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150 Jahre Kraemer’sche Kunstmühle Chronik eines Familienunternehmens


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150 Jahre Kraemer’sche Kunstmühle

Schalttafel Mehlverladung


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Vorwort

Inhalt

Impressionen 2013

Die Kraemer-Mühle heute

Gründung & Aufbau Carl Jakob Kraemer · Brandmiller’sche Papiermühle · Getreidemarkt

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Krieg & Inflation 1863 –1891

Friedrich und Otto Kraemer · Erster Weltkrieg · Räterepublik · Papiergeld

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Zweiter Weltkrieg

1891–1926

Heinz und Walter Kraemer · Erbauseinandersetzung · Böslmühle · Zerstörung

1927–1944

Wiederaufbau

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Gräfelfinger Mühle · Entnazifizierung · Finanzierung · Tauschhandel · Wasserkraft

1944–1949

Stabilisierung 1950 –1957

Stilllegungsaktion · Weizenkrone · Generationswechsel

88 108 120

Matzinger Hundeflocken

1958 –1990

Gründung · Gräfelfing · Expansion · Gersthofen · Verkauf

1959 –1968

Immobilien

146 160

Bau Getreidesilo · Bau Mietshäuser

1969 – 2007

Investitionen & Stilllegung 2008 – 2012

Erweiterung Getreidesilo · Bau Roggenmühle · Ende des Mühlenbetriebes

Umbau Demontage · Bau · Einweihung

Impressum


2013 Impressionen


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150 Jahre Kraemer’sche Kunstmühle


2013 路 Impressionen

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150 Jahre Kraemer’sche Kunstmühle


2013 路 Impressionen

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1863 – 1891 Gründung und Aufbau der Kraemer’schen Kunstmühle Nach der Chronik des ehemaligen Prokuristen Max Paintner


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1863 Carl Jakob Kraemer, Pächter der Stadtmühle Cannstatt bei Stuttgart, erwirbt die Brandmillersche Papiermühle zu Birkenleiten in München. Nach dem Umbau in eine Getreidemühle erhält Carl Jakob Kraemer das Recht, seinen Betrieb „Kunstmühle“ zu nennen.

1872 Unter dem Firmennamen „Kraemer’sche Kunstmühle“ wird zur Erschließung neuer Einnahmequellen auf dem neu erworbenen Gelände eine Brotfabrik mit fünf Backöfen errichtet. Den ansässigen Bäckern gefällt die unerwünschte Konkurrenz nicht, sodass sie den weiteren Mehlbezug von der Stilllegung der Fabrik abhängig machten, was kurz darauf erfolgt.

1891 München ist auf 500.000 Einwohner angewachsen, und die Geschäfte der Mühle laufen gut. In der Corneliusstraße wird ein Mietshaus erworben. So kann sich Carl Jakob Kraemer im Alter von 58 Jahren ins Privatleben zurückziehen.

Einwohnerzahlen Münchens 1863

130.000 1891

500.000 2013

1.400.000 1852 wurde München mit einer Einwohnerzahl von 100.000 zur Großstadt. Nach Berlin und Hamburg ist München heute mit über 1,4 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt der Bundesrepublik Deutschland.


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Die Kaufurkunde aus dem Jahr 1863


1863 –1891 · Gründung und Aufbau der Kraemer’schen Kunstmühle

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1863 –1891

Gründung der Kraemer’schen Kunstmühle durch Carl Jakob Kraemer und erste Schritte Carl Jakob Kraemer, der Sohn des Cannstatter Stadtmüllers, war des Öfteren Besucher der Münchner Schranne gewesen, dem bedeutendsten Getreideumschlagplatz Süddeutschlands. Dabei wurden nicht nur Getreide­ abschlüsse getätigt, sondern auch sonstige fachliche Infor­ mationen ausgetauscht. Bei solcher Gelegenheit hatte Carl Jakob Kraemer erfahren, dass die Brandmillersche Papiermühle zum Verkauf stand. 30 Jahre alt und längst auf Gründung einer eigenen Existenz bedacht, ging der unternehmungslustige Schwabe den Dingen nach. Er fand Gefallen an dem Objekt, das ihm geeignet schien, es ungeachtet der hohen Kosten, in eine Getreidemühle umzugestalten. Laut Vertrag vom 7. Juni 1863 kam der Kauf dann auch zustande. Die Brandmillersche Papiermühle zu Harlaching – Bir­ kenleiten ging aus dem Besitz des Papierers Anton Buchner an den Müller Carl Jakob Kraemer und dessen Ehefrau Wil­ helmine über. Der Kaufpreis betrug 87.000 Gulden. Die Umgestaltung der Mühle wurde unmittelbar nach dem Kauf in Angriff genommen. Dabei erwies sich in erster Linie die Erneuerung der Wasserkraftanlage als notwendig.

