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NOVEMBER 2OII

Das Magazin über Menschen und Marken

MAKBEE Interview mit Urban Explorers London F>MKHIHE> Amsterdam insight @EH;:E CERN die Weltmaschine

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INHALT Quality Magazin No. 19 – November 2011

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122 84 114 Zeitlos 26 Verstrichene Zeit Sanduhr in groß

34 Greenwich Time Der Nullmeridian

42 Wer hat an der Uhr gedreht Uli Glaser, Hamburg

114 Schrittmacher Moder für Männer

122 Ben nebelt Big Ben, London

146 „Uhrsprung“ Exklusives Uhren-Special

8

Escape 50 Andacht Leben an den Dover Cliffs

60 Die Weltmaschine CERN, Schweiz

84 Wunderkinder

Kunst & Design 24 Silencio Angesagtester Club, Paris

Inspirationen in Potsdam

102 Immer der NASA nach

76 Diamonds Are Forever Tiffany & Co., New York

Guy Laliberté, erster Weltraumtourist

128 Night Thrill Exklusivinterview mit Silent UK

164 Der 4-Stunden-Tee Japanische Teezeremonie

182 In Vino Veritas Lungarotti, Borgo San Felice

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A’dam Amsterdam-Special, Redlight District

170 Steinreich Gem-Palace, Jaipur

176 Boy Interview mit dem Frauen-Duo


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EDITORIAL Quality Magazin No. 19 – November 2011

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leich zwei interessante Themenschwerpunkte beherrschen diese Ausgabe, beide mit großer Eigenständigkeit und zugleich wichtig für unser alltägliches Leben. Individuelle Fluchtversuche, präsentiert in der ExklusivStory über die Urban Explorer, die sowohl ungesehene Plätze, aber auch den eigenen Thrill suchen, wechseln mit Dimensionen, die die Grenzen zu sprengen scheinen. CERN, die Weltmaschine, ist nicht nur eines der wenigen Projekte, an denen die weltweit renommiertesten Wissenschaftler gemeinsam ohne nationale Interessen arbeiten, sondern ist wahrscheinlich der Grundstein für eine Zeitenwende in Wissenschaft und Technik. Zu einer Zeitenwende führte auch die Erfindung der Zeitmessgeräte. Mönche waren wohl die Ersten, die nach einer strengen Zeitrationalität lebten. So ist es kein Wunder, dass es die Kirche war, die ab dem 14. Jahrhundert öffentlich Uhren anbrachte, um an die „carpe diem“-Haltung zu erinnern. Seit diesem Zeitpunkt wurde die Ereigniszeit durch die Zeit des Termins abgelöst. Die straffe Strukturierung des Tagesablaufs war die Folge, darüber hinaus wurde die Uhr zum Symbol für Macht und Prestige. Auch heute avancieren Uhren wieder zum Symbol von Macht und Erfolg. Sie sind wohl das beliebteste Statussymbol von Männern, aber auch von Frauen sehr geschätzt. Wahre Meisterwerke der Präzision und Handwerkskunst sind allerdings nichts für jedermann. Wir müssen diese Objekte der Begierde nicht besitzen, um sie bewundern zu können. Quality präsentiert ein ausgewähltes Uhren- und Schmuckspecial mit vielfältigen Facetten. Wir nehmen Sie mit auf eine Reise durch die Welt der Technik und der Phantasie, eine Reise ins All und durch die Zeit, sowie in die menschliche Seele. Steigen Sie ein in unser ZeitShuttle …

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IMPRESSUM Quality Magazin No. 19 – November 2011

Chefredakteurin Susanne Filter Director Online Vincent van den Eijkel

Art Director Dipl.-Des. Elke Rohleder

stellv. Art Director Tom Nöske Dipl.-Des. Barbara Schork

Art Director Online Johannes van Ponto Frank Fabel

Redaktionsassistenz Annika Jost

Grafik Annika von Osten

Onlineredaktion Christian Wank

Fashion Editor Odessa Legemah

Musikredaktion Tile von Damm

Textredaktion Kathleen Wünscher

Foto Editor Katja Sonnewend

Schlussredaktion Heide Frey

Autoren Katja Hübner, Petra Dietz, Patricia Engelhorn, Hannah Bauhoff, Sandra Pfeifer, Oliver Herwig

Kontributoren Johannes Paul Spengler, Heiko Prigge, Oliver Herwig, Katja Hübner, Peter Ginter, Christian Steinhausen, Matthias Eitner, Olff Appold

Fotografen Johannes Paul Spengler, Olff Appold, Heiko Prigge, Christian Steinhausen, Tine Reimer, André Hemstedt, René Fietzek, Peter Ginter Guy Laliberté

Vertrieb IPS Pressevertrieb GmbH Carl-Zeiss-Str. 5 53340 Meckenheim Telefon: + 49-2225-888 1-0

Verlag Koller Holding AG Zentralstr. 19, CH-8953 Dietikon

Corporate Manager Matthias Arens Telefon: + 49-30-257607-340 Fax: + 49-30-257607-344 arens@quality-magazine.de

Quality Abo-Service Postfach 103245 20022 Hamburg quality@interabo.de

Redaktion Deutschland Nithackstr. 7 – Kontorhaus, 10585 Berlin Telefon: + 49-30-257607-340 Fax: + 49-30-257607-344 info@quality-magazine.de

Director Marketing & Sales Eberhard Kirchhoff Telefon: +49-69-597 969 00 Fax: +49-69-597 993 93 kirchhoff@quality-magazine.de

Telefon Abo-Kundenservice Telefon: + 49-30-611 05 23 86 Fax: + 49-30-611 05 23 87

Druck & Produktion X Media International GmbH, Berlin

Cover-Credits Fotografie: Johannes Paul Spengler, Postproduktion: retouched.de Styling: Emma Cali, Make-up: Justin St. Clair, Hair: Teddi Cranford, Models: Jing Ma (Muse management) Karlijn (New York models)

quality-magazine.ch Verantwortlich für den redaktionellen Inhalt im Sinne des Presserechts: Susanne Filter. Alle Rechte vorbehalten. Die Zeitschrift sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Der Export von Quality und der Vertrieb im Ausland sind nur mit vorheriger Genehmigung statthaft. Für unverlangt eingesandtes Text- und Bildmaterial wird keine Haftung übernommmen.

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KONTRIBUTOREN Quality Magazin No. 19 – November 2011

Heiko Prigge Was für ein Krimi! Manchmal sind es die kleinen Dinge die beschwerlich werden. Für Quality produzierte der international bekannte Fotograf Heiko Prigge die Time Line in Greenwich, dem Ort wo die Zeit gemacht wird… und das nicht ohne Komplikationen. Unkonventionell, auf seinem geliebten Bike, das Stativ auf dem Rücken trotzte er Nebel und Regen. Einer weiblichen Security war dieser Anblick fremd; Sie verbot Heiko Prigge sein Stativ aufzustellen. Very strange, very british und doch last but not least erfolgreich. Erfolgreich war auch sein sehr natürliches Fotoshooting an den Klippen von Dover. Mode, Natur und Models im Einklang.

Johannes Paul Spengler Johannes Paul Spengler, 1984 in Stralsund geboren, studierte Fotografie an der renommierten Ostkreuzschule in Berlin. Nach verschiedenen Assistenzen bei internationalen Fotografen wie Steven Meisel und Steven Klein zog es ihn nach New York. Seine Fotografie ist stark von Songtexten beeinflusst: Für die Fotostrecke ließ er sich von dem 80er Song Addicted to Love von Robert Palmer inspirieren. Und wenn man das Editorial Duett sieht, hört man förmlich die Musik und die Textzeile Another kiss is all you need, will einem nicht mehr aus dem Ohr.

Oliver Herwig Der promovierte Geisteswissenschaftler Oliver Herwig unterrichtet Designtheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und der Kunstuniversität Linz und lehrt Kommunikation an der HBB Basel. Seine besondere Affinität gilt der Architektur. Oliver Herwig begleitete für Quality eine japanische Teezeremonie, die einer Choreographie von Pina Bausch ähnelt. Wir begleiten Oliver Herwig bei seinem Besuch beim Teemeister.

Peter Ginter Peter Ginter gilt als Spezialist für die optische Vermittlung von High-Tech-Attraktionen. Für Magazine wie GEO, National Geographic und STERN hat er Reportagen in über 100 Ländern realisiert. Seit mehr als zwanzig Jahren fotografiert er Kampagnen, Geschäftsberichte und Kalender für Kunden in aller Welt. Zu seinen zahlreichen internationalen Auszeichnungen zählen fünf World Press Photo Awards. Den Bau des Large Hadron Collider hat Peter Ginter über mehrere Jahre begleitet. Die Gesamtheit dies fotografischen Schaffens über den Large Hadron Collider ist weltexklusiv im Buch LHC zu bestaunen. 14


KONTRIBUTOREN Quality Magazin No. 19 – November 2011

Christian Steinhausen Der in Berlin ansässige Fotograf Christian Steinhausen studierte an der staatlichen Fachakademie für Fotodesign in München, an der bereits renommierte Stars wie Jürgen Teller ihr Handwerk erlernten. In New York assistierter er internationalen Größen wie Steve Meisel, Ellen von Unwerth oder Mario Testino. 2003 machte er sich selbstständig und arbeitet seitdem für diverse internationale Magazine wie Nylon, New York Times, Fader und Papermag. Mit der farbintensiven Fotostrecke Paloma Negra ist ihm eine wunderbare Hommage an die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo gelungen, die von einer subtilen Sinnlichkeit zeugt.

Katja Hübner Katja Hübner studierte Russisch, Polnisch und Englisch und lebte längere Zeit in Moskau, Krakau und London. Sie hat gelernt, dass in jedem Land die Uhren anders ticken, und das nicht nur durch reine Zeitverschiebung. Ihr Interesse gilt fremden Ländern und den Menschen, die darin wohnen. Sie schreibt Porträts und Reportagen für den Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und Leica Fotografie International. Für Quality kehrte sie noch einmal an den Ausgangspunkt der Welt zurück – den Nullmeridian in Greenwich Village. Dort, so stellte sie fest, nimmt jede Geschichte ihren Anfang.

Olff Appold Der Hamburger Fotodesigner Olff Appold interessiert sich in seiner Arbeit zunehmend für Menschen, Mode und Zeit. Für Quality wurde er nun gleich zweimal aktiv: Eine große Modestrecke mit Wunderkindern plus ein Uhrenspezial, das uns bewegte Zeiten optisch ganz nahe bringt.

Matthias Eitner Manchmal stimmt einfach alles! Der Ort, das Licht, die Menschen – und alles geht leicht, elegant. Seit 25 Jahren hat Matthias Eitner, Stylist und Art Director aus Hamburg, diesen Moment in seiner Arbeit in Phototeams, mit Schülern und Studenten immer wieder gesucht und gefunden. Leichtigkeit, Lässigkeit und Freiheit führen in eine Welt ohne Zeit. Umgeben von großen und kleinen Wunderkindern produzierte er für uns in Potsdam sein ganz persönliches Statement zum Thema Elegance.

Die Autorin des Artikels „So wie Helmut Lang“ in der Ausgabe Quality 17 ist Hannah Bauhoff und nicht Patricia Engelhorn. 15


NOVEMBER Quality Magazin No. 19 – November 2011

Smoke on the Water Vermutlich wurde die Shisha in Indien erfunden. Nachweislich gefertigt wurde sie erstmals im 16. Jahrhundert in Ägypten. Wem die traditionell arabisch verzierten Wasserpfeifen optisch nicht ganz zusagen, dem kann nun eine extravagante Alternative geboten werden. Porsche Design stellt im Rahmen seiner Porsche Design World Collection eine puristische Shisha vor. Bei der in Deutschland gefertigten, 55 Zentimeter hohen Pfeife wurden hochwertige Materialien wie Aluminium, Edelstahl und Glas verwendet. Der Schlauch der exklusiven Wasserpfeife besteht aus einem flexiblen Edelstahl-Geflecht. Ein Porsche mit Apfelgeschmack … porsche-design.com

Watch out T.T. Trunks ist bekannt für exquisite Koffer der Luxusklasse. Vorrats schränke für frische Handtücher und Kosmetika, inklusive Miniradio und iPod-Schnittstelle. Wenn es noch ein wenig origineller sein soll, gibt es diese Version auch mit iPad, Pokerset und Whiskyregal. Daneben sind diverse weitere Standardmodelle, unter anderem ein Humidor und ein Schuhputzkoffer, im Repertoire. Das Unternehmen mit Sitz in Paris fertigt auf Wunsch nach Kundenvorgaben an. Man weiß nun nicht, ob das neue Modell des „Travel Watch Trunk“ auf so einen Wunsch zurückzuführen ist, zumindest aber ist es sehr speziell. Geeignet für Uhrensammler oder Menschen mit Uhrenticks, bietet es mehrere Fächer zum Liegen oder Hängen der Uhren. Wie bei allen anderen TrunkKoffern auch, können dabei Farbe und Material vom Käufer selbst bestimmt werden. Mit verschiedenen Ledersorten verkleidet und ausgeschlagen, wird jedes Stück in Handarbeit gefertigt. Das hat natürlich seinen Preis, nicht selten liegt er im fünfstelligen Bereich. Sollte man allerdings den Uhrenkoffer nicht immer für eine Reise benötigen, lässt er sich auch multipel einsetzen: Etwa als Möbelstück mit Originalitätscharakter. tttrunks.com 16


NOVEMBER Quality Magazin No. 19 – November 2011

Writing, Travelling und Reading: Die Notizbücher von Moleskine haben schon viele Künstler und Intellektuelle der vergangenen zwei Jahrhunderte begleitet – von Vincent Van Gogh bis Pablo Picasso, von Ernest Hemingway bis Bruce Chatwin. Sie waren treue Reisegefährten in denen Platz war für Skizzen, Notizen, Geschichten und Impressionen, bevor sie zu berühmten Bildern oder zu Seiten von geliebten Büchern werden sollten. Nun bietet Moleskine neben den legendären Notizbüchern neue „Reisegefährten“, nämlich Taschen mit ähnlichem Duktus. Die von Giulio Iacchetti gestaltete Kollektionen sind in Form und Funktion ganz Moleskine: abgerundete Ecken, schwarze Farbe und schlichtes Design. Die kürzlich beim Salone del Mobile in Mailand und auf der ICFF in New York vorgestellten Kreationen und sind ideale Begleiter für zukünftige Reisen und Schreibabenteuer. moleskine.com

Bon Voyage „Zeigen Sie mir Ihr Gepäck, und ich sage Ihnen wer Sie sind.“ Diesen Slogan nutzte Louis Vuitton in einem Advertisement 1921 als Headline. Und dieses Motto kann man nicht nur auf das Reiseutensil als solches beziehen. Wenn ein Koffer reden könnte, hätte er noch mehr zu erzählen, als das, was ihm während der Produktion passiert ist. Zerschrammte Ecken, abgenutztes Leder, abgehalfterte Griffe – daraus leiten sich die eigentlichen Geschichten über das Leben auf Reisen und des Reisenden ab. Und diesen Geschichten wurde einst ein Bild geschenkt. Die Kofferaufkleber gaben Auskunft über Hotels und Herbergen, in denen man wohnte, sie waren Zeichen der eigenen Erinnerung und Andenken für die Zukunft. Sie verpassten den Gepäckstücken ein Gesicht, das nach Aben-teuer, Glanz und Gloria aussah. Sie waren gleichsam ein Tagebuch, das heute oft der Blog erledigt. In 14 Tagen von Österreich nach Deutschland, Frankreich, England, Amerika, Japan, Sibirien – wie mag man wohl gereist sein? 3000 Hotel-Label-Sticker hat Gaston-Louis Vuitton über viele Jahre in seinem Archiv gesammelt. 30 davon präsentiert er nun in einer Box, die außerdem Postkarten und ein illustriertes Booklet enthält, erhältlich zum Preis von 60 Euro in allen Louis Vuitton Stores und online. Die Tradition, sagt man, birgt oft den Weg für die Moderne. louisvitton.com 17


AUSSTELLUNGEN Quality Magazin No. 19 – November 2011

V&A – Photographs Gallery Das traditionelle London schafft mehr Platz für Lichtbildkunst. Ende Oktober wurde die Ausstellungsfläche für Photographien im alteingesessenen Victoria & Albert Museum deutlich vergrößert. Den Auftakt machen Schlüsselfiguren der photographischen Geschichte. Viktorianische Portraits von Julia Margaret Cameron und signifikante Arbeiten von Henri Cartier-Bresson, Man Ray, Alfred Stieglitz, Diane Arbus und Irving Penn werden in den altehrwürdigen, neugestalteten ehemaligen Arbeitsräumen des Museums ausgestellt. Die Ausstellung wird alle 18 Monate neu kuratiert. V&A Photographs Gallery, 25. Oktober – permanent Victoria and Albert Museum, London / vam.ac.uk

Marc Dennis – Honey Bunny Marc Dennis ist besessen von Pistolen und Fleisch. In seinen neusten photorealistischen Malereien stellt er diese kraftvollen Motive in einen ungewöhnlich verspielten Kontext. Die Ausstellung „Honey Bunny“ bei Hasted Kraeutler in New York zeigt diese kontrastreichen Kompositionen. Kätzchen und Teddybären kuscheln sich an rohe Steaks. Kindlicher Schmuck, Damenunterwäsche, Spielzeug und Kuchen gehen einen Flirt mit einer rohen, kalten Realität ein. Pistolen und Fleisch sind für den Künstler aus Brooklyn die ultimative Vereinigung von Schönheit und Tod. Zwei unbestrittene Attri-bute der amerikanischen Kultur werden so – wenn Marc Dennis seine Hände im Spiel hat – plötzlich unglaublich sexy! Marc Dennis – Honey Bunny, 20. Oktober – 3. Dezember 2011 Hasted Kraeutler, New York / hastedkraeutler.com

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Foto: Lawrence Schiller

Marilyn Monroe – „12 Photographs” Marilyn Monroe ist eine Ikone – ein Sexsymbol. Die Photos, die Lawrence Schiller während der Pool- Szene am Filmset ihres nie zu Ende gestellten Films „Something’s Got to Give“ im Jahre 1962 von ihr gemacht hat, sind legendär. Eine Frau von vollendeter Schönheit, deren Leben und letzter Film unvollendet bleiben sollten. Die Duncan Miller Gallery in Los Angeles zeigt 12 packende und unvergessliche Aufnahmen von Marilyn Monroe. Nahezu provokativ stellte die 36-jährige ihren traumhaften Körper zur Schau und posierte für die Ewigkeit. „Something’s Got to Give“ – es musste sich etwas ändern. Marilyn starb nur zwei Monate später. Die meisten Ikonen gehen früh. Aber uns bleibt – wie immer – die Erinnerung. Marilyn Monroe – “12 Photographs ”, 21. Oktober – 26. November 2011 Duncan Miller Gallery, Los Angeles / duncanmillergallery.com


MODE Quality Magazin No. 19 – November 2011

Blickfang Die Schmuck Kreationen von Bottega erinnern an Mona Lisa, dem wohl bekannteste Werk von Leonardo da Vinci, deren Blick schon viele Betrachter betörte. Die Ohrringe, Armbänder, Ketten und Ringe sind mit „gemalten“ Augen verziert und strahlen ein surreales Flair aus. Der Schmuck bietet einen Mix aus verschiedenen Dimensionen, Techniken, Farben und Stimmungen. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen traditioneller Handwerkkunst und High Tech. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Beherrschung und Leidenschaft, die nach Meinung des Creative Directors Tomas Maier die Stimmung des Moments widerspiegelt. Die Schmuckstücke, vorwiegend klein und zart, sind aus geschwärztem Silber sowie schwarzen und champagnerfarbenen Steinen gefertigt. Eine gelungene Kollektion die man im Auge behalten sollte! www.bottegaveneta.com

Louis Vuitton Creatures Zur Feier der hundertjährigen Tradition in der Herstellung von Small Leather Goods inszenierte die Künstlerin Billie Achilleos für Louis Vuitton kuriose Tierfiguren, die vollständig aus Taschen des Hauses zusammengesetzt waren. Bereits über hundert Louis Vuitton Accessoires hat Billie inzwischen zu niedlichen Tierskulpturen verarbeitet, darunter wundersame Frösche, Hasen, Kobras und Chamäleons. Sie versinnbildlicht in ihrer Arbeit die Vielfalt und Kunstfertigkeit in der Herstellung der Kleinlederwaren von Louis Vuitton. Jedes Tier symbolisiert ein Element der Produkte von Louis Vuitton, sowie deren Farbvielfalt und Funktionalität. www.louisvuitton.de

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MODE Quality Magazin No. 19 – November 2011

Dries van Noten Bereits seit den frühen 90ern, als Dries Van Noten seine erste Show in Paris zeigte, zeugte seine Mode von einer unübersehbaren Schönheit und Melancholie. Er ist einer der wenigen Designer, dessen Kreationen sich durch Zeitlosigkeit auszeichnen. Seine Sensibilität für Design gibt ihm die Freiheit, en vogue wie auch démodé zu sein. Die aktuelle Kollektion ist eine gelungene Mischung aus Casual und Evening Wear. Er spielt mit den Konventionen des Dresscodes und mischt legere mit formaler Abendmode. Die Silhouetten versprühen diesen gewissen Glamour des Nachtlebens und wirken dennoch schlicht. Die Inspiration der Kollektion ist David Bowie, der einflussreichsten Performer der letzten 50 Jahre. Dries van Noten nimmt uns mit seiner Mode mit auf eine Zeitreise in die Mid Seventies, im Transit zwischen Tag und Nacht. www.driesvannoten.de 21


BÜCHER Quality Magazin No. 19 – November 2011

Spontaneous Sculptures Wer stört, der wird gehört – ein Einkaufswagen wird Skulptur, eine Telefonzelle mit Luftballons gefüllt und das Baugerüst schmückt plötzlich ein rotes Herz. Aber fällt es wirklich jemandem auf? Sieht man die Stadt vor lauter Bildern überhaupt noch? Diesen Fragen geht der amerikanische Künstler Brad Downey nach. Er ist der Meister der urbanen Interventionen und Interruptionen, und seine Aktionen sind jetzt in einem Band aus dem Gestalten-Verlag verewigt. Downey, der in London Malerei studierte, hat schon in Städten wie New York, Berlin, Moskau, London, Abu Dhabi und Dubai quasi die Dinge auf den Kopf gestellt, mal spektakulär, mal unscheinbar. Aber immer so, dass man aufgerufen ist, seine Müdigkeit zu verlieren und wahrzunehmen, statt zu schlafen. Ganz nebenbei wird die Stadt so zum Kunstwerk und Downeys Kunst besteht darin, den Sinn für den zweiten Blick zu schärfen. Das Schönste an dem Band seiner „Spontaneous Sculptures“ sind die Fotos, die parallel zu seinen Aktionen entstanden sind. Sie zeigen die Menschen, die nichts zu bemerken scheinen, und dabei selber unbemerkt zum Teil des Events werden. Brad Downey, „Spontaneous Sculptures“, Clever and provocative urban interventions by a master of the genre, Auf Englisch, Gestalten, 128 Seiten,

