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4 In diesem Heft

Titelt hema Funkstille Wenn Kinder sich von den Eltern abwenden Viele Eltern stellen früher oder später fest, dass ihr herangewachsenes Kind sich nicht ganz so entwickelt hat, wie sie es erhofft hatten. Diese Desillusionierung ist normal und vielleicht sogar nötig. Doch manchmal geht die Entfremdung weit darüber hinaus, und zwischen den Generationen tut sich eine Kluft auf, die Gespräche unmöglich macht. Bisweilen bricht der Kontakt ganz ab – ein Zustand, an dem vor allem die Eltern schwer zu tragen haben. Der Weg zur Versöhnung erfordert Opfer, kann aber gelingen.

20

Maryse Vaillant, Sophie Carquain

Was haben wir nur falsch gemacht? ■

34 40

66

Franz M. Wuketits

Wie viel Unvernunft braucht der Mensch? ■

60

Edward Hoffman

72

Boris Hänssler

Wissenschaftskritik: Weiß, gebildet, Versuchsperson

John Eastwood im Gespräch

„Langeweile signalisiert: Wir müssen etwas verändern“

„Wir können uns ein politisches Patt nicht leisten!“ ■

46

Dieter Frey im Gespräch

Freudentränen: Heul doch mal wieder!

Anna Gielas

Hat Langeweile einen Sinn? ■

28

Jochen Paulus

Wahlverhalten: Einmal CDU, immer CDU? ■

26

Brigitta Kress

Hausangestellte: Und wer putzt für Sie? ■

Annette Pehnt im Gespräch

„Ich wollte zu viel von meiner Mutter“ ■

20

Heike M. Buhl

Bleibt man immer das Kind? ■

76

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PSYCH O LO G I E H EUTE Ok tobe r 2013


In diesem Heft 5

Vom Sinn der Langeweile

Welche Partei passt zu mir?

Langeweile ist ein unattraktiver Gemütszustand. Doch es kommt darauf an, wie wir mit ihm umgehen. Wenn wir uns langweilen, neigen wir dazu, auf die Suche nach Sinn und Bedeutung zu gehen. Das ist eine verunsichernde Erfahrung – und eine Chance, daran zu wachsen.

Und wem geben Sie am 22. September Ihre Stimme? Welcher Partei und welchem „Lager“ wir uns verbunden fühlen, hat verblüffend viel mit den Grundfesten unserer Persönlichkeit zu tun – etwa dem Hang zur Eindeutigkeit oder der Offenheit gegenüber Neuerungen. Das macht es nicht leichter, sich politisch zu verständigen.

40

8 Themen & Trends

34

52 Gesundheit & Psyche

Selbstüberschätzung: Zu allem eine Meinung

Brustoperiert: Enthüllungen vor der Kamera

Burnout: Die zweifelhafte Diagnose

Jungleser: Im Alter geistig fitter

Tigermütter: Vergeblicher Ehrgeiz

Teufelskreis: Schlaflose grübeln mehr

Sportler: Selbstverliebt zum Erfolg

Psychosen: Den Gefühlsstress therapieren

Und weitere Themen

Und weitere Themen

Rubriken 6 8 19 52 82 93 94 95

Briefe Themen & Trends Impressum Gesundheit & Psyche Buch & Kritik Cartoon Im nächsten Heft Markt

82 Buch & Kritik ■

Demenz: „In Ruhe verrückt werden dürfen“

Narzissmus: Ich, icher, am ichesten

Abgespeist: Armut inmitten des Reichtums

Im besten Alter: Mit 50 bauen wir noch lange nicht ab

Und weitere Bücher


20 Titel

PSYC H O LO G I E H EUTE

Ok tobe r 2013


Titel 21

Was haben wir nur falsch gemacht? Erwachsene Kinder können für ihre Eltern eine enorme Belastung sein: Sie konfrontieren sie mit Vorwürfen, entziehen sich oder verweigern den Kontakt völlig. Ärger und Verbitterung sind die Folge. Gibt es einen Ausweg? Gelingt es den Generationen, trotz vieler Verletzungen wieder zueinanderzufinden? ■

I L L U S T R AT I O N E N : PAT R I C S A N D R I

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as Familienleben ist reich an Lachen und Tränen und Leiden. Man liebt einander, man kann einander nicht ausstehen, man verletzt sich gegenseitig, man versucht, miteinander zu leben, ohne allzu verbissen zu kämpfen, und sich zu trennen, ohne sich ganz aus den Augen zu verlieren. In diesem komplexen Gefüge ist der Platz der Eltern nicht immer einfach, ebenso wenig wie die Beziehung, die sie zu jedem ihrer Kinder unterhalten. Keine Mutter und kein Vater ist gänzlich frei von negativen Gefühlen. Kinder werden nie zu dem, was man von ihnen erwartete; sie erfüllen nicht die Träume älterer Generationen, sind nicht immer dankbar, treu und loyal. Man weiß das alles, aber das verhindert nicht, dass man darunter leidet. Irgendwann im Laufe ihres Lebens leiden alle Eltern. Viele zeigen das nicht und geben es nicht zu. Sie zwingen sich, Haltung zu bewahren, und tragen eine Maske des Gleichmuts, hinter der sich ihre geheime Unzufriedenheit verbirgt. Denn wenn auch jeder bereitwillig zugibt, dass die Elternrolle nicht immer befriedigend ist, so wagen es doch nur wenige, ihre Enttäuschung einzugestehen. Jeder glaubt, allein von einem Problem betroffen zu sein, das in WirklichPSYCHOLOGIE HEUTE

