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Themen & Trends 9

Gemeinsames Erinnern hilft dem Gedächtnis nicht unbedingt auf die Sprünge

zeigten ihren 20 Probanden eine Dokumentation und befragten sie in regelmäßigen Abständen, was sie davon noch im Gedächtnis behalten hatten. Bei einigen Laboraufenthalten versuchten sie das Gedächtnis einiger Personen zu manipulieren, indem sie ihnen falsche Antworten unterjubelten, die vermeintlich von anderen Teilnehmern stammten. Wie sich herausstellte, passten die Probanden häufig ihre ursprünglich richtigen Erinnerungen an die falschen an. Selbst als sie erfuhren, dass die Antworten nicht vertrauenswürdig waren, blieben manche falschen Gedächtnisinhalte hartnäckig bestehen. Das soziale Moment war hier durchaus entscheidend.

Denn von vorgegebenen Antworten des Computers ließen sich die Probanden viel seltener in ihren eigenen Erinnerungen beeinflussen. Wenn das gemeinsame Erinnern solche Nachteile zeigt, sollten wir dann nicht aufhören, zusammenzuarbeiten? Sind beispielsweise Lerngruppen in der Schule oder an der Universität überhaupt sinnvoll? Glücklicherweise, so Rajaram, können gewisse Vorzüge gemeinsamer Gedächtnisanstrengungen die Nachteile aufwiegen. Anderen beim Erinnern zuzuhören, kann einen vor so manchem Streich des Gedächtnisses bewahren. Zudem dient Gruppenarbeit der Wiederholung und dem Trainieren

des bereits Bekannten. Wo und wann genau letztlich (versteckte) Kosten und Nutzen gemeinsamen Erinnerns entstehen, wird die Wissenschaft aber voraussichtlich erst in Zukunft zeigen. ■

Christian Wolf

M. Edelson u.a.: Following the crowd: Brain substrates of long-term memory conformity. Science, 333/2011, 108–111 S. Rajaram, L.P. Pereira-Pasarin: Collaborative memory: Cognitive research and theory. Perspectives on Psychological Science, 5/6, 2010, 649–663 S. Rajaram: Collaboration both hurts and helps memory: A cognitive perspective. Current Directions in Psychological Science, 20/2, 2011, 76–81

Psychologie Heute 04/2012 Leseprobe  

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