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D I E V I E R k a rdi n a l t u g e n d E N :

We i s h e i t / P r u d e n t i a

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Gerechtigkeit / Lustitia

Ta p fe r k e i t / Fo r t i t u d o

M ä ß i g u n g / Te m p e r a n t i a


S E I T E KA P I T E L

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We i s h e i t i n P h i l o s o p h i e u n d d i e T h e o l o g i e

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P h i l o s o p h i s c h e B e t rac h t u n g e n d e r We i s h e i t

007

We i s h e i t u n d d i e r e l i g i o n

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H e i l i g e Au g u s t i n u s ü b e r We i s h e i t

009

weisheit in Buddhismus und Hinduismus

009

Konfuzianismus

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We i s h e i t u n d We i s e i n M ä r c h e n u n d My t h o s

010

D i e We i s h e i t d e r V i e l e n

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Gerechtigkeit / Begrifflichkeit

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Geschichte der gerechtigkeit

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Kritik des Gerechtigkeitsbegriffs

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Bedingungen von Gerechtigkeit

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Gerechtigkeit in den Religionen

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Gerechtigkeit als Tugend

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S k e p s i s / Wo h l fa h r t / D i s k u r s / T u g e n d

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Ta p fe r k e i t / B e g r i f f l i c h k e i t

042

F ü r s e i n e Ü b e r z e u g u n g k ä m p fe n / R e l i g i o n

048

M e r k e l e h r t »Ta p fe r k e i t v o r d e m Fe i n d «

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D i e v e r g i f t e t e T u g e n d Ta p fe r k e i t

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Mässigung

060

Das Masshalten / Religion

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Wa s k o m m t n a c h d e r f i n a n z k r i e s e

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WEISHEIT

Schlange / Spiegel / Fackel / Kopf mit mehreren Gesichtern / Sarg, / Sieb

Zur Weisheit gehört das Wissen »über das Verhältnis der Dinge untereinander und zum Ganzen«. In der Regel wird Weisheit mit Alter verbunden. In dem Fall versteht man Weisheit als Summe von Lebenseinsichten und erworbener Reife. Als Kerntugend ist die Weisheit an eine Persönlichkeit gebunden. Jemand ist weise, wenn er in verschiedenen Situationen sichere Urteile fällen, guten Rat geben und wirklichkeitsgerechte Ents c h e i d u n g e n t r e ff e n k a n n . D u r c h Erfahrungen und Reife hat ein weiser Mensch eine besondere »Lebensführungskompetenz«.

Feummodigna con volor accum venit veliquat. Se feugait, summodolor sisi.

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W eishei t i n P hi l o s o phie u n d die The o l o g ie Das Verhältnis von Philosophie und Weisheit wird dort zum Thema, wo erstere aus der letzteren tatsächlich oder vermeintlich entspringt, sich von älteren oder zeitgleichen Weisheitstraditionen explizit abgrenzt oder 6

aber sich andererseits mit der Weisheit selbst – möglicherweise nur in abgeschwächter Form als das Streben nach dieser als grundsätzlich unerreichbarem Ideal – als identisch erklärt. Die Selbstbenennung als »Freundin der Weisheit« ist dabei in der Philosophiegeschichte immer wieder programmatisch ausgelegt worden und war häufig Ausgangspunkt für die Bestimmung ihres eigenen Selbstverständnisses.

Während noch Homer, Pindar oder Heraklit sophia in ihrer

ursprünglichen Bedeutung als »Tüchtigkeit in Beziehung auf etwas« verwendeten, ändert sich dies bei Sokrates, der in seinen Auseinandersetzungen mit in bestimmten Hinsichten sogar besonders ausgezeichnet tüchtigen Gesprächspartnern ihr Versagen im Verständnis allgemeiner Fragen aufwies und der vom Delphischen Orakel aufgrund seines Diktums »ich weiß, dass ich nichts weiß« als der Weiseste bezeichnet wurde; das von ihm hier zugrunde gelegte Motiv einer dem menschlichen Vermögen gemäßen Weisheit im Gegensatz zu einer diese übersteigende, als göttlich verstandenen Weisheit sollte im weiteren den philosophischen und teils auch theologischen Diskurs über die Weisheit im Westen bestimmen.


P hi l o s o phis c he B e t r a c h t u n g e n der W eishei t Sie ist eher als ein Ziel zu definieren, das wir suchen sollen. Sie fragt nach dem (letzten) Grund, nach dem Sinn. Wissen und Weisheit sind verwandt, ohne dass die Summe allen Wissens Weisheit ergibt, denn die hängt als eine Tugend mit den anderen Tugenden eng zusammen. Weisheit ist Wissen um wesentliche Wahrheiten sowie dementsprechend zu leben (Wahrhaftigkeit). Viel (Halb)Wissen verschüttet oft Weisheit, die Unerforschbares und Ruhe, sowie ein Maßhalten einschließt. So ist es weise, eher wenig zu reden. Weisheit schließt das Wissen um die Vorläufigkeit und die Grenzen allen Wissens ein und geht damit über bloßes Faktenwissen hinaus. Weisheit ist weder speicherbar noch programmierbar. Weisheit schließt auch Liebe zur Welt ein und ist darauf gerichtet, Gutes zu bewirken.

W eishei t u n d die re l i g i o n In der Bibel wird Weisheit als Geschenk Gottes dargestellt. So bekam der weise Salomo seine sprichwörtliche Weisheit als Antwort auf ein Gebet (1. Könige 3,5-14). Andererseits wird Weisheit auch persönlichen Erfahrungen in Zusammenhang gebracht: »Der Weg des Narren erscheint in seinen eigenen Augen recht, der Weise aber hört auf Rat.« (Sprüche 12,15) Die Bibel enthält auch direkte Handlungsanweisungen zur Erlangung von Weisheit: »Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege an und werde weise!« (Sprüche 6,6)

Der Apostel Paulus vertrat nach der Bibel die Auffassung, dass die

Welt nicht fähig ist, Klugheit und Weisheit zu erkennen: »Denn Gott hat

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gesagt: ›Ich werde vernichten die Weisheit der Weisen und verwerfen die Klugheit der Klugen.‹ Wo bleiben da die Weisen? Wo die Schriftgelehrten? Wo die Wortführer der heutigen Welt? Hat Gott nicht gerade das als Dummheit entlarvt, was diese Welt für Weisheit hält? Denn obwohl die Welt von Gottes Weisheit umgeben ist, hat sie mit ihrer Weisheit Gott nicht 8

erkannt. Und darum hat Gott beschlossen, alle zu retten, die seiner scheinbar so törichten Botschaft glauben. Die Juden wollen Wunder sehen, die Nichtjuden suchen Weisheit, aber wir, wir predigen, dass der Gekreuzigte der von Gott versprochene Retter ist. Für die Juden ist das ein Skandal, für die anderen Völker eine Dummheit, aber für die, die Gott berufen hat - Juden oder Nichtjuden - ist der gekreuzigte Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn was an Gott töricht erscheint, ist weiser als die Menschen, und was an Gott schwach erscheint, ist stärker als die Menschen.«

H ei l i g e A u g u s t i n u s ü ber W eishei t »Denn Weisheit ist letztlich nichts anderes als das Maß unseres Geistes, wodurch dieser im Gleichgewicht gehalten wird, damit er weder ins Übermaß ausschweife, noch in die Unzulänglichkeit falle. Verschwendung, Machtgier, Hochmut und ähnliches, womit ungefestigte und hilflose Menschen glauben, sich Lust und Macht verschaffen zu können, lassen ihn maßlos aufblähen. Habgier, Furcht, Trauer, Neid und anderes, was ins Unglück führt – wie die Unglücklichen selbst gestehen – engen ihn ein. Hat der Geist jedoch Weisheit gefunden, hält dann den Blick fest auf sie gerichtet… dann brauchte er weder Unmaß, noch Mangel, noch Unglück zu fürchten. Dann hat er sein Maß, nämlich die Weisheit und ist immer glücklich.«


weishei t i n B u ddhis m u s u n d H i n d u is m u s Der Buddhismus bezeichnet Weisheit mit dem Begriff Prajna, und zwar die große umfassende Weisheit, die alle Dinge und Phänomene im ganzen Universum durchdringt oder auch mit Sunyata (sanskrit) als der Erkenntnis, dass alle erscheinenden Phänomene leer von einem eigenständigen ihnen innewohnenden Sein sind. Die Realisation von Sunyata in der Wahrnehmung von Phänomenen und Selbst ist daher eine grundlegende Erfahrung bei der Erlangung der Erleuchtung.

Im Hinduismus heißen Weisheit und Wissen Vidya (sanskrit). Es

geht zuletzt auch im Yoga darum, den Dualismus aufzulösen, zunächst die Gedanken zu stoppen, im Moment zu sein, wobei die Yoga-Asanas jahrtausendealte Unterstützungen sind, die auch heutzutage sehr viele Buddhisten ergänzend praktizieren.

K o n f u z i a n is m u s Auch im Konfuzianismus und im Daoismus sowie in der chinesischen Philosophie hat die Weisheit einen großen Stellenwert. Im Konfuzianismus und in der chinesischen Philosophie ist sie, ähnlich wie die Menschlichkeit, die Ehrfurcht und die Umgangsformen, eine der Kardinaltugenden. Daher betont der Konfuzianismus die Bedeutung der Erziehung, des Lernens und der Bildung. Der Daoismus legt Wert auf ein Leben in Harmonie mit der Natur und dem Kosmos.

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W eishei t u n d W eise i n M ä r c he n u n d M y t h o s Die Weisheit begegnet in Märchen und Mythos vor allem als Archetypus der weisen alten Frau und des weisen alten Mannes. Typische klassische Fälle von weisen Frauen sind etwa Frau Holle, aber auch jene aus den 10

Märchen »Die Gänsehirtin am Brunnen«, »Die Nixe am Teich« oder des Teufels Großmutter aus »Der Teufel mit den drei goldenen Haaren«. Beispiele für diese Archetypen in der modernen Populärkultur wären etwa Galadriel oder Das Orakel, auf der männlichen Seite z.B. Gandalf der Weisse (!) oder Meister Yoda.

In manchen Kulturkreisen wird die Weisheit als eigene Göttin

oder auch als eine weibliche Seite Gottes verehrt. So kennt etwa das biblische Judentum die Chokmáh als göttliche Weisheit. Im Griechischen wird diese als Sophia übersetzt und besonders in den orthodoxen Kirchen verehrt

D ie W eishei t der V ie l e n Quelle: ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, Datum: 29.11.2009

Nach dem Schweizer Volksentscheid über das Minarettverbot steht die direkte Demokratie plötzlich im Brennpunkt. Vorher konnten sich die Befürworter von Volksentscheiden einer deutlichen Mehrheit in der Bevölkerung und dem Wohlwollen der Medien sicher sein – jetzt bläst ihnen Gegenwind ins Gesicht. Die Gegner der direkten Demokratie, ob von konservativer oder linker Seite, halten »die Masse« für zu dumm, um Entscheidungen zu treffen, sie sei von Populisten leicht zu manipulieren. Doch die Behauptung, man müsse nur genügend Geld in eine Werbekam-


pagne stecken und diese möglichst emotional und reißerisch gestalten, um einen Volksentscheid zu gewinnen, ist oft genug widerlegt worden. Ein gutes Beispiel ist die Pro-Reli-Kampagne in Berlin, die von beiden christlichen Kirchen, der CDU und der FDP mit großem Aufwand gefahren und dennoch vom Volk abgelehnt wurde. Das Volk ist keineswegs so dumm, wie es ihm die selbst ernannten Eliten unterstellen.

Tatsächlich gibt es viele Indizien dafür, dass große Gruppen, die

aus vielen unterschiedlichen Menschen bestehen, im Kollektiv klügere Entscheidungen treffen als selbst die klügsten Experten. Diese verblüffende Erkenntnis beschreibt der amerikanische Journalist James Surowiecki in seinem Buch Die Weisheit der Vielen. An zahlreichen Beispielen, von der Reaktion der Börse auf das Challenger-Unglück 1986 bis zum Publikumsjoker bei der TV-Show »Wer wird Millionär?« belegt Surowiecki, dass die »Masse« in Wirklichkeit über eine erstaunliche kollektive Intelligenz verfügt.

Surowiecki hat festgestellt: wenn viele Menschen mit möglichst

unterschiedlichem Hintergrund unabhängig voneinander über etwas entscheiden – wie das beim Volksentscheid der Fall ist – sind die Ergebnisse oft nachprüfbar besser als bei anderen Entscheidungsverfahren. Kleinere, homogene Gruppen wie Parteien oder Fraktionen, bei denen sich die Mitglieder gegenseitig beeinflussen, sind hingegen viel anfälliger für Fehlentscheidungen. Hier kann ein »Herdentrieb« einsetzen, bei dem sich alle an einen Trend hängen und sich oft wider besseres Wissen dem Gruppendruck fügen.

Ich bin davon überzeugt, dass ein parlamentarisches System

besser wird, wenn man es durch direktdemokratische Elemente ergänzt. Alle Schweizer, die ich kenne, auch die, die das Ergebnis des MinarettVolksentscheides ablehnen, würden ihre Form der Demokratie nie gegen

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ein anderes System eintauschen. Es ist kein Zufall, dass die Schweizer in ihrer Selbsteinschätzung eines der glücklichsten Völker sind. Das deutsche Misstrauen dem »Pöbel« gegenüber, nach der traumatischen Erfahrung des Nationalsozialismus verständlich, sollte in einer Zeit, in der jeder Bürger über das Internet Zugang zu allen Informationen hat, 14

einem grundsätzlichen Vertrauen in das geistige Potenzial jedes Menschen weichen. Nur so kann aus der heutigen Parteienoligarchie eine Demokratie werden, die den Namen verdient. Das ohnmächtige Gefühl, dass »die da oben sowieso machen, was sie wollen nützt nur Populisten. Aber ist das Minarettverbot nicht ein Gegenbeweis gegen die »Weisheit der Vielen«? Ist es nicht ein Eingriff in die Religionsfreiheit und ein Ausdruck dumpfen Fremdenhasses, wie von manchen Kritikern behauptet wird? Sicher leben auch in der Schweiz Menschen, die fremde Kulturen und Religionen grundsätzlich ablehnen. Doch solche bedauernswerten Geschöpfe sind zum Glück nur eine kleine Minderheit. Schließlich gibt es in der Schweiz keineswegs nur christliche Kirchen, sondern auch Hindu- und Sikh-Tempel, jüdische Synagogen und buddhistische Stupas, gegen die nie ein »fremdenfeindlicher« Volksentscheid angeregt wurde. Die erstaunlich große Mehrheit von 57,5 Prozent der abgegeben Stimmen (und das bei einer überdurchschnittlich hohen Wahlbeteiligung) ist durch Scheinargumente wie »Fremdenfeindlichkeit« oder gar »Rassismus« nicht zu erklären.

Den Ausschlag für die landesweite Mehrheit gab nach Analyse

der Schweizer Politologen Regula Stämpli und Michael Hermann die hohe Zustimmung von Frauen, die sich als Feministinnen und als links verstehen und zum Teil bei den Grünen oder der Sozialdemokratischen Partei aktiv sind. »Diese Frauen wollten ein Zeichen setzen gegen eine Kultur, die sie als autoritär, machohaft und aggressiv empfinden«,


erklärte Hermann der taz. »Sie verbinden mit dem Islam vor allem Burka, Scharia, ‚Ehrenmorde‘ und andere Formen der Unterdrückung von Frauen.« Die Behauptung, hier haben Rechtspopulisten das Schweizer Volk hinters Licht geführt, reicht also nicht aus, um den Erfolg des Volksentscheides zu erklären. Erst als linke Feministinnen wie die Autorin und Therapeutin Julia Onken dazu aufriefen, die von den rechten Parteien SVP und EDU initiierte Kampagne zu unterstützen, wurde das lange Zeit nur von einer Minderheit der Schweizer befürwortete Minarettverbot mehrheitsfähig.

Der Vorstandssprecher der religionskritischen Giordano-Bruno-

Stiftung, Michael Schmidt-Salomon, berichtet im Humanistischen Pressedienst, dass er auf seinen Vorträgen in der Schweiz zahlreiche Menschen getroffen habe, die sich für die Initiative aussprachen – obwohl sie meinten, dass ein Minarettverbot im Grunde grober Unfug sei. Doch sie wollten laut Schmidt-Salomon mit ihrem Abstimmungsverhalten ein Zeichen setzen »gegen den politischen Islam, gegen Kopftuchzwang und Ehrenmorde, gegen die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen, kurzum: gegen all die reaktionären Werte, die von einigen führenden Islamlobbyisten (und leider auch einer steigenden Anzahl von Muslimen in der Bevölkerung) tatsächlich vertreten werden und die so gar nicht mit den Leitideen einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft in Einklang zu bringen sind.« Eine berechtigte Kritik am Minarettverbot ist, dass es ohne Unterschied die Minarette aller islamischen Gemeinden verbietet. Es gibt ja bekanntlich nicht den einen Islam, sondern zahlreiche Strömungen und Schulen. Das Minarettverbot trifft auch eine liberale muslimische Gemeinde, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind und die die zahlreichen Passagen im Koran und den Hadithen, die zur Gewalt gegen Andersden-

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kende aufrufen, als historisch überholt ansieht. Solche Gemeinden brauchen gerade unsere Solidarität, denn sie werden von vielen orthodoxen Muslimen als ketzerisch angesehen. Für sie ist der Koran Wort für Wort von Gott diktiert und darf daher nicht in Frage gestellt werden. Liberale Vordenker des Islam wie z.B. Nasr Hamid Abu Zaid werden daher 16

von den Orthodoxen diffamiert und sogar mit dem Tod bedroht.

Die Muslime Europas stehen vor der Herausforderung, sich zu

den Werten der Aufklärung zu bekennen, die religiösen Aspekte des Islam von den politischen zu trennen, und sich so in die transkulturelle Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zu integrieren. Wir sollten sie dabei unterstützen! Sinnvoller als ein pauschales Verbot von Bauwerken ist es, alle religiösen Gruppierungen einer kritischen Prüfung zu unterwerfen: Stehen ihre Lehren im Einklang mit den Werten der Aufklärung? Werden dort Frauen, sexuell anders Orientierte und Andersdenkende diskriminiert und diffamiert? Wird die eigene Religion als die einzige Wahrheit betrachtet, die allen anderen überlegen ist und sich möglichst auf der ganzen Welt durchsetzen soll?

Religionsgemeinschaften, die einer solchen Prüfung nicht

standhalten, egal ob islamisch, christlich oder scientologisch, verdienen es nicht, von der Religionsfreiheit geschützt zu werden. Ihre Aktivitäten sind genauso einzuschränken wie die extremistischer politischer Gruppen. Toleranz ist in der aufgeklärten Gesellschaft ein hohes Gut, doch sie kann für die Feinde der Toleranz eben nicht gelten – was gerade wir Deutschen aus unserer Geschichte gelernt haben sollten.

