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44. JAHRGANG

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Was wir gewinnen, wenn wir unsere Gefühle vor anderen offenlegen FASTEN

Erholung für Körper und Seele

EMPATHIE

Wann Mitgefühl schadet

WIDERFAHRNIS

Bodo Kirchhoff im Gespräch


IN DIESEM HEFT

TITEL 18 Schwäche zeigen! Was wir gewinnen, wenn wir unsere Gefühle vor anderen offenlegen

Von Anna Roming

24 „Unsere Verletzlichkeit

ist der Weg zueinander“ Schamforscherin Brené Brown über unseren Umgang mit dem Scheitern und was gegen Selbstabwertung hilft

12 Im Fokus: „Berauscht vom

eigenen Mitgefühl“ Empathie ist oft gar nicht so selbstlos, meint Kulturwissenschaftler Fritz Breithaupt

28 Die Schönsten im ganzen Land Selfies & Superlative: Die sozialen Medien befeuern unseren Drang, uns mit anderen zu vergleichen

Von Frank Luerweg

33 „Potenzial für Unglück,

aber auch für Glück“ Sozialpsychologe Jan Crusius über soziale Vergleiche

34 Voller Wut Aggression ist keineswegs nur Männersache. Überraschende Erkenntnisse über die unterschätzte weibliche Wut

Von Jochen Metzger

38 „Ich ess jetzt mal nichts“ Fasten ist wieder modern. Welche Auswirkungen hat es auf den Körper und auf unsere Psyche?

Von Birgit Schönberger

42 „Fasten gehört für mich

zur Erwachsenenbildung“ Internist Hellmut Lützner erklärt, was man beim Nahrungsverzicht beachten sollte

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TITELTHEMA

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Beschämt sein ist ein so niederschmetterndes Gefühl, dass wir uns instinktiv davor schützen: Wir setzen eine Maske auf, wollen uns weder anmerken lassen noch eingestehen, dass uns ein Scheitern, eine Kränkung tief in unserem Selbstwertgefühl getroffen hat. Doch das Überspielen macht alles nur noch schlimmer. Da hilft nur eins: sich die Demütigung von der Seele reden PSYCHOLOGIE HEUTE

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44 „Ohne die Melancholie

wäre mein Leben ärmer“ Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Bodo Kirchhoff

58 Die Herz-Seele-Connection Die Medizin beleuchtet das Verbindungsgeflecht von Psyche und Herz – und räumt dabei mit einigen Mythen auf

Von Edith Heitkämper

64 Stumme Gefährten Was steckt dahinter, wenn Menschen

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Eine Zeitlang wurden Fastende etwas belächelt, doch in jüngster Zeit ist eine regelrechte Fasteneuphorie entbrannt, angefacht durch eindrucksvolle Wirksamkeitsnachweise aus der Medizin. Bleibt bei dem Gesundheitshype um das Fasten die spirituelle Dimension dieses alten Rituals auf der Strecke?

den Eindruck haben, von einem unsichtbaren Begleiter umgeben zu sein?

Von Ben Alderson-Day

72 In Cyberwelten fürs

Leben üben Was als Spielerei begann, erobert zunehmend unseren Alltag – ein Streifzug durch die schönen neuen Welten virtueller Realität

Von Jochen Paulus

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In Bodo Kirchhoffs preisgekrönter Novelle Widerfahrnis geht es um Verluste, Versäumnisse – und die Erkenntnis, dass man irgendwann Frieden mit seiner Vergangenheit schließen sollte. Im Interview spricht der Schriftsteller über seine eigenen biografischen Widerfahrnisse

RUBRIKEN 16 Therapiestunde Wenn Stress zur Gewohnheit wird

Von Andreas Knuf

70 Psychologie nach Zahlen Lernmythen und Lehrlegenden

Von Angelika Sylvia Friedl

78 Pehnts Alltag Über Männer – und über Frauen

Von Annette Pehnt 3 Editorial 6 Themen!&!Trends 52 Körper!&!Seele 57 Schilling!&!Blum: Irgendwas mit Menschen 80 Buch!&!Kritik 91 Medien 92 Leserbriefe 93 Impressum 94 Im nächsten Heft 95 Markt 106 Noch mehr Psychologie Heute PSYCHOLOGIE HEUTE

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IM FOKUS

„Wir waren alle ein wenig berauscht vom eigenen Mitgefühl“ Empathie ist das Modewort unserer Zeit. Sie wird als Allroundrezept für ein friedliches Miteinander gehandelt, etwa in der Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. Doch das wohlige Einfühlen ist oft nicht ganz selbstlos und kann rasch kippen, mahnt der Kulturwissenschaftler Fritz Breithaupt

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Vor einiger Zeit hat Barack Obama über die Ame-

chologischen Studien als eine unserer wertvolls-

soziale Prozesse geht, versagt sie schnell. Schon in einem Team von drei bis vier Arbeitskollegen kann zu viel Empathie negative Folgen haben. Wenn zwei aus dieser Gruppe Streit haben, beginnen die anderen als mitfühlende Wesen sofort mit der Parteinahme, schlagen sich auf eine der Seiten. Und zwar mit dem Gefühl, der anderen Person geholfen zu haben, weil man sie mit ihrem Problem nicht allein gelassen hat. Doch in Wirklichkeit ist etwas ganz anderes passiert: Man hat sich – meist auch noch unüberlegt und intuitiv – offen für eine Partei entschieden und dadurch den Konflikt verschärft. Die Kluft zwischen den Streitenden ist dadurch größer geworden.

ten Fähigkeiten. Es gibt sogar empirisch über-

Empathie führt zur Verstärkung von Fronten?

prüfte Empathietrainings.

Warum sehen wir ausgerechnet in der Empathie

Und zwar sowohl auf der privaten als auch auf der gesellschaftlichen Ebene. Provokant gesagt: Ich bin sogar der Meinung, dass Terroristen letztlich empathisch handeln. Sie sind starke Parteigänger, sind neben dem Hass auf eine andere Gruppe, etwa den Westen, auch von dem unbändigen Mitgefühl für die eigene, als benachteiligt erlebte Gruppe getrieben. Ohne Empathie wäre ihr Verhalten gar nicht zu erklären. Eigentlich wissen wir, dass große Emotionen Konflikte anstacheln. Doch die Empathie begrüßen wir meist unkritisch. Das ist auch deshalb problematisch, weil Mitgefühl fehleranfällig ist: Wir neigen beispielsweise reflexartig zur Empathie mit der unterlegenen Partei, mit dem vermeintlichen Opfer einer Auseinandersetzung.

nur das Gute und Hoffnungsvolle?

