräutigam gewisse Bedingungen gestellt. Erfüllt er diese nicht, so muss er mit allerlei Widerwärtigkeiten rechnen. Sein Fahrzeug wird betriebsunfähig gemacht oder das Pferdegeschirr weggetragen. Er kommt auf keinen Fall ungeschoren davon. Bei einem gütlichen Einvernehmen sind die Burschen großmütig, singen Ständchen, kommen zur Hochzeit, trinken guten Wein und essen sich recht satt. Danach entlassen sie ihre Jahrgängerin mit vielen guten Wünschen. Die Trauung der ledigen Brautpaare findet in der Regel am Donnerstag, die von nicht mehr ledigen am Freitag statt. Die ledige Braut trägt Kranz und Schleier, die nicht mehr ledige nur den Schleier. In der Adventszeit gibt es nur ausnahmsweise Trauungen, aber keine Hochzeitsfeierlichkeiten. Für Hochzeiten wird der Frühling bevorzugt. Am Polterabend wird von 4 Brautpaaren mit einem schönen Gespann von der Sippe der Brautleute das nötige Gestühl zum Hochzeitshaus gefahren. Das Fahrzeug und der Wagen sind bekränzt. Während der Fahrt spielt einer mit der Ziehharmonika, so dass viele Neugierige auf die Straße gelockt werden. Drei oder vier „Brautmädchen“ holen in einem bunten Korb das nötige Geschirr zusammen. Zur Hochzeit werden recht viele Leute eingeladen. Die Feier findet im Haus der Braut oder dem des Bräutigams statt. Für Essen und Trinken ist in den Tagen vorher schon gesorgt worden. Am Polterabend versammeln sich die eingeladenen Brautbuben und Brautmädel, tanzen, singen und spielen. Dabei haben die Mädchen das Recht, sich den Kirchführer herauszusuchen. Am nächsten Tag treffen die Gäste schon recht bald ein. Gegen Mittag formiert sich der Hochzeitszug, um zur Trauung in die Kirche zu gehen. 168


Die Sitten und Gebräuche

Das Brautmädel und der Bräutigam verabschieden sich von ihren Eltern. Für sie beginnt mit diesem Tag ein neues Leben. Sobald sich der Zug in Bewegung setzt, läuten die Glocken. Viele Gemeindemitglieder begeben sich in die Kirche, um der Trauung beizuwohnen. Danach begeben sich alle Gäste zum Mittagessen in das Hochzeitshaus. Es werden im Laufe des Nachmittags und Abends dem Brautpaar viele gute Ratschläge erteilt, es wird gesungen und allerlei Späße werden zum besten gegeben. In den Abendstunden wird auch noch getanzt. Um 24 Uhr erfolgt die Abkränzung der Braut mit anschließender Bestimmung des nächsten Brautpaares. Der Braut werden die Augen zugebunden und sie wird von den Brautjungfern kreisförmig umgeben. Die Brautjungfern gehen im Kreis herum und singen: „Wir winden dir den Jungfernkranz aus veilchenblauer Seide“ usw. Nachdem das Lied beendet ist, gehen sie immer noch weiter. Auf ein Zeichen bleiben sie stehen, und die Braut wird nun aufgefordert, einer der herumstehenden ihr Kränzchen aufzusetzen. Es gibt viel Hallo, wenn die Wahl etwa stimmen könnte. Das gleiche geschieht nun mit den Brautführern. Diese singen jedoch beim Rundgang: „Schön war die Jugend“ usw. Danach verlassen die älteren Gäste das Haus. Die Jugend bleibt bis in die frühen Morgenstunden. Am gleichen Morgen muss jedoch alles wieder kräftig zufassen, um das Hochzeitshaus in den alten Zustand zu versetzen. Am folgenden Sonntag trifft sich die Jugend nochmals, um die Hochzeit zu „begraben“.

Nun folgt der letzte Meilenstein des menschlichen Lebens:

Die Beerdigung D ie Meldung eines Verstorbenen erfolgt auf dem Pastorat. Die Glocken melden der Gemeinde das Ereignis. Die große Glocke beginnt zu läuten, die kleine setzt erst später ein und hört bald wieder auf, bis schließlich das Geläute der großen Glocke ebenfalls verhallt. Dies wird noch zweimal wiederholt. Ist ein Kind gestorben, dann beginnt die kleine Glocke mit dem Läuten und die große setzt erst später ein. 169


Die Sitten und Gebräuche

Der Tote wird nach dem Erkalten in einer leeren Stube auf Sand gebettet. In den Nächten bis zur Beerdigung halten zwei oder drei Männer der Nachbarschaft die Totenwache. Die Einsargung nehmen die Angehörigen am Beerdigungstage selbst vor. Etwa eine Stunde vor Beginn der Beerdigung versammeln sich die Angehörigen. Der Sarg wird nach Möglichkeit offengelassen und nach dem Zweitläuten geschlossen. Zu Beginn der Trauerfeier wird der Sarg von den Trägern auf den Hof getragen. Die Trauergäste sammeln sich und der Kirchenchor stellt sich auf. Mit einem Lied am Hof und einem am Grabe umrahmt der Chor die Feier. Die Beteiligung der Gemeinde ist allgemein gut. Von sechs Trägern wird der Tote zum Friedhof getragen. Unterwegs wird ein paarmal angehalten, dabei singt die Gemeinde Liedverse. Die Trauerfeierlichkeit wird am Grabe abgeschlossen. Im Hause eines Nachbars versammeln sich nachher die Freunde und Bekannten des Verstorbenen zu einem kleinen Imbiss.

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Die Umsiedelung

Die Umsiedelung N iemand der friedlich dahinlebenden Bürger ahnte bei der Frühjahrsbestellung des Jahres 1940, welch entscheidende Veränderungen, die jeden einzelnen treffen sollten, bevorstanden. Im Juni 1940 stellte die Sowjetunion an Rumänien das Ultimatum, binnen vier Tagen Bessarabien zu räumen. Eine unheimliche Spannung ergriff die Bevölkerung. Von vielen Flüchtlingen, die im Laufe der Jahre über die Grenze gekommen waren, kannte man die Verhältnisse drüben recht gut und vor dem gleichen Schicksal hatte jeder große Angst. Die Besetzung durch die russischen Truppen ging, nach der abgelaufenen Frist, geordnet vor sich. In den abgelegenen Orten sah und hörte man davon gar nichts. Die Veränderungen, die nun eintreten sollten, kamen nicht so rasch, wie sie befürchtet wurden. In den deutschen Dörfern blieb alles wie zuvor, man hatte jedoch das Gefühl, dass etwas in der Luft liegt. In diese gespannte Atmosphäre kam der Aufruf der deutschen Regierung, nach Übereinkunft mit der Sowjetunion, zur Umsiedelung nach Deutschland. Debatten unter den Volksdeutschen, ob man umsiedeln solle oder nicht, hat es an keinem Ort und zu keiner Zeit gegeben. Propaganda für die Umsiedelung durfte deutscherseits nicht getrieben werden. Sie war vertraglich verboten. Nachdem die Volksdeutschen in zweisprachigen Bekanntmachungen zur Meldung aufgefordert waren, vollzog sich die Registrierung, bei der die deutschen Bevollmächtigten von den Vertretern der volksdeutschen Organisationen unterstützt wurden, rasch und reibungslos. Schwierigkeiten bereitete lediglich das Bemühen zahlreicher nicht oder nur teilweise Deutschstämmiger, in die Umsiedelungslisten aufgenommen zu werden. Mißhelligkeiten mit den sowjetischen Vertretern, vor allem in Fragen der Vermögensbewertung konnten im großen und ganzen gütlich beigelegt werden. Die weitere Abwicklung der Vermögensfragen übernahm die „Deutsche Umsiedelungs-Treuhandgesellschaft“. An dieser Stelle möchte ich etwas Allgemeines über die vorhergegangenen und nachfolgenden Umsiedelungen volksdeutscher Gruppen einfügen.

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Die Umsiedelung

Adolf Hitler bezeichnete in seiner programmatischen Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939 als „wichtigste Aufgabe“ nach Abschluss des Polenfeldzugs „eine neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse, das heißt, eine Umsiedelung der Nationalitäten, so dass sich nach Abschluss der Entwicklung bessere Trennungslinien ergeben, als es heute der Fall ist“. Weiter sagt er, „In diesem Sinne handelt es sich nicht nur um ein Problem, das auf diesen Raum beschränkt ist, sondern um eine Aufgabe, die viel weiter hinausgreift. Denn der ganze Osten und Südosten Europas ist zum Teil mit nicht haltbaren Splittern des deutschen Volkstums gefüllt. Gerade in ihnen liegt ein Grund und eine Ursache fortgesetzter zwischenstaatlicher Störungen. Im Zeitalter des Nationalitätenprinzips und des Rassegedankens ist es utopisch zu glauben, dass man diese Angehörigen eines hochwertigen Volkes ohne weiteres assimilieren könne. Es gehört daher zu den Aufgaben einer weitschauenden Ordnung des europäischen Lebens, hier Umsiedelungen vorzunehmen, um auf diese Weise wenigstens einen Teil der europäischen Konfliktstoffe zu beseitigen“. Am 9. Oktober 1939 wurde der Reichsführer - SS Heinrich Himmler als „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ mit der Durchführung der in Frage kommenden Umsiedelungen sowie der Neuansiedlung der Volksdeutschen betraut, die vor allem in den eingegliederten polnischen Gebieten erfolgen sollte. Den Anstoß zu diesem Umsiedelungsprogramm der nationalsozialistischen Führung gab die Abgrenzung der Interessenbereiche in Osteuropa im Rahmen des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes vom 23. August 1939. Auf Rumänien bezieht sich lediglich Absatz drei des geheimen Zusatzprotokolls: „Hinsichtlich des Südosten Europas wird von sowjetischer Seite das Interesse an Bessarabien betont. Von deutscher Seite wird das völlige politische Desinteresse an diesen Gebieten erklärt“. Mit dem Bestreben, die deutschen Volksgruppen Ostpolens und des Baltikums der sowjetischen Herrschaft zu entziehen, verband sich vor allem der Gedanke, das deutsche Element in den überwiegend polnisch besiedelten Ostgebieten durch die Neuansiedlung von zurückgeholten Volksdeutschen zu stärken.

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Die Umsiedelung

Als sich Rumänien am 27. Juni 1940 - auf Anraten der deutschen Reichsregierung - der ultimativen sowjetischen Forderung nach Abtretung Bessarabiens und der nördlichen Bukowina fügte, wurde das Problem auch für diese Gebiete akut. Vorbereitungen waren, da mit diesem sowjetischen Schritt zu rechnen war, schon länger im Gange. Zusammenstellung der mit anderen Ländern abgeschlossenen Umsiedelungsverträgen: Am 15. Okt. 1939 mit Estland für das ganze Staatsgebiet Am 21. Okt. 1939 mit Italien für das Gebiet von Südtirol Am 30. Okt. 1939 mit Lettland für das ganze Staatsgebiet Am 16. Nov. 1939 mit der UdSSR für das bisherige Ostpolen Am 5. Sep. 1940 mit der UdSSR für Bessarabien und Nordbuchenland Am 22. Okt. 1940 mit Rumänien für Südbuchenland und Dobrudscha Die deutsche Verhandlungsdelegation unter Generalkonsul Nöldeke traf am 22. Juli 1940 in Moskau ein. Es folgten schwierige Verhandlungen, die am 5. September 1940 zur Unterzeichnung einer deutsch-sowjetischen Vereinbarung über die „Umsiedelung der deutschstämmigen Bevölkerung aus den Gebieten von Bessarabien und der nördlichen Bukowina in das Deutsche Reich“ führten. Der Umsiedelungsvertrag und das beigefügte Zusatzprotokoll regelten alle Modalitäten der Umsiedelung, die Abgrenzung des Personenkreises, das mitzuführende Gepäck, Abschätzung und Verrechnung zurückbleibenden deutschen Eigentums, Stärke, Aufbau und Standorte der deutschen Umsiedelungskommandos, das Registrierverfahren, Transportwege, Grenzübergänge und Verschiffungshäfen. Die verschiedenen Teile der von der „Volksdeutschen Mittelstelle“ zusammengestellten Umsiedelungskommandos, insgesamt rund 600 Personen, trafen am 5. bzw. 9. September in Galatz und Czernowitz ein. Am 15. September konnte die deutsch-sowjetische Kommission, die Gebiets- und Ortsstäbe, ihre Arbeit aufnehmen. Der Abtransport erfolgte zum Teil auf Lastwagen des Umsiedelungskommandos, zum Teil mit der Eisenbahn, zum Teil auch mit bespannten Trecks.

