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Freud lesen

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*EAN -ICHEL 1UINODOZ

&REUD LESEN IST EINE LEICHT ZUGiNGLICHE $AR STELLUNG DER GESAMMELTEN 7ERKE &REUDS VON DEN 3TUDIEN ~BER (YSTERIE BIS ZUM !BRISS DER 0SYCHOANALYSE 3ELBST SEINE KOMPLEXESTEN 4HEORIEN WERDEN KLAR UND VERSTiNDLICH DAR GELEGT OHNE SIE UNANGEMESSEN ZU VEREIN FACHEN *EDES +APITEL BEFASST SICH MIT EINER VON &REUDS 3CHRIFTEN UND ENTHiLT WERTVOLLE (INTERGRUNDINFORMATIONEN SOWIE RELEVANTE $ETAILS AUS "IOGRAFIE UND :EITGESCHICHTE

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*EAN -ICHEL 1UINODOZ

Freud lesen Eine chronologische Entdeckungsreise durch sein Werk

*EAN -ICHEL 1UINODOZ 0SYCHOANALYTIKER IN PRIVATER 0RAXIS

IN 'ENF IST -ITGLIED DER 3CHWEIZERISCHEN 'ESELLSCHAFT F~R 0SYCHOANALYSE UND %HRENMITGLIED DER "RITISCHEN 0SYCHO ANALYTISCHEN 6EREINIGUNG .ACH ZEHN *AHREN AKTIVER (ERAUS GEBERTiTIGKEIT F~R DIE EUROPiISCHE !USGABE DES )NTERNATIONAL *OURNAL OF 0SYCHOANALYSIS IST ER HEUTE VERANTWORTLICH F~R DAS *AHRBUCH

WWWPSYCHOSOZIAL VERLAGDE

0SYCHOSOZIAL 6ERLAG


Jean-Michel Quinodoz Freud lesen


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as Anliegen der Buchreihe Bibliothek der Psychoanalyse besteht darin, ein Forum der Auseinandersetzung zu schaffen, das der Psychoanalyse als Grundlagenwissenschaft, als Human- und Kulturwissenschaft sowie als klinische Theorie und Praxis neue Impulse verleiht. Die verschiedenen Strömungen innerhalb der Psychoanalyse sollen zu Wort kommen, und der kritische Dialog mit den Nachbarwissenschaften soll intensiviert werden. Bislang haben sich folgende Themenschwerpunkte herauskristallisiert: Die Wiederentdeckung lange vergriffener Klassiker der Psychoanalyse – wie beispielsweise der Werke von Otto Fenichel, Karl Abraham, Siegfried Bernfeld, W.R.D. Fairbairn, Sándor Ferenczi und Otto Rank – soll die gemeinsamen Wurzeln der von Zersplitterung bedrohten psychoanalytischen Bewegung stärken. Einen weiteren Baustein psychoanalytischer Identität bildet die Beschäftigung mit dem Werk und der Person Sigmund Freuds und den Diskussionen und Konflikten in der Frühgeschichte der psychoanalytischen Bewegung. Im Zuge ihrer Etablierung als medizinisch-psychologisches Heilverfahren hat die Psychoanalyse ihre geisteswissenschaftlichen, kulturanalytischen und politischen Bezüge vernachlässigt. Indem der Dialog mit den Nachbarwissenschaften wiederaufgenommen wird, soll das kultur- und gesellschaftskritische Erbe der Psychoanalyse wiederbelebt und weiterentwickelt werden. Die Psychoanalyse steht in Konkurrenz zu benachbarten Psychotherapieverfahren und der biologisch-naturwissenschaftlichen Psychiatrie. Als das ambitionierteste unter den psychotherapeutischen Verfahren sollte sich die Psychoanalyse der Überprüfung ihrer Verfahrensweisen und ihrer Therapie-Erfolge durch die empirischen Wissenschaften stellen, aber auch eigene Kriterien und Verfahren zur Erfolgskontrolle entwickeln. In diesen Zusammenhang gehört auch die Wiederaufnahme der Diskussion über den besonderen wissenschaftstheoretischen Status der Psychoanalyse. Hundert Jahre nach ihrer Schöpfung durch Sigmund Freud sieht sich die Psychoanalyse vor neue Herausforderungen gestellt, die sie nur bewältigen kann, wenn sie sich auf ihr kritisches Potenzial besinnt.

Bibliothek der Psychoanalyse Herausgegeben von Hans-Jürgen Wirth


*EAN -ICHEL 1UINODOZ

&REUD LESEN %INE CHRONOLOGISCHE %NTDECKUNGSREISE DURCH SEIN 7ERK !US DEM &RANZySISCHEN VON 0ETRA 7ILLIM

Psychosozial-Verlag


Titel der Originalausgabe: »Lire Freud« © Presses Universitaires de France, 2004

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Deutsche Erstveröffentlichung © 2011 Psychosozial-Verlag Walltorstr. 10, D-35390 Gießen Fon: 06 41 – 96 99 78 – 18; Fax: 06 41 – 96 99 78 – 19 E-Mail: info@psychosozial-verlag.de www.psychosozial-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Umschlagabbildung: Porträtfoto von S. Freud (1909, Foto: Max Halberstadt) sowie erste Manuskriptseite von S. Freuds »Abriss der Psychoanalyse« (1938) Umschlaggestaltung & Satz: Hanspeter Ludwig, Gießen www.imaginary-art.net Redaktion: Horst Brühmann Druck: Majuskel Medienproduktion GmbH, Wetzlar www.majuskel.de Printed in Germany ISBN 978-3-89806-782-9




)NHALT :UR %RLiUTERUNG &REUD LESEN 3IGMUND &REUD ¯ ¯ :EITTAFEL

) $IE %NTDECKUNG DER 0SYCHOANALYSE ¯

3TUDIEN ~BER (YSTERIE VON 3 &REUD UND * "REUER D "RIEFE AN 7ILHELM &LIE† ¯ C ;¯= §%NTWURF EINER 0SYCHOLOGIE¦ C ;= §$IE !BWEHR .EUROPSYCHOSEN¦ A §eBER DIE "ERECHTIGUNG VON DER .EURASTHENIE EINEN BESTIMMTEN 3YMPTOMENKOMPLEX ALS ¼!NGSTNEUROSE» ABZUTRENNEN¦ B ;= §7EITERE "EMERKUNGEN ~BER DIE !BWEHR .EUROPSYCHOSEN¦ B §$IE 3EXUALITiT IN DER _TIOLOGIE DER .EUROSEN¦ A §eBER $ECKERINNERUNGEN¦ A $IE 4RAUMDEUTUNG A eBER DEN 4RAUM A :UR 0SYCHOPATHOLOGIE DES !LLTAGSLEBENS B $ER 7ITZ UND SEINE "EZIEHUNG ZUM 5NBEWU†TEN C $REI !BHANDLUNGEN ZUR 3EXUALTHEORIE D §"RUCHST~CK EINER (YSTERIE !NALYSE¦ ;$ORA= E ;= $ER 7AHN UND DIE 4RiUME IN 7 *ENSENS §'RADIVA¦ A ;= §!NALYSE DER 0HOBIE EINES F~NFJiHRIGEN +NABEN¦ ;$ER KLEINE (ANS= B

  

  

       


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&REUD LESEN ¯ HEUTE !NHANG ,ITERATUR .AMENREGISTER 3ACHREGISTER

    



 

 




:UR %RLiUTERUNG 4ITEL Bücher: kursiv, zum Beispiel: Psychopathologie des Alltagslebens Aufsätze: nicht kursiv und in Anführungszeichen, zum Beispiel: »Zur Einführung des Narzißmus«

"IBLIOGRAPHISCHE !NGABEN Dem Namen Freuds folgt das Ersterscheinungsdatum des jeweiligen Werks gemäß der chronologischen Einteilung, wie sie in der Freud-Bibliographie mit Werkkonkordanz (Ingeborg Meyer-Palmedo und Gerhard Fichtner, Frankfurt am Main: S. Fischer 1989) und in der Standard Edition vorgenommen wurde; zum Beispiel: Psychopathologie des Alltagslebens (1901b). Wenn das Erscheinungsdatum nicht mit dem Datum der Abfassung übereinstimmt, wird zuerst das Erscheinungsdatum und anschließend in eckigen Klammern das Datum der Niederschrift angegeben; zum Beispiel: Abriss der Psychoanalyse (1940a [1939]).


 À :UR %RLiUTERUNG

2UBRIKEN "IOGRAPHIEN UND 'ESCHICHTE %LEMENTE AUS DER "IOGRAPHIE &REUDS DIE MIT DEM JEWEILIGEN 7ERK IN "EZIEHUNG STEHEN SOWIE DIE "IOGRAPHIEN EINIGER SEINER FR~HEN 3CH~LER EINGEBETTET IN DEN HISTORISCHEN +ONTEXT 0OSTFREUDIANER 7ESENTLICHE "EITRiGE VON 4HEORETIKERN NACH &REUD DIE SICH VON DEM JEWEILIGEN 7ERK ANREGEN LIE†EN #HRONOLOGIE DER &REUDSCHEN "EGRIFFE ,ISTE DER ZENTRALEN VON &REUD EINGEF~HRTEN "EGRIFFE IN DER 2EIHENFOLGE IHRES !UFTAU CHENS IM &REUDSCHEN 7ERK SODASS EINE 'ESCHICHTE SEINER )DEEN SICHTBAR WIRD $IACHRONE %NTWICKLUNG DER &REUDSCHEN "EGRIFFE §,iNGSSCHNITT¦ 5NTERSUCHUNG EINIGER ZENTRALER "EGRIFFE DIE &REUD JAHRZEHNTELANG WEITERENTWICKELT HAT ZUM "EISPIEL §dDIPUSKOMPLEX¦ ODER §eBERTRAGUNG¦




&REUD LESEN $AS %RGEBNIS EINER INDIVIDUELLEN UND GEMEINSCHAFTLICHEN !RBEIT Freud lesen steht am Ende eines langwierigen – individuell und gemeinsam durchlebten – Prozesses, der weit über die beiden Jahre intensiver Arbeit hinausgeht, die mich die Abfassung des Buches gekostet hat. Zunächst beruht dieses Werk auf meiner persönlichen Begegnung mit der Psychoanalyse und meiner langjährigen Erfahrung als frei praktizierender Psychoanalytiker – mit Patienten, die eine klassische Therapie auf der Couch, normalerweise mit vier Sitzungen pro Woche, erhalten. Zudem ist Freud lesen die Frucht einer chronologischen Lektüre des Freudschen Werkes in einem Seminar, das 1988 im Rahmen der KandidatenAusbildung im »Centre de psychanalyse Raymond de Saussure« in Genf begann. Dieser Ausbildungstätigkeit gehe ich bis zum heutigen Tage nach. Da mir dieses Seminar als Grundlage sowohl für den Inhalt als auch für die Form des Buches diente, halte ich es für wichtig, auf jene Gruppenerfahrung einzugehen, bevor ich auf die gewählte Darstellungsform der eigentlichen Arbeit zu sprechen komme.

