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Der Content-Service der interzum zu Design und Innovation The interzum content service for design and innovation 13.–16.05.2009 01_dt Design und Innovation interzum 2009 Inhalt 2 Editorial: Innovationen für die Möbel von morgen

66 Essay: Öffnungssysteme Grifflos glücklich

4 Überblick: interzum zeigt die Branchenneuheiten Der Stoff, aus dem die Möbel sind

70 Internationales Design-Forum für Formholz Anschmiegsam und faltenfrei

8 Interview Michael Lanz: „Es ist wichtig, dass man sein Wissen nicht nur für sich behält, sondern Plattformen schafft, um sich auszutauschen.” 20 Essay: Produkte mit Geschichte Kultivierung des feinen Unterschieds

76 Material: Furniere Haute Couture trifft Furnier 80 Koelnmesse: imm cologne und interzum Die Kölner Kompetenz 84 Impressum

24 Produkte: Möbelbau In Luft gedübelt 30 Produkte: Oberflächen Natürliche Handschrift 36 Produkte: Green Design Jute und mehr 42 Material: Nachhaltige Werkstoffe Grünzeug aus Plastik 50 Designer’s Voice Designer im Dialog: Allrounder mit Spezialwissen 52 Mehrwerk Designlabor 58 Kai Stania 62 Johannes Hemann

Herausgeber: Koelnmesse GmbH interzum Presse Markus Majerus Messeplatz 1 50679 Köln Telefon + 49 221 821-26 27 Telefax + 49 221 821-34 17 E-Mail m.majerus@koelnmesse.de www.koelnmesse.de


2 I Editorial

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Editorial I 3

Editorial Innovationen für die Möbel von morgen

der Branchenerzeugnisse gebündelt und anschaulich präsentiert. Das eigentliche Erfolgsrezept der interzum aber ist der interdisziplinäre Dialog zwischen Kreativen und Technikern, zwischen Produktdesignern und Ingenieuren, Projektentwicklern, Interior Designern und Herstellern.

Foto: Koelnmesse; Frank Erler (In0101_01)

Die interzum ist eine Messe, die nicht nur mit glänzenden – bzw. matten, glatten, gesprungenen oder strukturierten – Oberflächen besticht, sondern auch viele interessante Schönheiten bereit hält, in die man sich gemeinhin erst auf den zweiten Blick verliebt. Weil sie die Fantasie anregen und einen auf abenteuerliche Gedanken bringen. So auch die Designer und Architekten, die wir für Sie nach den Trends im Möbel- und Innenausbau gefragt haben. Bei dieser Gelegenheit wurde auch das Verhältnis von Design und Innovation thematisiert – eine Verknüpfung, die den Außenstehenden im Zusammenhang mit der Zuliefermesse vielleicht überrascht, die aber charakterisiert, worum es auf der interzum geht: um Innovationen für Design und um die Forderungen des Designs nach innovativen Detaillösungen und Materialkonzepten. Beim Rundgang durch die Hallen ist ein wenig professionelle Fantasie hilfreich, um das enorme Potenzial der Neuheiten bei Beschlägen, Polstern, Halbfertigfabrikaten oder Oberflächenmaterialien einschätzen zu können. Diesem grundsätzlichen (Er-)Klärungsbedarf will diese Content-Mappe nachkommen. Nicht mit umfangreichen Erläuterungen, sondern mit Bildern und Formaten, die eine Vorstellung davon vermitteln sollen, wofür die Scharniere und Furniere, die Laminate, Polster und Materialkonzepte gebraucht werden. Wohin die Reise der Bretter und Leichtbauplatten geht. Dieses Jahr können die Designer und Architekten mit dem Forum „Innovation of Interior” auf ein Angebot zurückgreifen, welches die Anwendungsmöglichkeiten

Es zieht sich wie ein roter Faden durch diese ContentMappe: Der interdisziplinäre Austausch ist entscheidend für die Entwicklung von Innovationen. Und die weisen derzeit eindeutig in die Richtung nachhaltiger bzw. „grüner” Konzepte für den Möbel- und Innenausbau. Umso glücklicher sind wir, mit Chris Lefteri einen der renommiertesten Spezialisten für die Anwendungsmöglichkeiten neuer Werkstoffe im Design für unsere Rubrik über Materialien gewonnen zu haben. Sein fachkompetenter Beitrag wird begleitet von Gedanken über den Individualisierungstrend im Möbeldesign, dem Bericht über einen experimentellen Ausflug der Furnierhersteller in die Welt der Mode, einem launigen Essay über das Lebensgefühl ohne Griffe und natürlich wieder von etlichen Produktbeispielen. Wir haben die Content-Mappen als Service für Journalisten zur imm cologne eingeführt und schnell erkannt, dass sich dieses Format auch für die interzum anbietet, da für beide Bereiche Design von zentraler Bedeutung ist. Die interzum bildet quasi den Unterbau für die Möbel- und Einrichtungsmesse imm cologne – zusammen bilden sie eine konsequente Wertschöpfungskette ab. Viele Erkenntnisse über die kleinen Details und ihre große Wirkung wünscht Ihnen nun Markus Majerus

P.S. Noch einmal: Die Beiträge in dieser Content-Mappe sind bisher unveröffentlichte Texte für den redaktionellen Gebrauch. Für Journalisten und Redakteure sind sie (wie auch – unter der Bedingung der Nennung der FotoCredits – die aufgeführten Bilder) kostenfrei für Veröffentlichungen in Print- und Onlinemedien zu verwenden. Für eine Veröffentlichungsanzeige und/oder die Zusendung von Belegexemplaren sind wir dankbar.


4 I Ăœberblick


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interzum zeigt die Branchenneuheiten Der Stoff, aus dem die Möbel sind

Foto: Renolit; Covaren Highgloss (In0201_01)

Das Innenleben von Schränken, Sofas und Betten lässt sich am besten auf der interzum studieren, der Weltleitmesse für Zulieferer der Möbelindustrie und des Innenausbaus. Außerdem zeigen sich hier als Erstes die neuen Trends bei Bezugsstoffen, Oberflächen und Hölzern. Demnach laden hochwertige Stoffe und Strukturfurniere zum Streicheln ein, während man beim Öffnen von Schubladen und Schränken oder bei sensorgesteuerten Hightech-Lichtsystemen kaum noch Hand anlegen muss. Für Fachleute ist die Leitmesse der internationalen Zulieferindustrie ein Eldorado: Möbelbauer, Architekten, Innenarchitekten und Designer stöbern hier nach neuen Ideen für ihre Objekte, nach neuen Werkstoffen, Dekoren, Fertigungstechniken und den neuesten Looks. Wie kann man sich zeitgemäß betten, Räume ausdünstungsfrei

und schwer entflammbar einrichten, ergonomisch ausstatten oder stimmungsvoll erhellen – die Kölner Messe versammelt alle zwei Jahre die Innovationen aus aller Welt, um solche Fragen zu beantworten. Für den Laien hingegen ist der Besuch der Messe ein Abenteuer, das ihn ohne fachkundige Leitung auf dem kürzesten Weg in ein Dickicht spiegelnder Wände, computergesteuerter Polstermaschinen und kleinteiliger Schräubchen, Rollen und Zylinder führt. Die Produkte der Zulieferindustrie sind zugegebenermaßen erklärungsbedürftig. Wo der Designer im Geiste schon neue Möglichkeiten zur naturschonenden Konstruktion von Möbeln und der Hersteller neue Funktionen für die Hightech-Küche entstehen sieht, erblickt Otto-NormalVerbraucher nur Schichtplatten, Beschläge, Dübel und Druckluftfedern.


6 I Überblick

Doch keine Angst: Spätestens bei den Angebotsschwerpunkten Nature&Interior und Form&Decoration mit ihren Inszenierungen von Hölzern und Furnieren, Parketten und Laminaten, mit ihren geprägten oder papierenen Oberflächendekoren wird auch seine Phantasie abheben. Die vorgestellten Materialien und Zubehörelemente für Polster, Bezüge und Leder im Bereich Comfort&Bedding wecken bislang unbekannte Wünsche nach modernem Sitz und Liegekomfort. Hier finden sich Anregungen für die Industrie genauso wie für den Häuslebauer.

Einer dieser Trends steuert auf einen Höhepunkt zu: die Individualisierung von Produkten. Produkte und Werkstoffe, die eine Geschichte haben, stehen hoch im Kurs. Denn Individualität drückt sich nicht mehr nur durch eine ausgefallene oder ikonenartige Form aus, sondern sucht schon im Material das Besondere. Und so werden in der Branche Böden aus historischem Althaus-Bestand angeboten, das technisch aufwändig ausgebaut und veredelt wurde. Oder Furnier mit einem besonderen Finish, das den Charakter des Holzes betont, bis hin zu „geräuchertem” Holz, das beim Räuchern

Foto: Resopal; Artists Joy (In0201_02)

Trends zeigen sich oft im Detail. Während sich die Formensprache von Designobjekten in der Theorie recht frei entwickeln kann, ist ihre reale Gestaltung nur überzeugend und komplett, wenn auch die Details und die verwendeten Materialien stimmen. Der cleane Look einer minimalistischen Küchenfront kann durch Griffe empfindlich gestört werden, und ein wetterfester Bezug, der sich nicht textil anfühlt, lässt die schönste Gartenmöbelkollektion alt aussehen. Die Trendscouts und Entwickler der Zulieferindustrie haben ein Gespür für die Bedürfnisse der Menschen und liefern die Komponenten und Ideen, mit denen Designer arbeiten.

durch seine unterschiedlich verteilten Gerbsäureanteile eine lebendige, dunkle Färbung und Patina erhält und eine lebendigere Maserung zeigt. Ein Nebeneffekt des Räucherns: Es macht auch säurehaltige heimische Hölzer widerstandsfähig gegen Witterung und Schädlingsbefall und schont damit die Tropenwälder. Der Zulieferermarkt reagiert auch auf sich verändernde Konsumentenbedürfnisse. Eine der nachhaltigsten Veränderungen in der Wohnsituation ist die Aufwertung des Bades zum Wohnraum: Als Rückzugsgebiet und Regenerationstempel soll das Bad wohnlicher einge-


Überblick I 7

richtet werden und zum Verweilen einladen. Holz ist das bevorzugte Material, um diesen Effekt zu erzielen. Aber Bäder sind feucht. Also entwickelt die Branche Plattenwerkstoffe, die von Badplanern als wasserfeste Raumgestaltungselemente flexibel eingesetzt werden können. Oder auch thermisch behandelte Furniere, die wasserbeständige Eigenschaften aufweisen. Licht ist ein weiteres großes Thema im Möbelbau – nicht als Leuchtobjekt, sondern als integrierte Lichtquelle für Funktionslicht sowie für die atmosphärische Illumination des Möbels selbst. Schrankwände, Tische und andere Designobjekte, die in weichen Farben schimmern, lassen sich heute energieeffizient mit Leuchtdioden umsetzen, wobei es die RGB-Technik erlaubt, die Lichtfarbe der persönlichen Stimmung anzupassen.

Foto: Elektra; LED-Konstruktionsboden (In0201_03)

Hightech findet sich in Küchen und auf Polstermöbeln nicht mehr nur bei den Kochgeräten und TV-Fernbedienungen, sondern auch zunehmend bei den konstruktiven Komponenten. Etwa bei den Beschlägen, die sich zum Teil vom einfachen Scharnier zum elektromechanischen Öffnungsmechanismus mit Sensorsteuerung entwickelt haben: Türen und Schubladen öffnen sich wie von Geisterhand, wenn die Hand sich ihnen nähert oder an die Tür klopft – außergewöhnliche Entwicklungen, die Bedienkomfort erhöhen und gerade für ältere Menschen oder Personen mit körperlichen Einschränkungen attraktiv sind. Und auch für die Verstellmöglichkeiten in Höhe und Sitzposition bei Polstermöbeln und Betten gibt es immer mehr elektromechanische und hydraulische Raffinessen. Die Technik ist aber nicht nur Bestandteil der interzumProdukte, sondern auch ihr Gegenstand. Die Komponentenhersteller zeigen einigen Ideenreichtum bei der ergonomischen Integration etwa von Laptops und Bildschirmen in die Wohnungseinrichtung.

Dennoch geht es bei den Gestaltungstrends nicht nur darum zu zeigen, was alles möglich ist, sondern auch um das Wie – also um die Auswirkungen dieser Industrie auf die Umwelt. „Die auf der interzum gezeigten Neuheiten machen deutlich, dass die Themen Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung weiter an Bedeutung gewinnen”, so Michael Lanz, Jury-Mitglied des zum fünften Mal ausgeschriebenen interzum award, einem in Kooperation mit red dot projects durchgeführten Designwettbewerb. So spart eine der herausragenden Neuentwicklungen in der Branche, die wie Massivholz einzusetzende Leichtbauplatte (nun auch mit Echtholzschicht) Ressourcen und schont die Tropenwälder. Nicht nur Materialkosten, auch Transportkosten und –energien werden eingespart. Bereits auf der letzten interzum vor zwei Jahren war sie zur Marktreife gelangt; doch erst mit den nun vorgestellten neuen Verbindungselementen – etwa verklebbaren Dübeln – kann die Leichtbauplatte, die trotz ihres hohlen Kerns wie eine Massivholzplatte wirkt, auch stabile konstruktive Verbindungen eingehen. Aber egal, ob Holz oder Kunstfaser, Furnier oder Folie, Leder oder klimatisierende Hightech-Bezüge – vor allem eines müssen die Materialien heute sein: hochwertig. Die Oberflächenkonzepte werden dabei immer stärker ausdifferenziert. Hochglanz wird durch ebenfalls glänzende, aber weich anmutende Varianten ins matte Milieu variiert, und Oberflächen, die aussehen wie gebürstetes Metall, Glas oder gesprungenes Eis wirken authentisch und handwerklich gearbeitet. Insgesamt zeigen die Oberflächen eine neuartige Haptik durch eine gröbere Strukturierung, die Wertigkeit vermittelt. Das zeigt sich bei Hölzern genauso wie bei geprägten Ledern und Polsterstoffen. Die interzum wird zeigen, dass Strukturfurniere, raue Oberflächen und edle Stoffe voll im Trend liegen. Text: Claudia Wanninger


8 I Interview

designaffairs ist eine inhabergeführte, strategie- und designorientierte Agentur für Produkt- und Markenentwicklung mit den Standorten München und Erlangen, sowie der Partneragentur s.point design in Shanghai. Die Kreativ-Agentur ist international tätig und konnte in den letzten zehn Jahren rund 160 Designauszeichnungen für sich verbuchen. Gemeinsam mit ihren Kunden entwickelt designaffairs Produkte, die die Marken der Kunden nachhaltig prägen. Dabei werden diese in allen Fragen aus den Bereichen Industrial Design, Interface Design, Color & Material Design sowie Design- und Markenstrategie und Konstruktion betreut – und das lokal, national, weltweit und branchenunabhängig sowohl für kleine und mittlere wie für große Unternehmen. Insgesamt beschäftigt designaffairs zurzeit knapp 50 Mitarbeiter. Die Bandbreite des Produktdesigns reicht von Kernspintomographen über TelekommunikationsProdukte bis hin zur Pad-Kaffeemaschine WMF 1. Letztgenanntes Konsumprodukt gehört heute schon in die Riege der Designklassiker. Michael Lanz ist Sprecher der vierköpfigen Geschäftsführung und diesjähriges Mitglied der Jury für den Designwettbewerb „interzum award: intelligent material & design 2009”. Weitere Informationen: www.designaffairs.com


Interview I 9

Interview Michael Lanz „Es ist wichtig, dass man sein Wissen nicht nur für sich behält, sondern Plattformen schafft, um sich auszutauschen.”

Foto: Koelnmesse; Andreas Körner (In0301_01)


10 I Interview

Foto: Koelnmesse; Andreas Kรถrner (In0301_05)


Interview I 11

Michael Lanz „Als Folge aus dem Phänomen der Reizüberflutung suchen wir nach Wegen, wie wir unsere Sinne wieder neu entdecken können.”

