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Internationale Psychoanalyse 2009

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Internationale Psychoanalyse 2009 Ausgewรคhlte Beitrรคge aus dem International Journal of Psychoanalysis ยท Band 4

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0SYCHOSOZIAL 6ERLAG 314 Seiten, Rรผckenstรคrke: 21 mm


Angela Mauss-Hanke (Hg.)

Internationale Psychoanalyse 2009 Mit einem Vorwort von Dana Birkstedt-Breen Mit Beitr채gen von Antonino Ferro, Richard H. Fulmer, Robert D. Hinshelwood, Riccardo Lombardi, Evelyne Sechaud, Roosevelt M. Smeke Cassorla, Laurence S. Spurling, John Steiner, Richard Taffler und David Tuckett

Psychosozial-Verlag


Ausgewählte Beiträge des Jahres 2008 aus The International Journal of Psychoanalysis, gegründet von Ernest Jones unter der Leitung von Sigmund Freud Herausgeber: Dana Birkstedt-Breen & Robert Michels Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar. Originalausgabe © 2009 Psychosozial-Verlag Walltorstr. 10, D-35390 Gießen. E-Mail: info@psychosozial-verlag.de www.psychosozial-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Umschlagabbildung: Logo des International Journal of Psychoanalysis Umschlaggestaltung & Satz: Hanspeter Ludwig, Gießen www.imaginary-art.net Druck: Majuskel Medienproduktion GmbH, Wetzlar www.majuskel.de Printed in Germany ISBN 978-3-89806-899-4


5

Inhalt

Vorwort

Dana Birkstedt-Breen

Einführung

Angela Mauss-Hanke

I

7

11

Psychoanalytische Theorie und Technik

Die Übertragung auf den Analytiker als ausgeschlossenen Beobachter

John Steiner

Der Körper in der analytischen Sitzung Fokussierung auf die Leib-Seele-Verbindung Riccardo Lombardi

Die implizite Alpha-Funktion des Analytikers, Trauma und Enactment in der Analyse von Borderline-Patienten

Roosevelt M. Smeke Cassorla

Gibt es in der Psychoanalyse noch einen Platz für das Konzept der »therapeutischen Regression«?

Laurence S. Spurling

27

51

83

113

Verdrängung und Spaltung

Entwicklung einer Methode der vergleichenden Konzeptbetrachtung Robert D. Hinshelwood

141


6 · Inhalt

II

Schriften zur Didaktik

Die Handhabung der Übertragung in der französischen Psychoanalyse

Evelyne Sechaud

173

III Interdisziplinäre Studien »Don’t save her«

Sigmund Freud trifft Project Pat: Das Rettungsmotiv im Hip-Hop Richard H. Fulmer

203

Fantastische Objekte und der Realitätssinn des Finanzmarkts

Ein psychoanalytischer Beitrag zum Verständnis der Instabilität der Wertpapiermärkte David Tuckett & Richard Taffler

227

Buch-Essay James Grotstein: A Beam of Intense Darkness Ein Buch-Essay Antonino Ferro

267

Anhang Autorinnen und Autoren

297

Der Herausgeberbeirat

301

Inhaltsverzeichnis des International Journal of Psychoanalysis, Jahrgang 89, Ausgaben 1–6

303


)0SYCHOANALYTISCHE 4HEORIEUND4ECHNIK


27

Die Übertragung auf den Analytiker als ausgeschlossenen Beobachter1 John Steiner

In dieser Arbeit werde ich einen kurzen Überblick über einige wesentliche Punkte in der Entwicklung der Ideen zur Übertragung geben, die den Entdeckungen Freuds so vieles zu verdanken haben. Dann werde ich einige der späteren, auf Freuds Werk beruhenden Entwicklungen diskutieren, die mich persönlich beeindruckt haben. Insbesondere werde ich dabei auf Melanie Kleins Ausarbeitungen einer durch innere Objekte bevölkerten inneren Welt eingehen sowie auf ihre Beschreibung der Mechanismen von Spaltung und projektiver Identifizierung, die beide einen tief greifenden Einfluss auf unser Verständnis von der Übertragung ausgeübt haben. Ich werde anhand klinischen Materials eine wichtige Übertragungssituation zu schildern versuchen, die, wie ich glaube, noch nicht genügend Beachtung gefunden hat, obwohl sie Teil der »Gesamtsituation« ist, wie sie von Klein beschrieben wurde. Bei dieser Art von Übertragung befindet sich der Analytiker in einer beobachtenden Position; er ist nicht mehr das primäre Objekt, auf das Liebe und Hass gerichtet werden. Stattdessen ist er zu einem Ausgeschlossenen geworden, der leicht Gefahr läuft, diese Rolle zu agieren, anstatt sie zu verstehen. Er kann in dieser Situation versuchen, die Position als primäres Übertragungsobjekt des Patienten zurückzuerlangen, oder aber die Übertragung insgesamt meiden und Deutungen außerhalb der Übertragung geben. Auf diese Weise agiert er die 1 Dieser Vortrag wurde am 14. Oktober 2006 auf der English Speaking Weekend Conference gehalten und dann am 7. Februar 2007 auf einer Tagung der British Psychoanalytical Society. Der Titel der damaligen Fassung war Übertragung: Hier und Damals. Die darin enthaltene Doppeldeutigkeit bezieht sich auf den Vergleich zwischen der aktuellen Konzeption von Übertragung und früheren Konzeptionen. Der Titel soll aber auch eine Anspielung darauf sein, dass die Übertragung immer vorhanden ist und nicht nur als gelegentliches Phänomen in Erscheinung tritt.


28 · John Steiner

Rolle eines urteilenden kritischen Über-Ichs. Wenn er den Verlust der zentralen Rolle tolerieren und die Übertragungsposition, in die er hineingebracht wurde, verstehen kann, kann der Analytiker manchmal die Enactments reduzieren und so Trauer- und Verlustgefühlen Raum geben, die sowohl ihn selbst als auch seinen Patienten betreffen.