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Maryse Vaillant, Sophie Carquain

keit alle haben. Eine Art Scham scheint die enttäuschten, die verletzten Eltern zurückzuhalten. Wenn man seine Kinder offen kritisiert, gilt man in den Augen der anderen als verbittert und kommt sich selbst unfähig vor, wie ein schlechter Vater oder eine schlechte Mutter. „Ich bin begeistert darüber, wie mein Sohn sich entwickelt, er übertrifft in jeder Hinsicht meine Erwartungen“, erklärt eine Mutter. „Aber meine Tochter … wie soll ich es ausdrücken? Sie war nie mit mir auf einer Wellenlänge. Ich konnte es ihr nicht wirklich übelnehmen, fühlte aber, dass eine zunehmende Distanz zwischen uns entstand. Ich wollte sie selbständig und unabhängig – sie ist einsam. Ich hoffte, dass sie mutig werde – sie ist waghalsig. Ich vertraute ihr – sie bestahl mich. Das allein war schon schwierig zu akzeptieren, aber jetzt lässt sie alles fallen, um diesem Nichtsnutz, einem richtigen Ganoven zu folgen! Sie bricht sämtliche Brücken zu uns ab und schleudert mir ins Gesicht, ich habe immer ihren Bruder vorgezogen. Das ist unerträglich und ungerecht.“ Alle Eltern haben früher oder später den Eindruck, in ihrem herangewachsenen Kind nicht das bestätigt zu finden, was sie von ihm erwartet haben, als es

noch klein war. Das ist alltäglich und liegt in der Natur der Dinge. Die Enttäuschung gehört zum bitteren Beigeschmack des Elternseins. Es ist eine schmerzhafte, aber notwendige Desillusionierung, weil sie dem Kind erlaubt, eigene Schritte zu gehen, wodurch es die wundervollen überraschenden Aspekte seiner Andersartigkeit entdeckt. Hier geht es aber nicht um diese üblichen Frustrationen, welche die Elternrolle zwangsläufig mit sich bringt. Es geht vielmehr darum, was das Kind aus seinem Leben macht: Es geht um seine Entscheidungen, seine Liebesbeziehungen oder seine Arbeit, seinen Charakter, seine Misserfolge oder seine Erfolge. „Mein Sohn hat sich verändert, er ist durch andere Menschen ein anderer geworden. Das hätte ich bei ihm nie für möglich gehalten! Das passt nicht zu ihm, das entspricht nicht seinem Wesen.“ So sprechen Eltern über einen Sohn, der sie enttäuscht hat. Müssen die Eltern feststellen, dass ihr Kind einen bedenklichen Kurs eingeschlagen hat, sind sie oft fassungslos. Sie sind unfähig, die Entscheidungen, Gedanken oder Reaktionen ihres Kindes zu verstehen, und fühlen sich deshalb von der Situation überfordert, selbst wenn sie noch so tolerant sind. Sie wür-


28 Titel

„Ich wollte zu viel von meiner Mutter“ Annette Pehnt erkundet in ihrem Buch Chronik der Nähe die Mutter-Tochter-Beziehung über drei Generationen hinweg. Am Sterbebett der Mutter lässt die Ich-Erzählerin die Geschichte von Großmutter, Mutter und Tochter mit all ihren Tiefen und Untiefen lebendig werden. Dass viel Autobiografisches in dem Buch steckt, ist schnell geklärt. Jedes Buch sei in gewissem Maße autobiografisch, meint Pehnt, weil der Autor, das, was er schreibt, während des Schreibens tatsächlich erlebe

P S YC H O L O G I E H E U T E Frau Pehnt, sind Sie lieber Mutter oder Tochter? A N N E T T E P E H N T Ich bin lieber Mutter. Ich finde es einfacher, Mutter zu sein. Das ist aktiver. Als Tochter muss ich den Ball aufnehmen, der mir zugespielt wird. Tochter sein ist eher so … ein Ringen. P H Frauen sind heute frei, die Mutterrolle zu wählen. Die Generation der in Ihrem Buch beschriebenen Großmutter, auch der Mutter der Erzählerin hatte diese Möglichkeit noch nicht. P E H N T Das ist richtig. Wir können uns heute mehr oder weniger ein Lebenskonzept aussuchen, in das die Mutterrolle hineinpasst. Ich wollte immer Mutter sein und Töchter haben. Und so kam es dann auch, ich habe drei Töchter. Die Mutter der Erzählerin in meinem Buch, Annie, in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine junge Frau, möchte eigentlich keine Kinder, wird dann aber durch die gesellschaftlichen Erwartungen in die Mutterrolle hineingedrängt.

Was hat Sie an dem dynamitgeladenen Mutter-Tochter-Thema gereizt? P E H N T Ich bin eigentlich keine Autorin, die sehr biografisch arbeitet, aber in diesem Fall setzt das Buch das Gespräch mit meiner Mutter fort, das abgerissen ist, weil sie – nicht sehr alt – gestorben ist. Zu ihren Lebzeiten hat ein solches großes Gespräch zwischen uns nicht stattgefunden. Ich wollte das zwar, dachte aber immer, ich hätte noch ewig Zeit. Und dann war sie plötzlich weg. Da wurde mir klar, das Gespräch muss ich trotzdem führen, es gibt keinen Weg daran vorbei. P H Damit ist die Frage nach dem autobiografischen Aspekt schon beantwortet. P E H N T Eigentlich ist diese Frage nicht wichtig, weil das Buch für sich selbst steht. Aber es gibt auch keinen Grund zu verstecken, dass es hier um eine eigene Auseinandersetzung geht. Allzu öffentlich mache ich natürlich intime Aspekte nicht, schon aus Respekt vor PH

Annette Pehnt, geboren 1967 in Köln, studierte Anglistik, Keltologie und Germanistik an den Universitäten in Köln, Galway, Berkeley und Freiburg im Breisgau. Ihr Studium schloss sie 1994 mit dem Magistergrad und dem ersten Staatsexamen ab; 1997 folgte die Promotion an der Universität Freiburg mit einer Arbeit zur irischen Literatur. Seit 1992 lebt Annette Pehnt, die verheiratet und Mutter von drei Kindern ist, als Schriftstellerin in Freiburg im Breisgau; sie lehrt seit 2007 auch an der dortigen Pädagogischen Hochschule. Annette Pehnt wurde für ihr schriftstellerisches Werk vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Thaddäus-Troll-Preis und dem Italo-Svevo-Preis.

