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PSYCHOLOGIE HEUTE compact

Nr. 52

Mit einem Vorwort von Dr. med. Eckart von Hirschhausen ca. 336 Seiten, gebunden im Schutzumschlag ca. € 19,95 D | ISBN 978-3-407-86443-7 Auch als erhältlich

compact

Der Arzt, Neurowissenschaftler und Gesundheitsforscher Tobias Esch erklärt, wie Selbstheilung funktioniert und wie Sie Ihre Selbstheilungskompetenz stärken können. Neurowissenschaftliche und psychologische Studien zeigen, dass selbst chronische Krankheiten wie Diabetes, Asthma oder Bluthochdruck durch positive Emotionen und Entspannung gelindert werden können. Auch richtige Ernährung und Bewegung können dazu beitragen. Wer diesen Selbstheilungscode im Blick behält, kann die eigenen Selbstheilungskräfte aktivieren und zu einem Leben finden, das von Wohlbefinden, innerer Stärke und Sinnerfahrung geprägt ist.

P S YC H O LO G I E H E U T E

IHRE GESUNDHEIT BRAUCHT SIE

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KÖ R P E R & S E EL E

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PSYCHOLOGIE HEUTE

Wie die Psyche unsere Gesundheit schützt – und wie wir sie dabei unterstützen können

Körper & Seele


Genesung, die von innen kommt An einem schicksalhaften Sommerabend im Jahr 2005 tastete sich Bonnie Anderson, die vor dem Fernseher eingeschlafen war, durch ihre unbeleuchtete Wohnung in die Küche, rutschte aus und fiel hart auf den Rücken. Die Folge: ein angebrochener Wirbel und höllische Schmerzen, die auch nach Monaten nicht weichen wollten. Die begeisterte Golfspielerin war fortan an den Sessel T HO M AS S AUM - A L D E H O F F Redakteur bei Psychologie Heute gefesselt. Doch dann hatte die Amerikanerin das Glück, an einer Studie in der MayoKlinik teilzunehmen. Erprobt wurde eine neue Operationsmethode, bei der der Wirbel mit Knochenzement stabilisiert werden sollte. Tatsächlich war der Eingriff ein voller Erfolg: „Es war wunderbar“, sagt Anderson. Die Schmerzen waren verflogen und blieben es auch in den folgenden Jahren. Sie konnte wieder Golf spielen. Doch was die Frau damals nicht wusste: Sie war gar nicht wirklich operiert worden. Anderson hatte zur Placebogruppe der Studie gehört, bei der der Eingriff nur vorgetäuscht worden war. Allein die Zuversicht in die eigene Genesung wirkt heilsam. Die britische Wissenschaftsjournalistin Jo Marchant, die diese Fallgeschichte in ihrem Buch Heilung von innen (Rowohlt-Verlag) erzählt, hat die neuste Forschung zum sogenannten Placeboeffekt recherchiert, der von der Medizin lange als eine Art Hoffnung und Heiterkeit Wunschdenken leichtgläubiger Patienten missdeutet wurde. Inzwischen steht eindeutig fest: Die Placebo- haben biologische Effekte wirkung – nachgewiesen bei einem Sammelsurium und wirken heilsam von Leiden von Asthma über Bluthochdruck und Verdauungsstörungen bis Depression – beruht nicht auf Einbildung. „Vielmehr“, so Marchant, „handelt es sich um einen physiologischen Mechanismus, der genauso konkret ist wie die Wirkung irgendeines anderen Medikaments.“ Placebos (mehr dazu auf Seite 60) sind der sprechende Beweis dafür, wie untrennbar Psyche und Körper miteinander verwoben sind. Dass Stress und Schwermut zu körperlichen Erkrankungen beitragen, ist inzwischen vielfach bewiesen. Aber auch das Umgekehrte trifft zu: Psychische Ausgeglichenheit, Hoffnung und Heiterkeit haben biologische Effekte und bewirken Heilsames. Der Mediziner Tobias Esch (siehe Seite 66) spricht von körpereigenen „Selbstheilungskräften“, die wir unterstützen können, indem wir für unser seelisches Wohlbefinden sorgen. Dafür können wir aktiv einiges tun, von A wie achtsam sein bis Z wie zusammen singen. Einige Anregungen finden Sie im dritten Teil dieser Ausgabe von Psychologie Heute compact, die sich dem faszinierenden Geflecht von Leib und Seele verschrieben hat. In diesem Sinne: Bleiben (oder werden) Sie gesund!

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Inhalt

HEFT 52

ALLES NUR PSYCHISCH?

DER KÖRPER UND DIE SEELE

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„Ich bilde mir mein Leiden doch nicht ein!“ CHRISTINA BURBAUM UND ANNE -MARI A S TRES I NG

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„Als Psychotherapeut kann ich auch körperlich Heilsames bewirken“ CHRISTIAN S CHUBERT I M GES PRÄCH

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Die seltsame Allianz von Darm und Hirn D O R I S S I MH O F E R

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Wenn es juckt C H R I S T I N A S C H U T U N D JÖ R G K U P F E R

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Ach, uns geht´s so schlecht! CHRISTIAN W O L F

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Fühlen Sie sich eins mit Ihrem Körper? MATT HIAS F O RS TM ANN I M GES PRÄCH

Zurück ins Leben C H R I S T O P H H E R R MA N N - L I N G E N I M G E S P RÄ CH

Wenn der Arzt nichts findet ANDREAS PÜTTM ANN

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Der Infekt geht. Die Beschwerden bleiben T HOMAS SAUM - AL DEHO F F

Wenn Kummer zu Herzen geht E D I T H H E I T K Ä MP E R

Schmerz, lass nach! ANNE-EV USTORF

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Ständig tut der Rücken weh MA RT I N MA R I A N O W I C Z I M G E S P R Ä C H

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Die Macht der Placebos I N G R I D G L O MP

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„Ich bilde mir mein Leiden doch nicht ein!“

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Mindestens jeder fünfte Praxispatient leidet unter unerklärlichen Beschwerden. Deutet der Arzt dann vorsichtig einen möglichen psychosomatischen Hintergrund an, reagiert der Patient oft verärgert oder gekränkt. Die Kommunikation gleicht einem Eiertanz VON CHRISTINA BURBAUM UND ANNE-MARIA STRESING

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DER INFEKT GEHT

DIE BESCHWERDEN BLEIBEN Bisweilen können Ärzte für körperliche Beschwerden wie Schmerz oder Schwindel keine organische Erklärung finden. Das heißt nicht zwangsläufig, dass sie rein seelisch bedingt sind. Eine mysteriöse Rolle spielen Infektionen VON THOMAS SAUM-ALDEHOFF