Die alte Brandmillersche Papiermühle Die Errichtung der Papiermühle ging auf ein Privileg von Churfürst Max Emanuel aus dem Jahr 1701 zurück. Das Gebäude brannte 1811 ab und wurde anschließend in der Form, in der es bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg im Wesentlichen erhalten geblieben ist, wieder errichtet. Die für den Bau der alten Kraemer-Mühle charakteristischen mehrfach gestuften Dächer stammten aus der Zeit der Papierherstellung. Die offenen Dachböden dienten der Trocknung der langen Papierbögen.

Carl Jakob Kraemer * 8. 10. 1833, † 28. 7. 1906, der erste Kunstmüller Münchens Carl Jakob Kraemer wurde 1833 in Cannstatt bei Stuttgart geboren. Er stammte aus einer alten württembergischen Familie, die sich ab dem Jahr 1498 in Neckarrems nachweisen lässt. Bereits sein Vater und sein Großvater waren Müller. Carl Jakob und seine Ehefrau Wilhelmine, geb. Haas, übersiedelten schon 1862 mit ihren beiden Kindern Friedrich (fünf Jahre) und Hugo (zwei Jahre) nach München und wohnten im Gartenhaus der Mühle. Leider traf sie bereits im ersten Jahr ihres Zuzuges ein herber Schicksalsschlag: Der kleine Hugo fiel in einem unbewachten Augenblick in den Mühlenfehlbach und ertrank. Trost fanden die leidgeprüften Eltern in der am 23. Dezember 1864 erfolgten Geburt des dritten Kindes Otto. 1906 starb Carl Jakob, der erste „Kunstmüller“ in München. Die Familiengrabstätte befindet sich auf dem Alten Südlichen Friedhof.

Carl Jakob mit den Enkeln Carlo und Heinz um 1900


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150 Jahre Kraemer’sche Kunstmühle

Die Mühle um 1900

1863 betrug der Kaufpreis der Kunstmühle

1891 betrug das Geschäftskapital

68.000 Gulden

793.281, 88 Goldmark

1 Gulden = 1,71 Mark Bei dieser Währungsreform ging es um eine Vereinheitlichung der vielen unterschiedlichen Landeswährungen in den einzelnen Teilstaaten in Deutschland. Die herkömmlichen Währungseinheiten waren Taler, Gulden, Kreuzer und Groschen. Als letztes Land stellte Bayern im Jahre 1876 auf die neue Währung um. Ein Gulden entsprach dem Wert von 1,71 Goldmark. Dies bedeutet, dass der Kauf der Mühle Carl Jakob Kraemer umgerechnet 116.2980 Goldmark gekostet hatte.

