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PSYCHOLOGIE HEUTE NOVEMBER 2013

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Altruismus Wer gibt, dem wird gegeben! Aufschieberitis Wann es besser ist, sich Zeit zu lassen


4 In diesem Heft

Titelt hema

Unsere inneren Stimmen „Sei nicht so vorlaut!“ „Kannst du dir das wirklich leisten?“ „Lass dich bloß nicht darauf ein!“ Bei allem, was wir tun oder entscheiden, melden sich unsere inneren Stimmen: Sie kommentieren, kritisieren, bremsen, drängen oder ermutigen. Aber wer spricht da zu uns? Und auf welche dieser Stimmen hören wir am Ende?

20

Ursula Nuber

Das innere Team: Finden Sie heraus, was in Ihnen los ist! ■

32 36

Peter Bieri im Gespräch

„Würde ist eine Art, auf die Zumutungen des Lebens zu reagieren“

66

Wilhelm Schmid

Die Suche nach Sinn als Quelle der Kreativität ■

60

Annette Schäfer

Prokrastination: Kann Aufschieberitis eine Stärke sein? ■

Eva Tenzer

Die Schattenseiten der Macht ■

26

Jochen Metzger

Empathie: Die Schule des Einfühlens ■

Adam Grant im Gespräch

Wirtschaft: Geben – das Geheimnis des Erfolgs ■

20

Birgit Schönberger

Ordnung ins Chaos bringen: Das innere Team in Beratung und Therapie ■

70

Daniel Glattauer im Gespräch

Österreichs erfolgreichster Autor: „Zuhören ist eine Stärke von mir“

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42

PSYC H O LO G I E H EUTE Nove mbe r 2013


In diesem Heft 5

Die Schule des Einfühlens

Die Schattenseiten der Macht

Ein Baby im Klassenzimmer ist offenbar der beste Lehrer, um das Einfühlungsvermögen von Schulkindern zu trainieren. Schon das bloße Beobachten des Babys macht sie aufmerksamer, friedlicher und hilfsbereiter. Das Beste: Diese Wirkung hält auch noch lange an, nachdem sich der kleine Lehrer verabschiedet hat.

Macht fühlt sich gut an für den, der sie hat: Sie macht zunächst oft klüger, aggressiver und konzentrierter. Ideal für Politiker und Manager, die andere führen und Dinge vorantreiben sollen. Aber die Macht verändert die Mächtigen allmählich: Wie Sex oder Drogen kann sie süchtig machen – und blind für die Realität.

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8 Themen & Trends

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52 Gesundheit & Psyche

Zukunftsglaube: Alles wird gut!

Kampfkunst: Warum Karate heilsam sein kann

Familien: Wie frühe Hilfe bei Überlastung schützt

Migräne: Der Schmerz der Perfektion

Wirtschaft: Die Krise stärkt das Gemeinschaftsgefühl

Oxytocin: Die Kehrseite des Kuschelhormons

Überverdiener: Mehr, als man jemals ausgeben kann

Dissoziative Anfälle: Auszeiten des Bewusstseins

Und weitere Themen

Und weitere Themen

Rubriken 6 8 19 52 82 93 94 95

Briefe Themen & Trends Impressum Gesundheit & Psyche Buch & Kritik Cartoon Im nächsten Heft Markt

82 Buch & Kritik ■

Gewalt: Faszination des Bösen

Religion: Auch Atheisten brauchen Tempel

Selbstsorge: „Gelassen wär’ ich gern“

Sterben: Auch Trauer ist Liebe

Und weitere Bücher


20 Titel

Das innere Team: Finden Sie heraus, was in Ihnen los ist!

Werde nur nicht übermütig! Das kannst du doch nicht! Das ist viel zu teuer! – Was immer wir tun, was immer wir entscheiden, wir sind nicht allein. Unsere inneren Stimmen geben „ihren Senf“ dazu. Das ist oft nicht harmlos. Das Geplapper kann uns ausbremsen, entmutigen, klein halten. Woher kommen diese Stimmen? Und wie können wir die guten stärken und die schlechten entmachten? ■

Ursula Nuber


Titel 21

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er Kauf eines neuen Autos steht an. Seit längerem schon haben Sie ein ganz bestimmtes Modell im Auge. Das Design gefällt Ihnen ausgesprochen gut, die Automarke ist eingeführt – also auf zum Händler und eine Probefahrt vereinbart. Alles prima, nur als Zweitürer möchten Sie den Wagen nicht, es müsste schon ein Viertürer sein, sonst ist auf der Rückbank zu wenig Raum. „Im Viertürer haben die Mitfahrer auch nicht mehr Platz, das scheint nur so“, klärt der Verkäufer Sie auf. Der Platzmangel: ein Manko. Ein weiteres: der Preis. Sie bekommen für dieses Geld einen weitaus besser ausgestatteten Wagen. Und jetzt geht es los, das Stimmengewirr in Ihrem Kopf. Da ist der Designfreak, der schon lange begeistert ist von diesem Auto. Sein Argument: „Wann werden denn schon vier Leute in diesem Auto transportiert?“ Nun aber meldet

PSYCHOLOGIE HEUTE

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sich der Vernünftige und meint: „Wenn du im Auto sitzt, siehst du das tolle Design gar nicht.“ Die Sparsame stört sich am Preis: „Du zahlst nur das Image.“ Das sind aber nicht die einzigen Stimmen, die auf Sie einschwätzen. Da gibt es noch die Mütterliche, die meint, das Auto habe zu viele PS und sei damit eine potenzielle Gefahr. Und eine andere Stimme, die wohl dem Kritiker in Ihnen gehört, verurteilt Sie als „angeberisch“ und „statussüchtig“. Prompt fühlt sich die Bescheidene angesprochen und glaubt, sich verteidigen zu müssen: „Ich brauche doch kein Statussymbol.“ Und das Kind in Ihnen quengelt vielleicht: „Ich hätte aber Spaß an dem Auto!“ Was also tun, wie sich entscheiden? Die Verwirrung ist perfekt. Was hier in der fiktiven Situation „Autokauf“ passiert, ist nichts Ungewöhnliches. Wir alle sprechen häufig nicht mit einer Stimme, sondern werden

oft durch die unterschiedlichsten Meinungen, die sich aus unserem Inneren melden, verunsichert. Nicht immer ist uns das bewusst – in der Regel laufen diese Prozesse unbemerkt ab, beeinflussen aber unsere Gefühle und oft auch unsere Handlungen. Je nach Situation fühlen wir uns dann hin und her gerissen, suchen nach perfekten Lösungen, wissen nicht, wie wir uns entscheiden sollen oder betrachten uns als unfähig, die Dinge geregelt zu bekommen. Eher selten wissen wir ganz klar, was wir wollen und dass wir schon alles richtig machen werden. Die Autorin Ursula M. Wagner unterteilt die inneren Stimmen in Saboteure und Mentoren. Denn einige sind uns wohlgesonnen, andere aber blockieren und irritieren uns. Unser Wohlbefinden und unsere Zuversicht hängen davon ab, welche Gruppe sich am lautesten durchsetzen kann. Sind die Men-


