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771661

806003

41

Danke für alles/nichts

Die Kühne-Stiftung

Der brasilianische Traum

Erben und Erblasten der früheren ­Generation sind ungleich verteilt.

Klaus-Michael Kühne über die Pläne, die er mit seinem Vermögen hat.

Vom Orangenverkäufer zum erfolreichen Unternehmer und Bürgermeister.


EDITORIAL

No 41 / Dezember 2012 Ausgabe «Generationen»

cover no 41 fotografie & Postproduktion

Fabian Widmer

w

enn heute von Generationensolidarität die Rede ist, scheint es meist auf einen Konflikt zwischen Jung und Alt hinauszulaufen. Die öffentliche Debatte – gibt es sie überhaupt? – ist geprägt von der These eines Krieges

zwischen den Generationen nach dem Motto: «Ältere plündern Junge aus.» Untermauert wird dies mit «Herausforderungen», etwa hohe Schuldenbergen oder ökologischen Altlasten. Die Jungen müssen die Suppe wohl oder übel auslöffeln und sagen «Danke für Alles und Nichts!» (S. 16). Es muss kommenden Generationen aber nicht zwingend auf ewig schlechter ergehen. Sie wachsen auf im Bewusstsein knapper werdender Ressourcen und besitzen andere gesellschaftliche Rollen- und Wertvorstellungen. Vielleicht nutzen sie diese Chancen und profitieren von einer Tatsache, die bisher als Nachteil betrachtet wurde: Sie sind, im Gegensatz zu den Babyboomern, nicht so viele. Genau unter diesen Babyboomern finden sich viele Unternehmer. Immer mehr von ihnen kommen ins Pensionsalter, doch ihre Nachfolge haben längst nicht alle gelöst. Kein Wunder, rufen viele: «Nachfolge gesucht» (S. 32). Diesen Prozess hat der Vollblutunternehmer Klaus-Michael Kühne längst abgeschlossen. Der vife, 75-jährige Multimilliardär hat sich aus dem operativen Bereich des Logistikunternehmens Kühne+Nagel zurückgezogen und konzentriert sich ganz auf seine philanthropischen Tätigkeiten. Wenn man erfolgreich ist, findet Kühne, sollte man seinen Reichtum schon zu Lebzeiten mit der Öffentlichkeit teilen – «Ein Mann und sein Vermögen» (S.36). Seine Stiftung investiert jährlich mehrere Millionen in Bildung, Kultur und Medizin. Bereiche, in denen der Staat vielleicht zu wenig unternimmt. Wir finden: Wenn man Gutes tut, darf man ruhig auch darüber reden.

PUNKTmagazin Generationen

3


16

inhalt I No 41 / Dezember 2012 Ausgabe «Generationen» 10

Wirtschaft

10 Kurz & Bündig Wirtschaft

16

danke für alles/nichts

Die Herausforderungen, vor die uns das Han-

Noch vor kurzem waren 3D-Drucker nicht viel mehr als eine Spielerei für Technikfreaks. Jetzt wird es ernst.

deln früherer Generationen stellt, sind nicht von schlechten Eltern. Die Frage ist: Wie sollen die Lasten verteilt werden?

Frühere Generationen haben uns so manche

24 Brasilien erfindet sich neu

ökonomische und ökologische Altlast vererbt. Dafür gibt es den «Prix Ego».

Der Wandel des Messias Moreira Elizado vom Orangenverkäufer zum Unternehmer steht bei-

28

spielhaft für den Aufstieg einer ganzen Nation.

28 Grün ist nicht gleich grün Zwischen einer PET-Flasche und einem Fussballshirt liegen gar nicht so viele Schritte. Doch der PET-Markt verfügt über Eigenschaften, die ihn oft unberechenbar machen.

36

31 Kolumne «Querdenker» PET-Recycling ist ein blühendes ­Geschäft. Und ein komplexes: Altes PET kann teurer sein als neues.

32 Nachfolge gesucht Die Unternehmer der Babyboomer-Generation kommen langsam ins Pensionsalter. Die Nachfolge haben aber längst nicht alle geregelt.

35 «L'Entrepreneur» Carlo Magnano, Vital Punkt

Ein mann und sein vermögen

36

Klaus-Michael Kühne: «Geschäft-

Klaus-Michael Kühne hat als Chef und Gross-

licher Erfolg bringt gesellschaftli-

aktionär des Logistikers Kühne+Nagel ein riesi-

che Verantwortung mit sich.» .

ges Vermögen aufgebaut. Seiner Stiftung fällt die Aufgabe zu, es wieder zu verteilen.

44 Unter anderem

03 Editorial 08 Infografik 81 Abonnement

42 Wegwerfwindel Wegwerfwindeln erleichtern Eltern das Leben und generieren grosse Umsätze. Doch die Probleme der Entsorung sind vielerorts ungelöst. Nicht nur in den aufstrebenden Ländern.

44 «Jahrgang 1997/98»

82 Vorschau

Fotostrecke von Christine Bärlocher über die

82 Impressum

heutigen Teenager.

4

inhaltsverzeichnis


Sorgfältig vorsorgen macht glücklich. Mit 3a-Wertschriftensparen können Sie noch attraktivere Ziele erreichen. www.meine-vorsorge.ch

Anlage und Vorsorge.


spektakuläre Safaris traumhafte Strände und Unterwasserwelten

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52

inhalt Ii

70

No 41 / Dezember 2012 Ausgabe «Generationen» Invest

52

demografie im wandel

Als Statussymbol stehen sie bei Männern unangefochten an erster Stelle. Als Erbstücke haben sie es trotz Tradition schwerer: Uhren.

Das Bevölkerungswachstum hat sich verschoben und findet heute vornehmlich in den aufstrebenden Länder statt. Die neuen demografischen

Wenn von der Demografie der

Verhältnisse haben auch Auswirkungen auf die

Schwellenländer die Sprache ist,

globalen Finanzmärkte.

darf nicht vergessen werden, dass es über 150 von ihnen gibt.

57 Kolumne «Mirjam Staub-Bisang»

58

58 Kurz & Bündig Invest

61 Alternativanlage Haus

Investieren in reale Werte

62 Von Rohstoffmärkten

und «bösen» Spekulanten Prof. Dr. Ingo Pies warnt vor einer Überregulie-

61

rung ­des Rohstoffsektors und den Folgen, die diese haben könnte. Die Pensionskassen befinden sich im Ungleichgewicht. Wie kann die Situation entschärft werden?

Lebensart

64

junge alte

Unser Autor machte sich auf die Suche nach den älteren Generationen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat er feststellen müssen, dass er selber gar nicht so viel jünger ist.

70 Das zeitlose Geschenk Das Vererben einer Uhr ist viel mehr als nur das Übertragen von Eigentum. Uhren sind Familien-

64 76

geschichte am Handgelenk. 72 Kurz & Bündig Lebensart 75 Kolumne «René Allemann» 76 Produkte, die man haben muss

Inserenten

02 Patek Philippe

39 Club 25+

05 Swisscanto

51 Finanz & Wirtschaft

06 Kenya Tourism

59 Börse Scoach

15 Bellevue AM

83 Fondsmesse

22 Parkhotel Bellevue

84 Credit Suisse

Das Hotel Arosa Kulm ist ein Klassiker. PUNKT verlost eine Übernachtung für zwei Personen.

23 Marmite

PUNKTmagazin Generationen

inhaltsverzeichnis

7


«Generationen» in Zahlen

generation c «alwaYs on» Tablet-Boom

14 % ANDERE

Weltweite Marktanteile im Tabletmarkt für das 2. Quartal 2012.

Der Smartphone-Boom stellt frühere Wachstumsraten weit in den Schatten.

Q2 | 2012

3%

Das Resultat ist eine komplett neue Kon-

ASUS

sum- und Informationslandschaft.

5% AMAZON

Babyboomer, Generation X, Y oder Z –

68%

jede Ära hat ihre eigene Jugend. Für die aktuelle Generation Y – geboren nach 1980 –

10 %

APPLE (iPAD)

war die Digitalisierung prägend. Statt dem

SAMSUNG

Buchstaben «Y» wäre ein «C» darum treffender: «C» für Connected, Content und Community. Die Generation C ist «always on». Mit ihrer Affinität zur digitalen Welt ist sie einer der Treiber des digitalen Wandels. Mittlerweile sind Smartphones in allen Altersschichten angekommen: In der Schweiz besitzen vier von fünf Jugend-

Forschung & Entwicklung (F&E) AUSGABEN FÜR F&E IM VERHÄLTNIS ZUM GESAMTUMSATZ (Ø 2006 – 2011)

lichen ab zwölf Jahren ein solches – fast

MICROSOFT

13,8%

doppelt so viele wie noch 2010. Total sur-

NOKIA

12,9%

fen beinahe vier Millionen Schweizer mit

GOOGLE

12,8%

SONY ERIC.

12,2%

lich starkes Wachstum ist auch global fest-

SAMSUNG

8,3%

zustellen. Der weltgrösste Telekomausrüster

RIM

6,7%

SONY

6,1%

AMAZON

5,5%

HTC

5,1%

HP

2,9%

ren auf dem Markt, doch sie haben unsere

APPLE

2,8%

Nutzergewohnheiten innert Kürze so stark

DELL

1,1%

ACER

0,1%

Smartphones und Tablets (Small Screen Devices) im Netz, Tendenz steigend. Ein ähn-

Ericsson schätzt, dass sich die Zahl der weltweit genutzten Smartphones bis Ende 2018 auf 3,3 Milliarden verdreifachen wird. Das verrückte ist die unglaubliche Geschwindigkeit: Smartphones und TabletComputer sind zwar erst seit wenigen Jah-

verändert wie keine Gerätegeneration vor ihr. Mit der Verbreitung von mobilen Breitbandverbindungen erhöht sich auch das Datenvolumen stetig. Parallel dazu purzeln die Verbindungspreise laufend. Smartphones werden aber nicht nur für Information und Kommunikation benützt, sondern

Für ein Unternehmen, das im Jahresrhythmus seine Produktkategorien erneuert und dabei immer wieder neue Standards setzt, gibt Apple erstaunlich wenig für Forschung und Entwicklung aus.

Mobile Internetnutzung CH

2012

29 %

36 %

42 %

2010

2011 / 1. Q.

2011 / 2. Q.

46 %

55 %

2012 / 1. Q.

2012 / 2. Q.

4

MIO.

Mehr als die Hälfte der Schweizer Web-User nutzen das Internet mittlerweile auch über Smartphones oder Tablets.

Ø App-Umsatz pro Monat

2011

Mit Anwendungen für Blackberrys erzielen AppEntwickler durchschnittlich die höchsten Umsätze.

3853 $

3693 $ 2735 $

immer häufiger für Konsum. An diese Entwicklungen werden sich zahlreiche Ge-

1234 $

schäftsmodelle erst noch anpassen müssen. Die grösste Gefahr ist wohl, dass sich Nutzer nur noch auf die «Smartness» ihrer Geräte verlassen und nicht auf ihre eigene. Quellen Bundesamt für Statistik, Vision Mobile, Netmetix, SMAMA, IDC Darstellung PUNKTmagazin

8

Wirtschaft

BLACKBERRY iOS (APPLE)

ANDROID

WINDOWS P.


Generation Small Screen Devices

iPhone-Geschäft Apple vs. Samsung

Q2 | 2012

Umsatz:

Handyverkäufe weltweit MARKE

35 $ 42 $ MRD.

MRD.

Gewinn:

4,5 $ 8,8 $ MRD.

MRD.

CHF

2010

Umsatz Online-Handel CH

Im Schweizer Online-Handel wurden 2010 total 8,7 Mrd. CHF umgesetzt. Die umsatzstärksten Kunden sind die Über-55-Jährigen.

2000

ANZAHL IN MIO.

2011

VERÄNDERUNG ZU 2010

NOKIA*

423

-8,4%

SAMSUNG

314

+11,7%

APPLE

89

+91,6%

LG

86

-24,3%

ZTE

57

+91,6%

RIM

52

+3,8%

HTC

43

+75,3%

HUAWEI

41

+70,7%

MOTOROLA

40

+4,4%

SONY ERIC.

33

-22,1%

Der Umsatz, den Apple im ersten Quartal 2012 mit iPhones machte, war grösser als der Gesamtumsatz einiger bedeutender US-Unternehmen.

22,7 MRD. $

APPLE iPHONE

17,4 MRD. $

MICROSOFT

11,1 MRD. $

COCACOLA

9,6 MRD. $

WALT DISNEY

*Nokia verliert immer mehr Marktanteile. Wirklich gut läuft nur noch das Geschäft mit günstigen Geräten in Schwellenländern.

1862.–

MARKTWERT APPLE

554 $

MRD.

1500

Soziale Netzwerke

1078.–

1153.–

2012

Durchschnittliche Zeit, die ein User pro Monat auf der jeweiligen sozialen Plattform verbringt.

1000

FACEBOOK

6 45

PINTEREST

1 29 1 29 21 3

629.–

Std.

Min.

Apple ist zurzeit das wertvollste Unternehmen der Welt, hauptverantwortlich dafür ist der grosse Erfolg des iPhones.

500

0

< 25 J.

25 – 34 J.

35 – 54 J.

> 55 J.

Online-Handel über mobile Geräte

21% 50% 1,4

MIO. CHF

… des Umsatzes von LeShop (Migros) wird über mobile Geräte generiert. … der SBB-Tickets werden über mobile Geräte verkauft.

TWITTER

LINKEDIN

GOOGLE +

Std.

Min.

Std.

Min.

Min.

Min.

… werden jede Woche bei Ricardo über mobile Geräte umgesetzt.

PUNKTmagazin Generationen

Wirtschaft

9


Wirtschaft

revolution in der 3. dimension Text DAviD fEhR

Vorboten einer Industriellen Revolution? Sind 3DDrucker also wirklich das nächste grosse Ding? Sind sie, wie es eine Expertenkommission des Weissen Hauses formulierte, der «mögliche Megatrend der Zukunft»? Werden sie tatsächlich zum Auslöser der nächsten «Industriellen Revolution», wie es der US-Ökonom Jeremy Rifkin prophezeit? Sicher ist: Je grösser ihre technischen Möglichkeiten werden, desto grösser wird ihr Einfluss auf die globalen Wertschöpfungsketten. 3DPrinter könnten Spielregeln von ganzen Industriezweigen neu definieren. Genährt wurden die Hoffnungen durch den grossen Entwicklungsschub der vergangenen zwei Jahre. Zuvor waren 3D-Drucker nicht viel mehr als eine Spielerei für Technikfreaks, mit der man Murmelbahnen aus Plastik oder Ähnliches produzieren konnte. Heute können 3D-Drucker über hundert verschiedene Werkstoffe verarbeiten. Darunter Metalle wie Stahl, Aluminium, Titan oder Silber sowie diverse Kunststoffe, Glas

Bis vor kurzem waren 3D-Drucker nicht viel mehr als eine Spielerei für Technikfreaks. Heute wird ihnen das Potenzial attestiert, ganze Branchen fundamental umzukrempeln.

oder Keramik. Da vermehrt verschiedenartige Stoffe in einem Druckprozess verbunden werden können, ergeben sich laufend neue praktische Umsetzungsmöglichkeiten, auch in Massenmärkten. Starkes Wachstum verzeichnet die Branche für «generative Fertigungsverfahren und 3D-Printer» schon seit Jahrzehnten, wie der Wohlers-Report 2012 festhält. Mit durchschnittlich 26,4 Prozent sei sie seit

Plötzlich wurde aus der Spielerei Ernst. Heu-

1988 jährlich gewachsen, 2015 wird ein Marktvolumen

tige 3D-Drucker können eben tatsächlich, was sie

von 3,7 Milliarden Dollar erwartet, 2019 sollen es be-

schon länger versprechen: dreidimensional drucken.

reits 6,5 Milliarden sein. Nebst Druckern für den pri-

Zahnkronen beispielsweise, deren Herstellung wahre

vaten Gebrauch, die für 1000 bis 2000 Franken zu ha-

Handwerkskunst ist und darum oft in Billiglohnlän-

ben sind und laufend besser werden, sind es vor allem

der ausgelagert wurde oder Unsummen verursachte,

Industriedrucker, die für Aufwind sorgen.

können 3D-Drucker kostengünstig über Nacht produ-

10

zieren. Auch das mühsame Erstellen von Modellen für

Schützen von Eigentumsrechten Die Digitalisie-

Architekturprojektekönnte mit diesen Druckern der

rung des dreidimensionalen Raums birgt auch Gefah-

Vergangenheit angehören. Der Flugzeugbauer Boeing

ren. Wenn zur Produktion nicht mehr ganze Fabrik-

stellt seine Modelle für das sogenannte

anlagen nötig sind, sondern lediglich ein

Rapid Prototyping, die schnelle Proto-

3D-Printer und die Datei mit den Druck-

typenentwicklung, schon heute mit die-

anweisungen, wird Kopierschutz zur Ma-

sen Druckern her. Ganze Flugzeugteile

kulatur. Digitales Rechtemanagement

wurden bereits mit 3D-Printern erstellt.

(DRM) spielt beim dreidimensionalen

Gross sind die Hoffnungen vor allem in

Drucken eine zentrale Rolle. Technische

lagerintensiven Branchen wie beispiels-

Möglichkeiten, um gegen Raubkopien vor-

weise der Automobilindustrie. Die riesi-

zugehen, gibt es durchaus: So können die

gen Lagerhallen für all die Ersatzteile der

Druckdateien mit Limitierungen verse-

verschiedenen Modelle könnten in Zu-

hen werden, die nur eine bestimmte An-

kunft der Vergangenheit angehören. 3D-

zahl Ausdrucke erlauben.

Printer drucken das gewünschte Teil auf Abruf innert

Wie genau die Welt mit 3D-Druckern aussehen

weniger Stunden. Und vor allem dort, wo es gebraucht

wird, bleibt abzuwarten. Doch je ausgereifter die Tech-

wird. Die Weltraumorganisation Nasa denkt laut da-

nologie wird, desto grösser wird ihr Einfluss auf die

rüber nach, einen 3D-Drucker in der internationalen

Wirtschaft. Wo sie eingesetzt werden, könnte sich die

Raumstation ISS zu installieren. Ersatzteile müssten

Gewichtung von Produktionsfaktoren fundamental

dann nicht mehr mit Raketen transportiert werden,

verschieben. Lohn- und Lagerkosten können drastisch

sie würden im All gedruckt.

verkleinert werden und somit kann die Erstellung der

Es geht noch weiter, Stichwort Bioprinting. 3D-

Produkte wieder näher an ihrem vorgesehenen Einsatz-

Drucker können aus Silikon Ersatzorgane für Men-

ort erfolgen. Bereits macht der Begriff Deglobalisierung

schen konstruieren. Die erste Transplantation wurde

die Runde. Das mag etwas gar voreilig sein, doch von

in den USA bereits vor einem Jahr durchgeführt. Der

3D-Druckern wird man mit Sicherheit weiterhin hören

Patient lebt noch immer.

– und vor allem sehen.

Wirtschaft


juventute vs. senectute Die Jugendorgansiation Pro Juventute hat harte Zeiten hinter sich und stand gar vor dem Bankrott. Anders sieht es aus bei der Stiftung Pro Senectute, die alte Menschen unterstütz: Finanzielle Sorgen kennt sie nicht. Die staatlich unterstützen Stiftungen Pro Senectute und Pro Juventute richten ihre Angebote zwar an verschiedene Generationen, doch kennen tut man sie in allen Altersklassen. Die Aufgabenteilung wird bereits mit den jeweiligen Namen angedeutet: Pro Senectute kümmert sich um ältere Semester, Pro Juventute greift den Jungen unter die Arme. Gross sind die Unterschiede zwischen den Organisationen bezüglich den Finanzen: Die 1917 unter der Schirmherrschaft der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft gegründete Stiftung Pro Senectute konnte ihr Anlagevermögen im vergangenen Jahrzehnt mehr als verdreifachen. Die Aktiven stiegen insgesamt von etwa 150 Millionen auf gut 273 Millionen Franken. Die grosse Veränderung rührt her von der neuen Rechnungslegungsnorm. Dabei wurden alle Aktiven inklusive der Immobilien neu und höher bewertet. Gemäss der Jahresrechnung 2011 von Pro Senectute stammen zehn Prozent ihrer Einnahmen aus Spenden, Legaten und Sammlungen. Liegenschaften werden höchst selten überschrieben. Das Bundesamt für Sozialversicherungen unterstützte die Organisation 2011 zusätzlich mit 15,7 Millionen Franken. Diese Bundesbeiträge werden nicht angelegt, sondern kommen direkt den Bedürftigen zugute. Weniger gut erging es der Jugendorganisation Pro Juventute, die 1912 – ebenfalls auf Inititative der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft – gegründet wurde mit dem Ziel, Tuberkulose bei Kindern und Jugendlichen zu bekämpfen. Noch vor zwei Jahren kämpfte die Stiftung, die unter anderem per Telefon suizidgefährdete Jugendliche berät, gegen ihren eigenen Tod. Dank massiven Umstrukturierungen und einer Imagekampagne («Ich bin Pro Juventute») mit Unterstützung von zahlreichen Prominenten konnten die Spenden innerhalb eines Jahres von 4 auf 6,5 Millionen Franken gesteigert und die Organisation gerettet werden. Vom Bund erhält die Stiftung jährlich 1,5 Millionen Franken, ein Fünftel des Gesamtbudgets. Pro Juventute gibt sich grosse Mühe, damit man in der Öffentlichkeit nicht nur als Briefmarkenverkäuferin wahrgenommen wird und weist auf die eigenen Angebote hin. Dass diese notwendig sind, zeigen unter anderem die rund 400 Anrufe, die das oben erwähnte Nottelefon täglich von Jugendlichen erhält. Im Durchschnitt ist einer davon suizidgefährdet.

PUNKTmagazin Generationen

sj

Wirtschaft

11


Kleider aus zweiter Hand Als es die Attribute cool und uncool bei Kinderkleidern noch nicht gab, bezogen Kinder einen guten Teil ihrer Kleider von den älteren ­G eschwistern oder von Kinderkleiderbörsen. Und heute? Die Argumente, um sich in der lokalen Kleiderbörse mit neuen, alten Kleidern einzudecken, lagen auf der Hand: Man sparte sich das Gedränge­ im Warenhaus – und vor allem Geld. Schliesslich wachsen Kinder derart

once upon a time

schnell, dass sie die einzelnen Kleider immer nur ein paar Monate tragen

Das Nokia 1100 ist das meistverkaufte­

Lidl produzieren Kinderkleider, die lediglich ein paar Franken kosten. «Bei

Mobiltelefon aller Zeiten. Das rustikale

solchen Preisen ist für manche Familien der Gang zur Börse sinnlos. Her-

Modell zeugt von einer Zeit, als der finni-

kunft und Produktionsweg der Billigkleider werden leider oft nicht hin-

sche Hersteller das Mass aller Dinge war.

terfragt», sagt Sabine Kölliker, die selber Mutter von zwei Töchtern ist

können, bevor sie aus ihnen herauswachsen. Dem ist zwar auch heute noch so, und doch hat sich die Situation der Kinderkleiderbörsen verändert: Der finanzielle Vorteil ist weg. Grosse Ketten wie H&M, Zara, KIK und

und unter kindex.ch ein Online-Verzeichnis für Kinderkleiderbörsen in der Nokia, einst klarer Marktführer in Sachen Mo-

Deutschschweiz führt. Aktuell sind 334 ständige Börsen, 330 Eventbör-

biltelefonie, hat den Smartphone-Boom zu Be-

sen und 25 Onlinebörsen gelistet. Eine nicht repräsentative Nachfrage in

ginn verschlafen und kämpft heute ums Über-

mehreren Börsen zeigt, dass die Nachfrage durchaus immer noch vorhan-

leben. Der finnische Konzern zählt zu den

den ist. Auch heutige Eltern sind offenbar der Meinung, dass es gebrauch-

grossen Verlierern der letzten fünf Jahre. Sicht-

te Kleider ebenfalls tun. Für Kinderkleiderbörsen ist die Lage trotzdem

bar ist der krasse Abstieg in der Entwicklung

nicht rosig. «Für ständige Börsen ist es nur schon wegen der Ladenmie-

des Umsatzes vor Steuern (von 8,3 auf Minus

te schwierig, die Existenz aufrechtzuerhalten», sagt Kölliker. So sind viele

1,6 Milliarden Euro) und des Aktienkurses (von

Börsen keine normalen Unternehmen, sondern einem Eltern- oder Quar-

fast 28 auf 2,2 Euro). Kein Vergleich zu den Nul-

tierverein angeschlossen. Ohne freiwilliges Engagement und Unterstüt-

lerjahren, als der Konzern die Welt mit Handys

zung geht nichts. Vergrössert habe sich in den vergangenen Jahren das

regelrecht eindeckte. Sinnbildlich für die ver-

Markenbewusstsein, sagt Kölliker. Auch bei Kinderkleidern werde immer

gangenen Erfolge steht das 2003 erschienene

häufiger auf teure Markenartikel zurückgegriffen. Diesen Trend hat man

Nokia 1100, mit 250 Millionen verkauften Exem-

bei den Börsen jedoch bereits erkannt, einige bieten «Deluxesecondhand

plaren das meistverkaufte Handy aller Zeiten.

mit Marken wie Hilfiger, Petit Bateau und Ralph Lauren», andere fokussie-

Verglichen mit den Möglichkeiten von heutigen

ren ihr Angebot auf Vintage-Produkte von «bekannten Marken oder mit

Smartphones war das Nokia 1100 ein Steinzeit-

historischem Hintergrund.» Und so sehen sich Kinderkleiderbörsen zwar

produkt. Aber genau darum war das Handy, das

laufend neuen Herausforderungen gegenübergestellt, aber dass sie aus-

selbst nach damaligen technologischen Mass-

sterben, muss vorerst nicht befürchtet werden.

stäben veraltet war, so erfolgreich. Die Ingenieure verzichteten auf jeglichen technischen Schnickschnack und passten das Gerät einzig an die Bedürfnisse der Bevölkerung in aufstrebenden Ländern an: rutschfester Griff, staubsicheres und stabiles Gehäuse und ex­trem lange Akkuleistung. Vor allem aber – gemäss Fachleuten vielleicht das wichtigste Verkaufsargument – liess sich das Nokia 1100 als Taschenlampe nutzen. Der Erfolg war, nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent, gigantisch: 2007 gingen pro Woche weltweit eine Million 1100-er über den Ladentisch. Längst vergangene Zeiten, seit 2011 schreibt Nokia Riesenverluste. Die (letzte) Hoffnung sind die Lumia-Smartphones, die seit Oktober 2011 vertrieben werden – und in Vergleichstests mit dem iPhone regelmässig obsiegen. Ob das reichen wird, um wieder in die schwarzen Zahlen zu kommen, oder ob man Nokia-Modelle in einigen Jahren in Museen betrachten muss, wird sich weisen. Auf ewig wird man die Verluste nicht verkraften können.

12

Wirtschaft

DF

DF


die zukunftsmacher Prosumer sind selbstbewusst, informiert und tauschen ihre Meinungen aus. Ob man nun sein Gepäck auf dem Flughafen selber eincheckt oder die Farbwahl der Turnschuhe im Internet eingenhändig trifft: Selber machen lautet das Gebot der Stun-

oma ist bares geld wert

rush hour

de. Konsumenten werden immer

Heutige junge Erwachsene müssen in

mehr zu «Prosumern» – Produzent

kurzer Zeit erledigen, wofür die Jungen

und Konsument in einem. Prosu-

vor einigen Dekaden mehr Zeit hatten.

mer sind kritisch und hinterfragen Informationen, Angebote und Mei-

Während es junge Erwachsene in den Siebziger-

nungen stärker als herkömmliche

und Achtzigerjahren noch wesentlich ruhiger

Konsumenten. Um sie zu überzeu-

angehen lassen konnten, leben sie heute oft

gen, braucht es viel Geduld und

auf der Überholspur. Ob in Amerika oder Euro-

neue Ideen. Da sie überproporti-

pa, zwischen dreissig und vierzig muss alles

onalen Einfluss auf die Kaufent-

gleichzeitig geschehen: die Karriereleiter em-

Ohne Grosseltern, die sie tatkräftig

scheidungen anderer Konsumente

porsteigen, den richtigen Partner finden, Fami-

unterstützen, würde vielen Eltern der

ausüben, sind Prosumer zukunfts-

lie gründen und vielleicht sogar ein Eigenheim

finanzielle Schnauf ausgehen.

weisend. Für Unternehmen besteht

erwerben. Der Berliner Soziologe Hans Bertram

die dringliche Aufgabe darin, noch

hat dieser Lebensphase den Begriff «Rushhour

Das traditionelle Bild der Grossmutter ist über-

besser mit den Meinungsführern

des Lebens» zugeordnet. Bertram nennt die Be-

holt. Sie sitzt nicht mehr nur zu Hause auf dem

zu interagieren. Immerhin führt

troffenen die «überforderte Generation». Ganz

Sofa und strickt Socken. Heutige Omas sind vi-

die Empfehlung durch andere Kon-

anders verlief das Leben der in den Dreissiger-

tal und nehmen aktiv teil am Leben der Ge-

sumenten die Rangliste der ver-

und Vierzigerjahren Geborenen. Sie heirateten

sellschaft. Doch eines ist geblieben: Sie küm-

trauenswürdigsten Kommunika-

in jungen Jahren, etwas später kam das erste

mern sich um ihre Enkelkinder. Ohne Hilfe der

tionsformen an. Firmen, die diese

Kind. Heute gebären Frauen in der Schweiz im-

Grossmutter könnten viele berufstätige Eltern

Entwicklungen unterschätzen und

mer später, das Durchschnittsalter liegt aktu-

ihren Alltag nicht mehr bewältigen. Wie gross

es verpassen, sich den veränderten

ell bei 32 Jahren – Tendenz weiterhin steigend.

die Unterstützung in Form von Fremdbetreu-

Wünschen der Konsumenten anzu-

Die Gründe für diese Entwicklung sieht der

ung tatsächlich ist, hat eine Studie des Schwei-

passen, werden das Nachsehen ha-

Berliner Professor unter anderem im Arbeits-

zerischen Nationalfonds errechnet. Sie kam

ben. Früher oder später.

