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KostenCHF8,00

Webpunktmagazin.ch

Heft-N˚35Jahrgang07

januar/februar2012

Suad Sadok Vom Tellerwäscher zum Generaldirektor

Die perfekte Geige In Brienz lernen Schüler wie sie gebaut wird

Zäh wie der Berg

Die Skimanufaktur Zai setzt neue Akzente


1 +1 = 3

Der Zusammenschluss von NextiraOne und Business Sunrise stellt mehr dar als die Summe der Einzelteile. Es entsteht ein neues Unternehmen. Business Sunrise wird zur besten Alternative f체r Schweizer Gesch채ftskunden.

Jon Erni Executive Director Business Sunrise

Walter Zemp CEO NextiraOne Schweiz

Alle Infos zum Zusammenschluss: business-sunrise.ch


crescendo

03

WorteRinoBorini&BarbaraKalhammer Illustrationiandavidmarsden

Chefredaktor So, Barbara,­ PUNKTretro ist die letzte Aus­ gabe­im alten Gewand. In der Retrospektive betrachtet, hat sich PUNKTmagazin ganz ordentlich entwickelt. Was ist für Dich ei­ gentlich Retropektive? Redaktor Eigentlich blicken wir doch immer nach vorne, verlassen uns auf Analysen und Pro­gnosen von Ökonomen und Wissenschaf­ tern. Doch häufig lohnt auch der Blick zurück. Retrospektive ist für mich gleichbedeutend mit Rück­ besinnung, beispielsweise auf al­ te Werte, Erkenntnisse und Qua­ lität. Gerade unserer Generation schadet das nicht, oder? Chefredaktor Da gebe ich Dir Recht. Zu diesem Thema passt der Interviewgast dieser Ausgabe. ­Suad Sadok, ein Schweizer tür­ kischer Abstammung, der immer konsequent gehandelt hat und sich so vom Kofferträger zum Mana­ ger hocharbeiten konnte. Noch heute­sagen ehemalige Mitarbei­

ter von ihm, sie seien durch die Suad-­Sadok-Schule­gegangen. Eine sehr spannende­Persönlichkeit. Übrigens, warum sind eigentlich Retro-­Produkte derzeit so angesagt bei jung und alt? Redaktor Auf die Mode bezogen­ behaupte ich, dass den Desig­nern nichts Neues mehr einfällt. Aber ich mache ihnen gar keinen Vorwurf, ich trage ja selber seit kurzem eine Panto-Brille, und die waren schon in den 40-ern beliebt. Vielleicht liegt es auch da­ ran, dass die Jugend in den heutigen unsicheren Zeiten nach etwas sucht, an dem sie sich orientieren­ und festhalten kann. Fündig wird sie dabei in der Vergangenheit. Hast Du nicht auch manchmal das Gefühl, Du hängst in der Retro-­Schleife fest? Chefredaktor Ich hab zuhause einen alten Nabholz-Pullover. Bin ich nun ein Retronaut? Redaktor Eindeutig, denn Nabholz ist immerhin schon fast 200 Jahre alt. Die Geschichte der Marke ist – geprägt durch Konkurs

und Neuübernahme – durchaus spannend. Dank der Treue ihrer Kunden gibt es die Mode von damals heute wieder – natürlich der Zeit angepasst. Apropos Zeit respektive zeitlos: Hängt in Deinem Kleiderschrank neben dem Nabholz-Teil nicht auch ein massgeschneiderter Anzu g? Chefredaktor Klar habe ich massgeschneiderte Anzüge, mittlerweile kosten sie ja nicht mehr die Welt. Kein Wunder, schliesslich gibt es immer mehr Anbieter,­ und auch die Produktionsmethoden werden laufend verbessert. Doch hier sollte­man die nötige­ Vorsicht walten lassen, etwa wenn man in den Ferien in Thailand günstige Anzüge kauft. Die sind zwar nicht per se schlecht, e­ in gelungener Kauf erfordert aber Produktwissen seitens des Kunden. Redaktor Sollten das heutige Konsumenten nicht immer und überall mitbringen? Chefredaktor Doch, eigentlich schon. Selbstverantwortung ist schliesslich das Gebot der Stunde.

Redaktor Na bitte. Nun fehlt nur noch, dass Du auf Deiner Dachterrasse einen eigenen Bauernhof betreibst. Chefredaktor Die Idee eines­ Garten auf meinem Dach ist gar nicht so übel. Damit könnte ich meine Nachbarschaft mit G ­ emüse und Früchten versorgen. So, wie es die Bauern von Brooklyn nun bereits im dritten Jahr tun. Die ruhen sich nicht auf ihren Lorbeeren aus, im Gegenteil. Unser Mann vor Ort hat mit ihnen gesprochen und sich ihrer weiterhin grossen Pläne versichert. Redaktor Für eine soche Aktion ist mein Balkon zu klein. Da halte ich mich lieber weiter an RetroProdukte, der Trend hat ja nicht nur die Modebranche erfasst. Du kennst doch sicher den SpreeFuchs aus der Werbung. Neu ist Dir aber vermutlich, dass das Waschmittel ein Überbleibsel­aus DDR-Zeiten ist. Aber genug der Worte. Lassen wir die Rotkäppchen-Sektkorken knallen und stos­sen an auf PUNKTretro. Die letzte Ausgabe im alten Outfit. PunktmagazinN°35Retro


Index I

04

inhalt N˚35 / 2012

wirtschaftliches

10

Retro

januar/februar

PUNKTcover N˚35 Fotografie Alfonso Smith

10 krisenwunder retro? Auch wenn früher nicht alles besser war, bei

alfonsosmith.com Styling Sabina Hexspoor

tatmotiv.ch Hair & Make-up Rahel Bredy

style-council.ch

Model Daria Rhyner (Fotogen) Fotoassistenz Alan Maag Postproduktion Boris Gassmann

18

Stylingbezug (Merci!) Booster

24

Stüssihofstatt 6, Zürich Ballett Shop Zürich

Römergasse 4, Zürich TPC, technology & production center switzerland AG

Fernsehstrasse, Zürich

28

Inserenten 02 05 07 09 23

Sunrise Swiss Global AM Swisscanto Saxobank iShares

RetroN°35Punktmagazin

39

Barclays

47/49 Club 25 81 83 84

Fondsmesse Swiss Fidelity

Produkten funktioniert der Retro-Ansatz erstaunlich gut – und vor allem immer wieder. Vor allem in Krisenzeiten scheinen Retro-Produkte als Zeitinseln perfekt zu funktionieren. ­ Ist retro gar ein möglicher Weg aus der Krise?

Kurz & bündig Vinyl / Technologische Singularität / Stabilo Boss / 8 Bit / iElectribe / Retro-TV-Serien / tl;dr / Marken-Recycling / Holzspielsachen.

Fliegen ohne ­grenzen?

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Seit fast 200 Jahren existiert die Traditionsmarke­ Nabholz. Nachdem die letzten Jahre der Firmengeschichte ziemlich turbulent verliefen, konzentriert man sich jetzt wieder auf alte Werte und versucht, an vergangene Erfolge anzuknüpfen.

Nach dem Mauerfall waren Produkte aus der DDR nicht mehr gefragt. Gegen die westliche Vielfalt waren sie schlicht chancenlos. Heute ist dem nicht mehr zwingend so, der Retro-Trend verschafft «DDR-Produkten» neuen Aufwind.

33 panem et circenses Kolumne von Dr. Mirjam Staub-Bisang, Finanz­ expertin mit Anwaltspatent und MBA-Abschluss. 34

Der Luftverkehr boomt, Fliegen ist schon vor längererem zu einer bezahlbaren Selbstver­ ständlichkeit geworden.­Das war nicht immer so – und wird wohl auch nicht immer so bleiben.

Mit retro in die ­formel 1

ostprodukte im aufwind ­

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so zäh wie der berg Ein Zai-Ski setzt sich aus 70 bis 120 Einzel­teilen zusammen, bei einem Industrieski sind es 30. Während letzter in 45 Minuten gefertigt wird, dauert der Prozess bei Zai zehn Stunden. Man beginnt zu ahnen, weshalb die Skier von Zai – trotz der stolzen Preise – so gefragt sind.

die bauern von ­brooklyn Zu Beginn war es eine Meldung, die sich einfach nur gut anhörte: In New York bauen sie auf den Dächern Früchte und Gemüse an. Mittlerweile sind zwei Jahre vergangen, doch die Bauern von Brooklyn sind alles andere als müde. Ihre Ziel verfolgen sie ehrgeiziger denn je.


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Index ii

06

Investierbares

Kopflastiges

Genüssliches

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56

66

42

44

48

Die neue Normalität erschwert es Anlegern­ zusehends, hohe Renditen zu erwirtschaften.­

investieren in der neuen normalität Investitionen an der Börse waren früher mehr oder weniger Selbstläufer. Mit wenigen Ausnahmen ging es praktisch immer aufwärts. Diese Zeiten sind vorbei – und werden wohl auch nicht wiederkommen. Anleger sollten sich da­r um mit der neuen Normalität anfreunden.

Produkte in Kürze Immobilien / Small- und Mid-Caps / Steuer­ optimierung /­Wein / Wandelanleihen / Barrier Reverse Convertibles.­

Bei neu lancierten Produkten sind Backtests ein gern benutzter Fürsprecher. Oft ohne Berechtigung, denn aufgrund willkürlich gewählter Messzeiträume sind ihre ­Ergebnisse meist nicht wirklich aussagekräftig.

EIN THEMA, ZWEI STANDPUNK­TE

Daniel Lampart (Schw. Gewerkschaftsbund) & Jan-Egbert Sturm ­(KOF).

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panorama lyxor­

54

63

Backtests

50

56

Lyxor setzt Qualitätsstandards bei ETF.

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Seine Karriere verlief steil, doch er blieb sich selber immer treu: Suad Sadok.

12

Suad Sadok

Im Alter von 22 Jahren kam der Türke Suad Sadok­in die Schweiz – ohne anerkannten Abschluss und ohne Kenntnisse der deutschen Sprache. Er begann ganz unten, als Kofferträger im Hotel Carlton. Seine Karriere beendete er als Generaldirektor der Schweizerischen Speisewagengesellschaft. Wie so eine Laufbahn möglich ist, erzählt der Vollblutgastronom Suad Sadok im Gespräch mit PUNKTmagazin.

pommerland Kolumne vom Querdenker, Entrepreneur mit ­a ka­demisch-querulatorischem Gedankengut.

lieber welt- als schweizermeister Die Fussballer der FA Raetia nehmen nicht am Schweizer Meisterschaftsbetrieb teil. Müssen sie auch nicht, denn als Auswahl des früheren Alt Fry Räetiens verfolgen sie ein höheres Ziel: Die Teilnahme am Viva World Cup 2012 in der autonomen ­Region Kurdistan im Nordirak.

66

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74

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Um die perfekte Geige zu bauen, braucht es Erfahrung und Jahrhunderte altes Wissen.

das achten der traditionen Brienz ist aus Holz geschnitzt. Das zeigt sich an der Geigenbauschule, in der junge Menschen aus aller Welt seit 1944 das Handwerk des Geigenbaus erlernen. Damals wie heute braucht es dazu Ruhe, Fingerfertigkeit, Wissen ­– und vor allem Erfahrung.

die kraft der marken Kolumne von Prof. Dr. Dirk Boll, Geschäfts­ führer Kontinentaleuropa bei Christie’s.

anzüge machen ­männer Ob Financier, Türsteher oder Bestatter – ein Herrenanzug lässt sie alle Kompetenz ausstrahlen. Der Anzug hat nicht an Relevanz verloren, der Trend nach Massanzügen bestätigt dies.

retro-futurismus Schon immer machten Menschen Vorhersagen über die Zukunft. Im Rückblick spricht man von Retro-Futurismus: Die Zukunft, die nie stattgefunden hat. Ausnahmen inklusive.

Gadgets Pompös, Quotidian, Apart.

panorama Scoach 5 Jahre Wachstum, Qualität und Sicherheit.

unter anderem 03 08 RetroN°35Punktmagazin

Crescendo Impressum

82

Descendo


Geld macht gl端cklich (Nr. 69), wenn man es in Firmen investiert, die sich der Umwelt gegen端ber verantwortungsvoll verhalten und gleichzeitig gute Renditechancen erm旦glichen. Gerne informiert Sie der Kundenberater Ihrer Kantonalbank 端ber unsere mehrfach ausgezeichneten Nachhaltigkeitsfonds.

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Impressum

08

Ausgabe N˚35 / 2012 Retro

januar/februar

Verlag

Magazin

Redaktion

Kreation & Umsetzung

Verkauf

Herausgeberin

Auflage

Chefredaktion

Art Direction, Konzept,

Druck

Anzeigenleitung

financialmedia AG

12 500 Exemplare

Rino Borini

Bildredaktion

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Monika Schneider

Pfingstweidstrasse 6

40 000 Leser/Ausgabe (LpA)

borini@financialmedia.ch

Boris Gassmann

print media corporation

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CH-8618 Oetwil am See

Telefon: +41 (0)44 277 75 30

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ISSN-Nr.

Redaktoren

financialmedia.ch

1661-8068

Mark Baer (MB)

Layout, Grafik

Wilma Boegel (WB)

Boris Gassmann

Bildnachweis

Marketingleitung

Verleger

Erscheinung 2012

Valerio Bonadei (VB)

gassmann@financialmedia.ch

S12 B01 4.bp.blogspot.com,

Patrick M. Widmer

Rino Borini

N˚35 Januar / Februar

Rino Borini (RB)

Fabian Widmer

B02 fm AG, S13 images.covera-

widmer@financialmedia.ch

Patrick M. Widmer

N˚36 März / April

David Fehr (DF)

fwidmer@financialmedia.ch

lia.com, S15 userserve-ak.last.

Telefon: +41 (0)44 277 75 30

N˚37 Mai / Juni

Dmitrij Gawrisch (DG)

fm, S18 fm AG, S19 B01 resimle.

Fax: +41 (0)44 277 75 35

N˚38 Juli / August

Simon Jacoby (SJ)

Fotografie

N˚39 September / Oktober

Michaël Jarjour (MJ)

Christine Bärlocher

balt-blue-knight, S20 B02 fm AG,

N˚40 November / Dezember

Barbara Kalhammer (BK)

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S21 B01 vortexcultural.com.br, S21 B02 paper.li, S22 B01 dalje.

neutral Drucksache No. 01-11-857222 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership

net, S19 B02 fm AG, S20 B01 co-

Fabrice Müller (FM)

Patrizia Human

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Matthias Niklowitz (MN)

patriziahuman.ch

com, S22 B02 etsy.com, S25 vin-

Die Wiedergabe von Artikeln

Bojan Peric (BP)

Alfonso Smith

tageadbrowser.com, S26 B01-

und Bildern, auch auszugswei-

Jörg Suter (JS)

alfonsosmith.com

02 ryanair.com, S28 B01-02 PR

se, nur mit Genehmigung des

Claudia Thöny (CT)

Verlags. Für unverlangte Zusen-

Adrian Witschi (AW)

Nabholz, S29 B01 PR Sauber,

dungen wird jede Haftung ab-

Postproduktion Bild

S29 B02-03 PR Nabholz, S31

Boris Gassmann

B02-03 PR DDR-Museum, S32

Fabian Widmer

B01-02 PR DDR-Museum, S33

gelehnt. Die im Magazin ver-

Redaktion

öffentlichten Angaben dienen

PUNKTmagazin

der Information und sind kei-

c/o financialmedia AG

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35 PR ZAI, S38 watchmyfoodg-

ne Aufforderung zum Kauf und/

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Wirtschaftliches

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Das Krisenwunder

Retro Worte: Rino Borini

Fr체her war alles besser! Vielleicht ist dieses Mantra der Grund, dass Retro ein Dauerbrenner ist. Retro fungiert als ewige emotionale Haltestelle. Die daraus resultierenden Produkte sind Zeitinseln, die das Leben 체berschaubar und verst채ndlich machen. Retro stimuliert Erinnerungen und stillt die gesellschaftliche Sehnsucht nach Sicherheit. Ein funktionaFotografie: Alfonso Smith Styling: Sabina Hexspoor

les Mittel gegen Krisen?

Hair & Make-up: Rahel Bredy (Style Council) Model: Daria Rhyner (Fotogen) Fotoassistenz: Alan Maag

PunktmagazinN째35Retro


UC

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etro-Wellen begegnen uns überall. Es ist geradezu re- Autobauer nutzen diesen Trend und werfen mit hoher Kadenz Retro, in welcher Fülle sie derzeit die Konsumwelt über- tro-Modelle auf den Markt. Denn sowohl bei Autos wie Mode gilt: schwemmen. In den Schaufenstern stehen plötzlich Was gut ist, kommt irgendwann wieder. Modelle wie der Mini oder wieder dieselben Kleider, die man gerade erst erfolg- der Fiat 500, die sich bezüglich Design schon fast skrupellos bei ihreich verdrängt hatte. Doch nicht nur Kleiderpro- ren Vorbildern aus den 40-er und 50-er Jahren bedienen, verkauduzenten, auch Vertreter anderer Branchen setzen fen sich prächtig. Auch Volkswagen, Europas grösster Automobilimmer wieder gerne auf Retro-Produkte. Seien es Turnschuhe, die hersteller, hat das erkannt. Mit einer zweiten Version des Beetle, der bereits vor 30 Jahren getragen wurden, oder Hiseinerseits ja bereits ein Retro-Auto war, will Fi-Anlagen, deren Optik an die von unseren Elman eine neue Zielgruppe ansprechen und eitern benutzten Gerätschaften erinnern. Auch nen Markt erobern, den man in Europa vor gut «retro ist so altmodische Tätigkeiten wie Stricken, Wandern 13 Jahren aufgegeben hatte. Vermutlich schieoder das Erlernen von Standardtänzen erleben len die Wolfsburger neidisch auf die Erfolge des präsent wie selten eine Renaissance. Konsumenten entdecken die Minis. Das Retro-Modell des kultigen Gefährts Schönheit alter Möbel und von Vintage-Geaus den 60-ern wurde durch die gleichnamige zuvor. Auf welche genständen. In der historischen Aufarbeitung BMW-Tochter 2001 auf den Markt gebracht und vergangener Jahrzehnte zeigt man sich geläuhat sich mittlerweile über 1,5 Millionen Mal verepoche dabei zurück­ tert. Vieles, was als ungemein fortschrittlich kauft. und dem Wohlstand zuträglich galt, hat sich als gegriffen wird, ist Scheinblüte entlarvt. All diese Aspekte haben eiWarum Retro? Immer mehr Menschen lassen nen Zusammenhang und beschreiben die aktusich von Retro-Produkten verleiten, aber warsekundär.» elle Gegenwart. um? Für junge Menschen dürfte die Sehnsucht Doch zurück zu den Retro-Produkten. Sie nach dem positiven Image vergangener Zeiten beweisen, dass der Trend, altes wiederzuverwerein Grund sein. Die damalige Unbeschwertten, erfolgreich sein kann. Auf der Strasse, auf heit wirkt verlockend, gerade in Anbetracht der dem Laufsteg, in den Charts – Retro-Produkte sind überall anzutref- heutzutage früh erwarteten Lebenszielorientierung. Bei älteren Kunfen. Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, ob es sie in dieser Form den, welche die Produkte schon im ersten Loop erlebt haben, wecken früher auch gab, oder ob sie lediglich durch ihr Erscheinungsbild auf Retro-Produkte erlebte Erinnerungen. Retro ist präsent wie selten retro machen – die Kaufgründe bleiben dieselben. Selbst innovativs- zuvor. Auf welche Epoche dabei zurückgegriffen wird, ist sekundär. te Branchen wie die Automobilindustrie bleiben nicht von ständigen Hauptsache, Neues kann um jeden Preis vermieden werden. Retro-Anfällen verschont. Da ist es nur praktisch, dass die Generati- Fällt unserer Gesellschaft nichts mehr ein? Die Sozialwissenschafon Golf – geborenen zwischen 1965 und 1975 – die Spiesserautos ih- terin Susanne Schulz verneint vehement. Sie erklärt sich die Erfolgsrer Väter entdeckt. welle der neuen, alten Produkte einerseits mit der «Begeisterung für

RetroN°35Punktmagazin


Krisenwunder RetroWirtschaftliches

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Die 20-er Jahre gelten als «golden».­ Die Wirtschaft wächst immens, die Menschen schöpfen nach Ende des ­ 1. Weltkriegs neue Hoffnung. Doch sie währt nur bis zum 25. Oktober 1929. Der Schwarze Freitag reisst die Welt in eine Depression­ und hat eine Weltwirtschaftskrise­ zur Folge. Während Lindberg den Atlantik überquert, laufen die Frauen mit Bubikopf-Frisuren umher.­Kunstbezogen sind die 20-er erwähnenswert: Picasso, Klee, Bauhaus, Surrealismus, Art Déco, Zwölftonmusik.

das Neue, andererseits herrscht eine Sehnsucht nach Werten, die man in der alten Zeit zu finden glaubt.» Zur Erläuterung erwähnt die Wissenschafterin Turnschuhe im Design der 70-er Jahre: «Wer sich solche Schuhe kauft, erwirbt auch die subjektive Teilhabe an einem authentischeren Lebensgefühl». Sneakers waren der Ursprung der Streetund Breakdance-Bewegung in New York. Seit über 30 Jahren gehören sie – fernab von Turnhallen oder Leichtathletikbahnen – zum Alltag, Die Sportartikelhersteller haben es mit dem Retro-Look geschafft, das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. Der Konsument kauft, weil er sich vom transportierten Lebensgefühl angesprochen fühlt. Ganz egal, wie stark er es wirklich lebt. Diese Faktoren ermöglichen Trends kommerziellen Erfolg und Dauerhaftigkeit. Cover-Versionen en masse Ein anderes Paradebeispiel für die Macht von Retro-Wellen liefert seit Jahrzehnten immer wieder die Musikindustrie. Auch hier wird der Grundsatz gelebt, dass, was einmal gut und erfolgreich war, ein zweites Mal funktioniert. Oder ein drittes, viertes und fünftes Mal. Kein Künstler, der nicht schon mit einer lauen Neuaufnahme versucht hätte, auf den Retro-Zug aufzuspringen. Selbst Weltstar Madonna hielt sich mit ihrer Version von American Pie an Altbekanntes. Der Song stammt ursprünglich von Don McLean und wurde 1971 aufgenommen. Auch wenn die neuen Versionen nicht unbedingt gut waren, Geld liess sich mit ihnen zumeist sehr wohl verdienen. Doch die wirklich goldenen Zeiten der Cover-Versionen sind vorbei. Sie sind zwar weiterhin fester Bestandteil der Hitparade, aber die Verwertungskadenz ist nicht mehr derart hoch, wie sie es zwischen 1996 und 2006 war. Dies bestätigt der deutsche Musikwissenschafter Marc Pendzich. Er hat sich während Jahren intensiv mit dem Phänomen Coversongs auseinandergesetzt und festgestellt, dass ab Mitte der 90-er Jahre im Durchschnitt 20 Prozent aller Charterfolge neue Interpretationen alter Hits waren. ¬ PunktmagazinN°35Retro


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RetroN째35Punktmagazin


Krisenwunder RetroWirtschaftliches

Die 50-er Jahre sind geprägt durch den Wideraufbau nach dem 2. Weltkrieg, der im Deutschen Wirtschaftswunder mündet. Fast noch grösser ist die Freude über das Wunder von Bern. Max Frisch schreibt seinen Homo Faber, Günter Grass die Blechtrommel,­ und die Filmindustrie fragmentiert sich. So unterschiedliche Genres wie Western, Heimatfilm und Film Noir kommen auf. In Amerika sorgen James Dean, Johnny Cash, Elvis Presley und Frank Sinatra für Furore.

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Bill Withers auf der Bühne.­ Sein Song «Ain’t no Sunshine»­ wurde noch im Jahrzehnt der Erscheinung (70-er) über 30 mal gecovert.

¬

Nach 2006 ist die Zahl der Hitcovers in den Charts zurück- Doch nicht immer funktioniert der Retro-Ansatz so, wie man es gegangen, heute liegt sie noch bei rund zehn Prozent. «In den vergan- sich vorstellt. Man kann zwar die Produkte imitieren, ob die Nachgenen Jahren haben sich die Vertriebsbedingungen stark verändert», ahmung aber auch die gewünschten Renditen liefert, weiss nieerklärt Pendzich den Rückgang, «es ist nun mal ein Unterschied, ob mand. Das gilt allerdings auch für Neuerfindungen. Ob sie erfolgman sich mal eben einen Song für einen Franken herunterlädt, oder reich werden, weiss der Hersteller erst nach Lancierung, also in der extra in den Laden geht und einige Franken mehr für eine physische Zukunft. Unternehmerischer Erfolg zeigt sich immer nur in der ReSingle ausgibt.» Und weil sich mit Single-Veröftrospektive. In diesem Sinne stellt man Fragen fentlichungen heute nicht mehr viel Geld veran die Vergangenheit. Ähnlich wie in der Mudienen lässt, stehen Charterfolge bei Künstlern sik-, Film- oder Modebranche, deren Exponen«die welt kann ­ nicht mehr oben auf der Liste. Deshalb ist auch ten sich fragen, was in der Vergangenheit die die Produktion eines einzelnen Songs – und sogros­sen Hits waren, die es zu covern oder repronicht jeden tag neu mit auch eines Covers – weniger lukrativ. duzieren gilt. Menschen schauen gerne zurück, Wer nun aber annimmt, Cover-Versionen seigerade in Krisenzeiten. Denn in diesen wird of­erfunden werden. en eine Erfindung der Neuzeit, der irrt. Bereits in fensichtlich, dass kein Masterplan existiert, wie den 70-er Jahren kopierten die Musiker, was das die kommenden Jahre zu gestalten sind. Weder selbst trendsetter Zeug hielt. Teilweise kupferten sie ab aus vorhefür das Individuum noch für die Gesellschaft. rigen Jahrzehnten, teilweise gar bei Stücken aus Auch das mag ein Grund für den anhaltenden werden das ­einsehen demselben Jahrzehnt. Ein Ex­trembeispiel liefert und immer wiederkehrenden Erfolg von Retro-­ der weltbekannte Song «Ain’t No Sunshine». Produkten sein. Dabei wird die Halbwertzeit müssen.» Das 1971 von Bill Withers veröffentlichte Orider Retro-Wellen laufend kürzer, da sie das kulginal wurde noch im selben Jahrzehnt über 30 turelle Sinn- und Stimmungsdefizit nicht dauMal gecovert. Unter anderem vom damals noch erhaft kompensieren könnten, umschreibt die jungen Michael Jackson und von Tom Jones. Bis US-Forscherin Katherine A. Loveland von der heute gibt es fast 150 Versionen des Songs. University of Arizona die Zeitdimension. Der grosse Erfolg von Retro-ProdukRetro-Produkte für Krisenzeiten Die Beispiele zeigen, dass es gar ten hängt nach Einschätzung von Marktforschern vielfach von der nicht so einfach ist, dem Retro-Trend zu widerstehen. Die Welt kann aktuellen Verunsicherung der Konsumenten ab. In einer Krise, in nicht jeden Tag neu erfunden werden, selbst Trendsetter werden das welcher der Alltag unsicher wird, Werte neu definiert werden und einsehen müssen. «Die enormen Wahlmöglichkeiten in unserer Wohl- Arbeitsplätze nicht mehr sicher sind, hat dieses Sehnsuchtspotenstandsgesellschaft mit ihrer bunten Warenwelt und den immer schnel- zial nach Verlässlichkeit und Regeln direkte Auswirkungen auf die ler wechselnden Produktzyklen verhindern, dass uns die Produkte, die Bedürfnisse einer Gesellschaft. Angestrebt wird eine Rückkehr zu wir konsumieren, vertraut werden können», sagt Susanne Schulz. Altbewährtem, Bekanntem und Vertrautem. ¬ PunktmagazinN°35Retro


WirtschaftlichesKrisenwunder Retro

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Die 60-er Jahre sind die Zeit des Aufbruchs: Flower Power, Studentenproteste und sexuelle Revolution bewirken monumentale gesellschaftliche Veränderungen. Für die Amerikaner­ bedeutet die erste Mondlandung einen ideologischen Sieg über die Rus­ sen, im Sechstagekrieg erlangt Israel Kontrolle über den Gazastreifen. Die veränderten Konventionen ermöglichen das Entstehen neuer Musikrichtungen wie Soul, Funk, Beat, Garage Rock oder Ska. In den 80-er Jahren findet der Übergang vom Industrie- ins Informationszeitalter statt, PC und Privatfernsehen entstehen. Gordon Gecko wird zur Ikone der Yuppies, die – ermöglicht durch den Thatcherismus – keine Grenzen kennen. Weder beim Gewinnstreben noch beim Kokainkonsum. Im Kino bricht die Zeit der Mehrteiler an: Back to the Future, Rambo, Indiana Jones. Modisch, da ist man sich mittlerweile einig, waren die 80-er eine Katastrophe.

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In einer Reihe von Experimenten konnte Loveland zeigen, dass Retro-Produkte, die eine nostalgische Sehnsucht erfüllen, gerade bei schlechter Stimmung eine besondere Anziehung auf uns ausüben. Nach der Befriedigung der Grundbedürfnisse steht der Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit an zweiter Stelle. Das Wissen um derartige Mechanismen ist für die Marktforschung von grosser Bedeutung, behauptet die US-Forscherin weiter: «Unternehmen können sich diese Effekte in unsicheren Zeiten, wie beispielsweise in Wirtschaftskrisen, zunutze machen und verstärkt Retro-Produkte auf den Markt bringen.» Dinge, die man bereits von früher kennt, schaffen eine Illusion von Orientierung und Konstanz. Wacklige Wirtschaftswelt Man kann nicht leugnen, dass sich die derzeitige Wirtschaftslage mit all ihren ernüchternden Nebeneffekten, weltweite politische Unruhen und Naturkatastrophen auf unser Verhalten auswirken. Nicht zu leugnen ist auch das derzeit wackelige Konsumentenvertrauen verbunden mit einem Bedürfnis nach Halt und Sicherheit. Von diesem Vertrauen hängt die künftige wirtschaftliche Entwicklung ab. Wer über einen sicheren Arbeitsplatz und ein geregeltes Einkommen verfügt, kann optimistisch in die Zukunft blicken. Und nur dann ist man auch bereit, ausgedehnte Ferien zu planen oder über grössere Anschaffungen wie Auto, Wohnung und weitere mehr oder weniger nützliche Konsumgüter nachzudenken. Umgekehrt sinkt die Konsumlaune, wenn Beschäftigte vermehrt zu Kurzarbeit gezwungen werden oder um ihren Job fürchten. Das oft strapazierte Sprichwort «Die Geschichte wiederholt sich» bezieht sich definitiv nicht nur auf Zeiträume von mehreren hundert Jahren oder auf Gründung und Zerfall grosser Weltreiche. Auch Dinge, die beliebt und erfolgreich, aber nur ein paar wenige Jahre alt sind, können jäh wieder im Hier und Jetzt auftauchen. In der Wirtschaftsgeschichte gibt es erstaunliche Parallelen zwischen Heute und Damals. Und noch erstaunlicher ist, dass das Damals noch gar nicht lange her ist. RetroN°35Punktmagazin

Ab den 80-er Jahren sanken die Inflationsraten, das Wachstum war kräftig und stetig. Die Ökonomen glaubten an einen permanenten Aufschwung. In ihren makroökonomischen Modellen gab es keine grossen Krisen und schon gar keine Blasen. Die Risiken schienen mathematisch-statistisch berechenbar und beherrschbar. In den 90er Jahren war die Welt schon fast perfekt: Der Arbeitsmarkt boomte und das Internet sorgte für eine Schwemme von Firmengründungen und Börsengängen. Doch um die Jahrtausendwende, am Ende der New Economy, kam die grosse Ernüchterung. Börsenwerte in Milliardenhöhe wurden vernichtet. Zurück zu alten Werten Heute stehen wir vielleicht wieder an einem ähnlichen Punkt. Nachdem der Weltwirtschaft zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit klar wurde, dass es nicht immer nur aufwärts gehen kann, stellt man sich vermehrt kritische Fragen. Gibt es andere Möglichkeiten glücklich zu werden, als viel Geld zu verdienen? Sollten Freundschaft, Kinder, Familie und einer Kultur, die wir wertschätzen, nicht eine grössere Bedeutung zugemessen werden? Bis vor kurzem setzten viele eher auf Quantität statt Qualität. Hier hakt die Werbung ein. Zur musikalischen Untermalung der Werbebotschaften werden altbekannte Lieder benutzt. Sie sollen die heute Erwachsenen an ihre Jugend zurückerinnern, ganz nach dem Motto: War das nicht eine schöne Zeit? Denn die Industrie weiss: Wenn die Wirtschaft wieder anzieht, wird die Sehnsucht nach Vergangenem nachlassen. Um nicht von jeder Retro-Welle mitgerissen zu werden, muss jeder selber verstehen, warum und unter welchen Bedingungen etwas in der Vergangenheit gut oder schlecht funktioniert hat. Retrospektiven sind mehr als nur eine Ansammlung von Empfehlungen. Zurückschauen ist ein Prozess, der mit dem Sammeln von Daten beginnt und zur Gewinnung von Einsichten dienen soll. Diese sollen dazu verhelfen, in Zukunft bessere Entscheidungen zu treffen. Und sei es die Entscheidung, mal wieder eine Retro-Welle zu starten.