Die Ursprünge der Übertragung In dieser Arbeit werde ich mich nur kurz mit der Geschichte unseres Verständnisses von Übertragung befassen, wobei ich mich auf die Weiterentwicklungen konzentriere. Es folgt dann eine Beschreibung, wie dieses Wissen unsere gegenwärtige Praxis beeinflusst hat. Die Geschichte beginnt damit, dass Freud in Breuers Arbeit mit Anna O. eine erotische Komponente entdeckte. Er erkannte, dass die Wirkung dieser Komponente darauf beruhte, dass sie nicht bemerkt worden war und es dabei nicht um irgendeine Besonderheit der betreffenden Patientin oder eine Schwäche des betreffenden Therapeuten ging. Stattdessen wurde ihm klar, wie er schrieb, dass »es kaum zu vermeiden [ist], dass nicht die persönliche Beziehung zum Arzte sich wenigstens eine Zeitlang ungebührlich in den Vordergrund drängt« (Freud 1895d, S. 265). Freud sah sich Breuer gegenüber dabei nicht in einer überlegenen Position, sondern erkannte, wie anfällig er in dieser Hinsicht selber war. Er schreibt: »Sodann machte ich eines Tages eine Erfahrung, die mir in grellem Lichte zeigte, was ich längst vermutet hatte. Als ich einmal eine meiner gefügigsten Patientinnen, bei der die Hypnose die merkwürdigsten Kunststücke ermöglicht hatte, durch die Zurückführung ihres Schmerzanfalls auf seine Veranlassung von ihrem Leiden befreite, schlug sie beim Erwachen die Arme um meinen Hals. Der unvermutete Eintritt einer dienenden Person enthob uns einer peinlichen Auseinandersetzung, aber wir verzichteten von da an in stillschweigender Übereinkunft auf die Fortsetzung der hypnotischen Behandlung. Ich war nüchtern genug, diesen Zufall nicht auf die Rechnung meiner persönlichen Unwiderstehlichkeit zu setzen und meinte, jetzt die Natur des mystischen Elements, welche hinter der Hypnose wirkte, erfaßt zu haben. Um es auszuschalten oder wenigstens zu isolieren, mußte ich die Hypnose aufgeben« (Freud 1925d, S. 52).

Ursprünglich wurde die Übertragung nur als etwas Peinliches und potenziell Gefährliches betrachtet, aber nachdem Freud die Hypnose aufgegeben hatte,


Die Übertragung auf den Analytiker als ausgeschlossenen Beobachter · 29

begann er damit, Patienten zu befragen, ihre Erinnerungen und Bilder zu beschreiben, wobei er gleichzeitig mit seiner Hand auf ihre Stirn drückte. Dabei entdeckte er, dass Übertragung ein Widerstand gegen das Sich-Erinnern war. Zunächst vertrat er die Auffassung, »daß die Prozedur des Drückens eigentlich niemals fehlschlägt« (Freud 1895d, S. 283), doch spricht er wenige Seiten später davon, dass sie versagen könne, wenn die Beziehung des Patienten zum Arzt gestört sei, und beschreibt dies als das »schlimmste Hindernis, das uns begegnen kann«. Es lässt sich jedoch nicht verhindern, und er beobachtet: »Man kann aber in jeder ernsteren Analyse darauf rechnen« (Freud 1895d, S. 307). Sein ganzes Leben lang wurde Freud nicht müde, auf die Bedeutung der Übertragung hinzuweisen. Ich habe den Eindruck, dass er gerade gegen Ende seines Lebens über sich schmunzelte, als ihm klar wurde, wie sehr er sich immer noch wünschte, die Übertragung möge einfach verschwinden, und er nostalgisch an den Analytiker als »den Helfer und Berater« dachte, »den man überdies für seine Mühewaltung entlohnt und der sich selbst gern mit der Rolle etwa eines Bergführers auf einer schwierigen Gebirgstour begnügen würde« (Freud 1940a, S. 100). Doch diese losgelöste und unbeteiligte Rolle ließ sich angesichts des Durchbruchs in unserem Verständnis der Übertragung, deren Entdeckung für mich immer einer der wesentlichen Indikatoren für Freuds Genialität gewesen ist, nicht halten. Was er zunächst für ein Ärgernis, eine Störung hielt, wurde schließlich als einer der wesentlichen Aspekte des analytischen Prozesses anerkannt, und zwar als derjenige, der bedeutungsvolle Veränderungen ermöglicht. In Zur Dynamik der Übertragung (1912b) finden sich Freuds berühmte Zeilen, die auf die wahre Anerkennung der Ubiquität und Zentralität der Übertragung hinweisen. »Es ist unleugbar, daß die Bezwingung der Übertragungsphänomene dem Psychoanalytiker die größten Schwierigkeiten bereitet, aber man darf nicht vergessen, daß gerade sie uns den unschätzbaren Dienst erweisen, die verborgenen und vergessenen Liebesregungen der Kranken aktuell und manifest zu machen, denn schließlich kann niemand in absentia oder in effigie erschlagen werden« (Freud 1912b, S. 374; Hervorhebung im Original).

Ungefähr zur gleichen Zeit verbindet Freud in Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten die Übertragung mit dem Wiederholungszwang, dem Ausagieren und dem Durcharbeiten. Er schreibt darin die folgenden, gleichfalls denkwürdigen Zeilen:


30 · John Steiner

»[S]o dürfen wir sagen, der Analysierte erinnere überhaupt nichts von dem Vergessenen und Verdrängten, sondern er agiere es. Er reproduziert es nicht als Erinnerung, sondern als Tat, er wiederholt es, ohne natürlich zu wissen, daß er es wiederholt. Zum Beispiel: Der Analysierte erzählt nicht, er erinnere sich, daß er trotzig und ungläubig gegen die Autorität der Eltern gewesen sei, sondern er benimmt sich in solcher Weise gegen den Arzt. […] Er erinnert nicht, daß er sich gewisser Sexualbetätigungen intensiv geschämt und ihre Entdeckung gefürchtet hat, sondern er zeigt, daß er sich der Behandlung schämt, der er sich jetzt unterzogen hat und sucht diese vor allen geheim zu halten […]. Solange er in Behandlung verbleibt, wird er von diesem Zwange zur Wiederholung nicht mehr frei; man versteht endlich, dies ist seine Art zu erinnern« (Freud 1914g, S. 129f.; Hervorhebung im Original).

Zunächst hatte Freud angenommen, es genüge, das Vorhandensein einer Übertragung zu erkennen, um sie zum Verschwinden zu bringen. Gegen 1914 erkannte er die Notwendigkeit, ihre Manifestationen immer wieder zu verstehen und im Prozess des Durcharbeitens zu deuten. Für Freud blieb die Übertragung weiterhin sowohl eine Quelle des Widerstands als auch eine Kommunikationsform, die uns eine Menge über die Geschichte und Einstellungen des Patienten wie auch über grundlegende Abwehrprozesse mitteilt. Spätere Fortschritte in unserem Verständnis der Übertragung waren Weiterentwicklungen dieser Gedanken Freuds, und deren Vorläufer lassen sich häufig in seinem Werk finden.

Die innere Welt Ein Beispiel ist die Entdeckung der »inneren Welt«, die durch die verlorenen Objekte gebildet wird. Trauer und Melancholie (Freud 1917e) steht dabei am Anfang. Eine substanzielle Erweiterung findet sich dann in Das Ich und das Es (Freud 1923b), wo Freud feststellt: »Vielleicht ist diese Identifizierung überhaupt die Bedingung, unter der das Es seine Objekte aufgibt. […] [Der Vorgang] kann die Auffassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, die Geschichte dieser Objektwahlen enthält« (1923b, S. 257).