-EHRERE !RTEN DER &REUD ,EKT~RE Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Freud zu lesen; jede hat ihre Vor- und Nachteile, doch sie ergänzen sich. Man kann für seine Freud-Lektüre einzelne Schwerpunkte setzen, indem man sozusagen »à la carte« einen Aufsatz oder ein Buch auswählt oder


 À &REUD LESEN

sich ein Thema und die dafür relevanten Werke herausgreift. Solch ein punktueller Zugang bietet den Vorteil, dass man ein Werk detailliert betrachtet, sich ausführlich damit befasst – zumal sich die Texte Freuds für eine »talmudische« Lektüre durchaus eignen, das heißt für die Interpretation eines jeden Satzes, wenn nicht gar eines jeden Wortes, sowie für den Vergleich mit anderen Texten. Allerdings bedarf es bei dieser Art des Zugangs vieler Jahre, bevor der Leser am Ende der 18 Bände der Gesammelten Werke Freuds angelangt ist – ohne dabei die voranalytischen Arbeiten und seine Korrespondenz zu berücksichtigen, die wiederum zahlreiche Bände füllt. Man kann Freud auch auf chronologische Weise lesen, das heißt, sich seine psychoanalytischen Hauptwerke nacheinander aneignen – von den 1895 veröffentlichten Studien über Hysterie bis zum Abriss der Psychoanalyse, den er 1938, ein Jahr vor seinem Tod, verfasste. Die Freudschen Werke in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen, ohne bei einzelnen länger zu verweilen, erlaubt es dem Leser, die Entwicklung des Freudschen Denkens über Jahrzehnte hinweg nachzuvollziehen. Damit man von einer chronologischen Lektüre wirklich profitieren kann, halte ich es für nötig, dass man sie von Anfang an zeitlich eingrenzt, auch wenn dieser Zugang nicht die detaillierte Interpretation des jeweiligen Einzelwerks erlaubt, die es verdiente. Tatsächlich geht es darum, dass der Leser niemals den Überblick verliert, denn erst bei einer solchen Gesamtschau des Freudschen Werkes entdeckt man, dass die verschiedenen psychoanalytischen Strömungen häufig bestimmte Aspekte stärker in den Vordergrund gerückt haben als andere. Man bemerkt ebenfalls, dass diese Neigung zur Akzentuierung von Generation zu Generation stärker wird, was die Gefahr in sich birgt, dass andere, nicht minder wertvolle Aspekte des Freudschen Werks immer mehr vernachlässigt werden. Ob man nun seine Freud-Lektüre an Schwerpunkten ausrichtet oder chronologisch vorgeht – letztlich widersprechen sich beide Herangehensweisen nicht, sondern ergänzen sich vielmehr, denn jede zeigt auf ihre Weise, wie Freud fortwährend seine Auffassungen überarbeitet, sein Zögern produktiv wendet und seinen klinischen Erfahrungen Rechnung trägt, um seine Entdeckungen immer weiter zu vertiefen. Sicher, man kann sich auch allein in ein solches Unternehmen stürzen, aber es erfordert sehr viel Zeit und Ausdauer, bis man den ganzen Parcours durchlaufen und einen Überblick über die Entwicklung des Freudschen Denkens gewonnen hat. Aus diesem Grund bin ich der Ansicht, dass sich hierfür ein Lesekreis als äußerst anregend erweist.

%IN 3EMINAR ZUR CHRONOLOGISCHEN ,EKT~RE DES &REUDSCHEN 7ERKES %IN ZUGLEICH CHRONOLOGISCHER UND STRUKTURELLER :UGANG

Das Abenteuer begann 1988, als eine Gruppe von Kandidaten unserer psychoanalytischen Gesellschaft den Vorschlag machte, ein Seminar zur chronologi-


&REUD LESEN À 

schen Lektüre des Freudschen Werks durchzuführen, und nach Lehranalytikern suchte, die bereit waren, eine solche Veranstaltung abzuhalten. Diese Herausforderung reizte mich: Ich dachte, dass ich bei dieser Gelegenheit selbst eine Menge lernen würde, denn auch wenn ich bis dahin fleißig Freud gelesen hatte, so doch punktuell und chronologisch ungeordnet. Allerdings sagte mir die übliche Gestaltung eines solchen Seminars, in dem es nach einer individuellen Lektüre zum informellen Gedankenaustausch zwischen den Anwesenden kommt, nicht zu. Deshalb schlug ich vor, jeder Teilnehmer solle, um zur Erhellung der jeweiligen Schrift beizutragen, eine bestimmte Perspektive einnehmen: die biographische, die ideengeschichtliche, die der postfreudianischen Entwicklungen etc. Ich war der Ansicht, dass eine solche Arbeitsmethode – die Ergänzung eines wenn auch nicht linearen, so doch chronologischen Zugangs durch einen zweiten Ansatz, die Vernetzung der Texte – die Lektüre des Freudschen Werkes vervollständigen würde. Dieses Projekt gefiel mir, und die Herausforderung schien mir der Mühe wert, sofern die Teilnehmer die von mir vorgeschlagene Methode akzeptieren würden. $IE "EDEUTUNG DES 3EMINARSETTINGS

Welche Bedeutung das Setting für ein solches – an der Chronologie ausgerichtetes – Lektüreseminar hat, wurde mir erst allmählich klar, als ich begriff, dass ein Teil des Seminarerfolgs davon abhängt. So halte ich es beispielsweise für unabdingbar, dass die Teilnehmer von der ersten Seminarsitzung an über das Programm der kommenden drei Jahre informiert werden, damit sie sich von der Form und der Dauer der Arbeit, die auf sie zukommt, eine Vorstellung machen können. Ich teilte die Hauptwerke Freuds, die im Laufe von drei Jahren gelesen werden sollten, in drei Perioden ein – und übernahm diese Gliederung im vorliegenden Buch. Das Seminar fand alle zwei Wochen statt, was etwa 15 Sitzungen pro Jahr entsprach; jede einzelne dauerte anderthalb Stunden. Im Allgemeinen waren es zwischen 16 und 18 Teilnehmer, und das Seminar stellte eine geschlossene Gruppe dar, das heißt, wir nahmen keine neuen Mitglieder auf. Die Vorstellung des Programms zu Beginn ermöglichte es den Teilnehmern, sich mit Bedacht auf das Unternehmen einzulassen und abzuwägen, ob sie die notwendige Anstrengung aufzubringen bereit wären, um ein so anspruchsvolles Ziel zu erreichen und daran Vergnügen zu finden. $IE AKTIVE 4EILNAHME JEDES %INZELNEN

Ebenso wesentlich ist es, dass jeder Teilnehmer spürt, wie sehr das Gelingen dieses Seminars von ihm abhängt, dass es sich nicht um eine Vorlesung ex ca-


 À &REUD LESEN

thedra handelt und dass sich meine Rolle darauf beschränkt, die Teilnehmer bei ihrem auf ganze drei Jahre konzipierten Unternehmen zu begleiten. Diese Teilnahme impliziert eine zugleich individuelle und gemeinsame Arbeit. Im Verlauf des Seminars wurde mir bewusst, dass die Teilnehmer das Seminar umso mehr schätzten und davon profitierten, je mehr man sie dazu verpflichtete, an der Organisation der Veranstaltung mitzuwirken. Das drückte sich darin aus, dass sie selten Sitzungen versäumten und im Falle einer Verhinderung mich vorab informierten und sich selbst um einen Ersatzreferenten bemühten, der die eingegangene Verpflichtung übernahm. Die individuelle Arbeit beinhaltete folgende Aufgaben: ± Die Lektüre des ausgewählten Werkes: Vor der Sitzung musste jeder das auf dem Programm stehende Werk gelesen haben, um seine eigenen Fragestellungen im Laufe der Diskussion den anderen vortragen zu können. ± Die freie Wahl der Übersetzung: Jedem stand es frei, den Text in der von ihm bevorzugten Sprache oder Übersetzung zu lesen. Manche lasen das deutsche Original, viele verwendeten eine der üblichen französischen, andere aber auch englische, italienische und spanische Übersetzungen. Die sprachliche Mannigfaltigkeit verdeutlichte die Komplexität der Fragen, mit denen sich Freud-Übersetzer auseinandersetzen müssen. ± Das Verfassen eines Kurzreferats: Alle Teilnehmer schrieben (der Reihe nach abwechselnd) einen kurzen Text, der den Umfang von einer Seite nicht überschreiten sollte (ca. 300 Wörter), und zwar zu einem der folgenden Stichpunkte: 1. »Biographien und Geschichte«: eine knappe Darstellung des biographischen Hintergrunds, vor dem das ausgewählte Werk entstanden ist, sowie seine Einordnung in den historischen Kontext. 2. »Chronologie der Freudschen Begriffe«: Herausarbeitung der Begriffe, die Freud in dem jeweiligen Werk einführt, um an der Reihenfolge ihres Auftretens die ideengeschichtliche Entwicklung nachvollziehbar zu machen. 3. »Postfreudianer«: Auswahl der wesentlichen postfreudianischen Beiträge, die von dem jeweiligen Werk inspiriert wurden, und deren Einbettung in historische wie internationale Zusammenhänge. 4. »Protokoll des Seminars«: eine schriftliche Zusammenfassung der Seminardiskussion, die zu Beginn der nächsten Stunde verteilt wurde. Im Verlauf der Seminarsitzung wurden die Ergebnisse der jeweiligen Einzelarbeit den anderen vorgetragen. Diese begann im Allgemeinen mit kurzen Informationen und der Verteilung der Texte zu den einzelnen Stichpunkten. Als Erstes las dann ein Teilnehmer sein Kurzreferat zur Biographie Freuds vor – eine Präsentation, auf die eine zeitlich begrenzte Diskussion folgte. Nachdem ein weiterer Teilnehmer das Kurzreferat zu den Freudschen Begriffen vorgetragen


&REUD LESEN À 

hatte, wurde die allgemeine Gesprächsrunde eröffnet. Diese dauerte circa eine Dreiviertelstunde und war normalerweise sehr lebhaft. Wenn sie nur mühsam in Gang kam, bat ich reihum jeden Einzelnen, diejenigen Fragen zu formulieren, die ihm bei der Lektüre des Textes gekommen waren, um so die allgemeine Debatte anzuregen. Während des letzten Teils der Sitzung las ein dritter Teilnehmer seinen Text über die postfreudianischen Beiträge vor – woraufhin ebenfalls ein kurzer Gedankenaustausch und eine Weiterführung der allgemeinen Gesprächsrunde folgte. Ich habe an anderer Stelle detailliert jene Seminarsitzung beschrieben, die sich mit dem Freud-Text »›Ein Kind wird geschlagen‹« befasste (J.-M. Quinodoz 1997b). Die für jede Sitzung sehr knapp bemessene Zeit hatte paradoxerweise eine stimulierende Funktion, denn jeder war dazu angehalten, im Vorhinein nachzudenken und seine Überlegungen, die er der Gruppe mitteilen wollte, in kondensierter Form vorzutragen. %RHyHTE !NFORDERUNGEN %IN DYNAMISCHER &AKTOR

Ich bin mir dessen bewusst, dass man den Teilnehmern viel abverlangt, wenn sie nicht nur die meisten Schriften Freuds lesen, sondern darüber hinaus auch noch ihre Überlegungen den anderen schriftlich zugänglich machen und eigenständig recherchieren sollen, was für die Kurzreferate zu einem der Stichpunkte benötigt wird. Die Vorbereitung auf die Seminarsitzungen erfordert einen hohen Zeitaufwand – zusätzlich zu einem normalerweise bereits ausgefüllten Arbeits-, Privat- und Familienleben. Diese Anstrengung wäre nicht möglich, wenn nicht auch ein Moment gemeinsamen Vergnügens bei den Treffen eine Rolle spielte. Um das gegenseitige Kennenlernen außerhalb der Arbeitssitzungen zu intensivieren, trafen wir uns jeweils am Ende eines Jahres zu einem gemeinsamen Essen, für das jeder etwas zubereitete und zu dem auch die Ehe- und Lebenspartner eingeladen waren. Die Anforderungen, die mit der aktiven Teilnahme eines jeden einhergingen, erwiesen sich als ein entscheidender Faktor für die Dynamik während der Treffen. Dieses »Mehr« an Mitverantwortung für den Seminarablauf weckte während der begrenzten Zeit, die wir miteinander teilten, einen Feuereifer, da wir wussten, dass wir am Ende von drei Jahren wieder auseinandergehen würden. Letzten Endes fördert ein solches Seminar weit mehr als einen Zuwachs an Kenntnissen; denn während der gemeinsamen Arbeit lernt jeder Teilnehmer, sich Gehör zu verschaffen sowie dem zuzuhören, was der andere sagen möchte, und jeder entwickelt sich im Kontakt mit den anderen weiter – ein Weg, aufmerksamer auf Freuds Worte zu achten und die Unterschiedlichkeit der Sichtweisen schätzen zu lernen. Wie stimulierend sich die relativ hohen Anforderungen auf das gute Funktionieren der Gruppe auswirkten, konnte ich feststellen, als ich bei dem zweiten dreijährigen Lektürezyklus auf ihre Durchsetzung verzichtete. In der ersten Sitzung