Ist es denn nicht richtig, sich für Unterlegene ein-

Das hat kulturhistorische Gründe. Der Siegeszug der Empathie begann vor 250 Jahren, um 1770, als die Menschen sich erstmals als Individuen verstanden. Sie fingen an zu betonen, dass wir alle verschieden sind, waren auf das neue Ich-Bewusstsein stolz. Es wurde aber auch bald klar: Wenn wir alle verschieden sind, brauchen wir etwas, das diese Lücke wieder schließt. Plötzlich wurde das, was wir heute Empathie nennen – früher redete man eher von Mitleid – stark aufgewertet, kultiviert und gefördert. In der Literatur etwa wurden Romane so gestaltet, dass man sich stärker in die Protagonisten hineinversetzen konnte. Natürlich leistet die Empathie viel für unsere Spezies: Wir können einander verstehen, können kooperieren und kommunizieren. Das alles ist wertvoll. Aber Empathie ist kein Allheilmittel. Wir richten mittlerweile viel Schaden an, indem wir sie immer weiter hochstilisieren.

zusetzen?

rikaner gesagt, ihnen fehle vor allem Empathie. Ohne sie sei die Menschlichkeit in Gefahr. Stimmen Sie ihm zu?

Nein, das ist mir zu simpel. Ich glaube, wir trauen der Empathie zu viel zu, sehen in ihr so etwas wie eine unbedingte Garantie für Frieden und Humanität. Mit dieser Kurzsichtigkeit machen wir die Dinge aber schlimmer. Denn Mitgefühl allein garantiert keinesfalls, dass Menschen ethisch oder moralisch handeln. Wie kann das sein? Empathie gilt laut neuropsy-

Ja, aber wir wissen aus aktuellen Studien auch, dass Menschen, die mit Schwächeren mitfühlen, gar nicht zwingend aktiv werden oder helfen. Mitgefühl pumpt häufig einfach mehr Emotionen in eine Situation, sodass Konflikte zu eskalieren drohen oder eine gewisse Kopflosigkeit entsteht. Solche Kollateralschäden durch Empathie sind verbreitet. Und das ist noch nicht alles: Man kann Empathie auch gezielt destruktiv einsetzen. Wer etwa seine Mitmenschen manipulieren, verletzen oder sadistisch quälen will, braucht ein gutes Einfühlungsvermögen. Sobald es ums Thema Mitgefühl geht, vergessen wir leicht, dass jede Fähigkeit auch Schattenseiten hat.

Wo schaden wir im Alltag uns oder anderen durch Mitgefühl?

Solange nur zwei Leute zusammen sind, funktioniert Empathie ganz gut. Aber sobald es um komplexere PSYCHOLOGIE HEUTE

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Fritz Breithaupt ist Professor für deutsche und vergleichende Literatur sowie Kognitionswissenschaft an der Indiana University Bloomington, USA. Soeben ist bei Suhrkamp sein neues Buch Die dunklen Seiten der Empathie erschienen

Als kulturelle Errungenschaft ist diese Haltung tatsächlich wertvoll. In der frühen Antike hatte der Verlierer eines Kampfes meist keine Hilfe zu erwarten. Epen waren damals so erzählt, dass jemand entweder ein Held war oder ein Unterlegener, der sich in sein Schicksal fügen muss. Gut, dass wir darüber heute anders denken. Doch als unbedingtes Prinzip ist das Mitfühlen mit dem „Opfer“ fatal: Weil der Unterlegene ja nicht automatisch im Recht ist. Und weil es heute eine Menge Leute gibt, die so viel von den Gesetzen der Empathie verstehen, dass sie diese bewusst einsetzen. TV-Duelle unter Politikern etwa sind kalkulierte Empathiewettbewerbe. Die Protagonisten kennen die Tricks: Wer angegriffen wird, ist später der Gewinner der Herzen. Donald Trump hat sich das im Wahlkampf zunutze gemacht, indem er immer wieder dramatische Szenen heraufbeschwor, in denen er sich letztlich als Opfer stilisierte. Er wurde stark kritisiert, hat dann aber geschickt gekontert und erregte so das Mitgefühl vieler Menschen. Im doppelten Sinn: Erst fieberten sie mit dem gebeutelten 13


TITEL

Schwäche zeigen! WAS WIR GEWINNEN, WENN WIR UNSERE GEFÜHLE VOR ANDEREN OFFENLEGEN „Hoffentlich merkt niemand, wie sehr es mich getroffen hat!“ Wenn Sie nicht zeigen wollen, wie sehr ein Misserfolg oder eine Kränkung Sie verletzt, handeln Sie selbstschädigend. Psychische Sicherheit gewinnen Sie schneller zurück, wenn Sie aus Ihrer Betroffenheit kein Geheimnis machen VON ANNA ROMING

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ls sich abzeichnete, dass die Präsidentschaftswahl verloren war, ließ sie ihren Auftritt auf der Party der Demokraten absagen: Hillary Clinton hatte am 8. November 2016 keine Kraft mehr, vor ihre Anhänger und Mitstreiter zu treten. Die Schmach der Niederlage war wohl zu groß, und vermutlich fürchtete die Politikerin, die Kontrolle über ihre Gefühle zu verlieren und sich schwach zu zeigen. Erst eine Woche später gewährte Clinton einen Einblick in ihr Seelenleben, als sie in einer Rede zugab, wie schwer sie die Niederlage getroffen hatte: „Es gab Momente in der vergangenen Woche, da wollte ich mich mit einem guten Buch oder unseren Hunden verkriechen und gar nicht mehr aus dem Haus gehen.“ Es gibt wohl niemanden, der dafür kein Verständnis hätte. Auch wenn eine verlorene Präsidentschaftswahl unvergleichbar ist, kennt wohl jeder den Wunsch, nach einer schmerzhaften Niederlage oder einem fatalen Fehler im Boden versinken und unsichtbar werden zu können. „Scham ist so schmerzhaft, dass wir uns instinktiv davor schützen. In einen Überlebensmodus schalten, uns Masken zulegen und eine Rüstung. Wir wollen nicht verletzt werden und

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ILLUSTR ATIONEN: ELKE EHNINGER


TITEL

„Unsere Verletzlichkeit ist der Weg zueinander“ Wenn wir zugeben, dass wir uns für etwas schämen, machen wir eine wichtige Erfahrung: Anderen geht es genauso! Ein Gespräch mit der Sozialwissenschaftlerin Brené Brown 24

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TITEL

Frau Brown, seit ein paar Jahren scheinen Nieder-

sie auch nicht gut mit der Verletzlichkeit anderer umgehen können. Wie sollen sie mir etwas zugestehen, was sie sich selbst nicht erlauben können? Wir müssen uns nicht jedem öffnen, und niemand braucht zwanzig gute Freunde. Ein oder zwei Menschen, die uns wegen und nicht trotz unserer Unvollkommenheit lieben, sind mehr als genug. Sie können unsere schwierigen Geschichten aushalten und Empathie zeigen. Das Gute ist, dass Scham Empathie nicht überleben kann. Scham braucht Geheimhaltung, Stillschweigen und Verurteilung, dann wächst sie schnell bis ins Unermessliche und beeinflusst alle Aspekte unseres Lebens. Empathie ist das Gegengift: Wenn ich dir erzähle, warum ich mich schäme, und du Empathie zeigst, dann kann ich kaum mehr glauben, dass ich in meiner Unvollkommenheit ganz allein auf der Welt bin. Unsere Verletzlichkeit ist der Weg zueinander; wenn wir uns aus unserem Panzer trauen, bekommen wir die Verbundenheit, nach der wir uns so sehnen.

lagen ihr schlechtes Image zu verlieren. Es ist akzeptabel, fast cool geworden, Misserfolge zuzugeben, und es setzt sich der Gedanke durch, dass man keinen Erfolg haben kann, wenn man auf dem Weg nicht auch auf die Nase fällt. Sie aber sagen, dass diese neue Bereitschaft zum Scheitern noch eher ein Lippenbekenntnis ist. Warum?