Foto: Koelnmesse; Andreas Körner (In0301_02)

 Herr Lanz, Sie verbrachten letzte Woche anscheinend einen sehr interessanten Tag in Köln, als Sie Mitglied der Design-Jury des interzum award: intelligent material & design 2009 waren. Mit welchen Eindrücken sind Sie zurück nach München gekommen?  Die Beiträge zum interzum Award zeigen, dass auch die Zulieferindustrie den Stellenwert einer hohen Designqualität erkannt hat. Und das ist auch gut so, denn die Konsumenten schauen immer mehr auf die Detailqualität eines Möbels, und die bestimmt damit auch zu einem großen Teil den Qualitätseindruck des Gesamtprodukts.  Woran machen Sie das fest?  Das zeigt sich schon im Bereich Materialien und Oberflächen. Hier haben die Zulieferer viele neue und interessante Lösungen anzubieten, die den Designern

und Herstellern neue Gestaltungsspielräume eröffnen. Die wichtigsten Trends sind dabei meines Erachtens eine neuartige Haptik durch neuartig strukturierte Oberflächen, zum Beispiel bei Hölzern oder bei geprägten Ledern und Polsterstoffen, sowie Hochwertigkeit und Authentizität der verwendeten Materialien. Aber auch die Themen Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung gewinnen weiter an Bedeutung.  Glauben Sie denn, dass die Konsumenten sich zunehmend für das Thema Green Design interessieren werden?  Auf jeden Fall, und zwar auf ganz unterschiedlichen Bedeutungsebenen. Da gibt es zum einen das Thema New Sensualism, zu Deutsch „Neue Sinnlichkeit”, womit gesagt werden soll, dass der Verbraucher eine neue


12 I Interview

Foto: Koelnmesse; Andreas Kรถrner (In0301_07)


Interview I 13

Haptik haben will. Dieser Trend ist nicht unbedingt von ökologischen Motiven getrieben, sondern ist eher eine Folge aus dem Phänomen der Reizüberflutung und sucht nach Wegen, wie wir unsere Sinne wieder neu entdecken können. Dann gibt es einen Trend, den nennen wir Moral Pursuit, was so viel bedeutet wie „das Streben nach moralischen Werten”. Dies ist aus unserer Sicht ein sehr starker Trend, den man zum Beispiel im Nahrungs- und Genussmittelbereich beobachten kann. „Ich will konsumieren – aber mit gutem Gewissen” ist hier die Devise. Denken Sie auch an Hybrid-Autos. Nach meiner Meinung ist eine breite Basis in der Bevölkerung bereit, das eigene Handeln zu hinterfragen und zu sagen: Luxus bedeutet für mich nicht, möglichst viel Geld ausgeben zu können oder möglichst viele Gegenstände zu besitzen, sondern ein gutes Lebensgefühl zu haben. Ich möchte die Gewissheit, dass die Dinge, die ich esse, eine gute Qualität besitzen. Oder auch, dass Produkte die Umwelt nicht mehr schädigen, als es unbedingt sein muss.  Und was hat das mit Möbeln zu tun?  Nun, wenn man das auf den Möbelbereich überträgt, ist das vor allem ein Material- und Qualitätsthema. „Ich kaufe einmal ein gutes Stück, das lange hält, und das die Umwelt weniger schädigt und belastet, als wenn ich ständig alle zwei Jahre neue Möbel kaufe” – so ist hier die Denkweise der Konsumenten. Ein anderes Beispiel: Was passiert eigentlich mit den alten Möbeln? Die landen auf dem Sperrmüll. Wir sollten schon bei der Produktentwicklung über Nachnutzungskonzepte nachdenken. Was mache ich denn zum Beispiel mit Kindermöbeln, die nur einen beschränkten Zeitraum genutzt werden können? Ein nachwachsendes Jugendzimmer könnte man so geschickt umbauen, dass ich einmal ein Hochbett daraus machen und z.B. mit einer Rutsche ausstatten kann, solange das Kind kleiner ist. Dann aber kann das Möbel in ein normales Bett verwandelt werden, das auch altersgerecht aussieht. Es hat Elemente, die man selbst umlackieren kann; oder man kann bestimmte Flächen wenden, um dem Alter des Kindes gerecht zu werden und die bunten Comicbilder zu verbannen. Für solche Konzepte sehe ich auch einen

Markt. Das Konzept muss aber kreativ und intelligent sein, dann bin ich überzeugt, dass der Konsument auch mehr Geld ausgibt. Man muss daran glauben, und es muss hinterher auch funktionieren, sodass ich das Produkt auch wirklich länger nutzen kann.  Ökologisches Handeln hat also vor allem etwas mit Langlebigkeit zu tun?  Ja, jeder hat doch Lieblingsstücke, von denen man sich einfach nicht trennen mag, weil die Möbel eine solch hohe Qualität haben. Vielleicht ist sogar noch eine persönliche Geschichte mit ihnen verbunden, und sie bestehen aus Materialien, die patinafähig sind. Ein toller Ledersessel hält einfach ewig, der muss natürlich auch von der Gestaltung her so sein, dass ich auch eine persönliche Beziehung aufbauen kann. Vielleicht freuen sich dann sogar noch meine Erben über das „gute Stück”.  Stichwort Lieblingssessel: Welche Trends sehen Sie denn im Bereich Polstermöbel?  Bei Polstermöbeln sind zunehmend Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an verschiedene Raum- und/ oder Benutzungssituationen gefragt. Für einen besseren Bedienkomfort werden auch immer mehr elektromechanische Lösungen für diese Verstellmöglichkeiten angeboten. Bei Sesseln und Sofas setzt sich der Trend zu „loungigen” Möbeln mit immer weniger Sitzhöhe, aber umso mehr Sitztiefe weiter fort. Auch bei den Polstermöbeln sind Materialien, die das Wohlbefinden und den Komfort steigern, gefragt. Das ist auch im Bereich Bedding deutlich zu spüren: Hier werden eine Vielzahl von Lösungen angeboten, die einen gesunden Schlaf fördern und/oder besonders ökologisch sind.  Sind solche Trends eine Anleitung zum Erfolg?  Design ist ja keine mathematische Wissenschaft, in der man sich darauf verlassen kann, dass 1+1 gleich 2 ist. Im Bereich Engineering kann ich das ganz anders handhaben. Auf der Kundenseite ist immer eine gewisse Unsicherheit, ob der Designer das richtige tut, ob er dem richtigen Designer das Geld gibt. Er weiß ja nicht, ob das Produkt im Nachhinein erfolgreich wird. Und auch erfolgreiche Designer können mal einen Flop landen.


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dünn wie Papier ist – und plötzlich hat man neue gestalterische Freiräume. Die man dann natürlich intelligent nutzen muss. Das wiederum inspiriert zum Beispiel einen Ingenieur zu neuen Ideen. Es ist daher immer ein Geben und Nehmen – eben wie ein Ping-Pong-Spiel. Man muss daher die Kommunikation zwischen den verschiedenen Disziplinen fördern. Vorraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist allerdings, dass man sich immer mehr öffnet, dass man sein Wissen nicht nur für sich behält, sondern Plattformen schafft, um sich auszutauschen. So war zum Beispiel die amerikanische Industrie vor zehn Jahren sehr erfolgreich, weil man sich sehr geöffnet hat. Im Silicon Valley hat nicht jeder vor sich hin entwickelt, sondern man hat sich ausgetauscht und befruchtete sich gegenseitig, um gemeinsam stark zu sein.

Sicherheit hat man hier ja nie. Es ist wie bei einer Kaufentscheidung – es geht dem Konsumenten genauso wie dem Auftraggeber, auch er möchte sich im Nachhinein in seiner Entscheidung bestätigt sehen. Insofern ist zum Beispiel auch ein Designpreis ein Erfolg. Wichtiger als ein gewonnener Designpreis ist aber der wirtschaftliche Erfolg des Produkts.  Ein Schlüsselfaktor zum Erfolg scheinen innovative Materialien zu sein. Was ist bei der Entwicklung neuer konstruktiver Lösungen im Möbelbereich in der Regel zuerst da – das innovative Material oder die Idee des Designers?  Der Weg eines innovativen Materials bis zur Verwendung kann vielfältig sein. Ein Beispiel: Kohlefaserverbundwerkstoffe kommen eher aus der Luft- und Raumfahrt oder aus der Formel 1 und haben durch ihre Leichtigkeit und ihre extrem hohe Festigkeit auch Einsatzmöglichkeiten im Möbelbereich. So ist zum Beispiel ein Stuhl entstanden, der aus Kohlefaser und so

 Wo sehen Sie als Designer im Bereich der Möbelbeschläge Potenzial für die Zukunft?  Integrierte oder minimalisierte Lösungen im Bereich der Möbelbeschläge können den Designern zukünftig durchaus Möglichkeiten für neue Möbelkonzepte oder Detaillösungen bieten. Die steigende Designqualität der Beschläge, etwa durch eine verbesserte Oberflächen- und Detailqualität, machen sie zu einem zusätzlichen Gestaltungselement. Hier werden zunehmend elektromechanische Öffnungsmechanismen mit Sensorsteuerung angeboten. Diese bergen Potential für mehr Bedienkomfort, vor allem für ältere Menschen oder Personen mit körperlichen Einschränkungen. Designer und Möbelhersteller sollten hier aber sorgfältig darüber nachdenken, was aus Sicht des Konsumenten wirklich gewünscht ist.  Der Austausch von Ideen und Know-how, wie es etwa die Firma Becker KG mit ihrem Design-Forum praktiziert, oder das aktuelle Forum „Innovation of Interior”, die beide auf der interzum stattfinden, sind damit also der richtige Schritt zu mehr Innovationen?  Ja. Interdiszipliniertes Arbeiten fördert die Findung von Innovationen. Um sich etwas komplett Neues auszudenken, tut man sich alleine in der Regel viel schwerer, als wenn man es in einer Gruppe macht. Hier muss


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Foto: Koelnmesse; Andreas Körner (In0301_04)

dann aber auch das soziale Gefüge des Teams stimmen. Da, wo Menschen zusammenkommen, die einander vertrauen und Spaß miteinander haben, entsteht auch leichter etwas Neues. Auch deshalb beziehen wir unsere Kunden gerne in die Arbeit mit ein, zum Beispiel im Rahmen eines Workshops.

einzigartig: Die an das Lab angeschlossene Materialbibliothek beinhaltet mehr als 1.500 Materialproben aus den verschiedensten Anwendungsbereichen und bietet somit eine hervorragend bestückte Materialdatenbank, die die Materialauswahl für ein Produkt anschaulich unterstützt.

 Sie verfolgen hier in Ihrem Büro mit dem Color & Material Lab ein ähnliches Prinzip. Was kann man sich darunter vorstellen?  Unter dem Namen Color & Material Lab findet sich seit 2003 eine ständige Ausstellungsfläche hier in München. Insgesamt zwölf Partner aus der Vorstufen- und Zuliefererindustrie zeigen hier eine Auswahl ihrer Produkte. Von Farbpigmenten für Automobile oder Kosmetik über Kunststoffgranulate bis zu komplexeren Kunststoffen und Kunststoffderivaten sowie Lichtmedien wird hier die ganze Bandbreite von Materialien gezeigt, die im Produkt- und Industriedesign Verwendung finden. Nicht zuletzt dadurch ist das Color & Material Lab in seiner Art

 Welche Vorteile bringt Ihnen eine solche Materialsammlung?  Bei der heutigen Produktvielfalt ist das Design für die Kaufentscheidung oft ausschlaggebend. Getrieben dadurch haben sich die entsprechenden Dekorationsverfahren und Materialtechnologien derart weitreichend entwickelt, dass verstärkt Expertenwissen in diesem Bereich gefragt ist. Das Color & Material Lab gibt hier eine Orientierung: Was gerade Trend ist oder wird, wissen unsere Designer, während die Ingenieure wiederum die technischen Möglichkeiten besser kennen. Um diese beiden Seiten zusammenzubringen, haben wir das Color & Material Lab geschaffen, mit dem wir die verschiedenen


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Foto: Siemens; Gigaset E490 (In0301_11)

Foto: Siemens; Magnetom Verio (In0301_12)


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Foto: WMF; WMF1; Design: designaffairs (In0301_10)


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Partner, also Unternehmen, Ingenieure und Designer, an einen Tisch bringen. Durch die ständige Ausstellung und regelmäßig stattfindende Veranstaltungen wird der Dialog zwischen diesen Partnern gefördert. Im Rahmen der stets gut besuchten Veranstaltungsreihe Material Talks finden regelmäßig Vorträge und Diskussionen zu relevanten Fachthemen statt.  Wer kann das Lab besuchen?  Das Color & Material Lab steht allen Interessenten nach Terminabsprache offen. Gerade Designstudenten sind häufige Besucher, denn hier werden theoretische Möglichkeiten anschaulich übersetzt. Auch Designer und Produktmanager nutzen das Lab, um neue Ideen zu erhalten oder sich über die Machbarkeit von Ideen zu informieren.  Wie wichtig sind Messen wie die interzum für Ihre kreative Arbeit?  Messen sind ein wichtiger Input. Gerade wenn wir über den Bereich Trends reden, sind Messen ein wichtiger Marktplatz, um sich über neue Tendenzen zu informieren und einen Abgleich mit den eigenen Ideen zu machen. In welche Richtung denken andere? Stehe ich alleine mit meinen Gedanken oder beschäftigen sich andere auch gerade mit dem Thema? Wenn Letzteres der Fall ist, scheint die Zeit für eine Idee reif. Dann ist die Chance, dass ich richtig liege und den Markt verstanden habe, viel höher. Und das gilt speziell für die interzum. Ich war ja als Material- und Design-Experte in der Jury zum interzum award. Aber auch wenn man sich mit dem Thema Materialien sehr intensiv beschäftigt, entdeckt man trotzdem immer wieder auch etwas Neues. Als Juror hat man natürlich die Aufgabe, die Einreichungen zu beurteilen, aber man lernt auch immer etwas Neues für die eigene Arbeit. Text und Interview: Claudia Wanninger Fotos: Andreas Körner

interzum award: intelligent material & design 2009 Der Design-Wettbewerb „interzum award: intelligent material & design 2009” wird in diesem Jahr zum fünften Mal von der Koelnmesse gemeinsam mit red dot projects durchgeführt. Insgesamt lagen der Jury 209 Anmeldungen von 115 Unternehmen vor. Beide Werte übertreffen den vor zwei Jahren durchgeführten Wettbewerb um nahezu 40 Prozent. 2007 hatten 83 Unternehmen mit 151 Neuheiten teilgenommen. Die Preisverleihung, an die von einer hochkarätigen Jury (Michael Lanz, designaffairs, Martin Bergmann, EOOS, Yasmine Mahmoudieh, Prof. Dipl.-Ing. Martin Stosch, Universität Ostwestfalen-Lippe) unter Vorsitz von Prof. Dr. Peter Zec nach den Kriterien Innovationsgrad, Funktionalität, Materialqualität, Formgebung und Nachhaltigkeit ermittelten Gewinner findet im Rahmen der interzum Eröffnung am 12. Mai 2009 statt. www.interzum.de


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Foto: Koelnmesse; Andreas Kรถrner (In0301_08)

Foto: Koelnmesse; Andreas Kรถrner (In0301_03)

Foto: Koelnmesse; Andreas Kรถrner (In0301_09)

Foto: desifnaffairs; Color & Material Lab (In0301_13)


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Produkte mit Geschichte Kultivierung des feinen Unterschieds

Foto: Mehling & Wiesmann; Geräucherte Maserfurniere (In0401_01)

Möbel und andere Einrichtungsobjekte sind heute so etwas wie die Visitenkarte des modernen Menschen. Ihre Einzigartigkeit wird zum Kriterium für Originalität in unserer individualistischen Gesellschaft. Produkte mit kleinen Eigenheiten, authentische Einzelstücke und individualisierbare Möbel und Möbelsysteme haben daher Konjunktur. Und auch, wenn es nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich ist: Auch viele Materialien haben ein Gesicht und einen Charakter. Wie bei den Menschen. Eine anscheinend roh gehobelte Tischplatte, die besondere Umsicht beim Abstellen des Weinglases zu erfordern scheint… Sind das etwa Jahresringe? Unwillkürlich streicht der Gast über die überraschend weich geglätteten Hubbel, und mit einem etwas ungläubigen Lächeln wiederholt er die sinnliche Geste. Massivholz? Der Hausherr gibt sich geheimnisvoll, die Gastgeberin übt Understatement. Der niedrige Hocker hier, ja, der ist durch und

durch massives Kernholz. Seine Oberfläche ist zwar glatt poliert wie ein Babypopo, doch seine Pilzform scheint zu sagen: „Ich bin aus dem Wald, bring mich zurück.” Ein Bild drängt sich dem Betrachter auf: Vermutlich stand er gleich neben der Eiche, deren Baumscheibe nach dem Waldspaziergang zu dem modernen Couchtisch mit dem zierlichen Edelstahlgestell umfunktioniert wurde. Und wo habt ihr diesen Großvaterstuhl her? Wohl im selben Gang gefunden, was? Haha! Ach, der ist wirklich von Ihrer Oma? Sorry, aber wer soll sich da noch auskennen? Ob aus dem Möbelhandel oder der Schreinerwerkstatt, ob Prototyp oder Fundstück von der Straße, Flohmarktausbeute oder echtes Erbstück – egal, Hauptsache, die stillen Mitbewohner haben etwas zu erzählen. Vielen Menschen reicht es nicht mehr, dass ihre DiscounterMöbel einen witzigen Namen tragen. Sie wollen ein Möbel mit Individualität, mit Charakter.


22 I Essay

Foto: Koelnmesse; Karsten Jipp (In0401_02)

Dabei gibt es so viele Möglichkeiten, Charakter zu zeigen. Alte Möbel haben es da natürlich leicht. Ein echtes Erbstück spricht Bände, enthüllt Zeitspuren und beweist Qualität – Qualität, die mit den alten Möbeln langsam ausstirbt und uns deshalb heute umso wertvoller erscheint. Diese Wertschätzung überträgt sich aber auch auf die Form und den Stil neuer Möbel. Nicht umsonst wählen Designer wie Jasper Morrison immer wieder alte Möbeltypen, die sich optisch auf den ersten Blick kaum von den klassischen Allerweltsmöbeln von gestern oder vorgestern unterscheiden. Erst bei genauerem Hinsehen fallen kleinere Veränderungen in Proportionen und Materialwahl auf, und manchmal erkennt nur der Fachmann, wenn ein Stuhl mit innovativer Fertigungstechnik und ausgeklügelten Komponenten konstruiert ist. Die Aufmerksamkeit der Designer richtet sich zunehmend auf Details wie Oberflächen- und Materialbeschaffenheit oder auch Beschläge, denn sie ermöglichen nicht nur leichte und moderne Konstruktionen, sondern sind auch eine Grundvoraussetzung für die Stimmigkeit des Gesamtbilds. Deshalb beobachten sie genau die Neuheiten, die alle zwei Jahre auf der interzum in Köln vorgestellt werden. Bei dem

Besuch der Weltleitmesse der Zulieferindustrie für Möbel und Innenausbau wird auch dem Letzten schnell klar, dass Hightech und alte Formen, altes Material und neue Fertigungstechniken Hand in Hand gehen. Gerade die Trends der aktuellen interzum zeigen, wie charakterstarke, strukturbetonte Oberflächen – seien sie natürlich oder nicht – dem Wunsch der Konsumenten nach dem Echten nachkommen. Nach Möbeln mit einer Geschichte. Das macht auch die Flohmärkte wieder so attraktiv. Die hier erstandenen Möbel und Accessoires zeugen nicht nur von der Findigkeit und Energie des neuen Besitzers, sondern bergen vielleicht sogar ein Geheimnis, das niemand mehr zu lüften in der Lage ist. Doch nicht jeder steht auf staubige Fundstücke vom Flohmarkt. Zum Glück müssen Produkte mit Geschichte heute nicht einmal mehr alt sein. Nicht nur die die Ikonographie und die technische Konstruktion einer Form können Tradition bekunden – auch die Materialien bestimmen den Charakter eines Möbels und können mittels Ästhetik, Konstruktion und „inneren Werten” Geschichten erzählen.