26 Titel

Ordnung ins Chaos bringen Das innere Team in Beratung und Therapie Wie will ich leben, was soll ich aus meinem Leben machen? Die Methode des „inneren Teams“ kann Menschen in Umbruchsituationen wertvolle Hilfestellung geben. Sie findet daher in Coachingprozessen und auch in der Psychotherapie zunehmend Akzeptanz ■

Birgit Schönberger

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nde der neunziger Jahre entwickelte der Hamburger Psychologieprofessor und Kommunikationstrainer Friedemann Schulz von Thun das Modell des inneren Teams, um Führungskräften eine Methode anzubieten, Ordnung in den ganz normalen Wahnsinn im Kopf zu bringen. Die Erkenntnis, dass mehrere Seelen in einer Brust wohnen und das, was wir „Ich“ nennen, ein Konglomerat widerstreitender Persönlichkeitsanteile ist, ist nicht

neu. Die Gestalttherapie bearbeitet innerseelische Konflikte, indem für jeden Persönlichkeitsanteil ein leerer Stuhl hingestellt wird, der diesen Aspekt repräsentieren soll. Die Transaktionsanalyse unterscheidet zwischen Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich und Kind-Ich. Jacob L. Moreno ließ im Psychodrama typische Verhaltensweisen verschiedener Persönlichkeitsanteile auf einer Bühne in Szene setzen. Die Arbeit mit der inneren Pluralität ist ein zentrales Element

zahlreicher therapeutischer Schulen. Schulz von Thun kommt das Verdienst zu, dass er mit dem inneren Team ein griffiges Modell gefunden hat, das auch Menschen einleuchtet und begeistert, die freiwillig keinen Fuß in eine psychotherapeutische Praxis setzen würden. Wie hat sich das innere Team in den letzten 15 Jahren entwickelt? Was hat sich verändert? Welche Einflüsse haben das Modell bereichert, erweitert, korrigiert? Wie spiegelt sich der Zeitgeist da-


I L L U S T R AT I O N E N : P E T E R K A H R L

Titel 27

rin wider? Wo zeigen sich Grenzen? „Im Kern hat sich das innere Team nicht verändert. Der Grundgedanke ist immer noch gültig. Aspekte, die mir früher nicht so wichtig schienen, haben an Bedeutung gewonnen, und das Modell hat sich durch seine überraschend große Akzeptanz in verschiedene Richtungen erweitert und findet jetzt auch den Weg zurück in die Psychotherapie, wo es ursprünglich herkommt“, sagt Friedemann Schulz von Thun beim Gespräch PSYCHOLOGIE HEUTE

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in seinem Institut. Er glaubt, dass die Metapher unter anderem deshalb so erfolgreich ist, weil das Bild der inneren Mannschaft, die gut aufgestellt sein muss, in Wirtschaftskreisen sofort verstanden wird. „Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die innere Mannschaftsaufstellung eine Aufgabe des Profis ist. Wer eine berufliche Aufgabe gut bewältigen will, muss alle wichtigen inneren Mitstreiter beisammen haben und darauf achten, dass die Richtigen vorne stehen. Das leuchtet auch Menschen ein, die kein gesteigertes Interesse an Selbsterfahrung haben.“ Entlastend sei auch das Bild, dass es einen Chef gibt, ein Oberhaupt, das moderierend und integrierend das Durcheinander bändigt und die widerstreitenden Teile dazu bringt, konstruktiv zu kooperieren, ähnlich wie das eine gute Führungskraft tun sollte. Natürlich bietet das Modell des inneren Teams prinzipiell jedem eine interessante Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen und Seiten zu entdecken, die bis dato verborgen waren. So eignet sich die Methode auch gut, um beispielsweise in privaten Entscheidungskonflikten Klarheit zu gewinnen. Doch in erster Linie hat Schulz von Thun das Modell entwickelt, um Menschen zu unterstützen, ihren Job gut zu machen und ihre beruflichen Herausforderungen zu meistern. „Früher haben wir auch schon gesagt: Willst du ein guter Leiter sein, dann schau auch in dich selbst hinein. Aber das blieb ein vager Appell. Es war unklar, wie man das praktisch macht. Das innere Team bietet einen konkreten Ansatz. Und dann sagen die Leute, das interessiert mich. Jetzt kann ich diesem inneren Menschen, der in mir wohnt und dort sein Wesen und manchmal sein Unwesen treibt, begegnen und ihn zu fassen kriegen.“ Schulz von Thun unterscheidet zwischen einer Vordermannschaft und einem Schattenkabinett. Am Flipchart malt er zunächst einen Kopf mit einem großen Bauchraum auf. Dieser äußere Rahmen macht deutlich, dass der Klient

als Kopf des inneren Teams jederzeit die Mitglieder und die Dynamik beeinflussen kann. Dann zeichnet er schwungvoll mehrere Figuren hinein. „Vorne haben wir die kraftstrotzende Vordermannschaft. Dieser hier ist belastbar, der neben ihm ist gut drauf, sein Nachbar dynamisch, und der Vierte ist schlagkräftig. Doch dahinter gibt es das Schattenkabinett. Da ist einer, der kann nicht mehr und ist völlig am Ende. Der Zweite ist total genervt von den neusten Entwicklungen in der Firma, muss aber gute Miene zum bösen Spiel machen. Vielleicht gibt es auch noch einen Dritten, der bedürftig ist und auch mal Unterstützung möchte.“ Die Vordermannschaft könne auf Dauer nur erfolgreich agieren, wenn auch die Hintermannschaft gut ins Spiel integriert ist. Oft würden jedoch die Persönlichkeitsanteile, die Müdigkeit, Schwäche oder Wut verkörpern, hinter eine innere Schandmauer verbannt und zum Schweigen verdonnert. „Wenn man sagt, igitt, wie peinlich, mit diesen Losern will ich nichts zu tun haben, wie gut, dass ich mich mit meinen Lichtgestalten aus der ersten Reihe identifizieren kann, ziehen die Mitglieder der Hintermannschaft irgendwann den Stecker, und dann haben die vorne keine Energie mehr. Die Fassade kann man noch eine Weile aufrechterhalten, aber irgendwann droht der Zusammenbruch.“ Schulz von Thun spricht von einer Untergrundbewegung, die Widerstand leistet und in Form von Erschöpfung oder Depression durch die Hintertür kommt und die Macht ergreift. Erste Warnzeichen einer drohenden Erschöpfung lassen sich seiner Erfahrung nach gut an der Dynamik des inneren Teams erkennen. Aufgabe des Oberhaupts sei, auch den Erschöpften und Genervten ins Team zu integrieren. Aber wie kann das gehen, ohne sich zu verletzlich zu machen oder sogar den Job zu riskieren? Sind es nicht berechtigte Ängste, die den Genervten ins Schattenkabinett verbannen? „Der Genervte muss ja nicht gleich zum Spiel-