Die Papiermühle war entsprechend dem damaligen Stand der Technik noch mit Wasserrädern betrieben worden, deren Leistung für den kommenden Betrieb der Getreide­ mühle aber nicht ausreichte. So entschloss sich der neue Eigentümer zum Einbau von drei Jonval­Turbinen. Mit Sicherheit kann angenommen werden, dass neben den drei Turbinen, zu denen später eine vierte für die Getreideputzerei hinzukam, acht Mahlgänge, bestehend aus jeweils zwei Mühlsteinen, vorhanden waren: vier solcher Mahlgänge für die Weizenmühle und vier für die Roggenmühle. Dazu kamen die damals üblichen Sechskant­ Sichtzylinder und eine Griesputzerei in Gestalt der von Ungarn eingeführten Hochstäuben. Eine Vielzahl von mit Schweinsleder bestückten Elevatoren und Transport­ schnecken, ein Fahrstuhl und Transmissionen vervollstän­ digten die Einrichtung, die nach dem damaligen Stand der Mühlentechnik allen Anforderungen der modernen Zeit entsprach, und dem Gründer Carl Jakob Kraemer das Recht verlieh, seine Mühle als erste unter den Münchener Betrieben „Kunstmühle“ zu nennen. Walzenstühle waren zwar schon bekannt, fanden aber erst in den 70er und 80er Jahren zunehmend Eingang in die Müllerei, nachdem ihre Bewährung praktisch erprobt war. Mit der Einführung der Walzenstühle begann eine neue Epoche in der Müllerei. Die Entwicklung der Kraemer­Mühle in den 1870er und 80er Jahren lässt sich leider nicht nachverfolgen, da sämt­ liche Akten und Geschäftsbücher aus dieser Zeit der Zerstörung 1944 zum Opfer fielen. Am 31. Dezember 1891 betrug das Geschäftskapital des Firmengründers 793.281, 88 Goldmark. Nach 28­jähriger Tätigkeit verfügte Carl Jakob Kraemer über ein für damali­ ge Verhältnisse ansehnliches Vermögen. Die Mühle war also in den Jahren nach dem Deutsch­Französischen Krieg, den sogenannten Gründerjahren, gut vorangekommen. Die maschinelle Einrichtung war dem technischen Fort­ schritt angepasst worden. Auch wurde das ansehnliche Mietwohnhaus Corneliusstraße 17 käuflich erworben. Carl Jakob Kraemer hatte es verstanden, sich den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands nach dem gewon­ nen Krieg zunutze zu machen. Zweifellos waren es auch die solide Geschäftsführung und der gute Ruf des Hauses, die den Erfolg begründeten. So konnte er daran denken, sich im Alter von 58 Jahren aus dem Erwerbsleben zurück­ zuziehen.


1863 –1891 · Gründung und Aufbau der Kraemer’schen Kunstmühle

Walzenstühle der Mühle um 1900

Heuernte vor der Mühle

Die Kraemer’sche Kunstmühle betreibt eine Brotfabrik 1861 gab es in München 14 Mahl­ mühlen. Für Konkurrenz war also ausreichend gesorgt, sodass anzu­ nehmen ist, dass die Kraemer’sche Kunstmühle in den ersten Jahren ihres Bestehens keinen leichten Stand hatte. Es mag sein, dass unter diesen Umständen die Ertragslage der neuen Mühle nicht den Erwartungen ent­ sprach. Andererseits waren auch noch Schulden aus dem Mühlenbau zu tilgen. Auf der Suche nach einer neuen Einnahmequelle kam Carl Jakob Kraemer auf die Idee, in Ver­ bindung mit der Mühle und unter

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deren Firmennamen eine Brotfabrik zu errichten. 1872 schritt er zur Aus­ führung dieses Vorhabens, indem er das Mühlengebäude um den südli­ chen Trakt (dem heutigen Lager) erweiterte und dort fünf Backöfen einbauen ließ. Im Zuge dieses Unter­ nehmens wurde eine Blechtafel über der damals bestehenden Krämerei an der Ecke Pilgersheimer­ / Kühbach­ straße angebracht, auf der bis in die 1920er Jahre zu lesen war: „Brot­ und Mehlniederlage der Kraemer’schen Kunstmühle“. Es kam jedoch, wie es kommen musste: Die Bäcker als Hauptabneh­ mer der Mühle sahen in der Brotfab­ rik eine unerwünschte Konkurrenz und machten den weiteren Mehlbe­ zug von der Stilllegung der Brotfabrik

abhängig. Damit war das Schicksal der neuen Gründung besiegelt, die zwar dem Pioniergeist Carl Jakob Kraemers alle Ehre machte, in Ver­ bindung mit der Mühle aber von vorneherein nur als Experiment zu werten war. Es ist nicht anzunehmen, dass der Gründer das Risiko nicht erkannt hatte, das er mit der Brotfab­ rik eingegangen war, die damaligen Verhältnisse schienen jedoch auf eine Notlösung gedrängt zu haben.