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berall tut es weh, über Monate und Jahre hinweg fühlt man sich ausgepumpt und krank, man rennt ständig zum Arzt, konsultiert einen Spezialisten nach dem anderen – doch keiner findet eine Ursache für die Beschwerden. Es ist zum Verzweifeln! Gar nicht so selten macht Patienten ein ganzes Sammelsurium von körperlichen Beschwerden zu schaffen – etwa Rücken-, Kopf- und Gelenkschmerzen, dazu Schwindel und Schluckbeschwerden –, für die sich keine hinreichende medizinische Erklärung findet. Ebenso schillernd wie das Störungsbild selbst sind seine vielen diagnostischen Etiketten. Die neuste, im Diagnosemanual DSM-5: somatic symptom disorder. „Körperliche Symptomstörung“, das klingt hinreichend neutral. Der Begriff

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lässt offen, wie und wodurch es zu diesen Körperbeschwerden kommt – Indiz für einen neuen Pragmatismus in einem minenübersäten diagnostischen Feld.

Symptome mit Funktion Denn bislang hatte die Diagnose eine weniger vage Aufschrift: Man sprach von „somatoformen“ oder „funktionellen“ Störungen. Diese Begriffe drücken aus, wie sich psychosomatische Ärzte und klinische Psychologen die diffusen Körperbeschwerden meist erklären: Sie seien der somatische Ausdruck psychischer Belastungen und Konflikte. „Funktionell“ will in diesem Zusammenhang heißen, dass die Symptome für den Patienten eine (unbewusste) seelische Funktion erfüllen – etwa die, sich in die Krankenrolle zurückzuziehen und damit zum Beispiel Konflikten in der Ehe oder am Arbeitsplatz aus dem Weg zu

gehen. Wie man sich denken kann, empfinden Patienten derlei Interpretationen ihres Leids oft als diskriminierend. So platt würde es wohl heute auch kaum noch ein Arzt formulieren. Die Psychosomatik lässt inzwischen offen, ob die Beschwerden neben einem psychischen auch einen organischen Hintergrund haben. In der aktuellen Leitlinie „Umgang mit Patienten mit nicht-spezifischen, funktionellen und somatoformen Körperbeschwerden“ wird für eine „biopsychosoziale Simultandiagnostik (Sowohl-als-auch-Modell)“ plädiert, „ohne (künstliche) Trennung von ‚somatischen‘ und ‚psychischen‘ Beschwerden beziehungsweise ihren Ursachen“. Dennoch wird den behandelnden Ärzten und Therapeuten angeraten, bei den Patienten nach „komplizierenden Faktoren“ wie etwa „dysfunktionalen Denk- und VerhaltensweiPS YCH OLO G IE H EU T E com p a c t


ist gar von einer Epidemie des 21. Jahrhunderts die Rede, denn seelische Störungen scheinen sich rasant auszubreiten. Neben den Medien sind es vor allem Sozialwissenschaftler, die von der krank machenden Rolle eines wiederentfesselten Kapitalismus überzeugt sind. Seit Erscheinen des Buchs Das erschöpfte Selbst des französischen Soziologen Alain Ehrenberg 1998 haben sich zwei beliebte Lesarten etabliert. Zum einem, so die These von Ehrenberg selbst, machen uns die Freiheit und die vielen Wahlmöglichkeiten in der modernen Gesellschaft zu schaffen. Angesichts des Drucks, uns selbst finden und unser Leben eigenverantwortlich bestimmen zu müssen, reagieren wir mit Überforderung, innerer Leere und seelischen Störungen wie Depressionen oder Suchterkrankungen. Die andere Lesart sieht in den gestiegenen Leistungsanforderungen der kapitalistischen Arbeitswelt eine Quelle von psychischen Erkrankungen. Tatsächlich berichten die Krankenkassen seit langem von dramatisch steigenden Fehltagen und Fällen von Arbeitsunfähigkeit, die auf das Konto von seelischen Leiden gehen. Nach diesen Zahlen haben die Krankschreibungen aufgrund psychischer Diagnosen spätestens seit Mitte der 1990er Jahre deutlich zugelegt. Und das entgegen dem allgemeinen Trend zu sinkenden Arbeitsunfähigkeitstagen in den meisten anderen Krankheitsgruppen. Erst 2017 kam der Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK zu dem Ergebnis: Die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen sind in den letzten zehn Jahren konstant nach oben geklettert und nahmen um fast 80 Prozent zu.

Nur die Diagnosen nehmen zu Doch womöglich trügt der Schein. „In den letzten zehn bis zwanzig Jahren ist die Zahl diagnostizierter Störungen stark angestiegen“, sagt Frank Jacobi, Psychologe und Epidemiologe an der Psychologischen Hochschule Berlin. Wenn man sich allerdings epidemiologische Feldstudien zur Erkrankungshäufigkeit anschaue, ergebe sich ein anderes Bild: Bei einzelnen psychischen Erkrankungen möge es im Laufe der Zeit zwar Schwankungen geben, zum Beispiel eventuell vermehrte Depressionen bei jüngeren Erwachsenen. „Insgesamt aber haben psychische Störungen nicht signifikant zugenommen – erst recht nicht in dem Maße, wie man es aus den Krankenkassenstatistiken kennt.“ Dass dennoch auf Krankschreibungen immer häufiger psychische Erkrankungen auftauchen, hat verschiedene Gründe. „In der Bevölkerung ist die Akzeptanz und Bereitschaft gestiegen, sich aufgrund immer noch stigmatisierter psychischer Probleme ärztlich oder psychotherapeutisch behandeln zu lassen“, sagt Frank Jacobi. Nicht die Häufigkeit dieser Störungen sei also gestiegen, wohl aber der „wahrgenommene Behandlungsbedarf“. Auch sei man heute besser als früher in der

Schon vor mehr als 100 Jahren galten Nervosität und Erschöpfung als Zeitkrankheiten

Lage, psychische Störungen zu erkennen und dann zu behandeln. In der Folge würden Menschen eher aufgrund psychischer Störungen krankgeschrieben als früher. In der Vergangenheit hätten sie sich vielleicht wegen körperlicher Beschwerden wie Rückenschmerzen beim Arzt vorgestellt und wären dann auch mit dieser Diagnose krankgeschrieben worden. „Wir sind also heute nicht kränker als früher“, so Jacobis Fazit. Psychodiagnosen unterliegen Schwankungen und Moden. In den 1950er Jahren zum Beispiel ging eine seltsame Erkrankung mit diffusen Symptomen um. Zunächst befällt sie vor allem überarbeitete Männer mittleren Alters, die in der Wirtschaft verantwortliche Stellungen bekleiden. Sie klagen über Nervosität, Schlafstörungen und Herz-Kreislauf-Probleme. Dann fällt die sogenannte „vegetative Dystonie“ nach und nach die soziale Leiter herunter und taucht im Arbeitermilieu auf. Auf ihrem Höhepunkt als Modediagnose sind geschätzte 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung betroffen, und die Erkrankung wird zu einem Sammelsurium für alle Formen von Beeinträchtigungen der Befindlichkeit. Vermutete Ursache seinerzeit: die „Hochtourenzivilisation“ vor allem in der Arbeitswelt.