PSYC H O LO G I E H EUTE

Ok tobe r 2013


F O T O S : P E T E R P E I T S CH

Titel 29

meinen Eltern. Diese Auseinandersetzung ist jetzt vielleicht noch nicht ganz abgeschlossen, aber die Dringlichkeit hat sich gelegt. P H Weil Sie eine Form dafür gefunden haben? P E H N T Ja. Die Formgebung ist das Wesentliche. Ich habe versucht, eine bestimmte literarische Form zu erreichen, und dabei hatte die Form selbst auch wieder Einfluss auf meinen Blick auf den Stoff. Die intensive formale Arbeit, die den Dingen Gestalt gibt, macht sie begreif barer. Es stellt sich ein neues Verstehen ein, auch eine Art distanzierteres Verstehen. Ich war sozusagen die Komponistin und habe das eigene Ma-

terial neu arrangiert. Indem man etwas möglichst genau in Worte fasst, wird es klarer, weniger diffus und dadurch auch weniger bedrohlich und beängstigend. P H Wie sind Sie darauf gekommen, die Geschichte auf drei Generationen anzulegen? Was sich daraus an Erkenntnis ergibt, ist für mich fast der größte Gewinn bei der Lektüre gewesen. P E H N T Zum einen war es wieder der biografische Blick. Meine Großmutter war eine sehr präsente Erscheinung, voluminös in jedem Sinne. Zum andern war mir intuitiv immer klar, dass sich solche Beziehungen wie die MutterTochter-Beziehung nicht auf eine Ge-

neration begrenzen, sondern sich nach unten und oben weiter fortsetzen. Das ist theoretisch banal, war aber in meinem Leben sehr sichtbar – wie die Frauen in unserer Familie aufeinander reagierten, wie sie aufeinander eingespielt waren. Das konnte ich sogar körperlich spüren. Es geht ja immer auch um diese Übersetzungsprozesse von der einen Generation in die nächste, die sich oft nonverbal abspielen. Für mich ist Geschichtlichkeit ein sehr körperliches Gefühl. Ich spüre regelrecht körperlich, dass ich immer vernetzt bin, im Leben wie im Schreiben, verbunden mit denen, die mir vorausgingen. Es ist gar nicht so sehr ein Blick „nach hinten“ – was ver-


40 Emotion

Hat Langeweile einen Sinn? Langeweile ist nicht harmlos – sie ist ein Stresszustand. Dennoch sollten Betroffene nicht dagegen ankämpfen. Wer den Leerlauf akzeptiert, kann neue Energie daraus gewinnen und ihn für Selbstreflexion nutzen ■

Anna Gielas


Emotion 41

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ichts sei dem Menschen so unerträglich wie Langeweile, befand einst Blaise Pascal. Der gelangweilte Mensch fühle „das Nichts, seine Verlassenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere.“ Der französische Denker stand mit seiner Meinung nicht allein da. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard schrieb: „Was Wunders denn, dass alles Üble mehr und mehr um sich greift, sintemal die Langeweile zunimmt und Langeweile eine Wurzel allen Übels ist.“ Anders als in philosophischen Werken tauchte Langeweile lange Zeit nur selten als Thema psychologischer Literatur auf. Zwar hat der Amerikaner Joseph Ephraim Barmack sie als einer der Ersten bereits in den 1930er Jahren experimentell untersucht. Er glaubte, sie rühre von einem Mangel an äußeren Stimuli. Doch zwischen 1926 und 1980 kam im Durchschnitt weniger als ein wissenschaftlicher Artikel pro Jahr zu dem Thema heraus. So blieb die Gemütsverfassung ungenau beschrieben und kaum eingegrenzt. Die dazu vorliegenden Überlegungen lassen sich zu vier Konzepten zusammenfassen: Dem psychodynamischen Konzept zufolge setzt Langeweile ein, wenn der Mensch unfähig ist, sich seiner Wünsche bewusstzuwerden. Diese Wünsche stellen eine Bedrohung dar und werden deshalb verdrängt. Zwar sucht die Person nach einer Ersatzbefriedigung in ihrem Umfeld, scheitert jedoch zwangsläufig. Beim existenziellen Konzept gibt es gewisse Parallelen zu dem philosophischen Verständnis der Langeweile. JeanPaul Sartre und andere existenzialistische Denker formulierten es Mitte des 20. Jahrhunderts. Demnach fühlt sich ein Mensch reiz- und antriebslos, weil er kein Ziel besitzt und keinen Sinn im Streben sieht. Diese Art der Öde taucht nicht bloß ab und zu auf. Sie ist ein Dauerzustand, ja ein Lebensumstand. Vertreter der sogenannten Arousal Theory nehmen an, dass Langeweile eintritt, weil es im Umfeld nicht genug sti-

PSYCHOLOGIE HEUTE

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mulierende Reize und interessante Anknüpfungsmöglichkeiten gibt. Anhänger des kognitiven Erklärungsansatzes sehen es genau umgekehrt: Die Langeweile geht nicht von der Umwelt aus – sondern vom Individuum. Sie sprechen dabei der Aufmerksamkeit eine Schlüsselrolle zu. „Aufmerksamkeit ist der kognitive Prozess, mithilfe dessen wir sowohl mit der Außenwelt als auch mit unserer Innenwelt in Austausch treten – so liegt es nahe, dass sie im Kern einer Definition von Langeweile liegen muss“, sagt der kanadische Psychologe John Eastwood. Gemeinsam mit Kollegen hat er im Fachjournal Perspectives on Psychological Science folgende Definition vorgeschlagen: „Langeweile ist der unerfüllte Wunsch nach befriedigender Tätigkeit. Ihr Ursprung liegt in der Unfähigkeit, unsere Aufmerksamkeit erfolgreich auf etwas zu bündeln.“ Dass wir hin und wieder nichts mit uns anzufangen wissen, liegt also offenbar an fehlgesteuerter Konzentration. Wenn die Gedanken wandern: Langeweile kann kreativ sein

Eastwood beruft sich unter anderem auf ein Experiment von Robin Damrad-Frye und James Laird an der amerikanischen Clark University aus dem Jahre 1989. Damals wurden Probanden aufgefordert, dem Vorlesen eines Artikels zu lauschen und sich den Inhalt zu merken. Die Wissenschaftler ließen während des Versuchs nebenan einen Fernseher laufen. War der Apparat laut geschaltet, reagierten die Probanden frustriert: Sie konnten sich nur schwer konzentrieren und machten die Lautstärke des Fernsehers dafür verantwortlich. Unerwartetes geschah, als die Forscher bei anderen Freiwilligen das Fernsehgerät leiser stellten. Auch hier wurde die Aufmerksamkeit der Probanden unterbrochen. Aber während im ersten Teil der Studie der Störfaktor auf der Hand lag, war er im zweiten weniger auffällig – und die Teilnehmer erklärten sich ihre schwächelnde Aufmerksamkeit nunmehr mit Langeweile. „Bereits subtile Ablenkung und