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150 Jahre Kraemer’sche Kunstmühle

Schrannenplatz (der heutige Marienplatz)

Getreidemarkt um 1850 mit Gründung der bayerischen Warenbörse Die Schranne bezeichnete in Süd­ deutschland den Getreidemarkt. In München fand sie im Mittelalter am Schrannenplatz, dem heutigen Mari­ enplatz statt und behielt ihre Bedeu­ tung bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Aus allen Teilen Ober­ und Niederbayerns, aus Tirol und Würt­ temberg kamen die Fuhrwerke mit Getreide, welches entweder in natura oder in Form von Mahlerzeugnissen verkauft wurde. Mit dem zunehmen­ den Wachstum der Stadt München und ihres Verkehrs erwies sich die Abhaltung der Schranne auf dem Marienplatz als unmöglich. Sie wurde daher im Jahre 1853 in die unter König Max II auf dem Gelände der ehemaligen Stadtbefestigung an der Blumenstraße erbaute Schrannen­ halle verlegt. Auch dort fanden sich am Schrannentag, dem Samstag, Käu­

fer und Verkäufer aus der näheren und weiteren Umgebung Münchens ein. Häufig war der Zulauf so stark, dass die Halle nicht ausreichte, und das Getreide auf der Straße gestapelt werden musste. Mein Vorgänger Feß­ ler berichtete mir, dass er noch Ende der 90er Jahre jeden Samstagvormit­ tag mit einem Säckchen Gold­ und Silbermünzen nach dem „Straubinger Hof“ ging, um dort mit den „Bauern­ rammeln“, wie er sich ausdrückte, abzurechnen. Mit der fortschreitenden Erschlie­ ßung des Landes durch die Eisenbahn waren allerorts landwirtschaftliche Lagerhäuser entstanden, die das Getreideaufkommen an sich zogen. Die Handelspartner, Getreidehändler von Stadt und Land, Müller und Brauer, schlossen sich nun unter der Firmierung „Freie Vereinigung“ in loser Form zusammen und tätigten ihre Geschäfte künftig in der „Neuen Welt“, einem Gasthaus gegenüber der Schrannenhalle. Das Lokal wechselte in der Folge mehrmals, bis die „Freie

Vereinigung“ schließlich beim Mün­ chener Handelsverein Aufnahme fand und Anlass zur Gründung der „Bayeri­ schen Warenbörse“ wurde. Durch den Wegfall des Direkteinkaufes bei den Bauern mussten die Münchener Müller zukünftig neben dem Erzeu­ gerpreis auch noch die Spanne des Händlers zahlen. Sie hatten damit gegenüber dem Provinzmüller, der seine Bauernverbindungen aufrecht erhalten konnte, einen erheblichen Nachteil.

Thomas Kraemer war von 1991 – 2003 Präsident der Bayerischen Warenbörse. Der beschriebene Wegfall des Direkteinkaufes bei den Bauern und die zu zahlende Handelsspanne an die Getreidehändler war – im Vergleich zu den direkt im Getreideanbau liegenden Mühlen – immer ein erheblicher Standortnachteil der Kraemer'schen Kunstmühle, der unter anderem einer der wesentlichen Gründe für die Stilllegung im Jahr 2007 war.


1863 –1891 · Gründung und Aufbau der Kraemer’schen Kunstmühle

Bis zur Verlegung in die Schrannenhalle im Jahre 1853 war der Münchner Marienplatz Hauptumschlagplatz für Getreide.

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1891 – 1926 Friedrich & Otto Kraemer: Idylle, Krieg und Inflation Nach der Chronik des ehemaligen Prokuristen Max Paintner


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1891 Friedrich und Otto Kraemer übernehmen die Geschäftsleitung. Die Mahlerzeugnisse werden größtenteils in München abgesetzt.

1900 Am Rhein entstehen erste Großmühlen, die bis München liefern. Mit deren günstigen Preisen und der guten Qualität können die bayerischen Mühlen nicht mithalten. Die Kraemer’sche Kunstmühle muss daher ihr Absatzgebiet vom Allgäu über Berchtesgaden bis zum Bayerischen Wald erweitern.

1906 Carl Jakob Kraemer stirbt im Alter von 72 Jahren.

1913 Das 50-jährige Bestehen der Mühle wird mit einem Festessen gefeiert.

1914 –18 Erster Weltkrieg: Die Mühle läuft Tag und Nacht, um Bevölkerung und Soldaten zu ernähren.

