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Schlüsselblümchen für Tante Lina pflücken

der Holzsplitter, den Papa mir aus dem Finger holte

Jung. Kreativ. Unerfahren.

der Geruch von Kölnisch-Wasser in der Sakristei Höhenflüge

das Dschungelbuch, mein erster Kinofilm

Zeitzeugen Plätzchen backen mit Oma Ideale

Harras‘ Nackenfell kraulen Raritäten

der Geschmack von Hotdog mit ungarischem Apfelsaft

Rhizom · Das Magazin des

Schlittschuhlaufen auf dem Darnsee

Fachbereichs Design · FH Münster · 2 | 2006

das erste Mal den Eiffelturm sehen

Originale

Macher

Abb. 1 Wertsache


Editorial

2


RHIZOM | Editorial

Rhizom. Die zweite Ausgabe. Aber was ist Rhizom? In erster Linie das Projekt „Zeitschrift am Fachbereich Design“ der Fachhochschule Münster. Aber warum „Rhizom“? Ein Rhizom (griech.: Wurzelstock) ist der unterirdische Teil von Pflanzen, der den Winter überdauert und räumlich unberechenbar und regelmäßig in dem Maß nach vorne wächst, in dem er hinten abstirbt. Ein Rhizom ist keine Organisationsform, sondern löst als subversives Element verhärtete Strukturen auf. Es sollen möglichst viele Verbindungen zwischen einzelnen Menschen und Organisationen geschaffen werden. Das alles ist ein Magazin. Selbst geschrieben, selbst gestaltet und produziert. Warum ein Projekt „Zeitschrift“? Wissen kommt von Erfahrung, Wirklichkeit von den Sinnen. Kommunikation ist ein Prozess von innen nach außen. Daher beginnt die Leistung in diesem Projekt mit dem aktiven Zuhören, setzt sich fort im Mitdenken und mündet im visionären Umsetzen. Das Magazin „Rhizom“ leistet, was der Entwurf allein nicht leisten kann. Weil er sichtbar macht, was sein kann. Das Projekt hat dadurch seinen Wert und Rhizom sein Thema:

Wertsache.

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Rarit채ten

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RARITÄTEN | Inhalt

Mit Charme und Etikette von Sabine Feldmeyer

Salz ist wertvoller als Gold von Stefanie Hänschke

14–23

8–13

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Charles Bukowski: Der Tod des Vaters von Sarah Held

24–29

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RARITÄTEN | Mit Charme und Etikette | Sabine Feldmeyer

Ahnungslos sitze ich mit sorgfältig ausgesuchten Knabbereien auf dem Sofa und widme mich meiner Lieblingsbeschäftigung „Fernsehen“. Die gutgepflegte Moderatorin, in einem Traum von violettem Tweed, redet mit einem Professor aus BadenWürttemberg über den Sittenverfall in Deutschland. Bislang funktionieren meine biorhythmuserhaltenden Funktionen noch in gewohnter Weise. Doch die weiteren nicht enden wollenden Gesprächsblasen führen zu einem intensiven Blutdruckanstieg. Natürlich sind es mal wieder wir, die jungen Dinger, die keinerlei Anstand und Manier beweisen! Das Wort Etikette scheint uns fremd und Benimm ein Rätsel, das wir noch nicht einmal zu lösen versuchen! „Nein!“ schreit es stumm aus meinem Bauch. Natürlich weiß ich, wie ich mich wo zu verhalten habe! ... Meine Entrüstung erstickt den aufkommenden Verdacht, dass ich von Etikette keinen blassen Schimmer habe im Keim. Der Beschluss ist gefasst! Ein Knigge muss her! Die Probe aufs Exempel gemacht!

Erster kleine r Erfolg Gleich zu Anfang fällt mir eine Passage über Hände in Taschen ins Auge. Aufgeregt muss ich lesen, dass es heutzutage ganz und gar nicht mehr als unhöflich gilt, bei einem Gespräch die Hände in den Taschen zu haben. Da der Knigge es ganz genau nimmt, wird ausdrücklich auf den Zusatz hingewiesen, dass die Hand einerseits in der Hosen- als auch in der Jackentasche bleiben darf!

Unglaublich, über was man sich so alles Gedanken machen kann ... Triumphierend stecke ich die Hände in meine Hose und muss an die zahlreichen Ermahnungen meiner Mutter denken. Somit handelte ich also jahrelang unschuldig, durchaus legitim und wurde zu Unrecht gestraft.

Das Büchlein in der Hand, möchte ich das erste Zitat kurz für alle Unwissenden präsent halten: „Gut durchdachte Formalitäten sind das Öl im Getriebe des menschlichen Miteinanders.“ „Ja, gut, äh,“ denke ich und will einmal von der schwulstigen Formulierung abgesehen, nicht widersprechen. Besonders aufgehoben fühle ich mich durch diesen Einstieg zwar nicht, doch warten wir, was kommt.

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Der E insti eg Zwei Seiten später, das Kapitel zum Thema Grüßen und Duzen. Vielleicht sollte ich es überschlagen. Dabei ist mir nicht so wohl. Gehöre ich doch zu der Sorte Mensch, die sich einbildet, unerkannt von A nach B zu kommen. Betritt man ein Zugabteil, ein Wartezimmer, ein Restaurant, einen Fahrstuhl, einen Hotelflur, einen Supermarkt, wird man angehalten, freundlich zu grüßen.

„Aber das kann doch unmöglich für das Münsterland gelten!“ Wir sind Westfalen, seit Jahrhunderten fließt bäuerliches Blut durch unsere Adern und die rauhe Arbeit auf dem Feld hat uns hart gemacht. Gemeinhin als unterkühlt und schwer knackbar bekannt, bezeichnen uns ehrliche Geister als Stoffel. Wie um alles in der Welt soll man an so vielen Orten grüßen, ohne diesen Ruf zu zerstören? Schließlich denke ich heute noch bei jedem Arztbesuch: „Wer sind diese armen Irren, die das Wartezimmer mit einem freunlichen ‚Guten tag‘ betreten?“ Doch bei aller bäuerlicher Sturköpfigkeit bleibt sich wohl einzugestehen, dass man sich beim Grüßen keinen Zacken aus der Krone bricht. Kennt man sich gut, darf es auch die klassische Umarmung mit Küßchen sein. Der Ursprung dieser Begrüßung stammt aus der Bibel und wird als „Bruderkuss“ bezeichent. Man küsst normalerweise zweimal, erst links dann rechts und bitte den Kuss nur andeuten! Duzen Grundsätzlich gilt: „Der Ranghöhere darf es anbieten und nicht zwingend der Ältere.“ Des Weiteren gibt der Knigge eine interessante Hilfestellung beim Thema Duzen oder Siezen in der Öffentlichkeit. Jeder von uns hat es schon einmal gehört. Man steht in einem Kaufhaus, Supermarkt etc. und hört die Fachkraft zur linken zu ihrer Kollegin herüberrufen: „Frau Scheckermann, gibst du mir mal den Kassenschlüssel?“ Natürlich rümpft man bei solcherlei Komposition deutscher Sprache die Nase. Schließlich kann das doch nicht wirklich die beste Lösung sein. Was sagt uns der Knigge dazu? Der rät uns den Vornamen der Kollegin zu nennen und sie trotzdem zu siezen. Also eher so: „Gudrun, geben Sie mir mal den Kassenschlüssel?“ Jetzt bin ich durchaus zufrieden. Das hat wirklich eine ganz andere Spracheleganz als der erste Versuch! Ich denke, ich werde bei meinen Aushilfsjobs weiterhin alle Kolleginnen siezen, auch wenn ich sie in der Mittagspause duze.

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RARITÄTEN | Mit Charme und Etikette

Tele fo n Es ist möglich einiges falsch zu machen! Das fängt schon mit der Tageszeit an, zu der man in einem Privathaushalt anruft. Werktags sollte nicht vor 9:30 Uhr und nicht nach 20:00 Uhr, nicht zwischen 12:30 bis 14:00 Uhr und an Feiertagen sowie am Wochenende nicht vor 11:00 Uhr telefoniert werden. Leider muss ich mir hier eine glatte Sechs geben! Bis

auf die Wochenend- und Feiertagregel, die ich nicht brechen kann, da der Student ja gerne etwas länger schläft, rufe ich in allen unüblichen Zeiten äußerst gerne an. Aber nicht nur die Zeit des Anrufs entscheidet, auch die Anrufannahme ist gar nicht so einfach. Ein bloßes „Ja“ oder „Hallo“ kommt laut Knigge einer Todsünde gleich. Der Nachname muss genannt werden, alles andere ist furchtbar unhöflich. Dem kann ich beipflichten! Leider versage ich auch hier gnadenlos! Eine Passage ist auch dem Besprechen von Anrufbeantwortern oder wie der Knigge es formuliert: „elektronischen Ersatzgesprächspartnern“ gewidmet. Der Spruch muss kurz sein, da der Anrufer das Gespräch zahlt, und außer dem Namen und einem Hinweiß, dass es sich hier um eine Maschine handelt, nichts weiter enthalten. Der Anrufer ist übrigens verpflichtet auf den AB zu sprechen. Alles andere ist natürlich als grobe Unhöflichkeit zu werten. „Schade!“ Vorbei die Zeit der Kreativität durch mu-

sikalisches Begleitgerumse und pfiffig zurechtgelegte Reime. Würden doch mehr Anrufer die Regel mit dem Besprechen beherzigen! Dann müsste ich mir abends nicht immer die Aufnahmen von Gerausche und Geknacke anhören ... Auch mobil telefonieren kann so schwer sein. Natürlich gilt es das Handy im Kino, Theater etc. auszuschalten. Im Café oder Restaurant gilt der Lautlosmodus und gänzlich verboten ist die Benutzung in Flugzeugen, Krankenhäusern und Tankstellen. Mehr als ein müdes Lächeln dürfte die Regelung im Thea-

ter oder Kino zumindest bei demjenigen nicht hervorrufen, der nicht schon einmal durch Zuwiderhandlung die rohe Gewalt der Verachtung zu spüren bekommen hat. „Was war das eigentlich mit dem Telefonverbot an Tankstellen?“ Diese berühmten Bierbeschaffungsanrufe, die nochmal eben regeln, wer welche Kräcker und wieviel Flaschen Pils braucht? Das scheint mir eine ungerechte Regel, deren Existenz ich kaum erdulden kann ...