Der inneren Welt widmet Freud in Ein Abriß der Psychoanalyse (1940a) einen ganzen Abschnitt; er bringt darin die gleiche allgemeine Vorstellung zum Ausdruck und beschreibt:


Die Übertragung auf den Analytiker als ausgeschlossenen Beobachter · 31

»Ein Stück der Außenwelt ist als Objekt, wenigstens partiell, aufgegeben und dafür (durch Identifizierung) ins Ich aufgenommen, also ein Bestandteil der Innenwelt geworden. Diese neue psychische Instanz setzt die Funktionen fort, die jene Personen [die aufgegebenen Objekte] der Außenwelt ausgeübt hatten« (1940a, S. 136).

Bei Freud lassen sich ganz eindeutig einige grundlegende Überlegungen erkennen, aber es war Klein, die der Bedeutung der inneren Welt, die für den Patienten genauso real sei wie die äußere Realität, einen besonderen Stellenwert zuschrieb. Durch ihre Beobachtung von Kindern, die im Spiel mit ihren Spielsachen innere Objekte lebendig werden ließen, erkannte sie unmittelbar die innere Welt, und ihr wurde klar, dass es unsere Wahrnehmung der Übertragung grundlegend beeinflusst, die innere Welt zu verstehen. Durch sie können wir erkennen, dass das Übertragene nicht so sehr ein der Vergangenheit angehörendes Objekt ist, sondern ein Objekt der Gegenwart, das als inneres Objekt existiert und auf die analytische Situation projiziert wird (Joseph 1985). Für Klein zeichnet sich die Übertragung durch diesen kontinuierlichen Austausch von Innen und Außen aus. Außerdem war sie der Meinung, dass es nicht nur das Über-Ich ist, das auf den Analytiker projiziert wird, wie es Strachey (1934) in seiner bedeutenden Arbeit formuliert hatte, sondern das, was als »die Gesamtsituation« [total situation] bezeichnet wird. Was übertragen wird, sind alle Emotionen, Abwehrmechanismen und Objektbeziehungen, die zwischen den Objekten und dem Selbst und den Objekten in der inneren Welt existieren. Klein sagt einfach, »der Patient [… muss] seinen Konflikten und Ängsten, die er gegenüber dem Analytiker aufs neue erlebt, mit denselben Methoden begegnen, deren er sich in der Vergangenheit bedient hat« (Klein 1952, S. 93).

Spaltung und projektive Identifizierung Die Frage nach dem, was übertragen wird, oder genauer, wie die Externalisierung der inneren Welt im analytischen Setting aussehen könnte, veränderte sich radikal durch Kleins Entdeckungen von Spaltung und projektiver Identifizierung (Klein 1946). Unser Verständnis der Übertragung, der Natur psychischer Veränderung und damit der Ziele der Behandlung wurde dadurch nochmals grundlegend weiterentwickelt.


32 · John Steiner

Schon Freud (1940e) beschrieb die Spaltung und veröffentlichte sogar eine Arbeit mit dem Titel Die Ichspaltung im Abwehrvorgang, doch darin befasste er sich vor allem mit der Frage, wie in der Psyche zwei gegensätzliche Vorstellungen nebeneinander existieren können. In seinem Aufsatz über den Fetischismus (Freud 1927e) brachte er seine diesbezüglichen Überlegungen am deutlichsten zum Ausdruck. Er beschrieb darin die gleichzeitige Anerkennung und Verleugnung der Realität der Geschlechtsunterschiede. In Ein Abriß der Psychoanalyse traf er eine ähnliche Unterscheidung, indem er den Gedanken äußerte: »Wir dürfen wahrscheinlich als allgemein gültig vermuten, was in all solchen Fällen vor sich ginge, sei eine psychische Spaltung. Es bildeten sich zwei psychische Einstellungen anstatt einer einzigen, die eine, die der Realität Rechnung trägt, die normale, und eine andere, die unter Triebeinfluss das Ich von der Realität ablöst« (Freud 1940a, S. 132f.).

Doch Freud stellte sich das Ich in erster Linie als eine Einheit vor, an der die Kräfte des Es und des Über-Ichs zerren, als etwas Deformiertes, wie ein belasteter Gummiball, und weniger als etwas Gespaltenes. Kleins Theorie von Spaltung und projektiver Identifizierung war völlig anders (Klein 1946). In ihren Arbeiten wird das Ich so gesehen, dass es ständig Spaltungen ausgesetzt ist, zeitweilig sogar auf gewaltsame und chaotische Art in Fragmente zerbricht. Manchmal geht damit ein Prozess von größerer Kohärenz einher, in dem ein Teil des Ichs abgespalten und projiziert wird, meist um unerwünschte Teile des Selbst loszuwerden. Diese beiden Aspekte der Spaltung sind für das Verständnis der Übertragung von besonderer Bedeutung. Zum einen werden das Ich und das Objekt in Zuständen der Fragmentierung als in Stücke zerfallen erlebt. Diese eher verzweifelte Situation entsteht vorwiegend in psychotischen und präpsychotischen Zuständen. Solche Zustände sind normalerweise mit intensiver Angst und Depersonalisierung verbunden (Rosenfeld 1947), wobei die Fragmente in der Übertragung auf gewaltsame Weise in den Analytiker hineinprojiziert werden. Die Übertragung wird dadurch grundlegend beeinflusst und kann den Analytiker einer enormen Belastung aussetzen. Wenn er die in ihn hineinprojizierten Fragmente akzeptieren und ihnen Bedeutung verleihen kann, lässt sich in gewissem Umfang eine Reduzierung der Angst sowie eine Integration der Fragmente erreichen. Bei dieser zweiten Art von Spaltung, wie auch in den Bemerkungen über einige schizoide Mechanismen (Klein 1946) ausgeführt, ist der Analytiker der Rezipient eines spezifischen Ich-Fragments des Patienten, nicht nur einfach


Die Übertragung auf den Analytiker als ausgeschlossenen Beobachter · 33

unzähliger multipler Splitter wie bei der fragmentierten Spaltung. In Abhängigkeit von den Projektionen und den daraus resultierenden Identifikationen ergeben sich verschiedene Konsequenzen, die sehr komplex und schwer entwirrbar sein können. Allmählich wurde deutlich, dass projektive Identifizierung nicht immer pathologisch sein muss, sondern dass sie im Grunde immer stattfindet, wenn Menschen miteinander interagieren und sich wechselseitig beeinflussen. So kann die eher gewaltsame Art der Fragmentierung als eine Form der pathologischen Spaltung betrachtet werden, während andere, von Rosenfeld (1971) detailliert beschriebene Formen in Abhängigkeit von ihrer Intensität und Inflexibilität entweder als normal oder pathologisch anzusehen sind. Dies hat Sodré in ihren Ausführungen aufgegriffen: »Projektive Identifizierung ist ein Sammelbegriff, der viele verschiedene Prozesse beinhaltet und der dazu benutzt wird, sowohl normale Kommunikationsweisen wie extrem pathologische Manöver und sogar chronische pathologische Zustände, die sich an der Wurzel einiger Charakterzüge befinden, zu beschreiben« (2004, S. 54).