Das Ergebnis des Schweizer Volksentscheides ist zwiespältig zu

beurteilen. Hier wurde zwar einem berechtigten Unbehagen Ausdruck verliehen und ein »Zeichen gesetzt«, aber keine wirkliche Lösung präsentiert. Auf die Initiative, die die Werte der Aufklärung für alle


Religionsgemeinschaften verbindlich macht, warte ich noch. Leider ist ein deutschlandweites Volksbegehren noch nicht möglich, sonst würde ich es selbst starten.

Und doch können wir den Schweizern dankbar dafür sein, dass

sie diese Diskussion ausgelöst und aus der »rechten Schmuddelecke« herausgeholt haben. Viele der islamkritischen Stimmen, die man jetzt hört, kommen interessanterweise aus dem linken und feministischen Lager – auch von Einwanderinnen aus islamischen Ländern wie z.B. Seyran Ateş und Necla Kelek, denen man ja wohl kaum Fremdenfeindlichkeit vorwerfen kann.

Obwohl ich das Minarettverbot für den falschen Weg halte, hat

mich die manchmal polemische, zum großen Teil aber erfreulich konstruktive Diskussion nach dem Schweizer Volksentscheid in meiner Überzeugung bestätigt. Ich bin jetzt erst recht dafür, die direkte Demokratie auch in Deutschland einzuführen – natürlich unter Wahrung der verfassungsmäßig garantierten Grundrechte inklusive Minderheitenschutz, der zu jeder Form der Demokratie gehört. Wenn die Bevölkerung nicht nur bei Parlamentswahlen, sondern auch bei Sachfragen entscheiden kann, werden heikle Themen nicht unter den Teppich gekehrt, sondern offen angesprochen. Ich denke, dass ein freier gesellschaftlicher Diskurs auf Dauer zu den besten Lösungen führt – auch in diesem Fall.

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»Mehrheit: eine Masse, die als Grundlage politischer Weisheit und Tugend angesehen wird. In der Politik: das, was der Politiker anbetet. ‚In der Vielheit der Ratschläge liegt Weisheit‘, sagt das Sprichwort. Wenn viele Menschen gleicher Einzelweisheit weiser werden wollen als irgendeiner von ihnen ist, so müssen sie diesen Überschuß an Weisheit durch den bloßen Akt des Zusammengehens erwerben - offenbar von nirgendwo; genausogut kann man sagen, daß eine Bergkette nicht höher sein kann als die einzelnen Berge. Eine Mehrheit ist so weise wie ihr weisestes Mitglied, wenn sie ihm gehorcht; wenn nicht, ist sie nicht weiser als ihr törichtestes Mitglied.« Ambrose Gwinnet Bierce, (1842 - 1914)

Ich liebe den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum Untergang und ein Pfeil der Sehnsucht. Friedrich Wilhelm Nietzsche, (1844 - 1900)


»Wenn ich die Tugend nicht um der Tugend selbst willen liebe und tue, so liebe und tue ich sie aus einem nicht in ihr selbst liegenden, einem fremden, also untugendhaften Grunde. Es gibt kein anderes Prinzip der Tugend, als die Tugend selbst.« Ludwig Feuerbach, (1804 - 1872)

Not und Tugend. – Der Moralist macht aus der Tugend eine Not. Der Lehrer macht aus der Tugend eine Note. Der Streber macht aus den Noten eine Tugend. Prof. Dr. phil. habil. Rainer Kohlmayer, (*1940)

Die Tugend will gebeten sein. Die Sünde kommt ganz von allein und bietet sich dir gerne feil. hingegen ist die Tugend gar nicht geil. Erhard Blanck, (*1942)

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An das Bild der Gerechtigkeit In dem Hause eines Wucherers nebst der Antwort // Gerechtigkeit! wie kĂśmmst du hier zu stehen? // Hat dich dein Hausherr schon gesehen? // ÂťWie meinst du, Fremder,


Gere c h t i g k ei t

Schwert / Waage / Adler / Gesetzbuch / Kranich | Krone / Weltkugel / Winkelmaß

D i e E t h i k P l a t o n s f a SS t G e r e c h t i g keit als Grundlage menschlichen Zusammenlebens auf. Die Gerechtigkeit bezieht sich auf B e z i e h u n g e n zw i s c h e n M e n s c h e n , i n denen es um »Rechtsansprüche und damit korrelierende Pflichten« geht. »Solidarisches Handeln können wir von den anderen e r b i t t e n o d e r e r h o ff e n , G e r e c h t i g keit dagegen voneinander verlangen.« Im Neuen Testament h e i SS t e s , d a SS C h r i s t e n , d i e v o n S ü n de befreit sind, für die Gerechtigkeit leben. Nur Gott allein aber ist gerecht. Demnach gehört derjenige zu Gott, der nicht von Sünde beherrscht wird und nach Gottes Geboten gerecht lebt. Feummodigna con volor accum venit veliquat. Se feugait, summodolor sisi.

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Gere c h t i g k ei t / B e g ri f f l i c h k ei t Der Begriff der Gerechtigkeit bezeichnet einen idealen Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von 22

Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen gibt.

Damit einher gehen bestimmte Handlungsnormen und Rechts-

normen für die entsprechende Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Als abstrakter Begriff hat der Begriff der Gerechtigkeit in Theorie und Praxis je nach sozialem Zusammenhang und darin eingenommener Perspektive unterschiedliche Ausprägungen. Er ist oftmals umstritten.

Gerechtigkeit wird weltweit als Grundnorm menschlichen

Zusammenlebens betrachtet; daher berufen sich in allen Staaten Gesetzgebung und Rechtsprechung auf sie. Sie ist in der Ethik, in der Rechtsund Sozialphilosophie sowie in der Moraltheologie ein zentrales Thema bei der Suche nach moralischen und rechtlichen Maßstäben und für die Bewertung sozialer Verhältnisse.

Nach Platons Verständnis ist Gerechtigkeit eine innere Einstel-

lung. Sie ist für ihn die herausragende Tugend (Kardinaltugend), der entsprechend jeder das tut, was seine Aufgabe ist, und die drei Seelenteile des Menschen (das Begehrende, das Muthafte und das Vernünftige) im richtigen Verhältnis zueinander stehen. Aristoteles und Thomas von Aquin betonten hingegen, dass Gerechtigkeit nicht nur eine Tugend, sondern stets in Bezug auf andere zu denken sei. Handlungen wie Wohltätigkeit, Barmherzigkeit, Dankbarkeit oder Karitas gehen über den Bereich der Gerechtigkeit hinaus.


Ges c hi c h t e der g ere c h t i g k ei t Gerechtigkeit als Prinzip einer ausgleichenden Ordnung in einer Gesellschaft findet sich in allen Kulturen und ist historisch sehr weit zurückzuverfolgen. Ursprünglich wurde Gerechtigkeit als das Einhalten von sozialen Normen und Gesetzen aufgefasst. Dabei betrachtete man die gesellschaftliche Ordnung als Naturprinzip oder als Setzung transzendenter Mächte, wie beispielsweise einer Gottheit, die als personifizierte Gerechtigkeit angesehen wurde oder der diese Eigenschaft zumindest als wesentlich zugesprochen wurde. Gerecht zu sein hieß somit, die Gebote Gottes beziehungsweise der Götter zu erfüllen.

In frühen Kulturen wurden Begriffe verwendet, die heute nur

ungenau und zu eng mit »gerecht« übersetzt werden. Sie waren religiös geprägt und beinhalteten auch Bedeutungen wie rechtschaffen oder weise, so in der ägyptischen Ma’at-Lehre oder dem alt-israelischen Begriff der Sädäq (Gemeinschaftstreue). Ähnlich weit gefasst ist auch das »Yi« (Rechtschaffenheit), eine der vier Säulen des Lunyu im Konfuzianismus, das eine Haltung fordert, die man vor sich selbst rechtfertigen kann. Gerechtigkeit wurde in diesen traditionellen Lehren vor allem als personale Gerechtigkeit, als Eigenschaft und Tugend eines Menschen innerhalb des Herrschaftsgefüges verstanden, die zur Aufrechterhaltung der vorgegebenen Ordnung beitragen sollte.

In der Philosophie der Antike finden sich die ersten systemati-

schen Betrachtungen über die Gerechtigkeit bei Platon und Aristoteles. Vor allem Aristoteles traf die Unterscheidung zwischen personaler und gesellschaftlicher Gerechtigkeit als Bürgertugend. Diese Auffassung der personalen Gerechtigkeit war bis ins Mittelalter vorherrschend. Erst mit Beginn der Neuzeit finden sich ausgearbeitete Konzepte, Gerechtigkeit

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als Vertragsbeziehung zwischen Menschen zur Lösung von Konflikten zu bestimmen, so in den Vorstellungen vom Gesellschaftsvertrag Mitte des 17. Jahrhunderts bei Thomas Hobbes oder ungefähr ein Jahrhundert später im Zeitalter der Aufklärung bei Jean-Jacques Rousseau. Recht wurde nun nicht mehr nur als Ausdruck einer göttlichen Ordnung 24

aufgefasst. Gerechtigkeit erhielt die Bedeutung einer Institution zum Ausgleich unterschiedlicher Interessen. Entsprechend wurde die Bestimmung als personale Gerechtigkeit von der Sicht einer institutionellen Gerechtigkeit, der iustitia legalis, verdrängt. Eine inhaltliche Erweiterung und Verschiebung erfuhr der Begriff der Gerechtigkeit mit der industriellen Revolution und der damit einhergehenden Pauperisierung großer Bevölkerungsteile, durch die die Soziale Frage aufgeworfen wurde. Hegel, der die »Erzeugung des Pöbels« durch die wirtschaftlichen Verhältnisse konstatierte, reflektierte die Problematik philosophisch und forderte eine Abschaffung der »Notdurft« durch die Öffentlichkeit. In der entstehenden Arbeiterbewegung konkretisierte sich dies in der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, die so bis in die Gegenwart zum Inhalt politischer Auseinandersetzungen geworden ist.

Kri t i k des Gere c h t i g k ei t sbe g ri f f s Es gibt historisch gesehen einen starken Wandel wertbezogener Postulate. Zwar wird im rechtsphilosophischen Diskurs der Begriff der Gerechtigkeit oftmals im Singular verwendet. Hiergegen wird jedoch eingewandt, dass dies nach den Erfahrungen zahlreicher System- und Verfassungswechsel eine Illusion sei. Danach ist der Inhalt des Begriffs der Gerechtigkeit in Geschichte und Gegenwart von religiösen oder


weltanschaulichen Vorverständnissen bestimmt und wechselt in hohem Maße mit dem Wandel der Kulturen und der politisch etablierten Wertvorstellungen. Wer seine Gerechtigkeit als »die« Gerechtigkeit einfordert, verkenne die Subjektivität und Relativität wertbezogener Postulate. In einer freiheitlichen Staats- und Gesellschaftsordnung existiere Gerechtigkeit nur im Plural, nämlich als Abbild der unterschiedlichen Gerechtigkeitsideale in der Gesellschaft und als Wettbewerb um mehrheitsfähige Lösungen von Gestaltungs- und Regelungsproblemen. Auf die Gefahr, dass ob der Allgegenwart der Kategorie Gerechtigkeit in allen Religionen, Philosophien und Weltanschauungen schließlich nur mehr eine Wortfassade übrig bleibt, hat Ernst Topitsch hingewiesen. Er postulierte »die Tatsache, dass bestimmte sprachliche Formeln durch die Jahrhunderte als belangvolle Einsichten oder sogar als fundamentale Prinzipien des Seins, Erkennens und Wertens anerkannt wurden und es heute noch werden – ... gerade weil und insofern sie keinen, oder keinen näher angebbaren Sach- oder Normengehalt besitzen.« Zu einer ähnlichen Einschätzung aus der Sicht des Rechtspositivismus kam auch Hans Kelsen »Die Bestimmung der absoluten Werte im allgemeinen und die Definition der Gerechtigkeit im besonderen, die auf diesem Wege erzielt werden, erweisen sich als völlig leere Formeln, durch die jede beliebige gesellschaftliche Ordnung als gerecht gerechtfertigt werden kann.« Auch für den Systemtheoretiker und Konstruktivisten Niklas Luhmann bleibt die Frage der Gerechtigkeit auf das Rechtssystem beschränkt. Für ihn kann »die Idee der Gerechtigkeit als Kontigenzformel des Rechtssystems aufgefasst werden«, weil »die Voraussetzungen eines naturrechtlichen Gerechtigkeitsbegriffs entfallen sind.«

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B edi n g u n g e n v o n Gere c h t i g k ei t Damit Gerechtigkeit als angemessener Ausgleich der in jeder historischen Gesellschaft existierenden vielfältigen Unterschiede weitgehend wirksam werden kann, ist es eine notwendige Voraussetzung, dass die vorhande26

nen Interessen und moralischen Bewertungen offen und uneingeschränkt kommuniziert werden können. Sie werden in einer offenen Diskussion erörtert und anschließend in einem politischen Prozess, der unterschiedlich gestaltet sein kann, in gültige aber veränderbare Rechtsnormen bzw. Vereinbarungen umgesetzt.

Werden die gesellschaftlichen Normen heteronom (von außen,

fremdbestimmt) zum Beispiel durch einen (diktatorischen) Herrscher oder eine Herrschafts-Elite (zum Beispiel Aristokratie) vorgegeben, sind die Menschen von den Interessen und der Macht Weniger oder Einzelner abhängig und können keinen gleichberechtigten Diskurs führen.

Zum Zweiten muss als formales Grundprinzip die Gleichheit

(Gleichberechtigung) der Menschen sichergestellt sein.

Auf dem Gleichheitsprinzip beruht auch der sogenannte

Minderheitenschutz. Durch ihn soll gewährleistet werden, dass nicht eine Mehrheit Einzelne oder Minderheiten in Hinblick auf Religion, Rasse, Geschlecht oder andere Bedingungen per Mehrheitsbeschluss dauerhaft dominiert. Gere c h t i g k ei t i n de n R e l i g i o n e n Gerechtigkeit ist in allen Religionen ein herausragender, positiv belegter Wert. Der Begriff hat vielfältige Bedeutungen, selbst innerhalb einer Religion.


Für das Judentum meint Gerechtigkeit (sädäq) sowohl die

Bundestreue Gottes als auch den Gehorsam des Menschen, den er durch seine innere Einstellung wie auch durch sein äußeres Handeln zum Ausdruck bringt. Mose wird in der Tora als Vermittler der Gesetze Gottes dargestellt: »Seht, ich lehre euch Gesetze und Rechtsvorschriften, wie mir der Herr, mein Gott, geboten hat.« Ein glaubender Jude ist aufgefordert, sein Handeln an der Gerechtigkeit auszurichten. »Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit jage nach.« Dabei ist nicht nur das Erfüllen der Gebote im Tanach, sondern eine grundsätzliche ethische Haltung gefordert: »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: nichts anderes als Gerechtigkeit tun, Freundlichkeit lieben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott.« Der hebräische Begriff sädäq ist eigentlich unübersetzbar und verbindet Gerechtigkeit, Güte und Liebe zu einer Einheit. »Sie bezeichnet all unser Wohltun, vom Almosengeben bis zur Selbsthingabe für den Nächsten als etwas, was diesem Nächsten gebührt und mit dessen Erfüllung wir nur das getan haben, was unsere Pflicht vor Gott ist. ... Eine lieblose, blinde mit verbundenen Augen agierende Gerechtigkeit wäre auf hebräisch ein Selbstwiderspruch, während zedaka, juristisch gesehen, eine Ungerechtigkeit zugunsten der Armen ist.« Im christlichen Sinne entsteht Gerechtigkeit durch die Einhaltung der Gebote Gottes. Sie schließt die Barmherzigkeit aus Liebe mit ein. Dieser menschlichen Gerechtigkeit übergeordnet ist die Gerechtigkeit Gottes, durch dessen Handeln dem Menschen Gerechtigkeit als Gnade geschenkt wird, die aber zugleich als Gericht dem sündigen Menschen gegenüber tritt. Nach Paulus im Neuen Testament ist Gottes Gerechtigkeit »offenbart aus Glauben zum Glauben« … »ohne Zutun des Gesetzes.« Alttestamentlich wird die Gerechtigkeit Gottes als ein zukünftiger Zustand der Welt gesehen. »Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein, der Ertrag der

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Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer.« Ähnlich auch Paulus: »Dann sehen die Völker deine Gerechtigkeit und alle Könige deine strahlende Pracht.« Aber er fordert auch Gerechtigkeit im praktischen diesseitigen Handeln: »Stellt eure Glieder nicht der Sünde als Waffen der Ungerechtigkeit zur Verfügung, sondern stellt euch ganz Gott zur 30

Verfügung als Menschen, die von den Toten auferweckt leben, und stellt eure Glieder als Waffen der Gerechtigkeit in den Dienst Gottes.«

Im Islam ist Gerechtigkeit ein Gebot Allahs im Rahmen der von

ihm gegebenen Weltordnung. Er selbst ist Verkörperung der Gerechtigkeit: »Allah bezeugt, in Wahrung der Gerechtigkeit, dass es keinen Gott gibt, außer ihm.« Entsprechend ist Gerechtigkeit ein grundlegender Anspruch an den Muslim. »Mein Herr hat die Gerechtigkeit geboten.« Dabei wird im Koran in einer Vielzahl von Stellen auf das konkrete menschliche Handeln abgestellt.

»Gott befiehlt euch, die anvertrauten Güter ihren Eigentümern zurückzugeben; und wenn ihr zwischen zwei Menschen richtet, nach Gerechtigkeit zu richten.« »Folgt nicht dem Gelüst, statt gerecht zu verfahren.«


»Der Hass gegen Leute soll euch gewiss nicht verleiten, dass ihr nicht gerecht verfahrt. Das ist der Gottesfurcht näher.« »Gott liebt die, die gerecht handeln.« »Wenn ihr aussagt, dann seid gerecht, selbst wenn es um Verwandte ginge.« Dabei führt auch im Islam der Glaube zu einer gerechten Haltung. »Ihr, die ihr glaubt, steht für Gott als Zeuge der Gerechtigkeit. Ebenso ist Gott der Richter, der am Tage des Gerichts über Unrecht und Recht urteilt.

In den asiatischen Weisheitslehren des Konfuzianismus,

Daoismus und Buddhismus ist die Kategorie der Gerechtigkeit (als richtiges Handeln) Bestandteil umfassenderer Tugend- und Pflichtenlehren, die vor allem auf das Individuum ausgerichtet sind, sich im Konfuzianismus aber auch auf Staat und Gesellschaft beziehen.

Ein grundlegendes Problem für alle Religionen mit der Vorstel-

lung eines allmächtigen, allgütigen, gerechten und in das Weltgeschehen eingreifenden Gottes ist angesichts des in der Welt vorhandenen Bösen, die sogenannte Theodizee: die Frage, wie die Existenz Gottes mit dem Bösen vereinbar ist.