Es ist eine Sache, den Wert des Scheiterns anzuerkennen und zu preisen, und eine andere, sich wirklich nicht mehr dafür zu schämen. Wir haben ja auch mittlerweile alle die Vorzüge gesunder Ernährung begriffen, das heißt aber noch lange nicht, dass wir vernünftig essen. Aus Fehlern und Niederlagen mag man wunderbar lernen können, aber in der Praxis wollen wir die Theorie lieber nicht austesten. Zumindest in manchen Kulturen, Organisationen, Schulen und Situationen sind Schlappen und Versagen immer noch mit viel Schamgefühl behaftet. Ich würde sagen, wir befinden uns in der ersten Phase der Einsicht, dass Misserfolge unser Leben bereichern können.

Aber das hat Folgen! Nehmen wir an, ich habe mutig zuerst „Ich liebe dich“ gesagt und nicht die

Dafür spricht, dass wir die unangenehmen Teile

gewünschte Antwort bekommen. Was soll ich

meist weglassen, wenn wir über unsere Nieder-

jetzt mit meinen Gefühlen machen?

lagen sprechen. Wir erzählen, welche Lektionen

In dieser Situation fühlen wir uns entblößt, verletzlich und ganz zerzaust vor lauter Scham. Was stimmt nicht mit mir, dass der andere mich nicht lieben will? Warum bin ich dieser Liebe nicht würdig? Im ersten Moment ist es vollkommen menschlich, dass einen all diese Gefühle überfluten. Das kann man erstmal zulassen. Aber dann kommt es darauf an, die Endlosschleife der Was-stimmt-nicht-mit-mir-Geschichte zu unterbrechen, um zu der Erkenntnis zu kommen: Ja, das hat wehgetan, das fühlt sich entsetzlich an, aber ich war mutig und würde es das nächste Mal wahrscheinlich genauso machen. Um an diesen Punkt zu kommen, müssen wir verstehen, wie falsch die Annahme ist, dass man mich nicht lieben kann, weil dieser eine Mensch mich nicht liebt.

wir gelernt haben, aber eher nicht im Detail, wie wir wochenlang unseren Selbstwert mit inneren Hasstiraden attackiert und unseren Frust an der Familie ausgelassen haben, als das Wunschprojekt im Job an den Kollegen ging.

Ja, in unserer Kultur besteht noch immer ein großer Druck, seine Gefühle unter Kontrolle zu haben. Verletzlichkeit gilt gemeinhin als Schwäche, also schämen wir uns für unsere Niederlagen. Scham ist das sehr intensive und schmerzhafte Gefühl, dass wir nicht liebenswert und nicht gut genug sind, um zu den anderen dazugehören zu können. Also lassen wir uns lieber nicht so tief in die Karten gucken. Andersherum lassen wir uns auch lieber von den geschönten Versionen der Geschichten des Scheiterns inspirieren, denn Scham ist so ansteckend, dass wir auch kaum ertragen können, wenn andere sich schämen. Sollten wir denn grundsätzlich und immer zu unserer Verletzlichkeit stehen?

Wir sollten beachten, dass nicht jeder es verdient, die Geschichten unserer Verletzlichkeit zu hören. Bevor wir jemandem unser Herz ausschütten, sollten wir uns fragen, ob die Beziehung das Gewicht der Geschichte aushält. Manche Menschen haben keine Toleranz für ihre eigenen Schwächen, und ihre Angst davor, was andere über sie denken, ist so groß, dass PSYCHOLOGIE HEUTE

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Warum liegt dieser Schluss für viele von uns überhaupt so nahe?

Dr. Brené Brown ist Sozialwissenschaftlerin, Bestsellerautorin und Professorin an der University of Houston. Veröffentlichungen u.a.: Laufen lernt man nur durch Hinfallen. – Verletzlichkeit macht stark. Beide erschienen bei Kailash, München

Das ist eine der gefährlichsten Geschichten, die unsere Scham uns erzählt: Du bist nicht gut genug! Was denkst du eigentlich, wer du bist?! Aber die Folgerung ist falsch, die Gefühle der anderen Person haben nichts mit unserem Wert zu tun. Der Misserfolg mag hart sein, härter sind wir aber selbst, wenn wir uns erzählen, wie wertlos uns die Niederlage macht. Das gilt nicht nur für die Liebe: Ich habe in meiner Karriere einige Misserfolge erlebt, die mich viel Geld, Zeit und Kraft gekostet haben. Heute weiß ich, dass mich meine gescheiterten Projekte nicht zum Verlierer machen. 25


Die SchĂśnsten im ganzen Land Spieglein, Spieglein an der Wand: Die sozialen Medien befeuern unseren Drang, uns mit anderen zu vergleichen. Bei Facebook, Instagram und Co gibt es weder Misserfolg noch UnglĂźck. Wie beeinflusst uns das? VON FRANK LUERWEG