Netike tte Was ist das jetzt für ein Wort? „Well, der Ami hat`s erfunden!“ Und deswegen ist es eine Kombination aus „net” (Netz) und Etikette. „Toll!“ Der Knigge bezeichnet Menschen, die meinen, ohne Netikette auskommen zu können, als Internetrüpel! Folgendes sollte man also beachten:

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RARITÄTEN | Mit Charme und Etikette

In einer E-Mail gilt es Höflichkeit zu bewahren, kurz und knapp zu formulieren, Ironie zu vermeiden, sein Gegenüber niemals auf Fehler in Rechtschreibung und Grammatik hinzuweisen und die Groß- und Kleinschreibung zu beachten. „Endlich, sagt`s mal einer!“ Dachte

schon, ich wäre der einzige Depp, der noch Mails verschickt, die nicht ausschließlich aus Kleinschreibung bestehen ... Wahrscheinlich bin ich der einzige Depp, aber dafür mit Stil und Netikette! Da war doch noch was! Im letzten Absatz heißt es: „Seien Sie tolerant gegenüber Mängeln eines Korrespondenzpartners.“ Dies möchte ich auch allen Leuten sagen, die mir andauernd Dateianhänge in Größendimensionen senden, denen mein 56-K-Modem noch nicht einmal gewachsen wäre, hätte Xzibit es gepimpt.

Wo wir doch gerade beim Thema Schreiben sind: Bei der Anschrift von zusammenlebenden Paaren wird korrekterweise zuerst der Name des Mannes genannt und dann die Frau. Wobei genau das Umgekehrte in der Anrede von Briefen und Postkarten gilt. Akademische Titel und Ehrentitel finden ausschließlich beim Titelträger selbst Verwendung. Dies dürfte

ein großer Schock für die armen Zahnarztfrauen sein, die uns seit Jahren „Perlweiß“ verkaufen wollen ...

Wer g eht wo ? Die rechte Seite ist die Ehrenseite und damit lässt man die Dame und höherrangige Personen auf seiner rechten Seite gehen. Als Beschützer stellt man sich so vor eventuelle Gefahren aus dem Straßenverkehr. Auf der Rolltreppe im Kaufhaus gilt: links gehen, rechts stehen! Kein Volk beherscht dies so gut wie die Engländer. Leider habe ich den Eindruck, dass wir dafür noch ein bisschen brauchen. Steigt man in einen Bus ein, geht die Dame immer voran, während beim Aussteigen der Herr zuerst aussteigt und der Dame behilflich ist. Ohne die Herren meines Alters brüskie-

ren zu wollen: „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir je schon mal so eine Behandlung zuteil wurde.“ Kleine Tischre ge ln Sollten sich nicht alle kennen, wird die Dame dem Herrn vorgestellt, der Jüngere dem Älteren und der Ranghöhere dem Rangniederen. Die Serviette gehört natürlich auf den Schoß und nicht in den Ausschnitt. Wer Hunger hat, darf seinem Teller ruhig leer essen. Das gilt auch für die Dekoration! Das Besteck wird von außen nach innen gebraucht, was wir alle spätestens seit „Pretty Woman“ wissen dürften. Man greift nie über den Teller seines Nachbarn, stattdessen lässt man sich die Dinge anreichen. Wenn man aus einem neuen Weinglas trinkt, darf das alte nicht mehr geleert werden. Angestoßen wird mit Wein, Champagner und Sekt, niemals hingegen mit Bier oder Longdrinks. Geraucht werden darf während des Essens natürlich nicht! Ganz großer Verstoß gegen die Etikette! Nach dem Essen werden die Umsitzenden gefragt, ob es sie stört, und erst dann wird gequarzt. Rauch bitte nie in das Gesicht eines Anwesenden blasen! Als eingefleischter

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Biertrinker möge man mir doch bitte nachsehen, dass ich immer wieder ohne Reue mit Gleichgesinnten anstoße ...


Zu anstrengend? Das Problem der Unhöflichkeit hat wohl eher keine Altersbeschränkung! Höflichkeit erfordert Umsicht, und die erfordert Anstrengung. Da der Mensch von Natur aus eher als faul bekannt, wird es auch immer wieder Personen geben, die keinen Sinn darin sehen, Umsicht zu zeigen. Die benannten Regeln bieten lediglich eine Hilfestellung und sind trotz angestrengter Suche schon lang nicht mehr so verknöchert wie ihr Ruf. Die Verursacher des Sittenverfalls werden mit Vorliebe bei den jungen Generationen gesucht. Diese zeichnen sich durch verlottertertes Großwerden und eine fragliche Kinderstube aus! Ob das wirklich stimmt, wage ich zu bezweifeln. Wer eine gute Erziehung genossen hat, wird durchaus ein Interesse haben, es an seine Kinder weiterzugeben, schon allein, damit sie ihm nicht gnadenlos auf dem Kopf herumtanzen. Somit dürften auch ein paar junge Dinger noch wissen, wie man das Wort „Höflichkeit“ schreibt. Aber vielleicht ist es gut, dass jede Generation auf die folgende schimpft. Schließlich muss man sich ja an etwas festhalten können und sei es, dass man eben noch zu der letzten manierlichen Art gehört hat! Das macht es auch leichter für die Nachkommen, die sich so besonders angespornt fühlen dürfen, das Gegenteil zu beweisen!

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RARITÄTEN | Charles Bukowski: Der Tod des Vaters | Sarah Held

Der Tod des Vaters

Eine Woche nach dem Tod des Vaters stand ich allein in der Küche seines Hauses in Arcadia. Ich war dem Haus schon seit Jahren nicht mehr näher gekommen als bis zum Freeway, auf dem ich vorbeifuhr, wenn ich unterwegs war zur Galopprennbahn von Santa Anita.

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RARITÄTEN | Charles Bukowski: Der Tod des Vaters

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»Du siehst genau wie dein Vater aus.« »Ja, das höre ich öfter.« Wir saßen da und sahen einander an.

»Kommen Sie doch rein, Mr. Hudson.“

»Oh«, sagte die Frau, »diese vielen Bilder an den

Noch mehr rückten an. Meistens Ehepaare. Bald

Wänden. Er muß Bilder sehr gemocht haben.«

stiefelten sie im ganzen Haus herum.

»Ja, sieht so aus, nicht?«

»Hast du vor das Haus zu verkaufen?«

»Von dem da mit der Windmühle im

»Ich glaube, ja.«

Die letzten Formalitäten hatte ich gerade hinter mir.

Sonnenuntergang bin ich ganz begeistert.«

»Es ist eine hübsche Gegend. Lauter nette Leute.«

Ich zapfte mir an der Küchenspüle ein Glas

»Sie können es haben.«

»Ja, das sehe ich.«

Wasser und trank es, dann ging ich hinaus in den

»Ja? Wirklich?«

»Oh, ich liebe diesen Rahmen, aber das Bild gefällt

Vorgarten. Die Nachbarn kannten mich nicht.

Es läutete an der Tür. Die Gibsons. Auch sie stellten

mir nicht.«

Da mir nichts Besseres einfiel, nahm ich den Garten-

sich als alte Nachbarn meines Vaters vor.

»Nehmen Sie den Rahmen.«

schlauch in die Hand, drehte das Wasser an und

»Du siehst genau wie dein Vater aus«, sagte Mrs.

»Aber was soll ich mit dem Bild machen?«

begann die Sträucher zu wässern. Da und dort wurde

Gibson.

»Werfen Sie´s in den Müll.« Ich schaute mich um.

jetzt ein Fenstervorhang beiseite gezogen.

»Henry hat uns das Bild mit der Windmühle

»Wenn jemand ein Bild sieht, das ihm gefällt – bitte,

Dann kamen sie aus ihren Häusern. Eine

geschenkt.«

greifen Sie nur zu.«

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Frau kam von der anderen Straßenseite herüber.

»Das ist ja nett. Ich liebe das Bild mit dem blauen

Das taten sie. Bald waren die Wände kahl.

»Bist du Henry?« fragte sie.

Pferd.«

»Brauchst du die Stühle da?«

Ich sagte ihr, dass ich es war.

»Sie können es haben, Mrs. Gibson.«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Wir haben deinen Vater gut gekannt.«

»Oh, das ist doch nicht dein Ernst, oder?«

Leute, die zufällig auf der Straße vorbeikamen, schau-

Jetzt kam auch ihr Mann herüber. »Wir kannten auch

»Doch, nehmen Sie´s nur.«

ten herein und machten sich nicht einmal die Mühe,

deine Mutter«, sagte er.

Es läutete wieder und ein weiteres Ehepaar kam her-

sich vorzustellen.

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Ich stellte das Wasser ab. »Wollen Sie nicht reinkom-2

ein. Ich ließ die Tür gleich offen. Kurz danach steckte

»Was ist mit dem Sofa?« fragte jemand mit sehr

men?« fragte ich. Sie stellten sich als Tom und Nellie

ein Mann den Kopf herein. »Ich bin Doug Hudson.

lauter Stimme. »Wollen Sie das?«

Miller vor, und wir gingen ins Haus.

Meine Frau ist beim Friseur.«

»Nein, ich will kein Sofa.«

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»In der Garage hatte er einige Gartengeräte. Was ist mit denen?« »Nein, die behalte ich lieber.« »Ich gebe dir fünfzehn Dollar dafür.« »Okay.«

Sie nahmen das Sofa, dann den Esstisch und die

Er gab mir die fünfzehn Dollar, und ich gab ihm

Stühle.

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den Schlüssel zur Garage. Kurz danach

»Du hast doch sicher auch irgendwo einen Toaster,

»Oh, ich will die Erdbeeren!«

nicht, Henry?«

»Oh, ich will die Feigen!«

Sie nahmen den Toaster.

»Oh, ich will die Marmelade!«

»Du hättest ihm nicht alles für fünfzehn Dollar

»Die Teller da brauchst du doch nicht, oder?«

Leute gingen und kamen wieder und brachten

geben sollen, Henry. Es war viel mehr wert.«

»Nein.«

noch welche mit.

Ich ging nicht darauf ein.

»Und das Besteck?«

»Hey, hier steht ne Flasche Whiskey im Hänge-

»Was ist mit dem Wagen? Er ist vier Jahre alt.«

»Nein.«

schrank! Trinken Sie, Henry?«

»Ich glaube, den behalte ich.«

»Was ist mit der Kaffeekanne und dem Mixer?«

»Lassen Sie den Whiskey mal da.«

»Ich gebe dir fünfzig Dollar dafür.«

»Nehmen Sie nur.«

Das Haus wurde langsam voll. Ich hörte die

»Nein, den Wagen behalte ich.«

Eine der Damen entdeckte die Speisekammer.

Klosettspülung. In der Küche stieß

Jemand rollte den Wohnzimmerteppich zusammen.

»Was ist mit all den Obstgläsern?

jemand ein Glas von der Spüle, und es zerschellte

Danach verloren sie das Interesse. Bald waren

Das können Sie ja gar nicht alles essen.«

am Boden.»Den Staubsauger solltest du

nur noch drei oder vier Leute da. Dann gingen auch

»Also gut, jeder soll sich was nehmen. Aber verteilen

nicht hergeben, Henry. Den kannst du für deine

sie. Sie ließen mir den Gartenschlauch, das Bett,

Sie´s ein bißchen gerecht.«

Wohnung gebrauchen.«

den Kühlschrank, den Herd und eine Rolle Klopapier.

hörte ich, wie er den Rasenmäher über die Straße zu seinem Haus schob.