1919 Räterepublik: Die Mühle gerät in die Kämpfe zwischen der „Roten Armee“ und den „Weißen Truppen“.

1920 – 23 Inflation: Die Bäcker kommen mit Körben und Rucksäcken voller Geld, um Mehl zu kaufen. Nach dem Ende der Inflation hat die Kraemer-Mühle viel Geld verloren, das Haus in der Corneliusstrasse war verkauft worden.

1926 Friedrich Kraemer stirbt fast 70-jährig. Seine Erben sind die Tochter Wilhelmine Szekely de Doba und Friedrich Schmid, ihr Sohn aus erster Ehe.


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150 Jahre Kraemer’sche Kunstmühle

Impressionen aus dem Jahr 1903

Die Kraemer­Mühle stand frei, behä­ big und beherrschend im Talgrund der Untergiesinger Flur. Weitflächige Wiesen und Gärten umsäumten sie. Auf dem mühleneigenen Grund an der Schönstraße wurde sogar noch Getreide angebaut. Hätte nicht ein Straßenschild unmissverständlich „zur Kraemer­Mühle“ verwiesen, man wäre versucht gewesen, sie für einen vornehmen Landsitz zu halten. Unter Erlenbüschen das verträumt fließende Fehlbacherl, über das eine graziös geschwungene Betonbrücke in den Mühlenkomplex führte. Der Stall war mit tüchtigen Pferden, Och­ sen, Schweinen und Kühen besetzt. Der Geflügelhof mit seinen Hühnern, Gänsen, Enten und Kapaunen bildete eine Sehenswürdigkeit. Die gärtneri­

sche und landschaftliche Umrah­ mung der Mühle erregte das Entzü­ cken jeden Beschauers. Im Inneren der Mühle machten besonderen Eindruck die riesigen Zahnradgetriebe der drei Turbinen, durch die das Werk in Betrieb gesetzt wurde. Auf dem ersten Boden befan­ „Glück zu! Fremder Müller spricht um Arbeit zu.“ den sich die Maschinen der Getrei­ dereinigung, die Walzenstühle und Mahlgänge sowie ein Gewirr von Transmissionen, Elevatoren und Schneckentransportern. Bei einer Tagesleistung von 18 bis 20 Tonnen Weizen oder Roggen waren ein­ schließlich des Fahrpersonals ca. 18

Personen beschäftigt. Im Büro augen­ fällig waren vor allem zwei altertüm­ liche Stehpulte mit dazugehörigen Drehhockern, eine an der Wand befestigte Waschgelegenheit, ein Spucknapf und ein Kachelofen. Nicht zu vergessen eine umfangreiche Tele­ fonapparatur – Rufnummer 1395 – mit der man vermittels heftigen Drehens einer Kurbel das „Fräulein vom Amt“ anrief. Ein Kassenschrank, ein Zahl­ tisch, ein abseitiger Schreibtisch mit Kopierpresse und ein bescheidener Aktenschrank vervollständigten die Ausstattung des hohen, gewölbebe­ krönten Raumes. Obwohl durch zwei Fenster nur mäßig erhellt, strahlte er durch die in Weiß und Hellblau gestri­ chenen Möbel Wärme und Behaglich­ keit aus. Würdevoller und repräsenta­


1891–1926 · Friedrich & Otto Kraemer: Idylle, Krieg und Inflation

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Max Paintner im Büro

Mühle vom Hochufer

tiver war das anschließende Chefzim­ mer mit seiner Ausstattung in dunkler Eiche. Ein massiver Doppelschreib­ tisch mit behäbigen Drehstühlen, ein ebensolcher Schrank, ein Rundtisch, ein schwarzlederbezogenes Kanapee, eine Aktenkommode und ein Kachel­ ofen bildeten die Einrichtung dieses Raumes. Eine eichene Wandverklei­ dung unterstrich dessen repräsentati­ ven Charakter. Auch dieses Zimmer, wie überhaupt alle Räume im Erdge­ schoß des Wohntraktes der Mühle, war überwölbt. Die gleichmäßigen Abstände der massiven Tuffsteinsäu­ len, auf denen die Gewölbe aufsaßen, zeugten von den ehemaligen Hallen der Papiermühle, die durch Einfügen von Zwischenmauern zum Wohnen umgewidmet wurden.