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er möchte nicht mit Murad Osmann tauschen? Der russische Fotograf bereist die schönsten Flecken der Erde. Weltweit verfolgen mehr als vier Millionen Menschen über den Onlinedienst Instagram seine Aufnahmen. Diese folgen alle demselben Muster: Vom unteren Rand ragt stets Osmanns linke Hand ins Foto, an der ihn seine bildhübsche Frau zu den immer wieder neuen touristischen Highlights führt. Sein Gesicht ist nie zu sehen, und dennoch ist Osmanns eigentliches Motiv er selbst. Für den Kölner Mediendesigner Daniel Reuber ist diese fotografische Masche ein gefundenes Fressen. In einem nachgestellten Instagram-Post zeigt er aus der Osmann-Perspektive eine junge Frau, die einen Mann durch den rheinischen Schneematsch Richtung Arbeitsagentur zerrt. Reubers ironische Empfehlung: Sei wie Murad. Der 24-Jährige hat für seine Bachelor-Arbeit rund 40 000 Instagram-Fotos analysiert. Dabei ist er immer wieder auf die gleichen Motive gestoßen: gebräunte Beine am weißen Sandstrand; schmackhafte Lebensmittel, appetitlich drapiert; Partystimmung mit Freunden. Zwei Dinge haben die geposteten Bilder unabhängig vom Thema gemeinsam: Sie wirken wie spontane Schnappschüsse, obwohl sie in der Regel mehr oder weniger gestellt oder gar aufwendig inszeniert sind. Und sie berichten fast ausschließlich von den schönen Momenten im Leben. Reuber kontert in seiner Arbeit mit sarkastischen Gegenentwürfen. Auf seinen Bildern sieht man angekohlte Pommes frites zur Currywurst statt kunstvoll angerichtetes Sushi und Selfies übellauniger Zeitgenossen anstelle von fröhlichen Gesichtern. „Ich möchte mit meinen Fotos zeigen, wie sehr sich der Hang zur Selbstinszenierung inzwischen in unseren Alltag eingeschlichen hat“, sagt Reuber. Er findet es bedenklich, wenn Menschen ihren Tagesablauf danach planen, welche Fotos sie hinterher posten können. Wer diese Inszenierungen für bare Münze nimmt, läuft Gefahr, sein eigenes Leben für wenig attraktiv zu halten. Instagram lade dazu ein, sich mit anderen zu vergleichen, stellt Reuber fest. „Das kann unzufrieden machen.“ In seiner Arbeit hat er mehr als 150 Personen zu ihrer Instagram-Nutzung befragt. 40 Prozent von ihnen gaben an, beim Betrachten geposteter Bilder Neid zu verspüren. „Vergleiche stehlen die Freude“, erkannte schon vor mehr als 100 Jahren der US-Präsident Theodore Roosevelt. Und dennoch sind wir Menschen auf VerPSYCHOLOGIE HEUTE

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gleiche getrimmt. „Wir vergleichen uns rund um die Uhr“, sagt Jan Crusius, der an der Universität Köln zu diesem Thema forscht und lehrt. Auch Tieren ist dieser Wesenszug nicht fremd. Im Zuge der Evolution scheint es sich offenbar als vorteilhaft erwiesen zu haben, sich mit anderen zu messen. Denn diese Vergleiche liefern uns wichtige Informationen. Sie verraten uns, wo wir stehen: Wie sportlich bin ich eigentlich? Wie schön? Wie erfolgreich? Der Blick auf andere hilft uns dabei, uns einzuordnen. Die Selbsteinschätzung per Vergleich hat zudem den Vorteil, dass sie nicht viel Mühe macht. Unser Gehirn muss nicht erst zig Informationen sammeln, um sich anschließend ein Urteil zu bilden. Um eine Ahnung davon zu bekommen, ob ich ein guter Läufer bin, muss ich mich nur einmal in meiner Laufgruppe umsehen – eine sehr effiziente Strategie. Kein Wunder, dass wir uns mitunter vergleichen, ohne es überhaupt zu merken. Der Kölner Sozialpsychologe Thomas Mussweiler bat vor einigen Jahren Probanden, ihre eigene Fitness einzuschätzen. Auf dem Computerbildschirm vor ihnen blendete er währenddessen entweder den Namen „Michael Jordan“ oder „Johannes Paul II.“ ein. Diese Einblendung erfolgte so kurz, dass die Teilnehmer bewusst nichts davon mitbekamen. Dennoch beeinflusste sie ihr Urteil: Die Versuchspersonen, bei denen der Name des gebrechlichen Papstes aufgeflackert war, hielten sich für deutlich fitter als die aus der „Michael Jordan“-Gruppe. Vergleiche helfen uns im Umgang mit Krisen

Wie sehr uns Vergleiche im Blut liegen, hat der Psychologe Leon Festinger bereits vor einem halben Jahrhundert erkannt. 1954 veröffentlichte er seine Social Comparison Theory, die seitdem deutlich weiterentwickelt wurde. Heute gehen Psychologen davon aus, dass wir uns nicht nur deshalb vergleichen, um uns selbst genauer einzuschätzen. Vergleiche helfen uns auch, mit Krisen in unserem Leben umzugehen. „Wenn es uns schlechtgeht, kann es helfen, wenn wir uns andere vor Augen rufen, die noch schlechter dran sind“, erklärt Jan Crusius (siehe Interview Seite 33). Mindestens ebenso wichtig: Vergleiche geben uns Hinweise darauf, wie wir uns verbessern können. Und sie spornen uns an, das auch zu versuchen. Sie können also enorm motivierend wirken: Es genügt uns nicht, in irgendeiner Disziplin besonders gut zu sein. Viel schöner ist es, unsere Mitmenschen zu übertreffen. Ein internationales Forscherteam konnte 2011 zeigen, dass in solchen Fällen das Belohnungssystem im menschlichen Gehirn besonders stark aktiviert wird. 29


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Voller Wut Frauen werden ebenso wütend wie Männer. Sie wenden ihren Partnern gegenüber viel häufiger Gewalt an, als wir glauben. Und sie scheinen sogar die besseren Terroristen zu sein. Überraschende Erkenntnisse über die unterschätzte weibliche Wut VON JOCHEN METZGER

ILLUSTR ATIONEN: MARIANNA GEFEN

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ie Frau reagiert anders als der Mann. Denn die Frau ist anders als der Mann. Sie frisst Ärger, Kummer, Sorgen viel eher in sich hinein. Sie trägt mit sich herum, was für den Mann längst kein Problem mehr ist.“ Dieser Text diente vor einigen Jahrzehnten als Reklame für ein Produkt namens „Frauengold“, einen kommerziell recht erfolgreichen alkoholischen Stärkungstrunk. „Die gesellschaftliche Tradition hält (…) vor allem Frauen davon ab, sich ihrer Wut bewusst zu werden und ihr offen Ausdruck zu geben.“ Das schreibt die amerikanische Therapeutin Harriet Lerner in Wohin mit meiner Wut?, einem Bestseller aus den 1970er Jahren. Und noch Anfang 2016 hieß es im Nachrichtenmagazin Der Spiegel: „Es stimmt, dass viele Frauen sich nicht trauen, wütend zu sein, und stattdessen die Schuld für alles bei sich suchen.“ Man findet viele solcher Aussagen in allen möglichen Quellen. Sie sind Ausdruck dessen, was wir in unserem Alltagsverständnis für wahr halten. Wir denken, Wut sei eine eher männliche Emotion. Dass Gene und Hormone dafür verantwortlich seien. Dass Frauen ihre Wut PSYCHOLOGIE HEUTE

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eher für sich behalten, seltener aggressiv werden und so weiter. All das klingt einleuchtend. Trotzdem ist es nicht gerade die genaue Wahrheit. Studien über Studien haben in den vergangenen Jahren die Wut der Frauen untersucht – und dabei einige weitverbreitete Annahmen als Irrtum entlarvt. 1. IRRTUM: „Frauen empfinden weniger Wut als Männer“