Stress, unser zeitloser Begleiter Wachsende Hektik, Beschleunigung, technische Innovation und steigender Druck: Wie ein roter Faden ziehen sich die immer gleichen Themen durch die Geschichte der psychischen Erkrankungen in der Moderne – so beschreibt es Martin Dornes in seinem Buch Macht der Kapitalismus depressiv?. „Stress ist im Grunde seit der Jahrhundertwende, seit der Neurasthenie ein Problem“, sagt der Soziologe und Psychoanalytiker von der Universität Frankfurt. „Dieses Thema taucht in den Me29


„Als Psychotherapeut kann ich auch körperlich Heilsames bewirken“ Herr Professor Schubert, auf dem Weg zu Ihnen hatte mein Flug Verspätung. Ich saß die ganze Zeit auf glühenden Kohlen, da ich Angst hatte, meinen Anschluss zu verpassen. Muss ich nun damit rechnen, einen Schnupfen zu bekommen? Es kommt darauf an, wer Sie sind: Sind Sie beispielsweise ein ganz Korrekter, für den jede Abweichung äußerst schlimm ist? Oder sind Sie ein routinierter Zuspätkommer, fühlen Sie in dieser Situation also gar nicht so viel Stress? Es kommt auf die subjektive Bedeutung eines Stressors an, und die kann von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich sein. Sind Sie außerdem in einer Lebenssituation, in der sich solche Stressoren häufen? Dann laufen Sie wohl tatsächlich Gefahr, einen Infekt zu bekommen. Immer mehr Studien zeigen, dass Stress zu einer höheren Krankheitsanfälligkeit führt. Das stimmt. In einer Untersuchung hat man beispielsweise Menschen gefragt, wie stark sie sich gestresst fühlen. Dann 32

wurden sie mit einem Erkältungsvirus infiziert. Dabei zeigte sich ein linearer Zusammenhang: Je mehr die Teilnehmer unter Stress standen, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Schnupfen bekamen. Wie erklärt sich dieser Zusammenhang? Nervensystem und Immunsystem sind miteinander verflochten. Diese Vernetzung erfolgt auf mindestens zwei Wegen: Einerseits gibt es Nervenfasern, die vom Gehirn ausgehen und direkt an Immunzellen andocken. Diese Fasern nehmen über Synapsen mit den Immunzellen Kontakt auf. Aufgrund dieser neuroimmunologischen Verbindung hat alles, was Sie denken und fühlen, potenziell die Möglichkeit, im Immunsystem wirksam zu werden. Zusätzlich gibt es Verbindungen über den Blutweg. Bei Stress werden vom Hirn Botenstoffe ausgeschüttet. Über den Kreislauf geraten sie unter anderem an die Nebennierenrinde, die daraufhin Kortisol freisetzt. Kortisol hat viele Wir-

kungen im Organismus. Eine davon ist, dass es das Immunsystem in seiner Aktivität verändert: Das zelluläre Immunsystem wird gedrosselt – die Aktivität der natürlichen Killerzellen wird heruntergeschraubt, mit Viren infizierte Zellen werden nicht mehr abgetötet, Entzündungen werden gehemmt. Im Gegenzug wird ein anderes System hinaufreguliert, das für die Entstehung von Allergien verantwortlich ist. Wenn wir also unter Stress stehen und Kortisol freigesetzt wird, sind wir potenziell anfälliger für virale Erkrankungen, reagieren aber auch verstärkt allergisch. Sie gehen noch weiter: Sie sagen, dass Stress in den ersten Lebensjahren das Immunsystem des Kindes nachhaltig schwächt. Wie das? Im Zentrum steht wieder das Kortisol. Kortisol ist ein Hormon, das in den letzten Monaten der Schwangerschaft von der Mutter verstärkt ausgeschüttet wird. Dieser Mechanismus verhindert, dass das werdende Kind zu stark Entzündungen ausgesetzt wird. Entzündungen im PS YCH OLO G IE H EU T E com p a c t


Zwischen Psyche und Immunsystem besteht eine enge Verbindung. Der Arzt und Psychologe Christian Schubert erforscht, wie Stress und frühe Traumata die Immunabwehr schwächen – und nutzt diese Erkenntnisse in der Therapie

Mutterleib sind sehr gefährlich. Kortisol wirkt entzündungshemmend. Aber es unterdrückt gleichzeitig jenen Teil des Immunsystems, der sich zum Beispiel gegen eindringende Viren richtet. Babys sind daher auch noch nach der Geburt, im ersten Lebensjahr, anfälliger für Infekte. Dann, nach etwa einem Jahr, beginnt etwas, das wir stress hyporesponsive period nennen. Das ist ein Zustand, in dem das Kind nicht mehr so leicht durch Stressoren aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann. Es ist wie von einer Art Schutzhülle umgeben, die dafür sorgt, dass sein Kortisolsystem nicht mehr so stark auf Stress reagiert – das ist wichtig bei den vielen neuen Eindrücken und Einflüssen, denen das Kind in dieser Zeit ausgesetzt ist. Man vermutet, dass die Bindung des Kindes an die Eltern diese Schutzphase ermöglicht. Und wie steht es bei einer schlechten Eltern-Kind-Bindung? Wenn Kinder missbraucht oder vernachlässigt werden oder sich aus anderen Gründen keine sichere Bindung zu

Vater und Mutter entwickeln kann, dann geht das zulasten dieser stressmindernden Schutzphase. Langfristig könnte das zu einem schlecht arbeitenden Immunsystem führen. Was sind mögliche Folgen im späteren Leben? Daten der amerikanischen ACE-Studie zufolge – das Kürzel steht für adverse childhood experiences – haben traumatisierte Kinder ein bis zu 100 Prozent erhöhtes Risiko, später als Erwachsene unter Autoimmunerkrankungen zu lei-

den. Dieser Zusammenhang dürfte zu einem gewissen Teil über Verhaltensgewohnheiten zustande kommen: Die Betroffenen nehmen im Schnitt zum Beispiel öfter Drogen oder rauchen. Es gibt aber auch einen weiteren psychobiologischen Zusammenhang: Kinder mit einer gering ausgeprägten stress hyporesponsive period sind chronisch gestresst; sie haben dauerhaft zu viel Kortisol im Blut. Sie bekommen dadurch häufiger Infektionen und leiden öfter unter Allergien oder Asthma. 33


