Page 16

52

Gesundheit & Psyche R E DA K T I O N : T H O M A S S A U M - A L D E H O F F

„… und daran bin ich gewachsen!“ Unser Wohlbefinden hängt auch davon ab, wie „positiv“ wir unser Leben erzählen Wir wissen viel mehr darüber, was uns krank macht, als darüber, was uns gesund erhält. Spielt außer dem Lebensstil – gesunde Ernährung, Bewegung und so weiter – auch die innere Einstellung, die psychische Verfassung eine Rolle? Der 1994 verstorbene israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky war davon überzeugt. Seiner Auffassung nach verfügen Menschen in unterschiedlichem Ausmaß über einen seelischen Schutzmechanismus, der etwa gegen Depressionen und Süchte, aber auch psychosomatische Krankheiten und Stoffwechselstörungen wirksam sei. Dieser Schutz bestehe in einer Grundhaltung des Welt- und Selbstvertrauens, die Antonovsky „Kohärenzgefühl“ (sense of coherence) taufte: Gefestigt ist, wer sein Leben als verstehbar, sinnhaft, bewältigbar und auch bewältigenswert erlebt. Doch wie stellen es Menschen an, ihrem Leben Sinn zu geben? Indem sie dieses Leben immer wieder still und laut vor sich selbst und anderen erzählen, behauptet der amerikanische Sozialpsychologe Dan McAdams, Nestor der „narrativen Psychologie“. Nach seiner Theorie erwirbt ein Mensch eine immer reifere Identität, indem er fortwährend die Ereignisse seines Lebens zu einer biografischen „Erzählung“ integriert. Dadurch erhält sein Dasein einen Bezugsrahmen und eine Richtung.

Diese Selbsterzählung braucht einerseits Kontinuität – sonst erkennen wir uns selbst nicht wieder. Andererseits braucht sie aber auch Veränderung, denn sonst würden wir auf der Stelle treten. Entscheidende Wegmarken sind für McAdams jene Ereignisse, die von uns rückblickend als Veränderungsanstöße auf unserem Lebensweg interpretiert werden. Sie signalisieren Wandlung und Wachstum: Seht her, so bin ich zu der Person geworden, die ich heute bin! Wer also mehr über das erzählerische Selbstbild eines Menschen herausfinden will, muss darauf achten, in welcher Weise er Schlüsselereignisse seines Lebens schildert. „Wenn wir unsere Lebensgeschichten austauschen, wird die Darstellung vergangener Ereignisse oft von unserer Interpretation begleitet, welche Rolle diese Ereignisse beim Formen unseres gegenwärtigen Selbst gehabt haben“, schreiben McAdams und seine Kollegin Jennifer Pals Lilgendahl. Zum Beispiel schildert eine Frau, wie die schwere Krankheit ihrer kleinen Schwester bei ihr seinerzeit die Entscheidung reifen ließ, Kinderärztin zu werden. Oder ein Mann erzählt davon, wie der Erfolg seines Basketballteams in der A-Jugend ihn lehrte, dass hartes Training sich im Leben auszahlt. Ein anderer führt seine anhaltenden Schwierigkeiten mit Frauen darauf zu-

rück, dass seine Jugendfreundin ihm einst das Herz gebrochen habe. In einer Studie sind Pals Lilgendahl und McAdams nun der Frage nachgegangen, auf welche Weise diese Erzählund Interpretationsmuster des Vergangenen das heutige Wohlbefinden und die seelische Gesundheit beeinflussen. 40 Frauen und 44 Männer im Alter zwischen 34 und 68 Jahren stellten sich am Telefon einem ausführlichen Interview. Sie wurden aufgefordert, ihr Leben in Kapitel einzuteilen und die wichtigsten Ereignisse und Charakteristika jedes Kapitels zu beschreiben. Sie sollten ferner den Höhepunkt und den Tiefpunkt ihres bisherigen Lebens markieren und laut darüber nachdenken. Schließlich sollten sie noch jene zwei oder drei Menschen charakterisieren, die ihre Lebensgeschichte am stärksten beeinflusst haben. In einem Fragebogen, der sie per Post erreichte, gaben sie dann unter anderem Auskunft über ihre körperliche und mentale Gesundheit. Die Ergebnisse bestätigten, dass die individuelle Art, wie die Probanden die Weichenstellungen in ihrem Leben bewerteten, einiges darüber aussagte, wie wohl sie sich gegenwärtig in ihrer Haut und ihrem Umfeld fühlten. Zweierlei Faktoren spielten dabei eine Rolle. Zum einen kam es schlicht darauf an, wie optimistisch die Betreffenden die Geschehnisse rückblickend interpre-

Psychologie Heute 04/2012 Leseprobe  
Psychologie Heute 04/2012 Leseprobe  

Psychologie Heute 04/2012 Leseprobe