Die forschende Psychologie hat erst in den 1980er Jahren begonnen, Gefühle systematisch mithilfe von Fragebögen zu untersuchen, und widerlegte fast durchgehend das Vorurteil von der Wut als „männlicher“ Emotion. „Wenn es um die empfundene Wut geht, können wir im Wesentlichen keine Unterschiede zwischen den Geschlechter feststellen“, schreiben die US-Psychologen Catherine Stoney und Tilmer Engbretson in ihrem Forschungsbericht. Zum selben Ergebnis kommt die Metastudie des britischen Aggressionsforschers John Archer: „Wut kennt keine Geschlechterunterschiede.“ Anders gesagt: Frauen werden genauso oft und genauso sehr wütend wie Männer. In manchen Situationen ist ihre Wut sogar größer. Etwa dann, wenn sie gerade versuchen, sich das Rauchen abzugewöhnen. Exper-

ten sehen darin gar den wichtigsten Grund dafür, dass weibliche Raucher häufiger rückfällig werden als ihre männlichen Schicksalsgenossen. 2. IRRTUM: „Frauen unterdrücken ihre Wut – Männer lassen sie raus“

Zurückgehaltene Wut ist schwer zu beobachten. Psychologen arbeiten deshalb auch hier mit Fragebögen: Man lässt die Leute einfach selbst erzählen, was sie fühlen und wie es ihnen geht. Dabei zeigt sich etwas Erstaunliches: Sobald man größere Bevölkerungsgruppen untersucht, sind es gar nicht die Frauen, die ihre Wut für sich behalten – sondern eher die Männer. Dass das aus gesundheitlicher Perspektive keine gute Idee ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Unterdrückte Wut fördert Herzinfarkte. Wer sich ärgert und das für sich behält, schneidet in Verhandlungen schlechter ab – weil er aufhört, sich auf sein Verhandlungsziel zu konzentrieren. Wütende Menschen sprechen auch schlechter auf Schmerztherapien an. Sie leiden besonders stark, wenn sie chronisch krank werden. Unterdrückte Wut erhöht im Übrigen das Risiko, depressiv zu werden – zumindest in westlichen Industriegesellschaften (der Effekt fällt in fernöstlichen Ländern erheblich schwächer aus). 35


„Ich ess jetzt mal nichts“ Fasten ist wieder modern. Vor allem im medizinischen Bereich entdecken Forscher die positiven Aspekte des Nahrungsverzichts. Doch bei welchen Krankheiten hilft Fasten? Welche Auswirkungen hat es auf unseren Körper und auf unsere Psyche? Und: Was ist aus der spirituellen Dimension geworden? VON BIRGIT SCHÖNBERGER


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ald beginnt sie wieder, die Fastenzeit. Pünktlich am 1. März, an Aschermittwoch, ist es dieses Jahr für Christen so weit, am 27. Mai für Muslime. Das Wissen darüber, dass der freiwillige Nahrungsverzicht auf Zeit erstaunliche Heileffekte für Körper, Geist und Psyche hat, ist seit Jahrtausenden in allen Kulturen verbreitet. Alle traditionellen Medizinformen nutzen den zeitweisen Verzicht auf Essen als Reinigungstherapie, um den Körper zu entgiften, das Gemüt aufzuhellen und den Geist zu klären. „Wer stark, gesund und jung bleiben will, sei mäßig, übe den Körper, atme reine Luft und heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente“, empfahl schon Hippokrates im vierten Jahrhundert vor Christus. Fastenperioden gibt es in allen Weltreligionen und auch im Schamanismus. Ursprünglich war Fasten ein spirituelles Ritual, eine radikale Form der Begegnung mit sich selbst und Gott. Von allen großen Religionsstiftern ist eine lange Fastenzeit überliefert. Mohammed fastete, bevor ihm der Koran offenbart wurde. Moses stieg auf den Berg Sinai und fastete 40 Tage, Jesus zog sich 40 Tage zum Fasten in die Wüste zurück. Buddha gelangte durch eine extreme Fastenperiode, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte, zur Erkenntnis des „mittleren Weges“, der heute noch richtungsweisend im Buddhismus ist. Er empfahl eine gute Balance zwischen Askese und Völlerei.

ILLUSTR ATION: FR AUKE DITTING

Fasten hat einen Anti-Aging-Effekt

Im Christentum hat sich eine abgespeckte Version des Fastens gehalten. Wobei Fasten streng genommen heißt, ohne feste Nahrung auszukommen. Nicht jeder Verzicht ist also gleichbedeutend mit Fasten. Über die Jahrhunderte wurden die Regeln immer weiter reduziert. Es wird zwar alle Jahre wieder dazu aufgefordert, von Aschermittwoch bis Ostersamstag auf Alkohol, Süßigkeiten, Zigaretten und andere lieb gewonnene und schädliche Genussmittel zu verzichten, doch die wenigsten halten sich daran. Während der religiös motivierte Verzicht auf Essen in Deutschland keine große Rolle mehr spielt, ist das medizinische Fasten wieder in Mode gekommen. Unter führenden Forschern herrscht eine regelrechte Fasteneuphorie, beflügelt durch neue Erkenntnisse. Vor allem bei Patienten mit chronischen Schmerzen, Rheumatikern und Übergewichtigen, bei denen Blutdruck und Zuckerhaushalt bedrohlich aus dem Lot sind, erreichen die Mediziner mit Fasten beeindruckende Ergebnisse. Der Blutdruck sinkt während des Fastens sogar stärker als beispielsweise durch MePSYCHOLOGIE HEUTE