46 Hausangestellte

Und wer putzt für Sie? In vielen Haushalten sind sie unentbehrlich geworden: Arbeitsmigrantinnen betreuen Kinder und pflegen alte Menschen. Oft identifizieren sie sich stark mit „ihren“ Familien und entwickeln emotionale Bindungen. Was aber ist mit ihrem eigenen Leben? Wie bewältigen sie zum Beispiel die Trennung von ihren Kindern? ■

Brigitta Kress

F

rau Baumgarten wurde 92 Jahre alt. Die Nachbarn kannten die stets gut gekleidete Frau über lange Zeit hinweg nur in Begleitung freundlicher und hilfsbereiter Damen. Diese sprachen kaum Deutsch, waren eher schlecht gekleidet und wichen nicht von ihrer Seite. Letztes Jahr sah man Frau Baumgarten nur noch selten, aber die Damen wechselten häufiger. Die freundlichen Damen nennt man in der Fachsprache Live-Ins. Sie kommen oft aus osteuropäischen Ländern, vermehrt auch aus Asien, haben dort meist eine eigene Familie zu versorgen und ergänzen das private und öffentliche Familien- und Betreuungssystem um wesentliche Ressourcen. Sie wohnen bei den Pflegepersonen und garantieren für eine 24-Stunden-Rundumbetreuung inklusive Haushaltshilfe und persönlicher Gesellschaft. Sie verdienen etwa 800 bis 1500 Euro pro Monat bar und befinden sich zumeist in einem ungeschützten Arbeitsverhältnis. Die Vermittlung erfolgt über Internet oder persönliche Empfehlungen. Im Vergleich dazu kostet eine angestellte qualifizierte Kranken- und Altenpflegerin zwischen 3000 und 5000 Euro und ein 24-StundenService in drei Schichten mindestens 13 000 Euro. PSYC H O LO G I E H EUTE

Ok tobe r 2013


F O T O S : D E T L E F B A LT R O CK

Hausangestellte 47

Die Dunkelziffer auf diesem Arbeitsmarkt ist hoch. Es gibt nur ungefähre globale Statistiken. Laut einer aktuellen Nachricht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, arbeiten „mindestens 52 Millionen Menschen auf der Welt, die meisten davon Frauen, als Hausangestellte. 45 Prozent aller Hausangestellten haben nicht einmal das Anrecht auf einen freien Tag in der Woche.“ Ihre medizinische Versorgung ist nicht gesichert, obwohl sie schwere körperliche Arbeit verrichten. Ihre Wohnsituation ist kompliziert, denn ihre Abgaben für eine Zimmermiete sind oft überhöht, und viele bevorzugen es deshalb – und aus Sicherheitsgründen in einer fremden Umgebung –, in den Arbeitgeberfamilien zu wohnen. Seit 1990 hat sich die Anzahl der Hausarbeiterinnen weltweit um 19 Millionen erhöht. 720 000 Arbeitsmigrantinnen arbeiteten nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes im Jahr 2012 in Deutschland, das sind etwa 20 000 mehr als die Einwohnerzahl von Frankfurt am Main. Ausländische Haushaltshilfen sind für viele Familien die optimale, flexible Lösung für die modernen Koordinationsprobleme. Sie überbrücken die Lücken im täglichen Familienablauf, damit Beziehungen wieder den zeitlichen Raum erhalten können, den sie zu ihrer Stabilisierung brauchen. Und sie bringen oft eine fürsorgliche und emotionale Qualität in die Familien hinein, die viele nur noch aus den Erzählungen der Mütter oder Großmütter kennen. Ihre eigene Person bleibt jedoch nicht nur statistisch unsichtbar, es ist auch wenig über die psychosoziale Situation dieser Frauen bekannt. Die Sozialwissenschaftlerin Agniezka Satola hat in ihrer Studie über die Biografie und Professionalität polnischer illegal beschäftigter Arbeitsmigrantinnen geschrieben: „Die Frauen üben eine Tätigkeit aus, die keinerlei Anerkennung in der Gesellschaft findet, körperlich anstrengend ist und vor allem

bis in die Intimsphäre der Klientinnen reicht. Das Erleben von Marginalität und Ausbeutung wird durch biografische Risiken und Leiden aufgrund von Einsamkeit, beschränktem Austausch mit der Außenwelt, Isolation, Kommunikationslosigkeit und Sehnsucht nach der Familie sowie durch das Gefühl der vergehenden Zeit, in der sie ihre eigene Identität nicht entfalten können, verstärkt.“ Arlie Russell Hochschild, Professorin für Soziologie an der University of California in Berkeley, hat die Haushaltsmigrantinnen, die ihre Dienstleistung im Schutz- und Schonraum Familie erbringen, als „Gefühlsarbeiterinnen“ bezeichnet. „Dabei handelt es sich vor allem um eine Gefühlsarbeit, die das Wohlbefinden und den Status anderer unterstützt, verstärkt und aufwertet.“ Von der empathischen und emotionalen Leistung der Migrantin hängen ihr Arbeitsplatz und damit ein Großteil des Wohles ihrer Familie ab. Äußerlich besteht ihre Leistung aus praktischen Versorgungstätigkeiten. Innerlich muss sie ein vielschichtiges NäheDistanz-Verhältnis meistern und damit den Spagat zwischen Eigenund Fremdfamilie. Um sich nicht als schlechte Mutter fühlen zu müssen, die ihre Kinder verlassen hat, wird die

Tätigkeit für die Fremdfamilie oft idealisiert. Satola schreibt dazu: „Als Kompensationsmechanismus schreiben die Frauen, um ihren Selbstwert zu erhöhen und weil sie ihre Arbeit als sinnhaft empfinden, dieser Tätigkeit eine hohe humanistische Bedeutung zu. (…) Aus Sicht der Frauen ist diese Idealisierung ihrer Tätigkeit der einzig sinnvolle Schritt, da andernfalls sowohl der Sinn als auch ihre Selbstachtung gefährdet wären.“


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Gesundheit & Psyche R E DA K T I O N : T H O M A S S A U M - A L D E H O F F

Heilsame Enthüllungen Die Brust – Symbol für Weiblichkeit und Erotik. Muss sie operiert oder entfernt werden, verzweifeln Frauen oft an ihrem Körperbild. Für die Wanderausstellung „Veränderungen“ haben zehn Frauen vor der Kamera posiert und ihre Attraktivität wiederentdeckt

Versehrt – und schön: Die Wanderausstellung „Veränderungen“ ist in Kliniken und Beratungszentren zu sehen