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Die Umsiedelung

In den Donauhäfen Kilia, Reni und Galatz wurden die Umsiedler auf Dampfer der Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft verladen, die sie bis Prahovo oder Semlin brachten, wo mit jugoslawischer Unterstützung Auffanglager errichtet worden waren. Die Weiterführung in die in Deutschland vorbereiteten Umsiedlerlager erfolgte auf dem Bahnwege. Am 24. September hatte die erste Lastwagenkolonne Galatz erreicht, am 22. Oktober überquerte der letzte bessarabiendeutsche Treck die Pruthbrücke.

Die Bevölkerung unseres Dorfes wurde nach verschiedenen Zwischenstationen in dem in Bad Königswart (Sudetenland) eingerichteten Dauerlager untergebracht. Hier trafen die Männer nach Wochen der Trennung ihre Frauen und Kinder wieder. Nun folgten Monate unangenehmen Lagerlebens. Im August 1941 ging die Reise weiter in das Wartheland, wo noch im gleichen Monat die Ansiedlung auf polnischen Höfen erfolgte. Die Familien des Dorfes wurden bei dieser Aktion weit zerstreut angesiedelt. Es dauerte Wochen und Monate, bis sich die Verwandten und Freunde wieder fanden. Die Mehrheit sollte jedoch im Landkreis Mogilno, Provinz Posen, eine neue Heimat finden. Des „dolce fare niente“ überdrüssig, ging es bald nach der Ankunft auf dem angewiesenen Hof an die Arbeit. Trotz der vielfachen Kriegsbeschränkungen wurde mit dem Aufbau begonnen. Die Höfe bekamen bald ein anderes Gesicht. Man hatte Arbeit und Brot, aber ganz wohlgeführt haben sich die Bauern nicht. Schon in den Lagern wurden viele der Söhne zum Wehrdienst geholt. Jetzt kamen, nachdem die Verhältnisse einigermaßen geordnet waren, auch die Männer an die Reihe. Doch die Ansiedlung war nur ein Aufzug in dem weitergehenden Drama von zeitlich kurzer Dauer. Alle Bedenken über den Ausgang des Krieges, die Bewohner Mittel- und Westdeutschlands um das Jahr 1944 bekamen, hatten auch die Grenzbewohner im Osten. Das Unheil nahte diesmal unerwartet schnell. Die Räumungsbefehle wurden viel zu spät gegeben. Viele wurden auf der Flucht überholt und zur Rückfahrt auf den bisher bewirtschafteten Hof gezwungen. Vielerlei Mißhandlungen mussten diese Familien ertragen. Zwei Familienväter wurden vor den Augen ihrer Angehörigen erschlagen. Wiederum andere wurden von den Russen zu Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt. 174


Die Umsiedelung

Viel leibliche Not, aber noch viel mehr seelische brachte das Kriegsende. Heimatlos irrten sie in dem mit allen Gefühlen des Herzens einst herbeigesehnten Deutschland umher. Wo sie auch zu Kriegsende waren, sie hatten noch den Wunsch, ins Schwabenland zu kommen. Unabhängig voneinander war jeder bestrebt, dieses Ziel zu erreichen. Daher kommt es, dass zwei Drittel der alten Ortsbevölkerung in Nordwürttemberg eine neue Heimat gefunden hat. Gute Dienste hat dabei das von Landsleuten in Stuttgart gegründete Hilfswerk geleistet. Dieses beschaffte in den ersten Nachkriegsmonaten die Zuzugsgenehmigungen für die vielen Landsleute, die sich bei Kriegsende in dem von den Russen besetzten Teil Deutschlands befanden. So erfolgte nach dem Kriege nochmals eine Binnenwanderung großen Stils.

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25 Jahre nach der Umsiedelung

25 Jahre nach der Umsiedelung Wie sieht das statistische Bild dieser Dorfgemeinschaft 25 Jahre nach der Umsiedelung aus? Es hat mir viel Mühe gemacht, die jetzigen Anschriften der ehemaligen Dorfgenossen zu sammeln. Die Adressen habe ich in den beigefügten Ortsplan eingetragen. Für die ausgestorbenen Familien wurde ein Kreuz eingesetzt. Es sind Familien, deren Söhne gefallen sind. Die Eltern sind altershalber gestorben.

1940 zählte das Dorf zählte 423 Einwohner in 94 Familien 91 Familien sind umgesiedelt, 3 Russenfamilien blieben zurück 7 Familien sind in der sog. DDR verblieben 9 Familien wohnen in Norddeutschland 11 Familien sind ausgestorben 61 Familien wohnen in Süddeutschland, haupts. Nordwürttemberg 1 Familie ist nach Canada ausgewandert 2 Familien Aufenthalt unbekannt.

Von den Männern und Söhnen waren 112 zum Wehrdienst einberufen. Davon sind 46 gefallen, das sind 41%. Zwei Männer wurden in Polen erschlagen und zwei starben in russischen Arbeitslagern. Eine Frau kehrte erst vor zwei Jahren aus der UdSSR zurück. Ihre mit einem Russlanddeutschen verheiratete Tochter blieb in Kasachstan. Schaut man die jetzigen Wohnorte an, so fällt auf, dass die überwiegende Mehrheit in Landgemeinden sesshaft geworden ist. Eine größere Anzahl, genau zehn Familien, sind in Rot am See und der näheren Umgebung verblieben. Eine weitere Ansammlung ist im Raume Öhringen feststellbar (Kesselfeld, Neuenstein). Dort haben sich in der Kreisstadt gute Verdienstmöglichkeiten geboten. Einige Familien, sie sind untereinander verwandt, wohnen in Pflaumloch bei Aalen. Sie sind in den neuen Siedlungen zu finden, wo sie meist in benachbarten Eigenheimen wohnen.

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25 Jahre nach der Umsiedelung

In den genannten Orten ist auch noch ein Zusammengehörigkeitsgefühl spürbar, das sich in gegenseitigen Besuchen und Hilfeleistungen zeigt. Die große Mehrheit wohnt jedoch zerstreut, hauptsächlich im Landesteil Nordwürttemberg. Einmal jährlich findet im August auf dem Killesberg in Stuttgart das Landsmannschaftstreffen statt. Dies ist keine politische Demonstration, sondern ein Verwandtentreffen. Auffällig ist, dass die jüngeren Jahrgänge immer spärlicher anzutreffen sind, während die älteren sehr beharrlich und gerne daran teilnehmen. Die familiären Veränderungen sind der wichtigste Gesprächsstoff.

Die familiären Veränderungen standen nie still und in der Zwischenzeit wurden viele neue Ehen geschlossen. Ich schicke voraus, dass seit der Umsiedelung nur noch vier Ehen zu Stande gekommen sind, von denen beide Partner aus dem gleichen Heimatdorf stammen. Bevorzugt werden von den Mädchen wie auch von den Burschen Landsleute. Der neue Wohnort und der Arbeitsplatz beginnen, was die Wahl des Partners betrifft, eine immer größere Rolle zu spielen.

Von der noch in Bessarabien geborenen männlichen Jugend haben sich in der Zwischenzeit 36 verheiratet: 9 7 3 17

Ehen Partnerin Landsmännin (aus Nachbardörfern) Ehen Partnerin Reichsdeutsche, einschl. sog. DDR Ehen Partnerin Volksdeutsche aus Polen und Sudetenland Ehen Partnerin Einheimische, aus Nordwürttemberg

Eine weit größere Rolle als die Landsmannschaft der Frau spielt ihr Glaubensbekenntnis. Ein Paar ist katholisch getraut, alle anderen evangelisch.

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25 Jahre nach der Umsiedelung

Von der noch in Bessarabien geborenen weiblichen Jugend haben sich in der Zwischenzeit 42 verheiratet: 10 7 3 17

Ehen Partner Landsmann Ehen Partner Reichsdeutscher, einschl. DDR Ehen Partner Volksdeutscher aus Polen, Ungarn und Jugoslawien Ehen Partner Einheimischer aus Nordwürttemberg

Auch hier ist auffällig, dass nicht die Landsmannschaft, wohl aber das Glaubensbekenntnis des Ehepartners eine beachtliche Rolle mitgespielt hat, denn nur zwei Ehen sind konfessionell gemischt. Betrachtet man diese familiäre Entwicklung und die wirtschaftlichen Errungenschaften, so wird verständlich, dass von einer eventuellen Rückkehr in die alte Heimat von meinen Landsleuten überhaupt nicht mehr gesprochen wird.

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Die soziale Wiedereingliederung

Die soziale Wiedereingliederung Von den ehemaligen Bauern und Bauernsöhnen, die hier in der Bundesrepublik leben, sind nur noch drei in der Landwirtschaft tätig. Sie haben durch Einheirat Landwirtschaften übernommen. In den ersten Nachkriegsmonaten waren wesentlich mehr in der Landwirtschaft beschäftigt. Die Gründe für die Abwanderung sind verschieden: •

Das Dienstverhältnis auf einem Hofe wurde erniedrigend empfunden

Ungewohnte Arbeitsverhältnisse

Geringer Verdienst

Bestreben der Söhne, ein Handwerk zu erlernen

In der Ostzone hatten nach Kriegsende 7 Familien auf Landwirtschaften gesiedelt. Eine davon ist schon nach der ersten Ernte, sie konnten das Ablieferungssoll nicht erfüllen, in den Westen geflohen. Die übrigen Siedler wurden bei der Gründung der Produktionsgenossenschaften enteignet.

Welche Verdienstmöglichkeiten haben sich nun in Westdeutschland ergeben? Bedauernswert war das Schicksal der älteren Bauern. Sie mussten, der Not gehorchend, als Hilfsarbeiter an Baustellen, bei Kanalisationsarbeiten, in Fabriken und als Straßenarbeiter ihr Brot verdienen. Vielfach ließ die Arbeitskraft rasch nach und das ehemals gesunde Selbstwertgefühl wurde erschüttert. Unzufriedenheit mit dem Schicksal war die Folge. Die Sorge um die eigene Familie ließ jedoch den Lebensmut nicht ganz sinken. Am besten ist es den Handwerkern ergangen. Wo sie auch hinkamen, für sie gab es immer Arbeitsmöglichkeiten im Beruf. Soweit sie noch voll arbeitsfähig sind, haben alle; mit einer Ausnahme, ein eigenes Geschäft. Den ehemaligen Bauern mittleren Alters ist es in der großen Mehrzahl gelungen, in Fabriken als angelernte Arbeiter einen Arbeitsplatz zu bekommen. Sie sind das Arbeiten gewöhnt, und die Stundenarbeit in der Fabrik ist für sie einigermaßen erträglich. Das Streben, an welcher Arbeit es auch sei, eine gewisse Selbstständigkeit zu erlangen, haben sie alle gemeinsam. 181


Die soziale Wiedereingliederung

Wollte man diesen Menschenschlag typologisch erfassen, so könnte man sie nach der Typologie von Spranger als zum ökonomischen Typus gehörig bezeichnen. Es ist nicht so sehr das Jagen nach Geld typisch, vielmehr das Schaffen von festem Besitz. Sie haben es zur Genüge erfahren: „Eigener Herd ist Goldes wert“, und sie wissen es auch zu schätzen, wenn es erreicht ist. Das Streben nach familiengerechten Heimen ist sehr stark ausgeprägt.