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jenes zweiten Seminarzyklus wandte sich einer der Teilnehmer gegen den von mir vorgeschlagenen Arbeitsmodus, kritisierte ihn heftig und lehnte es ab, sich – wie er es formulierte – auf solch einen »Marathon« einzulassen. Meine Überzeugung, dass die Seminaranforderungen sehr wohl berechtigt seien, war damals noch nicht gefestigt, und so stellte ich die Sache zur Abstimmung. Der Widerspruch eines Einzigen zog die Zustimmung anderer nach sich, und ich akzeptierte mit Bedauern, dass die Teilnehmer die individuelle Arbeit, die mit dem Abfassen von Kurzreferaten zu den Stichpunkten einhergeht, ablehnten; der einzige Text, den beizubehalten ich durchsetzen konnte, war das Seminarprotokoll. Gleichwohl hielt ich das Seminar. Was im Laufe dieser drei Jahre darunter am meisten litt, war die allgemeine Gesprächsrunde, denn es bedurfte häufig einiger Zeit, bis sie in Gang kam: Selbst wenn jeder die Freud-Texte aufmerksam gelesen hatte, spürte ich, wie sehr der Gruppe die gedankliche Strukturierung fehlte, die sich aufgrund der Anstrengung, die Abfassung und Vortrag eines Kurzreferats den Einzelnen abverlangen, sonst nach und nach einstellt. Heute, nachdem einige Zeit verflossen ist, würde ich – anders als damals, als es mir an Erfahrung mangelte – nicht mehr nachgeben.

&REUD LESEN %INE 'EBRAUCHSANLEITUNG %IN VERR~CKTES 5NTERNEHMEN

Lange Zeit wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, ein Buch zu verfassen, in dem das Gesamtwerk Freuds vorgestellt werden sollte – dermaßen überzogen schien mir ein solches Unternehmen. Außerdem sah ich keine Möglichkeit, den – zugleich chronologischen und strukturellen – Zugang, der die Besonderheit des Seminars ausgemacht hatte, auf einen geschriebenen Text zu übertragen. Eines Tages jedoch kam mir der Gedanke, man könne Typographie, Schriftbild, Umbruch und Farbgebung gleichzeitig nutzen, um die Verknüpfung von strukturellem Ansatz und chronologischem Blick auf das Freudsche Werk augenfällig zu gestalten. $EN !RGUMENTATIONSFADEN HERAUSARBEITEN

Wie lässt sich ein Gesamtwerk vorstellen, ohne dass einerseits die Zusammenfassungen zu sehr vereinfachen und ohne dass andererseits das enzyklopädische Bemühen die Leser mit Zitaten überschwemmt? Mit diesem Dilemma vor Augen entschied ich mich dafür, jedes Werk möglichst so vorzustellen, dass die Neugier des Lesers geweckt wird, damit er Lust darauf bekommt, das Freudsche Werk zu lesen – sei es im Original oder in einer Übersetzung. Ich habe mich eben-


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falls darum bemüht, das Wesentliche in einer einfachen und dem Alltag möglichst nahen Sprache zu vermitteln. Wenn ich mich selbst mit dem jeweiligen Originaltext befasse, genieße ich immer Freuds ungekünstelte Ausdrucksweise im Deutschen. Er verwendet gern alltagssprachliche Wendungen – ich habe ihm nachzueifern versucht. Folgt man den Freudschen Texten, so begegnet man einem Denken, das sich unentwegt weiterentwickelt, das einer neueren Idee zuliebe von einer früheren Abstand nimmt, dann aber zu dieser zurückkehrt, selbst wenn sich beide Positionen widersprechen. Die Lektüre der Originaltexte lässt uns ebenfalls die Entdeckung machen, in welchem Maße das Freudsche Werk unsere eigenen Gedanken anregt und weitere hervorbringt, und so wahrhaft ein »offenes Kunstwerk« im Sinne Ecos darstellt – wie dies Antonino Ferro aufgezeigt hat (Ferro 1996). Freud schreibt wie ein Entdecker, der ein bislang unbekanntes Gebiet erforscht, im Vorübergehen seine Eindrücke notiert, in seinem Notizheft eine Skizze davon entwirft und manchmal etwas länger Station macht, um seine Staffelei aufzustellen und die Landschaft in einem Meisterwerk festzuhalten. $EM KLINISCHEN :UGANG DEN 6ORZUG GEBEN

Während ich Freud lesen verfasste, gab ich sowohl bei meiner eigenen FreudLektüre als auch in den verschiedenen Erläuterungen einem klinischen Zugang den Vorzug. Ich denke, man sollte im Sinn behalten, dass die Psychoanalyse nicht nur eine Theorie und Methode für die Untersuchung des menschlichen Seelenlebens ist, sondern dass sie in erster Linie einen klinischen und technischen Ansatz bietet, der es – bis heute – zahlreichen Patienten ermöglicht, unbewusste Konflikte zu lösen, die sie mit anderen Mitteln nicht zu meistern wüssten. "AUELEMENTE EINES JEDEN +APITELS

Ich habe dem vorliegenden Buch das Schema des auf drei Jahre konzipierten Seminarprogramms zugrunde gelegt und jedes Kapitel analog zu einer Sitzung aufgebaut, die sich mit einem bestimmten Werk befasste. »Kapitelüberschrift« Fast jedes Kapitel trägt den Titel einer Freudschen Schrift. Damit man zwischen Büchern und Aufsätzen unterscheiden kann, sind die Aufsätze in Anführungszeichen gesetzt. Dem Titel folgt das Ersterscheinungsdatum des entsprechenden Werks – gemäß der Freud-Bibliographie mit Werkkonkordanz (Meyer-Palmedo/ Fichtner 1989) und der Standard Edition. Sofern das Erscheinungsdatum des Freudschen Textes nicht mit dem der Abfassung zusammenfällt, folge ich dem üblichen


 À &REUD LESEN

Verfahren, zuerst das Jahr der Veröffentlichung und dann in eckigen Klammern den Zeitpunkt der Entstehung anzugeben, wie zum Beispiel: Abriss der Psychoanalyse (1940a [1938]). Ich möchte die Leser darauf aufmerksam machen, dass die französischen Übersetzer der Œuvres complètes de Freud diese Reihenfolge umgedreht haben, was die übliche chronologische Reihenfolge verändert. »Einleitender Text« Ein aussagekräftiger Untertitel und eine knappe Einführung in das zur Debatte stehende Werk leiten jedes Kapitel ein. Ich möchte damit einen Überblick über den Kapitelinhalt bieten und das Werk kurz in den Gesamtzusammenhang der Freudschen Schriften einordnen. »Biographien und Geschichte« Diese Rubrik geht auf diejenigen Elemente aus der Biographie Freuds ein, die mit dem untersuchten Werk in Zusammenhang stehen, sowie auf den historischen Kontext. Die wesentlichen Einflüsse, die die Abfassung des Werkes begleitet haben, werden hier hervorgehoben. In diese Rubrik habe ich auch Kurzbiographien der bedeutendsten unmittelbaren Schüler Freuds sowie seiner wichtigsten Patienten aufgenommen. »Erkundung des Werkes« Hier wird das Werk im Einzelnen untersucht. Jeder der betrachteten Freudschen Texte wird, sofern er darin enthalten ist, nach den Bänden der Gesammelten Werke (GW) (London, Imago Publishing 1940–52; seit 1960: Frankfurt am Main, S. Fischer) zitiert. In der Bibliographie findet der Leser zusätzlich die entsprechenden Angaben zu der Studienausgabe (SA) (Frankfurt am Main, S. Fischer 1969–75) und zu The Standard Edition of The Complete Psychological Works of Sigmund Freud (SE) (London, The Hogarth Press and the Institute of Psychoanalysis 1953–74). Soweit der Text in einem der bereits erschienenen Bände der Œuvres complètes de Freud. Psychanalyse (OCF.P) (Paris, PUF 1988ff.) erschienen ist, wird auch auf diese Ausgabe verwiesen. »Chronologie der Freudschen Begriffe« Am Ende eines jeden Kapitels hebe ich noch einmal die wesentlichen Begriffe hervor, die in der analysierten Schrift auftauchen, sobald Freud ihnen den Status eines wahrhaft psychoanalytischen Terminus zuweist. Allerdings wirft diese Art, einen Begriff vorzustellen, indem man ihn einer bestimmten Entwicklungsphase des Freudschen Werks zuordnet, durchaus auch Probleme auf. Oft hat es etwas Willkürliches, den exakten Augenblick bestimmen zu wollen, in dem ein Begriff im Freudschen Werk auftaucht. Bei einer retrospektiven Lektüre entdeckt man, dass Freud bereits zuvor mehrfach und in unterschiedlichen Werkepochen Phänomene beschrieben hat, die einem heute geläufigen psychoana-


&REUD LESEN À 

lytischen Begriff entsprechen, dem er aber erst in einer späteren Arbeitsphase den Status eines psychoanalytischen Terminus zugebilligt hat. So wird beispielsweise der Begriff »Übertragung« bereits in den Studien über Hysterie im Jahr 1895 verwandt, aber erst zehn Jahre später, 1905, in der Darstellung des Falls Dora als psychoanalytischer Begriff definiert. »Diachrone Entwicklung der Freudschen Begriffe« Manche zentralen Begriffe Freuds unterlagen einer Entwicklung, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckte. Aus diesem Grund habe ich den wichtigsten unter ihnen – wie dem Ödipuskomplex, der Übertragung und einigen anderen – eine eigene Betrachtung gewidmet. »Postfreudianer« Unter dieser Rubrik umreiße ich die wesentlichen Weiterentwicklungen des Freudschen Denkens, zu denen sowohl seine unmittelbaren Schüler als auch wichtige Psychoanalytiker nach ihm bis in die Gegenwart hinein beitrugen. Um zu vermeiden, dass sich der Leser in ausufernden bibliographischen Verweisen verliert, habe ich meine Auswahl auf die wesentlichen Beiträge beschränkt und nur manchmal auf Titel hingewiesen, die mir besonders am Herzen liegen. Die postfreudianischen Entwicklungen zeigen, wie bestimmte, von Freud skizzierte psychoanalytische Termini von der einen oder anderen Denkströmung aufgegriffen und um eigenständige Beiträge bereichert wurden. In diesem Sinne habe ich hier eine internationale Perspektive bevorzugt, mit dem Ziel, so die Vielfalt der gegenwärtigen Strömungen unter den Psychoanalytikern, die zu der von Freud gegründeten Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) gehören, zur Geltung zu bringen.