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Vinyl-Liebhaber drehen sich vor Freude mit 45 Umdrehungen pro Minute im Kreis. Die Schallplatte ist wieder auf dem Vormarsch. Die Zahlen sind verheis­sungsvoll wie schon lange nicht

mehr. Zwischen 2007 und 2010 wuchs die Anzahl verkaufter Platten um sagenhafte 360 Prozent – Tendenz weiterhin steigend. Das totgeglaubte Medium hat sich, wie der sprichwörtliche Phönix, aus der Asche erhoben und wechselte letztes Jahr erstaunliche 3,6 Millionen Mal den Besitzer. Darüber hinaus ist die Dunkelziffer vermutlich höher, als man annehmen würde. Vinyl wird nämlich häufig von wenig bekannten Künstlern bevorzugt, die nicht über einen Barcode verfügen und darum in den Statistiken nicht erfasst werden. Entsprechend wird gemunkelt, dass die tatsächlichen Verkaufszahlen bis zu sieben Mal höher sein könnten. Die Euphorie verebbt jedoch schlagartig, wenn die Zahlen in einem historischen Kontext betrachtet werden. Im Vergleich zu den 70-er Jahren, in denen das kleine Schwarze Jahresabsätze von nicht weniger als 340 Millionen Stück erreichte, erscheint der gegenwärtige Boom in etwa so spannend wie ein JoghurtAusverkauf im Tante-Emma-­Laden. Dennoch ist die Entwicklung interessant, denn zeitgleich verabschiedet sich die CD, der langjährige Marktführer, mehr oder minder definitiv in die ewigen musikalischen Jagdgründe. Symptomatisch dafür ist das gegenwärtig kursierende Gerücht, Major Labels wie Sony, Universal, Warner und EMI wollten spätestens ab Ende 2012 die CD gänzlich begraben

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beziehungsweise auf Sammlereditionen in geringen Stückzahlen beschränken. In der Folge würde noch mehr über digitale Formate abgesetzt. Eine solche Entwicklung scheint bei der LP undenkbar. Disc Jockeys und Audiophile rund um den Globus schwören seit Jahrzehnten ungebrochen auf sie. Um sich wortwörtlich im Grab drehen zu können, bietet die englische Firma «And Vinyly» seit kurzem gar die Möglichkeit, die eigenen sterblichen Überreste in Vinyl zu pressen – «Live on Beyond the Groove». Doch wie überlebt der analoge Dinosaurier in einer Welt, in der die CD viel praktischer ist und Downloads qualitativ immer besser werden? Wieso hält man am Rauschpegel, an der Staub- und Kratz­ empfindlichkeit fest? Es scheint, als wäre der vermeintliche Nachteil der Platte, nämlich ihre Physis, zugleich ihr grösster Vorteil. Und dies nicht nur deshalb, weil die grössere Hülle den Cover-Künstlern freies Austoben ermöglicht. Rein die Tatsache, dass eine Platte­ greifbar ist, sprich neben der Musik auch ein sinnliches Erlebnis bietet, ist relevant. Die Platte ist ein Produkt im eigentlichen Sinn, das sich anhören, anfassen und ansehen lässt. Stöbern, das den Namen auch wirklich verdient, ist nur mit Vinyl möglich. Und während Social Networking heute im Grunde darin besteht, alleine vor dem Computer zu sitzen, ist es beruhigend zu wissen, dass man sich immer noch mit Freunden zu einer echten Tour durch die Platten­läden treffen kann. Um dort, je nach Begleitung,­ auch etwas Anderes anfassen zu können als nur Vinyl. bp


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Das Gegenteil von Retro Robin Hansen prophezeit das Zeitalter der Technologischen Singularität. Behält er Recht, erhalten die Menschen richtig viel Freizeit.­­­Technologische Singularität

herrscht, wenn sich Maschinen mittels künstlicher Intelligenz selber verbessern können. Robin Hansen, Privat­dozent an der George Mason University in Virginia, glaubt, dass dies noch in diesem Jahrhundert geschehen könnte. Um seine Theorie zu verstehen, hilft eine Retrospektive. Hansen teilt die Weltgeschichte in fünf Phasen ein, er nennt sie Singularitäten. Nach Entstehung des Universums (1) folgte die Evolution des menschlichen Gehirns (2), danach die Ökonomie der Jagd (3), anschliessend die der Bauern (4). Jede Phase war jeweils drastisch kürzer war als die vorangegangene. Der weltweite Output hat sich dabei konstant alle paar Jahrhunderte verdoppelt. Mit der I­ ndustriellen Revolution (5) ist die Dauer bis zur Verdoppelung auf wenige Jahrzehnte­geschrumpft. Steigt das Wachstum weiterhin exponentiell an, könnte eine Output-Verdoppelung gemäss Hansen in Zukunft alle paar Wochen stattfinden – und zwar bereits­im Jahr 2075. Der Amerikaner erachtet Intelligenz als Allheilmittel, da mit ihr a­ lle Probleme gelöst werden können. Wenn Computer so intelligent sind wie Menschen – oder sogar intelligenter – lösen­sie auch deren Probleme. Momentan noch gibt es Arbeiten, die Menschen besser können als Computer, bei anderen ist es umgekehrt, bei gewissen spielt es keine Rolle. Mit Eintreffen der Technologischen Singularität würde sich dieses Verhältnis laufend ändern. Mit der Zeit gäbe es nur noch wenige Aufgaben, die Menschen besser erledigen könnten­, für alles andere wären Computer geeigneter. Menschen hätten somit wieder mehr von der knappsten Ressource überhaupt – Zeit. Da Maschinen schnell lernen, würde sich der Lerneffekt­immer weiter erhöhen. Die Herstellungskosten würden mit jeder weiteren Einheit sinken, und­die vermehrte Nutzung zu weiteren Fortschritten führen. Zu guter Letzt müssten­Menschen nur noch wenig arbeiten. Das resultierende niedrigere­Einkommen würde­durch Effizienzgewinne kompensiert. Da nur wenig­menschliche Arbeitszeit ­erforderlich wäre,­könnten die Produkte deutlich günstiger hergestellt werden. Sie wären­­somit auch mit­kleinerem Einkommen erschwinglich. Hansen glaubt übrigens nicht, dass d ­ ie­Funktions­ weise des menschlichen Gehirns komplett verstanden werden kann oder muss. U ­ m es zu­imitieren, sei das auch gar nicht nötig. Eine Simulation, so wie es IBM mit dem BlueBrain-Projekt anstrebt, reiche vollends aus, ist der Wissenschafter überzeugt. DF

Über- statt Unterstreichen Textmarker von Stabilo Boss sind täglich im Einsatz. Gestern, heute – und ziemlich sicher auch morgen. ­Dank Leuchtstiften

muss der Leser einen Text nur überfliegen, und die vom Vorleser in leuchtenden Neofarben markierten Stellen springen­ sofort ins Auge, sie schreien förmlich: «Achtung, hier steht etwas Wichtiges!» Ohne ihre Hilfe würde man sich in so manchem Buchstabenwirrwarr hoffnungslos verirren. Erfunden wurde der Textmarker 1971 vom Deutschen Günter Schwanhäusser. Der Träger des deutschen Bundesverdienstkreuzes trat als gelernter Landwirt 1950 in die SchwanStabilo-Bleistiftfabrik ein. Auf einer ­Ferienreise durch die USA in den 60-er Jahren beobachtete er, wie Studenten Textstellen markierten mit einem Stift, aus dem braune Tinte tropfte: «Das geht besser», war Schwanhäusser überzeugt. Er täuschte sich nicht, und 1971 gelangte der revolutionäre Leuchtstift in die Ladenregale der Welt. Weltweit wurden seither über 1,8 Milliarden Stifte abgesetzt, Stabilo Boss ist der meistverkaufte Textmarker überhaupt. Pro Sekunde werden­ zwei Stück verkauft, das sind 400 000 pro Tag und über 60 Millionen im Jahr. Der Länge nach aneinander gereiht, entsprechen sie eineinhalbmal dem Weltumfang. Die für einen Stift untypische Form wird laufend kopiert, dabei ist sie durch Zufall entstanden. Ein Industriedesigner formte und knetete, entwarf und verwarf, doch es wollte und wollte nicht gelingen. Genervt schlug er mit der flachen Hand auf die Knetmasse – und da lag er, der Prototyp. Der Konzern ist auch heute noch flott unterwegs, zum Geschäftsabschluss Ende Juni 2011 konnte ein weiteres Rekordhalbjahr vermeldet werden. Stabilo-Chef Schwanhäus­ser äussert sich zum Geschäftsbereich Stabilo wie folgt: «Unser jährlicher Neuproduktionsanteil liegt bei 15 Prozent, wir haben den Mix aus Neuem und Bewährtem sorgfältig im Blick. Und der Leuchtmarker, den mein Vater erfunden hat, macht immer noch einen guten Anteil vom Umsatz aus.» Offen bleibt die Frage, warum der «Stift zum Lesen» Leuchtstift genannt wird. So unheimlich praktisch und vielseitig einsetzbar er auch ist, leuchten kann er nicht. RB

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8 bit bis in alle Ewigkeit 8-Bit-Prozessoren sind das Vinyl der Computerindustrie: Veraltet, simpel – aber Kult! Zwar erlauben

8 Bit nur die Darstellung von 256 Zuständen (2 hoch 8, darum 8 Bit), doch für viele Anwendungen reicht das allemal. Moderne Computer verwenden denn auch immer noch ­ – wenn auch nicht als Hauptprozessoren – eine Vielzahl von 8-Bit-Prozessoren. Vor allem in unterstützenden Funktionen kommen sie zum Einsatz, beispielsweise bei Maus, Tastatur und Monitor. Die noch immer häufige Verwendung von 8-BitArchitekturen ist jedoch nicht der Grund für ihre hohe Bekanntheit, denn wer weiss schon, wieviel Bit dieser oder jener Prozessor hat. 8 Bit ist Nostalgie pur und erinnert an die Zeit, als ein einzelner Mensch noch im Stande war, die Funktionsweise eines Computersystems komplett zu verstehen. In den 70-er und 80-er Jahren war das Zusammenbauen von 8-Bit-Bausätzen ein beliebtes Hobby, und auch heute noch werden in Kellern rund um den Globus Widerstände und Leiter zusammen­ geschweisst. Die Freude, wenn das Endprodukt die gewünschten Operationen tatsächlich ausführen kann, ist ungebrochen. Mittlerweile ist 8 Bit sogar Teil der Popkultur, kann fast schon als eigene Kunstrichtung bezeichnet werden. Dies ist dem Charme von Videospielen auf Systemen wie NES von Nintendo und Master System von Sega zu verdanken, die aus heutiger Sicht angenehm primitiv funktionierten: links, rechts, vor, zurück, A oder B. Auch die Grafik war bestechend simpel, lediglich 256x224 Pixel werden dargestellt. In Kombination mit den charakteristischen Sounds der Begleit­melodien (8-Bit-Musik, Bitpop) sorgten Spiele wie Mario Bros, The Legend of Zelda, Donkey Kong Jr., Sonic the Hedgehog oder Track & Field für erste technologiebedingte Begeisterungsstürme in den Wohnzimmern. Wer sich nach den guten alten Zeiten sehnt, aber nicht über eine entsprechende Konsole verfügt, dem hilft moderne Technik. Emulatoren erlauben es, die alten Spiele auf neuen Computern zu simulieren, inklusive Originalgrafik und -musik. Die perfekte 8-Bit-Illusion. DF

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zurück in die zukunft Korg, der führende Hersteller elektronischer ­Musikinstrumente, veröffentlicht seine berühmte Electribe Drum Machine als iPad-App und zieht dabei alle Register des Retro-Futurismus. ­ etro-Kult entsteht meist von selbst. Es R

sei denn, man hilft ein wenig nach. Wie das geht, zeigt der japanische Synthesizer-Riese­Korg mit der Einführung der iElectribe-­App. Zugegeben, die ElectribeProdukt­reihe besitzt bereits einen gewissen Kultstatus. Schon seit Jahrzehnten wird sie von kreativen Musikern als unverzichtbares Hilfsmittel geschätzt. Mit den Korg-Geräten lässt sich so ziemlich jeder Sound erzeugen oder verändern. Zugleich ist die Reihe jedoch langsam aber sicher in die Jahre gekommen und erfährt zunehmend Druck der Konkurrenz. Insbesondere softwarebasierte­ Drum-Maschinen erweisen sich vom Klang her zunehmend als ebenbürtig ­ und überflügeln die Originale gar bezüglich Bedienkomfort und Flexibilität.­ Schliesslich reicht ein gewöhnlicher Laptop, um die Software zu starten, und man braucht keine unhandliche Kiste mit sich herumschleppen. Genau der richtige Zeitpunkt also, um eine­Kehrtwende einzuleiten. Und das tut Korg,­was neidlos anzuerkennen ist, ganz ordentlich. Die Adaption der alten Maschine auf Apples­ schickem Tablet wurde mit viel Liebe zum Detail umgesetzt. Die Oberfläche ist atemberaubend, die Ergonomie wurde elegant der Finger-Steuerung angepasst und fast alle Featu­res des ori-

ginalen Electribe wurden übernommen. Und all das zu einem vergleichsweise­lächerlichen Preis von 20 Franken. Dafür würde man beim Original nicht einmal ein paar Knöpfe kriegen. Ist Korg unter die Altruisten gegangen, oder sind die Japaner ganz einfach übergeschnappt? Weit gefehlt. Mit der iElectribe-App ­eröffnet sich Korg eine neue Zielgruppe,­wenn nicht gleich einen komplett neuen Markt. Der niedrige­Preis lockt Amateure,­die kein Geld für ein Originalprofukt aufwenden können oder wollen, jedoch scharenweise­die Kopie kaufen. Darüber hinaus hätten die meisten (vor allem die jungen) Musikfans die Electribe-­Reihe ohne die App gar nie kennengelernt. Folglich kann Korg da­rauf­spekulieren, dass sich einige Käufer über kurz oder lang neben der App das Original zulegen werden. Dies könnte tatsächlich eintreffen, denn die mangelhafte Konnektivität von Apples Tablet sowie einige Beschneidungen innerhalb der App (ungenügende Export-Funktion, nur ein Effekt gleichzeitig einsetzbar) machen das Programm für professionelle oder Live-Anwendungen nur bedingt brauchbar. Schlimmstenfalls wird mit der App wenigstens der Produkt­name einer breiteren Masse zugänglich gemacht, was nie verkehrt ist. Vor allem aber erschafft Korg mit seinem Retro-Futurismus einen Electribe-Kult, der ohne Apples iPad nie möglich gewe­ sen wäre. Eine ausgezeichnete Strategie,­ der andere Hersteller vielleicht schon bald folgen werden. BP


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Erfrischend abgründig Retro-TV-Serien wie Mad Men und Boardwalk Empire drehen die Zeit zurück in die brummenden 60-er beziehungsweise die ausufernden 20-er. Gefeiert wird die pure­ politische Unkorrektheit. Sie betört und heimst reihenweise Fernsehpreise ein. ­­

Die Hauptcharaktere der beiden Serien sind primitive Machos. Aber nicht, weil sie zu wenig Grips im Kopf oder zu viel Testosteron im Blut hätten, sondern einfach weil es damals normal war. Don Draper, Kreativchef der New Yorker Werbeagentur Sterling Cooper an der Madison Avenue und seinen Chefs in der Serie Mad Men liegt die Welt zu Füssen. Im vielfältigen Sinne des Wortes. Zuhause Frau und Kind, treu und ergeben, unter dem Pult die stets adretten Bürogehilfinnen. Sie selbst nippen derweil un­ unterbrochen an ihrem Whisky-Glas, ziehen genüsslich an der Lucky Strike und sind dabei wahnsinnig erfolgreich. Das hört sich unendlich plump an. Und keiner hält’s für möglich, dass junge Menschen von heute – auch und vor allem Frauen – geradezu süchtig nach diesen Serien sind. Ist die Emanzipation gescheitert, oder woher kommt die Faszination? «Serien wie Mad Men oder Boardwalk Empire sind speziell auch für junge­Leute attraktiv, weil sich darin die abgehobene Marktsphäre, etwa des gegenwärtigen Börsen­geschehens, auf eine politisch erfrischend inkorrekte Weise spiegelt», erklärt Angela Keppler, Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim und Autorin wissenschaftlicher Arbeiten über den Fernsehkonsum. Nikotin- und Alkoholsucht sind im sauberen Gegenwarts-TV nur noch Verlierern und Bösewichten vorbehalten. In den 20-ern oder 60-ern waren sie Zeichen des Wohl-, um nicht zu sagen Anstands. Doch warum vermissen wir heute diese Lust am Fehlbaren und Ruchlosen? Andreas Ziemann, Universitätsprofessor für Mediensoziologie an der Bauhaus-Universität Weimar, erkennt hier den «klassischen Romanstoff» wieder, «der idealtypisch mit gebrochenen Charakteren, mit dem Scheitern und letztlich der kathartischen Erlösung der Protagonisten arbeitet.» In Zeiten ­radikaler Rauchverbote, Abstinenzlertums, veganischer Kindererziehung und PilatesZumba-­Wahn sind Mad Men und Boardwalk Empire willkommene Kontrapunkte.­ Witzig wie tragisch, stilvoll wie abgründig, historisch fundiert wie süffisant unterhaltsam. Und erfolgsverwöhnt. Gleich reihenweise holen sie in den USA Golden Globes und Emmies ab. Die zweite Staffel von Mad Men läuft übrigens seit November­ 2011 im Schweizer Fernsehen. Boardwalk Empire wurde hierzulande bis jetzt nur im Pay TV ausgestrahlt, aber bereits in 160 Länder verkauft. Auch Whiskyproduzenten­ profitieren vom neuen Retro-Hype, 2011 stieg der Absatz von Single Malts im Vergleich zum Vorjahr um 13,4 Prozent. Man spricht vom Mad-Men-Effekt­– für den gemäss Untersuchungen überwiegend Frauen verantwortlich sein sollen. JS

tl;dr Retrospektiven und Zusam­men­fas­ sungen­sollten kurz gehalten werden, sonst­droht ihnen das im Titel abgekürzte Schicksal.­­­tl;dr ist eine im In-

ternet entstandene Abkürzung und steht für «too long; didn’t read» – zu lang, hab’s nicht gelesen. Zeit ist schliesslich das knappste und wertvollste Gut. Wenn sich der Verfasser des Texts viel Mühe gemacht hat, kommt tl;dr zwar einer verbalen Ohrfeige gleich, doch lieber Ohrfeigen­ statt Riesenpleiten. Von diesen wären uns vielleicht einige erspart geblieben, wenn die jeweils Verantwortlichen nicht einfach so getan hätten, als hätten sie die Unterlagen gelesen, sondern sie mit dem Vermerk tl;dr zurückgeschickt. Zumindest wäre so ihr Unwissen bekannt gewesen. Beispiel Swissair-Pleite: Aus den damaligen Unterlagen war durchaus ersichtlich, dass die vorgeschlagenen Beteiligungen nicht lukrativ waren, sondern das Gegenteil davon. Doch die Zeit, um seitenlange Dokumente durchzuackern, hat ein Verwaltungsrat nebst all seinen anderen (Verwaltungsrats-)Mandaten und Verpflichtungen nicht. Gemäss dem tl;dr-Prinzip hätte das Dossier vor der Sabena-Übernahme so ausgesehen: «Verdient Sabena Geld? Nein. Sollen wir Sabena kaufen? Nein.» Erledigt. Auch die Wissenschaft nimmt vermehrt Abschied von ellenlangen Formulierungen, die ja doch nur liest, wer sie korrigieren muss. Ein aktuelles Beispiel liefert eine Forschungsgruppe um den Physiker Michael­ Berry von der University of Bristol. Das von ihm veröffentlichte Paper behandelt die hochkomplexe Frage, ob die scheinbare Neutrino-Überlichtgeschwindigkeit mit quantenmechanischer Messung erklärt werden kann. Den Hintergrund bilden Experimente, bei denen Elementarteilchen – eben diese Neutrinos – auftraten, die sich schneller bewegten als Licht, was gemäss Einsteins Relativitätstheorie nicht möglich ist. Also, können­ nun die Neutrinos mit Quantenmechanik erklärt werden? Die Antwort der ­Forscher: «Wahrscheinlich nicht.» DF PunktmagazinN°35Retro


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markenrecycling Wiederverwertung liegt im Zeitgeist, auch bei Marken. Doch wie schafft man es, einen alten Brand erfolgreich wiederzubeleben? ­Marken, die sich in die Geschichts-

bücher verabschieden, müssen nicht zwingend dort verbleiben. Immer wieder schaffen es Markenmacher, ehemalige Kultmarken wiederzubeleben. Das Motto dabei lautet: Was damals funktioniert hat, tut’s heute auch noch. Gerade in Krisenzeiten setzt mancher darauf, dass sich Konsumenten die Sicherheit von früher zurückwünschen – und dieselben Produkte kaufen wie damals. Das mag funktionieren für ältere Generationen, welche die Produkte selber gekannt haben. Doch wie schafft man es, jüngere Käuferschichten anzusprechen mit einer Marke, die unter Umständen älter ist als sie selber? Eine Antwort dazu lieferte die bekannte Werbeagentur DDB Worldwide in ihren Yellow ­Papers mit vier konkreten Ratschlägen: 1.) Lass die Kunden den Brand wiederentdecken (alte Generation) oder neu entdecken (neue Generation). Ein Retro-Brand muss aufregend sein, darf aber nie die Dualität der Kundschaft vergessen. 2.) Der Brand muss in Verbindung gebracht werden mit zeitlosen und generationenübergreifenden Werten wie Authentizität, Simplizität, Identität, Spass und Mitgliedschaft. 3.) Bleib dir selber treu, aber zeitgenössisch. Es herrscht ein Verdrängungsmarkt, Erfolg hat nur, wer besser ist als die Konkurrenz – Old Brand, New Tricks. 4.) Bilde eine Community. Die Möglichkeiten der sozialen Netz­werke sind riesig. Kunden sollen eben nicht bloss Kunden sein, sondern Fans. Wie das geht, zeigt unter anderem Turnschuhhersteller Converse, der sich gefühlte zehnmal aus der Versenkung empor kämpfte, auf Facebook mittlerweile über 20 Millionen Fans hat und von seinem Paradeschuh, dem Chuck Taylor All Star, weit über 600 Millionen Paar absetzen konnte. DF RetroN°35Punktmagazin

böses holz Holzklötzchen und Brio-Bahnen sind für Kinder lerntechnisch besonders wertvoll, nachhaltig und gesundheitlich unbedenklich. Weit gefehlt! ­Elf Prozent betrug in der

Schweiz das Umsatzwachstum bei traditionellen Spielwaren im ersten Halbjahr 2011 im Vergleich zur Vorjahresperiode. 450 Millionen Franken Jahresumsatz werden 2011 in diesem Sektor laut Rolf Burri, Präsident des Schweizerischen Spielwarenverbands, erwartet. Ähnlich viel wie beim elektronischen Spielzeug (500 Millionen Franken). Holz – seit das Waldsterben als Falschmeldung erklärt wurde der Inbegriff für Nachhaltigkeit – liegt bei Spielwaren voll im Trend, jedenfalls bei Eltern, Göttis und Tanten. Unmengen davon liegt in Form von Brio-Bahnen, Spielbauernhöfen, Klötzchen und Puppenhäusern alljährlich unter den Weihnachtsbäumen. «Da hatten auch wir schon Freude­ daran», spricht’s aus der heiligabendlichen Sofaecke. Verkäufer und Hersteller betonen, wie wertvoll das Material Holz für die Entwicklung der Kinder sei. Und gesundheit­ lich viel unbedenklicher als das giftige­Plastik aus China oder die nervösen­und krank machenden Computerspiele.­Da verdrängt man gerne auch jene­Spielwarentests aus Deutschland, die – gerade­in Holzspiel­

waren – wiederholt Schadstoffe nachgewiesen ­haben. So unter anderem Stiftung ­Warentest, die in einer Untersuchung Ende 2010 in sämtlichen 15 untersuchten Holzspielzeugen schädliche Stoffe nachwies. Allein in den Eisenbahnen von Brio stellten die Forscher erhebliche Mengen Flammschutzmittel, polyzyklische aromatische Kohlen­ wasserstoffe (PAK) und Nickel fest, das sich beim Berühren freisetzt. PAK wurde auch in einem Holzspielzeug für Kleinkinder von IKEA nachgewiesen. In Holzpuzzles fand man Formaldehyd und in Holzbausteinen Nonylphenol, dem ironischerweise schädigende Wirkung auf Fruchtbarkeit und Fortpflanzungsfähigkeit nachgesagt wird. Nur gerade 8 der total 50 getesteten Spielsachen sind gänzlich frei von Schadstoffen. Sechs davon sind aus Plastik. In der Testwiederholung im Oktober 2011 konnten keine wesentlichen Verbesserungen festgestellt werden.­Was soll’s, sagt der Nostalgiker: «Früher hat uns das ja auch nicht umgebracht.» Was soll’s, sagt auch der der Master of Advanced Studies in Education: «Hauptsache, sie werden optimal aufs Berufsleben vorbereitet und lernen, sorgsam mit der schadstoffbelasteten Umwelt umzugehen.» Frohe Weihnachten, trotzdem. JS


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Fliegen ohne Grenzen? Der Luftverkehr boomt. Dank Billigairlines und einem steten Flotten- und Streckenausbau ist Fliegen schon seit längerem zu einer bezahlbaren Selbstverständlichkeit geworden. Doch wo sind die Grenzen?

nicht gesenkt werden können. Das heisst, die Ausgaben für Dienstleistungen müssten reduziert werden.» Bei Singapore Airlines, die zu den weltweit führenden Premium-Fluggesellschaften gehört, ist das nicht denkbar. WortewilmabögelIllustrationFabianWidmer Schliesslich ist es gerade der einmalige und kaum zu übertreffende Bordservice, der die inst waren Flugreisen ein wirkliches Erlebnis. Mit Vorfreude­ Airline auszeichnet. Daher bleibt man den überbrückte man die lange Wartezeit, die zwischen Buchung Werten wie asiatische Gastfreundschaft und im Reisebüro und tatsächlichem Einsteigen in das Flugzeug­ dem Streben nach Perfektion, die 1972 durch verging. Während des Fluges genossen die Passagiere den zuvorkomdas Singapore Girl eingeführt wurden, treu. menden Rundum-Service des Flugpersonals, und selbst nach dem Die Strategie hat Erfolg, der Jahresgewinn 2010 Aussteigen schwebten sie häufig immer noch auf Wolke betrug etwa 778 Millionen Franken Sieben.­Verliebt in eine Dienstleistung, die damals ein kleiund wuchs damit überproportiones Vermögen kostete. nal. Zum Vergleich: Im Krisenjahr «damals haben wir die 2009 betrug er gerade einmal 153 Heute lassen uns unbundling, rebundling und upselling,­ die allesamt Zusatzkosten bedeuten, bereits während der Millionen Franken. Viele­ Passagiepassagiere nach dem Online-Buchung in die Luft gehen. Fliegen ist zwar immer re sind also trotz günstigeren Angenoch eine Dienstleistung, doch scheinbar ist irgendwie der boten immer noch bereit, mehr für Service auf der Strecke geblieben. «Damals haben wir die handschriftlichen ein­ eine Flugreise auszugeben,­wenn sie Passagiere nach dem handschriftlichen Eintragen in die Budafür neben perfektem Entertainchungsliste noch persönlich zum Flieger begleitet», erinnert­ tragen in die buchungs­ ment an Bord auch das Rundumsich Jean-Claude Donzel, der 1967 als Check-In-Agent bei Service-Paket ohne versteckte Serliste noch persönlich vicegebühren und Abstriche bei der der­ damals noch unter den Namen Swissair agierenden grössten Schweizer Fluggesellschaft begann. Betreuung erhalten. «Bei der Swiss zum Flieger begleitet.» gilt das All-Inclusive-Prinzip. Wir Preise im Sinkflug Heute ist Donzel Pressesprecher der bringen den Passagier nicht nur von Swiss. Mit seinen 45 Jahren Erfahrung im Luftverkehr beA nach B, sondern garantieren ihm trachtet er die Veränderungen in seinem Wirtschaftszweig ohne zusätzliche Kosten den Andurchaus kritisch: «Der Preisdruck ist in unserer Branche immens, schlussflug und checken sein Gepäck durch. und auch auf den von uns angebotenen Strecken herrscht durch die Und vor allem gibt es Snacks und Getränke stetige Expansion der Low-Cost-Carrier ein Überangebot an Sitzplätauch weiterhin kostenlos», sagt Jean-Claude zen.» Des Weiteren seien Fluggesellschaften für Politiker optimale­ Donzel. Daran werde sich auch in Zukunft Geldbringer. «Kontinuierlich steigende Gebühren und immer neue nichts ändern. Zuschläge wie beispielsweise für Lärm und jüngst für CO2 lassen Geld in die Staatskassen fliessen. Ganz nach dem Prinzip: Wer sich einen Retro-Veränderungen im Anmarsch Um Flug leisten kann, der verträgt auch noch ein paar Extra­spesen.» dies zu untermauern, wurde die Marke Swiss Steigende Kosten und immer mehr Mitbewerber haben die Fliegerei kürzlich aufgefrischt. Pressesprecher Donzel verändert. «Heute fliegen Massen und die erwarten tendenziell immer dazu: «Unser Land steht für Zuverlässigkeit, tiefere Flugpreise. Dies ist für die Airlines nicht gesund», sagt Louise Qualität und Pünktlichkeit. Werte, die wir Kaben, verantwortlich für PR und Marketing bei Singapore Airlines. als unter der Schweizer Flagge fliegendes Un«Es gibt gewisse Direct Operating Costs wie Taxen und Kerosin, die ternehmen repräsentieren und im Rahmen ¬

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Fliegen soll Spass machen – auch dem Chef. Michael­ Luftfahrtbranche und CEO der von Tony Ryan gegründeten Billigfluggesellschaft ­Ryanair, posiert mit seinen «Girls of Ryanair».