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Oder auch tatsächlich alt sein. Neben der zunehmenden Zahl an Schreinern, die Möbel aus Bäumen der Region mit einem lokalen Bezug zum Käufer herstellen, gibt es auch wenige Spezialisten, die aus Altholz gewonnene Holzwerkstoffe anbieten. Das bis zu 300 Jahre alte, veredelte Holz wird auf der interzum in Form von Dielen, Balken, Möbeln oder auch 3-Schicht-Platten angeboten. Manchmal ist das Material auch der eigentliche, wenn auch stille Star eines Möbels. Wenn zum Beispiel eine Holzplatte genau so aussieht wie eine Massivholzplatte – und dank neuer Verbindungs- und Klebesysteme auch genauso stabil verarbeitet werden kann –, sich aber als Leichtbauplatte mit einer Furnierschicht über einem Trägermaterial mit Hohlraumstruktur entpuppt und nicht nur die Wälder in Asien schont, sondern auch Transportkosten spart und preiswerter ist als die „gewachsene” Holzplatte, dann verleiht sie dem Möbel ein ganz neues

Stoffes ausmacht. Seine Maserung ist nicht nur ein ästhetischer Faktor, sondern ein Materie gewordener Zeitraffer. Holz „arbeitet” und altert, und es zeichnet sich im Alter durch eine ganz eigene Patina aus. Praktisch: Bei „geräuchertem Holz” – einer neuen Variante für die Ausrüstung von Hölzern – werden Geschichte und Charakter gleich mitgeliefert. Selbst einheimische Hölzer erhalten durch das Räuchern eine exotische Note. Ihre natürliche Gerbsäure führt durch die Behandlung mit Ammoniakgas in so genannten Räucherkammern zu einer Farbvertiefung, die das Holz dunkler und die Maserung lebendiger erscheinen lässt. Prinzipiell können alle Hölzer, mit unterschiedlich viel Gerbsäure bestrichen, so eine Antikbehandlung erfahren. Denn der Prozess verleiht ihnen eine natürliche Patina. Ironischerweise wird das Holz durch das Räuchern resistenter gegen Witterungseinflüsse und Licht – das Holz verändert sich also nicht weiter. Eine eigene Geschichte bleibt ihm somit verwehrt. Doch auch neue, nicht natürlich vorkommende Materialien können einzigartig sein. Ausgeklügelte Fertigungsverfahren nutzen etwa eine unvollständige Durchmischung der Farbpigmente bzw. der Gussmassen bei der Produktion von Kunststoffkomponenten, um die Eigenart des Materials hervorzuheben. So erhalten auch Kunststoffkomponenten eine auffällige Maserung. Offensichtlich ist es nicht mehr, wie zu Zeiten von Bauhaus und guter Form, die Einheitlichkeit, die heute den Maßstab vorgibt. Das neue Ideal verfolgt die Kultivierung des kleinen Unterschieds und der natürlichen Varianzen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich bei dem Produkt um einen Kunststoffgriff, eine Bodendiele, ein Regalsystem oder eine Stone washed Jeans handelt. Die Gleichförmigkeit perfekter Produktionskultur wird zugunsten des Variantenreichtums aufgegeben. Die Perfektionierung des Unperfekten eben.

Foto: Holz-Börse; Historischer Altholz Design Stuhl (In0401_03)

Text: Claudia Wanninger Profil. Denn der nunmehr vollständig im Markt etablierte Werkstoff trägt nicht unerheblich zum nachhaltigen Design im Möbel- und den Innenausbau bei und ist es wert, dass man sich Gedanken über ihn macht. Das Naturmaterial Holz vereint idealtypisch, was einen Werkstoff einmalig macht: seine Struktur und Verarbeitung schaffen eine charakteristische Haptik, die zusammen mit Farbe und Maserung die Sinnlichkeit dieses


24 I Produkte: Möbelbau

Problem erkannt, Lösung parat: Mit dem Siegeszug der Leichtbauplatte in Möbelbau und Innenausbau traten neue Herausforderungen auf, die bei der Spanplatte schon längst gelöst waren. Nun endlich scheinen alle Verbindungsprobleme gelöst – mit den auf der interzum vorgestellten Neuheiten lassen sich problemlos zwei Platten miteinander oder auch eine Platte mit einem Regalboden verbinden. Überhaupt scheint das Thema Gewicht im Möbelbau ein wichtiges Trendthema zu sein. Während sich die Leichtbauplatten in vielen Anwendungsbereichen immer mehr durchsetzen, optimieren Hersteller auch Halbzeuge, die seit Jahrzehnten unveränderbar schienen. So entwickelte der Chemieriese BASF zusammen mit Nolte eine Art Spanplatte, die um 30 Prozent leichter sein soll. Nicht nur der Handwerker und Verarbeiter dürfte damit am Abend weniger unter Rückenschmerzen leiden – auch die Umwelt wird aufgrund des geringeren Transportaufwands etwas davon haben. Bei den Beschlägen ist schon lange die Königsklasse erreicht. Die Hersteller treten zur Kür an und präsentieren auf der interzum Möbelscharniere mit integrierter Dämpfung (Blum), Gleittüren oder Schubläden mit leisem und komfortablem Selbsteinzug (Häfele, Grass) und minimalistische Systeme für Raumteiler (Raumplus). Text und Auswahl: Frank A. Reinhardt


Produkte: Möbelbau I 25

Produkte: Möbelbau In Luft gedübelt

Foto: Hettich; Hettinject VB (In1101_01)

Neuartige Verbindungsmöglichkeiten Eine neuartige Lösung zur Verbindung von Möbelseiten und Regalböden stellt das Unternehmen Hettich auf der interzum vor. Vor allem bei Leichtbaumöbeln ist der Spezialverbinder, der auf der Basis des internen Hettinject-Systems beruht, flexibel für alle Materialien von Leichtbauplatten anzuwenden. Stirnseitig angebracht und unsichtbar für das Auge des Betrachters soll Hettinject VB insert die Möbelteile sicher und tragfest verbinden und durch die Anzughilfe Abstände zwischen den Möbelseiten und Toleranzen des Plattenmaterials überbrücken können. www.hettich.com

Foto: Hettich; Hettinject VB (In1101_02)


26 I Produkte: Möbelbau

Foto: Grass: Dynapro (In1101_04)

Synchron-Öffnen Das komfortable Aufschieben, Einrasten und Verstellen eines Schubkastens soll durch die Rastkupplung Dynapro mit Verstelladapter erleichtert werden. Die neue Unterflur-Führung Dynapro verfügt laut Grass, dem österreichischen Spezialisten für Möbelbeschläge und Verarbeitungsmaschinen, als einziger Beschlag weltweit über eine Synchronisation, wodurch sich die Führungsschienen der Schrankelemente ohne störende Geräusche und Widerstände bewegen. Selbst unter hoher Belastung sollen die hervorragenden Laufeigenschaften von Dynapro bestehen bleiben. Durch Tragkräfte von 40 bis 60 Kilo ermöglicht das System höchste Stabilität und neue Designfreiheiten. Kombinierbar ist es mit den Öffnungssystemen Tipmatic Plus und Sensomatic. Design: Stefan Ambrozus, Köln www.grass.at Foto: Grass: Dynapro (In1101_05)


Produkte: Möbelbau I 27

Foto: Raumplus; C42 (In1101_10)

Raum-Geschiebe Es ist die Zeit der innenarchitektonischen Raumkonzepte und damit auch die Zeit für Hersteller von raumteilenden Gleittüren, Schrank- und Trennwandsystemen – wie zum Beispiel den Bremer Spezialisten Raumplus. Dieser interpretiert zur interzum die klassische Rahmentür neu: Der konstruktive Kern aus Aluminium, der der Tür die nötige Stabilität verleihen und gleichzeitig die bewährte raumplus-Gleittechnik ermöglichen soll, bleibt für den Betrachter bis auf eine schmale Aluminiumkante fast unsichtbar. Der 75 Millimeter breite Holzrahmen und seine Füllung geben der Tür ihre unverwechselbare Optik. Da der Rahmen aus beschichteter Spanplatte angefertigt wird, lassen sich individuelle Gestaltungswünsche verwirklichen. Verschiedene Griffmuscheln, die in den Rahmen oder eine Sprosse eingelassen werden, runden das Design ab. www.raumplus.de

Foto: Raumplus; C42 (In1101_11)


28 I Produkte: Möbelbau

Foto: BASF/Nolte; Air Maxx (In1101_02)

Foto: Häfele; Smuso 15 SD (In1101_06)

Abgespeckte Spanplatte

Gedämpfte Schiebung

Leichtgewicht: Als innovativer Holzwerkstoff vereint Air Maxx die Vorteile des Leichtbaus mit denen der traditionellen Möbelfertigung. Air Maxx soll gegenüber einer Spanplatte um 30 Prozent leichter sein. Damit könnten neue Möglichkeiten im Design und in der Konstruktion von Möbeln eröffnet werden, ohne dass die etablierten Verarbeitungsschritte verändert werden müssen. Auf eine aufwändige spezielle Beschlags- und Bekantungstechnik soll ebenfalls verzichtet werden können. Zusammengesetzt wird der Stoff aus Holzspänen, einem aufgeschäumten Polymer (Kaurit Light) und einem Bindemittel (Kaurit Leim). BASF fand heraus, dass sich mit dieser Kombination hervorragende Produkt- und Verarbeitungseigenschaften realisieren lassen. Die Rezeptur und das Herstellverfahren wurden im BASF-Labor entwickelt und zum Patent angemeldet. BASF und die Firma Nolte sorgen nun gemeinsam für die industrielle Umsetzung und die praxisgerechte Optimierung. www.basf.com www.rheinspan.de

Auch an leichten Möbelschiebetüren ist jetzt mit einem neuen Luftreibungsdämpfer ein sanfter, leiser und komfortabler Selbsteinzug möglich. Der Dämpfer Smuso 15 SD von Häfele bremst Schiebetüren spürbar und sichtbar sanft ab, zieht sie in ihre Endposition und hält sie dank Zuhaltung fest. Das Dämpfungselement soll sich an Möbelschiebetüren mit bis zu 15 Kilo Gewicht nachträglich montieren lassen. Es lässt sich entweder unsichtbar in eine Ausfräsung einlassen oder Schiebesystem-unabhängig aufschrauben. www.haefele.com


Produkte: Möbelbau I 29

Foto: Italiana Ferramenta; Modul Atacama J. (In1101_08)

Foto: Blum; Clip top Blumotion (In1101_09)

In die Waage gelegt

Flüsterleise

Ein praktisches System zum Justieren und Angleichen von stark beanspruchten Schränken, Regalen und anderen modularen Einrichtungsgegenständen bietet Italiana Ferramenta mit Modul Atacama J. Der Hersteller verspricht die problemlose Anbringung durch zwei Einkerbungen am unteren Ende des Mobiliars. Eine M6 Schraube an der Seite sowie zwei am Boden des Mobiliars justieren das System. Die Schrauben können mit einem Sechskantschlüssel verstellt werden. Um anschließend das Mobiliar auf die gewünschte Höhe zu bringen, muss das Werkzeug nicht gewechselt werden. Der Schlüssel wird einfach etwas tiefer hinein geschoben und weitergedreht, schon hebt oder senkt sich die Konstruktion. Und all dies geschieht, so der italienische Hersteller, ohne die Stabilität zu gefährden: 175 kg Tragfähigkeit bei zugleich 25 mm Höhenverstellbarkeit sind zertifiziert. www.italianaferramenta.it

Türen, die leise und sanft schließen, sind inzwischen Standard in fast jeder Küche. Doch musste man dafür bisher auf das Scharnier einer Küchentür ein separates Dämpfungssystem aufclippen oder einbohren – das war aufwändig und oft optisch störend. Dies soll dank dem Möbelscharnier Clip top Blumotion nicht mehr notwendig sein. Das Unternehmen Julius Blum hat ein kompaktes Scharnier konstruiert, in dem das Dämfungssystem Blumotion bereits eingebaut ist. www.blum.com


30 I Produkte: Oberflächen

So vielfältig und individuell wie die Natur zeigen sich die neuen Oberflächen. Natürliche Werkstoffe werden noch weiter veredelt, in ihrer Struktur betont oder sogar verfremdet; bei Laminaten, Glas oder Metall entwickeln Technik und Design Ehrgeiz, die Natur nicht nur zu imitieren, sondern mit besseren Produkteigenschaften sogar noch zu übertreffen. Die Oberflächenkonzepte werden dabei immer stärker ausdifferenziert. Hochglanz wird durch ebenfalls glänzende, aber weich anmutende Varianten ins matte Milieu variiert, und Oberflächen, die aussehen wie gebürstetes Metall, Glas oder gesprungenes Eis wirken authentisch und handwerklich gearbeitet. Insgesamt zeigen die Oberflächen eine neuartige Haptik durch eine gröbere Strukturierung, die Wertigkeit vermittelt. Das zeigt sich bei Hölzern genauso wie bei geprägten Ledern und Polsterstoffen. Strukturfurniere und raue Oberflächen liegen voll im Trend. Die Vielfalt und Gegensätzlichkeit der Materialien spiegelt sich auch in ihrer breiten Farbpalette wider: Elegantes Schwarz und strahlendes Weiß, solo oder im Duett, sind weiterhin der Renner und setzen starke Akzente bei strengen

grafischen Linien und Mustern, sensibel abgestimmt mit feinem Grau. Der Farb-Trend 2009 liegt in der Vielfalt und dem reizvollen Spiel zwischen starken Farben und einer sinnlichen-warmen Farbpalette. Doch auch hinter den schönen Dekoren steckt oftmals eine innovative Idee. Als Träger bieten sich ganz unterschiedliche Materialien an, so etwa auch Glas (Lechner) oder wasserfeste Verbund-Schichtholzplatten (Resopal). Text und Auswahl: Frank A. Reinhardt


Produkte: Oberflächen I 31

Produkte: Oberflächen Natürliche Handschrift

Foto: Reholz; FFT Design (In_1101_02)

Um die Ecke gewachsen Bäume wachsen eigentlich immer in Richtung des Lichtes, also mehr oder weniger gerade nach oben. Sollte man meinen, doch bei dem Furnierhersteller Reholz wachsen die Bäume ganz anders. Mit einem innovativen Verfahren gelingt es Reholz, die Fasern von Furnieren nicht mehr gerade, sondern in einem Bogen verlaufen zu lassen. Die Kurve ist dabei variabel und kann dem Design des Möbelstücks individuell angepasst werden. Reholz nutzt dafür die Eigenschaften der 3D-Furniere, ihrem Hauptprodukt, und verzieht die 3D-Furnierstreifen in der Ebene. Diese Furniere sollen sich besonders für modulare Tischsysteme, Außenkanten von Schränken oder geschwungene Holzstühle eignen. www.reholz.de

Foto: Reholz; FFT Design (In_1101_02)


32 I Produkte: Oberflächen

Foto: Kolar; Duoplex (In1201_05)

Zwischen den Zeilen durchblicken lassen Egal ob als Raumteiler, Stiege, Schiebetür, Innentür, Theke oder Pult, die Anwendungsbereiche der Designplatte Duoplex vom österreichischen Spezialisten für profilierte Holzleisten Kolar sind vielfältig. Der Verbundstoff aus Holzstreifen und Acryl hat nämlich die interessante Eigenschaft, dass er lichtdurchlässig ist – es entstehen interessante Effekte, wenn die Platte von hinten beleuchtet wird. Die Holzoberfläche bleibt dabei auf beiden Seiten erhalten. Beidseitig bündig geschlossen und standardgemäß geölt geliefert, soll sich die Platte problemlos reinigen lassen. Bereits ab dem ersten Stück wird Duoplex maßgenau vom Werk geliefert, und das bis zu einer Größe von 1,00 x 2,00 m. Auch im Materialbereich kann die Platte mit Vielseitigkeit punkten. Sie ist mit den unterschiedlichsten Holzarten erhältlich – auf Anfrage ist so gut wie alles möglich. www.kolar.at


Produkte: Oberflächen I 33

Foto: Lechner; LaVico/Vitro (In1201_03)

Foto: Homapal; Frozen (In1201_06)

Abbild der Natur

Einbruchgefahr! Betreten erlaubt!