RB

markt. Früher verlangte die Wirtschaft vor al-

auf sagenhafte hundert Millionen Stunden pro

lem Fachleute, die bereits in jungen Jahren ein

Jahr, fast vier Fünftel davon leisten Grossmüt-

hohes Gehalt bekamen. Heute sind hochquali-

ter. Das entspricht dem jährlichen Arbeitspen-

fizierte Spezialisten und Akademiker gefragt.

sum der ganzen Migros-Belegschaft, immer-

Da sie lange studieren, sind sie bei Karriere-

hin 86 000 Mitarbeiter. In Geld umgerechnet

beginn knapp bei Kasse – das obere Ende der

entspricht die Arbeitsleistung gut zwei Milli-

Lohnskala erreichen sie erst viele Jahre spä-

arden Franken, die in keiner volkswirtschaft-

ter. Kaum ein verantwortungsvoller Mensch

lichen Rechnung Einzug halten. Nun fordern

setzt Kinder auf die Welt, wenn auf dem Konto

die Grossmütter mehr Anerkennung, schliess-

Ebbe herrscht. Dazu kommt, dass ein Auslands-

lich leisten sie einen wesentlichen Beitrag zum

semester oder eine Weltreise einfacher umzu-

gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zu diesem

setzen ist. Da kann man sich fragen, ob eine

Zweck wurde das Projekt «Grossmütterrevolu-

«Rente mit 25» sinnvoll wäre. So hätten die 25-

tion» gegründet. Die Power-Omas fordern, dass

bis 40-Jährigen die Mittel dann zur Verfügung,

die unbezahlte (Care-)Arbeit dieselbe Wert-

wenn sie tatsächlich für die Familie gebraucht

schätzung erfährt wie Lohnarbeit. Nicht ver-

werden – und nicht erst im Alter. Doch wer soll

gessen darf man dabei die Opas: Gemäss Erhe-

das bezahlen? Realistischer wäre, die Unter-

bungen des Bundesamts für Statistik betreuen

Alvin Toffler führte 1980 in seinem Buch «The Third Wave»

nehmen und das Bildungssystem so aufzustel-

mittlerweile immerhin zwölf Prozent der Män-

den Begriff «Prosumer» ein. Er bezeichnet damit Personen,

len, dass sich junge Mütter und Väter ohne den

ner zwischen 65 und 74 Jahren ihre Enkel. Ten-

die gleichzeitig Konsumenten (Consumer) und Produzenten

Verlust der Karrierechancen zeitweilig aus dem

denz zunehmend.

PUNKTmagazin Generationen

RB

(Producer) sind.

Berufsalltag zurückziehen können.

RB

Wirtschaft

13


das moderne patenkonto Text david fehr Bild Boris Gassmann

Das Konzept, einem Patenkind ab Geburt jährlich einen Betrag auf ein Sparkonto­ überweisen, macht mit heutigen (also­ praktisch ohne)­Zinsen wenig Sinn. Das macht nichts, es gibt Alternativen.

Zinseszinsen sind eine tolle Sache: Dank ihnen

werden aus jährlich hundert einbezahlten Franken bis zur Volljährigkeit des Kindes mehr als 3000 Franken. Dieser Betrag ergab sich zumindest, als in den Achtzigerjahren auf solche Konten einbezahlt wurde. Heute beträgt der Zins nicht mehr 5, sondern 1,25 Prozent – so etwa beim Geschenksparkonto der Raiffeisenbank – und aus den 3000 werden etwas über 2500 Franken. Wird die Inflation – sagen wir zwei Prozent

tausend Franken­wert. Auch Objekte von jungen Künst-

jährlich – berücksichtigt, ist die reale Kaufkraft des

lern bieten sich an. Wenn auch nichts aus der erhofften

Geschenks bei Volljährigkeit des Kindes kleiner als

Wertsteigerung wird, so bleibt die Kunst für die Ewig-

die eingezahlte Summe. Noch schlechter sieht's aus,

keit. Das Konzept ist jedoch kein Selbstläufer und hat

wenn der Sparzins unter ein Prozent sinken und die

seine Tücken: Zahlungsbereitschaften können sich än-

Inflation über zwei Prozent steigen sollte.

dern. Schmerzlich erfahren mussten das Sammler be-

Das Zinsdilemma kann umgangen werden

stimmter Swatch-Kollektionen, die auf dem Höhepunkt

durch Spiel auf Zeit. Man wartet, bis das Kind volljäh-

des Hypes in den frühen Neunzigerjahren ihre Modelle

rig ist und überweist den dann angemessenen Betrag.

nicht verkauft haben.

Sicher, sorglos – aber auch langweilig und unpersön-

lich. Spannender ist ein «Produktzeitzeugenanlage-

anlagedepot eröffnen will, sollte sich an die Populär-

depot»: Man kauft jährlich einen Gegenstand, dem

kultur halten. Und über die Grenzen hinausschauen:

zugetraut wird, dass er über die Jahre eine hohe Wert-

Die Schweiz ist schlicht nicht verrückt genug für eine

steigerung erfährt. Tritt diese nicht ein, ist die Kollek-

angemessen grosse Auswahl an Objekten. Aber interna-

tion immerhin, hoffentlich, ein spannendes Stück

tional gibt es sie, auch 2012. Zum Beispiel «Air Yeezy 2»,

Zeitgeschichte. Doch beweist der Schenkende ei-

die von Nike in Zusammenarbeit mit Sänger, Produzent

nen Riecher für Trends und dafür, wie abnormal viel

und vor allem Unternehmer Kanye West entwickelten

Geld Menschen unter bestimmten Umständen für

Sneakers, die am 9. Juni für 245 Dollar in den Verkauf

Produkte bezahlen, wird der kleine Racker zum rei-

gelangten. Ein knappes halbes Jahr später sind sie auf

chen Teenager. Beispiele aus der Vergangenheit ge-

Ebay, je nach Modell, für 3000 bis 5000 Dollar zu haben.

fällig? Der Basketballschuh «Air Jordan 1», den Ni-

ke 1984 zu Ehren von Michael Jordan produzierte,

sicher auch so bleiben. Man suche sich den Bereich, wo

bringt heute­10 000 Dollar ein. Einzelne Atari- oder

man das irrationale Marktverhalten am ehesten nach-

Nintendo-­Videospiele aus den Achtzigerjahren sind

vollziehen und somit vorhersagen kann, mache Platz

aktuell zwischen ein paar hundert und mehreren

im Schrank und los geht die kreative Renditesuche.

14

Wirtschaft

Wer 2012 ein erfolgreiches Produktzeitzeugen­

Menschen sind verrückt – und das wird ziemlich


Wer Werglaubt glaubt denn dennnoch nochans ans Familienglück Familienglück Nichts Nichts gegen gegen Sozialromantik. Sozialromantik. Aber Aber seien seien wirwir nüchtern. nüchtern. Wer Wer trägt trägt in einem in einem UnterUnternehmen nehmen denn denn wirklich wirklich Verantwortung? Verantwortung? MitMit Sicherheit Sicherheit derder gute gute altealte Patron, Patron, derder denden Familienschatz Familienschatz seines seines Unternehmens Unternehmens über über Generationen Generationen erhält erhält undund vermehrt. vermehrt. Gewiss, Gewiss, einem einem Entrepreneur, Entrepreneur, derder so langfristig so langfristig denkt, denkt, entgeht entgeht manch manch schneller schneller Ge-Gewinn. winn. Aber Aber er opfert er opfert sein sein Unternehmen Unternehmen nicht nicht fürfür einein Quartalsergebnis. Quartalsergebnis. An An diesen diesen durch durch solide solide Werte Werte getragenen, getragenen, langfristigen langfristigen Zielen Zielen nimmt nimmt derder BB BB Entrepreneur Entrepreneur Europe Europe Fonds Fonds Mass. Mass. Unsere Unsere Anlagespezialisten Anlagespezialisten haben haben diedie heimlichen heimlichen Stars Stars unter unter denden eigentümergeführten eigentümergeführten Unternehmen Unternehmen in in einem einem Fonds Fonds zusammengebracht. zusammengebracht. Investieren Investieren SieSie jetzt jetzt in Ihr in Ihr langfristiges langfristiges Anlegerglück. Anlegerglück.

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Text DAviD fEhR | Bild BoRiS GASSMANN

PUNKTmagazin Generationen

Wirtschaft

17


Wirtschaft

Generationensolidarit ist eng verbunden mit der Energiefrage. Doch das Erbe früherer Generationen wiegt schwer: Die vollkostenrechnung der Atomenergie ist unbekannt, die Ressourcen neigen sich dem Ende zu und die Energiewende wurde auf die lange Bank geschoben.

e

s ist nicht so, dass die aktuelle Wirtschaftskrise

Da die Staaten zudem überschuldet sind und ihre

die erste wäre. Aber sie ist anders als frühere.

Ausgaben senken sollten, befinden sie sich in einem

Jene hatten meist eine konkrete Ursache –

Dilemma: Wenn sie sparen, können sie zwar Schulden

Seuchen, Kriege, Ölkrisen, Naturkatastrophen,

abbauen, würgen aber die Konjunktur ab und schwä-

Blasen –, die man eruieren und mit geeigne-

chen somit das Wirtschaftswachstum. Wenn sie die

ten Massnahmen bekämpfen konnte. Doch

Konjunktur mit weiteren Schulden künstlich ankur-

jetzt hat das System keine Krise, es ist die Krise.

beln, erzeugen sie auf dem Papier zwar Wachstum,

Und die «geeigneten Massnahmen», um die negativen

erhöhen aber die künftige Schulden- und Zinslast.

Auswirkungen unter Kontrolle zu bekommen, müssen erst noch gefunden werden. Das Problem, das Rettungs-

Generation Y vs. Babyboomer Die Herausforderun-

schirme und immer mehr druckfrisches Geld nur tem-

gen, vor die uns das Handeln früherer Generationen

porär verschleiern können, liegt tiefer: Der reibungs-

stellt, sind – um es freundlich auszudrücken – nicht von schlechten Eltern: Wir

lose Fortlauf des Wirtschaftssystems ist auf

Noch nie war die Ge-

müssen Staatshaushalte

mehr. Das zeigt auch die Entwicklung des

neration, die gerade in

Wirtschaftswachstum zu-

risikolosen Zinssatzes, also der Rendite, die

Rente ging, reicher als die

rückgreifen zu können.

len kann – eben ohne ein Risiko einzuge-

Babyboomer. Gleichzeitig

nanz- und Währungssys-

hen. Idiotensicher sozusagen. Der risiko-

sind die Aussichten für

teme, die selber viel Ver-

Finanzmarkttheorie. Als Richtwerte gelten

die jüngeren Generatio-

mit ein Grund für die Kri-

die Referenzzinssätze Libor und Euribor

nen die schlechtesten seit

sen sind und somit selber

langem.

darf aufweisen. Wir über-

anhaltendes Wachstum ausgelegt – doch dieses gibt es in unseren Regionen nicht

ein Anleger an den Finanzmärkten erzie-

lose Zinssatz ist ein theoretischer Wert der

oder sichere Staatsanleihen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun-

sanieren, ohne dafür auf

Dabei helfen sollen Fi-

trauen verspielt haben,

grossen Renovationsbe-

derts, der wirtschaftlichen Blütezeit, lag er

nehmen ein ineffizientes

meist irgendwo zwischen zwei und fünf

Gesundheitssystem, de-

Prozent. Das war in etwa auch die Rate, mit

ssen Kosten aufgrund der

der die Wirtschaft gewachsen ist. Heute be-

Überalterung der Gesell-

trägt die jährliche Verzinsung einer zehn-

schaft explodieren. Mo-

jährigen Schweizer Staatsanleihe gerade mal ein halbes

nat für Monat bezahlen wir zudem in eine Altersvorsor-

Prozent. Bei Laufzeiten von unter zwei Jahren ist sie so-

ge ein, bei der nicht geklärt ist, wie sie unsere eigenen

gar negativ: Statt für den gewährten Kredit einen Zins

Renten finanzieren kann. Bei den Reformen werden

zu erhalten, bezahlt der Anleger den Staat, damit er auf

alle Altersgruppen Abstriche machen müssen, doch am

das Geld aufpasst. «Das Geld für sich arbeiten lassen»,

stärksten trifft es vermutlich die Jungen. Denn ob nun

wie es früher hiess – das waren diese zwei bis fünf Pro-

die Renten gekürzt, die Abgaben erhöht, der Umwand-

zent. Oder mehr, falls man bereit war, etwas Risiko ein-

lungssatz gesenkt oder das Rentenalter erhöht wird: Sie

zugehen. Doch nun arbeitet Geld nicht mehr und damit

sind von jeder einzelnen Massnahme betroffen.

gehören auch die sicheren Vermögenserträge der Vergangenheit an. Das hat weitreichende Folgen.

18

Wirtschaft

Noch nie war die Generation, die gerade in Rente ging, reicher als die Babyboomer, die zwischen 2010


Offene Rechnungen Die Vollkostenrechnung ist noch lange nicht gemacht, da ein Grossteil erst beim Rückbau der Anlagen und der Lagerung der atomaren Abfälle anfallen wird. Dafür gibt es zwar Fonds, die durch die Erträge der Kraftwerkbetreiber laufend gefüttert werden, doch sie beruhen auf Schätzungen. Ob diese Beträge tatsächlich reichen werden, ist ungewiss. Erste Erfahrungen aus anderen Ländern lassen daran Zweifel aufkommen. So wurden die anfänglich geschätzten Kosten bei Rückbauten in Frankreich, der Tschechischen Republik und Deutschland massiv überschritten, teilweise um ein Vielfaches. Auch in der Schweiz müssen die budgetierten Beträge laufend nach oben korrigiert werden. Alleine zwischen 2006 und 2011 wurden sie für den Rückbau um 10, für die Stilllegung um 17 Prozent erhöht. Vor allem letztere sind eine grosse Unbekannte, denn die Politik ist bei der Endlagerfrage nicht wesentlich weiter als 1987, als der Bundesrat die weiteren Betriebsbewilligungen vom Nachweis der sicheren Entsorgung der Abfälle abhängig machte. Mittlerweile hat sich unsere Exekutive damit zufriedengegeben, dass die für die Endlagerung zuständige Nagra (Nationale Gesellschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle) den theoretischen Nachweis erbringen konnte. Das bedeutet, es gibt in der Schweiz Orte, an denen aufgrund der geologischen Voraussetzungen ein sicheres Endlager gebaut werden könnte. Dass ein solches aber je von einer Schweizer Stimmgemeinde angenommen wird, kann man sich nicht so recht vorstellen. Und je länger die Suche andauert, desto höher werden die Vollkosten des Atomstroms. Irgendwann werden diese Rechnungen beglichen werden müssen. Aber eben nicht von denen, die vom günstigen Strom profitiert haund 2029 das Rentenalter erreichen. Gleichzeitig sind

ben, sondern von denen, die dann die Hauptsteuerlast

die Aussichten für die nachfolgenden Generationen,

tragen. Und zu einem Zeitpunkt, da Energie womög-

die in den Anfangsphasen oder in der Mitte ihres Be-

lich um einiges teurer sein wird als heute. Atomener-

rufslebens stehen – beispielsweise die Generation Y –

gie missachtet das Verursacherprinzip, wenn auch mit

die schlechtesten seit langem.

einer Verzögerung von Jahrzehnten. Generationensoli-

Dass die fetten Jahre vorbei sind, darüber ist man

darität und Energieproduktion beissen sich scheinbar

sich weitgehend einig. Dass sie in dieser Form nicht

generell, denn die notwendigen Ressourcen werden in

wiederkommen werden, ebenso. Der Aderlass des Wes-

den nächsten Jahrzehnten ausgehen. Und obwohl sich

tens hat erst begonnen und die Schweiz wird sich die-

das seit langem abzeichnet, wurde die unausweichliche

sen Entwicklungen nicht entziehen können. Die Frage,

Energiewende auf die lange Bank geschoben.

die sich stellt: Wie sollen die Lasten verteilt werden, die diese veränderten Umstände mit sich bringen?

PUNKTmagazin Generationen

Kein Wachstum, hohe implizite wie explizite Staatsschulden, ökologische Altlasten und schwindende

Was dazu kommt: Das vergangene Wachstum

Ressourcen sind eine unheilvolle Kombination. Tragbar

ist zu einem nicht unwesentlichen Teil auf Rechnung

wären diese Kostenüberwälzungen nur gewesen, wenn

künftiger Generationen erfolgt. Denn wie etwa die öko-

das Wirtschaftswachstum ewig angedauert hätte. Die-

logische Kostenrechnung der letzten Jahrzehnte tat-

ses gibt es aber nur noch in den aufstrebenden Ländern

sächlich aussieht, wird sich erst im Lauf der Zeit zeigen.

wie China, Indien oder Brasilien. Europa und die USA

Beispielhaft dafür steht die Nutzung der Atomenergie,

dagegen werden weitere Einbussen in Kauf nehmen

die als eine der günstigsten Formen der Energiepro-

müssen. Diese Entwicklungen sind zwar bitter, aber in

duktion gilt. Aber stimmt das für alle Generationen?

einem gewissen Sinn fair. Der Westen hat – gerade :

Wirtschaft

19


4 4 in Zeiten, als der Kuchen stark gewachsen ist – über-

Startbedingungen. Kinder aus wohlhabenden Familien

durchschnittlich profitieren können. Dies gilt insbe-

sind von den aktuellen Unsicherheiten weniger betrof-

sondere für die Schweiz.

fen. Selbst wenn sie vorerst noch nichts erben sollten, erhalten sie in der Regel gute Ausbildungen und verfü-

Über Geld spricht man nicht Wenn künftig mit we-

gen über privilegierte Netzwerke, die wirtschaftlichen

nig bis keinem Wachstum gerechnet werden muss und

Erfolg erleichtern. Sollte dieser doch ausbleiben, bleibt

die Einkommen somit stagnieren oder sinken, steigt

meist das finanzielle Netz der Familie. Die gesicherte

die Wichtigkeit des bestehenden Reichtums. Im Durch-

Altersvorsorge hat zudem zur Folge, dass sie ihr Ein-

schnitt verfügen Schweizer über die grössten Privatver-

kommen für Konsum verwenden können. Für alle an-

mögen weltweit, über 150 000 Franken pro Person sol-

deren Jungen aber gilt: Sie müssen bei ausbleibendem

len sie nach Abzug der Schulden betragen. Doch das ist

Wirtschaftswachstum und steigenden Abgaben schau-

wie gesagt ein Durchschnittswert. Die Verteilung ist be-

en, wie sie mit ihrem Erwerbseinkommen auskommen.

kanntermassen eine der ungleichsten weltweit: Über

An Sparen und den Aufbau einer privaten Altersvorsor-

300 000 Haushalte verwalten Millionenbeträge, mehr

ge ist unter diesen Umständen nicht zu denken.

als 250 Haushalte gelten mit einem Vermögen von über

hundert Millionen sogar als superreich. Die 300 reichs-

ökologischen Folgekosten werden auf alle Schultern

ten Schweizer verwalten gemäss der «Bilanz» gar ein

verteilt, der Nutzen, der daraus gezogen wurde, bleibt

Vermögen von 512 Milliarden Franken, wobei es gegen-

in Form der Vermögen unter einigen wenigen.

Erblasten und Erben sind ungleich verteilt: Die

über 2011 nochmals um 31 Milliarden gestiegen ist. Die starke Vermögenskonzentration wird auch ersichtlich

Das Pferd vom Schwanz aufzäumen Die Ausgangsla-

bei einem Blick in die Erbstudie, die im Jahr 2000 im

ge ist nicht allzu kompliziert: Es muss davon ausgegan-

Rahmen des «Nationalen Forschungsprogramms 52»

gen werden, dass sich die Einkommen der unteren und

durchgeführt wurde. 28,5 Milliarden Franken wurden

mittleren Schichten nicht merklich erhöhen werden.

in diesem Jahr vererbt – immerhin 2,6 Prozent des Rein-

Gleichzeitig entwickelt sich die Demo­grafie ungüns-

vermögens und 8,1 Prozent des Volkseinkommens. Die-

tig und die Ausgaben für Staats- und Gesundheitswesen

ser Betrag war sogar dreissig Prozent höher als die Sum-

steigen weiter an. Irgendwie müssen diese Ausgaben fi-

me, die die Haushalte im selben Jahr angespart haben.

nanziert werden. Dass der Mittelstand nicht noch stär-

Im Durchschnitt vermachten die Erblasser fast

ker belastet werden kann, darüber ist man sich einig. Da-

eine­halbe Million Franken, die mittlere Erbsumme be-

nach endet die Eintracht: Bürgerliche und rechte Kreise

trug etwa 180 000 Franken. Davon erhielt die Hälfte der

fordern Einsparungen beim Sozialstaat. Doch sind die-

Bevölkerung nichts bis 50 000 Franken – zusammen

se angesichts der wirtschaftlich trüben Aussichten rea-

Die verschiedenen Generati-

mussten sie sich mit 2 Prozent der totalen Erbsumme

listisch? Oder wäre allenfalls eine­ Neugewichtung der

onen leben – ausserhalb der

begnügen. Auf jene fünf Prozent, die am meisten erben,

relativen Steuerlasten von Einkommen, Vermögen und

Familie – aneinander vorbei,

entfielen 60 Prozent. Dazu kommt, dass Erben und Erb-

Erbschaften ins Auge zu fassen? Zurzeit werden Ein-

lasser aufgrund steigender Lebenserwartung immer äl-

kommen eher hoch, Vermögen niedrig und Erbschaften

ter werden. Erhielten die Unter-55-Jährigen 1980 mehr

– zumindest an Kinder, die über die Hälfte der Erbsum-

als zwei Drittel der Erbsumme, soll es 2020 nur noch

me erhalten – gar nicht oder sehr tief besteuert. Dem-

hat die Schweizerische Ge-

ein Drittel sein. Der Anteil der Über-75-Jährigen dage-

entsprechend gering sind die resultierenden Steuer­

meinnützige Gesellschaft

gen soll von 8 auf 19 Prozent steigen. Die übernächste

erträge. Im Jahr 2006 beispielsweise betrugen sie nur

­anlässlich ihres 200-jährigen

Generation, die Enkel, ging praktisch leer aus: Lediglich

gerade 841 Millionen Franken – oder 0,76 Prozent des

Bestehens im Jahr 2010 lan-

3 Prozent der Erbsumme kam ihr direkt zugute.

Steueraufkommens der Kantone und Gemeinden.

lautet das Fazit des «Sozialberichts 2012». Eine Initiative, um die Generationensolidarität wieder zu erhöhen,

ciert; die Internetplattform intergeneration.ch. Dort werden Projekte vorgestellt,

Solidarität ist Familiensache

In Kombination mit den wirtschaftlichen Ent-

Der bedeutungs-

wicklungen ist das insofern unglücklich, da das Er-

schwangere Titel der Erbschaftsstudie lautet «Erben in

werbseinkommen, auf dem eben genau die grösste Steu-

trale Fragen des Zusammen-

der Schweiz – eine Familiensache mit volkswirtschaft-

erlast liegt, bei den meisten die einzige Einnahmequelle

lebens verschiedener Gene-

lichen Folgen». Dass Solidarität tatsächlich in erster

darstellt: Um Vermögen anzusparen reicht es nicht, zu

rationen fördern.

Linie Familiensache ist, zeigen auch die vorab veröf-

erben gibt es häufig nichts. Somit kommt ihnen deren

fentlichen Ergebnisse des Sozialberichts 2012. Dort ist

tiefe Besteuerung nicht zugute. Bei Vermögenden ist es

ebenfalls von Generationensolidarität die Rede: Kinder

umgekehrt: Die Einkommenssteuer spielt eine gerin-

pflegen Eltern, Enkel erklären Grosseltern das Internet,

gere Rolle, da der Betrag ja nur einmal als solches ver-

Grosseltern hüten Enkel, gewähren den Kindern Darle-

steuert werden muss. Danach fallen lediglich die tie-

hen und vererben Vermögen. Aber eben immer nur in-

fen Vermögens- und Erbschaftssteuern an. Wenn man

nerhalb der Familie. Ansonsten leben die verschiede-

sich einig ist, dass die Vermögenskonzentration ein un-

nen Generationen aneinander vorbei. Ist es vielleicht

gesundes Mass angenommen hat und dass zudem Kos-

genau diese innerfamiliäre Solidarität, die eine gene-

ten auf spätere Generationen überwälzt wurden, sind

relle Generationensolidarität erschwert? Verringert die

Erbschaftssteuern nicht die absurdeste Massnahme. Sie

Fixierung auf das eigene finanzielle Familienglück die

zäumen das Pferd vom Schwanz auf nach dem Motto:

Verzichtsbereitschaft zugunsten der Allgemeinheit?

Wenn die extreme Vermögensakkumulation zu Lebzei-

ten nicht verhindert werden kann, wird die entstande-

die den Austausch über zen-

Das Resultat dieser extremen Vermögenskonzen-

tration stellt junge Generationen vor unterschiedliche

PUNKTmagazin Generationen

ne Ungleichheit halt nachträglich korrigiert.

Wirtschaft

:

21


In der Schweiz stiessen Erbschafts- und Schen-

4 4

kungssteuern bislang auf wenig Gehör. Sie auf kantonaler Ebene einzuführen oder – wo sie existieren – zu erhöhen, wäre angesichts des Steuerwettbewerbs finanzieller Selbstmord. Einzig eine nationale Lösung käme in Frage. Eine entsprechende Initiative, die – bei einem Freibetrag von zwei Millionen Franken – einen Steuersatz von zwanzig Prozent vorsieht, befindet sich im Unterschriftenstadium. Gemäss der Erbstudie haben aber 85 Prozent der Bevölkerung gar kein Problem damit, dass Erbschaften praktisch nicht versteuert werden. Ob sich diese Meinung angesichts der veränderten ökonomischen Umstände verändert hat und die Initiative an

materieller Besitz, Fähigkeiten noch Schicht sind be-

der Urne eine Chance hat, wird sich weisen.

kannt. Die von John Rawls 1971 publizierte Theorie lässt

Damit Generationensolidarität künftig besser ge-

sich auf ökonomische Fragstellungen adaptieren.

währleistet werden kann, muss vor allem der Umgang

Würde ein niedrig besteuerter Milliardär Kür-

mit Ressourcen und der Umwelt verbessert werden,

zungen bei Sozialleistungen gutheissen, wenn er nicht

darüber ist man sich weitgehend einig. Sich jetzt ein-

wüsste, ob er allenfalls selber auf sie angewiesen wäre?

schränken, damit auch künftig noch genug vorhanden

Würden sich Zürcher Goldküstenhaushalte gegen Steu-

ist. Das widerspricht jedoch dem menschlichen Charak-

ererhöhungen zugunsten der Bildung wehren, wenn sie

ter, der auf die eigenen Vorteile bedacht ist. Wenn Politi-

keine privaten Mittel hätten, um allfällige Versäumni-

ker tatsächlich zu drastischen Einschränkungen aufru-

sse der Volksschule zu kompensieren? Für wie gerecht-

fen würden, wäre ihre Abwahl so gut wie sicher. Da sie

fertigt hielte ein Investmentbanker sechsstellige Boni,

aber primär wiedergewählt werden wollen, müssen sie

wenn er damit rechnen müsste, ein Working Poor zu

den Wählern ihr Programm schmackhaft machen. Ein

sein? Wie würden Menschen die Gewichtung von Ein-

Dilemma, das nur das Stimmvolk beseitigen könnte.

kommens-, Vermögens- und Erbsteuer gestalten, wenn sie ihre finanzielle Lage nicht kennen würden?

Schleier des Nichtwissens Einen Motivationsschub,

Rawls hat in seinem Modell explizit Geogra-

um künftig etwas mehr zu verzichten, bietet ein Kon-

fie und eben auch die Generationenfrage einbezogen:

zept aus der Gerechtigkeitstheorie; der Schleier des

Wäre ein Schweizer Landwirt vom Protektionismus

Nichtwissens. In diesem fiktiven Zustand entscheiden

ebenso begeistert, wenn er davon nicht profitieren wür-

Bürger über die künftige Gesellschaftsordnung, ohne

de, sondern ein Drittweltland-Bauer, dessen Produkte

zu wissen, auf welcher Stufe dieser Ordnung sie sich be-

dadurch nicht kompetitiv sind? Würde ein Glencore-

finden werden. Weder Hautfarbe, Rasse, sozialer Status,

Manager die Profite, die sein Unternehmen mit einer Kupfermine im Kongo erzielt, auch so toll finden, wenn

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er damit rechnen müsste, 2013 als siebtes Kind eines kongolesischen Fabrikarbeiters geboren zu werden?

Das Positive zuletzt Dass man in der Vergangenheit nicht gross Rücksicht auf die Interessen künftiger Generationen genommen hat, kann nicht mehr geändert werden. Da die Voraussetzungen und Umstände komplett anders waren, sind Schuldzuweisungen fehl am Platz und nicht zielführend. Die Entwicklungen waren schleichend und in ihrem Ausmass nicht abzusehen. Und mit Sicherheit hätten die heutigen Jungen unter denselben Umständen nicht anders gehandelt – es ist lediglich eine Frage des Geburtsjahres. Was die Jungen

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aber fordern könnten, wäre eine gerechtere Verteilung

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rationen sind die ersten mit reellen Chancen, langfris-

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zu früher werden wir nicht nur vor den Folgen des öko-

der Lasten und der Vermögen. Das Positive zum Schluss: Die kommenden Genetig für Generationensolidarität zu sorgen. Im Gegensatz logischen Raubbaus gewarnt, sie sind für alle sicht- und spürbar. Und dass das fortwährende Überwälzen von aktuellen Kosten auf künftige Generationen kein Rezept

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für die Ewigkeit ist, wissen wir nicht nur aus Theoriebüchern, sondern von der täglichen Zeitungslektüre. «Vorteile», die frühere Generationen nicht hatten.

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Wirtschaft


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24

Wirtschaft


Wirtschaft

brasilien erfindet sich neu Text MARCUS NoEllE Bild BlooMBERG

Der Aufstieg von Messias Moreira Elizardo vom Orangenverkäufer zum Unternehmer und Bürgermeister seiner Heimatgemeinde steht beispielhaft für den Aufstieg einer ganzen Nation. Der US-Traum lebt – mitten in Brasilien. «Mein Land hat sich in den vergangenen Jahren sehr schnell entwickelt. Wer genügend Mut und Willensstärke besitzt, kann es wie ich von ganz unten nach oben schaffen.» Die Worte von Messias Moreira Elizardo sind nicht jene eines Politikers, der seinen Wählern das Paradies versprechen will. Es sind Worte aus tiefstem Herzen und voller Überzeugung, dass Brasilien für jeden die Chance bereithält, mehr aus seinem Leben zu machen, als ihm bei Geburt vorgegeben zu sein scheint. Das Lächeln auf seinem sonnengegerbten Gesicht ist ansteckend. Er sprudelt nur so von der für Europäer so faszinierenden brasilianischen Leichtigkeit des Seins. Und meint es das Leben noch so schlecht mit dir, morgen ist ein neuer Tag – und vielleicht wird alles gut. «Tudo bem», alles gut – eine brasilianische Begrüssungsfloskel, die viel über das Land und seine Einwohner aussagt. Doch Messias kennt auch die Schattenseiten: die Armut des Landes, die scheinbare Ausweglosigkeit. «Ich danke Gott für mein Leben. Ich möchte keine Minute meines Lebens, auch wenn sie noch so schwer war, missen oder ändern», sagt er. Seine Stimme ist zwischenzeitlich ruhiger geworden. Er hebt seinen Kopf und da ist sie wieder – diese brasilianische Leichtigkeit. Das Lächeln, dieses vor Lebensfreude sprühende Funkeln in seinen Augen.