Gesundheit & Psyche 53

„Aufgabe des Fotografen ist, die schönen Seiten zu finden“, Zwei Jahre hat sie ihren Körper „versteckt, getarnt, kaschiert“. Wie er unter der Kleidung aussah, war ihr Geheimnis. Mit erläutert Zerbes seine Philosophie. Er habe den Frauen zei43 Jahren überfällt sie zum ersten Mal die Diagnose Krebs, gen wollen, dass sie „trotz Narben und Problemzonen weibdann ein zweites Mal, doch es geht glimpflich aus. 18 Jahre lich sind und Sexappeal haben“. So strahlen die Akte eine später kommt der Schock: Sie muss eine Brust dem Überle- ästhetisch inszenierte Sinnlichkeit aus, die kaum körperliche ben opfern, sich mit einer langen Narbe an deren Stelle an- Einbußen erkennen lässt. Manchem mag das zu viel des Gufreunden. „Ich konnte kaum hinschauen“, erinnert sich In- ten erscheinen, obwohl ausschließlich mit Lichtund-Schatge Wuthe aus Köln. Sie fühlt sich unvollständig, tief gekränkt ten-Effekten gearbeitet und nicht retuschiert wurde, wie der Fotograf betont. in ihrer Weiblichkeit. Die Wirkung bei den Modellen ist eindeutig: Die Aktion Welten scheinen zwischen diesem Gefühl und dem befreiten Lachen über bloßem Oberkörper zu liegen, das sie in hat sie beflügelt, angefangen von der Visagistin, die sie frider Ausstellung mit dem Titel Veränderung zeigt. Zehn groß- siert und geschminkt hat, über das Spiel mit Fächern, Perlen, Tüchern und Dessous bis zu den formatige Aktfotos und eine digitaüberwältigenden Ergebnissen. „Ich le Bildershow von Frauen um die „Ich gehe sehr aufrecht. gehe sehr aufrecht. In mir ein überdreißig bis Anfang sechzig wandern In mir ein übermütig mütig hüpfendes Selbstbewusstsein“, seit dem Debüt in der Kölner Unischreibt Inge Wuthe. Nach dem Foversitätsklinik durch Kliniken und hüpfendes toshooting hat sie ihre eigene VerBeratungszentren weiter. Wie Texte bannung aufgehoben, war erstmals zu den Bildern verraten, haben die Selbstbewusstsein“ wieder in der Sauna. „Ich fand endPorträtierten zumeist eine Brustlich den Mut, mich zuzumuten“, krebserkrankung erlitten. „Der psychische Schock ist bei Frauen mit Brustkrebs be- freut sie sich. Andere sehen die Bilder als „Kraftquelle“ oder sonders ausgeprägt“, sagt Susanne Ditz, Psychoonkologin als „befreienden Schritt in einen neuen Lebensabschnitt“. Aus psychologischer Sicht sind das geradezu therapeutian der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg. Die Veränderung des Körperbilds erschüttere das weibliche Selbstver- sche Erfolge. „Eine ressourcenorientierte Psychoonkologie ständnis, die weibliche Identität und Sexualität. Eine Folge arbeitet mit positiven Gefühlen und Interventionen, die das sei vielfach der „Tunnelblick“, bei dem der Verlust fokussiert Selbstwertgefühl stabilisieren“, erläutert Ditz, die sich im werde und alles andere „emotional wie hinter einer Wand“ Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe engagiert. Aber auch auf liege. So etwa erging es auch der heute 39-jährigen Melanie Helfer kann die Palette sinnlich-erotischer Körperansichten Gehring-Decker, nachdem sie mehrere Operationen mit teils entlastend und inspirierend wirken, wie eine Psychotheraenttäuschendem Ergebnis hinter sich hatte. „Ich habe nur peutin im Bildband erläutert. Sie bekennt: „Auch Therapeunoch meine Narben gesehen“, erzählt sie. Bis ihr Mann, um ten brauchen Bilder, um ihren Patientinnen wieder zu einem seine niedergeschlagene Frau zu trösten, auf eine Idee kam: positiven Körpergefühl verhelfen zu können.“ Er schenkte ihr eine Sitzung bei dem Fotografen Gerhard ■ Leonie von Manteuffel Zerbes, den er persönlich kannte. Monate und Jahre nahm Mehr zu dem Projekt auf der Website www.veraenderung.net. sie innerlich Anlauf. Dann aber verlor sich ihre Befangenheit Dort wird auch der Bildband zur Ausstellung angeboten. umso schneller. „Schon während des Fotoshootings merkte „Veränderung“ auf Tour ich, wie sich meine Haltung besserte, wie schön ich mich 23. September bis 21. Oktober 2013 Klinikum St. Marien Amberg, Onkologisches Zentrum wieder fühlte, wie stark und selbstsicher ich wurde“, berich- Mariahilfbergweg 7, 92224 Amberg tet sie in einem Bildband zur Ausstellung. Accessoires wur- www.klinikum-amberg.de den ausprobiert; Zerbes zeigte ihr erste Aufnahmen am Bild- 31, Oktober bis 22. November 2013 St.-Elisabeth-Krankenhaus Köln-Hohenlind (Brustzentrum) schirm. Verblüfft erkannte sie, wie „anders“ sie dort aussah. Werthmannstraße 1, 50935 Köln So kam der Wunsch auf, weiteren krebsgeschädigten Frauen www.hohenlind.de das heilsame Erlebnis zu ermöglichen und zu einem offenen 28. November 2013 bis 13. Januar 2014 Klinikum-Brustzentrum Kassel, Mönchebergstraße 41–43, 34125 Kassel Umgang mit der Krankheit beizutragen. Das Projekt „Ver- www.klinikum-kassel.de änderung“ war geboren. Weitere Termine: www.veraenderung.net/ausstellung_mehr_Termine.html P S YC H O L O G I E H E U T E

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60 Sozialpsychologie


Sozialpsychologie 61

„Wir können uns ein politisches Patt nicht leisten!“ Der Münchner Arbeits- und Sozialpsychologe Dieter Frey macht die Erkenntnisse seines Fachs nicht nur seinen Studenten, den Kollegen im Wissenschaftsbetrieb und Führungskräften aus der Wirtschaft zugänglich. Er entdeckt in der Politik einen immensen Nachholbedarf an psychologischem Know-how. Ein Angebot zur Bundestagswahl und danach