$ANKSAGUNG Zu allererst muss ich mich bei den Teilnehmern bedanken, die an dem »Seminar einer chronologischen Lektüre des Freudschen Werks« teilgenommen haben. Ihre Diskussionsbeiträge sowie ihre Kurzreferate lieferten mir das grundlegende – seit 1988 gesammelte – Material für die Rubriken »Biographien und Geschichte« sowie »Postfreudianer«. Ich habe ihre Namen im Anhang aufgeführt, um ihnen auf diese Weise meine Dankbarkeit auszudrücken. Ich möchte mich ebenfalls bei Hanna Segal, André Haynal, Augustin Jeanneau, Christoph Hering, Juan Manzano und Paco Palacio bedanken, die sich die Mühe gemacht haben, mein Manuskript zu kommentieren, sowie bei Maud Struchen, die die Bibliographie erstellt hat. Schließlich – last but not least – widme ich Freud lesen Danielle, die mich als erste ermutigt hat, mich in dieses Abenteuer zu stürzen.


 À &REUD LESEN

Zu guter Letzt möchte ich dem Leser eine gute Reise wünschen und ihn daran erinnern, dass die Lektüre eines Reiseführers niemals die Exkursion selbst ersetzt! Jean-Michel Quinodoz, Cologny (Genf), Oktober 2003


$ANKSAGUNG ZUR DEUTSCHEN !USGABE Die deutschsprachige Herausgabe dieses Werkes konnte Dank der finanziellen Unterstützung durch Novartis realisiert werden. Ich möchte insbesondere Dr. med. Daniel Vasella, Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates der Novartis AG, meinen Dank aussprechen. Ebenso möchte ich PD Dr. med. Kurt Laederach-Hofmann und Dr. med. Willy Stoller, Bern, für ihre Unterstützung danken. Danken möchte ich zudem Petra Willim für ihre ausgezeichnete Übersetzung sowie dem Psychosozial-Verlag. Jean-Michel Quinodoz


 À 3IGMUND &REUD ¯ ¯ :EITTAFEL

3IGMUND &REUD ¯ ¯ :EITTAFEL "IOGRAFISCHE $ATEN    ¯    ¯      ¯  

 -AI  &REUD WIRD IN &REIBERG HEUTE 4SCHECHIEN GEBOREN $IE &AMILIE *AKOB &REUD ZIEHT NACH 7IEN "EGINN DES -EDIZINSTUDIUMS !SSISTENT AM )NSTITUT F~R 0HYSIOLOGIE DER 5NIVERSITiT 7IEN 0ROF % "R~CKE "EGEGNUNG MIT $R *OSEF "REUER

&ORSCHUNGEN ZUM +OKAIN %RNENNUNG ZUM 0RIVATDOZENTEN ¯ !UFENTHALT BEI #HARCOT IN DER 3ALPmTRInRE 0ARIS %INRICHTUNG EINER 0RIVATPRAXIS IN 7IEN ¯ (EIRAT MIT -ARTHA "ERNAYS 'EBURT VON -ATHILDE ¯ "EGEGNUNG MIT 7ILHELM &LIE† "ERLIN

'EBURT VON -ARTIN ¯ !UFENTHALT BEI "ERNHEIM .ANCY 5MZUG IN DIE "ERGGASSE  IN 7IEN ¯ 'EBURT VON /LIVER 'EBURT VON %RNST 'EBURT VON 3OPHIE



'EBURT VON !NNA ¯ 4RAUM VON §)RMAS )NJEKTION¦



4OD VON *AKOB &REUD &REUDS 6ATER ¯ "RUCH MIT "REUER "EGINN DER 3ELBSTANALYSE ¯ ¯ !BKEHR VON DER 6ERF~HRUNGSTHEORIE +yNIG dDIPUS (AMLET

  

6ERyFFENTLICHUNG ~BER DIE %NTDECKUNG DER (ODEN BEIM !AL 

%RWERB DES MEDIZINISCHEN $OKTORGRADS ¯ "REUER BEHANDELT !NNA /¨ 6ERLOBUNG MIT -ARTHA "ERNAYS





6ERyFFENTLICHUNGEN

"EHANDLUNG VON $ORA )DA "AUER

6ERyFFENTLICHUNG DER +OKAIN 3CHRIFTEN

"RIEFE AN 7ILHELM &LIE† ¯ C ;¯= ¯ 6ERyFFENTLICHUNGEN ~BER .ERVENZELLEN BEIM &ISCH

:UR !UFFASSUNG DER !PHASIEN B §+INDERLiHMUNG¦ §,iHMUNG¦ C §eBER DEN PSYCHISCHEN -ECHANISMUS HYSTERISCHER 0HiNOMENE 6ORLiUFIGE -ITTEILUNG¦ GEM MIT "REUER A §$IE !BWEHR .EUROPSYCHOSEN¦ A 3TUDIEN ~BER (YSTERIE ZUSAMMEN MIT "REUER D ¯ §eBER DIE "ERECHTIGUNG

VON DER .EURASTHENIE EINEN BESTIMMTEN 3YMPTOMENKOMPLEX ALS ¼!NGSTNEUROSE» ABZUTRENNEN¦ B ;= §%NTWURF EINER 0SYCHOLOGIE¦ C ;= §7EITERE "EMERKUNGEN ~BER DIE !BWEHR .EUROPSYCHOSEN¦ B §$IE 3EXUALITiT IN DER _TIOLOGIE DER .EUROSEN¦ A §eBER $ECKERINNERUNGEN¦ A $IE 4RAUMDEUTUNG A


3IGMUND &REUD ¯ ¯ :EITTAFEL À 



%RSTE 2OMREISE MIT "RUDER !LEXANDER



'R~NDUNG DER -ITTWOCHSGESELLSCHAFT ¯ "EGEGNUNG MIT 7 3TEKEL UND ! !DLER %RNENNUNG ZUM AU†ERORDENTLICHEN 0ROFESSOR DER MEDIZINISCHEN &AKULTiT 7IEN "EGINN DER INTERNATIONALEN !NERKENNUNG "EGEGNUNG MIT / 2ANK

             

"EGEGNUNG MIT # ' *UNG + !BRAHAM

- %ITINGON "EGEGNUNG MIT 3 &ERENCZI % *ONES

( 3ACHS 0 &EDERN 'R~NDUNG DER 7IENER 0SYCHOANALYTISCHEN 6EREINIGUNG ¯ "EGEGNUNG MIT / 0FISTER 'R~NDUNG DER )NTERNATIONALEN 0SYCHOANALYTISCHEN 6EREINIGUNG )06 +ONFLIKTE IN DER 7IENER 0SYCHOANALYTISCHEN 6EREINIGUNG ¯ 2~CKZUG !DLERS 'R~NDUNG DES §'EHEIMEN +OMMITTEES¦ ¯ !USTRITT 3TEKELS "EGEGNUNG MIT ,OU !NDREAS 3ALOMm ¯ "RUCH MIT *UNG "EGINN DES %RSTEN 7ELTKRIEGS ¯ %INBERUFUNG VON -ARTIN UND %RNST &REUDS !NALYSE VON &ERENCZI IN DREI !BSCHNITTEN ¯ %INBERUFUNG /LIVERS

 

+RIEGSENDE ¯ !NNAS ERSTE !NALYSE BEI IHREM 6ATER



3ELBSTMORD 4AUSKS ¯ 4OD DES -iZENS ! VON &REUND



4OD DER 4OCHTER 3OPHIE ¯ *ONES GR~NDET 4HE )NTERNATIONAL *OURNAL OF 0SYCHOANALYSIS

  

%RSTE +REBSOPERATION 2ANK VERyFFENTLICHT $AS 4RAUMA DER 'EBURT

eBER DEN 4RAUM A :UR 0SYCHOPATHOLOGIE DES !LLTAGSLEBENS B

$ER 7ITZ UND SEINE "EZIEHUNG ZUM 5NBEWU†TEN C $REI !BHANDLUNGEN ZUR 3EXUALTHEORIE D §"RUCHST~CK EINER (YSTERIE !NALYSE¦ ;$ORA= E $ER 7AHN UND DIE 4RiUME IN 7 *ENSENS §'RADIVA¦ A §!NALYSE DER 0HOBIE EINES F~NFJiHRIGEN +NABEN¦ ;$ER KLEINE (ANS= B §$ER 2ATTENMANN¦ D %INE +INDHEITSERINNERUNG DES ,EONARDO DA 6INCI C §0SYCHOANALYTISCHE "EMERKUNGEN ~BER EINEN AUTOBIOGRAPHISCH BESCHRIEBENEN &ALL VON 0ARANOIA¦ ;3CHREBER= C ;= 3CHRIFTEN ZUR ANALYTISCHEN 4ECHNIK ZWISCHEN  UND  4OTEM UND 4ABU ¯A §:UR %INF~HRUNG DES .ARZI†MUS¦ C -ETAPSYCHOLOGISCHE 3CHRIFTEN ZWISCHEN  UND  6ORLESUNGEN ZUR %INF~HRUNG IN DIE 0SYCHOANALYSE ¯A ;¯ §!US DER 'ESCHICHTE EINER INFANTILEN .EUROSE¦ ;$ER 7OLFSMANN= B ;= §$AS 5NHEIMLICHE¦ H §¼%IN +IND WIRD GESCHLAGEN»¦ E §eBER DIE 0SYCHOGENESE EINES &ALLES VON WEIBLICHER (OMOSEXUALITiT¦ A *ENSEITS DES ,USTPRINZIPS G -ASSENPSYCHOLOGIE UND )CH !NALYSE C $AS )CH UND DAS %S B §$AS yKONOMISCHE 0ROBLEM DES -ASOCHISMUS¦ C


 À 3IGMUND &REUD ¯ ¯ :EITTAFEL



4OD !BRAHAMS ¯ 4OD "REUERS



&REUD WIRD  ¯ !BWENDUNG 2ANKS

 

+ONGRESS IN )NNSBRUCK



"EGINN DER 7ELTWIRTSCHAFTSKRISE



4OD VON &REUDS -UTTER MIT  *AHREN ¯ &REUD ERHiLT DEN 'OETHE 0REIS !NWACHSEN DES !NTISEMITISMUS IN dSTERREICH UND $EUTSCHLAND +ONGRESS IN 7IESBADEN 4OD &ERENCZIS ¯ -ACHTERGREIFUNG (ITLERS

        

&REUD WIRD  ¯ "EGEGNUNG MIT 2 2OLLAND 4OD VON ,OU !NDREAS 3ALOMm -IT (ILFE VON *ONES UND -ARIE "ONAPARTE EMIGRIERT &REUD VON 7IEN NACH ,ONDON &REUDS 4OD AM  3EPTEMBER  IN ,ONDON IM !LTER VON  *AHREN

(EMMUNG 3YMPTOM UND !NGST D ;= $IE :UKUNFT EINER )LLUSION C

$AS 5NBEHAGEN IN DER +ULTUR A ;=

.EUE &OLGE DER 6ORLESUNGEN ZUR %INF~HRUNG IN DIE 0SYCHOANALYSE A ;= 3CHRIFTEN ~BER 2EALITiTSVERLEUGNUNG UND )CHSPALTUNG ZWISCHEN  UND  §$IE ENDLICHE UND DIE UNENDLICHE !NALYSE¦ C §+ONSTRUKTIONEN IN DER !NALYSE¦ D $ER -ANN -OSES UND DIE MONOTHEISTISCHE 2ELIGION A ;¯= !BRISS DER 0SYCHOANALYSE A ;=


)