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RARITĂ„TEN | Charles Bukowski: Der Tod des Vaters

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Ich ging hinaus zur Garage. Zwei kleine Jungen auf Rollschuhen kamen vorbei und hielten an, als ich gerade die Garage abschloß. »Siehst du den Mann da?« »Ja.« »Dem sein Vater ist gestorben.« Sie rollten davon. Ich nahm wieder den

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Gartenschlauch in die Hand, drehte

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die Spritzdüse auf und wässerte die Rosen.

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Höhenflüge

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HÖHENFLÜGE | Inhalt

Du bist Weltmeister! von Judith Schäffer

32–37

Triebspiel von Marieke Hartrampf

38–43

56 Tage quer durch Brasilien von Anna Müller-Horn

44–51

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HÖHENFLÜGE | Du bist Weltmeister! | Judith Schäffer

BIST

DU 32


Nee, ich bin doch kein Fußballfan! Jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne. Aber alle 2 Jahre (dummerweise mitten im Sommersemester) da packt mich dann kurzfristig doch das Fieber…

Alles begann 1990. Da war ich ganze acht Jahre alt. Deutschland wurde Weltmeister und ich war zum ersten Mal unsterblich verliebt. In Pierre Littbarski. An die näheren Umstände kann ich mich heute leider beim besten Willen nicht mehr erinnern (vielleicht waren es seine unglaublichen OBeine, die mich so faszinierten), aber von da an war ich natürlich vorerst der größte Fan des 1. FC Köln. Meine Vereinstreue hielt allerdings nur solange an, bis kurze Zeit später Günther Jauch mit „2 im Zweiten“ in mein Leben trat. Den wollte ich sofort heiraten und Pierre, Icke und Co waren da verflixt schnell vergessen.

>>

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IDEALE | Hast Du Werte? | Milena Fischer

Du 64


Antworten für Wertsucher Man kann sich als angehender Designer die Frage stellen, ob man sich darauf freut, unsere Welt demnächst mit eigenen Verheißungen von Geiz, Gier und Geilheit zu beglücken. Man sollte sich diese Frage stellen. Kommt man zu dem Schluss, sinnentleerte Werbewirkungen sind nicht der hellste Stern am eigenen Zukunftshimmel, hat man möglicherweise die laut pochende Frage im Kopf: Was will ich dann? Der erste Schritt ist, sich zu entspannen, zurückzulehnen und darauf zu besinnen, was einem selbst wichtig ist. Das reicht aber noch nicht. Als nächstes muss man sich – als Mensch vielleicht – als Gestalter in jedem Falle darüber Gedanken machen, was anderen etwas bedeutet. Was sie haben und lieben, was sie sich wünschen und vielleicht, wovon sie träumen. Ist das vielleicht tatsächlich Geiz? Um nicht nur Vermutungen anzustellen und im Dunkeln umherzuirren, ist es am besten diese anderen selbst zu fragen. Antworten können einem wertsuchenden Gestalter Richtungen weisen und Gespräche können, außer einer erhellenden, möglicherweise eine beglückende oder gar beflügelnde Wirkung haben. Auf den folgenden Seiten antworten Menschen unserer Generation auf die Frage nach dem, was ihnen persönlich etwas wert ist und welche Werte sie haben. Was davon gesellschaftlich eine Rolle spielen könnte, darüber mache sich der Leser ein Bild …

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ist 24 und studiert freie Kunst

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IDEALE | Hast Du Werte?

„Wenn man den Anspruch hat, wirklich ehrlich zu sein zu sich und zu anderen Menschen, muss man permanent mit sich selbst reden“

Es sind ganz viele kleine Sachen, die für mich wertvoll sind. Ich verbinde viel mit bestimmten Geräuschen, zum Beispiel als Kind im Bett zu liegen und durch die verschlossene Zimmertür zu hören, dass meine Eltern sich unterhalten oder dass der Fernseher läuft. Das Geräusch der Kaffeemaschine, wenn es morgens langsam hell wurde, oder meinen Vater zu hören, wenn er Korrekturen auf seiner Schreibmaschine machte. Das meine ich mit ‚solchen Geräuschen‘ und man könnte auch sagen, sie stehen für Geborgenheit. Viel verbinde ich auch mit bestimmten Momenten. Einfach mitten am Tag ein Gefühl von Freiheit zu haben, wenn ich alleine unterwegs bin und plötzlich merke ‚Ich entscheide jetzt grade’. Im Bezug auf andere Menschen glaube ich, dass sie wichtig sind, um ein Bild von sich selber zu bekommen. Wenn mir jemand viel wert ist und ich versuche, mir eine Vorstellung von ihm zu machen, zum Beispiel um ihn zu beschenken, geschieht das aus meiner Sicht der Dinge. Dann merke ich mich ganz deutlich und komme mir selber ganz nah.

Ich halte es für sehr wichtig, ehrlich zu sein, zu sich und zu anderen, wobei Ehrlichkeit natürlich verletzend sein kann, und die Frage ist, ob man dem anderen zutraut, damit umgehen zu können. Man kann so eine Sache nicht als Lebensziel haben und es gnadenlos verfolgen, denn da spielen dann andere Werte mit rein. Ich habe immer gedacht, dass ich ein gläubiger Mensch bin, und lange noch gebetet, wie früher mit meiner Großmutter. Irgendwann aber war das für mich ein Zwang und nichts Freies mehr, und das hat sich falsch angefühlt. Ich meine, das muss aus vollster Überzeugung, aus vollstem Herzen kommen oder gar nicht, denn ansonsten ist es unehrlich und damit für mich nicht wertvoll. Ich glaube, das funktioniert in der Kirche oder im christlichen Glauben selten, denn wenn man ehrlich darüber nachdenkt, ist es immer ein Kampf, nach den Geboten zu handeln. Auf der anderen Seite kann ich im Zusammenleben mit Menschen nicht immer machen, was ich fühle. Da ist es wichtig, Kontakt zu haben zu anderen und miteinander zu reden – und mit sich selbst.

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IDEALE | Hast Du Werte?

Der wichtigste persönliche Wert für mich ist Respekt. Respekt gegenüber Menschen und unserer Umwelt. Das ist die Bedingung für Vertrauen und Freundschaft, was mir viel wert ist. Wirkliche Liebe bedingt Respekt dem oder der Geliebten gegenüber. Klar ist, dass die Person, die man liebt, einem viel wert ist. Sich ausdrücken und entfalten zu können, hat für mich hohen Stellenwert. Es wäre schön, dafür in Münster einen Nährboden zu finden, auf dem das Arbeiten mit Andersdenkenden möglich ist. Den Wunsch, mich visuell und medial zu bilden und zu artikulieren, trage ich wohl schon relativ lange in mir. Wenn man manchmal das Gefühl hat, die Perspektive, die man auf manche Dinge hat, sei interessant, durchdacht oder einfach nur anders, dann ist sie das vielleicht nicht nur für einen selber, sondern auch für andere. Ich bin noch ziemlich unbedarft, welche Facetten die Bereiche Design und Kunst haben, aber um diese Welt zu erkunden, bin ich hier.

„Guten Tag. Das hier ist ihr Weltbild. Dankeschön.“ Im gesellschaftlichen Umgang haben Höflichkeit und Offenheit für mich großen Wert. Respekt oder auch ein gewisser Ehrenkodex – dabei denke ich nicht an schlagende Verbindungen oder die antiquierte Definition von Respekt – ist mir zumindest unter meinen wahren Freunden wichtig. Menschen, die sich einander viel bedeuten, behandeln sich in meiner Welt gegenseitig mit dem gebührenden Respekt. Ich habe den Eindruck, in unserer Gesellschaft sind momentan viele Menschen auf der Wertesuche. Die Vermutung liegt nahe, dass der Zulauf zu fundamentalistischen Religionen, sofern man der Medienlandschaft glauben darf, deshalb wieder zunimmt. So manche religiöse Strömung bietet dir ein fertiges Set an, wie du glücklich wirst und in den vermeintlichen Himmel, das Nirwana oder ins Paradies kommst. Allerdings entspricht das Schema mit dem Motto ‚Guten Tag. Das hier ist ihr Weltbild. Dankeschön.‘ nicht meiner Vorstellung von Sinnsuche. Ich kann durchaus tolerieren, dass viele Religionen Wert auf Tradition legen, aber gerade bei so mancher konservativer Religion fehlt mir der Realitätsbezug, und das Wertesystem erscheint mir diskussionswürdig. Natürlich ist das soziale Engagement der vielen Glaubensgemeinschaften in aller Welt bewundernswert. Auch die Grundwerte, die in der Gesellschaft existieren und die in so manche gesellschaftliche Ordnung eingeflossen sind, sind natürlich religiös geprägt. Die Frage nach der Wertigkeit seines eigenen Lebens kann einem keiner beantworten. Die muss man meiner Ansicht nach für sich selbst beantworten. Jeder weiß, wenn er glücklich ist.

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ist 25 und studiert bald Design

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IDEALE | Hast Du Werte?

„Mehr Wert als darauf, viel Geld zu verdienen, lege ich aber auf eine tolle Familie.“

Mir bedeutet sehr viel, dass ich eine tolle Familie habe, auf die ich mich verlassen kann. Darüber bin ich sehr froh und viel wert ist, dass wir alle gesund sind, Glück haben, mehr oder weniger haben, was wir brauchen, und bisher keine Schicksalsschläge erlitten haben. Meine Familie im Zusammenhang mit Gesundheit, Zufriedenheit und Glück steht für mich an erster Stelle. Dann bedeuten mir Freunde sehr viel. Bei denen ich weiß, dass sie auf jeden Fall da sind und ich mich auf sie verlassen kann und sie sich auch auf mich. Wichtig ist, dass es echt ist und nicht wie bei Leuten, die sich hintergründig etwas denken oder nichts umsonst machen. Dazu gehört auch, dass ich mich darauf verlassen kann, was jemand sagt und selber die Wahrheit sagen kann, zumindest wenn ich danach gefragt werde. Mein Problem ist vielleicht, dass ich oft zu ehrlich bin und dadurch Leute vor den Kopf stoße. Auch wenn jemand sagt, er wolle alles wissen und alles hören, manche Sachen will man nicht hören. Trotzdem sind Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit wichtige Werte für mich. Die zehn Gebote gehören indirekt auch dazu. Für jeden, der in dieser Gesellschaft lebt, sind sie wichtig. Und auch, wenn ich nicht nach ihnen lebe, sind sie in dem, was meine Eltern mir vermittelt haben, irgendwie inbegriffen.