Vorhof der Hölle Vor wenigen Wochen wurde der 38-Jährige zum Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Lagoa Alegre im Bundesstaat Piauí gewählt – die Region im Nordosten Brasiliens gilt als das Armenhaus der aufstrebenden Wirtschaftsnation. Der süsslich-beissende Geruch der Zuckerrohrplantagen ist allgegenwärtig, wer sich nicht auf den Hauptverbindungsstrassen des Bundesstaats befindet, ist zwingend auf ein mehr oder weniger geländegängiges Vehikel angewiesen. Kilometerlange rote Sand- und Schotterpisten verbinden die kleineren Dörfer und Städte im Landesinneren. Teresina, die Hauptstadt Piauís, wird von Brasilianern auch scherzhaft Vorhof der Hölle genannt – im Sommer überschreiten die Temperaturen :

PUNKTmagazin Generationen

Wirtschaft

25


BRASILIEN

dent der IPEA bezeichnet das erste Jahrzehnt

BRASILIEN

des 21. Jahrhunderts hinsichtlich der Bekämpfung von Armut und sozialer Disparität

PIAUI

als sehr erfolgreich. Der Wohlstand eines Lan-

PIAUI

des lasse sich nicht ausschliesslich am BIP-

RIO

Wachstum festmachen, sondern an dem, was

RIO

davon bei der Bevölkerung ankomme.

Ein Brasilien ohne Elend Brasilien schafft das, was Staaten in Wachstumsphasen selten

LAGOA ALEGRE

gelingt: Der Aufstieg kommt vielen zu Gute.

LAGOA ALEGRE

Das Sekretariat für strategische Angelegenheit (Secreataria des Assuntos Estratégicos, SAE) hat berechnet, dass die Mittelschicht

PIAUI

Brasiliens – nach offiziellen Zahlen fast

PIAUI

104 Millionen Menschen – über eine Kaufkraft von insgesamt einer Billion Reais (gut 500 Milliarden Franken) verfügt. Wäre diese Mittelschicht ein eigenes Land, es würde zu

Bundesstaat Piauí

4 4 regelmässig die 45-Grad-Grenze. Auch

den 18 kaufkräftigsten der Welt gehören. Die

während der Regenzeit fällt das Thermome-

Regierung um Präsidentin Dilma Rousseff

ter nur selten unter 30 Grad. Von der Schnell-

kämpft gegen die Armut im Land und hat

lebigkeit und Modernität der Megametropo-

dazu verschiedene Hilfsprogramme für die

len Rio de Janeiro oder Sao Paulo ist in Piauí

ärmsten der Armen aufgegleist. Sie heissen

nur wenig zu spüren.

Bolsa Familia oder Brasil Carinhoso (zärtli-

Hauptstadt

In Lagoa Alegre, wo er heute Bürger-

ches Brasilien) und verfolgen alle dasselbe

Fläche

meister ist, wurde Messias geboren. Damals

Ziel: «Plano Brasil sem Miséria» – Brasilien

Einwohner

war das Dorf nicht mehr als eine Ansamm-

ohne Elend. Die staatlichen Hilfsleistungen

Dichte

lung einiger weniger Häuser – heute zählt die

sollen vor allem Familien unterstützen, sich

BIP (2010)

Gemeinde gut 9000 Einwohner. «Wir hatten

mit dem Minimum zu versorgen. Sie garan-

ein kleines Stück Land, auf dem wir das Not-

tieren Familien mit Kindern bis zu

wendigste angebaut haben, um davon zu le-

sechs Jahren ein Mindesteinkom-

DiE BRAsiliAnisCHE miTTElsCHiCHT Namhafte Vertre-

ben», erzählt Messias.

men von 70 Reais (35 Franken) pro

ter der Ungleichheitsforschung hegen keine Zweifel dar-

Jahr. Die Regierung rühmt sich, auf

an, dass sich die Konzentration des Reichtums verringert

diese Weise bereits 2,8 Millionen

und die Chancen des sozialen Aufstiegs in Brasilien seit

Kinder aus extremer Armut befreit

der Jahrtausendwende gestiegen sind. Sie kritisieren zu-

zu haben.

gleich jedoch die staatlich vorgegebene Definition der Mit-

Messias, der junge Bürger-

13 DE MARÇO DE 1823

Teresina 251 529 km2 3 140 213 12,48 Einwohner/km2 R$ 22 600 000

telschicht (Ein Pro-Kopf-Einkommen zwischen 291 und 1019

meister von Lagoa Alegre, wird

Reais). Nach Ansicht von Eduardo Fagnani vom Institut für

nachdenklich, wenn er solche Bot-

Ökonomie der Staatsuniversität von Campinas hänge ein

schaften hört. «Mein Land steht

Grossteil der neuen Mittelschicht noch zu sehr von Unter-

vor grossen Herausforderungen.

stützungen des Staates ab. Die Eigenvorsorge abseits der

Wir müssen die Armut noch stär-

staatlichen Hilfen im Gesundheits- und Rentensystem so-

Heute führt er sein eigenes Bauunter-

ker bekämpfen und für mehr so-

wie die Aufwendungen für Privatschulen seien nach wie

nehmen mit ungefähr dreissig Beschäftig-

ziale Gleichheit sorgen. Ich werde

vor rudimentär. Zudem fehle in Brasilien der breite Zugang

ten und profitiert vom seit 2001 anhaltenden

als Bürgermeister alles dafür ge-

zur höheren Bildungseinrichtungen. Jessé Souza, Professor

Boom des Landes. Eine Untersuchung des

ben, meine Region voranzubringen,

für Soziologie an der Universität von Juiz de Fora, will erst

Instituts für angewandte Wirtschaftsstudien

mehr Arbeitsplätze zu schaffen,

gar nicht von der Mittelklasse sprechen. Er spricht von der

(Instituto de Pesquisa Econômica Aplicada,

mehr Häuser zu bauen und vor al-

«neuen brasilianischen Arbeiterklasse».

IPEA) belegt, dass die Wirtschaftskraft des

lem auch bessere Löhne zu garan-

Landes seit der Jahrtausendwende um 40,7

tieren.» Auch wenn nun der Politiker aus ihm

Prozent zugelegt hat, das Bruttoinlandpro-

spricht – was er sagt, ist glaubhaft. Er hat am

dukt (BIP) um 27 Prozent. Zeitgleich wuchs

eigenen Leib erfahren, was es heisst, arm zu

das Einkommen der ärmsten zehn Prozent

sein. In der Hoffnung auf ein besseres Leben

– auch dank der Einführung einer Mindest-

packten seine Eltern ihre Habseligkeiten und

lohnpolitik des ehemaligen brasilianischen

zogen in das Nachbarstädtchen José de Frei-

Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva – um

tas – ein Neuanfang, der Messias die harte

91,2 Prozent. Die Gehälter der reichsten zehn

Wirklichkeit des brasilianischen Alltags leh-

Prozent stiegen im gleichen Zeitraum ledig-

ren sollte. «Im Alter von acht Jahren musste

lich um gut 16 Prozent. Marcelo Neri, Präsi-

ich auf dem Markt Orangen und Dindin

26

Wirtschaft


­(brasilianisches Wassereis am Stiel) verkaufen, um meiner Familie zu helfen, damit wir genug Geld zum Essen hatten.» Tagein, tagaus. Schule wurde mehr und mehr zu einem Luxus, den er sich nicht leisten konnte.

Entweder lernen oder essen, das wa-

ren seine Alternativen. Als Messias zwölf Jahre alt war, drückte er letztmals die Schulbank. «Ich musste meiner Familie mehr helfen.» Er schmiss die Schule und begann, als Schreiner zu arbeiten. Noch ein Kind, dem die Lebensumstände die Kindheit raubten, musste er von nun in der Welt der Erwachsenen überleben. Ein Zurück gab es nicht. «Ich wollte aus diesen Verhältnissen raus, meinen Kindern eines Tages eine Kindheit schenken, die nicht geprägt ist von Armut und Überlebenskampf.» Seinen Eltern gibt er keine Schuld. Es waren die Umstände der damaligen Zeit.

volumen von knapp 73 Milliarden Franken in

2013 erwarten die Bundespolitiker wieder

Aussicht gestellt. Das bis dato­ eher schwach-

ein erstarktes Wachstum von 4,5 Prozent.

Investitionen in die Infrastruktur Heute

brüstige Kommunikationsnetz wird ebenso

sind die Zeichen der Zeit anders, sie stehen

auf Vordermann gebracht, um dem mobilen

Kinder des Wohlstands Messias blickt

auf Wachstum und steigendem Wohlstand.

Datenboom gewachsen zu sein, wenn zig Mil-

zuversichtlich in die Zukunft. Er ist es ge-

Auch wenn jüngst der Internationale Wäh-

lionen Touristen die Sportgrossereignisse be-

wohnt, diese selber zu gestalten. Mit 26 ent-

rungsfonds die Wachstumsprognose für

suchen. Und Milliarden über Milliarden flie-

schloss er sich dazu, den grossen Schritt

Brasilien auf 1,5 Prozent gesenkt hat, da das

ssen in den dringend notwendigen Ausbau

zu wagen. Er nahm seinen Mut und all das

Land durch seine übermässige Ausrichtung

des Stromnetzes.

Geld, das er bekommen konnte, zusammen

auf den Energie- und Rohstoff­sektor stark

Wer im Nordosten des Landes lebt, hat

und machte sich mit einer kleinen Baufir-

vom globalen Konjunkturtief betroffen sei.

auch heute noch immer genügend Kerzen zur

ma selbständig. Arbeitstage von 17 Stunden waren keine Seltenheit. Doch Messias wollte den Erfolg und war bereit, dafür zu schuften und sich abzurackern. Dass er nur bis zur 5. Klasse die Schule besucht hat, war dabei kein Nachteil. Was er für das Führen eines Unternehmens wissen musste, hatte er sich über die Jahre selbst beigebracht. Heute ist er in der ganzen Region als ausgezeichneter Baumeister bekannt und kann sich vor Aufträgen kaum retten.

«Um erfolgreich zu sein, braucht es

vor allem eine gute Erziehung und einen grossen Lernwillen», sagt er. Doch genau an diesen Tugenden fehlt es in seinem Land immer häufiger, wie eine Studie der IPEA besagt. Nach dieser ist der Anteil der jüngeren Brasilianer, die weder arbeiten noch studieren, in den letzten Jahren in die Höhe geschossen. Bei Frauen beläuft er sich auf mittlerweile 19 Prozent, bei Männern sind In Brasilien ist man trotzdem optimistisch,

Hand, um mal eine Nacht ohne Strom auszu-

es 9 Prozent. Die Forscher führen diesen

vor allem die Fussball-WM 2014 und die

kommen. So wie Ende Oktober, als der gröss-

Umstand auf den gestiegenen Wohlstand

Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro

te Stromausfall seit zehn Jahren den Nord-

zurück. Dieser ermögliche es Jüngeren aus

sorgen für Euphorie und Zuversicht. Meh-

osten über Stunden lahm legte. 53 Millionen

reicheren Familien, weder zu arbeiten noch

rere hundert Milliarden Reais fliessen in

Menschen in total neun Bundesstaaten waren

zu studieren.

den Ausbau des Verkehrsnetzes – zu Lande,­

vom Blackout betroffen. Alles in allem dürf-

in der Luft und auch auf See. So hat die Re-

ten sich die staatlichen Investitionen in den

und frisch gewählten Bürgermeister, ist

gierung die Ausschreibung von 50 000 Ki-

kommenden Jahren auf einen dreistelligen

das ein Unding. «Ich verstehe diese Jungen

lometer Strassen und 12 000 Kilometer

Milliardenbetrag summieren – und so das

nicht. Sie haben alle Chancen und nutzen

Eisenbahntrassen mit ­einem Investitions-

Wirtschaftswachstum ankurbeln. Für das Jahr

sie nicht.»

PUNKTmagazin Generationen

Für Messias, den Bauunternehmer

Wirtschaft

27


28

Wirtschaft


grün ist nicht gleich grün Text SiMoN JACoBY Bild BoRiS GASSMANN & fABiAN WiDMER

Aus alt mach neu. Zwischen einer PET-Flasche und einem Fussballshirt liegen nur wenige Stationen. Mit PET lässt sich gutes Geld verdienen. Doch der Markt hat seine Besonderheiten, die ihn alles andere als berechenbar machen. Jeder kennt sie: die PET-Flasche. Die Vorteile liegen auf der Hand. Die Plastikflasche ist leicht, unzerbrechlich, recycelbar und in der Herstellung preiswerter als Glas. Deswegen ist es nicht weiter erstaunlich, dass dieser praktische Behälter in über 150 Ländern

Conscious materialien aus

kaum aus dem Alltag wegzudenken ist. Jährlich werden weltweit ge-

rezykliertem PET werden in

gen 500 Milliarden Stück produziert und in Umlauf gebracht. Fast

der Textilindustrie schon

die Hälfte davon stammt aus Westeuropa und den USA. Durch die rasche Verbreitung hat PET eine enorme Bedeutung in der Verpackungsindustrie erlangt und ist mittlerweile zu einem teuren Rohstoff geworden. Aus diesem Grund besteht für rezykliertes PET eine

länger verarbeitet. Auch grosse Konzerne wie h&M sind dabei, aus altem PET neue Kleider zu fertigen.

grosse Nachfrage. Beim Recycling bestehen grosse Unterschiede. In der Schweiz landen gemäss dem Bundesamt für Umwelt rund achtzig Prozent der ausgegebenen Flaschen in einem der 30 000 Sammelcontainer und werden recycelt. Die Quote sei sogar noch etwas höher, wie Jean-Claude Würmli von PET-Recycling Schweiz gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sagte. Denn vom gesamten PET-Rücklauf würden zwei Prozent illegal von den Händlern abgezweigt und direkt ins Ausland gebracht, wo eine Tonne altes PET bis zu 500 Franken einbringe, so der stellvertretende Geschäftsführer. In der EU lag der Durchschnitt der PET-Sammelquoten im Jahr 2010 bei knapp fünfzig Prozent. In weiten Teilen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas dagegen werden PET-Flaschen nicht vom übrigen Abfall getrennt – sie landen irgendwo in der freien Natur.

Europäische Unterschiede Für die gesammelten Flaschen geht die Reise weiter in eine der Recycling-Anlagen, wo die Flaschen maschinell getrennt werden nach farbig und durchsichtig. Nur letztere – in Europa liegt ihr Anteil bei 22 Prozent, in der Schweiz bei 60 Prozent – können wieder zu PET recycelt werden. Farbigen Flaschen dagegen ist kein weiteres Leben vergönnt – aus unternehmerischen Gründen. Da sie meist in Corporate-Identity-Farben gehalten sind, ist ein Vermischen unerwünscht. So sind die PET-Flaschen der Wassermarken Valser und Rhäzünser beispielsweise zwar beide grün, aber es ist eben nicht derselbe Farbton. Die Einzelmengen sind jedoch zu klein, als dass sich ein Trennen hier lohnen würde. Sind die Flaschen den Farben nach sortiert, landen sie in einer Mühle, wo sie zu sogenannten Flakes oder Granulat verkleinert :

PUNKTmagazin Generationen

Wirtschaft

29


4 4 werden. Die folgende Heisswäsche reinigt

Regionen. Doch bei steigendem Wohl-

die Behältnisse makroskopisch und befreit sie

stand wird das Distributionsnetzwerk der

von Etiketten und anderen groben Schmutz-

Getränkehersteller in den Entwicklungs-

partikeln. Meist werden die Flakes in diesem

ländern besser werden. Somit steigen die

Zustand an die verarbeitende Industrie weiter-

Chancen für PET, sich durchzusetzen.

verkauft. In der Schweiz sind es 95 Prozent des

Noch gänzlich ungenutzt ist in diesen

so bearbeiteten PETs, das im Inland weiterver-

Regionen das Potenzial der Wiederaufberei-

arbeitet wird – ein weltweit einzigartiger Wert.

tung. Heute werden die leeren Flaschen zu-

Für den Rest gilt: Das Granulat wird an den

meist achtlos entsorgt, als seien sie wertlos.

Höchstbietenden verkauft. Oft gelangt das PET

In erster Linie geht es dort darum, Natur-

via Rotterdam nach China. Obwohl die Europä-

Acht Flaschen für ein Shirt Die Attrakti-

flecken und insbesondere Sandstrände von

ische Union vor drei Jahren das Recycling for-

vität des Geschäfts mit PET lässt sich gut in

PET zu befreien. Eine Sisyphusarbeit, denn

cierte und die Exporte nach Asien daher rück-

der Kleidungsbrache erkennen: Der Sportar-

kaum ist ein Abschnitt sauber, schwemmt

läufig sind, bewegen sich chinesische Händler

tikelhersteller Nike benötigt für die Produk-

das Meer die nächste Ladung an.

nach wie vor sehr aggressiv auf den PET-Recyc-

tion eines Fussballtrikots Granulat von etwa

lingmärkten – und bezahlen fast beliebig hohe

acht recycelten 1,5 Liter PET-Flaschen. Da de-

Nachwachsende PET-Flaschen?

Preise. Mitunter kommt es vor, dass europäische

ren Preis nur ein paar wenige Rappen beträgt,

ten Endes kann das Entsorgungsproblem

Händler ihren chinesischen Partnern «Güsel»

die T-Shirts aber für bis zu hundert Franken

nur gelöst werden, wenn bei Endverbrau-

unterjubeln wollen, wie Würmli von PET-Recy-

verkauft werden, entstehen riesige Margen.

chern ein entsprechendes Bewusstsein ent-

cling Schweiz es nennt. Zum Schluss jedoch sitzt

Selbst für «faire» Produkte sind nur geringe

steht. Oder, indem wirtschaftliche Anreize

China am längeren Hebel. So im Frühjahr 2012,

PET-Mengen nötig. Bei «fairtextil», der nach-

wie ein Flaschenpfand gesetzt werden. Auf

als die Regierung den Handel wegen mangel-

haltigen Produktlinie des Schweizer Textil-

der anderen Seite der Wertschöpfungskette,

hafter Qualität stoppte. Die Folge waren sinken-

herstellers Switcher sind es für eine Fleece-

in der Produktion, tüfteln die grossen Kon-

de Preise und eine steigende Qualität.

jacke 25 Flaschen.

zerne wie Coca-Cola, Danone und Pepsi be-

Letz-

Im Jahr 2006 gelangten auf diesem

Der Handel mit gebrauchtem PET, auch

reits fleissig an neuen, umweltschonenden

Weg vier Millionen Tonnen PET in Form von

r-PET genannt, lohnt sich finanziell trotzdem

Modellen. Danone beispielsweise setzt auf

Flakes nach China, das entspricht über 100

nicht immer. Der Markt kann bisweilen ko-

Plastikflaschen aus teilweise nachwachsen-

Milliarden Flaschen. Aus diesen entstehen

mische Züge annehmen. Das ist vor allem

den Rohstoffen, Pepsi entwickelt eine Fla-

verschieden dicke Textilfasern, die meist zur

dann der Fall, wenn der Preis der für die zur

sche, die in der Produktion ohne Erdöl aus-

Herstellung von Kleidern verwendet werden.

PET-Produktion benötigten Rohstoffe sinkt.

kommt und komplett aus erneuerbaren Ressourcen besteht. Das Endprodukt von Pepsi unterscheidet sich chemisch nicht von einer mit Erdöl produzierten Flasche. Darum kann sie in den normalen Recycling-Kreislauf eingespeist werden. Doch alleine die Verwendung von pflanzlichen Rohstoffen macht die Verpackung nicht automatisch umweltfreundlicher, da zu ihrer Produktion grosse Mengen Wasser, Energie, Dünger und Land benötigt werden. Ob sich die «Bioplastics» durchsetzen werden, hängt stark davon ab, ob die Bestrebungen in Richtung ökologischer Flaschen nur ein Marketinginstrument bleiben, oder ob die Flaschen tatsächlich umweltfreundlich produziert werden können. Spannend wird es, wenn der globale PET-Markt dereinst gesättigt und der Recycling-Kreislauf optimiert sein sollte. Im

Chinesische Unternehmen setzen aus zwei

Altes PET wird dann teurer gehandelt als neu-

Idealfall bestehen dann alle durchsichtigen

Gründen auf PET-Textilien: Zum einen ist es

es. Der Markt wird auch in Zukunft interes-

Flaschen zu hundert Prozent aus schon mal

schlicht lukrativer, PET zu Kleidern statt zu

sant bleiben. Denn die Marktsättigung, auf

gebrauchtem Material und ein Grossteil

Flaschen zu verarbeiten. Das gilt umso mehr,

welche die grossen Volumina und ausgefeil-

der Textilien wird aus den farbigen Verpa-

je höher die Preise für gebrauchtes PET stei-

ten Handels- und Produktionswege mit r-PET

ckungen produziert. In diesem Fall müssten

gen, weil das Endprodukt teurer verkauft wer-

hindeuten, gilt gemäss Würmli nur für die In-

nur noch wenige neue PET-Flaschen her-

den kann. Zum anderen kann der Markt mit

dustrieländer. Da sich die Situation in Latein-

gestellt werden und die energieintensive

Kunststoff besser antizipiert werden als die

amerika, Asien und Osteuropa anders verhält,

Baumwollproduktion könnte drastisch zu-

Alternative Baumwolle. Deren Ernte ist we-

steigen die Preise weiter an. Noch werden in

rückgefahren werden. Dieser fast perfekte

gen Unwettern und anderen umweltbeding-

diesen Regionen deutlich weniger PET-Fla-

PET-Kreislauf wird jedoch noch eine Weile

ten Faktoren weniger genau kalkulierbar.

schen verkauft als in hoch entwickelten

Zukunftsmusik bleiben.

30

Wirtschaft


kolumne

Gänsehaut

der querdenker

D

as «Zwänzgernötli» zur Finanzierung

Nimmt man die Änderung von Tötungsme-

des Kinderspitals in Kambodscha ge-

thoden als Spiegelbild einer sich weiterent-

hört genauso zur Adventszeit wie der

wickelnden Gesellschaft, so könnte man die

jährlich wiederkehrende Wunsch je-

Meinung vertreten, die USA seien zwischen-

des Europäers, einmal im Leben mit

zeitlich zum Weltmeister des Humanismus

der ganzen Familie am frühen Abend auf

aufgestiegen.

der Eisbahn vor dem Rockefeller Center das

Weihnachtserlebnis in klirrender Eiseskälte

flössen geschmolzenen Metalls eine durch-

unter dem klaren Sternenhimmel gebührend

aus beliebte Art, um ein Menschenleben zu

zu huldigen. Weihnachten ist bekanntlich die

beenden. Ist es das daher rührende schlech-

Zeit der Besinnung und der Gänsestopfleber,

te Gewissen, das uns in der Silvesternacht je-

denn wir alle wissen, was wir tun.

weils in Form des Bleigiessens heimsucht? Im

Pro Jahr werden inmitten der angeb-

frühen Mittelalter stand hingegen das Aus-

lich zivilisiertesten Nation der Welt ein Dut-

weiden hoch in der Gunst des Schlächters.

zend ausländische Staatsangehörige hinge-

Heute gilt die Zubereitung der Weihnachts-

richtet. Darunter auch Touristen, wenn es

gans als alljährlich wiederkehrende Über-

sein muss. Die Hälfte wurde mit Giftspritzen

sprunghandlung einer angeblich domes-

am Times Square vor der Leuchtwerbung von

tizierten Menschenwelt, die ihr schlechtes

Coca-Cola, ein Viertel der zum Teil minder-

Gewissen über Generationen hinweg erfolg-

jährigen Ausländer durch den Strang im Kel-

los zu verdrängen versucht hat. Nicht um-

ler der Metropolitan und der Rest in der als

sonst steht in jedem Sadomaso-Laden eine

Gaskammer getarnten mobilen Jagdhütte im

Würgschraube, auch Garrotte genannt. Ist das

Central Park ermordet. Die Methoden der ge-

auch der Grund, warum das Buch «Shades of

sellschaftlichen Schädlingsbekämpfung ken-

Grey» seit einer gefühlten Ewigkeit auf Platz 1

nen seit Generationen keine Grenzen.

der Bestsellerliste steht?

Ohne die USA im gleichen Atemzug mit

Rückblick. In der Antike war das Ein-

Wie der Hinrichtungstod im Einzelfall

China oder Somalia zu nennen oder den sa-

auch immer herbeigeführt wurde, die Frage

distischen Genpool des Menschen anhand

nach der Anschlussverwendung stellt sich un-

von Folterarten der Roten Khmer schonungs-

weigerlich. Liebe Schleckerfrauen: In dieser

los offenzulegen, sticht besonders der Bun-

menschenverachtenden FDP-Welt des Herrn

desstaat Texas als gesellschaftspolitisch moti-

Rösler hätte es euch eindeutig härter treffen

vierter Serienkiller hervor. Dort wurden von

können. Ich denke da zum Beispiel an Stei-

Staatswegen seit Mitte der Siebzigerjahre 482

nigung. Die Domestizierung von Menschen

Morde verübt. Bundesweit waren es knapp

und Wildgänsen ergibt sich durch die Ausle-

1300, die mit Hilfe von Injektionen ohne Bei-

se schrecklicher Exemplare. In diesem Sinne:

packzettel, heissen Stühlen, Vergasen, Erhän-

«God Bless America!» Und wir Europäer Beat

gen und Erschiessen herbeigeführt wurden.

Richner. Danke, Beatocello.

Der Querdenker hat sich die etwas andere Informationsvermittlung auf seine Fahne geschrieben. Diese ist stets gehisst, auch dann, wenn der Wind eisig bläst.

PUNKTmagazin Generationen

Wirtschaft

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32

Wirtschaft


Wirtschaft

nachfolge gesucht Text floRiAN SChAffNER Bild BoRiS GASSMANN

Die Patrons der Babyboomer-Generation kommen langsam aber sicher ins Pensionsalter. Nach einem arbeitsamen Leben sind sie bereit, ihr Unternehmen an die nächste Generation zu übergeben. Doch die Jungen haben meist andere Pläne. Der Tod von Swatch-Gründer und Uhrenpapst Nicolas Hayek im Juni 2010 kam überraschend. Die Aktionäre reagierten schockiert, am nach folgenden Börsentag brach der Börsenwert des Uhrenherstellers mit Sitz in Biel um mehr als 5,5 Prozent ein. Auch für Swatch selber kam der Tod des Patrons «völlig unerwartet». Sein Vater sei sich zwar bewusst gewesen, dass er nicht ewig weiterleben werde, so Sohn Nick Hayek. Doch es hätte auch gut noch zehn oder zwanzig Jahre mit ihm weitergehen können. Nicolas Hayek war nicht nur die prägende Figur der Schweizer Uhrenindustrie, sondern während Jahrzehnten vor allem das Gesicht des Familienkonzerns Swatch. Aus der operativen Führung hatte er sich zwar bereits vor Jahren zurückgezogen, doch er blieb bis zu seinem Tod Verwaltungsratspräsident. Hayek war ein Unternehmer, den Akademiker als eine Mischung aus Monarchen und Botschafter bezeichnen würden. Zu den Botschaftern zählen Leute wie der Microsoft-Gründer Bill Gates: Sie verlassen operativ ihre Firma zu einem bestimmen Zeitpunkt freiwillig, bleiben aber als Berater im Hintergrund aktiv – ein gestaffelter Rückzug. Apple-Gründer Steve Jobs dagegen war ein Monarch: Sie führen ihr Reich absolutistisch und stehen bis zu ihrem letzten Lebenstag jeden Morgen auf der Matte. Kommt es zum plötzlichen Tod des Monarchen, enden die Parallelen zu den Royals: Während der König von seinem legitimen Nachfolger, dem Prinzen, ersetzt wird, folgt auf den UnternehmerMonarchen nicht zwingend sein Sprössling.

Babyboomer mit Nachwuchsproblem Wobei «nicht zwingend» eine Untertreibung ist: Unternehmen wie Swatch, das unter der Kontrolle der Hayeks blieb, sind Ausnahmen. Zu diesen gehören auch die Privatbank Lombard Odier (7. Generation) oder Fonjallaz Vins, das sich bereits seit 13 Generationen in Familienhand befindet. Bei «normalen» Familienunternehmen – die weder von Nicolas Hayek geführt wurden noch Milliardenumsätze durch die Erfolgsrechnung schleusen – bleibt nur eine Minderheit über mehrere Generationen in der Gründerfamilie. In den USA schafft nicht einmal ein Drittel der Family Businesses den Sprung in die zweite Generation; bis zur dritten Generation bleiben nur gerade zehn Prozent unter familieninterner Führung. Die Zahlen in der Schweiz sind ähnlich: Nicht :

PUNKTmagazin Generationen

Wirtschaft

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4 4 einmal vier von zehn Schweizer KMU kal-

von einer Währungskrise und von Banken,

Freunde nicht Schlange stehen, wird es eng.

kulieren derzeit noch mit familieninternen

die das Geld lieber horten statt es in Form von

Junge, qualifizierte Kandidaten mit dickem

Nachfolgern – noch vor sieben Jahren lag die

Geschäftskrediten zu vergeben, wird die Käu-

Portemonnaie sind eine Seltenheit.