Schon im Jahre 1948 ist die erste Familie in ihr eigenes Haus eingezogen. Eine nicht ganz kleine Summe Eigenkapital war schon damals nötig, aber die Eigenleistung war erheblich größer. Bis zum heutigen Tag wurden von den von mir befragten 32 Familien 39 Häuser gebaut und 3 gekauft. In der Regel haben die Eltern mit einem der Söhne oder Töchter zusammen gebaut. Bei allen Bauten wurden durch Eigenleistung und Nachbarschaftshilfe die Kosten erheblich gesenkt. Staatliche Finanzierungshilfen, die sich im sozialen Wohnungsbau boten, wurden gleichfalls in Anspruch genommen.

Nach guter Kenntnis der Verhältnisse vieler Familien kann ich wohl feststellen, dass die wirtschaftliche Eingliederung überall erfolgt ist. Auch die Lage der Rentner ist als durchaus befriedigend anzusprechen. Die Einnahmen der Rentner schwanken erheblich, denn sie sind von der Höhe der Invalidenrente und dem ehemaligen Besitz abhängig.

In gesellschaftlicher Hinsicht haben sich die Schwabenumsiedler hier in Nordwürttemberg gut eingelebt. Sie erfreuen sich wegen ihrer bescheidenen Art und der angeborenen Arbeitsamkeit allgemeiner Beliebtheit. Sie nehmen am Gemeinschaftsleben der neuen Wohnorte teil und sind auch in den Gemeindeparlamenten vertreten. Besonders aktiv sind sie in den Sportvereinen.

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Schlussbetrachtung

Schlussbetrachtung D ie Geschichte des beschriebenen Dorfes ist auf das engste mit dem Schicksal der Volksgruppe der Bessarabiendeutschen verbunden. Man kann es nicht anders als tragisch nennen, dass auf den gleichen Wegen (Donau und über Polen), die vor 125 Jahren die Kolonisten in das fremde Land benutzten, die Nachkommen um jeglichen Lohn betrogen, in die Urheimat zurückgekehrt sind. Vor vielerlei Enttäuschungen blieben jedoch auch diese nicht verschont. Man muss selbst im Ausland gewesen sein, um zu verstehen, welche Idealwelt für die Auslandsdeutschen das Mutterland darstellt. Die Wirklichkeit sieht naturgemäß anders aus. So schmerzlich diese Erfahrung auch war, so war sie dennoch der Anlass, der Wirklichkeit in die Augen zu schauen. Das Mutterland hatte den Krieg verloren und krankte selbst an den vielen Nachkriegserscheinungen. Tatkräftige Mithilfe am Wiederaufbau war das drängende Gebot der Zeit. Dem haben sich die bessarabiendeutschen Umsiedler nicht verschlossen und wo sie auch wohnten, sie haben sich mit großem Fleiß in den Arbeitsprozess eingeschaltet. Auch in gesellschaftlicher Hinsicht blieben sie nicht lange abseits stehen. Besonders die Jugend hat sich rasch eingelebt und sie ist heute in den Gesangvereinen, Sportvereinen und in den Laienspielgruppen vertreten. Sie fühlen sich dadurch mit der einheimischen Jugend eng verbunden und der neue Wohnort ist für sie schon zur Heimat geworden. Für die älteren Umsiedler war das Gefühl des „Nichtshabens“ eine erste Schranke im Zusammenleben mit der einheimischen Bevölkerung. Wo man ihrem Fleiß und ihrer Sparsamkeit die Achtung nicht versagt hat, ist diese Schranke bald gefallen. Es hat sich im Verlauf der letzten Jahre allgemein das Gefühl durchgesetzt: wir sind hier nicht fremd, im Grunde unterscheidet uns nichts von der einheimischen Bevölkerung. Dieser Einsicht entsprechend wird auch gehandelt. So kommt in den Eheschließungen mit Einheimischen der Wille zur endgültigen Eingliederung zum Ausdruck.

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Schlussbetrachtung

Die Verbindung innerhalb der Landsmannschaft wird noch durch eine monatlich erscheinende Zeitung aufrechterhalten, ebenso durch einen jährlich erscheinenden Heimatkalender. Das Ende dieser Bindungsmittel ist bereits abzusehen, denn die Heimat der Eltern ist nicht die der heranwachsenden Jugend, die sie aus eigener Anschauung nicht mehr kennengelernt hat.

Die Statistiken wurden zusammen mit dem ehemaligen Bürgermeister des Dorfes und einer Anzahl älterer Bürger zusammengestellt. Schriftliche Urkunden sind keine vorhanden. Über die gegenwärtigen Verhältnisse habe ich mich durch Besuche bei verschiedenen Verwandtschaftsgruppen orientiert. Von 55 ausgesandten Fragebogen habe ich leider nur 32 zur Auswertung zurückerhalten.

Robert Bross

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Teil III Historischer Rahmen (Warthegau)

1945

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Vorgeschichtliches zur Flucht

Vorgeschichtliches zur Flucht Im Herbst 1944 standen die sowjetischen Truppen in einem 900 km langen Frontverlauf von der Ostsee bis zu den Karpaten vor den Grenzen des Deutschen Reiches. Im Norden, bei Goldap und Gumbinnen in Ostpreußen, hatten sie diese sogar schon überschritten. Dagegen waren im mittleren und. südlichen Abschnitt die feindlichen Operationen an der Weichsel zum Stillstand gekommen, wo es den deutschen Streitkräften gelang, ihre Verteidigungslinien wieder notdürftig auszubauen, die mehr infolge Fehlens des russischen Nachdrängens standhielten, als dass ihr Erfolg der deutschen Abwehr zuzuschreiben war. Noch zu Beginn des Sommers befand sich die Front weit jenseits der deutschen Ostgrenzen, tief im russischen Staatsgebiet, so nahe an Moskau wie jetzt bei Warschau, das gerade noch gehalten werden konnte. Die von der sowjetischen Sommeroffensive aufgeriebenen und erschöpften deutschen Verbände - allein in den Kesselschlachten des Mittelabschnitts gingen einige Hunderttausend deutscher Soldaten zu Grunde - waren an die Grenzen ihrer Leistungskraft angekommen. Zudem erwiesen sich die deutschen Kampfkräfte zu diesem Zeitpunkt schon als ein unzureichend ausgerüstetes Heer, das über nur schwache artilleristische und fliegende Verbände verfügte. Auch der Mangel an Fahrzeugen und an Kraftstoff machte sich zunehmend bemerkbar. Hatte man sich bisher auf deutscher Seite mit einer mehrfachen Übermacht meist abzufinden gewusst, so drohte hier eine mehr als zehnfache Überlegenheit zu Lande und eine totale in der Luft. Das Kräfteverhältnis beider Gegner hatte sich seit dem Herbst 1942 grundlegend verschoben, denn von da an ist die sowjetische Rüstungsproduktion gewaltig angestiegen. Hinzu kamen die Unterstützungen durch die USA im Rahmen des Leih- und Pachtvertrages vom 22. Juli 1941. In den darauf folgenden Jahren erhielt die UdSSR u.a. über 13000 Panzer, 425 000 Lastkraftwagen, 4,4 Mill. Tonnen Lebensmittel. Darüber hinaus standen schon ab Herbst 1943 den 177 ausgelaugten deutschen Divisionen 860 vergleichbare sowjetische Verbände gegenüber. Angesichts dieses ungleichen Kräfteverhältnisses konnte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die von den Sowjets eingebüßten Landgebiete wieder zurückgeholt waren und die ersten sowjetischen Soldaten Deutschland erreichten. General189


Vorgeschichtliches zur Flucht

oberst Guderian, der Generalstabschef des Heeres, hegte keinen Zweifel daran, dass der nächste sowjetische Angriff die letzte Entscheidung des Krieges herbeiführen würde. Durch die verläßlichen Ermittlungen General Gehlens, des Chefs der „Abteilung fremde Heere Ost“, ist Guderian seit geraumer Zeit der genaue Angriffstermin der sowjetischen Winteroffensive bekannt. Es gelang ihm aber in drei aufeinanderfolgenden Lagebesprechungen im Führerhauptquartier nicht, Hitler von dieser Gefahr zu überzeugen und eine Truppenverstärkung an der Ostfront zu erreichen. Hitler, dessen Augenmerk zu dieser Zeit ganz den westlichen Kriegsschauplätzen zugewandt war, bezeichnete Guderians Lagebeurteilung als Bluff und erklärte sogar, dass an Großangriffsabsichten der Russen nicht zu denken sei, da diese - wie schon oft in seinem Wunschdenken - am Ende ihrer Kraft wären. Außerdem wies er Guderian auf die Wehrhaftigkeit und Bewährung der errichteten Befestigungsanlagen, die A-, B- und CLinien, hin. Hunderttausende von Menschen, Deutsche, Polen und Kriegsgefangene, hatten nämlich von August 1944 bis in den Winter hinein an unzähligen Gräben, Panzersperren und Schützenlöchern arbeiten müssen. Dieses Unternehmen lief Hitlers These zuwider, wonach Befestigungslinien im rückwärtigen Frontgebiet unterbleiben sollten, weil sie die Truppe nur dazu verleiten würden, nach rückwärts zu blicken und in der Kampffront nicht genügend Widerstand zu leisten. Den militärischen Führern der deutschen Streitkräfte im Osten warf Hitler mangelnde Einsatzbereitschaft und Feigheit vor. Von seiner eigenen Genialität überzeugt und von einem krankhaften Misstrauen gegen seine Untergebenen erfüllt, führte er zudem alle Mißerfolge darauf zurück, dass seine Pläne nicht bis in alle Einzelheiten befolgt und ausgeführt würden. Er ließ Befehlshaber und Generalstabsoffiziere festnehmen und gab jenen seltsamen Befehl heraus, der jedem einzelnen Soldaten bekanntzugeben war, in welchem er verlangte, dass jeder Befehlshaber einer Festung oder eines Stützpunktes vor dem Rückzug oder dem Ausbrechen aus den Verteidigungsstellungen die Befehlsgewalt jedem beliebigen Offizier oder Soldaten anzubieten habe. Jeder Offizier oder Soldat, der glaube, er könne die Verteidigung fortführen, solle ohne Rücksicht auf seinen Rang das Kommando übernehmen. Unter dem Eindruck der schweren Menschenverluste an den Fronten und der Ausweitung des Krieges auf das Reichsgebiet ließ Hitler am 16. Oktober 1944 den Erlass über die Bildung des „Deutschen Volkssturms“ verkünden, der die Einberufung aller nur irgendwie wehrfähigen deutschen Männer von 16 bis 60 190