WENN

KUMMER ZU HERZEN GEHT

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An schätzungsweise jedem dritten Herzinfarkt sind seelische Ereignisse maßgeblich beteiligt. Die berüchtigte „Managerkrankheit“ ist allerdings ein Mythos. Die psychischen Gefahren fürs Herz lauern woanders VON EDITH HEITKÄMPER

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lötzlich spielte das Herz nicht mehr mit. Kurz nachdem Arthur Sauerwald seine Arbeit verloren hatte, erlitt er einen Infarkt. Lange Jahre hatte er für seinen Chef geschuftet, in der kleinen norddeutschen Firma Paletten und Kisten gebaut. Wie ein Sklave fühlte er sich in dieser Zeit behandelt, hatte sogar nebenbei das Auto des Chefs gewaschen. Stillgehalten, die cholerischen Attacken und den ständigen Stress ertragen. Alles, um seine Familie zu versorgen. Damit die Töchter studieren konnten. Dann fand er den Mut und bot seinem Chef Paroli. „Ich wollte die Wahrheit sagen.“ Als Reaktion kam die fristlose Entlassung. Und das war dann zu viel. Kurze Zeit später hatte er den Herzinfarkt. „Ich konnte plötzlich nicht atmen, habe keine Luft gekriegt, als säße ein dicker Kloß im Hals“, erzählt er. „Meine Frau rief den Notarzt. Zum Glück war nach fünf Minuten der Krankenwagen da. Es war sehr knapp.“ Sein Psychologe aus der Mühlenbergklinik im norddeutschen Malente, Dieter Benninghoven, kennt viele solcher Geschichten. Typisch sei bei einem Großteil seiner Patienten „eine bestehende Spannung oder depressive Stimmung. Dazu kommt dann ein akut belastendes Ereignis, und schon haben wir eine besonders kritische Situation, die einen Herzinfarkt begünstigt.“ Eine Erfahrung, die die Forschung der vergangenen Jahre bestätigt. „Für etwa jeden dritten Herzinfarkt sind seelische Ereignisse verantwortlich, zum Beispiel Depressionen, beruflicher oder privater Stress oder auch der Verlust eines geliebten Menschen. Das zeigen zahlreiche Untersuchungen“, sagt Christiane Waller, die sich als leitende Oberärztin an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm mit dem Verbindungsgeflecht von Herz und Psyche befasst. „Wir wissen heute, dass psychosoziale Belastungsfaktoren das Risiko für eine koronare Herzkrankheit

ähnlich stark erhöhen wie etwa das Rauchen oder Störungen im Fettstoffwechsel. Ihr Einfluss ist lange Zeit unterschätzt worden.“ Die Interheart-Studie zeigte schon im Jahr 2004, dass Leistungsdruck und Stress als Risikofaktoren genauso bedeutsam sind wie Rauchen, Bluthochdruck und Übergewicht oder Diabetes. Dafür hatten die Forscher Herzinfarktpatienten aus 52 Ländern untersucht. Stress beeinflusst im Körper zahlreiche Vorgänge, die eigentlich dafür da sind, unser Überleben zu sichern. Wie schon vor Tausenden von Jahren, als unsere Vorfahren noch vor Säbelzahntigern flüchten mussten, schüttet unser Organismus bei Angst und Anspannung Stresshormone aus. Das ist zunächst Adrenalin und dann zeitversetzt Kortisol. Die akute Stressreaktion des Körpers soll die Leistungsfähigkeit steigern, uns bei der Flucht helfen: Die Gefäße weiten sich, Blutdruck und Pulsfrequenz steigen, das Blut zirkuliert schneller und versorgt Muskeln und Gehirn mit Sauerstoff. Gleichzeitig wird die Blutgerinnung gesteigert, damit der Mensch im Notfall einer Verletzung nicht verblutet. Doch das Problem ist: Bei Dauerstress verkehren sich all diese Reaktionen ins Gegenteil. Die Gefäße verengen und versteifen sich, und es kommt dadurch schneller zu Ablagerungen von Fett und Kalk, zu Arteriosklerose in den Adern. Damit wiederum steigt das Risiko für einen Herzinfarkt.

Wer ist wirklich infarktgefährdet? In der Rehaklinik erhält Arthur Sauerwald zum ersten Mal eine Ahnung davon, dass seine Psyche wohl an dem Herzinfarkt beteiligt war. Er ist erstaunt, weil er sich nicht für den typischen Patienten hält. Sicher, er habe Stress gehabt, aber er sei ja weder Manager einer großen Firma noch wöchentlich um die Welt gejettet. Doch der Gemeinplatz, dass vor allem die Angestellten

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DIE SELTSAME ALLIANZ VON

DARM UND HIRN Wieder mal finstere Stimmung? Womöglich kommt sie von „tief unten“! Eine faszinierende neue Forschungsrichtung zeigt, wie rege Darm und Psyche miteinander kommunizieren und sich wechselseitig beeinflussen

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tellen Sie sich folgende Situation vor: Sie stehen vor einer wichtigen Lebensentscheidung, sagen wir einer Prüfung, von der Ihre berufliche Zukunft abhängt. Noch 15 Minuten, dann öffnen sich die Türen, und Sie müssen vor einer zwanzigköpfigen Kommission antreten. Ein letztes Rekapitulieren des Lernstoffs – sitzt auch alles? Die Hände werden feucht, das Herz klopft fast hörbar, im Darm beginnt es zu rumoren. Jeder von uns kennt derartige Situationen. Ob vor einer Prüfung, dem Start im Flugzeug oder auch einem langersehnten Treffen: Die Unruhe, die unseren Verdauungstrakt dann bisweilen ergreift, verdeutlicht: Der Darm denkt mit, und unser Wohlbefinden hängt wesentlich mit seiner intakten Funktion zusammen – auch wenn keiner so gerne über seine Darmbewegungen spricht. 46

