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Hochsensibilität 37

fene empfinden das vermeintliche Zaudern und Zögern manchmal als befremdend oder missdeuten es vielleicht sogar als Dummheit. PH Aus Alltagsbeobachtungen mag dies ja plausibel sein. Wo aber bleibt die wissenschaftliche Untermauerung für die Behauptung, Hochsensibilität sei eine biologische Anlage, die bei 15 bis 20 Prozent aller Menschen vorhanden sein soll? Die wissenschaftliche Psychologie erkennt ein solches unverrückbares Persönlichkeitsmerkmal bisher nicht an. A R O N Vor zwölf Jahren hatten wir dafür viele, aber nur lose miteinander verbundene Indizien. Inzwischen gibt es aus der Grundlagenforschung bessere Belege für meinen Ansatz. An erster Stelle nenne ich einen Landsmann von IhPSYCHOLOGIE HEUTE

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nen, den Biologen Max Wolf in Berlin. Er forscht über Persönlichkeit bei Tieren und fand heraus, dass eine erhöhte Empfindsamkeit gegenüber der Umwelt in vielen Tierarten bei einer Minderheit der Individuen auftritt (siehe S. 38: Solche und solche – auch bei Tieren). Was Max Wolf ermittelt hat, deckt sich recht genau mit meinen eigenen Beobachtungen. P H Und wie steht es mit der Forschung beim Menschen? A RO N Auch da kommen wir gut voran. Mein Ehemann Arthur Aron, er ist ebenfalls Psychologieprofessor, betreut an der Universität Stony Brook im Staat New York mehrere Forschungsarbeiten zu diesem Thema. Seine Doktorandinnen stellten unter anderem mit bildgebenden Verfahren fest, dass Hochsen-

sible bei Reizen andere Hirnregionen als die Bevölkerungsmehrheit aktivieren und dass auch die zeitlichen Abläufe im Gehirn anders sind. Hochsensibilität geht also tatsächlich mit Unterschieden in den Hirnstrukturen und -prozessen einher. Erkennbar ist bereits, dass die Amygdala oder andere für Furchtreaktionen zuständige Hirnareale eine untergeordnete Rolle spielen, dass wir es eben nicht mit Angst oder Gehemmtheit zu tun haben, wie Kagan es sehen würde. Und wir wissen jetzt, dass es sich auch nicht um einen negativen Affekt handelt. Damit stehe ich quer zum Establishment in der psychologischen Forschung. Wenn ich Fachaufsätze bei Verlagen einreiche, werden sie im Prüfverfahren in der Begutachtung durch Kollegen regelmäßig verrissen. Und zwar nicht wegen ihrer Qualität, sondern wegen ihres Inhalts, der offenbar nicht sein darf. Allein schon dass ich ein erfolgreiches populäres Buch geschrieben habe, ist manchen Wissenschaftlern Makel genug. P H Sprechen wir über Ihre Arbeit als Psychotherapeutin: Haben Sie viele Klienten, die Sie für hochsensibel halten? A R O N Das ist in der Tat so. Es hat sich halt herumgesprochen, dass ich für das Thema sensibel bin. P H Behandeln Sie also Hochsensibilität? A R O N Keineswegs! Da gibt es nichts zu behandeln, denn wir haben es eben gerade nicht mit einer Störung zu tun. Die Menschen kommen in aller Regel zu mir aus demselben Grund wie die Klienten anderer Therapeuten, nämlich weil sie Probleme haben. Zwar meinen sie oft, der Grund für ihr Leiden sei die Hochsensibilität. Dann aber stellt sich fast immer heraus, dass es andere Themen sind, etwa ungelöste Mutter-Tochter-Konflikte, auch Depression oder Angespanntheit. Psychische Probleme drücken sich bei Hochsensiblen nur anders aus; sie reagieren nun einmal auf alles tiefer. Und sie brauchen deshalb eine andere Behandlung. P H Wie sollte die aussehen?

Psychologie Heute 04/2012 Leseprobe  

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