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O’Leary, Enfant terrible­der

unserer täglichen Arbeit leben. Dies soll mit dem neuen Logo noch klarer ersichtlich werden.» Doch wer sich den neuen Auftritt etwas genauer anschaut, der ist verführt zu denken: Schon einmal gesehen! Und wahrlich erinnern sowohl das neue Logo wie auch der Anstrich der Heckflossen mit dem Schweizer Kreuz an das Design des Unternehmens, als es noch unter den Namen Swissair agierte. Ein Vorzeichen für eine gravierende Retro-­Veränderung? Zumindest Werner Alex Walser erinnert sich noch gut an die Zeit, als die Swiss noch Swissair hiess und «eindeutig weniger Menschen in den Genuss einer Flugreise kamen.» Als er im Jahr 1999 sechzigjährig in Pension ging, war er der vermutlich älteste aktive Swissair-Pilot aller Zeiten und konnte auf 34 Jahre Dienstzeit im Cockpit zurückblicken. Für ihn ist vor allem die Automatisierung kennzeichnend für die Veränderungen im Luftverkehr. «Die Fliegerei macht die gleiche Entwicklung durch wie der Supermarkt und die Bahn. Sie ist endgültig zum Alltagsgut degradiert worden. Vieles ist offensichtlich anonymer, ab­strakter oder gar menschenunfreundlicher geworden.» Die Grenze liegt für Walser dort, wo der Kunde­ «aldisiert» wird und keine Auskunftsperson mehr ansprechbar ist. «Den Passagieren wird praktisch das gleiche Produkt angeboten wie früher, jedoch mit weniger Personal. Abläufe werden optimiert, und dadurch steigt der Leistungsdruck auf die Crew», bestätigt auch Valérie Hauswirth, Präsidentin der Schweizerischen Gewerkschaft des Kabinenpersonals (Kapers) und selber aktive Flugbegleiterin, die Aussage des Ex-Piloten und heutigen Buchautors Walser. «Der Traumberuf Flugbegleiterin ist zum harten Knochenjob geworden. Weniger Erholungszeiten, strengere Einsätze und kürzere Aufenthalte im Ausland machen den Beruf sehr viel weniger attraktiv. Ausserdem stellen wir fest, dass sich die Lohnentwicklung nicht an die Anforderungen angepasst hat, im Ver-

gleich mit der gesamtschweizerischen Lohnentwicklung sogar zurückgegangen ist.» Wohin geht die Reise? Fliegen ist nicht mehr, was es einmal war. Aus der einstigen Luxusdienstleistung ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Um diese weiterhin gewährleisten zu können, ist eine Automatisierung vieler Vorgänge unumgänglich. Aber ist das aus Kundensicht überhaupt wünschenswert? Gibt es allenfalls Grenzen, die zu überschreiten eine Bruchlandung nach sich zöge? «Wir kommen nicht darum herum, gründlich umzudenken. Nicht alles, was machbar ist, wird künftig auch noch wünschbar oder gar vernünftig sein. Die Grenzen des Wachstums bekommen immer klarere Konturen», sagt Buchautor Werner Alex Walser. «Der ökologische Druck wird aus meiner Sicht rasch zunehmen, und das Fliegen dürfte wieder zu einem Produkt werden, das nicht mehr so günstig wie heute konsumiert werden kann.» Auch der Selfmade-Trend für Passagiere lässt sich nicht bis zur Unendlichkeit ausbauen. «Im Rahmen der Flugsicherheit bestehen strenge Auflagen von den Fluggesellschaften, Flughäfen, Flugbehörden sowie nationale und internationale Vorschriften, die zwingend befolgt werden müssen. Unregelmässigkeiten beim Buchen, Einchecken oder Verspätungen führen zu Problemen. Hier kommt der Kunde schnell an seine Grenzen», mahnt Valérie Hauswirth von Kapers. Vielleicht ist der Retro-Trend im Rahmen des Luftverkehrs also sogar ein Muss, das durch alte Logos und einstige Uniformen offensichtlich gemacht werden soll. Und vielleicht ist die Freiheit über den Wolken halt doch nicht ganz so grenzenlos, wie uns der deutsche Liedermacher Reinhard Mey – selber­passionierter Pilot – einst weismachen wollte.­Eine­Flugreise wieder als etwas Besonders zu betrachten, damit könnten wir zumindest schon heute anfangen.


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Mit Retro in die Formel 1

Vor fast 200 Jahren begann man bei Nabholz in Schönwerd mit der Kleiderproduktion. Nach einigen Rückschlägen hat die älteste Sportmarke der Welt nun wieder Fahrt aufgenommen und mischt neuerdings sogar in der Formel 1 mit. Die Achterbahnfahrt einer Kultmarke.

Praktisch­ nur mit einem Markennamen im Gepäck wagten sie den Neustart – und hatten Erfolg dabei. Bereits nach kürzester Zeit war die erste Kollektion restlos ausverkauft. Manfred Bruhn, Professor für Marketing an der Universität Basel, erklärt die hohe Nachfrage nach Retro-Artikeln mit dem «Wunsch nach einer heilen Welt, in der noch alles in Ordnung war. Eine Welt, in der die Qualität der Produkte und das Handwerkliche im Vordergrund standen.»

WorteSimonJacoby

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ie letzten 20 Jahre der Firmengeschichte von Nabholz als turbulent zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. 1992: Konkurs. 2002: Neustart mit neuen Akteuren. Ab 2008: Relaunch und Neupositionierung der Marke. Man könnte meinen, die einst so stolze Marke habe ein Problem mit Kontinuität, doch der Schein trügt. Bereits 1821 begann man bei Nabholz mit der Produktion der legendären Bekleidung, damals noch in Schönwerd im Kanton Solothurn. Spätestens mit den Olympischen Sommerspielen 1968 in Mexiko City avancierten die schlichten Kleidungsstücke zum Kult. Nicht weniger als elf Nationen liessen sich damals von Nabholz einkleiden. Trotz der grossen Präsenz an Olympia konnte der Drive nicht gehalten werden. Nur – im Verhältnis zur Firmengeschichte kurze – 22 Jahre nach diesem Höhepunkt musste Konkurs angemeldet werden. Dafür verantwortlich waren jahrelange Misswirtschaft und die Tatsache, dass Nabholz am überteuerten Schweizer Produktions­ standort festhielt. Die Firma war schlicht nicht mehr konkurrenzfähig. Der letzte Geschäftsführer verschenkte sogar, bevor er die Firma schloss, die Namensrechte der Marke. Und zwar seiner Liebesaffäre – der Buchhalterin. Zurück im Markenolymp 2002, also genau zehn Jahre nach dem vorläufigen Ende, kauften die zwei Jungunternehmer Marco Dalla­ Bona und Philippe Saxer für 100 000 Franken die Markenrechte, setzten Claudio Benelli als Geschäftsführer ein und liessen Nabholz von der inzwischen Konkurs gegangenen Firma Dalbotex AG vertreiben. Nun hatten sie zwar die Rechte, doch die Inhaber kannten die alten Produktlinien nicht. Und schliesslich waren es ja genau diese alten Stücke, die damals den Erfolg von Nabholz ausmachten – und wieder ausmachen sollten. Damit an die alten Traditionen angeknüpft werden konnte, schalteten die neuen Besitzer eine Anzeige in der Oltner Zeitung. In dieser wurden die ehemaligen Nabholz-Kunden darum gebeten, ihre alten Stücke einzuschicken. Die Aktion war ein voller Erfolg, offenbar hatte so manch ein Grossvater noch den einen oder anderen stilsicheren Nabholz-Trainer im Keller. Mit derart vielen Retro-Stücken als Vorlage war es für die Jungunternehmer ein Leichtes, neue Produktlinien zu entwerfen.

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Fashion Sportswear statt Trainingsanzüge Keine­ sechs Jahre später war der Höhenflug der Jungunternehmer bereits wieder zu Ende. Sie verkauften die Rechte an den heutigen Besitzer, die Nabholz Sport AG. Als Geschäftsführer wurde Andreas Caduff, der seine Sporen bei Adidas Originals abverdient hatte, eingesetzt. Sein Auftrag lautete, das Label Nabholz neu zu positionieren und im internationalen Markt zu etablieren. Nabholz auf dem Höhepunkt der Popularität an den ­Olympischen Sommerspielen 1968 in Mexiko City­. Nicht weniger als elf Nationen lies­ sen sich von der Traditionsmarke ausstatten.

Seit 2008 findet der grosse Umbruch am neuen Firmenstandort in Wallisellen bei Zürich statt. Es werden jedoch nicht mehr wie früher Trainingsanzüge hergestellt, sondern Fashion Sportswear, wie Caduff im Gespräch auf einer Zwischenstation seiner Europatour durch Dänemark, Schweden und Italien klarstellt: «Mit dem Fokus auf funktionalen Jacken und Mäntel produziert Nabholz künftig


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unter dem Motto ‹Function­ meets Fashion› Premium Sportswear für Männer, die Qualität und Tradition zu schätzen wissen.» Diese komplette Neupositionierung – ermöglicht durch «das historische Kapital und das tolle Logo» – hatte Folgen: Die Kollektionen von Nabholz sind heute nicht mehr im Sporthandel erhältlich, sondern im ­Modefachhandel. Mit diesen Veränderungen hat Nabholz definitiv auf die Überholspur gewechselt. Davon zeugt auch die Partnerschaft mit dem Schweizer Formel-1-Rennstall Sauber. Geschäftsführer Caduff erklärt die sportlichen Ambitionen mit dem Rennstall, der seit 2010 wieder vollständig im Besitz von Gründer Peter Sauber ist, folgendermas­sen: «Mit dem Schritt in die Formel 1 wollen wir für Nabholz im Rahmen des Markenrelaunches eine globale Aufmerksamkeit erreichen – und so Schritt für Schritt neue Märkte erschliessen.» Solche Engagements seien nützlich, um weiterführende Zusammenarbeiten auf unkomplizierter Basis aushandeln zu können. Bereits hätten sich erste Interessenten aus dem asiatischen Markt gemeldet.

Internationalisierung, sondern vor allem auf eine zielgerichtete Markenkommunikation. Caduff und sein Team vertrauen auf die Authentizität, die von der alten Marke ausgeht, und nutzen sie, um die neuen Kleidungsstücke einer erweiterten Kundschaft schmackhaft zu machen. Gleichzeitig sollen natürlich auch frühere Nabholz-Kunden angesprochen werden. «Unsere Zielgruppe besteht aus Männern ab 35 Jahren, die qualitativ hochwertige Produkte mit klarem, reduziertem Design und hoher Funktionalität schätzen und lediglich ihre starke Persönlichkeit unterstreichen wollen. Living Legends mit grosser Lebenserfahrung, die auf ein bewegtes Leben – mit Siegerlächeln statt Bedauern – zurückschauen und gerne an ihre wilden Jahre zurückdenken», beschreibt Caduff die anvisierte Kundschaft. Ihm zufolge brauchen Nabholz-Kunden keine Statussymbole, sondern nordisches Understatement. Seit mittlerweile knapp vier Jahren ist die Schweizer Modemarke wieder auf dem Weg nach oben. Es liegt nun an Caduff und seinem Team, zu beweisen, dass der eingeschlaHohe Funktionalität, reduziertes Design­ gene Weg der richtige ist. Die Chancen sind Trotz des hohen Tempos, das er an den Tag intakt, denn obschon die Marke Nabholz legt, verliert Caduff nicht den Weitblick: «Wir vor allem in den letzten Jahren Neupositiomüssen uns genau überlegen, zu welchem nierungen und Besitzerwechsel zu verkrafZeitpunkt wir welche Schritte machen.» Nab- ten hatte, ist sie geprägt von einer inhärenten holz setzt nicht nur auf hochwertige Materia- Kontinuität, die mit kurzen Unterbrüchen lien, die in Italien verarbeitet werden, und auf seit 1821 anhält. PunktmagazinN°35Retro


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Darstellung: PUNKTmagazin RetroN째35Punktmagazin


ostalgieWirtschaftliches

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ostmarken im aufwind Die Deutsche Demokratische Republik ist tot – lang lebe die DDR! Im ehemaligen Osten Deutschlands hat sich eine Industrie etabliert, die diesen Mythos gewinnbringend ausschlachtet. Auch die Marken von einst erleben eine Renaissance. Wortedmitrijgawrischillustrationfabianwidmer

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s mag sein, dass die Glasscheiben, welche die Überdachung bilden, weniger russig sind als früher. Auch die Halle mag neu sein. Und darin mag sich eine zweistöckige McDonald’s-Filiale eingenistet haben. Aber eigentlich, wird sich manch ein Reisender denken und eine Träne unterdrücken, wenn man es genau betrachtet, ist doch noch alles so wie früher. Noch immer spucken Nachtzüge täglich übermüdete Reisende aus Moskau, Kiew, Warschau und anderen Städten des ehemaligen Ostblocks auf die Bahnsteige des Berliner Ostbahnhofs aus. Noch immer ist das Bahnhofsgebäude auf der Nordseite von grauen Plattenbauten umstellt. Noch immer riecht die Luft im Winter nach Braunkohle. Und wer noch immer nicht überzeugt ist, studiert am besten die Aushänge der Imbissbuden hinter dem Bahnhofs. Die meisten schenken noch immer russische Spezialitäten wie Borschtsch, Soljanka und Wodka aus. Ausgebuchte Plattenbauten Man muss nicht zwingend selber in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik aufgewachsen sein, um in dieser Umgebung Nostalgie zu empfinden. Oder eher: Ostalgie. Die Wortschöpfung, die auf den Kabarettisten Uwe Steimle zurückgeht, meint die Sehnsucht nach den Lebensweisen und Gegenständen aus dem Alltag der untergegangenen DDR. Daher verwundert es auch nicht, dass Daniel Helbig sein Ostel ausgerechnet in einer der Plattenbauten am Ostbahnhof untergebracht hat.

Das Ostel – eigentlich ein Hostel, nur eben ohne «H» – surft erfolgreich auf der Ostalgie-Welle. Hinter dem Empfangstresen zeigen Uhren die Zeit in Moskau, Havanna und Peking an. Sämtliche Plüschsofas, Blumentapeten, Multifunktionstische bis hin zu Portraits des ehemaligen Staatsvorsitzenden Erich Honecker in den Zimmern, die «Pionierlager» oder «Parteizentrale» heissen, sind ostdeutsche Originale. Helbig und sein Partner haben sie auf Flohmärkten sowie Ebay zusammengesammelt, anschliessend gereinigt und restauriert. «Nur Matratzen, Bettwäsche und Badezimmer sind neu», sagt Besitzer Helbig, selber ein Kind der DDR. Auf Kritik von Bürgerrechtlern, in seiner Her­berge werde die DDR-Diktatur verharmlost, reagiert er gelassen: «Wir wollen nicht das Regime von damals zurück. Uns interessiert das Design, in dem Menschen früher gewohnt haben.» Das Konzept scheint zu funktionieren, das Ostel ist meist ausgebucht. Dazu passend mag manchem das Angebot von East Car Tours erscheinen. Seit 2003 bietet die Berliner Firma eine Stadtrundfahrt in einem Trabi, die Trabi-Safari, an. Wer Interesse an einem solchen Trip hat, muss jedoch zuerst in einem Crashkurs die am Lenker angebrachte Krückstockschaltung erlernen. Auch betanken muss man selber, denn der­ ¬ PunktmagazinN°35Retro


Wirtschaftlichesostalgie

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Trabant,­ die ostdeutsche Antwort auf den VW-Käfer, rührt sich nur mit einem BenzinÖl-Gemisch im Verhältnis von 50 zu 1, das an regulären Tankstellen nicht mehr erhältlich ist. Jährlich gehen mehr als 40 000 Menschen mit dem Trabi auf Berlin-Safari, mittlerweile betreibt East Car Tours rund 80 der 24-PSstarken Zweitakter, die im Volksmund wenig schmeichelhaft Rennpappe, Duroplastbomber oder Gehhilfe genannt werden. Dennoch bleibt der Trabant, was soviel wie Begleiter oder Weggefährte bedeutet,­ Kult. Zu DDR-Zeiten war er zudem eine sichere Geldanlage. Da die Wartefrist für­­einen neuen Trabi bis zu 14 Jahre betrug, verloren gebrauchte Fahrzeuge kaum an Wert. Fans hat der Trabi auch heute noch. Allein in Deutschland sind nach Angaben des Verkehrsministeriums – zwanzig Jahre, nachdem am 30. April 1991 der letzte Trabi vom Band lief – noch immer 33 000 Rennpappen auf den Stras­sen unterwegs. Deren Fahrer bezahlen übrigens sehr niedrige Versicherungsprämien. Der Trabi ist dafür bekannt, dass er nur selten liegen bleibt.

spiel die Rotkäppchen Sektkellerei. Mit einem gesamtdeutschen Marktanteil von 46,8 Prozent ist sie nationaler Marktführer. Freilich erwirtschaftet die Firma den Grossteil ihres Umsatzes in Höhe von fast einer Milliarde Franken noch immer in ostdeutschen Bundesländern. Dort trinken zwei von drei Menschen den Sekt der Traditionsmarke Rotkäppchen, in den westlichen Bundesländern ist es nur jeder Zehnte. Von einst 700 DDR-Marken haben 120, also nur knapp jede sechste, bis heute überlebt. Nach der Wende und der Öffnung der Märkte waren viele Ost-Produkte schlicht nicht mehr konkurrenzfähig. Zudem wurden die Regale buchstäblich über Nacht mit Waren aus dem Westen gefüllt, um die anhaltende Abwanderung der Bevölkerung in den reicheren Westen zu stoppen. Der Absatz einst erfolgreicher DDR-Produkte wie Spreewaldgurken, Wernesgrüner-Bier oder Halloren-Schokokugeln brach ein, die meisten Betriebe machten dicht. So wäre es auch Rotkäppchen ergangen, wenn leitende Mitarbeiter um Geschäftsführer Gunter Heise die Firma 1993 nicht aus Marken aus der Asche Auch die Produkt- der Konkursmasse der DDR herausgeholt marken von einst erleben zurzeit eine Re- und privatisiert hätten. Als die Ostdeutschen, naissance. Anders als das Ostel, der Trabi­ enttäuscht von der Wende, sich der Ostalgie oder das ostdeutsche Ampelmännchen mit sowie den Marken von einst zuwandten und Hut und langem Schritt, reiten sie nicht auf auch immer mehr Wessis auf den Geschmack der Retro-Welle, sondern haben ihr Erschei- kamen, setzte Rotkäppchen zum Höhenflug nungsbild modernisiert, um mit westlichen an. Dieser gipfelte in der 2002 erfolgten ÜberProdukten mithalten zu können. So zum Bei- nahme des Konkurrenten Mumm. Es war die RetroN°35Punktmagazin


Kolumne

erste Übernahme überhaupt, die ein ehemaliges Ostunternehmen im Westen tätigte. Osten ist nicht mehr Osten Eine vergleichbare Erfolgsgeschichte schreibt Bautz’ner. Der Senf aus der undweit von Dresden gelegenen Ortschaft Bautzen war zu DDR-Zeiten sehr beliebt. Nach dem Mauer­fall wäre die Marke ebenfalls verschwunden, hätte nicht das bayerische Unternehmen Develey die Senffabrik aufgekauft und modernisiert. Im heutigen Ostdeutschland ist Bautz’ner mit einem Marktanteil von sagenhaften 63 Prozent Marktführer, und auch im gesamtdeutschen Vergleich ist der «Mittelscharfe» von Bautz’ner das beliebteste Produkt. Mit 23 Prozent Marktanteil sogar vor Thomy, das vom Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé produziert wird. Wie Bautz’ner und die meisten anderen Ostmarken gehört auch das DDR-Waschmittel Spee inzwischen einer Firma aus dem Westen, nämlich Henkel. Anders als etwa Develey aus Bayern setzte Henkel jedoch nicht auf den traditionellen Fertigungsort im Osten. Als die vertragliche Ortsbindung verbunden mit steuerlichen Begünstigungen in zweistelliger Millionenhöhe 2009 ausgelaufen war, packte Henkel sämtliche Produktionsanlagen zusammen und verlagerte sie nach Düsseldorf. Das einstige «Persil des Ostens» wird nun im Westen produziert.

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Dr. Mirjam Staub-Bisang

panem et circenses

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taatskrisen in Griechenland und Italien, Atomkatastrophe in Japan, Bürgerkrieg in Syrien, der arabische Frühling – 2011 blieb kein Stein auf dem andern. Ein Annus Horribilis? War früher alles besser? Gewiss nicht. Krisen gab es schon immer, sie folgen Übertreibungen und leiten Bereinigungsprozesse ein. Die Todsünden Habgier, Masslosigkeit, Faulheit und Feigheit sind so alt wie die Menschheit selbst. Beschränkung liegt nicht in unserer Natur, und dennoch ist sie notwendig, um das Überleben von Gemeinschaften zu sichern. Das römische Reich in seiner Endphase bleibt das Paradebeispiel eines verkommenen, nicht nachhaltig organisierten Staatswesens. Überbordende Kosten für Heer und Verwaltung schröpften die Staatskasse. Vetternwirtschaft und Korruption zerstörten das Vertrauen in die Führungseliten. Gelegentliche Wohltaten und Spektakel für das Volk sollten von Missständen ablenken. Aber auch Brot und Spiele – ­Panem et Circenses – konnten den Niedergang Roms nicht aufhalten. Rund tausend Jahre später, im 18. Jahrhundert, drohte den Betreibern sächsischer Silberminen das Holz für Schmelzöfen und zur Abstützung der Stollen auszugehen. Getrieben von der Aussicht auf kurzfristige Gewinne, hatten sie zu viel abgeholzt und beraubten sich so der Quelle ihres Wohlstandes. In der Folge führte der kluge sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz das Prinzip der Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft ein. Er schrieb vor, dass immer nur so viel Holz geschlagen werden darf, wie durch planmässige Aufforstung nachwachsen kann. Zwei Beispiele aus der Vergangenheit, die aktueller nicht sein könnten. Auch heute sind Misswirtschaft bei Staaten und Unternehmen, schlechte Führungsstrukturen und Korruption weit verbreitet. Exzesse sind an der Tagesordnung. Als Folge erleben wir einen epochalen Bereinigungsprozess. Einschneidende Massnahmen sind allgegenwärtig. Hochverschuldete Länder müssen ihre Produktivität erhöhen und die Staatsquote reduzieren. Private Unternehmen werden vom Markt zu Effizienzsteigerungen gezwungen. Industrien erfahren strukturelle Veränderungen, die zum Abbau von Überkapazitäten und Konsolidierungen führen. Der freie Markt sollte bestimmen, was Bestand hat. Für den langfristig orientierten Investor bedeutet das je länger je mehr, dass nur bestehen kann, wer nachhaltig aufgestellt ist. Staaten, die sorgfältig wirtschaften, sind gute Schuldner. Unternehmen, die ihren Ressourcen – Rohstoffe und Humankapital – Sorge tragen und sie effizient nutzen, bleiben langfristig erfolgreich. So finanziert beispielsweise Holcim innovative Energieeffizienz­projekte im Konzern durch den Verkauf überschüssiger CO2-Emissionszertifikate. Siemens setzt sich seit Jahrzehnten für Umwelt- und Arbeitnehmerschutzthemen ein. Neben dem Streben nach ökonomischem Erfolg sind transparente Strukturen sowie die Berücksichtigung ökologischer und sozialer Faktoren nachhaltige Zauberformeln. Von Carlowitz­erkannte das schon vor fast 300 Jahren. Dank seinem Rat sind nachhaltig bewirtschaftete Waldgebiete auch heute noch eine gute Kapitalanlage

Dr. Mirjam Staub-Bisang ist Gründungspartnerin sowie Verwaltungsratsdelegierte von Independent ­Capital Management AG. Die Rechtsanwältin und Buchautorin hält zudem einen MBA-Abschluss der INSEAD.

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So zäh wie der Berg Zai bedeutet auf Rätoromanisch zäh. Zäh sind auch die Skier der gleichnamigen Manufaktur aus dem Bündner Bergdorf ­Disentis. Die von Hand gefertigten Hightech-Bretter vereinen traditionsreiche und hochmoderne Herstellkunst zugleich. ­­ Der Anspruch dabei ist die Erschaffung des perfekten Skis. WorteClaudiaThöny

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isentis im Bündner Oberland. Mit mir verlassen lediglich ein Mann und eine Frau den Waggon der Rhätischen Bahn. Der Mann trägt einen Skisack, auf dem das Logo von Zai erkennbar ist. Ich hänge mich an seine Fersen und treffe kurz nach ihm in der Manufaktur ein, zusammen mit der jungen Frau aus dem Zug, die sich als Medienchefin Rachel Huber vorstellt. Es scheint, als pilgere man nicht nur des Klosters wegen nach Disentis. Die Räumlichkeiten von Zai sind bescheiden und unspektakulär. Spektakulär ist, was sich in ihnen befindet: Andeerer Granit, Eichenfurniere, Carbon, Naturkautschuk, Zedernholz, Nano-HighspeedRenn­beläge und vieles mehr, was dem Ski beste Eigenschaften verleihen soll. In der überschaubaren Werkstatt, die zugleich Hightechcenter ist, herrscht geschäftiges Treiben. Spektakulär sind aber nicht nur die Materialien, sondern vor allem die Art und Weise, wie dieses kleine Team passionierter, einheimischer Skikonstrukteure die Skier zusammenbaut. Die Lithographie im Ski Ich schaue den Männern über die Schultern. Beinahe andächtig sprechen sie über ihre Arbeit mit den «laisas», «feffas», «spadas» und anderen Modellen, die unter ihren HänRetroN°35Punktmagazin

den Gestalt annehmen. Man spürt, dass hier nicht einfach irgendein beliebiges Alltagsgut entsteht, sondern ein hochfunktionales Meisterstück. Möglich macht dies das Zusammenspiel von skitechnischen Virtuosen, besten Rohstoffen und berglerischem Herzblut. In einem Metallgestell liegen die 74 zugeschnittenen Teile für das Modell «testa» zum Schichten bereit. «Ein Ski setzt sich aus 70 bis 120 Einzelteilen zusammen», erklärt Produktionsleiter Marc Demont. Bei einem Massenski sind es lediglich rund 30 Teile. Während Demont mit dem Belag beginnt, arbeitet sich sein Kollege Dominik Lechmann Lage für Lage von der Oberfläche hinunter zum Kern des Skis. Jeder Handgriff sitzt. Nach rund 20 Minuten ist die erste Latte in Sandwichmanier geklebt und bereit für die Presse. Insgesamt arbeitet ein Skibauer sieben bis zehn Stunden an einem einzigen Paar. Ein Fabrikski beansprucht durchschnittlich nur etwa 45 Minuten vollmaschineller Produktionszeit. Die Ausschussquote liegt bei Zai unter einem Prozent. Bei einem jährlichen Absatz von rund 1000 Skipaaren – damit liegt man knapp über der Break-Even-Schwelle – darf die Toleranzgrenze kaum höher sein.


zaiWirtschaftliches

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Anders als die andern Mit dem Ziel, den perfekten Ski herzustellen, gründete der Disentiser Skifanatiker Simon Jacomet vor acht Jahren die Zai-Manufaktur und holte erste Investoren an Bord. Heute hebt sich der Skihersteller nicht nur seiner Geschichte und der ungewohnten Materialien wegen von der Konkurrenz ab. «Um in unserer Marktnische erfolgreich zu sein, müssen wir uns differenzieren. Die Differenzierung macht allerdings immer nur dann Sinn, wenn der Käufer auch von einem wirklichen Mehrwert profitiert», betont Jacomet, der früher technischer Berater des Schweizer Abfahrts-Nationalteams und Skientwickler bei Salomon war. Dieser Mehrwert hat seinen Preis. Allein die Skioberfläche aus Naturkautschuk, welche beispielsweise die Modelle «laisa» und «spada» ziert, kostet so viel wie das gesamte Material eines herkömmlichen Skis. Ist dieser Mehrwert tatsächlich spürbar? Sind Skier von Zai wirklich das Mehrfache eines guten Massenskis wert? Bei Preisen von 3800 bis hin zu­ 10 000 Franken für die limitierten Bentleyoder Hublot-Editionen, ist die Frage durchaus berechtigt. «Wir produzieren Skier für leidenschaftliche Skifahrer, die eine besonders ausgereifte Technik wünschen», erklärt Jacomet den Zusatznutzen. Es sei eine Frage der Prioritäten. «Unser­ Anspruch ist es, kompromisslos das Beste­aus einem Ski herauszuholen. Der Anspruch unserer Kunden ist es, einen solchen Ski zu­fahren», so Jacomet weiter. «Mit unseren­ Produkten wollen wir aber nicht den Millionär­ ansprechen, der des Prestiges wegen einen teuren Ski im Keller haben möchte.» Ihre Kunden entstammten den verschiedensten Gesellschaftsschichten. Sei es der einheimische Malermeister, der als Skifreak gleich vier

Paar Zai-Skier besitze, der erfolgreiche Marketingchef oder die Lehrerin, die ihre Freizeit am liebsten auf der Piste verbringe – ihnen allen gemein sei die Liebe zum Berg und zum Skisport. Und zu den Skiern von Zai. Robust und beständig Die Langlebigkeit der Skier sei eines der kräftigsten Argumente, die für die Marke Zai sprechen. Doch stellt die Robustheit eines Erzeugnisses nicht zugleich ein Absatz-Dilemma dar? «Nein», widerspricht Jacomet entschieden, «unsere Produkte werden ja genau deswegen geschätzt. Ausserdem entspricht eine verminderte Qualität nicht unserer Philosophie.» Mit einem Weltmarktanteil von 0,3 Promille­bewege man sich in einer kleinen Nische, die eine höhere Kompromisslosigkeit zulasse. Kompromisse geht man bei Zai dafür ein, wenn es darum geht, dem zyklischen Wintergeschäft mit zusätzlichen Erwerbszweigen finanziellen Aufwind zu verschaffen. Zum einen mit Bekleidung, zum anderen mit Events, die Zai organisiert. Und bald werden das «zähe» Material und die Technologien auch für die Produktion von Golfschlägern verwendet. «Deren gute Eigenschaften bewähren sich auch im Golfsport. Der Ski ist und bleibt aber unser Herzprodukt», stellt Jacomet klar. Am Herzen liegt ihm auch die kleine Auflagenzahl. Die müsse der Rentabilität wegen zwar noch etwas gesteigert werden. Im Ideal­ fall auf 1500 bis maximal 2000 Paare pro Jahr, aber keinesfalls mehr. Der Firmengründer dazu: «Wir bleiben in unserer Nische. In dem Moment, wo wir expandieren und unsere Produktion nach China verlagern, suche ich augenblicklich das Weite.» Und mit ihm wohl auch seine Mitarbeiter und Kunden.

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brooklyngrangeWirtschaftliches

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Die Gründer der Brooklyn Grange (v.l.): Ben Flanner, Gwen Schantz und Anastasia­

Die Bauern von Brooklyn Nachdem die Meldung vor zwei Jahren für Furore sorgte, ist es wieder ruhiger geworden um den Dachterrassenbauernhof in New York City.­Doch die Bauern von Brooklyn arbeiten härter als je zuvor und leisten ihren Teil zur Lösung eines der grössten Probleme eines überbevölkerten Planeten. WorteMichaËlJarjourBilderAndrewWhite

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ie rote Strickkappe hat möglicherweise eine aufgeregte PRAngestellte kurzfristig aufgetrieben. Vielleicht würde das Neugeborene mit ein bisschen Strick auf dem Kopf einigermassen süss aussehen. Schliesslich würde das Foto dieses Babys um die Welt gehen. Danica May ist auf den Philippinen zur Welt gekommen – zwei Minuten zu früh. Was die UNO damit sagen will: Die Weltbevölkerung wächst immer schneller. Das Mädchen mit der roten Strickkappe steht symbolisch für die sieben Milliarden Menschen, die wir jetzt sind. Zeitungen rund um den Globus druckten das Bild. Und schrieben dazu, dass wir bis Mitte des Jahrhunderts schon neun, bis Ende des Jahrhunderts zehn Milliarden sein werden. Viele, die diesen Schätzungen glauben, machen sich Sorgen um die Milliarden zusätzlicher Mäuler, die es zu stopfen gilt. Nebst der Energieversorgung ist die Nahrungsmittelproduktion eine der grössten Herausforderungen, vor der die Welt steht. Denn um Nahrung für so viele zusätzliche Erdbewohner anzubauen, fehlt der Platz.

Plakias.

Sie selbst wird von ihrem Mann unterstützt, die anderen haben etablierte Gastrogeschäfte.­ «Niemand macht viel Geld mit Bio-Gemüse – egal, wo es angebaut wird. Aber ab nächstem Jahr können wir uns erstmals einen Lohn auszahlen.» Denn diesen Winter wiederholen die fünf Gründer, was sie bereits vor zwei Jahren gemacht haben: Mit einer kleinen Armee von Freiwilligen hieven sie 500 Tonnen Erde auf ein zweites Flachdach in der Stadt und bauen, sobald der Frühling da ist, frisches Gemüse an. Dieses verkaufen sie zur einen Hälfte an Restaurants und zur anderen auf Märkten an Gesundheits- und ökologiebewusste New Yorker. Jedes Kraut, jede Tomate und jeder Salat wird nur an Kunden im Umkreis von drei Meilen geliefert. Zum Vergleich: Wir Schweizer lieben Tomaten aus Marokko. Diese reisen gut 2000 Kilometer, bis sie auf unseren Tellern landen.

