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4 In diesem Heft

Titelt hema Besser entscheiden Wir leben in der „Multioptionsgesellschaft“. Ständig müssen wir wählen und uns entscheiden: zwischen Handytarifen, Urlaubszielen, Geldanlagen – oder auch Jobangeboten oder Lebenspartnern. Das ist oft anstrengend, und häufig tappen wir in eine der zahlreichen Denkfallen. Und auch das „Bauchgefühl“ schützt uns nicht vor Fehlentscheidungen. Gibt es doch einen Königsweg zur richtigen Wahl?

20

Andreas Huber und Axel Wolf

Gute Entscheidungen treffen – eine Anleitung ■

32

Thomas Saum-Aldehoff

Männer, das extreme Geschlecht

64

Silke Pfersdorf

66

Angelika Sylvia Friedl

Kreativität: Verbinden, was nicht zusammengehört ■

44

Niels Birbaumer im Gespräch

Generation Facebook: Das Ego – ganz besoffen von sich selbst ■

38

60

Locked-in-Patienten: „Keine Spur von Resignation“ ■

Christian Wolf

Urbane Seelenpein Wie die Stadt uns krank macht ■

28

Jörg Zittlau

Das Gehirn kann alles – außer aufgeben ■

Susie Reinhardt

Geborgenheit: Unsere heimliche Sehnsucht ■

20

Marc Wittmann im Gespräch

„Wenn man neugierig ist, vergeht die Zeit langsamer“ ■

70

Boris Hänssler

Schauspiel: Die Seele auf der Bühne

PSYC H O LO G I E H EUTE

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Sep te mbe r 2014


In diesem Heft

5

Lob der Geborgenheit

Kreativität trainieren

Ein Abend auf dem Sofa vor der Lieblingsfernsehserie, ein Treffen mit der besten Freundin, das Zelebrieren eines eingeschliffenen Rituals: Wir mögen es „gemütlich“. Solche Situationen bescheren uns ein Gefühl von Geborgenheit. Wir brauchen diesen Rückzug. Nur in der Sicherheit des Vertrauten sind wir ganz bei uns selbst.

Dutzende von Methoden konkurrieren auf dem Markt der „Kreativitätstechniken“. Doch kann man Kreativität überhaupt trainieren? Viele Forscher meinen: nicht wirklich. Dennoch können wir uns darin üben, jene Originalität auszuschöpfen, die bereits in uns schlummert: indem wir uns vom Gewohnten lösen und verbinden, was nicht zusammengehört.

32

8 Themen & Trends

70

52 Gesundheit & Psyche

Kaputt: Verwahrlosung provoziert Kriminalität

Infektion: Vom Parasiten ferngesteuert

Beruf: Männliche Vorbilder für Mädchen

Kinder: Gesund? – Schmeckt nicht!

Verbraucher: Energiesparen verpufft

Ärzte: Fataler Mangel an Empathie

Der psychologische Begriff: Frustrationstoleranz

Sex: Der Krampf ums Kommen

Und weitere Themen

Und weitere Themen

Rubriken 6 8 17 52 82 93 94 95

Briefe Themen & Trends Impressum Gesundheit & Psyche Buch & Kritik Cartoon Im nächsten Heft Markt

82 Buch & Kritik ■

Psychotherapie: Wie funktioniert sie und wer braucht sie überhaupt?

Das schwarze Schaf: Ausgegrenzt in der Familie

Selbsterforschung: Wer fühlt denn da?

Frauenmacht: Leben wir in einer „Tussikratie“?

Und weitere Bücher


20 Titel

Gute Entscheidungen treffen Eine Anleitung

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Titel 21

Ob Autokauf, Geldanlage oder Urlaubsort: Wir haben die Wahl – aber welche Wahl ist die beste? Manche Entscheidungen bestimmen unsere Zukunft: Berufswahl, Lebenspartner, Wohnort – alles will gut überlegt und richtig entschieden sein. Das ist ganz schön anstrengend, und häufig fühlen wir uns überfordert und unsicher. Schon die schiere Zahl der Entscheidungen in der „Multioptionsgesellschaft“ nimmt ständig zu. Gibt es dennoch so etwas wie einen Königsweg zu guten Entscheidungen? ■

I L L U S T R AT I O N E N : CL A U D I A A H L E R I N G

W

ie entscheiden Sie im Allgemeinen: eher mit dem Kopf oder aus dem Bauch heraus? Vertrauen Sie Ihrer Ratio oder doch eher der Intuition? Sicher ist: Für gute Entscheidungen brauchen wir beides. Betrachten wir die Kopfseite: Wie steht es mit der Urteilsfähigkeit und dem logischen Schlussfolgern? Wie gut haben wir diese hochgeschätzten Fähigkeiten wirklich entwickelt, und wie weit reichen sie in der Realität? Schon eine kleine Denkaufgabe reicht aus, um zu illustrieren, wie unser „klares Denken“ schnell überfordert ist: Ein Tischtennisschläger und ein Ball kosten zusammen einen Euro und zehn Cent, also 1,10 Euro. Der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball? Der Ball kostet zehn Cent, meinen Sie? Nicht ganz, es sind fünf Cent. Würde er zehn Cent kosten, kostete der Schläger 1,10 Euro, zusammen also 1,20 Euro. Die Aufgabe ist mit einfachem Rechnen und rationaler, logischer Analyse zu lösen. Eigentlich. Dennoch kennt die Kognitions- und Entscheidungsforschung mittlerweile eine Vielzahl von Denk-, Urteils- und EntscheidungsfehPSYCHOLOGIE HEUTE

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Andreas Huber und Axel Wolf

lern, die uns fast routinemäßig unterlaufen: zum Beispiel der sogenannte Basisratenfehler (wir gehen von einer falschen Häufigkeitsannahme für bestimmte Ereignisse aus); oder die Prognoseillusion (wir überprüfen selten oder nie, ob vorhergesagte Ereignisse wirklich eingetroffen sind, und verlassen uns immer wieder auf Experten); der Knappheitsirrtum (wir entscheiden auf-

grund der Annahme, eine Ware oder ein Gut sei bald „vergriffen“); das Ausblenden der Wahrscheinlichkeit (wir verhalten uns wie Spieler, ohne uns um die statistische Grundlage unserer Chancen zu kümmern); der Liking-Effekt (wir entscheiden uns für eine Alternative, weil wir es anderen recht machen wol-

len) und und und. Die Sozialpsychologie hat buchstäblich Hunderte von möglichen Fehlerquellen identifiziert, die uns bei Entscheidungen in die Irre führen können. Und in der Tat: Im Alltag sind solche Denkfehler und (falschen) Faustregeln die Regel – und nicht etwa die Ausnahme. Wissenschaftler unterliegen ihnen genauso wie Politiker, Manager oder der Normalbürger. Und das betrifft nicht etwa nur banale alltägliche Konsumentscheidungen ( „Ich habe mir im Restaurant wieder einen ,tollen Chardonnay‘ aufschwatzen lassen!“). Auch und gerade wenn es um große, wichtige Fragen des Lebens geht, sind wir fehleranfällig – und oft schlechte Entscheider in eigener Sache: So würden über 40 Prozent aller Anwälte jungen Menschen von einem Jurastudium abraten. Repräsentative Studien zeigen, dass bei zwei Dritteln aller Führungskräfte in Wirtschaft und Politik richtig schlechte Entscheidungen mindestens so häufig vorkommen wie erfolgreiche. Übrigens: Die Qualität von Entscheidungen hängt sehr wenig von Bildungsstand oder Intelligenzgrad ab: Sollten Sie bei der Denk-


28 Psychologie der Zeit

„Wenn man neugierig ist, vergeht die Zeit langsamer“ Kennen Sie das? Je älter Sie werden, desto schneller vergeht die Zeit. Und drei intensive Tage an einem neuen Ort kommen Ihnen häufig so lang vor wie ein zweiwöchiger Urlaub. Alles nur Einbildung? Nein, sagt der Zeitforscher und Psychologe Marc Wittmann und erklärt, warum für uns die Zeit mal langsam, mal schneller vergeht – und wie wir mehr Zeit für uns gewinnen können