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Ich lebe nach der Erziehung meiner Eltern, wobei sie viel unmaterialistischer sind als ich. Da bin ich auf den ersten Blick ganz anders geworden. Viel oberflächlicher und materialistischer. Ich bin nicht wirklich oberflächlich, aber Leute, die mich nicht gut kennen, würden es vielleicht denken, denn mir sind Oberflächlichkeiten wichtig. Es gefällt mir einfach, schöne Sachen anzuschauen und selber schöne Sachen zu haben. Ich lege Wert darauf, wie man aussieht und was man ausstrahlt. Ich bin begeistert und total beeindruckt von einem teuren und schönen Auto, wobei das nicht bedeutet, dass ich den Fahrer für einen tollen Menschen halte. Aber ich hätte es auch gerne. Geld und Sachwerte spielen für mich eine Rolle. Das Ziel für meine Zukunft ist nicht – wie jetzt – darüber nachdenken zu müssen, was ich mir leisten kann. Am liebsten möchte ich selbst Geld verdienen und einen tollen Mann heiraten, der viel verdient. Wir würden in einem großen Haus wohnen, zwei Autos haben (einen Audi TT und einen dicken Mercedes), jedes Jahr nach Mauritius fliegen und vier Kinder haben.


ist 23 und studiert Jura

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ist 24 und studiert Theaterwissenschaften

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IDEALE | Hast Du Werte?

Mir ist Beständigkeit etwas wert, Sicherheiten zu haben und feste Bezugspersonen, wie meine Familie und Menschen, zu denen ich immer wieder kommen kann und die da sind für mich. Allgemein glaube ich, ist es für jeden wichtig, sich selbst eine Wertsache zu sein. Damit meine ich, dass man zu schätzen weiß, dass man lebt, sich gut behandelt und sich Zeit nimmt für sich. Dazu gehört auch, sich seine Qualitäten und Schwächen eingestehen zu können und sie anzunehmen. Denn ich glaube, dass man nur sinnvoll sein kann als Mensch im Freundeskreis, in der Familie, im Umfeld, wenn man sich selbst mag. ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ würde mir für den Umgang mit meinem Nächsten nichts bringen, wenn ich mich selbst hasste. Auch Sätze wie ‚Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen. Du sollst im Idealfall nicht begehren deiner Nachbarin Hab und Gut und Mann.‘ haben ihre Berechtigung. Nicht, weil sie in der Bibel stehen, sondern, weil sie wirklich Sinn machen, auch heute. Es bringt aber nichts, moralische Werte und Ziele zu haben, denen man nie genügen kann. Dass Partnerschaft im Idealfall außerhalb der Ehe nichts zu suchen hätte, ist zum Beispiel ein Wert, den meine Eltern versucht haben zu vermitteln. Ich habe irgendwann gelernt, gut zu argumentieren, und sie haben ihre Einstellung geändert. Werte sind nichts, was einfach feststeht und nicht hinterfragt werden sollte. Wobei ich glaube, selbst inzwischen bestimmte Werte zu haben, die sich nicht mehr grundsätzlich ändern. Ich würde etwas anderes studieren, wenn mir Reichtum wichtig wäre. Aber es ist unrealistisch, zu behaupten, Geld sei überhaupt nicht wichtig. Das ist unser Luxus, weil es uns gut geht. Man kann sich bestimmte Werte nur mit Hilfe von materiellen Mitteln erfüllen. Ich kann meine Freundschaften nur pflegen, weil ich Geld habe, um meine Freunde zu besuchen. Ich muss nicht zweimal im Jahr nach Fuerteventura fliegen, aber ich möchte ins Theater gehen können. Kultur ist ein Wert! Es macht mich glücklich, geistig angeregt zu werden und Sachen kennen zu lernen, deshalb ist Kultur mir sehr viel wert. Sie ist etwas Langfristiges, kann einen aber konkret berühren oder die Welt einfach schöner machen. Zu erkennen, was einem selbst wichtig ist und was der Gesellschaft wichtig sein könnte, und das Eigene im Zweifelsfall auch mal unterzuordnen, macht für mich Sinn. Darüber, was man so macht und was nicht, gibt es einen gesellschaftlichen Konsens, zum Beispiel nicht nackt draußen rumzulaufen oder im Supermarkt in die Ecke zu kacken. Wenn man nicht gegen diesen Usus verstößt, ist man prinzipiell schon auf einem guten Weg.

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„Kultur ist ein Wert!“


IDEALE | Quality food | Ibrahim Oeztas

WAS GIBT ES ZUM ESSEN ? Ich esse so gerne, aber . . FOOD MATTERS Eiligst zurück aus dem Gedrängel meines Discountsupermarkts, packe ich meinen Einkauf aus, stelle die Milch in den Kühschrank, lege alle Sachen an ihren Platz und falte zuletzt nur noch die Plastiktüte zusammen. Die verschwindet unter dem Waschbecken und der tägliche Einkauf ist erledigt. Aber während all dem habe ich weder eine Packungsrückseite eines meiner Kaufgüter gelesen, noch weiss ich ob die Haltbarkeit meiner Frischmilch nicht vielleicht doch schon übermorgen verfällt. Ich habe nicht hingesehen, nirgendswohin. Wie im Schlafe bin ich durch die Reihen, habe mir achtlos einige PETs, Konserven und anderes Normfutter gegriffen und mich an die Kasse mit der hübschesten Kassiererin angestellt. Und wie ich nun all dies eintippe, wird es mir auch etwas anderes klarer. Weder kaufe ich sorgsam ein noch weiss wie wertvoll die Nahrungsmittel meines Discounters wirklich sind.

Die Ahnungslosigkeit in unserer Welt scheint die größte Macht zu haben. Was kaufe ich eigentlich ein ?. Was bringe ich da nach Hause ?. Esse ich nicht solange ich Hunger habe und höre auf wenn ich satt bin ? Irgendetwas stimmt mit unserem Essen nicht. Vorhin war ich noch zu Tisch, knurrt mir immernoch der Magen. Mein natürlicher Appetit ist verfälscht und ich bin wehrlos zugleich. Ein Bürger der lediglich Verbraucher ist, so scheint mir meine Rolle zu sein. Tätsächlich lesen wir auch in der Presse ähnliche Meldungen. Fremdes Acrylamid, Nitrofen oder Pestizide und vor allen Dingen Hormone werden zusätzlich beigemengt und verderben unser natürliches Essverhalten. Und Lebensmittel ganz ohne Schadstoffe gibt es heutzutage fast nicht mehr.

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Zu all diesen Risiken unseres täglichen Nahrungsbedarfs kommen die Veränderungen in unserem Essverhalten hinzu. Nach den jüngsten Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), die alle vier Jahre ihre Untersuchungen veröffentlichen, verbringt der Durchschnittsbürger eines Stunde und 43 Minuten mit Essen & Co. Immerhin gut 21 Minuten mehr als noch 1990.


Vielleicht essen wir mehr und immer eiliger. Tiefkühlbeutel raus aus dem Kühlfach, aufschneiden, Inhalt erhitzen und fertig. Wir lieben das schnelle Essen und lassen uns auch gerne verführen. Die Wahl zwischen der Mikrowelle oder Pfanne spielt da kaum noch eine Rolle.

Umgekehrt kann Deutschland aber auch anders. Ganz en vogue ist der Fernsehkoch. Biolek, Buchholz oder andere Mälzers führen die Kunst vor und zu Hause wird nachgeschnibbelt. Einen möglichen positiven Einfluss auf unserer Essverhalten scheint es eher weniger zu haben. Die Menschheit scheint im Zeitraffer zu fliegen. Wir kaufen weiterhin eiligst in undurchsichtigen Discounternetzen ein, kochen freudlos aus Gewohnheit oder sind ganz desinteressierte Fastfooder. Angesichts all dessen ist das Vertrauen in unsere Nahrung erschüttert. Qualität bekommt eine neue Dimension, die es zu achten gilt um weiterhin herzhaft und reuelos genießen zu können.

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Ich versuche nicht den Rückstand einzuholen oder zu moralisieren, lediglich aufmerksam darauf zu machen wie sehr einiges unterschätzt wird und zugleich das Ideal vom guten Essen gar nicht weit entfernt greifbar liegt. Qualitaetswerte dürfen nicht untergraben und verfälscht werden.


Man kann die Weissheit nicht mit Löffeln fressen. Jedoch eine clevere Auswahl der Speisen hilft auch sehr die Aufmerksamkeit und Leistung unserer grauen Zellen fit zu machen. Unser Gehirn benötigt 20 Prozent unseres gesamten Energiebedarfs, obwohl es nur zwei Prozent unseres Körpergewichts ausmacht. Mag gefräßig klingen, ist aber eine viel anspruchvollere Angelegenheit.

Einige Nahrungsmittel sind top und benötigen keinen besonderen Aufwand. Vollkornbrot und Nudeln enthalten komplexe Kohlenhydrate, aus denen der Zucker, für den Blutzuckerspiegel schonend, nur langsam ins Blut übergeht. Dem Gehirn gefällt es so und es liefert gute Vorraussetzungen dauernd zu leisten.

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Getreide sind generell gut. Insbesondere Hafer bietet die Fette, die für den schnellen Datenflut zwischen den Gehirnzellen benötigt werden. Ausserdem steckt in Hafer Magnesium. Der Mineralstoff sorgt für reibungslosen Energienachschub und schütz das Nervensystem.


IDEALE | Quality food

Unsere Konzentration sowie unser Denkvermögen werden auch stark durch B - Vitamine gesteigert, welche reichlich in diversen Nüssen zu finden. Das sogenannte Cholin ist die Vorstufe für den wichtigen Nervenbotenstoff Acetylcholin und ist neben der Aminosäure Isoleucin ein Garant für volle Konzentration.

Das Gehirn ist in einem ständigen Wandel. Die dazu benötigten Bausteine findet es oftmals in Früchten. Angefangen von den Avocados bis hin zur gewöhnliche Banane oder Apfel liefert das Obst dem Gehirn die Vitamine und Pflanzen stoffe für den Aufbau und Schutz der eigenen Zellen.

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Alles ist ein Kreislauf und viel trinken ist einfach immer richtig. Wasser hält das Blut flüssig und der Sauerstoff gelangt zügig zu den grauen Zellen. Auf Sauerstoff ist unser gehirn nämlich besonders, jeder fünfte atemzug frischt die grauen Zellen.


Essen ist etwas ganz besonderes, eine Wohltat für Körper und Seele. Umso wichtiger ist die treffende Auswahl. Den knusprigen Start in den Tag liefern zb. Müsli, Cornflakes und Co. Das Müsli ist keineswegs eine junge Erfindung. Früher war es eine Mahlzeit der Hirten gewesen. Sie nahmen über den Tag hinweg einen Brei aus geschrottetem Getreide, Obst und Milch zu sich. Eine schöne Variante ist der Bircher-Müsli. Rühren sie einen Esslöffel Haferflocken mit drei Esslöfeln Wasser, etwas Zitronensaft und Milch an, geben ein bis zwei zerkleinerte Äpfel und einen Esslöffel geriebene Nüsse dazu und fertig ist ihr original Bircher.

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IDEALE | Quality food

Es gibt keine absolute Gesundheit und der Wunsch nach totaler Kontrolle wäre umgekehrt genauso fatal. Nichtsdestotrotz ist jetzt im Winter eine reichhaltige Nahrung wichtig um die körpereigene Abwehr zu stärken. Gesundes Essen ist eine wichtige Prophylaxe bei Infektionen, da unser Immunsystem kein isoliertes System darstellt, sondern inneren sowie äusseren Einflüssen unterliegt.