Dass dieses Organ „Vater aller Trübsal“ sei, hat Hippokrates bereits vor zweieinhalb Jahrtausenden festgestellt. Freilich fehlten damals Beobachtungen, Experimente oder klinische Daten. Glücklicherweise ist die Forschung vorangeschritten, 2001 wurde das menschliche Genom entschlüsselt, 2007 begann die Erforschung des Darmmikrobioms, der „Darmflora“, mithilfe neuer Sequenzierungsverfahren. Das EU-Projekt MyNewGut (www.mynewgut.eu) untersucht, welche Rolle Ernährung und Umweltfaktoren bei der Zusammensetzung des Darmmikrobioms spielen und welchen Einfluss dies auf die Gehirnfunktion hat. Insbesondere wird nach bakteriellen Mängeln im Darmmikrobiom gesucht, die ein Risiko für die Entstehung neuropsychiatrischer Erkrankungen darstellen. Basierend auf diesen Erkenntnissen, könnten künftig spezielle Medikamente entwickelt werden, die diese Krankheiten verhindern. PräPS YCH OLO G IE H EU T E com p a c t

Illustrationen: Susann Stefanizen

VON DORIS SIMHOFER


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SCHMERZ, LASS NACH! Die Erkrankung ist längst abgeklungen, doch die Qualen wollen einfach nicht weichen – monatelang, jahrelang. Wie entsteht chronischer Schmerz? Und wie kann man ihn lindern? VON ANNE-EV USTORF

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s gab Tage, an denen Regina Ball vor Schmerzen nicht das Bett verlassen konnte. Das Kniegelenk, die Schulter, der Fuß – alles tat weh. Waren die Gelenkschmerzen endlich auf dem Rückzug, kam die Migräne. Mitunter drei Wochen am Stück, mehrere Attacken pro Tag. Sieben Jahre lebte Regina Ball mit starken Schmerzen, die sich wechselnd über den Körper verteilten, begleitet von gelegentlichen Taubheitsgefühlen und Konzentrationsstörungen. Sieben Jahre, in denen die Sachbearbeiterin beruflich immer mehr zurückschrauben musste, bis sie irgendwann ihrer Arbeit in einer Versicherung gar nicht mehr nachgehen konnte. Im achten Jahr intensivierten sich die Schmerzschübe so sehr, dass sie vollends unerträglich wurden. „Unter diesen Bedingungen wollte ich nicht mehr leben“, erinnert sich Regina Ball. „Kein Arzt konnte mir sagen, was mit mir los war. Und die Krankenkassen machten Druck, dass ich wieder arbeiten solle. Ich fühlte mich nur noch hilflos und ausgeliefert.“

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Ein letztes Mal raffte sie sich auf und ging zu einer Rheumatologin. Die fand tatsächlich eine Diagnose: Fibromyalgie, eine chronische Schmerzstörung mit psychischen und somatischen Anteilen. Doch auf die Erleichterung folgte die Ernüchterung. Denn gegen Fibromyalgie hilft kein Medikament. Regina Ball fiel in eine Depression. „Ich hatte das Gefühl für mich verloren“, erinnert sich die Hamburgerin. „Wer bist du schon, wenn du dauernd Schmerzen hast, nicht mehr arbeiten kannst und allen zur Last fällst? Und dich dann noch mit Krankenkassen herumschlagen musst? Ich war kurz vor dem Suizid.“ Erst der Besuch bei einer Psychiaterin und ein Antidepressivum halfen ihr kurzfristig wieder auf die Beine. Schmerzen zermürben. Sie zehren an den Nerven, stören das Denken und beeinträchtigen den Alltag. Sie nehmen den Menschen die Lebensfreude und manchmal auch die sozialen Kontakte. Schätzungsweise 15 Millionen Menschen in Deutschland leiden an wiederkehrenden Schmerzen, häufig am Kopf, am Kreuz, den Gelenken oder Nerven. Acht bis zehn Millionen

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DIE MACHT DER

PLACEBOS Placebos, also wirkstofflose Scheinmedikamente, sind wie ein Wundermittel: preiswert, ohne Risiken und oft hochwirksam – keineswegs bloß in der Einbildung der Patienten. Doch ist es ethisch vertretbar, sie in der Praxis zu verschreiben? VON INGRID GLOMP

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er Gedanke, Scheinmedikamente in der Therapie einzusetzen, ist gar nicht so neu. Er war bloß lange Zeit in den Hintergrund getreten. Das lateinische Wort placebo („Ich werde gefallen“) tauchte Anfang des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal auf. Es bezeichnete eine Arznei, die eher verabreicht wurde, um den Patienten zufriedenzustellen, als um ihm tatsächlich zu nützen. Im Zeitalter der evidenzbasierten Medizin haben Placebos längst eine andere Funktion: Nicht Ärzte setzen sie zur Therapie ein, sondern Forscher verwenden sie in sogenannten kontrollierten Studien. Um herauszufinden, ob die Wirkung eines Medikaments tatsächlich auf dem Arzneistoff beruht, erhält eine Gruppe von Patienten das Medikament und eine Kontrollgruppe ein Placebo, das genauso aussieht, aber keinen Wirkstoff enthält. Weder die Testpersonen noch die Ärzte wissen, wer was bekommt; erst bei der Auswertung der gesammelten Daten wird dies offenbart.

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Für unterschiedliche Therapiestudien haben Forscher sich verschiedenartige Scheinmittel einfallen lassen. Es gibt Tabletten aus Milchzucker, Kochsalzlösung für Spritzen und Infusionen, aber auch Scheinoperationen, bei denen nur die Haut eingeschnitten und wieder vernäht wird. Wobei es bei nichtmedikamentösen Maßnahmen naturgemäß schwieriger ist, sich ein Placebo auszudenken. Bei der Scheinakupunktur werden die Nadeln entweder an – nach der Theorie der traditionellen chinesischen Medizin – bedeutungslosen Stellen eingestochen, oder sie verschwinden wie bei einem Theaterdolch in einem versteckt eingebauten Schaft. Kein neuer Wirkstoff ohne placebokontrollierte Studie: Im Grunde sind Placebos also gerade jene Arzneien, die in den meisten klinischen Studien getestet wurden – nämlich jeweils als jene Vergleichssubstanz, die eigentlich gar nicht wirken dürfte. Das Ergebnis einer placebokontrollierten Studie könnte zum Beispiel so aussehen, dass sich der Zustand bei 50 Prozent der Probanden gebessert hat, die das echte Medikament PS YCH OLO G IE H EU T E com p a c t


bekamen, aber auch bei 30 Prozent derjenigen, die das Scheinmedikament erhielten. Die Differenz schreibt man dann der spezifischen Wirkung des Medikaments zu. Das heißt, dass die Besserung bei 20 Prozent der Patienten speziell auf der Einnahme des Medikaments beruht. Aber eben auch das Placebo, die bloße Erwartung des Probanden, hat fast immer eine Wirkung, die oft kaum hinter jener der getesteten Substanz zurückbleibt. Placebos sind wirksam! Es kommt sogar vor, dass jemand nach der Einnahme eines Placebos unerwünschte Nebenwirkungen verspürt. In solchen Fällen spricht man vom Noceboeffekt. Die Wirkung der Pseudomedikamente ist für die Forscher ein Störfaktor. Inzwischen gibt es aber auch Wissenschaftler, die sich (wieder) dafür interessieren, wie man die Scheinbehandlungen selbst therapeutisch nutzen und bei verschiedenen Gesundheitsproblemen einsetzen könnte. Einer von ihnen ist Harald Walach, Professor an der Medizinischen Universität Poznan, Polen und Gastprofessor an der Universität WittenHerdecke. Er meint: Im Prinzip sind Placeboeffekte nichts anderes als extern ausgelöste Selbstheilungsprozesse.