Herr Wittmann, wenn es ums persönliche Zeitempfinden geht, hört man oft, dass die Zeit gefühlt immer schneller vergeht, wenn man älter wird. Ist da etwas dran? M A R C W I T T M A N N Obwohl dieses Phänomen die Menschen stark beschäftigt, wusste man jahrelang überhaupt nicht, ob es wirklich existiert. Zusammen mit einer Kollegin habe ich deshalb vor einigen Jahren 500 Menschen aller Altersgruppen deutschlandweit gefragt: „Wie schnell vergeht die Zeit für Sie?“ Die Ergebnisse waren überraschend: Erstens kannte wirklich fast jeder das Gefühl, dass die Zeit sich mit den Jahren immer stärker beschleunigt. Zweitens P S YC H O L O G I E H E U T E

war auch dem Zeitraum, in dem diese Beschleunigung wahrgenommen wurde, bei allen ähnlich: Es sind immer die letzten zehn Jahre, die schnell vergangen zu sein scheinen, noch mal schneller als die zehn Jahre davor. Erst mit 60 Jahren kommt diese Dynamik zum Stillstand. Von da an bleibt die gefühlte Geschwindigkeit, in der Zeit vergeht, etwa gleich. Studien aus Holland, Japan, Neuseeland und anderen Industrienationen bestätigen mittlerweile diese Ergebnisse. P H Aber woran liegt es denn, dass die Zeit scheinbar so schnell vergeht, wenn man älter wird? W I T T M A N N Das wird seit langem diskutiert. Schon Thomas Mann hat in ei-

nem Diskurs über die Zeit in seinem Roman Der Zauberberg darüber nachgedacht: Es sind letztlich unsere Gedächtnisinhalte, die das Zeitgefühl im Rückblick prägen. Je mehr man erlebt, je mehr Abwechslung eine Lebensphase bietet, desto mehr Eindrücke speichert das Gedächtnis – und desto länger erscheint die jeweilige Zeitspanne im Nachhinein. Auch die emotionale Beteiligung spielt eine Rolle: Je stärker die Gefühle, desto tiefer speichern wir Erinnerungen, desto länger kommt einem wiederum der Zeitraum vor. Krisenund Umbruchzeiten scheinen daher im Rückblick oft lang und intensiv gewesen zu sein. Denkt man dagegen an Lebens-


Psychologie der Zeit 29

phasen zurück, die in ruhigen und routinierten Bahnen verliefen, in denen man morgens zur Arbeit ging, abends zurückkam und vor dem Fernseher entspannte, scheinen die Monate, manchmal sogar die Jahre im Rückblick quasi verflogen zu sein. P H Lässt sich aus diesen Erkenntnissen eine Handlungsempfehlung für einen gelungenen Umgang mit der eigenen Lebenszeit ableiten? W I T T M A N N Wer sein Leben offen, abwechslungsreich und gefühlvoll gestaltet, erlebt die verstrichene Zeit im Rückblick als länger und auch als erfüllter. Daraus ergibt sich die ganz konkrete Empfehlung, auch als ErwachsePSYCHOLOGIE HEUTE

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ner Hobbys zu pflegen, immer wieder neue Kontakte zu knüpfen, Reisen in Länder zu machen, die man noch nicht kennt. Dann erlebt man jedenfalls nicht die Ernüchterung, dass die Zeit im Rückblick komplett zerronnen ist – eben weil man eine Menge Erinnerungen über ein Zeitintervall gesammelt hat. Dennoch gibt es mit etwa dreißig Jahren einen regelrechten Bruch. Von diesem Alter an wird man die Zeit nie wieder so intensiv erleben wie in der Kindheit, Pubertät und im jungen Erwachsenenalter. Denn in diesen Lebensphasen passiert ja unglaublich viel, unzählige Erfahrungen macht man das erste Mal, ob es um den ersten Schultag, die erste Liebe oder die erste eigene Wohnung geht. Der Neuartigkeitscharakter von Erfahrungen fällt dann später mehr und mehr weg, dadurch verflachen Erinnerungen zwangsläufig, die Zeit vergeht schneller. Diesen Mechanismus kann kein Mensch verändern, so sehr er sich auch bemüht. P H Gilt der Zusammenhang zwischen gefühlter Zeit und Intensität denn auch, wenn man in kleineren Abständen, etwa in Tagen oder Wochen denkt? W I T T M A N N Natürlich. Ein gutes Beispiel dafür sind Urlaube. Die ersten ein oder zwei Tage an einem neuen Ort kommen einem immer unglaublich lang vor. Man muss die neue Umgebung, Eindrücke, Sprache, Gefühle verarbeiten, lernt oft auch neue Leute kennen. Abends hat man das Gefühl, dass man wirklich viel erlebt hat, der Tag ungewöhnlich lang war. Doch je länger man vor Ort ist, desto mehr gewöhnt man sich wieder an alles, neue Routinen stellen sich ein. Und plötzlich vergeht die Zeit im Flug, die Urlaubstage verschwimmen in der Erinnerung ineinander. Vielleicht sind Wochenendtrips auch deshalb so beliebt: Drei intensive Tage an einem neuen Ort kommen einem häufig so lang vor wie ein zweiwöchiger Urlaub. PH Neue Studien aus der Neurowissenschaft legen aber die Vermutung nahe, dass nicht nur die Erlebnisdichte, sondern auch Achtsamkeit und Meditation

das Zeitempfinden verlangsamen. Wie passt das zusammen? W I T T M A N N Es ist letztlich das gleiche Prinzip: Wer achtsam im alltäglichen Leben ist, kleine Dinge aufmerksam betrachtet oder sogar eine Meditationstechnik übt, der schärft seine Wahrnehmung, erlebt die Umgebung wacher und generiert somit auch wieder mehr Gedächtnisinhalte – auch wenn das in dem Fall eher leise und unspektakulär geschieht. Der Arzt Jon Kabat-Zinn, der eine säkulare Form der Achtsamkeitsmeditation in den medizinischen Alltag eingeführt hat, hat häufig berichtet, wie sich bei Meditierenden durch die achtsame Haltung ein Gefühl der Zeitdehnung einstellte. P H Es gibt aber auch Zustände, wo sich die Zeit beschleunigt. Bekannt ist ja das sogenannte Flow-Erlebnis. Man arbeitet kreativ und konzentriert, und plötzlich vergeht die Zeit wie im Flug. W I T T M A N N Stimmt, Stunden verfliegen wie Minuten. Die Leute reden immer davon, wie toll der Flow-Zustand sei, und natürlich ist es wirklich ein schönes Gefühl. Dennoch ist Flow auch ein Zeitkiller. Und zwar nicht nur in dem Moment, wo man ihn erlebt, sondern auch, wenn man das Flow-Erlebnis im Nachhinein betrachtet. Das klingt paradox, denn man ist in diesem Zustand ja ähnlich wie bei der Achtsamkeit sehr konzentriert. Was aber komplett anders ist: Im achtsamen Modus fokussiert man sich vor allem auf sich selbst. Im Flow PD Dr. Marc Wittmann ist Psychologe und Humanbiologe und arbeitet am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg. Seit Jahren forscht und publiziert er im Bereich Zeitempfinden und Zeitwahrnehmung. Während eines Forschungsaufenthalts in Kalifornien hat er neuropsychologische Experimente zum Thema Zeitschätzung gemacht, die mittlerweile von führenden Forschern auf dem Gebiet aufgegriffen und diskutiert werden. Sein gut lesbares und dennoch wissenschaftlich fundiertes Buch Gefühlte Zeit. Kleine Psychologie des Zeitempfindens ist bei C. H. Beck erschienen.


32 Emotion

Geborgenheit Unsere heimliche Sehnsucht Im Bauch der Mutter waren wir sicher und geborgen. Danach wurde es ungemütlich – die Geburt entließ uns in das Ungewisse. Die Sehnsucht nach dem Urzustand aber ist geblieben, auch wenn wir es oft nicht zugeben wollen. Wir brauchen Geborgenheit. Die Frage ist nur: Wo finden wir sie? Und wie viel davon ist notwendig, um sich im eigenen Leben aufgehoben zu fühlen? ■

G

emütlichkeit und Geborgenheit: Wer über diese beiden Empfindungen der Behaglichkeit nachdenkt, hat schnell bestimmte Bilder dazu im Kopf. Ein Abend auf dem Sofa ist gemütlich, ebenso die ausgebeulte Jogginghose oder der alte Lieblingspullover. Ein Zimmer vermittelt durch seine Art der Einrichtung Geborgenheit, und auch ein Treffen mit der engsten Freundin kann diesen Effekt ha-

ben. Wenn es regnet und kalt ist, empfinden wir das als un-gemütlich und bemühen uns, möglichst schnell ins gemütlich Warme zu kommen. Wir wissen, wann wir uns gemütlich und geborgen fühlen. Doch obwohl uns beide Begriffe so geläufig sind, ist es schwierig, sie zu definieren. Das fand

