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... ein psychologischer Gutachter ?

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„Straftaten sind eine sprachlose Form des Sprechens“

FOTOS: PE TER K AHRL

Gerhard Bliersbach schreibt seit zehn Jahren regelmäßig Gutachten über Straftäter, die als psychisch krank gelten. Aufgrund seiner Arbeit entscheiden Richter, wie groß der Bewegungsspielraum eines Verurteilten sein darf oder ob er schon bereit für die Freiheit ist. Psychologie Heute traf den psychoanalytisch orientierten Diplompsychologen zum Gespräch über seine Arbeit in Köln

P S YC H O L O G I E H E U T E Herr Bliersbach, Sie erstellen sogenannte Prognosegutachten für den Maßregelvollzug. Was muss man sich darunter vorstellen? G ERHA RD B L IERSBAC H Wir haben in Deutschland ein zweigliedriges Rechtssystem. Zum einen gibt es den Strafvollzug. Dort, im Gefängnis, landen die meisten Menschen, die für eine schwere Straftat verurteilt werden. Anders sieht es aus, wenn das Gericht zu dem Schluss kommt, dass jemand für eine Tat nicht voll verantwortlich ist. Juristen sprechen dann von nicht oder vermindert schuldfähig. Das ist der Fall, wenn jemand eine Straftat im Zustand einer schweren psychischen Erkrankung begeht. Diese Täter kommen nicht in den Strafvollzug, sondern werden zu einer psychiatrischen Behandlung im Maßregelvollzug verurteilt. Sie sitzen nicht im Gefängnis ein, sondern werden in spezialisierten, besonders gesicherten Abteilungen psychiatrischer Krankenhäuser untergebracht. P H Sie verfassen diese Gutachten, in denen die Schuldfähigkeit eines Menschen geprüft wird? B L I E R S B AC H Eher selten. Ich erstelle hauptsächlich Prognosegutachten, die

im weiteren Verlauf der Behandlung dieser forensischen Patienten, wie sie auch genannt werden, erstellt werden müssen. Diese fallen immer wieder an, denn für jeden Einzelnen wird regelmäßig mithilfe von Gutachten geprüft, ob Therapie und Unterbringungsart noch richtig sind. Hier gibt es widerstreitende Anliegen und Interessen: Während die Öffentlichkeit vor gefährlichen Menschen geschützt werden will, möchte der Patient meist so schnell wie möglich frei und unkontrolliert leben. Der gesetzliche Auftrag an den Maßregelvollzug lautet „Besserung und Sicherung“, die psychiatrische Behandlung soll den Patienten auf ein Leben ohne erhebliche Straftaten vorbereiten. P H Wie oft werden diese Prognosegutachten fällig? B L I E R S B AC H Das ist in den verschiedenen Bundesländern unterschiedlich geregelt. In Nordrhein-Westfalen, wo ich arbeite, schreibt das Maßregelvollzugsgesetz vor, dass alle drei Jahre ein externer Gutachter oder eine externe Gutachterin überprüft, ob der forensische Patient entlassen werden kann. Der Auftrag beinhaltet auch die Überprüfung der Diagnose und der therapeuti-

schen Strategien. Was den Bewegungsspielraum des Patienten angeht, so geht es um konkrete Fragen nach den Lockerungen, wie dies im Juristendeutsch genannt wird. Beispiele wären: Kann der Patient seine Station mit oder ohne Begleitung verlassen? Ist es möglich, dass er seine Eltern über das Wochenende besucht? Darf er einer Arbeit außerhalb der Klinik nachgehen, allein eine Wohnung beziehen? P H Dann entscheiden Sie, ob ein psychisch kranker Straftäter entlassen wird? B L I E R S B AC H Nein, so ein Gutachten hat immer nur einen Empfehlungscharakter. Natürlich mit einem gewissen Gewicht: Es wird vor allem von den Richtern zur Kenntnis genommen, die die Unterbringung des Patienten und seinen Behandlungsprozess im Auge behalten. Außerdem wird es von den Klinikkollegen ins Auge gefasst, die für die Behandlung verantwortlich sind. Und schließlich lesen es die Landesbeauftragten des Maßregelvollzuges sowie die zuständigen Mitarbeiter des Kostenträgers der Klinik. Ob eine geschlossene Unterbringung noch gerechtfertigt ist, entscheiden allein die Richter. Das

Psychologie Heute 04/2012 Leseprobe  
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