$IE %NTDECKUNG DER 0SYCHOANALYSE ¯




3TUDIEN ~BER (YSTERIE VON 3 &REUD UND * "REUER D %INE HERAUSRAGENDE %NTDECKUNG (YSTERISCHE 3YMPTOME HABEN EINEN 3INN Wir werden mit den Studien Ăźber Hysterie beginnen, dem Werk, das die Psychoanalyse begrĂźndet, dem Werk, in dem Freud und Breuer von ihren Erfolgen bei der Behandlung hysterischer Symptome berichten und erste Erklärungsansätze formulieren. Hysterie war gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine weitverbreitete Erkrankung, und man fragte sich nach ihrer Ursache: War sie organisch oder psychisch bedingt? Hilf- und konzeptlos sahen sich Mediziner mit der Tatsache konfrontiert, dass sie den wahren Grund nicht finden konnten. Das Phänomen hysterischer Konversion stellte insofern eine Herausforderung fĂźr die medizinische Wissenschaft dar, als diese Symptome sich keiner lokalisierbaren anatomischen Läsion zuordnen lieĂ&#x;en; auĂ&#x;erdem traten sie scheinbar aus heiterem Himmel auf, und ebenso unversehens verschwanden sie wieder. Die UnmĂśglichkeit, diese mitunter sehr auffälligen Symptome zu begreifen, war fĂźr die Mediziner ein Ă„rgernis; nicht selten taten sie deshalb jene – meist weiblichen – Kranken als VerrĂźckte oder Simulantinnen ab. Ermutigt durch die Erfolge seines Wiener Kollegen Breuer, begann sich Freud von 1982 an fĂźr die Rolle von Suggestion und Hypnose bei der Behandlung jener Kranken zu interessieren, deren Symptome man der Hysterie zuschrieb. In den Studien Ăźber Hysterie – einem Werk, das das Ergebnis von mehr als zehn Jahren klinischer Arbeit darstellt – beschreiben die beiden Forscher detailliert die Behandlung von fĂźnf Patientinnen und liefern anschlieĂ&#x;end in einem jeweils


 À ) $IE %NTDECKUNG DER 0SYCHOANALYSE ¯

eigenen theoretischen Kapitel ihre Erklärungsansätze. Das von Freud verfasste, das den Titel »Zur Psychotherapie der Hysterie« trägt, blieb nicht nur wegen seines historischen Werts für die Nachwelt von Interesse, sondern auch deshalb, weil Freud hier die klinischen und theoretischen Grundlagen für eine neue Disziplin legt: die Psychoanalyse. Diese entwickelte sich aus der – von Breuer erfundenen und zwischen 1880 und 1895 angewandten – sogenannten »kathartischen Methode«, einer Form von Psychotherapie, die es dem Kranken mithilfe von Hypnose und Suggestion ermöglichte, sich wieder an jene traumatischen Erlebnisse zu erinnern, die dem ersten Auftreten der hysterischen Symptome vorangingen. Breuer und, nach ihm, Freud beobachteten, dass die Symptome in dem Maße verschwanden, in dem es den Patienten gelang, diese Erinnerung wachzurufen und intensiv die ursprünglich an jenes Erlebnis gebundene Emotion erneut zu durchleben. Freud berichtet, wie er anfangs ebenso wie Breuer auf Hypnose und Suggestion zurückgegriffen habe, um den Kranken dabei zu helfen, wieder an ihre pathogenen Erinnerungen zu gelangen. Bald jedoch gab er diese Techniken auf und vollzog einen radikalen Perspektivwechsel zugunsten der sogenannten Methode der freien Assoziation. Ihm war Folgendes aufgefallen: Wenn er einen Patienten dazu aufforderte, frei heraus zu sagen, was ihm durch den Kopf ging, so ermöglichte der spontane Gedankenfluss des Patienten dem Arzt nicht nur, zu den bislang verdrängten pathogenen Erinnerungen zu gelangen, sondern zugleich die Widerstände wahrzunehmen, die den Patienten daran hinderten, seine Erinnerungen aufzuspüren und anschließend zu überwinden. Dieser neue Ansatz ließ schrittweise immer deutlicher werden, welch bedeutsame Rolle die Widerstände, die Übertragung, die Symbolik der Sprache wie auch die psychische Durcharbeitung spielen – Elemente, auf denen jede psychoanalytische Behandlung beruht und die man bereits in jenem vierten Kapitel der Studien über Hysterie von Freud skizziert findet. Und auch wenn man vom Konzept des Abreagierens nach und nach abrückte, so blieb doch die emotionale Spannungsabfuhr ein Element, das bis heute mit jeder Psychoanalyse untrennbar verbunden ist. Sind diese Hypothesen aus dem Jahr 1895 heute nun überholt? Denen, die diesen Einwand erheben, möchte ich entgegenhalten, dass es der Psychoanalyse nicht anders ergeht als anderen bedeutsamen Entdeckungen auch; wie so viele andere Erfindungen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts gleichzeitig mit der Psychoanalyse gemacht wurden, wurde auch sie in der Folge perfektioniert, aber bislang durch keine revolutionäre Neuerung ersetzt. Ebendarauf beruht das große Interesse an dem psychoanalytischen Grundwerk, den Studien über Hysterie, denn bis heute hat dieser therapeutische Ansatz auf dem Terrain, das ihm eigen ist, nichts an Wert verloren.


3TUDIEN ~BER (YSTERIE VON 3 &REUD UND * "REUER À 

"IOGRAPHIEN UND 'ESCHICHTE

$AS ,EBEN &REUDS BIS ZUR 6ERyFFENTLICHUNG DER 3TUDIEN ~BER (YSTERIE 

 IST &REUD  *AHRE ALT VERHEIRATET 6ATER MEHRERER +INDER UND KANN BEREITS AUF EINE +ARRIERE ALS ANERKANNTER -EDIZINER ALS &ORSCHER AUF DEM 'EBIET DER .EUROPATHOLOGIE UND ALS PRAKTIZIERENDER .EUROLOGE ZUR~CKBLICKEN  WURDE ER ALS +IND J~DISCHER %LTERN IN &REIBERG -iHREN GEBOREN UND AUCH WENN ER SICH IMMER ALS LIBERAL UND ATHEISTISCH BEZEICHNET HAT SOLLTE ER DEM *UDENTUM EMOTIONAL STETS VERBUNDEN BLEIBEN )N SEINER &AMILIE WAREN DIE 'ENERATIONENVERHiLTNISSE KOMPLIZIERT *AKOB DER 6ATER &REUDS HATTE MIT  *AHREN IN ZWEITER %HE EINE JUNGE &RAU VON  *AHREN GEHEIRATET !MALIA .A THANSON DIE SICH ALSO AUF DER GLEICHEN !LTERSSTUFE BEFAND WIE DIE BEIDEN 3yHNE AUS ERSTER %HE $IES VERWIRRTE DEN KLEINEN 3IGMUND DER SICH ALS 3OHN EINES JUNGEN 0AARES PHANTASIERTE ¯ NiMLICH SEINER -UTTER UND EINES SEINER (ALBBR~DER ¯ UND NICHT ETWA ALS 3OHN JENES ALTEN 6ATERS !LS %RSTGEBORENER VON ACHT +INDERN BLIEB &REUD STETS DER ,IEBLING SEINER -UTTER WAS SICHER DAZU BEITRUG SEINE :UVERSICHT ZU STiRKEN DASS IHM IM ,EBEN SO MANCHES GELINGEN WERDE  ZOG DIE &AMILIE NACH 7IEN $ORT STUDIERTE 3IGMUND -EDIZIN UND ARBEITETE MIT BER~HMTEN 0ROFESSOREN ZUSAMMEN ETWA DEM 0HYSIOLOGEN %RNST "R~CKE EINEM POSITIVISTISCHEN -EDIZINER $IESEM VERDANKTE SICH DIE "EGEGNUNG &REUDS MIT *OSEF "REUER EINEM BEREITS ANGESEHENEN 7IENER 0HYSIOLOGEN UND PRAKTISCHEN !RZT DER ¯  *AHRE iLTER ALS &REUD ¯ SICH F~R DIE "EHANDLUNG DER (YSTERIE INTERESSIERTE !UF WISSENSCHAFTLICHEM 'EBIET HATTE SICH DER INNOVATIVE "LICK &REUDS BEREITS IN UNTERSCHIEDLICHEN &ORSCHUNGSARBEITEN GEZEIGT MAN WAR AUF IHN AUFMERKSAM GEWOR DEN 3O MACHTE IHN SEINE 0IONIERARBEIT ~BER DIE MORPHOLOGISCHE UND PHYSIOLOGISCHE %INHEIT VON .ERVENZELLEN UND .ERVENFASERN ZU EINEM ¯ ALLERDINGS VERKANNTEN ¯ 6OR GiNGER DER .EURONENTHEORIE DIE SPiTER  VON 7ALDEYER AUSGEARBEITET WURDE 7AS DIE  ERSCHIENENEN &REUDSCHEN 6ERyFFENTLICHUNGEN ~BER !PHASIE UND +IN DERLiHMUNG ANBETRIFFT SO STEHT IHR 7ERT BIS HEUTE AU†ER &RAGE INSBESONDERE SEINE FUNKTIONALE !UFFASSUNG VON !PHASIE DIE MIT DER 4HEORIE DER KORTIKALEN ,OKALISATION ENTSCHIEDEN BRACH :UDEM HATTE ER DIE PHARMAKOLOGISCHEN 7IRKUNGEN DES +OKAINS ¯ AUCH AN SICH SELBST ¯ STUDIERT ABER DIE yFFENTLICHE !NERKENNUNG F~R SEINE %NTDECKUNG HEIMSTE EINER SEINER +OLLEGEN EIN  WURDE ER ZUM 0RIVATDOZENTEN ERNANNT  VERLIEBTE SICH 3IGMUND MIT  *AHREN IN DIE  JiHRIGE -ARTHA "ERNAYS )HRE 6ERLOBUNGSZEIT DAUERTE VIER *AHRE FAST TiGLICH TAUSCHTEN SIE "RIEFE AUS $ARIN ERWEIST SICH &REUD ALS EIN HiU½G iNGSTLICHER LEIDENSCHAFTLICHER UND TYRANNISCHER 6ERLOBTER

-ARTHA HINGEGEN ALS EINE ZUVERLiSSIGE UND ZUR~CKHALTENDE 6ERLOBTE ¯ EINE §NOR MALE¦ &RAU WIE %RNEST *ONES DER SIE SCHiTZTE SPiTER ~BER SIE SAGEN WIRD $IE (EIRAT FAND  STATT KURZ NACHDEM &REUD SEINE 0RAXIS ERyFFNET HATTE $AS %HEPAAR BEKAM SECHS +INDER  ERFOLGTE INNERHALB 7IENS DER 5MZUG IN DIE "ERGGASSE  WO DIE &AMILIE &REUD WOHNTE BIS SIE  UM DER 6ERFOLGUNG DURCH DIE .AZIS ZU ENTRINNEN

INS %XIL NACH ,ONDON AUFBRECHEN MUSSTE


 À ) $IE %NTDECKUNG DER 0SYCHOANALYSE ¯

&REUD UND "REUER %INE BAHNBRECHENDE :USAMMENARBEIT

!LS IHM SEIN &REUND UND 7IENER +OLLEGE *OSEPH "REUER  VON DER ERFOLGREICHEN "EHANDLUNG HYSTERISCHER 3YMPTOME BEI EINER JUNGEN 0ATIENTIN !NNA /¨ BERICHTETE