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dikamente wie Betablocker oder ACE-Hemmer. Der Zuckerspiegel verbessert sich. Fasten hilft möglicherweise auch bei multipler Sklerose, bei chronischen Hauterkrankungen wie Schuppenflechte und Neurodermitis sowie Magen-Darm-Erkrankungen und Diabetes Typ 2. Neuere tierexperimentelle Studien lassen zudem vermuten, dass Heilfasten bis zu einem gewissen Grad die Wahrscheinlichkeit, an Demenz oder Alzheimer zu erkranken, senkt. Ebenfalls in der wissenschaftlichen Abklärung ist die Hypothese, dass 72-stündiges Fasten vor und während einer Chemotherapie vor den Nebenwirkungen schützt, weil die gesunden Körperzellen bei Nahrungsentzug in einen Energiesparmodus schalten, der sie resistent macht gegen Gifte. Molekularbiologisch lassen sich die heilsamen Effekte des Fastens unter anderem mit dem Mechanismus der Autophagie erklären, eines Abbau- und Recyclingprozesses in den Zellen. Autophagie bedeutet wörtlich „Selbstfressen“. Geschädigte oder funktionslose Proteine werden verdaut und recycelt. Ohne diesen Mechanismus würden die Müllsäcke unserer Zellen überquellen. Durch den Selbstreinigungsprozess werden auch Viren und Bakterien bekämpft. Fasten befeuert diesen natürlichen Prozess, hilft den Zellen bei der Reinigungskur und hat deshalb auch einen Anti-Aging-Effekt. Und Fasten kann eine Initialzündung sein, einen ungesunden Lebensstil wieder ins Lot zu bringen und positiv zu verändern. Die populärste Methode des Heilfastens ist die Buchinger-Methode, entwickelt von Otto Buchinger, der Anfang des Jahrhunderts sein schweres Rheuma im Selbstversuch mit Fasten heilte und fortan von „der stärksten aller Kuren“ sprach. Seine Methode sieht vor, dass die Fastenden nach zwei Entlastungstagen täglich nur 300 Kilokalorien zu sich nehmen, mittags eine Gemüsebrühe löffeln, abends ein Glas Fruchtsaft trinken und den Rest des Tages reichlich Mineralwasser und Früchtetee. Idealerweise sieben oder 14 Tage unter ärztlicher Aufsicht in einer Gruppe. Während es bei einer Fastentherapie in der Klinik darum geht, den Blutdruck oder hohe Cholesterinwerte zu senken oder rheumatische Beschwerden zu lindern, dient eine Fastenwoche für Gesunde vor allem der Prävention. Die Angst, an quälenden Hungergefühlen zu leiden, die viele davon abhält, sich ins Abenteuer Fasten zu stürzen, ist unbegründet. Tatsächlich verfliegt das Hungergefühl schnell, wenn der Bauch nach der Darmreinigung durch Glaubersalz oder Sauerkrautsaft keine Notsignale mehr an 39


„Ohne die Melancholie wäre mein Leben ärmer“ 44

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Für seine Novelle Widerfahrnis hat der Schriftsteller Bodo Kirchhoff 2016 den Deutschen Buchpreis bekommen. In diesem Buch geht es um Verluste und Versäumnisse, um die aktuelle Flüchtlingsdebatte und die Erkenntnis, dass man ab einem bestimmten Punkt Frieden mit seinem bisherigen Leben machen sollte. In Psychologie Heute spricht Bodo Kirchhoff über die späte Auszeichnung und welche Widerfahrnisse sein eigenes Leben bis heute prägen

Im Oktober 2016 haben Sie für Ihre Novelle Wi-

Leser gebe. Und Leonie Palm schloss ihr Hutge-

derfahrnis den Deutschen Buchpreis bekommen.

schäft, weil die Gesichter heute zu leer für Hüte

Mit Ihrem Roman Die Liebe in groben Zügen stan-

seien.

den Sie 2012 bereits auf der Longlist. Warum hat

Die Melancholie ist ein Lebensgefühl, das mir nah ist. Ohne die Melancholie wäre mein Leben zweifellos ärmer – und auch das meiner Figuren. Leonie Palm hätte natürlich noch weiter ihre schönen Hüte verkaufen und Reither an seinem kleinen exklusiven Verlag festhalten können, aber das erschien beiden sinnlos. Sie haben resigniert, allerdings nicht passiv, sondern aktiv. Sie haben eine Scheidung vollzogen und es in Kauf genommen, mit der Trauer zu leben. Das ist ja ähnlich wie beim Schreiben, auch von Büchern muss ich mich irgendwann trennen, den Schlusspunkt setzen, und oft muss ich mich auch von Buchprojekten verabschieden, auch wenn sie etwas Aussichtsreiches haben. Ich weiß schon, wie man Bücher schreibt, die sich verkaufen, ich weiß es wirklich ganz gut, aber die Frage ist, ob einem der Arbeitsaufwand die Lebenszeit wert ist. Also schreibe ich lieber Bücher, von denen ein Trost für mich selbst ausgeht. Und dann kann das völlig Unerwartete geschehen, dass sich auch andere davon trösten lassen und man mit einem eher intimen Buch plötzlich Erfolg hat. Dann hat man ein Glückslos gezogen, wie es auch manchmal mit einem anderen Menschen passiert – davon habe ich ja in Widerfahrnis erzählt.

der Preis so lange auf sich warten lassen?

Man will natürlich immer einem Autor mit einem Preis auch unter die Arme greifen und hat die Vorstellung, dass er der Hilfe bedarf. Das ist das eine. Das andere ist: Man will immer auch eine Entdeckung machen, man will durch einen Preis etwas ans Licht heben, was vorher eher im Dunkel war. Das wäre bei meinen früheren Büchern natürlich möglich gewesen, aber die waren zu anstößig. Ich habe Dinge geschrieben, die dann 20 Jahre später bei Michel Houellebecq auftauchten. Damals aber war es undenkbar, für einen so kalten Blick auf das Zwischenmenschliche auch noch eine Auszeichnung zu erhalten. Später, als sich mein Blick inzwischen verändert hatte, war ich dann schon zu prominent, und man hat meine Bekanntheit mit dem Bankkonto verwechselt und gedacht: Der braucht keinen Preis. Natürlich freut mich der Preis für Widerfahrnis, es hätte mich aber wahrscheinlich mehr berührt, wenn ich ihn vor vier Jahren für Die Liebe in groben Zügen bekommen hätte. Aber Widerfahrnis hat meiner Meinung nach die-

FOTOS: GABY GERSTER

sen Preis mehr als verdient.

Es war eine sehr aufreibende Arbeit, die mich von Fassung zu Fassung mehr gefordert hat. Als sie nach der sechsten Fassung beendet war, hatte ich das Gefühl, das etwas gelungen ist, aber ich wusste nicht, was. Das Buch durchweht eine Melancholie. Die beiden Protagonisten betrauern gleich mehrere Verluste: Reither hat seinen Kleinverlag aufgelöst, weil es, wie es im Buch heißt, mehr Schreibende als PSYCHOLOGIE HEUTE

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Reither hat in dieser Lotterie gewonnen. Er lässt einen anderen Menschen, Leonie Palm, in seine Wohnung und in sein Leben. Allerdings zunächst ziemlich zögerlich.