Quote bei 58 Prozent. Rechnet man diese Zah-

fersuche nicht einfacher.

len hoch, wird nach fünf Generationen gera-

Es gibt aber auch Hoffnung: Die Quote

Wie weiter? Hier tut sich eine Lücke auf,

de mal ein Prozent der Schweizer Familien-

war in den letzten Jahren ähnlich hoch, und

die über die kommenden Jahre grösser wer-

unternehmen noch immer einen eigenen

doch scheinen sich genügend Nachfolger ge-

den wird. «Die bisher ungeklärte Frage ist,

Spross an der Führungsspitze haben.

meldet zu haben. Die Situation ist prekär, aber

wer sie füllen wird», sagt Halter. Kandida-

nicht so misslich, dass sie es auf die Traktan-

ten gibt es mehrere: Zum Beispiel interne

denliste einer Bundesratssitzung oder in die

Manager, die den Besitzer auszahlen. Doch

nationalen Schlagzeilen geschafft hätte.

sie stehen häufig selber ebenfalls kurz vor der Pensionierung. Oder externe Manager,

Das unerwünschte Vermächtnis Warum

die genug haben von den grossen Firmen

ist Nachfolgeregelung ein derart schwieriges

und lieber ein kleines Unternehmen über-

Thema? An Ignoranz oder Fahrlässigkeit sei-

nehmen würden. Doch von diesen gibt es

tens der Unternehmer liege es nicht, betont

nicht allzu viele. Private-Equity-Funds wä-

Halter. «Viele Unternehmer nehmen die Su-

ren ebenfalls eine Möglichkeit, doch die

che nach einem Nachfolger rechtzeitig in

wollen keine Mikrounternehmen, sondern

Angriff», sagt er, «doch es wird immer schwie-

grössere Fische wie Phonak oder Stadler. Ei-

riger, einen Nachfolger zu finden.» Die jünge-

ne weitere Option sind Unternehmerverei-

ren Generationen sind heute weniger bereit,

nigungen wie Investnet AG oder ABTell, die

das Vermächtnis ihrer Eltern anzunehmen.

ein kleines Portefeuille an regionalen Fir-

Der Wirtschaftsberater Ernst&Young hat die

men führen und verwalten. Aber auch sie

Karriereabsichten der nächsten Generation

stossen bald einmal an Grenzen. In der Pra-

von Familienunternehmen in einzelnen Län-

xis passiert es darum öfters, dass der Patron

dern untersucht und festgestellt, dass sich der

seine Pensionierung einfach ein paar Jah-

familieninterne Nachfolgewunsch u-förmig

re hinausschiebt. Oder einen Schlussstrich

Einer, der das Problem der Nachfol-

zur Wirtschaftsentwicklung des Landes ver-

zieht und das Geschäft liquidiert. Nicht je-

ge aus erster Hand kennt, ist Frank Halter.

hält. Das bedeutet: In ärmeren Ländern sind

der Coiffeursalon und jedes Treuhandbü-

2004 sollte die Halter Bonbons AG (das sind

junge Generationen eher bereit, das Fami-

ro müssen überleben. Vielleicht nähert sich

die mit den Wassermelonenbonbons) an die

lienunternehmen weiterzuführen. Mit stei-

die Schweiz aber auch bald dem steigenden

nächste Generation weitergegeben werden.

gendem Bruttoinlandprodukt verschwindet

Teil der u-Kurve, und die junge Generation

Da sich aus den eigenen Reihen niemand

diese Bereitschaft zunehmend. Steigender

entdeckt die Familienunternehmen neu.

für die Nachfolge aufdrängte, wurde die welt-

Wohlstand führt zu besserer Bildung und so-

Immerhin sind die Überlebenschancen ei-

weit bekannte Bonbonfabrik an ein anderes

mit zu mehr Möglichkeiten in der Berufs-

nes bestehenden Betriebs rund zehnmal so

Süsswarenunternehmen verkauft. Frank Hal-

wahl. Weshalb Vaters Schreinerei überneh-

hoch wie jene eines neu gegründeten.

ter indes zog es zu den Akademikern. Heu-

men, wenn doch Softwareentwicklung viel

te ist er Lehrbeauftragter am Center for Fa-

spannender ist? Nach einem Bauingenieur-

mily Business der Universität St. Gallen und

studium in Mamas Lebensmittelladen ein-

beschäftigt sich wissenschaftlich mit den

steigen? Weshalb überhaupt selbstständig tä-

Nachfolgeregelungen von Schweizer Famili-

tig sein, wo doch das Leben eines Angestellten

enunternehmen. Halter sammelt Daten, ana-

viel stressfreier und dazu in der Regel auch

lysiert Trends und hält Vorträge und Work-

noch besser bezahlt ist? Erst bei Ländern mit

shops bei Unternehmern, die den Entscheid

sehr hoher wirtschaftlicher Leistung steigt

der Nachfolge noch vor sich haben.

die Kurve wieder etwas an, darum u-förmig.

150 000 Stellen zur Disposition Über man-

demografische Trends: Wir leben länger

Bei Swatch ging die Übergabe von

gelnde Arbeit wird sich der Doktor der Wirt-

und bekommen weniger Kinder. Die Grup-

Hayeks Funktionen rasch über die Bühne.

schaftswissenschaften in den kommenden

pe der unter 20-Jährigen ist seit 150 Jahren

Der Patron hatte die Weichen schon vor sei-

Jahren kaum beklagen können: Die Zahl der

ungefähr konstant. Der Anteil der 20- bis

nem Tod gestellt. Als Tochter Nayla Hayek

Unternehmen auf Nachfolgersuche wächst

64-Jährigen aber hat sich verdreifacht, der-

fünf Tage später vor der Trauergemeinde

stetig weiter. «Bei einem Fünftel aller KMU

jenige der Über-65-Jährigen sogar versieben-

stand und Abschied von Ihrem Vater nahm,

muss in den kommenden fünf Jahren ein

facht. Nun erwacht bei der Generation der

hatte sie das Verwaltungsratspräsidium

neuer Boss ans Ruder», so Halter. Das ent-

Babyboomer langsam die Vorfreude auf die

der Swatch Group bereits übernommen.

spricht rund 60 000 Firmen, und von de-

bevorstehende Pensionierung. Das betrifft

Trotz des überraschenden Ablebens wurde

nen sind längst nicht alles Einmannbetriebe.

auch Unternehmer, die nach einem Arbeits-

2010 ein Rekordjahr für Swatch. 2011 wurde

Würden diese Unternehmen ersatzlos ver-

leben voller Überstunden und Stress ohne

noch besser. Auch ohne seinen Gründer ge-

schwinden, stünden rund 150 000 Arbeitsstel-

Kinder dastehen. Die Zeit dazu hat schlicht

deiht das Familienunternehmen prächtig.

len auf dem Spiel – deutlich mehr als die aktu-

gefehlt. Wenn in der näheren Verwandtschaft

Es scheint, der Geist, den der Visionär und

elle Zahl der Arbeitslosen im Land. Umgeben

ebenfalls niemand interessiert ist und auch

Rebell Hayek verkörperte, lebt weiter.

Nicht besser wird die Situation durch

34

Wirtschaft


magnano carlo vital punkt

2004 detailhandel

Carlo Magnano wagte mit Vital Punkt den Schritt in die Selbständigkeit bereits in jungen Jahren. Mittlerweile werden die Gesundheits-, Bio- und Vitalprodukte auch in Lokalen in Zürich, Basel, St. Gallen, Olten und Baden verkauft. Daneben ist Magnano im Immobiliengeschäft tätig. 2008 übernahm er zudem die traditionsreiche Tirggel-Bäckerei BiscuitsSuter in Schönenberg. Insgesamt beschäftigt Carlo Magnana über hundert Mitarbeiter.

PUNKTMAGAZIN War die Gründung eine

allein durchgeboxt. Das erste Ladenlokal richtete

Blut zu Kochen beginnen. Dann bin ich nicht

Bieridee oder von langer Hand geplant?

ich mit Secondhand-Möbeln ein. Auch die Wände

mehr der liebe und nette Carlo.

CARLO MAGNANA_ Bei mir war der Drang

habe ich selber gestrichen. Was würden Sie tun, wenn Ihr Unterneh-

zur Selbständigkeit schon immer gross. Nach ein paar Jahren im Detailhandel und Weiter-

Was war rückblickend die grösste Herausfor-

men morgen Pleite ginge? Das Leben geht

bildungen wusste ich, was mir Spass machen

derung? Eine fortwährende Herausforderung

auch in einem solchen Moment weiter. Mir

würde und hatte entsprechende Ideen. Als dann

ist es, zu den Mitarbeiten ein Vertrauensverhält-

würde es definitiv nicht langweilig werden, bei

in der Nähe des Zürcher Paradeplatzes zufällig

nis aufzubauen. Aber ganz allgemein ist der Auf-

all den Ideen, die ich im Kopf habe.

ein geeignetes Ladenlokal frei wurde, wagte ich

bau einer Firma mit harter Detailarbeit verbun-

den Schritt. Ich war damals 24 Jahre alt.

den. Das gilt umso mehr für Betriebe, bei denen

Wie lautet Ihre Devise als Unternehmer?

ich branchenfremd war.

Ehrlichkeit. Und damit meine ich nicht nur ehr-

Ihre Vision? Es gibt Visionen, die man um-

liches Geschäften – das ist sowieso eine Selbst-

setzen kann und solche, die Luftschlössern glei-

Wie gehen Sie mit Herausforderungen um?

verständlichkeit –, sondern auch einen ehrli-

chen. Ich verfolge keine Vision, sondern Ziele.

Ganz unterschiedlich. Wichtig ist eine offene und

chen Meinungsaustausch. Ich spreche Probleme

Die möchte ich aber nicht verraten. Am Ende

vor allem ehrliche Kommunikation. Sie ist der

direkt an. Das passt nicht immer allen, aber er-

gilt jedoch immer: Egal, was ich als Unterneh-

Schlüssel zum Erfolg.

leichtert einiges. Auch mir soll man direkt ins

mer mache, es muss wirtschaftlich sinnvoll und tragbar sein.

Gesicht sagen, wenn etwas nicht passt. Was war der grösste Misserfolg? Was ist schon ein Misserfolg? Ich werte eine Filialschliessung –

Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?

Wie viele Seiten umfasst Ihr Businessplan?

und diese hatten wir bei Vital Punkt – nicht als

Das kann ich nicht sagen. Wenn viel läuft, dann

Spielt er im Alltag eine Rolle? Beim Start

Misserfolg. Es gab wirtschaftliche Gründe, die da-

arbeite ich viel. Wenn es etwas weniger läuft,

hatte ich gar keinen Businessplan. Mittlerweile,

zu führten. Nach solchen Entscheidungen gehen

geniesse ich ein bisschen mehr Freizeit.

auch bedingt durch die Grösse des Betriebs, gibt

dafür wieder neue Türen auf. Dieses Verständnis

es einen. Darin sind auch alle Strukturen klar

ist wichtig.

definiert, das ist schon wichtig.

Und zum Schluss: Wer sind Sie eigentlich? (lacht) Das frage ich mich auch jeden Tag. Ich

Das Ärgerlichste, das Sie bisher erlebt

bin einfach nur ein Mensch, der Freude am Le-

War es einfach, an Kapital zu kommen?

haben? Ich habe kein besonderes Erlebnis im

ben hat, der gerne kreativ ist. Als Privatperson

Für mich war die Finanzierung kein Problem,

Kopf. Grundsätzlich ärgert es mich, wenn Verspre-

ist mir Geld nicht so wichtig, denn Geld allein

da ich etwas angespart hatte. Entscheidend war

chen nicht eingehalten werden. Und wenn dies der

macht nicht glücklich. Abwechslung zum Alltag

meine Einstellung: Zu Beginn habe ich alles

Fall ist, kann schon auch mal mein sizilianisches

finde ich beim Singen und Leistungssport.


«Geschäftlicher Erfolg bringt immer auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft mit sich.»

36

Wirtschaft


Klaus-Michael Kühne

ein mann und sein vermögen Nachgefragt RiNo BoRiNi Bilder MARKUS fRiETSCh

Als Grossaktionär und Chef des Logistikkonzerns Kühne+Nagel brachte es Klaus-Michael Kühne zu finanziellem Reichtum. Seit seinem operativen Rücktritt ist er damit beschäftigt, sein Vermögen späteren Generationen zukommen zu lassen. Klaus-michael Kühne wurde am

Für Andrew Carnegie, Stahl-Tycoon und zu seiner Zeit reichs-

2. Juni 1937 in Hamburg geboren.

ter Mensch der Welt, war klar, dass ihm das viele Geld nach seinem

Nach Abitur und Banklehre trat er

Tod nichts mehr bringen würde. «Wer reich stirbt, stirbt in Schan-

mit 26 Jahren als Komplementär

de», war er überzeugt und gründete in den USA und in Europa zahl-

und Teilhaber in die Firma seines

reiche Stiftungen, die sich für bessere Bildung, Frieden oder die Wi-

Vaters ein. Im Zuge der Gründung

ssenschaft einsetzen. Philanthropie ist in den USA gang und gäbe.

der Kühne+Nagel Speditions-AG

Bill Gates, Warren Buffet oder George Soros machen es vor.

zwei Jahre später wurde er deren

Mit der grössten Stiftungsdichte und dem höchsten Kapital

Vorstandsvorsitzender. Nachdem

pro Einwohner gehört die Schweiz zu einem der attraktivsten Stif-

sich sein Vater Alfred Mitte der Sieb-

tungsstandorte Europas. Immer häufiger wollen die Philanthro-

zigerjahre von seinen leitenden

pen ihr Geld aber nicht einfach vererben, sondern bereits zu Lebzei-

Funktionen zurückgezogen hatte,

ten Ergebnisse sehen. Einer von ihnen ist der gebürtige Hamburger

wurde Klaus-Michael Kühne CEO

Klaus-Michael Kühne. Der Enkel von Firmenmitbegründer August

der Gruppe und Delegierter des Ver-

Kühne wurde 1966 Vorstandsvorsitzender von Kühne+Nagel und

waltungsrates. 1976 hat die Familie

baute den Konzern zu einem internationalen Logistikriesen um.

Kühne die Kühne-Stiftung ins Leben

Für Kühne persönlich bedeutete der Aufstieg finanziellen Reichtum

gerufen, Träger der gemeinnützigen

in ungeahnten Dimensionen. Auf 9,8 Milliarden Dollar schätzt das

Institution ist Klaus- Michael Küh-

Wirtschaftsmagazin «Forbes» sein Vermögen. Durch seine Stiftun-

ne. Zweck der Stiftung ist die För-

gen lässt Kühne das Geld guten Zwecken zukommen.

derung der Aus- und Weiterbildung sowie der Forschung und Wissen-

PUNKTMAGAZIN Herr Kühne, Sie gehören zu den 100 reichsten

schaft auf den Gebieten der Ver-

Menschen der Welt. Was bedeutet für Sie Geld?

kehrswirtschaft und Logistik. Dar-

KLAUS-MICHAEL KÜHNE_ Ohne Geld geht nichts. Als Geschäftsmann

über hinaus werden medizinische

muss man schlicht und einfach Geld verdienen. Ein Unternehmer denkt

Wissenschaften, humanitäre, ka-

langfristig, er muss eine gesunde finanzielle Grundlage für den Betrieb

ritative und kulturelle Vorhaben

schaffen. Dazu braucht es Kapital, das sich immer weiter vermehrt, schliess-

unterstützt.

lich muss man Reserven bilden. Um zurück auf Ihre Frage zu kommen: Für mich ist es wichtig, das Geld im Unternehmen zu haben. Was bedeutet Ihnen Geld privat? Ich bin von Natur aus ein sparsamer Mensch. Was die geschäftlichen Dinge betrifft, achte ich auf Kostenkontrolle und -disziplin. Im privaten Bereich gönne ich mir zwar einige Annehmlichkeiten, übertreibe es aber nicht.

PUNKTmagazin Generationen

:

Wirtschaft

37


der das Trennende geringer und das Gemeinsame

Vom Vollblutunternehmer an der unterneh-

grösser wird.

merischen Front zum Stiftungspräsidenten. Ist Ihnen nicht langweilig? In meinem Unter-

Also ist Deglobalisierung für Sie kein The-

nehmen habe ich mich jahrzehntelang stark enga-

ma? Nein, ist es nicht. So, wie ich an die EU und

giert, das ist richtig. 2008 habe ich die operative

an ein einheitliches Europa glaube, so glaube

Leitung des Konzerns abgegeben und im letzten

ich an den Welthandel, den lebhaften Warenaus-

Jahr auch das Amt der Verwaltungsratspräsiden-

tausch und an die Wachstumschancen von Schwel-

ten zur Verfügung gestellt. Ab einem bestimmten

lenländern. Selbst Afrika ist am Kommen.

Alter sollte man die Verantwortung der jüngeren Generation übergeben. Umso mehr Zeit habe ich

Als Sie mit ihren Eltern die Kühne-Stiftung

nun für die Stiftung. Das ist ebenso herausfor-

ins Leben gerufen haben, waren Sie knapp

dernd, spannend und bereitet viel Freude.

vierzig Jahre alt. Was war das Motiv? Da ich keine persönlichen Erben habe, haben wir damals

Bringen Sie Ihre unternehmerischen Erfah-

beschlossen, das Vermögen auf eine Stiftung zu

rungen in ihre Stiftung mit ein? Natürlich!

überschreiben. So konnten wir unseren Wohlstand

Ich bin sehr ergebnisorientiert, das Vermögen darf

zusammenhalten. Das Vermögen war in erster Li-

auf keinen Fall irgendwo versickern oder dorthin

nie das Unternehmen. Für mich ist entscheidend

gelangen, wo es am Ende keinen Nutzen bringt. Es

– das war schon bei meinem Vater so – dass das

muss der Allgemeinheit dienen. Dazu haben wir

Unternehmen kontinuierlich weitergeführt wird.

Strukturen geschaffen, die denjenigen des Unternehmens ähnlich sind.

Wie kann die Stiftung die Kontinuität des Milliardenkonzerns sicherstellen? Ich habe

Welche Programme fördern Sie konkret?

ausreichend Vorkehrungen getroffen, damit die

Aus- und Weiterbildung, Forschung und Wissen-

von mir geführte Stiftung ihre Tätigkeiten in mei-

schaft im Bereich der Logistik stehen an erster

nem Sinn ausübt. Dazwischen habe ich meine ei-

Stelle, gefolgt von Medizin, Kultur und Humani-

gene Holding geschalten, die auf die Geschicke des

tärem. In der Summe ist das sehr anspruchsvoll

4 4 Warum sollten erfolgreiche Unternehmer

Unternehmens Einfluss ausüben kann, vor allem

und muss richtig umgesetzt werden.

der Gemeinschaft etwas zurückgeben? Ich

bezüglich der kommerziellen Ausrichtung und der

bin der festen Überzeugung, dass geschäftlicher

Unabhängigkeit. Die Holding ist der Mehrheits-

Womit kämpfen Sie in der Stiftung? Einige

Erfolg immer auch eine Verpflichtung gegenüber

aktionär von Kühne+Nagel.

Projekte laufen mir manchmal zu langsam an, ich

der Gesellschaft mit sich bringt. In meinem Fall

wünschte mir hin und wieder mehr Tempo. Ein

habe ich dies durch meine Stiftung sehr ausge-

Immer mehr Privatpersonen verfolgen

Beispiel ist eines unserer Medizinprojekte, wo die

prägt umgesetzt.

wohltätige Zwecke. Wie wichtig ist Philanth-

ersten zwei Jahre sehr schwierig waren. Wir hatten

ropie für die Welt? Ich glaube, sie wird immer

ein Team von vier Wissenschaftern, die ein grosses

Sie unterstützen viele Projekte in Ham-

wichtiger und hat sich in den letzten Jahren stark

Budget verwalten. Da musste ich mich zuerst da-

burg, der Stadt, die durch den Wegzug von

verbreitet. Wenn man erfolgreich ist, sollte man

ran gewöhnen, dass sie manchmal andere Schwer-

Kühne+Nagel im Jahr 1969 auch Steueraus-

dies mit der Öffentlichkeit teilen. Stiftungen sind

punkte verfolgen als es mir vorschwebt.

fälle zu verzeichnen hatte. Handeln Sie aus

dazu ein sinnvolles Instrument, da man nicht als

schlechtem Gewissen? Nein, überhaupt nicht.

Einzelperson auftritt. Jeder erfolgreiche Unterneh-

Wo lagen die Differenzen? Sie waren mehr auf

Das Hauptmotiv für den Wegzug damals waren

mer sollte diesen Weg gehen.

Aussenwirkung ausgerichtet, während für mich

nicht steuerliche Aspekte, sondern die politische

Leistung zählt. Ich will ernsthafte wissenschaftli-

Situation. Mein Vater war sehr pessimistisch be-

Der Bevölkerung fehlt oft das Bewusstsein,

che Arbeit sehen, die Aussenwirkung ist mir nicht

züglich der Entwicklung Deutschlands. Und er hat

dass der Staat nicht alle Aufgaben überneh-

so wichtig.

in vielen Beziehungen Recht bekommen.

men kann. Schafft das Motto «Tue Gutes und rede darüber» Abhilfe? Ja, das ist richtig. Ganz

Wie lief es bei Ihrer Universität, der Kühne

Was sprach für einen Umzug in die Schweiz?

generell wird der Beitrag, der von den vermögen-

Logistic University? Ähnlich. Auch da ging es

Von hier aus konnten wir uns frei entfalten und

den Menschen und den Unternehmen geleistet

zuerst in eine andere Richtung, als ich mir dies

die internationale Expansion vorantreiben. Wir

wird, von der allgemeinen Bevölkerung nicht ge-

vorgestellt hatte. Da musste sich die Stiftung ver-

setzten schon vor zwanzig Jahren auf die Globali-

nügend zur Kenntnis genommen. In Wirtschafts-

stärkt einschalten und mit der Universitätslei-

sierung, als die Entwicklungen noch nicht so klar

kreisen ist dies durchaus bekannt, aber es erreicht

tung auseinandersetzen. Am Ende hat sich alles

erkennbar waren.

eben nicht den Mann auf der Strasse.

eingependelt. In solchen Situationen sieht man die Unterschiede zu einem Unternehmen, wo man

Stichwort Globalisierung. Tut sie uns gut?

Sie persönlich sprechen auch nur selten da-

Die Globalisierung ist für die Wirtschaft von gro-

rüber. Ich selbst habe nie den Ehrgeiz gehabt,

sser Bedeutung, aber auch kulturell. Die Berüh-

meine Stiftung medial gross herauszubringen.

Da prallen zwei Kulturen aufeinander:

rungsängste zwischen den einzelnen Ländern und

Wohltätigkeit sollte nicht wie ein Markenartikel

Unternehmertum und Wissenschaft. Das

Völkern bauen sich dank einfacherer Kommuni-

vermarktet werden. Das Engagement darf be-

Verständnis zwischen Unternehmern und

kation immer mehr ab. Die Globalisierung tut

kannt sein und man sollte sich auch nicht verste-

Akademikern ist nicht naturgegeben. Das ist eine

sehr viel Gutes für eine integrierte Gesellschaft, in

cken: Aber man sollte sich nicht damit rühmen.

Sache der Gewöhnung und des Verständnisses. :

38

Wirtschaft

einfach mal kommandieren kann.


HÜsT & HoTT Tina Turner oder Montserrat caballé? hamburger Aalsuppe oder Bündner Gerstensuppe? Akademiker oder Praktiker? Peer Steinbrück oder angela Merkel? schiff oder flugzeug flugzeug? email oder SMS SMS?


4 4 Gibt es ein bestimmtes Projekt, das Ihnen

speziell viel Freude bereitet? Es ist nicht ein

Die jährlichen Dividenden machen den grössten Teil des Stiftungsbudgets aus.

einzelnes Projekt, sondern es sind die Synergien zwischen den Projekten, die mir am meisten Freu-

Im Jahr 2011 betrug die Fördersumme 14,3

de bereiten.

Millionen Franken. Wie viel Geld ist aus der Stiftung rausgeflossen? Ich habe diese Zahl

Zum Beispiel? So begannen wir vor zwanzig

noch nie ausgerechnet. In den Anfangszeiten wa-

Jahren, Logistik-Lehrstühle zu fördern. Zuerst in

ren die Budgets bescheiden. In den letzten zehn

St. Gallen, danach sind wir zur ETH nach Zürich

Jahren sind sicherlich rund 100 Millionen Fran-

gewechselt. Auch in Deutschland haben wir Lehr-

ken in unsere Programme geflossen.

stuhlförderungen umgesetzt. Besondere Freude habe ich, wenn sich diese Lehrstühle gegenseitig

Ihr Erbe wird dereinst an die Stiftung ge-

befruchten und gemeinsame Forschungsprogram-

hen. Haben Sie keine Angst vor Missbrauch?

me entwickeln, wobei die Kühne Logistics Univer-

Man weiss natürlich nie, was in der Zukunft ge-

sity (KLU) in Hamburg die Flagschifffunktion

schehen wird. Aber ich habe genügend Vorkeh-

übernehmen soll.

rungen getroffen, zum Beispiel die klar formulierte Stiftungsordnung. Dazu gehört auch ein

Das Lehrprogramm an Universitäten ist oft

schlagkräftiges und sinnvoll zusammengesetztes

sehr theoretisch. Passt das zum Unterneh-

Gremium. Diese Stiftungsräte müssen unabhän-

mer Kühne? Die KLU bringt der gesamten Lo-

gig sein und dürfen keine eigenen Interessen ver-

gistikbranche sehr viel. Aber Sie haben schon

folgen. Wie das in fünfzig Jahren aussehen wird,

Mehrheit verlieren würde. Zum Glück fand ich ei-

recht: Man muss aufpassen, dass die wissenschaft-

kann ich nicht vorbestimmen. Doch zu Lebzeiten

nen Partner, der auf einer 50/50-Basis mitmachte.

liche Ausrichtung nicht zu theoretisch sind, son-

und als alleiniger Träger der Kühne-Stiftung ver-

dern sich an der Praxis orientiert. Das ist für mich

suche ich, deren Geist zu prägen.

Sie hatten also weiterhin das Sagen? Ich musste nie die Verantwortung abgeben, war wei-

sehr wichtig. Die erste Generation baut auf, die zweite hält

terhin im «Driver’s Seat» und konnte die Firma

Auch in der Kultur setzen Sie auf Synergien.

das Vermögen, die Dritte verliert es, hört

erfolgreich weiterentwickeln. Als dieser Partner elf

Eines Ihrer Kulturprojekte, die Oper «Fürst

man oft. Sie führten Kühne+Nagel in der be-

Jahre später selber in Schwierigkeiten geriet und

Igor», war eine Koproduktion der Opernhäu-

rüchtigten dritten Generation. Was haben

sich verabschiedete, kaufte ich einen Teil der An-

ser Zürich und Hamburg. Es war die gleiche

Sie besser gemacht? (lacht) Ja gut, das ist eine

teile zurück.

Oper, die gleichen Kostüme, die gleichen Kulissen

Mentalitätsfrage. Es ist in der Tat so, dass die Ver-

und dieselbe Regie. Die Oper war sehr erfolgreich,

mögen oftmals verwirtschaftet werden, weil die

Wie passt Ihr Engagement beim Bundesliga-

sowohl im Zürcher Opernhaus wie auch an der

nachfolgende Generation nicht unbedingt Inter-

verein Hamburger SV zu Ihren wohltätigen

Hamburgischen Staatsoper. Synergieeffekte er-

esse am Unternehmen hat, sondern mehr am eige-

Aktivitäten? (unterbricht) Ja, aber das ist nicht

höhen die Effizienz, warum sollte man sie nicht

nen Wohlbefinden. Ich hatte immer ein grosses In-

in der Stiftung, das ist mein Privatvermögen. Das

auch in der Kultur zu nut-

teresse an der Firma und

sollte man aber nicht zu Ernst nehmen, es ist mehr

zen versuchen?

«Als alleiniger Träger der

habe früh Verantwortung

ein Hobby von mir.

Kühne-Stiftung versuche

gepackt.

Stammen diese Ideen von Ihnen selber oder klopfen Bittsteller an ihre Haustüre? Weitgehend sind es meine Ideen. Meine Überlegungen gehen dahin, wie man über die punktuelle Förderung hinaus grössere Projekte

ich, ihren Geist zu prägen. Was in der Zukunft geschehen wird, weiss ich nicht. Doch ich habe Vorkehrungen getroffen.»

übernommen. Es hat mich Die letzten Jahre waren beim HSV eine regelrechte Achterbahn. Ich staune, dass ein Herr Unter Ihnen wurde das

Kühne da solange mitgespielt hat. Zuerst

Unternehmen zu einem

habe ich den HSV im falschen Augenblick unter-

milliardenschweren

stützt, das hat wirklich nichts gebracht. Da sind

Weltkonzern. Mein Va-

zwar etliche Spieler gekauft worden, an denen ich

ter hat die Grundlage für

sogar beteiligt war – aber ohne grossen Erfolg für

das Wachstum gelegt und

den Verein. Im Gegenteil: Wir waren damals in der

ich habe es weitergeführt,

Tabelle ziemlich weit hinten.

realisieren kann – mit

wobei ich auch Glück

mehreren Beteiligten und

hatte. Letztlich konnte ich

Auch am Kauf des Topspielers Rafael van

insbesondere mit meh-

in wirtschaftlich attrakti-

der Vaart waren Sie beteiligt, aber nicht nur

reren Nutzniessern. Bei

ven Zeiten operieren und

monetär, oder? Ja, das ist richtig. Ich habe den

der erwähnten Oper habe

stets auf gute Mitarbeiter

Verein sozusagen zu seinem Glück gezwungen.

ich mit Alexandre Pereira

zurückgreifen.

Die Vereinsleitung war nicht bereit, hartnäckig genug zu verhandeln und schliesslich liefen die

(ehemaliger Intendant des Zürcher Opernhauses, die Red.) immer wieder solche Überlegungen an-

Sie mussten auch schon Teile der Firma ver-

Gespräche dann mehr oder weniger über mich.

gestellt.

kaufen, die Sie dann wieder zurückerober-

Das waren sieben spannende Wochen. Am Ende,

ten. Sind Sie ein Kämpfer? Ein Kämpfer bin

aber wirklich erst dann, war auch die Zusammen-

Woher bezieht die Stiftung ihre finanziellen

ich in der Tat. Es war 1981, als ich mit dem Rücken

arbeit mit dem Verein gut. Aber Fussball ist ein

Mittel? Sie hat ihre Quellen im Wesentlichen in

zur Wand stand. Ich musste Anteile der Firma

Glücksspiel. Erfolg kann man nicht auf dem Reiss-

der Beteiligung am Unternehmen Kühne+Nagel.

verkaufen und es bestand die Gefahr, dass ich die

brett planen.

PUNKTmagazin Generationen

Wirtschaft

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Wirtschaft

wegwerfwindel Text DAviD fEhR Bild BoRiS GASSMANN & fABiAN WiDMER

Der Markt für Wegwerfwindeln ist lukrativ. Das gilt umso mehr, seit in den aufstrebenden Ländern Jahr für Jahr zweistellige Wachstumsraten erzielt werden. Doch genau dort werden die praktischen Produkte zu einem immer grösseren Problem. Verbrauchsgut beschreibt die Wegwerfwindel perfekt: Auspacken, Baby einwickeln, Baby entwickeln, Windel entsorgen. Das Ganze an die 3000 bis 5000 Mal, je nachdem wie talentiert sich der Nachwuchs auf dem Töpfchen erweist. Wegwerfwindeln sind praktisch, hygienisch und zeitsparend – Argumente, die einen Grossteil der Eltern überzeugt: In industrialisierten Ländern wie der Schweiz liegt der Anteil von Wegwerfwindeln bei etwa neunzig Prozent. Nach ihrer Markteinführung im Jahr 1961 wurden sie vor allem über Innovationen beworben. Heutige Windeln sind nicht zu vergleichen mit den früher verwendeten Produkten. Gefordert sind hohes Fassungsvermögen, gute Saugkraft, viel Bewegungsfreiheit, elastische Seitenbündchen, extra saugfähige Zonen und Schutz vor Rücknässung. Diese Ansprüche erfüllen auch Billigwindeln: In einem Test des Kassensturzes schnitten sie ebenso mit «gut» ab wie dreimal teurere Produkte. Preislich hat sich der Markt in den letzten beiden Jahren etwas entspannt, sagt Preisüberwacher Stefan Meierhans, der die hohen Preise noch 2010 anprangerte. «Seit da sind sie, unter anderem wechselkursbedingt, erfreulicherweise stark gesunken», sagt er heute. Der andere Grund: Die Gunst der Eltern ist umkämpft, täglich führen Händler Windel-Rabattangebote durch. Wer heutzutage Windeln für den vollen Preis kauft, ist selber schuld.

