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38 | PULSTREIBER MAG WINTER 2016

IV PeR PS-WELT

Maschine keine Fehler verzeiht. Um mir dies zu zeigen, genügte schon ein dezenter Druck auf das Gaspedal und schon drängte das Heck nach außen und das ESP packte hämmernd und bockend zu. Ein Gefühl, dass ich als Fahrer nicht erleben möchte. Da hilft auch keine Elektronik, denn wenn diese einsetzt, kann es unter Umständen bereits zu spät sein, wenn man nicht zu 100% weiß, wie man hier gegensteuert. Aber auch bei vorsichtigem Fahren spürte ich als Co-Pilot die gewaltige Kraft, die auf der Hinterachse liegt. Auch wenn der Wagen für seine Klasse recht leicht ist, wirkt er deutlich schwerer als das angegebene Gewicht vermuten lässt. Verbunden mit den superben Fahrleistungen trägt dieses widersprüchliche Gefühl noch einmal mehr zu dem unverwechselbaren Charisma bei, welches die Dodge Viper berühmt gemacht hat. Trotz des suboptimalen Wetters möchte ich natürlich selbst einmal Viper fahren. Also rein in das sportwagentypisch sehr enge Cockpit. Zum Glück lassen sich die Pedale elektronisch verschieben, so dass ich am Ende doch eine ganz gute Sitzposition habe. Die schmale Frontscheibe - verbunden mit der riesigen Motorhaube - schränkt die Sicht sehr gewöhnungsbedürftig ein, vermittelt aber gleichzeitig feinstes Rennsportfeeling. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass hier noch per Hand geschalten wird. Keine Automatik, keine Schaltwippen. So muss es

sein. Die Schaltung überrascht durch sehr kurze, knackige Wege und lässt sich nach einer minimalen Eingewöhnungsphase sehr präzise schalten. Beim Starten des gewaltigen Motorblocks geht förmlich ein Ruck durch das Fahrzeug, danach verhält sich der äußerst laufruhige Zehnzylinder jedoch sehr zurückhaltend. Aber dieses Drehmoment! Selbst bei lächerlichen 1.600 Umdrehung im 6. Gang schießt das Hubraum-Monster noch nach vorne, wenn der Fahrer aufs Gas

tritt. Drehzahl braucht dieser Motor nicht, um seine Kräfte zu entfalten. Da die Viper auf Turbolader verzichtet, ist auch die Kraftentfaltung linear und ohne „Turboloch“. Auf Wunsch bis 330 km/h. Ich begnüge mich mit der halben Geschwindigkeit. Selbst auf der Autobahn-Geraden habe ich das Gefühl, auf Eis zu fahren. So bissig die breiten Walzen warmgefahren auch sein können, so schlüpfrig sind sie doch bei Nässe. Durch gelegentliches Beschleunigen kommt zwar

trotzdem ordentlich Fahrspaß auf, aber richtig auf die Tube drücken würde in der Leitplanke oder in der Böschung enden. Während meiner Testfahrt musste ich mir eingestehen, dass dieses „Urvieh“ deutlich kompromissloser und giftiger ist, als alle Sportwagen, die ich bisher gelenkt habe. Aufmerksame Leser dürften wissen, dass ich hier

nicht von Spielzeugen rede. Die Dodge Viper ist definitiv ein brutaler Sportwagen und keine weichgespülte Limousine mit viel PS. Verantwortungsbewusstsein ist für dieses Gefährt genauso unabdinglich, wie die genau Kenntnis des Fahrverhaltens im Grenzbereich. Dafür bedarf es eines Fahrsicherheitstrainings auf der Rennstrecke. Auch dann ist die Dodge Viper alles andere als alltagstauglich und daher sicher nur für Fahrer interessant, die gerade das Kompromisslose an dieser automobilen Ikone reizt. Stefan Mothes

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PULSTREIBER Leipzig Ausgabe 30 - Winter 2016  

Winter-Ausgabe des Leipziger Sportmagazins PULSTREIBER

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