Die ersten Kapitel dieses Buches waren handwerklich eine große Herausforderung. Nicht Reither, sondern ich, der Autor, wollte diese Frau am Anfang gar nicht in sein Leben lassen. Es war ein buchstäbliches Herantasten, bis sie schließlich die erste Zigarette zu45


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Die Herz-Seele-Connection Dass seelischer Stress und Kummer zu Herzerkrankungen beitragen und umgekehrt, vermutet die Medizin seit langem. Doch erst in jüngster Zeit beleuchtet die Forschung Details dieses Verbindungsgeflechts – und räumt dabei mit einigen Mythen auf VON EDITH HEITKÄMPER

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Das zeigen zahlreiche Untersuchungen“, sagt Christiane Waller, die sich als leitende Oberärztin an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm mit dem Verbindungsgeflecht von Herz und Psyche befasst. „Wir wissen heute, dass psychosoziale Belastungsfaktoren das Risiko für eine koronare Herzkrankheit ähnlich stark erhöhen wie etwa das Rauchen oder Störungen im Fettstoffwechsel. Aber im Vergleich zu den klassischen Risikofaktoren ist der Einfluss psychosozialer Faktoren lange Zeit unterschätzt worden.“ Die Interheart-Studie zeigte schon im Jahr 2004, dass Leistungsdruck und Stress als Risikofaktoren genauso bedeutsam sind wie Rauchen, Bluthochdruck und Übergewicht oder Diabetes. Dafür hatten die Forscher Herzinfarktpatienten aus 52 Ländern untersucht. Sie fanden überall das gleiche Bild. Aber wie wirkt der Stress im Körper? Er beeinflusst dort zahlreiche Prozesse, die eigentlich dafür da sind, unser Überleben zu sichern. Wie schon vor Tausenden von Jahren, als unsere Vorfahren noch vor Säbelzahntigern flüchten mussten, schüttet unser Körper bei Angst und Anspannung Stresshormone aus. Das ist zunächst Adrenalin und dann zeitversetzt Kortisol. Die akute Stressreaktion des Körpers soll die Leistungsfähigkeit steigern, uns bei der Flucht helfen: Die Gefäße weiten sich, Blutdruck und Pulsfrequenz steigen, das Blut zirkuliert schneller und versorgt Muskeln und Gehirn mit Sauerstoff. Gleichzeitig wird die Blutgerinnung gesteigert, damit der Mensch im Notfall einer Verletzung nicht verblutet. PSYCHOLOGIE HEUTE

ILLUSTR ATIONEN: PATRIC SANDRI

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lötzlich spielte das Herz nicht mehr mit. Kurz nachdem Arthur Sauerwald seine Arbeit verloren hatte, erlitt er einen Infarkt. Lange Jahre hatte er für seinen Chef geschuftet, in der kleinen norddeutschen Firma Paletten und Kisten gebaut. Wie ein Sklave fühlte er sich in dieser Zeit behandelt, hatte sogar nebenbei das Auto des Chefs gewaschen. Stillgehalten, die cholerischen Attacken und den ständigen Stress ertragen. Alles, um seine Familie zu versorgen. Damit die Töchter studieren konnten. Dann fand er den Mut und bot seinem Chef Paroli. „Ich wollte die Wahrheit sagen.“ Als Reaktion kam die fristlose Entlassung. Und das war dann zu viel. Kurze Zeit später hatte er den Herzinfarkt. „Ich konnte plötzlich nicht atmen, habe keine Luft gekriegt, als säße ein dicker Kloß im Hals“, erzählt er. „Meine Frau rief den Notarzt. Zum Glück war nach fünf Minuten der Krankenwagen da. Es war sehr knapp.“ Sein Psychologe aus der Mühlenbergklinik im norddeutschen Malente, Dieter Benninghoven, kennt viele solcher Geschichten. Typisch sei bei einem Großteil seiner Patienten „eine bestehende Spannung oder depressive Stimmung. Dazu kommt dann ein akut belastendes Ereignis, und schon haben wir eine besonders kritische Situation, die einen Herzinfarkt begünstigt.“ Eine Erfahrung, die die Forschung der vergangenen Jahre bestätigt. „Für etwa jeden dritten Herzinfarkt sind seelische Ereignisse verantwortlich, zum Beispiel Depressionen, beruflicher oder privater Stress oder auch der Verlust eines geliebten Menschen.

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Stumme Gefährten Meist sind sie einfach nur da, unsichtbar und schweigsam. Manche sind furchterregend, andere erscheinen wie gütige Helfer und Tröster. Was steckt dahinter, wenn Menschen bisweilen den unumstößlichen Eindruck haben, von einem stummen Begleiter umgeben zu sein? VON BEN ALDERSON-DAY


Endlich muss ich in einen unruhigen, albtraumdurchwobenen Schlummer gefallen sein; und langsam aus ihm erwachend, noch halb versunken in Träumen, öffnete ich die Augen. Das zuvor sonnenbeschienene Zimmer war jetzt von Dunkelheit umhüllt. Augenblicklich spürte ich, wie ein Schrecken meinen gesamten Körper durchlief. Nichts war zu sehen, und nichts war zu hören; doch eine übernatürliche Hand schien auf der meinen zu ruhen. Mein Arm lag auf der Decke, und die namenlose, unvorstellbare, stumme Gestalt oder Erscheinung, zu der die Hand gehörte, schien nah an meiner Bettseite zu sitzen … Ich weiß nicht, wie dieser Sinneseindruck schließlich entschwand, doch als ich am Morgen aufwachte, erinnerte ich mich an alles, und tage- und wochenlang verlor ich mich in wechselnden Versuchen, den rätselhaften Vorfall zu erklären. Ja bis zum heutigen Tag zerbreche ich mir darüber oft den Kopf. Herman Melville: Moby Dick

D ILLUSTR ATIONEN: MARIO WAGNER

a ist jemand; an deiner Seite oder genau hinter dir. Ein Empfinden, ein Eindruck von einer Person oder Instanz, unhörbar und unsichtbar. Eine solche Begegnung ist eine der ungewöhnlichsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann, und dennoch auch eine, die vielen von uns vertraut ist. Diese Erlebnisse, im Fachjargon als „gefühlte Präsenzen“ (sensed presences) oder „extracampine Halluzinationen“ bezeichnet, werden in einer Vielzahl von Quellen und Kontexten beschrieben, zum Beispiel in Todesnähe, bei Trauernden, während besonderer Schlafzustände oder bei neurologischen Störungen. In der eingangs zitierten Passage aus Moby Dick beschreibt Melville eine gefühlte Präsenz beim Erwachen aus dem Schlaf. Überhaupt ist eine ganze Palette von außergewöhnlichen Erlebnissen in dem Niemandsland zwischen Schlaf und Wachen angesiedelt, einschließlich kurzen Schüben von Bildeindrücken und Sprachfetzen beim Einschlafen (hypnagoge Halluzinationen) oder Fragmenten von Träumen beim Erwachen (hypnopompe Halluzinationen). Gefühlte Präsenzen sind eine häufige Begleiterscheinung der Schlafparalyse, eines Phänomens, mit dem ein Drittel der Bevölkerung irgendwann im Leben Bekanntschaft macht: Beim Erwachen aus dem Schlaf haben sie den Eindruck, ihr Körper sei gelähmt. Selbst das Atmen fällt ihnen schwer. Viele beschrei-