Pionierin Roberta’s Im Lieferradius des Dachterrassenbauernhofs befindet sich auch eines der «bemerkenswertesten Restaurants der USA», wie ein Kritiker der New York Trendjournalisten und Hipster Gwen Schantz kann dieses Problem Times das Roberta’s bezeichnet. Es ist bekannt nicht alleine lösen. Doch sie hat neuen Platz für Nahrung geschaffen. für seine Pizzen und die frischen Zutaten, die Gute, gesunde, frische Nahrung. Gwen trägt ausgewaschene Jeans, verwendet werden. Zu Beginn verköstigten einen nicht sitzenden blauen Hoodie und ein Neugeborenes auf dem die Köche im Roberta’s unbekannte KünstArm. Sohn Ott ist weinerlich heute. Er ist eingepackt in eine dicke Ja- ler, die in das neueste Trendviertel Bushwick cke und trägt eine blaue-weisse Kappe. Es ist bereits ziemlich kühl in gezogen waren, später Filmstars wie Kirsten New York. Gwen führt mich auf das Dach eines Lagerhauses ausser- Dunst. Roberta’s ist tatsächlich bemerkenshalb Manhattans. Unter den Füssen haben wir Erde, im Blickfeld die wert – und spielt eine Hauptrolle in der Gebeeindruckende Skyline. Ein Strauch Tomaten hier, das Empire State­ schichte von Gwens Dachterrassenbauernhof, Building da. Es ist dieser Kontrast, der Gwen und ihre Geschäfts- der Brooklyn Grange. partner rund um den Globus bekannt gemacht hat. Trendjournalis- «Es war Sommer 2009, als alles angefangen ten und Hipster waren ganz angetan von der neuartigen Idee. Jetzt, hat. Ich arbeitete damals bei Roberta’s», erein gutes Jahr später, sind die Schlagzeilen weniger geworden. zählt Gwen. Die beiden Eigentümer des Res Doch die Idee findet weiterhin Anerkennung. Die Stadtbauern wa- taurants hatten sie nach Bushwick geholt, um ren gar nominiert für die BBC World Challenge. Ein Auszeichnung für eine riesige Müllhalde neben dem Restausoziale Unternehmer, die Anfangs Dezember 2011 verliehen wurde. rant in einen Gemüsegarten zu verwandeln. Einen monetären Lohn haben sie bis jetzt nicht verdient, sagt Gwen. An diesem Sommernachmittag seien sie ¬ PunktmagazinN°35Retro


Wirtschaftlichesbrooklyngrange

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damit­ beschäftigt gewesen, den Müll, die Schrottautos und den Dreck vom Platz zu schaffen. «Da kam Ben vorbei, Ben Flanner. Er hatte gerade einen kleinen Dachbauernhof in der Umgebung eröffnet und wollte uns seine Tomaten verkaufen.» Gwen und die beiden Restaurantbesitzer waren angetan von der Idee eines Bauernhofs auf einem Dach in der Stadt. Schliesslich trennte man sich mit der Frage, wie man ein solches Unterfangen zu einem rentablen Geschäft machen könnte. Ben kam nur ein paar Tage später zurück und sagte: «Wir brauchen knapp 4000 Quadratmeter, dann lohnt sich das.» Ein Winter später waren 200 000 Dollar gesammelt, ein geeignetes Dach gefunden – und die ersten Tomaten angepflanzt und verkauft. Alles ging sehr schnell und lief gut an, doch keine Minute der unzähligen Arbeitsstunden war bezahlt. Nicht gerade das, was man ein gutes Geschäft nennt. «Es gibt ­v iele Studenten in New York City.­­Ihre Freiwilligenarbeit wird wohl noch länger ein Teil unseres­ Geschäftsmodells bleiben.» Geld verdient heute erst einer. Ein Stadtbauer, den Gwen einstellen konnte. So soll es weitergehen: «Jetzt, da wir wachsen, können wir Stadtbauern in New York City­ bald eine wirkliche Stelle anbieten.» Das neueste Mitglied im Team ist ein Imker. Der von ihm produzierte Honig ist das bisher erfolgreichste Produkt der Brooklyn Grange. Auch dank ihm konnten die Stadtbauern diesen Sommer vierzig Prozent mehr Einnahmen generieren als im Vorjahr. Die Zahlen befänden sich jetzt im tiefen sechsstelligen Bereich. Mit der zweiten Farm, die im Frühling eröffnet wird, sollen sich die Einnahmen verdoppeln. Das Ziel für die nächsten drei Jahre sind fünf weitere Farmen, in jedem Teil New Yorks eine. Total wären das 25 000 Quadratmeter Ackerfläche. RetroN°35Punktmagazin

Ab in den Untergrund Mit ihrem Plan, Nahrungsmittel da anzubauen, wo sie auch tatsächlich benötigt werden, sind die Bauern von Brooklyn in bester Gesellschaft. Weltweit suchen findige Köpfe nach neuem Platz für die Produktion von Nahrungsmitteln. Einer davon ist Dickson Despommier, Professor an der New Yorker Columbia-Universität. Gemäss seinen Berechnungen würde nicht mal zusätzliches Ackerland von der Fläche Brasiliens reichen, um neun Milliarden Menschen zu ernähren. Er glaubt an ein Projekt, das Urban Farming in höhere Sphären treiben soll. Essen soll in sogenannten Farmscrapers angebaut werden. Das sind Hochhäuser, in denen man sowohl Schweine züchten wie auch Gemüse anpflanzen kann. Doch bis dato sind die Kosten und die technischen Hürden zu hoch. Auch wenn zurzeit noch nicht umsetzbar, hat Despommiers Idee mit Gwens Dachterrassenbauernhof und unzähligen anderen Stadtbauern einen gemeinsamen Grundgedanken: Der Acker muss dorthin ziehen, wo die Menschen wohnen – also in die Stadt. Schon jetzt lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung in urbaner Umgebung, bis zum Jahr 2050 sollen es 80 Prozent sein. Gwen verfolgt Despommiers Projekt mit Interesse. Doch sie sucht zurzeit nicht in der Höhe nach neuem Platz, sondern in New Yorks Untergrund. «Wir suchen derzeit nach freien Kellern, um dort Pilze anzubauen. Die brauchen kaum Licht, und Keller gibt es zur Genüge.» Und auch Geld lässt sich mit ihnen verdienen. Nach Tomaten und Honig sollen nun also Pilze der neueste Kassenschlager der Bauern von Brooklyn werden.

Die Ursprünge Urban Farming ist keine­ neue Idee, bereits im alten Ägypten wurden­ leere Flächen in Städten landwirtschaftlich genutzt. Die Inkas wiederum sammelten Regenwasser, um es in dürreren Phasen dazu einzusetzen, die Vegetationszeiten zu verlängern. In der Neuzeit waren es die Einwohner von Detroit, die den Trend notgedrungen als erste wieder aufgegriffen haben. Während einer wirtschaftlichen Depression 1883 wurden sie von der Regierung dazu aufgefordert, leere Flächen agronomisch zu nutzen. Besonders viel wurde während den beiden Weltkriegen produziert. In den härtesten Zeiten zeichneten die sogenannten Victory Gardens für etwa 40 Prozent der gesamten amerikanischen Frucht- und Gemüseproduktion verantwortlich. Mittlerweile hat der Trend, in urbaner Umgebung Gemüse und Früchte anzubauen, fast die ganze Welt erfasst, wobei sich die Art und Weise der Produktion teils stark unterscheidet.


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Lehrbuchweisheiten und ein langfristiger Anlagehorizont

Lehrbuchweisheiten undZinsen ein langfristiger Anlagehorizont sind angesichts tiefer und hoher Volatilitäten schlechte sind angesichts tiefer Zinsen und hoher Volatilitäten schlechte Ratgeber. Um an den Finanzmärkten erfolgreich zu agieren, Ratgeber. Um an den Finanzmärkten erfolgreich zu agieren, sind aktive Strategien und Flexibilität gefragt. sind aktive Strategien und Flexibilität gefragt. Worte: Barbara Kalhammer

Investieren Investieren in in der der

NEUEN neuen NORMALITÄT

normalität Investieren in der neuen Normalität

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Investierbares

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m eine positive Rendite zu erzielen, sollten Aktien mindestens zehn Jahre gehalten werden, lautet eine­ Börsenweisheit, die früher gepredigt wurde. Lange Zeit völlig berechtigt, denn die 90-er Jahre zeichneten sich aus durch niedrige Zinsen und tiefe Inflation in den westlichen Industrienationen. Aktienrenditen waren im Jahresdurchschnitt oft zweistellig. Zwischen 1989 und 1998 brachte die Anlagekategorie Aktien Schweiz ein Totalergebnis (vor Steuern) von 397 Prozent (17,4 Prozent per annum), Obligationen immerhin von 75 Prozent (5,8 Prozent per annum), wie Klaus Spremann und Patrick Scheurle in einer an der Universität St. Gallen durchgeführten Studie herausfanden. Der Start ins neue Jahrtausend dagegen war harzig. Hohe Aktiengewinne und die allgemeine Euphorie wurden abgelöst von hohen Verlusten und Unsicherheit. Die einschneidendsten Ereignisse während dieser Phase waren das Platzen der Dotcom-Blase 2000/2001 und der Immobilien-Blase 2007. Sie führten zu Rezessionen und dramatischen Einbrüchen an den Aktienmärkten. Diese Ereignisse waren es auch, welche die Zehnjahresregel in Frage stellen. Die Unsicherheit hält noch immer an. Viele sprechen sogar von einem verlorenen Jahrzehnt. Aktien­investments brachten zwischen Ende 1998 und Ende 2008 zumeist nur Verluste. Gemäss der oben erwähnten Studie erzielten Aktien Schweiz über diesen Zeitraum ein Totalergebnis (vor Steuern) von nur 2 Prozent, Obligationen hingegen erreichten 40 Prozent. Seither war die Entwicklung durchwachsen. Aktien erlebten deutliche Phasen des Auf- sowie des Abstiegs. Der Blick zurück fällt

BB Aktien

Derivate

2007 1288 1. Anteilsschein Der älteste Anteilsschein, den man heute als Aktie bezeichnen kann, verbrieft ein Achtel der schwedischen Kupfermine Falun.

dementsprechend zwiespältig aus. Viele Anleger wurden von der hohen Volatilität und den Währungskapriolen auf dem falschen Fuss erwischt. Der SMI gab in den letzten zehn Jahren mehr als 13 Prozent nach. Durch die Aufwertung des Frankens verzeichneten auch Dollar-Investments, beispielsweise in den Dow Jones, mit einem Minus von 33 Prozent herbe Verluste. Hierbei muss jedoch berücksichtigt werden, dass beide Indizes die Dividenden nicht miteinrechnen. Der SPI wiederum hat eine Rendite von zwei Prozent pro Jahr erzielt. Doch nach Abzug der Steuern und Inflationsverlusten blieb davon wenig übrig. Anspruchsvolles Umfeld Besonders seit diesem Sommer werden die Märkte wieder kräftig durchgeschüttelt. Neben der europäischen Schuldenkrise sind es wachsende Rezessionsängste, die belastend wirken. Es stellen sich mehrere Fragen: Worauf müssen sich Anleger einstellen? Haben Börsenweisheiten noch ihre Berechtigung? Können überhaupt noch positive Renditen erzielt werden? Peter Bänziger, Anlagechef bei Swisscanto, erwartet ein weiterhin anspruchsvolles und volatiles Umfeld. Die Turbulenzen an den Aktien- und Obligationenmärkten w��rden sich weiter fortsetzen. Früher sei das Investieren in vielerlei Hinsicht einfacher gewesen. So seien erstklassige Obligationen noch risikofrei gewesen, und mindestens die Inflation sei durch Renditen ausgeglichen worden, erklärt Bänziger. Börsenweisheiten wie die Zehnjahresregel hätten heute keine Gültigkeit mehr, starre Leitsätze solle man über Bord werfen. Stattdessen müssten sich Anleger mit einer «neuen Normalität» auseinandersetzen. Diese sei geprägt von rekordtiefen Zinsen und niedrigen Wachstumsraten in den entwickel-

Bonds

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16. Jhd

1.Warenbörse

1. Terminkontrakte

Die erste Börse wird 1409 in Brugge gegründet. Ende 2010 beträgt das Volumen des weltweiten Aktienmarktes 54,9 Billionen Dollar.

Die Anfänge von Termingeschäften reichen bis in die Antike zurück. Im 16. Jhd. bauen die Japaner einen Handel auf, um die Risiken für die Produktionskosten von Reis zu minimieren. Ende 2010 liegt das Volumen des weltweiten Derivatemarktes bei über einer Billiarde Dollar.

1602

2007 1630

1. Aktie

Terminkontrakt auf Tulpen

Die Vereinigte Ostindische Kompanie ist die erste börsenkotierte Firma im europäischen Wirtschaftsraum. Sie entsteht 1602 aus mehreren Firmen zusammen.

1571 London Stock Exchange

1400

Darstellung: PunktMagazin, Quelle: World Federation of Exchanges RetroN°35Punktmagazin

1500

In diesem Jahr werden die ersten Futures auf Tulpen ausgegeben. Der Tulpenhandel wird daraufhin berühmt für seine Spekulationsgeschäfte.

1600

1779

2007 1792

2007 1850

1. Anleihe

New York Stock Exchange

Börse Basel

Die erste Millionenanleihe – damals eine Million Gulden – platzieren die Gebrüder Bethmann für den deutschen Kaiser in Wien.

Zu Beginn der NYSE werden nur fünf Wertpapiere gehandelt. Leitindex der Börse ist der Dow Jones Industrial Average (Mai 1896).

1728

1848

1. Aktienoption

Gründung CBOT

Königlich Westindische und Guineische Kompanie geben erste Aktienoptionen heraus.

Gegründet wird die heutige London Stock Exchange als Royal Exchange.

1300

ten Ländern. Darüber hinaus gehe die Schere des wirtschaftlichen Wachstums zu Gunsten der USA und der Emerging Markets gegenüber Europa auseinander. Die Bewegungen an den Märkten seien heute viel kurzlebiger als früher. Und auch Übertreibungen nach unten und nach oben kämen häufiger vor, so Bänziger. Andere Experten erwarten darüber hinaus, dass die Märkte über einen längeren Zeitraum seitwärts tendieren werden. Oben genannte Aspekte müssen bei einer Investition berücksichtigt und in die Strategie miteinbezogen werden. Wichtig ist ein flexibles Agieren. Ansätze wie Buy and Hold bringen nur wenig Erfolg. Auch Risikovermeidung ist schwierig umzusetzen, denn Sicherheit kostet. Die Zinsen, die mit risiko­ armen Anlagen zu erzielen sind, sind sehr niedrig. Zum Schluss sorgt die Inflation dafür, dass das Endresultat sogar oft negativ ist. Dennoch gibt es einige Grundsätze, mit denen sich Anleger für das schwierige Umfeld wappnen können. In erster Linie sollten sie eine aktive Strategie wählen. In der Vergangenheit waren die meisten Portfolios sehr statisch. Auf Veränderungen an den Märkten konnte nur schwer – und oftmals zu spät – reagiert werden. Mit Hilfe der strategischen Asset Allocation werden die zu erreichenden Ziele definiert. Beachtung findet dabei nicht nur der Ertrag, sondern auch die eigene Risikofähigkeit sowie der Anlagehorizont. Ergänzt wird die Strategie durch die taktische Asset Allocation. Damit wird versucht, kurzfristige Möglichkeiten auszunutzen. Lutz Johanning, Leiter des Lehrstuhls für Empirische Kapitalmarktforschung an der WHU Otto Beisheim School of Management, empfiehlt, über aktive Strategien gezielt Chancen zu nutzen. Zwar seien Risiko­ und Verunsi-

1700

Wertpapierbörsen entstehen in der Schweiz ab Mitte des 19. Jhdt. Die erste Schweizer Börse wird1850 in Genf gegründet. Es folgten Basel (1866), Lausanne und Zürich (beide 1873).

Die erste USRohstoffbörse ist die Chicago Board of Trade.

1800

1900


neue normalitätInvestierbares

cherung an den Märkten derzeit hoch, aber häufig würden sich gerade in diesen Zeiten attraktive Möglichkeiten ergeben. Die definierte Strategie sollte aber regelmässig überprüft werden, da sich durch Auf- und Abwärtsbewegungen an den Märkten das Ursprungsprofil des Portfolios verändert. Die Folge ist oftmals mehr Risiko.­ Märkte, die zuvor stark gewonnen haben, verlieren in einer Baisse überdurchschnittlich viel. Um ein Ungleichgewicht zu vermeiden, ist eine regelmässige Wiederangleichung des Portfolios an die ursprüngliche Asset Allocation notwendig. Investments mit zuvor guter Performance werden abgestossen, andere Anlageklassen werden zugekauft. Das Rebalancing ist eine Form von antizyklischem Verhalten. Bänziger empfiehlt, die Bandbreiten nicht zu eng zu setzen.

«Die neue Normalität ist geprägt von tiefen zinsen und niedrigen wachstumsraten in den entwickelten ländern.» Peter Bänziger

Diversifikation und Auswahl Die Vermögen sollten auf verschiedene Anlageklassen, also Aktien, Anleihen, Rohstoffe und Immobilien, aufgeteilt werden. Um Klumpenrisiken im Depot zu vermeiden, sollte also breit diversifiziert werden. Dazu zählt auch die Streuung über verschiedene Sektoren und Regionen. Bei der Auswahl am Aktienmarkt rät Johanning zu kurzfristigen Anlagen mit geringem Risiko, die auch in Krisenzeiten einen stabilen Kursverlauf aufweisen. Mit einer Anlage in Beteiligungspapiere guter Unternehmen könnten angemessene Renditen als Entschädigung für die übernommenen Risiken erzielt werden. Zudem sind Aktien gros­ ser Unternehmen sehr liquide. Eine hohe Liquidität hat sich bereits in der Vergangenheit bezahlt gemacht. So konnte beispielsweise die Nestlé-­A ktie in den vergangenen zehn Jahren mehr als 48 Prozent an Wert zulegen.

Das Unternehmen besticht zudem mit hohen Dividendenzahlungen. Seit 1959 wurde keine einzige Dividendenkürzung durchgeführt. Auch in Krisenzeiten sind gut geführte Unternehmen im Vorteil, da sie über einen hohen Cashflow verfügen. Weil die Renditen an den Aktien- und Obligationenmärkten tief sind, rücken Dividendenwerte wieder in den Fokus der Anleger. «Blue Chips mit tiefer Bewertung und hohen Dividenden sind einen Blick wert», meint auch Bänziger. Auf der Suche nach neuen Gewinnmöglichkeiten springen viele Anleger auf Trends auf, die sich schnell als Hypes herausstellen könnten. Bei Trends und Modeerscheinungen ist Vorsicht geboten, denn sie haben meist eine kurze Halbwertszeit. Johanning stuft sie als riskant ein, vor allem wenn der Grund für den Trend nicht bekannt ist. Sinnvoller seien ökonomische Analysen der fundamentalen Unternehmenswerte und Chancen. Einen Blick wert seien langfristige Trends wie Umwelt oder Demographie. Anleger müssen sich heute intensiv mit ihrem Portfolio auseinandersetzen. Aktive Strategien sind vorzuziehen. Starre Muster und alte Börsenweisheiten haben ausgedient, Flexibilität ist gefragt. Damit sollte auch taktischen Engagements Raum geboten werden. Die eigene Risiko­fähigkeit darf dabei nicht ausser Acht gelassen werden, ebenso wenig wie die Gefahr der Selbstüberschätzung. Letztlich kann die gewählte Strategie mit den passenden Produkten umgesetzt werden. Voraussetzung dafür sind jedoch genaue Produktkenntnisse. So müssen sich Fondskäufer beispielsweise fortlaufend über die Qualität der aktiven Manager informieren. Denn am Schluss zählt einzig die Rendite ­­– und zwar nach Steuern und Inflation.

Down Jones Index

1929

1973

Grosse Depression

Ölkrise

Am 24.10.1929 platzt die Spekulationsblase. Der Dow Jones fällt an diesem Tag über 12%, innerhalb von zwei Stunden lösen sich 11 Milliarden Dollar in Luft auf – etwa 1,5 % des damaligen US-BIP. Zwischen 1930 und 1933 gehenrund 5000 Banken Pleite und 15% der Einlagen werden vernichtet. Zwischen 1929 und 1933 verlieren die Aktien im Schnitt 75% ihres Wertes.

Wertverlust Aktien 1929-1933

-75%

Benzin-Importe aus Rotterdam weurden binnen Jahresfrist um 250% teurer, der Heizölpreis verdoppelt sich. Der durch die Krise ausgelöste Kursrückgang setzt sich weltweit nachhaltig fort. Die absoluten Tiefststände werden erst knapp ein Jahr nach Ausbruch der Krise erreicht. Die Kursverluste betragen zwischen 30 und 45%.

Wertverlust Aktien 1973-1974

-37%

2007 1987 Schwarzer Montag Dow Jones fällt 22,6% am 19.10.

2007 SubprimeDebakel

2000 002 27000 Dotcom-Blase

780er 002 Banken-Krise Über 1000 Saving and Loans brechen in den USA zusammen, Gesamtschaden: 150 Mrd. Dollar. Höhepunkt 88/89: 763 Banken mit einem Vermögen von 309 Mrd. Dollar gehen Pleite.

1900

Nemax verliert zwischen März 2000 und Oktober 2003 fast 97% - mehr als 200 Mrd. Euro werden vernichtet. Die Marktwerte von Technologieunternehmen sinken zwischen März 2000 und Oktober 2002 um rund 5 Billionen US$.

2008 und 2009 gehen 150 Banken mit einem Totalvermögen von 473 Mrd. Dollar Pleite. Seit der Finanzkrise mussten bereits mehr als 400 US-Banken Konkurs anmelden.

400

Banken-Pleiten 2007-2011

2000

PunktmagazinN°35Retro

43


Investierbares

44

Ausnahmen an den Börsen Immobilienwerte gelten als Fels in der Brandung und sicherer Hafen. Sie zeichnen sich aus durch solide Renditen und bleiben angesichts tiefer Zinsniveaus auch weiterhin attraktiv. Zu Jahresbeginn waren die Erwar-

tungen an die Börsen gross, doch im Laufe des Jahres wurden sie zunichte gemacht. Starke Kurseinbrüche – besonders im August – bescherten Anlegern hohe Verluste. Die Ausnahme bildeten Immobilientitel. Sie konnten sich von den Kursrückgängen schneller erholen als andere Werte. Dies spiegelt sich in der Entwicklung des SXI-Real-Estate-Index, der bis Anfang Dezember rund sechs Prozent zulegen konnte. Ebenfalls ein Plus von sechs Prozent verzeichnete der SXI-Real-Estate-FundsIndex, der die Wertentwicklung von Immobilienfonds misst. Verantwortlich für die grosse Beliebtheit der Immobilientitel ist das anhaltend tiefe Zinsniveau. Gemäss «Immobilien aktuell» der ZKB führte die hohe Nachfrage im ersten Halbjahr zu einer weiteren Renditekompression beziehungsweise steigenden Transaktionspreisen bei Renditeliegenschaften. Zwar macht die erwartete wirtschaftliche Abkühlung Immobilienaktien korrektur­ fähig. Gemäss ZKB werden die Kurse der Werte aber durch die attraktiven Ausschüttungsrenditen von durchschnittlich 4,5 Prozent unterstützt. Darüber hinaus dürften die von der Schweizer Nationalbank festgelegte Euro-Untergrenze und das dadurch mittelfristig gestiegene Inflationsrisiko für Unterstützung sorgen. Denn Immobilien bieten einen gewissen Inflationsschutz. Zu beachten ist jedoch, dass Immobilienaktien teilweise bereits sehr hoch bewertet sind. Dies zeigt sich im Aufpreis, auch Agio genannt. D ­ abei handelt es sich um die Differenz zwischen dem bezahlten Kurs und dem inneren Wert der Aktie. Ein hohes Agio zeigt an, dass die Titel

RetroN°35Punktmagazin

anfälliger sind für Kursrückschläge. Einzelne Immobilienfonds werden bereits mit Aufpreisen von bis zu 25 Prozent über dem von der ZKB erwarteten Nettoinventarwert gehandelt. Die hohen Bewertungen werden jedoch durch die tiefen Zinsen relativiert. Ein weiterer Vorteil von Fonds sind die hohen ausgeschütteten Renditen (im Durchschnitt drei Prozent). Zudem korrelieren sie nur geringfügig mit anderen Anlageklassen. Anleger, die von den weiterhin guten Aussichten profitieren wollen, tun dies am besten durch Kauf von Immobilienaktien wie beispielsweise PSP Swiss Property und Swiss Prime­Site (SPS). Beide Unternehmen konnten in den ersten neun Monaten des Jahres 2011 deutliche Gewinnsteigerungen verbuchen. Im Vergleich zur Vorjahresperiode kletterte der Reingewinn bei SPS um 14 Prozent auf 142,1 Millionen Franken, bei PSP gar um 63 Prozent auf 234,3 Millionen Franken. Weitere Möglichkeiten bieten Allreal, Intershop oder Mobimo. Neben verschiedenen Aktien gibt es ein breites Fondsangebot. Beispielsweise der Swiss-Immo-Securities-Tracker-PlusC von Picard Angst, der seinen Fokus auf die Schweiz legt. Als Referenzindizes fungieren der SWX-Immobilienfonds-Index und der SPI-Real-Estate-TR-Index. Andere Fonds, wie etwa der Credit-Suisse-Real-Estate-Fund-Living-Plus, fokussieren sich auf bestimmte Wohnbereiche wie Seniorenimmobilien, moderne Wohnformen mit integrierten Serviceleistungen sowie zukunftsorientierte Wohnkonzepte. Darüber hinaus werden Fonds auf Regionen wie Europa, Amerika oder Asien angeboten. Neben dem breiten Fondsangebot können Anleger mit strukturierten Produkten und ETF in Immobilien investieren. Die UBS beispielsweise bietet ETF auf die beiden SXI-Immobilienindizes an. BK


Investierbares

45

Kleine ganz gross Small- und Mid-Caps haben im historischen Vergleich die Nase vorn. Besonders stark profitieren sie von zyklischen Aufschwungbewegungen. Gemäss ei-

Rendite nach Steuern zählt

ner Studie von Allianz Global Investors haben europäische Small- und Mid-Caps die Standardwerte zwischen Januar 2001 und März 2011 um 106 Prozentpunkte übertroffen. Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich in der globalen Betrachtung sowie in den USA und den Schwellenländern. Überdurchschnittlich gut war die Performance der mittleren und kleinen Unternehmen jeweils in Erholungsphasen. In der Publikation Investment Dialogue konnten Experten von T. Rowe Price nachweisen, dass die Werte jeweils stark zulegten, wann immer sich in den wirtschaftlichen Indikatoren ein positiver Wendepunkt zeigte. Sobald die Konjunktur auf den Wachstumspfad zurückkehrt, schlägt die Stunde der Small- und Mid-Caps. Nach Rezessionen – oder einem­einschneidenden Börsenereignis wie dem Platzen der Dotcom-Blase – ­legten die Werte um durchschnittlich 50 Prozent zu. Im Anschluss an die Krise stiegen die Aktien zwischen Mai 2009 und Juli­2010 um rund 90 Prozent. Aus der Trendwende resultiert oft eine mehrere Jahre andauernde Aufwärtsbewegung, während der sowohl Small- als auch Mid-Caps auf relativer Basis eine Outperformance verzeichnen, heisst es in der Studie. Auch in der Schweiz erholten sich die Nebenwerte deutlich besser als der Gesamtmarkt. Während der SPI-Small-Index 2010 etwa 21 Prozent und der SPI-Mid rund 18 Prozent zulegten, rutschte der SPI-Large mit 0,1 Prozent ins Minus. Für die Nebenwerte spricht zudem, dass viele in ihrem Bereich zu den Weltmarktführern gehören und daher über Preissetzungsmacht verfügen. Dies widerspiegelt sich laut Frank Hansen,­Leiter des europäischen Nebenwerteteams bei RCM, in der Gewinndynamik. Die Unternehmen befänden sich oft auf einem Wachstumspfad­und­ hätten ein klar abgebrenztes Geschäftsmodell, erklärt Hansen. Es gibt jedoch­ auch Risiken zu berücksichtigen. Small- und Mid-Caps weisen eine­geringere Liquidität auf und sind anfälliger auf Konjunktureinbrüche. Gerade­im aktuell unsicheren Umfeld mit dem erwarteten konjunkturellen Abschwung sollten­ Anleger ihr Engagement in Nebenwerte etwas zurückfahren. Wenn jedoch der Moment der Erholung gekommen ist, dürften Small- und Mid-Caps zu alter Form zurückfinden. BK

Den Markt zu beeinflussen, ist für den einzelnen Anleger so gut wie unmöglich. Besser klappts bei den Steuern.

performance von small- und mid-caps in rezessions- und postrezessions-phasen 1 1-Jahres-Performance Entwicklung nach dem Tiefpunkt der Aktienmärkte

Verlust vom Höchst- bis zum Tiefstpunkt

1945 – 2010

%

94% 83%

90%*

80

75% 65%

35%

59%

56%

53% 44% 35%

100

39%

33%

60

38%

40 20

-5% -9%

0

-11%

-14%

-20

-19%

-27%

-36%

-29% -39%

-34%

-37%

-37%

-40

-37%

-50%

-52%

-60%

-60

ssi on nm Okt. ark 19 8 t-C 7 ras 199 h 0R eze ssi on 199 7 Asi –199 en- 8 K Tec 20 rise hn 00– olo 20 gie 01 -B 200 las e 2A usv erk au 200 f Fin 7–20 anz 10 kri se*

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194

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-80

1) 1945 – 1980: Ibbotson Small Caps Verluste vom Höchst- bis zum Tiefstpunkt und 1-Jahres-Erholung / 1980 – 2009: Russell 2000 frühe Rezession und 1-Jahres-Erholung nach Tiefstpunkt *) Ausverkauf bis 9.3.2009 – Erholung bis 31.10.2010 Quelle: T. ROWE PRICE / Citi Investment Research

Die Zeiten hoher Renditen sind (derzeit) vorbei. Damit sie nach Kosten und Steuern dennoch wenigstens positiv sind, sollten sich Anleger verstärkt um ein rigoroses Kosten- und Steuermanagement bemühen. Kosten können an mehreren Orten auftreten, und schnell liegen sie bei 1,5 bis 2 Prozent. Die Kostentreiber lassen sich in drei Kategorien einordnen: Vermögensverwaltungskosten, Transaktionskosten und Produktgebühren. Die Unterschiede in den Gesamtkosten einer Vermögensverwaltung zwischen den Anbietern sind markant, Vergleiche lohnen sich. Sinnvoll ist zudem, die Vermögenswerte steueroptimiert anzulegen. Dabei ist zu beachten, dass für natürliche Personen mit Wohnsitz Schweiz alle generierten Einkommen steuerpflichtig sind. Zinszahlungen aus Obligationen und Dividendenerträge beispielsweise müssen auf der Steuererklärung deklariert werden. Das Ziel ist somit, das steuerbare Einkommen zu minimieren, das heisst steuerbare Erträge in Kapitalgewinne umzuwandeln, denn diese sind steuerbefreit. Solange die Investitionen nicht gewerblich bedingt sind, können freilich Kapitalverluste nicht kompensiert werden. Soviel zur Theorie. In der Praxis können Anleger durch geschickte Produktwahl ihre Steuern durchaus optimieren, um so die Rendite nach Kosten und Steuern zu erhöhen. Dazu bieten sich insbesondere sogenannte Total-ReturnStrukturen an. Bei diesen werden allfällige Zinsen und/oder Dividenden nicht in einen Fonds oder an den Investor ausgeschüttet, sondern direkt in den zugrunde liegenden Basiswert, beispielsweise einen­ Index, einberechnet. Steuereffiziente Anlageformen sind insbesondere in der Welt der strukturierten Produkte zu finden. Da für die Renditegenerierung oft Optionsstrukturen in die Produkte verpackt werden, gelten Optionsgewinne als Kapitalgewinn. Ein gutes Beispiel dazu liefern Reverse-Convertibles. Diese zahlen zwar einen hohen Coupon aus, doch als Einkommen muss lediglich ein kleiner Teil davon versteuert werden. rb PunktmagazinN°35Retro


46

In vino lucrum Edle Tropfen gewinnen mit den Jahren­ oft stark an Wert und ziehen damit das Interesse der Anleger auf sich. Der

Wein­a nbau blickt auf eine lange Geschichte zurück. Bereits 4000 vor Christus begannen die Ägypter mit dem Anbau von Reben. Heute ist der globale Weinmarkt riesig, das Geschäft mit den edlen Tropfen boomt. An Auktionen sorgen Bordeaux-Weine, aber auch solche aus dem Burgund, dem Rhonetal und einigen wenigen anderen Regionen, immer wieder für neue Rekordpreise. Ein wichtiger Faktor für die Preisbestimmung ist die vorhandene Menge, aber auch die Anzahl Parker-Punkte fliesst mit ein. Im Allgemeinen zu den Top-Weinen zählen Lafite Rothschild, Latour, Margaux und Petrus. Als Top-Jahrgänge gelten unter anderem 1961, 1982, 2000 und 2005. Einen Überblick über die Preisentwicklung des ganzen Segments ermöglicht der Livex 100. Der Fine-Wine-Index erfasst dagegen nur die Performance der 100 beliebtesten Qualitätsweine. Seit Anfang 2009 hat er rund 50 Prozent zugelegt, auf Fünf-Jahres-Sicht sogar mehr als 80 Prozent. Seit dem Allzeithoch von Ende Juni 2011 haben die Preise jedoch stark nachgegeben. «Eine nötige Preiskorrektur», sagen Experten. Gemäss ihnen wurden die Preise in den letzten Jahren stark nach oben getrieben, einige Weine waren klar «überbewertet». Ein Beispiel dafür liefern die drei Flaschen Château Lafite, Jahrgang 1869, die von Sotheby’s im vergangenen Jahr für je etwa 230 000 Dollar versteigert wurden. Der neue Eigentümer ist asiatischer Herkunft, was einem Trend entspricht, denn zusehends bestimmen sie das Geschehen im internationalen Spitzenweingeschäft. Auch ihr Weinkonsum nimmt weiter zu, nachdem er bereits in den letzten zehn Jahren um zehn Prozent wuchs. Gemäss Prognosen dürften Chinesen bis 2013 die siebtgrössten Weinabnehmer sein. Anleger sollten bei Investitionen in Weine einen längerfristigen Horizont verfolgen. Die Auswahl selber zu treffen, verlangt Fingerspitzengefühl und vertiefte Kenntnis des Weinmarktes. Beraten lassen kann man sich beim lokalen Weinhändler. Wer sich das nicht zutraut und lieber über Fonds wie den Wine Growth Fund investiert, braucht das nötige Kleingeld. Beteiligungen sind zwischen 10 000 und 125 000 Euro zu haben. Auch der Abgang der Geschichte ist eher harzig. Denn Wein ist zwar flüssig, doch im börsentechnischen Sinne sind die Anlagen alles andere als liquid. BK