Eine Natursteinwand sieht in der Küche zwar schön aus, ist aber spätestens nach einem Jahr intensiven Koch-Duells auch bei intensiver Pflege kaum sauber zu halten. Für das wohnliche und gleichzeitig moderne Interior Design von Küchen gibt es jetzt eine neue Lösung mit fast unendlichen Gestaltungsmöglichkeiten. Lechner, Hersteller von Küchenarbeitsplatten, hat eine Technologie entwickelt, um individuelle Module aus Glas zu realisieren. Die Arbeitsplatten und Wandverkleidungen können mit individuellen Motiven ausgestattet werden. Die Motive werden wie beim Digitaldruck direkt vom Computer an eine Druckmaschine übertragen. So lassen sich mehrfarbige Drucke in hoher Druckauflösung und brillanter Qualität herstellen. Der Farbenvielfalt und Intensität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Einzelteile können bei Beschädigung mühelos reproduziert werden. Um die Beständigkeit und Haltbarkeit der Farben auf Glas zu gewährleisten, soll Lechner ein Verfahren entwickelt haben, das selbst die strengen DIN Normen für den Einsatz in der Küche einhält. www.lechner-ag.de

Von minimalistisch bis opulent reicht das Produktspektrum des Laminatherstellers Homapal Plattenwerk. Das neue Dekor Frozen ist ein Laminat mit einer dünnen Echtmetalloberfläche aus Aluminium. Zusätzlich ist es farbig lackiert und geprägt. Frozen soll an eine in tausend Stücke gesprungene Eisfläche erinnern. Dabei bilden die in unterschiedlichsten Winkeln zueinander stehenden Splitter ein interessantes Relief, das sich durch die warme champagnerfarbene Oberfläche in aktuellen Wohnlandschaften perfekt einfügen soll. Dieses Laminat kann auf unterschiedliche Trägerplatten wie Spanplatte, MDF, Multiplex oder anderen Trägern aufgebracht werden. Einsatzgebiete sind unter anderem Fronten im Korpusmöbelbereich oder selbst Fußbodenpaneele. www.homapal.de


34 I Produkte: Oberflächen

Foto: Wodego; Esprit Black (In1201_07)

Foto: Resopal; Resofloor (In1201_08)

Spiel mit den Gegensätzen

Wasserfest

Die neue Innenausbaukollektion von wodego, Spezialist für Holzwerkstoffe im Innenausbau, berücksichtigt die aktuellen Trends im Interior Design. Für den nötigen Esprit sorgt hier das Fantasiedekor Esprit Black, wobei die gefragte Kombination Schwarz-Weiß ganz neu interpretiert wird. Hier durchbrechen weiße Streifen die schwarze Grundfarbe des Dekors und sollen so an die klassische Struktur von geschnittenem Furnier erinnern. Die optische Wirkung kann sich nach Angaben des Herstellers am besten auf großen Flächen entfalten. Esprit Black ist eine von 16 Dekorneuheiten, die wodego auf der interzum 2009 im Produkt- und Farbverbund mit Duropal präsentiert. www.wodego.de

Hochglänzende Oberflächen erobern die Welt des Innenausbaus. Sie finden sich auf Wänden, Möbeln und Fußböden. Wer in der Raumgestaltung jedoch ganzheitlich denkt, möchte diesen Trend auch in Feuchträumen – etwa im Badezimmer – realisieren. Der Spezialist für Schichtstoff Resopal entwickelte eine nach eigenen Angaben absolut wasserfeste, ultraleichte und schalldämmende Variante seines höchstabriebfesten Hochglanzfußbodens Resofloor. Die Paneele sollen sich nicht nur für Fußböden eignen, sondern auch für die Gestaltung von Wänden. Sie bestehen aus einer HPL-Decklage und einem HPL-Gegenzug, die Resopal mit der neuen PUR-Hotmelt-Technologie wasserfest auf das Symalite genannte Trägermaterial klebt. Dabei handelt es sich um ein Composite Material aus glasfaserverstärktem Polypropylen in Plattenform, das die Quadrant Plastic Composites International AG im schweizerischen Lenzburg herstellt. www.resopal.de


Produkte: Oberflächen I 35

Foto: Bausch Linnemann; Corulan (In1201_09)

Foto: Hueck Rheinische; Heliochrome (In1201_10)

Aus einem Guss

Der Natur abgeguckt

Corulan ist eine kaschierfähige Finish-Oberfläche, die sich durch eine professionelle Druckqualität, angenehme Haptik und AC3-Abriebwerte auszeichnet. Die Oberfläche findet im Fußboden-, Wohn-, Caravan- oder Objektbereich seine Einsatzmöglichkeiten. Der Vorteil, so der Oberflächenspezialist BauschLinnemann aus Sassenberg, liegt in der Dekorgleichheit verschiedener Anwendungsbereiche. Fußboden-, passende Übergangs- und Sockelleisten sowie Paneele können in einem Farb-/Dekorverbund hergestellt werden. Neu ist die Dekor-Brillanz trotz AC3-Abriebwerten, denn bei Corulan soll kein Overlay verwendet werden. Träger dieser Oberfläche sind lichtechte, d.h. UV-Strahlen resistente Papiere, die, in Uni oder mit Holz-/Fantasiedekoren bedruckt, mit duroplastischen Harzen imprägniert und lackiert werden. www.bauschlinnemann.de

Heutige Pressblechtechnologien können immer hochwertigere Oberflächenstrukturen für die Möbel- und Laminatindustrie liefern. Mit der Entwicklung Heliochrome präsentiert Hueck Rheinische erstmals ein Verfahren, welches in der Lage ist, eine Oberfläche so natürlich darzustellen, dass der Kunststoffcharakter dabei völlig in den Hintergrund tritt. Nach Angaben des Herstellers soll das Verfahren in der Lage sein, die Ästhetik einer natürlichen Holzoberfläche zu reproduzieren. Damit bietet es preisbewusste und umweltfreundliche Holzwerkstoffe von höchster Oberflächengüte an. Besonders eignet sich das Verfahren übrigens zur Veredelung von Melaminharzbeschichteten Möbelplatten und Laminatböden. www.hueck-rheinische.com


36 I Produkte: Green Design


Produkte: Green Design I 37

Produkte: Green Design Jute und mehr

Foto: Team7; Cubus (In1001_01)

Das Material Jute ist der Inbegriff der ersten Öko-Welle und prägte das Image einer ganzen Weltanschauung. Der bewusste Einsatz von natürlichen und nachwachsenden Rohstoffen ist heute im Einrichtungsbereich aber nur eine von vielen Möglichkeiten, Produkte unter ökologischen Gesichtspunkten zu entwickeln. Möglichst leicht soll er sein, der Abdruck, den unsere Füße auf unserem Planeten hinterlassen – das ist das Ziel von Green Design. Auch die Produktdesigner wollen nicht mehr nur ästhetische Zeichen setzen, sondern sich mit unkonventionellen Ideen und nachhaltigen Produktkonzepten für eine bessere Umweltverträglichkeit unseres Lebensstils einsetzen. Green Design, das ist der Traum vom „guten” Design, von Dingen, die niemandem weh tun – nicht der Natur, der das Material entnommen und der die Überreste zugemutet werden, nicht dem Planeten, dem die Ener-

gie entzogen und in dessen Atmosphäre sie gepustet wird, und schließlich auch nicht dem Menschen, der den Gegenstand herstellt oder ihn nutzt. Und wie bei vielen Entwicklungen in der Möbelindustrie, in der sich Entwickler, Designer und nun auch Chemiker an einen Tisch setzen, braucht es viele Köpfe, um ein „grünes Produkt” zu realisieren. Die hohe ästhetische Qualität und die konzeptionelle Stärke sind das eigentlich Neue an den „grünen” Möbeln der neuen Generation. In manchen Ländern wie etwa Deutschland gibt es Green Design schon seit Jahrzehnten. Hier hatten gewachste Bio-Möbel und mit Naturfarben gefärbte Textilien schon in den 80er-Jahren Konjunktur. Doch „Bio” blieb ein Nischenmarkt mit zumeist hausbackenem Design oder idealistischen Recyclingkonzepten. Erst die neu entfachte Diskussion um die Notwendigkeit nachhaltigen Handelns und Wirtschaftens in Verbindung mit dem Entstauben von „Öko” durch High-tech und frisches,


38 I Produkte: Green Design

hochwertiges Design brachte die Farbe Grün wieder in Mode. Gleichzeitig wird heute mit dem Konzept von Green Design mehr verbunden, denn die Ansprüche an nachhaltiges Design steigen mit der Einsicht in die Komplexität der natürlichen und wirtschaftlichen Kreisläufe. „Jute statt Plastik” war die einfache Formel in den 70er-Jahren, die heute zwar immer noch ihre Gültigkeit besitzt, aber um einige Komponenten ergänzt werden muss. Die natürlichen Materialien und deren Verwendung und Verarbeitung in neuen Möbeln werden immer intelligenter. Moderne Leinen, die guten alten Baumwollstoffe oder Textilien aus anderen Naturmaterialien wie Leder oder Filz sind wieder aktuell – allerdings unter Anwendung der neuesten Technologien. Denn von Textilien wird heute mehr als nur dekorativer Input erwartet. Schmutzabweisende Effekte sind heute ebenso gefragt wie antibakterielle Ausrüstungen oder den Elektrosmog abschirmende Eigenschaften. Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung sind fester Bestandteil einer verantwortlichen Produktentwicklung. Der sparsame Einsatz von natürlich nachwachsenden Rohstoffen zeigt sich in vielen Innovationen wie beispielsweise der leichten Wabenplatte aus Pappe oder in Pflanzenölschaumstoffen. Text und Auswahl: Frank A. Reinhardt


Produkte: Green Design I 39

Foto: PEFG; Zertifizierungssystem (In_1001_02)

Foto: Bodet & Horst; Ultrasound Matratzenbezugsstoff (In_1001_06)

Vorbildliche Waldwirtschaft

Klebefrei

PEFC ist nach eigenen Angaben das weltgrößte Zertifizierungssystem zur Sicherstellung von nachhaltiger und damit vorbildlicher Waldwirtschaft – bereits mehr als 215 Mio. ha sind PEFC-zertifiziert. Holz- und Papierprodukte mit dem PEFC-Siegel stammen daher nachweislich aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern. In den PEFCzertifizierten Wäldern werden strenge Bewirtschaftungsanforderungen umgesetzt, die ökologische, soziale und wirtschaftliche Faktoren berücksichtigen. Die Einhaltung dieser Standards wird durch unabhängige Gutachter überprüft. PEFC ist eine transparente und weltweit anerkannte Zertifizierungsorganisation, die von allen Gruppen, denen Wald am Herzen liegt, unterstützt wird. Waldbesitzer können sich freiwillig PEFC anschließen und so einen aktiven Beitrag zum Waldschutz leisten. www.pefc.de

Eine deutliche Erhöhung des Liegekomforts und der Luftzirkulation verspricht der Hersteller Bodet & Horst mit dem neuen Matratzenbezugsstoff Ultrasound. Statt sie wie auf herkömmliche Weise einfach miteinander zu verkleben, werden die einzelnen Bestandteile des Stoffes mittels Ultraschall miteinander fixiert. Der Dienstleister im Bereich der Matratzenindustrie legt besonderen Wert auf umwelt- und qualitätsbewusstes Arbeiten. Der Verzicht auf Klebstoffe ermöglichte neben der innovativen Struktur auch, dem Anspruch an Haut- und Umweltfreundlichkeit zu genügen. So ist Ultrasound unter anderem nach dem Öko-Tex Standard 100 zertifiziert. Je nach Kundenwunsch und Komfortanspruch können unterschiedliche Materialien, wie zum Beispiel Viscoschaum, Latexschaum oder auch Abstandsgewirke eingearbeitet werden. www.bodet-horst.de


40 I Produkte: Green Design

Foto: Team7; G3 (In1001_03)

Jeder zweite Baum kann stehen bleiben Hochwertiges Naturholz spielt für die Raumgestaltung und den Innenausbau eine immer größere Rolle. Alfa G3 von Team 7 ist eine Dreischichtplatte, die in einer Stärke von bis zu 80 mm hergestellt wird und für den gesamten Innenausbau geeignet sein soll. Durch die spezielle, neu entwickelte Mittellage „Dendro Light“ aus Fichte soll die Platte besonders leicht sein – sie wiegt nach Angaben des Herstellers Team 7 nur die Hälfte einer Vollmassivholzplatte. In Decklage Buche mit der Stärke 70 mm hat sie ein Gewicht von nur 285 kg/m3. Die Verarbeitung und der Transport sollen dadurch wortwörtlich erleichtert werden. Ein Tischler oder Schreiner kann mit Alfa G3 Tischplatten, Arbeitsplatten, Raumteiler oder Möbelkörper realisieren. Alle Produkte von Team 7 unterliegen einem Reinheitsgebot. Die Laubhölzer stammen aus nachhaltiger Forstwirtschaft, sind formaldehydfrei verleimt und mit Kräuteröl veredelt. www.team7.at; www.alfa-massiv.com


Produkte: Green Design I 41

Foto: UPM-Kymmene Wood Oy; WISA-Thermo (In_1001_04)

Foto: Konrad Hornschuch; Skai Evida (In1001_05)

Trockene Lage

Nachwachsender Weichmacher

Die Ansprüche an Furniere werden immer vielfältiger. Wisa-Thermo vom finnischen Forstindustrie-Unternehmen UPM-Kymmene Wood Oy ist ein thermisch modifiziertes Birken- oder Kiefernfurnier. Es soll sich durch gleichmäßig einheitliche Farben auszeichnen, welche durch die thermische Modifikation eine hohe UV-Beständigkeit aufweisen. Bei wechselnder Luftfeuchtigkeit hat das Furnier einen konstanten Feuchtigkeitsgehalt von unter sechs Prozent. Es soll daher stabiler sein, nicht quellen und sich in einem viel geringeren Maße als herkömmliche Furniere ausdehnen. Der natürliche Formaldehydgehalt des Holzes verschwindet laut Aussage des Herstellers durch den Modifizierungsprozess vollständig. WisaThermo ist also Formaldehyd-frei. www.upm-kymmene.com

Mehr als 75 Prozent der Komponenten der neuen BioSynthetic Produktlinie Skai Evida von Konrad Hornschuch bestehen aus natürlichen und nachwachsenden Rohstoffen. Diese Neuheit soll nach Vorstellung des Herstellers von Folien, Hightech-Synthetics und Kunstlederarten eine „biologische Lösung” und Alternative für alle sein, die herkömmliche Synthetics wegen der darin enthaltenen Phtalate nicht einsetzen wollen. Die Phtalat-Weichmacher wurden bei diesem PVC-Produkt durch einen neuartigen Weichmacher auf Basis nachwachsender Rohstoffe ersetzt. Es kommt ein Bio-Baumwoll-Träger zum Einsatz, der den anspruchsvollen GOTS-Richtlinien genügen soll. Skai Evida erfüllt nach Angaben des Herstellers auch das Medizinproduktegesetz DIN EN ISO 10993-5+10 sowie den Öko-Tex Standard 100. www.hornschuch.de


42 I Material

Selbst ein Designer, gilt Chris Lefteri als international anerkannte Autorität für neue Werkstoffe und deren Anwendung im Design. Mit seiner Arbeit auf diesem Gebiet ist es ihm gelungen, eine Brücke zwischen Herstellern, der Chemieindustrie und der Designbranche zu schlagen. Er hat acht Bücher zum Thema Design und Innovation im Materialbereich veröffentlicht, die für Designstudios überall auf der Welt zur Pflichtlektüre gehören.

Chris Lefteri (In0801_01)

Lefteri hat zum Thema Werkstoffe und Design auf Konferenzen und an Universitäten Workshops abgehalten und kuratiert Ausstellungen in ganz Europa, Nordamerika und Asien. Er arbeitet mit international agierenden Unternehmen wie Exxon Mobil Chemical, DuPont, Land Rover Jaguar, Philips, Nike und LG Electronics zusammen. Lefteri verfasst regelmäßig Beiträge für internationale Design-Magazine wie ID, Design Report und DAMn und unterrichtet als außerordentlicher Professor am Central St Martins College of Art & Design in London. In 2008 wurde er zum Visionary in Residence beim Art Centre College of Design im US-Bundesstaat Kalifornien ernannt, und er hat eine Gastprofessur am LASALLESIA College of the Arts in Singapur inne. Lefteri erwarb seinen Magister Artium in Industriedesign am Royal College of Art in London. Weitere Informationen: www.chrislefteri.com


Material I 43

Nachhaltige Werkstoffe Grünzeug aus Plastik

Foto: Chris Lefteri; Ekobe (In0801_08)

Der Trend zu Green Design verändert nicht nur den Stellenwert von Naturmaterialien und Bioverbundstoffen für die Herstellung von Möbeln, Komponenten und Werkstoffen für den Innenausbau, wie es die Weltleitmesse der Zulieferer, die interzum in Köln, beweist. Auch künstliche Materialien und Abfallstoffe aus Industrie und Konsum entfalten ein enormes Potenzial an ökologisch sinnvollen Anwendungsmöglichkeiten, wenn Wissenschaftler, Designer und Hersteller sie als Alternative ernst nehmen. Ein Plädoyer für die “grüne Seite” von Kunststoffen und anderen Umweltsündern von dem international renommierten Materialexperten Chris Lefteri. Was genau hat man sich unter einem „grünen Werkstoff” eigentlich vorzustellen? Genau lässt sich das nur schwer definieren, was es natürlich nicht leichter macht, grüne Produkte zu gestalten. Im Vorfeld der Consumer Electronics Show (CES) 2009 führten die Veranstalter eine Umfrage durch, bei der die Mehrheit der Teilnehmer erklärte, gerne bis zu 15 Prozent mehr für ein Produkt ausgeben zu wollen, das als umweltfreundlicher als vergleich-

bare Konkurrenzprodukte empfunden wird. Dies ist nur eines von vielen Anzeichen für das immer stärker erwachende Umweltbewusstsein der Konsumenten, das sich nun schon seit einigen Jahren beobachten lässt, weshalb immer mehr Hersteller versuchen, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. „Nachhaltiges Design”, „von der Wiege zur Wiege”, „CO2-neutral”, „100 % organisch”: All diese Modebegriffe sind bestimmt jedem schon einmal auf Werbeplakaten begegnet, ganz zu schweigen von so bemühten Neologismen wie „Ökosphäre” oder „Ecomagination”. Dies führt uns geradewegs zum Kern des Problems, da eine Mehrheit der Teilnehmer an der CES-Umfrage zwar vom Wert „grüner” Produkte und Dienstleistungen überzeugt ist, sich jedoch über 60 Prozent überfordert fühlen, wirklich grüne Produkte von solchen zu unterscheiden, die lediglich aggressiv als solche beworben werden. Als Kunden werden wir unaufhörlich dazu angehalten, verantwortungsbewusst einzukaufen („Kauf Bio-Ware!”, „Kauf Produkte aus fairem Handel!”); aber leider gibt es keine so einfachen Lösungen. Ist Recycl-