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Gere c h t i g k ei t a l s T u g e n d Die Frage nach der Natur der Gerechtigkeit ist seit der griechischen Antike Gegenstand philosophischer Erörterungen. Frühe Erklärungen griffen dabei auf metaphysische Begründungen zurück. So wurde 32

Gerechtigkeit als eine in der Natur vorhandene Ordnung oder als göttlichen Ursprungs verstanden. Dabei wurde Gerechtigkeit zunächst nicht vorrangig an kodifiziertem Recht gemessen, sondern als Ausdruck einer persönlichen Lebenshaltung betrachtet. Sowohl Platon als auch Aristoteles sahen die Eudaimonie (gutes, gelingendes Leben; oft ungenau mit »Glück« übersetzt) als den höchsten anzustrebenden Wert an. Gerechtigkeit als Tugend und grundlegende Charaktereigenschaft galt ihnen als Voraussetzung für das Erlangen der Eudaimonie.

Für Platon ist Gerechtigkeit eine ewige, überweltliche, unverän-

derliche Idee, an der die Seele Anteil hat. Gerechtigkeit herrscht, »wenn man das Seine tut und nicht vielerlei Dinge treibt« (Politeia IV, 433a), wenn jeder Mensch und jeder Seelenteil nur das ihm Gemäße verrichtet. Daher hat der Staat dafür zu sorgen, dass jeder seine Aufgabe nach seinen Fähigkeiten wahrnimmt und sich nicht in fremde Zuständigkeiten einmischt. Die Forderung, jedem das ihm Gebührende zukommen zu lassen (Suum cuique), bejaht Platon zwar, doch lehnt er sie als Definitionsmerkmal der Gerechtigkeit nachdrücklich ab.

Die analytische Aufteilung des Gerechtigkeitsbegriffs durch

Aristoteles wird bis in die Gegenwart verwendet. Er unterscheidet zwischen der legalen (allgemeinen) Gerechtigkeit und der für die zwischenmenschlichen Beziehungen maßgeblichen besonderen Gerechtigkeit (iustitia particularis). Letztere differenzierte er in »Verteilungsgerechtigkeit« (iustitia distributiva) und »ausgleichende


Gerechtigkeit« (iustitia commutativa). Epikur löste sich von der Vorstellung des Naturrechts und betrachtete Gerechtigkeit als eine Übereinkunft zum wechselseitigen Nutzen in der menschlichen Gemeinschaft.

In der römischen Gesellschaft bildeten sich allmählich die

kodifizierten Rechtsvorschriften stärker aus. Gerechtigkeit wurde zwar immer noch mit einer persönlichen Haltung verbunden, war aber zum Beispiel bei Cicero schon stärker an der gesellschaftlichen Ordnung orientiert. So beginnt die Rechtssammlung des Kaisers Justinian , der Corpus Juris Civilis mit der Definition des Rechts aus allgemeinen Prinzipien:

»Die Vorschriften des Rechts sind diese: ehrenhaft leben, den anderen nicht verletzen, jedem das Seine gewähren.« Beginnend in der Spätantike und bis ins späte Mittelalter reichend, dominierten in der Folge christliche Vorstellungen die Debatte. Die Gerechtigkeit Gottes hatte Vorrang und daraus folgend konnte der Mensch Gerechtigkeit nur durch die Gnade Gottes erlangen.

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S k epsis / W o h l f a hr t / D is k u rs / T u g e n d Anknüpfend an Hume entstand im englischsprachigen Raum der Utilitarismus als dominierendes ethisches Prinzip, das die allgemeine Wohlfahrt (den gesamtgesellschaftlichen Nutzen) in den Mittelpunkt der 34

Werte stellte und die Gerechtigkeit auf die Ebene einer Rahmenbedingung verwies. Jeremy Bentham formulierte als Ziel »das größte Glück der größten Zahl«. Bereits John Stuart Mill relativierte diesen reinen Hedonismus durch die qualitative Bewertung von Präferenzen und die Berücksichtigung von Werten und Tugenden. In der Gerechtigkeit sah er eine vollkommene Pflicht, weil sie eingefordert werden kann. Gerade deshalb ist sie auch mit Sanktionen durchsetzbar. Der Kritik, dass in individuellen Handlungssituationen der aus der Handlung resultierende Gesamtnutzen nicht bestimmt werden könne, begegnete Henry Sidgwick mit dem Regelutilitarismus, wonach Werte und Tugenden als sekundäre Prinzipien den gesamtgesellschaftlichen Nutzen sicherstellen (siehe auch Richard Mervyn Hare). Moderne Vertreter des Utilitarismus sind J.J.C. Smart, Peter Singer oder John Harsanyi. Durch das zugrunde liegende Nutzenkonzept ergibt sich eine starke Nähe des Utilitarismus zur Wohlfahrtsökonomie und der damit eng verbundenen Entscheidungstheorie.

Die im Zuge der Aufklärung entwickelte Auffassung, dass

Gerechtigkeit nicht aus einem höheren Prinzip abzuleiten ist, führte zu einer Kritik der bürgerlich-liberalen Gerechtigkeitsauffassungen. Bereits Friedrich Nietzsche bestritt, dass überhaupt ein sinnvoller Gerechtigkeitsbegriff zu bilden ist, weil die Lebenspraxis nicht durch praktische Vernunft bestimmt ist. Für Karl Marx gehörten Recht und Gerechtigkeit zum sogenannten Überbau und waren ohne universelle Bedeutung.


Gerechtigkeit beruht vielmehr auf den jeweiligen materiellen Verhältnissen und ist zum Beispiel im Kapitalismus Ausdruck der Herrschaft einer bürgerlichen Klasse. Erst im Kommunismus, wenn allgemeiner Überfluss an materiellen und immateriellen Gütern herrsche, könne das bürgerliche Recht überwunden werden und jeder nach seinen Bedürfnissen leben und nach seinen Fähigkeiten zum gesellschaftlichen Reichtum beitragen. Walter Benjamin und Jacques Derrida verwiesen darauf, dass Gerechtigkeit eine metaphysische, dem Recht zwar immanente, aber als Kategorien nicht fassbare Größe darstellt.

Ein neuer Ansatz in der Diskussion entstand mit der Theorie der

Gerechtigkeit als Fairness von John Rawls, der eine Reihe von Grundrechten als Voraussetzung für Gerechtigkeit annahm und damit die allgemeine Prinzipien für die gerechte Gestaltung der Gesellschaft in der Fortentwicklung kantischer Vorstellungen bietet. An Rawls anknüpfend entspann sich in den letzten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts eine intensive Debatte um die Frage der Gerechtigkeit. Kritik an dem von Rawls oder Ronald Dworkin vertretenen liberalen Egalitarismus kam dabei sowohl von radikal liberalen Positionen von Robert Nozick, Friedrich Hayek oder James Buchanan, als auch vom auf die Perspektive der Gemeinschaft ausgerichteten Kommunitarismus, die insbesondere von Charles Taylor, Michael Sandel, Alasdair McIntyre und Michael Walzer vertreten wurde.

Auch die Diskurstheorie, insbesondere die Diskurstheorie des

Rechts[46] von Jürgen Habermas, liefert Ansatzpunkte, Gerechtigkeitsfragen rational zu lösen und stellt einen Versuch dar, zu ausgewogenen und damit annähernd gerechten Ergebnissen zu gelangen: innerhalb einer Gesellschaft und darüber hinaus. Einen Weg weg von der alleinigen Dominanz ökonomischer Kriterien weisen Martha Nussbaum und Amartya Sen, mit ihrem Ansatz der Entwicklungs- und Verwirklichungs-

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chancen (Capabilities), dem ein Bündel von Werthaltungen zur Beurteilung von Gerechtigkeit zugrunde liegt. Damit tragen sie den sehr unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen Rechnung und berücksichtigen vor allem die Probleme internationaler Gerechtigkeit.

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»Fiat iustitia, et pereat mundus.((lat.): ›Gerechtigkeit soll werden, sogar wenn daran die Welt unterginge.‹)« Überliefert als Wahlspruch von Ferdinand I. (1503–1564)

»Jedem das Seine geben: Das wäre die Gerechtigkeit wollen und das Chaos erreichen.« Nietzsche, Unschuld des Werdens 2, 613

»Die Gerechtigkeit enthält in sich eine unüberwindbare Spannung: Gleichheit ist ihr Wesen, Allgemeinheit ist deshalb ihre Form – und demnach wohnt ihr das Bestreben inne, dem Einzelfall und dem Einzelmenschen in ihrer Einzigartigkeit gerecht zu werden.« Gustav Radbruch, Vorschule der Rechtsphilosophie, Göttingen 1959, S. 25


»Von allen Tugenden die schwerste und seltenste ist die Gerechtigkeit. Man findet zehn Großmütige gegen einen Gerechten.« Franz Grillparzer, Aphorismen

»Gerechtigkeit ist ein menschliches Konstrukt [...]« Michael Walzer (1992), S.30

»Selbst der Gerechte wird ungerecht, wenn er selbstgerecht wird.« Rudolf Hagelstange (1912–84), dt. Schriftsteller

»Was ist Gerechtigkeit? Keine andere Frage ist so leidenschaftlich erörtert, für keine andere Frage so viel kostbares Blut, so viel bittere Tränen vergossen worden, über keine andere Frage haben die erlauchtesten Geister – von Platon bis Kant – so tief gegrübelt. Und doch ist diese Frage heute so unbeantwortet wie je. Vielleicht, weil es eine jener Fragen ist, für die die resignierte

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Weisheit gilt, daß der Mensch nie eine endgültige Antwort findet, sondern nur suchen kann, besser zu fragen.« Hans Kelsen, Was ist Gerechtigkeit?, Reclam, Stuttgart 2000, S. 9.

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»Wo keine Gerechtigkeit ist, ist keine Freiheit, und wo keine Freiheit ist, ist keine Gerechtigkeit.« Johann Gottfried Seume, Der Spaziergang nach Syrakus

»Der Mensch rächt sich, weil er ein Recht darauf zu haben glaubt. Folglich hat er die ursprüngliche Ursache gefunden, und zwar das Recht. Also ist er nach allen Seiten hin beruhigt, rächt sich infolgedessen ruhig und erfolgreich, in der Überzeugung, dass er ein ehrliches und gerechtes Werk vollbringt. Ich sehe darin aber keine Gerechtigkeit, finde auch keine Tugend dabei; wenn ich mich also jetzt rächen wollte, so geschähe das nur aus Bosheit.« Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Aufzeichnungen aus einem Kellerloch


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An das Bild der Gerechtigkeit In dem Hause eines Wucherers nebst der Antwort // Gerechtigkeit! wie kömmst du hier zu stehen? // Hat dich dein Hausherr schon gesehen? // »Wie meinst du, Fremder, diese Frage? // Er sieht und übersieht mich alle Tage.«


TA P F E R K E I T

Säule im Arm / Amboß / Löwe / Presse / Ritter / Schild / Schwert / Speer / Siegesfahne / Zepter

T a pf e r k e i t i s t e i n e G r u n d h a l t u n g . D i e s e ä u SS e r t s i c h i n d e r B e r e i t s c h a f t , f ü r h ö h e r e W e r t e G e f a h r e n u n d Op fer auf sich zu nehmen. Sie beruht auf Klugheit und Gerechtigkeit. Aus der Klugheit und der Gerechtigkeit ergeben sich die hohen Werte. Man m u SS d i e s e W e r t e e r f a h r e n h a b e n und von ihnen überzeugt sein, um t a pf e r f ü r s i e e i n z u s t e h e n . M u t stellt das Gegenteil von Angst und F u r c h t d a r . D i e T a pf e r k e i t h i n g e g e n ist ein Mut, der Angst kennt, aber überwindet. Feigheit und Tollkühnheit sind unter anderem das Gegent e i l v o n T a pf e r k e i t . M u t i s t e i n Gegenteil von Furcht, weil die Furcht der Angst nachgibt.

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t a p f er k ei t / B e g ri f f l i c h k ei t Tapferkeit (lat. fortitudo, griechisch andreia) ist die menschliche Fähigkeit, als Individuum oder als Gruppe Gleichgesinnter einer schwierigen Situation furchtlos entgegenzutreten, meist mit der Überzeugung, für 42

etwas Übergeordnetes zu kämpfen. Tapferkeit zeigt sich in dem Willen, ohne Garantie auf die eigene Unversehrtheit einen physischen oder mentalen Konflikt durchzustehen – im allgemeinen mit der Motivation, den Sieg davonzutragen, zumindest aber mit der Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang, und sei es auch nur der Ruhm.

Seit Platon zählt die Tapferkeit zu den vier Kardinaltugenden.

Die Mesotes-Lehre des altgriechischen Philosophen Aristoteles definiert Tapferkeit als Mitte zwischen »Tollkühnheit« und »Feigheit«. Im heutigen Sprachgebrauch ist Tapferkeit ein Teilaspekt von Mut.

Die Tugend der Standhaftigkeit steht in einem ähnlichen

Kontext; sie bezeichnet mehr noch als die Tapferkeit den Willen, sich in aussichtslosen Situationen zu behaupten. Anders jedoch als der Mut hat die Standhaftigkeit ihre Wurzel in der Gewohnheit, mit der ein menschliches Individuum einer Gefahr gegenübertritt.

F ü r sei n e Über z e u g u n g k ä m p f e n / R e l i g i o n Die Kardinaltugend Tapferkeit, so erklären es uns die alten griechischen Philosophen Platon (427-347 v. Chr.) und Aristoteles (384-322 v. Chr.), ist die Fähigkeit, als Einzelner oder als Gruppe einer schwierigen Situation entgegenzutreten, meist mit der Überzeugung, für etwas Übergeordnetes zu kämpfen. Tapferkeit äußert sich als Zivilcourage, das heißt im konse-


quenten, aufrechten und aktiven Vertreten einer ethisch als richtig erkannten Überzeugung, auch wenn man dafür soziale oder wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen muss.

Der christliche Theologe Thomas von Aquin (1225-1274), der es

meisterhaft verstand, die Erkenntnisse der antiken Philosophie und Ethik in die christliche Lehre einzufügen, spricht bei der christlichen Tapferkeit von der Bereitschaft des Menschen, sich für die christlichen Werte, Grundhaltungen und des sittlich als gut Erkannten einzusetzen, ungeachtet der Schwierigkeiten, die sich dadurch ergeben können.

Christliche Tapferkeit bedeutet nicht, sich vor nichts und

niemandem fürchten zu dürfen, wohl aber ist sie jene Tugend, die der Furcht nicht nachgibt, wenn es darum geht, seiner christlichen Überzeugung zu folgen. Ein Wort Jesu ist dabei das Motto christlicher Tapferkeit: »Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann« (Mt 10,28). Die herausragenden Vorbilder christlicher Tapferkeit sind die Märtyrer aller Jahrhunderte, die trotz Lebensgefahr ihren Glauben mutig bekannten und dafür zu sterben bereit waren. Falsche tapferkeit / Religion Dennoch ist Tapferkeit sehr wohl von Kühnheit und Wagemut zu unterscheiden. Diesen Unterschied machte auch schon Aristoteles, für den jede Tugend einen Mittelweg zwischen zwei Extremen darstellte. Die Tapferkeit siedelte er deshalb in der Mitte zwischen tollkühnem Draufgängertum und der Feigheit an.

Falsche Furchtlosigkeit, ungezügelte Verwegenheit, Vermessen-

heit, Ehrgeiz und Ruhmsucht stehen der Tugend Tapferkeit entgegen. Der

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Soldat, der sich tollkühn in die Schlacht wirft, um sich damit einen Tapferkeitsorden zu verdienen, handelt demnach höchstens tollkühn, aber nicht tapfer. Ebenso der Extremsportler, der mit Wagemut sämtlichen Gefahren für sein Leben und seine Gesundheit trotzt. 44

Der heilige Franz von Sales (1567-1622) bringt ein Beispiel aus

seinem eigenen Leben, an dem ebenso klar wird, dass tollkühnes Verhalten nicht mit Tapferkeit gleichzusetzen ist. Er war offiziell Fürstbischof von Genf, musste allerdings in der Stadt Annecy, etwa 70 Kilometer südlich von Genf gelegen, im Exil leben, weil die Calviner innerhalb der Stadtmauern keine Katholiken duldeten, schon gar keinen katholischen Bischof. Franz von Sales stand demnach als Fürstbischof von Genf auf der calvinischen »Watchlist« sozusagen an erster Stelle. Er war der Erzfeind Nummer 1. Eines Tages musste Franz von Sales in den Landesteil Gex reisen. Die kürzeste Route dorthin führte über die Stadt Genf, die sicherere, jedoch viel längere Strecke umkreiste die Stadt der Calviner. Wagemutig beschloss Franz von Sales, den kürzesten Weg zu nehmen, noch dazu verstellte er sich am Stadttor keineswegs, sondern behauptete offen und kühn, dass er der Fürstbischof von Genf sei und die Stadt durchqueren wolle. Weil die reine Wahrheit oft das beste Täuschungsmittel ist, ließ man ihn passieren und ungeschoren durch die Stadt reiten. Kurze Zeit später gab es in Genf ein Donnerwetter, als bekannt wurde, dass der katholische Bischof problemlos die Stadt durchqueren konnte. Franz von Sales selbst berichtete über dieses Abenteuer in einem Brief und bezeichnete seine Tat als »Kühnheit«, in der »mehr Einfalt als Klugheit« war. Er schrieb: »Als ich neulich nach Gex reiste, kam mir der Gedanke, durch Genf zu reiten …; das war für mich der kürzeste Weg. Ich tat es ohne alle Furcht, mit einer gewissen Kühnheit, in der mehr Einfalt als Klugheit war« (DASal 8,147).


Ähnlich dachte Franz von Sales später über seine kühne

Vorgehensweise als Missionar im Chablais, einem Landstrich südlich des Genfer Sees. Dort trat er als frischgebackener Priester furchtlos für den katholischen Glauben ein und entging dabei nur knapp so manchem Mordanschlag. Er war bereit das Martyrium zu erleiden, wenn es ihm damit gelänge, die Calviner des Chablais zum katholischen Glauben zurückzuführen. In einer Vision wurde ihm jedoch deutlich gemacht, dass Gott von ihm zuallererst nicht das Martyrium des Blutes, sondern das Martyrium der Liebe verlangen werde. Er solle daher nicht aus Tollkühnheit sein Leben aufs Spiel setzten, sondern tapfer Zeugnis für die Liebe Gottes ablegen, in allen Gelegenheiten, die das Leben bietet. Die tapferkeit des bürgers Tapferkeit hat also weniger mit dem Grad der Gefahr zu tun, der man sich aussetzt, sondern vielmehr mit der Überzeugung und der Wertorientierung, für die man sich einsetzen will. Es geht also um die Frage, wofür setze ich mich ein und ist dieser Einsatz auch das Risiko Wert, das ich dafür eingehe. Wenn es notwendig ist, für diese Überzeugung einzutreten und zu kämpfen, selbst wenn dies gefährlich ist, dann und nur dann handelt es sich um die Tugend der Tapferkeit. Sehr deutlich macht dies der Begriff »Zivilcourage« – »die Tapferkeit des Bürgers« –, der sich für die Werte und Rechte des Menschen einsetzt, wenn diese mit Füßen getreten werden.