Wandelanleihen für Krisenzeiten Sie sind weder Fisch noch Vogel und geraten oft in Vergessenheit. Doch im Vergleich zum Markt schlagen sich Wandelanleihen gut. Ein Grund, sie etwas genauer unter die Lupe­zu nehmen. Das aktuelle und wohl länger andauernde Tief-

zinsumfeld hält für Obligationen-Anleger nur sehr magere Angebote bereit. Die Aktienmärkte wiederum schwanken stark, niemand weiss mit Sicherheit, ob sie weiter fallen oder wieder steigen werden. In einer solchen Situation kann der Einsatz von Wandelanleihen sinnvoll sein. Wandelanleihen sind keine neuen Produkte, bereits vor rund 150 Jahren wurden sie zur Finanzierung einer US-Eisenbahngesellschaft herausgegeben. Wandelanleihen, auch Convertible Bonds genannt, sind Schuldverschreibungen eines Unternehmens, die während einer bestimmten Laufzeit und zu einem festgelegten Umtauschverhältnis in Aktien des Emittenten umgewandelt werden können. Bei unsicheren Marktverhältnissen kann sich der Besitzer die Obligation auszahlen lassen. Wenn die Börsenkurse jedoch steigen, kann er in Aktien wandeln und von den steigenden Kursen profitieren. Die Kehrseite ist ein vergleichsweise geringer Coupon. Wandler sind somit eine Art Zwitter aus Anleihen und Aktien, denn sie beinhalten eine Obligationenkomponente und einen Optionsteil. Diese beiden sind untrennbar miteinander verbunden und müssen somit als Einheit in die Gesamtbewertung einfliessen. Aufgrund ihres dualen Charakters­ ist die Bewertung von Wandelanleihen eine komplexe Angelegenheit. Ihr Kurswert lässt sich vereinfacht in zwei Bereiche aufteilen: Der Preis der Obligation und der Wert des Wandelrechts. Der Obligationenteil wird analog einer Unternehmensanleihe bewertet und ist ebenfalls dem Zinsänderungs- und Ausfallrisiko ausgesetzt. Steigende Zinsen bewirken einen niedrigen Bond Value – und umgekehrt. Bei einem Ausfall des Emittenten sind sowohl der Anleihenteil wie auch die Aktie für den Anleger wertlos. Die Optionskomponente wird mit gängigen Optionspreismodellen bewertet. Preisbestimmend sind Basiswert, Volatilität, Laufzeit, Dividenden und Zinsen. Aufgrund der hohen Komplexität lohnt sich für Anleger der Weg über eine von Profis verwaltete Lösung. Die Performance der in der Schweiz zahlreich zugelassenen Anlagefonds lässt sich über mittlere Frist durchaus sehen. Über einen Zeitraum von drei Jahren zeigen viele gar ein zweistelliges Kursplus. RB

Wandelanleihenfonds – global fonds / ETF

Anbieter ISIN

TER %

Man Convertible Global CHF Man Convertible Global Jefferies Global Convertible CHF Credit Suisse Convert Int. CHF Fisch Hybrid International CHF

Man Man Jefferies Credit Suisse Fisch

1.89% 1.81% 2.19% 1.40% 0.74%

LU0446913450 LU0245991913 LU0172460627 CH0019308367 LU0162832744

YTD %

3 Jahre

-9.25 % -10.01% -14.27% -10.46% -9.32%

n.a. n.a. 33.79% 19.54% 24.47%

Wandelanleihenfonds – asien fonds / ETF

Anbieter ISIN

TER %

Schorders Asian Convertible EUR Parvest Convertible Bond Asia USD LO Convertible Bonds Asia CHF Man Convertibles Far East CHF

Schroders BNP Paribas Lombard Odier Man Investments

1.74% 1.06% 1.45% 1.77%

LU0352096621 LU0111466271 LU0394779473 LU0424369766

YTD %

3 Jahre

-12% -14.89% -11.10% -14.08%

15.73% 11.90% n.a. n.a.

Wandelanleihenfonds – Europa fonds / ETF

Anbieter ISIN

TER %

Jefferies Europe Convertible Bond UBS Bond Fund Convert Europe Man Convertible Europe

Jefferies UBS Man Investments

2.25% 1.85% 1.82%

LU0114352973 LU0108066076 LU0424369923

YTD %

3 Jahre

-7.56% -16.13% -11.58%

4.05% 11.26% n.a.

Quelle: Morningstar, Stand: 24.11.2011


Unsicherheit in Profit ummünzen gen, Sparkonten und Obligationen lassen sich aktuell nur sehr geringe Renditen erzielen. Bessere Chancen bieten sich an den Aktienmärkten, doch aufgrund hoher Volatilitäten sind Investitionen schwierig­ und bergen grosse Risiken. Es gibt jedoch Instrumente, mit denen sich Anleger die Turbulenzen an den Börsen zunutze machen können. Durch die höhere Volatilität sind die Optionsprämien gestiegen. Anleger, die ein strukturiertes Produkt erwerben, bei dem sie indirekt Optionen kaufen, bezahlen somit einen hohen Preis. Genau umgekehrt verhält es sich beim Verkauf einer Option. Hier profitieren Anleger von den hohen Optionsprämien. Diese machen sich beispielsweise in tieferen Barrieren oder attraktiveren Couponzahlungen bemerkbar. Somit dürfte sich ein Blick auf Barrier Reverse Convertibles (BRC) lohnen, da mit diesen Instrumenten von seitwärts tendierenden Kursen profitieren werden kann. BRC verfügen über zwei wichtige Komponenten, die Barriere und den Coupon. Letzterer wird Anlegern in jedem Fall, also unabhängig von der Performance des Basiswerts, ausbezahlt. Die Barriere bietet einen bedingten Kapitalschutz. Wird sie während der Laufzeit nicht von der Aktie unterschritten, so erhält der Anleger seinen investierten Betrag zurück – und den hohen­Coupon dazu. Wird die Barriere jedoch unterschritten, wird dem Anleger­ statt des Geldes der Basiswert, beispielsweise eine Aktie, ins Depot geliefert. Aufgrund des hohen Coupons lassen sich Anleger zum Kauf von BRC verleiten, ohne die Produktdetails genau zu kennen. Zu ­berücksichtigen ist in erster Linie, dass man mit dem Kauf eines BRC Aktienkursrisiken eingeht, da es sich nicht um ein obligationenähnliches Produkt handelt. Zudem sollte der Basiswert sorgfältig ausgewählt werden, denn schliesslich besteht ein gewisses Risiko, die Aktie nach Ende der Laufzeit im Depot­zu haben. Vorsicht ist auch bei sogenannten worst-of- oder Multi-Strukturen geboten. Bei diesen liegen dem BRC mehrere Basiswerte zugrunde, beispielsweise ein Korb aus drei oder fünf Aktien. Berührt einer davon während der Laufzeit die Barriere oder fällt darunter, erhält der Anleger denjenigen Titel mit der schlechtesten Performance geliefert. Solche Produkte sind verlockend, da sie höhere Coupons bieten. Doch Anleger sollten die Vor- und Nachteile genau abwägen. Schutz vor Kursverlusten bieten Risikopuffer von über 30 Prozent, dafür sind bei diesen die Coupons kleiner. Mit genauen Produktkenntnissen bieten BRC durchaus Möglichkeiten, um in volatilen Phasen attraktive Renditen zu erzielen. Angebote sind zahlreich vorhanden, an der Derivatebörse Scoach werden zurzeit rund 2600 BRC und über 3000 Multi-BRC angeboten. BK

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Aktienanlagen werden zurzeit erschwert durch grosse Schwankungen an den Finanzmärkten. Eine Alternative bieten – gerade in Krisenzeiten – Barrier Reverse Convertibles. Mit Geldmarktanla-


Investierbares

48

Warum Backtests immer gut ausfallen Bei etlichen Derivaten dienen optisch aufgepeppte Vergleiche mit der vergangenen Performance als wichtiges Verkaufsargument. Doch die gewählten Zeiträume sind oft willkürlich – Vorsicht ist daher angebracht. WorteMatthiasNiklowitz

B

acktests werden vorgenommen, um zu sehen, wie sich eine Strategie in der Vergangenheit verhalten hätte. Doch bei professionellen Investoren haben sie einen schlechten Ruf. Die kalifornische Beamtenpensionskasse Calpers, einer der grössten institutionellen Geldverwalter überhaupt, teilt in seinen Jahresberichten jeweils ausdrücklich mit, das Vertrauen in diese Tests sei minim. Calpers zieht es vor, den Track Record selber, also den Leistungsausweis eines Fondsmanagers über mindestens drei Jahre, als Massstab heranzuziehen. Backtests, so die Kritik aus Kalifornien, optimierten die Vergangenheit und verführten zu backtest-optimierten Strategien und Produkten. Beispiele für zweifelhafte Resultate nach der Auflegung sind insbesondere bei Strategie- und Alpha-Produkten zu finden. Das Zertifikat mit dem Börsensymbol TWIST beispielsweise, ein Total-Return-Produkt auf Schweizer Aktien, lief bis letzten Monat dem Markt deutlich hinterher. Auch das strukturierte Anlageprodukt BSAAF, ebenfalls auf Schweizer Aktien, hat den Anlegern bisher keinen Mehrwert gebracht. Extrem ist das Produkt mit dem Ticker DYNMX, ein Momentum-Strategiebasket auf SMI-Aktien. Zwischen Ende 2005 und Frühling 2009 stiegen die Preise ordentlich, teilweise sogar massiv. «Momentum-Anlagestrategien basieren auf der Annahme, dass sich historische Aktienkursentwicklungen auch in Zukunft fortsetzen», heisst es im Begleittext zur Emission des Produkts. «Ein entsprechender Anlageprozess, der aus dem Anlageuniversum periodisch bestimmte Aktien als Winner- und Loser-Aktien identifiziert, erstere kauft und letztere leerverkauft, kann im Vergleich zum zugrundeliegenden Anlageuniversum eine höhere Rendite aufweisen.» Der Absturz kam im März 2009. Wer bei der Zeichnung dabei gewesen war, hat drei Viertel seiner Investition verloren.

Jahr über 450 Broker, die weltweit um Kunden buhlen. Auch und gerade mit Strategien, die sich auf Backtests abstützen. «Generell verhilft ein Backtesting dem Anleger, ein Gefühl zu bekommen, wie die vergangene Wertentwicklung gewesen wäre, beziehungsweise wie eine bestimmte Produktstrategie funktioniert hätte», sagt Pedram Payami, Derivateexperte bei EFG International, einer schweizerischen Privatbank. «Neben der Performanceentwicklung kann der Anleger die historische Schwankungsintensität im Backtesting betrachten», fährt Payami fort. «Backtestings geben Aufschluss darüber, wie sich ein Basiswert oder eine bestimmte Strategie in der Vergangenheit in unterschiedlichen Marktsituationen wie Bullenmarkt, Bärenmarkt, Seitwärtsmarkt et cetera entwickelt hat oder entwickelt hätte», sagt auch Florian Stasch, Experte bei Royal Bank of Scotland, «und Aktienanleger schauen auch auf die Charts der Aktien, deren Kauf sie erwägen.» Die historische Entwicklung einer Aktie ist jedoch kein Garant für die zukünftige Entwicklung. «Dies gilt auch für Backtestings», fügt Stasch an. «Bei RBS wird unter allen vergangenheitsbezogenen Grafiken explizit da­ rauf hingewiesen, dass die dargestellten Informationen auf Daten aus der Vergangenheit und/oder auf Szenarioanalysen beruhen und keinen verlässlichen Indikator für zukünftige Entwicklungen darstellen.»

Wichtig sind hochwertige Daten Ein Pro­ blem von Backtests ist, dass Investoren erst in der Rückschau erkennen, wann der richtige Zeitpunkt für einen Strategiewechsel gekommen wäre. Noch im Sommer 2008 beispielsweise hatte Goldman Sachs einige Produkte auf fünf Basisindikatoren aufgelegt, mit denen Hedge-Fund-Strategien einfach und effizient nachgebildet werden sollten. In den Folgemonaten versagten diese, weil die Märkte nicht vorhergesehene Kapriolen hinlegten und die ganzen Korrelationsmodelle unter dem Druck der Finanzkrise versagten. «Es gibt Strategien, die explizit auf Vergangenheitsmuster setzen», sagt Stasch, «und mit Zeitreihenanalysen können teilweise Muster beziehungsweise Opportunitäten identifiziert werden, die, zum Beispiel über dynamische Strategien, für Anleger investierbar werden.» Der Zeitraum für eine RückrechGefühl für die Vergangenheit Es sind laut nung müsse lang genug sein, um die Strategie Experten quantitative Anlagestrategien, bei in verschiedenen Marktsituationen wie zum denen Backtests Sinn machen. «Investoren Beispiel Bullenmarkt oder Bärenmarkt zu tessind gegenwärtig mit einem Übermass an­An- ten. «Wenn die Strategie regelbasiert ist und lageratschlägen konfrontiert», sagt Eduardo­ ausreichende historische Daten von den benöLecubarri, Analyst bei JP Morgan. Das In­ tigten Referenzmärkten vorhanden sind, so ist stitutional-Broker-Magazin zählte letztes die Aussagekraft gegeben», sagt auch Payami. RetroN°35Punktmagazin

Falls qualitativ hochwertige Daten zur Verfügung stehen, lassen sich laut Stasch Rückrechnungen bei allen Basiswerten erstellen. «Der Aufwand bei den Berechnungen kann variieren», gibt er zu bedenken. Denn es spielt eine grosse Rolle, ob als Datengrundlage­beispielsweise ein Spot-Preis wie bei Gold oder, wie bei Rohöl, ein Future mit den damit verbundenen Rollkosten verwendet wird. «Bei der Aussagekraft von solch einem Backtesting kommt es konkret auf die Strategie des Produktes an, und was man mit dem Backtesting erreichen will», erklärt Payami, «Backtestings sollten nie ausschliesslich als Grundlage für eine Investitionsentscheidung herangezogen werden, sondern lediglich als Ergänzung.» Stasch pflichtet dem bei: «Eine Vergangenheitsbetrachtung jedweder Art, egal ob es sich um die historische Entwicklung einer Aktie oder um einen Backtest handelt, kann kein Garant für zukünftige Entwicklungen sein.» Gegen Sell-Side-Empfehlungen Es gibt akademische Arbeiten zur Qualität von Backtests. Beispielsweise von Eduardo Lecubarri, Analyst bei JP Morgan, der über einen Zeitraum von 20 Jahren Backtests und Track Records von Analystenmeinungen über 56 unterschiedliche Indikatoren verglichen hat. Seine Schlussfolgerungen sind simpel: «Zusätzliche Performance kommt dadurch zustande, dass Anleger das kaufen, was andere gerade nicht möchten und das verkaufen, was andere gerade kaufen.» Er verwendet die Backtests als empirische Grundlage für den vergangenen Erfolg und als Hinweis, um die Erkenntnisse­ in der Praxis umzusetzen. «Konsensempfehlungen von Analysten brachten keine zusätzlichen Erträge. Im Gegenteil, sie brachten eher Minderperformance», stellt Lecubarri fest. Wer also die Aktien mit den niedrigsten­Umsatz- und Gewinnzuwachsprognosen kaufte und diejenigen mit den höchsten verkaufte, schlug die Aktien mit den besten Prognosen seit 1990 in jedem Jahr. «Je bullisher die Erwartungen, desto besser die Ergebnisse», lautet sein Fazit, «und ein Meinungsumschwung von Analystenschätzungen ist eher ein nachals ein vorauslaufender Indikator.» Helfen kann auch die Betrachtung von Preis-­Momentum-Kurven. Sie zeigen, wann sich Trends geändert haben. Auch hier spielen persönliche Meinungen hinein. Denn wenn einzelne aktive Top-Manager in kleinem Ausmass die Aktien der eigenen Firma als gemeldete Insider-Transaktionen kauften, erwies sich das als positives Signal. Diese Strategie funktioniere laut den JP-Morgan-Analysten am besten, wenn die Aktie zuvor eine mediokre Performance aufwies. Und die ist praktisch das Gegenteil eines positiven Backtests.


Ein Thema, zwei Standpunkte

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NachGefragtBarbaraKalhammer

Dan ie un d l L amp a a ­Gew r beitet r t ist D o k to er k s a rd ch l s C www . s g b af t s b u h e f ö k o e r W i r .c h nom nd. ts b e i m c h af t s S c h ge s ch i w ei zer i chte­ s ch en

Jan -E ge w gb er t S an tu t u r f d te M a r m i s t or s c kr oö s ei t E k w w w hun g s s te o n o m i e n d e 2 0 0 . k of .e t h l 5 u l e d z .c h e r E n d L e i t P r ofe s er d TH Z s er K o r f ür ür ic An OF K h. o nju nk-

PUNKTmagazin Kaum liegen Finanz- und Wirtschaftskrise hinter uns, müssen wir mit der Schuldenkrise und einer erneuten wirtschaftlichen Abschwächung zurechtkommen. Ist das eine Realität, mit der wir uns abfinden müssen? Welche Lehren können aus der Vergangenheit gezogen werden? Daniel Lampart (DL)_ Die Krisen wurden durch übertriebene Reaktionen an den Finanzmärkten verschärft. Ein Beispiel dafür: Eine Obligation von General Electric war 2009 phasenweise nur noch die Hälfte dessen wert, was heute an der Börse dafür bezahlt wird. Ähnlich verhält es sich heutzutage mit den Obligationen gewisser Staaten. Das Staatsdefizit und die Staatsschuld Belgiens beispielsweise sind volkswirtschaftlich gesehen absolut tragbar. Das trifft weitgehend auch auf Italien zu. Dennoch müssen Anleger hohe bis sehr hohe Zinsaufschläge bezahlen. Diese kurzfristigen Extrembewegungen verstärken die Probleme massiv. Die Sparprogramme in der Eurozone verschlechtern die Finanzperspektiven der Länder. Jan-Egbert Sturm (JES)_ Die Vergangenheit hat uns gelehrt, dass auch wieder bessere Zeiten kommen werden. Natürlich werden sich die fiskalpolitischen Probleme in vielen industrialisierten Ländern nicht einfach in Luft auflösen. Dreh- und Angelpunkt des Interesses sind insbesondere die Länder Griechenland, Italien, Portugal und Spanien. Die Bevölkerung dieser Staaten muss sich auf einschneidende Sparmassnahmen seitens der Regierungen einstellen. Immerhin ist die Privatwirtschaft, die ja im Zuge der Finanzkrise teilweise vom Staat gerettet werden musste, in vielerlei Hinsicht wieder unabhängiger und besser aufgestellt, als es momentan den Anschein hat. Worauf müssen sich Anleger im kommenden Anlagejahr einstellen? DL_ Es ist zu hoffen, dass die Nationalbank gegen den überbewerteten Franken vorgehen wird. Was die Wirtschaftspolitik in der Euro­zone betrifft, ist die Hoffnung weniger gross. Die Spar- und Deflationspolitik droht zu dominieren. Die Folge wäre eine Rezession in Europa. Die sogenannte Schuldenkrise wird – wie bereits erwähnt – leider klar überschätzt. Die Zinsen sind aufgrund einer Panikreaktion hochgeschossen. Eine volkswirtschaftlich nüchterne Analyse würde zeigen, dass es weit weniger Anlass für diese Aufschläge gibt. Doch es bleibt noch Zeit für eine Rückkehr zur Vernunft. Kurzfristig kann Italien auch mit den hohen Zinsen überleben. JES_ Die Finanzmärkte zeichnen sich aktuell durch enorme Schwankungen aus. Der Grund für diese hohen Volatilitäten sind die vorherrschenden Unsicherheiten. Diese Situation dürfte sich noch einige Zeit fortsetzen. Die Kunst wird für Anleger darin bestehen, neue Wachstumsmärkte – die gibt es, da bin ich überzeugt – rechtzeitig zu erkennen. Die Risiken sind heutzutage mehr als offensichtlich. Die Chancen dagegen gehen hinter dem Berg der Risiken beinahe vergessen. Wie schätzen Sie die Gefahr einer konjunkturellen Abschwächung ein? DL_ Wenn der Franken überbewertet bleibt, und die EU-Staaten an der Sparpolitik festhalten, wird eine Rezession Realität werden. Bereits im vierten Quartal dürfte das Bruttoinlandprodukt der Eurozone im Minus gewe-

RetroN°35Punktmagazin


Daniel Lampart & jan-egbert sturmInvestierbares

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sen sein. Die Schweiz als kleines Land in Europa kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen. Insbesondere dann nicht, wenn der Franken so extrem bewertet ist. Die Arbeitslosigkeit steigt in der Schweiz schon wieder an. Gemessen an der Arbeitslosenquote ist die Eurozone gar nie aus der Rezession gekommen. Diese verharrte auf rund neun Prozent. JES_ Eine konjunkturelle Verlangsamung findet bereits seit einiger Zeit statt. Trotzdem haben wir im September noch eine relativ optimistische Konjunkturprognose veröffentlicht. In der Zwischenzeit hat sich die Situation aber verschlechtert. Dies zeigt sich auch in der von der KOF im Oktober durchgeführten Unternehmerbefragung. Die Gefahr einer deutlichen konjunkturellen Abkühlung ist daher sicherlich angestiegen. Solange es jedoch keinen Zusammenbruch des Bankensektors oder eine Aufspaltung des Euro geben wird, dürfte das Ausmass aller Wahrscheinlichkeit nicht jene Dimension erreichen, wie dies im Jahr 2009 der Fall war. Experten sind sich uneinig, ob eine Inflation oder eine Deflation droht. Was erwarten Sie?

ben. Es gibt für die Schweizer Nationalbank daher gegenwärtig keinen Grund, von ihrer aktuellen Wechselkursstrategie abzuweichen. Normalisiert sich jedoch die Situation an den Finanzmärkten, wird der Schweizer Franken von alleine etwas abwerten können. In diesem Fall wird die Nationalbank die Möglichkeit wahrnehmen, zu ihrer flexiblen Wechselkurspolitik zurückzukehren und die geschaffene Liquidität wieder aus dem System ziehen. Nicht nur Anleger leiden, auch für Unternehmen ist die Lage schwierig. Nebst dem starken Franken leiden sie unter der grossen Abhängigkeit von der Weltkonjunktur. Wer ist gut gewappnet für dieses Umfeld? DL_ Anleger haben viele gute Investitionsgelegenheiten. Beispielsweise in Fremdwährungen oder in Obligationen von soliden, an der Börse aber verschmähten Ländern. Für die Realwirtschaft wird es hingegen schwieriger. Meiner Ansicht nach braucht es eine offensive Konjunkturpolitik. In der Schweiz ist primär die Nationalbank gefragt. Sie muss dafür sorgen, dass der Franken vernünftig bewertet ist. In der Eurozone müssen die Staaten die Konjunktur stabilisieren – nicht abwürgen. Damit sie das tun können, sind eventuell Eurobonds nötig.

DL_ Wenn der Franken so überbewertet bleibt, müssen wir mit einer deflationären Entwicklung rechnen. Auch die EU-Wirtschaftspolitik arbeitet in diese Richtung. Sparpakete, Lohnsenkungen und Massnahmen zur Löcherung der Gesamtarbeitsverträge wirken eindeutig de«Wenn der franken flationär. Bei den Ölpreisen ist wenig Bewegung zu erwarten. Die Immobilienpreise und so überbewertet bleibt, die Mieten in der Schweiz werden weniger stark ansteigen. Bei den Mieten wirkt zudem müssen wir mit einer die neue Zinsberechnungsmethode des Bundes preisdämpfend.

deflation rechnen.»

JES_ Neben dem starken Franken ist der Rückgang der weltweiten Wachstumsdynamik für die Schweizer Exporteure das grösste Problem. Produkte, die weniger konjunkturabhängig und damit meist konsumentennah reagieren, haben es hier verhältnismässig leichter. Um in diesem Umfeld zu überleben, benötigt man eine starke USP (Unique Selling Position). Sie reduziert den Einfluss des Preises auf die Nachfrage. Für ein Land mit einer dermassen starken Währung wie die Schweiz, ist dies entscheidend.

JES_ Kurzfristig ist die Gefahr rückläufiger Daniel Lampart Preise sicherlich grösser als die einer Phase sehr hoher Inflationsraten. Der starke Franken und die nachlassende Konjunktur üben Druck auf die Preise aus. Bei stabilen Wechselkursen ist Was muss geschehen, damit 2012 nicht allerdings der Wechselkurseffekt definitorisch temporär. Solange wir ein ähnlich schwieriges und für Anleger enttäuschendes Jahr nicht in eine anhaltende Stagnationsphase einmünden, ist die Gefahr wird? einer Deflation begrenzt. Ob wir mittelfristig mit höheren Inflationsraten rechnen müssen, hängt in erster Linie davon ab, inwieweit die DL_ Für volkswirtschaftlich denkende Anleger gibt es wie gesagt viele­ Zentralbanken dieser Welt willens sein werden, die hohe Liquidität – gute Anlagechancen. Und es ist zu hoffen, dass wieder mehr Anleger die jetzt wegen der erhöhten Unsicherheit nachgefragt wird – aus dem volkswirtschaftlich denken. Dadurch würde sich die Situation bereits System zu ziehen, wenn die Wirtschaft sich wieder erholt. Aus diesem stabilisieren. Auf diese Weise unterblieben zahlreiche Panikreaktionen, Grund ist die weiterhin grosse politische Unabhängigkeit der Notenban- die falsche, krisenverstärkende Politikentscheide nach sich ziehen. ken von zentraler Bedeutung. JES_ Notwendig ist eine Stabilisierung der Finanzmärkte. Wenn wieder eine gewisse Ruhe zurückkehrt, könnte sich die Privatwirtschaft in der Viele Investments litten 2011 unter dem starken Franken. Folge wieder stärker auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Um dies zu erWird an der Euro-Bindung weiter festgehalten? Wie wird sich reichen, ist jedoch ein klares und glaubwürdiges Bekenntnis zum Schuldie Devisenwelt 2012 allgemein entwickeln? denabbau der Staaten unausweichlich. Dies ist die einzige Möglichkeit, um das Vertrauen der Anleger in die Politik und auch in die RegierunDL_ Wie sich der Franken entwickeln wird, hängt wohl weiterhin von gen wieder herzustellen. der Nationalbank ab. Fundamental ist der Franken klar überbewertet. Ein Kaufkraftvergleich mit Deutschland zeigt beispielsweise: Der faire Franken-Euro-Kurs läge zwischen 1,45 und 1,50 Franken zum Euro. Früher oder später geht der Franken wieder in diese Richtung. Auch gegenüber dem Dollar und dem Pfund sowie anderen, kleineren Währungen ist der Franken zu stark. JES_ So lange die Unsicherheit gross ist, wird der Schweizer Franken aufgrund seiner Funktion als sicherer Hafen weiterhin populär bleiPunktmagazinN°35Retro


InvestierbaresLyxor

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Lyxor setzt Qualitätsstandards bei ETF Lyxor Asset Management, eine Tochtergesellschaft der Société Générale, ist ein Pionier auf dem europäischen ETFMarkt. Das Angebot umfasst 224 ETF aller Vermögensklassen, von denen 78 an der Schweizer Börse gehandelt werden. Im Dienst von mehr Transparenz, Effizienz und Liquidität hat Lyxor im November 2011 eine selbstverpflichtende ETF-Charta lanciert.

lich über die Anforderungen der massgebenden europäischen Investmentrichtlinie UcitsIV hinaus. ETF von Lyxor sind immer schon transparente Investmentprodukte gewesen. Jetzt geht das Unternehmen einen Schritt weiter, indem es sich gegenüber Investoren für alle wichtigen Bereiche auf eine ganze Reihe von Qualitätsstandards festgelegt. Mit der ETF-Charta wird angestrebt, das Vertrauen der Investoren in ETF-Anlagen zu stärken.

Worterolandfischer

Die einzelnen Punkte der ETF-Charta:

Roland Fischer ist Head of Institutional ETF Sales Switzerland bei Société Générale Corporate and Investment Banking in Zürich und leitet seit Oktober 2011 das Schweizer ETF-Geschäft von Lyxor ­A sset Management.

L

yxor ist Vorreiter bei der synthetischen Indexreplikation von Exchange Traded Funds. Dabei kauft der Fonds ein Wertpapierportfolio und tauscht dessen Performance mittels eines Swaps gegen die Performance des Indexportfolios. Das Ziel dabei ist, die Abweichung der Entwicklung des ETF von derjenigen des Referenzindex, den Tracking Error, möglichst klein zu halten. Die Transaktionskosten sollen optimiert und das operative Risiko vermindert werden. Zudem eröffnet die synthetische Replikationsmethode einen kostengünstigen Zugang zu Indizes und Märkten, die Investoren sonst kaum zugänglich sind. Verstärkte Kritik an ETF Vor dem Hintergrund der globalen Finanzkrise sind ETF, namentlich die synthetisch replizierten, in den letzten Monaten in die Kritik geraten. So schreibt die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma in ihrem ETF-Bericht vom 21. September 2011, die grosse Nachfrage nach ETF habe nicht nur zu einem starken Wachstum dieser Produkte geführt, vielmehr würden auch komplexere ETF-Strukturen angeboten, die Risiken in sich bergen. Auch die Bank for International Settlements, das Financial Stability Board, die Bank of England und der Währungsfonds haben auf Risiken der ETF hingewiesen. Vertrauen stärken Lyxor Asset Management nimmt diese Kritik ernst und hat im November 2011 eine selbstverpflichtende ETF-Charta lanciert. Im Sinne eines aktiven Treibers und Umsetzers von mehr Transparenz, Effizienz und Liquidität sollen damit Qualitätsstandards für den gesamten ETF-Markt geschaffen werden. Die Charta enthält namentlich Richtlinien zur Qualität des Asset Managements, zum Indextracking, zur Transparenz, zum Gegenparteirisiko sowie zum Handel im Primär- und Sekundärmarkt. Die einzelnen Punkte gehen zum Teil deutRetroN°35Punktmagazin

• Transparenz. Lyxor veröffentlicht täglich alle wichtigen Informationen wie die Anlagewerte der Fonds, die Höhe des Gegenparteirisikos und Einzelheiten zur jeweiligen Gegenpartei bei den Swapgeschäften. • Ziel eines Gegenparteirisikos von null. Lyxor hat es sich zum Ziel gesetzt, das Gegenparteirisiko für jeden Lyxor-ETF auf täglicher Basis auf null zu reduzieren. Dieses Risiko liegt somit deutlich unter der von den Ucits-Vorschriften erlaubten Höchstgrenze von zehn Prozent. • Direktes Index-Tracking. Lyxor strebt einen Tracking-Error von unter 100 Basispunkten (einem Prozent) an. Zudem wird der Tracking Error für jeden ETF veröffentlicht. • Qualität des Asset Managements. Das Fondsvermögen, das von Lyxor ETF gehalten wird, liegt in Form von Wertpapieren vor, die nicht an Dritte verliehen werden. Die Wertpapiere werden dabei in Form eines Sondervermögens ausschliesslich zum Nutzen des jeweiligen Fonds verwaltet. • Liquidität des Primär- und Sekundärmarkts. Lyxor und Société Générale verpflichten sich dazu, mehrere autorisierte Marktteilnehmer (Authorised Participants, AP) sowie verschiedene Market Maker zu nutzen. Derzeit arbeiten Lyxor und Société Générale Corporate & Investment Banking mit mehr als 45 autorisierten Marktteilnehmern zusammen. Ein liquider Handel über die Börse wird durch 15 Market Maker sichergestellt. Insgesamt bietet Lyxor volle Transparenz im Hinblick auf die Kosten für den Creation- und Redemptionprozess. Die Informationen über die Kosten sind für autorisierte Marktteilnehmer zu jeder Zeit einsehbar. Die Handelsqualität auf den Sekundärmärkten wird durch die Kotierung


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an mehreren Börsen sowie eine kontinuierliche Preisstellung gewährleistet. Die Kunden können mithin auswählen, wo und mit wem sie handeln wollen.