Es besteht allgemeiner Konsens darüber, dass Spaltung und projektive Identifizierung den Analytiker ebenso beeinflussen wie den Patienten und damit auch die Übertragung und die Gegenübertragung. Allerdings sind sich die Analytiker uneins, welche Bedeutung und welchen Nutzen sie darin sehen, die Gegenübertragung zu untersuchen, um Informationen über das vom Patienten Projizierte zu gewinnen. Klein selbst war an diesem Punkt skeptisch (Spillius 2007). Sie war der Meinung, dass die Gegenübertragung uns mehr über den Analytiker als über den Patienten sagt und dass es eindeutig mehrere Faktoren sind, die auf den Analytiker einwirken, einschließlich seiner psychischen Verfassung und Rezeptivität dem Patienten gegenüber. Ein weiterer wichtiger Faktor beruht auf der Tatsache, dass ein großer Teil der Gegenübertragung unbewusst ist.

Enactment der internalisierten Objektbeziehungen Teils, weil die meisten unserer Reaktionen unbewusst sind, laufen wir stets Gefahr, das auf uns Projizierte auszuagieren anstatt es zu containen. Auf der Grundlage der fundamentalen Unterscheidung zwischen Denken und Handeln beschreibt Freud (1911b) eine Art Ausagieren, die darauf abzielt, die Psyche von Reizüberflutungen zu entlasten. Dies kommt dem sehr nahe,


34 · John Steiner

was wir heute als evakuative projektive Identifizierung bezeichnen würden. Inzwischen wissen wir, dass sowohl der Patient als auch der Analytiker auf diese Abwehr zurückgreifen, wenn sie die »Anhäufung von Reizen« nicht mehr containen können. Von der analytischen Haltung (Segal 1997) sprechen wir dann, wenn der Analytiker die Aufnahme von Projektionen erlaubt und, wenn möglich, Handlungen unterlässt. Vielmehr bemüht er sich, Handlungen durch Gedanken zu ersetzen. Gelingt es ihm, das vom Patienten Kommunizierte zu verstehen, wird er imstande sein, den Gedanken als Deutung zu verbalisieren (Bion 1962). Ist der Analytiker andererseits der Rezipient schwieriger Projektionen, fällt es ihm womöglich zu schwer, über den Zuwachs von Stimuli nachzudenken, die sich in ihm aufgebaut haben; dies führt dann in unterschiedlichem Ausmaß dazu, dass ein Containment misslingt und der Analytiker zu einem partiellen Ausagieren gebracht wird. Unser Verständnis des Enactments wurde besonders durch die Arbeit von Sandler (1976a, 1976b) und Joseph (1981, 2003) erweitert. Sandler beschreibt, wie eine infantile Rollenbeziehung ausgelebt und in der Beziehung zum Analytiker aktualisiert wird, während Joseph in zahlreichen Arbeiten ihre Auffassung vertritt, dass der Analytiker unweigerlich dazu gebracht wird, in der Fantasie des Patienten eine Rolle zu spielen. Beide Autoren führen noch genauer aus, wie der Analytiker dazu verleitet wird, eine Rolle aus der inneren Welt des Patienten zu spielen. Auch gehen beide davon aus, dass die Beobachtung dieser Rolle einen Einblick in das Abwehrsystem des Patienten und seinen habituellen Objektbeziehungsstil erlaubt. Sandler vertritt sogar die Auffassung, dass der Analytiker ebenso über eine freischwebende Empfänglichkeit wie über eine freischwebende Aufmerksamkeit verfügen sollte. Auch wenn Enactments immer auf ein Versagen von Containment hinweisen, ist es nicht möglich, sie zu unterdrücken. Versuche, dies zu tun, führen vielmehr zu einer gezwungenen und unnatürlichen Beziehung (Steiner 2006a). Natürlich kann es auch zu Enactments kommen, die der Analytiker nicht erkennt; sie werden ihm jedoch regelmäßig dadurch bewusst, dass sie Verlegenheit in ihm auslösen und weil der Patient selbst sie benennen kann.

Identifikationen Rosenfeld (1971) benannte verschiedene Motive, die seiner Ansicht nach für die verschiedenen Formen von projektiver Identifizierung verantwortlich sind. Bei einigen dieser Motive geht es um das Ziel, sich von unerwünschten


Die Übertragung auf den Analytiker als ausgeschlossenen Beobachter · 35

Teilen der Persönlichkeit zu befreien, bei anderen wird die Absicht verfolgt, das Objekt zu kontrollieren und zu besitzen. Bei wieder anderen steht in erster Linie die Kommunikation mit dem Analytiker im Vordergrund. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass alle gleichzeitig in verschiedenem Ausmaß zur Wirkung kommen, ist es dennoch sinnvoll zu prüfen, welche Motive dominieren. Die Identifikationen, die der Projektion folgen, können gleichermaßen komplex und variabel sein. Handelt es sich zum Beispiel um das Motiv, etwas loszuwerden, wird ein unerwünschter Anteil in das Objekt projiziert. Mit diesem Vorgang ist eine Enteignung verbunden, und das Objekt wird mit dem unerwünschten Anteil identifiziert. Britton (1998) nannte dies attributive projektive Identifizierung und unterschied sie von der akquisitiven projektiven Identifizierung, bei der sich das Individuum mit einer Eigenschaft des Objekts identifiziert. Es kann auch vorkommen, dass mit diesen Identifikationen introjektive Prozesse verknüpft sind, die Einfluss auf den Charakter und die Identität des Patienten haben. Freud selbst beschrieb solche multiplen Identifikationen bereits 1910 im Fall von Leonardo. Er zeigte, wie Leonardo seine Lehrlinge behandelte, als würden sie für ihn als Jungen stehen. Gleichzeitig identifizierte sich Leonardo mit seiner Mutter und liebte den Jungen so, wie er gern von der Mutter geliebt worden wäre. Freud formulierte das so: »Die Liebe zur Mutter kann die weitere bewußte Entwicklung nicht mitmachen, sie verfällt der Verdrängung. Der Knabe verdrängt die Liebe zur Mutter, indem er sich selbst an deren Stelle setzt, sich mit der Mutter identifiziert und seine eigene Person zum Vorbild nimmt, in dessen Ähnlichkeit er seine neuen Liebesobjekte auswählt« (Freud 1910c, S. 170).

Hier wird ein infantiler Anteil des Selbst projiziert und mit dem Lehrling identifiziert, während die verbleibenden Anteile des Selbst mit der Mutter identifiziert werden. In anderen Fällen, oder in derselben Person zu anderen Zeiten, sind Verschiebungen dieser Identifikationen möglich. Wir beobachten dann eine umgekehrte Konstellation, nämlich dass ein mütterliches inneres Objekt auf ein äußeres projiziert und mit diesem identifiziert wird, während das Selbst eine infantile Identität übernimmt. Dies sind einige der Entwicklungen unseres Verständnisses von Übertragung, die mich persönlich beeindruckt haben. Ich hoffe, es ist klar geworden, wie viele von ihnen von Freud entdeckt wurden oder auf seinen grundlegenden Arbeiten basieren.