Susie Reinhardt

die Kulturwissenschaftlerin Brigitta Schmidt-Lauber heraus, die einen der Begriffe, die Gemütlichkeit, wissenschaftlich unter die Lupe nahm. Sie befragte dazu Menschen zwischen 14 und 92


I L L U S T R AT I O N E N : B I R G I T H O CH L E I T N E R

Emotion 33

Jahren, die in Deutschland lebten und unterschiedliche Berufe ausübten. Sie alle gaben Auskunft, was „Gemütlichkeit“ für sie bedeutete, welche Situationen oder Ereignisse sie „gemütlich“ fanden, wie sie es sich „gemütlich machten“ und welche Gefühle damit einhergingen. Die Teilnehmer notierten alle Begriffe, die für sie zum Thema passten. In den anschließenden Gesprächen zeigte sich: Die Befragten waren einhellig der Meinung, ihr Urteil über das, was sie „gemütlich“ finden, sei höchst individuell. Für die Forscherin sahen die Ergebnisse vielschichtiger aus: Zwar entdeckte sie eine Vielfalt an Begriffen, die der „Gemütlichkeit“ zugeordnet wurden, die teils sehr persönlich ausfielen: Bei einer Person lösen „Kir-

PSYCHOLOGIE HEUTE

Sep t em b er 2 0 1 4

schen“ diese Stimmung aus, eine andere findet „Fachwerkhäuser“ gemütlich, bei einer dritten kann „Motorradknattern“ Gemütlichkeit erzeugen. Aber neben diesen individuellen Quellen der Gemütlichkeit fand die Wissenschaftlerin auch große Überschneidungen. Typischerweise wurden folgende Begriffe und Situationen mit Gemütlichkeit assoziiert: Kerze, Sofa und Kissen, ein Essen mit Freunden, Kuscheln mit den Kindern, Frühstück im Bett. Und die Forscherin entdeckte noch eine Gemeinsamkeit: Das allzu Gewohnte taugt danach nicht zur Gemütlichkeit. So nannten beispielsweise „fernsehen“ nur solche Menschen gemütlich, die selten vor der Glotze saßen. Der Begriff „Gemütlichkeit“, so fand Schmidt-Lauber heraus, weckt bei vielen Menschen ambivalente Gefühle: Neben angenehmen Assoziationen verbinden einige mit dem Begriff eine kleinbürgerliche Lebensgestaltung, Spießbürgertum, Engstirnigkeit, Kleingeistigkeit und sogar eine unpolitische bis recht sex t reme Einstellung. Tatsächlich trägt Gemütlichkeit

den Ruf der Engstirnigkeit nicht ganz zu Unrecht: Denn Gemütlichkeit gibt es nur in einer kleinen Gruppe, die sich oft aus engen Freunden oder Familienangehörigen zusammensetzt. Idealerweise besteht diese Runde aus zwei bis sechs Personen. Sobald man nicht mehr „unter sich“ ist, schwindet für viele die Gemütlichkeit, so die Ergebnisse der Forscherin. Fremde werden daher aus dem Kreis der „Gemütlichkeit“ ausgeschlossen – das ist ihre Kehrseite. Schauen wir auf die Vorgänge im menschlichen Körper, so liegt unserem Empfinden von „Gemütlichkeit“ immer eine Sinnesreizung zugrunde, die wir als angenehm empfinden. Der Eindruck kann durch optische Reize ausgelöst werden wie den Anblick eines in unseren Augen „schön“ eingerichteten Wohnzimmers bei gedämpftem Licht. Auch akustische Signale wie eine ansprechende Musik oder die Berührung von etwas Angenehmem (wie dem Fell einer Katze oder einer weichen Decke) können uns gemütliche Gefühle bereiten. Die objektiven Gegebenheiten einer Situation machen aber noch keine „Gemütlichkeit“ aus. Trotz der liebsten Katze, des schönsten Kerzenlichts und der flauschigsten Socken hängt es doch immer von unserer subjektiven Zuschreibung ab, ob wir eine Situation als „gemütlich“ empfinden. Wir müssen uns sicher fühlen, ganz bei uns sein, uns nicht verstel-


38 Mensch und Umwelt

Urbane Seelenpein Wie die Stadt uns krank macht Lärm, Hektik oder soziale Isolation: Städte stellen die mentale Gesundheit auf eine harte Probe. Menschen in urbanen Gebieten leiden häufiger als Landbewohner an psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Vor allem sozialer Stress scheint Städtern zuzusetzen ■

D

ie U-Bahn quietscht, rumpelt und schlingert durch das dunkle Tunnelsystem unterhalb von Berlin. Im Wagen versuchen die Fahrgäste, den Lärm des Zugs zu übertönen. Sie schreien in ihr Handy. Die Gespräche lassen sich kaum ignorieren. Schließlich steht man dicht an dicht gedrängt nebeneinander, und manch einer rückt einem enger auf die Pelle, als einem lieb ist. Und von draußen schieben sich immer neue Fahrgäste in den Wagen. Wer sich seinen Weg durch den modernen Großstadtdschungel bahnt, muss sich auf eine nervliche Belastungsprobe gefasst machen. Lärm, Hektik oder dichte Menschenmengen sind allgegenwärtig. Nicht immer ist es einfach, dabei ruhig und entspannt zu bleiben. Entspannt wirkt dagegen der Psychiater Mazda Adli im persönlichen Gespräch. Die Geräuschkulisse der Met-

Christian Wolf

ropole dringt nicht bis in sein Büro vor, und so steht einem konzentrierten Gespräch nichts im Wege. Adli, der als Chefarzt an der Fliedner-Klinik in Berlin arbeitet und an der Charité eine Arbeitsgruppe leitet, sagt: „Mich interessierte als Stressforscher zunehmend der urbane Lebensraum. Schließlich treten hier bestimmte seelische Störungen gehäuft auf – und das, obwohl beispielsweise die Gesundheitsversorgung besser ist als auf dem Land.“ Irgendetwas begünstige in großen Siedlungen offenbar psychische Störungen wie Depressionen. Tatsächlich scheint das Leben in der Stadt verstärkt für Seelennöte zu sorgen. Das gilt längst nicht für alle psychischen Erkrankungen, aber doch für einige. 2010 nahmen Forscher um den klinischen Psychologen Jaap Peen von der Universität Amsterdam 20 Bevölkerungsbefragungen in einer Metaanalyse unter die Lupe. Die untersuchten Stu-

dien, darunter auch einige aus Deutschland, hatten sich die unterschiedliche Häufigkeit von psychischen Störungen auf dem Land und in der Stadt angeschaut. Peen und seine Kollegen konnten einen klaren Trend ausmachen: Städter leiden zu rund 20 Prozent häufiger an einer Angststörung als Menschen aus ländlichen Regionen. Bei affektiven Störungen wie Depressionen ist die Quote der Metropolenbewohner um 40 Prozent erhöht. Ziehen nur Labile in Metropolen?

Macht also tatsächlich das Stadtleben unsere Seele krank? Oder könnte es nicht doch umgekehrt sein: Das urbane Treiben lockt psychisch anfällige oder bereits kranke Menschen besonders an? „Nach der sogenannten Selektionshypothese ziehen psychisch labilere Menschen verstärkt in die Stadt, weil es dort unter anderem eine bessere Gesundheitsver-


Mensch und Umwelt 39

Mazda Adli, Jahrgang 1969, ist Chefarzt an der Fliedner-Klinik in Berlin. An der Charité leitet er eine Arbeitsgruppe zu affektiven Störungen

sorgung gibt“, sagt Mazda Adli. „Gegen diese Theorie spricht aber, dass man in Studien zur Häufigkeit von psychischen Störungen solche möglichen Ursachen kontrollieren kann.“ Entsprechende Zusammenhänge wurden dabei bisher nicht gefunden. Außerdem sei entscheidend, wie lange jemand in Kindheit und Jugend in der Stadt gelebt hat. Das zeigt das Beispiel der Schizophrenie, bei der Wahrnehmen und Denken der Betroffenen krankhaft verändert sind. In Metaanalysen der vergangenen Jahre offenbarte sich nicht nur: Wer in der Stadt geboren und groß geworden ist, hat etwa ein doppeltes Risiko, diese psychotische Störung zu entwickeln. Auch beginnt die Krankheit tendenziell früher. Damit nicht genug: Je größer das urbane Gebiet ist, in dem man die ersten Lebensjahre verbringt, desto wahrscheinlicher wird es, diese Störung zu entwickeln. Das SchiPSYCHOLOGIE HEUTE

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zophrenierisiko hängt also eng mit der Stadtgröße zusammen. Stadtbewohner nehmen wahrlich so manches in Kauf. Morgens von Vogelgezwitscher in ansonsten vollkommener Stille geweckt zu werden bleibt für viele nur ein schöner Traum. Stattdessen bringen einen Flug- und Verkehrslärm allmorgendlich ungewollt auf Trab. Spätestens im dichten Berufsverkehr schnellt der Stresspegel nach oben. Aber Lärm und Hektik sind nicht alles – eng ist es oft auch noch. Das offenbart der Blick aus dem Fenster eines typischen städtischen Hinterhauses: Das Fenster des Nachbarn ist manchmal nur eine Armlänge entfernt. Soziale Probleme und eine Umgebung mit vielfältigen Stressfaktoren sind im Allgemeinen in urbanen Gebieten eher anzutreffen als auf dem Land. Hinzu kommt, dass die Kriminalität in Ballungszentren im Allgemeinen höher ist.