Über Lyxor Lyxor ist einer der Pioniere auf dem europäischen ETF-Markt und bietet bereits seit 2001 ETF an. Ende September 2011 verwaltete Lyxor 29 Milliarden Euro in ETF. Gemäss Bloomberg ist Lyxor mit 16 Prozent Marktanteil der drittgrösste ETFAnbieter in Europa, der Marktanteil bei Trades über die Börsen liegt bei 25 Prozent – dies verdeutlicht die überdurchschnittliche Liquidität von Lyxor ETF. Mit einer umfangreichen Angebotspalette von 224 ETF deckt Lyxor 155 Indizes in allen Vermögensklassen ab.

schwer zugänglichen Märkten wären ohne synthetische Replikation kaum möglich. Dank der selbstverpflichtenden ETF-Charta werden die Risiken gesenkt und eine hohe Qualität bei Transparenz, Effizienz und Liquidität sichergestellt. Lyxor ist vom grossen Potenzial der qualitativ hochstehenden synthetischen Replikation überzeugt und hält an ihr fest. Wie sehen Sie die Zukunft der gesamten ETF-Branche? Das Wachstumspotenzial der ETF ist noch lange nicht ausgeschöpft. In der Schweiz sehen wir namentlich bei den Pensionskassen, Versicherungen und den Family Offices grosse Chancen für einen zunehmenden Einsatz von ETF.

Eine umfassende Beschreibung der Fondsbedingungen und Risiken enthalten die Verkaufsprospekte und vereinfachten Verkaufsprospekte beziehungsweise wesentlichen Anlegerinformationen.

Nachgefragtpatrickwidmer

Diese Dokumente erhalten Sie kostenlos auf Anfrage bei der Société Générale, Paris Zweignieder-

PUNKTmagazin Herr Fischer, leidet das ETF-Geschäft unter der Kritik? Roland Fischer_ Seit dem Höchststand des gesamten ETF-Anlagevolumens von Ende Juli 2011 von 243 Milliarden Euro waren einige Rückflüsse zu verzeichnen. Diese sind jedoch grösstenteils mit den Befürchtungen rund um die Krise in den Eurostaaten zu erklären. Bei einigen Produkten verzeichneten wir jedoch erhebliche Zuflüsse, so beispielsweise bei einem ETF auf den DAX. Namentlich bei den in­ stitutionellen Kunden hat die Diskussion über ETF-Risiken bislang keine spürbaren Auswirkungen.

lassung Zürich, Talacker 50, Zürich, Schweiz sowie unter www.LyxorETF.ch. Die vergangene Wertentwicklung stellt keine Garantie für die zukünftige Entwicklung dar. Die jeweiligen Fonds werden von den Sponsoren der Indizes nicht empfohlen, verkauft oder beworben, noch geben die Sponsoren der Indizes sonstige Zusicherungen zu den jeweiligen Fonds ab.

Wie kommt die ETF-Charta bei den Kunden an? Das Echo ist sehr positiv. Insbesondere die Bestrebungen, das Gegenparteirisiko auf täglicher Basis auf null zu reduzieren und den Tracking Error möglichst tief zu halten, kommen gut an. Zudem honorieren unsere Kunden bereits jetzt unsere Verpflichtung zur Transparenz, da sie noch besser verstehen und nachvollziehen können, was wir auf täglicher Basis machen. Wird Lyxor an der synthetischen Indexreplikation festhalten? Lyxor ist Vorreiter der synthetischen Indexreplikation. Etliche beliebte und in der Vermögensverwaltung nicht mehr wegzudenkende ETF im Bereich von Strategieindizes und PunktmagazinN°35Retro


Investierbaresscoach

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5 Jahre Wachstum, Qualität und Sicherheit Scoach begeht am 1. Januar 2012 den fünften Geburtstag. Die Derivatebörse­ hat in teils turbulenten Zeiten perfekt­ funktioniert und mit der Innovation der COSI-Produkte internationale Stand­ ards gesetzt. Pünktlich zum Jubiläum setzt Scoach, Europas grösste Börse­ für strukturierte Produkte, nun zum Sprung nach Hongkong an.

Christian Reuss ist seit Juni 2009 CEO und Vorstandssprecher bei Scoach. Im September 2009 übernahm er zudem eine Position als Board Member der Swiss Futures & Options Association (SFOA). Christian Reuss bringt mehr als zehn Jahre Erfahrung im Bereich Banking & Finance mit sich.

SWX) in einer einzigartigen Boomphase. Die Schweizer Finanzpresse mutmasste zu diesem Zeitpunkt gar, ob der SMI im Jahr 2007 wohl 10 000 Zähler erreichen werde und fragte nach, ob die Tickerwand in der Eingangshalle einen solchen Stand überhaupt abbilden könne. Nun, die Börsentafel wäre für die fünfte Ziffer gerüstet. Nicht so die Bewertung der 20 grössten Schweizer Gesellschaften. Wir alle, und ganz speziell der FinanzDIE 10 WERTVOLLSTEN MARKEN Wortechristianreuss sektor, wurden vom Orkan der SubprimeFinanz­k rise aufs Ärgste4. durchgeschüttelt. 1. Analysieren 2. Auswählen 3. Investieren Engagieren urz vor diesem freudigen Ereignis Und kaum war das Gröbste überstanden, melbereiten auch die Zahlen von Scoach deten sich die überschuldeten PIIGS-Staaten Freude. Vier Wochen vor dem gros­ und führten zu wahren Erdbeben auf den sen Tag sieht die Statistik nicht nur rekordver- weltweiten Finanzmärkten. dächtig ausGesellschaftliche – sie ist es. So erreichten sowohl - Negativkriterien Solidarität die monatliche Anzahl der Kotierungen mit Liquide Märkte Wenn die Engagement Finanzkrise von Sicherheit (Aktive Aktionärspolitik) knapp 7500 Produkten im August als auch 2008 aber etwas gezeigt hat, so folgendes: ErsGerechtigkeit Positivkriterien + über die Anzahl ausstehender «Strukkis» mit tens haben die Börsensysteme bei Scoach, Ausübung in Zürich 41 000 Produkten im September ein Allzeit- aber auch bei ihren Mutterhäusern Stimmrechten hoch.Ökologische Der Umsatz imWirtschaftliche Handel mit strukturier- und Frankfurt, funktioniert von – auch an Tagen Verantwortung Leistungsfähigkeit tenRessourcenverbrauch Produkten stieg in den ersten elf Monamit wahnwitziger Volatilität und explodierenWertschöpfung Ökoeffizienz ten des Jahres 2011 im Innovation Vergleich zum Vorjahr den Volumina. Ein unschöner Nebenaspekt um 34,7 Prozent auf 49,2 Milliarden Franken. der OTC-Derivate, welche zur Finanzkrise Einziger Wemutstropfen ist aus gesamtwirt- führten, war ja nicht nur, dass sie intranspaschaftlicher Perspektive die Buyback-Statis- rent waren und an den BankbilanzenOutperformancevorbeiZertifikat tik. Hier zeigten die letzten Monate, dass sich geschmuggelt wurden. Sondern auch die TatAnleger vor dem Hintergrund der Dauerkri- sache, dass für verzweifelte Verkaufswillige in sen überdurchschnittlich häufig von Anlage- den Momenten grösster Not kein Markt exisprodukten trennen. tierte. Damit sind wir beim Thema des wirt- Nicht so bei den börsengehandelten Proschaftlichen Umfelds. Scoach hat sich wahr- dukten. Hier war der Markt immer relativ lich spezielle fünf Jahre ausgewählt. Lanciert liquid, auch wenn die Preise eher depressiv wurde das Joint Venture von der Deutschen stimmten. Es zeigte sich so klar wie noch nie Börse und der SIX Group (damals noch zuvor, dass eine Börse im Finanzmarkt nicht

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ABWICKLUNGder DERfunktionsweise PFAND-BESICHERUNG übersicht

Cosi-Fair-ValueLiferant 1

Anleger

… investiert in Scouch geahandeltes Zertifikat

buy/sell

Emittent/ Sicherungsgeber

Cosi-Fair-ValueLieferant 2

… welches mit Pfand besichert wird

Market Making

Verwahrung des Pfands Unabhängige tägliche Bewertung des Cosi und der Sicherheiten

Pfand Eurex

Pfandverwertung zu Gunsten der Anleger beim Eintritt bestimmter Ereignisse Quelle: Scoach

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nur zu Boomzeiten das Herz-Kreislauf-System ist, sondern ganz besonders während Krisen. COSI – Sicherheit in der Krise Scoach und in diesem besonderen Fall SIX Swiss Exchange lancierten in den vergangenen Jahren einige Innovationen im Markt der strukturierten Produkte. Dabei sticht besonders COSI hervor. COSI, ein fast homophones Wort zum englischen «cosy» (bequem) und dem italienischen «così» (auf diese Weise) tönt niedlich, steht aber für einen an Sicherheit und Anlegerschutz nicht zu überbietenden Wertpapiertypus. COSI entstand aus dem Schock heraus, der auf den Crash von Lehman Brothers folgte und steht für Collateral Secured Instruments. Es war damals schnell ein Konsens gefunden, dass ein Produkt geschaffen werden müsse, bei dem das Emittentenausfallrisiko minimiert ist. So klar die Forderung auch war, die Umsetzung war nicht ganz einfach, wie auch die Abbildung «Übersicht der Funktionsweise» zeigt. Als Produkt, dessen Existenzberechtigung die Extra-Sicherheit ist, muss COSI vor allem auch in schwierigen Marktsituationen – konkret bei Kursstürzen – den Anleger vor einem Ausfall schützen. Bei Collateral Secured Instruments, die der Emittent mit einem Pfand unterlegt, sorgen die der Börse nachgelagerten SIX Securities Services in Zusammenarbeit mit mehreren unabhängig voneinander operierenden Bewertungsinstanzen dafür, dass das Pfand bei Baisse-Tendenzen auf dynamischer Basis ständig geäufnet wird. So kann der Anleger auch beim Ausfall des Emittenten sicher sein, dass er keinen Totalverlust erleiden wird. Die Qualität des Zusammenspiels diverser professioneller Instanzen innerhalb und aus­ serhalb von SIX Group erinnert an die Qualität eines Schweizer Uhrwerks. Mit COSI hat die Schweiz einen weltweiten Standard gesetzt. Es ist übrigens ein Verdienst von EFG Financial Products, dass COSI-Produkte inzwischen auch in Deutschland gehandelt werden können. Vontobel wiederum war die erste Bank, die COSI mit Referenzanleihen an den Markt gebracht hat. Diese Weiterentwicklungen, von denen noch weitere zu erwarten sind, zeigen die hohe Marktakzeptanz der Schweizer Erfindung COSI. Go for Gold Für eine andere Innovation gab ebenfalls eine Krise den Ausschlag, die Eurokrise: Strukturierte Produkte in Goldwährung oder kurz XAU. Seit dem 10. Oktober 2011 wird bei Scoach Schweiz der börsliche Handel von strukturierten Produkten mit Handelswährung Gold unterstützt. Für die Abwicklung ist die Schweizer Zentralverwahrerin, SIX Securities Services, zuständig. Die Initialzündung für die Brancheninnovation stammt von EFG Financial Products, einem der innovativsten Emittenten börsengehandelter strukturierter Produkte bei Scoach Schweiz.

Viele Anleger, die direkt in Gold investiert sind, halten es nicht physisch, sondern auf einem Edelmetallkonto. Dies entspricht einem auf Gold lautenden Fremdwährungskonto. Dabei wird Gold mit dem internationalen Währungskürzel XAU gleich wie andere Fremdwährungen behandelt. So wie der Schweizer Franken für die Währung CHF die Masseinheit bildet, so wird die Währung XAU in Feinunzen Gold oder Fraktionen davon ausgedrückt. Guthaben der Währung XAU können jederzeit bei der kontoführenden Bank in physisches Gold gewechselt werden. Mit strukturierten Produkten, die in Gold denominiert sind, erhält der Anleger die Möglichkeit, direkt in Gold zu investieren und sein ansonsten unverzinstes Vermögen auf einem Gold-Edelmetallkonto aktiv zu bewirtschaften.

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Go East Pünktlich zum fünften Geburtstag setzt Scoach die Segel neu – und zwar Richtung Fernost. Unsere Börse hat vom dortigen Regulator die Genehmigung erhalten, Marktteilnehmer aus Hong Kong anzubinden. Scoach kann so Anlegern in Fernost aufgrund der Zeitverschiebung ermöglichen, nach dem asiatischen Handelstag noch den europäischen anzuhängen. Der Markt ist übrigens riesig: 534 Milliarden Dollar an strukturierten Produkten setzte die Börse in Hongkong letztes Jahr um. Eine faszinierende Dimension, auch für Scoach.

Nachgefragtrinoborini

PUNKTmagazin Herr Reuss, strukturierte Produkte mussten seit der Pleite von Lehman Brothers viel Kritik einstecken. Was tun Sie bei der Börse Scoach dagegen? Christian Reuss_ Da gab es ein punktuelles Imageproblem. Die ganze Branche, auch wir als Börse für strukturierte Produkte, hat hart daran gearbeitet, dies zu verbessern. Die Emittenten haben in Form des Verbandes für strukturierte Produkte und in Zusammenarbeit mit Scoach auch im Bereich der Transparenz gute Arbeit geleistet. Was genau heisst gute Arbeit? Wir haben zum Beispiel die farblich abgestimmte Swiss Derivative Map geschaffen. Der Anleger sieht dort auf den ersten Blick, wie risikoreich ein Produkt ist. Je kälter die Farbe, desto sicherer das Produkt – und umgekehrt. Was bedeutet das feurige Rot bei den Knock-out Warrants? Sehen Sie, es ist wie bei den Autos. Weder sollten Sie Ihrem 19-jährigen Sohn den Schlüssel für den Ferrari Testarossa geben, noch einem nichtsahnenden Kleinsparer Knock-OutWarrants ins Depot legen. In den richtigen Händen hat aber sowohl der Sportwagen wie das Derivat seine Legitimation. PunktmagazinN°35Retro


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Suad Sadok «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg»

Suad Sadok kam 1961 als 22-jähriger Gastarbeiter in die Schweiz. Ohne anerkannte Ausbildung und ohne Kenntnisse der deutschen Sprache. Zu Beginn Kofferträger, hat der Türke eine steile Karriere hingelegt, die ihn bis in die Direktion der Schweizerischen Speisewagen­ gesellschaft führte. Im Gespräch mit PUNKTmagazin erklärt der fleissige, aber stets freundliche und kollegiale Ex-Manager sein einfaches Erfolgsrezept. Worte: Rino Borini Fotografie: Christine Bärlocher Illustration: Boris Gassmann

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D U R U R er Weg des Schweiz-Türken Suad Sadok führte ihn­ von ganz unten nach ganz oben. Nur zehn Jahre nachdem er im Zürcher Carlton Elite Hotel als Kofferträger anheuerte, war er dort Direktor. 1988 schliesslich wechselte er zur Schweizerischen Speisewagengesellschaft (SSG), wo er als Direktionspräsident verantwortlich über 2000 Mitarbeiter war und für frischen Wind sorgte. «Wenn man sein Arbeitsleben ganz dem Wohlbefinden der Kunden widmet, immer etwas mehr macht als verlangt wird und dazu regelmässig Weiterbildungen besucht, ergibt sich der Aufstieg ganz von allein», ist der leidenschaftliche Gastronom überzeugt. Seine positive Ausstrahlung, seine freundliche Art und sein konsequentes Handeln brachten ihm zeitlebens viel Anerkennung. «Ich bin durch die Suad-Sadok-Schule gegangen», lassen sich Manager zitieren, die mit ihm gearbeitet haben. Sadok, der neben Deutsch und Türkisch auch Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Griechisch spricht, war weder Sesselkleber, noch verschanzte er sich im Büro. Seine Grundsätze sind nicht neu, aber da er sie in jedem Moment verkörpert und vorlebt, wirkt er ­beeindruckend glaubwürdig. Als sich Suad Sadok 1999 im Alter von 60 Jahren frühpensionieren liess, wurde sein Leben nicht langweilig, im Gegenteil. Mit seinem Geschäftsfreund Beat Läubli eröffnete er «The Olive Shop» in der Gourmet-Factory des Zürcher Kaufhauses Jelmoli. Die Nachfrage nach hochwertigen Olivenölen war damals erst am entstehen, heute ist The Olive Shop eine Erfolgsstory. Doch der Erfolg trüge nicht Sadoks Handschrift, wenn er nicht höchstpersönlich mehrere Jahre täglich im Laden gestanden hätte. Übrigens: Die Schürze, die er dabei trägt, ist noch dieselbe wie vor zwölf Jahren. Während er sie zusammenfaltet, sagt er schmunzelnd: «Das habe ich in der Armee gelernt. Deswegen ist sie in tadellosem Zustand.»

Warum ein Türke, der sich erst im Alter von 35 Jahren einbürgern liess, Schweizer Militärdienst geleistet hat, ist nur eine der spannenden Geschichten aus dem Leben des Suad Sadok. PUNKTmagazin Herr Sadok, wir sind im Ristorante Ciro in Zürich. Wa­rum dieses Lokal?

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Suad Sadok_ Eines Tages bat mich die Besitzerfamilie um Unterstützung, darum bin ich seit rund 18 Monaten «Freund des Hauses». Unser Ziel ist es, das Ristorante Ciro besser zu verankern, damit noch mehr Gäste dieses traditionsreiche Lokal kennenlernen. Abgesehen davon, die Leistungen hier sind vorzüglich und die hausgemachte Pasta ist immer noch so gut wie vor 80 Jahren. Sie kamen 1961 aus Istanbul nach Zürich.­Wie kam es dazu? Für mich war die Schweiz damals das führende Land in der Hotellerie und somit ein Vorbild. Ich war 22 Jahre alt und wollte bei den Besten arbeiten und von ihnen lernen. 2011 feiere ich mein fünfzigstes Jahr in der Schweiz. Wie konnten Sie sich die Reise in die Schweiz überhaupt leisten? Als Kind sammelte ich Briefmarken, und diese gewannen über die Zeit an Wert. Durch den Verkauf meiner Sammlung konnte ich mir das Ticket kaufen. Wie war Ihr erster Eindruck von der Schweiz? Das erste, was mir aufgefallen ist, war ein Delikatessengeschäft an der Zürcher Bahnhofstrasse, das im Schaufenster grüne Peperoni anbot. Das hat mich verblüfft, denn in der Türkei waren Peperoni «Nonvaleur». Es war für mich irritierend, dass an der teuren Bahnhofstrasse billige Peperoni verkauft wurden. Dann spazierte ich etwas weiter und sah beim Zürcher Bellevue den Sternengrill (Ein stadtbekannter


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Wurststand am Zürcher Bellevue, die Red.) Ich sagte mir: Das ist genau mein Ding! Und wurden Sie Wurststandbesitzer? Ich wollte ja und erkundigte mich auch, was nötig gewesen wäre, aber so einfach war es nicht. Zu jener Zeit musste man eine Metzgerlehre vorweisen, um einen Wurststand zu betreiben. Die hatte ich leider nicht. Sie begannen stattdessen, als Kofferträger im Hotel Carlton zu arbeiten. War das nicht etwas seltsam? Immerhin hatten Sie in der Türkei einen gut dotierten Job im legendären Hotel Divan. Es war effektiv so, dass ich als junger Mann im Hotel Divan eine gute Stellung hatte und sehr gut verdiente. Aber wissen Sie, für mich gibt es keine gute oder schlechte Arbeit. Es geht einzig und allein darum, dass man, was immer man auch tut, hundert Prozent Einsatz gibt. Mir machte es nichts aus, Koffer zu tragen, denn ich kannte mein Ziel. Das war? Ich wollte jemand werden. Das haben Sie dann ja auch geschafft, Sie haben eine klassische Tellerwäscherkarriere absolviert. Ist das heutzutage überhaupt noch möglich? Natürlich sind solche Karrieren möglich! Aber es geht nur, wenn man sich Ziele setzt, über einen ausgeprägten Willen verfügt und ei-

serne Disziplin besitzt. Wer pickelhart an sich arbeitet und seinen Zielsetzungen konsequent nachgeht, kann sie auch heute noch erreichen. Braucht es nicht auch ein bisschen Glück? Ja, es braucht auch ein Quäntchen Glück. Das Gute ist, dass wir alle im Leben Glück haben. Und zwar jeden Morgen, wenn wir aufstehen. Die Frage ist nur, was man aus seinem Glück macht. Ehemalige Mitarbeiter von Ihnen sagen, sie seien durch die Suad-Sadok-Schule gegangen. Wie sieht deren Stundeplan aus?

«Meine Formel ist sehr einfach: Arbeit, Wille, Disziplin, Fleiss,

Reicht das, um Erfolg zu haben? Natürlich muss man hart und qualitativ immer auf höchstem Niveau arbeiten. Wenn man stets etwas mehr leistet, als verlangt wird, dann wird man auch belohnt. Und zwar nicht nur von den Vorgesetzten, sondern auch von den Kunden. Ich habe dazu ein aktuelles Beispiel. Mein Geschäftspartner Beat Läubli und ich verkaufen unsere ausgesuchten Produkte nicht nur im The Olive Shop, wir beliefern auch viele Gastronomiebetriebe. Gestern, es war Sonntag und herrliches Wetter, ging einem Restaurant das Olivenöl aus. Was macht der Sadok? Er steigt in sein Auto und liefert umgehend die gewünschten Produkte. Das macht doch heute­keiner mehr! Aber genau das macht den Unterschied. War so etwas früher selbstverständlich? Nein, nicht unbedingt. Fleissige und faule Menschen hat es schon immer gegeben.

Respekt und Glück.»

Aber der Druck hat zugenommen. Auch dagegen habe ich ein einfaches Rezept. Man muss sich gut organisieren und nichts dem Zufall überlassen. In einer Führungsposition ist es wichtig, immer den Überblick zu behalten.

Meine Formel ist sehr einfach: Arbeit, Wille, Disziplin, Fleiss, Respekt und Glück. Ach ja, und immer freundlich sein. Zudem muss jeder Chef ein Vorbild sein. Er darf nie etwas von seinen Mitarbeitern verlangen, das er sich nicht selber zutrauen würde. Zuletzt muss man bescheiden sein, gerade in Zeiten wie heute.

Nach ihrer Zeit bei Mövenpick wurden Sie Chef der Schweizerischen Speisewagen-Gesellschaft und standen dort 2000 Mitarbeitern vor. Wussten Sie überhaupt, um was es geht? (schmunzelt) Es war unbestreitbar so, dass ich zwar direkt für die Bahn arbeitete, aber ¬ PunktmagazinN°35Retro


KopflastigesSuad Sadok

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eigentlich nur Bahnhof verstand. Doch auch wenn ich vom Tagesgeschäft zu Beginn nur wenig Ahnung hatte, stellte ich in den ersten Sitzungen mit der Geschäftsleitung schnell fest, dass so einiges nicht funktionierte. Die Antworten auf meine Fragen befriedigten mich nicht.

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Was haben Sie gemacht? Ich sagte zu meinen Kollegen: «Herren, ich gehe an die Front!» Daraufhin ging ich einige Tage selber in die Züge und verkaufte mit einer Mini-­Bar Snacks und Getränke. Die Erfahrungen, die ich dabei machte, waren nicht nur positiv, aber ich sah, mit welchen Schwierigkeiten sich meine Leute an der Basis herumschlagen müssen. Mit diesen Erfahrungen ging ich zurück an den Hauptsitz und stellte meinen direkten Kadermitarbeitern weitere, teilweise ganz andere Fragen. Ich spürte schnell, dass viele nicht wussten, was an der Basis abgeht.

HÜst & Hott? Email oder Brief?

brief Türkei oder Schweiz?

schweiz S ¸ i¸s Kebab oder Zürcher Geschnetzeltes?

beides

Wie haben die Mitarbeiter reagiert, als plötzlich der Direktionspräsident eine Mini-Bar durch den Zug stiess? Die Mitarbeiter wussten nichts davon. Als sie es dann erfuhren, zollten sie mir dafür umso mehr Respekt. Für mich ist der Faktor Mensch zentral. Ich weiss, das sagen alle Manager, aber oft sind es nur Worthülsen. Ich habe in meiner täglichen Arbeit stets bewiesen, dass ich selber an das glaube, was ich erzähle.

Sommer oder Winter?

herbst Châteauneuf-du-Pape oder Mouton-Rothschild?

Châteauneuf-du-Pape Sparkonto oder Aktie?

sparkonto

Was sind weitere Eigenschaften, über die ein Chef verfügen sollte? Wenn man Menschen führt, muss man für eine kritikfähige Atmosphäre sorgen. Wer konstruktive Kritik ausübt, soll nicht mit negativen Konsequenzen rechnen müssen. Dieses Gefühl, diese Kultur, muss ein Chef prägen. Was hat sich auf Führungsebene gegenüber früher verändert? Ach wissen Sie, so vieles hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht verändert. Was sich sicherlich geändert hat, ist die Angst um den Job. Früher gab es auf den Führungsebenen bedeutend weniger Jobwechsel als heute. Hat nicht der Leistungsdruck stark zugenommen? Das ist doch auch kein Wunder! Mit dem kurzfristigen Denken steigt auch der Druck überproportional an. Das ist nicht gesund. Früher gab es längere Galgenfristen. Und dazu darf man nicht vergessen: Auch ein Manager ist ein Mensch, hat Familie und Freunde. Kinder wollen ihren Vater auch hin und wieder sehen. Wälzt sich dieser Druck auch auf die Mitarbeiter ab? Klar, durch die Alltagssorgen finden viele Chefs keine Zeit mehr, um an der Front zu sein. Viele sitzen abgeschottet in ihrem Büro, und wenn sie einmal bei den Mitarbeitern sind, verbreiten sie wenn möglich noch negative Stimmung. Wenn sie dagegen mit Freude etwas weitergeben, dann ist die Atmosphäre im Betrieb und die Motivation bei den Mitarbeitern eine ganz andere.

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Ich nehme an, bei Ihnen im Olive Shop ist das so. Ja, natürlich. Erst gerade kürzlich hatten wir einen Tag mit speziell hohem Umsatz. Als ich in den Laden kam, konnte ich nicht einmal richtig ankommen und Grüezi­ sagen, schon rannte eine Mitarbeiterin zu mir und jubelte über den tollen Umsatz. Sie freute sich schon fast mehr als ich. Und wenn es einmal nicht gut läuft – ich spüre das schon am Telefon – tut es den Mitarbeitern weh. Das ist Firmenkultur. Deswegen haben wir Mitarbeiter, die in der Regel sehr lange mit uns arbeiten. Wie war das bei Ihren Arbeitgebern? Sowohl bei Mövenpick wie auch bei der SSG galt: Die Mitarbeiter sind das Wichtigste. Aber sie kommen eben nicht jeden Tag mit einer Superlaune ins Geschäft. Der Respekt vor Menschen und ihren Eigenarten ist in diesem Zusammenhang wichtig, denn Mensch bleibt Mensch. In Ihrem Lebenslauf habe ich etwas Bemerkenswertes entdeckt. Sie haben sich freiwillig für die Armee ausheben lassen. Warum das? Richtig. 1974 bekam ich den Schweizer Pass, und damals war ich 35 Jahre alt. Der Grund, warum ich Militärdienst leisten wollte, war einfach: Entweder, man macht etwas richtig, oder sonst lässt man es bleiben. Und als Schweizer Mann gehört es eben dazu, dass man die Armee absolviert oder sich zumindest ausheben lässt. Ich war nur konsequent, wie ich es auch in meinem Beruf immer war – bis heute. Wie muss ich mir das vorstellen, eine Aushebung in diesem Alter? Wie alle anderen auch musste ich diverse Gespräche führen und verschiedene Sporttests absolvieren. Beim Laufen war ich übrigens der Beste, ich schlug die Jungen locker. Und am Ende erhielt ich den Stempel «tauglich». Wie sind Sie während Ihrer Führungszeit mit Problemen umgegangen? Probleme gibt es nicht. Dieses Wort habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen. Es gibt nur Herausforderungen. Gut, dann nennen wir sie eben Herausforderungen. Für mich steht immer der Erfolg des Unternehmens im Vordergrund. Der Erfolg ist dann gegeben, wenn der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer zufrieden sind. Die Mitarbeiter sollten stolz sein, für den Betrieb zu arbeiten. Natürlich müssen die betriebswirtschaftlichen Zahlen stimmen. Um das zu erreichen, scharte ich stets intelligente Menschen um mich – häufig intelligenter als ich selber. Ich stehe zu dem. Wenn man das akzeptieren kann, hat man auch keine Probleme damit. Auch dann nicht, wenn einer der Führungsleute brillant ist und die entsprechende Anerkennung bekommt. Mit einer solchen Einstellung kann man gemeinsam als Team jede Herausforderung meistern. ¬


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Im Alter von 60 Jahren haben Sie sich frühpensionieren lassen. Arbeiten scheint ihnen doch Spass zu machen, warum haben Sie nicht noch ein paar Jahre weitergemacht? Bei der SSG hatte ich einen Fünfjahresvertrag. Als dieser auslief, sagte ich dem Verwaltungsrat, ich sei bereit, fünf weitere Jahre anzuhängen. Aber ich sagte im gleichen Atemzug: «Meine Herren, das ist aber das letzte Mal, dass ich unterschreibe. In fünf Jahren ist endgültig Schluss.» Alle nickten, dachten aber vermutlich, der Sadok wird sicher länger bleiben. Während dieser fünf Jahre sagte ich zu jedem, dass dies mein letzter Vertrag mit der SSG sei. Das hatte durchaus auch seine Vorteile. Niemand kam auf die Idee, an meinem Stuhl zu sägen, denn sie wussten, der geht ohnehin bald. So konnte ich das loyale und ehrliche Verhältnis mit meinen Direktuntergebenen weiter ausbauen und verbessern. ¬

Und nach den fünf Jahren war dann ja auch Schluss. Ich bin konsequent und habe mich dann tatsächlich frühpensionieren lassen. Die frühe Ankündigung hatte noch einen zweiten Vorteil. Ich hatte fünf Jahre Zeit, mich auf diesen Moment vorzubereiten. So fliegt man weder in ein Loch, noch wird man depressiv. Die Konklusion daraus ist, dass ein Manager wissen muss, wann der Zeitpunkt gekommen ist, um aufzuhören. Man muss loslassen können. RetroN°35Punktmagazin

Das fällt vielen schwer. Ach, den meisten. Das ist schade, irgendwie schon fast eine Krankheit. Es besteht zudem die Gefahr, dass man in den letzten Jahren sein eigenes Lebenswerk zerstört. Das ist leider oft die Realität. Für einen Lohnempfänger ist Abtreten einfacher als für einen Eigentümer. Nein, das stimmt nicht unbedingt. Als Eigentümer ist man gezwungen, die wichtigen Entscheide bezüglich der Nachfolge rechtzeitig zu treffen. Das ist auch in meinem Fall mit dem Olive Shop so. Ich werde irgendwann sagen: «So, jetzt ist der Zeitpunkt da, ich höre auf.» Denn alles ist gut organisiert, und mein Geschäftspartner ist noch jung. Er kann den Betrieb auch ohne mich weiterzuführen. Zurück zu Ihrer Frühpensionierung. Das haben Sie ja nicht gemacht, um anschlies­ send gleich wieder zu arbeiten, oder? Eigentlich wollte ich mit 60 Jahren Archäologie studieren und meine Sprachkenntnisse verfeinern. Aber zu dem ist es nicht gekommen. Jetzt habe ich drei Standbeine: Den Olive-Shop, meine Beratungsfirma und dazu noch einige Verwaltungsratsmandate. Warum Verwaltungsratsmandate? Geht es dabei um Prestige? Nein. Wissen Sie, es gibt sehr gute Verwaltungsräte. Aber es gibt leider auch viele Wich-

tigtuer. Ich bin nicht der Typ Verwaltungsrat, der nur schnell die Zahlen absegnet und das Amt ausübt, um mehr Ansehen zu erhalten. Ich bin voll involviert und interessiert. Wieso haben Sie sich gleich wieder in die Arbeit gestürzt? Ich konnte nicht anders. Kaum war ich von der SSG weg, so nach zwei bis drei Wochen, kamen Anrufe von ehemaligen Geschäftspartnern, die um meinen Rat baten. So entstand die Suad Sadok Consulting. Wann holt man Suad Sadok als Berater ins Haus? Auslöser sind meist Umsatzprobleme und fehlende Bekanntheit. Interessant dabei ist, dass die meisten Kunden die Lösungen bereits kennen. Oft brauchen sie einfach jemanden, der kritisch hinterfragt, streng ist und die Aktivitäten und Massnahmen des Betriebs pedantisch genau verstehen will. Durch meine Strenge habe ich aber auch schon Mandate verloren. Wie das? Manchmal bekomme ich ein Mandat nur, damit das Management dem Verwaltungsrat sagen kann, der Berater sei gleicher Meinung. Aber wenn ich nicht die gleiche Meinung wie das Management vertrete, dann sage ich das auch. Und dann kommt es eben hin und wieder zu einer Mandatskündigung. Mir ist das lieber so, denn ich möchte Freude haben, wenn ich eine Rech-


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nung schreibe. Diese Befriedigung verspürt man nur, wenn der Kunde ebenfalls begeistert ist, weil sein Betrieb durch meine Arbeit besser läuft.