))))NTERDISZIPLINiRE 3TUDIEN


203

»Don’t save her« Sigmund Freud trifft Project Pat: Das Rettungsmotiv im Hip-Hop1 Richard H. Fulmer

Der New Yorker Analytiker Richard Fulmer erkannte in einem modernen Rapsong eine Neuerzählung des Freud’schen Rettungsmotivs. Im vorliegenden Artikel aus dem Augustheft des International Journal ruft er uns diese vergessene, nicht mehr häufig zitierte Arbeit Freuds in Erinnerung, die Fulmer sehr gewinnbringend mit dem Lied verbindet. Er setzt sich mit den unterschiedlichen Beurteilungen und Interpretationen der Rettungsdynamik in der analytischen Literatur auseinander und plädiert dafür, im Rettungsmotiv eine Strategie zur Lösung psychischer Konflikte der Adoleszenz und des frühen Erwachsenenalters zu sehen. Durch die Wahl seines Untersuchungsgegenstands vertieft er unser Verständnis in zweierlei Hinsicht: Zum einen gewinnen wir Einblick in die weite Verbreitung und die Zeitlosigkeit des Rettungsmotivs, und zum anderen sensibilisiert er uns dafür, in der meist nur negativ beurteilten Rapmusik den Ausdruck zeitloser psychischer Entwicklungskonflikte wahrzunehmen. Die Arbeit konfrontiert uns aber auch mit der Bedeutung des Rettungsmotivs in unserer klinischen Arbeit. Christine Gerstenfeld Wir lieben Rettungsgeschichten. Sie ziehen uns in ihren Bann, weil sie von der Generationenfolge handeln und von den Gefahren, die sich ergeben, wenn die Verantwortung für die Arterhaltung des Menschen von den Eltern auf die Kinder übergeht. Freud brachte 1910 Licht in diese Dynamik. Der 1 Ich möchte meinem Sohn danken, Andrew Goldklank Fulmer, der mich mit dieser Musik vertraut machte, sie recherchierte und aufschlussreich erörterte. Ich bin dankbar für die sorgfältige Lektüre und kenntnisreichen Hinweise von Neil Altman, Cassandra Cook, Robert Ferguson, Sarah Hahn-Burke und Sabrina Wolfe.


204 · Richard H. Fulmer

Rapsänger Project Pat gibt ihr eine zeitgenössische künstlerische Ausdrucksform. Freud schreibt sehr detailliert über den Rettungswunsch als neurotische Art mancher Männer, sich zu verlieben (1910h). Seine Diskussion dieser Neurose beinhaltet aber auch einige universelle Wahrheiten über menschliche Bindung. Andere psychoanalytische Autoren (und auch Project Pat und unzählige andere Künstler) verstehen den Rettungswunsch seitdem als ein noch umfassenderes Phänomen sowohl der erwachsenen erotischen als auch der elterlichen Liebe. Ich bin der Ansicht, dass der Rettungswunsch nicht nur eine Neurose ist, sondern eine geläufige Ausdrucksform für einige Hauptaufgaben der Entwicklungsphasen von Adoleszenz und beginnendem Erwachsenenalter: eine starke Bindung zu einem Gleichaltrigen außerhalb der eigenen Familie aufzubauen und für die Elternschaft zu üben. Popsongs werden häufig von Adoleszenten oder jungen Erwachsenen geschrieben, gespielt und konsumiert. Viele enthalten das Rettungsnarrativ als Ausdruck des Wunsches danach, einen Fremden zu lieben und von ihm geliebt zu werden, und des großen Wagnisses, das darin liegt. Eine bestimmte Form von Popmusik, die für die westliche Jungendkultur in den vergangenen 30 Jahren sehr wichtig geworden ist und dieses Thema betont, ist die Rapmusik. Seit dem Aufkommen des Gangsta Rap [Gangster Rap] in den 90er Jahren ist sie wegen ihrer Betonung des Materialismus, der Verehrung von Schusswaffen, Gewaltausbrüchen und Frauenfeindlichkeit kritisiert worden. Es mag merkwürdig erscheinen, in der Rapmusik nach einem Liebeslied zu suchen, aber manche Rapsongs sind genau das. Sie sind dunkle Geschichten über die zarten Wünsche des Erzählers, seiner Liebsten zu helfen, über seine Frustrationen und Enttäuschungen und die daraus gelernten Lektionen. Wie die Kunst im Allgemeinen versuchen diese Lieder nicht, eine reife Lebenshaltung darzustellen, sondern erzählen Geschichten über das Leiden in einer Phase der Entwicklung. In der Adoleszenz und im jungen Erwachsenenalter sind Entwicklungsschwierigkeiten nicht zwangsläufig pathologisch. Als Geschichten über »durchlebte Gefahren« (Shakespeare 1622, 1. Akt, 3. Szene) bleiben sie unser ganzes Leben lang interessant, wenn wir die Themen wieder aufnehmen und verfeinern, die unsere Identität ausmachen. Der Titel von Freuds Abhandlung von 1910, »Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne«, ist neutral, deskriptiv und erwähnt weder Neurose noch Psychopathologie. Der Untertitel »Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens« verstärkt den deskriptiven Tonfall und lässt vermuten, dass er über eine Spielart des menschlichen Liebens schreibt und diese nicht nur als