Und trotz großer Menschenmengen und hoher Bevölkerungsdichte bleibt – bei aller räumlichen Enge – dennoch häufig die emotionale und soziale Nähe auf der Strecke. So greifen hier Isolation und Einsamkeit viel stärker um sich als in ländlichen Gebieten. Es gibt in den Städten also einiges, was uns seelisch zusetzen kann. Eine Ursache, die Forscher in den letzten Jahren zunehmend im Verdacht haben, ist Stress. Im Blickpunkt steht dabei vor allem der soziale Stress. Die Vermutung: Städter reagieren möglicherweise stärker auf bestimmte Belastungen als Bewohner ländlicher Regionen. Forscher um den Psychiater Florian Lederbogen vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim sind diesem Verdacht nachgegangen. Sie untersuchten mit funktioneller Magnetresonanztomografie gesunde Probanden, die aus unterschiedlich dicht bevölkerten Gebieten stammten. Während die Versuchspersonen im Scanner lagen, bereiteten ihnen die Forscher reichlich sozialen Stress. Die Probanden rätselten unter Zeitdruck an mathematischen Aufgaben herum. Dabei war der Schwierigkeitsgrad so hoch, dass die Freiwilligen kaum richtige Lösungen zustande brachten. Das wurde ihnen auch prompt auf einem Monitor


44 Persönlichkeit

Männer, das extreme Geschlecht Männer sind das vielfältigere Geschlecht. Ob Körpergröße, Intelligenz oder Persönlichkeit: Männer unterscheiden sich in diesen Eigenschaften untereinander stärker, als dies bei Frauen der Fall ist. Woran liegt das? Und was folgt daraus für das gesellschaftliche Ziel der Gleichberechtigung?

V

ergleicht man alle männlichen und weiblichen Individuen einer Kultur in einer beliebigen Eigenschaft, dann zeigt sich eine Art Naturkonstante: Die Werte der Männer „streuen“ stärker, sie schlagen mehr nach oben und unten hin aus, während sich die Frauen nicht ganz so stark vom Mittelwert entfernen. Ob Körpergröße, Geburtsgewicht, Schnelligkeit beim 100-Meter-Lauf oder Anzahl der roten Blutkörperchen: In all diesen Variablen unterscheiden sich Männer untereinander stärker als Frauen untereinander. Also: Es gibt sehr große und sehr kleine, sehr schnelle und sehr langsame Männer, während die Unterschiede zwischen großen und kleinen, schnellen und langsamen Frauen nicht so ausgeprägt sind. Die männliche Verteilungskurve ist flacher, dafür aber breiter als die der Frauen. Bei den Frauen häufen sich mittlere Ausprägungen eines Merkmals besonders stark, während Männer an den Rändern der Verteilung stärker vertreten sind. Mit anderen Worten: Männer sind das extremere Geschlecht. Intelligente Männer, dumme Männer

Psychische Eigenschaften sind davon nicht ausgenommen. Seit längerem ist

das bei kognitiven Leistungsmerkmalen belegt, allen voran der Intelligenz. Was den Durchschnit ts-IQ a ngeht, so herrscht mittlerweile unter den Forschern Einvernehmen, dass sich Frauen und Männer praktisch nicht unterscheiden. Zwar sind Männer im Schnitt etwas besser bei Aufgaben, in denen es darum geht, visuelle Objekte in der Vorstellung zu drehen oder zu kippen. Frauen schneiden besser ab, wenn es gilt, Informationen aus dem Langzeitgedächtnis bereitzuhalten und Vorgänge sprachlich zu beschreiben und aufzubereiten. Doch diese Geschlechtsunterschiede in den Teilintelligenzen sind nicht groß, und sie gleichen sich gegenseitig in etwa aus. Der Biologe Klaus Reinhold von der Universität Bielefeld verweist auf Metaanalysen, in denen die Datensätze vieler Studien rund um den Globus ausgewertet wurden. Tenor: „Wenn man Länder wie China und Indien, in denen viele junge Frauen bei Bildung und Ernährung systematisch benachteiligt werden, aus den Daten herausnimmt, gibt es bei der Intelligenz keine bedeutsamen Unterschiede zwischen Männern und Frauen.“ So weit die frohe Botschaft, die man in einer Gesellschaft, die auf Gleichbe-

Thomas Saum-Aldehoff

rechtigung mit Recht großen Wert legt, gerne hört. Doch es gibt auch eine weniger angenehme Nachricht: Die Geschlechtergleichheit betrifft nur den Mittelwert des IQ. „Bei der Varianz, also der Streubreite der Intelligenz, gibt es aber durchaus Geschlechtsunterschiede“, so Reinhold. Will heißen: Männer sind an den Rändern der Intelligenzverteilung stärker vertreten als Frauen. Männer überwiegen bei den Personen mit extrem hohem, aber auch bei denen mit extrem niedrigem IQ. „An beiden Enden der Verteilung also dasselbe Muster“, schreibt der amerikanische Sozialpsychologe Roy Baumeister (siehe Heft 3/2008), „je weiter man sich vom Mittelwert entfernt, desto stärker sind Männer vertreten.“ Das gleiche Muster findet man bei praktisch allen kognitiven Fähigkeiten, bestätigt der Persönlichkeitspsychologe Peter Borkenau von der Universität Halle: „Männer sind unter mathematisch Hochbegabten überrepräsentiert, sie sind aber eben auch unter Stotterern und Legasthenikern überrepräsentiert.“ Eine Zeitlang schien es, als seien temperamentsbezogene Persönlichkeitseigenschaften wie etwa Neugier, Sturheit oder Geselligkeit von diesem Geschlechtergesetz ausgenommen. Studien mit Persönlichkeitsfragebögen jedenfalls PSYC H O LO G I E H EUTE

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ILLUSTR ATIONEN : SABINE KR ANZ


Persรถnlichkeit 45


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60 Neurowissenschaft

Das Gehirn kann alles – außer aufgeben Wir Menschen sind erstaunlich wandlungsfähige Wesen. Wir können lernen, uns auch mit schweren Handicaps wie einer Epilepsie, einer Schizophrenie und sogar einer fast vollständigen Lähmung des Körpers zu arrangieren und wieder Freude am Leben zu finden. Das liegt an der enormen Plastizität unseres Gehirns. Diese Formbarkeit hat aber nicht nur gute Seiten ■

Jörg Zittlau

I

st er wütend? Oder traurig? Oder skeptisch? Die meisten Menschen spüren es, wenn sie einen Gesichtsausdruck als negativ einzuschätzen haben. Doch Schizophreniepatienten haben damit große Probleme. Sie schaffen es meistens nicht, eine emotional kritische, negative Mimik zu erkennen. Weswegen sie auf andere Menschen bisweilen ignorant und rücksichtslos wirken – und das ist weit mehr als nur ein Kommunikationsproblem, sondern birgt sehr viel Konfliktpotenzial. Also trainierten Sergio Ruiz und Ranganatha Sitaram von der Universität Tübingen mit solchen Patienten, wie sie die Durchblutung einer bestimmten Hirnregion

verbessern konnten, nämlich der anterioren Insula („vordere Insel“). Denn dieses Areal brauchen wir, um negative Gesichtsausdrücke zu erkennen. Die beiden Forscher bedienten sich dabei der Technik des Neurofeedbacks: Per Kernspintomograf wird die Hirndurchblutung erfasst, und ein Computer verwandelt die entsprechenden Signale in ein Symbol, das der Patient auf einem Monitor sehen kann. Konkret: Er sieht ein farbiges Thermometer, das nach oben rot anschlägt, wenn die Durchblutung in seiner Inselregion zunimmt. Diesen Zustand gilt es zu erreichen. Wie die Probanden das schaffen – also woran sie denken und was sie sich

vorstellen, um das Blut zum gewünschten Hirnareal zu bringen –, bleibt ihnen überlassen. Wie sich herausstellte, lernten die meisten Teilnehmer bei diesem Training nach etwa zehn Übungsstunden, das symbolische Thermometer zum Anschlag zu bringen, sprich: den Blutstrom in ihrem Hirn umzulenken. Vor und nach dem Training wurde geprüft, wie die Patienten positiv und negativ gestimmte Gesichter „lesen“ konnten. Und tatsächlich: Sie schnitten bei dieser Übung nach dem Training besser ab als vorher, der Wiedererweckung der Insula sei Dank. Doch es gab noch ein anderes, weniger erfreuliches Ergebnis: Die Patienten vermochten kei-