Herr Professor Frey, haben Sie politisch die Seiten gewechselt? D I E T E R F RE Y Nun, ich bin ein Mensch, der sich selbst immer wieder kritisch auf die Probe stellt. Das ist mir ein Bedürfnis und ein Prinzip – auch in meiner beruflichen Arbeit als Forscher, als Dozent, als Berater von Unternehmen und Organisationen und als Trainer: Ich praktiziere Selbstreflexion; ich gleiche den Status meiner Ziele und Überzeugungen ab mit meinen eigenen Maßstäben und mit einer sich ständig verändernden Umgebung. Und ich empfehle das auch dringend meinen Studenten oder Klienten, also etwa Führungskräften in der Wirtschaft oder Professoren an der Münchner Universität: Prüft euch! Stellt euch infrage! Fordert andere auf, euch zu kritisieren! Besinnt euch! Reflektiert! Aber wie Sie von solchen Prinzipien auf den Gedanken kommen, ich könnte politisch das Lager gewechselt haben, ich könnte überhaupt einem Lager zuzuordnen sein – das müssten Sie mir schon etwas näher erläutern. P H Da waren zwei Interviews, zwischen denen sich offenbar eine Menge an Ihrem politischen Weltbild getan hat. Im ersten, 2008 im Manager Magazin erP S YC H O L O G I E H E U T E

PSYCHOLOGIE HEUTE

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schienen, bezeichnen Sie es neben einer wachsenden Zahl von Nichtwählern als weiteren Beleg für Politikverdrossenheit, dass viele Menschen die Linken wählen. Im zweiten, 2011 in einem Münchner Kulturmagazin erschienen, beziehen Sie sich auf einen Artikel von Frank Schirrmacher, der in der Frankfurter Allgemeinen grübelte: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“ – und schließen sich dem an, sinngemäß: Ich beginne zu glauben, dass Schirrmacher recht hat. Das ist doch ein Kurswechsel, oder? F R E Y Könnte man so sehen. Aber – warum eigentlich nicht? Schirrmacher hat da ja auch eine ganz ordentliche Strecke zurückgelegt. Und denken Sie an die Kurswechsel, die wir in der Politik erlebt haben: die Affäre zu Guttenberg, in der die ach so redlichen Bürgerlichen plötzlich als schäbige Betrüger dastanden. An die Atompolitik nach Fukushima, für die alle vermeintlichen Sicherheiten nichts mehr galten. Für einen Konservativen – der ich, nebenbei, nie war – stürzte da ein ganzes Überzeugungssystem zusammen. Plötzlich sagte selbst die Kanzlerin: „Atomkraft, nein danke!“ Oder denken Sie an die Turbulenzen im Finanzmarkt, den Absturz

der Mittelschicht, die erkennbar und rapide sich vergrößernde Kluft zwischen Armut und zynischem Reichtum. Da fragt sich wohl jeder, ob der Markt wirklich alles so perfekt regelt. Genau das war uns immer wieder vorgebetet worden, und viele hatten es zur Prämisse ihres Weltbildes erhoben. Wer da nicht seine Koordinaten immer wieder überdenkt und sie auch mal behutsam revidiert, der muss schon außerordentlich stur sein. P H Sie sind also Wechselwähler? F R E Y Immer gewesen! Und zwar aus freudiger Überzeugung! Genau darin liegt doch die Gestaltungsmacht des Bürgers. Ich habe auch keine Probleme, da Flagge zu zeigen: Ich habe jahrelang SPD gewählt, aber auch schon mal die Grünen oder die FDP. Einmal sogar die CSU – offen gestanden. Weil einer ihrer Minister in meiner Nachbarschaft wohnt und ein sehr anständiger Kerl ist. Aber genau so funktioniert doch Demokratie: Ich wähle mir einen Vertreter, von dem ich glaube, dass er meine Interessen als Bürger ernsthaft und effektiv vertritt. Ich gebe ein Mandat. Unter meinen Doktoranden ist einer, der für den Bundestag kandidiert. Für die CSU. Andere sind für die FDP nach Brüssel


66 Positive Emotionen

Freudentränen: Heul doch mal wieder! Kann man wirklich vor Glück weinen? Und wenn ja, welche positiven Momente genau sind es, die uns die Tränen in die Augen treiben? Forscher haben nun erstmals eine Taxonomie der tränenreichen Glücksmomente erarbeitet ■

Edward Hoffman


Positive Emotionen 67

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aben Sie in letzter Zeit mal aus Freude geweint oder so sehr gelacht, dass Ihnen Tränen die Wangen runterkullerten? Wurden Ihnen von einem inspirierenden Song, einem Buch oder beim Sieg Ihrer Lieblingsmannschaft je die Augen feucht? Können Sie sich an einen Film erinnern, der Ihnen das Wasser der Rührung in die Augen trieb? Man sollte annehmen, dass solche starken emotionalen Erfahrungen gar nicht so selten sind. Dichter und Denker haben sie seit jeher besungen. Dennoch wurden Freudentränen, dieses bewegende menschliche Phänomen, von der modernen Psychologie fast vollständig übersehen. Die Gründe dafür sind ebenso vielfältig wie unüberschaubar. Aber mit dem wachsenden Interesse der Wissenschaft an der Glücksforschung und am subjektiven Wohlbefinden wird den positiven Emotionen und auch ihren Ausdrucksformen mehr neue Aufmerksamkeit zuteil. Bevor hier jüngste Forschungsergebnisse zu diesem thematischen Neuland vorgestellt werden, soll ein literarischer Abriss zeigen, dass dieses Phänomen die Dichter als Chronisten der Menschheit schon immer berührt und interessiert hat. Freudentränen in der Literatur

Johann Wolfgang Goethe verblüffte im Alter von 25 Jahren die literarische Welt mit den Leiden des jungen Werthers. Eine Quasiautobiografie – und ein lebendiges Porträt seines romantisch veranlagten Helden, der in seiner Leidenschaft immer wieder von heftigen Weinanfällen geschüttelt wird. „Oh wenn ich dir nur mit tausend freudigen Tränen alle die Gefühle schildern könnte, die in meinem Herzen brennen“, beschreibt Werther seinem Freund Wilhelm überbordend seine Leidenschaft für Lotte. Sie erlaubt Werther, sich über „ihrer Hand die Augen auszuweinen“, und als er sich PSYCHOLOGIE HEUTE