LENKTE &REUD ZUM ERSTEN -AL SEIN !UGENMERK AUF DIE -yGLICHKEITEN DER (YPNOSE BEI DER "EHANDLUNG HYSTERISCHER 0ATIENTEN $ER  *AHRE iLTERE "REUER SPIELTE BEI DER 'EBURT DER 0SYCHOANALYSE EINE ENTSCHEIDENDE 2OLLE %BENFALLS EIN !RZT J~DISCHER (ERKUNFT UND iU†ERST GEBILDET GALT ER ALS HERAUSRAGENDER 0HYSIOLOGE UND BRILLANTER )NTERNIST :UDEM STAND ER ALS !RZT UND &REUND MIT ZAHLREICHEN &AMILIEN BER~HMTER 0ERSyNLICHKEITEN DER 7IENER 'ESELLSCHAFT IN 6ERBINDUNG ¯ ETWA MIT DEM 0HILOSOPHEN &RANZ "RENTANO UND MIT DEM +OMPONISTEN *OHANNES "RAHMS &REUD LERNTE "REUER DURCH DIE 6ERMITTLUNG SEINES ,EHRERS %RNST "R~CKE KENNEN EINES SEHR ANGESEHENEN 0HYSIOLOGEN AN DESSEN )NSTITUT &REUD VON  BIS  SEINE NEUROPHYSIOLOGISCHEN &ORSCHUNGEN BETRIEBEN HATTE .ACH DER %RyFFNUNG SEINER 0RIVATPRAXIS WANDTE &REUD NUN DIE "REUERSCHE 4ECHNIK BEI VERSCHIEDENEN SEINER 0ATIENTEN AN UND STELLTE BE EINDRUCKT FEST DASS SICH DIE "REUERSCHEN "EOBACHTUNGEN AUCH BEI SEINEN +LIENTEN BESTiTIGTEN !BER &REUD DESSEN &ORSCHERGEIST STETS AUF DER 3UCHE NACH NEUEN %NT DECKUNGEN WAR SCHLUG SCHON BALD SEINEN EIGENEN 7EG EIN

&REUDS ,EHRJAHRE BEI DEN 7EGBEREITERN #HARCOT UND "ERNHEIM

5M MEHR %RFAHRUNGEN ZU SAMMELN ENTSCHIED SICH &REUD F~R ZWEI !USLANDSAUFENT HALTE6ON  BIS  GING ER NACH 0ARIS ZU #HARCOT UND SPiTER  NACH .ANCY ZU "ERNHEIM %INIGE -ONATE LANG VERFOLGTE ER DIE 6ORLESUNGEN #HARCOTS DER MIT SEINEM 6ERSUCH DAS MEDIZINISCHE 2iTSEL DER (YSTERIE ZU LySEN "ER~HMTHEIT ERLANGT HATTE6ON DEN 6ORSTELLUNGEN DER !NTIKE UND DES -ITTELALTERS DIE DIE (YSTERIE AUF EINE 2EIZUNG DES 5TERUS ODER AUF 3IMULATION ZUR~CKF~HRTEN HATTE SICH #HARCOT VERABSCHIEDET 3TATTDESSEN SPRACH ER DIESER %RKRANKUNG DEN 3TATUS EINER WOHLDE½NIERTEN NOSOLO GISCHEN %NTITiT ZU UND ERHOB SIE DAMIT ZUM 3TUDIEN UND &ORSCHUNGSGEGENSTAND %R ORDNETE DIE (YSTERIE DEN FUNKTIONALEN .ERVENKRANKHEITEN ODER .EUROSEN ZU UM SIE SO VON DEN PSYCHIATRISCHEN ,EIDEN ORGANISCHEN 5RSPRUNGS ZU UNTERSCHEIDEN %R ZOG DIESE 4RENNLINIE WEIL ER BEOBACHTET HATTE DASS SICH HYSTERISCHE ,iHMUNGSER SCHEINUNGEN REGELLOS AUSBREITETEN ALSO NICHT RADIKULiR VON DEN .ERVENWURZELN AUSGINGEN WIE DIE NEUROLOGISCHEN ,iHMUNGEN 5M ZU ZEIGEN DASS DIE HYSTERISCHEN 3TyRUNGEN SEHR WOHL PSYCHISCHER UND NICHT ORGANISCHER .ATUR SEIEN BEDIENTE SICH #HARCOT DER HYPNOTISCHEN 3UGGESTION $IE HYSTERISCHEN 3YMPTOME SOLLTEN SICH SO REPRODUZIEREN UND BESEITIGEN LASSEN %R VERTRAT DIE (YPOTHESE DASS EIN 4RAUMA EINE §DYNAMISCHE ,iSION¦ DES 'EHIRNS ERZEUGEN UND SOMIT DIE 5RSACHE DER ¯ BEI &RAUEN WIE BEI -iNNERN GLEICHERMA†EN AUFTRETENDEN ¯ (YSTERIE SEIN KyNNE !BER #HARCOT NUTZTE DIE HYPNOTISCHE 3UGGESTION VOR ALLEM ZU :WECKEN DER $E MONSTRATION UND NICHT DER (EILUNG $ESHALB FASSTE &REUD  DEN %NTSCHLUSS SEINE EIGENE 4ECHNIK BEI "ERNHEIM IN .ANCY ZU PERFEKTIONIEREN $IESER HATTE NACHGEWIE SEN DASS DIE SUGGESTIVE +RAFT DER (YPNOSE NICHT AUF DEM -AGNETISMUS DES "LICKS


3TUDIEN ~BER (YSTERIE VON 3 &REUD UND * "REUER À 

SONDERN VOR ALLEM AUF DEM 7ORT BERUHE ¯ WAS DIESEN !NSATZ ZU EINER VERITABLEN PSYCHOTHERAPEUTISCHEN 4ECHNIK WERDEN LIE† DIE &REUD KAUM NACH 7IEN ZUR~CKGE KEHRT ANZUWENDEN BEGANN

$IE 3TUDIEN ~BER (YSTERIE &AST  *AHRE %NTSTEHUNGSZEIT

&REUD BRAUCHTE MEHRERE *AHRE UM "REUER F~R EIN GEMEINSAMES 7ERK ZU GEWINNEN

DAS IHRE SEIT  GESAMMELTEN KLINISCHEN "EOBACHTUNGEN UND %RKLiRUNGSANSiTZE ENTHALTEN SOLLTE :UNiCHST VERyFFENTLICHTEN SIE DIE 3CHLUSSFOLGERUNGEN DIE SIE BISLANG AUS DEN 2ESULTATEN DER KATHARTISCHEN -ETHODE GEZOGEN HATTEN IN EINER §6ORLiU ½GEN -ITTEILUNGŒ A DIE  ALS ERSTES +APITEL IN DIE 3TUDIEN ~BER (YSTERIE AUFGENOMMEN WURDE !LLERDINGS MARKIERT DIE 6ERyFFENTLICHUNG DER 3TUDIEN ~BER (YSTERIE ZUGLEICH DAS %NDE DER :USAMMENARBEIT BEIDER !UTOREN 6ON DEM MANGELNDEN %IFER "REUERS ENTTiUSCHT SETZTE &REUD VON  AN SEINE 5NTERSUCHUNGEN ALLEIN FORT %INER DER 'R~NDE F~R DIE WECHSELSEITIGE %NTFREMDUNG BESTAND ZUDEM DARIN DASS "REUER DIE 2OLLE SEXUELLER &AKTOREN BEI DER %NTSTEHUNG VON (YSTERIE NICHT SO HOCH VERANSCHLAGTE WIE &REUD DER DARAUF IMMER MEHR 'EWICHT LEGTE 'LEICHWOHL NAHM "REUER AN &REUDS WEITERER THEORETISCHER %NTWICKLUNG VON &ERNE NOCH !NTEIL $AVON ERFUHR DER ERSTAUNTE &REUD JEDOCH ERST NACH "REUERS 4OD IM *AHR  ALS DESSEN 3OHN 2OBERT "REUER AUF &REUDS +ONDOLENZBRIEF ANTWORTETE UND IHM VERSICHERTE SEIN 6ATER HABE DIE &REUDSCHEN !RBEITEN STETS MIT )NTERESSE VERFOLGT (IRSCHM~LLER  

%RKUNDUNG DES 7ERKES )N DER !USGABE DER 'ESAMMELTEN 7ERKE FINDEN SICH DIE VON &REUD ALLEIN ODER GEMEINSAM MIT "REUER VERFASSTEN "EITRiGE DER 3TUDIEN ~BER (YSTERIE D IN '7 ) 3 ÂŻ DIE VON "REUER GESCHRIEBENEN +APITEL IM '7 .ACHTRAGSBAND 3 ÂŻ

§eBER DEN PSYCHISCHEN -ECHANISMUS HYSTERISCHER 0HiNOMENEŒ VON * "REUER UND 3 &REUD A

Das einleitende Kapitel besteht aus dem – bereits 1893 publizierten – Text der Vorläufigen Mitteilung, in dem die Autoren die einzelnen Etappen ihres klinischen Verfahrens beschrieben und ihre ersten Hypothesen verÜffentlicht hatten. Zunächst, so erklären sie, habe sie eine zufällige Beobachtung dazu gefßhrt, die Ursache oder, präziser: den Vorfall aufzuspßren, der das hysterische Symptom zu einem frßheren, mitunter weit zurßckliegenden Zeitpunkt zum ersten Mal hervorgerufen habe. Diese Ursache entgehe der gewÜhnlichen klinischen Untersuchung, zumal der Kranke selbst die Erinnerung an jenen Vorfall meist verloren habe. Gemeinhin sei die Hilfe der Hypnose nÜtig, um im Patienten erneut


 À ) $IE %NTDECKUNG DER 0SYCHOANALYSE ¯

die Erinnerung an jene Zeit wachzurufen, in der das Symptom erstmalig auftrat; »dann gelingt es, jenen Zusammenhang aufs deutlichste und überzeugendste darzulegen« (GW I, S. 81). Zumeist handele es sich um Ereignisse in der Kindheit, die letztlich das Auftreten mehr oder weniger schwerer pathologischer Erscheinungen hervorgerufen hätten. Diesen Beobachtungen zufolge geht die Entstehung einer Hysterie analog zu der einer traumatischen Neurose vonstatten; die Ursache hysterischer Symptome sei nämlich einem psychischen Trauma geschuldet. In der Folge wirke »das Trauma respektive die Erinnerung an dasselbe, nach Art eines Fremdkörpers […], welcher noch lange Zeit nach seinem Eindringen als gegenwärtig wirkendes Agens gelten muß« (ebd., S. 85). Den Autoren zufolge wird diese Hypothese dadurch bestätigt, dass nach dem Wachrufen der traumatischen Erinnerung die Symptome behoben seien. Ich übergebe Freud und Breuer das Wort, um sie ihre neue therapeutische Methode beschreiben zu lassen: »Wir fanden nämlich, anfangs zu unserer größten Überraschung, daß die einzelnen hysterischen Symptome sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden, wenn es gelungen war, die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu erwecken, damit auch den begleitenden Affekt wachzurufen, und wenn dann der Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher Weise schilderte und dem Affekt Worte gab« (ebd.). Aber, so präzisieren sie, es sei unerlässlich, dass der Patient die ursprüngliche Emotion wiedererlebe, damit das Wachrufen der Erinnerung einen therapeutischen Effekt habe: »Affektloses Erinnern ist fast immer völlig wirkungslos« (ebd.). Aus diesen Beobachtungen ziehen Freud und Breuer die inzwischen berühmte Schlussfolgerung, »der Hysterische leide größtenteils an Reminiszenzen« (ebd., S. 86). Die Sprache, führen die Autoren weiter aus, spiele bei der »kathartischen« Wirkung eine entscheidende Rolle, denn damit eine pathogene Erinnerung verblasse, bedürfe es zuvor einer Entladung des Affekts – etwa mittels Tränen oder eines Racheakts: »Aber in der Sprache findet der Mensch ein Surrogat für die Tat, mit dessen Hilfe der Affekt nahezu ebenso ›abreagiert‹ werden kann. In anderen Fällen ist das Reden eben selbst der adäquate Reflex, als Klage und als Aussprache für die Pein eines Geheimnisses (Beichte!). Wenn solche Reaktion durch Tat, Worte, in leichtesten Fällen durch Weinen nicht erfolgt, so behält die Erinnerung an den Vorfall zunächst die affektive Betonung« (ebd., S. 87). Zudem merken Freud und Breuer an, dass sich im Gedächtnis des Kranken keinerlei Spur des ursprünglichen Ereignisses finde und dass es sich häufig um peinliche Erinnerungen handle – weshalb jener sie »aus seinem bewußten Denken verdrängte, hemmte und unterdrückte« (ebd., S. 89). Die hysterischen Phänomene gehen den Autoren zufolge mit einer »Spaltung des Bewußtseins« einher (ebd., S. 91), das heißt, wenn nicht unbedingt mit einer »double conscience«, einer ausgewachsenen Persönlichkeitsspaltung, so doch mit einem »hypnoiden« Bewusstseinszustand (ebd.), der demnach das Grundphänomen der Hysterie darstelle. Kurz gesagt: Die hysterischen Symptome ergeben sich – ähnlich wie die traumatische