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Foto: Chris Lefteri; Smile Plastics (In0801_04)

ing-Material grundsätzlich besser? Keineswegs. Sind Mülldeponien grundsätzlich schlecht? Auch hierauf muss die Antwort Nein lauten. Zur Bewertung seiner Umweltverträglichkeit muss jedes Designprojekt vorbehaltlos als Neuanfang verstanden werden, bei dem jeder Schritt des Entwicklungsprozesses – vom Rohstoff über die Produktion bis zum Vertrieb und zur Entsorgung – stets gesondert berücksichtigt werden muss. Betrachten wir zunächst den Paria unter den Alltagsmaterialien: die Verpackung. Ganz gleich, was man von Wasser in Flaschen halten mag: Schätzungen zufolge wird der weltweite Absatz bis 2011 auf unfassbare 251 Milliarden Liter anwachsen. Dies wird zwangsläufig zu einem von Menschenhand geschaffenen Berg an Kunststoff-Flaschen führen, und dennoch wiegt diese ungeheure Menge nur einen Bruchteil dessen, was dieselbe Menge an Glasflaschen wiegen würde – eines Werkstoffs von ökologisch ausgezeichnetem Ruf. Statt nun den konventionellen grünen Weg einzuschlagen, bemühen sich die Ingenieure um die Schaffung technisch ausgeklügel-ter Kunststoffe mit Formgedächtnis, um die für die einzelne Flasche benötigte Materialmenge noch weiter

Foto: Chris Lefteri; Durat (In0801_05)

zu reduzieren. Obwohl es im Internet von Werkstoffdatenbanken und anderen Quellen nur so wimmelt, wird man in den Materialdatenblättern solche Verbundstoffe mit Formgedächtnis niemals als umweltfreundlich ausgewiesen finden. Mülldeponien stellen ein weiteres öffentliches Ärgernis dar. Auch hier spielen Kunststoffe in der Debatte eine prominente Rolle, und der Grund hierfür ist offensichtlich: Sie sind allgegenwärtig, auffällig gefärbt, treiben in Gewässern an der Oberfläche, und es braucht wahrscheinlich Hunderte von Jahren (genau kann das keiner sagen), bis sie in der Umwelt abgebaut sind. Andererseits weisen Kunststoffe neben dem bereits erwähnten geringen Gewicht noch weitere unschlagbare Eigenschaften auf: So erweisen sie sich in der Produktion als unglaublich vielseitig und lassen sich zumindest theoretisch beliebig oft recyceln. Woran also liegt es, dass Kunststoffrecycling nach wie vor nur ein Nischendasein führt? Nicht zuletzt dürfte der Grund in vielfach bestehenden Anreizen zum Glasrecycling zu suchen sein, die für Kunststoffe einfach nicht angeboten werden. Um dieses Problem anzugehen, bedarf es mehr als einer „Abstimmung mit der Geldbör-


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Foto: Chris Lefteri; Greenspan (In0801_06)

se” seitens der Käufer und einer Spezifizierung umweltverträglicher Materialien durch Designer: Die Einführung einer besseren Infrastruktur für die Sammlung und das Recycling von Kunststoffen stellt eine politische Herausforderung dar, die eine breit angelegte Lobby- und Kampagnenarbeit erfordert. Was bedeutet dies alles nun konkret? Zunächst einmal haben zahlreiche Materialien und Technologien, die als Reaktion auf die zunehmend prekäre Umweltsituation entwickelt werden, bis dato nur wenige Anwendungen gefunden. Hier bieten sich Designern unglaubliche Chancen, innovative Lösungen zu entwickeln und das Design in ganz neue Richtungen zu führen. Als ein echter Pionier des Kunststoff-Recyclings stellt das britische Unternehmen Smile Plastics (www.smileplastics.co.uk) ins Auge fallende, mehrfarbige Platten aus allem möglichen Altmaterial von Gummistiefeln und CD über Yoghurtbecher und Mobiltelefonblenden her. Das Problem dabei besteht darin, dass eine Produktion in industriellem Maßstab eine kontinuierliche Zufuhr an Recyclingmaterialien erfordert, bei dem es verschiedene

Foto: Chris Lefteri; Warmcel (In0801_07)

Sorten von Kunststoffen sorgfältig vom Abfallstrom zu trennen gilt. Musste dies bislang im Wesentlichen von Hand erfolgen, so ist nun eine Wende zum Besseren in Sicht. Befördert von einem Einzelhandel, der lebhaftes Interesse daran zeigt, in seinen Verpackungen mehr Recyclingmaterial zu verwenden, werden immer mehr Abfallaufbereitungsanlagen mit modernen, beispielsweise Laser-gestützten Sortiereinrichtungen ausgestattet, die Kunststoffe nach Sorte und Farbe auszusondern vermögen. In dem Maße, wie Technologien dieser Art weiter voranschreiten und weithin verfügbar werden, wird die Zahl an Recyclingmaterialien, die dem Designer zur Verfügung stehen, nachgerade explodieren. Bereits heute bietet sich indes eine beeindruckende Vielfalt an Alternativen. So besteht der Massivplattenwerkstoff Durat (www.durat.com) mit seiner gesprenkelten, marmor- und zugleich bonbonartigen Optik aus Recycling-Harzen und ist seinerseits wiederum vollständig wiederverwertbar. Recycling-Kunststoffe lassen sich indes keineswegs nur zur Herstellung von Massivplattenwerkstoffen verwenden: Der Name Greenspun (www.greenpac.co.uk) etwa steht für eine Palette an farbenfrohen, aus vormaligen PET-Flaschen


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hergestellten Textilien. Auch Schäume lassen sich einem neuen Zweck zuführen, wie die einzigartige Oberfläche von Droptec (www.beco-bermueller.de), einem Material für die großtechnische Drainage, das allein schon aufgrund seiner ästhetischen Qualitäten in vielen weiteren Anwendungen Einsatz finden könnte, deutlich macht. Was diese Materialien so interessant erscheinen lässt, ist der Umstand, dass sie Kurzzeit-Anwendungen wie etwa Verpackungen in Langzeit-Anwendungen wie beispielsweise Möbel, Inneneinrichtungen und Architektur zu verwandeln vermögen. Ein Musterbeispiel hierfür liefert Warmcel (www.excelfibre.com), ein Dämmstoff aus recyceltem Zeitungspapier für den Wohnungsbau. Hier wird ein Rohmaterial von extrem kurzer Lebensdauer (gerade mal einem Tag!) im Innern der Wände eines Gebäudes einem zweiten Leben von nun vielen Jahren zugeführt. Dem gleichen Konzept folgend sterilisiert die junge britische Designerin Anna Bullus (www.annabullusdesign.com) gebrauchten Kaugummi zu einem Werkstoff namens Gumnetic. Gumnetic richtet das Augenmerk auf eine Kategorie von Materialien, die von Anfang an als Wegwerfprodukte konzipiert sind und für die die Mülldeponie bislang die erste und einzige Bestimmung darstellte. Solanyl (www.biopo lymers.nl) stellt ein weiteres Material dar, das sich eine dieser „hoffnungslosen” Ressourcen zunutze macht. Obwohl es nahezu ausschließlich aus Abfällen aus der Kartoffelverarbeitung besteht – also Kartoffelschalen und Stärke –, lässt sich dieses Material mit Standardgerät spritzgießen. Der Kokosnuss haben sich der brasilianischer Hersteller Ekobe (www.ekobebrasil.com) wie auch das niederländische Untenehmen Enkev (www.enkev.com) angenommen. Während das Mark und Öl der Kokosnuss für alle nur erdenklichen Produkte von Lebensmitteln über Produkte der Schönheitspflege bis hin zu Flugzeugtreibstoff Verwendung finden, wurden Schale und Fasern in der Regel bislang weggeworfen. Ekobe zerteilt nun die Schale in kleine Mosaiksteine und fügt diese zu dekorativen Bodenplatten und Wandverkleidungen zusammen; Enkev wiederum löst die Fasern von der Schale, gummiert diese und liefert sie schließlich in Form kompakter

Blöcke aus, die beispielsweise in der Polsterung von Möbeln Verwendung finden. Auch krankes Holz ist bislang zumeist in den Abfall gewandert. Einem amerikanischen Unternehmen namens Vermont Wildwoods (www. vermontwildwoods.com) ist es nun jedoch gelungen, das anomale, jedoch hochdekorative Muster erkrankten Holzes des Butternussbaums zu einem Qualitätsmerkmal zu machen. Diese wunderschönen Bretter und Furniere lassen sich für jede Anwendung nutzen, für die man normalerweise Standard-Holzprodukte verwenden würde. Bereits lange Zeit, bevor „erneuerbar” und „biologisch abbaubar” zu Modewörtern aufstiegen, gab es eine bedeutende Tradition für natürlich gewonnene Kompositwerkstoffe, die den Weg von Lehm und Ton hin zu modernen Varianten wie Marmoleum (www.forbo-flooring.com) gewiesen haben. Dieses auf Rohstoffen wie Leinöl, Kieferharz, Kalkstein, Jute sowie aus Pflanzen gewonnenen organischen Pigmenten aufbauende Material für Bodenbeläge ist sehr langlebig, und seine Herstellung erfordert vergleichsweise wenig Energie. Überdies zeichnet es sich durch natürliche antibakterielle Eigenschaften aus. Vor diesem Hintergrund gab es anfangs eine große Begeisterung für die „erste Generation“ biologisch abbaubarer Synthesematerialien, bei denen es sich im Wesentlichen um Kunststoffe auf Basis von Soja, Mais und anderen Kulturpflanzen handelte. Mittlerweile sprechen sich indes viele Fachleute offen gegen die Verwendung solcher Materialien aus und verweisen dabei darauf, dass der Anbau von Nahrungsmitteln überaus energieintensiv ist und deren Verwendung für Werk- und Treibstoffe die Lebensmittelpreise in einer hungernden Welt weiter in die Höhe treibt. Ebenso wird argumentiert, dass sich ein industrieller Einsatz von „Biopolymeren” in großem Maßstab als Desaster erweisen könnte, da beim Zersetzungsprozess Methan freigesetzt wird, dessen TreibhausgasEffekt das aus fossilen Energieträgern freigesetzte Kohlendioxid um schätzungsweise das 30fache an Wirkung übersteigt. Bei alledem wäre es jedoch wahrscheinlich voreilig, all diese Werkstoffe von vornherein zu verdammen. Die Wis-


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senschaft steht möglicherweise kurz davor, Ethanol künftig auch aus nicht als Nahrungsmittel dienenden Kulturpflanzen wie beispielsweise Holz zu gewinnen. Unter der Leitung des überaus produktiven RenaissanceMenschen Craig Venter – des ersten Wissenschaftlers, dem es gelungen ist, das menschliche Genom vollständig zu kartographieren –, hat das US-amerikanische Forschungsunternehmen Qteros (www.qteros.com) die „Q Microbe” entwickelt, eine Art Superkäfer, der in der Lage ist, Holz und andere Pflanzen in großen Mengen zu Ethanol umzusetzen. Im Rennen um die Entwicklung alternativer Rohstoffe findet sich indes noch eine Vielzahl weiterer bizarr anmutender Technologien. Nachgerade alchimistisch erscheint dabei Novomer (www.novomer.com), ein Kunststoff, dessen Ausgangssubstanz Kohlendioxid darstellt. Man stelle sich nur die positive Auswirkung auf die Umwelt vor, sollte dieser Schadstoff erst einmal in großem Maßstab kondensiert und recycelt werden. Foto: Chris Lefteri; Enkev (In0801_03)

Ein anderes Konzept verfolgt die Anpassung vorhandener Werkstoffe in der Weise, dass sie sich stärker ihren erneuerbaren und nachhaltigen Verwandten annähern. Bio-Batch (www.beggandco.com) ist ein Additiv, das allen üblichen Kunststoffarten wie PP und PE zugesetzt werden kann und mit dem sich der Zeitraum steuern lässt, innerhalb dessen diese Werkstoffe vollständig und sicher in der Umwelt abgebaut werden. Das britische Unternehmen Symphony Plastics (www.degradable.net) stellt eine Reihe im Handel erhältlicher Einkaufs- und Mülltüten her, in denen eine ähnliche Substanz zum Einsatz gelangt, mithilfe derer sich der Abbauprozess auf einen beliebigen Zeitraum zwischen sechs Wochen und sechs Jahren einstellen lässt. Beschichtungen und Deckanstriche werden im Kontext des Umweltschutzes oft übersehen. Materialeigenschaften lassen sich in großer Vielfalt durch den Einsatz einer Reihe von Endbearbeitungstechniken verbessern, die von althergebrachten Techniken zur Holzkonservierung bis hin zu hochmodernen, auf Nano-Technologie aufbauenden Beschichtungen reichen. So hat etwa der norwegische Hersteller Kebony (www.kebony.com) die Foto: Chris Lefteri; Vermont Wild Woods (In0801_09)


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Foto: Chris Lefteri; Kebony (In0801_10)

traditionelle skandinavische Technik der Holzkonservierung weiterentwickelt. Die robuste und dennoch umweltfreundliche Beschichtung auf Zuckerrohr-Basis VisorWood verleiht nicht nur von Natur aus weichen Hölzern die Optik exotischer Harthölzer, sondern bietet diesen auch unter harten Witterungsbedingungen über lange Zeit Schutz. Ein weiteres Verfahren zur Holzbehandlung, bei dem eine umweltverträgliche Low-tech-Substanz – nämlich Essig – zum Einsatz gelangt, stellt Accoya (www.titanwood.com) dar, das die Festigkeit, die Formbeständigkeit, Schädlings- und Wetterfestigkeit von Weichhölzern deutlich verbessert. Beschichtungen vermögen indes nicht allein Materialien physisch zu stärken, sondern darüber hinaus in zahlreichen Anwendungen auch den Reinigungs- sowie sonstigen Unterhaltungsbedarf zu vermindern. Bei der Behandlung von Oberflächen auf Nano-Ebene haben Wissenschaftler auf technischem Wege Materialien geschaffen, die Wasser ebenso abperlen lassen wie die Blätter der Lotosblume. Pilkington (www.pilkington.com) stellt eine selbstreinigende Gebäudeverglasung her, die in Kombination mit einem selbstreinigenden Lack wie

Foto: Chris Lefteri; Solanyl (In0801_11)

StoLotusan (www.stoshop.co.uk) zu einer Art Teflon für Gebäude wird, das Wasser und Schmutz auf der Fassade keinerlei Halt bietet. Dieser Effekt lässt sich natürlich ebenso im Gebäudeinnern nutzen. Das für häusliche Küchen und Bäder ebenso wie für Krankenhäuser und den öffentlichen Raum entwickelte Hydrotect (www.agrobbuchtal.de) stellt eine dauerhafte Beschichtung für Keramikfliesen dar, die sich sogar auf Böden anwenden lässt. Den Schritt von den Wänden zur Atemluft vollzieht Maxit Airfresh (www.maxit-group.com), ein luftreinigender Putz, der Verunreinigungen in einem Prozess zersetzt, der lediglich eine Lichtquelle erfordert. Hierfür reichen bereits Tageslicht und selbst manche Leuchtmittel aus, wodurch der Lüftungsbedarf drastisch vermindert werden kann. In Bezug auf Produktion und Fertigung werden Entscheidungen darüber, mit welchen Schritten sich Fortschritte erzielen lassen, erheblichen Einfluss auf Energie- und Materialeffizienz sowie auf Recycling und Entsorgung haben. Zahlreiche Entwicklungen in diesem Bereich haben ihren Ursprung in High-Tech-Anwendungen der Automobil- oder der Luft- und Raumfahrtindustrie. Mucell (www. trexel.com), ein Herstellungsverfahren, das Spritzgieß-


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Foto: Chris Lefteri; Symphony Plastics (In0801_12)

und Strangpressverfahren um eine Schaumbildungsreaktion erweitert, vermag das Gesamtgewicht und den Materialbedarf gegenüber Standardprozessen um bis zu einem Drittel zu vermindern. Der Prozess steigert mitunter zudem die Festigkeit des Formteils, was nicht nur Automobil- und Flugzeughersteller erfreut, sondern auch einer Vielzahl weiterer vorstellbarer Anwendungen zugute kommt. Apropos Luft- und Raumfahrtindustrie: Dort haben längst innovative Montageverfahren Einzug gehalten, die statt auf das traditionelle Verschrauben und Verschweißen auf moderne Klebetechniken setzen. Auch diese Technologie hat inzwischen Eingang in den Consumer-Bereich gefunden, so etwa beim Sportwagen Lotus Elise, dessen Aluminium-Chassis ausschließlich durch Klebungen zusammengehalten wird. Man gewinnt so nicht nur eine leichtere Struktur, sondern vermag diese später bei Bedarf auch wieder leichter zu trennen, da sich diese Klebstoffe so anlegen lassen, dass sie ihre Klebewirkung beim Durchleiten von elektrischem Strom durch die Verbindungsstellen oder auch auf chemischem Wege verlieren. So produziert etwa 3M (www.3m.com) eine Reihe extrem

Foto: Chris Lefteri; Droptec (In0801_02)

klebefester so genannter „VHB-Klebebänder”, die Gebäudeverglasungselemente an Ort und Stelle halten und die sich bei Bedarf auch wieder lösen lassen. Die Londoner Forschungseinrichtung Active Disassembly Research (www.activedisassembly.com) sucht nach Wegen, die einfache Entsorgung von kleineren Produkten bereits bei deren Herstellung einzuplanen, was uns zu den bereits erwähnten Formgedächtnislegierungen zurückführt. Unter Verwendung von auf Hitze reagierenden Schrauben und anderen Verbindungselementen dieser Art haben Dr Joseph Chiodo und sein Team eine Reihe von Szenarien entwickelt, in denen sich die Befestigungen lösen, wenn man das ausrangierte Produkt einfach in kochendes Wasser taucht oder unter den Grill legt. Text und Fotos: Chris Lefteri