Der Körper lernt, wie das Medikament wirkt Wie groß die einzelnen Effekte ausfallen, hängt stark von der jeweiligen Situation ab. Fabrizio Benedetti von der Universität Turin hat dazu einige faszinierende Untersuchungen gemacht. Zum Beispiel erhielten Patienten nach einer Operation per Infusion entweder ein Schmerzmittel oder ein Placebopräparat. Manchen der Patienten wurde das Mittel offen von einem Arzt verabreicht, bei anderen wurde es ohne ihr Wissen mittels einer computergesteuerten Pumpe der Infusion beigefügt. Das Resultat: Ein demonstrativ verabreichtes vorgebliches Schmerzmittel (in Wahrheit ein Placebo) wirkte genauso gut wie sechs bis acht Milligramm verdeckt verabreichten Morphiums. Und auch das Morphium wirkte besser, wenn der Arzt es dem Patienten sichtbar darbot. Doch wie können eine Milchzuckertablette oder eine Kochsalzlösung, die ein Arzt verabreicht, Schmerzen oder andere Beschwerden lindern? Prinzipiell gibt es zwei Mechanismen. Der erste ist die klassische Konditionierung, also jener physiologische Lernmechanismus, den einst Iwan Pawlow mit seinen Hunden erforschte. Man nimmt mehrmals ein Medikament ein, und wenn der Organismus gelernt hat, die wohltuende Medikamentenwirkung mit einem Stimulus – zum Beispiel einer bestimmten Tablettenform, einem Geschmack oder einer Situation – zu verbinden, dann kann später der Reiz allein den Effekt des Medikaments auslösen. Marion Goebel und ihre Kollegen von der Universitätsklinik Essen konnten bei Patienten mit Hausstaubmilbenallergie

nach einer Konditionierungsphase allein mit einem bestimmten Getränk und mit Placebopillen die Wirkung eines Antihistaminikums, also eines Antiallergiemittels auslösen. Das Getränk war eine Mischung aus Erdbeermilch, einer Spur Lavendelöl und ein paar Spritzern grüner Lebensmittelfarbe, so dass es für die Probanden garantiert ungewohnt war und damit einen starken Stimulus darstellte. Derselbe Versuch mit Wasser als Getränk hatte einen geringeren Effekt. Der zweite Mechanismus, durch den Placebos wirken, ist die Erwartung. Suggestion, also die Botschaft des Arztes: „Ich gebe Ihnen ein starkes Mittel gegen Ihre Schmerzen“, aber auch die Insignien seines Standes wie der weiße Kittel, bestimmte Rituale bei der Diagnose oder die Krankenhausatmosphäre können die Erwartung einer Genesung fördern: Hier wird mir geholfen. Auch Werbung kann dazu beitragen. Man weiß, dass sowohl Medikamente als auch Placebos, die aussehen wie Markenpräparate, besser wirken als entsprechende Tabletten mit der unspektakulären Anmutung von No-Name-Produkten. Harald Walach hält es angesichts solcher Befunde für zweifelhaft, überhaupt noch strikt zwischen spezifischen Effekten und Placeboeffekten zu trennen: „Die spezifischen Effekte sind 61


WIE DER KÖRPER

SICH SELBST HEILT Meistens geht es uns gut – denn unser Körper hat die natürliche Fähigkeit, sich auch ohne unser bewusstes Zutun in Schuss zu halten. Doch wenn wir unter Stress stehen, kommt er manchmal aus dem Lot. Dann braucht er Unterstützung VON TOBIAS ESCH

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o erwische ich Sie gerade? Vielleicht sollte ich meine Frage ein wenig präzisieren. Mich interessiert weniger, an welchem Ort Sie sich im Augenblick aufhalten, ob Sie es sich gerade zu Hause auf dem Sofa oder im Urlaub auf einer Karibikinsel in einer Hängematte bequem gemacht haben oder ob Sie vielleicht eher ungemütlich in einem überfüllten Zug zwischen zwei Terminen festklemmen. Genauer möchte ich fragen: Wo in Ihrem Leben treffe ich Sie an? Und vor allem: Wie geht es Ihnen dabei? Haben Sie vielleicht vor kurzem eine Familie gegründet und sind wie beflügelt, befinden Sie sich gerade voller Elan auf der beruflichen Überholspur, rüsten Sie sich voller Vorfreude für den sogenannten Unruhestand? Ich könnte auch fragen: Strotzen Sie nur so vor Kraft und Gesundheit – oder schlagen Sie sich vielleicht zurzeit mit dem ein oder anderen Zipperlein und der ein oder anderen Sorge herum? Womöglich sogar schon seit längerem oder immer wieder? Haben Sie etwa mit einer Midlife-Crisis zu kämpfen, droht ein Burnout oder gar eine Depression? Leiden Sie eventuell unter chronischen Symptomen wie Rückenschmerzen, Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Arthritis, einer entzündlichen Darmerkrankung, Schlafstörungen, Diabetes oder Allergien? Sind bei Ihnen gar schwere Erkrankungen diagnostiziert? Leben ist Wandel, und auch Gesundheit ist kein fixer Zustand, das hat sicher jeder von uns am eigenen Leib erfahren. Gesundheit beschreibt vielmehr die Fähigkeit unseres Körpers, flexibel auf all die Einflüsse, Ereignisse und Veränderungen zu reagieren, die das Leben für uns bereithält: schöne Überraschungen und Momente des Glücks genauso wie Irritationen, schleichende Störungen und plötzliche Unglücksfälle. Solange wir gesund sind, spielt Selbstheilung ei67


WOHLIG IM WALDE Warum fühlen wir uns im Wald so wohl? Die Formen und Farben der Landschaft scheinen uns zu beruhigen. Doch da ist noch mehr in der Waldluft, das uns seelisch und körperlich guttut V O N C L E M E N S G . A R VAY