Abstract Pictures Er habe „das Gegenständliche und das so genannte Abstrakte“ immer als eine Einheit betrachtet, hat Wolfgang Tillmans einmal gesagt. Der William-Turner-Preisträger aus dem Jahr 2000 schuf mit dieser Herangehensweise in den vergangenen zehn Jahren große Kunstreihen. In „Lighter“ werden belichtete, verschiedenfarbige Fotopapiere durch Knitterungen und Faltungen fast zu Skulpturen, die Bilder aus „Freischwimmer“ sind Ergebnisse von Laborexperimenten und verweisen auf die chemischen Prozesse, auf denen die analoge Fotografie basiert. In dem neuen Bildband „Abstract Pictures“ sind die Fotos ohne Kamera nun vereint. Sie zeigen rote, grüne, neblig-graue Bildräume, hier und da aufgelöst wie Badesalz im Wasser, und faszinieren durch das abstrakte Spiel mit Farben und Licht. Die Reihe „Silver“ versammelt Fotografien, die durch Fehler bei der Entwicklung entstanden sind. Diese Fehler jedoch sind für Tillmans alles andere als ein Makel, sondern vielmehr ein Zugewinn seines kreativen Ausdrucks. Die „Abstract Pictures“ können nicht mehr als Momentaufnahmen eines Objektes betrachtet werden – sie sind selbst zu Kunstgegenständen avanciert. Wolfgang Tillmans „Abstract Pictures“. Auf Deutsch und Englisch, Hatje Cantz, 384 Seiten

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Foto: Comme Des Garçons

Ikonen der Mode Das 20. Jahrhundert hat viele Gesichter hervorgebracht, viele Geschichten, Trauer, Hoffnung, aber auch neue Kunst und neue Mode. 100 Kleider haben es in die Ikonensammlung „The Impossible Collection of Fashion“ geschafft. „Kleidung ähnelt der Architektur und der Kunst“, meint der in Tunesien geborene Couturier Azzedine Alaïa, „sie reflektiert eine ganze Ära.“ So sind es gleichsam Kunstwerke ihrer Zeit, die in dem Band versammelt sind, entworfen und kreiert von den berühmtesten Designern der letzten einhundert Jahre, darunter Paul Poiret, Jeanne Lanvin, Gabrielle Chanel, Nina Ricci, Christian Dior, Yves Saint Laurent, Valentino,

Pierre Cardin, Karl Lagerfeld, Christian Lacroix, Gianni Versace, Vivienne Westwood und Alexander McQueen. Die Liste ist lang und unerschöpflich ist auch ihr Potenzial. Der Traum jedes Designers ist es wohl auch einmal gewesen, ein Kleid zu entwerfen, das unsterblich ist. Für diejenigen, die in das Buch eingezogen sind, wird dieser Traum erfüllt. Wie in Porzellan gemeißelt, erscheinen die Kleider auf den Fotografien – wie Puppen in einer großen Sammlung, die zu einem gehört, aber trotzdem ganz weit weg ist. Valerie Steele, „The Impossible Collection of Fashion“, Auf Englisch, Assouline, 144 Seiten

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INTERIOR Quality Magazin No. 19 – November 2011

SILENCIO Eine Begegnung mit der Nouvelle Vague: Regisseur David Lynch hat in Paris eine Kunst- und Kulturstätte für die gestandene Intelligenz geschaffen. Ein Privatclub, ein Ort der Wirklichkeit und Fiktion. von Katja Hübner

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tille – so heißt der Ort, den sich der amerikanische Regisseur David Lynch selbst errichtet hat. Ein Club, versteckt im 2. Arrondissement in Paris, zwischen Bistros und Tabakläden. Silencio befindet sich in einem ehemaligen Zeitungsgebäude, vier Stockwerke geht es ins Dunkle hinab, weg vom Leben und dem bunten Treiben auf der Straße. Ein Club in dieser Lage ist allein seinem Namen verpflichtet. In seinem Film „Mulholland Drive“ von 2001, zeigt David Lynch das Theater „Silencio“, in dem ein geheimnisvoller Zauberer und eine weinende Sängerin auftreten. Diesem Film entspringt der Name einerseits und andererseits wirkt der Club selbst wie ein Film. „Ich habe das Gefühl, dass ich einiges von der Dekoration, dem Licht und den Charakteren meiner Filme hierhin 24

übertragen konnte“, sagte Lynch der französischen Zeitung „L’Express“. Und tatsächlich erinnert vieles von dem, was man in dem Club sieht, an die Räume aus seinen Thrillern: die Farben gold und schwarz, gelbliches Schummerlicht, gewölbte Decken mit reflektierendem Metall, Loungesessel mit verknotetem Stahlgestell, Wände, an die sich Schatten werfen. David Lynch hat diese Räume selbst kreiert und entworfen, vom Interieur bis zu den Möbeln. Zwei Jahre hat er daran gearbeitet, gewissermaßen die Regie geführt. Unterstützt wurde er von den Designern Raphaël Navot und Thierry Dreyfus. Allein das ist schon ein Garant für Weltklasse: Eine Lynchville mit Lynch-Atmosphäre, für alle sichtbar, begehbar und spürbar. Optisch vermittelt dieser Ort das Gefühl, sich in Ruhe und Geborgenheit

zu wähnen. Aber was einst die Pariser Literatursalons, die Privatclubs in London oder das Studio 54 in New York waren – das soll das Silencio in Zukunft werden: Ein Sprachrohr für die Kreativen. Spektakel statt Stille, Bewegung statt Ruhe: Kino, Bar, Restaurant und Konzertbühne.


Auf der Bühne treten Künstler aus aller Welt auf, und die internationale Boheme, wie Tilda Swinton und Rapper Kanye West, lädt zum Gedankenaustausch ein. Von 6 Uhr abends bis 6 Uhr morgens hat der Club geöffnet. Aber nur Mitglieder können das komplette Programm erleben, allen anderen wird der Eintritt erst ab Mitternacht gewährt. Geschmack bedeutet Exklusivität. Der Jahresbeitrag beträgt bis zu 1500 Euro. Wer ins Silencio geht riskiert Überraschungen, wird unerwartete Erfahrungen machen. Das Silencio befördert Fantasie und Neugierde und weckt Sehnsüchte ... So entstand am Montmartre ein Moulin Rouge der Neuzeit. Der Regisseur David Lynch fügt das hinzu, was er auch in seinen Filmbildern am besten vermag: Illusionen.

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BEAUTY Quality Magazin No. 19 – November 2011

Für blond und brown Ein junges Mädchen sitzt auf der Bettkante und beobachtet, wie ihre Mutter sich für die abendliche Party schminkt. Nicht zu viel und nicht zu wenig Make-up, der geborene Hollywoodstar, die Partyqueen, für die Tochter ein Vorbild. Wer kennt das nicht? Diese Kindheitserinnerung inspirierte Bobbi Brown für ihre limitierte Party-Kollektion, die sie zum 20-jährigen Jubiläum vorstellt. Einzelne Produkte dieser Kollektion sind mit einer speziellen Prägung versehen – mit Martiniglas und Shaker. Cheers to Bobbi Brown!

Understatment auf höchstem Niveau Tomas Maier setzt, seit er Kreativdirektor bei Bottega Veneta ist, neue Maßstäbe im Bereich Qualität und Handwerkskunst. Sein neuster Coup ist nun ein Parfum. In Zusammenarbeit mit den Duft-Experten von Coty schuf Maier ein Duftkunstwerk, das perfekt auf die Marke abgestimmt ist. Die Inhaltsstoffe spannen ein globales Netz: Bergamotte aus Italien, Jasmin aus Indien, rosa Pfeffer aus Brasilien und Patschuli aus Indonesien. Das sinnliche Parfum besticht zugleich optisch durch eine Designinspiration, welche der traditionell venezianischen Glaskunst und geflochtenem Leder entspringt. Der vom Meister-Parfumeur Michel Almairac komponierte Duft ist ab 53 Euro in Bottega Veneta Stores erhältlich.

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BEAUTY Quality Magazin No. 19 – November 2011

Eine Ode an den freien Mann Mit L’HOMME LIBRE kreierten die weltbekannten Parfumeure Olivier Polge in Paris und Carlos Benaïm in New York einen absolut modernen und kraft vollen Duft. Der dritte Herrenduft von Yves Saint Laurent vereint holzige Düfte wie Patschuli und Harznuancen mit frischen Noten wie Veilchen und Basilikum. Verkörpert wird der Duft vom französischen Startänzer Benjamin Millepied, der auf den Bühnen der ganzen Welt zu Hause ist. Der Duft der Freiheit ist ab 44 Euro erhältlich.

Haarpracht mit Tradition

Colour Flash Sechzehn glamouröse Nagellacke umfasst die erste Cosmetics Collection von Tom Ford. Farben für jeden Typ und für jeden Anlass. Die Qual der Wahl ist Programm. Die gesamte Kosmetik-Produktpalette ist üppig. Auch Lidschatten, Lippenstift, Rouge bis zu einer umfassenden Pflege-Serie zeigen große Präsenz. Kein Wunder, denn Tom Ford findet, dass ein hervorragendes Make-up den Grundstein für ein perfektes Styling legt. Erhältlich sind die exklusiven Produkte ausschließlich im KaDeWe in Berlin.

Shu Uemura hat bis zu seinem Tod im Frühjahr dieses Jahres für die Schönheit gearbeitet. Sein Name steht für gezielte Haarpflege, zeitgemäßes Styling und vor allem für die Zeremonien der Haarpflege. Einen wichtigen Teil dieser speziellen Zeremonien kann man sich nun nach Hause holen. Das „Hair Cleansing Oil Shampoo” versorgt das Haar mit wertvollen Mineralien, die aus über 2.000 Meter unter dem Meeresspiegel gelegenen heißen Quellen gewonnen werden. Dieses pflegende Produkt entfernt Unreinheiten gründlich und bringt das Haar und die Kopfhaut ins Gleichgewicht. Das nach Zitrusnoten duftende, mit holzigen Akkorden abgerundete Shampoo kostet um 42 Euro und ist in allen „ Shu Uemura Art of Hair “– Ateliers erhältlich. 27


FOOD Quality Magazin No. 19 – November 2011

Verstrichene Zeit Kontakte zwischen Designern und alteingesessenen Manufakturen gibt es selten. Zu groß sind die Vorurteile auf beiden Seiten. Wie fruchtbar solch eine Zusammenarbeit sein kann und was für faszinierende Objekte dabei entstehen können, zeigte jetzt die Kooperation zwischen dem Designer Philipp Maloulin und der Glasmanufaktur Lobmeyr auf der Vienna Design Week. von Hannah Bauhoff

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eit ist eine Qualität, die Lobmeyr so besonders macht“, erzählt der Designer Philipp Maloulin, als er seine Interpretation einer Sanduhr im ersten Stock des kleinen Traditionsgeschäfts mitten in der Wiener Innenstadt vorstellt. Der große, bärtige Kanadier ist aufgeregt, denn die komplexe Maschine aus glänzendem Messing hatte erst einen Testlauf bestanden. Und das war in der Nacht zuvor. Er drückt den Power-Kopf, und ein leises Surren ertönt. Langsam dreht sich der lange Stab im Kreis. An dessen Ende hängt ein Trichter, durch den der weiße Quarzsand langsam rieselt. Er hinterlässt auf dem schwarzen Boden eine feine Linie, die nach ein paar Runden ein florales Muster ergibt. Die Zuschauer halten alle ihren Atem an – um dann ihrer Begeisterung Luft zu verschaffen. „Fantastico“, haucht die italienische Journalistin und blickt fasziniert an die Decke: Dort hängt zwischen zahlreichen glitzernden Glaskristallen ein raketenförmiger Metallzylinder, die Aufhängung für das Rohr und die Filter. „In dem Metallkörper an der Decke lagert der Sand“, erklärt Maloulin den Aufbau und verrät, dass er bis zum frühen Morgen nach dem Testlauf 115 Kilo davon gesiebt hat. „Sobald ein Steinchen dazwischen ist, fließt der Sand nicht mehr durch den kleinen Ausguss, sondern verstopft die ganze Anlage.“ Das klingt nach einer mühevollen Konstruktion, aber auch nach Präzisionsarbeit. Damit will der junge Designer auf eine der wichtigsten Eigenschaften des Traditionsunternehmens hinweisen, mit dessen Know-how seine Idee überhaupt nur umgesetzt werden konnte. Lobmeyr, 1823 gegründet, war k. u. k. Hoflieferant des habsburgischen Kaiserhauses und wichtiger Repräsentant der österreichisch-böhmischen Glasherstellung. Die Manufaktur, heute in der 6. Generation geführt, kann auf eine facettenreiche Tradition blicken – angefangen von der Teilnahme an den ersten Weltausstellungen bis zur Mitgründung des heutigen Museums für angewandte Kunst Wien sowie des Österreichischen Werkbunds. Mit Josef Hoffmann und den Künstlern der Wiener Werkstätte entstehen Klassiker, die bis heute zu kaufen sind. Für Maloulin ist die Sandlinie auf dem Boden physikalischer Ausdruck von Zeit. Seine Interpretation der Sanduhr stellt nicht, wie sonst üblich, Stunden oder Se-

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kunden dar, sondern drückt sich in der Dimension des Musters aus. (Quarz-)Sand als physikalische Verbindung zu Glas. Präzision als wichtigstes Argument einer Glas-Manufaktur. „Philipp Maloulin trifft mit seinem Entwurf genau das, was wir mit dem Konzept der „Passionswege“ für die Vienna Designweek gedacht haben“, erzählt Lilli Hollein, die mit Tulga Beyerle vor fünf Jahren das österreichische Designfestival initiiert hat und es seitdem leitet. „Dieser Annäherungsprozess zwischen Unternehmen und Designschaffenden bringt nicht nur internationale Reputation, es ist auch jenes Format innerhalb des Festivals, für das uns die meisten Initiativ-Bewerbungen aus dem In- und Ausland erreichen“, erzählt sie den Medienvertretern, die immer noch staunend vor der Installation stehen. „Wissenstransfer, Wertschätzung und diese Form der Zusammenarbeit, die frei von üblichen Zwängen und Abläufen kommerzieller Arbeitsbeziehungen ist, zeigen sehr eindrücklich die Bandbreite an Möglichkeiten bei der Zusammenarbeit zwischen Designern und Manufakturen.“


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FOOD Quality Magazin No. 19 – November 2011

Arabeschi di Latte Dass Nahrung nicht nur als Mittel zum Zweck für einen festlichen Anlass dient, sondern diesen an sich darstellt, zeigen vier formidable Italienerinnen aus Florenz. von Sandra Pfeifer

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nter dem Namen Arabeschi di Latte, wörtlich übersetzt „Arabesken von Milch“, veranstalten sie als Kollektiv Pasta-Workshops und geben Events eine stilvolle und unkonventionelle Note. Es geht um die Präsentation, die das Essen entweder in einen Kontext setzt oder aus einem solchen hebt. So servierten Arabeschi di Latte im Furla Showroom in Mailand auf filigrane Drähte gesteckte süße Häppchen „zum Pflücken“ oder verpackten für designersblock Bananen in gelbe Folie, frei nach dem Motto „Stellt Euch vor, bald gibt es keine Bananen mehr zu kaufen.“ In ihren gut besuchten Pasta-Workshops inspirieren sie Amateur-Köche nicht nur, aus verschiedensten Materialien Pasta zu kreieren, sondern auch dazu, ihre eigenen Utensilien dafür zu erschaffen. Wie sehen die vier Italienerinnen die Verbindung zwischen Design und Essen? „Es verhilft uns zu einem besseren Verständnis unserer Speisen sowie deren Rolle in der Gesellschaft. Durch Design erfassen wir deren Festlichkeit und Rituale und unsere Beziehung dazu“ erklärt Francesca Sarti, die sich

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2003 zusammen mit Silvia Allori, Cristina Cortese und Arianna Pescetti ganz ihrer Leidenschaft verschrieben hat. Die vier Architektinnen besuchten während ihrers Studiums einen Arbeitskreis der dänischen Künstlergruppe Superflex, der sich mit dem Thema „Food and Image“ auseinandersetzte. Zur gleichnamigen Aufgabenstellung präsentierten sie eine in Silberfolie und rotes Papier (jenem der Kit-Kat-Verpackung) eingewickelte Tafel Feinschmeckerschokolade. Diesen spielerischen und zugleich konzeptionellen Ansatz haben sie beibehalten. Denn er vermittelt im Grunde die wichtige Aussage, dass Essen keine Selbstverständlichkeit ist. „Im Gegenteil“, wie sie meinen. „Nahrungsmittel, so wie sie in den meisten Supermärkten angeboten werden, wirken abstrakt auf uns, ohne persönlichen Bezug.“ Einige Händler haben das ihrer Ansicht nach bereits verstanden. „Andererseits“, so Francesca „sollten sie unser Bedürfnis nach Bioprodukten nicht in solchem Ausmaß vermarkten, dass sie es verfälschen.“


FOOD Quality Magazin No. 19 – November 2011

Für sie spielt die Verbindung und der Einklang mit dem, was wir essen, wie wir es zubereiten und vor allem wie wir es verzehren, eine große Rolle. „Weil alle diese Faktoren dazu beitragen, uns wieder an die Wichtigkeit der Qualität unserer Nahrung zu erinnern.“ Der Gedanke, dass „man ist was man isst“, findet durch das Schaffen von Arabeschi di Latte eine gewisse Bestätigung. „Die Verspieltheit, mit der wir an die Thematik herangehen, vermindert jedoch nicht die Geltung unserer Aussage, sondern stärkt den Respekt vor unserem Essen. Wir müssen das Bewusstsein dafür, mit unseren Händen etwas zuzubereiten, wiedererlangen, um dessen wahren Wert zu erfahren.“ Dieser ergibt sich auch aus seiner weitreichenden sozialen Komponente: Schon beim Kochen bildet Essen den Rahmen für Konversation, dem Besprechen des Tagesgeschehens oder familiärer Belange; es bedeutet aber auch Gastlichkeit, Geselligkeit und Fröhlichkeit. Dazu kam in den letzten Jahren eine

verstärkte Besinnung auf Tradition. Arabeschi di Latte bezieht sich auf das italienische Sprichwort mettere a mani a pasta, was soviel heißt wie sich die Hände schmutzig machen und mithelfen. Ihre Workshop-Teilnehmer jedenfalls kneten mit großem Enthusiasmus. Die Gelegenheit, sein Abendessen von der Pieke auf zuzubereiten, ergibt sich nicht jeden Tag. „Für viele weckt es Erinnerungen an die Kindheit.

Und das ist vielleicht auch ein Grund für die Beliebtheit unserer Gruppen“, meint Francesca. Doch Arabeschi di Latte gehen auf die Kunst des Essens noch sehr viel näher ein. Mit ihrem Buchprojekt „Underkitchen“ erforschen sie unpopuläre Seiten des Essens. „Wir finden immer wieder neue Ansätze und Geschichten über unser Essen, und konzentrieren uns auf Dinge, die man auf den ersten Blick nur schwer versteht.“ Mit attraktiven Fotos erforschen sie die Essenz der uns nährenden Substanzen aus Obst und Gemüse, auf eine denkerisch-abstrakte Art und Weise. Neben Mia Markt, ihrem Tante-Emma-Laden in Rom, planen die vier Damen einen toskanischen „Food Space“ in London. Außerdem gibt es bald auch ein Arabeschi di Latte Pop-Up-Cafe und noch mehr Workshops, auf die man sich freuen kann.

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APPS Quality Magazin No. 19 – November 2011

Dem Alltag entfliehen, die Welt erkunden! Ob auf Weltreise oder Kurztrip: Apps sind perfekte Reiseführer. In den vergangenen Jahren haben die Apps das Reisen enorm vereinfacht. Egal ob Sie uns das beste Restaurant in Los Angeles empfehlen, das Trinkgeld in Norwegen verraten oder das richtige Verbeugen in Japan – Apps sind nützliche Begleiter. Quality hat für Sie eine interessante Auswahl zusammengestellt. Alle vorgestellten Apps sind im App Store von Apple für iPhone, iPod touch und iPad verfügbar.

ICH BIN DANN MAL WEG! Die App „Packing“ ermöglicht das Erstellen einer Packliste anhand vorgegebener Auswahlkriterien. Innerhalb dieser Kategorien werden die benötigten Gegenstände oder zu erledigenden Aufgaben ausgewählt und in der Liste gespeichert. Alles, was in den Koffer gewandert ist oder erledigt wurde, hakt man ab. Die Perfekte App für Reisende, die sich besser organisieren möchten.

LOST IN TRANSLATION Sie verstehen nur Spanisch? Dann kann dieser App vielleicht Abhilfe schaffen. Mit der „Japan Goggles“ and „China Goggles“ gibt es nun zwei Apps, die über die integrierte Kamera des Handys Japanisch oder Chinesisch ins Englische übersetzen können. Und falls sie keinen Zugang zum Internet haben: Diese App funktioniert im Gegensatz zu anderen Übersetzungs-Apps völlig ohne Internetverbindung!

ZURÜCK IN DIE VERGANGENHEIT Die „It Happend Here“-App erweckt den verlorenen Zauber der Vergangenheit wieder zum Leben. Sie füllt Informationslücken mit spannenden Fakten und die unscheinbarsten Ecken von Washington, New York, Los Angeles und San Francisco mit spektakulären Ideen. Durch Interaktive Karten werden historische Schauplätze und Architekturvisionen sichtbar und zeigen, was es entlang der ausgetretenen Pfade noch zu entdecken gibt.

TAXI!!! Sie brauchen dringend ein Taxi und es ist wieder mal keins in Sicht? Die Taxi-App „myTaxi“ schafft jetzt Abhilfe. Mit dieser App können Sie sich ein Taxi rufen, ohne über eine Taxizentrale zu gehen. Die App übermittelt Namen, Rufnummer und Standort, so weiß der Taxifahrer genau wo er Sie finden kann.

DER BERG RUFT! Taufrische Luft, unendliche Weite und majestätischen Gipfel. Mit der „PeakFinder“App sind Sie bestens für einen Ausflug in die Berge ausgerüstet. Die App zeigt von jedem beliebigen Ort im Alpenraum ein 360° Panorama mit den Namen aller wichtigen Berge in Deutschland, Österreich, der Schweiz, in Frankreich, Italien und Slowenien.

WORLD CUSTOMS Wie herum wickele ich den Kimono, wie verhalte ich mich bei der Begrüßung oder was sollte man in der Kommunikation beachten. Die Do‘s and Dont‘s der internationalen Bräuche werden durch die „World Customs“-App genauestens erklärt. Eine unverzichtbare App für Vielreisende, die sich detailliert über die jeweilige Kultur informieren können.