»Don’t save her« · 205

eine Form der Psychopathologie versteht. Er zeigt, dass die Liebe über eine Psychologie verfügt, und regt an, dass sie mithilfe seines spezifischen Vokabulars sinnvoll diskutiert werden kann. Er spricht über Männer, die alt genug sind, um romantische Affären zu suchen und sich zu verlieben, die aber noch nicht verheiratet sind. Sie leben im Übergang, verlassen ihre Ursprungsfamilien und suchen eine Liebesbeziehung, um die herum sie eine eigene Familie aufbauen können. Freud schildert, wie diese Aufgabe zwischen dem jungen Mann und seinen internalisierten Eltern sowie zwischen dem jungen Mann und seiner Liebespartnerin ausgehandelt wird. Die Idee, das Rettungsmotiv als Geschichte einer menschlichen Entwicklungsperiode aufzufassen, wurde von Rank 1922 in seiner Darstellung des Geburtsmythos des Helden als wirkliches und psychisches Projekt der Adoleszenz vorgeschlagen. Der Held, dessen Leben als Säugling gerettet wurde, rettet als Erwachsener andere. Der Teil des Mythos über den neugeborenen Helden repräsentiert seine »Empfindung der Zurücksetzung, also der supponierten Feindseligkeit der Eltern« (Rank 1922, S. 108). Der Teil des Mythos über den erwachsenen Helden repräsentiert die Wünsche der jungen Person, ihre persönliche »Unabhängigkeit und Selbständigkeit zu erlangen« (ebd., S. 84) und einen sozialen Beitrag zu leisten. In der Adoleszenz erhält der Held zur Prüfung seiner Männlichkeit eine Aufgabe, bei der er sich einer Gefahr aussetzen muss. Diese Aufgabe »setzt den Jüngling dem Verderben aus, macht ihn aber gleichzeitig mit dem Bestehen dieser Probe dem Vater ebenbürtig« (ebd., S. 114). So »wird er durch Lösung der vom Vater zu seinem Verderben gestellten Aufgaben aus einem unzufriedenen Sohn ein sozial wertvoller Reformer […] und Kulturträger« (ebd., S. 115). Freud beschreibt in seiner Arbeit Männer, die scheinbar eine Reihe bestimmter »Liebesbedingungen« brauchen (1910h, S. 67). Die erste Bedingung, damit der Mann sich angezogen fühlt, ist, dass sich die Frau mit einem anderen Mann eingelassen haben muss, den Freud als den »geschädigten Dritten« bezeichnet (ebd., S. 68). Als zweite Bedingung muss die Frau einen »sexuell schlechten Ruf« haben. Diese Bedingung kann sehr schwach ausgeprägt sein, wie etwa bei einer verheirateten Frau, die flirtet; sie kann aber »mit etwas Vergröberung, die der ›Dirnenliebe‹ heißen« (ebd.). In einer Fußnote in der Standard Edition wird bedauert, dass das englische Wort »prostitute« nur unvollkommen die »Dirne« des Freud’schen Originals wiedergibt, weil es zu sehr den buchstäblichen Tausch von Geld für sexuelle Dienste betont. Obwohl zugegebenermaßen ebenfalls problematisch, wird das vielleicht geeignetere »harlot« vorgeschlagen (S. 167 der Standard Edition).


206 · Richard H. Fulmer

Nachdem er diese Bedingungen erklärt hat, fährt Freud mit der Beschreibung zweier weiterer Merkmale des Liebesverhaltens des Mannes fort: Die Frauen werden drittens sehr hoch geschätzt – »sie sind die einzigen Personen, die man lieben kann« (1910h, S. 69). Das trifft natürlich auf jede Liebespartnerin zu, daher muss Freud es wohl betonen, um einer erwarteten fehlenden Wertschätzung entgegenzuwirken – zum Beispiel, dass eine »Dirne« als gewöhnlich, leicht ersetzbar, verzichtbar oder nur der Ausbeutung »wert« betrachtet wird. Freud verdeutlicht, dass er von Liebe redet, nicht etwa über eine konventionellere lustvolle und kommerzielle, mit Prostitution verbundene Beziehung. Die Liebe des Mannes hat einen »zwanghaften« Charakter, obwohl Freud bemerkt, dass dieser »in gewissem Grade jedem Falle von Verliebtheit eignet« (ebd., S. 69). Der Mann fordert Treue von sich selbst, aber er entspricht in der Realität dieser Forderung nicht unbedingt und kann viele verschiedene Partnerinnen dieser Art haben. Die vierte und letzte wichtige Bedingung ist, dass der Mann die geliebte Frau »retten« (im Original kursiv), sie durch den Einfluss seines Charakters vor moralischer Entwürdigung bewahren möchte. Als Freud darlegt, dass die geliebte Prostituierte ein Muttersurrogat ist, verwendet er ödipale Konzepte (ebd., S. 70–73). Wenn er aber den Wunsch des Mannes beschreibt, sie zu retten (ebd., S. 74–77), verwendet er dafür nicht die Sprache der Triebe, sondern die Sprache der Bindung. Er konzentriert sich auf einen bestimmten Prozess der psychischen Entwicklung des jungen Mannes: die Anerkennung der Bindung zu den Eltern, die wechselvollen Wege der Trennung von ihnen und die Reproduktion dieser Bindung mit einem Gleichaltrigen. Freud malt ein Bild, das Nähe und Stabilität vermittelt, obwohl es auch sexistisch ist: »Man sieht ohne weiteres ein, daß bei dem in der Familie aufwachsenden Kinde die Tatsache, dass die Mutter dem Vater gehört, zum unabtrennbaren Stück des mütterlichen Wesens wird und daß kein anderer als der Vater selbst der geschädigte Dritte ist« (ebd., S. 72).

Dies ist nicht das übliche Bild vom ödipalen Kind als einem einsamen, grollenden Außenseiter, sondern von jemandem, der sich selbst als Teil eines Kreises sieht, eingebettet in ein Netz hilfreicher Beziehungen, gehalten und gestützt von der Paarbindung seiner Eltern. Freud fährt fort: »[D]as Rettungsmotiv hat seine eigene Bedeutung und Geschichte und ist ein selbständiger Abkömmling des Mutter- oder, richtiger gesagt, des Elternkomplexes« (ebd., S. 74). Diese Bezugnahme auf die Beziehung des Kindes zu beiden Eltern soll den Ursprung des Motivs von den ödipalen Gesichtspunkten abgrenzen, die er vorher beschrieben hatte. Dann schreibt er:


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»Wenn das Kind hört, daß es sein Leben den Eltern verdankt, dass ihm die Mutter das Leben geschenkt hat, so vereinen sich bei ihm zärtliche mit großmannssüchtigen, nach Selbständigkeit ringenden Regungen, um den Wunsch entstehen zu lassen, den Eltern dieses Geschenk zurückzuerstatten, es ihnen durch ein gleichwertiges zu vergelten« (ebd., S. 75; kursiv im Original).

Die Vorstellung von der psychischen Schuld des Kindes hat eine lange und ehrwürdige Tradition. Eine frühere Form wird von Rudnytsky (1988, S. 168) mit Miltons Das verlorene Paradies zitiert, als sich der heranwachsende Satan, der gerade aus seinem Elternhaus geworfen worden ist, über die Verpflichtung beklagt, die er seinem Schöpfer gegenüber fühlt: »Die Riesenschuld endloser Dankbarkeit / So lästig stets zu zollen, stets zu schulden« (1667, IV. Buch, S. 104). Freuds Sprache ist freundlicher und stellt Dankbarkeit und Zärtlichkeit als primäre Gefühle dar, nicht als sublimierte Versionen eher aggressiver, selbstverherrlichender Gefühle. Ferner beschreibt er den primären Wunsch, die Fürsorge zu erwidern. In dieser stark interpersonellen Sichtweise ist nicht Rivalität das primäre Motiv, sondern die Bildung einer dauerhaften, intimen, sich selbst verstärkenden Beziehung. Ein weiterer Aspekt von Freuds Konzept ist, dass er, obwohl er anfänglich eine bestimmte Neurose bei einer Gruppe junger Männer beschreibt, die relevante Gruppe scheinbar erweitert und zum Allgemeingültigen tendiert, besonders im Hinblick auf die Bedeutung des Rettungswunsches. Zum Beispiel bezieht er Frauen in die Untersuchung mit ein und beschreibt für sie andere Motive und interpersonelle Muster (1910h, S. 76). In diesem Teil der Arbeit erwähnt er pathologische, unbefriedigende oder repetitive Anteile des Syndroms nicht weiter. In seiner Zusammenfassung spricht er zunächst über Rettungsphantasien in Träumen und beendet den Absatz mit einer besonders berührenden Deutung mancher männlicher Fantasien: »Gelegentlich enthält auch die auf den Vater gerichtete Rettungsphantasie einen zärtlichen Sinn. Sie will dann den Wunsch ausdrücken, den Vater zum Sohne zu haben, das heißt einen Sohn zu haben, der so ist wie der Vater« (ebd., S. 77).