Neurowissenschaft 61

ne positive Mimik mehr zu identifizieren. Sie konnten jetzt zwar erkennen, ob jemand zornig war, aber nicht mehr, ob er sich freute. Vermutlich hatte der Erregungsanstieg in ihren emotional negativen Hirnarealen gleichzeitig eine Hemmung emotional positiver Regionen bewirkt. „Das war natürlich ernüchternd“, berichtet Niels Birbaumer, der seit 1993 in Tübingen erforscht, wie das Gehirn Kontrolle über sich selbst bekommen kann. Doch andererseits zeigten die Ergebnisse seiner Mitarbeiter auch, dass die Symptome einer Schizophrenie kein unabänderliches Schicksal sein müssen. Denn im Gehirn „geht immer noch was“, es besitzt prinzipiell immer die Möglichkeit, sich selbst aus dem Sumpf seiner Probleme und Erkrankungen zu ziehen, mögen diese auch noch so schwerwiegend sein. Und diese Fähigkeit verdankt es seiner einzigartigen Plastizität. Das plastische Gehirn: Die Alternative zur Kakerlake

Schon der englische Philosoph John Locke bezeichnete den menschlichen Verstand als „Tabula rasa“, als blankgewischte Tafel, auf die prinzipiell alles aufgeschrieben werden könne, und in bestimmter Hinsicht gibt ihm die moderne Forschung darin recht. „Das Gehirn ist offen für alles, sofern es nur einen erwünschten Effekt bringt“, erklärt Birbaumer. Denn für das Überleben muss man flexibel sein, auf sich verändernde Konsequenzen und Effekte reagieren. Charles Darwin sprach vom survival of the fittest, und er meinte damit nicht unbedingt den Starken, sondern den Anpassungsfähigen. Kakerlaken – es gibt sie schon seit 200 Millionen Jahren! –verdanken ihr Überleben der extremen Widerstandsfähigkeit ihres Körpers, sie überstehen sogar Pestizide und den nuklearen Fallout einer Atombombenexplosion. Für den körperlich weit verwundbareren Menschen hingegen hat die Evolution eine andere Methode gefunden, um ihm den FortbePSYCHOLOGIE HEUTE

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Hans-Peter Salzmann ist weltweit der erste Locked-in-Patient, dem es gelang, allein mit seiner elektrischen Hirnaktivität einen Brief zu schreiben

stand zu sichern, nämlich die herausragende Plastizität seines Gehirns. Aus diesem Grunde kann er, mit Ausdauer, selbst im fortgeschrittenen Alter noch Fremdsprachen oder ein Musikinstrument erlernen. Es kommt nur darauf an, wie und wie fleißig er trainiert. In einer berühmten, oft zitierten Beobachtungsstudie entdeckten Eleanor Maguire und Katherine Woollett vom University College in London, dass die Taxifahrer der englischen Metropole während ihrer Ausbildung einen überdurchschnittlich großen Hippocampus ausbilden. Jene Kandidaten hingegen, die beim Taxilehrgang scheitern, zeigen keine Veränderung an diesem Hirnareal, das beim Raumempfinden und Erinnern eine zentrale Rolle spielt. Was laut Maguire natürlich schon die Frage aufwirft, „was in den Gehirnen der erfolgreichen Absolventen schon vor dem Lehrgang anders war als bei denen, die durchgefallen sind. Hatte ihr Hippocampus ein größeres Potenzial zum Wachstum, waren sie genetisch anders prädisponiert, hatten sie vielleicht einfach nur mehr Motivation?“ Alles Fragen, die einstweilen offenbleiben. Eindeutig ist hingegen die Erkenntnis, dass

unser Gehirn nicht nur im Kindes-, sondern auch im Erwachsenenalter enorm lernfähig und formbar ist. Dies gilt auch für das geschädigte Hirn. An der Universität Boston wurden 13 Alzheimerpatienten und 14 gesunde Senioren aufgefordert, 40 ihnen unbekannte Kinderlieder zu lernen. Dazu durften sie die Texte nicht nur mehrmals durchlesen, sie erhielten parallel dazu auch noch unterschiedliche Unterstützung: 20 der Lieder wurden ihnen vorgesprochen, die anderen 20 wurden ihnen vorgesungen. Der kognitive Input über den Informationskanal Lesen wurde also einmal mit gesprochenen und einmal mit gesungenen Wahrnehmungssignalen angereichert. Im Ergebnis zeigten die gesunden Probanden in ihren Lernleistungen keine Unterschiede, was die Wiedergabe der Texte anging. Egal also, ob sie die gelesenen Worte mit ihrem gesprochenen oder gesungenen Klang assoziieren konnten, die Ergebnisse waren gleich gut. Den Demenzpatienten hingegen fiel das Lernen mit musikalischer Unterstützung erheblich leichter. Was einerseits die klinische Erfahrung bestätigt, dass die „musikalischen Hirnareale“ im


64 Neurowissenschaft

„Keine Spur von Resignation“ Können Menschen, die bewegungslos in ihrem Körper eingeschlossen sind, glücklich sein? Der Tübinger Psychologe und Hirnforscher Niels Birbaumer beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja – und warnt vor einer Lockerung der Euthanasiegesetze

Komplett eingeschlossen – locked-in. Das klingt für einen gesunden Menschen nach dem absoluten Super-GAU. Wie muss man sich das Leben eines Locked-in-Patienten vorstellen? N I E L S B I R B AU M E R Das Problem besteht darin, dass wir uns das als gesunde Menschen eben nur sehr schwer vorstellen können. Denn wir finden es selbstverständlich, mit unserem Gehirn die Muskeln zu steuern, unseren Willen in Bewegung umzusetzen und mit anderen Menschen zu sprechen. Doch der Locked-in-Patient kann das alles nicht. Es ist wie bei einer Lähmung mit dem Giftstoff Curare, nur mit dem Unterschied, dass sich dieser Zustand bei Locked-in-Patienten wohl niemals bessern wird. Der Gedanke daran macht uns Angst, aber wir können uns nur schwerlich dort hineinversetzen. P H Welche Erkrankungen münden denn ins Locked-in? B I R B AU M E R Es sind weniger spontane Schlaganfälle als vielmehr solche Krankheiten, die sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte entwickeln, wie etwa ALS (amyotrophe Lateralsklerose), multiple Sklerose und Parkinson. Was einerseits bedeutet, dass sich das Grauenvolle langsam steigert und die Hoffnung auf Besserung immer wieder vom zunehmenden Verfall des Körpers geschluckt wird, anderseits aber auch, dass man sich gewöhnen kann. Der letzte Aspekt wird oft ignoriert, man sieht nur die Katastrophe. P H Ihnen ist es ja gelungen, mit solchen P SYC HOLOG I E HEU T E

Patienten durch sogenannte brain-machine interfaces in Kontakt zu treten. Mit einer solchen Verständigungshilfe kann etwa ein komplett Gelähmter dem Pfleger mitteilen, dass er gewendet werden will. Aber das heißt ja nicht automatisch, dass er glücklich ist, oder? B I R B AU M E R Das heißt es in der Tat nicht. Wer wissen will, ob jemand auch unter extrem miserablen Umständen noch glücklich ist, muss ihn konkret danach fragen. Was natürlich bei einem Locked-in-Patienten nicht einfach ist, weil er auf Fragen wie „Gehst du gerne mit Freunden essen?“ oder „Hast du

„Das Locked-in macht uns Angst, aber wir können uns nicht wirklich hineinversetzen. Trotzdem unterschreiben wir eine Verfügung, dass man uns ,abstellt‘, wenn uns dieses Schicksal ereilen sollte.“