32 Wirtschaftspsychologie

Geben – das Geheimnis des Erfolgs

P S YC H O L O G I E H E U T E Sie haben, so schreiben Sie in Ihrem Buch Geben und Nehmen, einen „revolutionären Ansatz“ gefunden, um Karriere zu machen. Ist das nicht ein sehr großes Versprechen? A DA M G R A N T Das mag sein, aber, ganz klar, ich stehe dahinter. P H Und das Revolutionäre ist: Man kann auch als gebender Mensch, sozusagen als guter Mensch an die Spitze von Unternehmen oder Organisationen oder was auch immer kommen? G R A N T Genau so ist es. Das ist das Ergebnis jahrelanger Forschungen, was mich wirklich überrascht hat. In meinen drei Lieblingsstudien wurden beispielsweise Hunderte Ingenieure, Medizinstudenten und Verkäufer untersucht. Meine Kollegen und ich haben uns einerseits angesehen, wer die besten Leistungen abliefert. Andererseits haben wir beurteilt, wer anderen mehr hilft, als ihm geholfen wird. Die Ergebnisse waren beeindruckend. Viele Medizinstudenten mit den besten Leistungen halfen anderen viel öfter als umgekehrt – und genossen das auch noch. Statistisch gesehen war der Zusammenhang zwischen Gutmenschentum und Erfolg größer als zwischen Zigarettenkonsum und dem Risiko, Lun-

genkrebs zu bekommen. Ähnlich gestalteten sich die Resultate der beiden anderen Studien. P H Das Leben, glauben wir zumindest, lehrt uns aber eigentlich eine andere Lektion: Beruflich erfolgreiche Leute sind hochmotiviert, begabt, fleißig, haben das nötige Glück – und sind vor allem selbstsüchtig. G R A N T Das dachte ich auch. Und klar: An der Spitze stehen oft solche Typen. Fakt ist aber auch: Unter bestimmten Bedingungen schaffen es auch gebende Menschen nach ganz oben. Sie fallen nur nicht gleich auf. Wir haben den Erfolg dieser Menschen unterschätzt. Unter den Gebenden existiert eine Gruppe von Menschen, die ihre Eigenschaft auf eine ganz bestimmte Weise kultivieren. P H Sie teilen die Menschen in drei Kategorien ein: Die, die so viel wie möglich von anderen nehmen und nichts zurückgeben, weil sie meinen, das sei der einfachste Weg, um voranzukommen. Die, die nach dem Prinzip „wie du mir, so ich dir“ handeln und die Sie als „Matcher“ bezeichnen; sie merken sich, wer ihnen wann geholfen hat und umgekehrt. Und dann gibt es die dritte Gruppe, eben die, die mehr gibt, als sie empfängt.

FOTO : M IKE K AMBER

Um Erfolg zu haben, muss man egoistisch sein und seine Ellenbogen einsetzen. Nur Personen mit Nehmerqualitäten kommen nach oben. So die weitverbreitete Ansicht. Adam Grant, Organisationspsychologe und Professor an der University of Pennsylvania, beweist nun: Geben ist auch in der Wirtschaftswelt seliger als Nehmen

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Wirtschaftspsychologie 33

Auf dieses grundlegende Muster weisen die Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre hin, und zwar in allen darauf hin untersuchten Kulturen weltweit. Es scheint universell zu sein. Selbst in einem afrikanischen Stamm, dessen Mitglieder kaum mit der Zivilisation in Berührung gekommen sind, finden Sie diese drei Arten des Umgangs. In der Arbeitswelt hat zuerst mein Kollege Richard Huseman die drei Stile nachgewiesen – in einer Studie, in der es darum ging, wie Leute auf Gehaltskürzungen oder Gehaltserhöhungen von Kollegen reagieren. Margaret Clark hat die Kategorien auch innerhalb privater Liebesbeziehungen beschrieben. Dabei ist es so, dass eigentlich Nehmende und Matcher zuweilen einen gebenden Stil annehmen, wenn sie eine Partnerschaft mit einem Gebenden eingehen. Unter bestimmten Umständen handelt es sich offenbar in gewissen Grenzen um ein flexibles Verhalten. P H Was ist dieses Gebertum eigentlich, psychologisch gesehen? Ein Charaktermerkmal? G R A N T Man kann es als Kennzeichen des Charakters sehen. In dem Sinne, dass es Menschen gibt, die in allen oder den meisten Lebensbereichen Gebende sind – im Beruf, in Partnerschaften, in ihrer Freizeit. Meist aber hängt es vom Lebensbereich ab: Sie können zu Hause ein Gebender sein und im Job ein Nehmender oder ein Matcher. Es kann von Situation zu Situation variieren. P H Was ist denn konkret mit Geben gemeint? G R A N T Das Geben, um es klar zu sagen, bezieht sich nicht darauf, dass jemand Geld spendet oder so. Es bezieht sich auf konkrete Hilfeleistungen: sein Wissen zu teilen, als Mentor zu fungieren, ohne dass man eine Gegenleistung erwartet. Dafür ist das berufliche Umfeld ideal geeignet. Das Problem aber ist: Üblicherweise geben die meisten Leute am Arbeitsplatz erst etwas, wenn sie schon erfolgreich sind. Auf dem Weg dahin sparen sie sich ihre Geberqualitäten auf für Familie, Freunde und FreiGRANT


36 Psychologie der Macht

Die Schattenseiten der Macht Politiker und Führungskräfte sollten neue Studien über den negativen Einfluss der Macht kennen. Denn ihre hervorgehobenen Positionen verändern auf Dauer Gehirnfunktionen und die Persönlichkeit ■

Eva Tenzer


Psychologie der Macht 37

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influssreich sein, über einen hohen Status verfügen, Untergebene haben – Macht fühlt sich gut an. Aber sie hat auch ihre Tücken. Denn all das geht an der Psyche nicht spurlos vorbei. Macht verändert den Alltag vieler Menschen, die Art des Zusammenlebens – und sie verändert auch die Mächtigen selbst, nicht immer zu ihrem Vorteil. Doch zunächst hat Macht natürlich positive Wirkungen: Strategisches und abstraktes Denken nehmen zu, die Motivation steigt, Angst reduziert sich. Macht schafft positive Affekte, also gute Stimmung, sowie eine höhere Aufmerksamkeit für Belohnungen und selbstgesetzte Ziele, während Machtlosigkeit eher mit negativen Affekten sowie einer stärkeren Aufmerksamkeit für Bedrohungen und Strafen sowie für die Interessen und Ziele anderer einhergeht. Untersuchungen belegen außerdem antidepressive Effekte, denn Machtausübung aktiviert ähnliche Hirnareale, wie es Drogen tun. „Macht fühlt sich gut an, weil sie dasselbe Belohnungsnetzwerk nutzt wie Kokain und Sex“, berichtet Ian Robertson. Er ist Neurowissenschaftler und Klinischer Psychologe am Trinity College in Dublin. In seinem Buch Macht. Wie Erfolge uns verändern erklärt er, wie Macht und Siege die Hirnbiologie verändern. Beispielsweise erhöhen sie den Testosteronspiegel, was zu einer vermehrten Aufnahme des Neurotransmitters Dopamin in Hirnnetzwerken führt, die für Belohnungen zuständig sind. Als Folge steigt nicht nur die Laune, auch Selbstbezogenheit und Verhaltensweisen wie Mut, Innovations- und Risikofreude sind bei mächtigen Menschen deutlich häufiger zu beobachten als bei weniger einflussreichen. „Macht macht uns klüger, ehrgeiziger, aggressiver und konzentrierter. Macht verändert uns, indem sie Türen im Gehirn öffnet, die uns mehr Macht gewinnen helfen“, erklärt Robertson. Am Ende entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf stetigen Machtzuwachses. PSYCHOLOGIE HEUTE