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or einiger Zeit lag mein kleiner Sohn Jonas im Krankenhaus. Ich blieb an seiner Seite. Wir teilten uns ein Zimmer in der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in meiner Heimatstadt Graz im Süden Österreichs. Über mehrere Wochen hinweg durfte der damals erst 17 Monate alte Patient nicht nach Hause. Das zehrte an meinen ebenso wie an seinen Kräften. Doch im Umfeld der Klinik gab es etwas, das unsere Stimmung immer wieder aufhellte: Ein ausgedehnter Wald grenzte an das Krankenhaus. Jeden Tag gingen wir dort spazieren. Wie strapaziös die Erlebnisse im Krankenhaus auch waren, in der Natur war Jonas ausgelassen, lachte und war

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fröhlich. Wir beide kehrten jedes Mal mit neuer Kraft von unseren Waldausflügen zurück. Während ich an der Seite meines Sohnes im Krankenhaus war, kam mir eine Studie immer wieder in den Sinn, die der Gesundheitswissenschaftler Roger Ulrich bereits vor mehr als 30 Jahren durchführte. Er zeigte darin, dass allein die Sicht aus dem Krankenhausfenster Einfluss auf die Heilung nimmt. Für die Untersuchung operierten Ärzte 46 Patienten mit einem standardisierten Verfahren an der Gallenblase. Die Behandlung und die Unterbringung waren jeweils identisch. Nur ein einziger Faktor wurde geändert: Einige Patienten schauten aus dem Fenster auf einen Baum. Der andere Teil sah durch das KrankenhausPS YCH OLO G IE H EU T E com p a c t


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MEHR BEWEGUNG, BITTE!

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Wir sitzen und sitzen und sitzen. Darunter leidet nicht nur unser Körper. Die neue Forschung zeigt, wie umfassend wir mit Bewegung unsere Psyche stärken VON SUSANNE ACKERMANN

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orgens steigen Sie in Ihr Auto oder in die Bahn. Darin sitzend fahren Sie zur Arbeit, wo Sie an Ihrem Schreibtisch für längere Zeit Platz nehmen. Zum Mittagessen gehen Sie in die Kantine, wo Sie sich natürlich zum Essen hinsetzen – nur um nach dem Essen die folgenden Stunden wieder sitzend vor dem Computer zu verbringen. Am Abend erledigen Sie dies und das und fallen dann erschöpft auf Ihre Couch und machen es sich bequem. So oder so ähnlich verlaufen für viele Menschen die Tage – mit dem Ergebnis, dass sich die sitzende Zeit Tag für Tag auf viele Stunden summiert. Im Durchschnitt sind es um die sieben, ergab beispielsweise die Bewegungsstudie 2016 der Techniker-Krankenkasse mit mehr als 1000 Befragten. Von diesen gab sogar die Hälfte an, gar keinen Sport zu treiben und sich kaum zu bewegen. Vertreter akademischer Berufe sind hier besonders gefährdet. Grundsätzlich hat der Anteil der Beschäftigten mit einem Bürojob in den letzten 50 Jahren enorm zugenommen – von ungefähr 10 Prozent

auf 50 Prozent, wie die Psychologin Vivien Suchert mit Hinweis auf die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin schreibt. Sitzen wir uns selbst im Weg? Einiges spricht dafür. Denn je länger wir sitzen, desto weniger bewegen wir uns. Und je weniger wir uns bewegen, desto schwerer fällt es, den Sitzplatz zu verlassen. Dass das ungesund ist, wissen wir. Was wir vielleicht nicht wissen: Bewegung zweimal pro Woche (zum Beispiel Joggen) kann diesen Schaden nicht ausgleichen. Denn ausdauerndes Sitzen, das zeigen neuere Untersuchungen, schadet unserer Gesundheit sogar dann, wenn wir Sport treiben, berichtet Vivien Suchert in ihrem Buch Sitzen ist fürn Arsch. Demnach ist sehr langes Sitzen ein „vom Sport teilweise unabhängiger Risikofaktor und eben nicht nur die Kehrseite der Medaille“, wie es lange von Wissenschaftlern angenommen wurde. Dabei verpassen wir viel – vor allem die wohltuenden Effekte, die Bewegung auf unser Denken und auf die Psyche hat. Bewegung schützt unser Gehirn, stärkt unser Arbeitsgedächtnis, die Konzentration, die räumliche Orientierung und hilft, bei alltäglichen Aufgaben Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Wir fühlen uns darüber hinaus insgesamt wohler und tun auch etwas für unser Selbstbewusstsein, zeigen Forschungsergebnisse.

Dem Denken Beine machen Sport macht schlau, lautet der Titel eines Buches von Frieder Beck. Der Sportwissenschaftler argumentiert: Jede Bewegung, die wir im Sport lernen, ist auch eine geistige Leistung. Bei jeder Bewegung kommt eine „exekutive Funktion“ des Gehirns zum Einsatz, die wir brauchen, um im Alltag zu bestehen. Exekutive Funktionen unterstützen uns dabei, uns sicher zu bewegen und zu orientieren, die Anforderungen um uns herum

zu verstehen und angemessen zu reagieren, zu planen, zu organisieren und zu entscheiden, auch in komplexen oder belastenden Situationen. Sie sind der Unterbau unseres Denkens. Gut erforscht sind die drei exekutiven Funktionen Updating, Inhibition und Shifting, berichtet die Psychologin Petra Jansen, Autorin des Buchs Macht Bewegung wirklich schlau? und Professorin für Sportwissenschaft an der Universität Regensburg. Updating meint die Zwischenspeicherung von Information im Arbeitsgedächtnis. Dieses enthält verschiedene Speicher, etwa für sprachliche und visuell-räumliche Information, und zudem eine Art Instanz, die entscheidet, welche Speicher wir gerade brauchen. Bei komplexen Aufgaben kommen alle Speicher zum Zuge. Inhibition ist für alle Arten von Denkaufgaben wichtig: Diese Funktion versetzt uns in die Lage, äußere und innere Reize auszublenden, die für eine aktuelle Aufgabe nicht wichtig sind, und umgekehrt auf die richtigen Reize zu reagieren. Auch das Shifting zu beherrschen ist vorteilhaft, denn es geht dabei um die Fähigkeit, zwischen zwei Aufgaben geistig hin- und herzuwechseln, kurz gesagt: um kognitive Flexibilität. Bewegung trainiert diese exekutiven Funktionen. Forscher verglichen unter anderem das Verhalten von Sportlern und Nichtsportlern im Straßenverkehr, indem sie die Probanden vor einer Leinwand auf ein Laufband stellten. Eine virtuelle Straßenumgebung war auf die Leinwand projiziert. Tatsächlich verhielten sich die Sportler geschickter, es kam bei ihnen seltener zu virtuellen „Kollisionen“, und sie waren bei kognitiven Tests ebenfalls schneller als die Nichtsportler. In einer weiteren Studie bestätigten Forscher aus den USA, dass Sportler bei bestimmten exekutiven Fähigkeiten bes79