Feierabend am Pfingstsamstag

Der Mittagstisch wurde im kleinen Speisezimmer neben der Müllerstube gereicht. Es gab einfache Haus­ mannskost von hervorragender Qua­ lität. Dafür bürgte die allseits bekannte und berühmte Kochkunst Lydia Kraemers. In der großen Mül­ lerstube war noch für die beiden Fuhrknechte, den „Rosser“ und den „Ochser“ sowie für das weibliche Dienstpersonal gedeckt. Auch die Müller saßen bis vor einigen Jahren hier am Tisch, galt es doch von alters her als selbstverständlich, dass der Müller im Haus Kost und Wohnung hatte. Allmählich setzte sich jedoch die Forderung nach Barentlohnung durch. Im Gegensatz zu dem frühe­ ren oftmaligen Stellungswechsel waren die Müller mehr und mehr

sesshaft geworden, hatten geheiratet und zogen damit naturgemäß die Verpflegung außer Hause vor. Dies umso mehr, als ihnen auch die Beschaffung einer günstig gelegenen Wohnung bei dem damaligen Woh­ nungsüberschuss keinerlei Schwierig­ keiten bereitete. Die jungen Müller pflegten noch auf die „Walz“ zu gehen, und es ver­ ging kaum ein Tag, an dem nicht einer seine Arbeitskraft mit den Wor­ ten anbot: „Glück zu! Fremder Mül­ ler spricht um Arbeit zu.“ Bekam er eine Stelle, so war seines Bleibens meist nicht von Dauer. Nach wenigen Wochen, bestenfalls Monaten schon, zog er weiter. War aber „nichts los“, so erhielt er das übliche Zehrgeld von 20 Pfennig.


1927 – 1944 Heinz und Walter Kraemer, der Zweite Weltkrieg und die ZerstÜrung Nach der Chronik des ehemaligen Prokuristen Max Paintner


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1927 Die Erbauseinandersetzung mit Friedrich Kraemers Tochter führt fast zum Auseinanderbrechen des Unternehmens. Heinz Kraemer tritt in den Betrieb ein und schlichtet den Streit, dessen finanzielle Folgen die Mühle jedoch auf Jahre hinaus wirtschaftlich schwächen.

1930 Nach einigen verlustreichen Jahren kann wieder ein bescheidener Gewinn ausgewiesen werden. Es fehlen jedoch Mittel, um die Mühle technisch zu modernisieren. Die akute Finanzkrise wurde erst behoben, nachdem Ottos Frau Anna das Erbe ihres Vaters, Kommerzienrat Jacobus Bucksath, in der Mühle einlegt. Es stehen nunmehr auch Mittel für die dringend nötige Verbesserung der maschinellen Einrichtung der Mühle zur Verfügung.

1935 Otto Kraemer stirbt, und sein Sohn Walter tritt als Gesellschafter in das Unternehmen ein.

1938 Die Modernisierung der maschinellen Ausstattung wird beendet. Hinsichtlich Qualität und Effizienz gehört die Kraemer’sche Kunstmühle jetzt zu den führenden Betrieben.

1938 Kauf der Böslmühle in Gräfelfing.

1944 Am 22. November wird die Kraemer’sche Kunstmühle nach einem gezielten Fliegerangriff total zerstört.

Rotes Mehl Am Morgen nach der Zerstörung: Durch die heftigen Bombeneinschläge lagen überall auf dem Grundstück die mit rotem Ziegelstaub vermischten Mehlvorräte. Die hungernde Giesinger Bevölkerung siebte und sammelte das Mehl.


1944 – 1949 Neues Leben blßht aus den Ruinen Nach der Chronik des ehemaligen Prokuristen Max Paintner


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1944 Es ist keine Frage, dass die Mühle, im Gegensatz zu anderen Münchner Mühlen, nach der Zerstörung sofort wieder aufgebaut werden soll. Ein provisorisches Büro findet sich in einer Wohnung in der Grünwalder Straße. Um den Kontakt zu den Bäckern nicht ganz zu verlieren, wird Mehl benachbarter Mühlen verkauft.