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IDEALE | Quality food


Zeitzeugen

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ZEITZEUGEN | Inhalt

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Müll ist relativ von Felicitas Horstschäfer Quartett von Sabrina Wiese

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Eine Kiste voll Erinnerung von Christina Tensing

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ZEITZEUGEN | Müll ist relativ | Felicitas Horstschäfer

Müll ist relativ

Julian musste immer vorne sitzen, er war sozusagen unser lebender Airbag, und den hatten wir auf unserem Thundermobil auch bitter nötig. Das selbst zusammen -gebunden, -genagelt und -geschraubte Vehikel aus einer Palette, einem Cordkinderwagen, dem im Straßengraben aufgelesenen Fahrradgerippe und vier Rasenmäherreifen sah nicht nur gefährlich aus, nein, das war es auch. Nach dem Motto: „Wer bremst hat Angst“ suchten wir uns die steilsten Straßen aus um unser erstes Produktdesign dem Tauglichkeitstest zu unterziehen. Wahrscheinlich waren wir das schnellste Fahrzeug, das jemals ungebremst durch unsere Spielstraße gerast ist.

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ZEITZEUGEN | Müll ist relativ

Als Kind ist das die normalste Sache der Welt. Man findet etwas und sieht darin das letzte noch fehlende Teil, um das Raumschiff, das seit Wochen in der Garage alles blockiert, endlich zum Mond zu befördern. Und wenn man dann mit vor Stolz geschwellter Brust zu Hause ankommt, heißt es vollkommen verständnislos: „Was willst du denn mit dem rostigen Gerippe ? Das ist doch Müll !“ Peng ! Aus der Traum von der modernen Raumfahrt und dafür die unsanfte Landung in der Welt der Erwachsenen. Vielleicht ist es genau so ein Moment, der unserem kindlichen Erfindertrieb den Todesstoß versetzt und den gerade entdeckten Cyberantrieb in unseren Händen zu einem rostigen Stück Metall zusammenschmelzen lässt. Schade eigentlich. Denn wer sich diese kindliche Fähigkeit, Werte und Funktionen in Dingen zu sehen, die für die meisten Leute Müll sind, bewahren kann, der schafft es, gerade diejenigen zu verblüffen, denen dieser Blick auf das Alltägliche abgeht. Bei den Recycling – Möbeln der Austellung “Recycling und Redesign“, die im Jahre 2003 im Wiener Kaffeeund Galeriehaus „das möbel“ stattgefunden hat, zeigt sich, dass manchem Designer eben jener unvoreingenommene, offene Blick auf das Alltägliche noch nicht abhanden gekommen ist. Dies sind Trends gegen die Wegwerfgesellschaft.

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Das im Jahre 1997 gegründeten Wiener Kaffee- und Galeriehaus „das möbel“ bietet jungen Designern aus ganz Europa eine Plattform, ihre Arbeiten zu präsentieren. Im Möbel kann man in gemütlicher Atmosphäre bei einem Kaffee die Möbel auf ihre Praxistauglichkeit testen. Ziel ist, Produkte anzubieten, die möglichst direkt aus der Werkstatt der Entwerfer kommen oder in kleinen Manufakturen gefertigt werden. www.dasmoebel.at

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eignen sich beide hervorragend, um Lampen aus ihnen zu machen.

Was haben Waschmaschinentrommel und Eiskratzer gemeinsam ? Nichts, will man meinen, aber wie Jan Brabenec und Richard Polsterer beweisen,

ZEITZEUGEN | M端ll ist relativ


ZEITZEUGEN | Müll ist relativ

Gut, zugegeben, das Problem der wachsenden Hausmüllmenge, die zwar nur ein Zehntel des gesamten Mülls ausmacht, aufgrund des hohen Verpackungsvolumens jedoch immer mehr Platz einnimmt, ist damit nicht gelöst. Aber die Gegenstände zeigen auf augenzwinkernde Weise, dass nicht immer das in etwas stecken muss, worauf sich die Gesellschaft geeinigt hat. Mit großer Sinnentleertheit trennen wir, das Recyclingvolk par excellence, unsere saftentleerten Flaschen und Tetrapacks. Nach dem Motto: „Wir trennen unseren Müll ja, da darf man dann auch etwas mehr produzieren,“ sortieren wir geduldig, ohne uns Gedanken darüber zu machen, was trotz grünem Punkt und Mehrwegsystem an Kosten und Ressourcen für unsere Wegwerfgesellschaft draufgeht.

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Geschichtsträchtig sind die, mit neuem Untergestell versehenen Tram – Stühle der Wiener Straßenbahn von WerK. Ihre Geschichte ist die einer vergangenen Epoche und vieler Menschen, die im Laufe der Zeit auf ihnen Platz genommen haben.


ZEITZEUGEN | Quartett | Sabrina Wiese

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Meiner ist besse r!<< Dra gon Fly D rags ter! ! m < c c < 0 0

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Quartett

„Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt.“ Ganz Mensch sein – wer will das nicht? Schiller nach zu urteilen, müssen wir nur dem Kind in uns freien Lauf lassen. Spielen lernt man nicht, man kann nur spielend lernen. Spielen tut jeder irgendwann, irgendwie und irgendwo. Und kaum jemand wird in seinem Leben an einem Spiel vorbeigekommen sein – das Quartett. Unzählige Schlachten um den besseren Wert in puncto Hubraum, PS, Länge Gewicht etc. wurden geschlagen, so viele Quartette wie möglich erfragt und gesam-

Friedrich Schiller 1759–1805

melt. Wer denkt, das Quartett sei eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, liegt falsch. Das Spiel, für das es seit 1995 jedes Jahr im Embrachertal, nördlich von Zürich, sogar eine Weltmeisterschaft gibt (die nächste ist am 28. Oktober 2006), hat Geschichte und Tradition.

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ZEITZEUGEN | Hier der Artikel Name | von Vorname Nachname

n te ar elk pi rS de

Der Diener gro-

PROPHETEN DER BÖRSE. Extrem spannende Berufe sind in der Entstehung. Der Weg zum potens; habet hos nuLollo

Lollo unum, demo etiam unum, dum cavo, caudaeque pilos ut equinin fastos et virtutem aestimat annis miraturque nihil nisi quod Libitina sacravit. Theatro spectat Roma

unum, demo etiam unum, dum cavo, caudaeque pilos ut equinin fastos et virtutem aes timat annis miraturque nihil nisi quod Libitina sacravit. Theatro spectat Roma potens; habet hos numeratque poetas ad nostrum tempus Livi scriptoris ab aevo. Utor permisso, caudaeque pilos ut eq uinae paulatim vello. Utor

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Um die Geschichte des Quartettspiels nachverfolgen zu können, muss man zunächst auf die allgemeine Geschichte der Spielkarte eingehen. Wer das Kartenspiel wann und wo erfunden hat, ist bis zum heutigen Tag ungeklärt. Sicher ist, dass es zu den jüngsten Spielen der Geschichte zählt. Über die Herkunft der Spielkarte gibt es die verschiedensten und abenteuerlichsten Theorien. Dem Aberglauben zufolge, war es der Teufel persönlich, der das Kartenspiel ins Leben gerufen haben soll, da er selbst so gerne um die Seelen spielt. Nach einer chinesischen Legende sollen die Karten zum Zeitvertreib für die Konkubinen des Kaisers Sèun Ho um 1120 in China er funden worden sein. Aus dem alten Indien stammt eine Geschichte, nach der ein Mädchen die Karten erfunden habe, um einem Maharadscha das Bartzupfen abzugewöhnen. Bewiesen sind diese Geschichten nicht. Sicher ist aber, dass in China die ältesten Belege für das Kartenspiel zu finden sind, da hier auch die Papierherstellung schon ab dem Jahr 100 betrieben wurde und dies die Vorraussetzung für die Kartenherstellung war. Aus einer Quelle des

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ZEITZEUGEN | Quartett

11. Jahrhunderts erfährt man, dass in China das Kartenspiel etwa im 7./8. Jahrhundert aufgekommen sein muss, die älteste erhaltene Karte datiert man in das 11. Jahrhundert. Der erste urkundliche Beleg über das Vorhandensein der Spielkarten in Europa ist ein kirchliches Verbot der Stadt Florenz, im Jahr 1377, das sich gegen das Kartenspiel richtete. Ähnliche Verbote im gesamten europäischen Raum folgten. Trotz dieser Verbote der Kirche, die das Kartenspiel als das „Teufels Gebetsbuch“ bezeichnete, setzte es sich sowohl unter den Adeligen als auch unter der bürgerlichen Schicht durch und gewann zunehmend an Beliebtheit.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts kamen die ersten Lehrspiele auf, die im Grunde die Vorgänger unserer heutigen Quartette sind und meist im Holzschnitt- und Kupferstichverfahren hergestellt wurden. Da das Kartenspiel in weiten Bevölkerungsschichten mittlerweile sehr bekannt und beliebt geworden war, erkannte man auch bald den Nutzen, den man in Hinblick auf die Erziehung mit den Karten erzielen konnte. So kam man auf die Idee, die Motive auf den Spielkarten gezielt didaktisch zu gestalten, die dann der Spieler bewusst oder unbewusst in sich aufnahm. Der deutsche Franziskanermönch Thomas Murner war einer der ersten, der diese Lernmethode erkannte. Er lehrte zu Beginn des 16. Jahrhunderts an der Universität in Krakau

und kam auf die Idee, Karten zu entwerfen, um seinen Studenten den Lehrstoff spielend beizubringen. Seine beiden Spiele „Chartiludium logicae“ und „Chartiludium Institute summarie“, die zuerst als Buch erschienen, entwarf er 1509 und 1518, wobei das eine dazu diente, die Studenten in die Logik einzuführen, das andere hatte die römische Rechtslehre des Justinian zum Inhalt. Murner knüpfte dabei an die Tradition der mnemonischen Bilder an, eine spätmittelalterliche Methode, durch besondere Bilder das Gedächtnis zu schulen. Da diese Art von Lernen so erfolgreich war, verdächtigte man den Mönch des Komplotts mit dem Teufel. Nur nach gründlicher Begutachtung der Karten von der Kirche und der Feststellung, dass diese unbedenklich und „christentauglich“ waren, erhielt Murner seinen guten Ruf zurück. Trotz dieser anfänglichen Erfolge, setzten sich die belehrenden Kartenspiele nur langsam durch. Die nächsten illustrierten Spielkarten wurden erst im Jahre 1603 gedruckt. Dies war kurioserweise das von der Kirche herausgebrachte „Das Geistliche Teutsche Karten-spil“, das nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Moral lehren und die Christen zur Besinnung auf ihre Werte bringen sollte. Die Beliebtheit des Lehrspiels wuchs nun an und machte auch nicht vor königlichen Türen halt. So bestellte der Erzieher von dem damals achtjährigen Ludwig XIV. im Jahr 1643 gleich mehrere Lehrspiele, um die Bildung des jungen Königs zu fördern. Dieser lernte damit die Abfolge der französichen Könige,

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berühmte Königinnen, Geographie und Fabeln. Auch wurden mehrere Lehrspiele veröffentlicht, die sich mit der Heraldik, der Wappenkunde beschäftigten, da dieses Thema in der höfischen Erziehung eine große Rolle spielte. Aber es wurden ebenso Themen wie Grammatik, Algebra, Philosophie, Geschichte, Astronomie, Pflanzen- und Tierkunde, Tanzmusik, fremde Länder und Sitten, Trachten und Berufe, Werkzeuge oder Hausgeräte, Märchen, Gedichte, Sprichwörter, Schriftsteller und Poeten, Maler und Bildhauer auf Karten behandelt. Im 17. Jahrhundert häuften sich besonders in England die historischen Spielkarten, die Ereignisse einzelner Regierungszeiten wiedergaben. Unzählige Lehrspiele wurden noch im Laufe der Jahre auf den Markt gebracht bis sie sich ab dem 19. Jahrhundert der Gestalt unserer heutigen Quartette annährten.


