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Das neue Aids 71

Das neue Aids Nach 30 Jahren intensiver Forschung hat die Medizin das Virus im Griff. Aber nun zeigt sich: Die Angst vor Aids ist schwerer zu bekämpfen als die Krankheit selbst ■

I L L U S T R AT I O N E N : CH R I S T I A N S A N D E R S

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igentlich hat Evelin Tschan allen Grund, zufrieden zu sein. Sie muss ihren Klienten nur noch ganz selten beim Sterben zusehen. Sie muss sie nicht pflegen, versorgen, sie trösten, weil Angehörige und Freunde sich abwenden. Sie muss nur noch selten Krankenschwestern beruhigen, die sich vor ihren Patienten fürchten, vor Ansteckung und vor dem Tod. Schon lange geht sie nicht mehr zwei, dreimal im Monat auf eine Beerdigung. Evelin Tschan, Beraterin der Aids-Hilfe in Konstanz, beschäftigt sich heute mit anderen Problemen. Die 57-Jährige bereitet Aidskranke nicht mehr auf das Sterben vor, sondern auf das Leben, auf ein Leben mit dieser Krankheit, die nicht mehr tödlich ist, aber oft genug existenzielle Probleme bringt und die Lebensplanung der Kranken bedroht. Heute hilft Tschan Infizierten, ihren Kinderwunsch zu verwirklichen, Konf likte mit einem nichtinfizierten Partner zu lösen, und sie berät Menschen, die sich fragen, ob sie ihrer neuen Liebe, ihren Freunden, den Kollegen von ihrer Infektion erzählen sollen. Aids, vor 30 Jahren entdeckt und damals gebrandmarkt als moderne Variante der Pest, gilt Medizinern heute als chronische Krankheit. Das ist die gute P S YC H O L O G I E H E U T E

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Nachricht. Die weniger gute lautet, dass auch das „neue“ Aids mit einem Stigma belegt ist, das es Infizierten schwer macht, ein normales Leben zu führen. Konditormeister Jan Volkers* ist 30 Jahre alt und hat schon viel erreicht. Volkers ist Führungskraft in einer Großbäckerei, er unterrichtet und prüft Lehrlinge und wird von Mitarbeitern und dem Chef geschätzt. Was niemand ahnt: Jan Volkers ist HIV-positiv, und seine gute Stellung ist für ihn nur zweite Wahl. Als er beim Blutspenden vor drei Jahren die Diagnose hörte, rückten seine beiden großen Lebensträume in weite Ferne: „Leben und Arbeiten in den USA waren für mich unmöglich geworden – als HIV-Infizierter bekam ich keine Greencard.“ Auch die eigene Konditorei konnte er nicht eröffnen: „Ich wäre dann privat versichert und müsste monatlich vier- bis sechstausend Euro für meine HIV-Medikamente vorstrecken. Das ist in der Gründungsphase ganz unmöglich.“ Nun hofft er, dass an seiner Arbeitsstelle nie jemand von der Infektion erfährt. Nicht wegen der „dummen Jungs im Betrieb und wegen ihrer Schwulenwitze“, sondern weil ein Outing auch diesen Job gefährden könnte. Bei Helga Müller*, Mutter von drei Kindern, veränderte die HIV-Diagnose

Birgit Schreiber

nicht nur ihr eigenes Leben. Sie erfuhr davon nach einer Fehlgeburt. Wenig später stellten Ärzte fest: Auch ihr vierjähriger Sohn Niklas ist HIV-positiv, sein Immunsystem ist anfällig, und er muss täglich Medikamente nehmen. Die Gewissheit, ihr jüngstes Kind infiziert zu haben, quält Helga Müller. Außerdem leidet sie unter ihrem Doppelleben. In ihrem Dorf darf niemand von der Infektion wissen, die eigenen Eltern denken, sie nimmt Tabletten wegen ihres Asthmas. Das Geld ist knapp, sie kann nicht voll arbeiten – wegen der vielen Arzttermine. Allen Schwangeren, die sie trifft, rät sie: Lasst euch unbedingt auf HIV testen, dann erspart ihr euren Kindern vielleicht ein Leben mit der Infektion. Ein harter Schlag war die HIV-Diagnose auch für Heiner Boden*. Im Alter von 13 Jahren steht sein Berufswunsch fest: Er will Offizier werden, bei der Bundeswehr. Er will als Soldat Unschuldige schützen und helfen, Zivilgesellschaften aufzubauen. Ein idealistischer Traum vielleicht, aber ein paar Jahre geht alles nach Plan. Er beendet die Schule, verpflichtet sich für mehrere Jahre, beginnt bei der Bundeswehr eine Ausbildung. Dann folgt die Diagnose des Bundeswehrarztes, die alle Pläne zunichte *Namen von der Redaktion geändert

Psychologie Heute 04/2012 Leseprobe  

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