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Glück haben Wie sehr bestimmen Zufälle unser Leben? Es gibt offenbar Menschen, die ihrem Glück auf die Sprünge helfen können. Was unterscheidet sie von anderen, denen der Zufall weniger in die Karten spielt? Und gibt es Strategien, mit denen wir günstige Fügungen und glückliche Zufälle wahrscheinlicher machen?

W

enn wir vom „Glück“ reden, können wir zwei Arten davon meinen: zum einen das Glück, das wir uns erarbeiten oder verdienen – durch kluge Entscheidungen und gelingende Lebensgestaltung, durch Freundschaften und Liebe, durch bewussten Genuss, durch Arbeit und Erfolg und viele andere Dinge, die uns Erfüllung und Zufriedenheit bringen. Zum anderen gibt es das Glück, das uns buchstäblich zufällt, unverdient, aber hochwillkommen: der Sechser im Lotto. Die unerwartete Erbschaft. Der glückliche Zufall, der uns die ideale Wohnung finden lässt. Diese Glücksform, im Englischen luck, im Französischen fortune, lässt sich auf Deutsch mit „Massel“ oder „Dusel“ umschreiben, und sie schützt uns mitunter auch vor Unglück: Wegen Überbuchung können wir ein Flugzeug nicht besteigen, und eine Stunde später stürzt es ab. Zwischen diesen beiden Glücksformen erstreckt sich ein Niemandsland, in dem die Menschen auf unterschiedlichste Weise versuchen, ihrem Glück nachzuhelfen. Sie füllen einen Systemlottoschein aus und hoffen, dadurch ihre geringen Chancen wenigstens etwas

zu verbessern. Oder sie beschwören das Glück durch Rituale, esoterische Praktiken oder mit Bitten an eine höhere Macht. Oder sie versuchen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und die richtigen Leute kennenzulernen. Und viele haben auch die Maxime verinnerlicht: „Glück hat auf Dauer nur der Tüchtige.“ Religiöse und philosophische Systeme unterscheiden sich unter anderem auch dadurch, ob sie einem mehr oder weniger vorbestimmten Schicksal (einem Fatum) die wichtigste Rolle im Leben einräumen oder ob sie umgekehrt auf Selbstbestimmung und Freiheit setzen. Zwischen Bestimmung und Freiheit gibt es eine dritte, schillernde Größe, den Zufall. Der Philosoph Odo Marquard meint, dass unser Leben eher eine Reihe von Zufällen und „Widerfahrnissen“ sei als eine gezielte und geplante Abfolge von gewollt herbeigeführten Ereignissen. Wir sind, aufs Ganze gesehen, doch eher die Kugeln in einem Flipperautomaten als die captains of our life. In diese Zone der Zufälle haben sich seit kurzem auch Psychologen vorgewagt, aus mindestens zwei Gründen. Erstens: Was wir über das Glück glauben,

Heiko Ernst

prägt unser Denken und Handeln maßgeblich. In einer Art selbsterfüllender Prophezeiung wird das tatsächlich erlebte Glück durch Überzeugungen über das Zufallsglück beeinflusst. Und zweitens: Möglicherweise gibt es rationale oder lebenspraktische Möglichkeiten, um die Zahl glücklicher Zufälle im eigenen Leben zu erhöhen. Die Psychologie hatte sich zuvor schon intensiv mit Kontrollillusionen und Attributionsfehlern beschäftigt – also mit den subjektiven Vermutungen über Zusammenhänge, die unser Leben beeinflussen und prägen. Beispielsweise schreiben wir Erfolge in der Regel der eigenen Tüchtigkeit zu, Misserfolge aber lieber den ungünstigen Umständen oder dem „Pech“. Oder wir glauben, durch bestimmte Praktiken, etwa auch durch abergläubische Rituale, den Gang der Dinge beeinflussen zu können. Denn es behagt uns einfach mehr, die Kontrolle über das eigene Leben zu haben als der Spielball eines blinden Schicksals zu sein. Inzwischen mehren sich die Hinweise, dass es zumindest einige Möglichkeiten gibt, die Zahl der glücklichen Zufälle zu erhöhen, auch wenn sich das PSYC H O LO G I E H EUTE

A pri l 2012

I L L U S T R AT I O N E N : M I CH E L M E Y E R

Psychologie Heute 04/2012 Leseprobe  

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