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36 Hochsensibilität

Von Natur aus dünnhäutig Manche Menschen sind sehr empfindsam und reizempfänglich. Sie brauchen Zeit, das Wahrgenommene zu verarbeiten, und reagieren selten spontan. Doch ist „Hochsensibilität“ tatsächlich ein biologisch verankertes Persönlichkeitsmerkmal? Ein Gespräch mit Elaine Aron, der Begründerin des umstrittenen Konzepts

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or 15 Jahren brach die amerikanische Psychologieprofessorin und Psychotherapeutin Elaine Aron eine Lanze für die Hochsensiblen. Ihr Buch The Highly Sensitive Person über Leid und Begabung der besonders Empfindsamen wurde schnell zum Bestseller. Im Juli 2000 traf Psychologie Heute mit einer Reportage zum Thema bei vielen Lesern einen Nerv. Bald entstanden Selbsthilfegruppen; Arons Buch erschien 2005 auch in deutscher Übersetzung. Aber ist Hochempfindlichkeit als psychologisches Persönlichkeitsmerkmal wirklich nachweisbar? Und welches neue Wissen gibt es darüber, wie Hochsensiblen am besten geholfen ist? Wolfgang Streitbörger traf Elaine Aron an ihrem Wohnort Tiburon in Kalifornien. P S YC H O L O G I E H E U T E Als ich vor einem Dutzend Jahren in Psychologie Heute erstmals über Hochsensibilität berichtete, hörte ich von Persönlichkeitsforschern unterschiedliche Meinungen. Jerome Kagan verwahrte sich gegen Ihre Behauptung, mit seiner Forschung an der Harvard-Universität über Schüchternheit habe er Hochempfindsamkeit

gemessen, ohne es zu wissen. Sein Schüler Marcel Zentner, damals an der Universität Zürich, vermutete bei Ihnen mehr Philosophie als Psychologie. Philip Zimbardo erkannte indes durchaus Übereinstimmungen mit seinen eigenen Forschungen zur Schüchternheit an der Stanford-Universität. Und Jens Asendorpf von der Humboldt-Universität mutmaßte, Sie seien als Betroffene vielleicht persönlich etwas zu sehr ins Thema verwickelt, sagte aber: „Wenn andere Forscher dies aufgreifen, könnte dabei vielleicht Wichtiges entstehen.“ War das der Fall? Und wie betrachten Sie Hochsensibilität heute? EL A I N E A RO N Als Psychotherapeutin und in der Tat persönlich Betroffene ist für mich zunächst einmal völlig klar: Was immer es sein mag, viele Menschen erkennen es in sich sofort! Wie ich die Sache heute sehe, handelt es sich um eine Strategie von Menschen und Tieren vieler Arten, um eine angeborene Präferenz, Informationen sorgfältiger als andere ihrer Gattung zu verarbeiten, bevor sie handeln. Diese besondere Informationsverarbeitung wird angetrieben durch erhöhte emotionale Emp-

fänglichkeit für subtile Reize. Diese Definition ist eine wissenschaftliche. Die eher praktische lautet: Hochsensible Menschen werden durch Reize stärker angesprochen. Sie sprechen mit ihren Gefühlen stärker als andere auf Dinge in ihrem Umfeld an. Vor allem aber ziehen sie es vor, die Dinge zu beobachten und nachzudenken, bevor sie zur Tat schreiten. Daraus ergibt sich leider auch, dass Hochsensible durch Überreizung leicht überwältigt werden und besonders stark auf negative Dinge reagieren. P H Das klingt ja wie ein Leiden. Ist Hochsensibilität eine Krankheit, eine Störung? A R O N Gewiss nicht! Der Sinn fürs Unterschwellige ist sehr nützlich. Hochsensible bewegen sich umsichtiger durchs Leben. Sie sehen die Konsequenzen ihres Handelns im Voraus. Deshalb sollte man Hochsensibilität auch nicht mit Schüchternheit oder Gehemmtheit verwechseln. Hochsensible handeln sehr wohl, dies auch kraftvoll und durchsetzungsstark, aber oftmals mit einer ganz kurzen Verzögerung. Die brauchen sie eben, um die Reize besonders tief und gründlich zu verarbeiten. Nichtbetrof-

Psychologie Heute 04/2012 Leseprobe  

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