Neurowissenschaft 65

Spaß am Sex?“ keine sinnvolle Antwort geben kann. Also haben wir einen neuen Fragebogen ohne Bewegungsbezug konzipiert, den auch gelähmte Menschen beantworten können. Die Antworten zeigten, dass ihre Lebensqualität ungefähr ähnlich hoch ist wie bei Gesunden. Bei einigen Patienten ist sie manchmal sogar höher, das hängt vom aktuellen Stadium ihrer Erkrankung ab. P H Aber kann es nicht sein, dass die Patienten sich nur kooperativ zeigen wollten, also ihre Antworten gar nicht ihrer Befindlichkeit entsprachen? B I R B AU M E R Ja, das kann man nicht völlig ausschließen. Wir haben daher Locked-in-Patienten in eine Kernspinröhre platziert, um ihre Hirnaktivitäten, beispielsweise in dem fürs Erkennen fröhlicher und freundlicher Gesichtsausdrücke zuständigen Gyrus supramarginalis, zu protokollieren. Gleichzeitig wurden sie mit Bildern – für die noch sehenden Probanden – und Tonfolgen – für die nur noch hörenden Probanden – konfrontiert, die bei ihnen positive oder negative Emotionen auslösen sollten. Das Bild- und Tonmaterial stammte aus einem Standardverfahren, das Psychologen weltweit zum Auslösen und Erfassen emotionaler Reaktionen verwenden. Es zeigte sich: Die Locked-inProbanden reagierten stärker auf positive Reize und schwächer auf negative Reize. Sie wurden also durch das, was uns alle glücklich macht, noch glücklicher als wir, während sie das, was uns unglücklich macht, weitaus weniger beeindruckte als uns. Was unter dem Strich nichts anderes bedeutet, als dass ihre Lebensqualität höher ist als die unsrige. P H Also keine Spur von Resignation? B I R B A U M E R Sofern der Patient gut betreut wird und Zuwendung von seinen Freunden und Angehörigen erhält, anstatt dass man an seinem Bett darüber diskutiert, ob man die lebenserhaltenden Maßnahmen abstellt: keine Spur von Resignation. PSYCHOLOGIE HEUTE

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Was ist nun, wenn ein Patient in einer Patientenverfügung angeordnet hat, dass er im Falle etwa eines Lockedin-Zustandes wünscht, nicht mit Maschinen am Leben erhalten zu werden? B I R B AU M E R Was ist eine Patientenverfügung wert, die wir in einem Zustand der Unkenntnis unterschreiben, in dem wir nicht einmal annähernd ahnen, wie es uns später, wenn die Verfügung in Kraft treten soll, tatsächlich gehen wird? Wie gesagt: Das Locked-in macht uns Angst, aber wir können uns nicht wirklich dort hineinversetzen. Und trotzdem unterschreiben wir eine Verfügung, dass man uns „abstellt“, wenn uns dieses Schicksal mal ereilen sollte. PH Nichtsdestoweniger wurden in Ländern wie den Niederlanden und einigen Bundestaaten der USA die Gesetze zur Euthanasie erheblich gelockert, und es gibt Stimmen, die das auch für Deutschland wünschen. B I R B AU M E R Davor kann ich nur warnen. Denn das fördert vermutlich nur die negativen Erwartungen der Patienten, die sie im Hinblick auf ihre künftige Lebensqualität haben. Nach dem Muster: Wenn alle eine Lockerung der Sterbehilfe fordern, kann ja die Alternative, wie etwa ein Leben als fortgeschrittener Alzheimer- oder ALS-Patient, nur eine Katastrophe sein. Tatsache ist jedoch: Unser Gehirn ist plastisch genug, auch in solchen Situationen noch zu einem Lebensglück zu finden. Was nicht heißen soll, dass wir jemandem, der wirklich sterben will, diesen Wunsch nicht erfüllen. Doch dazu müssen wir es schaffen, dass er uns seinen aktuellen Wunsch dazu mitteilt – und nicht blindlings einer Verfügung gehorchen, die er lange vorher unterschrieben hat. PH PH

Mit Niels Birbaumer sprach Jörg Zittlau

RIAS

Reynolds Intellectual Assessment Scales and Screening Deutschsprachige Adaptation der Reynolds Intellectual Assessment Scales (RIAS)TM & des Reynolds Intellectual Screening Test (RIST)TM von Cecil R. Reynolds und Randy W. Kamphaus von Priska Hagmann-von Arx & Alexander Grob

Die RIAS sind ein zeitökonomisches, leicht zu handhabendes Testverfahren zur Intelligenzeinschätzung über praktisch die gesamte Lebensspanne (3 bis 99 Jahre). Sie umfassen einen Verbalen Intelligenz Index (VIX) und einen Nonverbalen Intelligenz Index (NIX), die sich jeweils aus zwei Untertests zusammensetzen. Die T-Werte der vier Untertests lassen sich aufsummiert in den Gesamtintelligenz Index (GIX) umwandeln, der eine Schätzung der globalen Intelligenz darstellt. Ein Gesamtgedächtnis Index (GGX) wird über zwei zusätzliche Gedächtnisuntertests gebildet. Die Intelligenzindizes entsprechen gängigen IQ-Werten. Der integrierte RIST ermöglicht als ScreeningVersion eine noch ökonomischere, reliable und valide Intelligenzeinschätzung. RIAS Test komplett, bestehend aus: Manual, 20 Protokollbogen RIAS, 20 Protokollbogen RIST, Stimulusbücher 1, 2, und 3, Sichtschutz und Koffer Bestellnummer 03 172 01, € 650.00/CHF 873.00

Zu beziehen bei Ihrer Testzentrale: Herbert-Quandt-Str. 4 · D-37081 Göttingen Tel.: 0049-(0)551 999 50-999 · Fax: -998 E-Mail: testzentrale@hogrefe.de · www.testzentrale.de Länggass-Strasse 76 · CH-3000 Bern 9 Tel.: 0041-(0)31 30045-45 · Fax: -90 E-Mail: testzentrale@hogrefe.ch · www.testzentrale.ch


66 Facebook

Das Ego – ganz besoffen von sich selbst Die Menschheit neigte noch nie zu Bescheidenheit, auch ein gewisser Hang zur Überheblichkeit und Selbstüberschätzung ist ihr angeboren. Doch so narzisstisch wie die gegenwärtige Generation war keine jemals vorher, klagen Psychologen und machen die sozialen Medien dafür verantwortlich. Im Netz kann sich der neue Narzissmus wunderbar austoben ■

Silke Pfersdorf


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I L L U S T R AT I O N E N : S V E N K A L K S CH M I DT

L

isa in der U-Bahn, in einem teuren Versace-Mini in der Umkleidekabine, gedankenverloren am Strand. Die Freunde der 22-jährigen Hamburger BWL-Studentin wissen immer, was sie gerade tut, wo sie war, wohin sie will. Sie postet weltmännisch „off to New York“, wenn sie in den Urlaub fliegt. Macht einen Schnappschuss von sich selbst, ein Selfie, von ihren sandigen Zehen in irgendeinem angesagten Beachclub oder einen mit Flüchtlingskindern, denen sie ein paar Spielzeuge vorbeigebracht hat. 87-mal Daumen hoch, 87 „Likes“ also heimste sie von ihren 542 Freunden für ihr letztes Bild ein. Außerdem jede Menge Komplimente wie „Du siehst so süß aus!“ oder „Bist meine Heldin!“. Natürlich postet Lisa nur bildschöne Selbstporträts, die sie notfalls per Photoshop noch schöner macht; natürlich überlegt sie sich genau, was sie postet. „Macht doch jeder so“, sagt Lisa. Und natürlich hat sie recht. 67 Prozent aller deutschen Internetnutzer sind laut einer Bitkom-Studie in sozialen Netzwerken aktiv – laut IpsosUmfrage im Durchschnitt 2,4 Stunden täglich. Die meisten haben eine eigene Seite mit Profilfoto, posten Links, Likes und ein Stück ihres Lebens – den Teil, den sie von sich sehen wollen, versteht sich. Sorgfältig wird da am eigenen Image herumgezupft, schadhafte Stellen werden ausgebessert, Schatten überschminkt. Die hohe Kunst der Selbstdarstellung – ein Meisterkurs von Facebook & Co? Keine Generation war je narzisstischer als die der heutigen Hauptnutzer von Facebook, ist Psychologieprofessorin Jean Twenge von der San Diego State University überzeugt. Sie PSYCHOLOGIE HEUTE