Vorgeschichtliches zur Flucht

Jahren, ihre Ausbildung und Formierung zu Volkssturm-Bataillonen und den infanteriemäßigen Einsatz an den heimatnahen Fronten vorsah. Der geringe Kampfwert dieser Einheiten rechtfertigte in den seltensten Fällen ihren Einsatz. Teilweise wurden Volkssturmmänner, kaum ausgebildet, nur mit Panzerfäusten oder Beutegewehren und fünf Schuss Munition in den Kampf geschickt. Wie weit sich Hitler in seiner Abgeschiedenheit überhaupt von dem Verlauf der Entwicklung entfernt hatte, machte ebenfalls ein Führerbefehl deutlich, der Mitte Januar 1945 herauskam, als die Front schon überall aufgerissen war und die gegnerischen Streitkräfte sich in ungestümem Tempo westwärts bewegten. Danach durfte kein Befehlshaber, von der Division aufwärts, einen Angriff führen oder sich zurückziehen, ohne seine Absicht vorher auf dem normalen Dienstwege an das deutsche Oberkommando zu melden, und zwar so rechtzeitig, dass der „Führer“ noch persönlich eingreifen könne. Auch war er für das Ansuchen der militärischen Befehlshaber der Ostfront völlig unzugänglich, die darauf drängten, die der Front am nächsten gelegenen Gebiete zu räumen. Hitler lehnte diesen Vorschlag als ein Zeichen von Defaitismus ab, und die Gauleiter der Partei erhielten den Befehl, dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung an Ort und Stelle blieb. Diese Anordnung sollte in den ersten Monaten des Jahres 1945 schreckliche Auswirkungen haben, denn schneller als erwartet bewahrheitete sich Guderians Voraussage, dass die Ostfront wie ein Kartenhaus zusammenfallen werde. Nie wurde im Verlauf des Krieges so viel vom bevorstehenden Endsieg gesprochen wie gerade in den letzten Monaten des Krieges. In Rundfunk und Presse versicherte man täglich mit schlagkräftigen Parolen, dass die Ostfront unter keinen Umständen zerbrechen werde. Sie sei nie so stark gewesen wie in diesem Augenblick. Wenn man auch bereits besetztes Gebiet wieder preisgegeben habe, so sei es nur aus taktischen Gründen geschehen, um Kräfte zu sparen für den letzten großen Gegenschlag. Vor der jetzigen Front habe das russische Vordringen ein endgültiges Ende gefunden. Der Führer selbst wolle zum gegebenen Zeitpunkt eingreifen und die neue Wunderwaffe lieber vorzeitig zum Einsatz bringen, als dass er zulasse, dass auch nur ein Teil des deutschen Ostens verlorengehe. Im ganzen Land versuchten Parteifunktionäre in Versammlungen die Bevölkerung von diesen Thesen zu überzeugen und ein Gefühl von Zuversicht und Sicherheit zu vermitteln. 191


Vorgeschichtliches zur Flucht

Die meisten Deutschen im Osten des Reiches lebten zerstreut im weiten Land, durch nur wenige Nachrichtenmittel miteinander verbunden. Sie waren daher einer Beeinflussung durch die Parteiführung mehr oder weniger ausgeliefert und ohne Möglichkeit, zu einer eigenen Anschauung und Urteilsbildung zu kommen. Sie waren geradezu auf den Glauben angewiesen. Es ist dem einfachen Menschen aber mehr als dem Kundigen gegeben, Vertrauen und Glauben einzusetzen, weil ihm seine Abgeschiedenheit und sein fast schicksalhaftes Unvermögen keinen anderen Weg aufzeigen. Arno Surminski, der große ostpreußische Schriftsteller, der wie kein anderer das Fluchtgeschehen aus eigenem Erleben beschreibt und deutet, spricht in diesem Zusammenhang vom „rührenden“ Glauben der Menschen des deutschen Ostens. Das trifft wohl auch ohne Einschränkung auf die Umsiedler vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer zu, die hier in den letzten Jahren eine neue Heimat gefunden hatten. Greiser, der Gauleiter des Warthelandes, verstieg sich noch bei der Festigung dieses Glaubens in die prophetische Erklärung, dass der Weg nun bald frei werde, die deutsche Sendung im Osten zu erfüllen. Auch wenn er selbst die Augen vor dem Ernst der Lage verschloß und seine Zweifel durch eigene Siegesparolen betäubte, so hatte ihn doch der Bau der Befestigungsanlagen in seinem Gau innerlich getroffen, weil er ihm bewusst machte, dass die Front näher an die Landesgrenzen heranrückte. Aber die Angst und eine Vorstellung dessen, was geschehen würde, wenn der Krieg wirklich in sein Land käme, verboten ihm wohl auch nur das Bedenken einer solchen Möglichkeit. Ihm blieb gar keine andere Wahl, als in das „unerschütterliche“ Vertrauen auf seinen „Führer“ zu flüchten, und seine pathetischen Worte vom Wall der Leiber, die sich dem Bolschewismus entgegenstemmen würden, um Deutschland und Europa von der Barbarei des Ostens zu retten, waren wohl mehr suggestiv gemeint. Vielleicht hätte ihm die Geschichte manches nachgesehen, wenn er jetzt an die Ausweglosigkeit seines eigenen Geschicks nicht die von Millionen vertrauender Menschen gekoppelt hätte, die er verantwortungslos in eine der Größten menschlichen Tragödien der abendländischen Geschichte mit hineinriß. Als ihm hohe Verwaltungsbeamte im Herbst 1944 nahelegten, einen Evakuierungsplan für den Notfall vorzubereiten, beschuldigte er sie des Irrsinns und hielt ihnen vor, dass ein aufrechter Deutscher nicht an einen solchen Fall den192


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ke. Erst nach monatelangem Drängen gab er die Erlaubnis, insgeheim theoretische Planungen für eine Evakuierung, die in drei aufeinanderfolgende Zonen vorgesehen war, zu treffen. Er hatte jedoch für diese Pläne unbedingte Geheimhaltung befohlen, damit die Bevölkerung nicht auf den Gedanken käme, die Führung der Partei glaube nicht mehr an den Sieg. Zudem gab er Anweisung, dass weder Menschen noch Güter den Warthegau verlassen dürfen, um dadurch das Nichtvorhandensein einer Gefahr zu beweisen. Niemand verließ daher seinen Wohnsitz. Alle harrten in der Überzeugung aus, dass der Krieg nicht vor ihre Tür käme, wie es Koch in Ostpreußen, Hanke in Schlesien und Greiser im Warthegau der Bevölkerung versichert hatte.

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Das Drama des deutschen Ostens

Das Drama des deutschen Ostens 12. Januar 1945. Eisige Winterkälte weht von Osten heran. Der Warthegau, das Land zwischen Weichsel und Oder, von dem ich hier im besonderen berichten möchte, liegt, gleich allen deutschen Ostgebieten, nichtsahnend im Dornröschenschlaf, eingelullt durch eine geradezu unverantwortliche Verharmlosung der Lage und die Passivität der Parteistellen. Am Morgen dieses Tages beginnt in der Mitte der Ostfront, dort wo die deutsche Abwehr am schwächsten ist, die sowjetische Winteroffensive, die von den Historikern als eine der größten Operationen des Zweiten Weltkrieges bezeichnet wird. Sie nimmt ihren Anfang aus Baranow, dem größten Brückenkopf auf dem Westufer der Weichsel, mit dem Einsatz der 1. Ukrainischen Front unter Konjew, in einer Stärke, wie sie dieser Krieg vorher nie erfahren hat. Tausende von Geschützrohren schickten ihr brüllendes Feuer durch die neblige Dämmerung des Morgens in die deutschen Stellungen und zermalmten sie restlos. Die nachfolgenden Truppen stießen mit Zielrichtung Breslau bis zum Abend 20 km tief in erobertes Gebiet hinein. Einen Tag später erfolgte der Angriff der 3. Weißrussischen Front auf Ostpreußen, und am 14. Januar erhob sich die 2. Weißrussische Front aus den Narewbrückenköpfen bei Putusk, die den Auftrag hatte, oberhalb von Warschau nach Nordwesten vorzustoßen und bei Danzig die Ostsee zu erreichen, um Ostpreußen vom Reich abzuschneiden. Ebenfalls noch am gleichen Tag kam der Angriff der 1. Weißrussischen Front aus den Brückenköpfen Pulawy und Magnuszew unter dem Oberbefehl von Marschall Schukow und strebte südlich von Warschau in direkter Linie auf Posen zu. Die hartgefrorenen Ebenen standen den sowjetischen Panzermassen für schnelles Fortkommen offen, und Posen, die Stadt, von der ich näher berichten möchte, war sehr bald dem Zugriff des Feindes preisgegeben.

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Von der Weichsel zur Oder, Januar bis März 1945

Die deutsche Abwehr ertrank förmlich in der Flut hereinbrechender graubrauner Massen. Jede Befehlsführung in vorderster Linie und jede Nachrichtenverbindung nach rückwärts hatte aufgehört. In das stündlich sich verbreiternde Loch stürmten immer neue russische Panzer- und Infanteriemassen.

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Schon nach sechs Tagen waren die Sowjets auf einer 200 km breiten Front 160 km tief vorgestoßen. Das Kräfteverhältnis betrug an vielen Stellen zu Gunsten des Gegners bei der Artillerie 20:1 (250 Geschütze pro Kilometer) und bei den Panzern 7:1. Die russische Luftwaffe flog je nach Wetterlage bis zu 2000 Einsätze täglich, während es die deutsche Luftwaffe auf keine hundert gebracht haben soll. Während an der Weichsel Armeen zerbrachen, kämpfte Guderian in der Reichskanzlei in stundenlangen Auseinandersetzungen mit Hitler um das Schicksal einzelner Offiziere, die zur Verantwortung gezogen werden sollten. Entgegen Guderians Rat entzog nun Hitler der ostpreußischen Front, wo zu der Zeit gerade der russische Einbruch erfolgte, das Panzerkorps „Großdeutschland“, um es bei Litzmannstadt zum Einsatz zu bringen. Als die Verbände dort ausgeladen wurden, schlugen ihnen russische Granaten entgegen, so dass die Truppen aus den Zügen in den Kampf gerieten.

Mit dem Zurückweichen der Ostfront brach über die deutsche Zivilbevölkerung die Katastrophe herein. Wie eine Riesenwelle wälzte sich der Flüchtlingsstrom vor der Front her, darin auch die umgesiedelten Volksdeutschen aus 197


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dem Baltikum, Wolhynien, Ukraine, WeiĂ&#x;russland, Rumänien, somit auch wir 90 000 Bessarabiendeutsche.

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Wir wurden 1940 aus unserer Heimat Bessarabien ins Deutsche Reich umgesiedelt, nachdem die Russen dieses Gebiet wieder in Besitz genommen hatten, das sie im Zweiten Weltkrieg an Rumänien verloren. Nach monatelangem Lagerleben siedelte man uns wieder im Osten an. Dies zumeist auf polnischen Höfen, deren Besitzer über Nacht ins Generalgouvernement verbracht wurden. Die Tatsache, dass diese Verjagten als Rückkehrer 1945 einen wirtschaftlich prosperierenden Besitz vorfanden, um den sie von ihren unbehelligt gebliebenen polnischen Mitbürgern nun beneidet wurden, mindert nicht das Unrecht, das ihnen angetan wurde. Nach den statistischen Berechnungen lebten vor Beginn der Flucht rund 12 Millionen Deutsche östlich der Oder-Neiße-Linie. Über sieben Millionen begaben sich auf die Flucht in den Westen, als die deutsche Ostfront zusammenbrach. Durch Feindeinwirkungen, Hunger und Kälte kamen auf den Trecks in den Wintertagen 1945 bis Kriegsende über 2 Millionen Menschen um. Hätte die deutsche Führung die Flucht früher zugelassen, wäre das Unglück in Grenzen geblieben. So war es keine Seltenheit, dass Flüchtlingstrecks zwischen die Fronten gerieten, weil sie zu spät aufgebrochen waren.