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Foto: Koelnmesse; FAR (In0701_01)


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Designer’s Voice – Designer im Dialog Allrounder mit Spezialwissen

Waren die Menschen, die das Rad erfunden haben, Ingenieure, Tischler oder Designer? Hätte sich das MP3Format auch ohne das revolutionäre Design des iPod so schnell durchgesetzt? Wie viele bahnbrechende Erfindungen, Technologien und Materialinnovationen sind an uns vorübergegangen, weil sich niemand so recht vorstellen konnte, was man damit anfangen könnte? Die wichtigste Aufgabe der Designer ist heute nicht mehr die Findung der „richtigen”, weil guten Formgebung zur ästhetischen Bildung der Bevölkerung, und auch nicht das verkaufsfördernde Styling der Produkte. Ihre wichtigsten Aufgaben liegen in der Vermittlung der Forschungsergebnisse an den Markt, in der Findung neuer Anwendungsmöglichkeiten, im Experimentieren, im Wecken von Neugier und Akzeptanz bei den Nutzern. Sportgeräte-Designer, Möbeldesigner und Architekten suchen heute nach gleichermaßen intelligenten wie attraktiven Lösungen für einen umweltschonenden, nachhaltigen und gesunden Umgang mit den Ressourcen. Die hier kurz vorgestellten Designer bzw. Designteams eint zudem der Anspruch, nicht beliebig zu agieren, sondern etwas Neues zu schaffen, um auf der jährlichen Möbelmesse imm cologne wieder eine Produktidee mit dem gewissen Mehrwert präsentieren zu können. Dabei gehen diese Designer oftmals auch einen Schritt zurück: Zusammen mit Materialforschungsinstituten, wie das Beispiel der Designgruppe Mehrwerk zeigt, geht man dem Ursprung einer designorientierten Idee auf den Grund. Ob nun ein neues Material, eine neue Fertigungs-

technik oder die Idee eines Designers die Triebfeder für eine Innovation ist – die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen braucht den Designer als Vermittler, der sich als Allrounder immer wieder neues technisches Spezialwissen aneignet. Die Messe interzum bildet als Kommunikationsplattform genau die notwendige Schnittstelle zwischen Kreativen, Zuliefer-Unternehmen, Forschungsinstituten und Herstellern von Möbeln, um den Dialog zwischen den „kreativen Geistern” zu fördern. Text und Idee: Frank A. Reinhardt


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Foto: Mehrwerk Designlabor; Extrusoregal (In0702_01)

Foto: Enrico Wilde (In0702_10)


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Stefan Oßwald, Sven Wüstenhagen, Enrico Wilde, Mehrwerk Designlabor „Es geht auch darum, Akzeptanz zu erzeugen.”

Instrumentenkoffer, Küchenutensilien und Produkte für den Sport- und Freizeitbereich. Stefan Oßwald und Enrico Wilde, die zusammen das Regalsystem Extruso entwarfen und mit Sven Wüstenhagen zur Sereinreife brachten, beantworteten unsere Fragen nach dem Zusammenspiel von (Material-)Innovation und Design. Weitere Informationen: www.mehrwerkdesignlabor.de

Foto: Sven Wüstenhagen und Stefan Oßwald (In0702_09)

Das kleine Netzwerk, bestehend aus den drei Designern Stefan Oßwald, Sven Wüstenhagen (beide: Mehrwerk Designlabor) und Enrico Wilde (Burg Giebichenstein HKD Halle) hat seine Berufung in der Übertragung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse in reale Designprodukte gefunden – eine immer noch viel zu dünn besiedelte Marktlücke. Ihr Verständnis für Produktionstechniken und Materialeigenschaften machen sie zum idealen Partner etwa der Ingenieure des Fraunhofer-Institut IWM in Halle, mit denen sie schon etliche Produkte realisieren konnten. Mittlerweile sind sie Experten in der Entwicklung überraschender Anwendungsmöglichkeiten für so genannte native Materialien – das sind naturfaserverstärkte Kunststoffe, die überwiegend aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen. Sie stellen die Vorteile klimafreundlicher Materialien in den Vordergrund und entwickeln davon ausgehend Einsatzideen und Nutzungskonzepte. Auf diesem Weg entstanden bereits Interieurkonzepte für Shops und die Fahrzeugindustrie, Möbelprototypen,

1. Gibt es Entwicklungen der Möbelindustrie, die schon einmal Ihre Arbeit als Designer beeinflusst haben? Wir lassen uns vom Leben inspirieren, von den Menschen, ihrem Tun, ihren Kulturen. Hier sind die Handlungsräume, in die wir gestalterisch eingreifen wollen. Darüber hinaus regen uns die Möglichkeiten an, aus der Verknüpfung verschiedener Disziplinen immer wieder andere Sichtweisen auf Probleme zu finden. Dabei spielen (neue) Materialien und Herstellungsverfahren eine wichtige Rolle. So entstand zum Beispiel das ExtrusoRegal aus der glücklichen Begegnung mit dem Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik in Halle, welches über eine Extrusions-Versuchsanlage verfügt. Dort werden im Feldversuch Rezepte für WPC*-Compounds optimiert. Uns haben die dabei entstandenen Hohlkammerprofile zur Entwicklung eines reversiblen Verbinders angeregt. Durch dessen Anwendung in einem Systemmöbel sollen die Fähigkeiten der Technologie salonfähig dargestellt werden. Es geht auch darum, Akzeptanz zu erzeugen. Darüber hinaus entstand bei den wissenschaftlichen Versuchen mit den WPC-Extrudaten aufgrund unterschiedlicher Rohstoffrezepturen eine Vielfalt an teils zufälligen Oberflächenqualitäten. Im direkten Gespräch am Extruder haben uns die Vorbehalte gegenüber entstandenen materialimmanenten Qualitäten gerade von Leuten überrascht, die jahrelange Erfahrung bei der Kunststoffverarbeitung haben. Unserer Meinung nach würde es sich lohnen, eigenständige ästhetische Qualitäten weiter auszubauen und zu kultivieren. Diese unterschiedlichen Einschätzungen zeigen, dass es sich lohnen kann, Standpunkte zu vertauschen und sich als Gestalter von Wissenschaft und Technik inspirieren zu lassen. *wood plastic composite/Holzfaser verstärkte Polymere


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Foto: Mehrwerk Designlabor; WPC (In0702_02)

2. Was ist bei der Entwicklung neuer Features und neuer konstruktiver Lösungen im Möbelbereich oder Innenausbau in der Regel zuerst da – der innovative Beschlag bzw. andere Komponenten und Materialoptionen, oder die Idee des Designers? Leider ist es in der Praxis wohl eher der Beschlag. Das liegt nicht zuletzt am allgemeinen Verständnis von Design. Oft treffen wir auf Partner, die anfangs meinen, Design hätte nur etwas mit Styling zu tun. Diese Fehleinschätzung ist schade. Design kann so viel mehr leisten als das. Uns als Gestalter interessiert vielmehr, von Anfang an gemeinsam mit Ingenieuren, Technologen und Wissenschaftlern Einsatzbedingungen und Qualitäten zu definieren, die für eine gestaltwirksame Entwicklung relevant sind. Wir haben festgestellt, dass klimafreundliche Materialien eine Reihe von Vorteilen bieten, wenn man sie werkstoffgerecht in Anwendung bringt. Also versuchen wir in unseren Produkten mit einer optimalen Nutzung der jeweiligen Eigenschaftsprofile nativer Materialien zu überzeugen, sprich wirkliche Mehrwerte zu schaffen. Das schafft natürlich Restriktionen. Auf der anderen Seite wird ein klarer gestalterischer Spielraum vorgegeben, in dem so eigenständige Produkte wie der Lounge Chair „Auf jeden Falz“ entstehen können. Die Herausforderung war hier, ein Sitzmöbel zu entwickeln, welches aufgrund seiner rechteckigen Abwicklung fast vollständig ohne Verschnitt auskommt. Die rechteckigen Ausgangsmaterialien wurden zu einer Sandwichkonstruktion mittels einteiliger Form im Vakuumverfahren gefügt. Die

Foto: Mehrwerk Designlabor; Verbinder Extrusoregal (In0702_03)

armierenden Deckschichten der Sandwichkonstruktion sind nach Wahl des Auftraggebers zum Beispiel durch Weben oder Drucken textil gestaltbar. 3. Was kann ein Designer zum Thema Green Design in der Möbelbranche beitragen? In der Verantwortung jedes Gestalters liegt es natürlich, den gesamten Produktzyklus – sozusagen von der Wiege bis zur Bahre – „grün” mitzudenken. Dabei geht es um bekannte Größen wie Herstellungsaufwand, Verwertung nach dem Produktleben etc. So sind nicht nur populäre Maßnahmen wie das Recycling relevant, sondern auch solche wie das scheinbar altmodische Reparieren. Unser vordergründiger Ansatz ist es, durch den Einsatz regenerativer Verbundwerkstoffe in Produkten – vorrangig im Bereich Möbel – Mehrwerte über das „Öko”Label hinaus zu erzeugen. Das betrifft zum Beispiel auch die Ästhetik solcher Werkstoffe. Bei unseren Versuchen, offensiv und selbstbewusst mit den Materialoberflächen umzugehen bzw. eine gewisse materialimmanente Qualität auszuarbeiten, stellten wir fest, dass hier Merkmale von typischen Naturprodukten zum Tragen kommen – also Lebendigkeit durch Fehler, Patina, Abrieb etc. Diese können wie beispielsweise bei Leder (zumindest ideell) wertsteigernd wirken. Sie treten so in Konkurrenz zu herkömmlichen Kunststoffen, welche nicht in Würde altern können. Der Kratzer auf unserem Laptop ist immer noch ein Makel. Stellt man sich das Ganze nun im beschriebenen nativen


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Foto: Mehrwerk Designlabor; Extruder (In0702_04)

Foto: Mehrwerk Designlabor; Extruder (In0702_05)

Foto: Mehrwerk Designlabor; Extrusoregal (In0702_05)


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Foto: Mehrwerk Designlabor; Lounge Chair (In0702_08)

Werkstoff vor, ist die Werthaltigkeit im wahrsten Sinne des Wortes anhaltender. Handys, MP3-Player etc. würden nicht nur länger benützt, sondern auch einen höheren Diversifikationsgrad aufweisen. Man sieht also, dass schon allein die Planung eines Materials bzw. eines Oberflächenkonzeptes Gebrauchsmuster im Sinne einer positiven ÖkoBilanz verändern kann. Um dahin zu kommen, bedarf es freilich nicht nur bei den Konsumenten, sondern vor allem bei den Herstellern einer höheren Akzeptanz. Im Zusammenhang mit Forschung und Lehre an der Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design in Halle, nehmen wir uns den Freiraum, uns Anwendungsmöglichkeiten auszudenken, die gerade die Besonderheiten der Werkstoffe hervorheben. Das ist nicht unbedingt populär, da Hersteller aus ökonomischen Gründen native Materialien lieber in massenwirksamen Anwendungen als Ersatzwerkstoff einsetzen, egal ob sie sich hier tatsächlich besser eignen. Diese Praxis führt dann zu der Meinung, diese Werkstoffklasse habe zu viele negative Eigenschaften. Tatsächlich sind sie nur falsch eingesetzt. 4. Welche Rolle spielen im Design innovative Materialien bei der Entwicklung neuer Ideen oder Produktkonzepte? In der Regel sucht man ja zu einer Produktidee das passende Material. Nicht weniger spannend ist aber, die Materialität als Anregung zu verstehen und für einen neuen Werkstoff eine passende Anwendung zu finden. Für den Gestalter ist das eine Herausforderung und ein toller Spielraum, da sich auf diese Wiese nur wenige ausge-

tobt haben. Da lassen sich Produkte erfinden, alte neu denken, interpretieren und umsetzen. In Verbindung mit einem verantwortungsvollen Umgang können schlichtweg neue Mehrwerte generiert werden. Klimafreundliche Materialien werden oft erst durch eine pfiffige Anwendung als innovativ wahrgenommen. So verstehen wir das Extruso-System auch als ein Imageprodukt für WPC – und zeigen, dass in der „Barfußdiele”, als die WPC ursprünglich auf den Markt kam, noch einiges Potenzial schlummert. 5. Wie wichtig sind Messen wie die interzum für Ihre kreative Arbeit? Messen sind nach wie vor der Ort, an dem sich motivierte Geister austauschen. Dass auf einer Messe neue Produkte generiert werden, können wir uns nicht vorstellen. Für den Akzeptanzzuwachs neuer Produkte sind sie hingegen unverzichtbar. Formate, die Innovationen unabhängig von finanziellem Background präsentieren, erscheinen uns immer wichtiger, um die bestehenden Industrien zu unterstützen und neue Nischen zu erschließen. 6. Wie sehr können Sie bei neuen Entwicklungen für Markenunternehmen auch die Details berücksichtigen? Ein Design muss in den Details genauso funktionieren wie als großes Gestaltkonzept. Das funktioniert nur, wenn man mit dem Ganzen auch die Details plant.


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Foto: Mehrwerk Designlabor; Lounge Chair (In0702_07)


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Foto: Walter Luttenberger; Wohnhaus (In0703_04)


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Kai Stania „Die derzeitige Wirtschaftskrise beschleunigt die Entwicklungen im Green Design sehr.”

1. Gibt es Entwicklungen der Möbelindustrie, die schon einmal Ihre Arbeit als Designer beeinflusst haben? Bezogen auf den Bereich Beschläge habe ich davon profitiert, dass das Thema Sitzen-Stehen schon jahrelang in der Bürowelt sowohl technisch als auch preislich ausgereizt wurde. Dies hat mich dazu inspiriert, die höhenverstellbare Arbeitsplatte von der Bürowelt in die Küche zu transferieren. Diese Entwicklung hat nicht nur zu Designpreisen und vielen Veröffentlichungen geführt, sondern auch dazu, dass Team 7 als hochwertiger Hersteller auch im Bereich Küche nun mit anderen Top-Marken dieses Segments in einem Atemzug genannt wird.

Kai Stania (In_0703_01)

Der Architekt Kai Stania steht für eine erhabene Sicht auf die Dinge. Das liegt nicht nur an dem selbst entworfenen Traumhaus auf einem Hügel im Wienerwald, sondern auch an seiner Perspektive auf das Produktdesign. Das Schöne am Design, so Stania, sei der kleine Maßstab, der eine sehr gute Kontrolle des Entwurfsprozesses ermöglicht. Dafür erreicht er mit seinem Design noch weit mehr Menschen als mit seiner Architektur: Er entwirft unter anderem Produkte für Bene, Wittmann, Team 7, Wiesner Hager, Cerruti, Ungaro, Lanvin, Jean Louis Scherrer und Remus. Stania studierte in Wien Architektur an der Technischen Universität und Produktgestaltung an der Hochschule für Künste – in der Meisterklasse von Ron Arad. In Detailfragen verweist er allerdings auf Charles Eames. Sein Statement bescheinigt ihm genau die Neugier auf Technik auf Kultur, die er für eine der wichtigsten Eigenschaften des Designers hält. Weitere Informationen: www.kaistania.com

2. Eine Frage zum Huhn-Ei-Paradoxon: Was ist bei der Entwicklung neuer Features und neuer konstruktiver Lösungen im Möbelbereich oder Innenausbau in der Regel zuerst da – der innovative Beschlag bzw. andere Komponenten und Materialoptionen, oder die Idee des Designers? Gesamt betrachtet verhält sich das genauso wie mit der Frage: „Gab es ein Briefing vom Produktmanagement oder kam die Idee vom Design selbst?” Ich denke, beides wird immer wieder auch auf professioneller Ebene vorkommen und den Designprozess entscheidend beeinflussen. 3. Was kann ein Designer zum Thema Green Design in der Möbelbranche beitragen? Ich finde es sehr wichtig, diesen Ball aufzunehmen und gesellschaftlich „soziale” Verantwortung zu übernehmen. Als Architekt und Designer kann ich nur sagen, dass die Architektur hier viel weiter ist als im Design. Wenige wissen es, aber Österreich war im Bereich Niedrigenergiehaus weltweit Impulsgeber. Ich bin stolz darauf, in einem Land zu leben, in dem paradoxerweise ein Kernkraftwerk zwar gebaut, vor der Inbetriebnahme aber durch Volksabstimmung wieder geschlossen wurde. Mein Büro- und Wohnhaus hat einen Jahres-Energieverbrauch von insgesamt 600 Euro – in diesem Betrag sind sowohl Strom, Warmwasseraufbereitung und Heizung enthalten. Dies wird nur durch Technologien für erneuerbare Energieformen wie Erdwärmepumpe,


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Foto: Team 7; Küche K7 (In0703_02)

kontrollierte Wohnraumlüftung, 3-fach-Isolierglasfenster und die eingesetzte Holzbauweise ermöglicht, ohne aber dabei auf Architekturqualität zu verzichten. Im Design wird im Gegensatz dazu erst seit vergleichbar kurzer Zeit daran gearbeitet. Die derzeitige Wirtschaftskrise beschleunigt die Entwicklungen natürlich sehr. Ich sehe diese Thematik als sehr große Chance für die Zukunft im Design. 4. Welche Rolle spielen im Design innovative Materialien bei der Entwicklung neuer Ideen oder Produktkonzepte? Innovative Materialien spornen natürlich den Geist an – oft braucht es aber eine Weile, bis diese die richtige Produktanwendung am Markt finden. Gerade besuchte ich eine unglaublich spannende Ausstellung, die innovative Textilien und andere Materialien, zum Teil basierend auf Nanotechnologie, gezeigt hat. Diese bilden die Basis, machen aber allein noch kein gutes Produkt. 5. Wie wichtig sind Messen wie die Interzum für Ihre kreative Arbeit? Die interzum Messe hat für mich insofern eine große Bedeutung, als ich es für sehr wichtig halte, den neuesten Stand der Technik kennen zu lernen, um neue Produktideen zu generieren. 6. Wie sehr können Sie bei neuen Entwicklungen für Markenunternehmen auch die Details berücksichtigen? Natürlich: Je mehr man als Designer von der ersten

Foto: Team 7; Atelier Schreibtisch (In0703_03)

Skizze bis zum Katalog involviert ist, desto besser. Je mehr Einfluss man nehmen kann - abhängig vom Unternehmenszugang - oder je mehr man zumindest in den Entscheidungsprozess miteinbezogen ist, umso kohärenter und durchgängiger ist das beim Produkt als Ergebnis spürbar. Charles Eames sagte einmal überspitzt: “The details are not the details. They make the design.” Das trifft doch genau den Punkt.