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So weit, so nützlich. Doch selbst die glorreichsten Sonnenkönige haben ihre Schattenseiten, wie die Weltgeschichte leider überreichlich dokumentiert. Macht bringt auch Hässliches hervor: Willkür, Unterdrückung, Gewalt, Erniedrigung. Und dafür muss man keine gestörte Persönlichkeit besitzen, schon normale, zufällig ausgewählte Versuchspersonen in psychologischen Experimenten legen überraschend negative Verhaltensweisen an den Tag, sobald man sie mit Macht ausstattet. So zeigte 2012 ein Experiment an der Universität Oxford, dass eine Machtposition eine wichtige soziale Fähigkeit des Menschen beeinträchtigt. Die Versuchspersonen wurden zunächst per Zufall einer von drei Gruppen zugeordnet: den „Mächtigen“, den „Untergeordneten“ oder den „Neutralen“. Die Probanden mussten dann Aufgaben lösen, deren Erfolg mit finanziellem Gewinn belohnt und deren Misserfolg mit einem finanziellen Verlust bestraft wurde. Dabei achteten die Forscher darauf, wie stark sich die einzelnen Gruppen für das Spielziel engagierten. Ergebnis: Die „Mächtigen“, die darüber entscheiden durften, wie die Gewinne aufgeteilt werden sollten, strengten sich deutlich weniger an als die Untergeordneten und die Neutralen. Paradoxerweise hatten sie dabei gleichzeitig höhere Erwartungen an eine Belohnung und schenkten Verlusten deutlich weniger Beachtung. Die Untergeordneten dagegen waren sensibler für die gemeinsamen Spielziele, erwarteten weniger Belohnungen und maßen Verlusten eine deutlich größere Bedeutung zu. „Unsere Studie zeigt, dass Macht die ausbalancierte Zusammenarbeit mit Untergebenen untergräbt“, resümiert Studienleiterin Riam Kanso vom Oxforder Brain & Cognition Laboratory. Zahllose Fälle von Selbstbereicherung und Korruption in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft untermauern dieses Ergebnis. Eine frühere Studie des Psychologen Adam Galinsky zeigte übrigens, dass

Macht auch die Fähigkeit reduziert, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und ihre Perspektive einzunehmen. Und eine weitere Alltagswahrnehmung wurde nun durch Laborstudien bestätigt: Mächtige setzen sich gern über soziale Normen hinweg, und genau das nehmen Außenstehende als Zeichen von Macht wahr, wie niederländische Forscher um den Sozialpsychologen Gerben Van Kleef von der Universität Amsterdam herausfanden. In mehreren Experimenten ließen sie Mitspieler bestimmte Regeln des kultivierten Miteinanders missachten, sie tranken zum Beispiel vom Kaffee anderer Leute, legten während des Experiments die Füße auf den Tisch oder schnippten Zigarettenasche auf den Flur. Die nicht eingeweihten Versuchsteilnehmer nahmen Personen, die sich dermaßen danebenbenahmen, als mächtiger wahr als Personen, die sich an die sozialen Regeln hielten. In einem ähnlichen Experiment beobachteten Dacher Keltner von der University of California und Deborah Gruenfeld von der Stanford University hierarchisch gegliederte Gruppen von Versuchspersonen. Jede bestand aus einem Chef und zwei Untergebenen. Aufgabe der Chefs war, die Leistung der beiden anderen bei einer politischen Debatte zu bewerten. Die Forscher interessierte allerdings nicht, wie die Teilnehmer diese Aufgabe lösten, sondern etwas anderes. Sie reichten ihnen während des Experiments einen Teller mit fünf Keksen. Jeder Teilnehmer nahm sich zunächst einen, der fünfte musste übrigbleiben


42 Philosophie


Philosophie 43

„Würde ist eine Art, auf die Zumutungen des Lebens zu reagieren“ Ein Gespräch mit dem Philosophen Peter Bieri über sein neues Buch, in dem er die Vielfalt der menschlichen Würde und ihre zahlreichen Gefährdungen auslotet

Herr Professor Bieri, wann haben Sie zuletzt gesagt oder gedacht: „Das ist unter meiner Würde.“? P E T E R B I E R I Das ist eine Redeweise, die ich eigentlich nicht mag, weil sie für mein Empfinden etwas Hochnäsiges bedeutet: Dafür bin ich mir zu schade. Man kann die Worte aber auch so lesen, dass sie bedeuten: Das verträgt sich nicht mit meiner Selbstachtung. Das ist etwas anderes, und dieser Gedanke ist mir natürlich geläufig. P H Und was bringt Sie auf die Idee, dass jemandes Würde auf dem Spiel steht? B I E R I Es gibt ganz unterschiedliche Situationen, die diesen Eindruck mit sich bringen können. Es kann beispielsweise geschehen, dass jemand etwas tut, was ihn in Konflikt mit seinem Selbstbild bringt – mit der Art, wie er sich sieht. Vielleicht tut er es, um einen Konflikt zu vermeiden oder anderen zu gefallen. Wenn er zurückblickt, mag er auf eine besondere Art unzufrieden mit sich selbst sein, die mit einem Verlust an Selbstachtung zu tun hat. Und dann mag er denken: Das war unter meiner Würde. P H Warum wollten Sie ein Buch über die Würde schreiben? Ist sie mehr als sonst in Gefahr? Sind Ihnen besondere

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P S YC H O L O G I E H E U T E