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Philipp Prinz von Thurn und Taxis, durch Wissen sich befl端gelt f端hlend. www.habsburg.co.at


SCIENCE Quality Magazin No. 19 – November 2011

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reenwich – das ist der Ort, nach dem alle Uhren der Welt ticken. Eine Nullnummer im Koordinatensystem. Ein Dorf am Anfang und Ende der Zeit, und einer der wenigen Plätze auf unserem Planeten, an dem man ohne Superkräfte in zwei Erdhälften gleichzeitig

sein kann. Ein Messingstreifen markiert auf einem Hügel im Greenwich-Park den Ausgangspunkt der geografischen Länge des Globus, und stellt man sich dort für ein Foto in Pose, steht man mit einem Bein im Westen, mit dem anderen im Osten. Seit 1884 lebt Greenwich im Heute und Gestern, und bestimmt damit den Takt für den gesellschaftlichen Wandel. Vor 127 Jahren wurde dieser Ort zum Nabel der Welt, als eine internationale Konferenz beschloss, dass der Längengrad 0.0 durch das Fadenkreuz des Meridianfernrohrs in Greenwich laufen sollte. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Nullmeridian noch eine gedachte Linie vom Nord- zum Südpol, die auf 20.003,9 Kilometern Länge acht Staaten durchquert: Großbritannien, Frankreich, Spanien, Algerien, Mali, Burkina Faso, Togo und Ghana – sowie die Territorien Neuschwabenland und Königin-Maud-Land in der Antarktis. Seit 1884 aber ist Greenwich der „High Noon“ der Uhren, ein Gradmesser und das Zentrum von Raum und Zeit. Wenn die Sonne dort ihren höchsten Punkt erreicht, ist es 12 Uhr in Greenwich Mean Time – 13 Uhr in Deutschland. Und wenn es dunkel wird, rückt ein Laserstrahl den berühmten Nullmeridian in den dunklen Himmel und strahlt als angedeuteter „Streifen um die Erde“ durch London bis nach Essex.

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Am Anfang war Greenwich

1675 ließ König Charles I. auf einem Hügel im Greenwich-Park ein Observatorium errichten. Das Ziel war, die Kunst der Navigation zu vervollkommnen, denn Greenwich galt als Mekka der englischen Marine. Francis Drake, James Cook und Lord Nelson brachen von hier aus in die Weltmeere auf. Der südenglische Tischler John Harrison entwickelte dort für die Seefahrer mehrere Uhren, darunter eine Taschenuhr, die es möglich machte, die Lage des Schiffes in Längengraden zu berechnen. Diese Uhr war eine Sensation – nicht nur weil sie unabhängig von Temperatur, Feuchtigkeit und Schiffsschwankungen funktionierte. Sie folgte der Idee, dass man auf hoher See jederzeit nur wissen muss, wie spät es im Heimathafen ist, um aus der Differenz zwischen dieser Zeit und der augenblicklichen Bordzeit seinen Standpunkt zu entschlüsseln. Das war 1761 – und seitdem stehen die Uhren in Greenwich genau genommen nicht mehr still. Jeden Tag werden sie aufgezogen, bevor die zahlreichen Besucher aus aller Welt in das „Royal Observatory“ stürmen. Denn mittlerweile ist es ein Museum, und Harrisons Erfindungen Reliquien einer vergangenen Ära. Heute zeigt eine Atomuhr die genaue Zeit in Greenwich an. Und von ihr aus werden immer noch die unterschiedlichen Zeitzonen berechnet. In etwa 70 Instituten gibt es weltweit 400 Atomuhren, welche die jeweils angeglichene Weltzeit darstellen. Im Gegensatz zu herkömmlichen sind Atomuhren nicht mehr an die Erdrotation gebunden. Sie funktionieren mit atomaren Schwingungen, die eine konstante Frequenz haben, und so die Zeit sehr genau bestimmen können. Die zentrale Atomuhr steht allerdings in Paris, weshalb die Briten schon lange um ihre Zeit fürchten.

von Katja Hübner / Fotos Heiko Prigge

Noch ist es aber so, dass jeden Tag die Zeitkugel von Greenwich hochgezogen, und um Punkt 13 Uhr (14 Uhr MEZ) wieder herunter gelassen wird. 1833 wurde sie als roter Ball auf dem Dach des Observatoriums befestigt, damit die Schiffe auf der Themse ihre Chronometer auf die exakte Greenwich Mean Time einstellen konnten. Und was damals für alle Kapitäne galt, gilt heute immer noch: Wer auf See wissen will, wo sich sein Schiff befindet, der muss zuerst wissen, wie spät es in Greenwich ist.


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DESIGN Quality Magazin No. 19 – November 2011

DRAHTZIEHER Jeden Tag benutzen wir Lampen, wie liebgewonnene Freunde die unser Leben begleiten. Sie beleuchten nicht nur ihr Umfeld, sondern sind oftmals Leuchtobjekte, die es sich lohnt länger zu betrachten. „Gute Nacht, John Boy!“, „Gute Nacht, Elizabeth!“, „Gute Nacht, Jim Bob!“ … Wie sah wohl die Lampe aus, die John Boy allabendlich ausgeknipst hat? Ganz sicher war es aber keine von Viable London, schade für John Boy … Die Designer von Viable London sind erst seit dem Jahr 2005 zusammen kreativ. Seitdem steigt die Erfolgskurve des Gespanns fieberhaft. Im Jahr 2007 erhielten sie für ihre besonderen Designs den Elle Decoration Award. Es folgte 2010 der Furniture Award des Homes and Gardens Classic Design Awards. Inzwischen arbeiten Viable London mit den Großen der Branche Seite an Seite. Habitat und Decode London sind begeisterte Anhänger des Studios. Die Eroberung der De-

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sign-Welt ist kaum aufzuhalten. Das unten gezeigte Modell „Wire Lights“ und die oben abgebildete „Orbital“ sind nur zwei von vielen innovativen Designstücken, des einfallsreichen Trios. Die Kreationen zeichnen sich durch ruhige, fließende Formen aus. Mit ihren Leuchtkörpern, wollen sie das kalte Licht der Glühbirne mildern und so eine angenehme Atmosphäre schaffen. Bei der Orbital wird dieser Effekt mit drei Schichten mundgeblasenem Glas erreicht. Ausgefallene Designs mit Wiedererkennungswert. www.viablelondon.com


DESIGN Quality Magazin No. 19 – November 2011

Spaghetti kann man nur in der Badewanne essen

Über diesen von Robert Lembke stammenden Satz lässt sich sicher streiten. Unbestritten ist allerdings, dass die „Vasca Bianca“ die wohl zur Zeit am chicsten designte Badewanne ist, in der man Spaghetti essen könnte. Die vom Mastella-Design-Team entworfene Wanne ist in ihrer Qualität, Kreativität und Funktionalität kaum zu übertreffen. Jedes Objekt, welches den kreativen Gedanken von Mastella Design entspringt, beruht auf 25-jähriger Erfahrung im Bereich Badezimmer-Interieurs. Die „Vasca Bianca“ besteht aus einem einzigen grauen K-Plan-Block. Dieses kompakte, nicht poröse Material aus natürlichen Mineralien und geringem Anteil an Acrylharz zeichnet sich durch seinen hohe Beständigkeit aus. Weiche Formen, geschaffen aus einem einzigen Block, Handwerkskunst pur. Erfahrung zahlt sich eben aus. www.mastelladesign.it

Recreation des Koffers Wer bis heute nicht weiß, was er mit seinem alten Lieblingskoffer anstellen soll, der kann sich inspirieren lassen. Aus den treuen Wegbegleitern werden nun bequeme Stubenhocker. Katie Thompson schafft auffallend bequeme Sitzmöglichkeiten aus altbewährten Koffern und gibt ihnen so einen ganz neuen Verwendungszweck. Von Einigen belächelt, sammelt die Designerin Unpraktisches, Kaputtes, sowie längst Vergangenes und haucht den Einzelstücken neues Leben ein. Katies Stil kann als innovativ beschrieben werden. Ganz Gewöhnliches wird durch ihre Arbeit zu Außergewöhnlichem. Mit jedem neuen Werk wechselt sie das Material, die Farbe, das Objekt an sich. Mit diesem frischen, immer wieder neuen Design überrascht sie nicht nur ihre Anhänger. Recycling auf hohem Niveau. www.recreate.za.net

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MANUFAKTUR Quality Magazin No. 19 – November 2011

All you need is love Fotos von RUG STAR

Gibt es Teppiche mit Sinn, Charme und Seele? Bei Rug Star sind alle Mitarbeiter 100% teppichverrückt. Die Rug Star Familie liebt das, was sie tut. Eine starke Aussage für ein starkes Unternehmen. Rug Star wurde im Jahr 2002 von Jürgen Dahlmann gegründet. Seit seiner ersten Nepalreise, vor mehr als 20 Jahren, ist er ein großer Fan der tibetischen Teppichkunst. Dies wurde zu einer Passion, die Kontinente miteinander verbindet.

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in fünf Mann starkes Team designt in Berlin die neuesten Teppichmuster. Jürgen Dahlmann, der vor seinem Rug-Star-Projekt als Architekt tätig war, ist der festen Überzeugung, dass Teppiche architektonische Probleme lösen können. Rug Star sehen sich als die Rebellen sowohl im klassischen, als auch im modernen Design. Inspiration findet das Team in den unterschiedlichsten Themen. Dahlmann outet sich als bekennender Fan der Kill-BillReihe von Quentin Tarantino und widmet ihr seine Waffen-Teppichkollektion. Aber auch einfache Kinderzeichnungen haben ihren Reiz für die Designer nicht verloren und so besticht die Love-Stories-Serie nicht nur durch „herzliches“ Design. Wenn Jürgen Dahlmann liebevoll von seiner „kleinen Familie“spricht, denkt er an Rug Star. Seine „große Familie“ bezieht auch die Teppichknüpfer in Bhaktapur mit ein, die alle Teppiche aus feinster tibetischer Wolle von Hand fertigen. Aus einem 38

kleinen Betrieb wurde ein kleines Dorf, bestehend aus einer Tagesstätte, einer Schule und einem Krankenhaus. Rug Star versinnbildlicht das FairtradeMotto wie kaum ein anderes Unternehmen. Die 400 Mitarbeiter und ihre 156 Kinder leben in Harmonie miteinander unter den besten Arbeitsbedingungen. Damit dies so bleibt, reist Jürgen Dahlmann jedes Frühjahr selbst für einen Monat nach Bhaktapur und informiert sich direkt vor Ort. Der Gründer liebt das Zusammenspiel der alten traditionellen tibetischen Handwerkskunst, gepaart mit neuen Materialien, Farben und Mustern. Nach tibetischem Standard besteht ein Teppich aus 100 bis 150 Knoten alle 3 bis 4 Millimeter, das entspricht einer Menge von mehr als 155.000 Knoten pro Quadratmeter. Die hohe Anzahl an Knoten zeugt von der ausgereiften Fähigkeit und Fertigkeit der Produktion. So können Muster und Motive perfektioniert werden. Die vier bis sechs an einem Teppich arbeitenden Personen stecken ihre gesamte Energie in denselbigen. Nach drei bis

vier Monaten Produktionszeit hat das fertige Kunstwerk eine eigene Persönlichkeit entwickelt. Diese im Betrieb herrschende Harmonie und die Leidenschaft eines jeden Mitarbeiters stecken in den Fasern eines jeden Teppichs. Denn ein mit Liebe geknüpfter Teppich ist genauso, wie eine mit Liebe gekochte Mahlzeit, nämlich besser. Letztendlich ist die Seele aber in der Qualität des Produktes spürbar. So schaffen es die Rug-Star-Teppiche nicht nur ein Stück der Einrichtung zu werden, welche den gesamten Raum gestalten, sondern diesen nachhaltig schmücken und prägen. Diese überaus soziale und fortschrittliche Denkweise im Umgang mit ihren Mitarbeitern und den daraus resultierenden fertigen Teppichkunstwerken wird durch unzählige Awards in den Jahren 2006, 2007 und 2008 bestätigt. Mit ihren knallbunten, geometrischen Mustern, Buchstaben, organischen Marmorierungen, Drachenornamenten, Kinderkritzeleien hat Rug Star eine lange Strecke zum Designgipfel in erstaunlich kurzer Zeit zurückgelegt.


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SHOP Quality Magazin No. 19 – November 2011

Japanisch

Oukan ist die japanische Übersetzung für Krone. Und in der Kronenstraße 71 in Berlin Mitte befindet sich seit kurzem das „Oukan 71“, ein „concept-store for japanese & international avantgarde“, gekoppelt mit einem Tea Bar Restaurant. Nun hat sich ja in der deutschen Hauptstadt schon einiges zu etablieren versucht, und auch Concept-Stores gibt es hier mittlerweile zuhauf. Aber in der neuen 300qm-Location haben Natalie Viaux und Huy Thong Tran Mai ein echtes Shopping-Highlight geschaffen. Hier trifft Mode auf Teebar; Design auf Restaurant. Präsentiert werden überwiegend junge Avantgarde Labels, die sich sonst nur schwer in der Gegend finden: Ayzit Bostan, Antonia Goy, T.S.A. und die Regenmäntel von Norwegian Rain. Auch wenn viele der Brands aus Skandinavien kommen, lässt sich doch der Einfluss eines traditionellen japanischen Stils ausmachen. Dieser schlägt sich nicht nur im Design nieder, sondern auch im Essen. Serviert werden Vegetarisches, Veganes und Fischgerichte von Eriko Ohsawa. www.oukan71.com

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SHOP Quality Magazin No. 19 – November 2011

Kubisch

Man kommt nicht umhin an ihn zu denken, wenn man das Wort Apple hört: Steve Jobs. Umso mehr, wenn man weiß, dass auch diese Idee aus seiner Feder stammt: Eine Form für einen Apple Retail Store zu finden, der an einen Mac erinnert. So entdeckte er das Würfel-Design, das den Stores das I-Tüpfelchen zum ganzheitlichen Apple-Erscheinungsbild verleiht. Produkt, Design und Funktion. Viele dieser Shops, auch in Deutschland, haben sich zu stylischen Gebäuden herausgeputzt. Der im November neu errichtete Glaswürfel des Apple-Store an der 5th Avenue in Manhattan allerdings, stellt alles andere in den Schatten,

was bisher zu sehen war. Der neue Würfel ist noch minimalistischer konstruiert als sein Vorgänger. Während bei dem alten Würfel noch 90 Glasteile zum Einsatz kamen, sind es jetzt nur noch 15. Die Verbindungsstücke, welche die komplette Konstruktion zusammenhalten, sind nun unsichtbar. Man könnte dieses Werk, das lediglich den Eingangsbereich des eigentlichen Stores bildet, fast als ein Memorial für den verstorbenen Apple-Gründer betrachten. Hell leuchtet der große Apfel im leeren Raum wenn es Nacht ist. 6,7 Millionen Dollar soll Apple für das extravagante Wahrzeichen investiert haben. www.apple.com

Exzentrisch Pierrot-Clowns, Dinosaurierskelette, AC/DC-Aufnäher, Plüsch-Gremlins, und auch Küchenmesser sind feste Bestandteile von Bernhard Willhelms Schneiderkunst. Der Vertreter der so genannten Antwerp Six, einer Gruppe von Designern, die aus dem aus dem Talentnest der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen hervorgegangen ist, zählt zu den exzentrischen und auch international gefragten Designern. Er kombiniert Versatzstücke aus Popkultur, Punk, Kitsch und Folklore. Der in Ulm geborene Designer absolvierte ein Praktikum bei Vivienne Westwood und Alexander McQueen, die isländische Sängerin Björk war eine seiner ersten Kundinnen. Extravagant wie Willhelms Mode, ist auch sein Onlineshop. Von nun an können Frauen unter dem Button „No Limits“ und Männer unter „Welcome to Paradise“ im Online-Shop einkaufen. Was beiden Titeln gerecht wird, sind die Dinge, die einen dort erwarten. Jedes Kleidungsstück ist außergewöhnlich, verspielt und ein Unikat. Bernhard Willhelm liebt die Idee, Sachen zu machen, die bisher in Kleidern noch nie so umgesetzt worden sind. Dabei schafft er es, das Unmögliche so zu kreieren, dass es trotzdem möglich ist, es anzuziehen. www.bernhardwillhelmshop.com

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MANUFAKTUR Quality Magazin No. 19 – November 2011

Wer hat an der Uhr gedreht? Gerade erst wurden vom Auktionshaus Sothebys zwei Lange & Söhne Uhren zu Rekordpreisen versteigert. Uhren, die Kunstwerke sind und deren Wert nach dem Erwerb nicht abnimmt, sondern zunimmt, je länger sie die Zeiten überstehen. Wertanlagen, nicht nur für eine Generation geschaffen. Diese wahre Wertschätzung der meisterlichen Manufakturen tritt zutage, sobald Uli Glaser sich mit Ambition und Respekt den Relikten aus längst vergangenen Zeiten zuwendet, die nicht mehr voll funktionsfähig sind.

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it diesen zeitlosen Modellen beschäftigt sich der Hamburger Uhrendesigner Ulli Glaser in seinen einzigartigen Neuinszenierungen. Die Uhrenmarke JTP unique verbindet aktuelles Design mit über 100 Jahre alten Uhrwerken ehemaliger Taschenchronometer. In den späten 20er Jahren der Weltwirtschaftskrise und im Zweiten Weltkrieg fielen vor allem die Gehäuse dieser hochwertigen Markenuhren den Krisenzeiten zum Opfer. Sie wurden eingeschmolzen. Das Einzige was von den in kleinsten Serien produzierten Uhren blieb, waren die in der Qualität überragenden Uhrwerke. Es gibt kaum Uhren aus dieser Zeit, welche im Ganzen überlebt haben. Um die Werke längst vergangener Jahre zu würdigen und zu neuem Leben zu erwecken, gibt der Hamburger Designer und Goldschmied Uli Glaser dem alten Herzstück ein neues Gewand. Uhrwerke von Jaeger LeCoultre, IWC, A. Lange & Söhne werden für die JTP-Unikat-Uhren verwendet. Uli Glaser kann diese Einzigartigkeit bei jedem seiner Werke belegen. Denn diese sind vom Original-Hersteller mit Nummern signiert, die gefertigten Gehäuse erhalten eine separate Serienkennung. Um Fälschungen vorzubeugen sichert ein exklusives Ursprungs-Zertifikat des Herstellers die Echtheit. Nur wenige seltene und gut erhaltene Modelle wecken die Begierde der Uhrenkäufer und Uhrensammler. Von besonderer Faszination sind die individuellen Geschichten die Uli Glaser von jedem einzelnen Uhrwerk zu erzählen weiß.

Nachdem er die Uhrwerke der alten Meister-Manufakturen mit detektivischem Feinsinn aufgespürt hat, werden sie im nächsten Schritt aus ihrem Jahrzehnte andauernden Dornröschenschlaf geweckt. Hierfür wird jedes Werk im Hamburger Studio in aufwendiger Kleinstarbeit restauriert. Abschließend werden die verjüngten Meisterstücke in außergewöhnliche Gehäuse gesetzt. JTPunique kennzeichnet die aus 950 Platin, Gold in 18-karätiger Legierung oder reinem Titan bestehenden Gehäuse mit einem unverkennbaren Logo, welches für die unverwechselbar professionelle Handwerkskunst der Marke JTP-unique steht. Auf die aufbereiteten Uhrenkunstwerke der Besitzer wird eine Garantie von fünf Jahren gewährt. Die Ganggenauigkeit nach einer kompletten Revision beträgt je nach Alter zwischen fünf bis 30 Sekunden pro Tag. Bei durchgängigem Tragen beträgt die Ganggenauigkeit zirka 10 Sekunden. Glasers großes Anliegen liegt darin, „die Uhrwerke durch die Gehäuse zu würdigen und nicht mit extravagantem Design zu verfremden.“ Für ihn liegt dieser Respekt vor allem in der Schlichtheit des Designs. Je nach Kundenwunsch können alle Werke mit individualisiertem Gehäuse, sowie präferierten Ziffernblatt angefertigt werden. Uli Glaser fertigt die JTPuniques „für stilbewusste Menschen, die die meisterliche Handwerkskunst der Vergangenheit und Gegenwart wertschätzen.“ Eben für echte Individualisten!


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MODE Quality Magazin No. 19 – November 2011

Beyond Fashion von Petra Dietz

Wer bei Fair Trade Fashion an nach Räucherstäbchen duftende Dritte-Welt-Shop-Mode denkt, wird umdenken müssen. Es geht auch anders. Das junge Berliner New Luxury Label ABURY vereint Stil und Ethik professionell und erfolgreich. Der Anspruch und Ansatz des Social-Business-Unternehmens ist außergewöhnlich, im besten Sinne: ABURY sucht, bewahrt und verbreitet authentisches Kunsthandwerk aus aller Welt.

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it den „BerberBags“ als faires Fashion Item feierte ABURY am 1. Mai sein Debüt. Präsentiert wurden traditionell gefertigte, individuell bestickte Vintage-Ledertaschen aus Marokko – jede Bag ein Unikat, jede ein kleines Kunstwerk. Die bis zu 80 Jahre alten Taschen sind weit mehr als schicke Accessoires. Sie erzählen eine Geschichte und sind zugleich bezaubernde Botschafter der marokkanischen Kultur. Und genau die gilt es zu bewahren. In der Zeit industrieller Massenproduktionen scheint für traditionelles Kunstwerk kein Bedarf mehr zu bestehen. Eine Entwicklung, die Andrea Kolb, Gründerin und Geschäftsführerin von ABURY, nicht tatenlos hinnehmen wollte. Ihr eigenes, tiefes Eintauchen in die Kultur, die einzigartigen Fähigkeiten der Menschen und die vielen herzlichen Begegnungen in Marokko haben sie inspiriert. Ihren Anfang nahm die ABURY-Story 2007, als Andrea Kolb mit Ehemann Bernd nach Marrakesch ging. In einem restaurierten 300 Jahre alten Stadtpalast eröffnete das Paar das märchenhafte Riad „AnaYela“, den sie als „Place of Inspiration“ bezeichneten. Daraus entstand auch der „Club of Marrakesh“, ein interdisziplinäres Netzwerk aus Wissenschaftlern, Unternehmern und Kreativen aus aller Welt, die Andrea Kolb bei der Gründung von „ABURY“ mit ihren Expertisen unterstützten. Fair-Trade-Produkte spielen als Konsumgüter bislang nur eine untergeordnete Rolle. Ihr Image ist meist wenig trendy und nur selten sexy. Aber: Guter Gedanke hin oder her – wirft ein Social-Business-Unternehmen keinen Gewinn ab, ist niemandem geholfen. Die Lösung des Problems: Social Brands in begehrliche Consumer Brands verwandeln. Und genau das macht Andrea Kolb. Die Marketing-Expertin, die unter

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anderem Projekte für die Deutsche Bank AG, o2 Deutschland, Mercedes-Benz und Volkswagen entwickelte, weiß, wie entscheidend der Aufbau einer Marke zum Erfolg beiträgt: statt Öko-Marke ein New Luxury Label. Das funktioniert. Wer profitiert denn nun vom Profit? Die ABURY Collection GmbH ist eine hundertprozentige Tochter der ABURY Foundation gemeinnützige GmbH, die sich über Spenden und den Verkauf von ABURY-Kollektionen finanziert. Die Foundation unterstützt die Erhaltung kultureller Vielfalt, vor allem die Bewahrung von altem Kunsthandwerk aber auch immateriellen Kulturwerten, wie Märchen, Mythen oder Musik. Zudem werden Communitys mit gemeinnützigen Vorhaben, unter anderem