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ben, dass sie während dieser Lähmung das intensive Gefühl hatten, dass jemand oder etwas mit ihnen im Raum gewesen sei, oft an einer ganz bestimmten Stelle. Bisweilen schien sich diese Präsenz auf den Betreffenden zuzubewegen, und in manchen Fällen setzte sie sich als beklemmendes Druckgefühl auf den Brustkorb und hinterließ ein namenloses Grauen. Dämonenartige Nachtmahre, Inkuben und Sukkuben, wie sie in Volksüberlieferungen geschildert werden, sind möglicherweise auf solche Erlebnisse während einer Schlafparalyse zurückzuführen. Doch auch von wohlwollenden Begegnungen wird berichtet. Die vielleicht häufigsten Beispiele stammen von Menschen, die einen akuten Trauerfall zu beklagen haben. In einer Überblicksarbeit kamen Paolo Castelnovo und seine Kollegen von der Universität Mailand unlängst zu dem Ergebnis, dass Trauer in bis zu 60 Prozent der Fälle von irgendeiner Art von halluzinatorischen Erlebnissen begleitet war. Von diesen entfielen 32 bis 52 Prozent auf gefühlte Präsenzen. Vor allem im ersten Monat nach dem Verlust berichteten die Trauernden oft von heftigen Gefühlen gegenüber der verstorbenen Person, die ihnen noch immer anwesend erschien. In einigen Fällen kann dieser Zustand jahrelang anhalten. Im Gegensatz zu den ängstigenden Erlebnissen während einer Schlafparalyse werden die Präsenzerlebnisse bei Trauernden oft von einem Gefühl von Trost und Sehnsucht getragen. 65


In Cyberwelten fürs Leben üben Was als Spielerei begann, erobert zunehmend unseren Alltag: In 3D-Animationen kann man nicht nur Achterbahn fahren oder mit Walen tauchen, sondern auch unter Anleitung Sport treiben, in einen fremden Körper schlüpfen, Patientengespräche üben und den Empathiesinn trainieren – ein Streifzug durch Kunstwelten

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uf einmal ist sie da. Die junge Frau in Sportkleidung ist aus dem Nichts aufgetaucht und steht nun in dem abgedunkelten Raum vor dem großen Wandspiegel. Mit einer Computerstimme gibt sie Anweisungen. Sie ist nicht real, genauso wenig wie der Spiegel, der einen Fitnessraum zeigt. Beide sind eine dreidimensionale Projektion und richtig sichtbar nur durch eine 3DBrille, wie Kinos sie verteilen. Die Frau ist nicht einmal sehr detailliert dargestellt. Und doch wirkt sie so echt, dass ich ihr beinahe das Mikrofon des Aufnahmegeräts hinhalte, mit dem ich meine Eindrücke festhalte. Ihre Anweisungen gelten dem Informatiker Felix Hülsmann. Hülsmann führt seinem Besucher die virtuelle Trainingseinrichtung vor. Sie nennen diesen virtuellen Raum Cave, Höhle. Sie existiert nur für den Augenblick, erschaffen von Beamern. Hülsmann macht Kniebeugen, allerdings oft absichtlich missratene. Dann leuchten auf dem Bildschirm neben dem Spiegel Fehlermeldungen auf: Hüfte zu weit vorn. Fünf-Grad-Buckel. Diese Hin72

weise gibt es nur bei der Demonstration, sie zeigen, was das System mit einer Reihe von Kameras alles erfasst und errechnet. Besser kontrollieren kann Hülsmann seine Übungen in dem virtuellen Spiegel. Dieser zeigt keineswegs ein einfaches Kamerabild. In ihm turnt vielmehr ein virtueller Felix Hülsmann – ein Avatar. Seine Kollegen haben den Informatiker vorab gescannt und daraus ein Ebenbild seines Körpers errechnet. Dieser Avatar macht nun genau die Bewegungen nach, die Hülsmann vorführt. Natürlich könnte der Informatiker auch zu Hause turnen und sich dabei in einem echten Spiegel betrachten. Doch dann würde er sich nur von vorne sehen. Der virtuelle Spiegel aber zeigt ihn auf Wunsch auch von der Seite. So sind die Schönheitsfehler bei den Kniebeugen leichter zu entdecken. Das ist aber noch nicht alles. Wenn das System erkennt, dass der Hobbysportler einen Oberschenkel falsch bewegt, dann leuchtet der des Avatars rot. Oder der Avatar turnt die Übung richtig vor. Und wenn alles nicht hilft, gibt es immer noch die virtuelle Trainerin. Sie scheint ihrem Trimm-dich-Schützling aufmerksam zuzuschauen, gibt gute Rat-

schläge und lobt eifrig. Ihren Körper haben die Wissenschaftler auf dem freien Markt gekauft, als Ansammlung von Daten natürlich. Für den Kopf haben sie den einer Kollegin gescannt. Sie arbeitet jetzt woanders. Aber als Avatar ist sie immer noch da. Willkommen in der virtuellen Realität – kurz VR. Hier am Rand von Bielefeld existiert sie in einem leicht futuristisch anmutenden grauen Quader. In dem Gebäude residiert der Exzellenzcluster „Kognitive Interaktionstechnologie“, nach der englischen Bezeichnung kurz CITEC. Doch virtuelle Realitäten breiten sich auch außerhalb von wissenschaftlichen Vorzeigeeinrichtungen aus. Im Alltag, in der medizinischen Ausbildung und der Arbeit mit Patienten, im Fitnessbereich oder um Menschen dazu zu bringen, besser für die Zukunft vorzusorgen: VR leistet vielfältige Hilfestellungen. Traumküchen und Traumurlaube: Virtuelle Probeläufe für den Alltag

Der Elektrohändler Saturn hat einen Chief Digital Officer ernannt und bietet Kunden in manchen Märkten an, ihre zukünftige Küche nach Gusto im virtuellen Raum PSYCHOLOGIE HEUTE

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WENN DIE

Trauma und Resilienz Dieses Buch stellt die bedeutsamsten Ansätze vor, die erklären, wie Menschen traumatische Lebenserfahrungen bewältigen. Ziel ist es, Fachleuten eine Ressource an die Hand zu geben, die all diese verschiedenen Sichtweisen des Traumas, der Resilienz und der Genesung zusammenführt – zur Unterstützung der Betroffenen.

wird, hilft Melancholie. Sie sorgt dafür, dass die

Ann S. Masten Resilienz: Modelle, Fakten & Neurobiologie Ann S. Masten, eine Pionierin auf dem Gebiet der Resilienzforschung, bezeichnet Resilienz als „ganz normales Wunder“, das sich in alltäglichen Prozessen entwickelt. In ihrem Buch fasst sie das verfügbare Wissen über Resilienz zusammen, beschreibt die wichtigsten Modelle und erläutert, was in Forschung und Praxis getan werden kann, um Resilienz zu fördern.

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Resilienz als Erfolgsfaktor Die Autoren beschäftigen sich mit den Hauptstressoren im Arbeitsleben und gehen darauf ein, wie sich Resilienz aufbauen lässt, am Arbeitsplatz, aber auch in anderen Lebensbereichen. Es geht um nachhaltige Strategien, sich zu erholen. Das Buch richtet sich an Führungskräfte und im Coaching Tätige, die das Thema Resilienz in der Arbeitswelt etablieren möchten.

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