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mit Wilhelm an diese romantischen Szenen erinnert, kann der Held erneut nicht an sich halten und muss schluchzen wie ein Kind. Goethes Faszination für Freudentränen hat später europäische und amerikanische Dichter inspiriert. Englands großer Romantiker Wordsworth beispielsweise sah vor allem in der Natur die Auslöser für solche „positiven“ Tränen. In einem faszinierenden Essay von 1850 mit dem Titel Das poetische Prinzip betont dagegen Edgar Allan Poe, dass es gerade die Künste seien, die über die unheimliche Macht verfügten, Menschen zum Weinen zu bringen. Aber wie und warum schaffen die Künste das? Aus Poes Sicht ist unser Sinn für Ästhetik nicht nur angeboren, sondern auch auf das Engste mit dem menschlichen Bedürfnis nach Transzendenz verbunden: „Wenn uns die Poesie oder die Musik in Tränen auflöst, weinen wir nicht aus einem leidenschaftlichen Exzess heraus“, sondern wegen unserer Unfähigkeit, „diese göttlichen Freuden“ zu fassen, von denen uns die Kunst nur „einen kurzen und unbestimmten Einblick“ gibt. Was Poe damit andeutet: Die Künste schärfen unsere Wahrnehmung für die Kluft, die zwischen den erstaunlichsten und ergreifendsten Dimensionen menschlicher Erfahrung und unserem wenig spektakulären Alltagsleben liegt. Eben dieses Wissen um die Distanz bringe uns zum Weinen, meint Poe. Freudentränen haben die Literatur auch schon lange vor Goethe, Wordsworth oder Poe beschäftigt. Bereits 2500 Jahre früher beschreibt uns Homer in der Odyssee das leidenschaftliche Weinen von Odysseus, als der Barde Demodokos die Geschichte vom Trojanischen Pferd besingt. Virgil und Propertius feierten Tränen im ersten nachchristlichen Jahrhundert als romantisches Elixier, das Liebende näher zusammenbringt. Auch im Alten Testament werden immer wieder einmal Freudentränen vergossen: Beispielsweise als Josef nach vielen Jahren seinem

jüngeren Bruder Benjamin wieder begegnet oder als das jüdische Volk nach der babylonischen Gefangenschaft in Jerusalem den Wiederaufbau seines heiligen Tempels erlebt. Angesichts solcher Beispiele lehnt man sich wohl kaum zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen aus Freude geweint haben. Seltsamerweise wurde dieses machtvolle und anscheinend universelle Phänomen von der wissenschaftlichen Psychologie eher stiefmütterlich behandelt und nie richtig erforscht. Auch die Gründer der modernen Psychotherapie wie Sigmund Freud, Alfred Adler oder Carl Gustav Jung schenkten positiven Emotionen nur wenig Aufmerksamkeit und fokussierten sich lieber auf Ängste, Depressionen und Phobien. Und mit ihrem Schwerpunkt auf Experimenten mit Laborratten hatten auch die Behavioristen wie Watson oder Skinner kaum etwas zu diesem Thema zu sagen. Erst Anfang der 1950er Jahre begannen amerikanische Psychotherapeuten vereinzelt, sich mit dem Phänomen zu beschäftigen. So argumentierten Joseph Weiss und Sandor Feldman, dass es sich bei Freudentränen in Wahrheit um Tränen der Trauer handele. Beide vertraten die Ansicht, dass Eltern auf den Hochzeiten ihrer Töchter nicht aus Glück weinen, sondern vielmehr aus Sorge um die


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Wie viel Unvernunft braucht der Mensch? Vernunft und Unvernunft, Rationalität und Emotionalität sind keine Gegensätze, sondern eng miteinander verbunden. Ein durch und durch rationales Leben wäre auch sehr langweilig. Aber manchmal kann Unvernunft in gefährliche Dummheit umschlagen. Wie viel Unvernunft braucht der Mensch, wie viel davon verträgt er? ■

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ange galt als sicher: Der Mensch ist das mit Vernunft begabte Lebewesen. Seine Affekte und Emotionen wurden – jedenfalls in der abendländischen Denktradition – oft ausgeblendet. Auch im täglichen Leben, insbesondere in der heutigen Arbeitswelt ist es angemessen, sich nicht „aufzuregen“, sondern „nüchtern und sachlich“ zu bleiben. Gefühle wirken störend. „Sei vernünftig!“, „Reiß dich zusammen!“, „Überlege dir genau, was du sagst!“ – solche und ähnliche Aufforderungen sind jedem sattsam bekannt. Doch nach allem, was wir inzwischen über unsere Natur wissen, sind Gefühle fester Bestandteil unseres Lebens. Wir treffen unsere Entscheidungen keineswegs nach strikt rationalen Regeln, sondern auf der Grundlage von Neigungen und Präferenzen, die mit Vernunft wenig zu tun haben. Dennoch kann eine Entscheidung als „vernünftig“ gelten, wenn sie uns nur unserem jeweils angestrebten Ziel näherbringt. Seit der Antike wird der Mensch als animal rationale charakterisiert, aber er ist als animal irrationale vielleicht noch zutreffender bezeichnet. Denn in evolutionstheoretischer Perspektive ist seine Vernunft – nach Immanuel Kant „das

ganze obere Erkenntnisvermögen“ – eine sehr dünne Schicht in einem Kontinuum kognitiver Mechanismen, deren Entstehung mit der Entstehung des Lebens auf der Erde vor beinahe vier Jahrmilliarden praktisch zusammenfällt. Die Vernunft des Überlebens

Im Dienste ihres Überlebens benötigen alle Organismen Informationen über die Beschaffenheit ihrer jeweiligen Außenwelt; jede Spezies, jede Art von Organismus verfügt also über einen, wenn auch noch so einfachen „Erkenntnisapparat“. Dieser hat die Wahrnehmung von Gefahren zu gewährleisten, das Aufspüren von Nahrungsquellen zu ermöglichen und potenzielle Geschlechtspartner zu identifizieren. Auch beim Menschen ging es von Anfang an um nichts weiter als das Überleben. Er musste seine Umgebung in lebensdienlicher Weise einschätzen und Strategien entwickeln, die ihm ein erfolgreiches Manövrieren durch eine ihm nicht gerade freundlich gesinnte Welt ermöglichten. Vielen seiner Individuen gelang dieses Manöver nicht, sie fielen den Unbilden der Natur früh zum Opfer und hinterließen keine Nachkommen. Aber als Ganzes muss es seine Gattung richtig