Ein besonders krasser Fall von Feigheit und damit mangelnder

Zivilcourage ereignete sich im Oktober 2006 in einer Stadt in Südafrika, als ein Mann in einem öffentlichen Bus eine Frau vergewaltigen konnte, ohne dass irgendein anderer Insasse noch der Busfahrer irgendetwas dagegen unternahmen. Wegschauen, Mundhalten, Weghören – sind also

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dann, wenn Menschenrechte und Werte verletzt werden, Ausdruck von Feigheit und der Tugend der Tapferkeit völlig entgegengesetzt. Geistliche Tapferkeit Der heilige Franz von Sales kennt nun in seinen spirituellen Ausführun46

gen auch den Begriff der »geistlichen Tapferkeit«. Es ist die Tapferkeit des Alltags und des einfachen Menschen in den einfachen Situationen des menschlichen Lebens.

Die Tugend der Tapferkeit ist also nach Meinung des hl. Franz

von Sales nicht nur in gefährlichen Ausnahmesituationen eine sehr nützliche Tugend, sondern auch im ganz normalen Alltag des ganz normalen Christen. Franz von Sales verwendet zur Erklärung der »geistlichen Tapferkeit« ein sehr sprechendes Bild aus dem Tierreich. Normalerweise, so schreibt er sinngemäß, haben wir Menschen Angst vor Wölfen und Bären, nicht aber vor Mücken. Normalerweise halten wir jene Menschen für besonders tapfer, die mit Wölfen und Bären kämpfen, nicht aber jene, die sich mit Mücken herumplagen. Im geistlichen Leben jedoch ist für den Kampf gegen die Mücken genauso Tapferkeit notwendig.

In unseren Breiten besteht derzeit kaum die Gefahr, wegen des

Glaubens politisch verfolgt und zum Tod verurteilt zu werden. Der ganz normale Alltag bietet jedoch genügend kleine Herausforderungen, in der wir tapfer zu unseren Überzeugungen stehen können und auch sollen. Tapfer kann ein Christ zum Beispiel sein, wenn er zu seiner Glaubensüberzeugung steht, auch wenn er dafür ausgelacht wird. Inmitten einer Gesellschaft, die gegen die Kirche spottet, seine Überzeugung zum Ausdruck zu bringen, dass man diese Meinung nicht teilt, das ist tapfer. Inmitten des Freundeskreis, der am Sonntag etwas gemeinsam unterneh-


men will, ohne dabei einen Sonntagsgottesdienst einzuplanen, zu sagen, dass die Eucharistiefeier ein wesentliches Element des Sonntags ist und man daher nicht mitmachen könne, das ist tapfer. Oder jeden Tag neu gegen seine eigenen Schwächen und Fehler anzukämpfen, auch wenn ich weiß, dass es mich Mühe kostet und es schwer sein wird, einen Sieg zu erringen, das ist geistliche Tapferkeit. Und in diesem Kampf schöpft der Christ Kraft aus dem Glauben: »Alles kann, wer glaubt«, sagt Jesus (Mk 9,23). Die Tapferkeit des Alltäglichen Aufgrund dieser »geistlichen Tapferkeit«, die sich im ganz normalen Alltag bewährt, konnte der hl. Franz von Sales den hl. Josef als Vorbild an Tapferkeit beschreiben (vgl. DASal 2,300), obwohl dieser nie als besonders wagemutig oder furchtlos in Erscheinung trat und auch nicht das Martyrium erlitt. Die Tapferkeit des hl. Josef war die Tapferkeit des Alltäglichen. Er glaubte an Gott und daran, dass Jesus Christus der Messias ist. Er sorgte für diesen Jesus wie für sein eigenes Kind und schützte ihn wie sein eigenes Leben, auch auf die Gefahr hin, dass er sich dadurch den Spott und Hohn seiner Umgebung einhandelte.

Tapfer waren für Franz von Sales auch jene, die sich von

alltäglichen Sorgen und Nöten, dem Kummer und Leid nicht unterkriegen ließen, sondern mutig weiterlebten und die Hoffnung trotz allem nicht aufgaben. Eine junge Witwe versetzte ihn »in Staunen«, weil er »in ihrem Schmerz so viel Liebe zu ihrem verstorbenen Gatten« sah »und so viel Tapferkeit im Ertragen des Kummers über seinen Tod« (DASal 8,278). »Haben Sie nur guten Mut und feste Hoffnung«, schreibt Franz von Sales daher immer wieder in seinen Seelsorgsbriefen, »das ist alles, was Sie augenblicklich brauchen … Mit dem Geist einer ruhigen Tapferkeit aber

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werden wir mit Gottes Hilfe dieses gute Vorhaben durchführen« (DASal 7,262).

Der alltägliche Kampf mit den großen und kleinen Schwierigkei-

ten des Lebens ist also das Feld, in dem wir die Tugend der Tapferkeit üben können. Sich diesen »Mücken« tapfer entgegenstellen ist die 48

Herausforderung des Christen im ganz normalen Alltag. Dort kann er seine Tapferkeit immer zeigen und sie so weit trainieren, dass er dann, wenn es einmal wirklich drauf ankommt, weder wegschaut, noch weghört oder den Mund hält. Damit erleiden wir vielleicht nicht das Martyrium des Blutes, werden jedoch mit ziemlicher Sicherheit zu Zeuginnen und Zeugen der Liebe, die Gott ist (1 Joh 4,8).

Mer k e l ehr t » T a p f er k ei t v o r de m Fei n d « Quelle: sueddeutsch.de, Datun: 06.07.2002

Bundeskanzlerin Merkel vergibt erstmals Tapferkeitsmedaillen an Soldaten. Die Parallelen zum Eisernen Kreuz sind nicht zu übersehen und von vielen sogar gewünscht.

Ein goldenes Kreuz, dessen Balken nach außen breiter werden,

ein schwarzrotgoldenes Stoffband mit einem glänzenden Stückchen Eichenlaub darauf - und jede Menge Diskussionen. An diesem Montag verleihen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Verteidigungsminister Franz Josef Jung (beide CDU) zum ersten Mal die neue Tapferkeitsmedaille - das Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit - an vier Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren.

Damit trägt die Bundesrepublik der Entwicklung seines Militärs

Rechnung: Weg von der reinen Verteidigungsarmee und Bereitschafts-


truppe, bei der vor allem treue Pflichterfüllung honoriert wird, hin zu einer Einsatzarmee, die sich an Missionen im Ausland mit Waffengewalt beteiligt.

Doch während die einen in der Auszeichnung die längst fällige

Anerkennung für Soldaten sehen, die heldenhaft ihr Leben für Deutschland riskieren, erkennen Kritiker in der neuen Medaille etwas ganz anderes: eine Anlehnung an das berühmte Eiserne Kreuz, das vor allem durch seine Verwendung im Dritten Reich berüchtigt ist und seit 1945 nicht mehr verliehen wurde. Der neue Tapferkeitsorden hat schon rein optisch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Eisernen Kreuz - die haben allerdings sowohl das Bundesverdienstkreuz als auch die bisher gängigen Ehrenkreuze der Bundeswehr ebenfalls. Das Tatzenkreuz mit seinen nach außen breiter werdenden Balken wird sogar als Hoheitszeichen der Bundeswehr verwendet.

Die neue Medaille ist aber auch die erste Auszeichnung seit

Bestehen der Bundeswehr, die ausschließlich für besondere Taten verliehen wird - völlig unabhängig von Dienstzeit, Rang oder Art des Einsatzes. Damit hat sie tatsächlich eine wichtige Gemeinsamkeit mit dem Eisernen Kreuz, das zum ersten Mal im Jahr 1813 vom preußischen König Friedrich Willhelm III. gestiftet wurde, um »Tapferkeit vor dem Feind« zu ehren.

Was aber soll »Tapferkeit«, ein Wort, das mehr als 500 Jahre alt

ist, im 21. Jahrhundert bedeuten? Das Verteidigungsministerium hat es bisher nicht genau definiert. Bei einer Pressekonferenz nannte ein Sprecher - etwas abstrakt - »angstüberwindendes, mutiges Verhalten bei außergewöhnlicher Gefährdung für Leib und Leben mit Standfestigkeit und Geduld«.

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TYPO EXPERI FOTO


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MENT


Konkreter wurde Oberstleutnant Ulrich Kirsch, Vorsitzender des deutschen Bundeswehrverbandes:

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»Tapferkeit ist, wenn jemand ohne Furcht vor der Gefahr etwas Besonderes tut, sein Leben in die Waagschale wirft.« Ulrich Kirsch, Vorsitzender des deutschen Bundeswehrverbandes

Der Grünen-Politiker Winfried Nachtwei möchte die Tapferkeit nicht auf das Militär begrenzt sehen: »Auch von Zivilisten wie Polizisten und Entwicklungshelfern wird Tapferkeit verlangt.«

Den Soldaten ist Tapferkeit sogar gesetzlich vorgeschrieben. Seit

1956 heißt es im Soldatengesetz, Paragraph 7: »Der Soldat hat die Pflicht, (...) die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.« Um die neue Medaille zu erhalten, müsste der Einsatz »weit über das normale Maß der Tapferkeit hinaus« gehen, meinte Verteidigungsminister Jung. Medaillen für Einsatz in Kundus Wie im Fall der vier jungen Soldaten, die erstmals die Auszeichnung erhalten: Sie kämpften in Kundus in Afghanistan. Am 20. Oktober vergangenen Jahres sprengte sich ein Mann auf einem Fahrrad direkt neben ihrem gepanzerten Lastwagen in die Luft - zwei Soldaten starben. Die vier heute Geehrten kümmerten sich um Verletzte und Tote, obwohl sie selbst unter Beschuss standen.

Im Ausland kämpfende Soldaten könne man nicht mit einem

herkömmlichen goldenen Ehrenkreuz ehren - so lautete der Tenor einer Petition aus dem Jahr 2007, die den Anstoß für die Diskussion um das


neue Tapferkeitskreuz gab. 5070 Bürger haben sie unterschrieben. Die vorhandenen Auszeichnungen, heißt es darin, würden »zu freigiebig verliehen« und seien deshalb für die Ehrung besonderer Taten ungeeignet.

Neben allerlei Tätigkeitsabzeichen, Ausbildungsorden, Einsatz-

medaillen für KFOR- oder OSZE-Missionen gibt es drei Ehrenkreuze in Bronze, Silber und Gold, deren Verleihung sich nach der abgeleisteten Dienstzeit richtet. Jedes kann auch für besondere Leistungen vergeben werden. Dennoch würden sie den neuen Aufgaben der Bundeswehr nicht ausreichend Rechnung tragen, meinten die Unterzeichner: »Sie ist zu einer Armee im Einsatz geworden.« Das Eiserne Kreuz als Symbol der Hoffnung Die Petition forderte daher explizit eine Wiedereinführung des Eisernen Kreuzes. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Ernst Reinhard Beck schloss sich an: Er verkenne nicht, »dass unter diesem Zeichen Angst, Schrecken und Leid über die Völker gebracht worden sind« weise aber »auch darauf hin, dass seit gut 15 Jahren, in denen die Bundeswehr nun im Auslandseinsatz ist, dieses Eiserne Kreuz in den Krisen- und Katastrophengebieten dieser Welt zu einem Symbol der Hoffnung geworden ist«. Der Verteidigungsminister griff den Vorschlag zwar auf, hütet sich allerdings, vom Eisernen Kreuz zu sprechen - nicht einmal ein Vorbild für das neue Ehrenkreuz will er darin erkennen.

Der Vergleich zu der alten Auszeichnung ist dennoch geradezu

zementiert. Der Zentralrat der Juden in Deutschland sprach von einem »Testballon«, um zu überprüfen, wie die gesellschaftliche Resonanz für einen solchen Orden ausfalle. Es dürfe nicht an unselige Traditionen angeknüpft werden, »die während des Nationalsozialismus zum größten

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Menschheitsverbrechen geführt haben«.

Auch die SPD äußerte sich kritisch, wenn auch vorsichtiger. Der

Verteidigungspolitiker Rainer Arnold warnte vor »patriotischem Feiern des Militärs wie in den USA«. Und der Grüne Nachtwei kritisierte »schräge Symbolpolitik«: Mit Gesten wie der Verleihung von Tapferkeits54

medaillen könne die Bundesregierung nicht ihre Verantwortung ablegen, den Soldaten ihren Auftrag überzeugend darzulegen und ihnen zu erklären, warum und wofür sie in Afghanistan ihr Leben riskieren.

Vorher aber gibt Kanzlerin Merkel publikumswirksam die ersten

Medaillen aus. Es ist Krieg in Afghanistan - und Wahlkampf in Deutschland.

D ie ver g i f t e t e T u g e n d T a p f er k ei t Quelle: Taz.de, datum, 06.07.2009

Die Zustimmung der deutschen Bevölkerung zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan sinkt von Monat zu Monat. Darüber unterrichten uns die Umfragen der beiden letzten Jahre. Im Gegensatz zur politischen Führung glauben die Befragten nicht an den Erfolg der militärischen Aufstandsbekämpfung. Bis jetzt schob daher die Bundesregierung propagandistisch die zivilen Elemente des Einsatzes in den Vordergrund: Brunnen bohren, die medizinische Versorgung verbessern, Polizisten ausbilden. In dem Maße, in dem auch in der deutschen Besatzungszone Afghanistans die Kampfhandlungen zunehmen und verstärkt Opfer unter den deutschen Soldaten zu befürchten sind, muss die Regierung aufs Repertoire des Heldischen zurückgreifen.

Für das Verteidigungsministerium gilt es jetzt, ein Bedeutungs-

feld zu erschließen, das den Tod »auf dem Schlachtfeld« ideologisch


überhöht. Von den Toten soll jetzt als von den »Gefallenen« gesprochen werden, ihnen soll das Mahnmal im Bendlerblock, das ohne jede demokratische Konsultation beschlossen wurde, gewidmet werden. Auch das Vaterland ist nicht mehr fern. Denn es sind schließlich auch deutsche Sicherheitsinteressen, für die nach dem Worten des ehemaligen Verteidigungsministers Struck am Hindukusch gekämpft wird. Und für das Vaterland zu sterben ist, das wissen wir seit Horaz, dulce et decorum süß und ehrenhaft. Die Tapferkeit des Soldaten nimmt in diesem vom Soldatentod determinierten Rehabilitierungsversuch des Militärischen den zentralen Platz ein. Hierfür ist das Ehrenkreuz ein sinnfälliges Zeichen.

Der Vorläufer des Ehrenkreuzes, das »Eiserne Kreuz« als

Tapferkeitsauszeichnung, geht ursprünglich auf die antinapoleonischen Kriege Preußens zurück und sollte ohne Rücksicht auf Rang und Namen vergeben werden. Von seinem Material, dem einfachen Eisen, und von seiner Bestimmung her hatte die Stiftung dieses Kreuzes ursprünglich einen antifeudalen und gegen die Fremdherrschaft gerichteten Beigeschmack. Der aber verlor sich vollständig, als die deutschen Armeen im Ersten, dann aber vor allem im Zweiten Weltkrieg zu Instrumenten des Massenmords und der Versklavung vieler Völker wurden. Vollends im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, wo unterschiedslos »der Feind«, ob Zivilist oder Militär, niedergemacht wurde, pervertierte sich der Begriff der Tapferkeit. Tapfer hätten nach einem humanen Verständnis des Wortes nur diejenigen Soldaten gehandelt, die sich der Tötungsmaschine durch Desertion entzogen. Die aber galt bis weit nach 1945 in der Öffentlichkeit als Feigheit und Verrat.

»Militärische Tapferkeit« ist ein vergifteter Begriff, denn er

schließt die weihevolle Überhöhung des Tötens wie des Getötetwerdens

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auf dem Feld der Ehre ein. Der Einwand, das Kreuz werde doch in erster Linie für Rettungstaten unter Einsatz des eigenen Lebens verliehen, zieht nicht. Denn es wäre einfach, für solche Fälle des Einsatzes eine Rettungsmedaille zu stiften. Sie böte den Vorteil, einer Rettungstat im zivilen Bereich vergleichbar zu sein und damit den militärischen Sonderstatus 56

hinter sich zu lassen. Es ist aber gerade dieser Status, auf den es die Bundesregierung mit der Verleihung des Ehrenkreuzes abgesehen hat.

Tapferkeit im zivilen Bereich ist eine republikanische Tugend.

Sie lebt vom Mut des Einzelnen in schwierigen Situationen, wo es cleverer wäre, abzuwarten, zu schweigen oder wegzuschauen. Wir bezeichnen diese Tugend als Zivilcourage. Zivilen Mut beweist, wer dem Opfer einer Gewalttat zu Hilfe eilt, selbst wenn er oder sie allein bleibt. Zivil mutig handelt auch, wer trotz überwältigenden Konformitätsdrucks auf seinen Ansichten und Prinzipien beharrt. Zivilcourage wünscht sich Anerkennung, wer sie übt, ist allerdings in der Regel allergisch gegenüber dem Heldenstatus, gegenüber Podesten und Denkmälern. Auch hier im Unterschied zur soldatischen Tapferkeit.


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An das Bild der Gerechtigkeit In dem Hause eines Wucherers nebst der Antwort // Gerechtigkeit! wie kรถmmst du hier zu stehen? // Hat dich dein Hausherr schon gesehen?


MÄ S S I GUNG

Brille / Elefant / Fisch / Lamm im Feuer / Mischgefäße / Sanduhr / Schwert / Taube / Totenkopf

N a c h P l a t o n b e z e i c h n e t M ä SS i g u n g d i e M i t t e zw i s c h e n e i n e m Z u v i e l u n d einem Zuwenig. In der Ethik wird u n t e r M ä SS i g u n g z u m T e i l d i e B e herrschung, zum Teil die Unterdrüc k u n g v o n Aff e k t e n v e r s t a n d e n . D i e Tugend der M ä SS i g u n g e i n z u ü b e n , i s t e i n s t ä n d i g e r P r o z e SS . D e r C h r i s t w i r d dazu durch ein geistliches Leben befähigt. »Die Fähigkeit zur Einschränkung und Selbstbeschränkung gilt sowohl für die persönliche Lebensführung, ... als auch für den Umgang der Gesellschaft mit der sie umgebenden Natur.«

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m ä ss i g u n g Die Mäßigung oder die Maße, Mäßigkeit lat. temperantia) ist eine der vier Platonischen Kardinaltugenden. Die Mäßigung bezieht sich insbesondere auf die Lust. Diese wird – zumindest bei Aristoteles – durchaus positiv 60

betrachtet. Ein Zuviel an Lust wird jedoch genauso abgelehnt wie der vollständige Verzicht auf diese. Das Mitte-Halten ist hier, genau wie in Bezug auf den Mut in der Tapferkeit, das Ziel ethischen Verhaltens. So verweist das Maß direkt auf den Kern der aristotelischen Tugendethik, die Mesotes-Lehre. Eher alltagssprachlich weise: »Das Maß halten«, statt zu zerreden etc. Im Mittelalter sieht Hildegard von Bingen im rechten Maß (lateinisch: discretio) die »Mutter aller Tugenden.«

das massha l te n / re l i g i o n Man tut sich ein bisschen schwer, die Kardinaltugend »temperantia«, wie sie Lateinisch genannt wird, oder Griechisch »Sophrosyne«, ins Deutsche zu übersetzen. Teils spricht man von »Mäßigung« oder »Mäßigkeit«, teils von »Maßhalten« oder »Maßhaltung«, teils einfach nur von »Maß«. Egal, wie die Übersetzungen auch lauten mögen, bei dieser Tugend geht es darum, in allem den richtigen Mittelweg zu finden. Das Gegenteil dieser Tugend wäre also einfach gesagt die Übertreibung.