PSYCHOLOGIE HEUTE

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Würdeverluste oder Entwürdigungen aufgefallen? B I E R I Ich habe über viele Jahre hinweg immer wieder Situationen erlebt, in denen ich auf besondere Weise aufgeschreckt bin. Dieses Aufschrecken, so schien mir, hatte jedes Mal etwas mit der Idee der Würde zu tun. Ich hatte das Bedürfnis, Ordnung in diese Erfahrungen zu bringen. Aus diesem Bedürfnis heraus ist das Buch entstanden. P H Können Sie eine typische Situation nennen, bei der Sie aufschrecken? B I E R I Vor allem schrecke ich auf, wenn ich Leute sehe, die Abhängigkeit und Ohnmacht erleben müssen. Leute also, die gedemütigt werden und um etwas betteln müssen. Aber es erschreckt mich auch, wenn Intimität zerstört und Privates an die Öffentlichkeit gezerrt wird. Oder wenn Menschen sich selbst verlieren, weil ihr Gedächtnis und ihre Fähigkeiten erlöschen. Auch habe ich ein Gefängnis besucht und mich gefragt, wie sich eine Strafe, die Würde wahrt, von einer unterscheidet, die sie zerstört. Von all diesen Dingen handelt das Buch. P H Ist Würde ein Gefühl oder eher eine Haltung? Hat der eine ein Sensorium für Würde und der andere nicht? Oder ist Würde vor allem etwas, das den Be-

obachter eines Würdeverlustes umtreibt? B I E R I Würde, wie ich sie verstehe, ist eine Haltung – eine Weise, den Herausforderungen des Lebens zu begegnen. Sie ist etwas kulturell Erlerntes. Aber da sie elementare Dinge des menschlichen Lebens betrifft, wird es kaum jemanden geben, der überhaupt keinerlei Sensibilität dafür hat. Bringen Sie einen Menschen in die Situation der Ohnmacht und lassen Sie ihn spüren, dass man seine Ohnmacht auch noch genießt: Es gibt niemanden, der das nicht als etwas Schreckliches empfände – gleichgültig ob er es mit dem Wort „Würde“ in Verbindung bringt oder nicht. P H „Würde“ ist ein eher altes Wort, dahinter wird oft auch der pompöse, steife Würdenträger vermutet. Wir reden heute häufiger von Respekt, von Toleranz oder von Wertschätzung oder Inklusion. B I E R I Im alltäglichen Sprachgebrauch kommt das Wort tatsächlich eher selten vor. Doch es gibt klare Fälle, wo wir urteilen: würdelos. Und dann haben wir den Eindruck, dass kein anderes Wort die Sache treffen würde. Wir können auf das Wort nicht verzichten, denn es benennt etwas, was zwar verwandt ist mit


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60 Gefühle

Die Schule des Einfühlens Ein kanadisches Schulprogramm bringt Kindern Empathie bei – und erzielt damit verblüffende Erfolge. Auch deutsche Schulen erproben Empathie nun als Unterrichtsfach. Der Clou des Ganzen: Die Lehrkraft ist ein Baby Jochen Metzger

FOTOS: SOPHIE ST IEGER


Gefühle 61

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arren geht in die achte Klasse, ein Sitzenbleiber, zwei Jahre älter als seine Mitschüler. Ein schwieriger Junge mit einer schwierigen Geschichte. Er war vier, als seine Mutter vor seinen Augen ermordet wurde. Seither hat Darren bei verschiedenen Pflegefamilien gelebt. Seinen Schädel trägt er kahl rasiert, ein Tattoo ziert seinen Hinterkopf. Darrens Klasse hat heute einen ungewöhnlichen Besucher, ein sechs Monate altes Baby namens Evan. „Er kuschelt nicht besonders gern“, erklärt Evans Mutter der neugierigen Klasse. Andere Babys wollen mit dem Gesicht zum Körper der Mutter getragen werden. Bei Evan ist das anders. Er liebt es, wenn er dabei nach vorne sehen kann, hinaus in die Welt. Als die Stunde endet, fragt der Lehrer, wer den Kleinen einmal halten möchte. Zu seiner Überraschung ist es Darren, der den Finger hebt. Darren steht in der Ecke und wiegt das Baby hin und her, während seine Mitschüler in die Pause verschwinden. Als er das Kind der Mutter zurückgibt, fragt er seinen Lehrer: „Was glauben Sie – wenn man als Kind nie geliebt wurde, kann man trotzdem ein guter Vater sein?“ Darrens Story gehört zu den Lieblingsgeschichten von Mary Gordon. Wenige Menschen haben das Schulsystem Kanadas in den vergangenen Jahren stärker beeinflusst als die in Neufundland geborene Pädagogin. In den 1990er Jahren erfand sie ein neues Unterrichtsfach, in dem die Kinder nicht Lesen, Schreiben oder Rechnen lernen, sondern eine Fähigkeit namens Mitgefühl trainieren. Was als kleines Projekt in Toronto begann, gehört inzwischen zum Standardlehrplan in Kanadas Staatsschulen. Bis heute haben mehr als 500 000 Kinder den einjährigen Kurs Roots of Empathy durchlaufen. Mary Gordons Erfindung funktioniert wie die meisten erfolgreichen Ideen: Man fragt sich, warum man selbst noch nicht darauf gekommen ist. Das Neue daran versteht man innerhalb weniger Sekunden – um es zu erklären, PSYCHOLOGIE HEUTE

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braucht man nur einen einzigen Satz: Bei Roots of Empathy ist der Lehrer ein Baby. Ein Baby beurteilt nicht, es macht keine Angst, es übt keine Macht aus. Und genau dadurch öffnet es die Herzen,wie Mary Gordon sagt. Auf der anderen Seite des Atlantiks ist ein bisschen Pathos okay, selbst bei seriösen Projekten. Im Herbst 2012 startete in Bremen in mehreren fünften Klassen ein erstes Pilotprojekt, um das Programm auch im deutschen Bildungssystem zu verankern. Weitere Bundesländer wollen jetzt nachziehen, auch die Schweiz hat Verhandlungen aufgenommen. Doch was ist eigentlich so besonders an Roots of Empathy? Was genau kommt da auf unsere Kinder zu? Eine grüne Kuscheldecke wird zum Klassenzimmer

Der Unterricht beginnt. Stühle und Tische sind beiseite geschoben. In der Mitte des Raumes liegt auf dem Fußboden eine große grüne Decke, sie markiert das Revier, das allein dem Baby und seiner Mutter vorbehalten ist. Das Thema der Stunde: „Meilensteine“– also Dinge, die man heute kann, obwohl man sie gestern noch nicht konnte. Das Baby, ein Mädchen, möchte sich gerne vom Bauch auf den Rücken drehen. „Sie ist so winzig, aber sie gibt nicht auf. Sie versucht es immer wieder“, staunt eine Schülerin. Doch alle Anstrengung scheint vergeblich: Die Kleine ist noch nicht so weit. Wenn sie einen Monat später wieder in die Klasse kommt, wird dieselbe Übung für sie ein Kinderspiel sein! Der Szenenapplaus der Klasse ist ihr gewiss. „Genau wie bei mir. Alle konnten Fahrrad fahren, nur ich nicht“, meint einer der Jungs. „Aber irgendwann hab ich’s dann doch geschafft.“ Manchmal fallen uns Dinge schwer. Wir packen sie trotzdem, wenn wir dranbleiben. Das Baby hat den Kindern die Grunderfahrung allen Lernens vermittelt, ein Motivationscoach in Pampers. Der Klassenlehrer ist bei all dem nur stummer Beobachter. Die Stunde selbst