KARATE ALS MEDIZIN Kampfkunst wie Taekwondo oder Karate stärkt die Psyche und hilft bei Depressionen oder Zwängen – aber nur, wenn sie nicht auf Wettkampf oder Aggression hinausläuft V O N A N K E N O LT E

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ngriff und Verteidigung, Miteinander und Gegeneinander, Nähe und Distanz, Führen und Folgen – das sind Dimensionen, die in der Kampfkunst erfahrbar sind. „Ich weiche immer aus, und der andere nimmt mir die Butter vom Brot“, stellt ein Patient fest. Eine andere Patientin traut sich nicht, die Partnerin am Handgelenk zu packen. Ein Dritter rückt seinem Übungspartner zu sehr auf die Pelle, ohne Gefühl für die richtige Distanz. „Im kämpferischen Dialog werden Beziehungserfahrungen und Körperstrategien erlebbar“, sagt Marion Grässner, Sportwissenschaftlerin und Körpertherapeutin an der Universität Düsseldorf. „In der gemeinsamen Bewegung lernen die Patienten, sich selbst zu schützen, und gleichzeitig, sich auf ihr Gegenüber einzustellen.“ Fernöstliches – wie Taekwondo, Karate, Kendo, Hapkido oder Stabkampf – ist an der Düsseldorfer Uniklinik in die Körpertherapie eingebunden. Und nicht nur dort: Elemente aus der Kampfkunst werden an einigen psychosomatischen Kliniken als Ergänzung zur Psychotherapie genutzt, Fortbildungen zu dem

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Thema sind regelmäßig ausgebucht. „Der körperliche Kontakt mit dem anderen hilft Menschen mit Depressionen zum Beispiel, aus ihrer Erschlaffung und ihrem Gedankensumpf herauszukommen“, sagt Grässner. „Menschen mit Zwangsstörungen können lernen, sich flexibler auszuprobieren, und Borderlinepatienten bekommen ein besseres Gefühl für ihre eigenen Grenzen und die der anderen.“

Vitaler und kontaktfreudiger Die Körpertherapeutin berichtet von einem 25-jährigen Studenten mit einer Depression, sozialen Phobie und ängstlich vermeidenden Persönlichkeitsstörung. Anfangs wirkte sein Stand auf dem Boden labil, seine Körperhaltung schlaff, seine Bewegungen waren ungerichtet und wenig dynamisch. Im Umgang mit den anderen Teilnehmern verhielt er sich gehemmt und distanzierte sich von seinen Übungspartnern. Durch regelmäßige Nähe-Distanz-Übungen verminderten sich seine Ängste, und er ließ erste Kampfdialoge zu, jedoch zunächst ohne Blickkontakt. Im Verlauf der achtmonatigen Behandlung festigte sich sein Stand, die Körperspannung nahm zu,

und er schaffte es, sich koordinierter und energievoller zu bewegen, zusammen mit einem Partner. Inzwischen liegen einige wenige, wenn auch nicht immer hochwertige Studien vor, die eine Reihe von Veränderungen durch Kampfkunst dokumentieren: Ängste und Aggressionen reduzieren sich, Kompetenzgefühle und Durchsetzungsvermögen nehmen zu, die Stimmung hellt sich auf, die Teilnehmer fühlen sich vitaler, werden kontaktfreudiger und erwerben problemorientierte Bewältigungsstrategien. In den Untersuchungen wurde aber auch deutlich, dass sich die positiven Effekte auf die traditionellen Kampfkünste aus Fernost beziehen und nicht auf moderne westliche Varianten, die auf Wettkampf zielen. Den anderen gewaltsam auf den Boden zwingen, ihm die Nase einschlagen und über ihn triumphieren – das hat mit Kampfkunst (im Japanischen auch Budo genannt: „Weg zur körperlichen und geistigen Reife“) wenig zu tun. „Bei den Kampfkünsten ist der Kampf nicht das Ziel, sondern ein Medium zur Persönlichkeitsentwicklung“, betont Till Thimme, Sportwissenschaftler und Bewegungstherapeut der LVR-Klinik Bonn. PS YCH OLO G IE H EU T E com p a c t


Man könnte vermuten, dass Kämpfen zu gewalttätigem Verhalten anregt, doch Kampfkunst scheint im Gegenteil einen angemessenen Umgang mit Aggressionen zu fördern. In einer Studie mit Psychosomatikpatienten mit den Diagnosen Depression, Zwangsgedanken, Bulimie und Persönlichkeitsstörungen beobachtete Thimme, dass bei ihnen nach mehreren Übungsstunden die Neigung schwand, Situationen als frustrierend wahrzunehmen und mit Wut und Ärger zu reagieren. „Kampfkunst kann den Patienten die konstruktiven Anteile von Aggression nahebringen, wie Initiative ergreifen, Herausforderungen annehmen und sich behaupten“, kommentiert Till Thimme.

Sich selbst zentrieren Grundlage vieler Kampfkünste ist ein stabiles Stehen. Im traditionellen TaiChi ist die „stehende Säule“ fest integriert. „Über ein sicheres Stehen bilden wir die eigene Mitte aus, ein Gefühl der Zentrierung entsteht“, erklärt Mirko Lorenz, zertifizierter Tai-Chi-Lehrer in Berlin und Gründer von „Entspannung mit System“. Er unterrichtet den ursprünglichen Chen-Stil und hat ein Jahr in China trainiert, in einem daoistischen Kloster in den Wudang-Bergen, die als Ursprungsort der fernöstlichen Kampfkünste gelten. „Diese Verwurzelung beim Stehen wirkt Ängsten, Verwirrung und Grübeleien entgegen.“ Mit einer balancierten Haltung kehrt Ruhe ein, so Lorenz, und die Ruhe verstärkt sich schließlich zur Klarheit. Doch solche Prozesse brauchen Zeit – Kampfkunst ist ein lebenslanger Weg, eben Lebenskunst. „Viele Patienten wollen nach den ersten Erfahrungen in der Klinik weitermachen“, berichtet Körpertherapeutin Marion Grässner. „So können sie daran arbeiten, ihre Erkenntnisse auf der Matte in den Alltag zu integrieren.“ PHc 83

Psychologie Heute Compact 52 – Leseprobe  

Titelthema: Körper & Seele // Wie die Psyche unsere Gesundheit schützt – und wie wir sie dabei unterstützen können

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