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Da die Nebenstraßen meist unpassierbar waren, musste der Flüchtlingsstrom auf die Hauptstraßen, wo er zusammen mit Militärkolonnen unter Bombenund Tieffliegerbeschuß geriet oder von Panzern überrollt und zusammengeschossen wurde. Ohne es zu wissen, trugen die Fliehenden oft selbst zur Verschlimmerung ihrer Lage bei, weil sie bis zuletzt an den Endsieg glaubten. Auch trug die Anhänglichkeit der ostdeutschen Bevölkerung an die vertraute Umgebung, an die zurückgelassenen Höfe und Felder und Tiere, ja sogar an die Friedhöfe, viel zu diesem Zögern bei. Vielfach kam es auch zu einer Flucht auf Raten, weil manche die Hoffnung hegten, ihr Heimatdorf werde wieder freigekämpft und sie könnten zurückkehren. Dabei gerieten sie doch noch in das Kampfgeschehen, dem sie vielleicht entronnen wären, wenn sie die Flucht nicht immer wieder unterbrochen hätten.

Wissenschaftliche Untersuchungen sprechen von den „Ereignissen, die sich beim Zusammentreffen der siegreichen Truppen der Roten Armee mit der ostdeutschen Bevölkerung abspielten, als dem tiefsten Punkt der Erniedrigung, den die Deutschen jenseits von Oder und Neiße - später auch in Mit-

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teldeutschland - erleben mussten“. Die beim russischen Heer ausgestreuten Hass- und Vernichtungsparolen zeigten ihre Wirkung.

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Während sich zu Lande der Flüchtlingsstrom auf den vereisten Straßen nach Westen quälte, drängten sich Millionen von Flüchtlingen in den Häfen und Haffs an die Anlegestellen, in der Hoffnung, durch die Schiffe der Kriegsmarine schneller evakuiert zu werden. Über zwei Millionen Menschen sind so auf dem Seewege vor dem sowjetischen Zugriff in den Westen gelangt; über 17 000 ertranken, weil ihre Schiffe von feindlichen Torpedos getroffen wurden. Von diesen Tragödien, die sich im Osten Deutschlands abspielten, wußten die Menschen im Westen nur von Augenzeugen. Die Wehrmachtsberichte brachten nur knappe und vage Mitteilungen, die das Ausmaß der Katastrophe nicht einmal ahnen ließen, um das Volk nicht noch mehr zu beunruhigen, das ohnehin unter den ständigen Bombardierungen zu leiden hatte. Mit welcher Schnelligkeit sich die Ereignisse überstürzten, berichtet Lew Kopelew, der jetzt im Westen lebende russische Schriftsteller, über den Einmarsch der sowjetischen Truppen in Allenstein/Ostpreußen: „Am Abend des 21. Januar kamen wir nach Allenstein. Die Stadt war fast kampflos in unsere Hand gefallen. Für alle so überraschend, dass, als die Kosaken schon den Bahnhof besetzt hatten, noch etwa zwei Stunden die fahrplanmäßigen Züge aus Königsberg, Johannisburg und Lyck einliefen, Militärzüge, Güterzüge und Personenzüge voller Flüchtlinge.“ In dem Buch „Der russisch-deutsche Krieg 1941 bis 1945“ steht auf Seite 417 zu lesen: „Am Abend des 23. Januar erreichte ein Verband der 2. Weißrussischen Front Elbing an der Ostsee. Die Läden waren noch offen, und die Arbeit in den Fabriken ging noch weiter, als die Panzer mit aufgeblendeten Scheinwerfern die Hauptstraße entlangfuhren.“ Gauleiter Greiser konnte sich erst am 20. Januar, dazu entschließen, für die Bevölkerung des Warthegaues den Evakuierungsbefehl herauszugeben, am selben Tag, an dem er Posen auf angeblichen Befehl Bormanns verließ, während die Stadt zur Festung erklärt wurde. Dieser verspätete Evakuierungsbefehl erreichte nun alle Gebiete gleichzeitig. Die Trecks der östlichen Gebiete stießen, sofern sie überhaupt dem Feind entkamen, auf verlassene Behausungen, wo ihnen, vor allem den Kindern, Alten und Kranken, hätte Wärme und Nahrung zuteil werden können. Bis 24 Uhr dieses 20. Januar, also innerhalb weniger Stunden, sollten nun alle Deutschen die Stadt verlassen haben.

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Diese Anordnung und die Flucht Greisers sowie der gesamten Parteiführung lösten bei der Bevölkerung große Erbitterung und Verwirrung aus, die sich bis zum 21. Januar zur Panik steigerte. Die Eisenbahn tat alles, um die Flüchtlinge weiterzutransportieren, die sich aus den letzten von Osten kommenden Zügen in die Stadt ergossen und den Bahnhof mit Bildern des Jammers füllten. Alle 15 Minuten ging ein Zug in den Westen ab, aber es reichte nicht aus, die große Masse der Fliehenden aufzunehmen. In der Stadt wurden Trecks zusammengestellt, die jedoch nur Kinder, Alte und Kranke beförderten, alle andern mussten zu Fuß folgen. Das Thermometer zeigte nahezu 20 Grad unter Null. Der Aufruf an die polnische Bevölkerung, die Stadt ebenfalls zu verlassen, wurde kaum befolgt. Am 21. Januar wurde General Mattern zum Festungskommandanten von Posen ernannt mit dem Befehl, die Stadt bis zum letzten Atemzug zu halten. Da Himmler aber nicht von dessen Durchhaltekraft überzeugt war, beorderte er wenige Tage darauf den vom Oberst zum Generalmajor beförderten Gonell an seine Stelle. Das Rückgrat der Festungskämpfer in Posen bildeten 2000 Fahnenjunker der Infanterie-Fahnenjunkerschule V in Posen/Warthelager. Sie wurden während des Kampfes sämtlich zu Leutnants befördert. Über die Festungsbesatzung liegen unterschiedliche Angaben vor. Sie schwanken zwischen 12 000 und 20 000 von deutscher Seite, die Russen geben bis über 60 000 Mann an. Am 22. Januar zeigten sich die ersten russischen Panzer im Osten und Süden der Stadt, auf ihrem Weg zur Oder, unentwegt Flüchtlinge vor sich hertreibend und die Trecks beschießend. Am 25. Januar war Posen von allen Seiten eingeschlossen. Hinter der noch kämpfenden Front wurden die in Feindeshand geratenen Deutschen zum Arbeitseinsatz in polnischen Lagern und auf Bauernhöfen festgehalten, wo sie noch über Monate und sogar Jahre der erbarmungslosen und schmachvollen Behandlung des Siegers ausgesetzt waren. Viele sind hier noch an Hunger, Entkräftung und an Seuchen gestorben. Sehr schlimm erging es auch jenen, die bis nach Sibirien deportiert wurden und dort jahrelang, wie die vielen deutschen Kriegsgefangenen, bei geringer Nahrung in den Wäldern Schwerstarbeit leisten mussten.

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Heute noch, 50 Jahre nach Kriegsende, sind nicht alle zu ihren Angehörigen nach Deutschland zurückgekehrt. Jedes ihrer Leben würde Stoff für ein Buch hergeben, das von Leid, Unrecht und nicht zuletzt von der jahrelangen Sehnsucht nach ihren Lieben zu berichten wüßte. Wir Umsiedler können durch das nur kurze Verweilen in den deutschen Ostgebieten nicht von einem Heimatverlust sprechen, wie ihn die seit Generationen dort ansässig gewesenen Deutschen durch die Flucht und Vertreibung erlitten haben. Dennoch mussten mehr als 10 Prozent unserer Landsleute im Kriegseinsatz, auf der Flucht und in sibirischen Arbeitslagern ihr Leben lassen.

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Teil IV Schicksale 1945

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Edwin Kelm - Flucht im Januar 1945

Edwin Kelm - Flucht im Januar 1945 Am 17. Januar fuhr einer der letzten Züge von Kutno Richtung Posen. In die überfüllten Wagen konnten wir mein Vater und ich - Mutter, Schwester und Bruder unterbringen. Wir selbst fuhren zurück auf den Hof. Am frühen Morgen des 18. Januar klopfte uns der Ortsgruppenleiter heraus mit dem Ruf: „Rettet Euch, der Russe kommt!“ Und von diesen Wintertagen auf den überfüllten Landstraßen, wie ich sie als junger Mensch erlebt habe, soll dieser Bericht handeln, zugleich zum Gedenken an unsere vielen Landsleute, die in jenen Tagen auf den Straßen Ostdeutschlands erfroren und verhungerten, oder erschossen und erschlagen wurden. Die Tragödie begann Mitte Januar mit dem Angriff der Russen beiderseits von Warschau. Die deutsche Front, die ausgeblutet war und über keine Reserven verfügte, brach zusammen. Die russischen Verbände überschritten die zugefrorene Weichsel und gingen gegen die 9. deutsche Armee vor, die Städte Warschau, Modlin und Radom gingen verloren - es gab keine geschlossene deutsche Front mehr. Am 16. Januar näherten sich die Russen Krakau, zwei Tage später war Litzmannstadt bedroht. Gauleiter Greiser hatte sich zu einer persönlichen Fahrt in den Ostteil des Warthegaues aufgerafft. Sein Fahrzeug stieß in Litzmannstadt auf sowjetische Panzer. Nun war er selbst überzeugt vom völligen Zusammenbruch der Front. Trotz dieser Erlebnisse konnte er aber nicht den Mut aufbringen, ohne ausdrücklichen Führerbefehl den Räumungsbefehl zu erteilen. Der Übersicht einiger entschlossener Kreisleiter, die auf eigene Verantwortung den Befehl zum Aufbruch gaben, verdanken viele ihre rechtzeitige Flucht. Nach dem Ruf „Rettet Euch, der Russe kommt“, wurden die beladenen Wagen rasch angespannt, und über schneeverwehte Feldwege versuchten wir, die Landstraße nach Warthbrücken zu erreichen. Als die Dämmerung des 18. Januar hereinbrach, hielten wir auf dem Gelände einer Zuckerfabrik, tränkten und fütterten die Pferde. In der Ferne war das Donnern der Geschütze zu hören. Gerade als wir ein wenig ruhen wollten, kamen mehrere Volkssturmmänner aus Kutno auf den Hof und forderten uns auf, sofort weiterzufahren, Kutno sei bereits von den Russen besetzt.