ZEITZEUGEN | Quartett

t t e t r a u Q Das Die heutigen Quartette gibt es in zwei Varianten: das klassische Quartett, bei dem immer vier zusammengehörige Karten gesammelt werden und das moderne oder Trumpf-Quartett, bei dem der bessere Wert gewinnt. Die Urheberschaft für das Quartett der klassischen Variante hat die noch heute existierende Londoner Firma John Jaques & Sons, die das Kartenspiel „Happy Families“ in den 1860er Jahren in England einführte. Dabei handelt es sich um ein Spiel, zu dem mehrere Sets aus je vier Karten gehören. Auf den Karten sind einzelne Familienmitglieder abgebildet, die jeweils einen passenden Namen in Zusammenhang mit dem Beruf des Vaters haben: Mr. X the Y, Mrs. X the Y´s wife, Master X the Y´s Son, Miss X the Y´s daughter. Bei dem sogenannten klassischen Quartett, das meistens aus 32 Karten besteht, werden zunächst alle Karten gemischt und unter den Mitspielern verteilt. Der erste Spieler fragt dann einen beliebigen Mitspieler nach einer ihm fehlenden Karte, besitzt der Mitspieler diese Karte, muss er diese an den fragenden Spieler abgeben. Es kann solange gefragt werden, bis der Mitspieler die erfragte Karte nicht hat (bei den HappyFamily-Spielen heisst es dann „XY ist nicht zu Hause!“) dann ist der nächste an der Reihe. Gewonnen hat zum Schluss derjenige, der die meisten Quartette gesammelt hat. Im englischen Sprachraum heisst diese Variante „Go Fish“. Dabei besteht das Spiel aus 52 Karten und kann ein Spieler keine geforderte Karte bieten, antwortet dieser mit „Go Fish“.

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Im Laufe der Zeit haben sich auch zunehmend die modernen Quartette durchgesetzt. Hier besteht eine Karte aus Bild und verschiedenen Kate gorien wie z.B. bei Fahrzeugquartetten technische Daten wie Leistung, Hubraum oder Höchstgeschwindigkeit. Das bekannteste unter ihnen ist wohl das klassische Autoquartett, das Werner Seitz, Offsetdrucker der Altenburger Spielkartenfabrik, 1952 erstmals auf den Markt gebracht hat. Die Idee erwies sich als ungeheuer erfolgreich. Schon von dem ersten Quartett wurden 7.500 Stück verkauft. Auch bei dieser Variante werden alle Karten zuerst gemischt und dann an die Spieler verteilt. Der Vorteil zum klassischen Quartett liegt darin, dass man das Spiel auch nur zu zweit spielen kann. Die Spieler halten jedoch die Karten so, dass nur die Oberste zu sehen ist. Nun erfragt der angefangene Spieler eine Kategorie. Ist sein Wert besser, so erhält er die gegnerische Karte, verliert er, so wechselt der Herausforderer. Sind die Werte gleich, so wird mit der nächsten Kategorie weitergefragt. Gewonnen hat derjenige, der zum Schluss die meisten oder alle Karten besitzt. In der Geschichte des Quartetts dürfte sich kaum jemand so gut auskennen wie der siebzigjährige ehemalige Mathelehrer Ernst Krumbein, aus Springe bei Hannover, der über das Quartett sagt: „Hätten die Eltern Ende des 20. Jahrhunderts mit ihren Kindern mehr Quartett gespielt, wäre uns der Pisa-Schock erspart geblieben.“ Er besitzt mit über 4.500 Quartetten vermutlich die größte Quartettsammlung Deutschlands. Mittlerweile ist das

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Hobby für ihn zu einem Lebensinhalt geworden und so träumt Krumbein davon, eines Tages über das Kartenspiel zu promovieren. Bei dieser Euphorie ist es nicht verwunderlich, dass das Quartett in den letzten Jahren nochmal ein weiteres Comeback feierte und die verrücktesten Ideen auf die Karten gebracht wurden und noch werden. So kann man heute um die beste Dönerbude Berlins, Plattenbaute, Position beim Sex, Kneipe, um das beste Bier oder um den Kuss, bei dem man am meisten Kalorien verbraucht, spielen. Auch wird das Quartett als Werbeträger für verschiedenste Firmen und Institutionen immer beliebter. „Die Spielkarte ist in ihrer Kreativität unerschöpflich – und so ein schönes PR-Instrument“, sagt Gerd Matthes, Produktmanager von Ass-Altenburger, Deutschlands Marktführer unter den Spielkartenherstellern. Einen langen Weg hat es hinter sich gelegt bis es dort ankam, wo es jetzt steht. Von der ersten Spielkarte zur Lehrkarte und von dort zur heutigen Quartettvariante. An Wert hat es nicht verloren, denn Spielen und Lernen werden die Menschen wohl bis zum Ende ihrer Existenz. Und erinnern wir uns an Schiller. „Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt.“


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New Geographical Cards England 1827 1A 1A

Tierlehrspiel Frankreich um 1820

Astronomielehrspiel N端rnberg 1719 1A 1A

Jeu de Blason (Heraldiklehrspiel) Frankreich 1658

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ZEITZEUGEN | Quartett

Einmalig Supertrumpf FX. Schmidt 1987 1A 1A

Plattenbauten www.superclub.de 2001

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1A

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Spielzeitquartett Städtische Bühnen Münster 2001

Berliner Dönerbuden Die Gestalten Verlag 2004


Originale

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ORIGINALE | Inhalt

Von der Ware zur Marke von Tobias Menze

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Juwelen des Meeres von Julia Scherer

Wert(e) von Sarah Schlingmeyer

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ralisch

politisch

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128–133

LE


ORIGINALE | Von der Ware zur Marke | Tobias Menze

VON DER


Die Roots der Marken. Markenprodukte gibt es seit dem Anfang der Industrialisierung und einige der weltweiten Marken brachten es schon sehr früh zu ihrem mythischen Charakter. Wobei Coca-Cola oder Ford schon in den zwanziger Jahren zu „planetarisierten“ Großmythen wurden. Ihre Pionierphase begann in den Fünfzigern und dauerte bis weit in die siebziger Jahre. Der große Siegeslauf der Marke, der Zeitpunkt, als sie in der westlichen Kultur fundamentale Funktionen übernahm, begann erst mit dem Beginn des Massenmediums TV und der technisch-zivilisatorischen Euphorie dieser Ära. Damit sich ein Markenartikel durchsetzen kann, müssen aber zuerst einige fundamentale Voraussetzungen erfüllt werden: gleichbleibende Qualität, garantierte Menge, eine entwickelte Mittelschichtsgesellschaft, die mit genügend Kaufkraft ausgestattet ist. Flächendeckende Netze von schnellumsatzfähigen Läden, um dann große Stückzahlen an die breiten Massen zu bringen. Nur die Stadt ist mit ihren vielfältigen, vernetzten Kommunikationsprozessen und ihren ausgeprägten und perfektionierten Status- und Zeichenkulturen in der Lage, einem Markenprodukt eine alltagskulturelle Basis zu verleihen. Die ursprüngliche mythologische Aufladung der

meisten Großmarken, die in dieser Zeit ihre erste Blütephase erlebt haben, war mit dem Triumph der amerikanischen Lebensform und damit mit den amerikanischen Mythen verbunden. Die Marken transportierten damit die Botschaften der westlichen Industriemoderne in die Herzen der Verbraucher. Sie symbolisierten den weltweiten Triumph der westlichen Kultur nach dem Krieg und als solche waren sie von Anfang an weder unpolitisch noch „einfach Produkte“. Eine Marke war eine Marke war eine Marke. In dieser Phase war das „Kultische“ an den Marken in einem ursprünglichen Sinn mit den neuen Errungenschaften des Wirtschaftswunders verbunden. Die Marken thematisierten die millionenfache Erfahrung des individuellen Aufstieges aus der agrarischen Gesellschaft in die Welt des Mittelstandes. In Deutschland bedeutete dies: aus den Trümmern des Krieges, aus den kollektiven Schuldgefühlen hinein in die Wirtschaftswunderära. Das Kultische, unzertrennbar mit den originär amerikanischen Weltmarken verbunden ist, hat hier seinen Wesenskern. Amerikanische Marken waren dann lediglich diejenigen, die diesen Sachverhalt am ehesten und radikalsten artikulierten. Schicksal, Tradition und Einordnung die Marken entstanden durch einen

grundlegenden Bedeutungswandel der Waren. Denn in der agrarisch oder frühindustriell geprägten Welt sind Waren für die Oberschicht Repräsentanz- und Statussymbole, die dann auch als „Abwehrmittel“ gegenüber den Habenichtsen dienen. Für die große Masse der Bevölkerung sind sie einfache Überlebensmittel. Was man zum Überleben benötigt, bleibt jedoch profan, es lässt sich nicht mit Bedeutungsinhalten füllen. Erst der Überschuss, den nur die Massenproduktion zu erzeugen in der Lage war, zusammen mit dem steigenden Massenwohlstand, brachte die Marke hervor. Marken waren damit von Anbeginn magische Erscheinungen einer historisch ganz neuen Fähigkeit des Menschen, sich zu entscheiden. Genuss, Auswahl, Qualität; der entnervte Werbekonsument kann es nicht mehr hören, aber dennoch signalisieren die Marken in ihrem tiefsten Mythenkern vor allem eines. Die neuen demokratischen Freiheiten, die aus individualistischen Konsumwelten, im Guten wie im Bösen, zusammengesetzt sind.