So verkauft man Windeln Klarer Marktführer ist Pampers. Die Edelmarke des amerikanischen Konsumgüterkonzerns Procter & Gamble (P&G) verfügt über einen Marktanteil von etwa 35 Prozent, in gewissen Regionen ist er sogar markant höher. Pampers tut viel für seinen Erfolg: So hat man «Pampers Village» gegründet, einen Babyclub, über den Eltern Coupons und andere Vorteile erhalten. Beworben werden die Produkte vor allem mit der Aktion «1 Packung = 1 lebensrettende Impfdosis», die Tetanus den Kampf ansagt. Pro Packung Pampers wird eine Impfdosis gespendet. Dank der Aktion, die seit 2006 gemeinsam mit Unicef durchgeführt wird, konnten bereits über 100 Millionen Menschen geimpft werden, bis 2015 soll die Krankheit besiegt sein. Bis Mitte 2012 kamen so etwa 40 Millionen Dollar zusammen. Für Eltern, die ihr Kind mit Pampers wickeln, beläuft sich die Gesamtspende in den zwei bis drei Jahren auf etwa zehn Franken. Das zweckgebundene Marketing zieht: Pampers wächst stärker als der Branchendurchschnitt und konnte seinen Umsatz seit Beginn der Aktion ausser 2009 jedes Jahr um eine Milliarde Dollar erhöhen. Im vergangenen Jahr knackte er als erste Marke im Portfolio von P&G die Marke von zehn Milliarden Dollar.

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Wirtschaft


Für die Hersteller sind in erster Linie je-

Entsorgungsketten wie in der Schweiz sind

doch nicht die gesättigten Märkte spannend,

global aber die Ausnahme. In aufstreben-

sondern die hohen Wachstumsraten in den

den Ländern, wo geeignete Infrastrukturen

aufstrebenden Ländern. Wegwerfwindeln sind

gänzlich fehlen, landen die gebrauchten

ein Zeichen von Wohlstand: Je stärker das Ein-

Windeln auf Mülldeponien. Da sie bio-

kommen steigt, desto mehr Eltern benutzen sie.

logisch nicht abbaubar sind, wachsen die

So wurden in China im Jahr 2000 gerade mal

Müllberge immer weiter. Ein Problem, das

200 Millionen Dollar umgesetzt, heute sind es

uns über Jahrhunderte beschäftigen wird,

fast drei Milliarden Dollar. Und das ist erst der

schätzen Experten. Gemäss der «arte»-Do-

Anfang: Noch benutzen neunzig Prozent der

kumentation «Wickeln, Windeln, Wegwer-

chinesischen Eltern keine Windeln, sondern

fen» lagern sogar einzelne EU-Staaten bis

Schlitzhosen. Auch in Indien, der zweiten Mil-

zu neunzig Prozent der Wegwerfwindeln

liardennation, wächst der Markt jährlich zwei-

auf diese Weise. In England wurden deshalb

stellig. Als lukrative Wachstumsmärkte gelten

erste Initiativen gestartet, die Eltern mit fi-

auch die Türkei, Polen und die Slowakei sowie

nanziellen Anreizen zur Benutzung von

alle weiteren Länder mit einer schnell wachsen-

Stoffwindeln überzeugen sollen. Ist das eine

den Mittelschicht.

mögliche Lösung oder gäbe es andere Möglichkeiten, die Müllberge zu verkleinern?

Ressourcenintensive Produktion Was Eltern weltweit ein entspannteres Leben er-

Lösungen gegen die Abfallberge Die

möglicht, stellt in seiner Summe eine immer

einfachste Lösung wäre, natürlich, ganz auf

grössere Belastung für die Umwelt dar. Weg-

Windeln zu verzichten, so wie es Menschen

werfwindeln sind in der Produktion ziemlich

während Jahrtausenden gehandhabt haben

aufwendig, wie ein Blick auf den Nachhaltig-

und ein Grossteil noch heute macht. Bei

keitsreport von P&G zeigt. Gemäss diesem

«windelfrei» entfallen Produktionsaufwand

verursacht die Sparte «Baby Care & Family

und Abfall komplett. Befürworter argumen-

­Care» – sie beinhaltet zusätzlich Feucht- und

PUNKTmagazin Generationen

tieren zudem mit dem positiven «Zwang»,

Papiertücher sowie Toilettenpapier – 55 Pro-

die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen,

zent des Energiekonsums, 67 Prozent der di-

der zu einer tieferen Bindung zwischen

rekten Treibhausgase, 51 Prozent der totalen

Mutter und Kind führe. Realistisch ist eine

Treib­hausgase und 55 Prozent des Wasser-

derartige Umkehr in entwickelten Gesell-

konsums des Konzerns. Dabei macht die

schaften natürlich nicht.

Sparte gerade mal 20 Prozent der verschiff-

ten Menge und 19 Prozent des Umsatzes aus.

sächlich Abhilfe schaffen würde, ist um-

P&G will nicht verraten, welcher Anteil in-

stritten. Eine Studie aus England attestier-

nerhalb der Sparte den Windeln zugeschrie-

te den beiden Wickelarten eine ähnliche

ben werden muss und wie gross der Anteil

Ökobilanz: Den geringeren Abfallmengen

der anderen Produkte ist. Doch bei Betrach-

der Stoffwindel steht ein höherer Wasser-

tung der Komplexität der Inhaltsstoffe und

verbrauch bei der Reinigung gegenüber. Die

der Produktion wird offensichtlich, dass die

Studie wurde jedoch dahingehend kritisiert,

Windelproduktion­re­ssourcenintensiv ist.

dass man bei der Stoffwindel denkbar un-

Positiv sind die in der Regel kurzen

günstige Ausgangswerte gewählt habe. Ei-

Transportwege der Branche. Aufgrund der

nen Vorteil haben Stoffwindeln aber auf

grossen Mengen ist die lokale Produktion­

jeden Fall: Sie produzieren weniger Abfall –

meist günstiger als ein langer Transport.

und global ist dies das dringlichste Problem.

Ebenfalls muss den Herstellern attestiert wer-

Doch an der niedrigen Beliebtheit der Stoff-

den, dass sie Ressourcenverbrauch und Treib-

windeln ändern auch Services wenig, welche

hausgasemissionen über die letzten Jahre­

die gebrauchten Windeln zuhause abholen,

massiv senken konnte. Die Produkte sind

waschen und wieder ausliefern.

sehr viel leichter und werden heute vermehrt

mit erneuerbaren Energien produziert, der

logisch verträglichere Windeln, bis hin zur

Verschleiss wird ebenfalls laufend reduziert.

kompletten biologischen Abbaubarkeit.

Bis hier könnte man sagen: Wegwerfwindeln

Dies beisst sich jedoch mit den Anforderun-

sind zwar ziemlich ressourcenintensiv, aber

gen an die Produkte, die nur dank dem Ein-

das leisten wir uns.

satz der künstlichen Zellstoffe­ überhaupt

Das wahre Problem beginnt jedoch,

gewährleistet werden können. Und genau

nachdem die Windeln benutzt wurden. Eine

diese sind nicht biologisch abbaubar. Es ist

Verbrennung mit dem normalen Hauskeh-

das klassische Trade-Off-Dilemma unserer

richt ist nur möglich, wenn leistungsfähige

Zeit: Bequemlichkeit oder ökologische Ver-

Anlagen existieren.­Solche funktionierenden­

träglichkeit. Beides wird schwierig.

Ob ein Wechsel auf Stoffwindeln tat-

Es gäbe eine dritte Möglichkeit: öko-

Wirtschaft

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«Generationen» im Bild

christine bärlocher zeigt

jahr 97 gang 98 Die Jugend sei verdorben, hört man seit Generationen.Für die aktuelle gilt das sicher nicht: Sie zeigt sich weltoffener, sozial kompetenter und zielorientierter als so manche Generation vor ihr. So auch die Teenager, die die Fotografin Christine Bärlocher portraitierte. Sie sind 13 bis 15 Jahre jung. Trainieren in Fussball-, Volleyball- und Handballklubs. Bereiten sich auf ihre nächste KungFu-Prüfung vor. Spielen Geige, Klavier oder haben leitende Funktionen in der Pfadi inne. Und natürlich hören sie gerne Musik, gehen ins Kino, shoppen oder «chillen» mit ihren Freunden rum. Sie sind eben Teenager. Wer aber glaubt, das seien die einzigen Interessen der heutigen Jugend liegt weit daneben. Das aktuelle Weltgeschehen ist bei ihnen ebenso Thema wie die individuellen Berufsziele, auf die akribisch hingearbeitet wird. Die Shell-Sudie Deutschland und auch das Jugendbarometer Schweiz 2010 der Credit Suisse zeigen eine umsichtige, zielorientierte und der Zukunft eher positiv eingestellte Jugend. Ebenfalls Anlass zu Freude bereiten ihre Wertorientierungen. Soziale Aspekte wie Freundschaften, Familienglück und eigenverantwortliches Handeln beziehungsweise Leben stehen an erster Stelle und legten im Vergleich zur Studie 2002 nochmals markant zu. Die Fotografin Christine Bärlocher portraitierte im Auftrag des Elternmagazins «Fritz+Fränzi» Teenager im Alter zwischen 12 und 15 Jahren in ihrem intimsten Umfeld, in ihren Kinderzimmern. Für PUNKTmagazin führte sie zusätzlich persönliche Gespräche mit den Jugendlichen. Für ihre Serien mit Jugendlichen erhielt sie bereits mehrere Anerkennungen, unter anderem den Swiss Press Photo Preis 07. www.chbaerlocher.ch | www.fritz-und-fraenzi.ch

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Wirtschaft


Joyce | 15 Jahre, 4. Gymi (resp. 2. Kurzgymi); Was ist Dein Berufsziel? «Schwierig, da gibt es viele verschiedene. Primarlehrerin. Oder Sprachen studieren, Französisch oder Spanisch. Mein nächstes Ziel ist die Matura.» Was machst Du in 20 Jahren? Wer bist Du in 20 Jahren? «Ich möchte eine Familie haben, 2-3 Kinder, und als Lehrerin tätig sein. Vorerst in der Schweiz. Und später, wenn die Kinder grösser sind, kann ich mir auch vorstellen, im Ausland zu leben.» Was läuft momentan am meisten schief auf unserer Welt? «Der Umgang mit der Umwelt ist ein Problem. Es gibt zum Beispiel zu viele Verpackungen. Wie in arabischen Ländern die Frauen behandelt werden. Gleichberechtigung. Das Thema ist hier ja auch nicht unaktuell. Aber in anderen Ländern ist es noch wichtiger.» Was verstehst Du ­unter dem Wort Wirtschaft? (lacht... hm... Pause...) «Ökonomische Beziehungen, zwischen verschiedenen Ländern, mit dem Geld ... Irgend so etwas.»

Alma | 13 Jahre, 2. Sekundarschule; Was ist Dein Berufsziel? «Sozialpädagoge!» Was machst Du in 20 Jahren? Wer bist Du in 20 Jahren? «Oh ... weiss nicht ... Die Schule für soziale Arbeit (SOZ) machen, ich möchte an die Fachhochschule, Heimleiterin sein. Nach der SOZ will ich für ein Jahr oder für ein halbes Jahr nach Amerika, wahrscheinlich California, auch zum Englisch lernen.» Was bereitet Dir persönlich zur Zeit am meisten Sorge? «Dass ich keine Lehrstelle finde oder dass ich die Berufsmittelschule nicht schaffe – da muss man eine Aufnahmeprüfung machen.» Was läuft momentan am meisten schief auf unserer Welt? «Dass nicht jeder seinen Traumjob ausüben kann, und dass man dann deshalb keine Lust hat zur Arbeit zu gehen, da wo man ist.» Was verstehst Du unter dem Wort Wirtschaft? «Hm, ja, schwierig ... Hat etwas mit Geld zu tun. Also auf der ganzen Welt werden Sachen verkauft, zum Beispiel Kleider. Ich kann es nicht so genau sagen.»


Adriano | 14 Jahre, 2. Sekundarschule; Was ist Dein Berufsziel? «Mein Ziel ist, Lehrer zu werden. Entweder Primarschullehrer oder Sportlehrer. Wenn ich Sportlehrer werde, dann in der Sek.» Was machst Du in 20 Jahren? Wer bist Du in 20 Jahren? «Ich hoffe, ich werde da Lehrer sein. Mit zwei Kindern und einer schönen Frau in einem schönen Haus, in Höngg oder am Zürichsee. Mit einem schönen Auto, und genug Geld verdienen.» Was läuft momentan am meisten schief auf unserer Welt? «Vieles hat sich krass verändert. Das sieht man, wenn man ältere Filme schaut, <Back to The Future> oder <A-Team>. Da sieht man zum Beispiel das iPhone1, das würde heute niemand mehr brauchen. Es gibt immer neue Sachen, und die sind auch nicht umweltschonend. Es geht zu schnell, man sollte länger warten.» Wie wichtig ist dir Geld? «Hm. Ist schon recht wichtig. Es ist nicht alles, aber ohne geht auch nichts. Geld braucht es zum Überleben.» Was verstehst Du unter dem Wort Wirtschaft? «Als erstes fällt mir die Wirtschaftskrise ein. Der Euro zerfällt. Griechenland ist pleite. SMI und Dow Jones gehen immer 0.01% rauf oder runter. Ich weiss nicht genau, was das bedeutet, aber ich höre das immer in der Tagesschau. Spanien, Portugal und Italien geht es schlecht. Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, das sich schützen kann. Wirtschaft – das sind die Banken, UBS und ZKB.»

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Wirtschaft


Lisa | 14 Jahre, 3. Sekundarschule; Was ist Dein Berufsziel? «Mein Ziel ist das Gymi, dann will ich etwas Gestalterisches machen. Ich will ins Liceo Artistico und mache im März die Prüfung.» Was machst Du in 20 Jahren? Wer bist Du in 20 Jahren? «Ich möchte gerne im Ausland leben, in Amerika. In New York, Künstlerin sein. Von 2-6 Jahren war ich in den USA, in der Nähe von New York, ich erinnere mich gut daran.» Was bereitet Dir persönlich zur Zeit am meisten Sorge? «Weiss nicht.» Was läuft momentan am meisten schief auf unserer Welt? «Die Armut. Ich war in den Herbstferien mit meinen Eltern gerade für 2 Wochen in Indien. Da sah ich deformierte Leute, Menschen, die ans Autofenster klopften. Kinder, die meine Wasserflasche wollten, ich habe sie immer gegeben. Das hat mich beeindruckt.» Was verstehst Du unter dem Wort Wirtschaft? «Keine Ahnung!» (lacht)

Alexander | 14 Jahre, 9. Schuljahr in der Rudolf Steiner Schule; Was ist Dein Berufsziel? «Ich glaube ... vielleicht ... Anwalt.» Was bereitet Dir persönlich zur Zeit am meisten Sorge? «Weiss nicht. Dass der Ausstieg aus der Atomkraft nicht möglich sein wird, weil es zu wenig ökologische Alternativen gibt. Die Endlager sind problematisch.» Was läuft momentan am meisten schief auf unserer Welt? «Sicher die Wirtschaftskrise. Zum Beispiel Griechenland, die Verschuldung von Ländern. Krieg. Libyen steht jetzt glaub ich auch wieder kurz vor einem Krieg.» Was verstehst Du unter dem Wort Wirtschaft? «Der einfache Wirtschaftskreislauf. Wie Kapital von Ländern und Firmen sich aufbaut. Waren- und Geldhandel.»

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Olivia | 14 Jahre, 3. Bezirksschule; Was ist Dein Berufsziel? «Ich will an die Kantonsschule, die Matura machen, dann studieren, Medizin, Psychologie, etwas in dieser Richtung. Kürzlich habe ich in einer Anwaltskanzlei geschnuppert. Da habe ich gemerkt, dass es nicht das ist, was ich will, das ist ad acta. Mit Schnuppern will ich merken, was mich interessiert.» Was machst Du in 20 Jahren? Wer bist Du in 20 Jahren? «Ich möchte etwas in Richtung Greenpeace machen. Sicher nicht in der Schweiz leben. Immer am Reisen sein, vielleicht auch in einem anderen Land sesshaft sein. Als Ärztin helfen.» Auf was freust Du dich in absehbarer Zeit am meisten? «Auf die Zeit des Schüleraustauschs. Im Frühling 2012 kann ich für 4 Wochen nach England in eine Schule und in eine Familie. Ich möchte die Kantonsschule eventuell auf Englisch machen und mit der internationalen Matura abschliessen (International Baccalaureate Diploma – die Red.). In England will ich schauen, ob mir das zusagt mit der Sprache. Im 2. Jahr der Kantonsschule will ich dann in ein Austauschjahr. Ozeanien, Australien oder Neuseeland, interessieren mich, aber auch Afrika oder Südamerika. Über die Kantonsschule Wettingen gibt es Schulen in Afrika mit Hilfsprojekten.» Was läuft momentan am meisten schief auf unserer Welt? «Wie mit vielen Menschen und Tieren umgegangen wird, mit der Natur. Habe gerade den Bienenfilm gesehen, den fand ich sehr eindrücklich (More than Honey, Markus Imhof – Anm. der Redaktion). Die Klimaveränderung. Dass es immer noch Menschenhandel und Sklavenhandel gibt. Die grossen Unterschiede zwischen arm und reich.» Was verstehst Du unter dem Wort Wirtschaft? «Bringe ich in Verbindung mit Wirtschaftskrise. Alles, was mit Geld zu tun hat. Viel Internationales, mit Banken, wo gehandelt wird. Die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen.»

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Wirtschaft


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DEMOGRAFIE IM WANDEL

Invest

Wachsende Geburtenraten in den Schwellenländern stehen einer alternden Bevölkerung in den Industriestaaten gegenüber. Die demografische Wende bringt weitreichende Veränderungen von Angebot und Nachfrage mit sich. Diesen Entwicklungen können sich auch die Finanzmärkte nicht entziehen. Text: Barbara Kalhammer Bild: Fabian Widmer

PUNKTmagazin Generationen

invest

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Invest

Die Geburtenraten in afrikanischen ländern sind noch immer sehr hoch. in Nigeria lag sie 2010 bei 5,1 Kindern pro frau. Das hat demografische folgen: Der Anteil der Über-60-Jährigen wird selbst

d

2050 bei niedrigen 7 Prozent liegen. Zum vergleich: in der

er Zähler auf der Website der Stiftung Welt-

Michaela Grimm, Volkswirtin von Allianz Global In-

Schweiz wird ihr Anteil dann

bevölkerung klettert im Zehntel-Sekunden-

vestors. Seit 1950 hat sich die weltweite durchschnitt-

37 Prozent betragen.

takt nach oben und nähert sich unaufhalt-

liche Lebenserwartung bei der Geburt um 4,6 Monate

sam der Marke von 7,1 Milliarden. Erst vor

pro Jahr erhöht. Möglich gemacht hat dies der medizi-

gerade mal einem Jahr feierte die Welt-

nische Fortschritt und bessere hygienische Rahmenbe-

gemeinschaft die Geburt des Erdenbür-

dingungen. Diese Prozesse dürften sich künftig weiter

gers Nummer 7 000 000 000. Das enorme

fortsetzen, 2050 wird die durchschnittliche Lebenser-

Bevölkerungswachstum setzt sich nicht nur stetig fort, es zieht weitreichende und vielschichtige Folgen nach sich.

wartung bei 75 Jahren liegen. Natürlich gibt es auch hier grosse Unterschiede zwischen den verschiedenen Nationen und Regionen.

Innerhalb eines einzigen Jahrhunderts hat sich

In Japan dürfte die Lebenserwartung dann bei 87 Jah-

die Weltbevölkerung von 1,65 Milliarden auf 7 Milli-

ren liegen, während sie in Nigeria nur 64 Jahre betra-

arden vervierfacht. Der weitere Verlauf der Entwicklung ist schwer abzuschätzen,

gen wird. Insgesamt soll

Der Anteil der asiati-

sich die Zahl der Über-

Milliarden Menschen auf unserem Pla-

schen Tigerstaaten an

1,5 Milliarden verdrei-

neten leben werden. Seit einigen Jahren

der Industrieproduktion

fachen. Als Folgen die-

kerungsentwicklung zurück. Nach Anga-

soll bis 2060 von 24 auf

Grimm zum einen die

ben der UNO fiel sie seit dem Höchststand

46 Prozent steigen. Die

sinkende Zahl der Er-

zent in 2009. Verändert hat sich auch die

OECD-Länder dagegen

anderen die schwierige-

Bevölkerungsdynamik der verschiedenen

müssen sich mit 43 statt

re Finanzierung der So-

65 Prozent begnügen.

Bevölkerung abnimmt.

die UNO erwartet, dass 2082 mehr als 10

jedoch geht die Wachstumsrate der Bevöl-

von 2,1 Prozent im Jahr 1968 auf 1,15 Pro-

Länder. Während die Zahl der Menschen in Afrika und Asien weiter wächst, geht sie

65-Jährigen bis 2050 auf

ser Entwicklungen nennt

werbstätigen und zum

zialsysteme, da die junge

in Europa langfristig zurück. Grund dafür

Darüber hinaus streben

sind die unterschiedlichen Geburtenraten.

die Länder mit starkem

So bringt eine Frau in Afrika im Schnitt

Bevölkerungswachstum

4,4 Kinder zur Welt. In Europa beträgt die

nach mehr Einfluss. «Es

durchschnittliche Geburtenrate lediglich

wird Verschiebungen im

1,6 Kinder. Der Grund liegt auf der Hand: Je höher der

Marktgefüge hin zu Asien und Afrika geben», bemerkt

Lebensstandard und das Bildungsniveau, desto tiefer

die Volkswirtin. China wird nach Prognosen der Or-

die durchschnittliche Geburtenrate.

ganisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die USA bereits 2016 als gröss-

Machtablösung der Wirtschaftsnationen Die Dy-

te Wirtschaftsmacht der Welt ablösen. Der Anteil der

namik der Gesamtbevölkerungsentwicklung rührt je-

asiatischen Tigerstaaten am weltweiten Bruttoinlands-

doch nicht nur von den Fertilitätsraten. «Die gröss-

produkt soll bis ins Jahr 2060 von 24 auf 46 Prozent

te demografische Herausforderung ist die Alterung.

steigen. Der Anteil der 34 OECD-Länder an der indus-

In Europa wird die sinkende Zahl der Geburten von

triellen Produktion dagegen werde von 65 auf 43 Pro-

einer steigenden Lebenserwartung begleitet», erklärt

zent zurückgehen.

54

invest


Demografische Dividenden Auch in China, wo die

diese positiven wirtschaftlichen Rahmenbedingungen

Geburtenrate seit den Sechzigerjahren sinkt, ist die Al-

nur dann Wachstum generieren, wenn sie von den Län-

terung ein grosses Thema. Da sich die Lebenserwar-

dern genutzt werden können. Afrika beispielsweise hät-

tung seit 1950 verdoppelt hat, steigt die Alterslastquote,

te durchaus eine hohe demografische Dividende, nur

die das Verhältnis von Über-65-Jährigen zu den 15- bis

kann sie selten umgesetzt werden.

65-Jährigen beschreibt. In diesem Aspekt unterscheidet

In den Industriestaaten tragen die Über-65-Jähri-

sich China von vielen anderen Schwellenländern. In

gen im Normalfall nicht mehr zur Wirtschaftsleistung

vielen aufstrebenden Nationen müssen die Erwerbstä-

der Volkswirtschaft bei, was wiederum das wirtschaftli-

tigen die Alten und Abhängigen noch nicht in grossem

che Wachstumspotenzial beschneidet. Beispiele für die-

Masse unterstützen – und können ihr Einkommen in-

sen demografischen Wandel sind Russland und Japan,

vestieren, sparen oder für Konsumgüter ausgeben.

während hingegen Indien gute Entwicklungschancen

Dieser Faktor wird als demografische Dividende be-

hat. Gemäss Angaben des Internationalen Währungs-

zeichnet. «Zusammengefasst beschreibt sie, wie vie-

fonds ist die demografische Dividende einer der Grün-

le Personen abhängig sind von der erwerbsfähigen Be-

de, warum die Entwicklungsländer in absehbarer Zeit

völkerung», erklärt Grimm. Ist der Anteil gering, ist

rund dreimal so schnell wachsen dürften wie die Indus-

die demografische Dividende hoch – und umgekehrt.

trienationen.

Ein hoher Bevölkerungsanteil im erwerbsfähigen Alter wirkt sich direkt auf das Pro-Kopf-Wachstum eines

Zusammenbruch der Vermögenswerte Nicht ohne

Landes aus. Grimm gibt allerdings zu bedenken, dass

Folgen bleiben die demografischen Veränderungen für die Kapitalmärkte. Die Veränderung der Al-

= Total Bevölkerung Prognose

Geburtenrate

tersstruktur beispielsweise dürfte sich auf das

DEMOGRAFIE

Sparverhalten auswirken. Um fürs Alter vorzusorgen, fliessen Gelder in die Finanzmärkte. Im Alter werden die Ersparnisse dann für die Finanzierung des Ruhestands ausgege-

Anteil der Über-60-Jährigen an der Bevölkerung 2010

2012

ben. Aufgrund der sinkenden Zahl der Jungen

2050

kann der Rückgang nicht voll kompensiert

7%

werden. Es gibt also mehr Verkäufer als Käu-

7%

lyst bei Allianz Global Investors, verändert

5%

390 Mio.

11 Mio.

5%

27 Mio.

91 Mio.

5%

145 Mio.

12%

2,6

1205 Mio.

8%

1692 Mio.

19%

Ägypten

2,8

84 Mio.

8%

124 Mio.

20%

Indonesien

2,1

249 Mio.

9%

294 Mio.

Singapur

1,3

5 Mio.

Brasilien

1,8

199 Mio.

11%

China

1,8

1343 Mio.

USA

2,1

Frankreich

Deutschland

Nigeria

5,1

Tschad

6,0

Äthiopien

5,1

Indien

170 Mio.

fer auf dem Markt. Laut Dennis Nacken, Anasich aber nicht nur das Sparverhalten, sondern auch die Risikoneigung. Im Alter bauen Anleger Risiken ab und es erfolgt eine Umschichtung in wertstabilere Assets. Experten betiteln dieses Szenario als «Asset Meltdown» – ein starker Verfall von Vermögenswerten. Zudem werden die Renditen der Kapitalanlagen als Folge des geringeren Risikos sinken.

25%

Die Preise an den Finanzmärkten werden jedoch nicht ausschliesslich von die-

38%

sen Entwicklungen beeinflusst. Zudem wird

223 Mio.

29%

Volkswirtschaft ausgegangen und die Glo-

13%

1296 Mio.

34%

314 Mio.

19%

403 Mio.

27%

1,9

66 Mio.

24%

72 Mio.

30%

1,3

81 Mio.

27%

75 Mio.

1,5

8 Mio.

23%

8 Mio.

Russland

1,4

143 Mio.

Japan

1,3

127 Mio.

Schweiz

15%

6 Mio.

balisierungsentwicklung ausgeklammert. Studien kommen zum Schluss, dass die Alterung zwar Auswirkungen auf die Kapitalrendite hat, aber nicht zu einem kompletten Asset Meltdown führt. Auch Dennis Nacken hält das Szenario eines demografischen Zusammenbruchs an den Kapitalmärkten für übertrieben. Auch Rentner müssten durch

37%

ihre längere Lebensdauer weiterhin sparen.

37%

des noch zuviel vom Leben da ist», erklärt er.

«Das grösste Risiko ist, dass am Ende des GelDer Analyst erwartet, dass die Veränderungen

19%

126 Mio.

31%

schleichend geschehen werden. Wie stark die

32%

109 Mio.

41%

sich nur schwer beziffern. Nach einer Publi-

Quelle: CIA World Factbook, UN, Deutsche Stiftung Weltbevölkerung

PUNKTmagazin Generationen

in diesen Szenarien von einer geschlossenen

Auswirkungen auf die Renditen sind, lässt kation des Max-Planck-Institutes für Sozialrecht und Sozialpolitik zum Thema Asset :

invest

55


4 4 Meltdown werden die Renditen bei einer Diversifika-

tion im EU-Raum rein demografiebedingt bis 2035 um rund einen Prozentpunkt fallen. Demografie führe zu einer Art Zweiteilung, die Anleger berücksichtigen sollten, erklärt Nacken. Die schrumpfende Bevölkerung der Industriestaaten steht der wachsenden Bevölkerung der Schwellenländer gegenüber. Durch diese Gewichtsverlagerung wird auch das strukturelle Wachstum in den Emerging Markets höher sein. «Das Gravitationszentrum des 21. Jahrhunderts wird in Asien liegen», sagt Nacken. Dabei müsse jedoch berücksichtigt werden, dass es 150 verschiedene Schwellenländer gibt – jedes mit seiner eigenen Struktur und Demografie. Einen Belastungsfaktor sieht er darin, dass in China die Spitze des Bevölkerungswachstums 2025 erreicht sein werde.

Vielfältige Auswirkungen In den asiatischen Ländern wächst eine konsumfreudige Mittelschicht heran. Nach Schätzungen der Weltbank werden die aufstrebenden Nationen bis zum Jahr 2030 prozentual die Mehrheit der globalen Mittelschicht stellen. Je höher die Löhne sind, desto mehr nicht lebensnotwendige Güter können erworben werden. So entfallen beispiels-

Einkommen und die damit verbundenen höherwerti-

weise über zehn Prozent der Ausgaben in den Indus-

gen Leistungen. Nach Zahlen von OECD Health Data

triestaaten auf Erholung und Kultur. In Indien sind

lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei Gesundheitsleistungen

es bislang nur zwei Prozent – gute Aussichten für Lu-

in den USA im Jahr 2009 bei rund 8000 Dollar. In China

xus- und Nicht-Basiskonsumgüter. Als Profiteure nennt

waren es nur gerade 265 Dollar. Als Gewinner sieht Na-

Charles Somers, Fondsmanager des Schroders ISF Glo-

cken hier vor allem die Biotechnologiebranche. Schro-

bal Demographic Opportunities, den französischen

ders präferiert im Gesundheitsbereich den Hersteller

Mischkonzern Safran sowie Estée Lauder. Mit dem hö-

von Brillengläsern Essilor und den Generikahersteller

heren Wohlstand wird aber der Konsum auch rohstoff-

Teva. Ebenso profitieren dürfte die Infrastrukturbran-

intensiver.

che. Nebst Versorgung und Bauindustrie favorisiert der Allianz-Analyst den Dienstleistungssektor mit Pflege-

von der neuen Kaufkraft

bereich, Bildung sowie der Altersvorsorge. Auch für die

der wachsenden Mittel-

Finanzdienstleister können sich die Entwicklungen

schicht Asiens profitiert

positiv auswirken. So wird die Zahl der Sparer in den aufstrebenden Nationen zunehmen. Ebenfalls stärker nachgefragt werden Lebensversicherungen und Anlagemöglichkeiten.

unter anderem der Kosmetikkonzern Estée lauder. Dank starkem Wachstum in China nähert sich der Umsatz der 10-Milliarden-Marke. Auch für den

Demografie ist kein separates Anlagethema An-

Mischkonzern safran s.A.

leger sollten somit bei einem Investment stets die de-

sind die Aussichten gut:

mografischen Veränderungen im Hinterkopf behalten. Um diese Trends generell zu spielen, bieten sich Fonds an, beispielsweise Schroders ISF Global Demographic Opportunities, DWS Zukunftsressourcen oder Allianzdit-Global-Demographic-Trends. Nacken warnt allerdings vor zu starken Engagements: Sie sollten nur als Beimischung dienen. «Demografie darf nicht als alleinstehendes Anlagethema betrachtet werden. Wichtig ist auch das Miteinbeziehen von fundamentalen Faktoren», gibt Nacken zu Bedenken. Da die Prozesse langsam verlaufen und sich die Veränderungen nicht von heute auf morgen zeigen, müssen Anleger über einen langen Atem verfügen. Demografische Veränderungen haben ebenfalls

Doch Zeit haben wir genug, immerhin liegt die durch-

Einfluss auf die Gesundheitsausgaben, wobei sie in der

schnittliche Lebenserwartung der Schweizer Männer

Regel steigen. Zum einen durch die zunehmende Zahl

bei 80 Jahren und die der Frauen bei knapp 85 Jahren.