Dass das richtige Maß finden, gar nicht so einfach ist, zeigt uns

nicht nur die Erfahrung mit den Übersetzungen, sondern das Leben selbst. Der griechische Philosoph Pindar (518-446 v. Chr.) teilte eine jede Kardinaltugend einem bestimmten Lebensalter zu: dem jungen Mann die Tapferkeit, dem Erwachsenen die Gerechtigkeit, dem Greis die Weisheit,


zu allen Altersstufen jedoch rechnet er die Maßhaltung als notwendiges Ziel. Dies gilt auch für Platon (427-347 v. Chr.) und Aristoteles (384-322 v. Chr.). Für sie zählt das Maßhalten deshalb zu den Kardinaltugenden, weil sie eine notwendige Eigenschaft für alle anderen Tugenden darstellt. Jede Tugend kann durch Maßlosigkeit oder Übertreibung zur Untugend werden. Ebenso kann jede Tugend zur Bedeutungslosigkeit herabsinken, wenn man sie zuwenig beachtet. Das richtige Maß jedoch verleiht den Tugenden erst den wahren Glanz und ewigen Bestand. Grundprinzip sittlicher Bewertung Besondere Bedeutung erhält die Tugend der Mäßigung für die wesentlichen Grundstrebungen des Menschen: das Verlangen nach Speise und Trank, nach gesellschaftlicher Geltung, nach Wissen, nach Gerechtigkeit und nach Sexualität. All diese Grundsehnsüchte sind gut und richtig. Sie gehören von Natur aus zum Menschen. Es besteht jedoch die Gefahr, dass gerade diese Sehnsüchte ins Extreme umschlagen, dadurch alles Maß verlieren und zur Sucht werden. Der Mensch wird unmäßig oder maßlos. Aus den Tugenden werden Untugenden: die Gefräßigkeit, die Machtbesessenheit, die zügellose Neugierde oder übertriebene Wissbegier, der Stolz, die Prozesswut oder Rechthaberei oder die Wolllust bzw. Unzucht. Die Tugend des Maßhaltens ist notwendig, um diesen Grundsehnsüchten des Menschen die Zügel anzulegen und sie in Schranken zu weisen, damit sie nicht ins Extreme entarten, sondern die goldene Mitte, das richtige Maß finden.

In der sittlichen Ordnung der Moraltheologie (z. B. Thomas von

Aquin [1225-1274]) spricht man davon, dass das rechte Maß in den meisten Tätigkeiten des Menschen das Grundprinzip ihrer sittlichen Bewertung darstellt. Ein Zuviel oder ein Zuwenig ist im sittlich-morali-

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schen Urteil ausschlaggebend dafür, ob ein Handeln oder ein Verhalten als gut zu bezeichnen ist oder nicht. Die Mäßigung oder das Maßhalten ist daher wahrlich eine Kardinaltugend, die viele Bereiche des Menschen beeinflusst. Die Kunst, richtig zu leben, besteht darin, in allen Dingen das rechte Maß oder den goldenen Mittelweg zu finden. 62

Der heilige Kirchenlehrer Franz von Sales (1567-1622) vergleicht

die Tugend des Maßhaltens mit dem Salz, das notwendig ist, damit das Leben nicht Gefahr läuft zu verfaulen. In seiner »Philothea« schreibt er: Es gibt wohl erhabenere, aber keine notwendigere Tugend als diese. Zucker schmeckt besser als Salz, aber Salz braucht man öfter. Deshalb sollen wir diese Tugend [des Maßhaltens] immer in Bereitschaft haben, da wir sie praktisch immer brauchen.« (DASal 1,107) Daher auch sein eindeutiger Rat: »Hüten Sie sich sehr vor Übertreibung, sie ist die Pest der heiligen Frömmigkeit.« (DASal 6,370)

W as k o mmt n a c h der f i n a n z kr i ese Quelle: welt.de, Datum: 27.12.2009

Der Mann wiederholt die Frage und lacht. »Renaissance der Werte? Das Gegenteil ist der Fall: Es ist in der Krise alles noch viel schlimmer geworden.« Der 49-jährige Unternehmensberater arbeitet für einige der ersten Adressen der deutschen Wirtschaft, für Herren in den Vorstandsetagen. Als Beweis für den Sittenverfall holt er seinen Blackberry aus der Tasche und zeigt eine E-Mail. Es ist das Anschreiben des Finanzvorstands eines Industriekonzerns, der seine Freude darüber kundtut, dass der Unternehmensberater ein wichtiges Integrationsprojekt begleitet. »Es ist klasse, Sie wieder an Bord zu haben«, steht da geschrieben. Doch dann gibt es noch eine zweite Mail – und zwar vom selben Finanzvorstand an einen Vor-


standskollegen, der das Schreiben in freundschaftlicher Verbundenheit wiederum an den Berater weitergeleitet hat. Und da ist der Tonfall ein anderer: »Wie konnten Sie diesen Mann auf ein Projekt setzen? Das hätten Sie vorher absprechen müssen.«

Eine Banalität, möchte man meinen. Doch steht sie möglicherwei-

se für einen Trend: Die Sitten werden rauer, noch rauer, als sie schon vor der Krise waren: »Wir sind in diesem Jahr mehrfach von Kunden offensichtlich belogen worden«, sagt der Deutschland-Chef einer ausländischen Investmentbank, der ebenfalls anonym bleiben will. »Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass man den Respekt vor Bankern verloren hat. Vielleicht aber stehen die Manager auch nur mit dem Rücken zur Wand und wollen sich Werte nicht mehr leisten.«

In der Öffentlichkeit entsteht ein anderer Eindruck: Werte sind

wieder en vogue. Seit der Lehman-Insolvenz im September 2008 sind zahlreiche einschlägige Bücher auf den Markt gekommen. »Das Kapital« etwa, in dem Erzbischof Reinhard Marx für einen ethischen Kapitalismus plädiert. Oder ein Buch, in dem Stephen Green sich auf 256 Seiten über Banken, Geld und Moral auslässt. Green ist Verwaltungsratsvorsitzender der globalen Großbank HSBC –?und nebenher Laienprediger. Und die Wertekommission in Bonn, eine Initiative engagierter Manager, erfreut sich seit Ausbruch der Finanzkrise eines besonders großen Zulaufs.

Die vergangenen zehn Jahre haben das Pendel weit ausschwingen

lassen, was Ethik und Moral in der Wirtschaft angeht. Am Anfang stand die New-Economy-Blase. Symptome dieser Krise waren die Insolvenzen von Konzernen wie Enron und Worldcom in den USA oder der Absturz von EM.TV in Deutschland. Stets schien es, als hätten einige wenige skrupellose Geschäftsleute sich auf Kosten von Anlegern und Arbeitnehmern bereichert. Kaum jemand aber stellte in der Krise Nummer eins der Nullerjahre

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ernsthaft die Marktwirtschaft an sich infrage.

Das ist jetzt, in Krise zwei, anders. Das Debakel der Finanzbran-

che gilt als Symptom eines kollektiven Sittenverfalls, der sich vor allem an den Banken festmacht. Enormen Gewinnen in der zweiten Hälfte der ablaufenden Dekade stehen noch größere Verluste an deren Ende gegenüber, die vom Steuerzahler bezahlt werden müssen. 66

Alle sind sich einig: Das darf nie wieder geschehen. Die vier

Grund- oder Kardinaltugenden, die einst Platon als Definition des guten Seins identifizierte, sind aktueller denn je: Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Vier Tugenden, die – wenn gelebt in der Wirtschaftswelt – eine Wiederholung der Exzesse unmöglich machen sollten. Und so spricht viel dafür, dass die Wertedebatte das neue Jahrzehnt prägen wird.

Die Ansatz- und Streitpunkte dafür sind vielfältig. Wer ist für die

Werte zuständig? Ist es der Staat oder die Wirtschaft? Sind es die Unternehmen oder doch jeder Einzelne? Hat Erzbischof Marx recht, wenn er den Kapitalismus »als Ethikfresser« bezeichnet? Oder doch der Dalai Lama, der davor warnt, vom Staat viel zu erwarten?

Einig sind sich Marx und das geistliche Oberhaupt der Tibeter

darin, dass die Marktwirtschaft trotz aller Schwächen das überlegene System ist. Es gibt schließlich keine theoretische Begründung und erst recht kein praktisches Beispiel, warum sich Menschen im Sozialismus oder Kommunismus tugendhafter verhalten sollten als im Kapitalismus. Im Gegenteil: Dem Sozialismus fehlt das disziplinierende Korrektiv des Marktes, der den individuellen Egoismus in kollektive Wohlfahrt ummünzen kann; sein Erfolg ist einzig davon abhängig, dass alle Menschen altruistisch handeln – eine Grundannahme, die sich seit jeher als grundfalsch erwiesen hat.


Schwieriger wird es, wenn es um das Verhältnis zwischen dem

Staat, den Unternehmen und den Menschen in der Marktwirtschaft geht. Wie viel Tugend lässt sich staatlich verordnen? Selbst Topmanager machen keinen Hehl daraus, dass man sie nicht einfach walten lassen sollte. »Es ist ein bisschen wie bei der Tour de France«, sagt der Vorstand einer Großbank. »Es geht in der Wirtschaft um Höchstleistung, es geht um Menschen, die auf viel verzichtet haben, um dahin zu kommen, wo sie sind. Dann will man nicht der Trottel sein, der Anstand und Moral verfolgt, während alle anderen pfuschen.« Personalberater Christoph Zeiss, der sich seit vielen Jahren für Unternehmen mit dem Wertethema befasst, gibt deshalb dem Staat eine gewichtige Rolle: »Mit den Werten ist es so wie mit dem Klimaschutz: Ohne den Anstoß und Kontrolle von oben wird es immer wieder Ausreißer geben. Ohne den Staat geht es also nicht.« Es lohnt sich nicht Vertrauen ist eine flüchtige Sache, wie flüchtig, das lässt sich gerade beobachten, von Y bis Z, von Ypsilanti bis Zumwinkel. Jedes Ereignis für sich genommen, lässt Zyniker abwinken: Aus halb lässiger Distanz betrachtet, mögen die Vorgänge um die Sozialdemokratie in Wiesbaden und die Geheimkonten auf einer Bank in Liechtenstein gleichermaßen unerheblich wie gewöhnlich erscheinen. Wahl- oder Steuerbetrug, das kommt in den besten Kreisen vor. Doch so wenig die Angelegenheiten des zurückgetretenen Post-Chefs Zumwinkel eine Wirtschaftsaffäre sind, so wenig markieren die Nöte der SPD-Vorsitzenden in Hessen und im Bund eine Parteienaffäre. Zu besichtigen ist ein einfacheres und gleichzeitig

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umfassenderes Phänomen, eine Krise des Vertrauens. Und die Frage dieser Krise lautet: Auf wen kann man sich noch verlassen?

Lange war die Antwort der Deutschen einfach, in wen sie ihr

Vertrauen setzen: Noch vor Fahne oder Parlament, Armee oder Regierung kam die soziale Marktwirtschaft. So gesehen ist der deutsche Linksruck 68

dieser Monate wahrscheinlich ein Fall enttäuschter Liebe – der Liebe zum Kapitalismus bundesdeutscher Zähmung. Viele haben im Vertrauen auf das Wohlstandsversprechen alles gegeben und wenig bekommen. In einem bemerkenswerten Kraftakt haben die Unternehmen sich gemeinsam mit ihren Arbeitnehmern aus der größten Wirtschaftskrise der Bundesrepublik herausgearbeitet. Die Arbeitszeiten wurden länger, ohne dass die Löhne mitstiegen, die Mitarbeiter zeigten sich so flexibel wie nie, arbeiteten je nach Saison und Marktlage mal 30 und mal 50 Stunden.

Die Deutschen tun also en gros genau das, was die ganze Welt

von ihnen fordert: Sie strengen sich richtig an. Und sie haben auch ein kleines Wirtschaftswunder geschaffen. Unter Opfern haben sie es hinbekommen, dass Gesamtdeutschland im Vergleich zu allen anderen Industrieländern wettbewerbsfähiger wurde und den Titel des Exportweltmeisters Jahr um Jahr neu errang.

Und doch, und doch: Anders als vor 50 Jahren, als die Deutschen

sich erstmals zu einem wirtschaftlichen Kraftakt aufschwangen, löst die Marktwirtschaft ihr Versprechen dieses Mal nicht ein. Selbst in den vergangenen zwei Wachstumsjahren haben die Arbeitnehmer kräftig an Kaufkraft verloren. Gleichzeitig ist die Bezahlung der Topmanager in den Großkonzernen ein weiteres Mal zweistellig gewachsen.

Wenn nun das Vertrauen schwindet, dann nicht weil die

Ungleichheit wächst. Die meisten Bürger sehen durchaus ein, dass sich eine Volkswirtschaft unter dem Druck der Globalisierung ausdifferenzie-


ren muss, um erfolgreich zu sein. Doch gerade dann erwarten sie, dass sich Anstrengung für jeden lohnt und nicht bloß für die da oben und ein paar Glückspilze von nebenan.

Die aktuelle Krise des Vertrauens gründet auf mindestens drei

verratenen Tugenden: Mäßigung, Wahrhaftigkeit und Courage. Die Maßlosigkeit, nicht die Ungleichheit ist dabei in besonderem Umfang der Beitrag der Wirtschaft. Mäßigung Worauf können sich die Deutschen noch verlassen? Auf Leistung, war die Antwort, die Gerhard Schröder als Kanzler verkörperte, der sich aus der Armut hochgearbeitet hatte. Auf dieser Antwort fußten auch die HartzReformen: Je mehr der Staat die Bürger zur Leistung drängt, desto mehr muss sie sich auszahlen. Doch genau dafür sorgt weder die deutsche Wirtschaft, deren Führungsfiguren zum Großteil aus der oberen Bürgerschicht kommen und sich seilschaftartig gegenseitig oben halten. Noch sorgt dafür die Politik, die lange der Illusion anhing, Deutschland sei ein faires Land – so lange, bis eine Pisa-Studie nach der anderen das Gegenteil bewies.

No way out – dieses Gefühl lässt das Vertrauen, diesen Kitt der

Marktwirtschaft und der freien Gesellschaft, schwinden. Längst haben Sozialforscher den Wert dieser so schwer fassbaren Größe erkannt. Je mehr die Bürger einander und den Institutionen vertrauen, desto leichter arbeiten sie in der Wirtschaft zusammen, desto weniger Steuern hinterziehen sie, desto eher sind sie bereit, den Regierenden eine Zeit lang zu folgen. Wenn das Wirtschaftsvertrauen dem Fatalismus weicht, verletzt das oft auch den Glauben an die Demokratie. Insofern kämpft die Politik mit Geistern, die sie nur zum Teil mit allzu großer Willfährigkeit gegen-

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über Industrielobbys oder anderen Einzelinteressen selber rief. Doch wenn dann, wie nun in Hessen, der Wille zur Macht alle Ehrlichkeit begräbt, sehen die Bürger das sofort als Beweis für ihre These: Jeder greift sich, was er kann. 70

Und in den vergangenen Jahren wurde gerade die Maßlosigkeit

von solchen Managern offenbar, die sich zur sozialen Marktwirtschaft auf deutsche Art bekannt hatten. Heinrich v. Pierer beschwor den Standort D und unterhielt beste Beziehungen zur nationalen Politik. Gleichzeitig ließ er es zu, dass in dem von ihm geführten Siemens-Konzern Korruption im Weltmaßstab betrieben wurde – oder er merkte nichts davon, was kaum weniger sträflich wäre. Post-Chef Zumwinkel wiederum gab sich wie ein Familienunternehmer und konnte mit der Politik so gut, dass er einen für die Konkurrenz überhöhten Mindestlohn durchsetzte. Das Ende ist bekannt. Noch mal anders liegt der Skandal um Jürgen Schrempp. Er verheiratete Daimler mit Chrysler, steigerte sein Gehalt erheblich – und erfand dann immer neue Entschuldigungen für das Scheitern der Firmenehe. Doch nachdem Schrempp gehen musste, wurde er durch seine Aktienoptionen erneut um viele Millionen Euro reicher. Leistung muss sich lohnen – dass Nichtleistung sich auch lohnt, markiert das Ende der Glaubwürdigkeit und den Gipfel der Maßlosigkeit.

Dass die Wirtschaft der Rendite verpflichtet ist und nicht der

Nächstenliebe, akzeptieren wohl die meisten Deutschen. Trotzdem, die Spielräume der Manager, das Richtige zu tun, sind größer, als ihnen oft selbst bewusst ist. Richtig verstanden, ist das Geschäft mit der Verantwortung nichts anderes als eine langfristige Investition. Dass viele Führungskräfte es nur als Mode betreiben, macht wenig Hoffnung. Dabei haben viele von ihnen durchaus die Möglichkeit, ihren Zeithorizont zu wählen. Vielfach erweist es sich als Mär, dass der Kapitalmarkt sie


zwinge, auf Kosten von Jobs und Motivation den Vierteljahresgewinn hochzupeitschen. Wenn sie den Mut aufbrächten, könnten sie den Unternehmenswert auch auf längere Sicht durch Innovation und Wachstum steigern.

Im Alleingang der mangelnden Mäßigung Herr zu werden

übersteigt freilich die Selbstbeherrschung der Marktwirtschaft. Dafür bedarf es einer starken Politik – doch was, wenn die Politiker mit ihrer eigenen Glaubwürdigkeit mehr als genug beschäftigt sind? Wahrhaftigkeit Auf wen kann man sich noch verlassen? Oder stellt man sich auch als kleiner Wähler besser gleich auf den Rat von Niccolo Machiavelli an die Großen ein: »Ein kluger Fürst darf … sein Versprechen nie halten, wenn es ihm schädlich ist, oder die Umstände, unter denen er es gegeben hat, sich verändert haben«? Nun haben sich seither die Umstände tatsächlich fundamental verändert – vor allem die Umstände, unter denen regiert wird. Wir haben es nicht mehr mit selbstherrlichen Fürsten zu tun, die durch Raub zu ihrem Besitz kamen – und die einander wie Raubtiere belauern mussten. Wir leben vielmehr in Verfassungsstaaten mit Politikern, die wir selber auf Versprechen und Zeit gewählt haben. Was aber, wenn der Wahlvertrag grob verletzt wird – wie versprochen, so gebrochen?