1945 Die Kraemer’sche Kunstmühle mahlt wieder eigenes Mehl in ihrer Mühle in Gräfelfing.

1945/46 Die maschinelle Einrichtung der Heeresmühle in Ingolstadt wird gekauft, von Walter Kraemer mit der Hilfe zweier Müller demontiert und nach München geschafft.

1947 Feierliche Grundsteinlegung, nachdem die Genehmigung des Bauantrags vorlag, was äußerst schwierig war.

1949 Festliche Einweihung des nach Plänen des Architekten Prof. Theo Lechner errichteten neuen Mühlengebäudes sowie der Turbinenanlage.

Schafherde Den Giesingern ein vertrautes Bild war Schäfer Bauernfeind mit seiner Herde. Zweimal jährlich grasten seine Schafe bis zum Beginn der 60er Jahre die freien Wiesen und den Isarhang ab.


2008 – 2012 Die KraemerMühle erfindet sich neu Nach der Chronik von Günter Pemsel


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2008 Demontage der Mühlentechnik

2009 Umbau der Wasserkraft

2010 Beginn der Bauarbeiten in der Mühle und Abriss des Silos

2011 Fertigstellung der Mühle und Beginn der Bauarbeiten am Silo

2012 Feierliche Einweihung

Das im Wasser liegende Laufrad der Francis-Turbine (mit geschlossenen Leitschaufeln)

Bei der Kraftübertragung durch den Treibriemen vom Schwungrad der Wasserturbine auf den Generator entstand in den Räumen der Mühle ein Geräusch, verursacht durch den Körperschall. Um später bei der Vermietung keine Überraschungen zu erleben, wurden nach vorsorglichen Messungen eines Ingenieurbüros das in die Jahre gekommene Getriebe und der Generator ersetzt. Beide wurden direkt auf der Turbine montiert, getrennt von Dämpfelementen, die die Schallübertragung auf diese Weise erheblich reduzieren. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass damit sogar eine etwas höhere Stromleistung erreicht werden kann.


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Bundesverdienstkreuz für Thomas Kraemer Thomas Kraemer war neben seinem Engagement im eigenen Betrieb in diversen Ehrenämtern der Branche tätig. Dafür wurde ihm vom Bundes­ präsidenten das Bundesverdienst­ kreuz verliehen. Die Fachzeitschrift „Mühle + Mischfutter“ veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 24. Februar 2011 folgende Würdigung dazu: „Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer überreichte im Beisein des ehemaligen Bundeswirtschaftsminis­ ters und Müllermeisters Michael Glos und des Ministerialrates im bayeri­ schen Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft Franz Donauer am 19. Januar in Berlin das Bundes­ verdienstkreuz an Thomas Kraemer.

150 Jahre Kraemer’sche Kunstmühle

Damit wird sein außerordentliches Engagement für die Mühlenwirtschaft, insbesondere seine Sachkompetenz und Überzeugungskraft, sowie seine persönlichen Bemühungen für die bayerischen und deutschen Getreide­ mühlen auf Bundes­ und Europaebene gewürdigt. In seiner Festansprache stellte Dr. Ramsauer die Leistungen von Thomas Kraemer für den stufen­ übergreifenden Dialog in der gesam­ ten Wertschöpfungskette Getreide, die Anpassung der Mühlenstruktur an die Entwicklung im vor­ und nachge­ lagerten Bereich sowie die Verbesse­ rung von Qualität und Wertschöpfung heimischer Lebens­ und Futtermittel heraus. Er habe den Wandel der Müh­ lenbranche maßgeblich mitgestaltet, führte Dr. Ramsauer aus. Weiterhin fanden die Verdienste um die Integra­ tion der Getreidemühlen in den neuen

Bundesländern in die berufsständi­ schen Organisationen eine besondere Erwähnung. Thomas Kraemer war seit 1985 Vorsitzender des Verbandes Bayeri­ scher Handelsmühlen, im gleichen Jahr wurde er stellvertretender Vor­ sitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Handelsmühlen (ADH). Von 1991 bis 2003 war er Präsident, seither stellvertretender Präsident der Bayerischen Warenbörse in München. Bereits 2003 wurde er für seine Verdienste um die Land­ und Müh­ lenwirtschaft mit der Silbernen Staatsmedaille des Freistaats Bayern ausgezeichnet, sowie 2007 mit dem Großen Bayerischen Löwen. Thomas Kraemer ist zudem Ehrenmitglied des Verbandes Deutscher Mühlen, der zu dieser hohen Ehre herzlich gratulierte.“