Franz M. Wuketits

gemacht haben – sonst wären wir heute nicht da. Tief im Menschen verwurzelt ist eine „Vernunft des Lebens“, die zwar mit Rationalität nichts gemein hat, jedoch dem Überleben dient. Man könnte, wäre dieser Begriff in der Verhaltensforschung inzwischen nicht obsolet (weil vieldeutig und unscharf), von einem „Instinkt“, einem „Überlebensinstinkt“ reden. Wie die anderen Tiere ergreifen wir Menschen beispielsweise bei Gefahr die Flucht, ohne darüber nachzudenken. Die rationale Kalkulation einer unmittelbaren Bedrohung wäre denn auch nicht lebensdienlich. Konrad Lorenz, einer der Begründer der evolutionären Erkenntnistheorie, charakterisierte das Leben als einen Erkenntnisvorgang. Hierbei handelt es sich um einen Kreislauf von Erfahrung und Erwartung: Wir sammeln Erfahrungen und gründen darauf Erwartungen, deren Bestätigung wiederum unseren Erfahrungshorizont erweitert; aber auch jede nicht bestätigte Erwartung macht uns um eine Erfahrung reicher. Von unseren stammesgeschichtlichen Ahnen haben wir allerdings Algorithmen ererbt, die uns im Sinne einer Ökonomie der Wahrnehmung dazu an-


Essay 73

leiten, die Welt zu vereinfachen. Ein typisches Beispiel dafür ist die Gestaltwahrnehmung. Wir abstrahieren aus der Fülle der Merkmale eines Objekts nur die jeweils essenziellen und schauen über den Rest hinweg. Das macht unser Leben einfacher. Müssten wir jedes Ding in allen Einzelheiten genau betrachten, um sicherzugehen, worum es sich handelt, dann kämen wir kaum von der Stelle – und blieben bei Gefahr buchstäblich auf der Strecke. Jeder unserer prähistorischen Vorfahren, der etwa einen Höhlenbären sah, erfasste diesen sofort in seiner ganzen Gestalt. (Sollte einmal ein prähistorischer Mensch einen lebendigen Höhlenbären nicht gleich als solchen wahrgenommen und sich dem Tier genähert haben, um es in allen Einzelheiten genau zu betrachten, PSYCHOLOGIE HEUTE

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dann wurde er nicht alt.) Auf die gleiche Weise „verrechnen“ auch wir heute Objekte unserer Umgebung. Zwar handelt es sich dabei nicht mehr um Höhlenbären, sondern etwa um Autos und andere Fahrzeuge, aber das Prinzip hat sich nicht geändert. In uns denkt der Jäger und Sammler

Wir sind mit einem altbewährten, in der Evolution durch natürliche Auslese entstandenen, vorrationalen Erkenntnisapparat ausgestattet, der zum Einsatz kommt, noch bevor unser rationaler Zensor eingreift. Aber unsere Welt heute ist viel komplexer als die unserer steinzeitlichen Vorfahren. Und es ist mittlerweile hinreichend belegt, dass wir an Komplexitäten regelmäßig scheitern. Kausalität, den Zusammenhang von Ur-

sache und Wirkung, kalkulieren wir in Kettenform, nach dem Schema „Wenn A, dann B, dann C“ oder „Auf A folgt B, auf B folgt C“, ohne die Möglichkeit von Wechsel- und Rückwirkungen in Betracht zu ziehen. Monokausales Denken hat sich bei den paläolithischen Jägern und Sammlern durchaus bewährt, und es reicht heute für die Erledigung vieler einfacher Alltagsaufgaben. Bei der Planung der „Energiewende“ oder gewaltigen Finanztransaktionen versagt es kläglich. Wir stehen also vor einem Dilemma: Die bewährten vorrationalen Wahrnehmungs- und Erkenntnismechanismen reichen für unsere komplexe Welt nicht mehr aus, die rationalen Leistungen sind noch nicht hinreichend erprobt. Unsere Rationalität wird fortwährend von stein-


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Weiß, gebildet, Versuchsperson Wie zuverlässig ist psychologische Forschung? Viele Erkenntnisse beruhen auf Untersuchungen an westlichen Psychologiestudenten. Doch die sind nicht unbedingt repräsentativ. Größere Vielfalt könnten Plattformen im Internet bringen ■

Boris Hänßler

PSYC H O LO G I E H EUTE

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I L L U S T R AT I O N E N : N I K L A S H U G H E S

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ie finden Sie das? Jede Woche kauft ein Mann ein totes Huhn, doch bevor er es isst, hat er damit Sex. Oder: Zwei Geschwister, Bruder und Schwester, suchen sich regelmäßig ein Versteck, in dem sie sich leidenschaftlich küssen. Eine Frau zerreißt die Nationalflagge ihres Landes und putzt damit ihre Toilette. Welche Aktivitäten finden Sie inakzeptabel, welche sollten verboten werden? Der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt, heute an der New York University, präsentierte diese Szenen 1993 Versuchspersonen aus Philadelphia und den brasilianischen Städten Recife und Porto Alegre. Haidt wollte herausfinden,

ob Moralvorstellungen angeboren oder kulturell bedingt sind. Er ging davon aus, dass er von Menschen aus den USA und Brasilien unterschiedliche Antworten erhalten würde. Aber Haidt wurde überrascht. Die größten Unterschiede gab es innerhalb der Städte. Eine Flagge als Putzlappen? Das fanden mehr als die Hälfte der Menschen mit geringem sozioökonomischem Status fragwürdig. Über Ländergrenzen hinweg hatten jedoch drei Viertel der Probanden mit höherem Status damit keine Probleme. Mit seinen Experimenten und Arbeiten umreißt Haidt ein grundsätzliches Problem der Psychologie: Viele Forscher neigen dazu, soziale Unterschiede bei

Experimenten zu ignorieren. Wenn Psychologen von „signifikanten Unterschieden“ in einem Experiment sprechen, beziehen sie sich oft nur auf Studierende ihrer Universität. Psychologen greifen für ihre Untersuchungen gerne auf angehende Akademiker am eigenen Institut zurück – die sind leicht erreichbar und kosten nichts. Joe Henrich von der University of British Columbia prägte für solche typischen Probanden den Begriff weird. Das ist das englische Wort für seltsam, verschroben. Henrich meint es aber gleichzeitig als Akronym für western, educated, industrialized, rich and democratic. Die Forschung beruht demnach auf


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