Bildungsprogramme und Trinkwasserprojekte, unterstützt. Dank ABURY können Menschen mit dem traditionellen Kapital ihrer Kultur wieder ihren Lebensunterhalt bestreiten – ein „Geschäftsprinzip“, das sich übrigens auf alle Kulturen übertragen lässt. Dass alt und neu, modern und traditionell wundervoll miteinander harmonieren, zeigen auch die aktuellen ABURY-Kollektionen. Keine Vintage-Modelle, sondern neue, handgefertigte Originale, entworfen von internationalen Designern. In Marokko fertigen Näherinnen, deren Ausbildung von der ABURY Foundation finanziert wurde, diese außergewöhnlichen und exklusiven Taschenkreationen. Das Material ist traditionell, die Designs sind teils klassisch, teils fashionable. Mit einer handgearbeite-


ten marokkanischen iPad-Bag oder einer aufwendig bestickten Clutch erwirbt man ein Unikat, das Stil und Ethik meisterlich vereint. Ein Social-Business-Unternehmen lebt nicht nur von Ideen und Visionen, es ist auch auf Unterstützung angewiesen. So engagieren sich die Schauspielerinnen Bettina Zimmermann und Jana Pallaske pro bono für ABURY. „Die ABURY BerberBags,“ schwärmt Jana Pallaske, „sind im täglichen Leben, auf meinen langen Reisen durch die wilde weite Welt genauso wie auf dem roten Teppich zum Abendkleid meine Begleiter mit gutem Gewissen – and with a touch of fairy dust! Mit Magie und Geschichte!“

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KONZERTE Quality Magazin No. 19 – November 2011

ZUGVÖGEL Nach dem Bruderstreit zwischen Liam und Noel, der in die Auflösung von Oasis mündete, war es erst einmal ruhig um die beiden Gallagher-Brüder. Nun ist Noel Gallagher zurück mit seinem Solodebüt. Die hoch fliegenden Vögel sind ein loses Musikerkollektiv um den Songschreiber von Oasis. Musikalisch erinnert das Ganze natürlich an die große Britpopband, versprüht aber zusätzlich einen rohen Charme. Offensichtlich wollte Noel diesmal seine Kompositionen klassischer umsetzen – ein Chor und Streicher untermalen dies. Wer also unvorstellbarerweise Oasis bislang verpasst hat oder wenigstens einmal den Manchester-Akzent von Noel hören mag, dem seien die High Flying Birds empfohlen. Cheers. 01.12.11 Brüssel, Ancienne Belgique 03.12.11 Kopenhagen, DR Koncertsalen 04.12.11 Köln, Palladium 06.12.11 Paris, Casino De Paris 13.02.12 Manchester, Evening News Arena 16.02.12 Belfast, Odyssey Arena 17.02.12 Dublin, The O2 23.02.12 Newcastle, Metro Radio Arena 24.02.12 Glasgow, SECC Hall 4

26.02.12 London, The O2 01.03.12 Birmingham, NIA 04.03.12 Barcelona, Razzmatazz 06.03.12 Paris, Le Grand Rex 08.03.12 Hamburg, Alsterdorfer Sporthalle 09.03.12 Berlin, Max-SchmelingHalle 11.03.12 München, Tonhalle

AW, C’MON Aus Nashville, Tennessee kommt Lambchop, die Band um den Songwriter Kurt Wagner. 1994 erschien ihr Debüt „I Hope You’re Sitting Down“ – und seitdem hat sich die Band peu à peu eine große Fanbasis aufgebaut. Ihr Gegenentwurf zur klassischen Countrymusik machte Lambchop zu einem Vorreiter der Americana-Bewegung, dem Alternative Folk/Country. Ihre Musik ist durch Minimalismus geprägt – und natürlich durch die brüchige, rauchige Stimme Wagners. Diese sanfte Eleganz machen Lambchop zu einer ganz besonderen Band – und live darf man einen unvergesslichen und beeindruckenden Abend erwarten. Weniger ist in diesem Falle wirklich Mehr! 23.02.12 Berlin, Babylon Mitte 24.02.12 Berlin, Babylon Mitte 25.02.12 Dresden, Beatpol 29.02.12 Köln, Kulturkirche

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09.03.12 Brüssel, Botanique 10.03.12 Frankfurt, Unionhalle 11.03.12 Fribourg, Fri-Son 13.03.12 Zürich, Kaufleuten


DON’T STOP THE DANCE Seit dem 11. Juli ist Bryan Ferry „Commander of the British Empire“. Königin Elisabeth II. verlieh dem großen Künstler den Titel. Und nun beehrt er für ein Konzert die deutsche Hauptstadt. Als Sänger von Roxy Music begann Anfang der 1970er Jahre seine Karriere, die zudem durch zahlreiche Soloalben flankiert wird. Insbesondere sein Soloalbum „Boys And Girls“ von 1985 zementierte seinen Status als Stilikone und Beau. Auch wenn lediglich noch das Nachfolgealbum „Bete Noir“ (1987) noch zahlreiche spannende Kompositionen bot und es seitdem musikalisch qualitativ bergab ging, ist er live ein wirkliches Erlebnis. Im Gepäck hat er nicht nur sein letztes Studioalbum „Olympia“, sondern zahlreiche Klassiker seiner Karriere. Für alle stilbewussten Nachtschwärmer also ein Muss.

08.12.11 Berlin, Admiralspalast 14.12.11 London, Shepherd’s Bush Empire 15.12.11 London, Shepherd’s Bush Empire

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KONZERTE Quality Magazin No. 19 – November 2011

Foto: Stephanie Pistel

WILD BOYS

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ie „New Romantic-Heroen“ zählen natürlich inzwischen zu den ganz großen Popbands aus Großbritannien. Benannt haben sie sich nach dem Bösewicht aus dem Science-Fiction-Film Barbarella namens Durand Durand. 1981 erfolgte dann der Durchbruch und noch in den 1980er Jahren waren sie Weltstars – nicht nur aufgrund ihrer Musik, sondern auch als Stilikonen. 2010 erschien ihr 13. Studioalbum „All You Need Is Now“ und tatsächlich sind Duran Duran noch immer gut für unglaublich spannende Popmusik. Außer Gitarrist Andy Taylor sind auch nach wie vor alle Bandmitglieder an Bord. Dass live die zahlreichen Klassiker ertönen werden, darf getrost erwartet werden – und Sänger Simon Le Bon wird garantiert auch optisch überzeugen. Ein Muss also für alle New Waver und Popbegeisterte.

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01.12.11 Bournemouth, International Centre 02.12.11 Birmingham, Arena 04.12.11 Glasgow, SECC 06.12.11 Nottingham, Capital FM Arena 08.12.11 Cardiff, International Arena 10.12.11 Liverpool, Echo Arena 12.12.11 London, The O2 14.12.11 Sheffield, Motorpoint Arena 16.12.11 Manchester, MEN Arena 17.12.11 Newcastle, Metro Radio Arena

20.12.11 Dublin, O2 Arena 21.01.12 Klosters, Altitude Festival 23.01.12 Wien, Gasometer 24.01.12 München, Tonhalle 26.01.12 Leipzig, Haus Auensee 28.01.12 Dortmund, Westfalenhalle 29.01.12 Brüssel, Forest National 31.01.12 Berlin, Columbiahalle 01.02.12 Bratislava, Incheba Arena


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„The Times They Are A-Changin’“, sang Bob Dylan – und man kann dazu nur sagen: „wie wahr, wie wahr ...“. Zehn Singles über die Zeit ...

1. KLF What Time Is Love (1988) Mit den Children of The Revolution stürmte die Single 1990 weltweit die Charts, das Original der britischen Copyleft-Künstler aus dem Jahr 1988 ist jedoch weitaus pulsierender.

2. DOOLEY WILSON As Time Goes By (1942) Das berühmte Musikstück aus Casablanca, das Dooley Wilson alias Sam auf Wunsch von Ingrid Bergman alias Ilsa Lund in Rick’s Café Américain spielt.

3. PORTISHEAD Sour Times (1994) „’Cause nobody loves me, it’s true, not like you do“, singt Beth Gibbons wehklagend auf dem Portishead-Klassiker über die bitteren Zeiten.

4. JIM CROCE Time In A Bottle (1973) Das erst nach seinem Tod veröffentlichte „Time In A Bottle“ ist eine Liebeserklärung und die Erkenntnis, dass man Zeit für die Dinge hat, die man gerne machen mag.

5. CYNDI LAUPER Time After Time (1983) Die wunderschöne Popballade von Cyndi über Liebe, Sehnsucht und das Warten auf das Vielleicht – time after time...

6. DEEP PURPLE Child In Time (1972) Auf der Single wurde der zehnminütige Klassiker kurzerhand in zwei Teile gestückelt. Der Gesang von Ian Gillan gilt als eine der besten Vocalperformances aller Zeiten.

7. PRINCE Sign ’O’ The Times (1987) Die Zeichen der Zeit in den USA am Ende der 1980er Jahre besang Prince auf einer seiner erfolgreichsten Singles.

8. DEPECHE MODE A Question Of Time (1986) Manchmal ist es eben einfach eine Frage der Zeit: ein Klassiker der Band aus dem Black Celebration-Album.

9. MANO NEGRA Out Of Time Man (1991) Manu Chao mit seiner Band und dem wunderbar leichten Song über die Verspätung zum ersten Date.

10. MGMT Time To Pretend (2005) Der große Indie-Hit der US-Amerikanischen Alternative-Darlings über die Fragen der Jugend. Manchmal ist es an der Zeit, sich zu verstellen ...

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shirt DION LEE dress CHRISTOPHER KANE


sweater BOSS BLACK gilet MAISON MARTIN MARGIELA

Andacht von Heiko Prigge


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Gilet MOSCHINO Dress (as top) CHRISTOPHER KANE Skirt MAISON MARTIN MARGIELA Gauntlets STYLIST’S OWN


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Sweater/Skirt TIBI Neckpiece MAISON MARTIN MARGIELA Shoes COS

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Dress CHRISTOPHER KANE Earrings ERICKSON BEAMON

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Sweater COS Shirt JC DE CASTELBAJAC Combi-Suit MARNI

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Dress VIKTOR & ROLF Shirt/Skirt MOSCHINO Leggins/Shoes MEADHAM KIRCHHOFF

Styling: Anthony Stephinson / Hair Stylist: Michael Jones using Bumble&Bumble / Make-up Artist: Philippe Miletto / Models: Loren Kemp, Elite; David Hopkins, Models1 / Retoucher: Ben,TouchDigital


Jacket NEIL BARRETT / Sweater MARNI Shirt JC DE CASTELBAJAC Trouser CHRISTIAN LACROIX Boots MAISON MARTIN MARGIELA

by Johannes Paul Spengler Make-up Thorsten Weiss

Sweater MEADHAM KIRCHHOFF Shirt MOSCHINO Wide Trouser MAISON MARTIN MARGIELA


Das geballte Hirnschmalz der Welt Erschaffen, um nach den fundamentalen Bausteinen und Gesetzen des Universums zu forschen. Wissenschaftler prophezeien, dass der gigantische Teilchenbeschleuniger â&#x20AC;&#x17E;Large Hadron Colliderâ&#x20AC;&#x153; unser Weltbild revolutionieren wird. von Petra Dietz Fotos: Peter Ginter

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O bwohl von Menschenhand geschaffen, scheint der surreale Koloss nicht von dieser Welt zu sein. Er erinnert mehr an ein überdimensionales Science-Fiction-Requisit als an eine Apparatur des 21. Jahrhunderts. Von der größten Maschine, die jemals erschaffen wurde, erhofft man Bahnbrechendes. Man könne den Ursprung unseres Seins damit erforschen, so heißt es, und das Mysterium der dunklen Materie enträtseln. Und tatsächlich könnte uns der Large Hadron Collider, kurz LHC, in naher Zukunft Antworten auf universumbewegenden Fragen geben. Der LHC ist tief unter der Erde verborgen, ein 27 Kilometer langes HightechGeschöpf, für das eigens ein Tunnel an der Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich angelegt wurde. Während Unwissende nur eine titanenhafte Maschine sehen, 61


Der Geist des CERN ist von Freiheit und Offenheit geprägt. Die Arbeit im Forschungszentrum bringt Menschen unterschiedlichster Kulturen und Glaubensrichtungen zusammen. erhoffen sich Wissenschaftler in aller Welt Erkenntnisse, die den Wendepunkt in der Teilchenphysik einläuten und unser Weltbild auf den Kopf stellen. Natürlich entwickelt man solch eine Anlage, die zu Recht den Beinamen „Weltmaschine“ trägt, nicht über Nacht. Fast zwei Jahrzehnte tüftelten kluge Köpfe an dem ringförmigen Teilchenbeschleuniger. Als er 2008 beim Forschungszentrum CERN in Genf endlich in Betrieb ging, war das für alle Beteiligten der Beginn einer neuen Ära. Teilchen beschleunigen, das ist die Bestimmung der Weltmaschine, aber sie vermag noch viel mehr. Sie motiviert Menschen zu Höchstleistungen. Über 3000 Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker an 183 Instituten in 40 Ländern sind an dem vielleicht aufregendsten wissenschaftlichen Abenteuer der Menschheit beteiligt. Gemeinsam brüten sie über Problemen. Gemeinsam finden sie Lösungen. Gemeinsam schufen sie ein technisches Meisterwerk, das unser Denken und Wissen um die Naturgesetze für immer verändern kann. „Das ist eine Maschine, die das geballte Hirnschmalz der Welt benötigt“, begeistert sich Rolf-Dieter Heuer, Generaldirektor des CERN.

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Mit der Weltmaschine hat CERN, die „Organisation Européenne pour la Recherche Nucléaire“, ein unglaubliches Stück Technik vollbracht. Es sprengt Grenzen, in jeglicher Hinsicht. Etwa vier Milliarden Euro verschlang der Bau der Maschine, das ist eine Menge Geld und brachte dem Forschungszentrum für 62


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Die bildhaften Darstellungen der Teilchenbeschleunigung erinnern an moderne Kunstwerke. Ă&#x201E;sthetik und Wissenschaft finden hier ein einzigartiges Zusammenspiel.

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Teilchenphysik einiges an Kritik ein. Doch für Zweifler ist bei solch einem Unterfangen kein Platz. Man erwartet in den nächsten Jahren Großes von dem Projekt. Was geschah nach dem Urknall? Woraus besteht dunkle Materie? Gibt es mehr als drei Raumdimensionen? Fragen, die uns das Standardmodell der Teilchenphysik nicht beantworten kann. Wobei uns dieses Modell im Großen und Ganzen bei der Beschreibung der Natur-Gesetzmäßigkeiten bislang gute Dienste leistete. Doch es hat Lücken. Und genau daran stören sich große Denker in aller Welt. Das Flaggschiff der Teilchenphysik soll nun Licht in die dunklen Löcher der Wissenschaft bringen.

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as vermag die Weltmaschine, das die Wissenschaft so in Aufruhr bringt? Einfach formuliert könnte man sie als eine Art Zeitmaschine beschreiben, die uns einen Blick in eine Vergangenheit gewährt, die Milliarden von Jahren zurückliegt. Wie das möglich ist? Die Physiker stellen die Bedingungen nach, die Sekundenbruchteile nach dem Urknall herrschten, sozusagen die Anfänge unseres Kosmos. Dafür muss der LHC stark wechselwirkende Teilchen, sogenannte Hadronen, auf Beinahe-Lichtgeschwindigkeit beschleunigen. Der LHC bringt diese hochenergetischen Teilchen an vier Punkten zu Zusammenstößen, so wird ein wahres Feuerwerk der Teilchen entfacht. An diesen vier Kollisionspunkten befinden sich enorm leistungsstarke Detekto-

ren. Ihre Aufgabe ist es, die Kollisionen aufzunehmen und die charakteristischen Spuren der kollidierten Teilchen, sogenannte Signaturen, zu analysieren. Keine einfache Mission, immerhin kommt es pro Sekunde zu einer Milliarde Protonenzusammenstößen. Das eröffnet Dimensionen, die außerhalb jeglicher Vorstellungskraft liegen, zumindest für Nicht-Physiker. Es steht außer Frage, dass die Detektoren, die solch eine Auswertungsaufgabe bewältigen, in Bezug auf Komplexität und Größe ebenfalls einiges auf dem Kasten haben müssen. Schnelligkeit, Effizienz und Präzision sind unabdingbar. Jeder Detektor ist für bestimmte Experimente zuständig: ATLAS ist mit 46 Metern Länge und einem Gewicht von 7000 Tonnen der größte Detektor. Allein in ihm wurden 3000 Kilometer Kabel verlegt, das würde von Madrid bis Stockholm reichen. Er hat einiges zu tun, zum Beispiel Teilchenspuren verfolgen. Der CMS-Detektor ist zwar kompakter, aber mit 12 500 Tonnen noch ein ganzes Stück schwergewichtiger. Die beiden Universal-Detektoren sind für eine Vielzahl an Experimenten und einem breiten Spektrum an physikalischen Fragestellungen – vom Ursprung der Masse bis hin zu ExtraDimensionen – entwickelt worden. Weitere, kleinere Experimente sind lediglich auf Teilbereiche der Physik und ganz spezifische Phänomene ausgelegt. Die weltgrößte Maschine hatte zu Beginn des Projekts einige Allüren, die man einer Diva vielleicht verzeiht, nicht jedoch solch einer kostenintensiven HightechAnlage. Die „Kinderkrankheiten“ wurden aber erfolgreich behandelt. Im März 2010 65


So viele Fragen die noch offen sind. Der Anfang besteht aus Blätterbergen, die unzählige Theorien offenbaren. Nun gilt es zu klären, ob diese auch in der Praxis umgesetzt werden können.


vermeldete CERN stolz eine Zunahme der Kollisionen. Heute sind die Operatoren bereits so versiert, dass sie innerhalb weniger Stunden so viele TeilchenzusammenstĂśĂ&#x;e wie im gesamten Jahr 2010 schaffen.

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ie Weltmaschine vollbringt technische und logistische Meisterleistungen. Als MaĂ&#x;stab gilt der Superlativ â&#x20AC;&#x201C; in allem. Allein der Energiebedarf ist gigantisch. Der LHC hat einen Stromverbrauch von 120 Megawatt, das gesamte CERN von etwa 230 Megawatt. Das entspricht in etwa dem Energieverbrauch aller Haushalte des Kantons Genf. FĂźr die Beschleunigung und Kontrolle der Teilchen sind supraleitende Magnete notwendig. Die haben es gerne eisig, nur bei minus 271 Grad Celsius kĂśnnen sie optimal arbeiten. Das weltweit grĂśĂ&#x;te KĂźhlsystem sorgt dafĂźr, dass es den Magneten nicht zu warm wird. HĂśchstleitungen werden auch bei der Datenverarbeitung vollbracht. Die Weltmaschine erzeugt jährlich eine Datenmenge von 15 Millionen Gigabyte, damit lieĂ&#x;en sich etwa 100 000 DVDs fĂźllen. Solch eine Datenflut muss gespeichert und analysiert werden, schlieĂ&#x;lich kann sich in ihr irgendwo eine bahnbrechende Entdeckung verbergen. Dass nichts verloren geht, dafĂźr sorgen Tausende Wissenschaftler. Gemeinsam nutzen sie hierfĂźr das Worldwide LHC Computing Grid. Ein raffiniertes System, das alle weltweit verteilten CERN-Computer so zusammenschlieĂ&#x;t, dass sie von allen Nutzern, egal, wo sie sich auf dem Globus befinden, als ein gewaltiger Supercomputer verwendet werden kĂśnnen. Die Daten der Experimente werden auf mehrere Zentren verteilt, dort gespeichert und verarbeitet und schlieĂ&#x;lich an die projektbeteiligten Wissenschaftler weitergeleitet. Ein Haupt-Backup wird am CERN auf Band gespeichert.

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Die CERN-Mitarbeiter sind wissenschaftliche Goldgräber. In den TrĂźmmern der kollidierten Teilchen suchen sie nach unbekannten Schätzen, wie dem Nachweis von bislang rein hypothetischen Elementarteilchen. Besonders groĂ&#x;e Erwartungen hat man in Bezug auf das â&#x20AC;&#x17E;Gottesteilchenâ&#x20AC;&#x153; Higgs-Boson, das zwar in das Standardmodell der Teilchenphysik aufgenommen wurde, dessen Existenz aber nie nachgewiesen werden konnte. Das Higgs-Boson, benannt nach dem schottischen Physiker Peter Higgs, soll Materie Masse verleihen, also allem Bestand geben. Doch bei den LHC-Experimenten lieĂ&#x; es sich bislang nicht nachweisen. Kein Grund fĂźr lange Gesichter. Denn selbst die Erkenntnis, dass es nichts zu erkennen gibt, ist fĂźr die Wissenschaft eine aufregende Nachricht. Finden die Detektoren kein Higgs- oder supersymmetrisches Teilchen, mĂźssten schlieĂ&#x;lich LehrbĂźcher umgeschrieben und neue Theorien entwickelt werden. Aber es gibt auch Neues aus Genf zu berichten. So beobachtete man, dass winzige Elementarteilchen, sogenannte Neutrinos, 0,025 Promille schneller flogen als das Licht. Unabhängige Messungen sollen nun klären, ob dies ein einmaliges Ereignis war. Wenn nicht, mĂźsste man Einsteins Relativitätstheorie, die davon ausgeht, dass nichts schneller als das Licht ist, Ăźberdenken. Wer hätte gedacht, dass turboschnelle Teilchen unser Weltbild erschĂźttern kĂśnnen. Die Sache mit der dunklen Materie wäre auch noch zu klären. Die unsichtbare Masse wird zwar im Universum vermutet, ihre Existenz ist aber noch unbewiesen. Und nicht zu vergessen: die Antwort auf die Frage nach unserem Ursprung, der Geburt des Universums. Albert Einstein war hinsichtlich unseres Wissens voller Vertrauen. â&#x20AC;&#x17E;Das Unverständlichste am Universum ist im Grunde, dass wir es verstehen kĂśnnenâ&#x20AC;&#x153;, so der groĂ&#x;e Physiker. Noch sind wir nicht soweit, aber die Menschen am CERN arbeiten daran. Die Weltmaschine hat noch viel zu tun.

PETER GINTER ROLF-DIETER HEUER FRANZOBEL

EDITION LAMMERHUBER UNESCO Publishing United  Nations (GXFDWLRQDO6FLHQWL¿FDQG Cultural  Organization

Der wunderbare Bildband â&#x20AC;&#x17E;LHCâ&#x20AC;&#x153; zeigt einzigartige Fotografien, aufgenommen während der Bauarbeiten des Forschungszentrums.