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Neurose – aus einem schwerwiegenden Trauma, das eine heftige Verdrängung hervorruft (woran der sexuelle Affekt beteiligt ist), die sich wiederum in einer ÂťDissoziationÂŤ (ebd.) von Gruppen pathogener Vorstellungen niederschlägt. Wie nun wirkt die therapeutische Vorgehensweise?, fragen sich Freud und Breuer zum Schluss: ÂťSie hebt die Wirksamkeit der ursprĂźnglich nicht abreagierten Vorstellung dadurch auf, daĂ&#x; sie dem eingeklemmten Affekte derselben den Ablauf durch die Rede gestattet, und bringt sie zur assoziativen Korrektur, indem sie dieselbe ins normale BewuĂ&#x;tsein zieht (in leichterer Hypnose) oder durch ärztliche Suggestion aufhebt, wie es im Somnambulismus mit Amnesie geschiehtÂŤ (ebd., S. 97). §+RANKENGESCHICHTENÂŚ &~NF %RFOLGE DER KATHARTISCHEN -ETHODE

AnschlieĂ&#x;end liefern die Autoren Berichte zu fĂźnf klinischen Fällen, wobei nur der erste von Breuer verfasst wurde; bei den vier weiteren handelt es sich um Patientinnen Freuds. Hier nun in groben ZĂźgen eine Zusammenfassung, die die einzelnen Etappen zur Geltung bringen soll, die Breuer und Freud bei ihren jeweiligen Nachforschungen zurĂźcklegen mussten. §"EOBACHTUNG ) &RL !NNA /¨Œ VON *OSEF "REUER ÂŻ DER PARADIGMATISCHE &ALL

Als Breuer ÂťAnna O‌ – die mit wirklichem Namen Bertha Pappenheim hieĂ&#x; – zum ersten Mal sah, war die junge Patientin 21 Jahre alt und litt an nervĂśsem Husten sowie zahlreichen anderen hysterischen Symptomen: starken Stimmungsschwankungen, Sehbehinderungen, einer Lähmung der rechten Seite, ÂťAbsencenÂŤ, die von Halluzinationen begleitet waren, vielfältigen SprachstĂśrungen etc. Im Laufe der regelmäĂ&#x;igen und ausfĂźhrlichen Gespräche mit ihr bemerkte Breuer, dass bestimmte Symptome dann verschwanden, wenn die junge Frau ihm detailliert die Erinnerung geschildert hatte, die mit dem ersten Auftreten eines Symptoms verbunden war, und wenn sie dabei intensiv die damals empfundenen GefĂźhle erneut durchlebte. Zunächst verdankte sich diese Beobachtung dem bloĂ&#x;en Zufall; dann jedoch wandte Breuer dieses Verfahren systematischer auf andere Symptome an und stellte regelmäĂ&#x;ig fest, dass auch diese, sobald er nach den Umständen ihres ersten Auftretens fragte, nach und nach mit den Antworten der Patientin verschwanden. Entsprechend berichtet Breuer: ÂťJedes einzelne Symptom dieses verwickelten Krankheitsbildes wurde fĂźr sich vorgenommen; die sämtlichen Anlässe, bei denen es aufgetreten war, in umgekehrter Reihenfolge erzählt, beginnend mit den Tagen, bevor [die] Patientin bettlägerig geworden, nach rĂźckwärts bis zu der Veranlassung des erstmaligen Auftretens. War dieses erzählt, so war das Symptom damit fĂźr immer behobenÂŤ (GW Nachtr., S. 233). Ăœberdies beobachtete Breuer, dass dieses Phänomen dann eintrat, wenn sich die


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Patientin in einem Zustand verminderten Bewusstseins befand, nahe der Autohypnose, einem Zustand, den er als Âťhypnoiden ZustandÂŤ bezeichnete. Im weiteren Verlauf perfektionierte Breuer seine Technik, indem er seine Patientin hypnotisierte, anstatt darauf zu warten, bis sie sich selbst in Autohypnose versetzt hatte; damit gewann er Zeit. Anna O‌ gab diesem Heilverfahren den Namen talking cure (Heilung durchs Reden) und bezeichnete das Wiedererinnern von Ereignissen, in deren Folge die Symptome aufgetaucht waren, und das sich anschlieĂ&#x;ende Abreagieren als chimney sweeping (Schornsteinfegen). Breuer stellt eine lange Liste all jener Symptome auf, die dank dieser Methode ÂťwegerzähltÂŤ wurden (ebd.), und erläutert das Prozedere an einer Reihe von Beispielen. Der bedeutendste therapeutische Erfolg ist zweifellos die Behandlung des gelähmten rechten Arms der Anna O‌ Während die Patientin bei ihrem schwerkranken Vater saĂ&#x;, hatte sie plĂśtzlich eine Art von Halluzination: Sie sah, wie sich eine Schlange ihrem Vater näherte, um ihn zu beiĂ&#x;en, konnte selbst aber den rechten Arm nicht mehr bewegen, der Ăźber die Stuhllehne hing und ÂťeingeschlafenÂŤ war. Nach diesem ersten Erlebnis trat die angstauslĂśsende Halluzination immer wieder auf, begleitet von der Lähmung des rechten Arms und der Unfähigkeit, sich in einer anderen Sprache als dem Englischen auszudrĂźcken. Breuer berichtet, dass ihm Anna O‌ am Ende der Behandlung eine vollständige Erzählung von den Umständen lieferte, unter denen die Schlange aufgetaucht war. Nachdem sie sich wieder daran erinnern konnte, was sie bei jener dramatischen Nachtwache am Krankenbett ihres Vaters durchlebt hatte, verschwand die Lähmung des rechten Arms, und sie war des Deutschen wieder mächtig: Sie Âťsprach unmittelbar darauf Deutsch und war nun frei von all den unzähligen einzelnen StĂśrungen, die sie dargeboten hatte. Dann verlieĂ&#x; sie Wien fĂźr eine Reise, brauchte aber doch noch längere Zeit, bis sie ganz ihr psychisches Gleichgewicht gefunden hatte. Seitdem erfreut sie sich vollständiger GesundheitÂŤ (ebd.., S. 238). 0OSTFREUDIANER

7IE HAT !NNA /¨ IHRE "EHANDLUNG BEENDET

"REUER SCHLOSS SEINEN "ERICHT MIT DER iU†ERST OPTIMISTISCHEN "EMERKUNG DIE 0ATI ENTIN HABE ZWAR NOCH EINIGE :EIT GEBRAUCHT BEVOR SIE IHR PSYCHISCHES 'LEICHGEWICHT WIEDERERLANGT HABE ERFREUE SICH ABER SEITHER §VOLLSTiNDIGER 'ESUNDHEITŒ EBD ¯ WAS

NEUEREN &ORSCHUNGEN ZUFOLGE SO KEINESWEGS ZUTRAF &REUD SELBER LIEFERTE VERSCHIEDENE 6ERSIONEN DAVON WIE DIE !NALYSE DER !NNA /¨ ENDETE ,ANGE DANACH ERKLiRTE ER DIE "EHANDLUNG SEI ABGEBROCHEN WORDEN WEIL "REUER DIE ,IEBES~BERTRAGUNG SEINER 0ATIENTIN NICHT MEHR ERTRAGEN UND DIE &LUCHT ERGRIFFEN HABE §)N KONVENTIONELLEM %NTSETZEN ERGRIFF ER DIE &LUCHT UND ~BERLIE† SEINE 0ATIENTIN EINEM ANDEREN +OLLEGENÂŚ "RIEF AN 3TEFAN :WEIG VOM  *UNI  &REUD A ;ÂŻ= 3   )N SEINER &REUD "IOGRAPHIE ÂŻ GREIFT %RNEST *ONES DIESE 6ERSION AUF !M 4AG DER LETZTEN


3TUDIEN ~BER (YSTERIE VON 3 &REUD UND * "REUER À 

"EHANDLUNG BERICHTET ER SEI "REUER ERNEUT ANS "ETT DER !NNA /¨ GERUFEN WORDEN UND HABE SIE INMITTEN EINER HYSTERISCHEN +RISE ANGETROFFEN IN DER SIE DIE .IEDERKUNFT EINES +INDES SIMULIERTE DAS SIE IHRER %RKLiRUNG NACH VON IHM EMPFANGEN HABE "REUER SEI GE¾~CHTET UND AM NiCHSTEN 4AG MIT SEINER &RAU NACH 6ENEDIG GEREIST

WO SIE EINE 4OCHTER GEZEUGT HiTTEN *ONES ;=  "D  3 F  )N DER 4AT HABEN SPiTERE HISTORISCHE 5NTERSUCHUNGEN ERGEBEN DASS DIESE VON *ONES AUSF~HRLICH DARGELEGTE 6ERSION AUF EINE NACHTRiGLICHE +ONSTRUKTION &REUDS ZUR~CKGEHT DIE NICHT DEN &AKTEN ENTSPRICHT 3O WIES (IRSCHM~LLER  NACH DASS "REUER SEINE 0ATIENTIN AUCH NACH DEM %NDE DER KATHARTISCHEN "EHANDLUNG WEITERHIN BETREUT HAT 4ATSiCHLICH WAREN NICHT ALLE +RANKHEITSSYMPTOME DER !NNA /¨ BESEI TIGT SIE LITT IN ZUNEHMENDEM -A†E AN EINER 4RIGEMINUSNEURALGIE DEREN 3CHMERZEN "REUER MIT -ORPHIUM BEHANDELTE WAS ZU EINER 3UCHT F~HRTE )M *ULI  ~BERWIES ER DIE 0ATIENTIN AN ,UDWIG "INSWANGER DEN $IREKTOR DES 3ANATORIUMS IN +REUZLINGEN