Kolumne

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Wie wichtig ist Ihnen Geld? In meinem Alter geht es nicht mehr ums Geld. Mein Antrieb ist es, meine langjährigen Erfahrungen weiterzugeben. Es hat noch einen weiteren Nutzen. Ich gehe dreimal die Woche ins Fitnessstudio, ich bin dementsprechend gut in Form, aber durch die geistige Herausforderung bleibe ich auch im Kopf lange vital. Sie sind also ganz und gar zufrieden mit sich. Wie ist Ihr allgemeiner Eindruck, trifft das auf viele­Menschen zu? Unsere Gesellschaft ist verwöhnt. Der hohe Wohlstand hat vieles zerstört. Unsere Ansprüche heute sind sehr hoch – oft zu hoch. Wohin geht die Reise? Vor der Wirtschaftstristesse sollte man keine Angst haben. Sie kennen sicher den Spruch «Angst ist der schlechteste Ratgeber». Auch in Krisenzeiten gilt es, die Herausforderungen gezielt und mit Mut anzupacken. Die aktuelle Krise animiert zum Nachdenken. Häufig hört man die Aussage: Früher war alles besser. Denken Sie das auch? Alle Menschen zufrieden zu stellen, das geht nicht. Ich sage dies als erfahrener Mann. Es wird immer Chefs und Untergebene geben. Es gibt gute und schlechte Vorgesetzte. Es gibt fleis­sige Mitarbeiter und es gibt faule Mitarbeiter. Und es wird immer einen geben, der nur einen Franken verdient, während ein anderer Hundert verdient. So war es, so ist es, und so wird es auch bleiben.

Der Querdenker

pommerland

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illkommen im Jahr 1993: Adolf Ogi wird Bundespräsident, der europäische Binnenmarkt wird verwirklicht, der FC Aarau wird Schweizer Fussballmeister und «Wetten dass» steht auf dem Olymp der populärsten Euro­visionssendung. Und der Schweizer Franken? Er kostet eine D-Mark und zehn Pfennig. Es herrscht Aufbruchsstimmung in einer globalisierenden Welt. Und heute? Wer hat an der verdammten Uhr gedreht? Bonsai statt Boni. Clariden Leu war einmal, Sarasin ist Copacabana, Credit Suisse ist SKA und die UBS? Man hat den Eindruck, dass selbst die Murmeltiere trotz des ausbleibenden Winters abspecken müssten. Und selbst wenn dieser käme, käme keiner, denn der «Foifliber» kostet derzeit beachtliche acht Deutsche Mark. Im gros­ sen Kanton ist das Schweigen der Kämmerer nicht minder himmelschreiend. The show must go on. Auf Thomas Gottschalk folgt nun Sensenmannversteher Mark Benecke, der das Grauen in der Pathologie zum erfolgreichen Unterhaltungsthema macht. Griechenland ist verkohlt, Spanien lodert und Italien ist Ötzi? Man braucht kein «Call of Duty»-Videospiel, um sich bildhaft vorzustellen, wie sich eine Wirtschaftskrise durch die Gesellschaft frisst. Euroland ist abgebrannt. Es herrscht Krieg in Europa. Keine Toten weit und breit – Wirtschaftkrieg vom Feinsten. Was die Wehrmacht damals nicht schaffte, wird nun Europa vollenden. Der totale Wirtschaftskrieg steuert hemmungslos auf den Endsieg des Eurobonds zu. Der Obersalzberg wurde hierzu kurzerhand nach Brüssel verlegt und steuert die Generalmobilmachung gegen den internationalen Devisenterrorismus. Und wer hat’s erfunden? Jacques Delors, der geistige Vater des kompromisslosen Machterhaltungswahns. Nur, wer terrorisiert wen? Im Namen des Volkes schlägt der Konsumentenschutz eine Schneise der Verwüstung durch das allgemeine Zoll- und Handelsabkommen. Der passive Dienstleistungsverkehr nach Deutschland wird dieser Tage abgeschafft. Mit anderen Worten: Der Himmel ist nicht purpurdunkel Abendrot, weil Kekse gebacken werden, sondern weil das Gatt-Abkommen lichterloh brennt. Es kokelt wieder einmal nach Notstandsgesetzgebung. Die zentrale Frage lautet: Wie lange kann die Schweiz das Endspiel um den Euro noch von der Ehrentribüne aus mit ansehen? Es wird anscheinend wieder Zeit für Verdingbuben, Wolfs­ kinder, Arbeitslosentrecks und die Schweizer Anbauschlacht. Anstatt jene zu bekämpfen, die das Budget-Waterboarding zu verantworten haben und somit das sprichwörtliche Fass hemmungslos abfüllten, wurde der berühmte Tropfen von der Occupy-Bewegung als Urquell der Krise ins mediale Rampenlicht gezerrt. Der politische Offenbarungseid ist tatsächlich eine Demokratiekrise. Die Europäer wurden nicht verführt. Sie haben es selbst getan oder haben jenen dazu verholfen, die es für sie getan haben. Was der Wiener Kongress 1815 nicht schaffte, vollendet nun der Kapitalmarkt im Eiltempo. Wer hätte gedacht, dass «MonteCarlos», der einstige Euro-Staatsfeind Nummer Eins, die neue treibende Kraft im europäischen Einigungsprozess wird? Kaum auszuhalten, wenn man sich vorstellt, dass der Rädelsführer des Widerstandes nicht selten das künftige Staatsoberhaupt ist. Wer könnte das wohl sein? Es ist nicht aller Tage Abend. Das wird schon wieder, keine Frage. In diesem Sinne: Maikäfer flieg!

Der Querdenker hat sich die «etwas andere Informationsvermittlung» auf seine Fahne geschrieben. Diese ist stets gehisst, auch dann, wenn der Wind eisig bläst.

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FA RAETIA

Lieber Welt- als Schweizermeister Diese Fussballer nehmen nicht teil am Schweizer Meister­ schafts­betrieb. Müssen sie auch nicht, denn als Auswahl des früheren Alt Fry Rätiens verfolgen sie ein höheres Ziel: Die Teilnahme am Viva World Cup 2012, der in der autonomen ­Region Kurdistan im Nordirak ausgetragen wird. Wortedavidfehr

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acine, willst du in den Nordirak und uns an der Sitzung des NFB vertreten?» Yacine Azzouz, Vizepräsident der FA Raetia,­ war von der Frage zwar etwas überrascht, liess sich aber nicht zweimal bitten. Keine zwei Wochen nach dem Anruf sass er im Flugzeug Richtung Istanbul, von wo die Reise weiter führte nach Erbil, Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan. Als Gesandter sollte Azzouz während fünf Tagen vor Ort die Bedingungen für eine mögliche YACINETeilnahme AZZOUZ am Viva World Cup 2012 abklären. HEROLD MANDARIN (r.) Das Turnier um den Nelson-Mandela-Pokal gilt als inoffizielle Fussballweltmeisterschaft und wird seit 2006 alle zwei Jahre durchgeführt. Veranstalter ist das Nouvelle Fédération Board (NFB), der Fussballverband für Regional- und Volksauswahlen sowie Nationen mit oder ohne eigenen Territorialstaat. Der Viva World Cup will keine Plattform für politische oder religiöse Motive bieten und explizit keine Konkurrenz zum Weltfussballverband Fifa sein. Viel eher sieht sich das NFB als unterstützende Partnerorganisation. Staaten, die zu einem späteren Zeitpunkt Fifa-Mitglied werden könnten, soll der Einstieg erleichtert werden, indem sie beim Aufbau der nötigen Verbandsstrukturen unterstützt werden. RetroN°35Punktmagazin

Wer nächsten Sommer am Turnier in Kurdistan teilnehmen wird, steht noch nicht definitiv fest, sicher dabei sind Titelverteidiger Padanien und der Gastgeber. Weitere Mitglieder des NFB und somit mögliche Teilnehmer sind unter anderem Gibraltar, Sansibar, Tibet, Grönland, Lappland, West-Neuguinea oder Okzitanien. Fussball statt Religion und Politik Die Idee, mit der aus dem FC Haldenstein entstandenen FA Raetia die Teilnahme an einem internationalen Turnier anzustreben, hatte­ Clubpräsident Gian-Marco Schmid Anfangs 2011. «Der FC Haldenstein wurde damals vor allem zu Trainingszwecken gegründet, eine Teilnahme am Schweizer Meisterschaftsbetrieb haben wir mangels Anreizen früh verworfen.» Der Traumgegner von Schmid, der als Rapper unter dem Namen Gimma bekannt ist und selber in Haldenstein wohnt, war der Vatikan. «Als ich im Zuge der Vereinsgründung von der Existenz des NFB erfahren habe, meldete ich mich bei ihnen. In einer Telefonkonferenz haben sie uns schliesslich an die Versammlung in Erbil eingeladen», erklärt er den Lauf der Dinge.


YACINE AZZOUZ FA raetiaKopflastiges

An dieser erfuhr Azzouz, dass man sich zuerst einen Eindruck vom Team verschaffen wolle, bevor man über eine Aufnahme sprechen könne. Zu diesem Zweck erstellten die Bündner ein Dossier mit den historischen Hintergründen und fädelten für für den 4. Dezember in London ein Testspiel ein. Gegner war die Auswahl von Chagos, einem Archipel im Indischen Ozean, dessen Bewohner in den 70-er Jahren von den Briten nach Mauritius deportiert wurden. Dies, weil Bündnispartner Amerika im Indischen Ozean eine Basis benötigte, um für den aufkeimenden Kalten Krieg gewappnet zu sein – die Chagos-Inseln waren perfekt dafür. Heute leben die meisten Chagossianer in London, da sie sich 2002 vor Gericht wenigstens das Recht auf einen britischen Pass erklagten. «An der Delegiertenversammlung in Erbil war Herold Mandarin, der Vertreter von Chagos, mein Zimmerpartner. Durch ihn habe ich von ihrem Schicksal erfahren. Da sie ebenfalls eine Teilnahme am Turnier ins Auge fassen und sich, genau wie wir, dem NFB präsentieren wollten, haben wir das Testspiel in London organisiert und sie auch sonst etwas unterstützt», erklärt Azzouz­Gegner und Ort. Via London nach Kurdistan Nebst einem ordentlichen Spielniveau ist dem NFB vor allem ein fairer und respektvoller Auftritt wichtig. Dass die meisten Teams nicht über internationale Klasse verfügen, versteht sich von selbst. «Die Zuschauer haben während 90 Minuten getanzt und geklatscht. Nach dem Spiel luden die Chagossianer uns und die Repräsentanten des NFB zum Empfang. Es war grossartig – und das nicht nur wegen des tollen kreolischen Essens, das serviert wurde», schwärmt Azzouz von der Londonreise. Obwohl das Resultat zweitrangig war, wurmt er sich über den Ausgang: «Zu Beginn hielten wir gut mit, nach dem 1:1 sah es für eine Weile sogar danach aus, als ob wir das Spiel drehen könnten. Zur Halbzeit lagen wir 2:1 zurück, doch ab der 60. Minute sind wir auf-

YACINE AZZOUZ YACINE AZZOUZ

grund konditioneller Mängel eingebrochen. Abgesehen von der 6:1-Niederlage reisten wir aber mit einem guten Gefühl zurück.» Das gute Gefühl behalten sie auch, wenn man sie auf den Austragungsort anspricht, schliesslich liegt sich Erbil keine 400 Kilometer nördlich von Bagdad. Eine Region, von der das EDA abrät. Die Lage sei unübersichtlich und die Sicherheit nicht gewährleistet. Zudem bestehe das Risiko von Entführungen­ und Terroranschlägen. Die teilautonome ReNE AZals gion Kurdistan YA giltCIzwar als die ZOsicherer UZ übrigen Landesteile, aber auch hier könne sich die Situation jederzeit ändern. Kommt da kein mulmiges Gefühl auf? «Ich war im Kosovo, in Algerien, im Libanon und wo man sonst noch Bomben oder Gewehrsalven erwarten könnte. Und immer kamen Leute, die meinten, dass es da gefährlich sei. Am Schluss hatte ich an diesen Orten jeweils den meisten Spass – vielleicht gerade weil die Leute, die das sagen, in diesen Ecken der Welt nicht anzutreffen sind», meint Azzouz dazu. Alles ist möglich Die Entscheidung, ob die FA Raetia aufgenommen wird und am Viva­ World Cup teilnehmen kann, wird demnächst getroffen. Gewappnet, um ihre Region zu vertreten, sind sie bereits. «Wir haben die Rätische Flagge gemäss den Vorgaben des Rätischen Museums in Chur originalgetreu erstellen lassen. Die aktuelle Kurzhymne ist jedoch nur eine Übergangslösung, da die einzig historisch überlieferten Lieder aus dieser Zeit entweder zu lang oder völlig unpassend sind», unterstreicht Schmid die historischen Ambitionen. MAS RZAN Und wenn sieUD beiBA einer allfälligen TeilnahI me ohne Punkte nach Hause zurückkehren sollten? Azzouz dazu: «Falls es klappt, werden wir im Nordirak Alt Fry Rätien fussballerisch vertreten und dabei gegen Mannschaften aus TIA wäre an sich schon FA RAEDas aller Welt antreten. FA RA ET mal phantastisch. Unser IA sportliches Ziel wäre das Überstehen der Vorrunde. Danach ist alles möglich, sagen die doch immer.» Widersprechen kann man dem nicht.

HEROLD MANDARIN (r.) HEROLD MANDARIN (r.)

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HEROLD MANDARI

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MASUD BARZANI

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Das Einzugsgebiet der FA ­Raetia richtet sich nach den historischen Grenzen Alt Fry Rätiens, das im 15. Jahrhundert aus den drei Rätischen Bünden Gotteshausbund, Grauer Bund und Zehngerichtebund entstanden ist. Als Geburtsstunde Raetiens als eigenständiges und unabhängiges Gebiet wird meist die Schlacht an der Calven genannt. Es war am 14. Mai 1499, als die tapferen Mannen um Benedikt Fontana sich einem zahlenmässig doppelt so starken habsburgischen Heer entgegenstellten und durch die Zerschlagung der fremden Streitmacht ihre Freiheit verteidigten. In den Mailänderkriegen gelang dem Freistaat Raetien 1512 gar die Eroberung von Bormio, dem Veltlin und der Grafschaft Cleven (Chiavenna). Diese Untertanengebiete gingen 1797 nach dem Einfall Napoleons in Raetien verloren und wurden den Cisalpinischen Republiken zugeschlagen. Das verbliebene Kerngebiet wurde 1799 als Kanton Raetien in die Helvetische Republik eingegliedert. Ab 1803 hiess der Kanton offiziell Graubünden. Was den Bündnern aus der Geschichte geblieben ist, ist die Liebe zur Freiheit und Unabhängigkeit.

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Gen체ssliches

das achten der

Worte

adrian witschi

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traditionen Bilder

patrizia human

Traditionen Der Geigenbau wirkt vertr채umt und unzeitgem채ss. Doch es geht dabei nicht um Barockromantik im K erzenschein, sondern sondern um um die die Tatsache, Tatsache, dass dass gewisse gewisse Dinge Dinge durch durch Technologisierung Technologisierung nicht nicht zwingend zwingend besser besser werden. werden.

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und dass es daher voraussichtlich erst in zehn Jahren zu Geigen verarbeitet werden würde. Dann sei das Holz trocken und ruhiger, erst so lasse es sich für den Geigenbau verwenden. In zehn Jahren wird Hans Rudolf Hösli aber bereits in Pension sein. Seit 1996 leitet der diplomierte Geigenbaumeister nun die Geigenbauschule in Brienz, die 1944 eröffnet wurde und bis heute die einzige Fachschule für Geigenbau in der Schweiz geblieben ist. Momentan lernen hier zehn Schüler und Schülerinnen während vier Lehrjahren das Handwerk des Geigenbaus von Grund auf kennen. Die meiste Zeit verbringen sie an den hölzernen Werkbänken im grossen Gemeinschaftsatelier, wo sie von Hösli und seinem Meisterkollegen Simon Glaus ins Handwerk eingeführt werden. Erfahrung sei enorm wichtig im Geigenbau, sagt Hösli und hält neben Mihail und einem halbfertigen Cello inne. Viele Leute würden im Zusammenhang mit dem Geigenbau stets von «Berufsgeheimnissen» sprechen. Dabei gehe es nicht um geheimes Wissen, sondern schlichtweg um Erfahrung. Je mehr Geigen, Celli und Bratschen ein Geigenbauer­ gebaut habe, desto besser wisse er, auf was er dabei zu achten habe. Dann erklärt er Mihail, einem Schüler aus Moldawien, dass er die Holzstifte in der Decke und im Zargenkranz seines Cellos noch etwas länger drin lassen solle. Es sei auch schon vorgekommen, dass das Ganze eben im letzten Moment noch verrienz ist aus Holz geschnitzt. rutscht sei. Mihail nickt. Diesen Eindruck hat man zumindest, wenn man Maschinen können das nicht Gleich neben durch das kleine Dörfchen Mihail befindet sich Serainas Arbeitsplatz. am Fusse des Rothorns spa- Die Bündnerin ist im zweiten Lehrjahr und ziert. Die Promenade ist ge- eben damit beschäftigt, das Griff brett für säumt mit hölzernen Bären, die wehmütig auf eine Bratsche fertigzustellen. Ihr gefalle die den tiefen Brienzersee starren, und die nied- Ausbildung sehr, sagt sie. Sie fände es einfach lichen Schaufenster entlang der Hauptstrasse schön, dass beim Geigenbau so wenige­ Masind voll mit handgeschnitzten Engeln, Kü- schinen zum Einsatz kämen. Verwundert blihen und Edelweissblumen. Selbst die Wohn- cke ich durch den Raum, bemerke die klafhäuser der Einheimischen sind zumeist aus fende Abwesenheit von Maschinen, denke Holz gebaut. Wer sich hier eine Zigarette an- an China und frage Herrn Hösli, ob es denn zündet, tut es mit einem mulmigen Gefühl. heutzutage keine guten Geigen gäbe, die von Holzbildhauerei und Kunstschnitzerei ha- Maschinen hergestellt würden. «Wenn wir eiben in Brienz eine lange­Tradition. Nicht nur, ne ­Materialkonstante hätten», antwortet er, weil die Bevölkerung eine gewisse Begabung «würden gute Geigen wahrscheinlich zu eiin solchen Dingen aufzuweisen scheint, son- nem höheren Prozentsatz maschinell hergedern auch, weil sich die kleine Gemeinde im stellt werden. Aber Holz ist nicht konstant. Berner Oberland inmitten von Bergahorn- Je nachdem, wo und wie das Holz gewachsen und Fichtenwäldern befindet. Zwei Holzar- ist und geschnitten wurde, verhält es sich in ten, die sich äusserst gut zu Kunsthandwerk der Verarbeitung anders. Der geübte Geigenverarbeiten lassen. Und zwar nicht nur zu Bä- baumeister macht während der Arbeit imren und Kühen, sondern vor allem auch zu mer wieder Zwischenmessungen und weiss Geigen. Und so verwundert es wenig, dass auf die unterschiedlichen Werte einzugehen. sich neben der ausnahmsweise steinernen Das macht eine Maschine so nicht.» Kirche am Dorfrand die Geigenbauschule Ob und Inwiefern sich denn das HandBrienz befindet. werk des Geigenbauers heutzutage überhaupt von traditionellen Methoden unterErfahrung braucht Zeit Herr Hösli bleibt scheide, frage ich Herrn Hösli, während wir vor einem grossen Holzstapel stehen. «Im an einem südamerikanisch wirkenden Mann Geigenbau», sagt er in gemächlichem Berndeutsch, «rechnet man in etwas anderen Zeitabschnitten.» Er zeigt auf den Stapel und erklärt, dass dies frisch geschnittenes Holz sei

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«Wenn wir eine Materialkonstante hätten, würden mehr gute Geigen maschinell hergestellt werden. Aber Holz ist nicht konstant.»

vorbeigehen, der eben dabei ist, im Licht einer kleinen Halogenlampe einen dunklen Geigenbogen zu reparieren. «Sowohl unser Ausbildungsprogramm als auch unsere Arbeitsmethoden sind ganz bewusst sehr nahe bei dem, wie man bereits vor drei- bis vierhundert Jahren Geigen gebaut hat», erwidert Hösli, während er dem jungen Südamerikaner über die Schultern blickt. «Und zwar deshalb, weil der Lernerfolg viel grösser ist, wenn man jeden einzelnen Schritt von Hand machen muss. Unser Lernmotto ist ‹Begreifen›. Die Schüler sollen begreifen, wie man eine Geige herstellt.» Geschäftig und konzentriert Ob ich portugiesisch spreche, fragt mich Herr Hösli plötzlich und­zeigt auf den Mann mit dem Geigenbogen. Sein Name ist David Matos­, er kommt aus Brasilien. David ist Teil eines brasilianischen Hilfsprojekts, das Jugendliche von der Strasse wegholt und sie in der klassischen Musik schult. In Salvador da Bahia sind auf diese Art in den letzten zwei Jahren bereits zwei Orchester entstanden. Diese Orchester brauchen natürlich auch Serviceleute für die Pflege ihrer In­strumente, und so einer ist David. Er ist schon zum zweiten Mal für ein paar Monate hier in Brienz. Er begrüsst uns kurz, wendet sich dann aber wieder seiner Arbeit zu. Allgemein wirken die Schüler sehr geschäftig und konzentriert. Ich habe Mühe, einen Interviewpartner zu finden, die meisten wollen lieber weiterarbei-

ten. «Wissen sie», sagt Hösli, während er uns zum Lackraum führt, «das ist etwas, was aus heutiger Sicht oft falsch verstanden wird. Tradition und alt heisst nicht gleich ‹nicht speditiv› sein. Handwerker sind immer effizient gewesen und haben immer­auch ökonomisch gedacht. Das gehört zum Handwerk und das gehört auch zum Kunsthandwerk. Aber gewisse Dinge brauchen einfach­ihre­Zeit. Man muss lernen, wo man schnell sein kann und darf und wo nicht.» Eine Geige zu bauen ist ein aufwändiges Unterfangen. Am Anfang stehen ausführliche Zeichnungen, die in der Regel nach geome­ trischen Vorgaben konstruiert werden. Dann werden die einzelnen Teile der Geige von Hand geschreinert und schliesslich zusammengeleimt. Oft entscheiden kleinste Details darüber, ob die Geige im Gebrauch den gewünschten Klang erzielt oder nicht. Ist alles verleimt, kommt die Geige in den Lackraum und wird mit einem speziellen Lack versehen. Und um diesen Lack ranken sich nicht selten wilde Legenden. So gibt es in der Fachliteratur beispielsweise­verschiedene Bücher, die sich einzig mit dem Lack der weltberühmten Stradivari-Geigen befassen. Stradivaris geheimer Lack Eines dieser Bücher liegt auch im Lackraum der Geigenbauschule Brienz. Es ist rot, beängstigend gross und auf dem Buchdeckel steht in­ ­verschnörkelter Kurrentschrift «Stradivari Varnish». Ich nehme das Buch in ¬ PunktmagazinN°35Retro


Genüsslichesgeigenbauschule

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die Hand und frage Hans Rudolf Hösli, ob man denn nun ­herausgefunden habe, wie sich der Stradivari-Lack zusammensetze. Er lächelt und sagt, dass wir mit dieser Frage jetzt in andere Bereiche des Geigenbaus vordringen würden. Zum einen, in denjenigen der Geigenbau-Wissenschaft, zum anderen aber auch in denjenigen der Vermarktung und der PR. Man wisse zwar, wie sich der Lack von Stradivari-­Geigen zusammensetze, aber man könne nicht einfach einen Stradivari-Lack auf eine x-beliebige Geige streichen und dann meinen, man habe eine Stradivari. «Man muss den Lack der Geige anpassen», sagt Hösli und hält eine fertig lackierte Geige in seiner Hand. «Hat man eine Geige gebaut, die etwas mehr klangliche Weite braucht, kann man das mit einem entsprechenden Lack unterstützen. Es kann aber auch sein, dass eine Geige, wenn sie von der Werkstatt kommt, eben gerade nicht nach Weite, sondern nach Fokussierung verlangt. In diesem Fall muss man einen anderen Lack beziehungsweise eine andere Grundierung auftragen. Auch hier muss der Geigenbauer seine Arbeit und sein Produkt in jedem einzelnen Fall mit all seinen Sinnen aufmerksam begleiten.» Wie er denn das gemeint habe, vorher, mit der Vermarktung und der PR, frage ich. «Die ganze Wissenschaft rund um den Geigenbau, die Schichtbilder aus dem Computertomographen, die verschiedenen Analysen zum Lack, die Zusammenarbeit mit Physikern und Chemikern, das alles kann zwar durchaus der wissenschaftlichen Forschung im Geigenbau dienen; ich beobachte aber eben, das letztlich vieles vor allem für PR-Zwecke verwendet wird.»

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PR oder nicht, am Ende zählt der Klang Peter Greiner – einer der aktuell prominentesten Geigebauer der Welt – arbeite ja auch mit einem Physiker zusammen, merke ich an. Ich hätte gelesen, dass seine Geigen praktisch gleich gut seien wie diejenigen des Altmeisters Stradivari. «Peter Greiner macht sicherlich gute Geigen», erwidert Hösli. «Allein die Tatsache, dass seine Geigen von bekannten Virtuosen gespielt werden, gibt seinem Produkt Recht. Peter Greiner ist aber auch ein Meister der Kommunikation, der die verschiedenen PR-Bereiche bespielt. Es gibt auch Geigenbauer, die im Stillen gute Instrumente herstellen und diese auch für ‹stillere› Preise verkaufen. In unserem Beruf, wie in anderen Berufen auch, spielt der Schein, die Aufmachung, die Vermarktung eben auch zunehmend eine wichtigere Rolle.» Nicht alle Absolventen der Geigenbauschule werden am Schluss auch tatsächlich Geigen, Celli oder Bratschen bauen. Der Beruf des Geigenbauers ist vor allem ein Service­beruf. Meist bestimmen ­Reparaturen an Mietinstrumenten und Unterhaltsarbeiten an Geigen­ von Schülern oder Berufs­ musikern den Alltag. Einige werden sich aber auch mit der Restaurierung von alten InstruRetroN°35Punktmagazin


Genüssliches

Kolumne

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Prof. Dr. Dirk Boll

Eine Retrospektive auf die Kunstmärkte

N

menten oder mit dem eigentlichen Geigenbau eine Existenz aufbauen können. Doch der Markt für Geigenbauer ist beschränkt, und es gibt viel Konkurrenz. «Man braucht einen langen Atem als Geigenbauer.­Das vermitteln wir unseren Schülern während der Ausbildung», bemerkt Hösli. «Doch wenn man Geduld hat, kann man als Geigenbauer nachhaltig arbeiten und trotzdem ein Leben mit vielen Glücks­momenten führen.» Ob er das Gefühl habe, dass diese Glücksmomente mit einer gewissen Entschleunigung zusammenhängen, welche die Arbeit als Geigenbauer mit sich bringe, frage ich Herrn Hösli und blicke dabei in sein nachdenkliches Gesicht. «Wir leben in einer Zeit», antwortet er nach einer Weile, «in der ‹schnell› und ‹teuer› und ‹erfolgreich› zählen. Doch das Glück ist mit Sicherheit nicht alleine dort zu finden.» Dann schweigt er wieder für einen Moment und starrt mit ruhigen Augen auf den grossen Kontrabass in der Ecke des Aufenthaltsraumes. «Die meisten Glücksmomente», sagt er schliesslich und lächelt, «kommen aber im Zusammenhang mit der Musik. Wenn dann die Instrumente, an denen man gearbeitet hat, schliesslich von Musikern und Musikerinnen gespielt werden. Das ist wunderbar.»

icht immer war früher alles besser. Die internationalen Kunstmärkte beispielsweise verwöhnen zurzeit viele Verkäufer von Kunstwerken mit historischen Rekordpreisen. Dies freut auch Galerien und Auktionshäuser und nicht zuletzt die Medien, zuweilen sogar die Künstler. Trotzdem ist auch dieser Bereich nicht frei von Retrospektiven. Zunächst im direkten Sinne des Wortes: Die Retrospektive des Schaffens eines Künstlers kann das Interesse an seinem Oeuvre und damit die Nachfrage nach seinen Werken ganz erheblich steigern. Regelmässig ist der Tod des Künstlers Anlass für eine solche Retrospektive. Durch die Berichterstattung steht der Künstler erneut im Mittelpunkt des Interesses, vielleicht erfolgt sogar eine Neubewertung des Oeuvres. In der Folge wird oft der Nachlass aufgearbeitet und ein Werkverzeichnis erstellt. Allerdings stimmt die These, wonach erst nach dem Tod des Künstlers Höchstpreise zu erzielen sind, nicht unbedingt. Zuweilen kann man feststellen, dass Preise von Werken jener Künstler, die zu Lebzeiten hoch gelobt und entsprechend hoch bewertet wurden, nach dem Tod eher statisch verharren. Aber auch im weiteren Sinne können Retro-Phasen im künstlerischen Schaffen interessant sein. Hier denkt man zunächst und ganz direkt an die «Appropriation Art», eine künstlerische Strategie der 70-er bis 90-er Jahre des 20. Jahrhunderts. Vertreter dieses postmodernen Ansatzes wie Sherrie Levine, Louise Lawler, Elaine Sturtevant oder Richard Prince stellten mit Plagiaten den bis dato sakrosankten Begriff des Originals in Frage. Im Bereich der künstlerischen Mittel und Techniken kann man natürlich auch die weitreichende Begeisterung für klassische Malerei der 1990er Jahre, also die Verwendung von Ölfarbe und Leinwand, als Rückbesinnung auf ältere Epochen der Kunstgeschichte und auf das Gemälde als Archetypus der Kunstgeschichte ansehen. Zu den Märkten zurückkommend muss man zwar feststellen, dass die klassische Malerei der Leipziger Schule heute vielleicht etwas weniger gefragt ist als noch vor einer Dekade. Das mag aber auch mit einem weiteren Aspekt zu tun haben, den man als Teil einer retrospektiven Sicht auf die Welt ansehen könnte. Seit der Krise der Finanzmärkte 2007/08 ist das Kaufverhalten deutlich konservativer geworden. Der Sammler des 21. Jahrhunderts legt wieder verstärkt Wert auf kunsthistorische Bedeutung, auf die Kanonisierung des Oeuvres, aus dem er ein Werk zu kaufen beabsichtigt. Dieser Aspekt hat möglicherweise mit dem gestiegenen Bedürfnis nach Sicherheit zu tun, vielleicht aber auch mit dem Wunsch nach Kunst, die einfach nicht nach Boom aussieht, sondern nach Besinnung, Inhalt und Kontext. Dies freut auch Galerien und Auktionshäuser und nicht zuletzt die Medien. Zuweilen sogar die Künstler.

Jurist und Kulturmanager Prof. Dr. Dirk Boll ist Geschäftsführer Kontinentaleuropa bei Christie’s. Als Publizist ­w idmet er sich strukturellen wie rechtlichen Fragen der Kunstbetriebe.

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Genüsslichesmassanzüge

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Anzüge machen Männer Der Anzug ist der treue Begleiter des Mannes. Ob Financier, Türsteher oder Bestatter – ein Herrenanzug lässt sie Kompetenz und Zuverlässigkeit ausstrahlen. Was die Engländer früh kultivierten, hat modisch nicht an Relevanz verloren. Der Trend nach Massanzügen bestätigt dies.