leitet ein speziell ausgebildeter Roots of Empathy-Trainer. Er stellt einfache Fragen, um die Aufmerksamkeit der Kinder zu lenken. Als das Baby auf dem Rücken liegt und anfängt zu weinen, fragt er: „Wenn das Baby sprechen könnte, was würde es wohl sagen?“ Die Finger der Kinder gehen nach oben. „Es fühlt sich nicht wohl“, meint ein Mädchen. „Es will zu seiner Mama auf den Arm“, vermutet ein Junge. 27 solcher Unterrichtsstunden erleben die Schüler in einem Roots of Empathy-Jahr. Zu jedem der neun Besuche „ihres“ Babys kommt je eine Stunde Vorund Nachbereitung. Und immer geht es um ein anderes Thema: mal um Charakterunterschiede (Ist das Baby eher forsch oder eher schüchtern?), mal um Sicherheit (Wie kann man verhindern, dass das Baby von der Wickelkommode fällt?) oder um gute Beziehungen (Wie reagiert die Mutter, wenn das Kind weint?). Und ohne es zu ahnen, entwickeln oder verbessern die Schüler dabei das, was Mary Gordon als literacy of feelings bezeichnet, als „Alphabetisierung der Gefühle“. Die Schüler lernen, die Gefühle des Babys zu „lesen“, sie finden Worte dafür – und kommen so in Kontakt mit ihrem eigenen Innenleben. Am Ende


66 Arbeitsorganisation

Kann Aufschieberitis eine Stärke sein? Die Steuererklärung wird kurz vor Mitternacht eingereicht, Geschenke an Heiligabend gekauft. Jeder Vierte schiebt Aufgaben auf die lange Bank. Bisher galt dieses Bummeln und Trödeln als Übel. Doch nun meinen einige Wissenschaftler: Wer kreativ aufschiebt, bekommt unter Umständen eine Menge geschafft ■

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ur noch fünf Tage, bis Andreas das Konzept zur digitalen Archivierung von Dokumenten auf den Schreibtisch der Chefin legen muss. Es ist Wochen her, dass sie ihm diese eher langweilige Aufgabe übertragen hat. Aber der IT-Experte hat sich seitdem lieber mit der geplanten neuen Datenbank befasst, ein Thema, das ihn mehr interessiert. Andreas hat ein schlechtes Gewissen,

weil er das Archivierungsprojekt so lange vertagt hat. Aber irgendwie braucht er den Druck einer heranrückenden Deadline, um sich zu motivieren, und hat das Gefühl, unter Stress schneller und effizienter arbeiten zu können. Wenn er ehrlich ist, liebt er die Stimmung, die mit Fünf-vor-zwölfAktionen einhergeht: die adrenalingetränkte Intensität, das fieberhafte Arbeiten bis

Annette Schäfer

tief in die Nacht und das Hochgefühl, wenn er die Aufgabe doch noch rechtzeitig fertiggestellt hat. Auch diesmal bringt er die Sache zu einem guten Ende. Fünf Tage später, kurz vor Feierabend, trägt er den säuberlich ausgedruckten Report persönlich in das Büro der Bereichsleiterin. Als er sie am nächsten Tag trifft, scheint sie von seiner Arbeit recht angetan zu sein. Wichtige Aufgaben immer wieder zu verschieben, obwohl man sie eigentlich erledigen sollte, nennt man in der Psy-


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chologie Prokrastination. Der Begriff wird überwiegend negativ verstanden, im Sinne eines dysfunktionalen Verhaltens oder gar einer ernsthaften Lernund Arbeitsstörung. Es gibt unterschiedliche Definitionen, aber die meisten Forscher betonen drei Kernkriterien: Neben der Tatsache, dass eine Tätigkeit herausgezögert wird, gehören dazu die fehlende Notwendigkeit und die Kontraproduktivität dieses Verhaltens. Mit anderen Worten: Man stellt die Aufgabe zurück, obwohl es eigentlich keinen guten Grund dafür gibt und man sich selbst damit schadet. Als Ursache werden allerhand menschliche Schwächen ins Feld geführt: Angst vor Versagen, Impulsivität, Perfektionismus, der Wunsch nach schneller Bedürfnisbefriedigung, Ablenkbarkeit, Probleme mit der Selbstregulation, mangelnde Organisation und Prioritätensetzung. Doch was ist mit Leuten wie Andreas, die wichtige Aufgaben immer wieder bis zur letzten Minute zurückstellen und sich deswegen auch Vorwürfe machen, denen ihre Aufschieberitis aber durchaus Vorteile zu bringen scheint? Es gebe in der Tat Formen des Aufschiebens, meinen einige Forscher, die nicht so problematisch sind. Manche halten das Vertagen sogar für eine hilfreiche Strategie. Dazu gehört Jin Nam Choi, Organisationspsychologe und Professor an der Seoul National University, der Gründe und Folgen des Aufschiebens bei kanadischen Studenten untersucht und dabei zahlreiche positive Aspekte identifiziert hat. Diese Ergebnisse belegten die Notwendigkeit, meint er, die einseitige Sicht auf Prokrastination als ungesund und unproduktiv zu durchbrechen: „Wir sollten anerkennen, dass manche Arten des Aufschiebens Menschen zufriedener und leistungsfähiger machen.“ Auch John Perry, emeritierter Philosophieprofessor von der Stanford-Universität, will die Tendenz zum Aufschieben nicht als ausschließlich negative Eigenschaft verstanden wissen. Er hat den Begriff der strukturierten Prokrastination, auch „Aufschieben mit Plan“ PSYCHOLOGIE HEUTE

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genannt, entwickelt – aus eigenem Leidensdruck. Der angesehene Wissenschaftler ist ein notorischer Aufschieber, und früher haderte er sehr mit dieser Schwäche, wie er in seinem humorvollen und selbstironischen Büchlein Einfach liegen lassen berichtet. Als er mal wieder mit einem Projekt nicht in die Gänge kam und sich deswegen schrecklich fühlte, fiel ihm auf: Trotz seiner Angewohnheit, wichtige Aufgaben bis zur letzten Minute – und darüber hinaus – liegenzulassen, hatte er den Ruf, ein Mensch zu sein, der viel Produktives leistet. Wie ließ sich dieses Paradox erklären? Ganz einfach: Aufschieber wie er tun selten gar nichts. Um nicht das zu tun, was sie eigentlich tun sollten, beschäftigen sie sich mit vielen anderen Dingen. Das kann abstauben, Bleistifte anspitzen oder im Internet surfen sein. Die Kunst des strukturierten Aufschiebens besteht darin, sich nicht auf solch unwichtige Tätigkeiten zu beschränken. Ein Aufschieber, betont Perry, kann sich oft auch zu schwierigen und zeitaufwendigen Aufgaben motivieren, sofern ihm dies dazu dient, andere wichtige Dinge nicht zu tun. Aufschieber sind nicht faul – sie sind fast immer beschäftigt