WARE 123


Die Arten von Marken. Imperiale Marken Imperiale Marken sind groß, unnahbar und allgegenwärtig. Sie werden von Herren in blauen Anzügen aus riesigen, klimatisierten Bürogebäuden heraus gesteuert. Wahrhaft imperiale Marken sind mehr oder minder Monopolisten, die über eigene Technologien und Produktionsstätten verfügen. Eine Absatzkrise oder Imageverluste in dem einen Land können sie dann durch verstärkte Aktivitäten in anderen Ländern abfangen, und für sie gilt nach wie vor die eherne Gesetzmäßigkeit der Massenmärkte. So geschickt die Werbung auch sein mag — imperiale Brands haben wenig vom Charme eines Brands, der um das Herz des Konsumenten wirklich werben muss. Imperiale Marken sind unverwundbar? Die Beispiele IBM und Mercedes zeigen, wie aus Imperialität erst Arroganz, dann Verhärtung, dann Niedergang werden kann. Arrogante Marken Imperiale Marken können arrogant sein, aber viele arrogante Marken sind nicht unbedingt

imperial. Die Deutsche Bank z.B. konnte sich jahrzehntelang einen eher hochmütigen Umgang mit dem kleinen Kunden leisten, und wahrscheinlich wird es sie auch in Zukunft nicht kratzen, wenn sie bei normalen Sparern das Image eines Wegelagerers hat. Arroganz zeichnet sich dann meißt zuallererst durch die Nichtkommunikation mit dem Umfeld aus. Traditionsmarken Die klassische Marke in Deutschland ist die „Handwerkermarke“. Ihre Tradition also — ihr Markenkern — geht auf eine handwerkliche Geschichte zurück. Marketingmanager der moderneren Art sind in Familienunternehmen oftmals Fremdkörper geblieben. An Traditionsmarken wird besonders gerne desolat herumgedoktert: es wird einfach ein junger Werbeexperte eingestellt, der den Traditionsweinbrand nun als Hip-Produkt an die jugendlichen In-Zielgruppen verkaufen will, was im Kopf des Verbrauchers natürlich gigantische Verwirrungen schafft. Aber für sie gilt ganz besonders: Integrierte Markenkommuni-

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kation ist nur möglich, wenn es gelingt, die Seele der Marke herauszuarbeiten und sie mit den aktuellen Trends rückzukoppeln. Moralische Marken Das moralische, ökologische, gesellschaftliche Argument wird das Markenmanagement in den nächsten Jahren immer mehr beeinflussen. Und selbst imperiale Marken, werden sich angesichts der um die in der Jahrtausendwende losgebrochenen Moraloffensive der Konsumenten noch wundern. An diesem Punkt geht Markenmanagement nahtlos in die Frage des Unternehmensmanagements über. Denn beides ist nicht zu trennen. Wenn die eigene Glaubwürdigkeit den Kultfaktor der Brands in Zukunft bestimmt, dann ist hier der gesamte Unternehmensorganismus gefragt. Die Versuche, moralische, vor allem ökologische Fragen einfach zu besetzen, ohne die Produktvoraussetzungen zu schaffen — wie in den späten Achtzigern üblich — führen in Zukunft glatt in den Ruin. Der Konsument des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts ist hungrig nach


ORIGINALE | Von der Ware zur Marke

Authentizität — und er spürt, ob eine Firma es ernst meint oder nur einem Hackentrick der Werbeabteilung folgt. Heute stellen selbst Mega-Brands wie die Jeansfirma Levi Strauss auf Management by Values um. Die Zombie-Marke Diese Untoten der Markenwelt laufen uns immer wieder einmal über den Weg und manchmal führen sie, wie sich das für Wesen aus dem Zwischenreich gehört, ein zähes, scheinbar ewiges Leben. Eine Zombie-Marke zeichnet sich dadurch aus, dass sie in ihrem Kern hohl ist; sie hat keinerlei mythologische Substanz, keinen Inhalt, kein Thema, keine Geschichte, keine Werte, für die sie steht. Sie ist ein reines Managementprodukt, eine berechnende Phantasie von Menschen, die nur Geld verdienen wollen. Man erkennt eine Zombie-Marke an der Tatsache, das niemand sie benötigt. Es kann sich dabei um eine Verpackungsfirma handeln, die aufdringlich behauptet, dass ihre Verpackung doch nicht so schlecht ist, wie alle denken. Zombie-Marken hängen am Tropf der

Werbung. Das bedeutet, wenn nicht ständig enormer Werbedruck für sie gemacht wird, sind sie morgen weg aus den Regalen oder dem Kopf der Verbraucher.Zombie-Brands führen deshalb ein so langes Leben, weil sie leicht in einer Mischkalkulation versteckt werden können. Ihre Existenz wäre auch weiter nicht tragisch, würden sie nicht bald anfangen, ein Eigenleben zu führen. Die fraktale Marke „Fraktalisierung“ lautet seit einigen Jahren eine der Zauberformeln, mit denen die großen Marken auf die Herausforderungen, die in der Zukunft kommen werden, reagieren sollen. Fraktalisierung basiert auf den Überlegungen der späten Achtziger und stammt im Ursprung aus der Zielgruppenanalyse. Wenn die großen Zielgruppen sich immer mehr aufspalten, so die Überlegung, wenn aus ihnen dann schließlich eigenständige Kulturen, Lebenswelten werden, dann ist es sinnvoll, direkt in diese Welten hineinzugehen. Nicht mehr die große, monolithische Massenmarke für alle wird stra-

tegisch gefördert, mit ehernem Kern und konsequentem Konzept, sondern die Zerlegung des Markenmythos in viele kleine, glitzernde Zielgruppenkristalle. Die virtuelle Marke Eine andere Möglichkeit, Brands in die Zukunft hineinzuevolutionieren, wäre noch die „Visualisierung“. Die Marke „vergeistigt“ sich. Sie wird von der Hardware — einer Ware, einem Gegenstand zum Prinzip, zur Botschaft, zur Idee, zum Geist. Sie verschwindet als Ware und öffnet sich gleichzeitig kommunikativ nach allen Seiten. Sie kommuniziert nicht mehr marketingstrategisch, sondern organisiert die Kommunikation der Konsumenten. Sie stellt sich gleichsam als Marktplatz zur Verfügung, auf dem die Konsumenten die Wertigkeit der Marke immer neu bestimmen. Es gibt wenige Marken, die diesen Weg konsequent gegangen sind, denn die Virtualisierung bedeutet noch mehr als die Fraktalisierung Kontrollverlust. Allerdings haben nun einige Branchen keine Wahl: Die Autoindustrie muss

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R

sich zwangsläufig von der Herstellung von Autos aus Stahl, Plastik und Blech zur Anbieterin von Mobilitätsprozessen wandeln, will sie sich nicht eines Tages selbst ad absurdum führen. Und ist das Kosten-Nutzen-Dilemma jemals aufzulösen? Wenn Brands von „garantierten Gegenständen“ zu Ideen werden, dann wird lediglich die Wandlung unserer Gesellschaft von der „Hardware-Ära“ in die „Ideenwirtschaft“ vollzogen. Die Marke Nike ist vielleicht am konsequentesten den Prozess der Öffnung in die Jugendkultur hineingegangen. Die Nike-Firmen-Units, dezentralisiert und in modernster Architektur, sind nichts anderes als Akademien des Sportlebensstils. Nike World, die neuen Sportsware-Supermärkte des Konzerns, sind Kathedralen der Sport-und-Fun-Kultur und permanente Trendausstellungen in Reinkultur. Das Werbekonzept basiert hier nicht mehr auf Produkten, sondern auf Lebensgefühlen. Auch negative Gefühle werden in den Kampagnen thematisiert. Weiter kann man kaum gehen. Nike wurde zur Nike-Kultur. Der direkteste Weg zur Zielgruppe, zum Verbraucher ist es, ihn als

Designer, Entwickler, Manager in die Firma einzustellen. Bei Nike regieren die Kids total. Aber auch das hat Nachteile. Weil die Kids im Laufe der Zeit eine Art geschlossenes System, eine echte Religion geschaffen haben. Zusammengefasst lässt sich das Problem so benennen: Nike hat in den späten Achtzigern für jede noch so kleine Subkultur, für jede Lauf ¬ und Sportart, für jedes Freizeitlebensgefühl Schuhe produziert, immer differenzierter, immer raffinierter, immer aufwendiger und auch immer technologischer. Aber wenn eine Firma zur Subkultur wird, verabschiedet sie sich auch vom Rest der Welt.


ORIGINALE | Von der Ware zur Marke | Tobias Menze

Die Marken von Morgen. Das narzißtische Prinzip der Lebensgestaltung hat sich in den Großstädten durch gesetzt, die Subkulturen — siehe etwa Techno sind narzißtische Kulte geworden. In diesem Moment stellen sich unsere „Sehnsuchtswerte“ um: Nicht mehr Selbstverwirklichung prägt dann demnächst die kollektiven Sehnsüchte, sondern Verbindlichkeit, Aufgehobenheit, Kontinuität. Das Prinzip "Ich will anders sein als andere" wird von der Sehnsucht nach Konsens abgelöst "Ich will Orientierung". Die zunehmende Virtualisierung unserer Welt erzeugt eine neue Liebe zur Echtheit. Gesucht wird die Verwurzelung, das Authentische, die Heimat, das Überschaubare, das Idyll. Statt Aufregung und Stimulation wünscht man sich wieder Beruhigung — und zwar quer durch alle Altersschichten. Für die Welt der Marken haben diese Prozesse gewaltige Auswirkungen, die über die klassischen Fragen der Markenführung hinausgehen. Authentizität etwa ist ein Wert, der sich dadurch auszeichnet, dass er sich nicht simulieren lässt.

Fun- und Entertainment-Konzepte kann man zwar herstellen und mit ihnen den Markenkern verpacken und umhüllen. Bei der neuen Echtheitssuche zählt aber der eigentliche Kern der Marke. Der Kultwert einer Marke benennt das, was nicht durch ständigen Werbedruck hergestellt werden muss. Er ist nichts anderes als der eigentliche „Mehrwert“ eines Labels — das, was die Marke im Endeffekt profitabel macht oder nur mühsam überleben lässt. Kein Zweifel: Es wird auch weiterhin imperiale Marken geben, die ohne Rücksicht auf die Sinnfragen der Zeit ihre Herrschaft über eine Warengruppe fortsetzen können.

sentlichen, des Essentiellen und des Ewigen. Das wird für die Marken nicht ohne Konsequenz sein. Die Marken treiben eine Wertschöpfung im ökonomischen Sinn. Das ist ihr gutes Recht. Marken sind die Institutionen der Warenwelt, und wie alle Institutionen stehen sie zunehmend auf dem historischen Prüfstand. Wer die Evolution ins nächste Jahrtausend nicht mitmachen kann, wer außer Waren nicht auch geistige Werte, Ideen, Visionen für das nächste Jahrtausend repräsentieren kann, der eignet sich nicht für die ganzheitliche Welt von morgen.

Back to the Basics - dieser Prozess ist vielleicht der schwierigste von allen. Das Kultische orientiert sich nun nicht mehr am „Mehr“, das ein Produkt bietet, sondern vielleicht genau am Gegenteil. Marken können dadurch gewinnen, daßss sie bestimmte Dinge überflüssig machen. Sie machen den Weg aufs Wesentliche frei. Die großen Mythen der Jahrtausendwende waren Mythen des Weniger, des We-

MARKE 127


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ORIGINALE | Wert(e) | Sarah Schlingmeyer

WERTSACHE

Wert

Werte

Bedeutung Wichtigkeit Nutzen

Naturwissenschaft

Ökonomie

Sache Dienstleistung Information

Grundsätze Vorstellungen

objektiv

materiell

subjektiv

religiös

moralisch

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politisch


WERTSACHE - Dieses Thema wäre einer näheren Betrachtung wert ... Zunächst kann Wert der Preis sein, den etwas im Falle seines Verkaufes erzielen würde (Ökonomie). Wert kann auch eine durch Messung gewonnene Zahl, ein in Zahlen ausgedrücktes Ergebnis einer Messung sein (Naturwissenschaft).