älterer Menschen, zum anderen durch die wachsenden

Tendenz steigend.

56

invest

Gemäss Prognosen wird sich der flugpassagierverkehr in China in den nächsten zwanzig Jahren verdoppeln.


kolumne

Lichterlöschen?

mirjam staub-bisang

r

ohstoffe sind der Schlüsselfaktor für

irreversibel bis zur Obsoleszenz. So werden

die Produktion von Gütern – und sie

zum Beispiel Fluoreszenz- und Leuchtdio-

werden zunehmend knapper. In we-

den (LED)-Lampen herkömmliche Glühbir-

niger als zwei Generationen werden

nen ersetzen. Mit wassersparenden Be- und

die meisten der bekannten Industrie-

Entwässerungstechnologien, Leitungs- und

metallreserven erschöpft sein. Kupfer bei-

Messsystemen kann der Wasserverbrauch in

spielsweise soll uns bereits in rund 25 Jah-

Grossstädten um bis zu 30 bis 50 Prozent re-

ren ausgehen. In manchen Weltregionen

duziert werden.

wird sauberes Trinkwasser schon für die

Regierungen rund um den Erdball ha-

nächste Generation zum knappen Gut, und

ben dieses Potenzial erkannt. Alleine schon die

bereits heute haben gemäss UNO-Schätzun-

von China, Südkorea und den USA aufgeleg-

gen rund 17 Prozent der Weltbevölkerung kei-

ten Konjunkturprogramme sehen Ausgaben

nen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Be-

von fast 200 Milliarden Dollar zur Unterstüt-

völkerungswachstum, steigender Wohlstand,

zung einer kontinuierlichen Entwicklung von

Urbanisierung und Industrialisierung von

Umwelttechnologien vor. Umwelt und Gesell-

Schwellenländern lassen die Rohstoffnach-

schaft gewinnen – und auch Investoren. Füh-

frage nach oben schnellen. Ressourcenabbau

rende Unternehmen in den Sektoren Energie-,

und die Verbrennung fossiler Brennstoffe

Wasser-, Abfall- oder Materialeffizienz profitie-

verursachen grosse, teils bleibende, Umwelt-

ren von überdurchschnittlichem Marktwachs-

schäden.

tum. So erwarten Analysten für Unternehmen

Was bedeutet das für unsere Kinder

in diesen Sektoren ein durchschnittliches Um-

und Kindeskinder? Wenn wir wollen, dass die

satzwachstum von 8 Prozent jährlich oder ins-

nachfolgenden Generationen nicht unsere

gesamt knapp 35 Prozent bis zum Jahr 2015.

Schulden schultern müssen, gibt es nur eine

Disruptive Technologien werden von Start-ups

Lösung: sparen, sparen, sparen. Es gilt: Weni-

und kleineren Firmen, vor allem aber von gro-

ger ist mehr.

ssen Industrieunternehmen entwickelt und zur

Alle möglichen Szenarien haben ihre

Marktreife gebracht. Siemens beispielsweise er-

Risiken und Chancen. Um erstere einzudäm-

wirtschaftet mit Technologien und Dienstleis-

men und letztere zu nutzen, gilt es, mit Roh-

tungen in ihrem Umweltportfolio rund 30 Mil-

stoffen sparsamer umzugehen. Ressourcen-

liarden Euro. Bis 2014 soll der Bereichsumsatz

effizienz heisst die Zauberformel. Knapper

auf 40 Milliarden Euro gesteigert werden.

werdende Reserven gekoppelt mit steigen-

Ressourceneffizienz ist ohne Zweifel

der Umweltverschmutzung und drohendem

ein Megatrend, mit dem mittel- und langfris-

Klimawandel verstärken den Druck zur Ent-

tig überdurchschnittliche risikoadjustierte

wicklung umwelt- und ressourceneffizienter

Renditen erzielt werden können – zum Vor-

Produkte und Anwendungen. Bahnbrechen-

teil von Investoren, Umwelt und Gesellschaft.

de Technologien ersetzen die bestehenden

Auch für Anleger wird aus weniger mehr.

Dr. Mirjam Staub-Bisang ist Gründungspartnerin sowie verwaltungsratsdelegierte der independent Capital Management AG. Die Rechtsanwältin und Buchautorin hält zudem einen MBA-Abschluss der iNSEAD.

PUNKTmagazin Generationen

invest

57


Invest

Ungleichgewicht

BERUFLICHE VORSORGE (BVG)

wer finanziert hier wen?

VERGLEICH SEIT EINFÜHRUNG

1985

2012

Text RiNo BoRiNi

Einer rückläufigen Geburtenrate steht

-6%

Die Lebenserwartung eines 65-Jährigen ist um 4,1 Jahre gestiegen.

+28%

Der Umwandlungssatz ist lediglich von 7,2% auf 6,8% gesunken.

eine zunehmende Lebenserwartung gegenüber, doch das Rentenalter wurde nie an diese Entwicklung angepasst. Das ist aber nicht das einzige Problem.

-88%

Die Alterung der Bevölkerung und die tiefen Renditen am Kapitalmarkt stellen die Vorsorgeeinrichtungen vor grosse Herausforderungen. Die derzeitige Hauptsorge der Pensionskassenverantwortli-

Quelle: BfS, SNB

chen liegt im vorherrschenden Tiefzinsumfeld. Die

Die Renditen risikoarmer Staatsanleihen (10 Jahre) der Eidgenossenschaft notieren nahezu bei Null.

benötigten Kapitalerträge sprudeln nicht mehr wie in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Beim Start des BVG-Obligatoriums 1972 lag das Zinsniveau in der Schweiz um rund 4 Prozent höher.

angibt, zu welchem Satz das in den Pensionskassen ge-

Druck. Und waren es zu Beginn noch gut 6000 Berufs-

sparte Alterguthaben in eine Rente gewandelt wird. Die-

vorsorgeeinrichtungen, ist ihre Zahl auf etwa 2200

ser müsse gesenkt werden. Bei Inkraftsetzung des BVG

zurückgegangen. Othmar Simeon, Pensionskassen-

betrug er 7,2 Prozent, heute sind es 6,4 Prozent. Wenn

experte von Swisscanto, erwartet weitere Schliessun-

man sich die Realität in der Gesellschaft und an den

gen. «Bald werden wir in der Schweiz bei 1500 Kass-

Finanzmärkten vor Augen hält, ist diese Senkung zu we-

en sein.» Der Think Tank Avenir Suisse ist sogar der

nig drastisch. Ob das Pensionskassensystem in der heu-

Ansicht, 300 Kassen seien genug. Dies entspräche der

tigen Form für die Zukunft taugt, ist unter Experten um-

Anzahl Bankinstitute in der Schweiz. Weniger Kassen

stritten. Möglich wäre auch: früher einbezahlen, mehr

bringen zweifelsohne signifikante Skaleneffekte, bei-

einbezahlen oder länger arbeiten. Die Alternative ist

spielsweise in der Vermögens- und Kassenverwaltung.

simpel: Künftige Rentenbezieher erhalten tiefere Pen-

Heute vereinen die 2000 kleinsten Pensionskassen le-

sionsgelder.

diglich 15 Prozent der kumulierten Bilanzsummen.

58

weiter. Eine Lösung sieht er im Umwandlungssatz, der

Immer mehr Pensionskassen stehen unter

Eines ist sicher: Eine Anpassung und Vereinfa-

Die Auswirkungen der höheren Lebenserwar-

chung des BVG ist dringend notwendig. Schon heute

tung sieht der Experte weniger drastisch. «Die immer

sind laut Bundesamt für Statistik rund 15 Prozent der ar-

älter werdende Gesellschaft ist sicher ein Problem,

beitenden Männer über 65 Jahre alt. Und die Zahl wird

aber mit 1 bis 2 Prozent mehr Zins, könnte man der

weiter nach oben klettern. Die «jungen Alten» sind er-

Langlebigkeit entgegenwirken.» Die oftmals ungüns-

fahren, oftmals gut betucht und verfügen über viel Er-

tigen Verhältnisse zwischen arbeitender Bevölkerung

fahrungsschatz. Dieses Potential sollte der Wirtschaft

und Rentnern führe jedoch zu einer schleichenden

und Gesellschaft nicht vorenthalten werden. Dass das

Umverteilung, sozusagen einer versteckten Generati-

jetzige System nicht optimal ist, merken auch die Jun-

onensolidarität: Die Aktiven zahlen für die Rentner.

gen. So fordert die Jugendsession vom Bundesrat eine

«Das spricht absolut gegen das Prinzip der Pensions-

Prüfung des Rentenalters. Sie hat schlicht keinen Bock

kasse, das ist systemwidrig», so der Swisscanto-Experte

auf eine Umverteilung von Jung nach Alt.

invest


familY business Familienunternehmen zeichnen sich aus durch Effizienz, Kontinuität und Beständigkeit. Dank diesen Eigenschaften

Find de Fähler!

können sie sich auch in schwierigem Fahrwasser behaupten. Das momentane Umfeld macht es vielen Unternehmen schwer. Für Familienunternehmen gilt das nur bedingt. So konnten sie im vergangenen Jahr durchwegs mit ihrem Vergleichsindex mithalten – oder ihn sogar übertrumpfen. So legte der BB Entrepreneur Europe Fonds bis Ende November 17 Prozent zu, während der Stoxx 600 nur 14 Prozent nach oben kletterte. Die bessere Entwicklung von eigentümergeführten Unternehmen wurde in der Vergangenheit durch zahlreiche Studien belegt. Die Gründe sind in ihren besonderen Eigenschaften zu suchen. Ihr längerer Zeithorizont erlaubt es ihnen, eine längerfristige Innovationsplanung zu betreiben. Dies kommt ihnen später in Form von Wettbewerbsvorteilen zugute. Die nachhaltige Planung zeigt sich auch in der Führung: Während Manager oft nur für kurze Zeit in einem Unternehmen verbleiben, tun es Patrons teilweise über Jahrzehnte. Damit gehen oftmals kürzere Entscheidungswege einher, was mehr Flexibilität ermöglicht. Flexibilität, die gerade in Krisenzeiten von unschätzbarem Wert ist. Nicht zuletzt verhindert die Tatsache, dass Geschäftsführer und Eigentümer zur selben Familie gehören, das Entstehen von grossen Interessenskonflikten. Auch in den Bilanzen zeigen sich Unterschiede: Sie sind solider als in anderen Unternehmen. Viele Entrepreneurs weisen eine hohe Eigenkapitalquote auf, was ihnen in schweren Zeiten Flexibilität und antizyklisches Verhalten ermöglicht. Das langfristige Festhalten an Strategien kommt den Anlegern zugute. Doch auch

Handeln beim Original: Mit Sicherheit die bessere Wahl.

bei Familienunternehmen ist nicht alles rosig. Wenn es nämlich doch zu Konflikten kommt, sind die Blutsbande eher hinderlich für eine pragmatische Lösungsfindung – Rosenkrieg im Unternehmen sozusagen.

Erfahrene Anleger wissen: Ein regulierter Handelsplatz ist bei Strukturierten Produkten unerlässlich.

Die andere grosse Gefahr: Es fehlt an Nachfolgern. Besonders bei Firmen mit einer grossen Unternehmerpersönlichkeit an der Spitze kann das zum Problem werden. Wie soll man einen Patron ersetzen, der das Unternehmen während Jahrzehnten praktisch im Alleingang geführt hat? Damit sie mit dem Rückzug ihres Eigentümers nicht ebenfalls untergehen, müssen Familienunternehmen die Nachfolgeplanung seriös angehen. Und vor allem rechtzeitig. Denn bis ein geeigneter Nachfolger

Nur an der Börse sind alle Preisangaben verbindlich und die Abschlüsse werden transparent offengelegt. Im Interesse der Handelsteilnehmer stellt eine unabhängige Marktsteuerung sicher, dass Aufträge zu fairen Preisen ausgeführt werden. Klare Handelsvorteile, die nur das Original der Börse bietet. Sicher börslich handeln: www.scoach.ch

gefunden wird, dauert es oft Jahre. Wird dieser Prozess verschlafen, droht Ungemach. Doch bei Firmen, die die Weichen rechzeitig gestellt haben, spricht nichts dagegen, dass sie nicht eigentümergeführte Unternehmen auch in Zukunft überzeugen werden.

BK

®

traded on scoach

FAmilienUnTerneHmen scHlAGen sicH GUT REGION

FONDS/INDEX

PERF YTD

PERF 1Y

PERF 3Y

Schweiz

BB Entrepreneur Switzerland

12.60%

18.11%

15.68%

SPI

14.47%

23.17%

13.01%

BB Entrepreneur Europe

17.31%

23.12%

15.62%

Stoxx 600

14.04%

24.22%

21.35%

BB Entrepreneur Asia

21.78%

21.83%

MSCI AC Asia ex Japan

14.53%

15.59%

Europa

Asien

Quelle: Cash/indexanbieter, Stand: 21.11.12

Scoach – Ihre Börse für Strukturierte Produkte: Sicherheit unabhängige Marktüberwachung Qualität verlässlicher Handel Transparenz Offenlegung der Handelsabschlüsse

PUNKTmagazin Generationen


die nächste generation Das Wirtschaftswachstum findet nicht mehr im Westen statt. Kleine, bis dato unbedeutende Volkswirtschaften sind auf der Überholspur. Das eröffnet neue Anlagemöglichkeiten. Schwellenländer sind mittlerweile für die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandprodukts verantwortlich. Da ihre Binnennachfrage weiterhin wächst und ihre Fundamentaldaten solide sind, werden die Emerging Markets für die Weltkonjunktur immer wichtiger. Ein Ende dieses Trends ist nicht absehbar. Parallel zu dieser Entwicklung nimmt die Bedeutung vieler Industrienationen ab. Glaubt man den Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IMF), so wachsen die jungen Volkswirtschaften bis ins Jahr 2016 im Jahresdurchschnitt um 6 Prozent. Bei Industrienationen soll das Plus lediglich 2,2 Prozent betragen. Engage-

aufgepasst!

ments in Schwellenländer werden oft mit höheren Risiken in Verbindung

Vermehrt werden Anleger angelockt von

Unternehmen und privaten Haushalten, hohen Sparquoten, guten Leis-

aussichtsreichen Zukunftstrends. Häufig

tungsbilanzen und enormen Devisenreserven gelten sie – im Gegensatz

werden die Versprechen nicht gehalten.

zu den hochverschuldeten Industrienationen – heutzutage als sicherer

gebracht. Das stimmt jedoch nur zum Teil. Zwar durchlaufen aufstrebende Volkswirtschaften von Natur aus einen Strukturwandel, der die Marktvolatilität erhöhen kann. Aber dank der geringen Verschuldung von Staat,

Hafen. Noch höhere Wachstumsraten verzeichnet nur die nächste «NatioMit Wortkreationen wie «Mongolei – Yes we

nengeneration», die Frontier Markets. Dazu gehören Länder wie Kasach-

Khan», «Seltene Erden – Rohstoff der Zukunft»

stan, Katar, die Mongolei oder Nigeria. Wie stark sie in letzter Zeit erblü-

oder «Vietnam – Ergreifen Sie Ihre Chancen»

hen wird offensichtlich bei Betrachtung der zehn Volkswirtschaften mit

werden Anleger von Produktemittenten auf

den grössten Wachstumsraten über die vergangenen zehn Jahre. Dort fin-

exotische und zukunftsweisende Trends auf-

den sich – nebst China – neun Frontier Markets. Diese Volkswirtschaften

merksam gemacht. Abseits der traditionellen

sind hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Merkmale sehr heterogen, verfü-

Märkte würden ungeahnte Investmentmög-

gen aber über eine grosse Gemeinsamkeit: Ihre Kapitalmärkte sind nicht

lichkeiten mit hohen Renditen warten. Nicht

voll entwickelt, sondern klein und nicht sehr liquide. Damit sind aber auch

selten ist das tatsächlich der Fall. Öfters je-

die Investitionsrisiken bedeutend höher. Doch wie immer ermöglicht das

doch handelt es sich um kurzfristige Spekula-

Eingehen von mehr Risiko höhere Renditechancen. Für Anleger, die von

tionen. So kletterte beispielsweise der Viet-

der nächsten Generation der Wachstumsnationen profitieren wollen, gilt:

nam-ETF der Deutschen Bank 2009 um mehr

Die Investitionen müssen sehr breit diversifiziert werden und sollten nur

als vierzig Prozent nach oben. Wer das Pro-

einen kleinen Teil des Vermögens ausmachen.

RB

dukt heute noch hält, verzeichnete bereits wieder knapp vierzig Prozent Verlust. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei den Seltenen Er-

die mÄrKTe von morGen?

den. Das Zertifikat der Royal Bank of Scotland

LAND

gewann 2009 mehr als 30 Prozent. Danach hielten sich die Gewinne aber in Grenzen. Und seit Anfang 2011 verlor das Produkt sogar rund 35 Prozent. Die Liste solcher Trends, die angeblich die Welt verändern sollen, liesse sich nahezu endlos fortsetzen. Oftmals spielen Rohstoffe als Treiber der Wirtschaft eines Landes beziehungsweise des Themas eine entscheidende Rolle. Für Anleger ist es entscheidend, solche Trends und Strömungen richtig und vor allem frühzeitig zu erkennen. Dass sie nicht ewig halten, liegt in ihrer Natur. Um ihr Ende und allfällige Blasen frühzeitig zu erkennen, müssen die Investitionen permanent auf ihren weiteren Chancenverlauf geprüft werden. Trendinvesting ist ein schnelllebiges Geschäft und demzufolge nur empfehlenswert für Anleger mit einem guten Gespür für Timing.

60

invest

BK

Argentinien

BIP 2011 (MRD. USD)

WACHSTUM BIP 2011 IN%

WACHSTUM BIP SEIT 2001 IN %

BÖRSENENTWICKLUNG 3 JAHRE

-21.14

446.0

8.9

66.0

Botswana

17.6

5.1

192.4

-8.54

Ghana

39.2

14.4

638.2

11.14

Jordanien

28.8

2.6

221.2

-11.74

186.2

7.5

740.6

-9.17

Kenya

33.6

4.5

158.8

8.27

Libanon

42.2

3.0

139.0

-15.56

Nigeria

235.9

6.7

391.5

12.39 -5.71

Kazakhstan

Oman

71.8

5.5

259.8

Pakistan

211.1

2.4

191.9

5.73

Sri Lanka

59.2

8.3

275.7

11.85

Ukraine

165.3

5.2

334.8

-27.98

Ver. Arab. Emirate

360.3

4.9

248.7

-5.94

124.0

5.9

279.2

-11.88

69 994.7

2.7

117.8

Vietnam Welt

4.08 Quelle: Weltbank/MSCi


dein haus mehr kosteneffizienz dank sanierungen

Energiekosten senken, Steuern optimieren, allenfalls sogar Fördergelder einstreichen – Investitionen in Häuser haben vielerlei Nutzen.

langfristig ins Geld. Und genau dieses lang-

AnZAHl GesUcHe

fristige Denken müssen Immobilienbesitzer

2010: 29 307

an den Tag legen.

2011: 21 866

Ein weiteres Argument für Sanierungs-

1. Sem. 2012: 7773

arbeiten: Wer bei seinem Eigenheim die CO2Bilanz verbessert, erhält Fördermittel. Anfang

AnZAHl

2010 starteten Bund und Kantone ein Gebäu-

BeWilliGUnGen

In der Schweiz wurden rund drei Vier-

deprogramm, das die energetische Sanierung

2010: 26 164

tel der Gebäude vor 1980 erstellt. Dass diese

von Liegenschaften und den Einsatz erneu-

2011: 21 364

Bauten ein Vielfaches an Energie benötigen

erbarer Energien fördert. Damit versuchen

1. Sem. 2012: 6138

als moderne Häuser, liegt auf der Hand. Es

Bund und Kantone, dem Erneuerungszyklus

spricht nichts dagegen, diese alten Liegen-

Schub zu geben und den CO2-Ausstoss zu re-

FÖrdersUmme

schaften auf die Zukunft vorzubereiten. Inves-

duzieren. Die Fördermittel werden aber erst

Aller GesUcHe

titionen in bestehende Immobilien sichern

nach einer fachmännischen Beurteilung der

2010: 245 Mio

langfristig stabile Erträge und erhöhen ihren

Umsetzung ausbezahlt. Eine weitere Bedin-

2011: 235 Mio.

Wert. Das gilt auch für den Fall, dass die Infla-

gung für den Erhalt der Gelder stellt das Bau-

1. Sem. 2012: 112 Mio.

tion in den nächsten Jahren steigen sollte.

jahr dar: Gesuche können nur gestellt werden

Der Zeitpunkt ist günstig, nicht zuletzt,

für Liegenschaften, die vor dem Jahr 2000 er-

AUsBeZAHlTe

da die Renditegenerierung an den Finanz-

richtet wurden. Neben den energetischen Vor-

FÖrderGelder

märkten äusserst schwierig geworden ist.

teilen gilt es nicht zuletzt die steuerliche As-

2010: 23 Mio.

Wichtig ist jedoch ein überlegtes Vorgehen,

pekte genauer unter die Lupe zu nehmen. Bei

2011: 135 Mio.

einfach wild drauflos zu renovieren, bringt

den direkten Bundessteuern und in einzel-

1. Sem. 2012: 90 Mio.

wenig. Der kluge Hausbesitzer investiert in

nen Kantonen können energiesparende und

(Da Bauherren für die Sanie-

Energieeffizienz sowie erneuerbare Energi-

dem Umweltschutz dienende Investitionen in

rung zwei Jahre Zeit haben,

en und schlägt damit mehrere Fliegen mit ei-

bestehende Gebäude als Liegenschaftsunter-

erfolgt die Auszahlung ver-

ner Klappe: Er senkt den Energieverbrauch

halt vom steuerbaren Einkommen abgezogen

zögert.)

und seine Abhängigkeit von den künftigen

werden. Je nach Umfang der Unterhaltsarbei-

Strompreisen. Zuletzt erhöht er durch die

ten bietet es sich an, sie auf mehrere Steuer-

Investitionen den Marktwert seiner Liegen-

perioden zu verteilen. Wichtig ist, dass man

schaft. Damit sie langfristig den vollen Nut-

sich vor Beginn der Arbeiten erkundigt, wel-

zen erbringen, sollten die Massnahmen auf-

che Fördermassnahmen in der jeweiligen Ge-

einander abgestimmt sein. Es ist wichtig, das

meinde wie unterstützt werden.

volle Energiesparpotenzial auszuschöpfen,

Last but not least: Werden die Umbau-

beispielsweise bei Fenstern. Sind sie schlecht

ten konsequent umgesetzt, bedeutet das ho-

isoliert, verbraucht ein Hauseigentümer jähr-

he Investitionen in die hiesige Bauwirtschaft.

lich bis zu zwölf zusätzliche Liter Öl pro Qua-

Eine rundum gute Sache und auf lange Sicht

dratmeter Energiebezugsfläche. Das geht

eine echte Rendite.


Invest

rohstoffe und «böse» spekulanten Nachgefragt BARBARA KAlhAMMER Bild fABiAN WiDMER

Spekulanten gelten als Hauptverantwortliche für die starken Anstiege der globalen Rohstoffpreise. Zivilgesellschaftliche Organisationen fordern Spekulationsverbote. Vor drohender Überregulierung warnt Ingo Pies, Professor für Wirtschaftsethik. PUNKTMAGAZIN Nahrungsmittelspekulationen sind das Thema der Stunde. Wie kam es dazu? INGO PIES_ Wir haben in den Jahren 2008 und 2011 starke Preisanstiege bei Agrarrohstoffen erlebt. Diese hatten Hungerrevolten rund um den Globus zur Folge. In den Entwicklungsländern geraten viele von Armut betroffene Menschen in existentielle Schwierigkeiten, wenn die Rohstoffpreise plötzlich nach oben schiessen. Schliesslich wenden sie weit über fünfzig Prozent ihres Budgets für Nahrungsmittel auf. In Europa machen sich solche Preissprünge weniger bemerkbar, da die Nahrungsmittelpreise bei uns

«Die Kritik an Spekulan-

nicht nur die Rohstoffkosten widerspiegeln, sondern viele andere Faktoren

ten taucht stereotyp dann

wie etwa die hohen Personalkosten aus der Verarbeitung. Zudem haben wir ein Netz sozialer Sicherung, das in armen Ländern oft fehlt. Wer ist für die hohen Preise verantwortlich? Bei vielen zivilgesell-

Preisentwicklungen

schaftlichen Organisationen gibt es die Vermutung, dass die stark ange-

kommt. Die Historie

stiegenen Finanzspekulationen der treibende Faktor sind. Auch zahlreiche

diesbezüglich ist lang.»

Medien haben sich diese Auffassung zu eigen gemacht. Die Wissenschaft sieht das allerdings anders. Essen wir den ärmeren Menschen die Nahrung weg? Es gibt eine internationale Konkurrenz um knappe Nahrungsmittel. Die wird unter anderem dadurch verschärft, dass in wirtschaftlich erfolgreichen Schwellenländern der Fleischkonsum zunimmt. Dieser veränderte Lebensstil hat eine enorme Hebelwirkung auf die Nahrungsmittelnachfrage, insbesondere bei Getreide. Die Tiere müssen ja gefüttert werden. Müssen wir unseren Nahrungsmittelkonsum senken, damit für die anderen genug bleibt? Nein, niemand muss weniger essen. Wir müssen lediglich die weltweite Nahrungsmittelproduktion so stark erhöhen, dass das Angebot mit der steigenden Nachfrage Schritt halten kann. Wie sieht die Nahrungsmittelsituation der kommenden Generation aus? Für sie wird das Thema Hunger sehr wichtig. Und zwar unter dem

62

auf, wenn es zu extremen

invest


Aspekt der Chancengerechtigkeit. Wir wissen, dass

Die Forderungen gehen aber noch einen

nicht knappen Nahrungsmitteln um. Tritt die

Kinder, die in den ersten Jahren nach der Geburt

Schritt weiter. Positionslimits und der Markt-

Knappheit durch Ernteausfälle dann tatsäch-

nicht ausreichend ernährt werden, lebenslange

ausschluss von bestimmten Akteuren, genauer

lich ein, steht immer noch genug vom jeweiligen

Schäden davon tragen.

gesagt den nichtkommerziellen Händlern, ins-

Rohstoff zur Verfügung.

besondere Indexfonds. Auch von Banken wird geKann man den Einfluss der Spekulanten auf

fordert, dass sie sich ganz zurückziehen. Diese

Was haben die Ausnahmeregelungen der

die Preise beziffern? Man kann ihn nicht di-

Forderungen sehe ich sehr skeptisch, sie würden

WTO, in Notsituationen Exportverbote zu

rekt beobachten. Daher wird versucht, ihn mit

eine Überregulierung bedeuten. In der Folge wür-

erlassen, bewirkt? Mit den Ausnahmerege-

Modellen zu berechnen, die sämtliche Einflüsse

den die Terminmärkte nicht besser funktionie-

lungen sollten der eigenen Bevölkerung die vor

beachten. Dazu zählten in den letzten vier Jahren

ren, sondern schlechter. Das wäre ein moralisches

Ort hergestellten Nahrungsmittel gesichert wer-

Turbulenzen in der Weltwirtschaft, hohe Wechsel-

Eigentor: Wenn langfristig auf eine weltweit stei-

den. Die Erfahrungen, die wir mit diesen Rege-

kursschwankungen, Zinseffekte, starkes Geldmen-

gende Agrarproduktion abgezielt wird, müssen

lungen gemacht haben, sind meiner Meinung

genwachstum und makroökonomische Schocks.

wir für eine grössere Erwartungssicherheit sorgen.

nach katastrophal schlecht. In den Krisenjah-

Speziell bei Agrarrohstoffen gab es markante Ent-

Überregulierung wäre kontraproduktiv.

ren haben wichtige agrarexportierende Staaten

wicklungen wie Dürren in Australien und den USA

Verbote erlassen. Damit haben sie massiv dazu

oder eine Ausweitung der Biosprit-Produktion.

Was konkret wäre das Problem eines überre-

beigetragen, das Problem zu verschärfen. Als In-

Der tatsächliche Einfluss der Spekulation kann

gulierten Rohstoffmarktes? Die Bauern könn-

dien den Export von Reis und Russland den Ex-

nur geschätzt werden. Der wissenschaftliche Er-

ten ihre Produktion nur eingeschränkt absichern.

port von Weizen eingestellt haben, sorgte das

kenntnisstand hierzu besagt, dass der Einfluss der

Nämlich in dem Masse, wie kommerzielle Händ-

für Panik im Markt. Als Reaktion haben andere

Spekulanten, vor allem derjenige der Indexspeku-

ler untereinander verschiedene Preisvorstellun-

Staaten daraufhin versucht, für die eigene Be-

lanten, nicht besorgniserregend gewesen ist. Hier

gen haben und sich wechselseitig versichern. Aber

völkerung Lager aufzubauen. Das trug dazu bei,

wird ganz deutlich Entwarnung gegeben.

der Clou am Terminmarkt mit nichtkommerziel-

dass die Preissteigerungen noch angetrieben

len Händlern ist die starke Erhöhung der Markt-

wurden. Ein sinnvolles Management der globa-

Dennoch haben sich einige Banken aus die-

liquidität, wodurch die Absicherungsbedürfnisse

len Nahrungsmittelsicherheit sieht anders aus.

sem Bereich komplett zurückgezogen. Der

der Agrarproduzenten erfüllt werden können.

Beginn eines Trends? Das kann ich nicht aus-

Würde man diese Teilnehmer verdrängen, würden

Wie könnte die Situation verbessert wer-

schliessen. Man sollte sich aber genauer ansehen,

viele Bauern auf ihren Preisrisiken sitzen bleiben.

den? Wie erwähnt sollten die Finanzmärk-

welche Institute sich zurückgezogen haben. In

te hinsichtlich Transparenz reguliert werden.