Der Zettelkasten ist voll mit berühmt-berüchtigten Zitaten von

Politikern, die sich von Aussprüchen, Ansprüchen und Versprechen freizeichnen wollten. Zum Beispiel Winston Churchill: »Im Lauf meines Lebens musste ich oft meine eigenen Worte aufessen, und ich muss zugeben, dass ich das immer für eine gesunde Diät hielt.« In der Tat besteht die Politik nicht aus der bürokratischen, ja stumpfsinnigen

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Wiederholung der immergleichen Routine. Sie verlangt vielmehr ein ständiges Eingehen auf unvorhersehbare Situationen. Sollen Politiker durch alte Versprechen daran gehindert werden, neuen Lagen gerecht zu werden? Oder müssen wir Zuflucht nehmen zu einer Art demokratischer Machiavelli, etwa zu Gustav Radbruch, dem angesehenen sozialdemokra72

tischen Justizpolitiker der Weimarer Zeit, der einmal formulierte: »Die Zahl der Anhänger, nicht der sachliche Gehalt einer politischen Auffassung entscheidet über die Führung im Staat, weil keine politische Auffassung beweisbar, keine widerlegbar ist«? Über den »wandlungsfähigen Politiker« Gustav Stresemann sagte Radbruch einmal: »Dem demokratischen Politiker ist es verboten, sich eines Besseren zu belehren. Lebenslang werden ihm frühere Aussprüche bei passender Gelegenheit höhnisch vorgehalten. Die Anpassung an die Einmaligkeit der Situation wird dadurch dem einzelnen und den Parteien bei uns schwerer gemacht als irgendwo sonst auf der Welt.«

Nun ist Kurt Beck kein Gustav Stresemann, und Gustav Rad-

bruchs eingestandener »Relativismus« passte gewiss besser in die vom ideologischen Bürgerkrieg bedrohte und zerrissene Weimarer Republik als in unsere ideologisch abgekühlte, entgeisterte Gegenwart, in der die meisten Katzen, Politiker und Parteien schon ziemlich grau sind. Was also gilt in der Politik? Dass ein eklatanter Wortbruch trotz aller vermeintlichen Abgebrühtheit der Wähler und Politiker eben nicht einfach hingenommen wird, das zeigen glücklicherweise die Turbulenzen um den SPD-Vorsitzenden Beck und seine Ministrantin Andrea Ypsilanti. Wo aber verlaufen die Grenzen zwischen dem »dummen Geschwätz« und dem »heiligen Versprechen« von gestern?

Wenn eine legitimierte Politik sich nicht erfolgreich umsetzen

lässt, ist dies kein Wortbruch, sondern eine Mischung aus Pech und


Pannen. Gerhard Schröder verkündete, falls es seiner Regierung nicht gelinge, die Arbeitslosigkeit deutlich zu senken, habe sie die Wiederwahl nicht verdient. Dies war kein Versprechen, sondern eine Zielvorgabe, an der er sich messen lassen wollte. Doch selbst wenn er ausdrücklich versprochen hätte, die Arbeitslosigkeit um eine bestimmte Quote zu senken, hätte jedermann erkannt, dass dieses »Versprechen« außerhalb der persönlichen Reichweite des Politikers liegt. Wer den Mund zu voll nimmt, den wird man allenfalls wegen Großsprecherei verurteilen, nicht aber wegen eines Wortbruchs.

Damit ist indes auch die Grenze zum moralisch scharf zu

verurteilenden Vertrauensbruch schon gezogen: Wenn ein Politiker ein Versprechen nicht einhalten will, obwohl er es durchaus einhalten kann, verliert er jede Vertrauenswürdigkeit – besonders dann, wenn ihm just dieses Versprechen das Vertrauen und die Stimme des Wählers eingebracht hatte. Kurt Beck und Andrea Ypsilanti hätten ihr Wahlversprechen (Nichts Gemeinsames mit der Linkspartei!) jederzeit einlösen können (und müssen). Es fehlte nicht am Vermögen, sondern einfach am Willen. Und selbst wenn man Kurt Beck zugutehalten wollte, er habe am hessischen Wahlergebnis erkannt, dass er die Linkspartei nicht aus den westdeutschen Landtagen fernhalten kann, so ändert dies nichts am Befund. Es mag ja sein, dass er sich daraufhin eine neue Strategie im Umgang mit der Linkspartei hat ausdenken wollen. Dies kann aber nur im Blick auf künftige Wahlen (und im vorherigen offenen Umgang mit den Wählern) geschehen, nicht hinterrücks: erst mit einem Versprechen – und mit dem Verweis auf die eigene Vertrauenswürdigkeit – Stimmen gewinnen, dann aber mit diesen Stimmen im Sack das Vertrauen missbrauchen.

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Courage Bleibt der aufrechte Einzelne, bleibt der Mut, auf das eigene Gewissen zu hören. Was aber ist eine Gewissensfrage? Im Grunde – alles. Jedenfalls dann, wenn man darunter zunächst versteht, dass ein Politiker gewissenhaft handeln soll; und das muss er bei jeder Entscheidung. Wenn das 74

Grundgesetz im Artikel 38 – trotz der bekannten und in Grenzen anerkannten Fraktionsdisziplin, ja trotz des berüchtigten »Fraktionszwanges« – sagt, der Abgeordnete sei nur seinem Gewissen verantwortlich, heißt dies keinesfalls, dass er nur in ganz besonders bedrückenden Fragen seinem Gewissen folgen darf. Sondern es heißt: Er darf schlechterdings keine Entscheidung ganz an andere abtreten. Er muss also gewissenhaft prüfen, ob er sich der Fraktionsdisziplin anschließt – und er muss genauso gewissenhaft prüfen, ob er sich der Fraktionsdisziplin verweigern darf, denn auch die »kollektive Handlungsfähigkeit« politischer Gruppen ist in der Demokratie ein wichtiges Gut. Noch wichtiger aber ist: Allein der Abgeordnete hat am Ende zu entscheiden!

Die Gewissensfreiheit und -bindung des Abgeordneten heißt

nicht: Sein Gewissen ist unfehlbar. Die Würde einer Gewissensentscheidung liegt nicht darin, dass sie objektiv richtig ist, sondern vielmehr darin, dass sie ganz persönlich getroffen wurde. Nur solche Politiker können wir wirklich gebrauchen – und nur solche Abgeordnete verlangt das Grundgesetz wider alle praktische Enttäuschung: Menschen, die autonom und authentisch entscheiden – selbst dann, wenn sie sich einer Disziplin unterziehen. Wenn jemand von »Kollektivschuld« reden wollte, würden wir sofort sagen: Schuld ist ausschließlich individuell. Dasselbe gilt aber auch für die Verantwortung: Es gibt keine Kollektivverantwortung, sondern nur eine persönliche Verantwortung – und die gibt es nur, wo persönliche Entscheidungen getroffen werden. Parteien, welche die


persönliche Entscheidung eines Abgeordneten pressen, knechten oder mit dem Entzug des Mandats bestrafen wollten, wären auf dem Weg in die Kaderpartei und in den Kadavergehorsam. Im Übrigen hätte es jeder menschlichen Intuition widersprochen, wenn zwar sowohl Andrea Ypsilanti als auch Dagmar Metzger das Vertrauen der hessischen Wähler mit einer umfassenden Absage an die Linkspartei gewonnen haben – nun aber Frau Ypsilanti ihr Wort brechen und ihr Mandat behalten dürfte, Frau Metzger jedoch weichen müsste, obwohl sie das Vertrauen der Wähler wahrt.

Wem kann man also heute noch vertrauen? Ein paar Anhalts-

punkte bieten die Erfahrungen der letzten Wochen. Vertrauen ist nicht eine Frage von Institutionen, ja nicht einmal von Menschen allein. Vertrauen entsteht, wo maßgehalten, Wahrhaftigkeit bewiesen und Courage gezeigt wird. Wem das zu lau klingt – man kann es auch schärfer sagen: Um Vertrauen muss man kämpfen, und manchmal lässt sich der Kampf sogar gewinnen.

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D I E V I E R t he o l o g is c he n t u g e n de n :

Glaube / Fides

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Liebe / Caritas

Spes / Hoffnung


S E I T E KA P I T E L

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Glaube / Begrifflichkeit

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G l a u b e u n d Ve r n u n f t

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Glaube im Christentum

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G l a u b e i m Ne u e n Te s t a m e n t

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G l a u b e i m A l t e n Te s t a m e n t

0 92

Na t u r w i s s e n s c h a f t l i c h e A n s 채 t z e

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liebe / Begrifflichkeit

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Liebe als intersubjektive Anerkennung

097

Klassifizierungen

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My t h o l o g i e u n d T h e o l o g i e

099

B i o l o g i e u n d P hy s i o l o g i e

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Psychologie und Psychiatrie

104

Soziologie

110

Hoffnung / Begrifflichkeit

110

Hoffnung in der Philosophie

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Hoffnung im christlichen glauben

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Sed doloreet, sequis alis augiat, si. Duisi eum at. Ut dolore tisis nulland ionummo dolorpero do commod eugiamcon ulput wiscidunt praestrud


G l a u be

fides

Buch // Gesetzestafeln // Kreuz // Geisttaube // Gnadenstrahl // brennendes Herz // Kelch // brennende Kerze // Lamm // Leuchter // Manna // Matronenschleier // Sieb

Aufgrund des häufigen Auftretens des Wortes »Glaube« im Neuen Testament wird ihm dort eine Schlüsselrolle zugesprochen. dort ist Glaube »die umfassende und grundlegende Antwort des Menschen auf das Heilshandeln Gottes in Jesus C h r i s t u s , d a s i h n e n d u r c h d a s Ev a n gelium mitgeteilt wird« . Luther v e r t r i t t d i e A u ff a s s u n g , d a SS G l a u be die Einwohnung Christi bedeutet. Daraus folgt die »Vergottung« des glaubenden Menschen. Die Reformatoren verstehen Glauben demnach als »Gemeinschaft mit Christus«.

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G l a u be / B e g ri f f l i c h k ei t Das deutsche Wort »Glaube« wird verwendet als Übersetzung des griechischen Substantivs »pistis« mit der Grundbedeutung »Treue, Vertrauen«. Das zugehörige Verb lautet »pisteuein« (treu sein, vertrauen). 80

Ursprünglich gemeint war also nicht das unbestimmte »ich weiß nicht«, sondern im Gegenteil: »ich verlasse mich auf, ich binde meine Existenz an, ich bin treu zu«. Es geht also zentral nicht um einen Gegenpol zum Wissen - für Glaube in diesem, dem Wissen entgegengesetzten Sinn steht im Griechischen das Wort »doxa« -, sondern um Vertrauen und Gehorsam.

Das lateinische Wort credere (vgl. Credo) »cor dare« zu deutsch

das Herz geben/schenken - ist direkt verwandt mit der altindischen Wurzel sraddha- »glauben« und ist eine sehr alte (indogermanische) Verbalkomposition. Die Bestandteile bedeuten: »Herz« und »setzen, stellen, legen«, zusammen also etwa: »sein Herz (auf etwas) setzen«. Das unbestimmte »ich weiß nicht« entspricht hingegen dem lateinischen Wort putare (glauben, dass).

Im Hebräischen wird meist die Vokabel »aman« verwendet: Sich

an etwas festmachen. Die Vokabel »aman« mit der Schreibung »AlephMem-Nun« wird nur in der Stammesmodifikation des Hif‘il (Aussprache »hä‘ämin«) mit dem Wort »glauben« übersetzt. Diese Stammesmodifikation drückt im allgemeinen einen kausativen Aspekt der Grundbedeutung aus. Die Grundbedeutung der Buchstabenfolge (Wurzel) »Aleph-Mem-Nun«, die auch im ursprünglich hebräischen Wort Amen erscheint, ist »fest« oder »unerschütterlich«, die Bedeutung im Hif‘il ist also »jemanden fest sein lassen«.

Der Begriff wandelt sich in seiner Bedeutung innerhalb der Bibel.


Eine mögliche Definition nimmt der Apostel Paulus vor: »Es ist aber Glaube Grundlage des Erhofften, ein Überführtsein von nicht schaubaren Dingen.« (Brief an die Hebräer, Kapitel 11, Vers 1)

G l a u be u n d V er n u n f t „Glaube und Vernunft“ ist oftmals ein Obertitel für die Frage, ob und wie man den Glauben vernünftig rechtfertigen kann. Gibt es vernünftige Gründe, an Gott zu glauben? Wie sind religiöse Glaubenssätze, wie ist religiöser Glaube überhaupt zu analysieren? In welchem Rahmen sind solche Fragen überhaupt zu klären? Diese Fragen werden in philosophischen Teildisziplinen (heute meist in der Religionsphilosophie, früher und teils immer noch in der sog. Natürlichen Theologie) behandelt, in teils stärker glaubenswissenschaftlich bestimmtem Rahmen auch in der theologischen Disziplin der Fundamentaltheologie.

Seit dem Mittelalter hat man versucht, allein mit den Mitteln der

Vernunft zu beweisen, dass Gott existiere (Gottesbeweise). Das ist jedoch nicht in anerkannter Weise gelungen, und es wird angenommen, dass dies unmöglich ist. Indirekter wird oft argumentiert, dass der Glaube verstärkt oder ausschließlich zu einem moralischen und konfliktlösenden Handeln führe bzw. befähigen könne. Derartige funktionale Argumentationen sind in ihrer Plausibilität und ihrer Aussagekraft für den Wahrheitswert religiösen Glaubens umstritten. Insbesondere aufgrund der historischen Erfahrungen, wie etwa den Kreuzzügen oder dem Dschihad, ist die Frage umstritten, ob Religionen überhaupt in der Lage sind, eine allgemein akzeptable Moral zu begründen, sofern sie einen absoluten Wahrheitsanspruch vertreten. In diesem Punkt erklärt (zur

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Verfassungszeit noch als J. Ratzinger) Benedikt XVI. in seiner Einführung in das Christentum – ähnlich wie vor ihm u.a. Friedrich Schleiermacher –, dass sich religiöser Glaube und naturwissenschaftliches Denken auf zwei verschiedenen Ebenen befänden. Glaube gehöre zum Bereich der Grundentscheidungen, zu denen jeder in irgendeiner Form Stellung 82

beziehen müsse, ohne darüber letzte Gewissheit zu haben. Wenn der Mensch sein Denken aber nur auf Materielles und experimentell Beweisbares reduziert, verarme er, er verschließe sich den großen Fragen über das Leben, sich selbst und Gott.

Für Immanuel Kant führt der Versuch, die Existenz Gottes aus

der reinen Vernunft zu beweisen, zu unauflöslichen Antinomien. Gott ist aber wichtig als Postulat der praktischen Vernunft. Hin und wieder wird dies so verstanden: Gott sei nur noch nötig, um Belohnung für ethisch richtiges Handeln zu garantieren. Durch die Zweckorientierung des Glaubens gehe Kant grundsätzlich von einer atheistischen Position aus, da im Gegensatz hierzu der rein suggestionsbasierte Glauben eines Zwecks gar nicht bedürfe. Die Interpretation dieses Theoriestücks ist umstritten.

Aus atheistischer Sicht wird Glaube meist als unplausibel bis

irrational kritisiert bzw. abgelehnt. Glaubensinhalte seien weder empirisch belegbar noch ihre Wahrheit sonstwie erweisbar, sondern etwa aus unzureichendem Wissen oder Einbildungen entstanden. (vgl. Atheismus und Religionskritik). Darüber hinaus befinden sich Anhänger verschiedener religiöser Glaubensrichtungen wechselseitig in einem spannungsvollen Verhältnis. Für viele scheint die Wahrheit einer bestimmten Glaubensüberzeugung die Falschheit abweichender Glaubensvorstellungen zu implizieren. Dadurch entstanden und entstehen auch heute noch interreligiös begründete Konflikte (vgl. Absolutheitsanspruch, Religions-


krieg und Heiliger Krieg).

Zur Abgrenzung zwischen Glaube und Wahn ist festzustellen,

dass Wahn sich inhaltlich auf innerweltliche, also zumindest prinzipiell sinnlich wahrnehmbare, und damit überprüfbare Gegebenheiten bezieht. Religiöser Glaube hat transzendente Sachverhalte zum Objekt und ist damit grundsätzlich nicht falsifizierbar. In Einzelfällen kann die Unterscheidung schwierig sein, insbesondere bei religiösem Wahn. Es muss dann untersucht werden, ob neben dem fraglichen Wahn andere Symptome einer psychischen Störung vorliegen. Nach Mk 3,21 EU wurde auch Jesus von seinen Verwandten unterstellt, er sei „von Sinnen“. Sigmund Freud, der religiösen Glauben erstmals aus psychologischer Perspektive untersuchte, betrachtete diesen als eine Form psychischer Krankheit nach dem Muster der Kindheitsneurose.

Nach dem Kritischen Rationalismus liegt der klassischen

Darstellung der Problematik ein Denkfehler zugrunde, denn Vernunft dient nach dem Kritischen Rationalismus nicht dem Beweis oder der positiven Begründung oder Rechtfertigung (diese sind logisch unmöglich), sondern der Kritik. Aussagen für sich sind demnach weder Glaubens- noch Vernunftaussagen; schon durch die sprachliche Formulierung enthalten beide ein Theorieelement, das dem Bezug auf Erfahrung vorausgeht. Das wirkliche Problem ist die Frage der Form, in der eine Aussage vertreten wird. Ob der Beschluss gefasst wird, die Aussage versuchsweise zu vertreten, sie einem Maximum an Kritik auszusetzen und ständig zu versuchen, auftretende Probleme zu lösen, oder ob der gegenteilige Beschluss gefasst wird, die Aussage aufrechtzuerhalten, komme da, „was da wolle“. William W. Bartley argumentiert, dass ein solcher Beschluss unter anderem zum Niedergang des liberalen Protestantismus geführt hat: Nach Bartley vertrat diese Bewegung ihren

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Glauben durchaus auf eine vernünftige Weise, mit ständigem Blick auf neue wissenschaftliche Ergebnisse. Als allerdings dadurch die Grundannahmen ins Wanken gerieten (das liberale Jesus-Bild), und sie so zu einer Entscheidung zwischen Vernunft und Christentum gezwungen wurde, entschied sie sich zur Festsetzung, dass die christlichen Grundannahmen 84

(„Jesus ist der HERR“) gegenüber jeder Kritik beizubehalten sind. So wurde sie nach Bartley zu einer Ideologie. Nur vordergründig konnten sie mit einem tu-quoque-Argument dabei ihre Vernunft wahren: Dass jede Position, um vernünftig zu sein, von Kriterien der Kritik ausgehen muss, die aus logischen Gründen selbst nicht kritisiert werden können.