Ich werde Freuds Idee einen Schritt weiter tragen, um meine zentrale These vorzustellen, nämlich dass der Rettungswunsch eine frühe Stufe des Übergangs zur Gründung einer Familie ist. Als geistige Vorbereitung auf die Elternschaft ist er ein Versuch, Selbstaufopferung zu üben, Verantwortung für das Wohlbefinden eines anderen zu übernehmen, psychische Schulden


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abzutragen, einen Platz in der Generationenfolge einzunehmen, ein anderes Leben als das eigene zu unterstützen, die eigene Fähigkeit und den Wunsch des Nährens auszudrücken sowie eine Form der Sühne. Die zu rettende Partei muss bedürftig sein, und sie kann die Rettung annehmen oder ablehnen. Nach Freud ist das Muster, einen Partner mit schlechtem Ruf lieben und retten zu wollen, nicht auf Männer beschränkt. Er beschreibt die gleiche Objektwahl bei einer jungen lesbischen Frau (in Bezug auf eine ältere Frau) in seiner Arbeit »Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität« von 1920. Das Rettungsmotiv findet sich natürlich auch recht häufig bei heterosexuellen Frauen in Bezug auf Männer, wenn sie sich in »böse Jungs« verlieben, die einen kriminellen Lebensstil führen und/oder für ihre Promiskuität bekannt sind. Auch können beide Geschlechter ohne eine bewusste romantische oder erotische Anziehung Rettungswünsche bezüglich gleichgeschlechtlicher Freunde entwickeln. Diese vielen anderen Manifestationen des Musters bezeugen seine weite Verbreitung, und alle haben die gleichen Motive – die Rückzahlung von Schulden an die Eltern und das Üben von Elternschaft –, aber sie können in die vorliegende Diskussion nicht einbezogen werden. Freud ist natürlich nicht der Einzige, der diese Konzepte formuliert hat; viele andere Autoren haben seine Ideen überarbeitet oder erweitert. Einiges davon verändert Freuds ursprüngliche Vorstellung erheblich. Abraham gibt seiner Arbeit von 1922 den Titel »Vaterrettung und Vatermord in den neurotischen Phantasiegebilden«. Er verändert den Freud’schen Tonfall vom Freundlichen ins Brutale und verlagert den Untersuchungsgegenstand von der Fortpflanzung des Drei-Personen-Familienkreises zu einer tödlichen Zwei-Personen-Rivalität zwischen Männern. Abraham lehnt den »freundlichen Sinn der Rettungsphantasie« als lediglich »manifesten Inhalt« entschieden ab und behauptet, dass »in tieferen Schichten der trotzige Sinn« überwiege (Abraham 1922, Band 1, S. 112). Sterbas Artikel von 1940, »Aggression in der Rettungsphantasie«, vertieft das negative ödipale Thema weiter. Obwohl es nicht als solches vorgestellt wird, kann das klinische Beispiel Sterbas als ein Fall gesehen werden, in welchem der Patient den Rettungsversuch des Analytikers ablehnt. Sterba klagt darüber, dass seine lesbische Patientin es »absolut ablehnt, die Hoffnung aufzugeben, ein Junge zu werden«. Schließlich berichtet er, dass er ihr gegenüber darauf insistiere, sie müsse »notwendigerweise ihre weibliche anatomische Konstitution akzeptieren« (Sterba 1940, S. 506). Sie protestiert, trifft Vorkehrungen, ihre Jungfräulichkeit an einen jungen Mann zu verlieren, blutet wochenlang auf mehrere verschiedene Weisen und produziert schließlich einen Traum, in


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dem sie einen Analytiker vor der Enthauptung rettet. Sterba betrachtet ihren Traum als Rettungsphantasie und interpretiert ihn richtig als Aggression ihm gegenüber, zeigt aber (ohne sie anzuerkennen) seine Frustration wegen der Patientin, wenn er den aggressiven Aspekt der Traumrettung auf wertende Weise beschreibt: »[D]ie Rettung ist nur Fassade und das glückliche Ende einer Lüge« (ebd., S. 507). Er schließt mit einer Empfehlung an den Leser, »in jeder Rettungsphantasie nach einem aggressiven Inhalt zu suchen« (ebd., S. 508). Frosch verbindet die Rettungsphantasie mit der umfassenderen Erzählung des Familienromans (1959). Er betrachtet die Rettung als eine Abwehr gegen den Objektverlust, der die Reifung unvermeidlich begleitet, und nicht so sehr als eine mörderische Antwort auf ödipale Rivalität. Er ist der erste, der darauf aufmerksam macht, wie der Rettungswunsch des Analytikers gegenüber seinem Patienten (oder des Patienten bezüglich des Analytikers) den Verlauf der Analyse beeinflussen kann. Ohne Frosch zu zitieren, beschreibt auch Greenacre Rettungsphantasien aufseiten des Analytikers (1966). Sie beklagt sie als ungewollt-eigennützige Reaktion auf die Überidealisierung durch den Patienten. Sterbas Verlagerung von Freuds ursprünglichem Akzent folgend, stellt Greenacre die Rettungswünsche als ausschließlich aggressiv dar und warnt vor ihnen als Ausdruck des unaufgelösten Narzissmus des Analytikers. Esman wiederum gibt einen Rückblick über acht Jahrzehnte der Beschäftigung mit dem Rettungswunsch und stimmt Greenacres Anwendung der Konzepte auf die Gefühle und die Arbeit des Analytikers zu (1987). Er weitet ihre Kritik aus und bezieht sie nicht nur auf individuelle Analytiker, sondern auch auf analytische Schulen, welche »äußere soziale Kräfte« als Ursache von psychischen Störungen ansehen. Esman setzt diese Denkansätze verächtlich herab, da sie die Verbesserung dieser Krankheiten mittels »Empathie« befürworteten (Anführungszeichen im Original; vgl. Esman 1987, S. 269). Zwei Jahre vor Esman, aber von diesem nicht berücksichtigt, publizierte Frankiel eine Arbeit, in der sie eine ganz andere Haltung zu den Rettungswünschen des Analytikers und zur Bedeutung der Empathie einnimmt (1985). Diese beiden Arbeiten können als eine Art Dreh- und Angelpunkt in der Entwicklung der Haltung zur Rettungsgegenübertragung angesehen werden. Mit Ausnahme von Frosch und Frankiel wurde vor 1987 eine solche Gegenübertragung gescheut. Nach 1985 wird sie, mit Ausnahme von Esman, toleriert, akzeptiert und sogar verwendet. Indem Frankiel präödipale Wünsche als für das Rettungsmotiv primär ansieht, greift sie auf Freud zurück. Wie Greenacre ist sie besorgt, wenn Rettungsmotive die Gegenübertragung bestimmen, aber sie nimmt eine positivere Haltung zur Empathie des Analytikers ein. Sie stellt