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PALOMA NEGRA Fotos von Christian Steinhausen, Kollektion von Kenzo

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Top DIOR HOMME Trousers BOTTEGA VENETA Shoes BURBERRY PRORSUM

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Hair & Make up: Katharina Franke, nude agency / Stylist: Bodo Ernle, Nina Klein / Model: Laila Maria Witt

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DIAMONDS ARE FOREVER Unvergesslich ist der sehnsuchtsvolle Blick des New Yorker Society Girls Holly Golightly durch das Schaufenster im Klassiker „Breakfast at Tiffany’s“. Seitdem steht das Gesicht von Audrey Hepburn für die Noblesse des Luxusetablissements. Das Prestige des Hauses, meist oft nur mit dem „Tiffany Diamond“ gleichgesetzt, liegt tief in der Geschichte der USA verankert. von Sandra Pfeifer

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Seinen Anfang nahm Tiffany nicht, wie man vielleicht meint in der heute bekannten Niederlassung auf der fifth Avenue und 57. Straße, vor der Audrey Hepburn aus dem Taxi stieg, sondern bereits 1837 mit einem Laden am Broadway, unweit der Wall Street, wo das Haus 2007 seine zweite New Yorker Filiale eröffnete. Zusammen mit seinem alten Schulkameraden John Burnett Young verkaufte Gründer Charles Lewis Tiffany ursprünglich schicke Modeund Geschenkartikel wie Papierwaren, Seife, Sonnenschirme, Schmuck und anderen Neuheiten aus Europa. Unter New Yorks High Society erfreuten sie sich bald als das Geschäft mit den feinsten Luxuswaren großer Beliebtheit. Durch den Erwerb eines der, später in „Tiffany Diamond“ umbenannten, größten gelben Diamanten der Welt, geschürft in Südafrikas Kimberley-Mienen, baute Tiffany seine Reputation weiter auf. Seinem späteren Ankauf der französischen Kronjuwelen zufolge wurde diese mit dem von der New Yorker Presse an Charles Tiffany verliehenen Titel „King Of Diamonds“ in einem Zeitungsbericht bestätigt. Mit der anspruchsvollen Aufgabe, den 128,54 Karat schweren, rohen „Tiffany Diamond“ zu schneiden, wurde der vom Haus angeheuerte 23 Jahre junge Gemmologe George Frederick Kunz betraut. Jener studierte den kostbaren Stein erst einmal über ein Jahr hinweg aufs Genaueste studiert, bevor er sich an ihn wagte. Besagter Diamant wurde später, eingesetzt in eine Kette, von Hepburn bei der Premiere des Filmes getragen und ist nun im Flagship-Store permanent ausgestellt. Mitte 1840 entwarfen Tiffany und Young das legendäre „Blue Book“, das als erster 78

Versandkatalog in die Annalen eingegangen ist. Tiffanys geschichtliche Verwurzelung erfolgte während des Bürgerkrieges, als die Union mit Emblemen, Schwerter, Gewehren und Operationsbesteck unterstützt wurde. „Bejewled by Tiffany“, eine Retrospektive im Londoner Somerset House stellte dazu vor einigen Jahren ein mit Diamanten überzogenes Schwert aus. Der Erfolg des Hauses ist zum Teil auch auf die sich ergebenden vorteilhaften wirtschaftlichen Verhältnisse um diese Zeit zurückzuführen, die viele Amerikaner erstmals überschüssige finanzielle Mittel verzeichnen ließ und das damit gekoppelten Verlangen, es gleich wieder für schöne Dinge auszugeben. So wurde Charles Tiffany nachgesagt, die Wünsche seiner Kunden von ihren Augen abzulesen, noch bevor diese sie selbst zu formulieren vermochten. Hoch im Kurs der Wunschliste ersehnter Luxusartikel standen ohne Zweifel funkelnde Diamanten. Unterdessen zog Tiffany mit der Einführung des aristokratisch assoziierten englischen Sterlingsilbers die amerikanischen Kunden weiter in seinen Bann. Der Legende nach war er zudem ein hoffnungsloser Romantiker, der fest an die wahre Liebe glaubte. Aus dieser Empfindung heraus schuf er vor über hundert Jahren einen Verlobungsring, den beliebten Tiffany Setting™. Dessen Wert und Qualität symbolisiert eine lebenslange Treue und Loyalität, die außerdem auchferner durch die begehrte Tiffany Blue Box™ vermit-


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Der Designer Jean Schlumberger machte sich vor allem durch seine Liebe zu Formen aus der Natur einen Ruf.

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telt wird. In den Besitz einer solchen kommt man jedoch nur durch den käuflichen Erwerb von Tiffany-Juwelen. Unter anderem stellte das Haus auch auf der Expo 1878 in Paris aus: Das handgeklopfte, dreiseitige Tablett aus Sterlingsilber, angelehnt an den japanischen Stil, der damals en vogue war, mit eingraviertem Spinngewebe, gewann den ersten Preis. Ein weiteres Glanzstück Tiffanys wurde 1900 ebenfalls für die Pari-

ser Expo gestaltet. G. Paul Farnham kreierte eine formidable Orchideen-Brosche, die, gefertigt aus Gold, Emaille und Diamanten, seinem aus den Berggebieten Ecuadors und Perus entsprungenen Original mit dem botanischen Namen Odontoglossum Wyattianum zum Verwechseln ähnlich sieht. Linkes Bild: Liz Taylor mit der Brosche „Iguana‘s Night“ von Jean Schlumberger, die extra für den gleichnamigen Film angefertigt wurde. Bild Mitte: Das Tiffany Gebäude im Jahr 1940. Rechtes Bild: Charles Lewis Tiffany (1812-1902) Gründer von Tiffany & Co.

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er „Morganite“, ein Stein der mit seiner „Schamröte“ bezaubert wurde, nach einem guten Kunden des Hauses, dem Banker J. P. Morgan, benannt. Tiffanys Sohn Louis Comfort stellte nach dem Tod seines Vaters die Weichen für eine lyrisch angehauchte Ästhetik, die sich vor allem durch seine authentischen Farbkombinationen äussert. Auf der Suche der Gemmologen nach den ungewöhnlichsten Steinen wurde in Tansania auch der sogenannte „Tanzanite“, unverkennbar mit seiner unwiderstehlichen tiefblauen Farbe ausgegraben. Dem geschulten Auge Kunzes verdankt Tiffany einige seiner prächtigsten Steine aus den nordamerikanischen Regionen wie Topas aus Colorado, Saphire aus Mon-

tana oder Feueropale aus Mexiko. Zur Weiterführung der eleganten, blaublütigen Note des Hauses wurde in den 1950ern Jean Schlumberger einer der Stardesigner des Hauses. Schlumberger entstammte einer Textilfamilie aus Mulhouse und begann seine Karriere als Knopfdesigner für die italienische Modezarin Elsa Schiaparelli in den 1930ern begann. Ihm ist die wahrlich hochkarätige Kundschaft von Elizabeth Taylor, Greta Garbo, der Duchess of Windsor bis zu John F. Kennedy und Jacqueline Onassis, zu verdanken. Die


Jean Schlumberger (1907-1987) Designer f端r Tiffany & Co.

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Alle Fotos: Tiffany & Co.

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Letztere galt angeblich als die treueste Trägerin seiner Armreifen, sodass sie weitläufig als die „Jacqui Bracelets“ Bekanntheit erlangten. Diana Vreeland, Gesellschaftsdame und Verfasserin ihrer eigenen Kolumne „Why Don’t You“ bei Harper’s Bazaar, umschrieb seine Arbeit mit Diamanten als perfektes Medium, seine eigenen Träume zu verwirklichen. Die Atmosphäre im Store auf der Fifth Avenue hat sich bis heute seinen „hepburnesquen“ Charme bewahrt. Auf vier verschiedenen Stockwerken bietet Tiffany exklusive Kostbarkeiten von Taschen, Handschuhen, Silberwaren und Schmuck für (fast) alle Preiskategorien: herrliche 6-Karat-Diamantringe für 600.000 $ oder bunte Saphire zum Schnäppchen von 18.000 $. Ab und an lädt das Haus für gute Zwecke ausgewählte Gäste sogar wirklich zum Frühstück.

Bekannt ist Tiffany auch für seine Schaufensterdekorationen. So haben zum Beispiel die Künstler Robert Rauschenberg und Jasper Johns zusammen einige Auslagen gestaltet, bevor ihre eigenen Namen in High-End-Galerien gefeiert wurden. Gemäss der Tradition der auf der Fifth Avenue ansässigen etablierten Kaufhäuser wird auch nach Thanksgiving, Ende November wieder mit einer festlichen Weihnachtsdekoration aufgewartet, die laut dem Pressesprecher des Hauses an das 1900 gebaute famose Karussell im Central Park angelehnt ist. Ein Besuch bei Tiffany während dieser Jahreszeit lohnt sich natürlich ganz besonders.

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Anzug/Hemd WUNDERKIND Spring/Summer 11 Schuhe GUCCI Agenda/Uhr MONTBLANC

Wunderkinder Fotos OLFF APPOLD / Idee und Styling MATTHIAS EITNER

Mode und Zeit bewegen sich fließend und frei. Manchmal, für einen kurzen Moment, verharren sie in stiller Zeitlosigkeit, gehalten durch eine Pose. Ebenso ungebunden durchschreiten „Wunderkinder“ die Welt, leichtfüßig, wach und spielerisch durch alle Epochen. Potsdam im Oktober 2011 war ein Platz für Wunderkinder, eine Begegnung von Zeiten, Werten und Stil, von der Kaiserzeit bis heute. 84


Mantel/Anz端ge/Hemd WUNDERKIND Fall/Winter 10 G端rtel MONTBLANC Schuhe ZAMPIERE, GUCCI 85


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Mantel WUNDERKIND Fall/Winter 05 Kost端m WUNDERKIND Spring/Summer 09 Str端mpfe FALKE Schuhe BOSS

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Mantel WUNDERKIND Fall/Winter 05 Kleid WUNDERKIND Fall/Winter 10 M端tze POLDER/KAUFRAUSCH / Tasche VOLKER LANG Leggins WOLFORD / Schuhe ZARA Rad VON HACHT/STEVENS 88


Mantel WUNDERKIND Fall/Winter 07 Kleid WUNDERKIND Spring/Summer 09 Ring BUCHERER

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Hut MAYSER/KAUFRAUSCH Schuhe ZAMPIERE iPad-H端lle MONTBLANC Jacke WUNDERKIND Fall/Winter 09 Bluse/Rock WUNDERKIND Fall/Winter 10 Schuhe ZARA

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Models: Agata, OKAY / Jenny K, PLACE / Julian, KULT / Ole, THE SPECIAL / Hair & Make-up: Fee Romero / Dank an: Beatrace, Alena, Silje und Daniel

Anzug/Hemd WUNDERKIND Fall/Winter 10 Bluse/Rock WUNDERKIND Fall/Winter 10


Make-up: Nathalie Gros, Basics / Stylingassitent: Maren Will und Isabella Bottone / Herzlichen Dank an Departmentstore Quartier 206 und Ivanman

Mantel WUNDERKIND Fall/Winter 08 Kleid WUNDERKIND Fall/Winter 09 Uhr WEMPE/PAVE Schuhe MIU MIU

Hose VANESSA BRUNO / Bluse WEEKDAY / Schuhe PUMA BY ALEXANDER MCQUEEN

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Anzug WUNDERKIND Spring/Summer 10 G端rtel MONTBLANC Kleider WUNDERKIND Spring/Summer 10 Taschen MONTBLANC Brille MODEL OWN 92


Mantel WUNDERKIND Fall/Winter 06 Leggins WOLFORD Schuhe ZARA

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Aâ&#x20AC;&#x2122;dam

durch die Rotlicht-Brille 94


„Wir sitzen in einem Paralleluniversum: Wenn wir bis spät nachts arbeiten, dann ist die ganze Straße wach. Das ist extrem belebend..“ Jolanda, Designerin von And Beyond 95


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ei Amsterdam denkt man sofort an die vielen Brücken und Grachten, an schmale Gassen mit geschmackvollen Galerien und Boutiquen, an pittoreske Giebelhäuser und unverschämt stilvolle Wohnungen, in die man ungeniert hineinspähen kann. An schwimmende Blumenmärkte, Madame Tussauds und natürlich an die berühmt berüchtigten Coffeeshops. Wer genauer hinschaut entdeckt aber auch noch ein ganz anderes Amsterdam: Eine Metropole, in der die unterschiedlichsten Leidenschaften aufeinander treffen. Einen Ort, an dem eine internationale Kreativ-Szene und ein pulsierendes Nachtleben eine ungewöhnliche Koexistenz führen. Und eine Stadt, in der sich wunderbar bizarre Entdeckungen machen lassen. So wie das zwischen Heren- und Singelgracht gelegene Brillenmuseum: ein in der vierten Generation geführter Familienbetrieb mit integrierter Boutique und einem schier unerschöpflichen Fundus ungetragener VintageBrillen. Besitzerin und Museumsgründerin Mijke Teunissen reist regelmäßig auf internationale Brillenmessen nach Belgien, Paris etc., um für spektakulären Nachschub zu sorgen. Das Museum ermöglicht eine Reise durch die Zeit von 700 Jahren Kunst und Geschichte der Brille und lockt die verschiedensten

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Brillenliebhaber an: neugierige Touristen, 80-jährige Grande Dames, Studenten, Amsterdamer Theaterdarsteller, berühmte Schauspieler, internationale DJ’s – alle auf der Suche nach möglichst ausgefallenen Rahmenbedingungen. Und weil besondere Orte besondere Maßnahmen erfordern, prangt an der bordeauxroten Tür eine goldene Klingel, die betätigen muss, wer Zutritt in die historischen Räumlichkeiten erhalten möchte.

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emand, der die Dinge des Lebens ebenfalls aus seiner höchst eigenen Perspektive betrachtet, ist Jan Jansen – quasi der Salvatore Ferragamo der Niederlande, Schuhdesigner und Visionär. Einer, der viele Trends vorhergesehen hat: den 80er-JahrePunk-Style, High-Heel-Sneaker (1978) und in den 90er Jahren die – inzwischen inflationäre – rote Sohle. Der 1941 in Nimegen geborene Gestalter ist getrieben von einer Leidenschaft für Schuhe. Sein Markenzeichen sind ungewöhnliche Materialien und Schnitte. Seine extravaganten und futuristischen Objekte muten wie architektonische Skulpturen an und sind extrem originell und avantgardistisch. Seine „Softline-Konstruktionen“ oder die „Interchangeable Fashions“ brachten ihm bereits in den 60er Jahren Ausstellungen an der Seite von bildenden Künstlern im Stedelijk Museum in Amsterdam ein. Neben seinen Eigenmarken Linea Erotica, JaJa, Jan Jan Jansen Sense und seiner neue Jansen SportLinie (die in Italiens Gucci-Manufakturen gefertigt wird und deren Innensohlen mit Pferdehaar gefüttert sind) entwirft er auch Auftragsarbeiten für Labels wie Christian Dior, Bally oder Charles Jourdan. Seine Schuhe sind gemacht für Lebensgenießer. Gibt es deutsche Stars, für die er gerne Schuhe entwerfen würde? „Udo Lindenberg, Nina Hagen und Nina Hoss.“ Sein Geheimnis: „Ich bin nicht nur Schuhdesigner, sondern auch Leistenmacher. Und ich habe so meine Tricks. Das Handwerk habe ich in Rom gelernt. Von Designern und Handwerkern wie Follie und Albanese, die Schuhe für Sophia Loren gemacht haben. (die ich damals oft gesehen, aber leider nie gesprochen habe). Heutzutage bin ich sehr froh, dass ich Schuhe von Hand fertigen kann. Ich bin jetzt 70 Jahre alt und arbeite noch jeden Tag und mit großer Freude. Und ich weiß: Mein bestes Design kommt noch.“

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Wenn es einen Ort in Amsterdam gibt, an dem die unterschiedlichsten Leidenschaften aufeinander treffen und miteinander verschmelzen, dann im Red Light District: Moulin Rouge und Peep Shows führen hier eine Koexistenz mit Fast Food-Shops, Architekturbüros und Fotostudios. Galerien befinden sich zwischen Bordellen, Sexshops und Souvenirläden, ModedesignAteliers neben Fensterprostituierten. Schwäne lassen sich im Schein der Reklamelichter treiben, während schräge Vögel und Nachtgestalten durch die Straßen, Etablissements und Coffeeshops des Viertels ziehen.

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Jan Jansen, Schuhdesigner und Visionär. Es ist für den 70jährigen keine Frage: „Mein bestes Design kommt noch!“

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ine Frau, die mit verantwortlich ist für diese ausgeprägte Diversität ist, ist Marriette Hoitnik, Gründerin der Fashion Rekruitment und Consulting Agentur HTNK und Initiatorin von Red Light Fashion – einer Initiative, die es 18 talentierten niederländischen Designern ermöglicht hat, zu relativ günstigen Konditionen leerstehende Fensterbordelle zu beziehen und als Design-Ateliers zu nutzen. Die hochgewachsene, charismatische Frau mit der platinblonden Pony-Frisur „denkt mit beiden Gehirnhälften“. Und wahrscheinlich ist sie genau deshalb so erfolgreich mit dem, was sie tut. Ihr Unternehmen fungiert als Bindeglied zwischen kreativen Talenten auf der einen und der Industrie auf der anderen Seite. Die ehemalige Chefdesignerin, Projektmanagerin und Chefeinkäuferin verfügt über die allerbesten Kontakte im Fashion Business und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die exakt richtigen Leute für die richtigen Positionen zu finden. Die wichtigsten Kriterien dabei: Liebe und Leidenschaft für den Job. Marriette wohnt und arbeitet inzwischen seit 14 Jahren im Red Light District und findet die Vielfältigkeit und Dynamik des Viertels höchst spannend. Und spätestens mit dem Einzug der Designer vor einigen Jahren ist ein komplett neuer Spirit in das einstige Schmuddel- und Problemviertel eingekehrt. Ein gutes Beispiel dafür ist das KreativDuo And Beyond, das im Rahmen der Red Light Fashion Initiative seit vier Jahren in den Rotlicht-Wallen ansässig ist: Jolanda van den Broek und Brigitte Hendrix, Absolventinnen der renommierten Gerrit Rietveld Akademie, fungieren als DesignStudio und genießen den „Blick durch die rote Brille“. „Das hier ist wie ein kleines 99


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Dorf, eine sehr vibrierende und lebendige Gegend. Wir sitzen hier mitten in einem Paralleluniversum: Wenn wir bis spät nachts arbeiten, dann ist die ganze Straße wach. Das ist extrem belebend.“ Die jungen Frauen sind international erfolgreich und entwerfen Konzepte für Ausstellungen, übernehmen die Art Direktion von Events oder fertigen limitierte Serien anstelle von kompletten Kollektionen. Ihr Name verrät, dass sie die üblichen Grenzen von Modedesign überschreiten und ein gutes Stück weitergehen. Apropos Weitergehen: Einen Abstecher wert ist auch die kleine, unscheinbare Sint Jansstraat, eine schmale Seitengasse, in der beispielsweise der Keramikkünstler J. C. Herman seine Werkstatt + Shop hat, in dem regelmäßig Theater- und Konzertabende stattfinden. Und ein paar Läden

weiter haben Zoe Gottehrer (Cake Amsterdam) und Julie Wintrip (Queen of Tartes) Quartier bezogen und fertigen Cupcakes und fantastische Torten. In ihrem Fenster stehen die herrlichsten Konditor-Kreationen. Und nur ein paar Fenster weiter: Frauen aus allen Teilen der Welt. A bittersweet Symphonie …Wer dieses Amsterdam einmal für sich entdeckt hat, wird die Stadt für immer mit anderen Augen sehen.

links: AND BEYOND Designerinnen Jolanda van den Broek und Brigitte Hendrix schaffen Stoffe, so federleicht wie Wolken. Ihre surrealistischen Modelle wirken wie Traumgebilde. oben: Der Keramikkünster J.C. Herman nutzt seine Werkstatt auch für Theater- und Musik-Events.

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All images by ASSOULINE


Immer der Nasa nach Was macht ein Clown im Weltall? Er erfüllt eine „poetisch-soziale Mission“, in der ein Wassertropfen die Hauptrolle spielt. von Petra Dietz

uy Laliberté ist Künstler, Multimillionär – und ein Weltraumtourist mit Visionen. Am 30. September 2009 ging er in Baikonur, Kasachstan an Bord der Raumkapsel Sojus TMA-16. Sein Ziel: die Internationale Raumstation ISS. Zehn Tage erlebte der Gründer des Cirque du Soleil die Erde aus einer einzigartigen Perspektive, einem Blickwinkel, der den meisten Menschen auf diesem Planeten versagt bleibt. „Wie lebendige Kunst vor deinen Augen“, schilderte Laliberté seine Eindrücke aus dem All. Den Raumflug organisierte die US-amerikanische Firma „Space Adventures“, das weltweit erste 103


Unternehmen, das Weltraumflüge für Touristen anbietet. Guy Laliberté als charismatischer Clown im Weltall sorgte international für Aufsehen. Seinen Trip zu den Sternen krönte er mit einer zweistündigen, live im Internet übertragenen Show. Ein Happening, das dem gebürtigen Franko-Kanadier ganz besonders am Herzen lag. Vom Weltraum aus machte Guy Laliberté mit einem Tropfen Wasser auf der Nase und einer magisch-poetischen Show erfolgreich Public Relation für „One Drop“, einer von ihm initiierten Wohltätigkeitsorganisation. Die Foundation setzt sich für den Zugang zu frischem Trinkwasser und gegen die Wasserverschwendung auf unserem Globus ein. Seine WeltallExpedition dokumentierte Guy Laliberté mit faszinierenden Aufnahmen, die unser Sein in eine geradezu philosophische Perspektive rücken.

liberté hat jede dieser Hürden genommen, gemeinsam mit zwei anderen Kosmonauten trainierte er mehrere Wochen. In Simulatoren wurde er auf das Leben in der Sojus-Kapsel und der Raumstation vorbereitet. Angst hatte der couragierte Clown nicht. Kurz vor seinem Abflug berichtete er: „Ich fühle mich absolut sicher, da ich mit zwei erstaunlichen Männern fliege, denen ich absolut vertraue. Ich habe Schmetterlinge im Bauch. Bis zum Abflug sind es nur noch wenige Tage – ich bin total gespannt.“ Die beiden erstaunlichen Männer waren übrigens der russische Kosmonaut Maxim Surajew und der US-Astronaut Jeffrey Williams. Fitness alleine bringt einen jedoch noch nicht in die Umlaufbahn. Dafür muss nicht nur der Körper, sondern auch das Konto in Höchstform sein. Für die zehntägige Sternenexpedition musste Laliberté etwa 35 Millionen Dollar hinblät-

linkes Bild: Guy Laliberté mit Kosmonaut Maxim Surajew und US-Astronaut Jeffrey Williams samt Crew an Board der Raumkapsel Sojus TMA-16. rechtes Bild: Der Gründer des Cirque du Soleil hat im November 2010 den begehrten Stern auf dem „Walk of Fame“ in Hollywood erhalten.

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uch wenn es der Lebenstraum vieler ist, man fliegt nicht einfach mal ins All. Bislang waren nur sieben Menschen, Laliberté eingeschlossen, als Weltraumtouristen in den Weiten unserer Galaxie unterwegs. Nicht jeder hat das Zeug zum Raumfahrer. Grundvoraussetzung ist, dass Kondition und Gesundheit mitspielen. Auch Guy Laliberté musste einige Tests über sich ergehen lassen, schließlich ist ein Raumflug mit Risikofaktoren verbunden. Die enormen Beschleunigungsbelastungen oder auch die Schwerelosigkeit können sowohl physische als auch psychische Probleme verursachen. Für Weltraumtouristen-Anwärter gelten daher im Prinzip die gleichen Anforderungen wie für die Auswahl professioneller Raumfahrer. Verläuft der BodyCheck positiv, geht es ans Eingemachte. Der Kosmonaut in spe muss sich unter anderem heftigen Schleuder- und Druckkammertests unterziehen. Selbst die gefährlichste Achterbahn mit spektakulären Loopings ist dagegen das reinste Kinderkarussell. Guy La-

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tern. Als Frühbucher hätte er Geld gespart, der erste Weltraumtourist Dennis Tito zahlte für den spacigen Abenteuertrip 2001 „nur“ 20 Millionen Dollar. Mit dem Raumflug machte sich Guy Laliberté selbst ein großzügiges Geschenk zu seinem 50.Geburtstag und betrachtete die Aktion zugleich als gute Investition. Der Clown im Weltall schlug damit werbewirksam die Trommel für seine „One Drop“ Initiative und den Cirque de Soleil, der 2009 sein 25-jähriges Bestehen feierte. Geld spielt in Guy Lalibertés Leben keine allzu große Rolle. Kein Wunder, denn er hat ja genug davon. Das Vermögen des exzentrischen Künstlers wird auf etwa anderthalb Milliarden Dollar geschätzt. Mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund wurde Laliberté 1959 in Quebec aber nicht geboren. Der Selfmade-Millionär schlug sich in seiner Jugend als Straßenmusiker, Jongleur und Feuerschlucker durch. Er tingelte durch Europa und kehrt wieder nach Quebec zurück, wo er sich 1979 einer Stelzenläufergruppe anschloss. Etwas später organisierte er Auftritte der Künstlergruppe La Fète Foraine. Das schien er recht


Vom Straßenkünstler zum Milliardär: Mit der Gründung des Cirque du Soleil hatte Guy Laliberté den richtigen Riecher.