Das sieht Piers Steel, Professor für Human Resources und Organisationspsychologie an der Universität von Calgary und einer der bekanntesten Prokrastinationsforscher, ähnlich. „Verhaltenspsychologen meinen, wir seien bereit, jede noch so schlimme Tätigkeit zu verrichten, wenn wir dadurch etwas noch Schlimmeres vermeiden können“, schreibt er in seinem Buch Der Zauderberg. Die Idee des kreativen Aufschiebens, wie Steel es nennt, basiere also auf soliden psychologischen Prinzipien. Wohlgemerkt: Grundsätzlich rät Steel, man solle versuchen, den Hang zum Vertagen und Trödeln in den Griff zu bekommen, aber er räumt ein, viele Menschen könnten ihn nicht vollkommen loswerden. Kreatives Aufschieben, obwohl keine perfekte Methode, könne

den Preis des Aufschiebens immerhin deutlich reduzieren. Es ist eine Strategie, die er selbst praktiziert, wie er der New York Times verriet: „Es ist einer meiner besten Tricks, meine Projekte gegeneinander auszuspielen; ich schinde Zeit im Hinblick auf ein Projekt, indem ich an einem anderen arbeite.“ Zeit gewinnen, indem man an etwas anderem arbeitet

Strukturiertes Aufschieben ist am wirkungsvollsten, erklärt Perry, wenn man an die Spitze der Prioritätenliste Aufgaben setzt, die wichtiger und dringender klingen, als sie in Wirklichkeit sind. Diese kann man dann getrost zugunsten von Tätigkeiten weiter unten vertagen, die auch (oder eigentlich) bedeutsam sind. „Der Aufschieber“, schreibt Perry, „braucht seine Aufgaben nur auf diese Weise planvoll zu sortieren und wird so zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft. Womöglich erwirbt er sich sogar wie ich den Ruf, viel zu leisten.“ Aufschieben, sofern man es richtig macht, muss laut Perry also kein Übel und kein Laster sein. Organisationspsychologe Choi sieht darin sogar eine potenzielle Stärke. Er unterscheidet zwischen „aktiver“ und „passiver“ Prokrastination. Die passive ist die schädliche Form, jene, die Psychologen bislang vor allem im Auge hatten. Passive Aufschieber, wie Choi sie beschreibt, vertagen eine Aufgabe, weil sie es nicht schaffen, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren oder sofortige Bedürfnisbefriedigung brauchen. Wenn der Termin näherrückt, die Frist abläuft, lastet der Druck schwer auf ihnen. Sie zweifeln an sich und ihrer Leistungsfähigkeit, werden von depressiven Verstimmungen geplagt. Dies erhöht noch die Gefahr, dass sie aufgeben und die Aufgabe nicht erfolgreich zu Ende bringen. Ganz anders aktive Aufschieber: Sie lieben es, unter Druck zu arbeiten. Deshalb vertagen sie Aktivitäten ganz bewusst und konzentrieren sich eine Weile auf andere Sachen, die ihnen ebenfalls wichtig sind. Wenn eine Deadline näherkommt, füh-


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I L L U S T R AT I O N E N : F E L I X B A U E R

Die Suche nach Sinn als Quelle der Kreativität Was ist der Sinn, nach dem Menschen immer häufiger fragen? Im Alltag ist erstaunlich oft vom Sinn die Rede: Immer dann, wenn einzelne Dinge, Menschen, Begebenheiten, Erfahrungen nicht isoliert für sich stehen, sondern aufeinander bezogen sind, wenn also Zusammenhänge zwischen ihnen erkennbar werden, erscheint etwas als „sinnvoll“ ■

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Wilhelm Schmid

ie Rede vom Sinn im Alltag beginnt schon bei einem einfachen Satz, der „Sinn macht“, wenn sich aus der Abfolge von Wörtern eine Aussage ergibt. Ansonsten sprechen wir eher von einem sinnlosen Gestammel: „Das macht doch keinen Sinn.“ Sätze werden durch ihre Abfolge zu einem Text, der sich verstehen lässt. Jede Beziehung, die Menschen zueinander eingehen, sodass sie sich miteinander verbunden fühlen, erfüllt sie mit Sinn. Als „sinnlos“ kann hingegen empfunden werden, wenn Menschen ihr Tun nicht aufeinander abstimmen und somit zusammenhanglos agieren. Als „unsinnige“ Idee wird eine bezeichnet, die offenkundig keine, falsche oder schwer nachvollziehbare Zusammenhänge herstellt. So lässt sich sagen: Sinn, das ist Zusammenhang, Sinnlosigkeit demzufolge Zusammenhanglosigkeit. Was hat das mit Kreativität zu tun? Es ist das Merkmal von Kreativität, Zusammenhänge, Verbindungen, Beziehungen aufzuspüren und zustande zu bringen. Neue Möglichkeiten resultieren daraus, überraschende Perspektiven tun sich auf, Lösungen für Probleme gehen daraus hervor, Erkenntnisse sind zu gewinnen, mit denen bestehende Dinge zu verstehen, andere zu entwerfen sind. Immer wieder gelingt es, mit der Sinnfrage Zusammenhänge zu erschließen, zu finden und auch zu erfinden: Nicht immer handelt es sich dabei um die bewusste Suche eines Ich, oft um die unbewusste eines unbestimmten Es (nicht „ich denke“, sondern „es denkt“), die zur Quelle der Kreativität wird, diese wiederum zur Grundlage für Innovation, individuell, gesellschaftlich, wissenschaftlich, wirtschaftlich. Was aber beim Fündigwerden geschieht, wird spürbar, wenn es gelingt, auseinanderliegende Dinge zusammenzudenken, überraschende Verbindungen zu entdecken, neue Beziehungen einzugehen: Wo ein Zusammenhang ist, fließt Energie. Vermutlich aus diesem Grund ist der Mensch ein sinnbedürftiges Wesen: Weil Sinn die Zusammen-


76 Literatur und Psyche

„Zuhören ist eine Stärke von mir“ Daniel Glattauer ist der erfolgreichste Autor Österreichs: Millionen verkaufter Bücher machen ihn zum Bestsellerautor. Wer ist dieser Mann, der mit erstaunlicher Einfühlung über die Liebe aus männlicher und weiblicher Sicht schreiben kann?

