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24 | PULSTREIBER MAG Frühjahr 2017

TRAINING

FASZIEN

Rollen oder Flossing – was funktioniert wirklich? Das Arbeiten mit einer Faszienrolle hat in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Die Faszienrolle wird angepriesen als eine Möglichkeit, beweglicher zu werden und Faszien zu lösen (»Release«). Aber was macht sie wirklich? Und was hat es mit dem sogenannten »Flossing«auf sich? Der Effekt der Faszienrolle Beim Verwenden der Faszienrolle tritt der sogenannte Schwammeffekt ein. Für einen Moment wird der Flüssigkeitsaustausch in den Zellen gestoppt, alte Flüssigkeit herausgedrückt. Nimmt man den Druck weg, fließt frische Flüssigkeit in die Zellen hinein. Die Stellen werden mehr durchblutet und es kommt zu gesteigertem Lymphfluss. Das sind durchaus positive Wirkungen. Dies setzt voraus, dass der Druck

auf die betreffende Stelle möglichst hoch ist. Das funktioniert nur bei einer Handvoll Übungen wirklich gut, etwa wenn der Übende seitlich liegend über den äußeren Oberschenkel rollt. Deshalb ist diese Übung auch jene, die im Marketing am häufigsten verwendet wird, weil es die ist, bei der am ehesten etwas passiert. Auch der bekannteste deutsche Faszienforscher Robert

Schleip spricht inzwischen davon, dass der Haupteffekt des FoamRolling eben der Schwammeffekt ist. Ich würde behaupten, es ist der einzige Effekt. Abgesehen davon, dass bei regelmäßiger Anwendung das Schmerzempfinden nachlässt.

Was die Faszienrolle nicht macht Auf gar keinen Fall führt die Rolle zu einem »Release«, also dem Auflösen verklebter Faszienschichten. Denn dazu ist es zwingend notwendig, dass der Körper entspannt ist. Für einen echten Faszien-Release müssen Gewebeschichten gegeneinander verschoben werden. Die Rolle drückt aber nur ins Gewebe rein. Stellt euch dazu ein nasses Tuch vor, das auf einer Tischplatte klebt. Nehmt nun das Nudelholz, drückt nach unten und rollt über das Tuch. Dabei wird sich das Tuch nicht bewegen, sich also nicht von der Tischplatte lösen. Haltet nun das Nudelholz so fest, dass sich die Rolle nicht mehr bewegt. Nun drückt nach unten und vorne. Nun wird sich das Tuch von der unteren Fläche lösen und ihr schiebt es vor euch her. Erst das ist der »Release« – es braucht eben Kompression, Spannung und gerichtete Bewegung. Auch können mit der Faszienrolle nur bestimmte

Bereiche des Körpers erreicht werden. Spätestens bei tieferliegenden Muskeln wie etwa dem »Musculus Psoas« (innerer Hüftmuskel) oder dem »Musculus Piriformis« (Innenseite Becken). Um an manche Stellen herankommen zu können, muss man sich zudem ziemlich verbiegen und verkrampfen. Das kann mitunter sehr anstrengend sein und erzeugt im gesamten Körper wieder ungünstige Spannungsmuster, die man ja eigentlich verbessern möchte.

Wann sollte man eine Rolle nicht verwenden? Wer Gerinnungshemmer wie etwa »Falithrom« einnimmt, sollte von einer Verwendung der Faszienrolle absehen. Es kann zu starken Einblutungen kommen. Ebenso ungünstig ist es, Schmerzmedikamente einzunehmen, denn diese unterdrücken den Rückmeldemechanismus des Körpers. Auch bei Osteoporose, Glasknochenkrankheit oder Diabetes sollte man lieber die Finger von der Faszienrolle lassen.

Wie dehnt man Faszien wirklich? Faszien werden in der Passivität mobilisiert bzw. gedehnt. Sie erreichen eine Dehnung auf der Ebene der Faszien dann, und nur dann, wenn man die beteiligte Skelettmuskulatur so weit wie möglich loslässt. Hier eine

PULSTREIBER Dresden Ausgabe 39 - Frühling 2017  

Frühlings-Ausgabe des Dresdner Sportmagazins PULSTREIBER