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Foto: Bene; MI6 Headquarter London - James Bond, A Quantum of Solace (In0703_05)


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Foto: Johannes Hemann; Fridtjof (In0704_02)


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Johannes Hemann „Design kann Innovationen nutzen, um die Wahrnehmung der Objekte zu verändern.”

geleiteten imm cologne-Workshops im so genannten Guesthouse entstand. Der Schwerpunkt seiner Arbeiten, die bereits auf mehreren Ausstellungen und Messen wie etwa „inspired by cologne 06“, „Stylepark in Residence“, „Designboom Mart New York“, „The design annual Frankfurt“ und „[d3]contest 09“ präsentiert wurden, liegt im Bereich Möbeldesign. Weitere Informationen: www.johanneshemann.com

Johannes Hemann (IMM09_T0604_01)

Johannes Hemann (1980) gehört zu einer Generation junger Designer, die dem generativen Zufallsprinzip gegenüber aufgeschlossener scheinen als den formalistischen Regeln der klassischen Gestaltung. Er studierte Produktgestaltung an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main. Während seines Studiums verbrachte er ein Semester am Fachbereich Product Design der Kingston University in London. Seine Entwürfe folgen konsequent seinem Motto „Es lebe die sichtbare Fantasie“. Johannes Hemann experimentiert gerne mit dem Verhältnis von Material und Funktion. Nicht nur dem Zufall, auch dem Nutzer räumt der Nachwuchsdesigner gerne eine Rolle bei der Gestaltwerdung ein, sei es beim Besprühen eines Mannequins mit Schaumstofffetzen zum Aufbau eines Sessels in seiner „Stormbox“ oder bei seinem Dunkelkammer-artigen Haus Private Shelter, das erst mit der allmählichen Auflösung der papierenen Wände und Lampenschirme durch die Besucher transparent wird – eine zusammen mit Pernilla Jansson improvisierte Installation, die während des von Arik Levy

1. Gibt es Entwicklungen der Möbelindustrie, die schon einmal Ihre Arbeit als Designer beeinflusst haben? Als Designer kann man Innovationen nutzen, um die Wahrnehmung von Objekten zu verändern. Zum Beispiel spielte ein Speziallack, mit dem man Schaumstoff haltbar beschichten kann, eine besondere Rolle bei der Entstehung der Möbelserie Hit it, die ich zusammen mit Leslie Hildebrandt und Kai Linke entworfen habe. Das sind Tisch und Stühle in der rustikalen Form klassischen Saloon-Mobiliars, wie sie in allen möglichen Western-Filmen zu sehen sind. Der Unterschied liegt im Material. Mit Hit it kann man eine wunderbare Saloon-Schlacht kämpfen, ohne sich weh zu tun. Zu einer anderen Art der Verfremdung haben Kai Linke und ich ein Hohlflechtseil genutzt, das über eine innen liegende Konstruktion gezogen werden kann. Daraus ist die Garderobe Catching the Wild entstanden. Damit haben wir eine ästhetische und materielle Veränderung in der Wahrnehmung dieses Objekts erzielt. 2. Eine Frage zum Huhn-Ei-Paradoxon: Was ist bei der Entwicklung neuer Features und neuer konstruktiver Lösungen im Möbelbereich oder Innenausbau in der Regel zuerst da – der innovative Beschlag bzw. andere Komponenten und Materialoptionen, oder die Idee des Designers? Es gibt immer Entwicklungen in beide Richtungen. Das eine Mal existiert da eine innovative Lösung, und es findet sich erst danach die Funktion oder die Bestimmung; und das andere Mal ist eine Idee des Designers der Ausgangspunkt, bei der die Lösung erst entwickelt werden muss. Mein Prozess zum Definieren von Formen in einer „Stormbox“, in der die Komponenten durch


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Foto: Johannes Hemann; Catching the Wild (In0704_03)

Druckluft eingebracht werden und sich zu einer Form zusammensetzen, begann mit der Idee, durch Winde Formen zu generieren – und dann musste ich eine „technische“ Lösung bzw. einen Herstellungsprozess finden, um zu einem gewünschten Ergebnis zu kommen. 3. Was kann ein Designer zum Thema Green Design in der Möbelbranche beitragen? Ich denke, dass Designer einen großen Beitrag zum Thema Green Design in der Möbelbranche beitragen können, wenn sie den gesamten Prozess eines Produktes berücksichtigen. Von dem gewähltem Material über den Produktionsprozess bzw. die Fertigung, die Verpackung, den Vertrieb bis hin zur Positionierung im Markt. 4. Welche Rolle spielen im Design innovative Materialien bei der Entwicklung neuer Ideen oder Produktkonzepte? Innovative Materialien spielen eine große Rolle, da erst durch neue Materialien Anforderungen erweitert beziehungsweise erfüllt werden können. Das zeigt schon die geschichtliche Entwicklung von Metall: Erst durch härtere Legierungen konnte die Menschheit überhaupt Werkzeuge fertigen. Dabei ist eine immer differenziertere Entwicklung der Eigenschaft wichtig, um eine zunehmende Spezialisierung zu gewährleisten. 5. Wie wichtig sind Messen wie die interzum für Ihre kreative Arbeit? Messen sind essenziell, um verschiedene Seiten und

Foto: Johannes Hemann; imm cologne Guesthouse (In0704_04)

Denkrichtung in einen Dialog zu bekommen und den Informationsaustausch zu fördern. 6. Wie sehr können Sie bei neuen Entwicklungen für Markenunternehmen auch die Details berücksichtigen? Natürlich versucht man immer, auf jedes Detail zu achten und den Einfluss auf die Komponenten zu sichern, lebt jedoch auch mit den verschiedenen Einflüssen wie etwa der Absatzgröße etc.


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Foto: Johannes Hemann; Kirsten (In0704_05)


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Öffnungssysteme Grifflos glücklich

Foto: Grass: Dynapro (In0601_01)

Moderne Beschläge sind unsichtbar, aber nur nach außen hin schlicht. Tip-on oder Push-to-open, Servodrive und Soft-close heißen die ausgeklügelten Techniken, die uns das Leben einfacher machen sollen. Omas Kommode hatte schlicht Knäufe. An denen musste man manchmal etwas fester rütteln, aber dann gab die Schublade widerstrebend nach und ließ sich keusch ein Stück weit aufziehen. Mit einem subtilen Gefühl der Befriedigung wühlten wir in ihren Tiefen, nur um vielleicht feststellen zu müssen, dass wir nicht die richtige Schublade erwischt hatten. Dann eben die nächste… na bitte, wer sagt’s denn! Nur eilig durfte man es nicht haben. Heute stehen wir manchmal etwas ratlos vor der einheitlich glatten Front von Küchenschrank, Sideboard oder Media-Bank. Wo geht das Ding bloß auf? Kein Punkt, keine Mulde oder Kerbe, geschweige denn ein Griff

zeigt an, wo wir „den Nippel durch die Lasche ziehen” müssen. Müssen wir ja auch nicht. Manches ist für den Verbraucher heute tatsächlich einfacher geworden – zumindest im Möbeldesign. Es ist eigentlich egal, wo wir auf die Schublade, den Auszug oder die Schranktür drücken, tippen oder stupsen: Wie von Zauberhand fährt uns der freundliche Helfer entgegen und enthüllt sein Innerstes bis zum Anschlag. Denn ein moderner Küchenschrank, der etwas auf sich hält, kennt heutzutage weder Zurückhaltung noch tote Ecken. Wer sein Geheimnis kennt, dem öffnet er sich dank ausgefeilter Vollauszug-Technik bereitwillig und vollständig. Auch außen gibt er sich nackt. Völlig plan, mit kaum mehr wahrnehmbaren Fugen zum Nachbarn schließen sich Auszüge, Apothekerschränke und Klappsysteme


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Foto: Julius Blum; Aventos Servo-Drive (In0601_02)

zu einer einheitlichen Oberfläche zusammen. Ganze Kochfelder verschwinden unter Arbeitsplatten, die sich dank hydraulischer Unterstützung des Klappenbeschlags im Nu in die Höhe recken. Nichts steht mehr unnütz rum, alles wird abgedeckt, eingefahren, versteckt hinter einer cleanen Front. Natürlich könnte man sich fragen: Was war eigentlich eher da – der Trend zur minimalistischen Optik oder die Erfindung des grifflosen Schubladenauszugs? Die Ästhetik oder die ergonomische Funktion? Doch dies scheint

angesichts der schicken Küchen und eleganten Schrank-lösungen mit ihren spielend leicht zu öffnenden Türen und Fächern überflüssig. Denn diese neue Kunst des Versteckens sieht nicht nur gut aus, sondern macht auch Spaß. Wer gerade keine Hand frei hat, öffnet die Tür mit Knie, Hintern oder Schulter, tippt mit dem Fuß leicht gegen die unterste Schublade oder kickt mit der Hüfte gegen die Kühlschranktür. Hier ist ganzer Körpereinsatz gefragt. Nicht die erfolgreiche Kraftanstrengung, sondern die Leichtigkeit der Bewegung erfüllt uns heute mit Befriedigung. So wird kochen,


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Foto: Kesseböhmer; TouchControl Hochschrankauszug (In0601_03)

aufräumen und verstauen zum Kinderspiel. Ein Spiel allerdings, das nicht nur die Erwachsenen beherrschen. Kindersicherung wird so zu einer Herausforderung. Was die Bedienung so leicht macht, sind raffinierte Beschläge – Scharniere, Klappen- und Auszugssysteme mit und ohne Federung, überschwenkbarem Öffnungswinkel, Geräuschdämpfung, Einzugsautomatik und mechanischer Öffnungsunterstützung. Noch ziemlich neu auf dem Markt sind Schränke mit elektrischer Öffnungsunterstützung: Ein kleiner Kraftspeicher unter dem Schrank versetzt dem Auszug von hinten einen kleinen Schubs, und schon federt die Schublade nach vorne, egal, ob die Mechanik durch Antippen der grifflosen Front oder durch leichtes Ziehen am Griff ausgelöst wird. Dabei wird die Öffnungsautomatik gerne mit einem adaptiven System zum sanften Schließen von Türen, Klappen und Auszügen kombiniert, die verhindern helfen, dass zugeschlagene Schubladen oder Türen im Ehekrach enden. Erst, wenn Tüftler und Designer aufeinander treffen, wie zum Beispiel auf der Weltleitmesse der Zulieferindustrie, der in Köln beheimateten interzum, werden die Potenziale solcher unscheinbarer Metallteile offenbar. Küchen- und andere Möbelhersteller werden neue Ideen mit nach Hause nehmen und dem Endverbraucher noch bessere

Foto: Peka-system; Samba Abfalltrennsystem (In0601_04)

Auf der Messe zeichnen sich bereits die Trends für die Möbelentwicklung der nächsten Jahre ab. Die Impulse der Zulieferindustrie für die Gestaltung unserer Wohnungen sind unauffällig, aber überall zu spüren. Nach oben schwenkbare Klappen etwa liegen dank innovativer Beschlagstechnik heute nicht nur in der Küche absolut im Trend. Und schwere Auszüge mit Lebensmitteln, Töpfen oder Müllcontainern werden sich dank elektrischer Öffnungsunterstützung in Zukunft wohl in vielen Haushalten mit minimalem Kraftaufwand öffnen lassen. Das ist nicht nur etwas für die Optik, denn diese Ausstattung ist nicht nur ergonomisch sinnvoll, sondern besonders für ältere oder gehandicapte Nutzer eine echte Hilfe. Daher werden auf der interzum natürlich auch viele Lösungen vorgestellt, die Griffe mit elektrischen Öffnungssystemen kombinieren. Denn schließlich will nicht jeder zugunsten einer glatten Oberfläche auf Griffe verzichten. Bunte Knöpfe, Griffe im Jugendstil und Country Look oder aber minimalistische Griffleisten, Pins und Relingsysteme – Griffe und Beschläge waren Jahrhunderte lang eine Zier für jedes Möbel und sind es heute noch. An Knäufen zerren muss heute allerdings keiner mehr. Text: Claudia Wanninger

Designlösungen mit hohem funktionalem Nutzen präsentieren. Ob sich Angebote wie die elektrische Öffnungsunterstützung durchsetzen werden, die durch Klopfen auf die Tür ausgelöst werden?


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Design-Forum für Formholz I 71

3. Internationales Design-Forum für Formholz Anschmiegsam und faltenfrei

In der Lounge: Einladend wird dieser Lounge Chair durch seine extra-lange Sitzschale. Der Entwurf stammt vom Hamburger Designer-Duo Kressel & Schelle. Foto: Becker KG (In0501_01)

Wenn man Formholz und Möbeldesigner zusammenbringt, können die seltsamsten Dinge entstehen: schwebende Sessel, auseinander gefaltete Tische, Schaukelstühle, Raumteiler, Kinderspielzeug und warm schimmernde Leuchten. Oder auch einfach nur ein schlichter, schöner Stuhl. Nur eines kommt scheint’s niemals auf: Langeweile. Ohne Zweifel – das Material hat bereits Designgeschichte geschrieben. Doch Erfolg sollte niemals einengen, und sei der Sessel noch so bequem. Um sich von der klischeehaften Beschränkung auf Lehnsessel & Co. zu befreien und die formale Entwicklung voranzutreiben, hat die Becker KG deshalb wieder Designer zur Teilnahme am Design-Forum eingeladen, dessen Ergebnisse alle

zwei Jahre auf der interzum in Köln präsentiert werden. Und die Ideen der Designer für den cleveren und innovativen Einsatz dieses vielseitigen Materials können sich sehen lassen. Was vor vier Jahren als Versuch begann, hat sich als Marktplatz der Ideen innerhalb der Möbelbranche längst bewährt. Dabei stellt das Brakeler Unternehmen selbst nur Möbelkomponenten und keine fertigen Möbel her. Doch wer könnte besser über die Möglichkeiten, die Eigenschaften und das Verhalten des Holzes Bescheid wissen als der Hersteller selbst? Die Designer haben dabei völlig freie Hand – erlaubt ist, was geht. Das lassen sich Kreative nicht zweimal sagen. Obwohl der Wettbewerb noch recht jung und die Becker KG


72 I Design-Forum für Formholz

Nicht nur auf dem Balkon: Die Doppelholme, die Sitz und Lehne tragen, verleihen dem KlappstuhlEntwurf von Klaus Haar einen spannenden Akzent. Mit diesem Trick konnte der Designer die Dicke des Materials verringern.

Anlehnungsbedürftig: Streng und dazu sichtbar sehr komfortabel ist der Entwurf von Michael Majewski und Peter Horn. Der Stuhl mit Lehne fällt darüber hinaus durch seinen eigenwilligen Charakter auf.

Foto: Becker KG (In0501_02)

Foto: Becker KG (In0501_03)

nicht zu den klassischen Lifestyle-Marken zählt, die Designwettbewerbe zu veranstalten pflegen, war die Resonanz unter den internationalen Möbeldesignern deshalb auch dieses Jahr wieder groß: 165 Designer haben sich mit mehr als 200 Entwürfen beteiligt. Nun hat Becker Fachpublikum und Designinteressierte zum Besuch des 3. DesignForums auf die Kölner Messe interzum eingeladen, um die Ideen zu begutachten und zu diskutieren. Die Auswahl treffen Geschäftsführer Dr. Ralf Becker und Entwicklungsleiter Joachim Schelper gemeinsam mit den Kundenbetreuern. „Wir haben diesmal besonderen Wert darauf gelegt, auch experimentellere Entwürfe zu realisieren”, kommentiert Becker die diesjährige Präsentation. Das Brakeler Unternehmen fertigt für das Design-Forum eigens 24 Prototypen an – eine Aufgabe,

die die komplette Mannschaft der Entwicklungswerkstatt über einige Monate in Atem hielt. Für die Gestalter ist diese Pionierarbeit eine gute Chance, dass Ihre Produkte einen Hersteller finden. Das hat sich wohl herumgesprochen, denn die Beteiligungsquote übertraf beide vorangegangenen Veranstaltungen. Diplom-Ingenieur Joachim Schelper: „Wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis – quantitativ, aber vor allem auch qualitativ. Und natürlich freuen wir uns über die internationale Resonanz.” Die Ideen für Möbel aus Formholz stammen neben Deutschland auch aus Dänemark, der Schweiz, aus Großbritannien und den USA, aus Belgien, Italien und aus den Niederlanden, aus Frankreich und aus Österreich. Becker: „Wir können viele sehr interessante Ideen präsentieren, darunter


Design-Forum für Formholz I 73

Bankgeheimnis: Ein Entwurf, den Charles O. Job für den öffentlichen Raum gedacht hat. Die hohen Wangen rechts, links und hinten schaffen dort so etwas wie einen privaten Bereich. Foto: Becker KG (In0501_06)


74 I Design-Forum für Formholz

Swinging for life hat Volker Hundertmark seinen hocheleganten Freischwinger genannt. Die markanten Lehnen geben allen Anlass zu dieser Assoziation. Die Sitzschale dazwischen scheint zu schweben.