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Das Kaspische Meer ist der größte See der Erde. Als natürliche Grenze teilt es die Kontinente Europa und Asien.

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Der Euphrat, größter Fluss Vorderasiens, entspringt in der Türkei. Diese wild verzweigte Flusslandschaft ist heute noch ein wichtiges Wasserreservoir.

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gut zu machen, denn 1983 erteilte ihm die Provinzregierung den Auftrag, die 450-Jahr-Feier von Quebec zu organisieren. Dafür erhielt Laliberté anderthalb Millionen Dollar und gründete den Cirque de Soleil. Der Zirkus wurde nach der Jubiläumsfeier nicht aufgelöst, im Gegenteil. Die Akrobatentruppe tourte zunächst durch Kanada, später dann auch durch die USA. Mittlerweile gibt es verschiedene Cirque du Soleil Ensembles, sechs gehen weltweit auf Tournee, sieben treten in eigenen Theatern auf. In der Spielermetropole Las Vegas sind sie gleich sechsmal zu sehen, unter anderem im berühmten Hotel Bellagio, wo sie mit der Show „O“ das Publikum mit Akrobaten, Synchronschwimmern, Tauchern und Schauspielern von Weltklasse verzaubern. Der Cirque du Soleil ist kein Zirkus im klassischen Sinne. Es gibt keine Manege und keine Tiere, dafür aber

in einigen Teilen der Welt im Überfluss zur Verfügung steht, sind anderswo Wassermangel oder verschmutztes Wasser die Ursache von Armut und Krankheiten. Jahr für Jahr sterben mehr als drei Millionen Kinder als Folge mangelnder Versorgung mit sauberem Wasser. Ist das nicht Grund genug, aktiv zu werden?“ Das wurde Laliberté, als er am 9. Oktober die wirklich einzigartige, zweistündige Show „Moving Stars and Earth for Water“ aus dem Weltall moderierte und so auf die Gefährdung der Trinkwasserreserven der Erde durch Klimawandel und Gewässerverschmutzung aufmerksam machte. Mit einem rezitierten Gedicht über ein Gespräch von Sonne, Mond und einem Tropfen Wasser wurde das SpaceSpektakel eingeläutet, das gleichzeitig in 14 Städten und auf fünf Kontinenten stattfand. Gemeinsam mit dem Cirque du Soleil hat Laliberté eine Darbietung

linkes Bild: Guy Laliberté dokumentiert die aktuellen Wasserreservoirs unseres Planeten. Seine Fotos, aufgenommen aus dem Weltall, veröffentlicht er in dem Bildband GAIA. rechtes oberes Bild: Wasserschutz von der ISS aus betrachtet. rechtes unteres Bild: zu 71% bedeckt Wasser die Erdoberfläche – dennoch ist Wasser eines der begehrtesten Güter der Menschheit.

erstklassige Artisten und jede Menge poetische Magie. Guy Laliberté kreiert Märchen für Erwachsene, entführt sie in mystische Welten. Er ist wohl im Herzen noch ein kleiner Junge, der gerne träumt. Auch das Spielen ist seine Leidenschaft, allerdings eine äußerst kostspielige. Bei den World Poker Championships 2007 gewann er immerhin 700 000 Dollar, nur um 2008 wieder Millionen zu verlieren. Aber das kann Laliberté gut verkraften. Der Cirque de Soleil wirft genug ab - für ihn und für wohltätige Zwecke. Nach eigenen Angaben spendet er ein Prozent des Gewinns.

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ie ein typischer Multimillionär wirkt Guy Laliberté tatsächlich nicht. Ein drahtiger Mann mit wenig Haaren und viel Gefühl, vor allem für seine Mitmenschen: „Wir trinken alle aus derselben Quelle. Wasser ist das Element, das uns Menschen miteinander und mit unserem Planeten verbindet. Doch während dieses kostbare Gut

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ausgearbeitet, die artistische Vorführungen mit Zuschaltungen aus der Internationalen Raumstation verknüpft. Ein immenser Aufwand. Doch für Guy Laliberté heiligt der Zweck die Mittel. „Als ich vor Jahren hörte, dass alle acht Sekunden ein Kind durch verschmutztes Wasser stirbt, wusste ich, dass dies ein dringendes Anliegen ist“, so der Artist aus dem All. Der visionäre Künstler bekam prominente Unterstützung von der Erde. So meldeten sich der frühere US-Vizepräsident Al Gore und der bekannte kanadische Umweltschützer David Suzuki zu Wort. Weitere Künstler wie die Sängerin Shakira, die Schauspielerin Salma Hayek und der Musiker Peter Gabriel nahmen ebenfalls an dem Event teil. Und natürlich ließ es sich auch U2Frontman Bono nicht nehmen, während eines Konzerts in Florida live mit dem Space-Clown zu plaudern. Er bezeichnete das Happening als „Ereignis, das nicht von dieser Welt ist“. Womit er ja durchaus Recht hat. Ein Clown im Weltall, das ist wahre Poesie.


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Die Hochplateaus von Tibet sind gepr채gt von ihrem w체stenhaften Charakter.Umso mehr sticht der Duli Shihu mit seinem kr채ftigen Blau heraus.

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SCHRITT 114


MACHER

Fotos von AndrĂŠ Hemstedt & Tine Reimer

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Jacket LOUIS VUITTON, Shirt HERR VON EDEN, Trousers BOTTEGA VENETA

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Coat HERR VON EDEN Trousers DIOR HOMME Shoes DOC MARTEN’S

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Top DIOR HOMME Trousers BOTTEGA VENETA Shoes BURBERRY PRORSUM

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Sweater DIOR HOMME Trousers JIL SANDER

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Top JIL SANDER, Trousers BURBERRY PRORSUM Boots DIOR HOMME, Shirt HERR VON EDEN

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Styling: Oliver Arlt, Blossom Management / Hair & Make-up: Stephanie Trinkaus, Blossom Management / Styling Assistenz: Nadine von Seggern / Models: Johannes Linder, PMA und Bastian Thiery, Viva


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Foto linke Seite: bjweeb / flickr.com; Fot rechte Seite: UK Parliament

Big Ben Es gibt nur eine Uhr auf der Welt, deren Glockenschlag das Symbol einer ganzen Nation darstellt: Big Ben. Vor 150 Jahren galt sie als Wegweiser für die Zukunft, als Fortschrittsgedanke des britischen Königreichs. Heute ist Big Ben Londons größtes Wahrzeichen, und erzählt selbst Geschichte. von Katja Hübner 123


an kann sie sich auf YouTube anhören. Eine Sequenz von vier Tönen, gefolgt von einem tiefen Stundenton. Ein Geläut, das so berühmt ist wie sein Name selbst, den es trägt: Big Ben – eigentlich der Name der Glocke, die diese Melodie hervorbringt und vor 152 Jahren zum ersten Mal schlug. Schon lange aber ist Big Ben der Ausdruck für ein Gesamtkunstwerk geworden. Für die Uhr und deren Turm, für die Zeit und für London. Big Ben, das ist „The Voice of Britain“, Markenzeichen einer Stadt und Symbol für die gesamte Nation. Ob als Aufkleber, Anstecker oder Wandtattoo – Big Ben hält Einzug in jeden Warenkorb. Und die sechs Buchstaben werden weltweit zum Sinnbild einer ganzen Insel. Der Weg hinauf auf den Glockenturm ist beschwerlich. Ein halbes Jahr vorher muss eine Tour dorthin beim zuständigen Wahlkreisabgeordneten angemeldet wer-

Die Turmuhr ist ein technisches Meisterstück, 250 Kilogramm schwer und hergestellt vom Uhrmacher Edward John Dent. Sie wird von einem knapp vier Meter langen Pendel mit einer Schwingdauer von exakt zwei Sekunden angetrieben. Die riesigen Zeiger auf dem gigantischen Zifferblatt – mit immerhin einem Durchmesser von sieben Metern – werden von großen Zahnrädern bewegt. Als die Uhr am 31. Mai ihren Dienst begann, hat allerdings kaum

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jemand Notiz von ihrer Bedeutung genommen. Techniker setzten das Uhrwerk einfach in Gang, ohne feierliche Pose und unbemerkt von der Öffentlichkeit. Nicht einmal der genaue Zeitpunkt ihres Tickens ist festgehalten. Dabei hatte die Big-BenUhr das damals genaueste mechanische Uhrwerk der Welt. Noch heute arbeitet die „Great Clock of Westminster“ sehr präzise, auch wenn man dabei mitunter etwas nachhelfen muss: Traditionell werden PennyMünzen auf das Pendel gelegt, um so Schwerpunkt und Schwingdauer zu verändern. Ein Penny beschleunigt die Uhr um vier Zehntel Sekunden in 24 Stunden. Mit dieser Berechnung weiß man, ob man noch einen Penny draufpacken oder einen wegnehmen muss. Drei Mechaniker kümmern sich darum. Man nennt sie die Keeper of the Great Clock, die Hüter der Großen Uhr.

Fotos linke Seite: UK Parliament / Foto rechte Seite: getty images

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den. Der neugotische Parlamentsbau an der Themse ist knapp 94 Meter hoch, er wurde von Augustus Pugin, einem englischen Architekten entworfen. Über 334 Stufen führt eine schmale Wendeltreppe in die Spitze, vorbei am Uhrwerk bis hin zur großen Glocke. Sie wiegt 14 Tonnen und nach ihr ist der ganze Turm benannt. Bis heute ist allerdings unklar, ob nun der Schwergewichtsboxer Ben Caunt oder Sir Benjamin Hall, der „First Commissioner of Works“ für den Namen Pate standen. Der erste Versuch, die berühmte Glocke in Schwung zu setzen, erfolgte bereits 1857, da wog sie noch 17 Tonnen. Er scheiterte wegen ihrer Schwere und Big Ben ging zu Bruch. Am 31. Mai 1859 jedoch schlug die Glocke, neu gegossen und um drei Tonnen leichter – und läutete damit eine neue Ära ein. Von diesem Moment an wurde das Westminstergeläut zur Erkennungsmusik von Zeit und Gesellschaft – und war gleichzeitig ein Paukenschlag industrieller Zuversicht, mit der Königin Viktoria ihre Regierungszeit begann.


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indestens dreimal die Woche steigen sie die vielen Stufen hinauf in die Zentrale, den Maschinerie-Raum. Montags, mittwochs und freitags ziehen sie dort das Uhrwerk auf. Dieser Job ist vermutlich so Schweiß treibend wie der Gang nach oben. Zwar werden die Gewichte für das Glockengeläut, die eine Tonne und mehr wiegen, seit Jahrzehnten mit Elektromotoren durch den Turmschacht hinauf gewunden. Für das 250-Kilo-Gewicht des Uhrwerks aber ist noch wie am ersten Tag eine Handkurbel im Einsatz. Die Keeper of the Great Clock kurbeln so lange, bis die Uhr für längere Zeit wieder weiterticken kann. Und das dauert in etwa eine Stunde. Was wie Old School klingt, wie ein Glockenschlag aus ferner Zeit, ist zugleich ein Nachweis von Beständigkeit. In den mehr als anderthalb Jahrhunderten seit ihrer Inbetriebnahme ist auf die Uhr immer Verlass gewesen. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen: Einmal fiel sie aus, weil ein Mechaniker beim Auswechseln einer Glühbirne ins Uhrwerk rutschte. Einmal war sie zugefroren, und dann wiederum war es an einem Tag so heiß, dass sie schlicht stehen blieb. Ansonsten wird Big Ben für Pünktlichkeit immer noch gerühmt. Das bringt auch praktischen Nutzen mit sich. So erfolgt etwa der Einsatz des Ehrensaluts am „Rememberance Day“, dem Volkstrauertag, von Big Ben aus. Schon seit 1923 leitet die BBC ihre Nachrichten mit dem Stundenschlag der Uhr ein. Dabei wird er, damals wie heute, nicht vom Tonband eingespielt oder digital erzeugt. Ein Satz Mikrofone ist an einer Strebe des Turmdachs montiert und nimmt das Geläut auf. Jeden Tag um Punkt sechs und Punkt zwölf Uhr schlägt Big Ben live im Radio. Und auch für viele Londoner ist Big Ben immer noch das Maß aller Dinge. Die Zeit, welche die Turmuhr anzeigt, ist die, die zählt. In jeder Neujahrsnacht startet das große Londoner Feuerwerk an der Themse dann, wenn der erste Schlag der großen Glocke beginnt. 126

Smantha / flickr.com

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Am 31. Mai 1859 schlägt Big Ben zum ersten Mal und läutet damit eine neue Ära ein.


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NIGHT THRILL Silent UK, so nennen sich Urban Explorers, die sich einst rein zuf채llig trafen auf der Suche nach demselben Thrill, denselben Abenteuern. Es sind junge M채nner wie du und ich, aber von Zeit zu Zeit packt es sie und aus gechillten Jungs werden Adrenalin-Maniacs. Silent UK im Exklusivinterview mit Susanne Filter / Fotos von Silent UK

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Was genau ist Stadterkundung? Was macht eure Gruppe aus, und wer beteiligt sich daran? Dorthin zu gehen, wo es nicht erlaubt ist – das ist wohl die Essenz der Stadterkundung. Verbotsschilder zu ignorieren, um zu erkunden, was sich dahinter verbirgt. Die Neugier zu befriedigen, das zu sehen, was man normalerweise nicht zu sehen bekommt. Das kann bedeuten, dass man sich in verlassene Häuser begibt, in Industrieruinen und in den Untergrund der U-Bahn, auf Baustellengelände. Man klettert Kräne hoch und Türme, watet durch die Kanalisation oder durch geflutete Bunker. Alles ist möglich, solange es die Leute interessant finden. Wir sind eine Gruppe, die diese Plätze ausfindig machen will. Mit zweierWürdet ihr „global explora- lei Anspruch: Zu erkunden und gleichzeitig tion“, also Stadterkundung, zu dokumentieren, für uns und auch für die als eine globale Bewegung anderen. bezeichnen? Definitiv. Stadterkundung gibt Was ist das Durchschnittsalter der es überall, die Entdecker und Gruppenmitglieder? deren Communities sitzen in So etwas gibt es nicht konkret. Wir erkunallen Ecken der Welt: Russland, den mit Leuten, die sind um die 40, und Australien, Amerika, Europa. dann wiederum mit 17-Jährigen. Das ist die Auch die Länder, die keine ei- Spanne, in der sich das Alter unserer Mitgenen Gemeinschaften haben, glieder bewegt. Müsste ich jetzt eine Grupwie zum Beispiel die Mongolei pe benennen, die besonders stark vertreten oder Indien, empfangen auslän- ist, dann wäre es die der Mitte bis Ende dische Besucher, die dort ihrem 20-Jährigen. Hobby nachgehen. Stadterkundung ist eng gekoppelt mit Reisen. Deshalb kann man ihre Anhänger überall treffen, außer natürlich in der Antarktis.

Wie habt ihr Jungs euch eigentlich kennen gelernt? Es ist ja bestimmt nicht einfach, Leute mit so einem eher unüblichen Hobby zu finden ... Durch Zufall. Wir haben zur gleichen Zeit ein verfallenes Versteck erkundet, und sind dort aufeinander geprallt. Als wir feststellten, dass wir die gleiche Motivation hatten, haben wir uns zusammengetan: Regelmäßige Treffen, gemeinsame Aktionen, Austausch mit anderen Gruppen. Das ist jetzt ungefähr sechs Jahre her. Vielleicht hätten wir uns sonst auch über das Internet kennen gelernt, dort kann man ja heute die Leute mit den verrücktesten Hobbys ausfindig machen. Vor 20 Jahren wäre das noch unmöglich gewesen.

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Die meisten Dinge scheinen schon entdeckt oder erkundet zu sein. Wo findet ihr ungesehene Welten? Technisch gesehen sind die Locations natürlich alle schon erkundet. Sie sind ja irgendwann in der Geschichte einmal gebaut worden, waren Eigentum oder bewohnt. Das Verlassene entsteht aber erst durch Dinge, die zu einem gewissen Zeitpunkt auch mal vorhanden waren. Wenn Jahre vergehen, zerbrechen die Strukturen, gehen in Nutzlosigkeit über, in Verfall. Alles verändert sich. Die Natur und der Moder nehmen den Orten ihre Identität und ihre Atmosphäre. Es ist die neue Atmosphäre, die wir dann anfangen, zu erkunden. Wir kehren an die verwaisten Orte zurück und entdecken sie in einem unbeanspruchten, einzigartigen Licht. Das ist für uns die ungesehene Welt. Was war für euch die bislang aufregendste Tour? Das war das Klettern an der Brooklyn Bridge in New York. Das hatten wir schon lange vor, nachdem wir 2009 die Williamsburg-Brücke erklommen haben. Nun hatten wir dieses Jahr endlich die Möglichkeit. Ein paar Tage vor unserer Ankunft allerdings wurden gerade Erkunder an einer anderen Brücke festgenommen und 134


eines Schwerverbrechens angeklagt. Natürlich waren wir deshalb etwas paranoid. Stünde uns das gleiche als Engländer bevor, hätten wir nicht nur ewiges Einreiseverbot nach Amerika, sondern es verhieße auch nichts Gutes für unsere Zukunft. In dieser Mischung aus Adrenalin und Angst haben wir uns also auf den Weg gemacht. Wir sind die Spannseile hochgeklettert, so schnell wir konnten, ohne Blick nach unten. Wir haben gebetet, dass uns niemand gesehen, oder die Polizei gerufen hat. Am Ende sind wir oben angekommen, und hatten ohne Zweifel eine der exklusivsten Aussichten über New York City. Selbst das Wort „atemberaubend“ kommt dem nicht nahe, was wir empfunden haben. Was war die gefährlichste Situation, in der ihr euch befunden habt? Im letzten Jahr erkundeten wir eine durchlässige Stelle des Wienflusses. Dort haben wir einen blitzartigen Sturm fotografiert. Es regnete nicht in dem Moment, und der Wasserstand im Tunnel, in dem wir uns befanden, war nur ein paar Zentimeter hoch. Wir waren uns sicher, dass, wenn sich das ändern sollte, wir genügend Zeit haben würden, rauszuklettern. Aber darin lagen wir absolut falsch! Der Regen setzte ein und war sekundenschnell. Das Wasser im

Tunnel stieg, der Fluss verdreifachte sich in Größe und Geschwindigkeit. Wir rannten so schnell wir konnten, aber der Fluss schwoll förmlich an. Wir mussten uns eingestehen, dass wir es nicht schaffen würden. Also kletterten wir in einen Nebentunnel, in dem wir – ohne Ausgang oben und unten – warteten und beteten. Sechs Stunden lang. Dann, endlich, beruhigte sich das Wasser, und ging so weit zurück, dass wir abhauen konnten. Das war die furchtbarste Erfahrung die wir je auf einer Erkundungstour gemacht haben. Und die, die dem Tod am nächsten kam.

Die Angst vor Verletzungen, Auswirkungen oder sogar vor dem Tod hilft einem dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen ...

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Muss man als „Stadterkunder“ furchtlos sein? Nicht unbedingt. Es kann zwar in manchen Situationen hilfreich sein, aber im Prinzip macht Angst die Erkundung aufregender. Furchtlos zu sein heißt ja nicht, dass man dadurch sicherer ist. Die Angst vor Verletzungen, Auswirkungen oder sogar vor dem Tod hilft beim Erkunden dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ist dieser Boden sicher? Kann ich das wirklich erklettern? Bringt mich das unerlaubte Betreten eines Militärgebiets ins Gefängnis? Angst oder Sorge schützen uns davor, zu schnelle Entscheidungen zu fällen, die unter Umständen im Desaster enden. Ihr müsst eine enorme physische Fitness haben. Seid ihr professionelle Kletterer? Nein. Die Mehrheit der Erkunder, die wir getroffen haben, und wir selber auch, haben eine durchschnittliche, normale Fitness. Klar gibt es auch Ausnahmen, manche sind spitze, andere wiederum haben schon Probleme beim Aufstieg einer leichten Steigung. „Urban Exploring“ ist ein Hobby, das im Grunde für jeden geeignet ist. Es hängt ja auch davon ab, was du erkunden willst. An einigen Orten musst du rennen oder klettern, an anderen brauchst du nur mal einen kleinen Zaun zu überspringen. Sind diese Expeditionen eigentlich so etwas wie eine Flucht aus dem Alltag? Für einige ja, für andere nein. Für viele von uns aber ist der Alltag oft einfach nur langweilig. Man wacht auf, geht zur Schule oder zur Arbeit, kommt zurück nach Hause, geht vielleicht noch in eine Bar, trinkt was, und dann beginnt alles wieder von vorn. Und täglich grüßt das Murmeltier. Erkunden gibt uns die Möglichkeit, mal was anderes zu machen, etwas wirklich Einzigartiges. Eine Nacht watest du durch die Kanalisation unter deiner Stadt hindurch, in einer anderen stehst du auf der Spitze des höchsten Wolkenkratzers. Erfahrungen wie diese trennen dich von sozialen Normen. Und sie erlauben dir, dich von der Monotonie des Alltags zu entfernen.

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Duett Fotos von Johannes Paul Spengler

Hamansutra Suit HELMUT LANG Lips CHANEL ROUGE ALLURE LIPSTICK IN FLAMBOYANTE, CHANEL PRECISION LIP LINER IN ROUGE 24 138


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Body Suit AGENT PROVOCATEUR Top LA PERLA On skin MALIN & GOETZ VITAMIN E FACE MOISTURIZER Eyebrows DIOR DIORSHOW BROW, UNIVERSAL BROWN Eyes CHANEL LIQUID EYESHADOW 60

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Full Length Coat: MELTED PLASTIC, Shirt: ITZIAR VAQUER

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Styling: Emma Cali / Make up: Justin St. Clair / Hair: Teddi Cranford / Models: Karlijn, New York Models; Jing Ma, Muse Managment / Post production: retouched.de / Photo Assistant: Yubi Hoffman / Digital Assistant: Ally Lindsay

Eyes LANCÔME HYPNÔSE DOLL LASHES IN SO BLACK, Lips DOLCE & GABBANA LIPSTICK IN SEDUCTION Eyeshadow NARS IN COCONUT GROVE, Cream Eyeshadow SHU UEMURA IN P TAUPE


Hamansutra Suit HELMUT LANG On skin CAUDALIE EAU DE BEAUTÉ SPRAY

Spitzenkleid YVES SAINT LAURENT Halsreif ELIE SAAB

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* In-vitro-Tests.