Deutschland waren es Deka-Bank, Landesbank

In der Vergangenheit gab es bereits solche

Gedanken sollten wir uns auch zur Biosprit-

Baden-Württemberg und Commerzbank. Das

Verbote. Was waren die Folgen? Sie haben

Förderung machen. Sie wurde in einer Zeit

sind Banken mit einem starken staatlichen Enga-

Recht, in Deutschland haben wir Erfahrungen

ausgedehnt, in der die globale Nahrungsmit-

gement. Ihren Ausstieg sehe ich daher nicht not-

mit einem solchen Verbot gemacht, als es gegen

telsituation sehr angespannt war. Ich nenne das

wendig als Schuldeingeständnis. Vielleicht haben

Ende des 19. Jahrhunderts zu starken Preissteige-

«ökologischen Eurozentrismus». In Zukunft soll-

sie nur leichter dem politischen Druck nachge-

rungen kam. Die Öffentlichkeit hatte die Schuldi-

ten solche Massnahmen auf die globale Ernäh-

geben als andere.

gen schnell ausgemacht: die «bösen» Spekulanten.

rungslage abgestimmt werden. Vor allem aber

1897 wurde der Terminhandel von Weizen verbo-

müssen wir das Angebot steigern. Das erfordert

Wenn die Banken aussteigen, ist dies auch

ten. Innert Kürze geriet die Volatilität ausser Kon-

mehr Forschung und Know-how-Transfer.

ein Signal für Privatanleger. Sind in diesem

trolle. Aufgrund der desaströsen Folgen wurde das

Bereich ebenfalls Änderungen zu erwarten?

Verbot drei Jahre später wieder aufgehoben.

für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-

Die Allianz, ein grosser Player im Rohstoffmarkt, vertritt die Auffassung, ihr Geschäft sei volks-

Gibt es weitere Beispiele? Die Kritik an Speku-

wirtschaftlich sinnvoll und moralisch unbedenk-

lanten taucht stereotyp immer dann auf, wenn es

lich. Engagements im Rohstoffbereich üben in der

zu extremen Preisentwicklungen kommt. Da dies

Tat eine sinnvolle Funktion aus, sie übernehmen

im Lauf der letzten 150 Jahre öfters der Fall war,

die Aufgaben einer Versicherung. So können Risi-

ist die Historie lang. Ein Bespiel ist der Termin-

ken getragen werden, die andere nicht überneh-

markt für Zwiebeln, der in den USA seit 1958 ver-

men wollen – und dafür wird man bezahlt. Das ist

boten ist. Da haben wir tagtäglich Anschauungs-

eine, auch in moralischer Hinsicht, nicht zu bean-

material und können sehen: Die Volatilität für

standende Aktivität.

Agrarprodukte ohne Terminmarkt ist enorm hoch.

Trotzdem wird vermehrt eine Beschränkung

Auch in Extremsituationen wie Dürren spie-

oder gar ein Verbot gefordert. Ist das für Sie

len die Terminmärkte eine wichtige Rolle.

nachvollziehbar? Die Regulierung von Termin-

Eine erfolgreiche Spekulation dient üblicherweise

markt- und Derivatgeschäften muss sich verbes-

dazu, die Knappheit optimal auf die verschiede-

sern, vor allem bezüglich Transparenz. In diesem

nen Zeiträume zu verteilen. Bei drohender Dürre

Bereich hinkt Europa den USA hinterher. Over-

besteht die wichtige Funktion des Terminmarkts

the-Counter-Geschäfte beispielsweise sollten über

darin, diese negative Botschaft möglichst schnell

Clearing-Stellen abgewickelt und anschliessend

in Preise umzusetzen, die verhaltensrelevant wer-

statistisch erfasst werden. Es ist wichtig zu wissen,

den. Als Folge steigt der Preis schon heute, und die

wer in welchem Umfang Geschäfte tätigt.

Menschen gehen sparsamer mit den zurzeit noch

PUNKTmagazin Generationen

Prof. Dr. Ingo Pies ist Inhaber des Lehrstuhls Universität in Halle-Wittenberg.

invest

63


LEBENSART

Die Alten sind eine s채uerlich riechende Masse, die sicher in Pflegeheimen verwahrt ist. Text DMiTRiJ GAWRiSCh | Bild RiChARD KolKER

Falsch, sagt unser Autor, der sich in seinem Umfeld auf die Suche nach jungen und junggebliebenen Senioren gemacht hat. Dabei findet er heraus, dass er selbst gar nicht so viel j체nger ist. PUNKTmagazin Generationen

leBensart

65


Lebensart

Mit dem plakativen Motto «Alte Säcke und alte Schachteln gesucht» rekrutiert die organisation «Rent a Rent-

i

ner» arbeitswillige Senioren. Über die internetseite kön-

ch möchte nicht prahlen, aber ich hatte mir für

Wo knüpfe ich an? «Wir wissen noch nicht genau,

diese Ausgabe eine wirklich grossartige Geschich-

in welche Richtung die Geschichte gehen soll», hiess es

te ausgedacht! Ich wollte mich in ein grosses The-

weiter. Aber ich soll es wissen? Ich, der eigentlich damit

aterhaus einschleichen und sechs Wochen lang

gerechnet hat, die eine oder andere junge Theaterdar-

hart schwitzenden Schauspielern dabei zuschau-

stellerin nach Probenschluss näher kennenzulernen

en, wie sie sich für die Bühne in gierige Hedge-

oder mich von den Bankern in jene Bars mitschleppen

Fund-Manager und schleimige Investmentbanker

zu lassen, wo eine Flasche Champagner mehr kostet

verwandeln. Endlich aufgeklärt und ideologisch auf der

als die Monatsmiete meiner Wohnung. Die Geschichte

richtigen Seite wollte ich die nächsten sechs Wochen

würde unter der Rubrik «Lebensart» laufen. Das heisst:

unter echten Hedge-Fund-Managern und Investment-

möglichst wenig Zahlen und möglichst wenig Produkte.

bankern verbringen, um – aus Respekt gegenüber der

Marktanalysen sind ganz verboten. «Die Geschichte

Fairness – ihrem neoliberalen Gesinnungsirrtum die Chance zu geben, sich zu schä-

soll lebensnah und stim-

«Für diese Ausgabe

mig sein. Und das Aller-

achtungen in beiden Welten hätte ich dann

haben wir das perfekte

beim Lesen Spass macht.

am Schreibtisch einen bunten Textbrei ge-

Thema für dich. Schreib

Das kriegst du hin», zeig-

der nächste Journalistenpreis wäre Tatsa-

doch etwas über die Ge-

und wünschte mir, wohl

che geworden. Dass bei drei Monaten Re-

neration der Rentner.»

nur pro forma, viel Glück.

hoch ausfallen würde, ahnte ich. Deshalb

Das ideale Thema für

ich nicht. Aber auch auf-

hing ich dem euphorisch fabulierten The-

einen Dreissigjährigen.

men. Aus meinen Erlebnissen und Beob-

mischt, ihn mit edlen Zitaten gewürzt – und

cherche nicht nur die Spesenrechnung

menvorschlag einen ganzen Massnahmen-

wichtigste ist: Dass sie

te sich Zürich überzeugt

Diesen Optimismus teilte geben wollte ich nicht. Wie immer, wenn ich ei-

katalog an, um meine Kosten tief zu halten:

ne neue Geschichte be-

Reste essen, auf Sofas schlafen, überall hin

ginne, zog ich ein weisses

zu Fuss gehen. Ich schickte die Email ab

A4-Blatt aus dem Drucker

und rieb mir vorfreudig die Hände.

und notierte in der Mitte

Am nächsten Tag kam keine Antwort. Am darauf folgenden auch nicht.

mit rotem Marker: Senioren. Dann pinnte ich es in

Dann kam das Wochenende, und ich hatte anderes im

die Mitte der Themenwand, an die Stelle, wo vorher das

Kopf. Und kurz bevor ich am Dienstag mal scheu nach-

Blatt mit dem anderen Thema gehangen hatte: Theater

fragen wollte, ob mein Themenvorschlag nicht zufällig

vs. Hedge Fund. Dieses knüllte ich zusammen und warf

im Spamordner gelandet sei, kam endlich die Antwort.

es in den Papierkorb. Bye bye, junge Schauspielerinnen.

«Also grundsätzlich gefällt uns deine Idee», schrieb

In den Tagen darauf belauerte ich die Themen-

die Redaktion aus Zürich zurück, «aber wir müssen da

wand wie der hungrige Fuchs einen eingerollten Igel.

erst noch was abklären.» Aha, also ist die Spesenrech-

Wo wollte ich anknüpfen? Warum waren die Alten, die-

nung noch immer zu hoch. «Für diese Ausgabe haben

se säuerlich riechende Masse, die ich sicher in Alters-

wir aber das perfekte Thema für dich. Schreib doch was

heimen verwahrt glaubte, das perfekte Thema für mich?

über die Generation der Rentner.» Das ideale Thema

Oder hatte ich ein falsches Bild? Bot sich mir mit die-

für einen Dreissigjährigen.

ser Geschichte allenfalls gar die Gelegenheit, meine

66

leBensart

nen die Angebote nach Art und Postleitzahl eingesehen werden.


Vorurteile zu erkennen und zu korrigieren? Ich be-

«Skype beim Start des Computers automatisch star-

schloss, mich in meinem Umfeld auf die Suche zu ma-

ten» herauszunehmen. Neulich habe ich es vergessen,

chen, und schrieb eine Liste mit Senioren, die mir nahe

und dann ist folgendes passiert: Hungrig und ausge-

stehen. Angeführt wird sie, wenig erstaunlich, von mei-

laugt von einem anstrengenden Tag fahre ich abends

nen beiden verbliebenen Grosseltern.

mein Notebook hoch, um mal kurz zu sehen, ob mir jemand geschrieben hat. Bis auf eine kurze Nachricht

Skypen mit Grossvater Mein Grossvater mütterli-

aus Zürich, wie weit ich mit meinem Beitrag über Seni-

cherseits heisst Alexander. Statt Sascha, wie das in der

oren sei, ist das Postfach leer. Ich setze zur vertrösten-

Ukraine üblich ist, wird er von seinen Freunden Alik

den Antwort an, aber schon klingelt mein Skype. Gross-

genannt. Im Sommer lebt Alik auf seiner Datscha, ei-

vater ist dran, in HD und gefüllt mit Geschichten, die er

nem alten Bauernhaus unweit von Kiew, das er sich

mir, meinem knurrenden Bauch zum Trotz, möglichst

kurz vor der Pensionierung Anfang der Neunzigerjah-

ausführlich erzählt.

re gekauft hatte. Zum Haus gehört eine Landparzelle,

Nachdem er sich nämlich durch «Computer für

die mit 1500 Quadratmetern etwa so gross ist wie ein

Dummies» gearbeitet hatte, war er wieder in die Buch-

Eishockeyfeld. Die Hälfte davon hat er mit Obstbäu-

handlung gegangen und hatte sich die Fortsetzung ge-

men bepflanzt, auf der anderen

holt: «Internet für Dummies».

Hälfte zieht er Kräuter und Ge-

Danach hat er sich eine High-

müse auf: Petersilie, Dill, Lauch,

speed-Leitung in die Wohnung

Kartoffeln, Karotten, Zucchini,

legen lassen und eine hochauf-

Zwiebeln, Knoblauch, Gurken,

lösende Webcam gekauft. Mitt-

Peperoni, Chili und Tomaten.

lerweile liest mein Grossvater,

Seit diesem Sommer trocknet er

zuvor ein leidenschaftlicher

die Tomaten nach einem alten

Sammler von schönen Büchern,

italienischen Verfahren, auf das

nur noch E-Books. Die von ihm

er im Internet gestossen ist.

so geliebten französischen Fil-

Ja, richtig gelesen, im In-

me und seine Musik lädt er sich

ternet. Alik ist heute 81 Jahre alt.

aus dem Internet herunter, seit

Vor fünf Jahren, also mit 76, hat

einigen Monaten besitzt er so-

er sich seinen ersten Computer gekauft. Erstens hatte er gehört, dass es auf dem Computer Spiele gäbe, die ihn, so hoffte er, über

18%

die langen und langweiligen

ner Schwester und mir gefällt das. Unseren Eltern nicht: Im Gegensatz zu meinem Grossvater sind sie nicht bei Facebook

Wintertage bringen würden, die

Immer mehr Omas und Opas liken. Die

er seit dem Tod meiner Gross-

Zahl der neuangemeldeten Profile auf

mutter alleine in seiner kleinen

FACEBooK der Jahrgänge 1952 und älter

Kiewer Wohnung verbringt. Und

hat sich bis August 2012 im Vergleich

Taschengeld von der Grossmutter Meine Grossmutter vä-

zweitens wollte er verdammt

zum Vorjahr um 18 Prozent erhöht – das

terlicherseits, Maria, die zweite

nochmal endlich verstehen, was

grösste Wachstum aller Altergruppen.

auf meiner Liste von Senioren

hinter «Imäil», «Skaip» und «Wi-

Für die Silver-Surfer sind soziale Netz-

aus meinem persönlichen Um-

ckipedia» steckt, über die immer

werke ein ideales Instrument, um Neuig-

feld, ist ebenfalls nicht auf Face-

wieder gesprochen wurde.

keiten aus dem Leben ihre Kinder und

book. Für Computerspielereien

Enkel in Erfahrung zu bringen.

hat sie keine Zeit. Sie muss ar-

Alik stellte den neu erwor-

angemeldet.

beiten. Wobei: Sie muss nicht, sie

benen Computer an und ent-

PUNKTmagazin Generationen

gar ein Profil auf Facebook. Mei-

deckte, dass sich der kleine Pfeil auf dem Bildschirm

will. Maria ist eine kleine, 79 Jahre alte Frau, die beim

bewegte, wenn er mit der Maus herumfuhr. Fasziniert

Gehen kleine Schritte macht. Da diese im strengen Takt

bewegte er sie hin und her, fuhr von der einen Bild-

aufeinanderfolgen wie bei einem Tausendfüssler, be-

schirmecke zur anderen, zwang dem Pfeil einige Wal-

wegt sie sich schneller als die meisten anderen. Und das

zerschritte auf – und gähnte schliesslich. Das also soll

muss sie auch, wenn sie all das schaffen will, was sie sich

ein Computer sein? Eine Stimme aber – nachgewiese-

vorgenommen hat.

nermassen gehörte sie meiner Schwester – flüsterte ihm

Ihr Tag beginnt um vier Uhr in der Früh. Dann

zu, dass so ein Computer mehr könne als den Mauswal-

öffnet sie den Hühnerstahl, stellt das Futter bereit und

zer. Also zog Alik seinen dicken Wintermantel an, setz-

macht sich auf den Weg zur Arbeit. Früher hatte sie auf

te die Pelzmütze auf und eilte zur nächsten Buchhand-

Oberstufe Mathematik unterrichtet. Heute rüstet sie in

lung mit einer Computerabteilung. Dort wurde ihm

einem Kinderheim Gemüse. Sie müsste es nicht tun, auf

zum Einstieg die Lektüre von «Computer für Dum-

das Geld ist sie nicht angewiesen. Aber sie will arbeiten,

mies» empfohlen. Er liess sich das Buch einpacken und

was soll sie sonst den ganzen Tag tun? Um sieben Uhr

machte sich wieder auf den Weg nach Hause.

morgens ist sie bereits wieder zu Hause. Schnell nimmt

Wenn ich heute eine neue Version von Skype in-

sie einige Bissen zu sich, trinkt einen Schluck saure

stalliere, darf ich nicht vergessen, das Häkchen vor

Milch – und eilt weiter zum Acker. Auf dem Gelände :

leBensart

67


4 4 der pleitegegangenen ehemaligen Kolchose hat sie

joggt sie, morgens und abends geht sie mit ihrer Bull-

zwei Landparzellen von je 1000 Quadratmeter gepach-

dogge namens Jack Gassi. Nicht selten fällt der abend-

tet. Wie Alik züchtet auch sie in Handarbeit Kartoffeln,

liche Spaziergang kurz aus, denn sobald Jack seine Ge-

ein paar Tomaten und Gurken.

schäfte verrichtet hat, muss Maja zurück und in ihre

Ihre Spezialität allerdings sind Kürbisse. Grosse

Abendgarderobe schlüpfen: An den Empfängen im Bot-

Kürbisse. In heissen und dennoch feuchten Sommern

schaftsviertel herrscht strikter Dresscode. Auch regel-

bringen manche von ihnen bis zu fünfzig Kilogramm

mässige Termine mit dem Privatkundenberater stehen

auf die Waage. Vor Dieben braucht sich Maria nicht zu

in ihrer Agenda. Denn Maja hat eine Aufgabe: Sie ver-

fürchten. Solange sie nicht motorisiert sind, bringen sie

waltet den Nachlass ihres verstorbenen Mannes. Dazu

keines der Prachtexemplare weg. Entsprechend bleibt

gehören seine Aufzeichnungen und historischen Do-

die Ernte in der Familie. Einen halben Tag lang wer-

kumente ebenso wie das Vermögen, das er während sei-

den sie mit mehreren Autos vom Acker zu Marias Haus

ner Zeit als Privatbankier beim Schweizerischen Bank-

transportiert. Weil die meisten von ihnen dem PKW-

verein, der heutigen UBS, angesammelt hat. Und dieses

Kofferraum längst entwachsen sind, werden sie wie

ist seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 kontinuier-

Ehrengäste auf dem Beifahrersitz nach Hause chauf-

lich geschrumpft.

fiert. Manch ein Kürbis wird so-

Nein, Angst vor Altersarmut hat

gar aufs Dach gebunden, weil er

Maja nicht. Aber es tue ihr weh,

nicht durch die Autotür passt.

sagt sie, wenn das, was sie und ihr

Was meine kleine Gross-

Mann sich erarbeitet hätten, ein-

mutter mit all den riesigen Kür-

fach verschwindet. Um sich nicht

bissen macht? Je einen dürfen

einzig auf das Wort des Anlagebe-

die fleissigen Erntehelfer mit

raters zu verlassen, liest Maja täg-

nach Hause nehmen – sofern

lich mehrere Zeitungen. Neben

sie ihn so weit tragen können.

der «Neuen Zürcher Zeitung» fin-

Die restlichen verarbeitet Ma-

den die «Frankfurter Allgemei-

ria eigenhändig zu Marmelade

ne», «Finanz und Wirtschaft», die

und Gelee und verkauft sie zu-

britische «Financial Times» und

sammen mit Kürbiskernen, die

künftig auch «PUNKT» den Weg

sie im Ofen röstet, auf dem örtlichen Markt. Das Geld, das sie dadurch verdient, verschenkt sie an die Verwandten. Auch ich

89%

kriege von ihr immer «Taschen-

in ihren Briefkasten. Wenn ich eine Frage zum Weltwirtschaftsgeschehen habe und Google keine eindeutige Antwort findet, rufe ich Maja an. Meistens weiss sie

geld», wenn ich sie in der Ukra-

der Bewohner der Zürcher Altersheime

die Antwort. Wenn nicht, lädt sie

ine besuche. «Gib es aus», sagt

sind gemäss einer Untersuchung des

mich, drei oder vier Wochen spä-

sie und streckt mir einen Bün-

Zentrums für Gerontologie der Uni Zü-

ter, zum Essen ein. Nur habe ich

del Geldscheine hin, die in der

rich in ihrem Wunschheim. 83 Prozent ga-

in der Zwischenzeit meine Frage

Schweiz wenig, in der Ukraine

ben an, dass der Eintritt ins AlTERsHEim

dann längst vergessen.

aber viel wert sind. «Wenn du es

zum richtigen Zeitpunkt erfolgte. Durch-

ausgegeben hast, komm einfach

schnittlich sind die Bewohner 87 Jahre alt

Generation rastlos Alik, Ma-

wieder vorbei.»

und wohnen seit etwas mehr als vier Jah-

ria und Maja wohnen allein.

ren im Altersheim. Alles in allem seien sie

Das trifft auf die überwiegende

mit ihrer Lage zufrieden, so die Studie.

Mehrzahl der Senioren zu: Von

Maja hat keine Zeit Natürlich kenne ich auch Senioren in der

den 1,308 Millionen Menschen

Schweiz. Zum Beispiel Maja, die in der Stadt Bern lebt.

in der Schweiz über 65 verbringen bloss 6 Prozent ih-

Kennengelernt habe ich sie durch meinen Vater, der

ren Lebensabend in einem Alters- oder Pflegeheim.

zusammen mit Majas inzwischen verstorbenem Mann

Und die drei beweisen auch, dass Senioren bis ins hohe

Archive der Landesbibliothek nach verschollenen Brie-

Alter aktiv bleiben können. Hyperaktiv. Gestresst. Rast-

fen eines einst wichtigen, mittlerweile aber vergessenen

lose Tätigkeit wirkt auf sie wie eine Droge, die Abhän-

Diplomaten durchforstete. Während ich meine Gross-

gigkeit lässt es nicht zu, dass sie einen Gang herunter

mutter Maria jederzeit besuchen kann, muss ich mit

schalten. Hat Alik nicht versprochen, weniger Tomaten

Maja einen Termin vereinbaren – am besten drei oder

anzupflanzen, als schlimme Kreuzschmerzen sein Ge-

vier Wochen im Voraus. Denn Maja ist trotz ihrer 71 Jah-

sicht verzerrten? Stattdessen pflanzt er jedes Jahr mehr

re eine vielbeschäftigte Frau.

an. Möchte Maja nicht öfters zu Hause sein und die Ro-

Als Bernburgerin sitzt sie in mehreren Kommis-

senstöcke in ihrem Garten selbst pflegen? Voriges Jahr

sionen, an deren Tagungen sie regelmässig teilnimmt.

hat sie einen Gärtner angestellt, weil die Rosen verwil-

Daneben ist sie aktives Mitglied eines Rotary-Clubs,

derten. Und meine Grossmutter Maria, hat sie im Win-

der sich mindestens einmal wöchentlich zu Vorträ-

ter nicht panische Angst vor Glatteis? Was würde nur

gen und Diskussionen trifft. Montags und donnerstags

aus ihr, klagt sie, wenn sie stürzte, sich ein Bein oder ei-

lernt sie in einem Kurs Spanisch, fünf Mal die Woche

nen Arm bräche und nicht mehr arbeiten könnte?

68

leBensart


Was Alik, Maria und Maja sonst noch verbindet,

Wer sind die Babyboomer? Zum Glück scheinen die

ist, dass sie zur Generation gehören, die vor oder wäh-

Babyboomer das aber nicht vorzuhaben. Mehr als alle

rend des Zweiten Weltkriegs geboren wurde. Wer aber

Generationen vor ihnen wollen sie im Alter noch etwas

sind die neuen Rentner, von denen in letzter Zeit im-

erleben und sind bereit, dafür auch Geld in die Hand zu

mer häufiger die Rede ist? Auf meiner Themenwand,

nehmen. Gern bezeichnen sie sich deshalb als die Ge-

die vor Post-it-Zetteln inzwischen nur so strotzt, ist

neration Unruhestand. Was auf den ersten Blick wenig

noch etwas Platz übrig. Die neuen Rentner zeitlich ein-

verwundert: Ordentlich in Rente gegangen sind die ers-

zugrenzen, fällt nicht besonders schwer: Sie müssen

ten Babyboomer erst im Jahr 2011. Bis alle von ihnen

nach dem Krieg geboren worden sein. Wie jeder profes-

im Ruhestand sind, wird es – unter der Bedingung, dass

sionelle Journalist greife ich erst einmal auf zuverlässi-

das Rentenalter bei 65 Jahren bleibt – noch bis zum Jahr

ge Quellen zurück, um mich kundig zu machen. Baby-

2029 dauern. Auf das Hüten ihrer Enkel haben viele, wie

boomer, heisst es bei Wikipedia, sei die Generation der

die Umfrage des Portals 50plus.ch zeigt, keine Lust. Bei

geburtsstarken Jahrgänge zwischen 1946 und 1964. Be-

einer Geburtenziffer von aktuell nur noch 1,52 Kindern

endet wurde der Boom durch die Verbreitung der An-

pro Frau im Alter zwischen 15 und 49 Jahren haben sie

tibabypille, die 1960 erstmals zugelassen wurde. Aus

auch wenig Gelegenheit dazu. Zum Vergleich: Nach An-

sexualmoralischen Gründen durfte sie bis in die Siebzi-

gaben des statistischen Bundesamtes bekam eine Frau

gerjahre übrigens nur an verheiratete Frauen verschrie-

1964, am Ende des Babybooms, im Schnitt noch 2,67

ben werden.

Kinder.

Volle Kindergärten, überfüllte Klassenzimmer,

Wer sind sie, die vielbeschworenen Babyboomer?

aus den Nähten platzende Hör-

Vor lauter Statistiken und so-

säle – seit Kindesbeinen mach-

ziologischer Berichte über die-

ten die Babyboomer die Erfah-

se Generation habe ich die per-

rung, dass sie nicht alleine sind

sönliche Ebene vernachlässigt

auf der Welt. Diese Urerfahrung

und prompt die wichtigste Frage

der Masse, so glauben Soziolo-

übersehen. Wenn ich über Ba-

gen, hat zu einem starken Kon-

byboomer spreche, dann meine

kurrenztrieb geführt, von dem

ich damit ja niemand anderen

diese Generation bis heute ge-

als unsere Eltern, meine, und

prägt ist: Nur wer um Aufmerk-

mit einiger Wahrscheinlichkeit

samkeit buhlt, wird in der gro-

auch Ihre. Unsere berufstätigen,

ssen Schwemme Gleichaltriger

unternehmungslustigen, geistig

wahrgenommen. Dennoch gel-

wendigen und körperlich meist

ten die Babyboomer als eine glückliche Generation, der grosse Tragödien erspart geblieben sind. Auch bedeutende po-

62%

litische Kämpfe mussten sie als

gesunden Eltern sollen auf einmal selber zu den Senioren zählen und bald Rentner sein? Sie sollen auf cholesterinarme Ernährung achten, ihre Smart-

Nachfolger der 68-er nicht aus-

der Grossväter hüten gemäss der deut-

phones gegen klobige Senio-

fechten, so dass die Babyboomer

schen Studie «Lebenswelten 60+» regel-

renhandys mit riesigen Tasten

in Ruhe ihrer Arbeit nachge-

mässig ihre EnKElKinDER, 20 Prozent

eintauschen und in Erwägung

hen konnten: Sie sind die ver-

sogar mehrmals die Woche. Sie hüten

ziehen, in den Kanton Schwyz

mögendste Generation, die die

ihre Enkel somit häufiger als die Gross-

zu ziehen, weil dort keine Erb-

Schweiz jemals hervorgebracht

mütter, von denen 54 Prozent gelegent-

schaftssteuern anfallen?

hat. Würden sie mit fortschrei-

lich auf sie aufpassen, ein Fünftel tut es

tendem Alter sparsamer leben

mehrmals die Woche. Opas hüten ihre

Senioren geworden? Und wenn

und ihren Konsum reduzieren,

Enkel häufiger als Omas – bei den heuti-

unsere Eltern bereits zu den

stünde die Wirtschaft vor einem

gen Rentern ist alles möglich.

Senioren zählen, was sind dann

ernstzunehmenden Problem.

PUNKTmagazin Generationen

Wann sind unsere Eltern zu

wir?

leBensart

69


das zeitlose geschenk Text Wilma Bögel Bild Fabian Widmer

Der Begriff «zeitlos» hat im Zusammenhang mit ­einer vererbten Uhr eine eigene Bedeutung. Wenn der Vater dem Filius seinen Zeitmesser vermacht, wird nicht nur ein Teil der Familie weitergegeben, ­sondern Platz für ein neues Kapitel geschaffen.

Wie kommt es, dass Uhren bei Männern in einer eigenen Liga

spielen? «Die Uhr als Erbstück ist ein mit vielen Emotionen aufgeladener Nachlass», erklärt Eric Ritter, Geschäftsführer der Patek Philippe-Boutique in Zürich. «Auf der anderen Seite ist es aber in der Regel auch das einzige Schmuckstück, das ein Mann zu vererben hat.» Während Frauen gerne eine Auswahl an Kleinodien passend zur jeweiligen Garderobe besitzen, fokussiert sich Mann auf das ganz Besondere an seinem Armgelenk. «Männer schätzen die Verbindung aus Mechanik und Ästhetik», erläutert Ritter. «War er früher noch mit der reinen Zeitangabe zufrieden, sollte die moderne Uhr auf jeden Fall ein Datum besitzen und wenn möglich über weitere faszinierende Komplikationen verfügen.» Letztere sind es, die final das Gesamtkunstwerk eines Zeitmessers ausmachen. In der Fachsprache der Uhrmacher steht der Begriff Komplikation nicht für Ärger, sondern für die diversen Zusatzfunktionen und Komponenten der wertvollen Stücke. So verwundert es nicht, dass manche Stücke – beispielsweise das Sky Moon Tourbillon, Ref. 5002 von Patek Philippe – aus nicht weniger als 686 Einzelstücken besteht. Laut Eigenaussage die «komplizierteste Armbanduhr, welche der 1851 gegründete Uhrenhersteller je gefertigt hat.»

Uhren im Wandel der Zeit Bis 1930 wurden Chronographen in der Tasche getragen und waren – wenn es die finanziellen Möglichkeiten erlaubten – aus Gold gefertigt. Weniger Betuchte entschieden sich für Varianten aus Stahl oder Silber. Üblich war zudem, dass der Uhrenboden durch ein Monogramm geziert wurde. Variabel war indes die Gravur im Inneren des Deckels. «Chronographen wurden zu besonderen Momenten gekauft oder verschenkt», sagt Eric Ritter. «Daher bestand eine Gravur meistens aus einem Datum und einer kurzen Beschreibung, die auch für die nachfolgende Generation eine Bedeutung hatte.» Taschenuhren sind im Vergleich zu Armbanduhren somit sicher das emotionalere Erbstück und werden, wenn auch nicht mehr getragen, zumindest im Safe oder an einem anderen sicheren Ort aufbewahrt. Als sich die Armbanduhr aufgrund des einfacheren Handlings vermehrt durchsetzte, verzichtete man auf die persönliche Inschrift – und ein Teil des beschriebenen emotionalen Aspekts ging verloren.

70

Lebensart


Die Berufsgruppe, die sich nicht nur

mit den modernen Uhrwerken, sondern auch regelmässig mit antiken Objekten und damit einhergehend mit dem historischen Hintergrund dieser Fertigungskunst beschäftigt, sind die Uhrmacher. Behutsam zerlegen sie die ihnen überlassenen Stücke und sorgen mit Perfektion für die Instandsetzung nicht mehr funktionierender Stücke. Gleichzeitig begeben sie sich auf eine Reise zurück in die Zeit, da die Untersuchung einer Uhr stets auch Einblick in den (zeitlichen) Kontext gibt, in dem sie geschaffen wurde.

Mangelnder Sinn für Geschichte Bei den Instandsetzungsarbeiten wird unterschieden zwischen Reparaturen und Restaurierungen. Reparaturen sind punktuelle Arbeiten, deren Ziel das in Gang bringen nicht mehr funktionierender Teile oder deren Austausch ist. Restaurierungen dagegen sind den eher älteren Uhren vorbehalten und haben das Ziel, den Glanz der alten Tage wiederherzustellen. Dies lohnt sich in der Regel aber nur für antike und wertvolle Uhren, da die Arbeiten langwierig und kostspielig sind. In eine solche Generalüberholung wird daher meist nur von Kunden investiert, die eine tiefe Bindung zu ihrer Uhr haben – es werden weniger.