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glaubt auch: Facebook macht alles noch schlimmer. Na gut, die Menschheit neigte noch nie zu Bescheidenheit – das gockelhafte Federspreizen liegt ihr im Blut: „Alle Menschen definieren sich in ihrem Selbstbewusstsein auch darüber, wie sie vom anderen wahrgenommen werden“, bestätigt Uwe Hasebrink, Psychologe und Direktor des Instituts für Medienforschung am Hans-Bredow-Institut der Universität Hamburg. Auch ein gewisser Hang zur Überheblichkeit und Selbstüberschätzung ist uns angeboren, weiß Sozialpsychologieprofessor Hans-Werner Bierhoff von der Ruhr-Universität Bochum. Wir wollen uns also im besten Lichte präsentieren, und warum sollten wir dabei auf Hilfestellung durchs Internet verzichten. „Soziale Medien“, erklärt Jan-Hinrik Schmidt, Experte für digitale interaktive Medien am Hamburger Hans-Bredow-Institut, „eröffnen Kommunikationsräume, die vorher nicht so leicht verfügbar waren.“ Heißt alles in allem: Der Acker ist zwar größer geworden, die Saat aber ist offenbar noch dieselbe. Es gibt allerdings ein Problem: Der Boden, auf den die Saat fällt, hat sich komplett geändert. Wurde gefragt, ob ich dem Sohn einer ziemlich prominenten Familie (darf nicht sagen, wer es ist, sorry!) Tennisstunden geben könnte. Soll ich’s machen? (54 Likes)

Vor rund 20 Jahren galt zur Schau gestellte Selbstbeweihräucherung immerhin noch als peinlich. „Bei den Leuten, die sich trotzdem eine große Öffentlichkeit suchten, um sich zu produzieren,

haben wir leicht gesagt: Meine Güte, was für ein Selbstdarsteller“, erinnert sich Jan-Hinrik Schmidt. Jährliche Weihnachtsrundbriefe, in denen die Schreiber ihren Freunden und entfernten Verwandten ausgiebig von ihren liebreizenden und gut geratenen Sprösslinge vorschwärmten, vom schicken Auto und Umzug ins größere Haus, nötigten die Empfänger schon mal zu Augenrollen. „Heute“, so Schmidt, „ist das so normal, dass es uns nicht mehr negativ auffällt.“ Aber warum hat die Selbstdarstellung so rasant zugenommen? „Böse könnte ich sagen: Es fing mit der Unterhaltungsshow Wetten, dass? an“, sagt Schmidt. Bis dahin unauffällige Bürger schafften es mit seltsamen Hobbys ins Fernsehen; Bühnen, bisher professionellen Künstlern vorbehalten, gehörten plötzlich jedermann, Aufmerksamkeit geriet zum Objekt der Begierde. Und Aufmerksamkeit bekommt, wer durch Besonderheiten auffällt. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir sehr aktiv unsere unverwechselbare Identität herausarbeiten und präsentieren müssen“, resümiert Schmidt. „Gerade junge Menschen in unserer wettbewerbsorientierten Gesellschaft werden früh damit konfrontiert, sich unterscheiden zu müssen – das unterstützt natürlich das Bedürfnis, darauf hinzuweisen, was man Tolles gemacht hat.“ Notfalls springen auch gerne Eltern ein, um auf die Einzigartigkeit ihres Sprösslings hinzuweisen, klagt HansWerner Bierhoff: „Viele Eltern sind heutzutage überzeugt, dass ihre Kinder hochbegabt sind und durch ihre Fähigkeiten etwas Besonderes. Auch das ist letztlich narzisstisches Denken: die Überschätzung des Ausmaßes.“ Eltern


70 Kreativität

Verbinden, was nicht zusammengehört Reizentzug im Kloster, Aufstieg zum Kilimandscharo, Brainstorming in absoluter Dunkelheit: Immer ausgefallener werden die Marketingideen für Kreativitätsseminare. Doch wie soll man trainieren, was nach Ansicht vieler Forscher nicht trainierbar ist? Zumindest lässt sich der kognitive Humus bereiten, auf dem kreative Ideen gedeihen: indem man im Geiste Dinge verbindet, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben ■

Angelika Sylvia Friedl


Kreativität 71

ILLUSTR ATIONEN : STEFAN BACHMANN

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PSYCHOLOGIE HEUTE

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ngenommen, Ihre Firma schickt Sie nächste Woche zu einem Seminar, das in völliger Dunkelheit stattfindet. Sie sehen nicht einmal die Hand vor Ihren Augen. Außerdem sind auch noch die Wände schallgedämpft. Sie sollen zusammen mit Kollegen über ein Problem in Ihrer Abteilung sprechen und sich dann möglichst kreative Lösungen überlegen. Können Sie sich vorstellen, in dieser Finsternis vernünftig zu denken, geschweige denn kreativ zu werden? Absolute Dunkelheit ist ein neuer Trend auf dem großen Markt der Kreativitätsseminare. Firmen wie das Atelier für Ideen oder Lichtlos behaupten, dass totale Dunkelheit den Zusammenhalt besonders gut stärke, die Teilnehmer sich besser konzentrieren und mehr auf andere eingehen könnten. Als Nachweis dient eine Studie, die 2013 von Wirtschaftswissenschaftlern der Universität Dortmund mit großem PR-Aufwand in die Medien lanciert wurde. Die Probanden, die im Finstern saßen, sollen 30 Prozent mehr Ideen hervorgebracht haben als die diejenigen, die im Hellen denken mussten. Die neue Methode steht in Konkurrenz mit Dutzenden von Kreativitätstechniken. Eine der bekanntesten ist sicherlich das Brainstorming. Häufig genutzt wird auch die Sechs-Hüte-Methode, bei der die Teilnehmer vor einer Diskussion verschiedene Rollen übernehmen. Der weiße Hut steht für Sachlichkeit, Rot für Emotionalität, Schwarz für Problemorientierung, Gelb für Optimismus, Grün für Kreativität, Blau für Disziplin. Eine andere beliebte Methode ist nach Walt Disney benannt und arbeitet mit drei Rollen. Zunächst darf der Träumer fantasieren, dann weist der Realist auf die Kosten hin, der Kritiker nimmt die Schwächen der Idee aufs Korn. Die Reihenfolge der Rollen muss immer eingehalten werden, ansonsten stirbt die Idee, bevor sie das Licht der Welt erblicken kann.


76 Schauspiel

Die Seele auf der Bühne Schauspieler erzeugen auf Knopfdruck Emotionen. Psychologen erforschen, wie sich das auf die Psyche der Darsteller auswirkt – und ob sich diese Fähigkeit in Therapien nutzen lässt ■

J

Boris Hänßler

oe ist 17 und hat wenig Perspektiven. Sie lebt in der brandenburgischen Provinz. Die Mauer ist längst gefallen. Der Vater ist tot, ihre Mutter mit dem Leben überfordert. Joe kann sich auf nichts verlassen. Sie verliert wegen ihrer ruppigen Art einen Job nach dem anderen. Nur im Boxring findet sie zu sich selbst. Dort erkämpft sie sich die Freiheiten, die ihr im Leben bislang fehlten, obwohl die Männer im Boxclub sie hassen und mobben. Die junge Frau, die viel einstecken muss und sich trotzdem durchbeißt, ist eine Figur aus dem Film Die Boxerin von 2006. Verkörpert wird sie von der Schauspielerin Katharina Wackernagel. Joe ist ganz anders als die private Katharina Wackernagel. Trotzdem wirkt Joe authentisch. Ihre Gefühle wirken echt. Aber sind sie es auch? Können

Schauspieler vor der Kamera nach Belieben Gefühle abrufen? Die psychologische Forschung hat sich bislang wenig mit der Schauspielerei beschäftigt. Das ändert sich allmählich. Die Psychologin Thalia Goldstein von der Pace University in New York erforscht unter anderem, wie Schauspieler Emotionen kreieren, was sie dabei empfinden und wie sie nach dem Spiel aus der Rolle aussteigen. Goldsteins Forschungen stehen am Anfang. Aber sie hofft, eines Tages besser zu verstehen, wie Menschen generell Gefühle erzeugen und wahrnehmen. „Darsteller nutzen schon länger Erkenntnisse der psychologischen Forschung, um ihre Charaktere realistisch darzustellen“, sagt Goldstein. „Es ist an der Zeit, dass nun umgekehrt die Forschung die Bühne betritt – und dort etwas lernt.“