Geld Allzwecktauschmittel, das durch einfache Handhabbarkeit und Vertrauen, überall akzeptiert zu werden, zur Grundlage moderner Wirtschaft geworden ist.

Außerdem versteht man unter dem Wert einer Sache, Dienstleistung oder Information die Bedeutung oder Wichtigkeit oder den Nutzen, welche diese für den Betrachter oder Besitzer hat. Zu unterscheiden ist dabei zwischen einem subjektiven und einem objektiven Wert. Subjektive Werte sind nicht messbar, sie unterliegen dem menschlichen Gefühl und Geschmack. Die Mehrzahl des Wortes Wert, nämlich die Werte haben ebenfalls eine spezielle Bedeutung. Man versteht darunter die zentralen Grundsätze, nach denen eine Gesellschaft oder eine Gruppe von Menschen ihr Zusammenleben richtet oder richten will. Diese allgemein akzeptierten Wertvorstellungen haben sich in einem Entwicklungsprozess herausgebildet und dienen als Orientierungsleitlinie für das Handeln und Zusammenleben innerhalb einer Gesellschaft (Soziologie). Die Frage nach dem Ursprung der Werte, ihrem Sinn und ihrer Berechtigung behandelt die Philosophie. Werte dienen also als Grundlage für Handlungen und Urteile. Daraus lassen sich wiederum soziale Normen ableiten, wie Sitten und Bräuche, Gesetze und Verbote. Unterschieden werden unter anderem moralische (Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Treue, Mitgefühl), religiöse (Nächstenliebe, Gottesfurcht), politische (Freiheit, Gleichheit), ästhetische (Kunst, Kultur, Schönheit) und materielle (Wohlstand) Werte. Als Grundwerte gelten die höchsten Werte innerhalb einer Gesellschaft. Auch die Leitbegriffe der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit werden als solche bezeichnet. In der Ökonomie drückt sich der Wert durch Beträge von Geld aus. Der Wert von Dingen oder Arbeit kann dabei aber immer nur relativ zu anderen festgelegt werden.Welchen absoluten, tatsächlichen Wert ein Ding oder sonst ein Phänomen aus sich selbst heraus, unabhängig von anderen hat,ist somit unmöglich auszudrücken oder zu bemessen. Als wertbestimmend gelten der Nutzen den ein Gut stiftet, und der Grad der Knappheit im Verhältnis zum Bedarf. Ein „objektiver Gebrauchswert“ ist die objektiv messbare Verwendbarkeit eines Gutes für einen bestimmten Zweck. Der „subjektive Gebrauchswert“ ist die Nützlichkeit eines Gutes für eine bestimmte Person zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort.

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Ethik Philosophische Wissenschaft vom Sittlichen.

Idealismus Philosophische Grundhaltung, die dem Denken oder den Ideen den Vorrang gegenüber den materiellen Werten einräumt. Umgangssprachlich: Haltung eines Menschen, der sich ohne materiellen Lohn für eine Sache einsetzt.

Moral Verhaltens- und Einstellungsnormen, die in einer bestimmten Gemeinschaft verankert sind und über längere Zeit hinweg als verbindlich gelten.

Kapitalismus Wirtschaftsform, die durch privates Eigentum, einen freien Markt und das Ziel der Profitmaximierung gekennzeichnet ist.

Die Goldene Regel: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“


ORIGINALE | Wert(e)

Eine kleine Wertsammlung und einige Zahlen:

PREIS FÜR einen Diamanten, der aus Asche einer im Krematorium verbrannten Leiche gepresst wird, in Euro: 2.200 IM PRINZIP EIGNET SICH FAST ALLES ALS ZAHLUNGSMITTEL und wurde in der Menschheitsgeschichte auch dazu verwendet, von Vieh und Sklaven über Muscheln und Pfeffer bis zu Zigaretten und Nylonstrümpfen, doch besonders gut eignet sich Gold. Es verdirbt nicht, ist leicht zu verarbeiten, beliebig teilbar und nimmt wegen seiner großen Dichte wenig Raum ein. Zudem kann man Gold nur schwer fälschen und auch nicht synthetisch herstellen, außerdem ist es, weil sehr weich, sonst zu wenig zu gebrauchen. So wurde Gold zur Mutter aller Währungen. Die Lyder begannen vor rund 2800 Jahren Münzen zu prägen, tauschten diese nutzlosen Dinge gegen nützliche und schufen die erste imperiale Währung. TAUSCHWERT 1 Kühlschrank = 660 Briefmarken = 24 Stunden arbeiten 1 Jeans = 100 Tafeln Schokolade = 4 Stunden arbeiten IM GRUNDRECHTSTEIL DES GRUNDGESETZES werden einige grundlegenden Wertvorstellungen in geltendes Recht umgesetzt: Menschenwürde,Einhaltung der Menschenrechte,die freie Entfaltung der Persönlichkeit, soweit sie nicht andere Rechte oder Normen verletzt, Gleichberechtigung unabhängig von Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat, Herkunft, Glauben, politische Anschauungen, Menschlichkeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Ehrlichkeit, Glück, Offenheit, Toleranz, Pluralismus, Patriotismus, Individualismus, Solidarität,Wohlstand, Leistung, Ordnung, Sicherheit, Nachhaltigkeit, Umweltschutz, finanzielle Sicherheit, Schutz vor Krankheit und Naturkatastrophen. DIE WAHRSCHEINLICHKEIT sechs Richtige im Lotto zu haben, liegt bei 1 zu 13 983 816. Rund 21 Millionen Deutsche setzen jede Woche auf dieses Wunder. DIE VIER Roosevelts 4 Freiheiten waren die Redefreiheit, die freie Ausübung der Religion sowie die Freiheit von Not und Angst. Der allgemein übliche 4-Farbdruck basiert auf den Farben Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz. Die 4 Freiheiten eines Binnenmarktes umfassen den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräften. Die 4 „Corners“ (37°N 109°W) bezeichnen den einzigen Ort in den USA, an dem 4 Bundesstaaten an einem einzigen Punkt aufeinander treffen.

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„ALLES HAT EINEN PREIS, auch die Natur“, sagt Frederic Vester. Der Öko-Pionier hat Blaukehlchen und Buchen auf den Cent genau kalkuliert, denn was nichts kostet ist auch nichts wert … Einkaufspreis für ein Blaukehlchen: 1,5 Cent (man bestimmt den Wert des Vogelskeletts beziehungsweise der darin enthaltenen Mineralien und addiert dazu den Wert von Fleisch, Blut und Federkleid). Das ist nur der Materialwert. Wenn man die Leistungen des Blaukehlchens als Schädlingsbekämpfer, als Verbreiter von Samen, Freude fürs menschliche Gemüt, als Bio-Indikator für Umweltbelastung und Symbiosepartner hinzurechnet, ergibt sich eine höhere Summe. So ein Blaukehlchen erbringt jedes Jahr Leistungen im Wert von 154,09 Euro. PREIS EINER Scheibe Toast, die John Lennon angebissen haben soll, in Dollar: 1.900 PREIS FÜR einen zehn Jahre alten Toast, mit dem angeblichen Abbild der Heiligen Jungfrau Maria im Käseschmelz auf Ebay, bis die Auktion abgebrochen wurde: 22.000 US-Dollar FRAUEN TRAGEN GEGENSTÄNDE IM WERT VON durchschnittlich 848 Euro bei sich. Eine britische Versicherung hatte 1700 Frauen gebeten den Inhalt ihrer Handtasche auszuleeren. MENGE AN Lippenstift, der im Laufe des Lebens im Magen einer Frau landet: 4 Kilo ZAHL DER Jahre, die vergehen, bis man jedes Museum in Deutschland einen Tag lang besucht hat: 16 ANTEIL DER deutschen Bevölkerung, der 2005 glaubte, dass ein vierblättriges Kleeblatt Glück bringt, in Prozent: 42 DIE FÜNF Als ein Symbol des Schutzes für die Maya, eine Glückszahl für Moslems und das chinesische Symbol für das Zentrum der Dinge, nimmt die 5 eine wichtige Funktion in vielen Kulturen ein. Enid Blytons „5 Freunde“ waren Julian, Dick, Anne, Georgina und Timmy der Hund. Die „Big Five“ Löwe, Elefant, Büffel, Leopard und Nashorn sind die 5 für den Menschen gefährlichsten Tiere Afrikas.

ZAHL DER Euro-Banknoten, die man essen müsste, bis angeblich der Tod durch Vergiftung eintritt: 400 DIE SIEBEN TODSÜNDEN Stolz, Habsucht, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn, Trägheit PUBLIKUMSZEITSCHRIFTEN auf dem deutschen Markt (2005): 1 352 EUROPÄISCHE KULTURHAUPTSTÄDTE: 1985: Athen, 1986: Florenz, 1987: Amsterdam, 1988: Berlin, 1989: Paris, 1990: Glasgow, 1991: Dublin, 1992: Madrid, 1993: Antwerpen, 1994: Lissabon, 1995: Luxemburg, 1996: Kopenhagen, 1997: Thessaloniki, 1998: Stockholm, 1999: Weimar, 2000: Avignon, Bologna, Bergen, Brüssel, Helsinki, Krakau, Prag, Reykjavik, Santiago de Compostela, 2001: Rotterdam, Porto, 2002: Brügge, Salamanca, 2003: Graz, 2004: Genua, Lille, 2005: Cork, 2006: Patras WERKE DER BARMHERZIGKEIT: Die opera misericordiae sind Taten der christlichen Nächstenliebe. Traditionell unterscheidet man geistige und leibliche Werke der Barmherzigkeit. Geistige: Unwissende belehren, Zweifelnden raten, Trauernde trösten,Sünder zurechtweisen,dem Beleidiger verzeihen,Unrecht ertragen, für die Lebenden und Toten beten. Leibliche: Hungrige speisen,Durstige tränken,Nackte bekleiden,Fremde beherbergen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote begraben. DIE ZEHN GEBOTE 1 Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. 2 Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. 3 Du sollst den Feiertag heiligen. 4 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. 5 Du sollst nicht töten. 6 Du sollst nicht ehebrechen. 7 Du sollst nicht stehlen. 8 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. 9 Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.10 Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib,Knecht,Magd, Vieh, noch alles, was dein Nächster hat. ZAHL DER Australier, die bei einer Volkszählung im Jahr 2001 in der Rubrik „Religion“ den Glauben „Jedi“ eintrugen: 70 509 ZAHL DER Informationen, die einen Menschen täglich zwischen dem Erwachen und dem Zubettgehen erreichen: 10 000

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