Eric Ritter stellt immer öfter fest, dass

Leder. «Ich selber tausche meines regelmä-

die erbende Generation den Bezug zu dem ih-

ssig aus und sorge so für Abwechslung am

nen überlassenen Stück verloren hat. «Heute

Handgelenk.»

kommen immer öfter Kunden, die eine Uhr

PUNKTmagazin Generationen

geerbt haben, diese aber verkaufen wollen. Es

Unsere Uhr Bei Stil und Design steht klar

fehlt die Geschichte, die eine Aufbewahrung

die Grösse im Vordergrund. Die moderne

rechtfertigt», berichtet er. «Nicht selten ist ih-

Uhr hat mindestens einen Durchmesser

nen zudem das Design zu schlicht oder die

von 38 Millimetern und verfügt über ver-

Uhr als solches einfach zu klein.» Waren in

schiedene Komplikationen. Bei der Optik

den Anfangsjahren Durchmesser zwischen

sind sportlich-elegante Designs die Favo-

33 und 35 Millimetern Standard, ist heute ein

riten, können sie doch mit Jeans oder auch

Mass zwischen 37 und 40 Millimetern nor-

zum Anzug getragen werden. Die Kosten für

mal. Der Grund dafür ist simpel: Im Verlauf

ein derartiges Stück liegen bei Patek Philip-

des letzten Jahrhunderts sind die Menschen

pe zwischen 20 000 und 40 000 Franken.

nicht nur in der Körpergrösse gewachsen,

auch die Handgelenke wurden grösser.

sein, die als Erbschaft kostbar ist. Manch-

Es muss nicht immer die Uhr selber

Es kämen aber auch immer wieder Vä-

mal reicht sogar das Design des Zeitmes-

ter, die ganz bewusst nach einer Uhr suchen,

sers an sich, um den Erben zu begeistern.

die sich als Erbstück eignet. Diesen rät Ritter,

So hinterliess der 1901 in Zürich gebore-

zusammen mit dem künftigen Erben vorbei-

ne Hans Hilfiker der SBB die Urheber- und

zukommen. «Das ist natürlich nicht in allen

Markenrechte an der berühmten Schweizer

Fällen möglich oder erwünscht, aber auf je-

Bahnhofsuhr. Nachdem der Konzern Apple

den Fall kann der zukünftige Besitzer so be-

das schlichte, dreifarbige Design ohne Ver-

reits beim Kauf seine Wünsche äussern. Und

tragsgrundlage mit dem Systemupdate allen

zum Schluss soll die Uhr ja dem Kunden gefal-

Nutzern zur Verfügung stellte, einigten sich

len, nicht mir.» In Bezug auf Material und De-

das amerikanische Unternehmen und die

sign ist für Ritter klar: Gold oder auch Rotgold

SBB nun auf eine Lizenzgebühr von knapp

wird eher von der älteren Generation getra-

20 Millionen Franken. Und das ist nur ein

gen. Modern, zeitlos und vor allem schweize-

kleiner Teil der Geschichte einer Uhr, die

risch adäquat ist dagegen Platin oder Weiss-

für jeden von uns – und damit generations-

gold. Auch beim Armband hat er Vorlieben:

übergreifend – eine Bedeutung hat.

Lebensart

71


Lebensart

das leben ist kein bildschirm Text SERAiNA KoBlER

Smartphones sind heute ein integraler Bestandteil unseres Lebens. Von Eltern werden die Alleskönner häufig benutzt, um den eigenen Nachwuchs ruhigzustellen. Das hat Folgen. Wusch, wusch. Die Finger des Dreikäsehochs gleiten flink über den Touchscreen. Sein Blick ist konzentriert auf den Bildschirm gerichtet, die Welt um ihn herum scheint nicht mehr zu existieren. Noch vor wenigen Minuten schrie dasselbe Kind Zeter und Mordio. Gedränge im Bus, ein langer Tag in der Krippe und dann knurrt auch noch der Magen. Unter den Blicken der anderen Fahrgäste hat die verzweifelte Mutter nachgegeben und ihrem Sohn das Smartpho-

che. Erschwerend kommt hinzu, dass die Din-

ne in seine kleinen Hände gedrückt, die schon for-

ger immer und überall dabei sind. Zweitens

dernd danach ausgestreckt waren.

müssten Erwachsene dann auch den eigenen

Vor einigen Jahren haben schlaue Program-

Konsum in Frage stellen. Wie wollen sie ihren

mierer mit den Apps für Kinder einen lukrativen

Kindern etwas verbieten, was sie selber den

Geschäftszweig entdeckt. Heute gibt es eine riesige

ganzen Tag lang machen? Drittens leben wir

Auswahl an Tierstimmen-, Wimmelbuch- oder Mach-

in einer digitalen Zeit, da darf man – so den-

bei-den-Tieren-das-Licht-aus-Apps. Die einen beto-

ken wohl viele Eltern – die Kinder nicht den

nen den Lerneffekt, der entstehen soll, andere locken

Anschluss verlieren lassen.

mit bekannten Figuren wie Pingu oder Peter Pan.

Dabei sollte eigentlich klar sein, dass

Die virtuelle Welt bringt aber auch eigene Stars her-

die dritte Begründung nicht gelten dürfte.

vor wie etwa die sprechende Katze «Talking Tom Cat».

Denn jeder Tag, den Kleinkinder ohne iPad,

Ein animiertes Büsi das einem mit piepsiger Stim-

iPhone und Apps verbringen, ist ein gewon-

me nachspricht und dem man Milch in ein Glas ein-

nener Tag. Wie sollen sie lernen, mit eigenen

schenken kann, das es sogleich grunzend leertrinkt.

Ideen aus der Langweile zu entfliehen, wenn

Streichelt man mit dem Finger über den Bildschirm,

sie ständig unterhalten werden? Kinder müs-

beginnt Tom zu schnurren.

sen mit realen Menschen kommunizieren. Sie sollen ihre Niederlagen beweinen und ih-

Die digitalen Babysitter

72

Was früher Walkman,

re Siege bejubeln. Nie mehr im Leben lernen

Gameboy und Fernseher waren, sind heute die Smart-

Menschen in so kurzer Zeit derart viel wie im

phones. Und wie bei ihren Vorgängern wird auch über

Kleinkindalter. Gerade im ersten Lebensjahr,

sie heftig debattiert. Warum überlassen Eltern ihren

das als sensomotorische Entwicklungsphase

Nachwuchs dem digitalen Babysitter? Erstens sind

bezeichnet wird, ist es eminent wichtig, die

Kinder versessen darauf! Das Geschrei am Ende des

Umwelt über sinnliche Erfahrungen zu erle-

Spiels ist übrigens schon von Anfang an besiegelte Sa-

ben. Etwa, indem Dinge abgetastet oder in den

leBensart


diener? butler? Manager! Wenn man den Begriff Butler hört, denken viele man an steife ­P inguine wie Freddie Frinton, der Butler James von Miss Sophie aus «Dinner for One». Die Realität zeigt ein anderes Bild. Das antiquierte Bild des Butlers, der lediglich Gäste empfängt und Vorspeisen serviert, ist passé. Der Butler von Heute ist Manager, Dolmetscher, Chauffeur, Eventkoordinator und Hausverwalter in einem. In ihren dezenten, klassischen Anzügen sind sie heute kaum mehr als Butler erkennbar. Nicht verändert haben sich die Eigenschaften, über die ein Butler, heute wie früher, verfügen muss: absolute Verschwiegenheit, Loyalität, Seriosität und Dienstbarkeit. Allesamt auf höchstem Niveau. Der Beruf eines Butlers ist anMund gesteckt werden. Deshalb sollte man Kinder möglichst viel sehen, hören, riechen und schmecken lassen. Am besten alles miteinander. Erfahrungen, die in diesem Alter nicht gemacht werden, können nicht mehr nachgeholt werden. Das Worst-Case-Szenario Stellen wir uns vor, es gäbe keine Smartphones. Nehmen wir nochmals die eingangs beschriebene Situation im Bus: Der Junge weint, er ist müde und hungrig. Die Mutter könnte ihn entweder einfach schreien lassen. Auch eine längere Busfahrt ist irgendwann zu Ende. Und will man seinem Kind Grenzen aufzeigen, muss man solch unangenehme Situationen ganz einfach aushalten können. Die Mutter könnte den Knaben aber auch auf den Schoss nehmen und mit ihm zusammen die vorbeifahrenden Autos zählen.

Das Worst-Case-Szenario für die Ge-

neration iKids wäre dann: Der Junge schaut durchs Fenster auf die Strasse und drückt die Finger an die Scheibe, um – wusch, wusch – auf das nächste Auto umzublättern.

PUNKTmagazin Generationen

spruchsvoll, sagt Hanspeter Vochezer, der Butlerdienstleistungen anbietet. «Der heutige Butler hält erfolgreichen Unternehmern den Rücken frei, organisiert private Dinners und Cocktail-Empfänge oder leitet den Haushalt einer Familie.» Vochezer weiss, wovon er spricht. Der Jungunternehmer sammelte seine Erfahrungen in leitenden Funktionen der gehobenen Hotellerie und war Butler beim mittlerweile verstorbenen Gunter Sachs. Auf die Frage, was genau der Unterschied zwischen einem Butler und einem Diener ist, antwortet Vochezer zögerlich: «Diener ist ein negativ behaftetes Wort. Aber natürlich verkauft auch ein Butler seine Dienstbarkeit, analog wie auch ein Arzt oder ein Bankberater seine Dienstleistungen verkauft.» Der Butler des 21. Jahrhunderts ist kein Untertan mit lausiger Entschädigung, im Gegenteil: Er übernimmt die Funktionen eines Managers – und wird gut dafür entlöhnt. Über Vochezers aktuelle Kunden ist – das gebietet die Verschwiegenheit – nichts in Erfahrung zu bringen. Er verrät nur, dass sie aus allen möglichen Bereichen kommen. Häufig werde er von Unternehmen, Familien oder Managern gebucht, welche die Dienste für eine bestimmte Zeitperiode – sei es ein Tag oder ein Monat – beanspruchen. «Meine Kunden sind individuelle und erfolgreiche Persönlichkeiten. Sie wollen sich nicht um alle Details ihres Lebens selber kümmern. Oft fehlt ihnen schlicht die Zeit dazu.» Die Zeiten, als das Geld zum Fenster hinausgeworfen wurde, sind vorbei. Das gilt auch für die Menschen, die Vochezers Dienstleistungen in Anspruch nehmen. «Die Kunden von heute achten auf die Kosten und suchen die Flexibilität. Das war früher sicherlich weniger ausgeprägt.» Trotz aller Modernität: Die Bereitschaft zu dienen, ist und bleibt zwingende Voraussetzung. Wer sich dafür zu schade ist, taugt auch nicht zum Butler.

RB

Lebensart

73


geht doch! Nach fünf Jahren Finsternis scheint der Fernseher wieder heller. Die SoN ist zurück. Die Sendung ohne Namen, abgekürzt SoN, das ist die famose TV-Produktion, die der Konkurrenz schon vor zehn Jahren aufgezeigt hat, wie Fernsehen auch sein kann: spannend, lustig, informativ, vor allem aber assoziativ, anspruchsvoll und schneller, als ein normales Hirn denken kann, was wohl der Grund dafür ist, dass ein normales Hirn auch gar nicht reicht, um das Übermass an Informationen, das der Zuschauer in der SoN erhält, zu verarbeiten, und vielleicht auch gar nicht reichen soll, denn genau in dem totalen Überangebot von Information liegt das Erfolgsrezept der Sendung, bei der man sich schon freut, wenn man eine einzige Information rich-

der gefährliche störenfried

tig verarbeitet hat, noch bevor die

Ludwig Snell, radikal-liberaler Politiker, Staatsrechtler, Pädagoge­

nächste kommt, oft sogar parallel

und Publizist, kennt heute kaum jemand mehr. Dabei wäre die

als Text-Einblendung, was das Zu-

Schweiz heute ohne den gebürtigen Deutschen eine andere.

schauerhirn dann in der Regel vollends verwirrt, was ja aber vermut-

Die ersten vierzig Jahre im Leben des Ludwig Snell waren wohl eine Art Vor-

lich genau das Ziel der Macher ist,

bereitung auf das, was noch folgen sollte. 1785 in Idstein im ehemaligen

die mit der SoN einen wahren Ge-

Herzogtum Nassau geboren, studierte er Theologie an der Universität Gie-

niestreich gelandet haben, damals

ssen und wirkte anschliessend als Pfarrvikar und Hauslehrer. Seine Beru-

wie heute, wobei letzterer tempora-

fung an die Universität Dorpat kam nicht zustande, da der Brief versehent-

le Aspekt den Grund für die Freude

lich an seinen Bruder Wilhelm ging, der die Stelle prompt antrat. In den

darstellt. Denn die Sendung ohne

Folgejahren wurden Ludwig und sein Bruder Wilhelm regelrecht gepiesackt

Namen ist zurück, jeweils Dienstag

von der preussischen Regierung. Vermutlich, weil ein Familienfreund ein

Abend auf ORF1. Anschauen!

df

Attentat auf den Regierungspräsidenten des Herzogtums Nassau verübte. 1821 schliesslich floh Wilhelm nach Basel, Ludwig tat es seinem Bruder sechs Jahre später gleich. Nach seiner Habilitation an der dortigen Universität arbeitete er als Privatdozent und begann, Schriften zu staatsrechtlichen Themen zu veröffentlichen. Schweizweit bekannt wurde der Vorreiter in Sachen Pressefreiheit durch das 1830 verfasste «Memorial von Küsnacht», das die Grundlage für eine liberale Verfassung im Kanton Zürich legte. 1832 setzte er, der mittlerweile für die Republikaner im Grossen Rat sass, mit Mitstreitern zudem den Grundstein für das moderne Bildungswesen mit Volksschule, Kantonsschule und Universität. Dass sich in Küsnacht heute das einzige Gymnasium des rechten Seeufers befindet, ist eine Folge davon. Später setzte Snell seinen liberalen Kampf auf nationaler Ebene fort. In St. Gallen schrieb er das «Handbuch des schweizerischen Staatsrechts», die bis dahin bedeutendste Schrift über die kantonale und eidgenössische Staatsordnung. Dank seinem grossen Engagement gilt Snell als führende Persönlichkeit der Regenerationszeit der Schweiz, die nach der konservativen Restauration (1815 bis 1830) einsetzte und die Gründung des modernen Bundesstaates 1848 überhaupt erst ermöglichte. Gegen Ende seines Lebens verliess Ludwig Snell das Glück wieder. 1854 verstarb es mittellos in Küsnacht, wo ein Weg am Küsnachter Horn an die grossen Leistungen des ehemals «gefährlichsten Störenfrieds der Schweiz» erinnert.

74

Lebensart

df


kolumne

Vorbilder

René Allemann

k

ürzlich fragte mich ein Freund beim

Umgang mit der Familie. Die Marke sind

Frühstück, warum ich beim Ver-

die Menschen hinter der Marke selbst. Viel-

zehr eines Joghurts ein Gesicht ma-

leicht ein Patron mit Ecken und Kanten, oder

chen würde, als wäre es ein höchst

dessen Kinder, die dieselben Werte wie ihre

anspruchsvoller, intellektueller Akt.

Marke verkörpern und sie tagtäglich vorle-

Spontan fiel mir nichts ein. Es könnte mitun-

ben. Das schafft bei Mitarbeitenden Empa-

ter damit zu tun haben, dass ich mich beim

thie und macht die Marke erlebbar, denn sie

Joghurtessen selten im Spiegel betrachte. Erst

ist konkret, echt und lebendig. Anders als in

ein paar Tage und Gedankengänge später

nicht familiengeführten Betrieben, wo der

kam mir plötzlich mein Vater in den Sinn. Als

CEO – heute mehr denn je – alle drei bis vier

Kind sass ich ihm manchmal gegenüber und

Jahre wechselt und sein eigenes Image häufig

traute mich nicht, ihn etwas zu fragen, weil er

in keiner Weise zum Markenbild passt.

beim Joghurtessen immer so aussah, als sei

Wie aber kann man eine Kultur, die ei-

er mit der Sinnfindung des Lebens beschäf-

ne Marke prägt, über Generationen hinweg

tigt. Ich musste lachen. Wie oft begegnen wir

weitergeben? Entweder die Jungen versuchen

auf unserem Weg dem Vergleich mit unseren

unbewusst, ihren erfolgreichen Eltern nach-

Eltern. Mal ist uns der Vergleich unlieb und

zueifern und verlieren so manchmal jegliche

wir wehren uns vehement dagegen, mal über-

Authentizität: Bei Vivienne Westwood war die

mannt er uns und bringt uns zum Schmun-

Provokation der Kern ihres Schaffens. Und

zeln. Vor allem dann, wenn es um die kleinen

ihr Sohn proklamierte die Provokation gleich

Eigenschaften geht, von denen man gar nicht

im Markennamen zum Programm: «Agent

merkt, wie sie sich über die Jahre an die eige-

Provocateur». Ob er damit je in die Stapfen

nen Fersen geheftet haben, um einen dann

seiner übergrossen Mutter hätte treten kön-

schliesslich doch einzuholen.

nen? Oder aber die junge Generation will ge-

Es gibt Dinge, die vererben sich sogar

nau das Gegenteil von dem, was die vorher-

über Generationen weiter, seien das nun

gehende wollte. Liegt nicht genau das in der

schiefe Nasen, eine naturwissenschaftli-

natürlichen Entwicklung des Menschen? Sich

che Begabung, Haarausfall oder, im Idealfall:

gegen das zu wehren, was einem in die Wiege

Werte. Betrachtet man den Idealfall im Zu-

gelegt wurde? Erfolgsbeispiele, die das Gegen-

sammenhang mit Branding, ist Folgendes zu

teil beweisen, gibt es genug: Sprüngli, Schubi-

beobachten: Familienunternehmen haben

ger, Swatch. Doch einfach scheint es nicht.

punkto Marken einen klaren Vorteil, weil die

Im Branding ist es eben wie im richti-

Werte ihrer Marke eine «vermenschlichte»

gen Leben: Werte weitergeben funktioniert

Form annehmen. Will heissen: Es braucht we-

nur, wenn diese wirklich gelebt werden. Dazu

niger Theorie und weniger Programme, um

braucht es starke Persönlichkeiten und ein

den Mitarbeitern den Kern einer Marke nä-

«werte-verwandtes» Team – bei Eltern ebenso

her zu bringen. Sie erleben ihn im täglichen

wie in der Unternehmensführung.

René Allemann ist Gründer und CEo des Beratungsunternehmens Branders, das sich auf Markenberatung spezialisiert hat. Er ist zudem herausgeber des online-Magazins thebrander.com.

PUNKTmagazin Generationen

leBensart

75


«Pompöses»

sTRAHlKRAFT ohrringe und Collier aus Rotgold der Kollektion «Traumfänger» lassen frauenherzen höher schlagen. Der ohrschmuck ist mit 104, das Collier mit 79 Brillianten bestückt. Preis auf Anfrage | beyer-ch.ch

sTilsiCHER Mit den stilsicheren, in dezenten farben gehaltenen Mänteln gelingt Bikkembergs der Spagat zwischen sportlich und schick. Chf 780.– bikkembergs.com

oRiginEll Die aus

katze aus dem sack Als der Jaguar E-Type 1961 auf dem

te Bar «Jules verne» erinnert an die Überseekoffer früherer Zeiten.

Genfer Autosalon zum ersten Mal öffent-

Stauraum bietet das

lich zu sehen war, waren sich die Experten

Barmöbel en Masse.

einig: Ein grosser Wurf in der Automobilge-

Ab Chf 1100.–

schichte. Doch 1974 schloss sich das Kapi-

maisonsdumonde.com

tel. Das letzte Exemplar wurde gebaut. Nach knapp 40 Jahren gibt es nun endlich einen Nachfolger. Mit dem neuen F-TYPE kehrt Jaguar zum Kern und Ursprung seiner Markenidentität zurück. Ein zweisitziger Roadster, der den Fahrer in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Dank einer komplett aus Aluminium gefertigten Karosserie wiegt das mit einem hochwertigen Stoffverdeck ausgestattete Modell in der Basisversion nur 1597 Kilogramm; die Leichtbauarchitektur sorgt zusammen mit Heckantrieb und einer ausgeglichenen Gewichtsverteilung für überragenden Fahrspass. Ein ausfahrbarer Heckspoiler und versenkte Türgriffe bestimmen ein von nur wenigen Linien geprägtes und puristisches wie verführerisches Design. Ein neues Schmuckstück am Autohimmel, das regelmässig poliert werden muss. Preis auf Anfrage | jaguar.ch

76

holz und leder gefertig-

leBensart


Verlosung

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Arosa Kulm Puristisch Der Titan

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Car Titanal ist ein Cross-

1850 Metern über Meer, inmitten der imposanten Schweizer

Carver-Ski, der sowohl

Bergwelt, im bündnerischen Arosa.

enge Radien als auch weite Schwünge ermög-

licht. Das Deckblatt be-

teil Innerarosa, und seine stilvolle Vielfältigkeit bietet das Fünfsterne

Durch seine privilegierte Lage, leicht erhöht im ruhigen Dorf-

steht aus edlem Titan.

Superior Hotel einen einzigartigen alpinen Kosmos und ist ideal für

CHF 1800.– | coreskis.ch

ein romantisches Wochenende zu zweit, den Familienurlaub oder den Firmenevent gleichermassen. 119 Zimmer und Suiten, sechs verschiedene Restaurants, zwei Bars und sechs Veranstaltungsräume laden zu gemütlichen Stunden, interessanten Begegnungen und kulinarischem Genuss ein. Für Sinnlichkeit und Entspannung sorgt der Alpinspa, der ganzheitlich ausgerichtet ist und eine eigene inspirierende Welt des Wassers und der alpinen Wellness verkörpert.

Ankommen und Sein ist die Devise im Kulm. Dieses Gefühl er-

leben die Gäste bereits beim Betreten der Hotel-Lobby, die das Flair eines Wohnzimmers verbreitet. Jo Brinkmann, Spezialist für Hoteldesign und Architekt des Hauses, hat es verstanden, Design und Architektur mit der kontrastreichen imposanten und behaglichen Bündner Bergwelt zu vereinen. Der Ferienklassiker auf 1850 Meter über Meer ist zum Geheimtipp geworden. CHF 1205.– | arosakulm.ch Wettbewerb PUNKTmagazin verlost gemeinsam mit dem Arosa Kulm Hotel & Spa eine Übernachtung für zwei Personen in einer Junior Suite, inklusive Frühstückbuffet und die Benutzung des Alpinspas. Eine Email an wettbewerb@punktmagazin.ch mit dem Stichwort «Arosa» genügt. Einsendeschluss ist der 15. Februar 2013, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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Lebensart

77


Verlosung

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Wien war im 19. Jahrhundert die angesagteste Bühne adliger Selbstdarstellung. Besonders hervor taten sich die Erzherzöge des Hauses Habsburg. Eingekleidet wurden die edlen Herren von der Schneiderwerkstatt Knize, die der böhmische Schneider Josef Knize 1858 gegründet hatte. Mit dem Credo «Stil ohne Kompromisse» etablierte sich Knize in der Belle Epoque als weltweit erstes HerrenmodeLabel der Moderne. Eine Vorreiterrolle gebührt dem Traditionshaus auch bei der Kreation von «Knize Ten», der ersten Herrenduftserie. Ihren Namen hat die Kollektion vom höchsten Handicap beim Polo, bezeichnenderweise ist der Duft von einer subtilen Ledernote geprägt. Das edle Parkett ist in Wien längst Vergangenheit. Geblieben ist dagegen die Adresse, an der Knize logiert: Am Graben 13. Dort werden noch heute aus Männern perfekte Gentlemen gemacht. Geblieben ist auch der Duft-Klassiker Knize Ten. Mittlerweile hat er sogar weibliche Begleitung: Lady Knize, der Duft für Frauen. CHF 146.– | knize.de WETTBEWERB PUNKtmagazin verlost gemeinsam mit DC Cosmetics fünf Männer-Pflegesets, bestehend aus Eau de Toilette und Shaving Soap im Wert von je 146 franken. Email an wettbewerb@punktmagazin.ch mit dem Stichwort «Knize» genügt. Einsendeschluss ist der 15. februar 2013, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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leBensart


«Quotidian»

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aus einer anderen zeit

Als Domenic Feuerstein, Autor zahl-

Die Neue m-Genera-

reicher Naturbücher, einst durch die Ar-

tion Die neue Leica M

venwälder seiner Unterengadiner Hei-

bietet den Leica-Max-

mat streifte, konnte er nicht ahnen, dass

CMOS-Bildsensor im Klein-

seine Gedanken fast hundert Jahre später

bildformat (24 MP) und

zur Gründung einer Kosmetiklinie füh-

Funktionen wie Live-View

ren würden. Zu verdanken ist dies seiner

sowie Full-HD-Video. Objek-

Enkelin, der Designerin Madlaina Feuer-

tive und Zubehörteile des

stein, die sein Wissen um heimische Heil-

M-Systems können weiter

pflanzen in die samtweiche Pflegelinie ein-

verwendet werden. Mit ei-

fliessen lässt. Entwickelt und produziert

nem Adapter sind gar die

werden die Produkte in einem Schweizer

früheren Leica R-Objektive

Labor. Bei Feuerstein verschmelzt Ahnen-

weiterhin einsatzfähig. Im

wissen über Schweizer Bergkräuter mit wi­

Fachhandel erhältlich ab

ssenschaftlichen Erkenntnissen über kos-

Anfang 2013.

metische Wirkstoffe. Es sind die Kontraste,

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«Apart»

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80

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Etwas mehr Pragmatik könnte

Glaube an sich selber und Glaube

heimat ist ein Nicht-ort, sagt Bern-

Die Wirtschaft kann auf Emotio-

Zeit hat man jeden Tag aufs Neue,

beim Umgang mit den folgen des

an eine höhere Macht: Beide be-

hard Schlink. PUNKT hat sich trotz-

nen nicht verzichten. Sie sind der

und doch ist sie die woh knappste

Rausches nicht schaden.

stimmen den lauf der ökonomie.

dem an das Thema herangewagt.

Motor unseres handelns.

Ressource überhaupt.

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PUNKTmagazin Generationen

leBensart

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VORSCHAU

IMPRESSUM

Ausgabe «Stadt/Land»

verlag

ab 28. Februar 2013

info@financialmedia.ch, financialmedia.ch

No 01 / Februar 2013

financialmedia AG, Pfingstweidstrasse 6, Ch-8005 Zürich,

Verleger Rino Borini, Patrick M. Widmer Auflage 12 500 Exemplare, 40 000 leser/Ausgabe (lpA) issn-nr. 1661-8068 Erscheinung 2013 N˚01 28. februar, N˚02 25. April, N˚03 13. Juni, N˚04 04. September, N˚05 23. oktober, N˚06 04. Dezember

Städte haben in den vergangenen Jahrzehnten stark an Bedeutung gewonnen. Der Traum vom effizienten und ökologischen Zusammenwohnen kann in die Praxis jedoch häufig nicht umgesetzt werden. Platz- und Lärmprobleme, fehlende Verkehrskonzepte, teurer

Haftungsausschluss Die Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des verlags. für unverlangte Zusendungen wird jede haftung abgelehnt. Die im Magazin veröffentlichten Angaben dienen der information und sind keine Aufforderung zum Kauf und/oder verkauf von (Anlage-)Produkten.

Wohnraum, Kostenexplosionen – an Herausforderungen wird es in Zukunft sicher nicht mangeln. Mitdenken ist erlaubt.

Quo vadis, dorf?

Das Dorfleben war auch schon dörflicher: Lokale Gewerbetreibende

redaktion Chefredaktion Rino Borini; borini@punktmagazin.ch

haben zunehmend Mühe, sich zu behaupten und den Dorfkernen

Redaktoren Mark Baer (MB), Wilma Boegel (WB), Rino Borini (RB), David fehr

mangelt es häufig an Leben. Es gilt, den Prozess umzukehren.

(Df), Dmitrij Gawrisch (DG), Simon Jacoby (SJ), Michaël Jarjour (MJ), Barbara Kalhammer (BK), Seraina Kobler (SK), Kristin Kranenberg (KK), Markus Noelle (MN), florian Schaffner (fS), Claudia Thöny (CT), Nina vutk (Nv), Stine Wetzel (SW), Adrian Witschi (AW)

Redaktion PUNKTmagazin, c/o financialmedia AG, Pfingstweidstrasse 6, Ch-8005 Zürich, redaktion@punktmagazin.ch, punktmagazin.ch

kreation & umsetzung Art Direction, Konzept,Bildredaktion Boris Gassmann; gassmann@punktmagazin.ch

layout, grafik, Postproduktion Boris Gassmann; gassmann@punktmagazin.ch, fabian Widmer; fwidmer@punktmagazin.ch

Fotografie Christine Bärlocher; chbaerlocher.ch, Markus frietsch; markusfrietsch.com, Patrizia human; patriziahuman.ch

Druck pmc, print media corporation, Ch-8618 oetwil am See, pmcoetwil.ch

grossstadtdschungel

Anzeigenleitung Monika Schneider; schneider@punktmagazin.ch, Telefon: +41 (0)44 277 75 30

Die Wohnsituation in den Städten sorgt immer wieder für Unmut:

marketingleitung Patrick M. Widmer; widmer@punktmagazin.ch,

Überteuerte Mieten, willkürliche Verteilung des subventionierten

Telefon: +41 (0)44 277 75 30

Wohnraums und Gentrifizierung sind nur ein Auszug aus der Liste.

posten in der post

Briefe und Pakete werden immer weniger verschickt. Da die Post aber wachsen muss, entwickelt sie sich zum Gemischtwarenladen. und mehr …

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verkauf

iMPressUM


PROFESSIONAL INVESTORS’ DAY Mittwoch, 6. Februar 2013 10–18 Uhr Kongresshaus Zürich PROgRAmm Detailliertes Programm und Anmeldung: www.fondsmesse.ch ROuNDTAbLES Mittwoch, 6. Februar 2013 10.30—11.30 Kammermusiksaal ENERgIEWENDE

13.30—14.30 Kleine Tonhalle EuRO – WANN KOmmT DIE WENDE?

Prof. Dr. Lino Guzzella Professor für Thermotronik an der eTh Zürich

Dr. Urs A. Weidmann unternehmer & ceo silent-Power ag

Prof. Dr. Kurt Schiltknecht a.o. Professor an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der universität Basel

Dr. Theo Waigel ehemaliger deutscher Finanzminister

Dr. Urs Meister energiespezialist & Projektleiter avenir suisse

Dr. Patrick Hofer-Noser Leiter renewable energy systems, Meyer Burger

Prof. Dr. Jürgen Stark ehemaliges Mitglied des Direktoriums der europäischen Zentralbank eZB

Moderation: Peter Hartmeier Publizist, ehemaliger Kommunikationschef uBs schweiz und ehemaliger chefredaktor Tagesanzeiger

Moderation: Res Strehle chefredaktor Tages-anzeiger

Veranstalter

Messepartner

Hauptsponsoren

Medienpartner

Co-Sponsoren Banque Cantonale Vaudoise | Banque Privée Edmond de Rothschild S.A. | Credit Suisse AG | IPConcept | Nordea | Swisscanto Asset Management AG Threadneedle International Investments GmbH


Davide T., Kunde der Credit Suisse Hainbuche in Bern

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