2008 – 2012 · Die Kraemer Mühle erfindet sich neu

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„Glück zu“! Reinhard Kraemer, der bis 2005 die Geschicke des Unter­ nehmens mitgestaltete hatte, streifte die Vergangenheit, in der auch mal Elefanten aus dem nahen Tierpark Hella­ brunn vor einen Anhänger mit Mehlsäcken gespannt wur­ den. Mit bewegten Worten schilderte er unter anderem die dramatische Situation, als das Anwesen im Zweiten Welt­ krieg 1944 durch einen Bombenangriff komplett zerstört wurde. Markus Kraemer, seit 2006 als Nachfolger seines Vaters Reinhard mitverantwortlich in der Geschäftsführung, bekannte, dass die Entscheidungs­ und Planungsphasen der letzten Jahre auch ein unternehmerisches Risiko dar­ stellten, nicht immer frei von Zweifeln. Motiviert und beru­ higt wurde er dann immer durch die Vision wie die Mühle einmal nach dem Umbau ausschauen könnte, verbunden mit dem Spruch von Hilde Domin: „Ich setzte meinen Fuß in die Luft – und sie trug“. Wer ein Wagnis eingeht, muss vertrauen, dass es gelingt. Die Entscheidung zur Stillle­ gung und zum Umbau war ein solches Wagnis, bei dem man nicht von Anfang an sicher sein konnte, wie es ausge­ hen würde. Aber inzwischen konnte er erleichtert feststel­ len: „Die Luft trägt“. Für Ihren Beitrag hierzu dankte er allen Anwesenden. Für die musikalische Auflockerung sorgten Karl und Fidi Edelmann, Klarinette, Franz Eimer, Harfe, und Peter Clemente, Kontrabass. Nach dem Genuss des üppigen Büf­ fets im obersten Stockwerk des Silobaus nahmen die Gäste die Gelegenheit zu bewundernder Besichtigung wahr. In Architekturkreisen sorgte die neue Gestaltung der Kraemer’schen Kunstmühle für Aufmerksamkeit und Aner­ kennung. Die Bayerische Architektenkammer wählte das Ensemble bei den „Architektouren 2012“ als Vorzeigeob­ jekt aus, wobei sich einige hundert Interessierte am Tag der Besichtigung ein positives Urteil bildeten. Auch bei der von der Messe München am 18. Januar 2013 zum Thema „Die Zukunft des Bauens“ veranstalteten „langen Nacht der Architektur“ wurde die Kraemer’sche Kunstmühle neben so berühmten Bauwerken wie Central Tower, Alli­ anz Arena, Bayerischer Hof oder BMW Welt ausgewählt. Zwischen 19 und 24 Uhr fuhren Busse 40 architektonisch sehenswerte Gebäude an. Über 400 Besucher führte das Architektenehepaar Schindhelm bis nach Mitternacht durch das Bauwerk. Ein weiteres Zeichen, dass man einen richtigen Weg eingeschlagen hatte. Auf eine positive Zukunft, mit dem alten, vertrauten Müllergruß „Glück zu“!


Impressum

Konzept: Thomas Kraemer, Markus Kraemer, Christian Hölzl, Kareen Klug texte: Max Paintner, Günter Pemsel Reinhard, Thomas und Markus Kraemer lektorat: Dorit Zimmermann Gestaltung: HUND B. communication, München Christian Hölzl, Kareen Klug Druck: Bosch-Druck GmbH, Landshut

© 2014 Kraemer’sche Kunstmühle GmbH & Co. KG Fotos aus dem Archiv der Kraemer’schen Kunstmühle und von Radmila Kerl, Quirin Leppert und Markus Sippl. Bild Seite 41: akg-images

150 Jahre Kraemer'sche Kunstmühle. Leseprobe.  

150 Jahre Kraemer'sche Kunstmühle. Chronik eines Familienunternehmens. Gebundene Ausgabe, käuflich erhältlich in der Kraemer'schen Kunstmühl...

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