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PATEK PHILIPPE Ladies‘ World Time Automatic White Gold & Diamonds

1839 In Genf gründen Antoine Norbert de Patek und Adrien Philippe die Uhrenmanufaktur Patek Philippe, die bald eigene Maßstäbe setzt. 1931 Die Brüder Charles und Jean Stern kaufen die Uhrenmanufaktur Patek Philippe. Die Familie Stern besitzt bei Bern eine renommierte Zifferblattfabrik. 1989 Zum 150-jährigen Jubiläum des Unternehmens präsentiert Patek Philippe die „Caliber 89“, die bis heute mit 1.728 Einzelteilen die komplizierteste tragbare mechanische Uhr ist. 1999 Die Taschenuhr „Henri Graves“ wird bei Sotheby’s in New York die Rekordsumme von 17,2 Mio Schweizer Franken geboten. 2001 Das Patek-Philippe-Museum in Genf wird eröffnet. 148


â&#x20AC;&#x17E;Fortiter in re, suaviter in modo.â&#x20AC;&#x153; Stark in der Sache, sanft in der Form. Horaz


„Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg.“ Laotse


IWC Portugieser Yacht Club Chronograph Edition «Volvo Ocean Race 2011-2012» Titan

IWC steht für Passion und technischen Erfinderreichtum. Die Ursprünge dieser renommierten Uhrenmanufaktur legte 1868 die Amerikanerin Florentine Ariosto Jones in Schaffhausen. Seit dieser Geburtsstunde produziert das Unternehmen Uhren mit vorbildlicher technischer Innovation und exklusivem Design. Der „Portugieser Yacht Club Chronograph“ wurde speziell zur Volvo Ocean Race 2011/2012 entwickelt. Als offizieller Sponsor des Abu Dhabi Ocean Racing Team, welches hervorsticht durch das Beste an Technologie und Design, fand man eine gelungene Analogie: Die elegante Yacht schimmert so schwarz wie das Zifferblatt dieser klar und auffallend edel designten, dennoch sportlich wirkenden Uhr. 151


HUBLOT Big Bang Automatik Limitierte Edition (250) Edelstahl

Hublot meldet sich zurück im Segment der Luxusuhren. Traditionelle Uhrmacherkunst kombiniert mit modernen Materialien – das ist eine Brücke in die Gegenwart und darüber hinaus. Jean Claude Biver, CEO von Hublot Genève, stellt den Begriff Fusion in den Mittelpunkt. Die „Big Bang“ wird aus Materialien geschaffen, die im Hightech-Schiffsbau Verwendung finden: Carbon, Titan, Kevlar und Keramik. Wer es noch nicht wusste, Hublot bedeutet Bullauge. 152

„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Buddhistische Weisheit


„Indit in humanis divina potentia rebus.“ Im Menschlichen spielt die göttliche Allmacht. Ovid

BUCHERER Linie Patravi T-Graph Rotgold

Männlich, modisch und mechanisch ausgeklügelt, das könnten die Keywords für die neuesten Uhrenmodelle von Bucherer sein. Auffällig ist der sehr eigenständige farbige Akzent – alle Modelle sind in einem warmen, edlen Braunton gehalten. Zeit ist nicht einfach das Zählen von Stunden. Auch Funktionen wie Chronograph, Großdatum und Gangreserve erhalten eine optische Bedeutung. Außergewöhnlich ist die Flyback-Funktion, die den Chronographen mit nur einem Knopfdruck neu startet. Die Patravi T-Graph weist als technische Raffinesse Zeiger auf, die sich nicht retrograd verhalten. Dies wurde erstmalig in einer Kombination aus Tonneaugehäuse, Chronograph und Großdatum integriert. 155


„Omnia tempus habent.“ Alles hat seine Zeit. Cicero

JAEGER LECOULTRE Duomètre à Chronographe Weißgold

Diese Uhr ist die absolute Krönung unter den Chronographen. Als mikromechanisches Kunstwerk ist das „Dual-Wing“ Kaliber mit zwei separaten Gangreserven ausgestattet. Präzise bis auf die sechstel Sekunde, verfügt sie ebenso über eine Blitzsekundenanzeige. Ein Zähler zeigt die blitzende Sekunde in 6 Einheiten an, die direkt mit der Chronographensekunde verbunden ist. So ist für den Chronographen keine Kupplung mehr erforderlich. Ein besonderes Highlight ist das edel und reich verzierte Uhrwerk. 156


„Finis coronat opus.“ Das Ende krönt das Werk. Ovid

CHRONOSWISS Grand Opus Chronograph Rotgold

Chronoswiss ist eine deutsche Uhrenmarke, die 1981 von Gerd-Rüdiger Lang in München aus der Taufe gehoben wurde. Ausschließlich hochwertige Materialien und der manuelle Zusammenbau jeder der rein mechanischen Uhren gehören zur Unternehmensphilosophie. Das Design besticht durch zeitlose Eleganz und ist angelehnt an das Design der Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert. Zu den Innovationen gehören Regulator-Zifferblätter und Zifferblattemaillierung, die Viertelstundenrepitition, sowie der erste skelettierte Automatik-Chronograph Modell Opus. Der „Klassik Chronograph“ wurde mit Hilfe von Originalwerkzeugen aus den 40er Jahren hergestellt. 159


MAURICE LACROIX Masterpiece Roue Carée Seconde Edelstahl

Die Präsentation der ersten Automatik-Manufakturwerke von Maurice Lacroix war in journalistischen Fachkreisen eine kleine Sensation. Mit der Entwicklung der ersten quadratischen Rädermechanik in der Geschichte der Uhrmacherei setzt Maurice Lacroix neue Maßstäbe. Diese Mechanik ist ein absoluter Blickfang. In diesem Jahr wurde der Fokus auf die Sekundenanzeige gesetzt. Dank der gleichmäßigen Bewegung des quadratischen Rades erwacht die kleine Sekundenanzeige vor den Augen des Betrachters zum Leben. Ihre hervorstehenden phosphoreszierenden Ecken erinnern an das permanente Fortschreiten der Zeit. Das quadratische Rad wird durch ein gezahntes kleeblattförmiges Rad aktiviert. Beide Räder greifen mit derselben Präzision ineinander wie klassische runde Zahnräder. Seine kontinuierlichen Bewegungen sorgen für ein eindrucksvolles visuelles Schauspiel. 160


„Wenn ich die Folgen geahnt hätte, wäre ich Uhrmacher geworden.“ Albert Einstein


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Der StundenTee

Foto : getty images

Leise, fließende Bewegungen und absolute Konzentration: vier Stunden für eine köstliche Schale Tee. Die japanische Teezeremonie ähnelt einer Choreographie von Pina Bausch, abgespielt in gnadenloser Zeitlupe. Kein Europäer sollte meinen, sie gleich zu verstehen, schließlich feilten Feingeister Jahrhunderte an ihrem Ablauf. Dem Teemeister geht es nicht um Perfektion, sondern um den beschwerlichen Weg zu ihr. von Oliver Herwig


Foto: Oliver Herwig


„Die nicht die Kleinheit großer Dinge in sich fühlen, die werden auch die Größe kleiner Dinge übersehen.“ fen die Gaijin hinein, folgen dem gewun-

D er Englische Garten glüht im letzten Herbstlaub. Touristen eilen zum Monopteros, Einheimische blinzeln in die Sonne, niemand nimmt Notiz von einer kleinen Gruppe, die geduldig hinter dem Haus der Kunst wartet. Sie wollen zu einer Holzhütte mitten im Eisbach, zum japanischen Teehaus. An wenigen Tagen dürfen Besucher der rituellen Teezubereitung beiwohnen. Heute ist es soweit, zum letzten Mal in diesem Jahr. In München beginnt der Teeweg mit einer Brücke aus Granit und einem hölzernen Tor, dessen Schloss so tief angebracht wurde, dass man einen Augenblick fürchtet, auf Knien hereinrutschen zu müssen. Punkt zwei Uhr nähert sich eine Gestalt im dunklen Kimono, kurze Haare, kantiges Profil. Augenblicklich verstummen die Gespräche. Einer nach dem anderen schlüp-

denen Pfad flach geschliffener Trittsteine. Fünf Euro kostet der symbolische Eintritt, dafür gibt es später Tee und ein „Higashi“, ein Plätzchen, das fast nur aus Zucker und Reismehl besteht und leicht karamellisiert schmeckt. Erst schiebt man die Süßigkeit in den Mund, dann folgt der sämige Tee. Dünner Tee dauert eine Stunde, dicker Tee viereinhalb. Oder fünf. Wer sich auf die Teezeremonie einlässt, muss Geduld lernen. Alles ist Ritual, ein Tanz zwischen Teemeister und Gast. Weiches Licht fällt durch Papierbahnen. Die Hütte blitzt wie frisch gefallener Schnee. Viereinhalb Tatami, für japanische Verhältnisse ein ziemlich großes Teehaus. Vor uns summt ein dreibeiniger Wasserkessel über dem Holzkohlebecken. Sorgsam aufgereiht die Teegeräte: Hishaku, die Schöpfkelle aus Zedernholz und Chasen, der Teebesen, mit dem der Gastgeber den pulverisierten Tee schaumig schlagen wird. Rechts, in der Schmucknische, hängt eine Kalligraphie. Davor ein einzelner Zweig. Reduzierter können Blumenarrangements kaum mehr ausfallen. Durch den Vorhang aus Papier dringen die Geräusche der Stadt wie durch Watte. Die Welt da draußen mag es noch geben, wichtig ist sie nicht mehr. Schweigen erfüllt den Raum. Niemand wagt sich zu rühren. Endlich Bewegung. Eine Nische öffnet sich. In zwei Schritten schiebt der Gast die Wand zur Seite, kniend legt er seinen Bambusfächer auf die erste Matte und rutscht sich ein Stück in den Raum. Niemand soll sich im Teehaus über andere stellen. Das Teehaus bildet einen Ort der Gleichheit, einen Ort jenseits der Welt. Und weil die Samurai sonst nie ihre Waffen ablegten, bewegen sich Besucher noch heute leise wie Libellen durch den Raum. Der Kimono knistert, der Bambusfächer begrenzt den Sitzplatz. Behutsam zieht der Gast seinen Eingang zu. Wartet. Sieht 167


sich um, verneigt sich vor der Schmucknische. Erst, als der Gast seinen Platz eingenommen hat, taucht der Teemeister auf, schiebt seinen Eingang zur Seite, betritt den Raum, ebenfalls kniend. Ein stattlicher Mann im dunklen Kimono, ein Gesicht wie aus Bronze gegossen. Prächtig der Ornat, konzentriert die Mimik. Seine Verbeugung ist so tief wie die Begrüßung knapp ausfällt. Im Teehaus gibt es keinen Smalltalk, keine losen Worte. Aufgabe des Gastes ist, den erlesenen Geschmack des Gastgebers zu bewundern, und dieser erklärt bereitwillig, warum er einzelne Stücke ausgewählt hat, die dunkle Lackdose etwa mit dem goldenen Lotusblatt oder den einfachen Bambuslöffel, der sich so vollendet nach oben biegt.

ichts ist dem Zufall überlassen. Nicht die Handbewegung, mit der der Teemeister ein Tuch aus dem Gürtel zieht, faltet und die Teeschale säubert, die ohnehin vor Reinlichkeit blitzt, nicht die Kalligraphie in der Schmucknische und ganz bestimmt nicht die Temperatur des Wassers und die Konsistenz des Tranks. Grüner Tee schmeckt nach Heu und Spinat und hat die Konsistenz einer sämigen Brühe. Am Grunde der Schale ziehen sich Schlieren wie Schlingpflanzen in einem langsam fließenden Bach. Das Ritual dauert fast eine Stunde, und es gibt verschiedene Komplikationen. Es gehe nicht darum, alles perfekt zu machen, lernt der erstaunte Europäer, sondern darum, etwas „Mögliches zu vollenden“, sagte vor fast 100 Jahren Kakuzo Okakura. In seinem „Buch vom Tee“ philosophiert der fernöstliche Teemeister über den Weg zu sich und zum Tee: „Die nicht die Kleinheit großer Dinge in sich fühlen, die werden auch die Größe kleiner Dinge in anderen übersehen.“ Vier Grundsätze spiegeln sich in dem jahrhunderte alten Ritual: Harmonie, Ehrfurcht, Reinheit und Stille. Besucher sollen den Staub des Alltags ablegen, wenn sie den gewundenen Pfad nehmen und kurz innehalten. Trittsteine führen über ein Meer aus wogendem Kies. Er ist sauber, aber nicht leblos. Ein Blatt auf dem Boden macht ihn erst perfekt. Die Teezeremonie kennt keine Hierarchie. Hier können Bauer und Kaiser zusammenkommen, wenn sie die richtige Haltung mitbringen: Demut. All das können Besucher meditieren, während sie mit verknoteten Beinen auf dem Boden sitzen und sich schweigend dem Augenblick hingeben. Oder über den Bambusstab sinnieren und

Grüner Tee schmeckt nach Heu und Spinat Brühe.

Foto: © Olafur Eliasson und Ole hatHein die Pedersen Konsistenz einer sämigen

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den Kunstsinn des Gastgebers loben, sein Geschirr, seine Anmut. Seinen Sinn für den perfekten Tee. Zum Glück für uns Europäer gibt es Bänke im Teehaus. Nur die vordere Hälfte ist mit Tatami-Matten ausgelegt, weiter hinten darf man sitzen und die Schuhe anbehalten. Sujiya, Strohhütte, heißt der Teeraum wörtlich. Übertragen meint das Wort Stätte der Leere, aber auch Stätte der Phantasie. Ein solcher Ort ist Luxus in Japan, wo der Grund teuer ist. Er zeigt eine Pracht, die auf Gold und Brokat verzichtet und stattdessen Einfachheit predigt. Jede Geste zählt. Der Teemeister schlägt den Tee mit lockerer Hand wie Sahne, bald ähnelt das Getränk einer schaumigen Suppe, die beim dicken Tee zum Brei gerinnen kann. Bevor er die Schale seinem Gast reicht, dreht sie der Teemeister sachte. Ihre Schmuckseite soll zur Geltung kommen. Zweimal 90 Grad, der Gast nimmt die Schale mit großem Ernst entgegen, trinkt, betrachtet sie, lobt Zubereitung und Geräte, und gibt sie ebenso zurück.

Foto links oben, rechte Seite: getty images

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Die Teezeremonie kennt keine Hierarchie. Hier können Bauer und Kaiser zusammenkommen, wenn sie die richtige Haltung mitbringen: Demut.

ereite eine köstliche Schale Tee; lege die Holzkohle so, dass sie das Wasser erhitzt; ordne die Blumen so, wie sie auf dem Feld wachsen; im Sommer rufe ein Gefühl von Kühle, im Winter warme Geborgenheit hervor; bereite alles rechtzeitig vor; stelle dich auf Regen ein, und schenke denen, mit denen du dich zusammenfindest, dein ganzes Herz“, riet einst ein großer Teemeister seinen Schülern. Wer dieser Zeremonie beiwohnt, kann sich dem Zauber der langsam fließenden Zeit kaum entziehen. Eine Stunde dehnt sich, ohne an Spannung zu verlieren Die Teezeremonie ist ein Kunststück auf Zeit, eine Performance für zwei oder mehr Tänzer, die sich Zeit nehmen, aus ihrem Leben zu treten und sich dem Schönen anvertrauen: gedämpftem Licht, guten Gesprächen und der Gewissheit, umgeben zu sein von sorgfältig ausgewählten Dingen, die für sich genommen nichts wären, aber alles im Dienste einer Sache. „Dem Wesen nach ist die Teezeremonie eine Verehrung des Unvollkommenen, denn sie ist ein zarter Versuch, etwas Mögliches zu vollenden in diesem Unmöglichen, das wir Leben nennen“, erklärt Kakuzo Okakura, der vielleicht berühmteste Dichter des Tees. Daher gebe es kein Rezept, den Tee vollendet zu bereiten, ebenso wie es keine Regel gebe, einen Tizian zu malen. Schließlich scheint der Teemeister auf langsamen Rücklauf zu schalten. Geste für Geste verfliegt in der Luft. Schalen und Gefäße wandern zurück. Irgendwann ist nichts mehr zu sehen vom Teemeister und seinem Gast. Alles liegt wieder an seinem Ort. Die Hütte ist leer, als hätte sie nie jemand betreten. Vor der Tür liegen Blätter. Ginkoblätter. Sie leuchten feuerrot und gelb. Als Erinnerung an einen Moment, der nicht wiederkehrt.

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STEIN REICH

Wer einmal Schmuck von „Gem Palace“ getragen hat, ist für den Rest der Juwelenwelt verloren. Auch Prominente wie Lady Diana, Goldie Hawn und Marella Agnelli sind hier dem Glanz der bunten Edelsteine erlegen. von Patricia Engelhorn

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Es gibt Rubine, so groĂ&#x; wie Riesenbonbons, Peridote wie Weingummis und Diamanten wie Lollipops.

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ake it Mughal betitelte eine amerikanische Zeitschrift den jüngsten Schmucktrend aus Hollywood – seit Nicole Kidman vor ein paar Jahren zur „Golden Globe“-Verleihung mit indisch anmutenden Ohrringe vor die Kameras trat, gilt antiker Schmuck aus Indien als das ultimative Accessoire, ein „must have“ nicht nur in der exzentrischen Filmwelt. Christie’s in London hatte schon 1977 mit der ersten Versteigerung indischer Juwelen für Aufmerksamkeit gesorgt, richtig spektakulär aber wurde die September-Auktion 2003, als eine mit Smaragden und Diamanten besetzte Brosche aus der Mogul-Zeit für den Höchstpreis von 1.585.513 Euro den Besitzer wechselte. Für Liebhaber solcher Pretiosen gibt es ein fernes Paradies: Jaipur, Indiens Mekka der Juweliere. Fast achtzig Prozent aller Edel- und Halbedelsteine, die weltweit im Handel sind, werden hier geschliffen und poliert und es gibt wohl keine andere Stadt, in der Rubine und Smaragde, Türkise und Topase, Amethysten und Aquamarine in solchen Mengen vorhanden sind. Doch man lasse sich nicht blenden: Die Drei-MillionenStadt in Rajastan ist alles andere als ein Schmuckkästchen.

„Wer einen gestohlenen Stein kauft oder sich aneignet, wird verflucht. Wir haben ein Sprichwort das besagt, dass jeder, der Edelsteine stiehlt, sein Augenlicht verlieren wird.“ 172


Auf Jaipurs Hauptverkehrsstraße, der Mirza Ismail Road am Rande der pinkfarbenen Altstadt, schieben sich Horden von Tuk-Tuks, Fahrradrikschas, Bussen, Kamelwagen und Autos meterweise voran. Das Hupkonzert findet kein Ende. Es ist anstrengend. Es ist laut, heiß und staubig, kaum jemand geht hier freiwillig spazieren. Zwischen endlosen, ungepflegten Häuserfronten leuchtet „Gem Palace“ in verlockend frischem Weiß. Farbige Miniaturfresken, stuckverzierte Säulen und der stolze Hinweis „since 1852“ zieren die imposante Fassade. Ein repräsentativer Eingang fehlt allerdings. Wer Gem Palace betreten möchte, muss durch ein düsteres, enges Kabuff, einer Art Grenzzone zwischen zwei Welten. Meist hocken hier ein paar Männer auf dem abgewetzten Teppichboden – Fahrer, Führer oder sonstige Bedienstete, die sich leise im Halbdunkel unterhalten. Jenseits der Kammer ist es still und kühl. Räume wie aus einer anderen Zeit: schummerig, mit dicken Teppichen und Seidentapeten, mit alten Schränken und Holzvitrinen. In der Luft eine leicht modrige Duftmischung aus Rauch, Holzpolitur, Parfüm und Geschichte. Sinnlich, exotisch, fremd. Es ist das Reich der Familie Kasliwal – jedenfalls des männlichen Teils davon. Eine eingeschworene Sippschaft aus Brüdern, Cousins und Söhnen leitet den Laden in vierter Generation. „Kein anständiger Inder würde eine Frau auf ein Schlachtfeld lassen“, erläutert Sanjay Kasliwal die Spielregeln seines Landes. Aus einer mächtigen Holztruhe holt er einen Satz Schachfiguren hervor. Tatsächlich steht hier keine Dame, sondern ein Premierminister dem König zur Seite, beide reiten auf Elefanten. Anstelle der Türme sind Krieger auf Kamelen im Einsatz, während die Springer auf Pferden sitzen. Das Schachspiel stammt von den Maharadschas aus

Jaipur und die Figuren sind aus massivem Gold. Jede einzelne davon ist mit filigranen Emaille-Intarsien versehen – Menschen, Tiere, Uniformen, Sättel und Zügel glänzen in Rot- und Grüntönen, denn zum Emaillieren wurden früher zu Pulver zerriebene Edelsteine verwendet, meist waren es Rubine und Smaragde. Eine Frau hätte diese Pracht zu schätzen gewusst. Aber würde sie dafür in den Krieg ziehen? Sanjay Kasliwal schickt seine eigene nicht einmal in die Küche. Auch Kunden hält er von ihr fern. Gem Palace betritt sie nur, wenn sie selbst etwas braucht.

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ie Kasliwals sind die Juweliere der Maharadschas und der Millionäre. Könige, Aristokraten, Hollywoodstars und VIPs aus aller Welt haben sich über ihre antiken Vitrinen gebeugt, sich schwere Geschmeide umlegen lassen und kräftig dafür bezahlt. Auf Fragen nach Namen oder Summen wird der ansonsten gesprächige Sanjay Kasliwal schmallippig. Doch die Fotografien an den Wänden sprechen für sich: Lady Diana, die Clintons, Goldie Hawn, das japanische Kaiserpaar und zahlreiche indische Herrscher sind hier gewesen – kaum anzunehmen, dass sie Gem Palace mit leeren Händen verließen. Auch Susan Sarandon lächelt strahlend und leicht verschwitzt von der Wand. Um den Hals trägt sie ein schweres goldenes Collier, üppig besetzt mit Rubinen und Diamanten. 22.000 US-Dollar hat sie für das gute Stück bezahlt. Ob Tim Robbins deshalb so niedergeschlagen im Hintergrund hockt? „Nein, es war nur der Jetlag“, gibt Sanjay Kasliwal Auskunft, „wir haben ihm eine Tasse Tee gebracht, das hat geholfen“.