S

chon Gottfried Keller wusste: Kleider machen Leute. Träger von gepflegten Herrenanzügen wirken kompetent, seriös und vertrauenswürdig. Aus der Geschäftswelt ist die Kombination von Sakko­ und Hose­ nicht mehr wegzudenken. Und selbst an so manchem Freizeitanlass­ wird das Tragen­ des stilvollen Klassikers vorausgesetzt. Je nach modischer Gesinnung und Budget zieren­ Markennamen wie Hugo Boss, Armani oder Zara die Etikette auf dem Innenfutter. Es sei denn, der Anzug ist massgeschneidert.

schinen über die ersten Serienanzüge. Bis zu diesem Zeitpunkt trugen Männer und Frauen­ ausschliesslich handgefertigte Kleidung. Auch der Begriff Anzug hatte damals noch eine andere, eine praktische, Bedeutung. Gemeint war eine als Einheit getragene Kleidung wie beispielsweise der Arbeitsoverall oder die Militäruniform. Individualität vor Masse Ein Verständniswandel fand in den letzten Jahren auch hinsichtlich Massanzügen statt. Was bis Mitte der 90-er Jahre noch als elitär und extravagant galt, umschmiegt heute vermehrt auch

Konstruktionen entgegen. Dank der neuen automatischen Vermessungstechnik können­ Massanfertigungen heute zu Preisen angeboten werden, die nicht viel höher sind als die der Konfektionsware. Die Nachfrage nach Massarbeit jedenfalls wächst stetig – und mit ihr der Markt. Doch büssen Massanzüge nicht an Prestige ein, wenn die Preise sinken? Soltermann dazu: «Das mag sein, doch bei unseren Kunden stelle ich selten Prestigegedanken als Kaufmotivation fest. Zu uns kommen zum Beispiel auch Studenten, die für ihre ersten Bewerbungsgespräche die richtige Kleidung suchen.» Seine Kundschaft sei breit gefächert, und es gehe ihr primär darum, optisch das Beste aus ihrem Anzug rauszuholen. Dadurch, dass er und seine Mitarbeiter sowohl in Schnitt, Stoff, Farbe und Passform auf spezifische Wünsche und die Persönlichkeit des Kunden eingehen können, erhalte dieser den auf ihn optimal zugeschnittenen Anzug.

Neues Kundenbewusstsein Thatsuits und viele andere Hersteller von «Mass Vom Rüschenrock zur Uniform Im Customization» beschäftigen dafür ausVorbürgertum hüllte sich der Adel in gebildete Schneider und Modefachleute. prunkvolle, farbenkräftige und voluDer Kunde wird in der Schweiz beraminöse Stoffkreationen. Damit stellte ten und vermessen. Die eigentliche Herer seinen hohen Gesellschaftsrang zur stellung findet im Ausland statt. ZuSchau. Mit Ende der Französischen Rerück im Schweizer Atelier verpassen die volution forcierten vor allem die EngSchneider dem Stück vor Ort den letzländer ein neues Modebewusstsein. ten Schliff. Änderungsarbeiten werden Man hatte genug von der französischen ebenfalls in der eigenen Schneiderei vor Hofkultur. Neu waren Schlichtheit, DeOrt vorgenommen. Die hochwertigen zenz und Körperbetontheit angesagt. Stoffe bezieht Soltermann von namhafImmer tragbar und elegant sollte die ten Webereien wie Cerruti oder Vitale Kleidung sein. Aus diesem Bedürfnis Barberis aus Italien, Australien und der heraus entstand der Herrenanzug. BeSchweiz. Damit könne er hohe Qualität stehend aus Jackett, Hose und allenfalls garantieren und wisse genau, womit er Weste, galt er fortan als gesellschaftsfähig. des Normalverdieners Körper. Seit einiger es zu tun habe. Dass unter den Konsumenten Inspiriert wurde die neue Mode unter ande- Zeit, so scheint es, schiessen in der Schweiz das Bewusstsein für faire Produktionsmethorem vom Sportgewand des englischen Adels, und anderen europäischen Ländern Massbe- den gewachsen ist, merkt auch Soltermann. der Dandy wirkte denn auch als Botschafter. kleidungsfirmen wie Pilze aus dem Boden. «Neue Kunden konfrontieren mich häufig Seine Lebensphilosophie prägte die Grund- Haben Männer ein neues Modebewusstsein mit Fragen dieser Art. Und das ist gut so.» Er idee des Anzugs massgeblich. Der «englische entdeckt, oder ist Kleidung nach Mass preis- kenne­alle seine Zulieferer im Ausland und leStutzer» lebte nach dem Grundsatz, stets ad- werter geworden? «Beides ist der Fall», meint ge seine­Hand dafür ins Feuer, dass seine Nääquat und schick gekleidet zu sein. Diesen Markus Soltermann, Geschäftsführer von herinnen unter guten Arbeitsbedingungen Anspruch haben auch heutige Anzugträger. Thatsuits, einem Zürcher Massbekleidungs- produzieren. Die Produktion der DamenÜberhaupt hat das mehrteilige Dress in den hersteller. «Heute sucht der Konsument wie- kleidung findet in Hamburg statt, jene der letzten 150 Jahren keine monumentalen Ver- der vermehrt das Individuelle. Wer sich in Männerkollektion in China. Der Kunde müsänderungen erfahren. einer Leistungsgesellschaft wie der unseren se kritisch sein und hinterfragen. Dies gelte Monumental waren dafür die Fortschritte,­ behaupten will, muss sich von seinen Kon- auch für massgeschneiderte Urlaubssouvenirs die in der Produktion erzielt wurden. Mit der kurrenten abheben.» Und da der erste Ein- aus Thailand, die im Übrigen nicht zwingend Verbesserung der Nähmaschine und dem druck bekanntlich zählt – erst recht in Zeiten von schlechter Qualität sein müssen. «Doch Auftreten der ersten leistungsfähigen mecha- des harten Wettbewerbs – seien sowohl Hülle­ viele tappen in Touristenfallen und kommen nischen Webstühle um das Jahr 1850 herum als auch Kern entscheidend. mit entsprechend billiger Ware­nach Hause», begann das Zeitalter der Konfektion, der se- Dem vermehrten Wunsch nach Individu- warnt Soltermann. Ob einen ein solcher Anrienmässigen Produktion von Kleidungsstü- alität kam in den 90-er Jahren die Entwick- zug in bestem Licht erscheinen lässt, sei dahin cken. In den Fabriken ratterten die Nähma- lung einer Software für dreidimensionale gestellt. RetroN°35Punktmagazin


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Die Zukunft die niemals stattfand Worte: David Fehr

Bilder: paleofuture.com

Zurück in die zukunft

Schon immer machten sich Visionäre Gedanken über die Zukunft. Einige der daraus resultierenden Vorhersagen wirken aus heutiger Sicht reichlich naiv. Andere sind dafür bemerkenswert akkurat und mehr oder weniger so einge-

Atlantis + Nicht eingetroffen

Dass der Lebensraum auf der Erde­irgendwann knapp werden könnte, war man sich schon früh bewusst. Nebst Kolonien im All wurde­daher die ­Erweiterung des Lebensraums unter Wasser– nach dem Vorbild der Unterwasserstadt Atlantis – immer wieder zum Thema gemacht. So auch die Illustration, die 1954 das Cover des «If Magazine» zierte und eine solche Kolonie unter Wasser zeigt. Novak wundert sich zurecht über einige Unterseeautos, die sich am Meeresboden fortbewegen. Die unpraktische Art erklärt er sich damit, dass man den Menschen zumindest vertraute Fortbewegungsbahnen bieten wollte, wenn schon die neue Umgebung derart fremd ist.

1954

troffen, wie vorhergesagt. Ihnen allen gemein ist: Sie geben faszinierende Einblicke in die Welt des Retro-Futurismus – eine Zukunft, die nie stattfand. Die hier abgedruckten Bilder und Illustrationen stammen vom Paleofuture Blog, der vom Amerikaner Matt Novak seit 2007 betrieben wird und sich ganz dem Retro-Futurismus widmet.

Kinder

Sichere

+ Nicht eingetroffen

+ Teilweise eingetroffen

im All

Der Weltraum war für Futurologen immer wieder eine beliebte Projektionsfläche, wenn nicht die beliebteste überhaupt. So auch für Catherine E. Barry, damals Kuratorin beim Hayden Planetarium in New York, die 1954 das Buch «A trip through Space» herausgab. Darin beschreibt sie – 15 Jahre vor der ersten Mondlandung – wie Kurztrips ins All zukünftig an der Tagesordnung sein würden. Auch für Schulkinder hätte das gelten sollen. Statt auf den Uetliberg ins All. Gemäss Novak ist dies übrigens die einzige Darstellung eines Mädchens, die sich in den unzähligen Weltraum-Zukunftsvorhersagen findet. Nebst Schulausflügen sah man unzählige weitere Möglichkeiten: Kolonien, Spitäler, Hotels, Fabriken, Fitnesscenter – im All ist alles möglich, dachte man.

1954 RetroN°35Punktmagazin

Welt

1981

1981 erschien im Buch «World of Tomorrow: School, Work and Play» ein Artikel bezüglich Kriminalität der Zukunft. Die Autoren waren überzeugt, Computer würden dafür sorgen, dass weniger Bargeld benötigt würde (was ja durchaus stimmt). Zudem würden Computer das Haus bewachen, Einbrüche sollten also der Vergangenheit angehören. Mumpitz! Und doch sind einzelne Vorhersagen verblüffend akkurat: «Statt Leute auf der Strasse oder in ihrem Haus auszurauben, werden die Verbrecher von morgen versuchen, mittels Computer Geld von Banken oder anderen Organisationen zu stehlen. Sie werden von zuhause aus arbeiten und ihren Computer dazu nutzen, um auf die Daten von Banken oder anderen Organisationen zuzugreifen, ohne dass es diese merken.»


retro-futurismusGenüssliches

Die Stadt 1895im haus

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+ Nicht eingetroffen

Eine der imposantesten und zugleich bekanntesten Illustrationen des Retro-­ Futurismus stammt von Grant E. Hamilton und wurde 1895 im Magazin «Judge» veröffentlicht. Die Darstellung zeigt die Welt von morgen, ist jedoch eher als zynischer Kommentar auf die damaligen Entwicklungen zu verstehen denn als ernstgemeinte Zukunftsvision. Um die Jahrhundertwende führten urbane Entwicklungen zu Platznot, was Hamilton dazu veranlasste, die Zukunft zu überzeichnen. Im abgebildeten Moloch sind nebst Wohneinheiten und Shops auch religiöse Institutionen, eine dampfbetriebene Eisenbahn und das Regierungsgebäude untergebracht. Im Begleittext zur Ausstellung «Building Expectation», an der die Illustration ausgestellt wurde, heisst es zusammenfassend: «Der öffentliche Bereich wird total absorbiert durch die monumentale Macht der Privaten.» Staat versus Privat, eine Grundsatzdiskussion, die auch in der heutigen Zeit nichts an ­A ktualität eingebüsst hat.

Home1981

Shopping + Teilweise eingetroffen

1926 Iron Boys + Noch Nicht eingetroffen

Geschockt durch die grossen Verluste­ und die Brutalität des ersten Weltkriegs war man bestrebt, die Opferzahlen künftig zu minimieren. Die ­Lösung: Roboterkrieger – sogenannte­ Iron Boys. Die Illustration von 1926 zeigt einen solchen, wie er eine feindliche Maschine abschiesst. Eingetroffen ist die Vorhersage nicht, noch immer sterben in Kriegen Soldaten aus Fleisch und Blut. Die Idee war jedoch alles andere als absurd: Mittlerweile existiert der Iron Boy. Er heisst Petman, wird von Boston Dynamics in den USA produziert und ist vielleicht schon bald im Fronteinsatz.

Eine ziemlich genaue Vorhersage bezüglich Einkaufen in der Zukunft erschien 1981 im Buch «The World of Tomorrow: School, Work and Play». Im Grunde genommen zeigt das Bild mehr oder weniger exakt die Funktionsweise von heutigem Home Shopping auf: Man sitzt zuhause vor dem Computer und bestellt die verschiedenen Produkte, die (teilweise manuell, häufiger maschinell) abgepackt und nach Hause geliefert werden. Wörtlich heisst es im Artikel: «Shopping wird in der Zukunft einfacher und angenehmer sein. Computer und Roboter werden es ihnen ermöglichen, in den besten Shops einzukaufen, ohne dafür einen Finger rühren zu müssen.» Kleiner Schönheitsfehler: Neil Ardley, der Verfasser des Buches, ging davon aus, dass die Produkte von einer Live-Kamera gefilmt werden. Heutige Onlineshops wie Amazon und Le Shop setzen dagegen auf Standardbilder. PunktmagazinN°35Retro


pompös

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Nussbaum fürs Büro

Wer das Besondere sucht, wird bei Pinch fündig. In den ausgetüftelten Designs kommen ausschliesslich natürliche Materialien zum Einsatz. Nordischer Schick auf britische Art. Ein Möbelstück, von dem auch das Auge kaum genug bekommen kann. AB CHF 2600.– | www.pinchdesign.com

Purismus aus Luzern So Hip

Judith und Walter Hess leben in Luzern, im Herzen der Schweiz. Beide haben eine Passion für Ästhetik und setzen diese nun in ihrem eigenen Uhrenlabel um. Uhrmacher sind sie geworden, weil sie die Zeitmesser, die ihnen vorschwebten, einfach nirgends fanden. Da war es für das Ehepaar Hess nur konsequent, eine eigene Uhrenkollektion zu entwerfen. Das Resultat sind die beiden Modelle «Two.1» und «Two.2». Frei nach dem Motto «Weniger ist mehr» entstand eine­puristische, elegante und auf das Wesentliche reduzierte Kollektion. Dualität als Kontrastprogramm ist die Devise von Hessuhren. Matt und Glanz, Braun und Schwarz sowie Stahl und Rotgold kon­trastieren wild miteinander, steigern einander gegenseitig und verbinden sich. Die «Two.1» – ausgestattet mit einer automatischen Zeitzonenuhr mit Grossdatum, Rotgoldziffern und schwarzem oder braunem Zifferblatt – ist das Modell für Kosmopoliten. Die «Two.2» hingegen ist ein Klassiker, der durch seine Schlichtheit besticht. Beide Modelle sind wasserdicht bis zu einer Tiefe von 50 Meter, verfügen über ein Krokolederband in schwarz oder braun und natürlich sind beide «Swiss Made». ab CHF 8400.– | www.hessuhren.ch

RetroN°35Punktmagazin

Nerd meets Future. Diese besondere Fassung von Dior verbindet die XL-Form der Nerdbrille mit dem Futuretouch des geometrisch verlaufenden Stegs. CHF 410.– | www.dior.com

Schreibkultur Montegrappa, Italiens ältester

Schreibgerätehersteller, produziert nur im Hochpreissegment. Aus der Kollektion Privilege stammt der achteckige Füller aus Sterling Silber in mattem, grauem Harz. Er verfügt über eine 18 Karat Goldfeder mit zwei Füllsystemen. CHF 595.– | www.montegrappa.com

Der Klassiker

Der Lounge Chair, einer der bekanntesten Entwürfe von Charles und Ray Eames, entstand 1956 und avancierte zum Klassiker der modernen Möbelgeschichte. Er verbindet ultimativen Komfort mit höchster Qualität in Material und Ausführung. AB CHF 7661.– | www.vitra.com


PompösGenüssliches

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Luxus-Refugium für Familien Das Familienhotel Bellevue im tirolerischen Lermoos vereint auf faszinierende Art modernen Zeitgeist und Traditionen. Die Oase verführt ihre Gäste – auch die kleinsten darunter – geradezu, den Alltag zu vergessen.

I

Neu ist Alt

Modebewusste Männer ikonisieren die klassische Garderobe, bedienen sich vielerlei Aushilfen und

m Herzen der Tiroler Bergwelt fernab von Hektik und Stress befindet sich das Hotel Bellevue. Für Familien lässt der 4-Sterne-Betrieb keine Wünsche offen. Spezielle Baby- und Kleinkinderausstattung steht im ganzen Haus bereit. Der hoteleigene Kindergarten ist ein Paradies mit Kletterland, Kreativ-Werkstatt und Spielzimmer. Hier werden Kinder betreut, wenn sich die Eltern eine Ruhe­pause gönnen. Ein abwechslungsreiches Programm wartet auch auf die ganz Kleinen. Sind sie zwischen 3 und 20 Monate alt, können sie am Babyschwimmen und Babyturnen im Kribbl-Krabbl-Raum teilnehmen. Hoch oben auf dem Dach mit grandiosem Blick auf das malerische Tal, im alpinen Panorama Spa, wird man eins mit sich und der Natur. Wohlige Wärme mit feinem Heu-Holz-Aroma breitet sich in der Heustadl-Sauna­ aus, während die finnische Aussensauna den Kreislauf anregt. Neben dem Pool können die Gäste auf dem Sonnendeck entspannen und die heilende Wirkung der Natur erfahren. Ein magischer Ort für gestresste­Körper und Geister. Am Abend serviert das charmante Personal des Four Mount Restaurants raffinierte Menüs, die von exzellenten Weinen aus dem sortierten Weinkeller begleitet werden. Erwähnenswert sind auch die Skizwergerl­wochen vom 7. bis 21. Januar 2012: Übernachtungen «All-inklusive» mit Kinderbetreuung, -skischule und -skiausrüstung, sowie Skipässe für 2 Erwachsene und 1 Kind gibt’s ab 2614 Euro.

variieren diese neu. Sakkos spielen weiterhin die Haupt-

Wettbewerb

rolle. Bei diesem Modell von

Gemeinsam mit dem Hotel Bellevue verlost PUNKTmaga-

Baldessarini zeigt sich die

zin ein Verwöhn-Weekend: 2 Nächte für 2 Erwachsene und

stilistische Vielfalt im Halb-

1 Kind inklusive Verwöhnpension­im Wert von rund 850

futter und den Paspelierungen

Franken. Eine Email an wettbwerb@punktmagazin.ch mit

im Camouflage-Design sowie

dem Stichwort «Tirol»­ genügt. Teilnahmeschluss ist der

den Leder-Ärmel-Patches.

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Quotidian

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id11 – The Art oF Chalet Chic

Handgemacht Rückwärts zu gehen ist nicht

jedermanns Sache. Vielleicht klappt’s mit den Schuhen von Ylati besser. Das junge Label stammt aus Campania, Italien, der Name steht für Italy –

Ob Chalet in den Bergen oder Dreizimmer-Wohnung in der Stadt – dank ID11 hält das rustikale Flair in jedem Zuhause Einzug.

rückwärts ausgesprochen. Die Schuhe überzeugen

W

Toskanaregion und sind handgefertigt.

as schwer zu bekommen ist, gilt als besonders begehrenswert. Diese einfache Binsenwahrheit hat sich auch die Wirtschaft zu Nutze gemacht. In diesem Fall ist es die Zeit, die limitiert ist. Seit über 13 Jahren ist Marco Rampinelli im Pop-up-Geschäft zu Hause. Die Philosophie dahinter ist, dass die Läden nur temporär geöffnet sind. So wie in seinem id-Shop in Zürich, in dem jeweils nur während der Wintermonate eingekauft werden kann. Nebst restaurierten Swissair-Trolleys findet man dort ausgefallene, exquisite und rare Wohnobjekte sowie modische Accessoires. Ob Fellshopper, Kerzenständer, Kronleuchten aus Hirschgeweihen, Felle, Kaninchendecken, Kissen, Lampen, Präparate oder ausgesuchte Silberkostbarkeiten: Die aussergewöhnliche Vielfalt bietet für jeden etwas. Marco Rampinelli engagiert sich zudem sozial, einige seiner Produkte werden in Kooperation mit der Werkstätte Drahtzug hergestellt, die sich für die Wiedereingliederung von psychisch beeinträchtigten Menschen einsetzt. Für den Inhaber ist es ausserdem ein grosses Anliegen, nur Felle von Nutztieren oder aus der Jagd zu verarbeiten. Wie bereits id10 befindet sich der neue id11-Pop-up-Store an der Kreuzstrasse 15 in Zürich, der noch bis zum 24. März 2012 geöffnet ist. Wer sich ein genaueres Bild von den Produkten machen will, kann das auf der Internetpräsenz von id11 tun. Wettbewerb PUNKTmagazin verlost gemeinsam mit id11 einen Gutschein im Wert von 500 Franken. Eine Email an wettbwerb@punktmagazin.ch mit dem Stichwort «ID11» genügt. Teilnahmeschluss ist der 15. Februar. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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von Aunts & Uncles ist aus bestem Leder gefertigt. Sowieso, Aunts & Uncles überzeugen durch ehrliche Produkte, die nicht nur dank ihres eigenen Charakters eine Geschichte erzählen. Pflanzlich gegerbtes Rindleder, das natürlich geölt und gewachst wird, sorgt für eine ganz besondere Qualität. CHF 249.– | www.auntsanduncles.de


QuotidianGenüssliches

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Für die Westentasche

Ein lebendiges Fossil

Da schlägt nicht nur das Sammlerherz höher. In Kooperation mit der Firma Rollei bietet Minox die kleinste funktiÄsthetik und Design Die

onsfähige Rolleiflex der Welt

stylische Anlage von vita­audio

an. Die Digitalkamera (hier

macht in jedem Wohnzimmer

im Verhältnis 1:1 abgebildet)

eine gute Figur. Nebst dem

kommt im Look der berühm-

Emfpang von digitalen Radiosignalen kann das Gerät auch

ten 6x6 Reflex Camera daher und hat eine Auflösung von bis

herkömmliche CD abspie-

zu 3,1 Millionen Pixel. CHF 422.– | www.minox.com

len. Dank integrierter iPodDocking-­Station lassen sich zudem auf portablen Geräten gespeicherten Songs anhören. AB CHF 1498.– www.vitaaudio.ch

Digital? egal!

In den 40-er Jahren trat die Jukebox ihren Siegeszug an. Innert Kürze war sie in fast jeder Bar und in vielen Restaurants anzutreffen. Man brauchte nur eine Münze einzuwerfen, die gewünschte Platte auswählen – und gute Stimmung war garantiert. Das von The Gamesroom Company komplett restaurierte Modell aus

Obwohl dem Land Rover Defender schon mehrfach das Ende prophezeit wurde, geht seine Geschichte weiter. Totgesagte­ leben eben doch länger. Es waren aber nicht etwa Anpassungen, die den Defender über die vergangenen Jahrzehnte gerettet haben, im Gegenteil: Er sieht heute noch fast genauso aus wie bei der Premiere Anno 1948. Der Defender ist vermutlich einer der bekanntesten Geländewagen aller Zeiten, seine Beliebtheit ist noch immer ungebrochen. Land Rover hat von der Ikone in mittlerweile 130 Ländern rund zwei Millionen Stück verkauft. Von der im Jahr 2002 erstmals vorgestellten und immer noch aktuellen Modellversion werden Jahr für Jahr durchschnittlich 25 000 Fahrzeuge abgesetzt. Zwar ist sich der Defender treu geblieben, doch durch viele Verbesserungen wurde er in den vergangenen Jahren ständig weiter entwickelt und modernisiert – sowohl beim Fahrkomfort als auch bei den fast schon legendären Leistungen im Gelände. Im Modelljahr 2012 setzt sich dieser Trend fort, denn neben dem neuen, sauberen 2,2-Liter-Dieselmotor sorgen unter anderem fünf Optionspakete für eine grössere Wahlfreiheit. Laut Range Rover soll es den heutigen Defender noch bis 2015 geben. Was dann folgt, ist ungewiss. Wer noch einen will, sollte jetzt zugreifen.

dem Jahr 1958 überzeugt durch gute Soundqualität und bietet 100 Vinylplatten Platz. AB CHF 2000.– | www.gamesroomcompany.com

ab CHF 39 900.– www.landrover.ch

PunktmagazinN°35Retro


GenüsslichesApart

80

Leuchtende Brillianz Normstableuchten werden durch ei-

Leuchter. Die Leuchten sind mit LED-Bändern ausgestattet.

nen Stern und zwei Ringe aufgespannt und wieder gebündelt.

Diese verfeinern das Design und erzeugen eine Brillanz, die

Aus der Verbindung von rohem Industrieprodukt und polierten Chromstahl-Elementen entsteht ein opulenter

sich im polierten Stern spiegelt und vervielfältigt. preis auf anfrage | www.zmik.ch

Kunstvolles Recycling Die Fischer der afrikanischen Westküste schmücken ihre Boote mit bunten, geometrisch angeordneten Mustern. Wenn sie jeweils ans Festland zurückkehren, bilden sie mit ihren Booten vor der Küste ein buntes Mosaik. Designer aus Spanien waren stark fasziniert von diesem Bild und entschlossen sich, den ausgedienten Booten neues Leben einzuhauchen. Aus den mittlerweile seeuntauglichen Holzschiffen erschaffen sie vielfältige Designerstücke. Mit einheimischen Handwerkern gehen sie auf die Suche nach alten Booten und kaufen sie den Fischern ab. Daraus werden – je nach Holzbeschaffenheit und Farbkombinationen – diverse Möbel gefertigt. Jedes Produkt wird von lokalen Handwerkern hergestellt und ist einzigartig, denn keine zwei Boote weisen die gleichen Muster- und Farbmerkmale auf. Das verwendete Sambaholz wird jedoch nicht behandelt, schliesslich sollen die Stücke so originalgetreu wie möglich sein. Die kunstvoll gefertigten Möbel verschönern so manches Wohnzimmer. Artlantique verfolgt zwar klar ein kommerzielles Ziel, macht aber auch viel Gutes. Sie schaffen eine soziale und kulturelle Bindung und geben Jugendlichen eine neue Perspektive. Jungen Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben in Europa ihr Glück möglichweise auf genau einem solchen Boot suchen würden.

Interaktiver Tisch

Der von den 80-er Jahren inspirierte RetroGametisch beinhaltet über 60 Retro-Spiele. Der 17cm Zoll LCE-Monitor wird von 6 Millimeter dickem Sicherheitsglas geschützt. Für einen sicheren Stand sorgen Edelstahl-Tischbeine. www.gamesroomcompany.com AB CHF 3500.–

Luxus Box Grey Goose­

überrascht diesen Winter nicht nur Liebhaber des Genusses, sondern auch Fans des Edelkristalls. Gemeinsam mit Baccarat, führender Hersteller von Luxuskristallprodukten, hat der Wodkaproduzent eine luxuriöse Geschenkbox lanciert. CHF 239.– | im Fachhandel

preis auf anfrage www.artlantique.com Wie gesund bist Du? Ein Armband, das mittels Sensoren den ganzen Tag misst, wie man

sich verhält, ist eher ungewohnt. UP kommt ohne drahtlose Verbindungen aus, lässt sich via Kabel mit diversen Smartphones verbinden und berichtet anschliessend von der eigenen Sportlichkeit. Wie weit ist man gelaufen? Wann und wie lange hat man geschlafen? UP weiss es. CHF 125.- | www.jawbone.com

Wasserdichter Städtetrip

Sie waren bereits in bekannten Filmen und Serien wie Gossip Girl, Lost oder I am Legend zu sehen: Die roten Cityguides von Redmaps. Alle paar Monate werden die wasserdichten Städteführer mit den neusten Bars, Restaurants, Museen und weiteren Attraktionen aktualisiert. AB CHF 8.– | www.redmaps.com

RetroN°35

Punktmagazin


DIE SCHWEIZER FINANZMESSE 01.– 03. Februar 2012 KONGRESSHAUS ZÜRICH FACHBESUCHERTAG Mittwoch, 1. Februar 2012

PUBLIKUMSTAGE Donnerstag und Freitag, 2. bis 3. Februar 2012

Veranstalter

Hauptsponsoren

Messepartner

www.fondsmesse.ch

Medienpartner

Co-Sponsoren Banque Cantonale Vaudoise | BlackRock Asset Management Schweiz AG | BNY Mellon Asset Management | Danske Invest Edmond de Rothschild Group | ETF Securities (UK) LTD | ING Investment Management (Schweiz) AG | Invesco Asset Management (Schweiz) AG | IPConcept Fund Management | OYSTER Funds | Société Générale / Lyxor Asset Management | Swisscanto Swissquote Bank AG


descendo

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WorteRinoBoriniBildFabianWidmer

Nach der Retrospektive folgt der Blick in die Zukunft. Es ist wieder an der Zeit, nach vorne zu schauen. «Zeit» ist zugleich das Schwerpunktthema der nächsten Ausgabe. Wiederum sollen die unterschiedlichsten Aspekte, die dem Begriff untergeordnet werden können, unter die Lupe genommen werden. Folgen Sie uns auf drei Gedankengängen, die ­einen Einblick in PUNKTzeit ­geben. Die Ausgabe wird Ende Februar am Kiosk erhältlich sein. Zeit, der Luxus von morgen. Wir leben in einer HighspeedGesellschaft. Umso merkwürdiger erscheint die Tendenz, in Sitzungen unnötig Zeit zu verplempern. Bestätigt wird dies durch eine Studie, in der die Macher zum Schluss kamen, dass Topmanager rund die Hälfte ihrer Arbeitszeit in Konferenzen und Meetings verbraten. Auch die Ergebnisse­ der begleitenden repräsentativen Umfrage sind verheerend: 86 Prozent der Befragten erklären, die meisten Sitzungen seien schlicht RetroN°35Punktmagazin

überflüssig. Dass die Arbeitsbelastung stetig zunimmt, sei hier nur am Rande erwähnt. Tempo ist zu einem Wettbewerbsvorteil geworden. «In der Ruhe liegt die Kraft», ist man versucht, den Gehetzten zuzurufen. Und ob Firmen die Ressource Zeit – auch die Zeit ihrer Angestellten notabene­ – sinnvoll einsetzen, ist sowieso­ fraglich. Oder denken Sie, dass die Nine-to-five-Mentalität noch zeitgemäss ist? Die Zeit läuft uns davon. Die Welt leidet unter dem Einfluss von Finanz-, Immobilien- und Euro-Krisen. Wenn sich die negativen Meldungen in den Zeitungen überschlagen, drängt sich die Frage auf, ob es nicht vielmehr eine Zeitkrise ist. Die Bombe tickt, der Countdown läuft, doch wie lange dauert es noch bis zur Explosion? Ob sich die europäische Gemeinschaft überhaupt aus dem Schlamassel herauswinden kann, ist bereits fraglich. Und selbst wenn: Werden die Lösungen nachhaltig und überzeugend sein, damit nicht erneut die Generationen nach uns die Zeche dafür

bezahlen müssen? Oder bleibt es beim – riskanten – Spiel mit der Zeit? Apropos Zeit: Die vergeht auch zwischen einem Einkauf mit der Kreditkarte und dem Erhalt der Rechnung. Doch die Zeit, bis die Schuld komplett abbezahlt werden kann, ist meist viel länger. Im schlechtesten Fall gelingt es nie. Den Kreditgebern soll es recht sein, schliesslich heimsen sie exorbitante Zinsen ein. Dass ihre Werbung gezielt ein junges Zielpublikum anspricht, macht die Sache nicht besser. Droht ein Verarmen auf Zeit? Hoffen wir es nicht, gerade jetzt, wo sich das Immer-mehr-Zeitalter vielleicht dem Ende zuneigt. Das kann durchaus als Chance betrachtet werden. Doch ist persönliches Wohlbefinden abseits der masslosen Konsumgesellschaft überhaupt möglich? Zeitlos. Sie ist sozusagen der ­Urmeter der Uhren und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten praktisch nicht verändert: Die Schweizer Bahnhofsuhr. Auch im Kleinformat – zu finden am Handgelenk von Patrioten

und SBB-Freaks – tickt sie immer nach dem gleichen Muster. Ganz so zeitlos wie die Schweizer Bahnhofsuhr ist PUNKTmagazin nicht, dessen sind wir uns bewusst. Doch wir arbeiten daran. Und um noch ansprechender daherzukommen, nutzen wir die Winterpause für einen inhaltlichen und grafischen Feinschliff. Mit einer optimierten Leseführung und ausgebauten Inhaltsgefässen wollen wir im neuen Jahr noch mehr von Ihrer Lesezeit gewinnen. Doch keine Sorge, Sie werden mit der ersten Ausgabe Ende Februar 2012 kein komplett neues Heft vorfinden, PUNKTmagazin bleibt PUNKTmagazin. Zeit, um zu danken. An dieser­ Stelle tun wir etwas vom zeitlosesten überhaupt, wir bedanken uns. Und zwar bei Ihnen, liebe­ Leser. Für das Vertrauen, das Sie uns beim Lesen jeder Ausgabe entgegenbringen – und hoffentlich auch im neuen Jahr entgegenbringen werden. Wir wünschen Ihnen ein frohes und erfolgreiches Jahr 2012.


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