Tatsächlich haben Schauspieler viel zu erzählen, wenn es um das Spiel mit den Gefühlen geht. Was Schauspieler empfinden, hängt davon ab, wie viel die Rolle mit dem eigenen Leben zu tun hat und wie sie sich auf eine Rolle vorbereiten. Um Joe glaubwürdig darzustellen, ging Katharina Wackernagel in einen echten Boxclub. „Das Training war für mich etwas Besonderes“, sagt Wackernagel. „Ich kam mit Leuten aus einem Milieu in Kontakt, zu dem ich im normalen Leben überhaupt keinen Bezug habe.“ Sie trainierte mit der Boxerin Thurid Doß. Von Thurid hat sich die Schauspielerin inspirieren lassen – von der Art, sich zu bewegen und zu reden. Joe redet ruppig. Ihre Körperhaltung erinnert an einen Rammbock, als wolle sie Wände durchschlagen. Katharina Wackernagel sagt: „Natürlich kriegt sie


Schauspiel 77

Eigentlich ganz freundlich: die Schauspielerin Katharina Wackernagel als Boxerin Joe (links) und privat

viel aufs Dach. Sie weiß erst einmal nicht genau, wo sie hin will. Aber ihre Stärke ist ihre unbändige Kraft, die sie mobilisieren kann.“ Solche Figuren bleiben hängen. „Die Joe ist eine Rolle, die mir nach den Dreharbeiten gefehlt hat“, sagt Wackernagel. Joe sei richtig zum Leben erwacht. „Das war ein eigenartiges Gefühl: dass ich eins geworden bin mit der Figur und trotzdem nicht sie war.“ Wackernagel weiß nicht, ob sie damals Joe am Ende eines Drehtages abgelegt hat. „Irgendwie hat sie mich die ganze Zeit intensiv begleiPSYCHOLOGIE HEUTE

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tet. Als der Film schließlich abgedreht war, war es, als habe ich eine Freundin verloren – oder einen Teil von mir.“ Die Arbeit an der Boxerin hat in Katharina Wackernagel etwas ausgelöst, von dem sie nicht wusste, dass sie es in sich trug: Sie hat mehr Kraft und weniger Angst. „Als ich anfing zu trainieren, habe ich immer versucht, nicht zuzuschlagen“, sagt sie. „Bis ich irgendwann mal Deckung nahm und richtig draufhaute. Das war erst einmal irritierend. Ich träumte nachts davon, dass ich jemanden schlage und geschlagen werde.“ So etwas sei ihr noch nie passiert. „Es war schließlich ein Riesenschritt, diese Hemmungen zu überwinden. Als ich in früheren Dreharbeiten meinen FilmEhemann schlagen sollte, musste ich die Szene mehrmals wiederholen, weil ich so zurückhaltend war und alles ungelenk aussah. Das ist seit der Boxerin vorbei.“ Wackernagel lernte, wie Joe auf ihre Kraft zu vertrauen. Sie verstand, wie sie sich wehren konnte. „Das hat mir privat geholfen. Ich war als Jugendliche immer ängstlich und bin ungern im Dunkeln nach Hause gegangen. Seit ich Joe gespielt habe, scheine ich mehr Stärke auszustrahlen. Ich werde nicht mehr blöd angequatscht.“ Katharina Wackernagel verband mit Joe in erster Linie positive Gefühle. Sie weiß, dass es auch umgekehrt geht – dass negative Gefühle ausbrechen können. Sie selbst hat es noch nicht erlebt, aber sie kennt es aus ihrer Familie. Wackernagel wuchs unter Künstlern auf: Der Vater ist Regisseur, der Onkel und die Großmutter sind Schauspieler, ihre Mutter ist die Schauspielerin Sabine Wackernagel. Sabine spielte oft am Theater. Manche Rollen nahmen sie sehr mit. „Das hing manchmal mit den Produktionsbedingungen zusammen, aber auch den Inhalt konnte sie nicht immer leicht abschütteln“, sagt Katharina. Ihre Mutter spielte zum Beispiel in dem Stück Verbrennungen von Wajdi Mouawad mit, das die sinnlose Gewalt im Nahen Osten thematisiert. „Das war für meine Mutter wahnsinnig belastend.

Jede Vorstellung war für sie ein Kampf durchzuhalten, weil das Stück so traurig war.“ In der Geschichte der Schauspielerei kam dem Innenleben der Charaktere lange Zeit keine große Bedeutung zu. Im antiken Griechenland war das Schauspiel extrem stilisiert. Die Darsteller trugen Masken mit Grimassen. Erst im elisabethanischen England kamen allmählich die inneren Seelenzustände der Charaktere auf die Bühne – oft als Monolog, der sich an das Publikum richtete. Mit dem Naturalismus hielt Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Schauspieltechnik Einzug in das Theater, die auch im späteren Film vorherrschen sollte. Zuvor erschlossen sich die Darsteller ihre Rollen von außen nach innen. Sie arbeiteten an ihrem Körper, an Gestik und Mimik, um einen Charakter auszugestalten. Die neuere Methode ging von innen nach außen vor. Müssen Schauspieler aus ihren eigenen Erinnerungen schöpfen?

Sie wurde von dem russischen Schauspieler und Regisseur Konstantin Stanislawski eingeführt. Stanislawski lehrte seine Schüler unter anderem, die Emotionen für eine Figur tief in sich selbst zu suchen und für die Rolle zu aktivieren. Der Schauspiellehrer Lee Strasberg entwickelte daraus das method acting – eine Methode, die in Hollywood bis heute populär ist. Was bei Stanislawski nur eines von vielen Werkzeugen war, wurde bei Strasberg zum Dogma: Schauspieler sollen ohne Rücksicht auf die Konsequenzen Emotionen aus ihrer persönlichen Erinnerung abrufen. Darsteller wie Al Pacino, Robert de Niro und Johnny Depp behaupten, dass sie auf diese Weise arbeiten. Strasbergs Lehre ist jedoch umstritten. Schon Stanislawski bemerkte, dass die Technik bei den Darstellern oft zur Erschöpfung führt. Hinzu kommt, dass manche Rollen für einen Darsteller unspielbar sind, wenn er sich an das Dogma hält und keine passenden Erinnerungen in sich findet. „Allerdings soll-


Träume

haben viel mit Ihrem Alltag zu tun. Sie sind

Botschaften aus dem Unbewussten und eine Quelle der Selbsterkenntnis. Lernen Sie, die Bilder der Nacht zu entschlüsseln – denn sie

sind keine Schäume!

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Im nächsten Heft Die Ypsiloner T I T E LT H E M A

Schon lange stand keine junge Generation mehr vor so gewaltigen Herausforderungen wie die Generation Y. Die heute 15- bis 30-Jährigen könnten die Ersten seit dem Zweiten Weltkrieg sein, für die das Versprechen auf immer mehr Wohlstand nicht mehr gilt. Von den Eltern gehätschelt und verwöhnt, sind sie in vielen Lebensbereichen mit einer bitteren Wahrheit konfrontiert: Nichts ist mehr sicher. Kein Grund für die Ypsiloner, den Kopf in den Sand zu stecken.

Parfüm: Viel mehr als nur ein Duft Warum lieben Sie den Duft, den Sie tragen? Und warum törnt das Parfüm der Kollegin Sie eher ab? Die Wahl des Lieblingsparfüms ist kein Zufall, sie hängt mit unserem Immunsystem zusammen. Und Wissenschaftler enthüllen noch mehr Erstaunliches rund um diese flüchtige Passion: Düfte können sehr viel mehr als nur die Nase erfreuen

„Du hast angefangen!“ – „Nein, du!“

Mut zur Veränderung Wie Sie ein neues Kapitel in Ihrem Leben aufschlagen Irgendwann spüren wir: So geht es nicht mehr weiter. Der Job – eine Sackgasse. Die Beziehung – eigentlich schon längst am Ende. Die Freundin – schon längst keine mehr. Wir wünschen uns Veränderung und fürchten sie gleichzeitig. Bequemlichkeit, eingefahrene Gewohnheiten und Angst vor dem Unbekannten blockieren uns. Doch es gibt Wege, die inneren Barrieren zu überwinden und Mut zu fassen für das Neue.

Wer ist schuld, dass eine Ehe scheitert oder das Arbeitsklima vergiftet wird? Schuldzuweisungen enden oft in einem Teufelskreis. Das systemische Prinzip, dass es nie Ursache und Wirkung gibt, sondern nur Wechselwirkungen, scheint das beste Rezept für solche Teufelskreise zu sein. Die Kommunikationsexperten Schulz von Thun und Pörksen klären das Schulddilemma neu – mit überraschendem Ergebnis.

Außerdem: ■ Und es gibt sie doch: Die Multitasker ■ Literatur und Psyche: F. C. Delius

D I E O K TO B E R AU SG A B E VON P S YCHOLOGIE HEUTE ERSCHEINT AM 10. SEP TEMBER PSY C HO LO G I E H EUTE

Sep te mbe r 2014

Psychologie Heute 09/2014 Leseprobe  
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