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Edwin Kelm - Flucht im Januar 1945

Leider war es jetzt nicht mehr so leicht möglich, auf die Hauptstraße zu kommen. Ein unübersehbarer Strom von Flüchtlingen und zersprengten Soldaten überfüllte die Landstraße. Erst durch das energische Eingreifen eines Mannes in einer braunen Uniform gelang uns gegen Mitternacht die Einfahrt in die Straße nach Konin. Doch an ein zügiges Vorwärtskommen war nicht mehr zu denken. Am 19. Januar sank die Temperatur auf 20 Grad Kälte. Hoher Schnee bedeckte das Land, und die Straßen waren mit Glatteis überzogen. Das Chaos wurde immer schlimmer. Pferde stürzten auf den glatten Straßen, brachen sich die Beine, Wagen rutschten in den Graben und kippten um. Frauen, Kinder und Greise weinten und schrien um Hilfe. Nur sehr mühsam kamen wir an diesem 19. Januar, dem 44. Geburtstag meines Vaters, ein Stück weiter Richtung Westen. Bei anbrechender Dunkelheit war der Kanonendonner noch näher zu hören, und der Himmel im Osten färbte sich rot. Die Angst, von den Russen eingeholt zu werden, bemächtigte sich des Flüchtlingsstromes. Eine gegenseitige Hilfe war nicht mehr gegeben - nur fort, fort, ja nicht in die Hände der Sowjets fallen. Es waren doch größtenteils Wolhynier, Galizier, Balten und Bessarabiendeutsche, die in den östlichen Kreisen des Warthegaues angesiedelt waren. Diese Menschen wußten zu gut Bescheid über Russland und den Kommunismus. In der Nacht vom 19. zum 20. Januar wurde das Elend noch größer. Wagenräder gingen in die Brüche, Deichseln brachen durch das viele Aufeinanderfahren. Dazwischen Hiobsbotschaften von übermüdeten, zurückflutenden Soldaten. In ihren Gesichtern standen Elend, Schrecken und Verzweiflung beim Anblick der Frauen und Kinder; die Männer ahnten, dass es für viele dieser Flüchtlinge eine Straße des Todes wird. Für unseren Treckabschnitt kam dann der letzte Morgen in Freiheit. In einem Waldstück in der Nähe von Konin war auf einmal ein Rufen und Schreien: „Die Russen kommen!“ Dieser Schreckensruf ging von Wagen zu Wagen und schon waren Motorengeräusche und Maschinengewehrsalven zu hören. Mein Vater, der auf dem Wagen vor mir fuhr, meinte, vielleicht sind es deutsche Panzer. Wir hörten hinter uns ein Krachen, Brechen und Schreien, sahen, wie ein Gespann mit Pferden, Wagen und Insassen zusammengewalzt wurde, und schon fuhr der erste Panzer knapp an meinem Fahrzeug vorbei. 210


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Er machte die Straße frei - was ihm in den Weg kam, walzte er nieder. Der Treck kam rechts am Weg zum Stehen. Nach einigen Minuten kam eine ganze Kolonne von Panzern, die besetzt waren mit Soldaten in erdbraunen Uniformen. Diese schossen wild um sich. Meine Pferde wurden am Wagen zusammengeschossen. Inzwischen kam mein Vater und sagte, wir müssen weg von der Straße und im Wald Schutz suchen. Er holte seinen Pelzmantel, und ich zog mir meinen Wintermantel über die HJ-Uniform. So verließen wir die Gespanne, um im Wald Sicherheit zu finden. Wir stellten aber fest, dass auch im Wald bereits geschossen wurde. Gleich kam die Hoffnung in uns auf: war es nur ein kleiner Durchbruch der Russen? Ist bereits ein deutscher Gegenangriff im Gange? Solche und andere Gerüchte gingen von Mund zu Mund. Das Schießen hörte nicht auf, im Gegenteil, es wurde immer heftiger. Wird der Wald von Russen durchkämmt? Fragen über Fragen - und niemand konnte eine Antwort geben. Da, auf einmal sahen wir Soldaten in deutscher Uniform, die müssen wir um Hilfe fragen. Und schon kam ein Ruf durch den Wald: „Kommt her zu uns, wir sind deutsche Soldaten!“ Einige machten sich auf den Weg, um zu fragen, was wir tun sollen, darunter war auch mein Vater. Kaum 20 Meter von uns entfernt, hörten wir, wie einer der Soldaten die Ratsuchenden mit „Hände hoch“ anschrie. Mein Vater antwortete: „Wir sind auch Deutsche“. In diesem Augenblick eröffneten sie mit den Maschinenpistolen das Feuer (es waren Partisanen!) und schossen die Männer und Frauen aus nächster Nähe zusammen. So starb mein Vater am 20. Januar gegen 9.00 Uhr. In jenen traurigsten Stunden meines Daseins hat mein Leben eine Wende erfahren. Ich lief tiefer in den Wald hinein - weg von den anderen Flüchtlingen, und war allein. Ich faltete meine Hände und konnte beten - Bibelsprüche, ganz besonders aber den 23. Psalm und befahl mein Leben der Gnade und dem Schutz Gottes an. Nun war ich allein, von allen verlassen, Mutter und Geschwister unterwegs mit dem Zug, Vater tot. Meine Lage war mir klar, ich befand mich nun in einem Gebiet, das von Russen und Polen besetzt und nicht mehr zu Deutschland gehörte. Bis zum Hereinbrechen der Nacht hielt ich mich im Wald versteckt. Dann versuchte ich, die Straße zu erreichen. Man hörte nur noch einzelne Schüsse. je näher ich der Straße kam, um so mehr wurde ich gewahr, dass die

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Straßen voller Russen und Polen war. Flüchtlingswagen wurden geplündert, Frauen geschändet.

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Alte Menschen saßen auf den Wagen und warteten auf Hilfe. Und andere bewegten sich nicht mehr nach Westen, sondern gingen zurück auf die Höfe, wo sie angesiedelt waren. In dieser Nacht habe ich ernstlich mit Gott gerungen und gebetet. „Herr zeige mit den Weg, die Richtung - wo soll ich hingehen?“ Nach all den schrecklichen Erlebnissen - wer kann sie alle beschreiben - entschloß ich mich, nicht zurück auf den Hof zu gehen, sondern zu versuchen, nach dem Westen durchzukommen. Auf der Wegstrecke bis nach Schwerin an der Warthe begegnete ich Nacht um Nacht dem Elend und der Not auf den Straßen - wie viele wurden geschändet und zu Tode gemartert. All der angestaute Hass der Russen und Polen kam zum Ausbruch. Viele unserer Friedenstaler Männer und Frauen wurden regelrecht ermordet. Nacht für Nacht versuchte ich, ein Stück weiter nach dem Westen zu kommen. Bei Tag ruhte ich in einer Feldscheune oder auf entlegenen Strohschobern. So habe ich die eisige Kälte bis auf kleine Erfrierungen an den Zehen gut überstanden. Meine Verpflegung besorgte ich mir aus verlassenen Flüchtlingswagen und leerstehenden Häusern. In Schwerin/Warthe hörte ich durch Soldaten, die dem Kessel von Posen entkommen waren, dass an der Oder die Russen zum Stehen gebracht wurden. Ich befand mich nun auf ehemaligem Reichsgebiet. Die Polen brauchte ich nicht mehr zu fürchten, denn hier wohnten nur Deutsche. Da aber die meisten geflüchtet waren, traf man nur selten auf Menschen. Ein Weiterkommen über die Oder war nicht mehr möglich. Ich entschloß mich, in der Nähe von Schwerin das Kriegsende abzuwarten. In diesen vier Monaten von Februar bis Mai 1945 habe ich den Psalm 91 buchstäblich erlebt. „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe...“ All das täglich Erlebte kann man mit Worten nicht schildern, weil es oft zu grauenhaft und zu unmenschlich war. Nach Kriegsende, Mitte Mai, ging ich bei Küstrin über die Oder und machte mich auf die Suche nach meiner Mutter und den Geschwistern. Am 6. Juli fand ich sie in der Lüneburger Heide bei Soltau und brachte ihnen die Nachricht, dass Vater nicht mehr wiederkommt. 213


Bruno Hohloch - Flucht im Januar 1945

Bruno Hohloch - Flucht im Januar 1945 D ie sowjetischen Armeen standen anfangs Dezember 1944 unmittelbar an der Ostgrenze Deutschlands. Durch die Propaganda und die Durchhalteparolen des Dritten Reiches konnten die Bessarabiendeutschen, die 1941 in Westpreußen und im Warthegau angesiedelt worden waren, nichts von der sich anbahnenden Katastrophe erahnen, noch sich auf die bevorstehende Flucht rechtzeitig vorbereiten. Mein Vater, der in Wiele bei Mrotschen im Kreis Wirsitz als Lehrer an einer Volksschule tätig war, wurde 1944 zur Wehrmacht eingezogen. Danach zog meine Mutter mit meiner 6-jährigen Schwester und mir zu ihren Eltern nach Wertheim-Abbau bei Nakel. Dort hatte mein Großvater ein landwirtschaftliches Anwesen, auf dem ich meistens meine Sommer- und Herbstferien verbrachte. Großvater und seine Pferdeknechte brachten mir schon frühzeitig den Umgang mit Pferden bei, was mir bei den Ereignissen der Flucht, wie es sich später herausstellte, von großem Nutzen war. Mit gemischten Gefühlen wurden wir 14-jährigen Internatsschüler von unseren Lehrern 1944 in die Weihnachtsferien entlassen. Ich denke, keiner von uns erfaßte damals die wirkliche Situation und damit die Tatsache, dass wir das Gymnasium in Nakel evtl. nicht mehr betreten würden. Die Reste der deutschen Armeen an der Ostfront konnten der Übermacht der sowjetischen Verbände im Januar 1945 nicht mehr standhalten. So mussten die dort wohnenden Deutschen, darunter auch die Bessarabiendeutschen, Hals über Kopf mit ihren Pferdefuhrwerken - meistens ohne Planendach auf dem Wagen - bei einer Kälte von über minus 20' C sich auf die Flucht begeben. Überall herrschte Chaos auf den schneebedeckten und vereisten Straßen. Von einer organisierten Flucht konnte nicht gesprochen werden. Am 20. Januar 1945, einem Sonntag, haben wir am späten Abend erfahren, dass die Bewohner der Gemeinde Wertheim, zu der Wertheim-Abbau gehörte, ihre Wagen schon bepackt hatten und sich auf die Flucht begaben. In aller Eile haben wir dann unseren Pferdewagen beladen. Ein Schwein wurde noch schnell geschlachtet und notdürftig verarbeitet. Mein Großvater hatte seinen Arbeiterfamilien an diesem Tag erlaubt, Brennholz aus Potelitz mit den Pferden für ihren Eigenbedarf herbeizuschaffen. 214


Bruno Hohloch - Flucht im Januar 1945

Aufregend war es insofern, dass das Pferdegespann erst am späten Abend zurückkam und die Pferde nach einer kurzen Ruhepause wieder an den beladenen Fluchtwagen angespannt werden mussten. Dann fuhren wir am Montag, dem 21. Januar 1945, morgens gegen zwei Uhr los. Auf dem Wagen befanden sich sechs Personen, und zwar meine Großeltern (70/70), ein Vetter (15), meine Mutter (40), meine Schwester (6) und ich (14). Wir fuhren in Richtung Nakel. Dort angekommen, wollten wir weiter nach Schneidemühl. Ein deutscher Offizier mit seiner Einheit leitete den ganzen Treck um in Richtung Vandsburg und Konitz. Anfangs konnten wir den Umweg nicht begreifen. Wären wir aber weitergefahren nach Schneidemühl, so wären wir wahrscheinlich schon am ersten Tag der Flucht den Russen in die Hände gefallen. So gegen Mittag des ersten Tages gab es auf der Hauptstraße zwischen Mrotschen und Vandsburg in Höhe des Dorfes Wiele kein Weiterkommen mehr. Meine Mutter und ich nützten diesen Aufenthalt, um zu der zwei Kilometer entfernten Schule, an der mein Vater bis 1944 tätig war, seine Zeugnisse und sonstige wichtige Papiere zu holen. Auf dem Rückweg zum Treck hörten wir den immer näher kommenden Kanonendonner der russischen Panzer. Im nachhinein war dieser Umweg nicht ganz ungefährlich, da alle Deutschen den Ort schon verlassen hatten. Unendlich langsam kam der Treck auf den verstopften und vereisten Straßen vorwärts. Auf der glatten Schneedecke fanden die Pferde, deren Hufeisen zum Teil nicht mit Stollen ausgerüstet waren, keinen Halt. Am zweiten Abend der Flucht kamen wir in Flatow (Hinterpommern) an. Die Alten, Frauen und Kinder wurden in Schulen und Turnhallen zur Verpflegung und Übernachtung untergebracht. Mein Vetter und ich brachten unsere Pferde in einer Scheune unter, besorgten Futter, haben sie getränkt und abgefüttert. Dann richteten wir uns auf dem Wagen ein Nachtlager zurecht. Es war üblich, Nachtwache bei den Pferden und Wagen zu halten. Nachts hörten wir den Kanonendonner der näherkommenden Front. Mitten in der Nacht wurden wir vom Großvater geweckt. Er sagte: „Spannt die Pferde an, wir wollen den Morgen zum Aufbruch nicht mehr abwarten.“ Mit in unserem Treck war Frau 0. (44) aus unserem ehemaligen Heimatdorf Teplitz mit ihrem 10-jährigen Sohn und ihrer Schwägerin (45). Ein Pole, der auf dem Hof von Frau 0. beschäftigt war und den Wagen bis Flatow gefahren hatte, war in der Nacht heimlich verschwunden. 215