DAMIT DIESER DIE "EHANDLUNG FORTSETZE UND IM /KTOBER DESSELBEN *AHRES VERLIE† SIE IN GEBESSERTEM :USTAND DIE +LINIK !NNA /¨ LEBTE ANSCHLIE†END IN 7IEN WO SIE NOCH WIEDERHOLTE -ALE BEHANDELT WURDE $ANN ZOG SIE NACH &RANKFURT AM -AIN )N $EUTSCHLAND F~HRTE SIE EIN SEHR AKTIVES ,EBEN ALS 3CHRIFTSTELLERIN UND BEFASSTE SICH MIT SOZIALEN !UFGABEN )M ,ICHTE DIESER HINZUGEWONNENEN %RKENNTNISSE HAT 2ONALD "RITTON  DIESEN PARADIGMATISCHEN &ALL VON (YSTERIE EINER ERNEUTEN 0R~FUNG UNTERZOGEN UND DAZU EINE 2EIHE ~BERZEUGENDER (YPOTHESEN AUFGESTELLT $ASS DIE IN DEN 3TUDIEN ~BER (YSTERIE BESCHRIEBENEN 0ATIENTINNEN NICHT VON ALLEN 3YMPTOMEN BEFREIT WURDEN MACHTEN SICH EINIGE 6ERLEUMDER DER 0SYCHOANALYSE ZUNUTZE UM DEREN 6ALIDITiT IN &RAGE ZU STELLEN MAN WARF DEN !UTOREN -YSTI½KATION UND !NNA /¨ 3IMULATION VOR 3ICHER HABEN "REUER UND &REUD IN IHREM %NTHUSIASMUS DEN "ERICHT ~BER IHRE KLINISCHEN &iLLE EIN WENIG GESCHyNT DENN ZUM 4EIL WOLLTEN SIE MIT IHRER 6ERyFFENTLICHUNG AUCH NACHWEISEN DASS IHRE 5NTERSUCHUNGEN DENEN 0IERRE *ANETS VORAUSGEGANGEN WAREN $OCH SOLLTE MAN NICHT VOR LAUTER "iUMEN DEN 7ALD ~BERSEHEN !UCH WENN DIE "EHANDLUNG DER !NNA /¨ NUR TEILWEISE ERFOLGREICH VERLIEF SO GING SIE DOCH ZU 2ECHT ALS DER ERSTE %RFOLG DER KATHARTISCHEN -ETHODE IN DIE !NNALEN EIN ¯ ALS DER &ALL DER &REUD DEN )MPULS ZUR %NTDECKUNG DER 0SYCHOANA LYSE GAB

§&RAU %MMY V .¨¦ VON &REUD &REUD WENDET ZUM ERSTEN -AL DIE KATHARTISCHE -ETHODE AN

So wie man die Entdeckung der kathartischen Methode auf Breuers Behandlung der Anna O… zurückführen kann, kann man den Beginn der Abkehr von der Hypnose zugunsten der Methode der freien Assoziation auf die Freudsche Behandlung der »Emmy v. N…« zurückführen. Diese Frau von 41 Jahren – mit richtigem Namen Fanny Moser – war die Witwe eines reichen Industriellen, von dem sie zwei Töchter hatte. Sie litt unter schweren Phobien beim Anblick


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von Tieren. Im Verlauf dieser Behandlung, die am 1. Mai 1889 begann und sechs Wochen andauerte, fĂźhrte Freud mit dem Ziel, eine kathartische Wirkung herbeizufĂźhren, Gespräche, die von Massagen begleitet wurden, sowie Hypnosesitzungen, die die Wiedererinnerung in Gang setzen sollten. Gleich in der ersten Sitzung äuĂ&#x;erte die Patientin – wohl unbewusst – mehrfach Freud gegenĂźber, er solle sie nicht anfassen. Ihren Erinnerungsbericht unterbrechend, sagte sie zu ihm: ÂťSeien Sie still – reden Sie nichts – rĂźhren Sie mich nicht an!ÂŤ (GW I, S. 100) AnschlieĂ&#x;end verhielt sie sich wieder normal. Einige Tage später fĂźhlte sich die Patientin von Freuds Fragen gestĂśrt und verlangte von ihm, er solle sie nicht unablässig unterbrechen, Âťsondern sie erzählen lassen, was sie mir zu sagen habeÂŤ (ebd., S. 116). Freud war damit einverstanden und konstatierte, dass es auch dann zur gewĂźnschten Wiedererinnerung kam, wenn er auf Hypnose verzichtete – auf die er gleichwohl bei der Behandlung dieser Patientin immer wieder zurĂźckgriff. Freud bemerkte während der Gespräche, dass es ausreichte, wenn die Patientin sich spontan ihm gegenĂźber äuĂ&#x;erte; auch so lieferte sie ihm bedeutsame Erinnerungen, und die kathartische Wirkung trat allein aufgrund der Tatsache ein, dass sich die Patientin spontan mit Worten Erleichterung verschuf: ÂťEs istÂŤ, so sagt Freud, Âťals hätte sie sich mein Verfahren zu eigen gemacht und benĂźtzte die anscheinend ungezwungene und vom Zufalle geleitete Konversation zur Ergänzung der HypnoseÂŤ (ebd., S. 108). Freud zog aus diesem Fall den Schluss, dass es sich hier weniger um eine Konversionshysterie als um psychisch-hysterische Symptome wie Furcht, Depression und Phobien gehandelt habe. Was den Ursprung der Hysterie anbetrifft, so vermutete er, dass die UnterdrĂźckung des sexuellen Elements, Âťdas doch wie kein anderes AnlaĂ&#x; zu Traumen gibtÂŤ (ebd., S. 160), eine entscheidende Rolle gespielt habe. §-I33 ,UCY 2ÂŚ VON &REUD &REUD VERZICHTET NACH UND NACH AUF DIE (YPNOSE ZUGUNSTEN DER 3UGGESTION

Von Dezember 1892 an behandelte Freud neun Wochen lang eine junge Gouvernante aus England, die am Verlust des Geruchssinns und an olfaktorischen Halluzinationen litt, etwa der, ständig den Geruch von etwas Angebranntem in der Nase zu haben – StÜrungen, die als hysterische eingestuft wurden. Nachdem Freud vergeblich versucht hatte, sie in Hypnose zu versetzen, verzichtete er darauf und bediente sich der Methode der sogenannten freien Assoziation, wobei er sich manchmal mit einem leichten Druck der Hände auf die Stirn der Patientin behalf, wenn die Erinnerungen sich allzu langsam einstellten: Ich legte der Kranken die Hand auf die Stirne oder nahm ihren Kopf zwischen meine beiden Hände und sagte: ›Es wird Ihnen jetzt einfallen unter dem Drucke meiner Hand. Im Augenblicke, da ich mit dem Drucke aufhÜre, werden Sie etwas vor sich sehen oder wird Ihnen etwas als Einfall durch den


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Kopf gehen und das greifen Sie auf. Es ist das, was wir suchen. – Nun, was haben Sie gesehen oder was ist Ihnen eingefallen?‚ (GW I, S. 168) Diese Behandlung bestätigte die Hypothese, der zufolge die im Gedächtnis zwar treulich gespeicherte, aber nicht abrufbare Erinnerung an ein Erlebnis den Ursprung der pathogenen Wirkung hysterischer Symptome darstellt. Es handelt sich um einen psychischen Konflikt, der häufig sexueller Natur ist, und die pathogene Wirkung verdankt sich zumeist einer Vorstellung, die sich Âťmit der herrschenden Vorstellungsmasse des IchÂŤ nicht verträgt und Âťabsichtlich aus dem BewuĂ&#x;tsein verdrängt, von der assoziativen Verarbeitung ausgeschlossenÂŤ ist (ebd., S. 174). In diesem Fall konnten die Symptome beseitigt werden, nachdem Freud entdeckt hatte, dass ÂťMiĂ&#x; Lucy R.ÂŤ heimlich in ihren Arbeitgeber verliebt war, und nachdem sie eingeräumt hatte, dass sie diese Liebe aufgrund ihrer Aussichtslosigkeit verdrängt hatte. §+ATHARINA ¨Œ VON &REUD "ERICHT ~BER EINE PSYCHOANALYTISCHE +URZTHERAPIE

In seiner Darstellung fßhrt Freud knapp und brillant vor Augen, welche Rolle sexuelle Traumata bei der Entstehung hysterischer Symptome spielen. Diese Behandlung vollzog sich in Form einer mehrstßndigen Unterhaltung zwischen Freud und jener jungen Frau von 18 Jahren, nachdem Freud während seiner Ferien in den Bergen im August 1893 auf einem Spaziergang einer improvisierten Konsultation zugestimmt hatte. Katharina ‌ war die Tochter der Wirtin, und weil sie wusste, dass Freud Arzt war, fragte sie ihn, ob er ihr helfen kÜnne; sie litt an Erstickungssymptomen, die von der Vorstellung eines erschreckenden Gesichts begleitet wurden. Im Verlauf ihres Gesprächs, das Freud treulich nachzeichnet, erinnerte sich Katharina daran, dass ihre Symptome zwei Jahre zuvor eingesetzt hatten, nachdem sie Zeugin einer sexuellen Beziehung zwischen ihrem Onkel und ihrer Cousine Franziska geworden war, was sie zutiefst erschreckt hatte. Mit dieser Erinnerung kommt Katharina eine weitere wieder ins Gedächtnis: Als sie 14 Jahre alt war, hatte dieser Onkel mehrfach versucht, auch sie zu verfßhren. Freud merkt an, dass das junge Mädchen nach dem Zusammentragen der Fakten sehr rasch erleichtert gewesen sei und sogar die Vision von der erschreckenden Grimasse selbst zu erklären vermocht habe, denn es habe sich – seinen Worten zufolge – bereits um eine zum guten Teil abreagierte Hysterie gehandelt (das Mädchen hatte bereits alles der Tante erzählt) (GW I, S. 193). In dem Fall sieht Freud die Bestätigung seiner These von der Bedeutsamkeit der Sexualität: Die Angst, an der Katharina in ihren Anfällen leidet, ist eine hysterische, d. h. eine Reproduktion jener Angst, die bei jedem der sexuellen Traumen auftrat (ebd., S. 195). In einer hinzugefßgten Anmerkung aus dem Jahr 1924 gibt Freud preis, dass es sich nicht um den Onkel des jungen Mädchens gehandelt habe, sondern um den eigenen Vater (ebd., Anm. 1).


§$AS "UCH IST EINE EINZIGARTIGE (ILFE BEI ,EHRE UND 3TUDIUM DER &REUD´SCHEN 3CHRIFTEN %S IST EBENSO FANTASIEVOLL WIE HILFREICH VOR ALLEM

WAS DIE +ONTEXTUALISIERUNG DER 7ERKE AN BELANGT %IN ABSOLUTES -USS F~R JEDEN DER SICH ERNSTHAFT MIT DER 0SYCHOANALYSE BE SCHiFTIGT¦ !NNE -ARIE 3ANDLER ,EHRANALYTIKERIN DER "RITISCHEN 0SYCHOANALYTISCHEN 6EREINIGUNG ,ONDON

Freud lesen

3TUDIUM DER 3CHRIFTEN &REUDS DIE F~R DEN INTERESSIERTEN ,AIEN WIE F~R DEN ERFAHRENEN 0SYCHOANALYTIKER GLEICHERMA†EN ERHELLEND IST

*EAN -ICHEL 1UINODOZ

&REUD LESEN IST EINE LEICHT ZUGiNGLICHE $AR STELLUNG DER GESAMMELTEN 7ERKE &REUDS VON DEN 3TUDIEN ~BER (YSTERIE BIS ZUM !BRISS DER 0SYCHOANALYSE 3ELBST SEINE KOMPLEXESTEN 4HEORIEN WERDEN KLAR UND VERSTiNDLICH DAR GELEGT OHNE SIE UNANGEMESSEN ZU VEREIN FACHEN *EDES +APITEL BEFASST SICH MIT EINER VON &REUDS 3CHRIFTEN UND ENTHiLT WERTVOLLE (INTERGRUNDINFORMATIONEN SOWIE RELEVANTE $ETAILS AUS "IOGRAFIE UND :EITGESCHICHTE

EINE #HRONOLOGIE SEINER )DEEN UND "ESCHREI BUNGEN VON POST FREUDIANISCHEN %NTWICK LUNGEN $IESE %INBETTUNG DER 4EXTE IN ,EBEN UND 3CHAFFENSGESCHICHTE MACHT DAS 7ERK ZU EINEM EINZIGARTIGEN (ANDBUCH F~R DAS

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Freud lesen Eine chronologische Entdeckungsreise durch sein Werk

*EAN -ICHEL 1UINODOZ 0SYCHOANALYTIKER IN PRIVATER 0RAXIS

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