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einige Beispiele aus ihrer Supervision von Kinderanalysen vor, in denen die Probleme im Verlauf der Behandlung zu den unbewussten Wünschen der Analytiker, die Kinder von ihren Eltern zu »stehlen«, um sie zu »retten«, zurückverfolgt werden konnten. Die Anerkennung dieses Wunsches erlaubte den Analytikern, ihn zu überwinden und eine empathischere Beziehung zum Kind und zu den Eltern aufzubauen. Frankiel sieht eine solche Gegenübertragung sogar als Vorteil an und behauptet, dass in manchen Fällen die Ausbildung eines Rettungswunsches und seine »Beherrschung« seitens des Analytikers »ein zentraler Bestandteil eines erfolgreichen Ergebnisses« sein können (1985, S. 428). Auch für Lotterman sind beim Drang zu retten präödipale Wünsche von größter Bedeutung (2003). Er betont das Gefühl der Dankesschuld des Patienten gegenüber seinen Eltern und kommt damit Freuds ursprünglichem Konzept des Rettungsmotivs am nächsten. Lotterman warnt, dass der Patient den Rettungsversuchen des Analytikers ambivalent gegenüberstehen und Widerstand in Form einer negativen therapeutischen Reaktion leisten kann (ebd., S. 576). Sabbadini führt die neuere (und Freuds ursprünglicher Arbeit ähnlichere) Einschätzung fort, dass Rettungswünsche einen präödipalen Ursprung haben, und sieht sie »in kleinianischer Terminologie« als »Gesten der Wiedergutmachung« (2003, S. 756). Er versteht den Rettungsimpuls des Analytikers nicht als einen analytischen Fehler narzisstischer Analytiker, sondern vielmehr als Teil eines »organisierten Vorhabens, aus dem Unbewussten etwas anscheinend Verlorenes wiederzufinden« (ebd.). Demzufolge, so sagt er, könne die Psychoanalyse selbst als eine umfassende »Rettungsaktion« beschrieben werden (ebd.). Sabbadinis zentrale Variante der Rettungsphantasie basiert auf dem erfolglosen Versuch von Orpheus, seine Braut Eurydike zu retten. Mit diesem Mythos als Modell stellt er auch fest, dass viele Rettungsversuche fehlschlagen werden; manchmal wegen des Widerstands des Gefährdeten, manchmal, weil die Rettungsabsicht in einem existenziell zum Scheitern verurteilten Wunsch nach Unsterblichkeit gründen kann (ebd., S. 759). Neben einer zwar verhaltenen, aber positiveren Haltung zu den Rettungswünschen des Analytikers als Greenacre und Esman sie einnehmen, schlagen diese drei letztgenannten Autoren (Frankiel, Lotterman und Sabbadini) auch Gründe vor, warum der gefährdete Protagonist der Phantasie der Rettung gegenüber ambivalent sein könnte. Am Ende seines Übersichtsartikels bemerkt Esman, dass »die Rettungsphantasie wie sie von Freud formuliert wurde – als Rettung der gefallenen Frau –, scheinbar von der psychologischen Bühne verschwunden ist, […] zumindest erscheint sie nicht mehr in Fallberichten« (1987, S. 269). Vielleicht wird sie von Patienten und Analytikern weniger häufig als psychopathologisches Symptom


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gewertet (und in der Tat wird selten über sie in dieser Weise berichtet), doch die vorliegende Arbeit behauptet, das Phänomen, dass junge Männer sich in Frauen verlieben, die sie für sexuell promiskuitiv halten, komme immer noch häufig vor. Esmans Schlusssatz ist in dieser Hinsicht besonders passend: »Denn die Dynamik […] der Rettungsphantasie ist sicherlich immer noch in uns […] und findet neue Formen […] sowohl innerhalb als auch außerhalb der analytischen Situation« (ebd.). Tatsächlich kann man eine solche neue Form leicht im Werk eines modernen Orpheus finden: des Rapsängers Project Pat. Seit Freud seinen Aufsatz verfasste, kommt dem Ausdruck »Rettungsphantasie« im psychoanalytischen Diskurs vor allem die Bedeutung allzu enthusiastischer Impulse aufseiten der Analytiker zu, ihren Patienten zu helfen, was möglicherweise dazu führt, dass die Analytiker in ihrem Eifer, Leiden zu lindern, einige Schritte überspringen. Diese Verschiebung in der Betrachtung des Rettungswunsches von einem klinischen Problem des Patienten zu einem gelegentlich auftretenden Gegenübertragungsproblem des Analytikers hat dazu geführt, dass Freuds ursprüngliche »Dirnenliebe« aus der analytischen Diskussion der Rettungsphantasie verschwunden ist. In Mädchenschlagern der 60er Jahre war dem Autor dieses Textes das Rettungsthema (ohne Bezug zur Prostitution) schon seit Langem aufgefallen, z.B. in He’s a rebel (Pitney 1962) und Leader of the pack (Greenwich/Barry/Morton 1964). Als der Autor zufällig den Rapsong Don’t save her [Rette sie nicht] von Project Pat hörte, brachte ihn dies dazu, den Text des Lieds sorgfältiger zu lesen. Ich war überrascht, Freuds vier ursprüngliche »Liebesbedingungen« nicht nur in diesem Lied, sondern auch in einigen anderen Liedern der aktuellen Rapmusik derart explizit, vollständig und genau wiederzuerkennen. Dass sich nahezu 100 Jahre nach seiner Schrift Freuds ursprüngliche Konzepte in der Unterhaltungskunst wiederfinden, beweist grundlegend ihre Tauglichkeit, Universalität und Zeitlosigkeit bei der Beschreibung der Conditio humana. Nicht zuletzt zeigt die unbefangene Neuerzählung der Freud’schen Thematik in diesen Liedern die Tiefe, Ernsthaftigkeit und Komplexität dieser Kunst, welche die Vision des Künstlers und die Gefühle der Millionen junger Zuhörer zum Ausdruck bringt, die diese Lieder hören, kaufen, herunterladen, freiwillig auswendig lernen und schätzen. Wie Orpheus präsentiert sich auch Project Pat als charismatischer Sänger. Wie Orpheus hofft er, seine (zukünftige) Braut vor dem Tod zu retten – zumindest vor dem psychischen Tod, vielleicht aber auch vor dem physischen. Wie Orpheus scheitert er, und er erzählt die Geschichte in einem Rapsong mit dem Titel Don’t save her (Project Pat 2001).


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Angela Mauss-Hanke (Hg.): Internationale Psychoanalyse 2009