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Beide Frauen konnten mit ihren Pferden nicht umgehen. Sie wußten nicht, wie es ohne Fuhrmann weitergehen sollte und waren in ihrer Not der Verzweiflung nahe. Mein Großvater nahm mich beiseite und sagte mir in wenigen aber bestimmten Worten: „Du übernimmst den Wagen von Frau 0. mit den drei Pferden. Ich traue es dir zu, du musst nur schauen, dass du unseren Wagen während der Fahrt nicht aus dem Blickfeld verlierst.“ Widerspruchslos holte ich die Pferde aus der Scheune, spannte sie vor den Wagen, und weiter ging die Fahrt nach Westen. Wir fuhren im Treck mit mehrmaligen Übernachtungen über Neustettin, Bärwalde, Schivelbein bis Labes. Charakteristisch waren die Lammfellmützen, an denen man die Bessarabiendeutschen schon von weitem erkennen konnte. Auf dieser Wegstrecke war das Vorankommen sehr beschwerlich. Um Steilstrecken zu bewältigen, mussten mehrmals zusätzlich Pferde vorgespannt werden. Langwieten und Deichseln brachen, Pferdegeschirre zerrissen, und alles musste notdürftig wieder repariert werden. Aber auch positive Erlebnisse durfte man erfahren. In Not geratenen Menschen wurde selbstlos geholfen. Jeder von uns erlebte es auf irgendeine Weise. Und immer wieder spürte man die helfende Hand des Nächsten, man fühlte sich dennoch geborgen und nie allein gelassen. Die Übernachtungen waren in den ersten Tagen unserer Flucht nicht organisiert. Trotzdem wurden wir von den Bauern auf den Dörfern zur Übernachtung freundlich aufgenommen. Auf unsere Frage, warum sie uns aufgenommen und versorgt hätten, antworteten sie: „Wahrscheinlich sind auch wir schon morgen auf die Hilfe von fremden Menschen angewiesen.“ Auf dem Weg zwischen Schivelbein und Labes hatten wir mit den zwei Pferdewagen bei einer Bauernfamilie eine Ruhepause von drei Tagen eingelegt. Ersichtliche Schäden an den Wagen wurden repariert, Radachsen abgeschmiert, und die Pferde konnten sich von den Strapazen der vergangenen Tage wieder erholen. Auch unser tiefgefrorenes Schweinefleisch konnte nun sachgemäß und in aller Ruhe verarbeitet werden. Von einem am Wegrand verlassenen Wagen bauten wir ein Planendach ab und montierten es auf unseren auf. So waren meine Angehörigen endlich geschützt vor Wind, Schnee und Kälte.

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Bruno Hohloch - Flucht im Januar 1945

In Rosenow/Labes übernachteten wir am 8. Februar 1945. Spät abends verstarb ein 82-jähriger Mann aus Teplitz. Aus rohen Brettern wurde von einem Teplitzer Tischlermeister während der Nacht ein Sarg angefertigt. Er wurde mit Hobelspänen gepolstert und darüber ein Leintuch gespannt. Den Sargdeckel schmückten die Frauen mit Fichtenzweigen. Vor Anbruch des Tages mussten wir jungen Leute das Grab unter großer Mühe ausheben, denn der Boden war 60 cm tief gefroren. Große Schwierigkeiten hatte man am nächsten Morgen, zur Bestattung einen Pfarrer zu finden. Der Verstorbene wurde dann am späten Vormittag vom Pfarrer einer Nachbargemeinde beerdigt. Diese Beerdigung werden alle, die damals mittrauerten, niemals vergessen. Während man das Grab zuschaufelte, war der Treck schon wieder abfahrbereit. Von Labes fuhren wir weiter über Stargard bis kurz vor den Oderübergang. Vor Stettin waren wir bei einer Übernachtung Zeuge eines Alliierten Bombenangriffes auf eine Benzinraffinerie in Pelitz. Es war eine sternklare, kalte Nacht. Wir hatten wie jede Nacht zuvor wieder unser Nachtlager auf dem Wagen eingenommen. Zuerst kamen Flugzeuge, die als Markierung die „Christbäume“ zur anschließenden Bombardierung abwarfen. Innerhalb der markierten Felder wurde dann die Bombenlast abgeworfen. Es war schrecklich. Die Nacht wurde durch die Bombardierung und die explodierenden Benzintanks taghell. Wie viel unschuldige Menschen in dieser Nacht umgekommen sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Am nächsten Tag überquerten wir auf der Autobahn die Oder. Auf der rechten Spur gegen Westen bewegten sich die Flüchtlingstrecks. Auf der linken in Richtung Front bewegte sich das letzte Aufgebot der deutschen Wehrmacht mit Soldaten, Panzern und Lastwagen. Weiter ging es über Prenzlau, Neustrelitz, Waren, Teterow bis zu unserem Bestimmungsort. In der letzten Woche der Flucht wurde die Betreuung und Versorgung der Flüchtlinge von der NSV übernommen. In Massenquartieren wurden wir untergebracht, warme Suppen wurden gereicht, Verpflegung für den nächsten Tag ausgegeben, und für die Pferde gab es Futter. Am 20. Februar 1945 kamen wir abends in unserem Bestimmungsort Matgendorf (Kreis Güstrow) in Mecklenburg an. Man quartierte uns auf Bauernhöfen ein. Nun konnten wir uns und auch die Pferde von den Strapazen der über vierwöchigen Flucht erholen. 217


Bruno Hohloch - Flucht im Januar 1945

Auf dieser langen und beschwerlichen Reise sind nicht nur wir auf dem Wagen der Familie 0., sondern auch mit den wegbegleitenden Flüchtlingen zu einer engen Gemeinschaft zusammengewachsen. Wenn ich einmal mit meinem Wagen auf der Strecke das Gespann meines Großvaters verloren hatte, wartete der Großvater oder die Mutter abends am Straßenrand auf mein Gespann und mich. Trotz aller Beschwernisse und Not wurden wir Gott sei Dank während der ganzen vier Wochen vor Tieffliegerangriffen bewahrt. Am 1. Mai 1945, nachdem die sowjetischen Armeen die letzten Deutschen Verteidigungslinien durchbrochen hatten, haben wir uns mit unseren Wagen wieder auf die Flucht begeben. Wir fuhren in Richtung Rostock. Nach ungefähr 13 km hörten wir kurz vor Laage hinter uns schon den Gefechtslärm der russischen Panzer. Trotz der Panzersperren und den vielen Flüchtlingswagen sind wir heil durch Laage gekommen. Kurz danach sahen wir die russischen Panzer hinter uns auf der Straße, wie sie rücksichtslos in die Flüchtlingswagen hineinfuhren und die Straße in Richtung Rostock für ihren Vormarsch freimachten. Mein Großvater verließ mit seinem Wagen die Hauptstraße und fuhr über die Felder zu einem Gutshof in Kronskamp. Ich fuhr hinterher. Auf dem sandigen Feldweg saß mein Wagen plötzlich fest. Ich versuchte nach Kräften, den Wagen wieder freizubekommen. Aber die drei Pferde scheuten durch den starken Gefechtslärm, und zu guter Letzt löste sich auch noch der Waagebalken vom Wagen. Ich konnte die Pferde nicht mehr halten. Sie rissen sich los und galoppierten querfeldein. Den steckengebliebenen Wagen ließen wir stehen und rannten dem Wagen meines Großvaters hinterher. Im Garten eines Arbeiterhauses des Gutshofes versteckten wir uns vor der herannahenden russischen Infanterie. Als wir von der Front überrollt waren und der Gefechtslärm sich Richtung Rostock verlagert hatte, wagten wir uns wieder aus unserem Versteck. Mein Großvater und mein Vetter wollten den steckengebliebenen Wagen holen. Dort angekommen, stellten sie fest, dass er schon teilweise ausgeplündert worden war. Sie suchten die herumliegenden Gegenstände zusammen und brachten den Wagen zum Gutshof. In der Zwischenzeit hatte ich meine Pferde auf dem Felde eingefangen, und so machten wir uns am späten Nachmittag wieder auf den Rückweg. Bei der Rückfahrt durch Laage sahen wir erst, wie negativ sich die Panzersperren für die Flüchtlingswagen ausgewirkt hatten. 218


Bruno Hohloch - Flucht im Januar 1945

Überall sah man die ineinandergeschobenen Wagen mit toten Menschen und Pferden. Dieser Anblick war so furchtbar, dass ich dieses Erlebnis - fünfzig Jahre danach - immer noch vor Augen habe. Wir kamen am späten Abend bei dem Bauern, dessen Hof wir am frühen Morgen verlassen hatten, wieder an und konnten bei ihm unterkommen. Unsere Pferde samt Wagen haben uns die Russen am nächsten Tag abgenommen. Bis zur Übersiedlung nach Württemberg arbeitete die ganze Familie um das tägliche Brot bei dem Bauern. Im Zuge der Familienzusammenführung übersiedelte im Januar 1945 Frau 0. mit Sohn und Schwägerin nach Nordrhein-Westfalen, meine Familie im Juni 1946 mit einer Zuzugsgenehmigung des Hilfswerks für ev. Umsiedler aus Bessarabien nach Württemberg. Nach mehreren Zwischenstationen haben wir uns in Backnang niedergelassen. Viele Jahre später, als das Reisen in der BRD finanziell wieder möglich war, besuchte mich Frau 0., deren Fuhrmann ich während der vierwöchigen Flucht war, nahm mich wortlos mit Tränen in den Augen in ihre Arme und brachte so ihre Dankbarkeit zum Ausdruck.