Ähnlich wie einerseits im Kritischen Rationalismus, andererseits

in der Scholastik wird in heutiger Philosophie und Theologie auch Glaube und Wissen stärker in Beziehung gesetzt. So schreibt der Wissenschaftsphilosoph Wolfgang Stegmüller: „Man muß nicht das Wissen beseitigen, um dem Glauben Platz zu machen. Vielmehr muß man bereits etwas glauben, um von Wissen und Wissenschaft reden zu können.“ Die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils begründet eine Kohärenz der „Wirklichkeiten des profanen Bereichs und des Glaubens“[ mit dem Ursprung in einem Gott. Darauf aufbauend plädierte 2008 der katholische Theologe und Publizist Markus von Hänsel-Hohenhausen für einen „religiösen Rationalismus“. Er führt in der Theoretischen Mathematik, in der Evolutionsbiologie sowie in anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen metaphysische Beweistechniken (wie die Analogie) und zahlreiche unbeweisbare, aber als bewiesen geglaubte Sätze als Argumente an, die zur Unterscheidung von „Beweiswissen“ und (naturwissenschaftlichem, dann religiösem) „Glaubenswissen“ führen. Darin sieht er einen Brückenschlag zur Nutzung des Wissens auch des christlichen Glaubens, der, da historisch verbürgt, auch nach wissen-


schaftlicher Methode kein blinder, sondern ein wissender Glauben sei. „Die naturwissenschaftliche Wahrnehmung des Ganzen der Welt, das Innewerden des Geistigen und der Geistprägung der Welt fordern ein Denken, das zustimmen kann – eine Zustimmung, die auf Vernunft und Intellekt beruht.“ Jenseits einer Illusion der Herrschaft des Subjekts führe dies zur Freiheit der Person.

G l a u be i m Chris t e n t u m Für Christen ist Glaube keine antike oder mittelalterliche Vorstufe vom Wissen (etwa also eine verminderte Form der Naturwissenschaft), die entschwinden muss, wenn das „echte“ Wissen kommt, sondern etwas vom Wesen her anderes. Es ist kein bloßes Für-wahr-Halten, auch keine Vermutungsäußerung damit gemeint, etwa wie im deutschen Satz: ‚Ich glaube, dass es morgen regnet.‘ Dann bedeutet glauben so viel wie meinen. Dieses „glauben, dass“ entspricht nicht dem Sinn des griechischen Wortes - im Gegensatz zum ‚ich glaube an‘ oder ‚ich glaube dir‘, was dem griechischen Wortstamm entspricht. Dann heißt es so viel wie: ‚Ich traue dir, ich vertraue dir, ich kann auf dich bauen. Ich habe eine Gewissheit, die weniger aus Berechnungen und Experimenten kommt. Glaubensakt und Glaubensinhalt Theologisch unterscheidet man den Glaubensakt, lateinisch „fides qua creditur“ (zu deutsch; „der Glaube, mit dem geglaubt wird“) einerseits, den Glaubensinhalt, lateinisch „fides quae creditur“ (zu deutsch: „der Glaube, der geglaubt wird“).

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Grundlegende Glaubensinhalte im Christentum Zentral geht es beim christlichen Glauben um eine Bejahung Gottes: „Es gehört gerade zur Wahrheit des Glaubens, Gott aufgrund seiner Selbstmitteilung so zu denken, wie er ist.“ 88

Gemeinsam ist den meisten christlichen Strömungen der

Glaube, dass alles Seiende durch Gott (Jahwe) geschaffen wurde und im Dasein gehalten wird. Im Mittelpunkt dieser Schöpfung steht der Mensch, der aber nicht aus eigener Kraft zum Guten fähig ist (Erbsünde) und der Liebe Jesu Christi bedarf, um gerettet zu werden und ewiges Leben zu erlangen. Jesus Christus ist nach der christlichen Glaubenslehre der Mensch gewordene Sohn Gottes und mit Gott und dem heiligen Geist dreieinig. Grundlage des Glaubens ist die heilige Schrift der Bibel, welche als von Gott inspiriert angesehen wird und die Zehn Gebote, insbesondere das Gebot der Nächstenliebe und das Gebot, keine anderen Götter zu verehren.

Biblische Texte sind stets interpretationsbedürftig. Zwischen

vielen Stellen, die mehr implizit zur Deutung des Glaubensbegriff verwendbar sind, wird folgende besonders explizite Formulierung häufig diskutiert: „Es ist aber der Glaube das feste Vertrauen auf das Erhoffte, ein Überzeugtsein von dem, was man nicht sieht.“ (Hebr 11,1) Das hier mit „Überzeugtsein“ wiedergegebene griechische elegchos bedeutet auch soviel wie Gegenbeweis, Widerlegung oder „Überführtsein“. In diese Sinne wird hier wohl gesprochen von einem Überführtwerden wider äußeren Anscheins. Glaube und Werke Vgl. Hauptartikel: Rechtfertigungslehre Glaube im christlichen Sinn ist Hinwendung zu Gott, der sich dem Menschen zuerst zugewendet hat, und Abwendung von sich selbst. Er ist darum unvereinbar mit Selbst-


ruhm und dem Vertrauen auf eigenes Tun (Röm 3,20-28). In dieser antwortenden Hinwendung liegt zugleich ein aktives, nach außen strebendes Moment. Der Glaube bewegt zur tätigen Liebe (Gal 5,6).

Ein wesentlicher Streitpunkt unter den christlichen Konfessio-

nen ist seit der Reformation die Frage, ob der Mensch vor Gott durch seinen Glauben allein gerechtfertigt werde, wie Martin Luther es betont hat, oder ob dazu auch die guten Werke nötig seien, weil Glaube ohne Werke tot sei, wie es im Katholizismus unterstrichen wird. Glaube und Gemeinschaft Nach allgemein christlicher Überzeugung ist der Glaube die persönliche Antwort auf Gottes bzw. Jesu Wort. Dabei geschieht diese Antwort immer in der Gemeinschaft aller Glaubenden und stellvertretend für alle Menschen. Uneinigkeit besteht in der Frage, ob die volle Wirklichkeit des Glaubens sich im Herzen des Einzelnen vollzieht (so die meisten protestantischen Denominationen) oder ob der Glaube der Kirche ontologische Priorität hat (so die katholische Lehre).

G l a u be i m Ne u e n Tes t a m e n t Biblische Autoren kennen i.A. keine besondere intellektuelle Befähigung als Voraussetzung, um zum christlichen Glauben zu kommen und diesen zu entwickeln. Texte wie Apg 17 oder Röm 1, 16ff. betonen, dass der Glaube jedem offenstehe und die Gottesexistenz durch die Schöpfung bezeugt wird.

Schreiber des Neuen Testaments (etwa Hebr 10, 38f) betonen

des Öfteren, dass Gott die Rechtfertigung durch den Glauben bewirkt,

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dass Christus die Erlösung vollbracht hat und damit die Gerechtsprechung durch Gott gegeben sei (und der Erlangung von Verheissungen wie ewigen Lebens). Da Christus das Gesetz bis zum Tode erfüllt hat ist der Glaube an sein Werk bedeutend und nicht die eigene Erfüllung des Gesetzes. Denn kein Mensch ist aufgrund der Sünde fähig, die Gesetze 90

Gottes vollständig und dauernd zu halten.

Der Glaube ist eine feste Zuversicht und ein Nichtzweifeln an

dem was man nicht sieht. Die fünf natürlichen Sinne des menschlichen Körpers (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen) sind für die Wahrnehmung der Umgebung geschaffen, während der Glaube nicht daran zweifelt was man nicht sieht.

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man

hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. (Hebräer 11,1)

Der Glaube ist eine Kenntnisnahme, ein Notiz nehmen der

biblischen Offenbarung. Deshalb ist das Studium der Bibel eine gute Grundlage. Aus dem Erkennen der Glaubensinhalte soll ein Anerkennen folgen. Deshalb ist ein persönlicher Willensentschluss zur Anteilhabe erforderlich. Daraus folgt ein persönliches Vertrauen. Letztendlich ist biblischer Glaube immer auch auf göttliche Offenbarung gegründet und damit ein Werk Gottes im Menschen (Matthäus 16,17).

Nach Paulus von Tarsus ist Glaube (neben der Hoffnung und der

Liebe) eine der drei christlichen Tugenden.


G l a u be i m A l t e n Tes t a m e n t Das Christentum verehrt vor allem Abraham für seinen unerschütterlichen Glauben an Gott. Abraham verehrte damals den im ganzen Vorderen Orient bekannten Gott El, der als der Schöpfer des Alls, als der höchste Gott über allen Göttern galt und unter mancherlei Zunamen: als Höchster, als der Ewige, als der Mächtige, als der Allsehende an den verschiedensten Orten angebetet wurde. Er verehrte ihn auch als seinen Familiengott, als seinen persönlichen Gott, der so für seine Nachfahren zum Gott Abrahams und zum Gott Israels wurde und auch im Christentum eine neue Bedeutung gewann.

Von einem Glauben an das Jenseits ist bei Abraham jedoch noch

nicht die Rede. Ebenfalls ist nicht anzunehmen, dass Abraham die Existenz anderer Götter bestritt. Von diesem Gott El wusste er sich ganz persönlich angerufen. Sein Glaube sah dahingehend aus, dass er mit einer Verheißung beschenkt wurde. El stellte ihm Nachkommenschaft und Land in Aussicht. Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich will segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den will ich verfluchen. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Da zog Abram weg, wie der Herr ihm gesagt hatte, und mit ihm ging auch Lot. Abram war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran fortzog. Die Bibelwissenschaft des 20. Jahrhunderts kam zur Erkenntnis, dass der Halbnomade Abraham, nur „die Himmel“, als eine symbolische Entspre-

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chung seines Gottes, der sich allenthalben über ihm wölbt, als seine ständige Begleitung ansieht. Er vertraut sich nicht den Göttern irgendeines Landes an, sondern nur dem Gott, dem alle Lande gehören; nicht einem Ortsgott, sondern seinem Gott, der mit ihm geht und ihn persönlich kennt, ihm nahe ist von Ort zu Ort. Gegenüber solchen Erklärungen 92

sind wieder manche Zweifel aufgestiegen, aber richtig bleibt, dass Abraham um der Zukunft willen, die ihm der Glaube verhieß, zum Heimatlosen geworden ist, seine Heimat gerade in der Treue zu seinem Gott fand.

N a t u rwisse n s c h a f t l i c he A n s ä t z e Der kanadische Neurowissenschaftler Michael Persinger von der Laurentian University in Toronto manipulierte durch magnetische Felder die Schläfenlappen seiner Probanden und erzeugte dabei religiöse Empfindungen. Persinger erklärte, dass diese Phänomene den Symptomen der Epilepsie gleichen. Scott Atran, Direktor für Anthropologie am Centre national de la recherche scientifique in Paris, verfolgt dagegen in seinem Werk In Gods We Trust einen darwinistischen Ansatz. Die darwinistische Glaubensforschung sieht den Glauben nicht als anerzogen, sondern als im Bewusstsein des Menschen evolutionär verankert. Die Fähigkeit zum Glauben wird dabei beispielsweise als evolutionäres Nebenprodukt erklärt, es werden aber auch mögliche Selektionsvorteile untersucht. Justin Barlett dagegen sieht in einer evolutionspsychologischen Herangehensweise den Glauben nicht als überlebenswichtige Strategie von Gemeinschaften, sondern als ein Entwicklungsstadium der menschlichen Psyche.


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l iebe

Caritas

Kinder // Früchte // Baum mit Vögeln // Brote // Delphin // Flammen // Fruchtschale // Herz // Löwin mit Jungen

Allgemein ist Liebe die Gefühlsbindung einer Person an jemanden o d e r e t w a s . D e r I n b e g r i ff d e r L i e b e ist die Gottesliebe. Durch sie werden Menschen befähigt, sich geg e n s e i t i g z u l i e b e n . D i e g r ö SS t e L i e b e a u f E r d e n i s t d i e j e n i g e zw i schen den Eltern und ihren Kind e r n u n d d i e j e n i g e zw i s c h e n M a n n und Frau. In allen Formen der Liebe geht es uns immer auch um uns selbst. »Eine gesunde Selbstachtung und Selbstliebe ist sowohl Basis einer reifen partnerschaftlichen Beziehung wie umgekehrt deren Frucht.«

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l iebe / B e g ri f f l i c h k ei t Ausgehend von dieser ersten Bedeutung wurde der Begriff in der Umgangssprache und in der Tradition schon immer auch im übertragenen Sinne verwendet und steht dann allgemein für die stärkste Form der 96

Hinwendung zu anderen Lebewesen, Dingen, Tätigkeiten oder Ideen. Diese allgemeine Interpretation versteht Liebe also zugleich als Metapher für den Ausdruck tiefer Wertschätzung.

Kulturell und historisch ist „Liebe“ ein schillernder Begriff, der

nicht nur in der deutschen Sprache in vielfältigen Kontexten und in den unterschiedlichsten Bedeutungsschattierungen verwendet wird. Das Phänomen wurde in den verschiedenen Epochen, Kulturen und Gesellschaften unterschiedlich aufgefasst und erlebt. Jede Zeit und jeder soziale Verband setzt je eigene Verhaltensregeln für den Umgang mit der Liebe. Daher können die Bedeutungsebenen zwischen der sinnlichen Empfindung, dem Gefühl und der ethischen Grundhaltung „Liebe“ wechseln.

Ebenso vielschichtig wie die Bedeutungen der Liebe sind die

Bedeutungen der Antonyme. Im Hinblick auf die emotionale Anziehung zwischen Personen ist es der Hass. Im Sinne der Abwesenheit von Liebe kann aber auch die Gleichgültigkeit als Antagonismus angesehen werden. Im christlichen Verständnis gilt auch die Angst – als der Mangel oder die Abwesenheit von Liebe und Geborgenheit – als Gegensatz der Liebe. Fehlentwicklungen der Liebesfähigkeit sind im Sinne des „reinen“ Liebesbegriffes das Besitzdenken (Eifersucht) oder verschiedene Formen der freiwilligen Abhängigkeit bzw. Aufgabe der Autonomie bis hin zur Hörigkeit.


Liebe a l s i n t ers u b j e k t ive A n er k e n n u n g Liebe wird häufig als eine auf Freiheit gegründete Beziehung zwischen zwei Personen gesehen, die ihren Wert nicht im Besitz des adressierten Objekts findet, sondern sich im dialogischen Raum zwischen den Liebenden entfaltet. Die Liebenden erkennen einander in ihrer Existenz wechselseitig an und fördern sich „zueinander strebend“ gegenseitig.

Liebe wird teilweise als anarchisches, asoziales und entgrenzen-

des Gegenmodell zu den Beschränkungen, Anforderungen, Funktionalisierungen und Ökonomisierungen der menschlichen Alltags- und Arbeitswelt aufgefasst. Auch wenn Liebe kein bewusster oder rationaler Entschluss der Liebenden ist, muss sie deswegen nicht als irrational betrachtet werden.

Im Sinne des Diskurses der Anerkennung (zum Beispiel John

Rawls, Axel Honneth) enthält Liebe nämlich die von Hegel betonte „Idee der wechselseitigen Anerkennung“, was ihr ein moralisches Fundament verleiht. Liebe ist daher für Honneth neben dem Recht und der Solidarität eines der drei „Muster intersubjektiver Anerkennung“. Die moralische Grundierung unterscheidet Liebe daher auch vom reinen Trieb.

K l a ssi f i z ier u n g e n Die abendländische Auffassung von Liebe wird von der Dreiteilung Platons geprägt, die in der antiken Philosophie später ausgebaut wurde. Sie basiert auf den folgenden Konzepten:

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Éros – Bezeichnet die sinnlich-erotische Liebe, das Begehren des

geliebten Objekts, der Wunsch nach Geliebt-Werden, die

Leidenschaft Philía – Bezeichnet die Freundesliebe, Liebe auf Gegenseitigkeit, die 98

gegenseitige Anerkennung und das gegenseitige Verstehen

Agápe – Bezeichnet die selbstlose und fördernde Liebe, auch die Nächs

ten- und „Feindesliebe“, die das Wohl des Anderen im Blick hat

Die genauen Bedeutungen und Schwerpunkte der Begriffe haben sich im Laufe der Zeit verändert, so dass – im Gegensatz zum ursprünglich Gemeinten – unter „platonischer Liebe“ heute ein rein seelisch-geistiges Prinzip ohne körperliche Beteiligung und Besitzwunsch verstanden wird, dem das leiblich-erotische Modell von geschlechtlicher Liebe schroff gegenübergestellt wird.

Im Laufe der Zeiten wurden diese Grundformen der Liebe immer

wieder differenziert. So bezeichnet man manchmal die Interessenliebe als „stoika“, die spielerisch-sexuelle Liebe als „ludus“, die besitzergreifende Liebe als „mania“ und die auf Vernunftgründen basierende Liebe als „pragma“. Ein besonderes Liebesverhältnis stellt in theistischen Religionen auch jenes zwischen der erbarmenden Liebe Gottes zu den Menschen und der verehrenden Liebe der Menschen zu Gott dar.

In Anlehnung an diese Dreiteilung kann man die Ausprägungen

des Phänomens der Liebe in Empfindung, Gefühl und Haltung unterscheiden:


M y t h o l o g ie u n d The o l o g ie In ausgebildeten polytheistischen Religionen, die sich von einer Umwandlung vieler Lokalgottheiten zu einem ‚arbeitsteiligen‘ Pantheon fortentwickelt hatten, wurden oft besondere (meist weibliche) Gottheiten der Liebe verehrt. So gab es im antiken Griechenland die Göttin Aphrodite und ihren Sohn Eros, bei den Römern die Göttin Venus und ihren Sohn Amor.

Die monotheistischen Religionen haben ausgehend von der

Gottesliebe ausgefeilte Theologien der Liebe entwickelt. Die Allliebe Gottes ist eine seiner Eigenschaften; da er aber auch Zorn oder Eifersucht zu seinen Eigenschaften zählt, hat die Theologie hier ein komplexes Arbeitsfeld. Für die Römisch-Katholische Kirche ist Liebe die erste Frucht des Heiligen Geistes. Die Kirche unterscheidet nach Platon zwischen Agape und Eros (siehe oben). Benedikt XVI. widmete sich in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est dem Thema Liebe. Selbst in der negativen Theologie, wie auch in der Mystik wird als einzige Aussage über das Unsagbare in der Regel dennoch die Feststellung Gott ist die Liebe anerkannt; vgl. dazu auch die Natürliche Theologie.

B i o l o g ie u n d P h y si o l o g ie Der Begriff „Liebe“ ist in der Biologie nicht definiert und damit keine wissenschaftliche Kategorie. Allgemein ist es schwierig, emotionale Prozesse mit naturwissenschaftlicher Methodik zu bearbeiten, zumal da die zu Grunde liegende Biochemie noch nicht ausreichend bekannt ist.