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Im Gem Palace kann man in ein Meer von Edelsteinen tauchen, sie einzeln wie Murmeln durch die Hände gleiten lassen oder in Schubladen voller Ketten greifen, glatt, glänzend, kühl und verführerisch. Nirgends wird man eine größere Auswahl finden. Nirgends eine breitere Farbpalette: tiefgrüne Smaragde und mintgrüne Turmaline, dramatisch glänzende schwarze Saphire, intensiv leuchtende Türkise, fliederfarbene Amethyste, wasserblaue, brandybraune oder blassgelbe Topase, blutrote Rubine, zart schimmernden Rosenquarz, mal stecknadelkopf-klein, mal pflaumen-groß oder in längliche Zylinder geschnitten, zu filigranen Ohrgehängen verarbeitet oder zu wuchtigen, mehrreihigen Colliers. „Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen, wie das gemacht wird“, sagt Pappu Kasliwal, ein grünäugiger Inder mit Todds an den Füßen und formvollendeten britischen Manieren. In kargen Kammern hinter und über den altmodischen Verkaufsräumen sitzen Dutzende von Handwerkern vor mittelalterlichen Schleifgeräten, Bunsenbrennern und Arbeitstischen. Massige Steinbrocken und Säcke voller Rohlinge lehnen an den Wänden, alles, was glänzt, ist Gold. Auch hier sind nur Männer am Werk, junge zumeist, mit feinen, flinken Fingern und wachen Augen. Sie arbeiten konzentriert, sitzen auf dem nackten Boden und lassen sich durch den Chefbesuch nicht aus der Ruhe bringen. Träge rühren ein paar Deckenventilatoren durch die heiße Luft, das Wasser zur Kühlung der erhitzten Schleifsteine kommt aus einem Gummischlauch. Man glaubt es kaum, doch hier werden Schmuckstücke mit Millionenwert geschaffen. Jedes ein Unikat, unverwechselbar, handgefertigt bis ins Detail. Es ist ein weiter Weg von diesen versteckten Werkstätten in Rajastan bis auf die Seiten eines westlichen Hochglanzmagazins. Gem Palace hat ihn bewältigt. Ein Ausschnitt aus der amerikanischen Vogue, gut und gerne ein paar Jahrzehnte alt, zeigt die italienische Stil-Ikone Marella Agnelli mit einem bezaubernden mehrreihigen Collier aus Smaragden und burmesischen Rubinen. „Mein Vater hat es für sie entworfen“, erzählt Sanjay Kasliwal, „sie hat es 40 Jahre lang zu beinahe jeder Gala getragen. Sicherheitshalber ließ sie eine Kopie anfertigen und Kopien dieser Kopie landeten unter anderem bei Nan Kemper und Annette de la Renta. Irgendwann gab es eine Wohltätigkeitsveranstaltung, bei der mehrere Damen den gleichen Halsschmuck trugen. Aber nur der von Marella Agnelli war ein echtes Stück aus dem Gem Palace.“ Die drei Meter lange Kette war damals schon sehr wertvoll, rund 70.000 Dollar, schätzt Pappu Kasliwal, dürfte Signora Agnelli dafür bezahlt haben. Heute kostet ein vergleichbares Juwel das Vierfache. Um ein ähnliches Modell zu zeigen, wühlt Pappu Kasliwal durch diverse Aluminiumkoffer, allesamt randvoll mit Pretiosen. Hat 174

irgendwer hier den Überblick? Weiß jemand, welche Werte so herumliegen? „Sie meinen, in Geld gerechnet?“, fragt er. „keine Ahnung“. Für die wichtigen Dinge hat er sich in den verschachtelten, großflächigen und mit Truhen, Tischen und Vitrinen voll gestellten Verkaufsräumen eine eigene Ordnung geschaffen. Mal greift er ins hinterste Eck eines Regals und angelt ein Päckchen Zigaretten hervor, mal langt er über einen Schrank und holt ein verstaubtes, zerschlissenes Seidenetui herunter. Darin liegt ein Halsreif, 200 Jahre alt, unverkäuflich, ein Museumsstück. Von unschätzbarem Wert, denn haselnussgroße Diamanten, wie sie auf der Vorderseite des massiven Goldreifs eingearbeitet wurden, gibt der Handel heute kaum noch her. Und die Arbeit, die gesamte Rückseite des Colliers mit farbenprächtigen Emaille-Intarsien zu verzieren, macht sich auch keiner mehr. Wozu auch? Wer sieht schon die Rückseite eines Colliers? „Niemand“, gibt Pappu Kasliwal zu, „aber wer diesen Halsschmuck getragen hat, wusste, dass er etwas ganz besonders auf der Haut trägt. Und darum ging es: der Haut zu schmeicheln.“ Einer guten Kundin schmeichelt er mit lässigen Komplimenten. „Macht bestimmt Eindruck auf der nächsten Party“, kommentiert er lapidar, als sie sich ein hohes Halsband mit einer Kaskade bunter Edelsteine umlegt. Er schießt ein paar Fotos mit ihrer Digitalkamera und achtet darauf, dass sie dabei gut aussieht. „Denken Sie an die Blicke, die Sie damit auf sich ziehen werden.“ Die Dame lacht. Sie kennt den Stil des Hauses. Niemand wird hier zum Kaufen gedrängt, niemand mit billigen Phrasen geködert. „Aber Männern wird diese Rüstung nicht gefallen. Die werden erschrocken davonlaufen“, meint sie. Pappu Kasliwal zuckt nur leicht mit den Schultern. „Who cares“, soll das wohl heißen, „die Welt ist voller Dummköpfe.“ Das Collier wird gekauft – unter anderem. Die Kundin ist Inhaberin eines Schmuckgeschäfts auf den Bahamas. Sie kommt jedes Jahr, mietet sich für eine Woche in Jaipurs luxuriösem Hotelresort „Rajvilas“ ein und geht shoppen. Natürlich kennt sie auch die Konkurrenz. „Surana Jewellers“, „Amrapali“, „Pansari Art Jewellery“, „Bhandari“ oder „Royal Gems“ – sie alle verkaufen Schmuck und Edelsteine, teilweise schön gestaltete Stücke, fast immer billiger als bei „Gem Palace“. „Gehen Sie ruhig schauen“, sagt Pappu Kasliwal. „Bleiben Sie lieber hier“, rät die Dame von den Bahamas. „Sie werden nichts Besseres finden, glauben Sie mir. Das da draußen ist eine andere Welt.“ The Gem Palace, M. I. Road, Jaipur, Indien Tel. +91 14 123 741 75, www.gempalacejaipur.com


„Macht bestimmt Eindruck auf der nächsten Party!“ 175


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BOY von Tile von Damm


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Valeska Steiner und Sonja Glass – GEMEINSAME WEGE

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it ihrem Erstlingswerk „Mutual Friends“ feiert das Hamburger Duo BOY überraschend große Erfolge. In die Top20 stürmte das Album, bei Amazon lag es sogar zwischenzeitlich auf dem ersten Rang. Auch ihre Single „Little Numbers“ erklingt plötzlich an allen Orten – nicht nur Dank der schnellen Verbreitung im Internet. Erstaunlich, sieht man die Charts doch weitgehend beherrscht von Eurodance und anderem Trash. Stattdessen schaffen die


beiden Musikerinnen es mit klassischem Wie es zu dem seltsamen Namen kam, erSongwriting die Herzen der Fans zu er- klären die Beiden folgendermaßen: „Auf obern. Wahrlich ein Grund, BOY genauer der Suche nach einem Namen, der uns am besten beschreibt und besonders weiblich zu beleuchten. Der Name des Duos verwirrt zunächst. klingt, sind wir auf nichts Gescheites geNein, BOY sind keine Gitarren-schrab- stoßen, also haben wir uns gedacht: Wabelnde Jungenband – und mit dem Genre rum nicht einfach das Gegenteil?“ Under „Boy-Bands“ haben die Beiden auch weigerlich kommt einem der Refrain von nichts gemein. Stattdessen verbirgt sich „Boys and Girls“ der britischen Band Blur hinter dem seltsamen Namen das Duo Va- in den Sinn: „Looking for girls who are leska Steiner und Sonja Glass, deren De- boys who like boys to be girls, who do boys bütalbum „Mutual Friends“ eine der auf- like they’re girls who do girls like they’re regendsten und mitreißendsten Platten boys – always should be someone you redes Jahres ist. Dass sie mit ihrem introver- ally love“. Auch wenn die 1994er Single tierten Songwriting einen Überraschungs- musikalisch keine Parallele zur Musik von erfolg feiern, ist umso schöner, denn ver- BOY ist, scheint das textliche Geschlechterspiel, insbesondere mit der Auflösung, dient hat es die Platte. dass es immer jemand sein sollte, den man liebt, passend. Denn BOY muss man lieben, zu eindringlich und spannend ist ihre Musik, als dass sie an einem vorbeirauschen könnte. Gerade die Verbindung eingängiger Melodielinien, ohne einen gewissen Alternative-Appeal zu verlieren, macht „Mutual Friends“ zu einem Hörerlebnis. Die Indigo Girls oder Songwriterinnen wie Brenda Kahn, stehen als musikalischer Vergleich bereit – und doch sind BOY

„Auf der Suche nach einem Namen, der uns am besten beschreibt und besonders weiblich klingt, sind wir auf nichts Gescheites gestoßen, also haben wir uns gedacht: Warum nicht einfach das Gegenteil?“

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igenständig und selbstbewusst, gerade durch ihren Hang zum Pop. „Poetischen Realismus“ nennt ihre Plattenfirma die Musik und Texte von BOY. Der Name des Albums ist kein Zufall: Gegenseitig befruchten sich die Beiden. Kennengelernt haben sie sich an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, genauer im Kontaktstudiengang Populärmusik im Jahre 2005. Unbekannt ist dieser Studiengang inzwischen nicht mehr, brachte er doch beispielsweise Wir Sind Helden zusammen. Genau dort hörte Sonja Glass zum ersten Mal ihre zukünftige Partnerin Valeska Steiner – mehr zufällig, denn Sonja Glass schlich sich heimlich zu den Gesangsproben, die eigentlich nicht-öffentlich sind. Definitiv eine gute Entscheidung, auch wenn es danach noch einmal zwei Jahre dauerte, bevor die Züricherin Valeska Steiner nach Hamburg zog und BOY endlich beginnen konnten. „Die Idee war es, eine Band zu gründen“, sagt Glass, doch schnell stellten sie fest, dass es zu zweit nicht nur gegenseitig befruchtend funktionierte, sondern es eigentlich eine gute Idee war, als Duo zu starten. So ergibt sich folgerichtig der Titel des Albums, der das Prinzip der Gegenseitigkeit betont. Dass es zudem wirklich gut mit der Zusammenarbeit zwischen den Beiden klappte, beweisen die während zwei Jahren entstandenen Musikperlen, die es letztlich auf das Album schafften. Eingespielt haben die Beiden alle Instrumente selber, mit Ausnahme einiger Drumspuren, die Thomas Hedlund, Live-Drummer bei Phoenix, trommelte. Ihr Produzent Phillip Steinke fragte ihn an – und zufällig hatte er Zeit und natürlich Lust. Die Platte entstand im Übrigen nicht in Hamburg, sondern im Wohnzimmer Steinkes in Berlin – vielleicht ein weiteres Indiz für die Betonung der Freundschaft und der Gegenseitigkeit von BOY, denn beide betonen, dass dies die Arbeitsgrundlagen sind. Was folgte, war eine ausgedehnte Clubtournee durch Deutschland – mit der Möglichkeit für BOY, ihre Musik live zu präsentieren. Dass sie die einmalige Atmosphäre ihrer Songs gepaart mit einem mitreißenden Charme mühelos live inszenierten, zeigen die vielfachen positiven Reaktionen. Natürlich trägt die kleine Clubatmosphäre einiges dazu bei, gerade bei ihrer Musik, doch wer bisher das Vergnügen eines Konzertes von BOY hatte, der versteht, dass Sonja Glass und Valeska Steiner sich treffen mussten, um gemeinsam aus vielen Ideen etwas Neues zu erschaffen.

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„This is the beginning of anything you want.“ Dass Grönland-Records, das von Herbert Grönemeyer gegründete Label, auf BOY aufmerksam wurde, verwundert nicht, erweist sich aber als ein weiterer Glücksgriff – für das Label und die Band. „Gerade ein kleines Label war uns wichtig“, sagen BOY und tatsächlich steht Grönland inzwischen für ein feines Label, das sich in den vergangenen Jahren besonders mit Neuentdeckungen einen Namen macht. Freundschaftliche Zusammenarbeit und künstlerische Freiheit werden groß geschrieben – und ohne dies wäre das Debütalbum von BOY wohl nicht das geworden, was es ist. Ein Anfang, ein Aufbruch und irgendwie ein Neubeginn. „This is the beginning of anything you want“, lautet die erste Textzeile des Albums, die den Hörer einlädt – mit der letzten Textzeile verabschieden sie sich: „Only brought you home“. Besser kann man „Mutual Friends“ nicht zusammenfassen.

Zum Weiterhören: BRENDA KAHN – Epiphany In Brooklyn (1992) Eines der besten und aufregendsten Songwriteralben, eingespielt von der New Yorkerin Brenda Kahn. INDIGO GIRLS – Indigo Girls (1989) Das Debüt des Duos aus Georgia, USA. Engagierter Semi-Akustik-Folk.


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In Vino Veritas Enotria, die Heimat des Weins, so wurde Italien in der Antike genannt. Das Getränk der Götter war Genuss, Nahrungsmittel und Medizin zugleich. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert. Italien lebt und atmet Wein. Nirgendwo gibt es mehr Rebsorten und so malerische Weingüter. von Petra Dietz 183


Lungarotti ist weiblich. La Seniora und ihre beiden Töchter haben alles fest im Griff.

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terschiedlich wie Ying und Yang beschreiben, ergänzen sich hervorragend. Jede mit eigenen Ideen, jede mit eigenem Wein, der die unterschiedlichen Charaktere der Erzeugerinnen verkörpert. Die dritte starke Frau auf dem Gut ist die mamma, Maria Grazia Lungarotti. Sie schuf in Italien ein einzigartiges kulturelles Netzwerk, rief die Stiftung Lungarotti zur Förderung der Wein- und Ölkultur ins Leben und gründete 1974 das berühmte Museo del Vino. Für die Töchter ist die Passion ihrer Mutter für das Weinmuseum ein Teil ihres Lebens. „Für Teresa und mich gab es immer ein dritmbrien, das grüne Herz Italiens, steht tes liebstes Kind“, erklärt Chiara schmunweintechnisch immer ein wenig im Schat- zelnd. Das Museo del Vino zeigt mehr als ten der Toskana. Völlig zu Unrecht, denn 3000 Exponate, viele davon exklusive und hier werden erstklassige Weine gekeltert, kostbare Raritäten, die die Geschichte von spritzige Weiße und gehaltvolle Rote. Al- 5000 Jahren Reben- und Weinkultur Relein 19 Spitzenerzeugnisse kommen aus vue passieren lassen. Die Stücke werden in der Weinkellerei Lungarotti mit 270 Hektar Weinbergen und Anwesen in Torgiano und in Montefalco. Das Familienunternehmen, 1962 von Giorgio Lungarotti gegründet, einem Freigeist und Visionär, liegt heute in Frauenhänden. Chiara, die erdverbundene Wirtschaftswissenschaftlerin und Teresa, die innovative Önologin, führen die Weintradition fort. Auf ihre Weise. Die Schwestern, die sich selbst als so un-

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Exquisit ohne überflüßigen Pomp: Das Weingut Lungarotti

einem restaurierten Gebäude mit zahlreichen, verschachtelten Räumen präsentiert. Es ist gar nicht so leicht, sich hier zurechtzufinden. Aber vielleicht ist das auch so gewollt, denn in dem Weinlabyrinth verliert man schnell das Gefühl für Zeit und Raum. Ein Leckerbissen, nicht nur für Gourmets, ist das zweite Museum von Maria Grazia, das Museo dell’Olive e dell’Olio. Dass das Gut heute nicht nur Wein erzeugt, sondern auch luxuriöse Unterkünfte anbietet, ist dem bekannten Weinmuseum zu verdanken, das vinophile Touristen aus aller Welt in das einst verschlafene Torgiano lockt. Früher wurden Besucher noch im schlichten Gästehaus untergebracht, heute im Fünf-Sterne-Relais Le Tre Vaselle. Die luxuriöse Herberge liegt im Zentrum von Torgiano, nur einen Katzensprung vom Gut und 16 Kilometer von Assisi entfernt.


„Ich bin eigentlich Produktdesignerin, aber ich benutze als Material eben Food.“

„Es muß sich alles ändern, damit es so bleibt wie es ist.“ Der Patrone in Luchino Viscontis Epos „Der Leopard“

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Die Kirche Santa Maria Le Tre Vaselle feierlich geschm端ckt


D as Haus spiegelt unverkennbar den Geschmack der Lungarotti-Damen wider. Überflüssigen Pomp oder herzlosen Mainstream findet man hier nicht. Exquisit, aber dabei geradlinig und bodenständig in umbrischer Tradition, das ist der Lungarotti-Stil. Jedes Zimmer ist individuell eingerichtet, jedes Detail liebevoll ausgesucht. Und natürlich kommt alles aus der Region. Auf die ausgesuchten Stoffe von Emilio Pucci aus Florenz wartete man ein ganzes Jahr. Auch das ist typisch Lungarotti. Zeit hat hier einfach eine andere Bedeutung. Die Trauben, der Wein, das Gut, das Hotel, alles braucht seine Zeit, um zu reifen und das Höchstmaß an Qualität zu erreichen. Rebensaft als Lebenstrank, als Schönheitselixier und zum sinnlichen Relaxen – Chiara Lungarotti vertraut der Kraft der Trauben auf Körper und Geist. So ist es ihr zu verdanken, dass man sich im Spa Bella Uve im Sangiovese-Weinbad räkeln kann, während man an demselben nippt. Behandelt werden die Spabesucher mit Anwendungen by Daniela Steiner, die regionale Produk-

Das von Maria Grazia Lungarotti gegründete Museo dell‘Olive

te wie Wein und Olivenöl in die Treatments einbeziehen. Chiara war an der Gestaltung des außergewöhnlichen Spas ganz unverkennbar beteiligt. Ihre Passion für die Weintradition ihres Landes zeigt sich in den Farben: tiefrot wie reife Trauben oder leuchtend grün wie die Weinblätter. Die Traube taucht als Element immer wieder auf, im Design und inhaltlich: „zu Füßen des Bacchus“ oder „hammam di vinum“. Allein beim Klang dieser wundervollen Anwendungsnamen beginnt man sich zu entspannen. Vinotherapie von in-

nen und außen. Mehr Genuss geht nicht. Oder doch? Das Relais Le Tre Vaselle hinterlässt auch in Sachen Kulinarik großen Eindruck. Die Hotelgäste werden sowohl mit High-End-Cuisine als auch mit landestypischen, einfachen Gerichten verwöhnt. Alle verwendeten Produkte kommen aus der Region, sind hochwertig und vereinen sich zu einer exzellenten Küche. Schließlich wird man von Wein allein nicht satt, auch wenn der antike Philosoph Plutarch den Rebensaft als „das angenehmste aller Nahrungsmittel“ bezeichnete. Dass sich auf Lungarotti eine Akademie der Scuola cucina di ALMA, Italiens bekanntester Kochschule, niedergelassen hat, ist eine Auszeichnung und kein Zufall. Dieser Ort ist einfach eine Inspiration für Genießer. Die Familie Lungarotti hat viel erreicht. Sie produziert hervorragende Weine, leitet exquisite Gästeunterkünfte und fördert das lokale Kulturwesen. Wie das geht? Mit großen Visionen und gesunder Bodenständigkeit.

Alle Fotos © Familie Lungarotti

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Überall in San Felice findet man kleine, intime Rückzugsorte – eine Zeitreise ins 14. Jahrhundert.

E ine Landschaft wie eine Theaterkulisse. Uralte Zypressen, knorrige Olivenbäume, Weinberge so weit das Auge reicht und ein Licht, das einfach magisch ist. Die ChiantiRegion ist der Inbegriff der Toskana. Das bekannteste Weinanbaugebiet der Welt ist die Heimat des Chianti Classico, gekeltert aus der Sangiovese-Traube. Der Sangiovese ist auch für das Weingut San Felice von essentieller Bedeutung. Das Gut thront auf einem Hügel, etwa 24 Kilometer östlich von Siena und nahe des toskanischen Dorfes Castelnuovo Berardenga. 140 Hektar sind auf San Felice für den Weinanbau bestimmt, davon nimmt der Sangiovese 70 Prozent der Fläche ein. Den ersten Wein erzeugte das Gut 1967, zu einer Zeit, in der die Weinproduktion noch in einer tiefen Krise steckte. Doch das sollte sich ändern. Der Umschwung kam bereits ein Jahr später, veraltete Strukturen mussten modernen weichen. Es begann die Renaissance der toskanischen Weine. San Felice ist heute ein innovatives und wettbewerbsfähiges Unternehmen. Das hat es vor allem einem Mitarbeiter zu verdanken: Enzo Morganti, einem Önologen, der seiner Zeit weit voraus war. Seinen Forschungsprojekten sind viele bahnbrechende Entwicklungen 188

Auf San Felice fällt es leicht, sich dem „dolce far niente“ hinzugeben.

im Weinbau zu verdanken. Die Ergebnisse seiner Studien werden in der „Centro Studi Morganti“ aufbewahrt und natürlich auch weiterhin verwertet. Selbst nach dem Tod von Enzo Morganti 1994 lebt seine aufklärerische Philosophie auf dem Gut weiter. So gibt es auf San Felice in Zusammenarbeit mit der Universität Mailand ein regionales Ausbildungszentrum für die verschiedenen Techniken des Rebschnitts.


San Felice: Zimmer und Suiten des Relais & Ch창teaux Hotels in der ehemaligen Herrschaftsvilla


Die Renaissance der toskanischen Weine findet ihre Vollendung in edlen F채ssern 190


Alle Fotos © Relais Borgo San Felice

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Lukullisches Highlight ist das wöchentliche Barbecue auf San Felice

an Felice ist aber nicht nur Wein und Forschung. 1990 verwandelte das Weingut den größten Teil seines Dorfes in ein charmantes Hotel. Die Gäste des Relais Borgo San Felice wohnen hier nicht, nein, sie residieren vielmehr. Die 43 Zimmer und Suiten des Relais & Châteaux Hotels sind in der ehemaligen Herrschaftsvilla und den umliegenden Gebäuden untergebracht. Was ins Auge fällt? Alles, dennoch wirkt nichts aufdringlich. Luxus ja, aber im elegantschlichten Design und in warmen Farben, dazu gedacht, sich einfach nur wohl zu fühlen. Überall in San Felice findet man kleine, intime Rückzugsorte. In dem ursprünglichen „Hoteldorf“ fällt es leicht, sich dem „dolce far niente“ hinzugeben, den Blick über Weinberge, Eichen- und Zypressenwälder schweifen zu lassen. Schlendert man durch kopfsteingepflasterte Gassen und romantische Bogengänge, hört die Glocken der alten Kapelle, die zur sonntäglichen Andacht läuten, ist das wie eine Zeitreise ins 14. Jahrhundert. Toskana und Genießen, das gehört einfach zusammen - besonders im Relais Borgo San Felice. Im Hotelrestaurant Poggio Rosso zaubert Chefkoch Luca Lodovici in seiner Molinari-Küche himmlische Köstlichkeiten, edel oder rustikal, und immer lecker. Natürlich kommen nur regionale Zutaten in den Topf. Lukullisches Highlight ist das wöchentliche Barbecue, dann duftet der ganze Innenhof nach Braten und Steaks. Das Poggio Rosso erhielt seinen

Namen zu Ehren des gleichnamigen Chianti Classico. Ein Cru, der Weingeschichte schrieb. Wenn das Wetter es zulässt, sollte man die Köstlichkeiten von Luca unbedingt auf der Terrasse genießen, unter einer Pergola, umrankt mit Weinreben, die Trauben fallen fast in den Mund. Schlaraffenland und Garten Eden zugleich. Lungarotti und San Felice haben weit mehr zu bieten als edle Tropfen und erlesene Gastronomie. Sie lassen Besucher an ihrer außergewöhnlichen Lebensphilosophie teilhaben – und gewähren ihnen Einblick in die Seele des Weins.


HERSTELLER UND ADRESSEN Quality Magazin No. 19 – November 2011

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Ausgabe No. 20 erscheint am 15. Dezember 2011 192


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Quality Magazine No.19 Das Magazin über Menschen und Marken November 2011

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