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Flucht aus Polen und Verschleppung nach Sibirien

Flucht aus Polen und Verschleppung nach Sibirien Ida Scheid

Wir mussten fliehen. Die Nacht war klar, und es war bitter kalt. Pferde und Wagen sanken oft tief in den Schnee ein, der auf dem ausgefahrenen Feldweg lag. Wir durften keine Zeit verlieren, denn wir wollten den Treck nach Westen an der Hauptstraße erreichen. Plötzlich senkte sich der Wagen nach einer Seite und saß fest. Er war nicht von der Stelle zu bewegen. Was sollte ich tun? Mein Mann war drei Tage zuvor, am 17. Januar, zum Volkssturm eingezogen worden, und ich war allein mit den vier Kindern, drei Buben im Alter von sieben, fünf und zwei Jahren und einem Mädchen, das erst einen Monat alt war. Bis wir Hilfe vom nächsten Dorf hatten, tagte es schon und der Treck war nicht mehr zu erreichen. So kamen wir mit einem anderen Transport bis zu einem Dorf, das sechs Kilometer von Frankfurt an der Oder entfernt war. Dort stockte der ganze Zug. Der Schnee lag so hoch, dass ein Pferdegespann allein einen Wagen nicht ziehen konnte. Die Kleine schrie und schrie, doch ich hatte weder Zeit noch die Mittel, um sie zu versorgen. Erst am Abend konnte ich mich um das Mädchen kümmern, aber da war es schon zu spät. Es hatte sich zu Tode geweint. Ich wollte es doch noch beerdigen. Alles drängte zur Weiterfahrt. Ganz allein brachte ich es in einer kleinen Kiste zum Friedhof und legte es in ein offenes Grab. Dann konnten wir weiterfahren. Drei Kilometer noch bis ins nächste Dorf. „Zur Seite, weg da, in die Höfe!“, schrie ein Obmann, „die Brücken in Frankfurt sind schon gesprengt“. Hinter uns rollten russische Panzer heran und vor uns führte kein Weg mehr über die Oder. Wir fuhren in die Höfe und spannten aus. Eine schreckliche Nacht folgte. Die Russen bedrängten die Frauen und Mädchen und im Hof sah ich unseren Wagen mit all unseren Lebensmitteln lichterloh brennen. Nichts war übriggeblieben außer einem Pferd. Zwei Tage und Nächte versteckten wir uns in einem finsteren Kellerloch, bis die Russen uns fanden und mit dem, was wir noch hatten, zurückschickten nach Urnental, wo wir gewohnt hatten. Halb verhungert und völlig zerlumpt kamen wir zurück und wurden sofort zu Aufräumungsarbeiten herangezogen. 220


Flucht aus Polen und Verschleppung nach Sibirien

Am 9. Mai feierte dann ganz Polen den Sieg über Deutschland. Einen Monat später wurden wir aufgefordert, nach Bessarabien zurückzufahren. Und wer von uns wollte das nicht? Aber die Polen warnten: „Wer weiß, wo die Züge alle hinfahren?“ Wir schlugen alle Warnungen in den Wind, und am 24. Juni ging es los. Sieben Brote hatte ich mitgenommen, nur eines blieb mir. Aus einem anderen Zug schrien hungrige deutsche Soldaten nach Brot. Dann fuhren wir in Richtung Bessarabien, wie wir dachten. Bis wir in Brest, an der russischen Grenze, ankamen. Jetzt wußten wir, wohin es ging. Sibirien sollte unser Reiseziel sein. Und es gab keinen Ausweg. Acht Tage lagen wir unter Tausenden von Menschen in strömendem Regen, das Brot schwamm uns davon, bis es endlich auf offenen Viehwagen weiterging, ohne dass wir etwas zu essen hatten. Endlich, am 2. August kamen wir in Akmolinsk an. Das war die Endstation unserer Reise. Aber für meinen Zweijährigen war diese Fahrt zu viel gewesen. Alles, was er noch sagen konnte, war: „Mama... Kaffee, Mama ...“. Folge all des Schrecklichen. Und jetzt sollte die schlimmste Zeit erst anfangen. Zehn Jahre Gefangenschaft, zehn Jahre, in denen wir eine ganze Stadt aufbauten, Jahre voller Entbehrungen, voll härtester Arbeit. Wir wohnten zusammen mit 60 Menschen in einer Baracke ohne irgendwelche sanitären Anlagen, übersät von Wanzen und Ungeziefer. Die Betten bestanden über Jahre hinweg aus vier Brettern. Als Deckbett dienten uns die Alltagskleider. Im Winter wurde des öfteren nachts das Dach abgedeckt, so dass wir so manchen Morgen schneebedeckt aufwachten. Und mehrmals mussten wir aus dem Schnee ausgegraben werden. Etwas besser wurde es nach zwei Jahren, als wir in eine Lehmbude umzogen. Von hier mussten acht Kilometer zu Fuß zurückgelegt werden. Dort erhielt man nach getaner Arbeit die Brotrationen, der Arbeiter 600 Gramm und jedes Kind 300 Gramm. Einmal schickte ich meinen Ältesten, damals neun Jahre alt, mit der Gruppe, die zum Brot holen ging. In tiefem Schnee zogen sie los. Aber wie erschrak ich, als sie ihn nicht mehr zurückbrachten! Sicher war er irgendwo im Schnee zurückgeblieben. Es war Nacht, die Wölfe heulten und es war sibirisch kalt. Zusammen mit einem Deutschen machte ich mich auf die Suche den weiten Weg zurück, bis wir in das Dorf kamen. 221


Flucht aus Polen und Verschleppung nach Sibirien

Endlich, nachdem wir alle Häuser abgeklopft hatten, fanden wir ihn bei einer alten, halbtauben Babuschka. Die Männer hatten den Kleinen einfach vergessen, und so war er allein zurückgeblieben. Auf diese Art und Weise kam er endlich einmal dazu, auf einem warmen, russischen Ofen zu schlafen. Während ich arbeitete, mussten die beiden Buben, die mir noch geblieben waren, in eine russische Schule gehen. Einmal, als wir dabei waren, einen Kanal unter der Bahnlinie zu bauen, stürzte ich kopfüber auf den sechs Meter tieferliegenden Betonboden. Ich musste zwei Monate in dem von uns gebauten Krankenhaus verbringen. Im Ganzen haben wir eine große Stadt mit zwei Schulen für je 2000 Schüler, ein Clubhaus mit 600 Plätzen, einen Bahnhof und ein Krankenhaus gebaut. Auch im Winter mussten wir im Freien arbeiten, selbst bei Temperaturen von Dreißig Grad Frost. Die erste Nachricht von unseren Verwandten bekam ich 1949. Drei Briefe kamen hintereinander an in einer Woche. Ich konnte es nicht fassen. Heimweh erfaßte mich stärker denn je, ein erneuter Nervenzusammenbruch folgte. Von nun an erreichten mich hin und wieder Briefe aus Deutschland. Und 1954 schickten wir Antrag um Antrag nach Moskau zum Konsulat, in denen wir um die Heimreise nach Deutschland ersuchten. Dass wir endlich doch heimfahren durften, haben wir nur Dr. Konrad Adenauer und dessen Moskaureise zu verdanken. Am 5. Dezember 1955 traten wir die lange Reise von Akmolinsk nach Deutschland an. Wir bekamen jeden Tag zu essen, wie nie zuvor in den zehn Jahren. Zum ersten Male schliefen wir wieder in weißbezogenen Betten. Unser allerschönster Tag war, als wir über die Oderbrücke nach Mitteldeutschland und dann ins Flüchtlingslager bei Friedland kamen. Nun dauerte es nur noch wenige Tage, bis ich meinen Mann wiedersah. Drei Wochen später, am 21. Januar 1956, fuhren wir alle zusammen nach Stuttgart, wo meine Eltern und Geschwister uns erwarteten. Es war unfassbar. Wir weinten Freudentränen.

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Die schrecklichen Tage der Flucht

Die schrecklichen Tage der Flucht Elvira Lächelt

Wir waren schon einige Tage auf der Flucht; die Front war immer näher gerückt und die Straßen von Flüchtlingen mit Pferdegespannen verstopft. Das deutsche Militär konnte den russischen Panzern keinen Widerstand mehr bieten. Und dann überrollten uns die Panzerkolonnen. Die schrecklichen Bilder, die sich dann vor unseren Augen abspielten, sind schwer vorstellbar und kaum zu beschreiben. Die Panzer rasten mit voller Geschwindigkeit auf den verstopften Straßen vorwärts. Wer sich nicht rechtzeitig von der Straße oder in den Straßengraben retten konnte, wurde von den Ketten der Fahrzeuge einfach auf die Seite geschoben oder überrollt. Menschen und Tiere gerieten in diesem Chaos unter die Todeswalze der Panzer; wir mussten mit ansehen, wie das Blut an den Seiten heraus spritzte. Einige Tage später. Die Ortschaft war mit Flüchtlingen überfüllt, die nun nicht mehr wußten, wohin sie fliehen sollten. Zurück konnten sie nicht mehr und weiter nach Westen durften sie auch nicht. Dann wurden alle aus den Häusern und Verstecken herausgeholt und draußen vor dem Wald zusammengetrieben. Drei Gruppen wurden gebildet, wobei nicht zu erkennen war, nach welchen Gesichtspunkten die Gruppen eingeteilt wurden. Wir, meine Mutter und ich mit zwei jüngeren Schwestern, waren bei der dritten Gruppe, die sich vor dem Wald aufstellen musste. Am Waldrand waren Schützengräben ausgehoben. Eine Gruppe nach der anderen musste sich davor niederknien und wurde dann mit Maschinenpistolen niedergemäht, so dass sie direkt in die Gräben fielen. Auch wir standen in der Schlange. Viele waren noch vor uns. Wir faßten uns an den Händen, weinen konnten wir nicht mehr. Vor uns war ein Schießen und Ballern der Gewehre. Manche weinten und schrien noch, aber die meisten ließen sich stumm, wie die Lämmer, zur Schlachtbank führen. Wir hatten mit unserem Leben schon abgeschlossen und kamen dem Ende der Schlange immer näher. Da sagte meine Mutter irgend etwas auf Russisch zu dem Posten, der gerade vorbeikam. Der horchte auf und

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Die schrecklichen Tage der Flucht

sagte dann „oh tsej naschi Ludji“ (ach, das sind unsere Leute) und schickte uns weg zu einer anderen Gruppe; wir waren vom Tod errettet!

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Die schrecklichen Tage der Flucht

Wir wurden dann in einem Haus, vermutlich einer Schule, eingeschlossen. Abends kamen einige Männer herein und holten uns jüngere Mädchen heraus. Ich war gerade 17 Jahre alt und meine Schwester ein paar Jahre jünger. Man brachte uns zu den russischen Soldaten, wo wir vergewaltigt wurden. Vor Scham konnte ich lange Jahre über dieses Erlebnis nicht reden. Ich wollte es am liebsten vergessen und verdrängen, aber bis heute steht vor meinen Augen, wie demütigend das alles für uns war. Aber es kam noch schlimmer. Am nächsten Morgen holte man uns heraus und wir mussten uns völlig nackt ausziehen. So wurden wir durch die Straßen des Orts getrieben. Die Menschen standen am Straßenrand, bespien und verlachten uns - es war entsetzlich. Auf unserem Weg zurück sahen wir deutsche Soldaten, die bei 25 bis 30 Grad Kälte nackt an Bäume oder Telefonmasten gebunden waren. Sie schrien und jammerten und baten uns um Hilfe. Wir durften aber nicht aus der Reihe. Sicher wären wir gleich erschossen worden. Das sind Bilder, die ein Leben lang vor meinen Augen stehen, die ich nicht aus meinem Gedächtnis verbannen kann. Nie wieder möchte ich so etwas nochmal erleben müssen.

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Teil V Anhang

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Familienverhältnisse

Familienverhältnisse Familie Flöther •

Nathanael Flöther

1892 - 1963

Eduard Flöther

1893 - 1963

Samuel Flöther

1900 - 1976

Berta (Flöther) Wiedmann

1902 - 1989

Hulda (Flöther) Friedrich

1904 - 1988

Maria (Flöther) Wiedmann

1905 - 1994

Rudolf Flöther

1907 - 1948

Emma (Flöther) Sauter

1909 - 1987

Emil Flöther

1911 - 1943 (in Russland vermisst)

Else (Flöther) Pietz

1913

Familie Sauter •

Emma (Sauter) Tobler

1900 - 1995

Imanuel Sauter

1902 - (ausgewandert)

Ida Sauter

1904 - 1989

Hilda (Sauter) Ross

1905

Friedrich Sauter

1907 - 1979

Rosa (Sauter) Erkert

1910 - 1997

Albert Sauter

1917 - 1943 (in Russland vermisst)

Artur Sauter

1919 - 1993

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Karte von Bessarabien

Karte von Bessarabien

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Zwischen Harbiewagen und Lagerleben