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Neurodidaktik 67

mentation: „Ich halte es für problematisch, wenn von manchen Hirnforschern unreflektiert Ratschläge für das schulische Lernen gegeben werden. Gute Lehrer wissen, wie Schüler lernen. Es ist zwar schön, wenn sie auch etwas über die Amygdala wissen, es ist aber entscheidender, dass sie wissen, wie sie Schülern den Stoff sinnvoll vermitteln.“ Die Neurobiologie liefere zwar durchaus interessantes Wissen – nur eben nicht in erster Linie für die Schule. Lernen sei ein vielschichtiger Prozess, der nicht auf das Feuern von Neuronenverbänden reduziert werden könne. Viele Kritiker monieren zudem, dass die Hirnforschung Dinge fordere, die PSYCHOLOGIE HEUTE

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die Reformpädagogik seit jeher auf der Agenda hat – nichts Neues also. Und Praktiker an den Schulen betonen, dass die meisten Erkenntnisse der Neurowissenschaftler für konkrete Lernkonzepte letztlich nicht brauchbar, weil praxisfern seien. Komplexe Faktoren wie Emotion, Motivation, Bindung oder Kommunikation seien für Neurowissenschaftler schwer zu fassen, hätten jedoch einen enormen Einfluss auf die Qualität von Lehre und Lernen. Auch Gerhard Roth macht keinen Hehl daraus, dass das meiste relevante Wissen über Lernprozesse aus der Psychologie komme, nicht aus Hirnscannern. Schließlich erforschen Kognitions- und

pädagogische Psychologen schon seit Jahrzenten in empirischen Studien die Voraussetzungen für optimales Lernen. Ihre umfangreichen Daten basieren auf dem Verhalten unzähliger Versuchspersonen, und die didaktischen Konzepte können direkt auf ihre Wirksamkeit hin überprüft und weiterentwickelt werden. Für den Lernerfolg, so argumentiert auch Roth, komme es ohnehin stark auf die individuelle Persönlichkeit von Lehrern und Schülern an, was allein durch Synapsen und Hirnbotenstoffe nicht erklärt werden könne. Andererseits – und das macht den unwiderstehlichen Reiz der Neurobiologie aus – scheinen ihre Erkenntnisse erfrischend objektiv. Dass Lernen anschaulich, aktiv, eigenmotiviert und praxisnah sowie frei von Zwang sein soll, wussten gute Pädagogen zwar schon immer, dafür braucht es keine spektakulären Hirnbilder. Nur: Neuroforscher können heute eben auch neuartige Nachweise zur Untermauerung dieser Thesen liefern. Das trägt zur Faszination der Disziplin bei. Zwei Beispiele: Pädagogen und leidgeplagte Eltern wussten immer schon, dass die Vernunft von Teenagern in der Pubertät oft leidet. Doch erst seit Hirnforscher auf die enormen Umbauprozesse im jugendlichen Gehirn hingewiesen haben, sehen viele Erwachsene die jugendliche Konfusion in einem neuen Licht. Auch die Erkenntnis, dass fleißiges Lernen bestimmte Areale des Gehirns messbar verändern kann, verhalf der alten Forderung „Üben! Üben! Üben!“ zu mehr Autorität. Dass die Fronten einander nicht zwangsläufig unversöhnlich gegenüberstehen müssen, beweisen zunehmend Forschungsinstitute, die auf die Integ-

Psychologie Heute 04/2012 Leseprobe  
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