Eine sichere Bank: Diese Bank, die Dirk Loff und Thomas Wagner zeichneten, lässt vieles zu: Sie lädt ein zum Sitzen, zum Flegeln, zum Liegen. Anders ausgedrückt ist dieses Möbel in jeder Lebenslage einsetzbar.

Foto: Becker KG (In0501_04)

Foto: Becker KG (In0501_05)

Foto: Dr. Ralf Becker (In0501_09)

Foto: Joachim Schelper (In0501_10)


Design-Forum für Formholz I 75

Kommunikationsbereit: Man sieht dem Stuhl von Flemming Busk und Stephan Hertzog seine Gemütlichkeit direkt an. Ein guter Platz für große Gesprächsrunden, in denen man sich zu beiden Seiten wenden kann: ein markantes Möbel.

Leichtgewicht: Überzeugend auf das Stahlgestell gesetzt ist diese zierliche Formholzschale. Der Entwurf stammt vom Designerteam Franzke, Brost und Fischer vom Büro Formmodul. Foto: Becker KG (In0501_08)

Foto: Becker KG (In0501_07)

auffallend viele Schalenstühle, aber auch Regale oder Leuchten, die aus Formholz entstanden sind.“ Beim Gestalten mit Formholz ist Phantasie gefragt, denn der Werkstoff macht fast alles mit. Dabei lässt er sich nicht nur in alle möglichen Richtungen verwinden und verbiegen, sondern auch um kleine Radien falten – ganz ohne Kanten und schmeichelnd glatt. Die Designer entwarfen geschwungene Bänke, Sessel und Sofas, deren Form so anschmiegsam wirkt, dass ein Polster fast überflüssig erscheint. Und selbst mit wenig Phantasie wird ein gebogenes Stück Formholz mit angedeuteten Beinchen und Augen im Handumdrehen zum Reittier für Kinder.

den, der Zulieferer darf produzieren und der Hersteller bekommt ein neues Produkt für sein Programm. Die Becker KG kann mit ihrem Design-Forum eindrucksvoll demonstrieren, wie universell der regenerative Werkstoff in dieser veredelten Form einsetzbar ist. Formholz verbindet die Materialvorteile von biegbarem, federndem Metall und flexibel formbarem Kunststoff mit der Lebendigkeit des Naturwerkstoffes Holz. Es sind seine natürliche Wärme und Schönheit, die ihn für uns so wertvoll machen. Weitere Informationen: www.becker-kg.de

Es lohnt sich für alle, wenn die eher pragmatischen Macher aus der Zulieferbranche aus dem Hintergrund treten, um den kreativen Prozess anzukurbeln. Gewinnen können dabei alle. Die Designer gewinnen einen Kun-


76 I Material

Katharina Schöne ließ sich von den Jahresringen eines Baumes inspirieren. Den Facettenreichtum des Holzes stellt ihr Entwurf mit einem Farbverlauf von Hell nach Dunkel dar. Die Furnierstreifen kontrastieren mit dem schwarzen Grund. Der Entwurf wirkt sehr linear und reduziert. Katharina Schöne nennt auch die Architektur als eine weitere Inspirationsquelle. Verwendetes Material: Schwarzer Stoff, Stoff und Furnier genäht. Hölzer: Wenge, Ahorn, Erle, Amerikanischer Nussbaum Katharina Schöne ist 29 Jahre alt. Sie hat ihr Studium zur Dipl.-Mode-Designerin an der FH Bielefeld 2008 abgeschlossen. Mittlerweile studiert sie im 2. Semester im Studiengang Master of Arts Gestaltung/Mode-Design – ebenfalls an der FH Bielefeld. Illustration: Initiative Furnier + Natur e.V. (IFN) (In1301_02)


Material I 77

Verführung in Furnier Haute Couture trifft Furnier

Furnier gehört zum Edelsten, das man aus Holz herstellen kann. Die dünnen Blätter aus Holz veredeln Trägermaterialien wie Spanplatten, MDF-Platten, Multiplexplatten oder Sperrholz. Modernste High-Tech-Methoden eröffnen dem Traditionswerkstoff mittlerweile immer neue Möglichkeiten. Jetzt präsentiert die Kölnmesse gemeinsam mit der Initiative Furnier + Natur e.V. (IFN) auf einer Sonderschau im Rahmen der Messe interzum Haute Couture-Roben aus diesem ungewöhnlichen Material. Die Bereiche Furnier und Mode scheinen zunächst wenig miteinander zu tun zu haben. Doch genauer betrachtet sind Furniere „Kleider” für Möbel. Erst sie verleihen einem Möbel ein individuelles Outfit und damit Klasse und Eleganz. So erklärt sich auch die Nähe zur Haute Couture, den exquisiten, maßgeschneiderten Kreationen aus den internationalen Modemetropolen. Hochwertige Handarbeit, die Verwendung teuerster Stoffe, Spitzen, Stickereien oder edler Swarovski-Steine sind Merkmale dieser individuellen Stücke. Wenn Furniere Kleider für Möbel sind, dann liegt es nahe, das Furnier selbst zum Kleid werden zu lassen. Auf Initiative der IFN entwickelten drei Studentinnen der FH Bielefeld, eine der ersten Adressen in Entwurfs- und Modekreisen, Roben aus Furnier. Die Ergebnisse sind auf den ersten Blick extravagant und sehr weiblich. Auf den zweiten Blick offenbaren sie die Wandelbarkeit des Materials Furnier. Die Entwürfe spielen mit der breiten Farb- und Musterpalette des Werkstoffes. Das Furnier wurde darüber hinaus gefältet, plissiert und in Formen gebracht, die man beim Werkstoff Holz kaum für mög-

lich hält. Die Inspiration für die drei Designerinnen waren die Natur und das Holz selbst. Darüber hinaus wollten sie mit den Entwürfen das Farbspektrum und die Verarbeitbarkeit von Furnier ausschöpfen. So enstanden experimentelle Objekte mit Anklängen von Tragbarkeit. Damit versinnbildlichen diese Roben die Qualität des Furniers auf das Schönste: Sie zeichnen sich durch Hochwertigkeit, Individualität und beste Verarbeitung aus. Qualitäten, die im Möbelbereich hochgeschätzt werden. Furniere werden überall dort eingesetzt, wo Individualismus, Eleganz und Natürlichkeit gefragt sind. Wenn etwa der Korpus eines Möbelstücks unverändert bleiben soll, lassen sich allein mit Furnierkompositionen für die Fronten vollkommen neue Eindrücke erzielen. Verspielte Intarsienarbeiten oder unterschiedliche Furniere geben dem gleichen Stück verschiedene Gesichter und einen neuen Wert. Das Material ist zu 100% natürlich. Dank der bewussten Produktion (selektiver Einschlag von Bäumen bei der Holznutzung) entspricht Furnier auch dem Wunsch nach umweltbewussten, nachhaltigen Produkten. Text: Sybille Hilgert Von den vielfältigen Eigenschaften des Furniers kann man sich auf der interzum, am Stand der IFN (Halle 5.1) überzeugen. Hier werden auch die Kleiderentwürfe aus Furnier live präsentiert. Weitere Informationen: www.furnier.de


78 I Material

Der Entwurf von Ilona Szymanski beruft sich auf die Natur und ihre Vielfalt sowie den Frühling. Auf einem korallenfarbenen Kleid wurden stilisierte Blüten und Blütenblätter mit Schleife verteilt. Der objekthafte Entwurf präsentiert sich mit großer Leichtigkeit. Verwendetes Material: Stoff genäht, Furnier geklebt. Hölzer: Tineo, Zebrano, Satin Walnut, Cherry Ilona Szymanski ist 24 Jahre alt. Sie studiert im 6. Semester Mode-Design im Fachbereich Gestaltung an der Fachhochschule Bielefeld. Illustration: Initiative Furnier + Natur e.V. (IFN) (In1301_01)


Material I 79

„WOOD be a Present – NO fake Plastic Tree” – dieses Motto verkörpert der Entwurf von Isabelle Tegtmeyer. Damit betont sie die Natürlichkeit des Materials. Furnier dient als Akzent und als Blickfang. Verwendetes Material: Stoff (hautfarbener Jersey, andere Stoffe in Naturtönen), Stoff genäht, Furnier geklebt/genäht. Hölzer: Nussbaum, Satin Walnut, europ. Kirsche Isabelle Tegtmeyer ist 24 Jahre alt. Sie studiert im 6. Semester Mode-Design im Fachbereich Gestaltung an der Fachhochschule Bielefeld. Illustration: Initiative Furnier + Natur e.V. (IFN) (In1301_03)


80 I Koelnmesse


Koelnmesse I 81

imm cologne und interzum: Das kompetente MesseDuo, wenn es um Trends im Möbelbereich geht! Die Kölner Kompetenz

Welche Hölzer liegen im Trend? Was gibt es Neues in Sachen Sitzkomfort? Welche Funktionen bieten die neuen Schränke in Küche, Wohn- und Schlafzimmer? Oder wie betten sich Genießer und Ästheten, die Wert auf innovative Funktionalität und gutes Design legen? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, besucht die die interzum, die Leitmesse für die Zulieferindustrie im Möbel- und Innenausbau. Oder die imm cologne, die internationale Möbel- und Einrichtungsmesse in Köln. Doch am besten durchstreift er gleich beide. Denn diese bedeutenden Kölner Messen haben nicht nur interessante Schnittmengen zu bieten, sondern ergänzen sich in geradezu idealer Weise. Was auf der interzum als innovative Detail- oder Systemlösung vorgestellt wird, ist nur kurze Zeit später auf der imm cologne in konkreter Produktanwendung zu finden – in Formen und Funktionen, deren Ideenreichtum immer wieder überrascht. Tatsächlich ist so mancher auf der interzum präsentierte „Rohling” der Schlüssel zu formaler und funktionaler Neufin-

dung im Möbeldesign. Gleichzeitig entwickelt die imm cologne als Trendforum und Kommunikationsplattform der Hersteller, Händler und Designer eine eigene Dynamik, die wiederum inspirierend auf den Erfindergeist der Zulieferbranche wirkt. Die Möbelmesse bringt in ihrer Vielfalt die ästhetischen und praktischen Bedürfnisse der Hersteller und der Konsumenten zum Ausdruck, gibt ihnen eine Form und formuliert eine Perspektive. Immer wieder ein kreativer Kreislauf interzum und imm cologne befördern damit einen kreativen Kreislauf: Wer als Designer, Architekt, Planer oder Handwerker über die interzum geht, nimmt Ideen für Möbeldesign, Objektgestaltung und den Innenausbau mit. Und wer als Entwickler, Designer oder Ingenieur die Trends auf der imm cologne beobachtet und mit Ausstellern und Publikum Kontakt aufnimmt, wird wissen, was die Branche an weiteren Innovationen braucht.


82 I Koelnmesse

Foto: Koelnmesse; imm cologne 2009; E15; Arie (In0901_01)

Diese Verwandtschaft spiegelt sich auch darin wider, dass Design im Zulieferbereich ein immer wichtigeres Kriterium wird. Und zudem erlauben innovative Materialien und eine komfortable Bedienung im Möbelbau wesentliche Differenzierungskriterien – Features, wie sie durch die Beschlägeindustrie oder die Oberflächenspezialisten der Zulieferbranche beigesteuert werden. So antwortete etwa Formica Europe auf den Bedarf an hochglänzenden Flächen im Möbelbereich mit einem besonders widerstandsfähigen Werkstoff aus Hochdruck-Schichtplatten, mit dem sich der aktuelle Farbtrend Hochglanz-Weiß im Produktdesign ohne Qualitätsprobleme umsetzen lässt. Ausgezeichnete Präsentationen fürs Design Design ist die vielleicht bedeutendste Schnittmenge von interzum und imm cologne: die treibende Kraft hinter den Innovationen der Zulieferindustrie und kreativer Impuls für die Möbelbranche, sich jedes Jahr neu zu erfinden. Und so wundert es nicht, dass gutes Design von der Koelnmesse seit Jahren eine eigene Plattform erhält – zum Beispiel in Form von Awards, Inszenierungen, Vorträgen und Ausstellungen. Für die imm cologne ist die Thematisierung von Design- und Einrichtungstrends eine lang-

Foto: Koelnmesse; interzum 2007; Cleaf Caspani (In0901_02)

jährige Tradition, die im Bereich der Zuliefermesse in dem interzum award: intelligent material & design eine parallele Entwicklung genommen hat. Im Rahmen dieser international anerkannten Auszeichnung demonstrieren Hersteller von Beschlägen, Oberflächen, Holzwerkstoffen, natürlichen Materialien, Polstermaterialien und -maschinen ihre Leistungskraft und Innovationsfreude, wenn es um ausgezeichnetes Design, neue Materialien oder die optimale Funktion geht. Dass für den Einrichtungsbereich und insbesondere die Möbelgestalter Design die zentrale Disziplin darstellt, ist offensichtlich. Und doch ist es keine Selbstverständlichkeit, Design als Marktfaktor ernst zu nehmen und auf einem so schnelllebigen Parkett wie einer Messe in einen professionellen Diskurs zu überführen. Der Koelnmesse ist dies durch kontinuierliche Arbeit gelungen. Die Rahmenprogramme und Foren für Architekten, Innenarchitekten und das Contract Business, die Piazzen und Foren, Designpreise und das Nachwuchsforum [d3] machen den Messestandort Köln zum Kommunikationszentrum für etabliertes und experimentelles Design – für Industrie und Handel, Kreative und Tüftler. Das Kölner Trendboard –


Koelnmesse I 83

Foto: Koelnmesse; imm cologne 2009; Leolux; Ponton (In0901_03)

ein internationales Fachgremium aus Architekten, Designund Interior Design-Experten, das alljährlich die Interior Trends der kommenden Saison analysiert – ist ein gutes Beispiel für die an diesem Standort gebündelte Kompetenz. Das Trendbook kommuniziert die wichtigsten Trends für den Einrichtungsbereich in Wort und Bild. Materialien, Oberflächen und Strukturen stehen dabei als integraler Aspekt des Möbeldesigns und des Interior Designs gleichwertig neben der Formentwicklung. Das allmählich zum Standardwerk der Branche avancierende Buch realisiert auf dem Papier die Verbindung von formaler Erfindung, den neuesten Werkstoffen und aktuellem Ambiente. Köln: No.1 in furniture & interior design Eine Verbindung also, für die zwei Messen optimal zusammenspielen: die imm cologne und die interzum. Doch die Kölner Kompetenz in Sachen Möbel geht noch weiter. Auch die interzum moscow / Interkomplekt, die interzum guangzhou sowie die Orgatec, die spoga und die Kind + Jugend sorgen für geballte Möbelkompetenz. Insgesamt bietet die Koelnmesse den interessierten Besuchern 740.000 Brutto-qm Ausstellungsfläche von Möbeln und

Foto: Koelnmesse; interzum 2007; Ehrlich (In0901_04)

Einrichtungsgegenständen aus den unterschiedlichsten Bereichen – ein Areal von rund 102 Fußballfeldern! 3.000 Aussteller nutzten bereits diese Veranstaltungen. Und von dem umfassenden Angebot profitierten inzwischen rund 400.000 Besucher aus aller Welt. Die Kompetenz der Koelnmesse ist eben aufs Einrichten ausgerichtet! Die nächste imm cologne findet vom 19. – 24.01.2010 statt. Weitere Informationen: www.interzum.de www.imm-cologne.de


Impressum I 84

Der Content-Service der interzum zu Design und Innovation The interzum content service for design and innovation

Impressum

interzum 2009 13.-16.05.2009

Idee: Markus Majerus

www.interzum.de

Konzeption: FAR_consulting - Kommunikation, Designmanagement, Trendforschung Dillenburger Str. 83, 51105 Köln Telefon + 49-2 21-620 18 02 Telefax + 49-2 21-962 45 39 design@far-consulting.de www.far-consulting.de

Ihr Kontakt bei Rückfragen: Markus Majerus Telefon + 49 221 821-2627 Telefax + 49 221 821-3417 E-Mail m.majerus@koelnmesse.de Koelnmesse GmbH Messeplatz 1 50679 Köln Postfach 21 07 60 50532 Köln Deutschland Telefon +49 221 821-0 Telefax +49 221 821-2574 info@koelnmesse.de www.koelnmesse.de Geschäftsführung: Gerald Böse (Vorsitzender) Herbert Marner Oliver P. Kuhrt Dr. Gerd Weber Vorsitzender des Aufsichtsrates: Oberbürgermeister Fritz Schramma Sitz der Gesellschaft und Gerichtsstand: Köln Amtsgericht Köln, HRB 952

Redaktion: Frank A. Reinhardt Claudia Wanninger Übersetzung (engl.): Alison Du Bovis, Jork Grafik: Karsten Jipp, Berlin Gekennzeichnete Artikel stellen die Meinung des Autors, nicht unbedingt die der Redaktion dar. Alle Beiträge sind urheberrechtlich geschützt und ausschließlich für die Pressearbeit nutzbar. Journalisten können alle Artikel und Fotos kostenfrei gegen entsprechende Zusendung von zwei Belegexemplaren verwenden. Die Nennung der Autoren ist nicht zwingend notwendig. Die Bildrechte liegen gemäß Kennzeichnung bei den Autoren und der Koelnmesse. Wir danken für die freundliche Bereitstellung der Bilder durch die Fotografen und die Hersteller und bitten um entsprechende Nennung. Erfüllungsort und Gerichtsstand ist Köln.

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