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Gesichert sind beim Menschen lediglich folgende Erkenntnisse: Neurobiologie der Verliebtheit Neueren Untersuchungen des Gehirnstroms und Studien zufolge bewirkt Verliebtheit in Bereichen des menschlichen Gehirns, die auch für Triebe zuständig sind, die höchste Aktivität, was darauf schließen lässt, dass das 100

Gefühl, das gemeinhin als „Liebe“ (im Sinne von Verliebtheit) bezeichnet wird, in seinem biochemischen Korrelat einen starken Zusammenhang mit dem biologischen Trieb aufweist.

Die mitunter sehr lange anhaltenden Wirkungen der Verliebtheit

((Limerenz)) deuten aber auch auf neuroendokrine Prozesse hin, die dem Phänomen zu Grunde liegen. Das würde sich auch in das Entstehungsfeld einfügen, das in der Sexualität zu suchen ist, die ihrerseits maßgeblich der diencephalen neuroendokrinen Steuerung unterliegt. Dabei spielen nicht zuletzt die endogenen Opiate des Hypophysenzwischenlappens eine Rolle.

Verliebt sich ein Mensch, so sorgen verschiedene Botenstoffe für

Euphorie (Dopamin), Aufregung (Adrenalin), rauschartige Glücksgefühle und tiefes Wohlbefinden (Endorphin und Cortisol) (umgekehrt können Momente, in denen man nicht mit der geliebten Person zusammen ist, als sehr schmerzhaft bis hin zur Verzweiflung empfunden werden) und erhöhte sexuelle Lust (Testosteron sinkt bei Männern, steigt bei Frauen). Auch Sexualduftstoffe (Pheromone) werden vermehrt abgegeben. Hingegen sinkt der Serotoninspiegel stark ab, wodurch der Zustand der Verliebtheit in diesem Punkt eine Ähnlichkeit mit vielen psychischen Krankheiten aufweist. Das trägt dazu bei, dass Verliebte sich zeitweise in einem Zustand der „Unzurechnungsfähigkeit“ befinden können, sich dabei zu irrationalen Handlungen hinreißen lassen und Hemmschwellen abbauen. Nach einiger Zeit (wenige Monate) gewöhnt sich der Körper an


diese Dosen, und ganz allmählich (laut WHO maximal nach 24 bis 36 Monaten) beendet das Gehirn diesen sensorischen „Rauschzustand“. Evolutionsbiologie der Liebe Das vertiefte Gefühl der Liebe ist aus evolutionsbiologischer Sicht möglicherweise im Zusammenhang mit der Sexualität entstanden, wobei die Liebe es ermöglichte, die erfolgte Partner-Selektion und damit die Paarbeziehung über längere Zeiträume zu stabilisieren. Es sind zwar bei vielen Tierarten monogame Paarbeziehungen bekannt (zum Beispiel auch bei den Graugänsen von Konrad Lorenz), aber ob diese Tiere dabei so etwas wie „Liebe“ empfinden, ist wohl eine aus erkenntnistheoretischen Gründen unbeantwortbare Frage.

Im Rahmen des Konzepts der biologischen Determiniertheit

entsteht Liebe zwingend aus bestimmten körperlichen Reaktionen.

P s y c h o l o g ie u n d P s y c hi a t rie Die Psychologie beschäftigt sich mit den zahlreichen Spielarten der Liebe und des Liebesentzuges.

Nach Auffassung der Evolutionspsychologen werden Frauen und

Männer bei der Partnerwahl von Vorlieben regiert, die sich über Millionen von Jahren von unseren Vorfahren auf uns weitervererbt haben. Diese „Steinzeit-Psyche“ soll Frauen auf starke oder statushohe Beschützer-Typen reagieren lassen; Männer dagegen auf junge, hübsche Frauen. Schönheit gelte bei beiden Geschlechtern offenbar als Indiz für „gesunde Gene“, wie auch Humanethologen bestätigen. In diesem Zusammenhang wurde auch vielfach untersucht, was „Schönheit“ in diesem Zusammen-

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TYPO EXPERI FOTO


IMENT

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hang bedeutet, welche körperlichen Merkmale für beide Geschlechter als attraktiv gelten („Durchschnittlichkeit“ als Ideal).

Die Psychiatrie befasst sich unter dem medizinischen Aspekt mit

dem Phänomen. So wird zum Beispiel die Psychopathologie des „Liebeswahns“ im Zusammenhang mit paranoischen Vorstellungen diagnosti104

ziert

S o z i o l o g ie Es liegen in der Soziologie mindestens vier substantielle, thematisch einander eher ergänzende Ansätze zur Liebe vor. Sie betonen mehr oder weniger die liebebezogenen Aspekte von Kommunikation (Interaktion) und Semantik. Demnach wird Liebe (1) als Emotion (zum Beispiel bei Jürgen Gerhards), (2) als Kulturmuster (zum Beispiel bei Niklas Luhmann), (3) als Intimsystem (bei Becker/Reinhard-Becker/Fuchs) und (4) nicht-kognitive Form kommunikativer Praxis (bei Günter Burkart, Cornelia Koppetsch) definiert.

„Liebe“ wird unter anderem als ein gesellschaftlich wirkendes

Symbol für Interaktionen betrachtet (vgl. Symbolischer Interaktionismus) und auf seine soziale Funktion hin untersucht. Die Soziologie untersucht zahlreiche Einzelformen der Liebe, etwa die „romantische“ Liebe, die „Liebe“ im Bürgertum, die „Mutterliebe“, die „Vaterlandsliebe“ (oft als Ideologie), die Bezüge zwischen Liebe, Gewalt und Macht und andere mehr. Unter den gegenwärtigen Soziologen behandelt zum Beispiel Bálint Balla eingehend die Liebe in seiner Soziologie der Knappheit; Horst Herrmann untersucht die (geschlechtsspezifischen) Zusammenhänge von Liebe und Gewalt, sowie die gesellschaftlich wirkenden Modelle


heutiger Liebesbeziehungen.

Auch hat die Soziologie angrenzende soziale Bräuche wie die

Koketterie (Georg Simmel) oder den Flirt untersucht. Systemtheoretische Ansätze Die Systemtheorie nahm eine einschneidende Begriffsverengung vor, indem sie Liebe neu als eine „gesellschaftliche Semantik“ bzw. als Code des Miteinander-Umgehens definierte. So formulierte Niklas Luhmann in Liebe als Passion (1982) romantische Liebe als ein Phänomen der Moderne, welches seine Grundlegung vor allem im Bürgertum des 18. Jahrhunderts erfährt.

Liebe fungiert – nach Luhmann – in der heutigen funktional

ausdifferenzierten Gesellschaft in erster Linie als „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“, das unwahrscheinliche Kommunikation wahrscheinlich machen soll. Die Gesellschaft differenziert sich immer stärker in einzelne Teilbereiche. Jedes einzelne Individuum ist nicht mehr nur in einem Bereich, zum Beispiel der Familie verwurzelt, sondern in vielen Teilbereichen, etwa Freizeit oder Beruf. Auch ist es immer auch nur zu einem Teil verortet und bewegt sich ständig zwischen verschiedenen Bereichen hin und her. Aufgrund dieser kommunikativen „Polykontexturalität“ erschwere sich die identitätsbildende Interaktion. Guido Reni, Caritas (1604/07). Die Allegorie der fürsorgenden Liebe kann unter anderem die mütterlich-familiäre Liebe meinen

Dem Einzelnen fällt es vor diesem Hintergrund zunehmend

schwerer, sich selbst zu bestimmen. Hinzu kommt, dass diese Individualität und Identität im kommunikativen Austausch mit anderen bestätigt werden muss. Diese „höchstpersönliche“ Kommunikation nimmt in einer derart ausdifferenzierten Gesellschaft aber ständig ab, denn zum einen

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wird durch die Vielzahl an Rollen in den beschriebenen Teilbereichen (zum Beispiel als Tochter, Sekretärin, Freizeitsegler, etc.) dort auch nur unpersönliche Kommunikation erfahren, und zum anderen begreift sich der Mensch als Individuum, also etwas Besonderes, Einzigartiges, anders als die Anderen. Angesichts dieser Entwicklung ist es nicht nur schwierig, 106

miteinander in Kontakt zu treten, es wird auch schwierig, einander überhaupt noch zu verstehen bzw. die Motivation zu finden, sich auf einen doch so Besonderen, Anderen einzulassen. Genau dieses Problem zu bewältigen ist – in dieser Theorie – Aufgabe der Liebe. Fuchs definiert Liebe daher als „wechselseitige Komplettannahme im Modus der Höchstrelevanz“. Liebe als Kommunikationsmedium motiviert dazu, sich dem Anderen unter Ausblendung von Idiosynkrasien in seiner „Ganzheit“ zu nähern und nicht unter der verengenden Perspektive des jeweiligen Sozialsystems (zum Beispiel als Freizeitsegler). Durch diese Komplettannahme entsteht eine wechselseitige Bestätigung des „Selbst-Seins“ und des jeweiligen „Weltbezugs“.

Liebe, bzw. genauer das Intimsystem, das im Medium Liebe

operiert, ist eine Vorform des Sozialsystems „Familie“, dem grundlegende gesellschaftliche Funktionen zukommen (nämlich Reproduktion und Sozialisation). Des Mediums Liebe bedarf es, da unwahrscheinliche Ereignisse (zwei Menschen begegnen sich unter Millionen anderen und begründen und stabilisieren ein Zusammenleben) erwartbar gemacht werden müssen. Liebe ist also wie Geld oder Macht ein sogenanntes Steuerungsmedium, das die Chance auf das Eintreffen unwahrscheinlicher Sinnzumutungen steigert. Überraschend ist dabei jedoch, dass Intimsysteme auf dem paradoxen, komplexen und sehr täuschungsempfindlichen Medium Liebe basieren.


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Sed doloreet, sequis alis augiat, si. Duisi eum at. Ut dolore tisis nulland ionummo dolorpero do commod eugiamcon ulput wiscidunt praestrud


hoffnung

spes

Bienenkorb / Falke / Füllhorn / Ketten / Lilie / Osterfahne / Pilgerstab / Phönix / Schiff / Segel / Schiffbruch / Spaten / Sichel / Turm / gefangener Vogel.

H o ff n u n g g i b t m e n s c h l i c h e m H a n deln motivierende Kraft. Sie ist G e g e n s p i e l e r i n v o n V e r zw e i f l u n g , Resignation und Furcht. Im Neuen Testament steht sie dadurch im Sp a n n u n g s v e r h ä l t n i s zw i s c h e n Gottvertrauen und menschlichem Zweifel. Vertraut man auf Gott, s o g i b t d i e H o ff n u n g S i c h e r h e i t . Diese Sicherheit wird mit jener verglichen, die ein Anker einem S c h i ff g i b t . » A l s B a s i s u n d Q u e l l e d e r c h r i s t l i c h e n H o ff n u n g d i e n e n u. a. der Glaube..., Gottes rettende Liebe ... und die Schrift.«

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H o f f n u n g / B e g ri f f l i c h k ei t Der Begriff der Hoffnung ist im Sprachgebrauch nicht neutral, d. h. wenn von Hoffnung die Rede ist, wird dadurch in der Regel auch zum Ausdruck gebracht, dass diese berechtigt ist. Beispiel: Es besteht noch Hoffnung. 110

Soll ausgedrückt werden, dass die Hoffnung nicht berechtigt ist, spricht man von einer Illusion.

Steht das Wort dagegen im Plural, hat es im Sprachgebrauch

meist eine negative Wertung: Du solltest dir besser keine Hoffnungen machen.

In der Hoffnung sein oder auch guter Hoffnung sein sind

außerdem veraltete Wendungen für Schwangerschaft.

h o f f n u n g i n der P hi l o s o phie Vor allem in der Theorie Ernst Blochs ist Hoffnung auch ein philosophisches Prinzip. Bloch bezieht sich auf gesellschaftliche Kämpfe, die immer wieder durch Hoffnungen vorangetragen werden. Diese Hoffnungen durchflössen - in seiner eigenen Begrifflichkeit - gesellschaftliche Entwicklungen wie ein „Wärmestrom“. Als historisches Beispiel führt er die in den Bauernkriegen 1525 in Deutschland unterlegenen Bauern an, die dennoch auf die Verwirklichung ihrer Forderungen durch die nachfolgenden Generationen hofften:

„Geschlagen ziehen wir nach Haus – unsere Enkel fechtens besser aus.“


H o f f n u n g i m c hris t l i c he n g l a u be n Hoffnung ist im Kontext des christlichen Glaubens ein Kernwort, ein Herzwort. Die Heilige Schrift ist Quelle der Hoffnung: Römerbrief 15,4: „.. durch den Trost der Schrift Hoffnung haben.“ Die Rettung ist in der Hoffnung begründet: Römerbrief 8, 24: „..Denn wir sind zwar gerettet, aber auf Hoffnung.“ Hoffnung hat im christlichen Glauben Ewigkeitswert: 1. Korintherbrief 13,13: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe.“ Glaubende Christen werden aufgerufen, Rechenschaft über ihre Hoffnung abzugeben: 1. Petrusbrief 3,15: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“

Ja, wir müssen alles tun, um Leid zu überwinden, aber ganz aus der Welt schaffen können wir es nicht - einfach deshalb nicht, weil wir unsere Endlichkeit nicht abschütteln können und weil niemand von uns imstande ist, die Macht des Bösen, der Schuld, aus der Welt zu schaffen, die immerfort - wir sehen es - Quell von Leiden ist. Das könnte nur Gott: Nur ein Gott, der selbst in die Geschichte eintritt, Mensch wird und in ihr leidet.“ (aus Spe salvi)

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o h n e h o f f n u n g k ei n e z u k u n f t Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen, die Glauben und Hoffnung haben, schneller gesund werden. Sie genesen schneller wieder nach einem Herzinfarkt, ihre Knochenbrüche und 112

Verbrennungen heilen schneller. Dabei ist unter dem Glauben nicht (nur) der religiöse Glaube zu verstehen.

Hoffnung äußert sich in unserer inneren Einstellung:­. Wir haben

die Einstellung, dass sich etwas zum Guten wenden wird. Wir oder ein naher Angehöriger werden wieder gesund werden, unsere finanzielle Situation wird sich verbessern, der Konflikt mit der Schwiegertochter wird sich lösen. Wir stellen uns vor, dass wir eine Situation meistern können. Der Umzug in die Seniorenresidenz wird klappen und wir werden uns dort einleben. Den schwierigen ärztlichen Eingriff werden wir durchstehen. Wir glauben, dass wir allein, mit der Hilfe anderer oder mit Gottes Hilfe eine Lösung finden werden. Das neue Hüftgelenk wird uns Schmerzfreiheit verschaffen, durch die Einhaltung der Diät werden wir einen Herzinfarkt verhindern, die Chemotherapie wird den Krebs zum Stillstand bringen können.

Hoffnung mobilisiert nachweislich die Selbstheilungskräfte

unseres Körpers. D.h. eine positive Erwartungshaltung - und nichts anderes ist die Hoffnung - führt zu realen und messbaren Veränderungen im Körper! Andererseits bewirkt der Verlust der Hoffnung, dass unsere Lebensenergie abnimmt, unsere Selbsthielungskräfte erlahmen.

Da ereignete sich beispielsweise einmal folgende Geschichte:

Ein Mann wurde abends aus Versehen in ein Kühlhaus eingeschlossen. Er wußte, dass bis zum nächsten Morgen niemand mehr kommen würde. Dies, so glaubte er, sei sein Todesurteil. Er hatte keine Hoffnung, eine


ganze Nacht lang bei solch extremer Kälte überleben zu können, und schrieb an seine Familie einen Abschiedsbrief. Am nächsten Morgen fand man ihn tot auf. Sein Tod war jedoch allen Beteiligten unverständlich. In der Nacht war die Kühlanlage ausgefallen, und eigentlich hätte er überleben können müssen. Er war an seinem Glauben gestorben, keine Überlebenschance zu haben. Er hatte die Hoffnung aufgegeben und sich damit zum Tod verurteilt.

Menschen ohne Hoffnung sind meist depressiv. Sie haben den

Glauben in sich, die momentane Situation und in die Zukunft verloren. Sie sehen keinen Sinn mehr darin zu leben. Sie glauben, keine Einflussmöglichkeiten zu haben. Menschen, die glauben, Schmerzen ertragen oder beeinflussen zu können, sind weniger ängstlich und benötigen weniger Schmerzmittel.

Die Hoffnung, d.h. positive Einstellungen und positive Gefühle,

führen zu einer Stärkung des Immunsystems. Die Wirkung der Hoffnung beruht auf dem Placeboeffekt. Mit dem Begriff Placebo bezeichnet man Präparate, die keinen Wirkstoff enthalten. In Untersuchungen, in denen man statt normaler Medikamente Placebos einsetzte, stellte man fest, dass Placebos bei harmloseren Leiden wie bsp. Herpes, Asthma oder leichten Geschwüren die gleiche Wirkung wie normale Medikamente hatten. Der Glaube an die Wirkung des Placebos hat die heilende Wirkung verursacht. Man nennt das auch selbsterfüllende Prophezeiung.

Spontanheilungen bei Krebserkrankungen lassen sich teilweise

darauf zurückführen, dass die Patienten nach der Diagnosestellung begonnen haben, ihr Leben zu verändern. Sie veränderten ihre Ernährung, die Lebensgewohnheiten und die Lebensziele. Sie glaubten fest daran, die „Ausnahme der Regel“ zu sein und beteiligten sich voller Hoffnung an der Therapie. Der Glaube, dass sie Einflussmöglichkeiten

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haben und die Bereitschaft, sich voll einzusetzen, hat ihnen geholfen, ihre Selbstheilungskräfte zu aktivieren.

Der Glaube an die Genesung und die Hoffnung, gesund zu

werden, sind die besten Medikamente, die wir uns selbst verabreichen können. Und das Schöne an ihnen: sie haben keine unerwünschten 114

Nebenwirkungen.


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»Wer je auf Preußens Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selbst gehört.«


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FLEISS TREUE GEHOR Pf L I C H t B E W U ssts E I N Z U V E R L ƒ ss I g K E I t O R H÷fLICHKEIt SAUBER BEsCHEIdENHEIt FLEI GERAdLINIgKEIt GERE G O tt E sf U R C H t H ƒ R st O R d N U N gss I N N Pf L I C P‹NKLICHKEIt REdLIC s E L B st V E L E U g N U N g s tAPfERKEIt tREUE UN UNtERORdNUNg ZUR‹ Z U V E R L ƒ ss I g K E I t


RsAM DIsZIPLIN P‹NKtLICHKEIt d N U N gss I N N KEIt AUfRICHtIgKEIt ISS GEHORsAM E C H t I g K E I tss I N N st E M U t C H t B E W U ssts E I N CHKEIt sPARsAMKEIt N B E st E C H L I C H K E I t CKHALtUNg

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tugend  

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