Daniel Glattauer macht es anderen Menschen leicht. Zum Interview in einem Wiener Kaffeehaus erscheint der Schriftsteller eine Viertelstunde zu früh, beginnt sofort eine verbindende Konversation über die Kaffeehauskultur seiner Heimatstadt und wie sie sich in den letzten Jahren verändert hat. Während des Gesprächs sitzt er aufrecht und hört aufmerksam zu, bemüht, auf jede Frage gut und möglichst präzise zu antworten. Dass Glattauer seit mehreren Jahren Österreichs erfolgreichster Autor ist, dass seine E-Mail-Beziehungsromane Gut gegen Nordwind und Alle sieben Wellen sich weltweit drei Millionen Mal verkauft haben, merkt man ihm keine Sekunde lang an. Der 51-Jährige wirkt bescheiden und zurückhaltend, man würde ihn auf den ersten Blick für einen


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PSYCHOLOGIE HEUTE

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Lehrer oder Psychotherapeuten halten. Und an dem Eindruck ist auch etwas dran. Glattauer hat im Bereich Pädagogik promoviert, ist erst danach Journalist geworden und hat 15 Jahre lang in der Zeitung Der Standard eine Seiteeins-Kolumne geschrieben. Die humorvolle und empathische Haltung, mit der er dort seine Leser angesprochen und gebunden hat, findet man auch in seinen Büchern wieder. Seit einiger Zeit zieht es ihn aber auch zu seinem Erstberuf zurück. 2012 hat Glattauer eine umfangreiche Ausbildung zum psychosozialen Berater absolviert, sich unter anderem im Bereich Psychologie weitergebildet. Das habe ihn schon immer interessiert. „Und jetzt, wo die Bücher sich ganz gut verkaufen, hab ich gedacht, ich kann mir das mal gönnen“, erzählt er. Ein neues, teures Auto hat er sich trotz Millioneneinnahmen nicht geleistet. Sein Geld, sagt er, gibt er lieber für etwas Sinnvolles aus. P SYC HOLOG IE HEU TE Sie haben zwei Romane über Leo und Emmi geschrieben, ein Paar, das zwei Jahre lang nur über Mails kommuniziert, ohne sich je zu sehen. Was haben Sie durch das Schreiben über Nähe und Distanz in Beziehungen gelernt? DA N I E L G L AT TAU E R Vor allem über Nähe habe ich viel erfahren: dass sie zwischen zwei Menschen auch entstehen kann, obwohl sie sich nicht sehen, sondern nur über das geschriebene Wort kommunizieren. Trotzdem wird ihr Interesse aneinander immer größer, die Beziehung verlässlicher und tiefer, die beiden flirten und streiten per Mail und versöhnen sich wieder. Dass das funktioniert, hat mich während des Schreibens selbst überrascht. P H War es von Anfang an geplant, dass die beiden Protagonisten sich nur per E-Mail begegnen? G L AT TAU E R Nein. Ich fand es zeitgemäß, dass die beiden sich per Mail kennenlernen, wollte aber, dass sie sich bald persönlich treffen. Aber dann merkte ich beim Schreiben, dass die Spannung, die durch das Nichtsehen entstand, so

groß wurde, dass ich einfach so weitermachte. Als zwei Drittel des Buches fertig waren, dachte ich immer noch, dass die beiden sich jetzt bald treffen, zögerte es aber immer weiter hinaus. Irgendwann war ich am Ende der Geschichte, suchte einen würdigen Abschluss – und entschied schließlich, dass Leo und Emmi sich gar nicht sehen. P H Kann man sich denn tatsächlich allein über die Magie der Worte in jemanden verlieben oder sogar spüren, ob man wirklich zusammenpasst? G L AT TAU E R Doch, ich glaube, das ist eine realistische Möglichkeit. Vielleicht sehe ich das auch nur so, weil ich Autor bin. Aber ich finde schon, dass sich über das geschriebene Wort der Gleichklang von zwei Menschen zeigen kann. Meine beiden Protagonisten sind ja eigentlich sehr verschieden: Emmi ist offensiv, zynisch, schnell beleidigt, Leo ist vorsichtiger, freundlicher. Trotzdem gibt es in Ton, Witz und Rhythmus der Sprache viele Parallelen – und das spüren beide von Anfang an. P H Klappt das nur im Roman, oder kann man auch in den Mails, die wir im Alltag bekommen, etwas über die Menschen, die uns schreiben, erfahren? G L AT TA U E R Ich habe anfangs Unmengen von Mails von Lesern bekommen. Viele waren inhaltlich ähnlich. Trotzdem gab es große Unterschiede. Viele Nachrichten waren freundlich, aber auch irgendwie neutral. Und dann gab es immer mal wieder Mails dazwischen, da spürte ich, es wird Neugier geweckt, ich würde gern wissen, was das für ein Mensch ist, der mir da schreibt. Obwohl ich nicht bewusst sagen könnte, was mich angesprochen hat. Ich denke, es hat etwas mit Formulierungen zu tun, mit Sprachwitz, mit Leichtigkeit. Also eigentlich ähnlichen Zutaten wie in Gesprächen, in denen die Chemie stimmt. P H Wie haben Sie es beim Schreiben geschafft, dass die beiden sich mit Worten berühren und treffen? Haben Sie versucht, besonders eloquent und pointenreich zu schreiben?


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Im nächsten Heft T I T E LT H E M A

Unser Kind, das fremde Wesen Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, heißt es. Aber manchmal tut er es doch. Wie gehen Eltern damit um, wenn ihr Kind so ganz anders ist als sie selbst? Wenn es autistisch, gehörlos, geistig behindert oder auf andere Weise „besonders“ ist? Der amerikanische Autor Andrew Solomon hat betroffene Familien untersucht – und kommt zu bewegenden Erkenntnissen.

Keine leichte Übung: Körpersprache richtig deuten Wenn uns jemand mit verschränkten Armen gegenübersitzt – ist der dann unsicher und verklemmt? Oder will er sich abgrenzen? Und was bedeutet es, wenn jemand mit „breiter Brust“ und hocherhobenem Kopf einen Raum betritt? Fühlt er sich wirklich mächtig, oder will er uns nur beeindrucken? Die Körpersprache ist komplex und nicht immer einfach zu deuten. Ein und derselbe Körperausdruck kann sehr unterschiedliche Botschaften vermitteln.

„Du verstehst mich einfach nicht!“ Wie Paare besser miteinander reden können Sie lieben sich – aber sie reden dennoch aneinander vorbei. Sie missverstehen sich. Sie haben keine Ahnung, was der andere eigentlich will: Die misslingende Kommunikation von Paaren ist häufig der Grund für chronischen Beziehungsstress oder sogar Trennungen. Aber es ist nie zu spät, die Kunst des Miteinanderredens zu erlernen.

Frauen: erfolgreich, aber führungsscheu? Nie hatten Frauen so gute Chancen für den Aufstieg wie heute. Dennoch schaffen es nach wie vor nur wenige in Spitzenpositionen. Mangelt es ihnen an der nötigen Motivation zur Führung, wie neue Studien nahelegen? Und kann gezieltes Training das ändern? Außerdem: ■ Wie wird man hundert – und wie lebt man dann? ■ Schuld? Sind immer nur die anderen! ■ Wie funktioniert Psychotherapie per Internet?

D I E D E Z E M B E R AU SG A B E VON P S YCHOLOGIE HEUTE E R SC H E I N T A M 13 . N OV E M B E R PSY C HO LO G I E H EUTE

Nove mbe r 2013


Psychologie Heute 11/2013 Leseprobe  

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